Ein Einhorn für Karina
Die Geschichte einer Traumfreundschaft
Teil 1
Hinweis: Diese Geschichte ist ein Fantasy-Märchen. Handlung, Personen, Schauplätze sowie historische Bezüge sind frei erfunden.
1. Die neue Schülerin
Karina Schuchert schaffte es, ihre zehnte Klasse in einigermaßen würdevoller Haltung in die Pause zu verabschieden. Die ganze Schulstunde lang hatte sie sich bemüht, durch Lockern des Unterkiefers, verstohlenes Aufblasen der Wangen und Beißen in die Zunge den Schmerz zu relativieren, aber jetzt ging es nicht mehr.
„Geht es Ihnen nicht gut, Fräulein Schuchert?“, erkundigte sich Marieke besorgt, während sie ihr das Klassenbuch zum Eintragen vorlegte.
Karina griff sich unwillkürlich an die schmerzende Wange. „Zahnschmerzen“, gestand sie leise ein. „Ich müßte zum Zahnarzt. Aber ich habe noch zwei Stunden Unterricht.“
„Sie Ärmste. Vielleicht gibt der Herr Direktor Ihnen frei. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen gute Besserung.“
„Danke, mein Kind.“ Sie beendete die Eintragung und gab sich wie ein verletztes Tier der Illusion hin, durch Flucht vom Ort der Pein könne man auch den Schmerzen entfliehen. Aber im Lehrerzimmer tat der Zahn noch ebenso höllisch weh wie in der Klasse.
Sie kontrollierte dennoch ihr Äußeres in dem großen Spiegel, der neben der Tür hing. Als Pädagogen mußten sie darauf achten, den Schülerinnen ein Vorbild zu sein, und das fing mit der Kleidung an. Bis auf das schmerzlich verzogene Gesicht fand sie aber nichts beanstandenswertes. Das schlichte, schwarze Kleid, vorn mit weißen Knöpfen geschlossen, saß korrekt, kein Knopf stand offen, der weiße Rüschenkragen war gerade und nirgends geknickt. Die Frisur – sie ordnete eine Haarnadel neu, die sich gelockert hatte. Dann faßte sie sich ein Herz und klopfte an die Tür des Schulleiters.
„Habe zu tun. Was gibt es?“, bellte dessen Stimme von drinnen.
Das war zwar kein ausdrückliches ‚Herein’, aber um die Frage zu beantworten, würde sie wohl oder übel eintreten müssen. Sie öffnete die Tür zaghaft und schob sich durch den Spalt, sobald sie hindurch paßte.

„Fräulein Schuchert? Was ist jetzt so wichtig?“ Durch die runden Gläser seiner Nickelbrille musterte der Direktor die Eingetretene; ergraute Haare, Schnurrbart mit hochgezwirbelten Spitzen.
Mit dem gesenkten Haupt der Bittstellerin blieb sie an der Tür stehen. „Herr Doktor Hartriegel, ich wollte … ich möchte … also, ich habe furchtbare Zahnschmerzen und wollte fragen, ob ich früher gehen kann, damit ich zum Zahnarzt…“
„Was fällt dafür aus?“, verfiel der Direktor sofort aufs Pragmatische.
„Eine Stunde Mathematik in der Siebten und eine Stunde Zeichnen in der Fünften.“
„Mathematikstunde halten Sie gefälligst noch durch“, ordnete der Allgewaltige an – in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Etwas versöhnlicher setzte er hinzu: „Zeichenunterricht werde ich Vertretung finden; kann ja jeder.“
„Jawohl, Herr Doktor Hartriegel. Und vielen Dank“, hauchte Karina, ehe sie mit einem devoten Knicks den Rückzug antrat. Es gelang ihr, die Tür so leise zu schließen, wie sie sie geöffnet hatte. Alles andere hätte ihr nur weiteren Unmut eingetragen. Draußen hielt sie sich den Mund zu, um nicht zu schreien.
Die Tür wurde aufgerissen. „Ach, Fräulein Schuchert…“
Karina zuckte zusammen. Was denn jetzt noch? „Ja?“
„Muß es Ihnen gleich sagen, gehen nachher ja vorzeitig: Bekommen morgen neue Schülerin in die Klasse.“
„Eine Neue? Mitten im Schuljahr? Ist sie zugezogen?“ Für einen Augenblick traten die Zahnschmerzen tatsächlich in den Hintergrund.
„Hat jedenfalls Schule gewechselt. Soll etwas speziell sein. Ist irgendwie behindert oder so. Weiß nicht, warum sowas zu uns aufs Lyzeum geschickt wird, gehört auf Hilfsschule. Wurde uns aber zugewiesen. Na gut, werden sehen.“
Die Schmerzen schlugen mit unerwarteter Härte wieder zu. Karina verzog gepeinigt das Gesicht. „Jawohl, Herr Direktor.“
Die Glocke schellte zum Pausenende. „Los jetzt, daß Sie in Unterricht kommen.“
„Jawohl, Herr Direktor.“
Sie hätte noch fragen müssen, wie die Neue eigentlich hieß, aber sie war froh, daß sie ohne zu schreien aus dem Büro des Schulleiters entkommen war.
*
Die Mädchen der siebenten Klasse waren bei weitem nicht so mitfühlend wie vorhin Marieke, außerdem waren sie im Kicher- und Gacker-Alter. Karina mußte sich beherrschen, kein unpädagogisches Donnerwetter loszulassen, als ihr das Herumalbern in der letzten Bank die ohnehin arg angegriffenen Nerven vollends zum Reißen brachte. Die Schmerzen waren inzwischen nach oben in die Schläfen gekrochen, breiteten sich über die Stirn aus, und sie hätte nicht einmal mehr sagen können, welcher Zahn eigentlich ursprünglich mit dem Aufstand begonnen hatte. Jedenfalls bekam am Ende die komplette letzte Reihe zehn Aufgaben zusätzlich aufgebrummt.
Dann floh sie in Richtung Zahnarzt, in der vagen Hoffnung, er werde einen Weg finden, ihr Leid zu lindern.
„Seit wann haben Sie die Schmerzen?“, erkundigte sich Doktor Wehrmann, nachdem er sie auf seinen Behandlungsstuhl komplimentiert hatte.
„Vielleicht seit einer Woche. Aber es ist in den letzten Tagen immer schlimmer geworden.“
„Und warum sind Sie nicht früher gekommen?“ Merkwürdigerweise fragten Ärzte das immer.
„Ich dachte, es geht vielleicht wieder weg.“ Etwas leiser fügte sie hinzu: „Und ich könnte die Kosten sparen.“
Doktor Wehrmann lachte humorlos. „Sparen? Sie sind immerhin keine Tagelöhnerin, Fräulein Schuchert, sondern Studienassessorin. Na ja. Mund auf, zeigen Sie mal, wo es weh tut.“
„Hier un’n hin’n“, zeigte sie. Mit offenem Mund sprach sich das ‚t’ etwas unglücklich. Keine Tagelöhnerin. Sicherlich. Aber sie mußte noch ihre Mutter versorgen und ihren Bruder unterstützen, und das ganze mit hundertdreißig Mark im Monat. Wenigstens keine Miete, das Haus gehörte der Mutter. Und der Familienschmuck. Von dem konnte man nur nichts bezahlen. Und das Grundstück im Wald, mit der verfallenen Sägemühle des lange verstorbenen Vaters. Aber das weigerte sich die Mutter zu verkaufen.
Unterdessen richtete der Arzt eine Lampe an schabend knirschenden Gelenken auf ihren Mund aus. Dann klopfte er gegen den bezeichneten Zahn. „Hier tut das weh, ja?“
„Aaaahhhh!“
„Dachte ich mir.“ Er spannte einen Bohrer in die Halterung und begann, das Pedal für die Schwungscheibe zu treten.
Die Zähne zusammenbeißen konnte Karina leider nicht, ersatzweise kniff sie die Augen zusammen, während der Bohrer sich rumpelnd in den kariösen Zahn grub. Ihr Körper versteifte sich zunehmend, und es wollte schier kein Ende nehmen. Hilflos verfolgte sie mit den Ohren das gleichmäßige Schnurren des Bohrerantriebs. Eine Lederschnur lief unten über die Schwungscheibe und oben über eine winzige Rolle, um die für den Bohrer nötige Drehzahl zu erzielen. Die Schnur war mit einer Metallklammer zu einem Ring geschlossen; und jedesmal, wenn die Klammer oben über die Rolle lief, gab es ein hörbares Ticken. Das Geräusch fraß sich schmerzhaft in ihre Seele wie der Bohrer in den Zahn. Klick. Klick. Klick. Klick. Irgendwann würde die Klammer brechen und die Schnur abspringen. Die Vorstellung war mit einem schrecklichen, namenlosen Grauen verbunden, das sie nicht zu fassen bekam. Irgendwo, tief in ihrer Kindheit…
„Das hat keinen Zweck“, stellte Doktor Wehrmann schließlich fest. „Der ist bis an die Wurzel verrottet. Ich weiß nicht, ob ich den mit einer Füllung noch gerettet bekäme. Am besten wäre es, ihn rauszuziehen.“
„Oh.“ Karina atmete stöhnend aus.
„Der ist so weit hinten, das würde man nicht sehen. Ihr Lächeln wäre noch so bezaubernd wie vorher“, meinte er sie aufmuntern zu müssen. Was er nicht beurteilen konnte, da er sie noch nicht hatte lächeln sehen – wer ging schon lächelnd zum Zahnarzt? Davon abgesehen tat sie es ohnehin selten; beides: das Aufsuchen des Zahnarztes und das Lächeln.
Sie überwand sich. „Dann ziehen Sie ihn raus, in Gottes Namen.“
„Gut. Möchten Sie eine Narkose? Kostet zwei Mark fünfzig extra.“
Karina rang mit sich. Für zweifünfzig bekam man einen Zentner Kartoffeln oder einen halben Monat Fahrkarten für die Tram. Oder ein Pfund Kaffee. Aber die Schmerzen? „Ich nehme die Narkose.“

„Wie Sie wünschen. Spülen Sie noch mal den Mund aus. Tragen Sie ein geschnürtes Mieder? Dann sollten sie es öffnen, sonst bleibt Ihnen womöglich die Luft weg.“
Karina schüttelte den Kopf. Bei ihrer ausnehmend schlanken, schon fast hageren Statur mußte sie sich nicht schnüren. Sie spülte und hörte den Arzt währenddessen seine Instrumente zurechtlegen. Daß er anschließend seine Ärmel hochkrempelte, sagte alles. Sie bekam eine Maske aufs Gesicht, um das Narkosegas zu inhalieren. „Sie werden nicht ganz einschlafen“, erläuterte Doktor Wehrmann, „aber Sie werden sehr weit entrückt sein. So, es geht los. Atmen Sie einfach ruhig und gleichmäßig.“
Entrückt. Ruhig und gleichmäßig. Schmerzen. Entrückt. Ruhig und…
*
An den weiteren Verlauf der Prozedur konnte sie sich hinterher nicht mehr erinnern. Jedenfalls wurde sie nach Zahlung der Behandlungskosten in Höhe von vierzehn Mark mit dem Trost entlassen, das Bluten werde nach einer Weile aufhören, und dann möge sie den Mund regelmäßig mit lauwarmem Kamillentee spülen. Essen solle sie hingegen heute nichts mehr. Wonach ihr auch nicht gewesen wäre, ganz abgesehen von der Ersparnis. Das Essen sparte sie, und wenn sie zu Fuß nach Hause ging, dann sparte sie auch noch das Billett für die Tram.
Der lange Fußmarsch führte es mit sich, daß die Blutung aufgehört hatte, ehe sie zuhause ankam. Der Wundschmerz war nicht viel weniger schlimm als der Zahnschmerz vorher, ließ sich aber leichter ertragen, weil die tröstliche Gewißheit bestand, daß er mit der Zeit abklingen würde.
Und Karina hatte Zeit zum Nachdenken. Vor dem Schulleiter hatte sie wieder einmal demütig gebuckelt. Warum? Sie war nun Ende zwanzig, aber immer noch Studienassessorin. Wenn sie jemals befördert und in den Beamtenstatus übernommen werden wollte, war sie auf das Wohlwollen des Direktors angewiesen. Darum. Davon abgesehen strebte sie nicht nach Höherem. Sie sah sich nicht im Dienst des Direktors oder im Dienst der Schulbehörde, sondern im Dienst ihrer Schülerinnen. Und den konnte sie auch als Assessorin versehen. Außerdem war sie eine Frau, und als solche wurde sie ohnehin nicht so schnell befördert. Immer noch nicht verheiratet. Das war ein weiterer Mangel. Wenn es denn einer war. Sie liebte ihre Arbeit. Wäre eine Familie dabei nicht eher hinderlich? Da biß sich die Katze in den Schwanz. Da man von ihr erwartete, daß sie sowieso heiraten und dann aus dem Dienst scheiden würde, brauchte sie ja auch nicht befördert zu werden. Irgendwann würde sie eine alte Jungfer sein. Und immer noch Assessorin.
Aus der Schreinerwerkstatt im Erdgeschoß hörte sie das Geräusch eines Hobels. Immerhin, ihr Bruder Sebastian arbeitete, also hatte er einen Auftrag. Sein Handwerk brachte ihn recht und schlecht über die Runden, woran auch seine bärbeißige Art nicht schuldlos war, mit der er manch einen potentiellen Kunden verschreckte. Und sein ungepflegtes Äußeres. Die Haare standen wirr umher, da er sie selten kämmte, Bartstoppeln zierten die Wangen, und waschen tat er sich bestenfalls einmal die Woche. Aber Karina würde ihm nicht in seinen Lebensstil hineinreden, das konnte nur Streit geben.
Sie betrat die Werkstatt. Schleifstaub lag in der Luft, Späne auf dem Boden. Am liebsten hätte sie sofort nach dem Besen gegriffen, um einmal zu fegen. Aber sie trug noch das gute Dienstkleid, das durfte sie nicht mit Sägemehl verschmutzen.
„Kommst a noch?“, knurrte Sebastian. „Wie lang geht d‘ Schul? Hast scho Essen g’macht?“
„Wirst noch einen Moment warten können“, gab sie zurück. In der Schule mußte sie eine vorbildliche Aussprache pflegen, aber wenn ihr Bruder sie anranzte, kostete es sie einige Beherrschung, nicht ebenfalls in seine Mundart zu verfallen. „Ich war mit meinem Zahn beim Doktor.“
„Und?“
„Gezogen hat er ihn. Der war nicht mehr zu retten.“
„Bravo. Und, was hast dafür zahlt?“
„Vierzehn Mark.“
„Herrjessassackerment. Vierzehn Mark für an glumperten Zahn. Weißt, was i für an Tisch krieg?“
Sie erhob die Stimme. „Ich bin schon zu Fuß gegangen um die Tram zu sparen, daß du’s nur weißt. So, und jetzt geh ich nach oben und seh nach der Mutter, dann koch ich Essen. So lang wirst es aushalten.“
„Bist was bessers, ja? Weil’d Studienassessorin bist, ja?“ Heute war er besonders unerträglich. Vermutlich hatte ihn ein Kunde verärgert.
„Ohne das hätten wir noch weniger Geld. Also halt die Klappe und mach deine Arbeit, derweil ich meine mach.“
Sie stieg über ein paar Bretter hinweg und zog die Werkstattür hinter sich zu. Puh, welch eine Begrüßung. Immerhin, für die Dauer dieses Disputs hatte sie den Wundschmerz in der Wange vergessen gehabt. Jetzt pochte er allerdings um so heftiger, weil die Aufregung ihren Blutdruck hatte ansteigen lassen. Sie atmete tief durch. Im ersten Stock wohnten sie und der Bruder. Zwei kleine Schlafkammern, ein Wohnzimmer, eine Küche mit Waschtisch. Wobei ihre Kammer auch noch als Arbeitszimmer für ihre Unterrichtsvorbereitung herhalten mußte. Der Abtritt lag im Erdgeschoß, einen zweiten hatten sie im Obergeschoß einbauen lassen – zwanzig Mark Lohn plus Material – weil die Mutter mit ihrem Rheuma nicht mehr ohne Hilfe die Treppe hinunter kam.
„Guten Tag, Mutter. Wie geht es dir heute?“
Auguste Schuchert atmete schwer. „Karina. Daß du endlich kommst. Mußt mir helfen, ich hab‘ mich naß gemacht.“
„Oh. Wie das denn?“ Sie half der Mutter, das Hauskleid aufzuknöpfen und die Unterwäsche auszuziehen. Ihr Dienstkleid warf sie auf einen Stuhl, damit es dabei nicht zu Schaden kam.
„Wie? Ich hab’s nicht mehr bis zum Klo geschafft. Ich hab nach deinem nichtsnutzigen Bruder geklingelt, aber der hat nichts gehört. Und allein war ich zu langsam.“
„Das kriegen wir schon wieder hin. Darfst ihm nicht böse sein. Wenn er in der Werkstatt schafft, hört er die Glocke nicht.“ Sie half ihrer Mutter, sich abzuwaschen und frische Wäsche anzuziehen.
„Siehst du, schon alles behoben. Kommt Samstag mit in den Waschbottich. Eigentlich wollte ich dich fragen, wie es mit deinem Asthma geht. Kriegst du heute ordentlich Luft?“
„Solange ich mich nicht über den Wastl aufrege, geht es ganz gut.“
„Willst du nicht doch mal zum Arzt gehen damit?“ Das muß ich sagen, dachte sie selbstkritisch, die ich die Zahnschmerzen verschleppt habe, bis nichts mehr ging.
„Ach!“ Auguste Schuchert winkte unwillig ab. „Was soll das? Der schreibt mir irgendwelche teuren Pülverchen auf, die dann doch nicht helfen. Und die du bezahlen mußt.“
Karina versagte es sich, den Schmuck oder das Grundstück zu erwähnen. Sie wußte, daß die Mutter da hart blieb. Der Schmuck ist Familienbesitz, und das Grundstück könnt ihr verkaufen, wenn ich tot bin, das war ihre Auffassung zu dem Thema.
„Na schön. Dann gehe ich jetzt Essen kochen, Wastl ist schon am Verhungern.“
„Was gibt es?“
„Kartoffeln, Kraut, und für Wastl ein Würstel.“
Die Mutter nickte zustimmend. Karina nahm ihr Kleid über den Arm, um es in ihrer Kammer ordentlich auf einen Bügel zu hängen, huschte in Unterwäsche die Stiege hinunter, zog schließlich den Hauskittel an und machte sich in der Küche zu schaffen. Sie selbst würde nichts essen, der Anweisung Doktor Wehrmanns folgend. Außerdem verspürte sie vielleicht Hunger im Gedärm, aber nicht die Spur von Appetit. Nicht einmal auf Kamillentee. Aber mit dem sollte sie ja auch nur den Mund spülen.
*
Die Neue wartete an der Tür des Klassenzimmers auf sie. Herrjessassackerment, dachte Karina mit dem Wortschatz ihres Bruders, schämte sich aber sofort dafür. Das Mädchen konnte ja nichts dafür, wie es aussah. Groß und breit, offenkundig übergewichtig, ein kreisrundes Vollmondgesicht, auffällig breite Lippen. Schwarze Haare, hinten zu einem unordentlichen Zopf geknotet, über der Stirn gerade abgeschnitten – nichts, das man wirklich als eine Frisur bezeichnen konnte. Ein graues Strickkleid; eine Schuluniform hatte man ihr also offenbar auch noch nicht besorgt. Wenigstens das hätte der Direktor den Eltern eigentlich vorher mitteilen können. Na gut, werden sehen – hätte Doktor Hartriegel gesagt. Daß das Mädchen Alexandra Jarowicz hieß, hatte sie inzwischen im Geschäftszimmer erfahren.
„Guten Tag. Du bist die neue Schülerin? Ich bin Fräulein Schuchert, deine Klassenlehrerin.“
„Hm“, machte die Neue und blickte sie scheu an.
„Na, dann komm, ich zeige dir deinen Platz.“
Sie betraten das Klassenzimmer. Das Mädchen zog seinen Schulranzen am Riemen hinter sich her, so daß er über den Boden schleifte. Karina stellte sich ans Pult, die Neue blieb neben ihr stehen und wurde neugierig beäugt. Es war nachvollziehbar, daß etwas – wohlwollend ausgedrückt – Irritation in den Blicken der Mädchen lag, während sie sich zur Begrüßung von ihren Plätzen erhoben.
Jede von ihnen trug ein blaues Trägerkleid, eine weiße Bluse, eine blaue Schleife. Und hier stand eine graue Maus in einem grauen Strickkleid.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen, Fräulein Schuchert.“
„Ihr dürft euch setzen. Das hier ist eure neue Mitschülerin. Guckt nicht so sparsam, eine Schuluniform bekommt sie noch.“ Sie wandte sich an die Neue. „Magst du dich vorstellen?“
Diese sah vorsichtig in die Runde. „Lexa“, sagte sie zögernd.
„Eigentlich heißt sie Alexandra“, stellte Karina richtig. „Aber wenn sie Lexa genannt werden will, ist das in Ordnung. Alexandra, da drüben am Gang ist ein Platz frei, neben Julia. Da kannst du dich hinsetzen.“
Dies war nicht die Siebente mit den gackernden Hühnern, aber ein verstohlenes Glucksen war nicht zu überhören, angesichts des Schauspiels, das Alexandra bot, während sie ihren Ranzen hinter sich her an den ihr zugewiesenen Platz schleifte.
Karina trat zu ihr. „Was hast du für Hefte und Bücher? Ich werde dir erzählen, was du noch brauchst. Das besorgst du dann bitte bis morgen. Die anderen nehmen bitte ihre Hausaufgaben heraus.“
Alexandra öffnete umständlich ihre Schultasche. Karinas Blick fiel auf ein unsortiertes Konglomerat aus Zetteln und Stiften, als habe man den Inhalt einer Schreibtischschublade in den Ranzen geschüttet. Das Schaudern, das Karina erfaßte, galt allerdings nicht dem Mädchen allein. Man mußte sich fragen, warum Eltern ihre Tochter mit so einer Schultasche aus dem Haus gehen ließen. Am ersten Schultag in einer neuen Schule.
„Nimm einen deiner Zettel und schreib auf: Drei Hefte kariert, vier Hefte liniert…“
Alexandra machte keine Anstalten, einen Zettel oder sonst etwas zu ergreifen. Und Karina hatte nicht den Eindruck, daß gerade dieses Mädchen sich alles im Kopf würde merken können. Ja, Vorurteile. Sie faßte also selbst in den Ranzen, zog einen der Zettel heraus, glättete ein Eselsohr. Dann drückte sie Alexandra einen Bleistift in die Hand, der einigermaßen gespitzt aussah. Und unterdrückte ein Seufzen. „Und nun schreib: Drei Hefte, kariert.“
Nachdem sie zu ihrer Erleichterung auf dem Blatt eine ‚3’ entstehen sah, wandte sie sich den anderen Schülerinnen zu, um deren Hausaufgaben zu kontrollieren. Im Herumgehen diktierte sie weiter. „Vier Hefte, liniert.“ Sie rechnete die anfängliche Zeit für das Schreiben einer ‚3’ grob hoch und legte entsprechend lange Pausen ein. „Ein Federhalter.“ Die Mädchen hatten Berechnungen an rechtwinkligen Dreiecken durchführen müssen; a und b gegeben, c gesucht, a und c gegeben, b gesucht. „Ein Glas blaue Tinte.“
Als sie an Mariekes Platz kam, erkundigte sich diese leise: „Wie geht es Ihrem Zahn, Fräulein Schuchert?“
„Keine Ahnung. Ich habe ihn nicht mehr bei mir“, gab Karina ebenso leise zurück. Als sie wieder bei Alexandra vorbeikam, stand auf dem Zettel:
3 Hefte kariert
4 Hefte
Dann folgte eine Zeichnung, die wohl einen Pferdekopf darstellen sollte. Natürlich war es pädagogisch völlig daneben, aber Karina verlor die Geduld. Sie nahm Alexandra den Stift aus der Hand und schrieb ihr den Rest selbst auf. Sie fügte die Schuluniform hinzu und schärfte Alexandra ein: „Mit dem Zettel gehst du zu deiner Mutter und sagst ihr, daß du das für die Schule brauchst. Und einen schönen Gruß von mir.“
Die Antwort hatte sie nicht erwartet. Eigentlich hatte sie unter den gegebenen Umständen gar keine Antwort erwartet. Alexandra sah zu ihr auf und fragte leise: „Zahn ziehen weh?“
Offenbar hatte sie der kurzen Unterhaltung mit Marieke gelauscht, statt ihre Liste zu vervollständigen. „Ja“, sagte Karina, „das tut es“. Ähnlich weh wie Schülerinnen, die einfache Anweisungen nicht befolgen können, fügte sie in Gedanken hinzu. Aber das sagte sie natürlich nicht.
Alexandra grinste blöde. Zumindest sah es so aus. Karina zwang sich zu der Überzeugung, daß es nur so aussah.
*
„Schlagt bitte Seite 94 auf, Aufgabe 4“, verlangte die Lehrerin, da der Unterricht weitergehen mußte. Sie hatte in Alexandras Tasche kein Mathematikbuch bemerkt, obwohl diese – einer der Vorteile eines zentralistischen Schulsystems – das gleiche Buch an der vorherigen Schule benutzt haben mußte. Man konnte dem Mädchen höchstens zugute halten, daß es am ersten Tag den aktuellen Stundenplan noch nicht kennen konnte. Deren Nachbarin Julia bemerkte den Mangel ebenfalls und schob ihr aufgeschlagenes Buch in die Mitte zwischen ihren Plätzen. Was Karina ein inneres Aufatmen bescherte, hatte sie doch schon befürchtet, das merkwürdige Verhalten der Neuen würde dazu führen, daß die Klasse sie ablehnte. Wenigstens für Julia schien das nicht zu gelten.
Mehrere Schülerinnen meldeten sich, um die Aufgabe vorzulesen. Karina forderte Simone auf.
„Gegeben ist ein Quadrat von der Fläche F; zeichne ein Quadrat von der Fläche 2F.“
„Nehmt eure Hefte und probiert, ob ihr eine Lösung findet. Denkt an den Lehrsatz von Pythagoras, den wir gerade behandelt haben.“
Bleistifte und Lineale klapperten. Alexandra stierte in die Luft. Karina nahm es hin; sie hatte keine Lust, das Mädchen schon wieder zu kritisieren.
Marieke meldete sich. „Ich hab’s.“
„Kannst du uns deine Lösung an der Tafel vorstellen?“
Marieke kam nach vorn und skizzierte ein Quadrat. „Ich zeichne zwei weitere, gleich große Quadrate an das erste. Sie bilden die Kathetenquadrate in diesem rechtwinkligen Dreieck.“ Als Hypotenuse trug sie eine Diagonale des Ursprungsquadrates ein. „Beide Quadrate haben die Fläche F. Nach dem Satz von Pythagoras hat dann das Hypotenusenquadrat die Fläche F plus F, also 2F. Also ist es das gesuchte Quadrat.“
„Sehr schön“, lobte Karina. „Du darfst dich setzen.“
Alexandra, immer noch in die Luft starrend und ohne den Arm zu heben, sagte: „Geht einfacher.“
„Wenn du etwas sagen möchtest, melde dich bitte.“
Mit einer unwilligen Bewegung hob das Mädchen den rechten Unterarm.
„Alexandra, bitte, laß uns an deiner Erkenntnis teilhaben.“
Die Angesprochene malte mit dem Finger in der Luft. „Quadrat zwei Dreiecke. Doppelt vier. Dies von da nach da, unten zwei. Fertig.“
Da die Zeichnung in der Luft entstanden war, konnte man sie schlecht erkennen, aber Karina erkannte die klassische Lösung Platons aus dem Menon-Dialog und wußte, daß es richtig war. „Gut, Alexandra. Das ist auch eine richtige Lösung. Ich fürchte nur, die meisten konnten deiner Luftkonstruktion nicht folgen, deswegen werde ich sie noch einmal an der Tafel skizzieren.“
Instinktiv schreckte sie davor zurück, das Mädchen selbst an die Tafel zu beordern; sie ahnte, daß eine Luftzeichnerin an der Tafel eine Katastrophe verursachen würde, und das hätte den Zauber des Augenblicks zerstört.
„War es das, was du meintest?“, erkundigte sie sich nach Fertigstellung der Skizze. Alexandra nickte.
Da die nächste Aufgabe im Buch die Konstruktion eines Quadrats mit der Fläche F/2 verlangte, war eigentlich klar, was nun passieren würde. Der Trick mit der Dreieckszerlegung funktionierte hier auch, nur anders herum. Und nun war er verraten. Für eine Festigung des Satzes von Pythagoras war er nur leider denkbar ungeeignet, den benötigte man dabei gar nicht mehr.
Wem sollte sie jetzt grollen? Alexandra, weil sie den Trick gefunden hatte? Sich selbst, weil sie ihn auch noch angezeichnet hatte? Dem Lehrbuchautor, weil er Aufgaben wählte, bei denen man mit etwas mathematischem Talent den eigentlich gemeinten Lehrstoff unterlaufen konnte? Talent war das Stichwort. Dieses Mädchen hatte offenbar mathematisches Talent. Nur lag es abseits des Üblichen. In der Luft eben, anstatt in staubigen Büchern.
*
Das Mathematikbuch existierte. Irgendwo bei Alexandra zuhause. Einmal hatte Karina es sogar gesehen. Dann wieder bekam sie von dem Mädchen die lapidare Auskunft: „Vergessen.“ Und Julia teilte wieder hilfsbereit das Buch mit der Nachbarin.
Wenigstens ihre Schuluniform vergaß sie nicht anzuziehen. Aber mit dem Mathematikheft ging es ähnlich zu. Und mit den Hausaufgaben. Man bekam sie nur selten zu sehen. Im Interesse der Arbeitsmoral der Klasse mußte sie Alexandra dafür Strafarbeiten aufgeben. Die sie ebenso vergaß. Es schmerzte Karina, daß sie überhaupt so weit gehen mußte; sie wurde Alexandra damit nicht gerecht. Sie war eben … irgendwie besonders, wie der Schulleiter am Anfang schon sehr richtig vermutet hatte.
Eben dieser beorderte Karina einige Wochen später zu sich. Der obligatorische Blick in den Spiegel im Lehrerzimmer war Routine, sie richtete ihren Rüschenkragen, ordnete ihre Frisur. Als kleine Extravaganz, die sie sich gestattete, trug sie heute ein kleines, mit Rubinen besetztes Kreuz an einem Kettchen um den Hals, ein Stück aus dem Familienschmuck der Mutter. Sie trug nicht regelmäßig Schmuck, nur manchmal. In den Tagen mit Zahnschmerzen, zum Beispiel, hatte sie an so etwas keinen Gedanken verschwendet. Sie klopfte an die Tür des Direktors. Hoffentlich empfand er den Schmuck nicht als frivol.
„Eintreten!“
Karina betrat das Allerheiligste. „Sie wollten mich sprechen, Herr Doktor Hartriegel.“
„Richtig. Ja. Die Neue. Jarowicz. Ihre Erfahrungen mit ihr?“ Sein Blick blieb erkennbar an dem Rubinkreuz hängen, aber er versagte sich eine entsprechende Bemerkung, und sei es auch nur aus Gründen der Sprachökonomie.
„Ich denke, sie hat sich wohl einigermaßen eingelebt. Sie wird in der Klasse – hm – weitgehend akzeptiert und hat sich sogar mit ihrer Nachbarin angefreundet.“ Was sich zum Beispiel darin äußerte, daß Julia ihr den abgerissenen Griff ihres Schulranzens wieder angenäht hatte, so daß sie ihn nicht mehr am Riemen tragen und somit über den Boden schleifen mußte. Aber das erwähnte Karina nicht im Detail.
„Leistungen?“
„Ja, wie soll ich das formulieren? In allem etwas eigenwillig. Sie ist recht gut im Zeichenunterricht.“ Wobei sie einen persönlichen Kunststil zu entwickeln schien. Das Abzeichnen eines Stillebens zum Beispiel wurde bei ihr nie naturgetreu, sondern zu einem – zugegebenermaßen recht ästhetischen – kubistischen Kunstwerk. Außerdem malte sie auch im Mathematikunterricht immer wieder gern kleine Zeichnungen ins Heft – oder auf den Zettel, wenn das Heft wieder einmal nicht zur Hand war.
„So. Und Mathematik?“
Karina seufzte. „Ich habe das Gefühl, daß sie mathematisch begabt ist. Kopfrechnen fällt ihr leicht. Sie findet ihre Lösungen, indem sie in die Luft starrt. Aber sie schreibt fast nie etwas auf. Und sie vergißt auch meistens ihre Sachen. Ich habe es mit Strafarbeiten versucht, aber damit komme ich nicht an sie heran.“
„Bedauerlich. Andere Fächer?“
„Hm. Frau Schliemann in Religion meint, Alexandra sei in der biblischen Geschichte recht gut bewandert. Aber rechte Beiträge zum Unterricht leistet sie nicht, ihre Antworten sind, wenn sie sich überhaupt äußert, sehr einsilbig. Professor Gutzeit, der sie in Deutsch und Geographie unterrichtet, schildert sie als aufsässig. Vielleicht interpretiert er aber auch nur ihre verschlossene Art falsch.“
Von Hartriegel runzelte die Stirn, und Karina wußte sofort, daß sie etwas falsches gesagt hatte. „Gutzeit. Erfahrener Pädagoge. Steht Ihnen nicht zu, Urteil zu kritisieren.“
„Verzeihung. Ich wollte niemanden kritisieren“, ruderte Karina eilends zurück. Wie hätte sie als Studienassessorin es wagen können, die Einschätzung eines im Dienst ergrauten Philologen zu hinterfragen. „Ich wollte nur die Möglichkeit erwägen…“
„Schon gut. Mit Eltern gesprochen?“
„Noch nicht. Aber das werde ich als nächstes tun.“
„Bitte darum.“
„Darf ich die Akten des Mädchens einsehen?“
„Büro.“
„Vielen Dank.“
„Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen, Herr Doktor Hartriegel.“ Karina deutete einen Knicks an und zog sich zurück.
Mit den Eltern sprechen, ja, da hatte er recht. Das würde vielleicht Klarheit in die Hintergründe dieser merkwürdigen Schülerin bringen. Sie wurde im Geschäftszimmer vorstellig. Frau Hornberg, schon ein etwas älteres Semester, hoch geschlossenes Rüschenkleid, silberne Fäden im Haar, tippte konzentriert auf der Schreibmaschine. Wenn sie sie jetzt ansprach, wäre sie womöglich schuld, wenn sie sich vertippte. Sie wartete eine Weile, aber gleich würde es zum Pausenende läuten. Karina räusperte sich dezent.
Es folgten einige weitere Anschläge auf der Maschine, die Warnglocke für das Zeilenende, ein Wagenrücklauf. „Ja, bitte?“
„Der Herr Direktor schickt mich, um eine Schülerakte einzusehen.“
„Welche?“
„Alexandra Jarowicz aus meiner Klasse.“
Frau Hornberg zog eine Hängeregistratur auf, blätterte sich durch die Akten. „Hier, bitte.“
Karina schlug die Mappe auf, die ihr gereicht wurde. ‚Alexandra Evangelina Jarowicz. Geboren in – Tsingtao.’ Wo lag das eigentlich? Geburtsdatum – hm, zwei Jahre zu spät eingeschult oder zweimal sitzengeblieben. Die Akte schwieg sich darüber aus. Ein Einschulungsdatum fehlte, ebenso offenbar die erste Schule, in die das Mädchen gegangen war. Gekommen war sie vom Klarissenstift in Fronstadt. Dort aufgenommen aber erst in die dritte Klasse. Also tatsächlich zugezogen. Eltern – sowohl ‚Vater’ als auch ‚Mutter’ war durchgestrichen und durch das Wort ‚Erziehungsberechtigt’ ersetzt. Dort stand ein einziger Name: ‚Franziska Jarowicz’. Auch eine Jarowicz. Eine Tante vielleicht. Merkwürdig, warum hatte Alexandra nicht widersprochen, als sie ihr die Anschaffungsliste gegeben hatte mit dem Auftrag, sie der Mutter vorzulegen? Aber Alexandra war besonders. Und vor der Klasse zuzugeben, daß sie keine Eltern mehr hatte, mochte ihr auch einfach peinlich gewesen sein. Nicht einmal Doktor Hartriegel hatte das offenbar gewußt, womöglich hatte er sich die Akte gar nicht so genau angesehen. Und das ihm, diesem Pedanten – Karina tadelte sich für diesen despektierlichen Gedanken sofort selbst.
Vielleicht war es gut, vor dem Gespräch mit dieser Franziska Jarowicz erst einmal mit dem Mädchen unter vier Augen zu reden? Die Glocke schellte. Ach ja, die Anschrift. ‚Oberbeckstraße 45 b, Hinterhaus’ stand da. Gut. Karina reichte die Akte zurück. „Vielen Dank.“ Dann ergriff sie ihre Büchermappe und eilte in den Unterricht.
*
Nach der letzten Stunde sprach Karina die Schülerin an. „Alexandra“, begann sie, „ich würde gern ein paar Worte mit dir allein sprechen. Hast du ein paar Minuten Zeit, oder verpaßt du dann möglicherweise deine Tram?“
„Zu Fuß“, gab Alexandra zurück. Was wohl eine Zustimmung war. Für einen Augenblick durchzuckte Karina der Gedanke, daß man eine ähnliche Einsilbigkeit auch dem Schulleiter vorwerfen konnte. Er pflegte ja seine eigenwillige Sprachökonomie, in der er jedes überflüssige Wort zu vermeiden suchte. Tat Alexandra nicht letztlich nur das gleiche? Aber so etwas durfte man natürlich keinesfalls vergleichen.
Sie warteten, bis die anderen Schülerinnen den Raum verlassen hatten, dann setzte sich Karina neben Alexandra, auf Julias Platz. „Ich habe in deine Akte gesehen. Da steht, daß du in Tsingtao geboren bist. Ich weiß gar nicht, wo das liegt. Hilfst du mir?“
Alexandra schien ein Weile nachdenken zu müssen. „China“, sagte sie schließlich im Flüsterton.
Karina hatte das Gefühl, daß das Thema dem Mädchen unangenehm war. Trotzdem hakte sie nach. „Und wo bist du dort zur Schule gegangen?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Keine.“
„In Fronstadt kamst du in die dritte Klasse. Wer hat dich denn vorher unterrichtet?“
„Franziska.“ Aha, der Name, der für die Erziehungsberechtigte in der Akte stand.
„Sonst niemand?“
„Jian-Sing.“
„Wer ist Jian-Sing?“
Alexandra zuckte mit den Schultern.
„Ein Lehrer?“
Das Mädchen nickte zögernd, fast widerwillig. Jetzt könnte sie noch nach den Eltern fragen, aber sie ahnte nach allem, daß dies Alexandra erst recht unangenehm sein würde. Sie verzichtete darauf. „Ich möchte mich gern einmal mit Franziska unterhalten“, schlug sie statt dessen vor.
Alexandra nickte.
„Kann sie in einer großen Pause oder nach dem Unterricht in die Schule kommen?“
Kopfschütteln. Da es aussah, als ob jene Franziska mit Alexandra allein lebte, arbeitete sie vermutlich tagsüber, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
„Ich kann euch abends besuchen kommen. Wenn das in Ordnung ist, soll Franziska mir einen Tag und eine Uhrzeit aufschreiben. Sagst du ihr das bitte?“
„Hm.“
„Gut, dann kannst du jetzt gehen. Auf Wiedersehen.“
Alexandra nickte, griff sich ihren Ranzen und trottete wortlos hinaus. Sehr eilig schien sie es nicht zu haben. Welch eine schwere Geburt, dachte Karina.
*
Die schriftliche Antwort Franziskas lag, nach einmal ‚Vergessen’, am übernächsten Tag vor. Eine zierliche, saubere Schrift, allerdings auf einem Zettel, der die Qualität eines Zeitungsrandes aufwies.
Sehr geehrtes Fräulein Studienassessorin Schuchert.
Gern komme ich Ihrem Wunsch nach einem Gespräch nach. Wenn es Sie nicht inkommodiert, schlage ich den Samstag vor, um sieben Uhr abends. Ich bitte um Vergebung für den ungünstigen Termin, aber meine berufliche Tätigkeit läßt keinen anderen zu. Gehen Sie bitte in der Oberbeckstraße 45 b im Hinterhaus in den linken Eingang und dort in die zweite Etage. Mein Name steht an der Tür. Es gibt keine Klingel, ich bitte Sie anzuklopfen.
Somit verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung:
Franziska Jarowicz
Karina trug Alexandra auf, den Termin zuzusagen. Im Geschäftszimmer gab es einen Stadtplan, mittels dessen sie sich über die Lage der Oberbeckstraße informierte. Es war eine Gegend, in die keine Linie der Tram führte, von der nächsten Haltestelle mochte es noch eine Viertelstunde Fußweg sein. Und der Schulweg Alexandras betrug demnach zu Fuß vielleicht eine Dreiviertelstunde.
Anhand eines Weltatlasses in der Bibliothek informierte sie sich schließlich noch über die geographische Lage von Tsingtao. Den Gedanken, den Erdkundelehrer Professor Gutzeit danach zu fragen, hatte sie nach kurzem Nachdenken verworfen. Nachdem sie schon gewagt hatte, ihn zu kritisieren – was der Schulleiter ihm vermutlich berichtet hatte – mochte sie sich vor ihm nicht auch noch die Blöße geben, nicht zu wissen, wo Tsingtao lag.
Tsingtao, so erfuhr sie, war eine am Gelben Meer gelegene Kolonie, umgeben von japanischen, chinesischen, niederländischen und russischen Besitzungen. Eine brisante Gegend. Was mochte die Eltern Alexandras dorthin verschlagen haben? Aber das Gespräch mit Franziska würde vielleicht Klarheit hierüber bringen.
„Wie jetzt? Was heißt des, du mußt no amal weg?“, erkundigte sich Sebastian unwirsch beim Essen. „Hast an Rangdevu oder wie?“
„Ach was. Das ist ein – hm – Elterngespräch. Die schafft unter der Woche tags und kann halt nur am Samstagabend. Das gehört zu meinem Beruf.“
„Und, kriegst des Bijett für d‘ Tram ersetzt?“
„Ich werd einen Antrag stellen.“ Würde sie natürlich nicht. Und wenn sie es täte, dann höchstwahrscheinlich erfolglos und mit einer Moralpredigt des Schulleiters über unteilbare Dienstpflichten verbunden. Darauf konnte sie verzichten.
„Iß zuende, laß den Aufwasch stehen, ich mach’s nachher, wenn ich zurück komm. Ich seh noch nach der Mutter und dann muß ich los.“
Auguste hatte ihren Teller halb geleert und lag schwer atmend im Bett. „Mehr – schaff ich nicht, Kind. Gib’s dem Wastl – wenn er noch Hunger hat“, brachte sie heraus.
„Sonst alles in Ordnung bei dir? Ich geh gleich nochmal aus, ich muß wegen einer Schülerin mit der Erziehungsberechtigten reden, hab mit ihr einen Termin um sieben ausgemacht.“
„Geh nur. Alles – in Ordnung.“
Karinas Blick fiel auf das Taschentuch, das die Mutter in den Händen hielt. „Ist das Blut da, in deinem Taschentuch?“
Auguste winkte unwillig ab. „Ach was. Nix. Hab ein bisserl Blut gehustet. Na ja.“
„Ich finde das beunruhigend. Am Montag bestelle ich den Doktor.“
„Und von was…“, ein Husten unterbrach sie, „…willst du den bezahlen?“
„Das ist mir egal. Es geht um deine Gesundheit, Mutter.“
„Geh jetzt. Versäum nicht – deinen Termin.“ Na schön, das war zwar keine Zustimmung, aber auch keine definitive Ablehnung. Die Starrköpfigkeit der Mutter hatte bislang jeden Arztbesuch bis ins Unerträgliche hinausgezögert. Ich war nie krank, also bin ich jetzt auch nicht krank, war ihre Devise. Ebenso wie: das konnte ich immer allein, also kann ich es jetzt auch allein. Daß sie sich neulich in die Hose gemacht hatte, mochte vielleicht nicht einmal Sebastians Schuld gewesen sein. Möglicherweise hatte sie gar nach ihm nicht geläutet, weil sie überzeugt gewesen war, ohne ihn auszukommen; das war ihr durchaus zuzutrauen.
Wie auch immer, am Montag würde sie also zu Doktor Welcker gehen und ihn um einen Hausbesuch bitten. Sie hätte es längst tun sollen.
Als sie die Treppe herunterkam, saß Sebastian noch bei Tisch. „Hier, die Mutter hat das nimmer geschafft. Kannst es noch haben. Ich geh jetzt. Und spitz deine Ohren, falls sie läutet. Nicht, daß sie wieder in die Hose macht.“ Damit war sie hinaus. Daß es um Mutters Lunge nicht gut stand, mußte sie jetzt nicht auch noch mit ihm diskutieren.
*
Karina fuhr mit der Tram bis zu der Haltestelle, die sie zuvor eruiert hatte, wanderte eine Viertelstunde durch Straßen und Gassen, die sie nie zuvor im Leben betreten hatte, und erreichte schließlich ziemlich genau mit dem Glockenschlag sieben die Oberbeckstraße 45 b. Ein Mietshaus aus der Gründerzeit, seitdem schon leicht verfallen. Der Bauherr mochte in Konkurs gegangen sein, der Treuhänder kein Interesse an weiteren Investitionen gehabt haben. Eine Toreinfahrt führte nach hinten, linker Eingang, zweite Etage. Keine Beleuchtung auf der Treppe, spärliches Licht fiel durch ein Oberfenster.
‚F. Jarowicz’ entzifferte Karina auf einem an die Tür gehefteten Zettel. Sie klopfte weisungsgemäß.
Die Tür wurde geöffnet. Franziska war eine junge Frau, hager, ein oder zwei Fingerbreit größer als Karina, vielleicht Ende zwanzig wie Karina selbst. Sie trug eine Kittelschürze mit Karomuster. „Fräulein Schuchert?“
„Ja, das bin ich. Guten Abend. Ich danke für die Einladung.“
Franziska zuckte mit den Schultern. „Treten Sie bitte ein. Möchten Sie ablegen?“
Karina reichte der anderen ihren Umhang, den diese über eine Stuhllehne hängte. „Nehmen Sie bitte Platz.“
„Danke. Ist Alexandra auch da?“
„In ihrer Kammer.“ Sie wies auf eine Tür. Neben der Tür zum Treppenhaus war es die einzige. Karina folgerte, daß es insgesamt zwei Räume gab, die Kammer und diesen hier, mit Kochgelegenheit, Tisch, Stühlen, Schrank und einem Bett. Der Abtritt für alle Mietsparteien befand sich auf halber Treppe. Das Leben spielte sich offenbar in diesem Zimmer ab. Und Alexandra hatte eine Kammer für sich, die vielleicht ursprünglich als Schlafraum gedacht war, die Franziska ihr aber abgetreten hatte – ein Luxus, den nicht jede Schülerin mit ihr teilen mochte.
„Darf ich kurz zu ihr?“
Franziska schien zu zögern. „Bitte. Aber erschrecken Sie nicht.“
Karina hob die Augenbrauen. „Erschrecken?“
„Nichts Schlimmes. Nur etwas – ungewöhnlich.“
Karina klopfte an die Kammertür. „Alexandra, ich bin’s, deine Lehrerin.“
Da keine Antwort erfolgte, nahm sie sich die Freiheit, die Tür zu öffnen. Sie sah Alexandra auf der Kante eines Bettes sitzen. Zugleich stieg ihr ein Duft wie von frischem Heu in die Nase.
„Ich…“ Karina stockte. Es roch nicht nur nach Heu. Das war Heu.
Eine hölzerne Futterraufe stand am Fenster, daneben ein Wassereimer. Man konnte meinen, daß hier Vieh gehalten wurde. Allerdings roch es in keiner Weise nach Tieren, höchstens ein wenig nach Räucherwurst. Karina schluckte trocken und begann ihren Satz noch einmal. „Ich wollte dir nur sagen, daß ich jetzt hier bin. Wenn du dabei sein möchtest, wenn ich mit Fräulein Franziska spreche?“
Der Rest des Raumes war unspektakulär, Bett, Tisch, Stuhl. Auf dem Tisch lag Alexandras Schulranzen. Und ein Heft und ein Bleistift. Die Wände waren allerdings mit Zeichnungen bedeckt, die vorzugsweise Fabeltiere wie Einhörner oder Lindwürmer darstellten. Sie erkannte Alexandras Zeichenstil, offenbar hatte sie alle diese Bilder selbst gemalt.
Alexandra schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht an dem Gespräch teilnehmen.
„Auch gut. Wie du möchtest. War nur ein Angebot.“
Ehe sie sich zurückzog, bemerkte Karina noch etwas: Auf den Holzdielen des Fußbodens zeichnete sich eine verkohlte Stelle ab, so als habe es hier einmal gebrannt. Allerdings schien das Feuer rechtzeitig gelöscht worden zu sein. Jetzt konnte sie auch den Räucherduft einordnen, der ihr aufgefallen war: er mußte von dem angekohlten Holz stammen. Es war also noch nicht sehr lange her. Sie schloß vorsichtig die Tür und machte nun endlich von dem Angebot Gebrauch, auf einem der Stühle Platz zu nehmen.
*
Franziska lächelte ein wenig schmerzlich. „Wie ich schon sagte, nicht schlimm, nur ungewöhnlich. Meine Schwester ist ein bißchen besonders.“
Ihre Schwester also. „Ja, das habe ich in der Schule auch schon bemerkt. Deswegen wollte ich mit Ihnen sprechen. Ich würde gern die Hintergründe erfahren, um Alexandra und ihr Verhalten besser einschätzen zu können. Wenn Ihnen meine Fragen unangenehm sind, brauchen Sie sie nicht zu beantworten, aber in Alexandras Interesse sollte ich wohl einiges wissen, das ich bislang nicht weiß.“
„Fragen Sie“, sagte Franziska. „Darf ich Ihnen etwas anbieten?“
„Wenn es keine Umstände macht, ein Glas Wasser bitte.“
Franziska füllte am Wasserhahn – es gab tatsächlich einen, was in dieser Wohnlage nicht selbstverständlich war – einen Becher und stellte ihn vor Karina auf den Tisch. „Danke. Beginnen wir also von vorne – oder da, wo ich meine, daß vorne ist. In Tsingtao. Das steht zumindest als Geburtsort in der Akte.“
„Ja“, nickt Franziska, „das stimmt. Unsere Eltern waren Missionare in Tsingtao. Ich war zehn Jahre alt, als wir dorthin zogen, meine Schwester wurde dort geboren.“
„Und ist dort aber nicht zur Schule gegangen, wie sie mir sagte.“
„Richtig. Es gab dort überhaupt keine deutsche Schule. Meine Mutter und ich haben sie unterrichtet, außerdem gab es eine Art Hauslehrer.“
„War sie damals auch schon so – besonders?“
Franziska schüttelte den Kopf. „Das begann erst nach dem Tod unserer Eltern. Sie kamen bei einer Revolte ums Leben.“
„Oh. Das tut mir leid.“
„Ja, mir auch“, bemerkte Franziska bitter. „Ein befreundeter Schiffsoffizier nahm uns beide dann in seine Obhut und brachte uns auf einem Dampfer unter, der uns zurück nach Europa transportierte. Auf seine Empfehlung hin konnte ich auch eine erste Anstellung in Fronstadt bekommen. Wir waren ja nun auf uns gestellt, und ich mußte mich und meine Schwester irgendwie durchbringen. Freundlicherweise durfte ich sie auf dem Klarissenstift zur Schule schicken, obwohl wir nicht katholisch sind.“
„Verstehe. Und wie kamen Sie hierher?“
„Ich verlor die Arbeitsstelle, weil meine Dienstherrin starb. Jetzt arbeite ich hier und putze in den Häusern einiger hoher Herrschaften. Ein Haus vormittags, eins mittags, eins nachmittags. So komme ich über die Runden. Ich weiß, was Sie sagen wollen: Wie kann ich mich in der Zeit noch um meine Schwester kümmern? Ehrlich gesagt: wenig. Sie geht in die Schule, wenn ich schon aus dem Haus bin. Am späten Vormittag bin ich kurz hier, stelle ihr etwas zu essen hin, und dann bin ich auch schon wieder weg. Abends haben wir vielleicht eine Stunde, die uns gemeinsam gehört.“
Karina nickte bewegt. „Kein leichtes Leben.“
Franziska zuckte mit den Schultern. „Man kann es sich nicht aussuchen. Ich will nicht undankbar sein. Wir könnten ermordet sein oder verhungert.“
„Ich würde dann gern auf Alexandra zu sprechen kommen.“
„Natürlich.“
„Ihre Hausaufgaben erledigt sie sehr – nun, sagen wir unregelmäßig. Kontrollieren Sie ihre Schularbeiten?“
Franziska schüttelte den Kopf. „Wir genießen unsere kurze gemeinsame Zeit. Die Hausaufgaben muß sie allein schaffen. Ich helfe ihr höchstens, wenn sie mich bittet, was aber selten der Fall ist. Das Verhältnis zu meiner Schwester ist mir auch zu kostbar, um es mit solchen Dingen zu belasten.“
Das sollte einmal eine Mutter zu mir sagen, dachte Karina. Aber dies war keine Mutter, sondern die nur zehn Jahre ältere Schwester. Da mußte sie zweifellos andere Maßstäbe anlegen. „Alexandra erwähnte einen Jian-Sing. Aber sie wollte mir nicht mehr dazu sagen.“
„Tsingtao ist für sie – und mich auch – mit der Erinnerung an den Tod unserer Eltern verbunden. Darüber mag sie nicht reden. Jian-Sing war ein gebildeter Chinese, aber kein Christ. Ich weiß nicht, warum unsere Eltern ihm dennoch einen Teil unserer Erziehung anvertraut haben. Jedenfalls war er so etwas wie unser Hauslehrer und Kindermädchen. Er hatte besonders Alexandra ins Herz geschlossen und hat ihr eine Menge erzählt. Von Gott und der Welt, wie man so sagt. Soweit ein Heide etwas über Gott erzählen kann. Jedenfalls schien er mir in gewisser Hinsicht ein Weiser zu sein. Sicherlich hat meine Schwester einiges von ihm gelernt. Aber die religiöse Erziehung hat unsere Mutter übernommen.“
„Ja“, bemerkte Karina, „ihre Religionslehrerin sagte, daß sie sich in der Bibel ganz gut auskennt. Leider ist sie sehr wortkarg und kann daher – wie übrigens auch in meinem Mathematikunterricht – ihr Wissen und ihre Fähigkeiten nicht gut verkaufen. Der Deutschlehrer bezeichnete sie sogar als aufsässig.“
Franziska schüttelte den Kopf. „Aufsässig ist meine Schwester sicherlich nicht. Sie redet wenig, das stimmt. Und nicht mit jedem. Schon gar nicht mit Leuten, die ihr unsympathisch sind. Vielleicht ist das bei dem Deutschlehrer der Fall.“
„Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen.“ Diese Lektion hatte Karina jedenfalls gelernt. „Aber dann kann ich mir ja etwas darauf einbilden, daß sie mir gelegentlich ein paar Worte schenkt“, fügte sie hinzu, um dem Ganzen die Schärfe zu nehmen.
„Ich glaube sogar, sie hält große Stücke auf Sie. Sie sind ihre Lieblingslehrerin.“
„Oh.“
„Man kommt an sie nur heran, wenn man sich ihr öffnet und ihre – hm – Extravaganzen ernst nimmt. Spleen, sagen die Engländer dazu, glaube ich. Und Ihnen ist das wohl schon ganz gut gelungen.“
„Das bringt mich auf das Naheliegende.“ Karina deutete auf die Tür zu Alexandras Kammer. „Das, wovor Sie mich offenbar warnen wollten.“
„Das Heu und das Wasser?“
„Genau.“
„Sie haben sicherlich auch die Zeichnungen gesehen. Alexandra schwärmt für Fabelwesen. Erst hielt sie sich einen Drachen. Er hieß Jü. Ich konnte sie überzeugen, daß Drachen zu gefährlich sind. Weil sie Feuer speien. Jetzt hält sie sich ein Einhorn, das auf den Namen Taifun hört.“
„Ein tropischer Wirbelsturm. Das klingt auch nicht ungefährlich“, stellte Karina fest.
„Es hat aber bislang keinen Schaden angerichtet.“
„Es wäre interessant zu wissen, wie es die Treppe hoch kommt“, lächelte Karina.
„Gar nicht. Vor Alexandras Fenster gibt es einen großen Hof, den nur sie sehen kann. Über den kommt das Einhorn herein. Sagt sie.“
Karina kam sich etwas bescheuert vor, als ihr jetzt der Brandfleck auf dem Fußboden einfiel. Hatte das Mädchen etwa gezündelt und dann die Schuld ihrem feuerspeienden Fabeltier zugeschoben? Oder warum hatte Franziska dessen Gefährlichkeit erwähnt? Konnte das wieder passieren, und stellte demnach das Mädchen die eigentliche Gefahr dar? Karina wagte nicht, danach zu fragen. „Ihr Taifun scheint jedenfalls stubenrein zu sein“, stellte sie statt dessen fest.
„Ja“, bestätigte Franziska. „Ein pflegeleichter Hausgenosse. Man muß nur ab und zu das Heu und das Wasser erneuern.“
Karina befand, daß es hier weiter keine Erkenntnisse zu gewinnen gab. Im Grunde hatte sie schon mehr erfahren, als sie überhaupt hatte wissen wollen. Sie kannte die Hintergründe von Alexandras Wesensart. Sie kannte ihr Haustier – zumindest dem Namen nach. Und sie begriff, daß das Mädchen sich in der Schule nie anpassen würde, es sei denn um den Preis, seine Persönlichkeit zu zerstören. Sie verabschiedete sich und trat den Heimweg an.
*
„Eine Anwendungsaufgabe für die Mittelwerte. Seite 111, Nummer 76“, verlangte Karina. „Wer mag vorlesen?“
Es fiel Simone zu. „Bei einer ungenauen Balkenwaage seien die beiden Arme nicht genau gleich. Wie kann man dennoch das genaue Gewicht eines Gegenstandes bestimmen, nachdem man ihn einmal auf der linken und einmal auf der rechten Waagschale gewogen hat?“
„Vorschläge? Macht euch gern eine Zeichnung der Waage.“
Marie meldete sich fast sofort: „Ist doch einfach. Man bildet den Durchschnitt aus den beiden Werten.“
„Was meinst du mit Durchschnitt?“, hakte Karina nach.
„Na ja. Zusammenzählen und durch zwei teilen eben.“
„Das wäre der arithmetische Mittelwert“, stellte die Lehrerin fest. „Sehen das alle so?“
Julia blickte schon fast automatisch zu ihrer Nachbarin, als erwarte sie von ihr einen Widerspruch. Einfach, weil ihre Nachbarin Alexandra war.
Karina lächelte. „Alexandra, siehst du das auch so?“
Jene schüttelte den Kopf. „Mal, nicht plus.“ Wie fast immer sagte sie es in einem entrückten Tonfall, der vermuten ließ, sie sei gar nicht ganz anwesend.
„Wie meinst du das?“
Alexandra winkte unwillig ab. Stör mich nicht beim Denken, hieß das, das wußte Karina schon. Dann begann sie, in ihrer gewohnten Art in der Luft zu malen. „Dies mal dies ist dies mal dies. Andersrum genauso. Das und das weg. Also dies mal dies und Wurzel.“
„Dies mal dies und dies mal dies“, seufzte Pauline theatralisch. „Klar. Jetzt haben wir es alle verstanden.“
„Ich auch nicht“, gestand Karina. „Aber ich glaube, es ist richtig. Dies mal dies und dann die Wurzel. Woran erinnert euch das? Simone?“
„Das erinnert an den geometrischen Mittelwert.“
„Richtig. Meintest du den, Alexandra?“
Jene nickte.
„Ja“, sagte Karina. „Und das ist auch die Lösung. Das richtige Gewicht ist der geometrische Mittelwert aus den beiden falsch gewogenen.“
„Wie kommst du darauf?“, fragte Julia ihre Nachbarin.
„Seh ich“, erklärte Alexandra.
Sie hätte jetzt Alexandra an die Tafel zitieren und dort ihren Lösungsweg anschreiben lassen müssen. Bei jeder anderen Schülerin hätte sie es getan. Aber sie wußte, daß das bei dem Mädchen nicht ging. An der Tafel würde dieser freie Geist sich in die Enge getrieben sehen und gar nichts mehr herausbringen; aus der Luft schmerzhaft auf das harte Holz gestürzt. Oder, wie Schiller schrieb: Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.
Nur, wie sollte dieses Kind jemals lernen, sein mathematisches Talent nutzbringend zu verkaufen? Was in Alexandras Kopf vor sich ging, verdiente vermutlich die Note ‚sehr gut’. Aber was sie leistete, war ‚mangelhaft’. Und in Kürze stand eine Klassenarbeit an, und am Ende des Schuljahres die Abschlußprüfung. Es war so bitter. Das Gespräch mit Alexandras großer Schwester hatte ihr das nur um so klarer gemacht.
2. Gottesacker und Regenbogen
Nach dem Unterricht am Montag wählte Karina nicht den üblichen Heimweg mit der Linie 2 der Elektrischen, sondern ging ein paar Straßen weiter zur Haltestelle der Linie 1. Deren Fahrplan hatte sie nicht im Kopf, und in der Tat mußte sie eine halbe Stunde auf den nächsten Zug warten. Läutend und mit kreischenden Rädern bog die Tram schließlich um die Ecke.
‚Linie 1. Kaiserberg über Hauptbahnhof’, stand auf den Schildern an den Wagen. Der Zug hielt. Der Schaffner, schwarze Uniform mit silbernen Knöpfen und Dienstmütze, stieg vom Anhänger auf den vorderen Wagen um. Karina kletterte ebenfalls auf die Plattform, löste bei ihm um zehn Pfennige ein Billett bis zur Schillergasse und betrat dann das Abteil. Sie mußte nicht stehen, die Plätze auf den Holzbänken waren nur ungefähr zur Hälfte besetzt. Sie nahm am Fenster Platz; das Paar, das ihr gegenüber saß, war wesentlich eleganter gekleidet als sie selbst. Die Frau musterte sie mißbilligend. Vielleicht, weil ihr Dienstkleid ihr nicht gefiel, vielleicht, weil sie es als Dame wagte, allein in die Tram zu steigen. Dabei war das heutzutage gar nicht mehr außergewöhnlich, zumal es zunehmend berufstätige Frauen gab. Von denen sie selbst eine war.
Solchermaßen in Gedanken versunken, starrte Karina durch die Fensterscheibe, als ihr plötzlich auffiel, daß sie von dort betrachtet wurde. Nicht von draußen. Sondern von dem Spiegelbild eines Herrn, der auf der Bank auf der anderen Seite des Wagens saß. Wenn sein Spiegelbild mich beobachtet, folgerte Karina anhand ihrer geometrischen Kenntnisse, dann heißt das, daß er mein Spiegelbild beobachtet. Sie nahm sich die Freiheit, auf die nämliche Weise ihn zu studieren.
Er schien älter zu sein als sie selbst, wenn auch nicht sehr viel älter. Die Haare, die vom Hut nicht verdeckt wurden, waren schwarz, ebenso wie der kleine Oberlippenbart. Ja, manche Herren färbten ihre Haare, um jünger zu wirken. Manche Damen auch. Aber auch das Gesicht wirkte noch einigermaßen jung. Er trug einen dunklen Gehrock und eine etwas hellere Hose. Eine Weste mit Taschenuhr. Zumindest mit Uhrkette, aber man durfte wohl vermuten, daß eine Uhr daran hing. Abweichend von der üblichen Mode zierte seine Hemdbrust allerdings keine Krawatte, statt dessen trug er um den Hals einen Seidenschal, was ihm ein etwas unkonventionelles, um nicht zu sagen verruchtes, Aussehen verlieh. Ein Mann von Welt, dem vermutlich die Frauen zu Füßen lagen, beschloß sie ihre Analyse und mußte lächeln. Sie selbst beeindruckte er immerhin auch, daß sie sich so eingehend mit ihm befaßte.
Zu ihrem Erschrecken bemerkte sie, daß der andere ihr Lächeln erwiderte. Offenbar war ihm aufgefallen, daß sie ihn ebenfalls studiert hatte. Karina lief rot an und hoffte, daß zumindest dies im Spiegelbild nicht zu erkennen war.
Die Tram hielt. Über ihrer Betrachtung hatte sie vergessen, die Haltestellen zu zählen, aber an dem Schild am schmiedeeisernen Pfahl der Straßenlaterne stand ‚Schillergasse’. Sie mußte aussteigen. Rasch erhob sie sich und verließ das Abteil, ehe der Zug womöglich weiterfuhr. Zum Heruntersteigen von der Plattform mußte sie ihr Kleid raffen. Dann stand sie auf der Straße. Der Wagenführer betätigte die Klingel, kurbelte die Fahrstufe hoch, der Zug setzte sich in Bewegung.
„He, Sie, das ist verboten!“, hörte sie die Stimme des Schaffners. Der Herr von eben, das Objekt ihrer Betrachtung, war noch im letzten Augenblick, als der Zug schon wieder rollte, abgesprungen.
Er schenkte Karina ein verlegenes Lächeln. „Beinahe hätte ich meine Station verpaßt“, entschuldigte er sich bei ihr, obwohl es ihr ja gar nicht zustand, ihm deswegen Vorwürfe zu machen. Sie nickte höflich. Da er sich danach in die entgegengesetzte Richtung wandte, schenkte sie ihm aber keine weitere Beachtung.
Im Wartezimmer von Doktor Welcker waren bereits vier Damen anwesend, die vor ihr an die Reihe kommen würden. Karina erwog, da sie selbst keiner Beratung oder Untersuchung bedurfte, sondern nur um einen Hausbesuch bitten wollte, die anderen anzusprechen und zu fragen, ob sie ihr wohl den Vortritt lassen würden. Dann fand sie es jedoch unhöflich und verzichtete darauf.
So wartete sie geduldig, bis die letzte der vier das Sprechzimmer wieder verlassen hatte. Doktor Welcker schob seinen Kopf durch den Türspalt: „Die Nächste, bitte.“
Karina trat ein und nahm auf dem ihr angewiesenen Stuhl Platz. „Fräulein Karina! Sie waren ja lange nicht mehr hier.“
„Mit meinem Zahn war ich beim Zahnarzt, und ansonsten geht es mir gut. Bis auf die üblichen Sorgen einer Lehrerin, aber bei denen können Sie mir auch nicht helfen.“
„Und was kann ich dann für Sie tun?“
„Es geht um meine Mutter.“ Und dann berichtete sie ihm ausführlich, wie es um Auguste stand und welche Symptome sie an ihr beobachtet hatte.
„Ehrlich gesagt, das klingt nicht gut. Damit hätten Sie viel früher zu mir kommen müssen.“
„Sie sagen es, Herr Doktor. Aber Sie kennen ja auch den Dickschädel meiner Mutter. Der Doktor kostet Geld und kann doch nichts machen, sagt sie. Dabei ist sie ja nicht arm. Sie hat ihren Schmuck, und sie hat dieses Waldgrundstück, das zu nichts gut ist. Aber davon will sie sich nicht trennen. Gut, ich verstehe sie. An beidem hängen Erinnerungen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vorgestern konnte ich ihr endlich das Zugeständnis abringen, Sie um einen Hausbesuch zu bitten. Sie wissen, sie kommt die Treppe nicht mehr herunter.“
Doktor Welcker ließ resignierend den Kopf sinken. „Im schlimmsten Fall hat Ihre Mutter recht und ich kann wirklich nichts mehr machen.“
„Haben Sie einen Verdacht, was es ist?“
„Leider ja. Ich hoffe nur, er wird sich bei der Untersuchung nicht bestätigen.“
„Woran denken Sie?“
„Ich möchte Sie nicht unnötig beunruhigen, Fräulein Karina. Wie gesagt, nach der Untersuchung weiß ich mehr.“
„Als ob Sie mich nicht schon hinreichend beunruhigt hätten!“, beschwerte sich Karina.
„Also dann bis heute abend. Es kann spät werden, ich habe noch ein paar andere Patienten, die ich besuchen muß.“
*
Da Doktor Welcker vor ihr noch vier andere Patientinnen behandelt hatte, waren wohl gute zwei Stunden vergangen, ehe Karina wieder an der Haltestelle der Tram stand. Diesmal brauchte sie nur wenige Minuten zu warten.
‚Linie 1. Scheibensiedlung über Hauptbahnhof’. An der Endstation am Kaiserberg hatte der Schaffner die Schilder gewendet, so daß sie nun die andere Zielstation anzeigten. Karina raffte ihr Kleid und stieg auf die Plattform. „Einmal zum Besenhof, bitte.“
„Macht 10 Pfennige.“ Sie bezahlte ihren Groschen.

Hinter ihr hörte man eilige Schritte auf dem Straßenpflaster. Jemand kam angerannt, um die Tram noch zu erwischen. Der Wagenführer war so nett, noch auf ihn zu warten, dann sprang er auf. „Endstation, bitte“, verlangte er ein wenig außer Atem.
Karina erkannte die Stimme. Vorsichtig sah sie sich um und stellte fest, daß sie sich nicht getäuscht hatte. Sie erkannte auch das Gesicht. Der Schaffner übrigens auch. „Machen Sie das immer so?“, herrschte er den Fahrgast an. „Auf- und Abspringen während der Fahrt…“
„Aber diesmal stand der Zug ja noch“, stellte der Mann richtig.
Der Schaffner gab es auf. „Fünfzehn Pfennig, wenn Sie so nett wären.“
„Aber ja.“ Er bezahlte und betrat das Abteil. Es gelang ihm, einen Ausdruck von Überraschung in seine Gesichtszüge zu legen, obwohl Karina sich sicher war, daß er sie schon vorher erkannt hatte. „Welch ein Zufall, junges Fräulein, daß wir uns nun schon wieder begegnen.“ Er lüftete seinen Hut und deutete eine Verbeugung an.
Da in diesem Augenblick der Zug anfuhr, fiel die Bewegung etwas unglücklich aus, und er landete recht unsanft auf der Holzbank. Unwillkürlich mußte Karina lächeln, obwohl ihr nach den Worten des Arztes eigentlich nicht mehr danach zumute war.
Der Mensch war nun genau ihr gegenüber zu sitzen gekommen; ob mit oder ohne Absicht, ließ sich nach seiner akrobatischen Nummer nicht mehr mit Sicherheit entscheiden. „Wenn ich mich vorstellen darf: Ephraim Krohnstieg.“
Es wäre jetzt extrem unhöflich gewesen, ihn einfach abblitzen zu lassen, also rang sich Karina zu einer Antwort durch. „Schuchert.“ Den Vornamen ließ sie weg, der ging ihn nichts an. „Hören Sie, Herr Krohnstieg, ich habe momentan den Kopf voller Sorgen und bin absolut nicht für eine Konversation aufgelegt. Es wäre nett, wenn Sie mich in Ruhe lassen könnten.“
„Das tut mir furchtbar leid, Fräulein Schuchert, ich wollte auf keinen Fall aufdringlich wirken. Darf ich Ihnen dennoch meine Karte überreichen? Falls Sie einmal die Dienste eines Ingenieurs benötigen.“
Er wartete ihre Zustimmung nicht ab, sondern zog aus der rechten Westentasche – in der linken steckte die Uhr – eine Visitenkarte und drückte sie der Verblüfften in die Hand. Karina warf einen kurzen Blick darauf, dann steckte sie die Karte in den Ärmel. „Ich wüßte nicht, wofür ich die Dienste eines Ingenieurs bräuchte.“ Damit wandte sie den Blick von jenem Herrn Krohnstieg ab und verbrachte den Rest der Fahrt damit, konzentriert aus dem Fenster zu starren.
Am Besenhof mußte sie aussteigen. Da der andere bis zur Endstation gelöst hatte, würde er glücklicherweise sitzen bleiben. Karina stand auf und befand, daß er nach zwanzig Minuten eisernen Schweigens wenigstens noch ein Wort des Abschieds verdient hatte.
„Angenehme Weiterreise, Herr Ingenieur.“
Er neigte das Haupt und hob den Hut an. „Meine Verehrung.“
Ja, genau. Und was sie jetzt absolut nicht brauchen konnte, war ein Verehrer.
*
Als Doktor Welckers Einspänner mit hörbarem Rumpeln der Räder auf dem Pflaster vorfuhr, war es bereits dunkel. Karina und Sebastian hatten am Eßtisch gesessen und mehr oder weniger unkonzentriert in einer Zeitung geblättert. Schon ehe es läutete, sprang Karina auf. „Das ist der Doktor.“
Sie rannte nach unten und öffnete ihm die Tür. „Guten Abend, Herr Doktor Welcker.“
„Grüß Gott, Fräulein Karina.“ Er nickte ihrem Bruder zu, der auf halber Treppe stand. „Guten Abend, Herr Schuchert. Bringen Sie mich zur Patientin, bitte?“
Karina wies ihm den Weg die Stiege hinauf und drehte im Zimmer der Mutter das Gaslicht auf. „Mutter, der Herr Doktor Welcker ist da.“
„Hallo, Herr – Doktor.“ Auguste hustete. „Meinetwegen sollten Sie – eigentlich – gar nicht kommen. Aber meine – Tochter…“
„Schon gut, Frau Schuchert, nun bin ich da.“ Er wandte sich an Karina, während er seinen Arztkoffer aufklappte und ein Stethoskop herausnahm. „Lassen Sie mich jetzt bitte mit der Patientin allein.“

Zögernd kehrte Karina in ihre Wohnetage zurück. Von oben erklang nach einer Weile ein herzhaftes Lachen, gefolgt von einem Hustenanfall. Karina wußte nicht, was sie damit anfangen sollte. War das alles nicht ernst? Sollte sie sich Hoffnung auf eine Genesung Augustes machen?
Schließlich kam der Arzt wieder herunter.
„Und, wie geht’s ihr?“, fragte Sebastian.
Doktor Welcker schüttelte den Kopf. „Ich habe einen Schleimhautabstrich genommen und werde ihn nachher gleich noch untersuchen. Danach weiß ich mehr.“
„Wird sie wieder gesund?“, erkundigte sich Karina.
Der Arzt seufzte. „Fräulein Karina, ich bin Wissenschaftler. Ich versuche Hypothesen zu vermeiden, bis ich eine belastbare Theorie habe. Und die habe ich erst, wenn ich den Abstrich unter dem Mikroskop hatte.“
Entschlossen riß Karina Schal und Umhang aus dem Schrank und griff nach ihren Straßenschuhen. „Dann komme ich jetzt mit und setze mich in Ihrem Laboratorium hin, bis Sie ein Ergebnis haben. Noch eine Nacht halte ich die Ungewißheit nicht aus.“
Doktor Welcker schloß entsagungsvoll die Augen. „Dann kommen Sie, in Gottes Namen, mit. So spät fährt aber keine Tram mehr zurück.“
„Das ist mir egal. Dann gehe ich zu Fuß. Sebastian, ich fahr mit dem Doktor mit. Kannst hinter uns zusperren, ich hab einen Schlüssel.“
„Stell dir vor, i habs g’hert.“
Der Schlüssel drehte sich hinter ihnen im Schloß. Doktor Welcker trat zu seinem Pferd und klopfte ihm auf den Hals. „Es geht heim, alter Freund. Hast gleich Feierabend.“ Dann stieg er auf den Bock und half Karina herauf. Er löste die Bremse, schlenkerte mit den Zügeln, und das Pferd setzte sich in Bewegung.
„Ich habe gehört, daß Sie und meine Mutter gelacht haben, Herr Doktor. Gibt es noch etwas zu lachen?“, fragte Karina, während der Einspänner durch die nächtlichen Straßen rollte.
„Es gibt immer etwas zu lachen. Das Leben wäre traurig, wenn es nichts mehr zu lachen gäbe. Wir kamen auf den Tod zu sprechen und auf den Anteil, den wir Ärzte daran haben. ‚Kennen Sie die Grabinschrift des Doktor Wiechmann zu Greifswald?’ fragte sie. Da ich sie nicht kannte, zitierte sie sie mir: ‚Doktor Wiechmann, zu Greifswald verschieden, ruhet nun hier in ewigem Frieden. Durch seine Kunst verhalf er auch wacker den andern zu liegen auf diesem Acker.’ Da mußten wir beide lachen.“
Karina freute sich, daß ihre Mutter noch so guter Dinge war, konnte sich dem Lachen aber nicht anschließen. Außerdem kannte sie die Geschichte; sie ging auf eine Novelle Gruenenbergs zurück, und die Mutter hatte sie ihr auch irgendwann einmal erzählt. Sie informierte den Doktor darüber, daß jene Inschrift übrigens noch zwei Zeilen weitergehe, in denen die Bemühungen des Doktor Wiechmann um Scheintote gewürdigt wurden. Dann erlosch die Unterhaltung.
Einmal meinte sie, einen weiteren Hufschlag hinter sich zu hören als nur den vom Pferd des Doktors. Wer mochte da um diese nächtliche Stunde noch unterwegs sein? Ja, im Stadtzentrum, da gab es Theatervorstellungen und abendliche Gesellschaften, leicht fuhr da ein Gast mit einer Kutsche vor oder ab. Aber ein einzelner Hufschlag, ohne das Geräusch rollender Räder, und hier im Vorort?
Sie wandte sich um, meinte für einen Moment einen weißen Schemen zu sehen, der sich dann aber vor ihren Augen auflöste, ehe sie ihn fixieren konnte. Das kam davon. Sie hatten zuviel vom Tod geredet; jetzt begann sie Gespenster zu sehen.
„Haben Sie das auch gehört?“
„Was?“
„Als ob da hinter uns noch ein Pferd sei. Aber da ist keins.“
„Das ist unser Echo.“ Der Arzt war zweifellos ein Mann der Praxis und kein Freund der Superstition.
Eine Stunde später lehnte sich Doktor Welcker von seinem Mikroskop zurück und atmete tief. Karina, bis dahin mucksmäuschenstill auf einem Stuhl hockend, wagte es, sich wieder zu rühren. „Und?“
„Leider ja.“
„Was, ja?“
„Sie sind eigens mitgekommen, um es zu erfahren, also sollen Sie es hören: Bronchialkarzinom im fortgeschrittenen Stadium. Genau das hatte ich befürchtet. Ihre Mutter, Fräulein Karina, hat nicht mehr lange zu leben.“
Es folgte eine lange Minute des Schweigens. „Und da kann man nichts machen?“
„In einem früheren Stadium hätte ich vielleicht zu einer Kur im Radonstollen geraten. Aber dafür ist es jetzt viel zu spät.“
Ich bin schuld, dachte Karina. Ich hätte nichts auf Mutters notorisches Mißverhältnis zu Ärzten geben dürfen. Doktor Welcker mußte ihren Gedanken erraten haben. „Nein, Fräulein Karina. Sie können nichts dafür. Es war der Wille Ihrer Mutter, auch darüber haben wir gesprochen.“
„Worüber?“
„Daß man gehen muß, wenn die Zeit gekommen ist.“
„Kann man das nicht vielleicht operieren?“
„An der Lunge kann man nicht operieren. Sehen Sie, der Brustkorb steht unter Unterdruck und hält dadurch die Lunge gefüllt. Der Unterdruck wird vom Zwerchfell reguliert, wodurch die Lunge atmet. Wenn man aber den Thorax eröffnet, dringt der normale Luftdruck ein und die Lunge kollabiert.“
Sie senkt den Kopf. „Dann wird Mutter also sterben.“
„Wir alle werden sterben. Ich glaube, Ihre Mutter weiß längst, wie es um sie steht. Sie hat ihren Frieden mit Gott schon gemacht.“
„Warum hat sie dann aber uns gegenüber immer so getan, als sei alles in Ordnung?“
„Vermutlich aus dem gleichen Grunde, aus dem ich auch nichts sagen mochte. Sie wollte Sie nicht unnötig beunruhigen.“
„Wie überaus beruhigend“, seufzte Karina und erhob sich. „Dann kann ich ja jetzt gehen.“
Doktor Welcker schüttelte den Kopf. „Ich kann Sie jetzt nicht mitten in der Nacht mit dieser Nachricht allein nach Hause gehen lassen. Ich spanne nochmal an und fahre Sie heim. Das kostet auch nichts extra.“
*
Auch die letzte Stunde vor der Klassenarbeit konnte Alexandra nicht dazu bringen, ein paar ordentliche Beispielrechnungen in ihrem Heft zu notieren. Einige – jedenfalls für Außenstehende – kryptische Zahlen waren das ganze Ergebnis dieser Stunde. Und ein liebevoll gezeichneter Kopf eines Einhorns. Karina betrachtete es mit seelischen Bauchschmerzen, denn ein nachvollziehbar aufgeschriebener Lösungsweg war schließlich Teil der erwarteten Leistung.
„Alexandra“, sagte die Lehrerin abschließend zu dem Mädchen, „versuch‘ es wenigstens, Teile deiner Gedankengänge irgendwie aufzuschreiben. Und die Zeichnungen, die du sonst in der Luft machst, ausnahmsweise ins Heft zu malen.“
Inzwischen wußte Karina, daß das, was wie ein blödes Grinsen aussah, ein Ausdruck von Hilflosigkeit war. Neben Schiller hatten sich auch profanere Autoren dieses Themas angenommen. ‚Manch guter Geistesblitz verschwand, und war er noch so weise, schon auf dem Weg vom Hirn zur Hand, zu weit war ihm die Reise’, reimte der Kabarettist Erhard Heinze. Bei Alexandra verschwanden sie alle.
Es schellte zum Stundenende, und die Lehrerin mahnte abschließend: „Vergeßt morgen nicht: Federhalter, Tinte, Bleistift, Zirkel, Lineal.“ Ob Alexandra überhaupt einen Zirkel besaß, wußte Karina nicht. Gesehen hatte sie bei ihr noch nie einen. Ihre Kreise waren gedachte Kreise, keine gezeichneten. Womit sie an das platonische Ideal eines Kreises zweifellos weitaus näher heran kam als alle anderen.
Die Mitschülerinnen packten ihre Stifte und Hefte in die Ranzen. „Dürfen wir uns morgen wieder einen Glücksbringer mitbringen, Fräulein Schuchert?“, erkundigte sich Pauline.
„Wenn der Glücksbringer kein Spickzettel ist“, lächelte Karina.
„Wo denken Sie hin!?“, empörte sich die Schülerin.
Sie kannte das. Viele der Mädchen fühlten sich bei einer Klausur sicherer, wenn sie ein Stofftier oder ein Amulett vor sich auf den Tisch legen konnten. Dagegen war, zumindest aus Karinas Sicht, nichts zu sagen, auch wenn es wohl Kollegen gab, die so etwas in einer Zehnten als Kinderkram abtaten. Das Klassenzimmer leerte sich. „Alexandra, nun pack bitte dein Heft ein. Ich möchte auch Schulschluß haben.“
Alexandra würgte ihr Heft in den Ranzen. „Einhorn mitbringen?“
Karina hob die Augenbrauen. „Du möchtest dein Einhorn als Glücksbringer dabei haben?“
Alexandra nickte. Karina entschied, daß neben materiellen auch eingebildete Talismane zugelassen waren. „In Ordnung.“
„Sorgen“, sagte Alexandra und sah Karina ernst an.
„Wieso Sorgen? Wegen deines Einhorns?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Du.“
„Ich habe Sorgen, meinst du?“ Karina seufzte. „Ja, da magst du recht haben. Aber das sind nicht deine.“
In der Nacht hatte die Mutter Fieber bekommen. Doktor Welcker hatte davor gewarnt. Ständiges Liegen, dazu nur noch flaches Atmen, das brachte die Gefahr einer Lungenentzündung mit sich. Außer kalten Wadenwickeln gegen das Fieber konnte man dabei nichts tun.
„Dünne Haut“, sagte Alexandra.
„Was für eine Haut?“
„Deine.“
„Geh jetzt nach Hause“, schloß Karina. „Lern für die Arbeit.“
„Kann alles“, behauptete das Mädchen.
Meine Haut? Dünn? Es erschloß sich Karina nicht, was Alexandra damit gemeint haben konnte.
*
In der Pause hatte Karina die Aufgaben der Klassenarbeit an die Tafel geschrieben und durch deren Seitenflügel verdeckt. Als es zur Stunde läutete, war sie fertig. Die Mädchen betraten den Klassenraum, ausgerüstet mit Plüschtier, Hühnergott oder Heiligenbildchen, je nach Vorliebe. Alexandra trat als letzte ein, ihr Einhorn führend. Das heißt, man sah kein Einhorn, aber die Handhaltung Alexandras bewies eindeutig, daß sie etwas führte. Offenbar blieb das unsichtbare Fabelwesen neben ihrem Platz am Gang stehen.
„Ist das dein Einhorn?“, erkundigte sich Julia. Karina versuchte, im Tonfall so etwas wie Spott zu erkennen, aber es klang wie echte Begeisterung. Besonders, als Julia hinzufügte: „Das ist ja süß. Darf ich es streicheln?“
Da Alexandra nickte, griff Julia ins Leere und streichelte das Phantom. Einige andere Mädchen kicherten.
„Das reicht“, mahnte die Lehrerin, „ihr verliert Zeit. Guten Morgen.“
„Guten Morgen, Fräulein Schuchert.“
„Setzt euch bitte. Nehmt euer Schreibzeug heraus. Simone verteilt bitte die Arbeitshefte.“
Nach dem Austeilen der Hefte klappte Karina die Tafel auf. „Los geht’s.“ Sie hatte die Aufgaben nach Schwierigkeitsgrad gestaffelt, mit den leichten beginnend. Die erste Aufgabe verlangte lediglich eine Zeichnung eines rechtwinkligen Dreiecks und die Aufzählung der Satzgruppe des Pythagoras. Damit fertigten die Schülerinnen sich, wenn man so wollte, als allererstes einen Spickzettel an, der die relevanten Formeln enthielt, so daß sie sie für die restlichen Aufgaben benutzen konnten. Es gab zwar bisweilen welche, die die Formeln bei Aufgabe 1 richtig aufschrieben und hinterher trotzdem mit falschen rechneten. Aber denen war dann nicht zu helfen.
Im Falle Alexandras rechnete Karina mit ganz anderen Schwierigkeiten. Sicherlich beherrschte sie die Formeln. Oder das, was in der Welt ihrer ideellen Vorstellung diesen Formeln entsprach. Dinge, die nicht a, b und c hießen, sondern ‚dies’, ‚dies’ und ‚dies’. Wobei die gemeinten Stücke dann vielleicht in der Phantasie des Mädchens farbig aufleuchteten oder verschiedene Töne von sich gaben; das hatte Karina nie wirklich begriffen. Aber wie man so etwas zu Papier bringen sollte, wußte Karina auch nicht.
Ihrer Gewohnheit entsprechend, ging sie während der Arbeit durch den Mittelgang und warf prüfende Blicke nach links und rechts, um eventuelle unerlaubte Hilfsmittel zu entdecken. Dabei kam sie an Alexandras Platz. Sie verspürte ein inneres Widerstreben, an die Schülerin heranzutreten, denn hier stand ja das Einhorn. Durfte sie einfach das Einhorn betreten? Sie entschied sich dagegen, womöglich würde sie damit das Mädchen schockieren und vollends aus der Fassung bringen. Aus zwei Schritten Entfernung – und damit durch das Einhorn hindurch – erkannte sie, daß Alexandra tatsächlich ein Dreieck gezeichnet hatte. Ohne Lineal. Natürlich. Vermutlich hatte sie es zuhause vergessen. Außerdem brauchte sie keins. Ihre gedachten Geraden waren mit Sicherheit gerader als eine gezeichnete jemals sein konnte. Die Beschriftungen fehlten allerdings auch. Dies zum Quadrat plus das zum Quadrat ist jenes zum Quadrat, dachte Karina verzweifelt, dann ging sie, das Einhorn höflich umrundend, weiter.

Die Aufgaben, mit Ausnahme der ersten, stammten aus dem Lehrbuch. Zum Lehrbuch gab es einen – nur für Lehrer erhältlichen – Lösungsband. Karina schlug auf ihrem Pult den Lösungsband auf und überprüfte noch einmal die Lösungen der gestellten Aufgaben. Der Lösungsband hatte sich als unzuverlässig erwiesen, er enthielt Fehler. Aus diesem Grunde war es sinnvoll, die Aufgaben nachzurechnen. Während die Mädchen rechneten, tat also die Lehrerin das gleiche. Natürlich war sie schneller fertig als ihre Schülerinnen. Als sie anschließend wieder einen Rundgang durch die Reihen machte, stellte sie fest, daß Alexandra ihr Heft zugeklappt hatte.
„Schon fertig?“, flüsterte Karina.
Das Mädchen nickte. Das ließ Schlimmes befürchten. Im Extremfall lauter richtige Lösungen ohne Lösungsweg.
Schließlich läutete es; Karina ließ die Hefte einsammeln, verabschiedete sich und begab sich mit dem Stapel ins Lehrerzimmer.
*
„D‘ Mutta gehts net gut. Sie red’t im Fieber“, begrüßte sie ihr Bruder, als sie am Nachmittag nach Hause kam.
Karina ging nach oben und legte ihre Tasche im Zimmer der Mutter ab. Am besten, sie erledigte die Korrektur der Klassenarbeit am Tisch hier oben, dann konnte sie dabei in der Nähe Augustes bleiben.
„Guten Tag, Mutter.“
Auguste sah mit leeren, fieberglänzenden Augen durch sie hindurch.
„Du mußt – das Wehr schließen, Hermann“, flüsterte sie.
Offenbar sprach sie mit ihrem Mann, Karinas Vater, der längst nicht mehr lebte. Ein Unfall in der Sägerei hatte ihn das Leben gekostet.
Das Wehr. Karina erinnerte sich. Bei der Sägemühle hatte es ein Wehr gegeben, um das Wasser im oberen Mühlteich aufzustauen. Wenn man es öffnete, strömte das Wasser auf das Mühlrad und trieb so das Sägewerk an. Zum Abend schloß man es, damit sich am nächsten Tag wieder Wasser aufgestaut hatte. Nach einer Schülerin mit nicht existierendem Einhorn sprach ihre Mutter jetzt mit einem nicht existierenden Mann.
„Das Wehr ist zu, Mutter. Es ist alles in Ordnung“, versicherte ihr Karina. „Hier, trink etwas.“
Sie setzte ihr einen Becher mit Wasser an die Lippen, und Auguste nahm einen großen Zug. „Danke, Hermann.“
„Bitte. Ich geh jetzt Essen kochen, und dann komme ich wieder.“
„Sind die – Kinder daheim?“
„Ja, Mutter. Ich bin da, und Wastl ist unten.“
„Gut“, seufzte Auguste und sank erschöpft zurück.
Die Krankheit zehrte die Mutter aus, aber vom Essen war nichts in sie hineinzubekommen. Sie machte den Mund einfach nicht auf. Vielleicht ist es besser so, dachte Karina, es würde die Quälerei nur unnötig in die Länge ziehen. Im nächsten Augenblick schalt sie sich für den Gedanken. Sie konnte sich doch nicht Augustes Tod wünschen. Und doch – hatte nicht Doktor Welcker gesagt…?
„Wenn du etwas brauchst – ich bin hier, Mutter.“ Karina räumte das Geschirr weg, dann setzte sie sich an Mutters Tischchen, schob einen Blumenstrauß beiseite und begann mit der Korrektur der Mathematikarbeiten.
Es drängte sie, Alexandras Heft zu sehen. Aber sie beherrschte sich. Die Versuchung war zu groß, anhand von Alexandras Leistung den Bewertungsschlüssel so zu manipulieren, daß das Mädchen wenigstens kein ‚mangelhaft’ erzielte. ‚Messen Sie keinen Schüler an den anderen, sondern jeden an den Anforderungen’, hatte man ihr im Lehrerseminar beigebracht, ‚sonst wird ein Einäugiger unter lauter Blinden zum König und unter lauter Zweiäugigen zum Bettler. Und das wäre ungerecht.’
Gerechtigkeit? Was war Gerechtigkeit? Gab es Gerechtigkeit im Wettlauf zwischen Hase und Igel? Gerechtigkeit gab es bestenfalls vor Gottes Thron. In dieser Welt hingegen war das Äußerste, das man erreichen konnte, daß man seine Ungerechtigkeit gerecht verteilte. Seufzend schlug Karina das erste Heft auf, von Augustes schwerem und rasselnden Atem begleitet.
Nach ungefähr zwei Stunden erreichte sie das Heft Alexandras. Aufgabe 1. Das Dreieck. Inzwischen war es beschriftet. Nicht mit a, b und c. Was da stand, waren für Karina kryptische Zeichen, Hieroglyphen, Runen, chinesische Schriftzeichen. Stimmt, das Mädchen hatte seine ersten Lebensjahre in China verbracht, oder jedenfalls im Einflußbereich chinesischer Kultur. Vielleicht bedeuteten die Zeichen ja ‚dies’, ‚das’ und ‚jenes’, vielleicht auch ‚Sonne’, ‚Mond’ und ‚Sterne’.
Leider waren sie sehr undeutlich geschrieben, soweit jemand, der der chinesischen Schrift nicht mächtig war, es überhaupt beurteilen durfte. Daneben standen tatsächlich Formeln, in denen die Zeichen ebenfalls vorkamen. Karina machte sich die Mühe, die Symbole zu vergleichen und stellte fest, daß die Sätze richtig wiedergegeben waren. Sie entschloß sich, die Aufgabe als richtig zu bewerten.
Aufgabe 2. Berechne den arithmetischen, geometrischen und harmonischen Mittelwert der Zahlen 20 und 5. Die Lösung stimmte: 12,5 und 10 und 8. Offenbar hatte sie es im Kopf berechnet. Man mußte zugeben, daß selbst der Lösungsband keinen Rechenweg angab, weil es mehr oder weniger trivial war. Richtig, Rechnung fehlt. Halbe Punktzahl.
Aufgabe 3. In einem halbkreisförmigen Straßentunnel ist die Fahrbahn 4,5 m breit, daneben befindet sich auf beiden Seiten ein Gehsteig von 1,5 m Breite. Wie hoch darf ein Fuhrwerk höchstens sein, damit es den Tunnel noch passieren kann, wenn es hart an der Kante des Gehsteigs fährt? Alexandra hatte sich die Mühe gemacht, eine Skizze anzufertigen und die bekannten Längen mit Maßzahlen zu beschriften. Die Rechnung war so knapp wie im Lösungsbuch, das sich ja auch jeweils auf das Wesentliche beschränkte. Wurzel aus 6 mal 1,5. Ergibt 3 Meter. Es stand sogar dabei: ‚Höhensatz’. Und gar nicht auf chinesisch. Richtig, volle Punktzahl.
Die vierte Aufgabe war die schwierigste, und die meisten Schülerinnen hatte sie entweder gar nicht oder falsch gelöst. Alexandras Ergebnis war ebenfalls falsch. Merkwürdig, bei ihr hatte sie eigentlich ein richtiges Ergebnis erwartet, wenn auch wahrscheinlich ohne sichtbare Rechnung. Das führte dazu, daß Karina selbst noch einmal Schritt für Schritt nachrechnete. Um festzustellen, daß das Lösungsbuch hier fehlerhaft war. Der Autor hatte die beiden Katheten vertauscht, was auf den ersten Blick nicht auffiel. Alexandras Lösung war richtig. Und damit auch die Lösungen von fünf anderen Schülerinnen, die sie bereits als falsch angestrichen hatte. Peinlich, aber sie mußte sich die Hefte noch einmal vornehmen und die Bewertung nachbessern.
*
Karinas nächster Schultag dauerte bis in den Abend, da auf den Nachmittag eine Dienstversammlung anberaumt war. Vormittags hatte sie die Klassenarbeiten in der Zehnten korrigiert zurückgegeben. Sie besaß den Ehrgeiz, Arbeiten immer von einem Tag auf den anderen zurückzugeben, das war sie den Kindern schuldig. Selbst wenn sie dazu die Korrektur am Bett der sterbenden Mutter durchführen mußte. Alexandra hatte, wegen der sparsamen Lösungswege, nur die Note ‚befriedigend’ erhalten, hatte aber einen Anflug von Freude über dieses Ergebnis im Gesicht gezeigt. Niemand freute das wiederum mehr als Karina. Für ihre Verhältnisse war Alexandra geradezu über sich hinausgewachsen, wenn man ihre Leistung im Verhältnis zu dem aus dem Unterricht Gewohnten sah. Vielleicht war ja noch Hoffnung.
In der Dienstversammlung mußte sich Karina, ebenso wie alle anderen Kolleginnen und Kollegen, über die Auswirkungen der Zweiten Orthographischen Konferenz auf die Rechtschreibung informieren lassen. Die Frage, ob sie und ihre Schülerinnen nun wieder Geld für neue Bücher würden ausgeben müssen, lag Karina auf der Zunge, aber sie schluckte sie herunter. Die Frage stand einer ewigen Studienassessorin wie ihr sicherlich nicht zu. Allerdings fragte auch von den Räten und Professoren niemand nach. Was aus dem Ministerium kam, war so gut wie göttlicher Wille, da gab es nichts zu hinterfragen. Höchst ausführlich mit allem Für und Wider diskutiert wurde hingegen der Vorschlag, für Klausuren einen speziellen Raum mit Einzeltischen einzurichten, um damit der Unsitte des Abschreibens entgegenzuwirken. Kosten, pädagogischer Nutzen, organisatorische Probleme. Damit konnte man einen Nachmittag verbringen.
Als sie das Haus erreichte, dämmerte es bereits. Aus der Werkstatt ihres Bruders war kein Geräusch zu vernehmen. Sie fand Sebastian in der ersten Etage, wo er aus dem Fenster starrte. Was nicht seine Art war. Beunruhigt trat sie auf ihn zu. „Was ist?“
„Na was? Mit d‘ Mutta geht’s halt z’end. Hab den Pfarrer g’holt, er is grad oben bei ihr.“
Karina stellte ihre Tasche auf den Tisch und schlich die Treppe nach oben. In der Tür blieb sie stehen, betete im Geiste das Vaterunser mit und versuchte sich die Konsequenz klarzumachen. Sie stirbt. Es war abzusehen gewesen, und es war trotzdem schrecklich. Der Pfarrer wandte sich um, nickte ihr zu. Dann ging er wortlos an ihr vorbei, drückte ihr nur die Hand, als wolle er schon kondolieren.
An seiner Stelle trat Sebastian ein. „Is sie scho…?“
Karina warf ihm einen tadelnden Blick zu. „Wirst es erwarten können.“
„Mutter, wir sind hier. Karina und Wastl.“
Auguste atmete flach und mit Aussetzern. Karina lauschte bang auf ihre Atemzüge. Die Lippen der Mutter bewegten sich, Karina beugte sich über sie, um etwas zu verstehen. „Hermann, bring – mein Kleid. Das gute. Ich – geh aus.“
Wohin willst du gehen? wollte Karina fragen, aber sie wußte es.
Mutter hatte eine Verabredung. Die letzte und größte ihres Lebens. Sie ging zum Schrank und nahm das Sonntagskleid heraus, legte es der Mutter aufs Bett. Die Hände der Frau umschlossen den Stoff, und Karina legte die ihren darauf. Und dann setzte Augustes Atem aus und kam nicht wieder.
Karinas Augen füllten sich mit Tränen, die Kehle fühlte sich zugeschnürt an. „Sie ist gegangen“, brachte sie mühsam hervor, dann begann sie hemmungslos zu schluchzen.

„Ja“, sagte Sebastian, nestelte ein schmuddeliges Taschentuch aus seiner Hosentasche und schneuzte sich sehr ergiebig. Karina registrierte es am Rande und fand es beruhigend, daß sogar ihr Bruder Emotionen zeigen konnte.
„Ma muß des Fenster aufmach’n, daß d‘ Seel ’naus kann“, erinnerte sich Sebastian nach einer Weile an einen alten Volksglauben. Karina zuckte mit den Schultern, woraufhin ihr Bruder seinen Vorschlag in die Tat umsetzte. Zumindest war es nicht verkehrt, einmal zu lüften.
Eine halbe Stunde hockten sie gemeinsam am Bett der Toten, während nichts weiter passierte, als daß es draußen dunkel wurde. „Wir müssen ’n Dokter holn, fürn Totenschein“, stellte Sebastian schließlich fest.
„Ich geh“, entschied seine Schwester. „Du kannst derweil in die Werkstatt gehen und den Sarg herrichten.“ Tatsächlich standen die Bretter für den Sarg der Mutter seit fünf Jahren im Lager bereit, fertig zugeschnitten; Auguste hatte sich das Holz und die Beschläge damals selbst ausgesucht. Jetzt mußten sie nur noch zusammengesetzt werden.
Karina nahm sich Schal und Umhang und machte sich auf den Weg. Die Tram fuhr um diese Zeit nur noch bis zum Paradeplatz und bediente die Vororte nicht mehr. Der Rest war eine halbe Stunde Fußweg. Karina wußte, daß man ein paar Schritte sparen konnte, wenn man von der Hauptstraße abbog und durch einige enge Gassen abkürzte. Sie schlug diesen Weg ein, ohne darüber nachzudenken. Zum Nachdenken war sie in ihrer momentanen Verfassung ohnehin nicht in der Lage.
Die Beleuchtung war spärlich, und aus dem allgegenwärtigen Schatten heraus trat plötzlich eine dunkle Gestalt auf sie zu. Es traf Karina überraschend und sie zuckte zusammen. Die Gestalt war nicht nur dunkel mangels Beleuchtung, sondern leider auch von der Gesinnung her. Der Mann hielt sie am Mantel fest. Ein Messer blitzte auf. „Jeben se mich dat Jeld und dem Schmuck, denn sind se mir los“, empfahl er.
Karina stellte fest, daß sie ohne weiteres bereit war, der Empfehlung Folge zu leisten; alles andere wäre in ihrer Situation Irrsinn gewesen. In diesem Augenblick hallte der Hufschlag eines Pferdes in der Gasse wider, gefolgt von einem Schnauben. Irritiert wandte der Räuber den Kopf dorthin, von wo er einen berittenen Gendarmen erwarten mochte. Die Ablenkung genügte Karina, sich loszureißen und ihr Heil in der Flucht zu suchen. Als sie sich kurz umwandte, war zwar kein Pferd oder Reiter zu sehen, aber ihr Angreifer lag am Boden. Vermutlich war er gestolpert. Mit keuchendem Atem rannte sie die Gasse zurück bis zur Hauptstraße, wo sie fast von einer Kutsche überfahren worden wäre. Das Pferd bäumte sich auf, als der Kutscher es durch ein heftiges Reißen am Zügel zum Stehen brachte. „He, Fräulein…! Nu mal langsam!“
Karina, nachdem sie den Schrecken überwunden hatte, erkannte, daß es eine Droschke war. „Nehmen Sie mich bitte mit! Jemand verfolgt mich!“
„Steigen Sie ein.“
Obwohl sie den Ganoven vermutlich abgehängt hatte, der das Licht der Hauptstraße scheuen dürfte, beeilte sie sich, in die Kabine zu klettern. Erst als der Wagen rollte, fühlte sie sich sicher. Der Kutscher wandte sich nach hinten. „Wohin soll’s gehen?“
Karina nannte die Adresse von Doktor Welcker. Nachdem ihre Nerven aufgehört hatten zu flattern, wurde ihr bewußt, daß sie jetzt innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Male einem Geisterpferd begegnet war, das sie zwar gehört, aber nicht gesehen hatte. Die Frage, ob es beide Male der gleiche Geist gewesen sei, implizierte allerdings die Voraussetzung, daß es überhaupt Geister gab. Das zuzugestehen, war Karina jedoch immer noch nicht bereit.
Der Rückweg verlief ohne derartige Begegnungen, der Doktor nahm Karina in seinem Einspänner mit.
*
Am Samstagmorgen, noch vor dem Unterrichtsbeginn, mußte Karina wohl oder übel beim Schulleiter vorstellig werden. Ja, sie kannte den Spruch: ‚Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst.’ Sie kannte ihn von der Mutter, und es war doppelt bitter, daß sie nun genau ihrer Mutter wegen hier ungerufen das Allerheiligste betreten mußte.
„Fräulein Schuchert?“ Doktor Hartriegel fragte nicht einmal nach ihrem Begehr. Vermutlich sparte er sich die Worte in der Überzeugung, daß sie ihr Anliegen schon von selbst vortragen werde.
„Herr Doktor Hartriegel, ich wollte bitten … ob ich am Montag frei bekommen könnte. Es…“
„Ganzen Montag? Wieder Zahnschmerzen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Es handelt sich um die Beerdigung meiner Mutter.“
„Ah. Spreche Beileid aus. Beerdigung nicht nachmittags möglich?“
„Leider nein. Ich habe mich bemüht, aber der Pfarrer möchte den Trauergottesdienst am Vormittag halten.“
„Betroffener Unterricht?“
„Zwei Stunden Zeichnen, vier Stunden Mathematik.“
„Unmöglich“, knurrte Hartriegel.
„Ich könnte den Klassen heute Aufgaben stellen, die sie am Montag bearbeiten müssen. Dann wäre die Zeit nicht verloren.“
Die Miene des Direktors hellte sich ein wenig auf. „Begrüße das. Jede Stunde zählt.“
„Dann darf ich es also so machen und kann am Montag zur Beerdigung gehen?“
Der Schulleiter nickte. „Genehmigt. Ausnahmsweise.“
„Vielen, vielen Dank, Herr Doktor Hartriegel.“ Karina zog sich mit einem Knicks zurück. Ausnahmsweise, dachte sie grimmig. Mein Vater ist schon tot, und meine Mutter stirbt sicherlich nicht noch einmal. Und zu meiner eigenen Beerdigung werde ich seine Erlaubnis hoffentlich nicht mehr brauchen. Es wird also ganz bestimmt eine Ausnahme bleiben.
Sie begrüßte ihre Klasse und forderte die Mädchen auf, sich zu setzen. Sie hatte sich entschlossen, ihnen die Mitteilung gleich zu Beginn zu machen, damit sie es am Ende der Stunde nicht womöglich in Eile erledigen mußte. „Meine Damen, am Montag werde ich in der Mathematikstunde nicht da sein. Eine Vertretung konnte der Herr Direktor leider nicht organisieren…“
Jemand, den sie nicht genau lokalisieren konnte, flüsterte der Nachbarin zu: „Dann fällt Mathe ja aus!“
„Ich muß euch enttäuschen. Ich werde euch jetzt eine Stelle im Buch anschreiben, die Aufgaben bearbeitet ihr bitte am Montag allein. Ihr dürft euch dabei gern gegenseitig helfen. Nur der Deutlichkeit halber: Helfen heißt helfen und nicht abschreiben. Sollten zum Beispiel alle den gleichen Fehler machen, dann ist etwas schiefgegangen. Beim gegenseitigen Helfen müßte wenigstes eine von euch den Fehler entdecken.“
„Lexa, das ist dein Part“, grinste Julia.
„Bitte Ruhe. Ich habe Frau Zink, die in der Stunde nebenan Unterricht hat, gebeten, zwischendurch einmal nach euch zu sehen. Wie ich euch kenne, wird sie keinen Grund zur Klage haben.“ Sie ging zur Tafel und schrieb: ‚Seite 173, Aufgaben 1 – 5.’
Pauline meldete sich zaghaft. „Ist das nicht etwas viel für eine Stunde.“
„Kein Grund zur Panik“, beruhigte sie die Lehrerin. „Die Aufgaben sind einfach. Und das bißchen, das ihr nicht schafft, ist dann eben Hausaufgabe.“
„Fräulein Schuchert, warum sind Sie denn am Montag nicht da?“, wollte Maria wissen.
Karina seufzte. „Es ist eine Familienangelegenheit.“
Alexandra sah sie ernst an. „Traurig“, sagte sie leise.
Ja, zum Teufel, traurig. Hatte sie sich so wenig unter Kontrolle, daß das Mädchen es ihr an der Nasenspitze ansah? Andererseits gab es wirklich keinen Grund, es zu verheimlichen. Es gehörte zum Leben dazu, und die Mädchen waren alt genug. „Ja, es ist eine traurige Familienangelegenheit. Meine Mutter wird beerdigt.“
„Oh“, machten einige Schülerinnen.
Simone stand auf. „Fräulein Schuchert, als Klassensprecherin möchte ich Ihnen im Namen der Klasse unser aller herzlichstes Beileid versichern.“
„Danke“, murmelte Karina. Nein, sie hatte sich in ihren Mädchen nicht getäuscht, und sie verspürte eine Träne der Rührung in ihrem Augenwinkel.
Nichtsdestoweniger mußte sie heute im Lehrstoff noch so weit kommen, daß die Schülerinnen am Montag die Aufgaben lösen konnten. Sie holte tief Luft. „Wir hatten eine Formel für den Kreisumfang kennengelernt. Wie lautete diese? Marieke?“
„Umfang gleich Durchmesser mal Pi.“
„Richtig. Heute kommen wir zu einer Formel für den Flächeninhalt eines Kreises. Dazu schlagt ihr bitte im Buch…“
Alexandra hatte den Arm in der Luft. Nicht um sich zu melden, sondern um, wie üblich, zu zeichnen.
„…Seite 172 auf. Dort findet ihr eine Zeichnung, die Alexandra gerade in die Luft malt. Alexandra, hast du es raus?“
Das Mädchen las seine Zeichnung vor, wobei zu spüren war, wie sich die Figur schrittweise entwickelte. „Einmal rum – mal so – dann durch zwei“. Mit ‚einmal rum’ war offenbar der Kreisumfang gemeint, und bei ‚so’ malte der Finger den Radius nach. Da auf diese Weise ein Rechteck entstanden war, man aber nur ein Dreieck brauchte, war es logisch, am Ende noch durch zwei zu dividieren.
„Stimmt“, nickte Karina. „Schlagt bitte trotzdem das Buch auf.“
Als Karina im Verlaufe der Stunde wieder einmal gewohnheitsmäßig durch die Klasse ging und an Alexandras Platz verharrte, um deren weitgehend leeres Heft zu betrachten – es schien heute kein Einhorn dort zu stehen – sah das Mädchen zu ihr auf. „Montag bei dir.“
„Das ist lieb von dir, Alexandra, aber du kannst am Montag nicht zur Beerdigung kommen. Du hast Unterricht.“ Zumal die anderen sich offenbar darauf verließen, daß Alexandra ihre Fehler bemerken würde, dachte Karina – trotz allem mit einer gewissen Erheiterung.
*
Die Anzahl der Trauergäste in der Friedhofskapelle hielt sich in Grenzen. Schwester und Neffe der Mutter, ein Bruder des Vaters. Ein paar Nachbarn und Bekannte, letztere vermutlich nur wegen der Aussicht auf einen Leichenschmaus erschienen, aber immerhin in feierlichem Schwarz. Und, was Karina ihm hoch anrechnete, Doktor Welcker war gekommen. Er hatte zwar eigentlich Sprechstunde, und er würde auch nicht zum Essen bleiben, aber er hatte seine Praxis für zwei Stunden geschlossen, um seiner ehemaligen Patientin die letzte Ehre zu erweisen. „Sie wissen ja“, hatte er gesagt, „durch seine Kunst verhalf er auch wacker den andern zu liegen auf diesem Acker.“ Makaber, gewiß, aber als Arzt war er täglich mit Krankheit und Tod konfrontiert, vielleicht mußte man da so werden; sie sah es ihm nach.
Sebastian trug den vom Vater geerbten Gehrock, seit damals nie benutzt, und dazu seine Arbeitshose, mit der er sonst in der Schreinerwerkstatt schaffte. Ein etwas befremdlicher Anblick, aber angesichts von Gottes Ewigkeit eine weltliche Lappalie. Der Pfarrer hatte sie gefragt, ob sie sich ein besonderes Lied oder Bibelzitat wünschten. Sie hatten sich auf ‚Jesus, meine Zuversicht’ geeinigt. Genauer: der Pfarrer hatte es ihnen aufgedrängt, weil die Auswahl an Liedern, die sich für eine Beerdigung eigneten, im Gesangbuch nicht so groß war. Und predigen könne er über Psalm 90.
Der Gottesdienst rauschte an Karina vorbei wie ein Zug, während sie an der Bahnschranke stand. Die Predigt erweckte den Eindruck, als ob er sie schon einige Dutzend Male gehalten hatte. Vermutlich wurde Psalm 90 immer gern genommen. Vanitas vanitatum. Die Trauergäste schritten an ihnen vorüber und drückten ihnen mit angemessen ernster Miene die Hand.
Dann wurde der Sarg auf den Kirchhof hinausgetragen. Passend zum Anlaß regnete es in Strömen. Letzte Worte am offenen Grab, Blumen, eine Schaufel Erde, mit einer Hand den Regenschirm haltend. Und dann war es endlich vorbei.
In fröhlicher Unterhaltung begriffen, ging die Gesellschaft in Richtung des strategisch günstig gegenüber der Friedhofspforte gelegenen Wirtshauses. Karina hatte noch am Grab verharrt und folgte als Letzte. Dann rissen plötzlich die Wolken auf und die Sonne brach durch. Sie stach ihr blendend ins Gesicht. Einer Eingebung folgend wandte sie sich um – obwohl es vermutlich auch irgendeinen Aberglauben gab, der davon abriet.
Halb hatte sie es erhofft: Über dem Kirchhof wölbte sich ein prachtvoller Regenbogen. Danke, Mutter, dachte sie. Das soll wohl heißen, daß deine Seele jetzt da oben angekommen ist. Sie wollte ihren Bruder, der mit den Trauergästen vorangegangen war, zurückrufen, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Aber dann sah sie noch etwas. Zwischen den Gräbern, genau unter dem Regenbogen, stand ein Pferd. Ein im Sonnenlicht glänzend weißer Schimmel. Karina fand es stillos, den Gottesacker zu Pferd zu betreten und fragte sich, wer wohl diese Dreistigkeit besitzen könne; denn auf dem Rücken des Pferdes saß ein Reiter. Das heißt – obwohl jene Gestalt nicht im Damensitz auf dem Tier saß, hatte sie den deutlichen Eindruck, daß es sich um eine Frau handelte, in einem weiten weißen Mantel. Dann wandte sich das Pferd zur Seite – oder seine Reiterin lenkte es dorthin – und schritt langsam in einen Seitenweg, wo es gleich darauf von den Bäumen verdeckt wurde. Nur für einen Augenblick zeichnete sich der Kopf klar im Blättergewirr ab. Auf der Stirn trug dieses Pferd ein Horn!

Karina blinzelte, um das Trugbild zu verscheuchen. Was ihr gelang, denn im nächsten Moment war die Erscheinung verschwunden. Das Geisterpferd, dachte sie. Zweimal habe ich es gehört, jetzt habe ich es sogar gesehen. Begann sie jetzt den Verstand zu verlieren?
Am Tor wartete eine deutlich weniger geisterhafte Erscheinung auf sie, mit der sie gleichwohl ebenfalls nicht gerechnet hatte. Ephraim Krohnstieg, der Herr Ingenieur, den sie neulich in der Tram kennengelernt hatte. Sein Hut war so naß wie sein Ulster, demnach hatte er hier schon eine Weile gestanden.
Ungeachtet dessen lüftete er höflich seine Kopfbedeckung und deutete eine Verbeugung an. „Ich bitte um Vergebung, Fräulein Karina, daß ich hier so hereinplatze. Aber ich wollte nicht versäumen, Ihnen mein aufrichtiges Beileid auszusprechen.“
Sie mußte ihn mit dem gleichen fassungslosen Blick angesehen haben, mit dem sie eben noch das Einhorn bedacht hatte. Wieso kannte er ihren Vornamen? Hatte sie sich damals nicht nur mit ‚Schuchert’ vorgestellt? Und woher wußte er von der Beerdigung? Aber dafür konnte es viele Gründe geben. Sie hatte schließlich weder das eine noch das andere geheimgehalten und sogar eine Annonce aufgegeben.
„D-danke“, stammelte sie.
„Würde es auf Sie aufdringlich wirken, wenn ich mir erlaube, Sie für die nächste Woche zu einem Abendessen einzuladen? Sie machen jetzt gewiß eine schlimme Zeit durch, und es wäre mir eine Ehre, Sie einmal auf andere Gedanken zu bringen.“
Natürlich war das aufdringlich. Es war eigentlich sogar extrem aufdringlich. Aber möglicherweise war es gar nicht so gemeint. Es war ja nicht so, daß der Mensch ihr von Grund auf unsympathisch war. Er war von guten Manieren und von ausgesuchter Höflichkeit. Freilich, eine Woche nach der Beerdigung der Mutter mit jemandem essen zu gehen, mochte schon der eine oder andere als pietätlos betrachten, einschließlich ihrer selbst.
„In der Trauerzeit? Also, ich weiß nicht…“
„Fühlen Sie sich bitte nicht gedrängt. Wenn Sie es sich überlegt haben – Sie haben ja meine Karte. Auf der Rückseite ist das Hotel notiert, in dem Sie mich zur Zeit erreichen.“
„Karina, wo bleibst denn?“, hörte sie von weitem die Stimme ihres Bruders.
„Ich komm schon!“ Sie wandte sich an Krohnstieg. „Sie entschuldigen mich. Die Trauergesellschaft wartet auf mich.“
„Selbstverständlich. Und entschuldigen Sie nochmals mein unangekündigtes Erscheinen.“ Verneigung und kurzes Anheben des Hutes. Damit wandte er sich zum Gehen, und Karina eilte, um den anderen in die Wirtschaft zu folgen.
„Wer war’n der Lackl da vorhin?“, erkundigte sich etwas später Sebastian, als sie beieinander an der Tafel saßen.
Offenbar paßte ihrem Bruder schon wieder etwas nicht. Wollte er ihr vorschreiben, mit wem sie zu reden hatte? „Ich hab ihn neulich in der Tram kennengelernt. Krohnstieg heißt er, ein Ingenieur ist er.“
„Was willst’n mit’m Inschinör?“
„Vielleicht ist das gar nicht verkehrt. Wir müssen uns um die Mühle kümmern. Die gehört jetzt uns. Da könnte der Rat eines Ingenieurs hilfreich sein.“
*
„Na, meine Lieben, wie weit seid ihr mit den Aufgaben gekommen, die ihr gestern lösen solltet?“
Simone, die Klassensprecherin, stand auf. „Fräulein Schuchert, wir haben fast alles geschafft, nur die Aufgabe mit dem Kreisring haben wir nicht hinbekommen. Lexa hat versucht, es uns zu erklären, aber wir haben es nicht verstanden.“
„Na gut. Vergleichen wir erst einmal die Lösungen der übrigen Aufgaben.“
Das war innerhalb weniger Minuten erledigt, die Lösungen waren im wesentlichen richtig. „Dann laßt uns noch einmal zu dem Kreisring kommen. Habt ihr wenigstens eine Formel? Pauline?“
„Ich habe das so verstanden, daß die Ringfläche gleich dem großen Kreis minus das Loch ist. Also Pi-r-Quadrat außen minus Pi-r-Quadrat innen.“
„Das ist doch gut.“
„Ja, aber die Sache mit dem Trapez…“
Tatsächlich lautete die Aufgabe, die so erhaltene Formel als eine Trapezfläche zu deuten. Da der Kreis rund war, ein Trapez aber eckig, stellte das schon eine gewisse Herausforderung dar. „Alexandra, du hattest eine Idee?“
Das Mädchen malte in die Luft. Offenbar entstand ein Kreisring. „Aufschneiden – runterbiegen“, erläuterte Alexandra und sah jetzt vermutlich das Trapez vor sich. Mit dem Finger fuhr es dessen Seiten entlang: „Das – das – Mitte – mal so.“
Karina zeichnete die Luftskizze an die Tafel. „Alexandra hat den Ring in Gedanken aufgeschnitten und flach gebogen. Dann entsteht ein Trapez. Die Basis hier ist so lang wie der Umfang des äußeren Kreises, die Seite gegenüber so lang wie der Umfang des inneren Kreises. Verstanden?“
Zustimmung. „Und wie berechnete man noch den Flächeninhalt eines Trapezes? Maria?“
„Das ist die Mittellinie mal der Höhe.“
„Genau. Dann schauen wir doch mal. Die Länge der Mittellinie ist das arithmetische Mittel aus den beiden parallelen Seiten. Also?“
„Außenumfang plus Innenumfang durch zwei“, erläuterte Julia.
„Perfekt. Fehlt noch die Höhe. Überlegt mal, wie sie zustande gekommen ist. Marieke?“
„Das war ursprünglich die Breite des Rings.“
„Na, dann haben wir doch alles. Nun bastelt das mal zu einer Formel zusammen.“
Bis auf Alexandra – die es sicherlich schon wußte – begannen die anderen zu rechnen. „Das ist aber nicht die Formel, die wir für den Kreisring bekommen haben“, erkannte Pauline schließlich.
„Doch“, widersprach Karina, „das ist sie. Es fehlt nur noch eine Umformung. Alexandra, hast du einen Tip für uns?“
„Das mal das andere.“
„Man nennt es auch die dritte binomische Formel“, erläuterte Karina. Sie stellte fest, daß sie inzwischen recht gut darin geworden war, sich in die krude Denkweise Alexandras einzufühlen. Oder wie es beim Apostel Paulus hieß: Dem einen ist die Zungenrede gegeben und dem anderen die Gabe, sie auszulegen.
Der Gedanke an den Apostel brachte sie wieder auf den gestrigen Trauergottesdienst, einen Moment lang stieg Beklemmung in ihr auf; dann dachte sie an den Regenbogen und fühlte, daß alles gut war, so wie es war. Und unter dem Regenbogen hatte sie ein Einhorn gesehen. Nachdenklich betrachtete sie Alexandra. ‚Montag bei dir’, hatte das Mädchen neulich gesagt. Eine abstruse Idee kam ihr plötzlich in den Sinn. Konnte das Alexandra gewesen sein, mit ihrem Fabeltier?
Aber ein eingebildetes Fabeltier konnte man nicht sehen. Oder? Eine mögliche Erklärung war, daß sie selbst es sich eingebildet hatte. Vielleicht gerade, weil das Mädchen ihr angeboten hatte, zu der Trauerfeier zu kommen, hatte diese Bemerkung in ihr nachgewirkt und ihre Phantasie zu so einer Illusion verleitet. Phantasie? Besaß sie, die Studienassessorin Karina Schuchert, überhaupt so etwas wie Phantasie? Wenn sie jemals welche besessen hatte, dann hatte sie sie abgelegt, als sie aus den Kinderschuhen herausgewachsen war. Für den Moment sah sie sich als kleines Mädchen am Mühlbach sitzen, mit Steinen spielend. Ritter, Prinzessinnen, Feen hatte sie daraus gemacht. Eine Burg, einen Drachen. Der Ritter hatte gegen den Drachen gekämpft und die Prinzessin aus der Burg befreit…
„Fräulein Schuchert?“
„Äh…“
„Ich habe die Lösung, glaube ich“, verkündete Pauline.
Die Lösung? Ach ja. Eine binomische Formel war noch auszumultiplizieren. „Schreibst du sie bitte an die Tafel?“ Kein Ritter in glänzender Rüstung, keine Prinzessin in prächtigem Kleid. Nur eine schwarze Tafel und weißer Kreidestaub.
Dann kam ihr der Gedanke, daß sie sich zumindest in einem Punkt Klarheit verschaffen konnte. Die Beerdigung war gegen zehn Uhr gewesen. Das entsprach der dritten Schulstunde. Wer war in der dritten Stunde in ihrer Klasse gewesen? Sie mußte ihn nur fragen, ob er Alexandra vermißt hatte – falsch! Die dritte Stunde am Montag war ja die Mathematikstunde. Und da hatte Alexandra den anderen – vergeblich – die Sache mit dem Trapez zu erklären versucht. Alle in der Klasse würden das bezeugen können.
Jetzt könnte sie noch Julia befragen, ob sie neulich vor der Klassenarbeit wirklich ein Einhorn gestreichelt hatte. Aber Julia und Alexandra waren Freundinnen geworden. Freundinnen hatten Geheimnisse miteinander. Es wäre unfair gewesen, die eine gegen die andere auszuspielen und in einen Loyalitätskonflikt zu stürzen. Und das ganze wegen eines Phantoms. Karina entschied sich, darauf zu verzichten.
3. Der Herr Ingenieur
„Fräulein Schuchert?“ Es traf sie in der großen Pause und überraschend. Diesmal mußte sie nicht von sich aus gehen, diesmal wurde sie zum Schulleiter zitiert. „Auf ein Wort!“
Er öffnete die Bürotür und wies mit einer einladenden Handbewegung, die keinen Widerspruch duldete, hinein. Karina war klar, daß es bei einem Wort nicht bleiben würde. Was hatte sie angestellt?
„Herr Doktor Hartriegel?“
„Setzen. Problem. Ihre neue Schülerin.“
„Alexandra Jarowicz?“
„Genau. Beschwerde aus Parallelklasse. Soll Schülerin angegriffen haben.“
Alexandra? Jemanden angegriffen? Das paßte überhaupt nicht zu dem Mädchen, nach allem, was sie mit ihm erlebt hatte. „Richtig tätlich angegriffen?“, vergewisserte sie sich. Doktor Hartriegel nickte.
„Wer behauptet das?“
„Klassenlehrer. Professor Gutzeit.“
Ausgerechnet der. Karina fühlt sich hilflos. Sie konnte dazu nichts sagen, solange sie keine Einzelheiten erfuhr. Offenbar hatte sich eine Schülerin Gutzeits bei ihm über Alexandra beschwert, dieser beim Schulleiter, und letzterer nun bei ihr. Wissen aus dritter Hand. Es erschien ihr unwahrscheinlich, auf diese Weise eine realistische Schilderung des Vorfalls zu erhalten. „Und was genau wird Alexandra vorgeworfen?“
„Kochunterricht. Hat Schülerin gestoßen. Haare in Herdflamme verbrannt.“
Karina bemühte sich, aus dem Stenogramm einen Hergang zu rekonstruieren. Das Fach hieß eigentlich Hauswirtschaftslehre, und Kochen gehörte in der Tat dazu. Es gab dazu eine große Küche in der Schule, und da es in Person von Fräulein Grünenthal nur eine Lehrerin für das Fach gab, wurden zwei Klassen parallel unterrichtet. Die einen hatten Theorie, während die anderen kochten. Und dabei sollte Alexandra also eine andere Schülerin gestoßen haben, so daß diese sich die Haare an der Herdflamme verbrannt hatte. Das klang in sich plausibel, wenn es nicht ausgerechnet um Alexandra gegangen wäre. „Um welche Schülerin handelt es sich?“
„Von Brunner!“ Bei der Nennung des Namens schien Doktor Hartriegel – zumindest innerlich – strammzustehen. „Victoria von Brunner.“
Karina schluckte. Der Name war ihr durchaus geläufig. Sie hatte in einem früheren Schuljahr in der anderen Klasse unterrichtet, und ausgerechnet Victoria war ihr mehrmals unangenehm aufgefallen. Das Mädchen hatte reiche Eltern, der Vater war erfolgreicher Anwalt, und Victoria bildete sich etwas darauf ein. Einer der Vorteile der Schuluniform bestand ja darin, daß sie solche Unterschiede verwischte und sich auch Kinder aus reichem Hause nicht durch besonders exklusive Kleidung hervortun konnten. Aber Victoria gehörte zu denen, die das durch ihr Gehabe problemlos wettmachten. Sie mußte daran denken, was ihr Bruder immer gern erzählte, der in seiner Militärzeit nur einen einfachen Mannschaftsdienstgrad bekleidet hatte: ‚An Offizier erkennst a nackert unt’r der Brausn.’
Nicht selten hatte Victoria Mitschülerinnen drangsaliert, weil sie in ihren Augen minderwertig waren. Daß die zurückhaltende und nicht mit Reichtümern gesegnete Alexandra für jene ein willkommenes Opfer sein mußte, konnte sie sich schon gut vorstellen. Und direkt eine Schönheit war Alexandra, im Gegensatz zu Victoria, die sich zumindest dafür hielt, auch nicht.
Wer konnte wissen, welche Niedertracht sich Victoria Alexandra gegenüber geleistet hatte, und dem Mädchen war dann vielleicht der Geduldsfaden gerissen und sie hatte keine andere Möglichkeit gesehen als handgreiflich zu werden?
Erschrocken erkannte Karina, daß sie befangen war und sich auf die Seite Alexandras zu stellen versuchte. Aber das durfte sie nicht. Mochte das Mädchen hundert gute Gründe für sein Verhalten gehabt haben, Tätlichkeiten dulden konnte man an der Schule nicht.
„Maßnahmen?“, erkundigte sich der Schulleiter ungeduldig.
„Ich werde Alexandra zur Rede stellen und gegebenenfalls entsprechende disziplinarische Schritte einleiten“, versprach Karina und hoffte, daß es entschlossen genug klang, um ihre Zweifel zu überdecken.
„Bitte darum. Von Brunner. Einflußreicher Mann. Ruf der Schule gefährdet. Nötigenfalls Schülerin von Schule entfernen.“
Keine schlechte Idee, dachte Karina, hatte dabei aber sicherlich eine andere Schülerin im Sinn als ihr Vorgesetzter.
Am besten klärte sie es sofort. Nach der letzten Stunde beeilte sich Karina, zum Klassenraum ihrer eigenen Klasse zu kommen, um das Mädchen noch abzufangen. Da Alexandra normalerweise beim Zusammenpacken trödelte, standen die Aussichten gut.
Zusammen mit ihrer Freundin Julia lief Alexandra ihr an der Tür in die Arme. „Alexandra, ich muß mit dir sprechen.“ Da Julia ebenfalls stehen blieb, fügte sie hinzu: „Allein.“
„Ich warte am Tor“, versprach Julia und ging.
Nachdem Karina um sich geblickt und sich überzeugt hatte, daß sie allein waren, begann sie: „Alexandra, ich will nicht lange drum herum reden. Victoria von Brunner aus der Parallelklasse hat sich beschwert, du hättest sie im Kochunterricht gegen den Herd gestoßen, wobei sie sich die Haare verbrannt hat. Ich würde gern deine Darstellung des Vorfalls hören.“
Sie machte sich darauf gefaßt, daß sie sehr viel nicht hören würde, aber sie mußte es wenigstens versuchen. Alexandra sah sie denn auch mit ihrem hilflosen, dümmlich wirkenden Blick an. Vermutlich hatte sie einen ganzen Roman auf der Zunge, aber sie schaffte es nicht, ihn auszusprechen.
„Alexandra, ich bin sicher, daß du nicht schuld bist. Ich kenne Victoria. Wahrscheinlich war sie gemein zu dir. Aber der Schulleiter hat mich angesprochen, und ich muß der Sache auf den Grund gehen.“
Sie spürte, wie das Mädchen um Worte rang. „Anders“, kam es schließlich aus Alexandra heraus. „Julia. Fragen. War dabei.“
„Gut. Warte hier, bitte.“ Karina rannte mit einer ihrer Stellung unangemessenen Geschwindigkeit zum Haupttor, wo sie Julia wartend wußte, und rief diese noch einmal zurück. „Es geht um den Vorfall neulich im Hauswirtschaftsunterricht. Alexandra ist irgendwie mit Victoria von Brunner aneinandergeraten. Sie bat mich, dich zu fragen, weil du Zeugin bist“, erklärte sie, während sie den Gang zur Klasse zurück eilten.
„So, hier ist Julia. Erlaubst du ihr, alles zu erzählen, was sie über die Sache weiß?“
Alexandra nickte und schien erleichtert, daß sie es nicht selbst tun mußte.
„Schön. Julia, bitte, was ist da vorgefallen?“
„Victoria hat Alexandra beleidigt. Sie hat sie dick und dumm und häßlich genannt. Und dann hat sie so gemacht und ‚stinkende Chinesin’ zu ihr gesagt.“ Julia zeigte, wie Victoria ihre Augen mit den Fingern zu Schlitzaugen verzogen hatte. Irgendwer, vermutlich Professor Gutzeit, mußte wohl der Klasse von Alexandras Herkunft erzählt haben. Nun war zwar ‚Chinesin’ an sich eigentlich keine Beleidigung, aber so, wie Victoria es inszeniert hatte, war es eindeutig als solche gedacht gewesen.
„Und dann?“
„Nichts. Alexandra hat nichts gemacht.“
„Das kann nicht stimmen. Victoria hat sich die Haare verbrannt. Oder etwa nicht?“
„Doch“, gestand Julia zu. Fragend blickte sie ihre Freundin an, aber jene tat nur einen tiefen Atemzug, den Karina nicht zu deuten wußte.
„Alexandra hat wirklich nichts gemacht. Sie hat Victoria nur angesehen, und dann kokelten der plötzlich die Haare weg und es stank verbrannt.“
Karina hob die Augenbrauen. „Einfach so? Von selbst?“
„Hm…“ Julia schien nachzudenken. Dann fügte sie ziemlich rasch hinzu, als sei es ihr gerade erst eingefallen: „Wir sollen beim Kochen ja die Haare zusammenbinden. Hat Victoria aber nicht. Sie sagt, damit macht sie ihre Frisur kaputt. Vielleicht sind ihre Haare einfach so an die Herdflamme gekommen. Und dann hat sie Alexandra die Schuld in die Schuhe geschoben.“
„Ich nehme an, Fräulein Grünenthal könnte bestätigen, daß Victoria ihre Haare offen trug?“
Einhelliges Nicken war die Antwort.
Karina verschränkte die Arme vor der Brust und musterte die beiden sehr lange und sehr nachdenklich. „Gut. Ihr könnt gehen.“
Karina wußte, daß Victoria lange Haare besaß – oder jedenfalls besessen hatte. Sollte sie diese tatsächlich nicht zusammengebunden haben, war es durchaus denkbar, daß sie sich über den Herd gebeugt hatte und ihre Lockenpracht in Flammen aufgegangen war. Und daß sie es dann auf eine andere abzuschieben versuchte, paßte zu ihr. Sie beschloß, dem Direktor zu erklären, ihrer Recherche und Zeugenvernehmung zufolge müsse es sich um einen Unfall gehandelt haben – an dem das Mädchen allerdings nicht schuldlos gewesen war. Sinnvoller wäre es gewesen, der Schulleiter verhörte Victoria selbst. Aber das konnte sie ihm schlecht vorschreiben.
*
Auf der Rückseite ist das Hotel notiert, in dem Sie mich zur Zeit erreichen, hatte er gesagt. Tatsächlich hatte sie sich die Visitenkarte des Ingenieurs nicht näher angesehen, sondern sie nur eingesteckt. Wohin hatte sie sie gelegt? Irgendwo zwischen die Bücher. Jetzt suchte sie sie heraus.
EPHRAIM V. KROHNSTIEG
BERATENDER INGENIEUR
DREISEEHAUSEN
AM HOFACKER 7
Ephraim von Krohnstieg. Den Adelstitel hatte er ihr bei der Vorstellung verschwiegen. Vielleicht machte er sich nichts daraus, vielleicht hatte er sie nicht erschrecken wollen. Und Dreiseehausen? Sie hatte nicht einmal den Namen des Ortes je gehört. Daß er für seine Arbeit als beratender Ingenieur in die Großstadt kommen und in einem Hotel wohnen mußte, erschien ihr allerdings logisch. Und er mußte mit seiner Beratungstätigkeit gut verdienen, sonst konnte er sich das kaum leisten. Sie wendete die Karte.
‚Z.Zt. Hotel zum Bären, Zimmer 34’ stand dort handschriftlich notiert. Das Hotel zum Bären kannte sie. Von außen, nicht von innen. Es lag in der Nähe des Paradeplatzes und war eines der vornehmeren. Baldachin am Zugang, livrierter Portier an der Tür. Es war absolut unvorstellbar, daß sie dort hineinging und nach Herrn von Krohnstieg fragte. Eine junge Frau ging nicht einfach zu einem Herrn ins Hotel. Welchen Eindruck mußte das machen? Das war ja, als ob der Knochen zum Hund kam.
Andererseits war da die Sägemühle. Sie lag jetzt etliche Jahre brach, und wenn sie sie verkaufen wollten, mitsamt dem Grundstück, dann wäre es gut, von einem Experten eine Einschätzung zu haben, was sie noch wert war oder was die Instandsetzung kosten würde. Und da schien ihr der Herr Ingenieur zumindest einen Versuch wert. Sie entschied sich, ihm eine Depesche ins Hotel zu schicken und ihm zu signalisieren, daß sie vielleicht doch seine Dienste als technischer Experte in Anspruch nehmen wollte.
Sehr verehrter Herr von Krohnstieg.
Bitte entschuldigen Sie, daß ich neulich so kurz angebunden gewirkt habe. Sie werden verstehen, daß ich im Augenblick viele andere Dinge im Kopf habe. Als Sie mir Ihre Karte überreichten, fügten Sie hinzu, ich könne vielleicht einmal die Dienste eines Ingenieurs benötigen. Dies ist nun in der Tat der Fall. Mein Bruder und ich haben aus dem Besitz der Mutter eine Sägemühle geerbt, die allerdings im Laufe der Jahre verfallen ist.
Wir könnten eine Expertise über den Wert und die Instandsetzungskosten gut gebrauchen. Falls so etwas in Ihr Metier fällt, wäre ich für Ihre Hilfe dankbar. Bitte teilen Sie mir auch ihre Honorarwünsche für eine solche Beratung mit. Ich habe leider keine Vorstellung, was so etwas kostet und ob wir es uns überhaupt leisten können.
Mit den ergebensten Grüßen: Karina Schuchert
Ein ungutes Gefühl hatte sie verspürt, als sie ihren Absender auf das Kuvert schreiben wollte. Ging es ihn etwas an, wo sie wohnte? Der Mensch hatte auf sie in gewisser Weise aufdringlich gewirkt; der Gedanke, ihn plötzlich vor ihrer Haustür anzutreffen, war ihr unangenehm. So gab sie als Anschrift die Adresse der Schule an. Dort würde sein Antwortbrief auch kein Aufsehen erregen, denn es kam ja immerhin vor, daß Eltern sich schriftlich an eine Lehrkraft wandten.
Wenige Tage später, als sie in der letzten Stunde Mathematik in ihrer Zehnten unterrichtet hatte, war sie anschließend nur noch kurz im Lehrerzimmer gewesen, um sich zu überzeugen, daß – zumindest bisher – für morgen keine Vertretungsstunde anberaumt war. Als sie danach dem Ausgang zustrebte, stand dort Julia.
„Na, du bist ja noch nicht weit gekommen.“
„Ich warte auf Lexa. Sie mußte noch zu Herrn Doktor Hartriegel.“
Oh, oh, dachte Karina, die Sache mit Victoria. Das Mädchen tat ihr leid. Aber viel herausbekommen würde der Schulleiter aus ihr nicht.
„Ach so.“ Das Mädchen blieb an der Tür stehen, Karina ging die fünf Stufen zur Straße hinunter. Da sie auf die Treppe achten mußte, blickte sie erst auf, als sie die Straße erreicht hatte. Auf der anderen Straßenseite wartete der Herr Ingenieur.
Die Reaktion auf ihren Brief hatte sie sich dann so doch nicht vorgestellt. Er schickte kein Antwortschreiben, er kam selbst. Höflich wie immer, lüftete er den Hut. „Guten Tag, Fräulein Karina.“
Es gelang ihr nicht, ihre Überraschung zu verbergen. „Herr von Krohnstieg…!“
Jener winkte ab. „Lassen Sie das ‚von’ weg. Das spielt keine Rolle. Ich habe Ihre Nachricht erhalten und wollte gern die Einzelheiten mit Ihnen besprechen.“
„Hier auf der Straße?“
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, können wir unser Gespräch heute abend bei einem Souper fortsetzen. Wenn Sie mir die Ehre erweisen würden, meine Einladung anzunehmen.“
Vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Angelegenheit gleich auf der Straße zu besprechen. „Schlagen Sie das dann auf die Rechnung für die Beratung auf?“
Seine Miene zeigte gespielte Entrüstung. „Fräulein Karina! Wofür halten Sie mich? Wir sollten uns wirklich näher kennenlernen, wenn wir eine geschäftliche Beziehung aufbauen wollen. Sagen wir, heute abend um sieben? Wo darf ich Sie abholen?“
Wie stellte sie es jetzt an, daß sie ihm nicht doch ihre Adresse verriet? „Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“
„Aber, ich bitte Sie, Fräulein Karina! Wenn ich Sie einlade, gehört das Abholen selbstverständlich dazu.“
„Gut. Dann holen Sie mich bitte hier ab. Ich habe nachmittags noch in der Schule zu tun und werde es so einrichten, daß ich um sieben fertig bin.“ Das war im Prinzip eine dreiste Lüge, aber sie konnte sie problemlos in eine Wahrheit verwandeln, wenn sie heute nachmittag noch ein paar Dinge in der Schulbibliothek recherchierte. Zum Beispiel konnte sie im Atlas nach Dreiseehausen suchen.
„Ich werde pünktlich zur Stelle sein. Bis heute abend, dann. Leben Sie wohl.“ Seine Verbeugung fiel etwas tiefer aus als sonst.
Da es keinen Grund mehr gab, sich weiter aufzuhalten, nickte sie nur und wandte sich dann in Richtung der Haltestelle der Tram. An der Straßenecke konnte sie unauffällig einen Blick zurück werfen. Er stand immer noch da, und Alexandra und Julia kamen eben die Treppe herunter. Karina ging auf, daß von Krohnstieg – oder ohne von – sie bei seiner ausgesuchten Höflichkeit nach dem Abendessen sicherlich würde nach Hause bringen wollen. Welche Adresse wollte sie dann angeben? Dazu fehlte ihr noch eine Idee.
*
Der Herr Ingenieur hielt sein Versprechen. Als Karina um sieben Uhr aus der Tür trat – wo Dreiseehausen lag, hatte sie übrigens nicht herausbekommen – wartete eine Pferdedroschke vor der Schule. Glücklicherweise war um diese Zeit weder der Schulleiter noch irgendein Kollege im Hause, das hätte sonst peinliche Fragen nach sich gezogen. Sie hatte sich entschlossen, ihre Garderobe zu wechseln; im Dienstkleid konnte sie nicht soupieren gehen. Unter dem Oberteil trug sie, ganz entgegen ihrer Gewohnheit, ein leichtes Mieder, dazu einen weiten Rock. Allerdings in schwarz, wie es die Trauerzeit gebot. Als einzigen Schmuck hatte sie das Rubinkreuz gewählt.
Krohnstieg verließ die Kabine, als er ihrer ansichtig wurde, und kam ihr entgegen. „Gnädigste sehen bezaubernd aus.“ Diesmal begrüßte er sie mit einem angedeuteten Handkuß, was Karina ein wenig aus dem Konzept brachte; damit hatte sie nicht gerechnet.
„Danke. Das Schwarz ist aber der Trauer geschuldet.“
„Es steht Ihnen ausgezeichnet. Darf ich bitten?“ Er öffnete die Tür der Kutsche und half ihr in die Kabine. „Kutscher, zum Odeon bitte.“
Das Restaurant beim Odeon stellte im Bereich der Gastronomie etwa das dar, was das Hotel Zum Bären für das Logieren war: das erste Haus am Platz. Ein Kellner begrüßte sie und führte sie an ein reserviertes Tischchen für zwei Personen. Blumenschmuck, Platzteller, Gläser und Besteck für drei Gänge. Krohnstieg rückte ihr den Stuhl zurecht. „Möchten Sie die Karte sehen, oder mögen Sie sich auf meinen Geschmack verlassen?“
„Vertrauen ist sicherlich eine wichtige Grundlage einer geschäftlichen Beziehung. Also verlasse ich mich auf Sie.“ Schon allein deswegen, weil in einem Hause wie diesem die Karte vermutlich auf Französisch und daher für eine kleine Mathematiklehrerin völlig unverständlich war.
„Einen Wein zum Essen?“
„Ich wäre mit Wasser zufrieden.“
„Das paßt zu Ihnen. Dann schlage ich einen leichten Weißwein vor, der kommt ihrem Wunsch am nächsten. Kellner…!“ Was er dann bestellte, hätte sie nicht einmal aussprechen können.
Während des Essens berichtete Krohnstieg ihr von diversen Projekten, an denen er mitgearbeitet hatte. Es war eine stolze Liste, die Karina mit Ehrfurcht erfüllte. Zwischen Hauptgericht und Dessert meinte er schließlich: „Und jetzt, liebes Fräulein Karina, ist es wohl an der Zeit, daß ich etwas mehr über meine Klientin und ihr Anliegen erfahre. Was also hat es mit dieser Sägemühle auf sich?“
Karina mußte weit ausholen. „Die Sägemühle gehörte meinen Eltern. Sie haben sie gemeinsam bewirtschaftet, bis mein Vater verunglückt ist. Da war ich vielleicht neun Jahre alt.“
„Oh, das tut mir leid. Mögen Sie mir erzählen, was passiert ist?“
„Ich weiß es nicht. Ich war nicht dabei, als es passiert ist; als kleines Mädchen durfte ich nie in die Werkstatt. Nur mein Bruder half damals schon an der Säge mit, aber der hat es mir nie genau erzählt. Ein Riemen hat sich gelöst und meinen Vater erschlagen, glaube ich. Nun, jedenfalls hat dann meine Mutter, da sie die Sägerei nicht allein führen konnte, die Mühle aufgegeben. Ich habe mich später gefragt, warum sie sie nicht verkauft hat, aber vielleicht meinte sie, Sebastian würde sie irgendwann übernehmen.“
„Aber es kam anders?“
„Ja. Wir zogen von Eilenbach in das Haus in der Stadt, Sebastian ging in eine Schreinerlehre und machte eine Werkstatt auf. Mutter hat ihn von ihren Ersparnissen unterstützt, ebenso wie sie mir die Ausbildung im Lehrerseminar ermöglicht hat…“
„Darf ich fragen, was Sie unterrichten?“
„Mathematik und Zeichnen.“
„Oh. Dann sind wir ja geradezu Kollegen. Der Ingenieurberuf hat auch viel mit Mathematik und Zeichnen zu tun.“
„Aber vermutlich weniger mit Schülern.“
„In der Tat. Da leisten Sie sicherlich außerordentliches. Aber ich hatte Sie unterbrochen. Wie ging es bei Ihnen weiter?“
„Als dann wieder die Mühle zur Debatte stand, hätte Mutter sich die Instandsetzung nicht mehr leisten können. Sagte sie. Sebastian schlug ihr vor, etwas von ihrem Schmuck zu Geld zu machen, aber davon wollte sie nichts hören. Jetzt, da Mutter tot ist, gehört uns beides, die Mühle und der Schmuck. Was wir nun damit machen, wissen wir noch nicht genau.“
„Ihre Mutter kann noch nicht so alt gewesen sein, wenn ich Sie so betrachte.“ Er lächelte.
„War sie auch nicht. Sie bekam in relativ jungen Jahren Rheuma. Das machte sie allmählich unbeweglich. Doktor Welcker meint, sie hat sich außerdem mit dem Staub in der Sägerei die Lunge ruiniert. Daran ist sie letztlich gestorben.“ Karina seufzte.
Er nickte verständnisvoll. „Und nun möchten Sie von mir wissen, ob man die Mühle lieber reparieren oder verkaufen sollte.“
„Ja, so etwa. Und wie sich das finanziell darstellen würde. Aber Sie müssen sagen, ob das überhaupt in Ihr Fachgebiet fällt.“ Sie gestattete sich ein dezentes Lächeln. „Oder ob ich Ihnen das alles völlig nutzlos erzählt habe.“
„Durchaus nicht, Fräulein Karina, durchaus nicht. Wie ich vorhin erwähnte, war ich an der Planung der Laufenbach-Talsperre beteiligt. Da werde ich wohl eine Mühle einschätzen können. Fast möchte ich sagen, ich freue mich darauf, Ihnen in dieser Angelegenheit behilflich sein zu können. Ich schlage vor, daß wir einmal einen Ortstermin vereinbaren und ich das Objekt persönlich in Augenschein nehme.“
„Ja, sicher. Ich muß das natürlich mit meinem Bruder abstimmen. Es bliebe die Frage nach Ihrem Honorar.“
„Darüber machen Sie sich nur keine Gedanken.“ Er lächelte gewinnend. „Ich meine, ich kann mich da durchaus meinen Klienten anpassen. Wenn der Zar eine Brücke über den Don haben möchte, werde ich sicherlich etwas unbescheidener auftreten, als in Ihrem Falle. Und diesen kleinen Betrag werden Sie bestimmt gern investieren.“
Karina verzog schmerzlich den Mund. „Was bedeutet das in Zahlen?“
„Da spricht die Mathematiklehrerin. Ich schlage vor, ich sehe mir die Mühle einmal an, und dann reden wir darüber, was Sie investieren möchten. Wenn ich Ihnen zu teuer bin, lassen wir es einfach. Die Besichtigung werde ich Ihnen nicht in Rechnung stellen.“
„Das ist sehr großzügig von Ihnen.“
„Schreiben Sie es Ihren schönen Augen zu.“ Wobei er ihr tief in dieselben sah.
„Wie meinen?“ Sie merkte, daß ihr das Blut ins Gesicht schoß.
„Entschuldigung, das ist mir so herausgerutscht. Trinken wir noch ein Gläschen auf unser Geschäft?“
Der Kellner hatte inzwischen das Geschirr abgeräumt. Krohnstieg winkte ihm und bestellte noch einen Kräuterbitter. „Ist Ihnen doch recht? Oder mögen Sie so etwas nicht?“
Nun gut. Die Mutter hatte auch immer ein Flasche Bitter im Schrank gehabt, das konnte Karina nicht erschrecken. Viel unangenehmer war, daß sie jetzt doch soviel Alkohol im Kopf spürte, daß sie nicht mehr in der Lage sein würde, eine größere Strecke zu Fuß zurückzulegen. Damit zerschlug sich ihr ursprünglicher Plan, sich an einer Phantasieadresse absetzen zu lassen.
„Kellner, bringen Sie bitte die Rechnung.“
Die Rechnung kam auf einem Silbertablett im Umschlag, und was dort stand und wieviel er hineinlegte, blieb ihren Blicken verborgen, da sie es unangemessen fand, neugierig den Hals zu recken.
„Ich darf Sie doch nach Hause bringen?“
Karina nickte schwach. Krohnstieg ließ den Kellner eine Droschke rufen, geleitete Karina hinaus und expedierte sie in die Kabine. Jetzt würde er nach ihrer Adresse fragen…
Er tat es nicht. Er rief sie dem Kutscher zu. Er hatte sie die ganze Zeit über gewußt. Im Nachhinein wurde Karina klar, welche peinliche Vorstellung sie sich erspart hatte, indem sie sich keine falsche Anschrift ausgedacht hatte. Woher er die richtige allerdings kennen konnte, wollte ihrem leicht beduselten Hirn nicht einfallen.
Die Kutsche setzte sie vor ihrer Haustür ab. Krohnstieg verabschiedete sich mit einem galanten Handkuss. „Ich habe noch ein paar andere Klienten zu bedienen, aber ich lasse von mir hören, sobald ich Zeit habe, mich um Ihre Mühle zu kümmern. Bis dahin…“

Und dann rollte die Droschke mit ihm davon. Ihrer schönen Augen wegen, fiel ihr ein. Herausgerutscht, hatte er gesagt. Absichtlich vielleicht? Wollte er ihr etwa Avancen machen? Und wenn ja, fände sie es schlimm? Oh, Kind, geh ins Bett und schlaf deinen Rausch aus…
*
„So, meine Damen, jetzt habe ich einmal etwas zum Nachdenken für euch. Mein Bruder, der Schreiner ist, zeigte mir neulich einen Trick, wie man zu einem Kreis, zum Beispiel einem runden Tisch, den Umfang konstruieren kann.“
Tatsächlich hatte Sebastian das in seiner Ausbildung so gelernt. Man mußte den Kreisdurchmesser dreimal hintereinander abtragen, und dann ein weiteres Mal im rechten Winkel dazu. Verband man die Endpunkte der beiden Schenkel, so erhielt man eine Strecke, die dem Kreisumfang entsprach. Karina führte die Konstruktion an der Tafel vor. „Und nun würde ich gern euren Kommentar dazu hören.“
Julia meldete sich als erste. „Sie haben uns neulich erzählt, daß es keine Zirkel-und-Lineal-Konstruktion für Pi gibt. Also kann das nicht stimmen.“
„Das ist schon mal ein gutes Argument. Probiert es trotzdem einmal aus und meßt nach.“
Bis auf Alexandra, die in die Luft starrte, begannen alle zu zeichnen. Karina beobachtete, wie Simone einen Kreisdurchmesser von zwei Zentimeter wählte und die Konstruktion durchführte. Sie legte das Lineal an und maß die Strecke.
„Nun, Simone, was hast du herausbekommen?“
„Ich habe 6,3 Zentimeter.“
„Und?“
„Na ja. Pi mal zwei ist 6,28. Das kommt gut hin.“
„Was sagen die anderen dazu?“
Alexandra war offenbar mit ihrer Luftzeichnung fertig und meldete sich.
„Alexandra?“
„Falsch. 0,6 Prozent“, sagte das Mädchen.
Über die prozentuale Abweichung hatte Karina sich zuvor gar keine Gedanken gemacht. Der Wert traf sie überraschend. Sie überschlug es im Kopf und mußte zugeben, daß es stimmte. „Alexandra hat recht.“
„Was auch sonst“, meinte Maria.
„Kinder, wir haben neulich den Satz von Pythagoras behandelt. Ist das schon zu lange her?“
„Ach ja…!“
„Und was ist das hier?“
„Ein rechtwinkliges Dreieck“, mußte Maria zugeben.
„Mit den Katheten 3 mal d und d. Wie lang ist also die Hypotenuse?“
Nach einer Weile meldete sich Karoline mit der Lösung. „Die Hypotenuse ist d mal Wurzel aus zehn.“
„Aha. Und was steht in der Formelsammlung, wie groß die Wurzel aus zehn ist?“
„Etwa 3,16.“
„Und Pi ist hingegen?“
„Etwa 3,14.“
„Richtig. Also mit einem Unterschied von 0,02. Und die Abweichung in Prozent hat uns Alexandra gerade gesagt. Ihr dürft es gerne nachrechnen.“
Karina trat zu Alexandra. „Danke. In Prozent hatte ich es noch gar nicht ausgerechnet“, flüsterte sie ihr zu.
Sie hatte erwartet, daß das Mädchen sich freuen würde, schneller als die Lehrerin gewesen zu sein. Aber Alexandra sah sehr ernst zu ihr auf. „Nicht gut“, sagte sie leise.
„Was ist nicht gut? Daß ich es nicht berechnet hatte? Ich wollte eigentlich nur auf die Wurzel aus zehn hinaus. Mit der Abweichung bist du mir zuvorgekommen.“
Alexandra schüttelte den Kopf. „Gestern. Mann.“
Der Mann gestern war nicht gut? Damit konnte sie eigentlich nur den Ingenieur von Krohnstieg gemeint haben. Vielleicht hatte sie noch mitbekommen, daß er vor der Schule mit ihr gesprochen hatte. War das Mädchen etwa … eifersüchtig? Daß ihre Lieblingslehrerin sich mit einem Fremden traf? Aber, befand Karina, das ging jetzt zu weit. „Alexandra, ich weiß deine genialen Beiträge zum Unterricht zu schätzen, aber ich finde, meine Privatangelegenheiten gehen dich nichts an.“
Offenbar hatte sie lauter gesprochen als beabsichtigt, die umsitzenden Mädchen wandten interessiert den Kopf. „Und mit euch hat das auch nichts zu tun“, setzte Karina scharf hinzu. Natürlich war es ein Fehler gewesen, während der Unterrichtsstunde eine Privatunterhaltung mit Alexandra zu beginnen. Aber eigentlich hatte Alexandra damit angefangen. Trotzdem. Unprofessionell, Karina, schalt sie sich; höchst unprofessionell.
*
Auch die Klassenarbeit zum Thema Kreisberechnung absolvierte Karinas Sorgenkind mit akzeptablem Erfolg. Natürlich wieder in Begleitung seines unsichtbaren Einhorns. Und auch wieder, indem Karina ihren Interpretationsspielraum bis zur Grenze ausschöpfte, was man unter einem nachvollziehbaren Lösungsweg verstehen wollte. Was sie wiederum in den Konflikt brachte, ob sie nun die Lösungen anderer Schülerinnen mit dem gleichen Maßstab messen mußte. Was ist Gerechtigkeit, fragte sie sich zum ungezählten Male, und kam doch nur wieder zu dem Schluß, daß sie mit ihren begrenzten weltlichen Mitteln keine Gerechtigkeit leisten konnte.
Am nächsten Morgen war der erste Schnee gefallen, die Elektrische hatte Verspätung, vermutlich weil im Depot erst noch Schnee geräumt werden mußte, ehe die Wagen ausrücken konnten. Karina erreichte die Schule sehr knapp; die Glocke war eben verklungen, als sie das Gebäude betrat.
Dort lief sie ausgerechnet Doktor Hartriegel in die Arme, der vielsagend seine Taschenuhr hervorzog und ihr einen vorwurfsvollen Blick zudachte.
„Ich bitte um Entschuldigung, die Tram war verspätet.“
Der Direktor hob eine Augenbraue. Was das bedeuten sollte, erschloß sich ihr nicht; vielleicht erwartete er, daß sie in so einem Falle flog. Er verzichtete auf eine Erläuterung und sie verzichtete auf eine Nachfrage.
„Wegen Jarowicz. War leider sehr verstockt neulich. Heute nach Unterrichtsschluß Gespräch aller Beteiligten. Mein Büro“, verkündete er statt dessen.
„Jawohl, Herr Doktor Hartriegel.“ Was sollte sie sonst sagen? Ihr lag zwar die Bemerkung auf der Zunge, Alexandra sei sicherlich nicht verstockt gewesen sondern sprachgehemmt, aber das konnte sie jetzt nicht ausdiskutieren. Sie mußte zusehen, daß sie in den Unterricht kam.
Sie überlegte, ob er wohl zu dem Gespräch auch die Erziehungsberechtigten eingeladen hatte. Franziska, Alexandras große Schwester, arbeitete und würde möglicherweise gar nicht frei bekommen. Oder ihre Stellung riskieren, wenn sie überhaupt fragte. Ich muß in die Schule, weil meine kleine Schwester etwas angestellt hat? Das konnte glatt ein Kündigungsgrund sein. Victorias Vater würde sich da leichter tun. Mit ihm würde der Schulleiter den Termin wahrscheinlich sogar im Vorfeld abgeklärt haben, damit er mit keinem Klientengespräch oder Gerichtstermin kollidierte. Hör auf nachzudenken, Karina, es bringt nichts. Nein, nicht zu den Klassenräumen, du mußt hier abbiegen zum Zeichensaal. Beinahe hätte sie sich auch noch verlaufen.
Alexandra wußte bereits von dem anberaumten Gespräch. Der Schulleiter mußte sie bereits zuvor abgefangen haben oder jemanden beauftragt. „Einhorn?“, fragte sie nur.
„Ja, nimm es mit. Aber unauffällig. Nicht so, daß jemand es sieht.“
Ein unauffälliges Mitnehmen ihrer Freundin Julia war nicht möglich. Karina bat das Mädchen aber, vor dem Büro des Schulleiters zu warten, für den Fall, daß seine Zeugenaussage benötigt werde. Sie klopfte.
„Ja?“
Zusammen mit Alexandra betrat sie das Allerheiligste.
„Na, endlich.“ Sie waren die letzten; Alexandra hatte wieder einmal übermäßig lange zum Einpacken ihrer Sachen gebraucht, obwohl Karina nervös von einem Fuß auf den anderen getreten war. Es hatte den Vorteil, daß sie überblicken konnte, wer alles erschienen war. Victoria, ihr Vater, Professor Gutzeit, Fräulein Grünenthal. Sie selbst mit Alexandra. Franziska fehlte. Victoria trug ein böses Gesicht zur Schau und ein Kopftuch um die ruinierten Haare.
„Zur Sache. Fall ist bekannt. Herr von Brunner?“
Wieso begann er ausgerechnet mit Victorias Vater, der eigentlich am wenigsten von der Sache wissen konnte? Vermutlich war es dessen gesellschaftlicher Stellung geschuldet.
„Herr Direktor, meine Damen und Herren. Ich will es kurz machen. Diese Schülerin…“ er blickte unsicher zu Alexandra, die er von Angesicht nicht kannte, von der er aber wegen ihrer Anwesenheit vermuten mußte, sie sei die Delinquentin, „…hat meine Tochter angegriffen und sie gegen den Herd gestoßen, was dazu führte, daß ihre Haare versengt wurden. Ich erwarte eine Bestrafung der Verursacherin und ein angemessenes Schmerzensgeld.“
„Victoria?“
„Ja, genau so war es. Plötzlich rempelt sie mich an, ich wußte gar nicht, was das sollte, und dann brannten meine Haare. Diese Hexe…“
„Das genügt. Alexandra?“
Jene schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht.“
„Was stimmt dann?“
Alexandra setzte ihr hilfloses Gesicht auf. „Nichts.“
„Grins nicht so blöde! Damit kommst du hier nicht davon. Hast du uns nichts zu sagen?“, fuhr von Brunner sie an.
Karina konnte nicht länger den Mund halten. „Ich bitte zu bedenken, daß Alexandra sprachbehindert ist. Sie kann sich nicht umfangreich äußern. Sie meint, daß sie Victoria nicht gestoßen hat.“
„Ach?“, machte Victorias Vater. „Was hat, bitte, eine Behinderte auf dieser Schule zu suchen?“
„Sie ist sprachbehindert, nicht lernbehindert“, korrigierte Karina. Doktor Hartriegel warf ihr einen warnenden Blick zu. Sie hatte sich nicht ungefragt zu äußern.
„Fräulein Grünenthal. Ihre Sichtweise?“
„Ich habe den Vorfall nicht beobachtet, weil ich mich gerade um eine andere Schülerin kümmern mußte. Aber es stimmt, daß Alexandra kaum ganze Sätze bilden kann. In meinem Unterricht stört das allerdings kaum.“
Klüger geworden, meldete sich Karina zaghaft. „Darf ich…?“
„Bitte.“
„Victoria, hattest du bei der Arbeit am Herd deine Haare zusammengebunden, wie es vorgeschrieben ist?“
„Was hat das damit zu tun?“, ging deren Vater dazwischen. Karina suchte vergeblich den vorwurfsvollen Blick des Schulleiters, aber Herr von Brunner durfte offenbar, im Gegensatz zu ihr, ungefragt reden.
„Weil ich denke, daß in diesem Falle den Haaren nichts passiert wäre, egal ob sie nun gestoßen wurde oder selbst gestolpert ist. Übrigens wartet draußen eine Schülerin, die bezeugen kann, daß sie nicht gestoßen wurde. Also, Victoria, was war mit deinen Haaren?“
„Das weiß ich nicht mehr“, flüsterte Victoria.
„Dann weiß es vielleicht Fräulein Grünenthal?“
„Fräulein Grünenthal, bitte“, gab der Schulleiter das Wort weiter.
Karina kam sich schäbig vor, weil sie auf diese Weise ihre Kollegin in Schwierigkeiten bringen konnte, wenn diese nicht auf die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften geachtet hatte. Aber sie sah keinen anderen Weg, Alexandra zu retten. Und für die Mißachtung der Vorschriften gab es genug Zeuginnen. Eine davon stand vor der Tür.
„Ich hatte darauf gedrungen, daß Victoria ihre Haare zusammenbindet, aber sie hat sich geweigert. Ihre Frisur litte darunter.“
Wie sehr ihre Frisur durch Mißachtung der Vorschrift gelitten hatte, davon zeugte jetzt ja das Kopftuch, dachte Karina grimmig.
„Hätten trotzdem darauf bestehen müssen“, erklärte Doktor Hartriegel streng. „Sehr verantwortungslos.“
Fräulein Grünenthal holte Luft, als wolle sie etwas einwenden, besann sich dann aber offenbar eines besseren. Dafür hatte Karina eine Eingebung, ohne daß sie hätte sagen können, woher diese kam. Es kam einfach über sie. Sie meldete sich und erhielt das Wort.
„Herr von Brunner, stimmt es, daß Sie Fräulein Grünenthal unter Druck gesetzt haben, Victoria von dieser Vorschrift auszunehmen?“
Im nächsten Augenblick hätte sie sich am liebsten in die Zunge gebissen. Wie hatte sie das nur sagen können? Es war ein völlig unmotivierter Schuß ins Blaue gewesen, und sie würde ein Donnerwetter auf ihr Haupt laden. Doktor Hartriegel musterte sie fassungslos, und Victorias Vater fuhr sie an: „Das ist eine völlig haltlose Behauptung! Wie kommen Sie dazu…“
„Es stimmt aber“, sagte Grünenthal leise.
„Wie, bitte?“
„Es stimmt.“ Sie betrachtete von Brunner mit entschlossenem Gesicht. „Als ich bei Victoria erstmals die Einhaltung der Vorschriften angemahnt und ihr angedroht hatte, sie aus dem Unterricht zu verweisen, wenn sie sich nicht daran halte, kamen Sie am nächsten Tag zu mir und erklärten mir, das gehe nicht an, daß ich Ihre Tochter in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit hindere. Sollte ich das noch einmal versuchen, drohten Sie mir mit Konsequenzen und sagten, Sie könnten mir eine Menge Schwierigkeiten machen. So. Und jetzt können Sie anfangen, mir Schwierigkeiten zu machen!“
Dem ohnehin sehr sparsam mit Worten umgehenden Schulleiter schienen diese nun vollends ausgegangen zu sein; er schnappte nur noch nach Luft.
„Ich sehe nicht, wie ich meine Tochter nach dieser Unverschämtheit noch länger auf diese Schule schicken kann“, bellte von Brunner.
„Dann schicken Sie sie doch am besten auf eine andere!“, keifte Grünenthal zurück.
„Herrschaften! Bitte!“, mahnte der Direktor, der scheints einige seiner Worte wiedergefunden hatte. „Schlage vor, Fall zu den Akten. Schuld nicht eindeutig zu klären.“
„Sie hören von mir! Komm, Victoria, die Sitzung ist beendet.“ Von Brunner griff seine Tochter etwas unsanft am Arm und verließ mit ihr den Raum.
Die Zurückbleibenden sahen sich ein wenig konsterniert an. „Hätte ich nicht gedacht. Anständiger Mann.“ Doktor Hartriegel wandte sich an die Hauswirtschaftslehrerin. „Warum Vorfall nicht gemeldet?“
„Aus Angst“, gab diese zu. Ob es die Angst vor dem einflußreichen Vater oder die vor dem Schulleiter gewesen war, ließ sie offen, und das war vermutlich auch besser so.
Der Blick des letzteren fiel auf Alexandra, und er wurde sich wohl gerade bewußt, daß die Schülerin Zeugin des ganzen Debakels gewesen war. Schweißtropfen traten auf seine Stirn. „Unterliegt Verschwiegenheitspflicht!“, betonte er.
Er mochte sich ausrechnen, daß Victoria und ihr Vater kein Interesse daran haben konnten, die Sache publik zu machen, und daß Alexandra schon dank ihrer Sprachbehinderung kaum etwas ausplaudern konnte. Der Rest war Kollegium, das hatte er unter Kontrolle. Sollte er die kommenden Nächte schlecht schlafen, gönnte Karina ihm die Albträume von Herzen. „Dürfen wir gehen?“, lächelte sie.
Seine Handbewegung scheuchte alle Anwesenden hinaus; für einen Abschiedsgruß reichte es nicht mehr. Daß Alexandra im Gehen ein unsichtbares Tier durch die Tür bugsierte, entging ihm. Draußen wartete immer noch Julia und sah ihre Freundin fragend an. Diese nahm sie stumm in den Arm.
„Alles in Ordnung“, erklärte Karina. „Deine Aussage war nicht nötig. Ihr könnt nach Hause gehen.“
Nachdem die Mädchen aus der Tür waren, entfernte sich auch Professor Gutzeit so wortlos, wie er die ganze Sitzung über geblieben war. Vermutlich hatte er eben überhaupt erst verstanden, daß die Alexandra unterstellte Aufsässigkeit in Wahrheit eine Sprachstörung war. Oder er hatte es auch jetzt noch nicht begriffen.
Karina blieb mit der Hauswirtschaftslehrerin allein zurück. „Woher wußten Sie…?“, fragte diese leise.
Das fragte sich Karina auch. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich wußte nicht. Es war eine Eingebung. Tut mir leid, daß ich Sie damit in Zugzwang gesetzt habe.“
„Schon gut. Es mußte einmal gesagt werden. Ich glaube, jetzt geht es mir besser.“
*
Am späten Nachmittag, also der Jahreszeit entsprechend schon in der Dunkelheit, betätigte jemand den Glockenzug an der Haustür. Karina saß bei ihrer Unterrichtsvorbereitung, Sebastian studierte die Zeitung und warf ihr einen Blick zu. Schon klar, er hatte keine Lust aufzustehen.
„Ich gehe.“ Karina erhob sich, ging hinunter zur Tür und öffnete.
Draußen stand Ingenieur Krohnstieg. „Guten Abend, Fräulein Karina. Entschuldigen Sie vielmals die Belästigung, aber ich dachte mir, es könnte einen schlechten Eindruck machen, wenn ich schon wieder vor der Schule auf Sie warte.“ Womit er recht haben konnte.
„Guten Abend, Herr von Krohnstieg – ach so, ohne von.“ Sie lächelte verlegen. „Treten Sie ein. Wir sind aber auf Besuch nicht vorbereitet.“
„Das macht doch überhaupt nichts. Ich bin derjenige, der sich entschuldigen muß, daß es so lange gedauert hat wegen des Ortstermins.“
„Wer isn des?“, kam von oben Sebastians Stimme.
„Der Herr Krohnstieg ist hier. Wegen der Sägemühle.“ Zum Besucher gewandt setzte sie hinzu: „Hier die Treppe hinauf, bitte. Und denken Sie sich nichts dabei, wenn mein Bruder manchmal etwas, hm, direkt ist.“
„Oh, ich habe schon mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen zusammengearbeitet. Ach, ehe ich es vergesse – und ehe Ihr Herr Bruder etwa Anstoß daran nimmt: darf ich Ihnen als Entschädigung für die Verzögerung diese kleine Aufmerksamkeit überreichen?“ Damit zog er hinter dem Rücken ein Päckchen hervor, das sich als eine Bonbonnière herausstellte.
„Danke“, machte sie überrascht. „Aber ich bitte Sie, das wäre doch nicht…“
„Schon klar. Trotzdem.“
Den Hut vor der Brust betrat er die Stube und verneigte sich. „Guten Abend, Herr Schuchert. Ephraim Krohnstieg ist mein Name.“
„Weiß scho. Der Herr Inschinör.“
„Das ist mein Bruder Sebastian“, übernahm Karina die Vorstellung und verwies ihn auf einen Stuhl. „Nehmen Sie doch bitte Platz. Darf ich Ihnen einen Kaffee oder Tee anbieten?“
„Nein, nein, nur keine Umstände.“ Er wandte sich an Sebastian: „Wie ich eben schon zu Ihrem Fräulein Schwester sagte, ich war gekommen, um einen Termin für die Besichtigung Ihrer Sägemühle zu vereinbaren. Eine andere Sache hat mich leider länger als erwartet aufgehalten. Nicht von der technischen Seite her. Aber Sie wissen ja, ohne eine entsprechende Anzahl Stempel an den richtigen Stellen läßt sich hierzulande nichts bewegen.“
„Scho recht. Also, sie woll’n die Sägmühl schätz’n?“
„Ja, so ungefähr.“ Er betrachtete interessiert den auf dem Tisch stehenden Adventskranz, von dem zwei Kerzen schon ein wenig heruntergebrannt waren. „Ts“, machte er. „Es geht auf Weihnachten. Das ist mir zwischen all meinen Projekten gar nicht aufgefallen.“
„Ja, Sie sind sicherlich sehr beschäftigt“, beeilte sich Karina zu betonen. „Um so dankbarer sind wir, daß Sie auch noch Zeit für uns erübrigen können.“
„Also wann?“, ließ sich Sebastian vernehmen.
„Sie sind ja beide berufstätig und unter der Woche unabkömmlich. Ich schlage daher das kommende Wochenende vor. Ich habe schon eine Zugverbindung nach Eilenbach herausgesucht.“
„So.“
„Ja. Wenn Sie nichts dagegen haben, hole ich am Samstag erst Ihr Fräulein Schwester von der Schule und dann Sie von hier ab, und wir fahren gemeinsam zum Bahnhof. So verlieren wir am wenigsten Zeit. In Eilenbach quartieren wir uns in einem Gasthof ein, übernachten auf Sonntag und haben so Gelegenheit, das Objekt ausführlich zu begehen. Am Sonntagabend können wir wieder hier sein. Wäre das in Ihrem Sinne?“
„Gasthof? Scho wied’r Extrakost’n.“
„Ich denke wohl nicht, daß man im Mühlengebäude noch logieren kann.“
Karina seufzte. Er hatte recht. Der Winter stand bevor, und ob man dort in dem ‚Objekt’ noch den Ofen in Gang bringen konnte, war zumindest fraglich. Sie hatte keine Vorstellung, in welchem Zustand das Gebäude sich heute befand. Früher, als sie es noch gekonnt hatte, war die Mutter ein oder zweimal im Jahr dort hinausgefahren, aber mit ihrer Erkrankung dann nicht mehr. Plötzlich fand Karina es peinlich, daß sie keine Gelegenheit hatte, dort vorher noch nach dem rechten zu sehen und für ein Mindestmaß an Ordnung zu sorgen. „Sie haben wohl recht“, faßte sie ihre Überlegung zusammen.
„Und immerhin haben Sie reich geerbt“, meinte Krohnstieg Sebastian trösten zu müssen.
„Ja. Klunker.“
Karina warf ihrem Bruder einen giftigen Blick zu, daß er den Schmuck der Mutter als ‚Klunker’ bezeichnete. „Wir machen es so, wie Sie es vorschlagen. Sie holen mich nach dem Unterricht ab, und dann holen wir gemeinsam meinen Bruder und unser Reisegepäck von hier. Ist doch in Ordnung, Sebastian?“
„Ja, ja. Hast ja des Sag’n.“
Krohnstieg blieb höflich und erhob sich. „Schön. Dann sehen wir uns also am Samstag.“
Karina begleitete ihn noch hinunter zur Tür. „Tut mir leid. Mein Bruder ist wirklich etwas schwierig. Dabei opfern Sie Ihre Zeit.“
Der Ingenieur schüttelte den Kopf. „Schon gut. Jeder ist, wie er ist. Ich tu’s gern, und gerade für so ein reizendes junges Fräulein tue ich es besonders gern.“
Sie lächelte verlegen. „Wie darf ich das jetzt verstehen?“
„Wie ich es sage. Sie genießen meine besondere Wertschätzung.“
„Müßte mich das jetzt beunruhigen?“
„Wenn es Sie beunruhigt, daß jemand Sie mag?“ Er küßte ihre Hand.
„Leben Sie wohl.“ Er setzte seinen Hut auf und schritt davon. Karina spürte, daß sie knallrot geworden war. Aber zum Glück war es dunkel.