Prolog: Die Welt liegt im Krieg. Die geheimnisvolle Rasse der Kronosier, von der die Menschen lange glaubten, sie wären aus der Tiefe des Alls zu ihnen gekommen, überzogen die Erde nun schon seit acht Jahren mit Krieg.

Opfer dieses endlosen Krieges gab es zuhauf. Erwähnen kann man einen Menschen, der ein besonders hartes Schicksal hinter sich hat: Der Sohn des Großindustriellen und Kollaborateur Ekichi Otomo.
Akira Otomo hatte sich in den frühesten Tagen mit der Besetzung Japans durch die Kronosier engagiert, und wäre in diesen für ihn jungen Jahren fast getötet worden.

Dies war der Beginn seines ganz persönlichen Kampfs, der ihn bei den Menschen zur Legende und bei den Kronosier zum gefürchteten Feind machte. Aoi Akuma, so wurde er genannt und so wurde er zur Legende.

1.

Seit wir auf den OLYMP gekommen waren, seit Eikichi die Abkehr von den kronosischen Besatzern verkündet hatte, waren die Hekatoncheiren auf Regimentsgröße aufgebläht worden. Es bestand aus dem Gros der alten Hekatoncheiren – nur wenige hatten aus familiären oder persönlichen Gründen die Einheit verlassen – und meiner Akuma Gumi.

Abhilfe für die leeren Plätze boten hier die Mecha-Streitkräfte der Tiger- und der Drachen-Divisionen, welche sowohl Megumi als auch mich für ihre Errettung vor der absoluten Vernichtung bewahrt worden waren. Wir hatten viel versprechende neue Bewerber zusammengefasst und drei Bataillone ausgehoben.
Es lief einfach im Moment und ich war glücklich. Dass dieser Zustand nicht ewig anhalten würde, wusste ich. Weder existierte ein Frieden mit den Kronosiern, noch waren sie zurückgeschlagen; Präsident Daynes war noch immer von Staat und Mandat getrennt; und meine Cousine Sakura Uno kämpfte noch immer mit den abgefallenen Divisionen des Pantheon in den drei himalayanischen Ländern Tibet, Nepal und Shangri-La, während die restlichen kronosianischen Divisionen, die sie einst kommandiert hatte, weiterhin um Süd-Sibirien und Nordchina kämpften.

Dazu kam dann noch die neueste Information, die uns ein japanischer Agent zum Preis seines eigenen Lebens zugespielt hatte. Sie bestand eigentlich aus einem gigantischen Datenblock, den mir letztendlich Doitsu Ataka und Mamoru Hatake zugespielt hatten. Aber man konnte ihn auf ein einziges Wort reduzieren: Elwenfelt.

Ich fühlte mich im Moment so wohl wie schon lange nicht mehr. Mich traf die neueste Entwicklung nicht unvorbereitet, aber ich hatte nicht erwartet, dass es mit dieser schönen Zeit so schnell vorbei sein konnte. Himmel, ich hatte noch nicht einmal die Zeit gehabt, Megumi zu verführen! Und ich wusste, dass ich bei ihr offene Türen eingerannt hätte.
Und das hatte nun alles ein Ende…

„Moment, Moment!“, rief ich und hob abwehrend die Arme. „Ich komme da nicht ganz mit. Ich kann ja verstehen, was du mit den Anelph meinst, und ihrer äußerst sympathischen Vertreterin Ban Shee Ryon an unserem Tisch.“

Die hoch gewachsene Frau lächelte und nickte mir zu. Ihre Anwesenheit auf der Station war nicht nur illegal, sondern für sie lebensgefährlich. Immerhin war sie eine der Anführer der emigrierten Volksgruppe der Anelph, und als diese den Kronosiern in die Hände gefallen. Sie und alle ihres Volkes waren dem guten Willen des Legats ausgeliefert.

„Und mir ist auch klar, was ein Naguad sein soll. Ich meine, irgendeinen Grund müssen die Anelph haben, um ihr Heimatsystem zu verlassen. Und ein galaktisches Imperium in direkter Nachbarschaft, dass auf Unterwerfung aus ist, ist ein guter Grund.“

Zustimmendes Raunen erklang für mich.

„Aber erkläre mir bitte eines, Vater. Warum bin ich auch ein Naguad?“
„Ein HALBER Naguad, mein Sohn. Deine Mutter ist Naguad, ich bin genetisch ein Mensch.“

„Genetisch? Heißt das, hier gibt es noch eine Einschränkung?“, argwöhnte ich und machte mich auf das Schlimmste gefasst.

„Nun, wir Otomos arbeiten schon seit Jahrzehnten mit den Naguad zusammen. Wir bilden ein Team, sozusagen. Aber meine Vorfahren haben sich nicht mit ihnen vermischt.“

„Bis zu mir und Yohko, wie es scheint.“

„Nur, was die Otomos angeht, mein Sohn. Auch Sakura und Makoto sind Naguad.“

„Und was bedeutet das für uns?“

„Eine Chance, aber dazu später mehr. Zuerst aber wird Admiral Ryon berichten. Bitte, Ban Shee.“

„Danke, Direktor Otomo. Wie die meisten Anwesenden wohl wissen, bin ich weder Terraner

noch Naguad. Ich entstamme der Rasse der Anelph.

Was ich Ihnen jetzt erzählen werde, wird Sie nicht gerade für mich einnehmen. Und ich werde sehr weit ausholen müssen.“ Die Anelph atmete tief durch. „Und ich möchte vorweg sagen, dass es mir sehr leid tut.“

„Nun machen Sie es nicht so spannend“, beschwerte sich Yuri ungeduldig.

„Also gut. Wir sind, wie Sie wissen, Flüchtlinge. Ich entstamme einem Volk von achthundert Millionen Daima-Nachkommen. So nennen die Naguad humanoide Menschenvölker, die nicht von ihnen abstammen. Unser Sonnensystem heißt Kanto, unsere Hauptwelt ist Lorania. Und dieses Reich wurde von den Naguad unterworfen.“

Admiral Ryon gab uns Zeit, diese Information zu verarbeiten. Und ich befürchtete – wohl zu Recht – dass diese kleine Information erst der Anfang war. Auf der Schockskala waren noch ein paar Striche frei.

„Das Imperium der Naguad expandiert auf zwei Arten in Daima-Gebiete. Entweder senden sie Forschungsflotten aus, oder sie entsenden einen imperialen Core. Der Core ist eine selbstständige Computereinheit, die mit Hilfe eines sprungfähigen Raumschiffs von der Klasse einer Fregatte und mit Hilfe hochwertiger Drohnen selbstständig neue Gebiete erforscht und entweder ein unbewohntes System auf Rohstoffe erforscht oder Kontakt mit einem bewohnten System aufnimmt. Es kann auch passieren, dass der Core versucht, ein bewohntes Sonnensystem zu unterwerfen. Das kommt ganz auf das Haus an.

Ein Haus kennen Sie ja schon. Es ist das Haus Elwenfeld. Dieses Haus hat uns Anelph vor gut neunzig Jahren unterworfen. Anfangs hatten wir einen friedlichen Kontakt, aber es geschahen wohl zu viele Dinge zugleich, und es endete in der Unterwerfung des Kanto-Systems durch Elwenfelt-Haustruppen und imperiale Streitkräfte.

An dieser Stelle sollte ich auch im Sinne von Direktor Otomo weiter ausholen. Das Imperium der Naguad kennt neun große Häuser und mehrere kleinere, dazu Dutzende Organisationen von Hauslosen. Zusammengefasst wird dieses Imperium durch den Rat der Naguad, der überparteilich ist, und dem das zentrale Militär direkt untersteht. Dennoch steht es jedem Haus frei, eigene Flotten aufzustellen und selbst zu expandieren.“

„Diese Häuser, ist das der Adel der Naguad?“, warf Kei Takahara ein.

„Nur bedingt. Wir reden hier zwar von den Familien Arogad, Daness, Elwenfelt, Fioran, Logodoboro und anderen, aber diese großen Familien umfassen zwischen zwanzig bis fünfzig Millionen Naguad. Und das sind lediglich die Angehörigen des Hauses auf planetarer Ebene. Dazu kommen noch weitere Angehörige in den Distrikten und Marken, die sogar teilweise von einem Haus kontrolliert werden.“

„Wow. Das nenne ich mal eine wirklich große Familie“, merkte Yoshi Futabe an.

„Wie man es nimmt, Meister Futabe. Innerhalb der Arogad zum Beispiel gibt es neun Unterfamilien. Und nur weil jemand nicht den Namen Taral oder Marecian trägt sondern Arogad heißt bedeutet nicht, dass er zur Hauptlinie gehört.“

„Interessant. Aber kehren wir zu den Cores zurück. Sie wurden also unterworfen“, sagte ich mit mahnender Stimme.

„Richtig. Und weil wir dies selbst nach fünfzig Jahren noch nicht akzeptieren konnten, und obwohl wir die Gift erhalten haben, wurden unsere Flotten über das gesamte Imperium verteilt. Überflüssig zu sagen, dass unsere Schiffe als eine Art Feuerwehr eingesetzt wurden und mehr als einmal die Hauptlast zu tragen hatten, wenn es Ärger gab. Und das alles nur, um eine Massierung der Flotte im Kanto-System zu verhindern. Dennoch gaben wir nicht auf. Das Komitee wurde gegründet. Ziel war es, so vielen Anelph wie möglich die Flucht zu ermöglichen. Und damit kommen wir zum heutigen Stand.“

„Eine Frage, Admiral Ryon. Was ist die Gift? Oder haben Sie sich versprochen und meinen das Gift?“, merkte Mamoru Hatake an.

„Nein, ich meine die Gift. Es handelt sich hier um einen Anglizismus, den ich gewählt habe, da er dem Namen, den die Naguad diesem Vorgang gegeben haben, nicht nur sehr ähnelt sondern die gleiche Bedeutung hat. Beides bedeutet Geschenk. Aber dazu später mehr.“

Wieder sah sich Ryon um, und ich glaubte eine stumme Bitte um Entschuldigung darin zu sehen. „Kurz und gut, um uns die Flucht zu ermöglichen, um einen Pendelverkehr einzurichten, um den vielen hunderttausend ausreisewilligen Komitee-Mitgliedern die Flucht zu ermöglichen, stahlen wir einen Core von den Elwenfelt und programmierten ihn um. Dieser Core hatte den Auftrag, uns drei selbstständige Nachschubbasen zu errichten, mit deren Hilfe wir mit unseren Flüchtlingsschiffen einhundert Lichtjahre überwinden können, um notwendige Versorgungsgüter aufzunehmen und Reparaturen durchführen zu lassen.

Nun, der Core schaffte es bis zur Erde. Es mag daran liegen, dass wir den Core aus einem Museum entwendet haben, es mag daran liegen, dass er die Fähigkeit hatte, die Gift der Elwenfelt zu vergeben, mit ihm begannen Ihre Probleme, die jetzt, acht Jahre später, ihren Höhepunkt erreicht haben. Wie von uns programmiert errichtete der Core einen Stützpunkt auf dem Mars, aber er entschied sich, nicht nur auf die Drohnen zu vertrauen, die Ihnen vereinzelt schon als Soldaten begegnet sind. Er suchte und fand Daima auf der Erde und rekrutierte sie für seine Zwecke. Vielen gewährte er die Gift. Er programmierte einen Teil ihrer DNS um, um sie genetisch zu Angehörigen des Hauses Elwenfelt zu machen.“

„Das ist uns bekannt. Aber wir wussten bisher nicht, dass diese Umprogrammierung einem großen Haus der Naguad zu zu rechnen ist“, sagte ich knapp und erschrocken.

Daisuke, der im Dienste der Kronosier die Gift einst erhalten hatte, war nicht weniger entsetzt. Offenbar wussten nur wenige, vielleicht niemand außer dem Core selbst, woher die Methode stammte, Menschen – oder wie es Ryon formuliert hatte, Daima – in Kronosier zu transformieren. Nein, das war falsch. Es musste sicherlich Elwenfelt heißen.

„Weiter bitte, Ban Shee. Dass Sie uns unwissentlich die Kronosier auf den Hals gehetzt haben, geschah unbeabsichtigt und ist nicht mehr zu ändern“, schloss Eikichi. Und er hatte Recht damit.

„Nun, es kam wie es kommen musste. Wir führten unseren Plan durch, und fanden den ersten Stützpunkt in der Verfassung vor, die wir erwartet hatten. Aber dann kamen wir nur bis zum zweiten. Hier stoppten uns die Kronosier. Und bevor wir uns versahen, arbeiteten wir für sie. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir verweigern es bis auf wenige Ausnahmen, für sie zu kämpfen. Und noch ist unser Wissen für sie zu wertvoll, als dass sie uns zwingen würden. Nebenbei, ich bin eine lausige Banges-Pilotin.“

„Banges?“

„Daishi“, verbesserte sie sich. „Nun, wir leben mit unserem Zweckbündnis mehr schlecht als recht, doch wir leben. Aber dann trat eine Situation ein, die von uns verlangte zu handeln. Dies geschah drei Tage nach dem zweiten Big Drop. Seitdem haben wir hart gearbeitet, um an diesen Verhandlungstisch zu kommen. Dieses Ereignis war ein imperialer Langstreckenerkunder, der mit den Kronosiern, nein, mit den Trägern des Elwenfelt-Gens Kontakt aufgenommen hat und vor exakt zwei Wochen wieder abflog. Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass die imperiale Fregatte TAUMARA die Elwenfelt über die Situation in Ihrem Sonnensystem informieren wird. Und dass sie eine Hausflotte entsenden wird, um dieses unverhofft aufgefundene Flecken Erde einzunehmen. Leider haben wir Anelph keinerlei Sicherheiten, was dann mit uns geschieht. Immerhin sind wir nach Naguad-Gesetz keine Flüchtlinge, sondern Verbrecher. Letzteres vor allem wegen der Schiffe, die wir gestohlen haben.“

„Mit anderen Worten“, ergriff der Yakuza Doitsu Ataka das Wort und schob seine Brille wieder die Nase hoch, was einen schimmernden Reflex entstehen ließ, „Ihnen geht der Arsch auf Grundeis und Sie suchen verzweifelt nach einer Lösung.“

„Ja und ja, Oyabun Ataka.“

„Wie nett. Das gefällt mir. Wo liegen unsere Chancen?“

„In dem Umstand, den ich bereits erwähnt habe. Akira und Yohko sind halbe Naguad. Genauer gesagt ist ihre Mutter eine Angehörige des Hauses Arogad.“

„Hm. Und wenn die Elwenfelt hier eintreffen, werden sie eventuell die Hoheitsrechte des Hauses respektieren, das wir zusammen mit Mutter darstellen?“

„Laut geltendem Recht stellen diese beiden Stationen, OLYMP und Titanen-Station, ARTEMIS und APOLLO, das hawaiianische Protektorat und die legitime Regierung der U.S.A., dargestellt von deinem alten Freund Daynes, sowie die drei himalayanischen Staaten die Sakura kontrolliert, Eigentum oder Verbündete der Arogad dar und dürfen von den Elwenfelt nicht angetastet werden.“

„Was ist wenn es sie einen Dreck schert?“, argwöhnte ich.
„Dann haben wir Krieg. Aber die Elwenfelt werden einen direkten Konflikt mit dem Haus Arogad ausschließen. Nebenbei bemerkt, Ihr zwei seid nur zu einem Viertel Arogads. Eure Großmutter Eri ist die Arogad in der Familie. Michael ist ein Fioran, das ist ein anderes, eng mit den Arogads verbündetes Haus. Gegen so eine Übermacht treten die Elwenfelt garantiert nicht an.“

„Was ist wenn es sie einen Dreck schert?“, wiederholte ich.

„Nun, dann kommt unser Trumpf ins Spiel. Im Gegensatz zu dir und Yohko gibt es noch einen genetisch vollwertigen Naguad an diesem Tisch. Es tut mir Leid, dass du es auf diesem Weg erfahren musst, Megumi, aber du bist eine Daness.“

„Hä?“ Überrascht sah sie auf. „Hä?“

„Ich habe mit deinen Eltern geredet und sie sind damit einverstanden, dass ich dir die Wahrheit sage. Megumi, du und deine Eltern gehören dem großen Haus Daness an. Und damit wirst du eine wichtige Waffe gegen Haus Elwenfelt.“

„Meine Eltern nicht?“

Eikichi hob bedauernd die Hände. „Sie sind auf die TAUMARA gegangen und fliegen zurück nach Naguad Prime. Du kannst dir vorstellen, dass das ein heikles, gefährliches und streng geheimes Unternehmen war, von dem ich dir nicht berichten konnte, bevor es gelungen war. Und auch jetzt sollten alle Anwesenden darüber schweigen.

Ihr Ziel ist es so viel Unterstützung wie möglich für uns zu bekommen und die Elwenfelt wenn es möglich ist von einem militärischen Abenteuer abzuhalten. Das macht dich zur einzigen Daness auf dieser Welt. Und das bedeutet, du musst etwas auf dieser Welt erobern.“

„Was, bitte?“

„Und wenn es geht den Mars“, fügte Ban Shee Ryon hinzu.

Ach, darum ging es ihr also. Megumi nickte irritiert. Diese Neuigkeiten hatten sie nicht aus den Latschen gehauen, aber enorm mitgenommen.

Als ihr direkter Vorgesetzter übernahm ich das Gespräch wieder. „Ich will sehen was wir für Sie tun können, Admiral Ryon. Wie können Sie uns dabei unterstützen?“

„Nun, Aoi Akuma, zum Beispiel mit Informationen. Eine davon ist, dass auf einen alten Freund von Ihnen eine Jagd mit Youmas gestartet werden soll. Wie ich gehört habe, sind Sie einem der Youmas schon begegnet.“

„Wir sind ihm begegnet“, meinte ich und nickte Mamoru und Doitsu zu, „und haben ihn zurückverwandelt.“

„Zurückverwandelt? In was?“, argwöhnte Ban Shee Ryon.

„In einen Menschen“, sagte Mamoru argwöhnisch. „Wissen Sie nichts davon?“

„Sie benutzen Menschen? Aber Legat Torah hat doch gesagt, die Youmas werden aus freiem KI konstruiert.“

„Mit einem Menschen als Basis“, fügte Doitsu hinzu.

„Und wer ist dieser Freund, von dem Sie reden, Admiral Ryon?“, fragte ich die entsetzte Frau, um das Gespräch wieder in die richtige Bahn zu lenken.

„Präsident Jordan Daynes…“

„Na Klasse. Akuma Gumi, Zeit zum Aufbruch.“

„Ähemm!“, machte Megumi resolut.

Ich seufzte ergeben. „Ich meine natürlich Hekatoncheiren, Zeit zum Aufbruch. Stell eine Einheit in Kompaniestärke auf. Nur die Besten!“

„Bereit für den Kampf gegen Youmas?“

„Bereit für den Kampf gegen Youmas. Jemand soll auch Joan und Sarah Bescheid geben. Wir brauchen wahrscheinlich einen Supercomputer. Wir installieren ihn auf der ENTERPRISE. Für unseren zweiten Einsatz – auf Hawaii!“

2.

Aus dem kleinen Team in Kompaniestärke war mit Unterstützungstruppe ein Bataillon geworden. Ich musste mich einfach daran gewöhnen, in vollkommen anderen Bahnen zu denken als bei der Akuma-Gumi. Nun, die Hekatoncheiren verlangsamten uns nicht. Sie waren gut trainiert, eifrig und gehörten zum Allerbesten. Aber statt für ein paar hundert Menschen nun für ein gutes tausend verantwortlich zu sein, machte mir doch etwas zu schaffen.

Andererseits konnte man das leicht vergessen, wenn man die Hälfte dieser Menschen und Kronosier – und zugegeben Naguad und Halb-Naguads – ausgelassen am Strand herum toben sah. Die ENTERPRISE lag in Pearl Harbour im Middle Loch vor Anker, ebenso ein Teil ihrer Begleitflotte und weitere Schiffe, die sich zu Präsident Daynes bekannt hatten. Das machte es unserem Aufbauteam leicht, in der Nähe zu bleiben.

HA! In Wirklichkeit wollte Sarahs Team nur wieder an den Strand.

Tetsu Genda, Chef der Verteidiger Hawaiis, sah mich kopfschüttelnd an. „Akira, wir haben noch nicht einmal die Schäden vom letzten Mal beseitigt, und du bist schon wieder hier.“

„Hast du eigentlich nichts besseres zu tun als hier am Strand herum zu liegen?“, konterte ich. „Musst du nicht eine Inselgruppe verteidigen?“

„Spotte du nur. Zu meinen Aufgaben gehört es auch dafür zu sorgen, dass dem Helden von Hawaii nichts passiert.“

„Helden von Hawaii?“

„Erzähl mir nicht, dass du nicht weißt, dass ich dich meine“, spottete der alte Freund.

„Nein, aber ich höre es dich doch so gerne sagen.“

Tetsu schnaubte halb verächtlich, halb belustigt und sah auf den Strand hinaus. „Sakura kommt nicht zufällig auch?“, bemerkte er beiläufig.

„Nein, ich denke nicht. Sie hat alle Hände voll zu tun, die drei Reiche zu befestigen. Es scheint, als würden die Chinesen in ihr eine größere Gefahr sehen als in den kronosischen Verbänden, die Sibirien und Nordchina schlucken wollen und haben dementsprechend ein paar Armeekorps ausgesandt. Das ist nichts, womit Sakura nicht fertig werden würde.“

„Natürlich nicht“, brummte Tetsu. „Also, warum bist du hier? Und warum hast du so ein großes Team mitgebracht?“

„Sie haben es auf Daynes abgesehen.“

„Bowman und seine Militärjunta? Natürlich haben sie das.“

„Ich rede von Odin Corys und seinen Verrückten. Er hat Scott mit ein paar Youmas ausgeschickt, die Jordan liquidieren sollen. Anscheinend ein kleiner Vertrauensbeweis in ihrem Kuhhandel.“

„Youmas. Über diese kronosische Waffe ist nicht allzu viel bekannt. Eigentlich weiß ich nur, dass sie nach Dämonen der japanischen Mythologie benannt wurden.“

„Damit weißt du schon eine ganze Menge.“ Ich gähnte herzhaft. Der Flug vom OLYMP nach Oahu war lang und langweilig gewesen. Megumi hatte keine Zeit für mich gehabt – ich ja eigentlich auch nicht, aber für sie hätte ich sie mir einfach genommen – und Kitsune-chan war weder auf dem OLYMP noch auf meinem Flug aufzufinden gewesen. Mist. Das enthob mich der Möglichkeit, anderweitig Entspannung zu finden.

Aber was dachte ich da? War ich jetzt nicht mit Megumi zusammen? Musste ich ihr da nicht treu sein? Obwohl, zählte das monogam zu sein, wenn es um Kitsune ging? Immerhin war ich für die zweitausend Jahre alte Fuchsdämonin nicht mehr als ein Kleinkind, selbst jetzt mit zwanzig Jahren noch. Nicht, dass sie mich wie eines behandelte. Aber ihre Einstellungen zu Sex und Liebe im Allgemeinen waren etwas vollkommen anderes als alles, was ich bisher in meinem Leben erlebt hatte. Ich fragte mich, ob Megumi mit dieser Einstellung zurecht kam. Ich fragte mich, ob Kitsune vielleicht… Nun, ich dachte ja nur, und… Wütend schüttelte ich den Kopf. Angenehmes, aber gefährliches Thema.

„Wie, nein?“, argwöhnte Tetsu.

„Was? Ich habe dir gar nicht zugehört.“

„Und warum hast du dann den Kopf geschüttelt? An was Schlimmes gedacht?“

„Nicht unbedingt an was Schlimmes.“ Ich grinste ihn an. „Also, jetzt höre ich zu. Worum geht es?“

„Ich habe gesagt, dass du übertreibst. Für ein paar Youmas gleich mit einer Kompanie Hekatoncheiren anzurücken, und dann auch noch mit der kompletten Akuma Gumi, das ist vielleicht etwas übertrieben. Wirst du nicht an einem anderen Ort der Weltgeschichte gebraucht?“

„So einfach ist das nicht. Die Youmas, die Legat Scott vom Mars mitgebracht hat, sind etwas Besonderes. Sie haben einen menschlichen Kern.“

„Einen menschlichen Kern?“

„Einen Menschen.“

„Uff.“

„Ja, das habe ich auch gedacht. Unsere Mission ist also nicht nur den Präsidenten zu schützen, sondern auch die Menschen in den Youmas zu befreien.“

„Na, da hast du dir ja eine Menge vorgenommen, Akira. Wieso habe ich ernsthaft geglaubt, du würdest es dir diesmal leichter machen?“

„Weil du ein unverbesserlicher Träumer bist, Tetsu?“

„Ich träume nur von Sakura“, versicherte er mir mit einem Augenzwinkern.

Ich seufzte. „Du weißt, dass ich ihr das erzählen werde?“

„Ich bitte sogar darum.“

Irritiert sah ich den alten Freund an. Wagte er endlich den nächsten Schritt?

„Was?“, fragte er nervös. „Meinst du sie reißt mir dafür den Kopf ab?“

„Das dürfte der Idealfall sein. Du hast ja keine Ahnung, worauf du dich da einlässt.“

„Schlimmer als die Invasion der Kronosier?“

„Nicht schlimmer. Aber definitiv aufregender. Ich weiß das. Ich bin mit Sakura aufgewachsen.“

„Gut. Anders würde ich es gar nicht haben wollen.“

Resignierend zuckte ich mit den Schultern. „Ich lege ein gutes Wort für dich ein, versprochen.“

Eine Zeit lang lagen wir nebeneinander auf unseren Strandmatten und ließen uns von der Nachmittagssonne Medium braten, bevor Tetsu wieder das Wort ergriff. „Akira, diese Naguad-Geschichte…“

Ich nickte schwer. „Nicht so leicht zu verdauen.“

„Das meine ich nicht. Hast du dich nie gewundert, warum Jerry dich mit vierzehn in einen Hawk gelassen hat? Meinst du er hat gehofft, dass du mit dem Freien Japanischen Geheimdienst zusammenarbeitest und die Akuma Gumi gründest?“ Er sah mich an. „Oder hat er es gewusst?“

„Wie meinst du das? Glaubst du, ich wurde dazu geboren, um einen Hawk zu steuern?“

„Ich glaube du wurdest dazu geboren um die Welt zu retten.“ Er verschränkte beide Arme hinter dem Kopf und fügte hinzu: „Oder zu vernichten. Da bin ich mir noch nicht so sicher.“

„Na, danke.“

„Hey, Aoi Akuma, brauchst nicht gleich beleidigt zu sein. Ist doch ne Tatsache, dass dir das Chaos auf dem Fuß folgt, mein Bester.“ Tetsu runzelte die Stirn. „Lass mich das korrigieren. Du schiebst das Chaos vor dir her.“

„Bitte immer nur einen Tiefschlag pro Minute“, erwiderte ich säuerlich.

Der Japaner lachte prustend. „Dich kann man ja immer noch leicht anstacheln. Wann wirst du erwachsen?“

„Erwachsen werden? Und auf den ganzen Spaß verzichten? Wenn ich Opa bin, vielleicht.“

„Dieses Vielleicht macht mir Sorgen.“ Er ächzte und richtete sich auf. „Hm, ich glaube, ich muss mal kurz Platz für die Oma machen. Viel Glück, blauer Teufel.“

„Oma?“

Tetsu winkte mir zu, stand auf und ging. Sein Grinsen dabei war… Nett? Neidisch? Beides?

„Akira?“ Ich sah auf und erkannte Megumi, die sich über mich gebeugt hatte.

Ich klopfte auf die Matte neben mir. „Nimm Platz.“

Sie hockte sich auf die Matte und sah auf mich herab.

„Hast du keine Lust, schwimmen zu gehen? Oder warum trägst du ein Sommerkleid und keinen Badeanzug?“

„Der Badeanzug ist drunter.“

„Dann bist du also mit deinen Präparationen fertig. Was sagen deine Agenten in der kronosischen Botschaft?“

„Es wird bald geschehen. Die Zahl verschlüsselter Telefonate nimmt zu. Außerdem sind ein paar zehntausend Dollar Bestechungsgeld geflossen. Wohin und an wen konnte ich nicht herausfinden. Aber mehr brauchen wir auch nicht zu wissen.“

„Stimmt. Wir kennen ihr Ziel. Also lassen wir die Youmas und Scott zu uns kommen.“

„Aber wir haben wohl noch etwas Zeit“, fügte sie hastig hinzu. „Zumindest den Abend!“

„Super. Was hältst du denn davon, wenn wir zwei die Gelegenheit nutzen und zusammen essen gehen? Nur wir zwei, ein verträumtes Restaurant am Strand. Danach ein romantischer Spaziergang, und anschließend kannst du mir an deiner Zimmertür sagen, ob ich reinkommen kann oder alleine schlafen muss.“

„Ich… Ich… Ich… IDIOT!“ Wütend richtete sie sich auf. „Die Reservierung ist für acht Uhr abends bestellt. Ein Wagen steht halb acht bereit. Sei pünktlich, sonst nehme ich Doitsu oder Makoto an deiner Stelle mit, verstanden?“

Erstaunt sah ich sie an. „Hast du das alles schon geplant gehabt?“

Sie errötete. „Nun… Ja.“

„Alles?“, hakte ich nach.

„Idiot“, murmelte sie, „finde es doch raus.“

Ich sah ihr so lange nach, bis sie ihr eigenes Strandtuch ausgebreitet und das Sommerkleid abgelegt hatte. Hm, ich würde wohl gleich ein wenig schwimmen gehen und mit Megumi und den anderen einfachen, naiven und feuchtfröhlichen Spaß im Wasser haben. Manchmal, ganz selten, fühlte ich mich noch als wäre ich gerade erst vierzehn geworden und nie in einen Hawk geklettert. Dann wollte ich einfach nur das Leben nachholen, welches ich damals verloren hatte.

Und danach… Danach würde ich Scott wirklich leiden lassen, wenn er mir das Date mit meiner Megumi versaute!

3.

Es kam selten vor, dass ich zu einem Gott betete. Oder sogar gleich zu mehreren. Beistand von Heiligen erflehte ich auch nicht besonders häufig. Aber jetzt in diesem Moment flehte ich alle Götter an, die willens waren, mich zu erhören, alle übermächtigen Wesen und vor allem Dai-Kitsune-sama, dass Legat Gordon Scott nicht ausgerechnet JETZT angriff. Oder an DIESEM Abend.

Grund für dieses drastische Verhalten meinerseits war Megumi. Genauer gesagt meine Megumi in ihrem wirklich wunderschönen schwarzen Cocktail-Kleid, dessen Anblick mir verriet, dass ihr knallenger Druckanzug längst nicht alles verriet. Und das darunter noch weit mehr zu entdecken war.

Das hoch geschlitzte, tief dekolletierte Kleid betonte ihre große, schlanke Figur. Aber hatte sie wirklich so viel Oberweite, oder halfen da Pads nach? Auch ihre Haare waren neu arrangiert, was ich bei ihrem Kurzhaarschnitt – praktisch, kurz und funktionell – niemals für möglich gehalten hätte. Und dann war da noch ihr Make-Up, dezent, unterschwellig, getoppt von einem Hauch Lipgloss, der die natürliche Farbe ihrer Lippen wundervoll zur Geltung brachte. Dazu kam eine schlichte dünne Goldkette, und selbst das erschien mir schon angesichts ihrer natürlichen Schönheit als etwas überladen.

So stand sie vor mir in der Hotellobby und steppte mit den Absätzen ihrer schwarzen High Heels einen ungeduldigen Rhythmus.

„Hallo, Megu-chan“, hauchte ich über ihre Schulter hinweg.

„Du bist spät!“, rief sie wütend und wandte sich um. „Ich habe halb acht gesagt, jetzt ist es zehn vor.“ Sie musterte mich eingehend und schluckte. „Na, wenigstens siehst du einigermaßen passabel aus.“

„Einigermaßen passabel? Im Anzug sehe ich phantastisch aus“, entgegnete ich entrüstet. „Außerdem habe ich einen Grund fürs Zuspätkommen. Es gab ein paar Differenzen, was unsere Fairy-Aufteilung betraf. Es hat mich einiges an Einfühlungsvermögen und Überredungskunst gekostet, um Philip und Cecilia zu bequatschen, die Nacht auf Jordan aufzupassen.“

„Die Reservierung lautet trotzdem auf acht Uhr. Was, wenn sie verfällt, bevor wir eintreffen?“, fragte sie und musterte mich verstohlen von der Seite. Trug sie unter diesem Kleid Unterwäsche? Es trug jedenfalls nichts auf.

„Lass das meine Sorge sein. Du wirst sehen, Hawaii gehört mir.“ Ich reichte ihr meinen Arm, sie hakte sich ein und ich führte sie zur wartenden Limousine.

„Ich hasse es wenn du so übertreibst“, murmelte sie.

Honolulu war nicht nur die Metropole der Insel Oahu, sie war auch die Metropole von ganz Hawaii.

Und diese Metropoloe gehörte mir. Mir ganz allein.

Als unsere Limousine vor dem Restaurant von Megumis Wahl vor fuhr, war es natürlich bereits weit nach acht. Aber, das gebe ich zu, darum machte ich mir keinerlei Sorgen. Vielleicht war es ein Anflug von Arroganz, vielleicht war es einfach nur ein wenig Vertrauen in meine Legende. Vielleicht etwas von beidem.

Als wir den Vorraum betraten, hielt ich mich diskret zurück. Dies war Megumis Reservierung, Megumis Abend und Megumis Essen, und ich wollte nicht den weißen Ritter spielen. Nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Aber ich war jederzeit dazu bereit, einen Tisch zu fordern. HA! Wenn mein Titel als Retter von Hawaii zu irgendetwas gut sein sollte, dann doch vielleicht zu einem Essen in einem französischen Restaurant.

„Einen Tisch für zwei Personen, bitte. Ich habe unter dem Namen Uno reserviert.“

„Pardon, Mademoiselle, aber die Reservierung lautete auf acht Uhr. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass sie verfallen ist. Möchten Sie eventuell so lange an der Bar Platz nehmen, bis ein Tisch frei wird?“

Ärgerlich drehte ich mich um. Hey, diese läppische Viertelstunde war es doch nun wirklich nicht wert, deshalb gleich den ganzen Tisch fort zu geben.

Ich wollte zu Megumi treten, aber ein Stirnrunzeln von ihr hielt mich zurück.

„Wann wäre denn sobald?“, fragte sie mit einem treuen Augenaufschlag.

„Nun, Mademoiselle, in einer Dreiviertelstunde könnte einer frei werden. Wenn Sie den haben möchten…“

„Ich bitte darum.“

„Aber, aber“, klang eine Stimme auf, die ich normalerweise gerne hörte, aber nicht hier und nicht mit Megumi als meiner Gastgeberin. „Pierre, Sie werden doch nicht etwa dem Stellvertretenden Anführer der Neuen Hekatoncheiren, Lieutenant Colonel Uno, die Reservierung versauen?“

Der Garcon sah für einen Moment erschrocken auf. „Mr. President, ich wusste nicht, dass…“

„Megumi-chan, es ist mir wie immer eine Freude, wenn ich dich sehen kann. Willst du dich nicht zu mir an den Tisch setzen? Ich verspreche dir alles, nur keinen langweiligen Abend.“

„Danke, Jordan. Es freut mich auch, dich zu sehen, aber ich bin mit Akira hier.“

„Akira wer?“, fragte er höflich, und für die Art, wie er so offensichtlich mit meinem Mädchen shakerte, hätte ich all meine guten Manieren vergessen können.

„Akira Otomo“, sagte ich kurz angebunden und trat ebenfalls heran.

Dies brachte den armen Mann am Empfang nun völlig aus der Fassung. „Colonel Otomo, Sir! Ich wusste ja nicht, dass die Dame in Ihrer Begleitung ist! Ich werde sofort einen Tisch für Sie…“

„Einen Tisch fertig machen? Und wem wollen Sie ihn wegnehmen, Pierre? Nein, ich denke, es ist das Beste wenn Ihr zwei an meinen Tisch kommt. Bitte. Ihr wollt doch nicht eine Einladung des Präsidenten der Vereinigten Staaten ausschlagen?“

Megumi sah von ihm zu mir und dann wieder zu ihm. „Ich brauche mal fünf Minuten für mich“, sagte sie und ging in Richtung der Toiletten.

Als sie außer Sicht war, zischte Jordan Daynes: „Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich von Megumi fern halten!“

„Ich habe mich ja von ihr fern gehalten. Sie aber nicht von mir! Sagt das nicht genug aus, mein alter Freund?“

„Das liegt doch nur daran, dass sie auf OLYMP keinerlei Alternativen hat. Da muss schon jemand wie ich kommen, der dir das Wasser reichen kann, mein lieber Aoi Akuma.“

„Oh, du sprichst japanisch. Willst du sie etwa beeindrucken?“

„W-wenn die Herren sich eventuell einig werden könnten…“, wagte es Pierre einzuwenden.

„Was? Du bist doch überhaupt erst Schuld an dem Dilemma!“, warf ich dem Mann vor.

„Ich bin zutiefst betrübt, Colonel.“

„Und was dich angeht, Jordan, wenn das hier ein Zufall ist, dann schließe ich ab morgen meine Hose mit einem Schweißbrenner! Wer hat geplaudert?“

Der Präsident der USA grinste breit. „Tja, deine beiden Aufpasser sind leider etwas zu gut informiert. Und ich musste nicht einmal fragen. Sie haben es mir von sich aus erzählt. Ich musste ihnen nur ein Essen in einem Nobelrestaurant versprechen, Tja, und hier bin ich. War zufällig sogar das Richtige.“

„Bis auf den letzten Punkt glaube ich dir alles, Kumpel.“

Wir tauschten hitzige Blicke aus. Sicher, wir waren Freunde, hatten Seite an Seite gekämpft. Aber hier in diesem Moment waren wir Rivalen im Kampf um die begehrenswerteste Frau auf diesem Planeten. Hoffentlich litt unser gutes Verhältnis nicht darunter, ging es mir in einem Anflug von Ironie durch den Kopf.

Etwas kam ich mir wie ein Halbstarker vor, der versuchte, seinen Rivalen einzuschüchtern, indem er von oben auf ihn herab sah. Zum Glück war ich ein paar Zentimeter größer, da wirkte das besser. Jordan aber war nicht viel schlechter und stierte mich mit einem arroganten Zug von unten heran an.

„Du weißt, dass du sie nicht verdient hast, Akira.“

„Und du weißt, dass du die ehemalige kronosische Elite-Pilotin Megumi Uno nicht zur First Lady machen kannst, Mr. President. Der Aufschrei in der Bevölkerung wäre viel zu groß. Stell dir das doch mal vor: Ausgerechnet der große Kriegsheld fraternisiert mit der Elite der Kronosier.“

„Und was ist mit dir? Aoi Akuma, die Geißel der Kronosier geht nun am Gängelband ihrer besten Pilotin spazieren und macht auch noch für sie Männchen.“

„Bitte, Messieurs, jeder einzelne von Ihnen hat sich enorme Verdienste für die Freiheit der Welt erworben. Können Sie das nicht friedlich regeln?“, warf Pierre mit schweißbedeckter Stirn ein.

„Aber natürlich können wir das.“ Ich griff hart zu und nahm Jordan in einen Schwitzkasten. „Also, mein guter Freund. Megumi hat mich heute eingeladen. Willst du ihr wirklich den Abend verderben, den sie für uns geplant hat?“

„Natürlich nicht verderben“, knurrte der Präsident und brach den Griff auf. „Aber je mehr wir sind, desto lustiger ist es doch, oder?“

Wieder taxierten wir uns mit wütenden Blicken.

„Wenn Ihr beide damit fertig seid eure Reviere zu markieren“, erklang Megumis Stimme neben uns, „dann könnt Ihr ja an den Tisch kommen. Die Getränke sind schon bestellt.“

Wir wandten uns ihrer Stimme zu. Da stand sie, mit spöttischem Blick, die Arme vor der Brust verschränkt und die Lippen gekräuselt. Niemand der sie so sah, würde sie ernsthaft für neunzehn halten. „Du siehst einfach phantastisch aus“, kam es mir stockend über die Lippen.

„Das hast du mir schon gesagt, Akira. Doppelt geschmeichelt wird auch nicht mehr, okay?“

„Aber er hat Recht. Wobei phantastisch meiner Ansicht nach noch nicht ganz ausreicht, um deinen Auftritt zu beschreiben.“

„Danke, Jordan. Das hört eine Frau doch immer gerne. Kommt Ihr zwei dann endlich?“

„Schleimer“, warf ich Daynes vor.

„Selber Schleimer.“

„Oberschleimer.“

„Das sagt der Richtige. Du belaberst Megumi doch seit dem Hotel schon mit halbherzigen Komplimenten!“

„Von denen ist nichts halbherzig, okay?“

„Kommt Ihr zwei Clowns jetzt?“

Seufzend ergaben wir uns in unser Schicksal. Und wir hielten unseren Frieden, bis wir zum eigentlichen Eingang des Restaurants kamen.

Als wir erschienen, standen die Menschen auf und applaudierten.

„Wirst du hier immer so empfangen?“, raunte ich Jordan zu.

„Nun, mit Applaus ja, aber ich befürchte fast, aufgestanden sind sie wegen dir.“ Daynes lächelte in die Runde, winkte und stieß mir seinen Ellenbogen in die Seite. „Wink auch, Aoi Akuma, Schutzpatron von Hawaii.“

Ergeben seufzend ergab ich mich in mein Schicksal. Ich nickte mal hierhin, mal dorthin, schüttelte einige der dargebotenen Hände und machte danach medienwirksam mit dem Präsidenten der USA einen kleinen Handshake, der unsere Partnerschaft und Verbundenheit zum Ausdruck bringen sollte.

In diesem Gewühl bekam ich beinahe nicht mit, wie Megumi stolz zu uns beiden herüber sah. Und auch fast nicht, wie ein junger Mann wutentbrannt ihren Namen rief und die Fäuste schwingend auf sie zu lief.

Nun, als ich reagierte, war schon alles vorbei. Direkt vor Megumi hockte ein großer grauer Wolfshund und knurrte den Angreifer mit gefletschten Zähnen an. Ich war gerade erst hinzu gesprungen, ebenso Jordan, vom Tisch waren Phillip und Cecilia herbei geeilt. Aber der junge Mann, bestenfalls zwanzig, hatte angesichts der Reißzähne des großen Wolfshunds die Lust verloren, zu attackieren.

Verlegen, beinahe ängstlich, ließ er die Arme sinken, und wie unter einem inneren Zwang ging er an seinen Tisch zurück, als hätte es nie diesen Wutausbruch gegeben.

Megumi erwachte aus ihrer Starre. Ich hatte sehr wohl bemerkt, wie sie beim Griff zu ihrer Handtasche gestockt hatte. Ich vermutete dort eine Schusswaffe. Aber gegen einen unbewaffneten Zivilisten hatte sie die wohl nicht einsetzen wollen. Auch ich hätte gezögert meine Beretta zu ziehen, die ich bei mir trug, seit Eikichi mir meine Luger fort genommen hatte. Von wegen schussgenauer und sicherer, ha!

Ihre Rechte ging über den Kopf und über die Ohren des großen Wolfs. „Danke, Okame.“

Der riesige Hund schob die Lefzen über die Zähne, drehte die Ohren nach hinten und schleckte sich mit der großen Zunge über die Zähne. Dann sah er friedlich, als könne ihn kein Wässerchen trüben, zu Megumi hoch.

„S-so geht das aber nicht! Sie können hier doch keinen Hund rein bringen!“, stotterte der Chefkellner.

„Natürlich kann ich das“, sagte ich an ihrer Stelle. „Immerhin ist dieser Hund das offizielle Maskottchen der Akuma Gumi und bekleidet sogar einen Dienstrang. Und Sie wollen doch sicherlich nicht ein Mitglied meiner Einheit aus diesem Lokal werfen?“

Der kurze Kampf zwischen mir und dem Chefkellner, ausgefochten mit Blicken, war schnell zu meinen Gunsten entschieden. Ich brauchte nicht einmal auf die peinliche Szene am Eingang hinzuweisen, um meinen Willen zu kriegen.

„Nun, wenn es sich wirklich um ein Mitglied der Akuma Gumi handelt… Aber wir servieren nicht für ihn.“

„Sergeant Okame ist dienstlich hier“, sagte ich ernst. „Eine Leibwächtermission.“

Damit war alles geklärt. Ich hatte nie ganz herausfinden können, was andere Menschen mit natürlicher Autorität meinten, aber eventuell war sie hier am Werk. Vielleicht hatte der Chefkellner aber einfach nur Angst vor Aoi Akuma.

***

„Ach, komm, Akira. Mach doch nicht so ein Gesicht!“, rief Phillip, und hielt mir sein Sektglas hin.

Ich brummte unzufrieden. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. So hatte ich das nicht geplant. Und vor allem hätte ich nie gedacht, dass sich Megumi tatsächlich neben Jordan setzen würde. Damit saß sie zwar mir direkt gegenüber, aber uns trennte ein halber Meter Tisch. Und der Präsident war nicht nett genug, um diese Chance zu vergeben. Meine Laune als schlecht zu bezeichnen war also hoffnungslos untertrieben, und wenn mir nicht so unendlich viel an Megumi gelegen hätte, dann wäre ich längst aufgesprungen und hätte frustriert den Tisch verlassen. Eher halbherzig hob ich mein Glas und stieß mit Philip und seiner Fairy an. Mit den beiden wirkte ich wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen.

Als Megumi über einen Witz von Jordan Daynes lachte, sprang ich auf. Mir war klar, dass meine Wangen glühten. Mir war klar, dass mein Blick nicht sehr freundlich war. Und mir war klar, dass ich ungerecht war. Dies sollte Megumis Abend sein, und wenn sie ihn lieber mit Jordan anstatt mit mir verbringen wollte, dann war es ihr gutes Recht. Und ich musste ihr zugestehen selbst zu wählen. Immerhin hatte ich einiges getan, um ihr den Abend bereits am Anfang zu versauen. Zuerst hatte ich dafür gesorgt, dass wir zu spät kamen. Damit war ihre Reservierung verfallen. Dann hatte ich mein Gewicht als Aoi Akuma in die Waagschale geworfen und sie so bedeutungslos gemacht, dass allein der Gedanke, wie sehr ich ihr vielleicht weh getan hatte, körperlichen Schmerz bereitete. Und schließlich hatten Jordan und ich wie zwei Halbstarke gebalgt. Manche Frauen mochten das vielleicht als ein Kompliment ansehen, aber Megumi war zu klug, zu gebildet und zu erfahren, um sich davon beeindrucken zu lassen.

„Entschuldigt mich eine Sekunde“, sagte ich also und wandte mich ab.

„Wo willst du denn hin, Akira?“, klang Jordans Stimme hinter mir auf.

„Dahin, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht“, rief ich über meine Schulter hinweg.

Im großzügig ausgestatteten Herrenbereich der sanitären Anlagen spritzte ich mir zuerst ein paar Hände Wasser ins Gesicht. Wie ich es mir gedacht hatte, ich war rot vor Ärger. Verdammt. Ich war wirklich dabei, Megumi den Abend zu versauen, wirklich zu versauen. Und das hatte sie nicht verdient. Es hatte unser Abend sein sollen, doch wenn es so weiter ging, wie es bisher gelaufen war, dann würde ich heute keinen Spaß mehr finden. Dann würde ich für sie nur noch die Stimmung drücken.

Diese Erkenntnis schmerzte, und vor allem schmerzte es, dass ich nun Jordan das Feld überlassen musste. Aber Megumis Zufriedenheit war mir wichtiger, viel wichtiger als alles andere.

Bedächtig zog ich mein Handy und wählte die Nummer des Restaurants. „Ja, Major Makoto Ino von den Hekatoncheiren hier. Ich weiß dass mein vorgesetzter Offizier Akira Otomo bei Ihnen speist. Er hat leider sein Handy abgeschaltet, deshalb kann ich ihn nicht erreichen. Bitte richten Sie ihm aus, dass er für einen Notfall zurückkehren soll. Es ist ein Code Blau. Ja, danke.“

Ich deaktivierte die Verbindung wieder, trocknete mein Gesicht und verließ die Toilette.

Am Tisch erwartete mich bereits der Kellner. „Colonel Otomo! Wir wurden gerade telefonisch benachrichtigt, dass Sie für einen Code Blau zurückkehren sollen. Die Nachricht stammt von Major Ino.“

„So, so, ein Code Blau?“ Ich runzelte die Stirn. „Hätte er sich nicht eine bessere Zeit aussuchen können?“

„Akira, du wirst jetzt doch nicht etwa gehen?“, tadelte Megumi.

Ich seufzte tief. „Ich muss. Code Blau ist recht ernst.“

„Ich komme mit.“

„Nein. Nein, nein, so wichtig ist Code Blau nun auch wieder nicht, um beide Anführer der Hekatoncheiren anzufordern. Wäre es das, hätte Mako dich auch angerufen. Ich gehe. Eventuell dauert es nicht lange, und ich bin schnell wieder zurück.“ Ich lächelte das falscheste Lächeln meines Lebens. „Jordan, passe du bitte so lange auf sie auf, während ich fort bin.“

„Oh, keine Sorge, ich bin für sie da, Akira“, erwiderte der Präsident und lächelte nonchalant.

Unter dem Tisch trat ich heimlich auf seinen Fuß. Das wischte wenigstens dieses Grinsen aus seinem Gesicht.

„Okay. Ihr habt ja auch noch Cecilia und Phillip hier. Außerdem Okame.“ Ich beugte mich vor und küsste Megumi auf die Wange. „Ich beeile mich.“

„Ich bitte darum“, hauchte sie und streifte mein Ohr mit ihren Lippen. „Ich habe nämlich noch etwas geplant für heute, woran Blue Lightning unbedingt teilnehmen muss.“

Ich bezweifelte ernsthaft, dass ich in den Genuss dieser Veranstaltung kommen würde, denn mein Frustfaktor war nun hoch genug, um Fersengeld zu geben und mich in meinem Cockpit zu vergraben, bis der Morgen graute.

Das war wohl der richtige Preis, den ich dafür bezahlte. Wären wir nicht zu spät gekommen, wäre die Reservierung nicht verfallen. Wäre die Reservierung nicht verfallen, hätte Jordan uns nicht an seinen Tisch eingeladen. Und dann wäre der ganze andere Rest nicht passiert.

Aber das ließ ich mir nicht anmerken. Im Gegenteil. Ich zwinkerte ihr zu, winkte in die Runde und war auf dem besten Wege, das Lokal zu verlassen. Kurz noch zögerte ich und fragte mich selbst ob es wirklich so klug war, sie mit Jordan allein zu lassen. Aber wenn ich das nicht konnte, wenn sie in seinen Armen landete, dann hatte ich es nicht anders verdient. Dann liebte sie mich eben nicht genug, und mir blieb nichts anderes übrig als ihr ein Freund zu sein.

Als dieser Gedanke durch meinen Kopf fuhr, mit dem Schmerz eines glühenden Eisenstücks, setzte ich mich wieder in Bewegung und verließ das Restaurant. Sicherlich war der Chefkellner nur erleichtert, weil er eines seiner Probleme los war.

Draußen schnappte ich mir das erstbeste Taxi und ließ mich direkt zur Basis fahren.

***

„Was ist passiert?“, klang Kitsunes Stimme neben mir auf.

Ich sah zur Luke herüber und beobachtete die schlanke, rothaarige Frau, wie sie zu mir in den Mecha stieg und auf dem Fairy-Sitz Platz nahm.

„Ach, nichts. Nichts, nichts, nichts. Zumindest nichts, was ich nicht verdient hätte“, erwiderte ich und rieb müde meine Schläfen.

„Wolltest du nicht mit Megu-chan essen gehen? Hat sie dich nicht sogar eingeladen?“

„Es gab Probleme. Ich bin zu spät gekommen, und deshalb ist ihre Reservierung verfallen. Und dann hat sich Jordan eingemischt und ihr einen Platz an seinem Tisch angeboten.“

„Was? Dir nicht? Seid ihr keine Freunde und Waffenbrüder mehr?“

„Natürlich mir auch. Aber ich habe dann beschlossen, mich als fünftes Rad am Wagen abzuseilen. So haben Jordan und Megumi und Cecilia und Phillip hoffentlich noch einen schönen Abend.“

„Hm“, machte Kitsune und sah mich fragend an. „Was waren das denn für Probleme, wegen denen du zu spät gekommen bist?“

„Die Leibwache für Jordan wurde umgestürzt, und ich musste Phillip fast auf Knien anflehen, damit er den Job übernimmt.“

„Du meinst der gleiche Phillip, der mit Cecilia am Tisch des Präsidenten gesessen hat, in dem Restaurant, in dem Megu-chan für sich und dich reserviert hat? Also, ich weiß nicht wie du das siehst, aber ich finde das merkwürdig.“

Ich schluckte trocken. Dann noch einmal. Und erneut. Mir stieg Magensäure hoch, meine Adern pochten wie wild, und ich saß in Blue Lightnings Cockpit. Blöde Kombination! Ganz, ganz saublöde Kombination. „Kitsune“, hauchte ich, „schnalle dich an oder geh wieder.“

Mit strahlenden Augen befestigte sie die Gurte des Fairy-Sitz. „Ich wusste, du bist doch nicht schwer von Begriff.“

„Blue, wir machen noch einen kleinen Ausflug.“

„Lassen Sie mich raten, Sir. In die Innenstadt von Honolulu?“

„Such einen schönen Platz zum landen, so nahe es geht bei diesem verdammten Restaurant! Und sag der Flugsicherheit Bescheid, dass wir aufsteigen!“

„Wird erledigt, Sir!“

„Cecilia! Phillip! Und Jordan!“ Wütend aktivierte ich den Bewegungsmechanismus, und Blue erwachte zum Leben. Ich warf ihn in einen leichten Trab, und Sekunden darauf hatten wir den Hangar verlassen.

„Wir haben Startfreigabe, Sir“, informierte mich die K.I. des Hawks.

„Sehr gut!“ Sofort trat ich die Sprungpedale durch und Blue Lightning erhob sich auf Flammendüsen in den Himmel.

4.

Der Weg war nicht besonders weit. Im Gegenteil. Man konnte sagen, für einen Hawk im Flug war es ein Katzensprung. Das Problem war einfach eine Abstellfläche in der Nähe vom Restaurant zu finden. Notfalls konnte ich immer noch auf einer Kreuzung landen und sie damit nachhaltig blockieren, aber so sauer war ich noch nicht. Auch wenn nicht mehr viel fehlte.

„Die Flugsicherheit, Sir!“

„Durchstellen! Otomo hier!“

„Sir, ich kann gar nicht sagen wie froh ich bin, dass Sie bereits im Anflug auf Honolulu sind! Es gab einen Anschlag auf den Präsidenten, und ich schicke gerade alles los, was fliegen oder fahren kann! Sie sind der Szene gerade am nächsten, und wenn ich…“

„Definieren Sie Anschlag!“, rief ich und ging auf volle Beschleunigung.

„Es scheint so als würden riesige deformierte Tiere das Restaurant attackieren, in dem er zu Abend gegessen hat. Ich übermittle Ihnen die Koordinaten…“

„Das brauchen Sie nicht“, zischte ich wütend. Ich war schließlich schon fast da.

Okay, NUN war ich sauer genug, um mitten auf einer Kreuzung zu landen! Aber der Verkehr rund um das Restaurant war sicher ohnehin schon erstorben, denn bei den deformierten Tieren handelte es sich sicher um KI-Biester, und Okame hatte, als ich gegangen war, unter dem Tisch des Präsidenten gelegen! Die Viecher würden eine schöne Überraschung erleben, und ich brauchte nur dem Lärm, den Bränden und eventuell den Explosionen zu folgen.

Verdammt, meinetwegen konnten sie Jordan angreifen so viel sie wollten. Der Junge wusste sich zu wehren. Aber heute war Megumi dabei, meine Megumi, und DAS nahm ich sehr persönlich!

Neben mir schnallte sich Kitsune los. „Ich springe ab, sobald wir über dem Restaurant sind, okay?“

„Lässt du mich schon wieder in Stich wie neulich?“, fragte ich lakonisch.

„Aber, aber, vermisst du mich etwa schon?“ Sie gab mir einen neckischen Zungenkuss. „Und ich dachte, du hast gerade nur Augen für deine Megu-chan.“

Kitsune winkte mir noch einmal zu, dann ließ sie sich fallen und durchdrang das Cockpit.

Ich sah nach unten. Tatsächlich. Brennende Autos, fliehende Menschen, Okame musste bei der Sache sein. Und unter mir erkannte ich die reguläre Leibwache des Präsidenten, die erbittert eine schwarze Limousine verteidigte. Ein Scan ergab, dass sie leer war. Also war Jordan noch da drin und sollte mit dem Wagen fliehen.

Als ein monströses, Schakalähnliches KI-Biest im vollen Galopp darauf zuraste, drückte ich Blue tiefer, zog die Herkulesklinge und ließ sie über dessen Flanke gleiten. Die Bestie heulte getroffen auf, wurde zur Seite geschleudert und dekorierte dabei ein Schaufenster um.

Ich landete mitten auf der Straße. Eins. Zwei. Drei. Nein, vier Biester waren es. Das eine hatte ich gerade am Wickel, ein weiteres wurde von Cecilia in Schach gehalten, während Phillip ihr Rückendeckung gab. Nummer drei wurde gerade von Okame zerfetzt und Nummer vier… HINTER MIR!

Ich warf Blue herum, sah eine riesige Krallenhand auf mich zurasen… Und konnte nur fassungslos dabei zusehen, wie Krallenhand samt Arm herabfielen wie ein nasser Wäschesack. Zwischen mir und dem Biest stand ein riesiger Fuchs und fauchte das KI-Biest wütend an. „Geh nur rein“, rief Kitsune, „um die Biester hier draußen kümmere ich mich!“

Das KI-Biest im Schaufenster rappelte sich auf, kam auf die Beine und wollte mich wieder angreifen, aber ein kraftvoller Hieb des Herkules-Schwerts trennte ihm den Kopf von den Schultern. Selbst ein KI-Biest vertrug eine solche Misshandlung nicht und verging.

„Danke dir!“, rief ich, schnallte mich ab, ließ Blue in die Hocke gehen und griff nach den beiden Waffen, die in meinem Cockpit verwahrt waren. Das Katana kam links, die feuerbereite, aber gesicherte Beretta rechts. Zusammen mit der Beretta in meinem Anzug machte das vierunddreißig Schuss! Derart gerüstet sprang ich auf die Straße, lief in eine Nische und verschaffte mir einen groben Überblick. Zusätzlich zu den KI-Biestern konnten hier auch noch Dutzende kronosische Agenten herumschwirren.

Erst dann lief ich weiter, auf den Restauranteingang zu. Als ich mich in den Eingang warf, richteten sich zuerst ein halbes Dutzend Handfeuerwaffen auf mich, aber als die NIS-Agenten mich erkannten, zerrten mich zwei hilfreiche Hände nach innen. Der Laden war verdunkelt, die Menschen raunten angstvoll. Und ein ziemlich derber, breit gebauter Agent drückte mich hinter den Eisenverkleideten Tresen der Bar. „Sniper auf der anderen Straßenseite, Sir. Außerdem am Hinterausgang! Wir warten auf die Limousine und weitere Luftunterstützung, aber wir befürchten jederzeit, dass wir gestürmt werden! Wir haben die anderen Gäste in den Keller geschafft. Dort sind sie vorerst sicher. Der Präsident und Colonel Uno sind mit uns hier oben, damit wir sie bei passender Gelegenheit schnell evakuieren können!“

„Gute Analyse! Megumi, geht es dir gut?“

„Ich bin unverletzt, Akira!“

„Fragst du mich nicht, wie es mir geht?“, klang Jordans empörte Stimme auf.

„WIR reden später“, blaffte ich.

„Oh-oh…“

Ich wechselte einen schnellen Blick mit dem Agenten. „Ich laufe zu meinem Hawk zurück. Danach blockiere ich mit ihm das Schussfeld und halte die Limousine frei. Sie evakuieren daraufhin den Präsidenten und Colonel Uno. Ich begleite die Limousine dann in der Luft. Ich schätze, langsam kann auch die Verstärkung von Admiral Richards eintreffen.“

„Gute Analyse. Aber warum haben Sie das nicht per Funk mit uns besprochen? Warum sind Sie überhaupt erst ausgestiegen?“

„Verliebte Menschen machen manchmal dumme Dinge“, erwiderte ich leise. „Ich musste erst wissen, wie es Colonel Uno geht.“

„Verstehe, Sir. Seien Sie versichert, wir passen auf sie auf, als wäre sie die Präsidentengattin.“

„Das beruhigt mich jetzt nicht wirklich“, versetzte ich. „FEUERSCHUTZ!“

Ich sprang auf, während die Agents rings um mich die gegnerische Hausfront und das Dach unter Feuer nahmen. Ich warf mich aus der Tür, rollte über die linke Schulter ab und spürte einmal kurz etwas neben mir bersten. Mit einem Satz war ich auf dem nächsten Autodach, stieß mich ab und sprang mitten auf die Straße. Dort kam ich federnd auf, wollte weiterlaufen und… Sah nur noch, wie das KI-Biest mit weit aufgerissenem Rachen auf mich zugestürzt kam.

***
Es war ein merkwürdiges Gefühl. Irgendwo zwischen totaler Erschöpfung und absoluter Euphorie. Ich spürte die Kugeln auf mich zupfeifen, aber sie konnten mir nichts tun. Und das Schwert in meiner Hand glühte, als hätte es jemand in eine Schmiede gehalten.

Die blaue Uniform leuchtete auf eine merkwürdige Weise, wie ich sie sonst nur gesehen hatte, wenn die Fairies ihre Kampfkleidung angelegt hatten. Und der schwere blaue Umhang, der nun auf meinen Schultern hing, wehte nach hinten als ging ein schwerer Wind, aber er zerrte nicht an mir. Vor mir auf der Straße lag eine junge Frau. Sie war nackt, und sie umgab eine Pfütze aus Blut, Schleim und Substanzen, die mir normalerweise den Magen umgedreht hätten. Sie, das war alles, was von dem angreifenden KI-Biest übrig geblieben war, seit ich meine KI-Rüstung angelegt hatte. Ich konnte mir nicht erklären, wie ich das geschafft hatte, aber es hatte sich so richtig, so natürlich angefühlt. Ich fühlte mich beinahe unverwundbar, und die ungezählten Kugeln, die in der Rüstung vergingen, schienen das zu bestätigen.

Langsam ging ich auf das zitternde, bebende und von spastischen Lähmungen zuckende Bündel Mensch zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Es war als hätte ich heißes Eisen berührt.

Als die Bestie mich angegriffen hatte, da hatte ich mich automatisch gewehrt. Aber es war das Gesicht eines Menschen gewesen, das in höchster Not aufgeschrien hatte, und so hatte ich die Klinge dorthin geführt, wo ich den Körper des Menschen nicht hatte sehen können, mitten durch einen grell leuchtenden Knoten… Und dies war nun davon übrig.

Wieder berührte ich sie, und es schien als würde sie ruhiger werden. Langsam, unendlich langsam wandte sie sich mir zu. „Akira-kun“, hauchte sie mir zu.

„Azumi-senpai?“ Mit einem Ruck zog ich den Umhang von meinem Rücken und warf ihn der bebenden Frau um den Körper. Azumi Okamoto war vor ewig langer Zeit eine Schülerin gewesen, die einen Jahrgang über mir gestanden hatte. Dann war ich gezwungen gewesen Aoi Akuma zu werden, und sie war zur Fushida Hacking Crew gegangen. Erst vor kurzem hatte ich erfahren, dass die Kronosier sie erwischt hatten. Sie und Hitomi Seto-senpai. Anscheinend hatte sie das gleiche Schicksal ereilt.

Sanft nahm ich das Bündel Mensch auf die Arme und trug sie zu Blue. Dort verstaute ich sie im Cockpit und schnallte sie an. „Blue, bring sie zurück zur Basis. Alarmiere die Sanitäter.“

„Ja, Sir.“ Der Hawk startete direkt neben mir durch, verbrannte dabei zwei Autos am Straßenrand die Reifen und verrußte Seiten und Fenster. Aber ich spürte nicht einmal die Hitze.
Langsam wandte ich mich um. Ein kaltes Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich war Kugelfest. Verdammt noch mal, ich war Kugelfest! Und ich war nicht nett genug, das zu ignorieren! Mit einem wütenden Schrei packte ich mein Katana fester und begann zu laufen.

***

Da saß ich also, vom Löschwasser bis auf die Knochen durchnässt, müde, irritiert und vollkommen neben mir. Eine Motorhaube diente mir als Sitzfläche. Der Wagen selbst war in dem brutalen Kampf, der letzte Nacht hier getobt hatte, ausgebrannt.

Ich wusste nicht mehr, wie viele ich getötet hatte, ich wusste nur, dass meine Klinge, die geglüht hatte als würde ich mein KI benutzen – wahrscheinlich hatte ich das sogar getan – selbst durch Stahl geschnitten hatte. Warum hätten da ein paar Knochen ein ernsthaftes Hindernis sein sollen?

„Meine Schuhe sind ruiniert“, klang eine Mädchenstimme an meine Ohren. „Und mein Kleid habe ich mir auch zerrissen.“

Ich wirbelte herum! „MEGUMI!“

Ich eilte auf sie zu und schloss sie in die Arme. „Megumi. Was machst du denn hier? Ich dachte, in all dem Chaos wären du und Jordan entkommen!“

„Ich bin Soldat. Ich kann meinen Anführer doch nicht hier alleine lassen“, erwiderte sie. Ihre Augen suchten meinen Blick, unsere Lippen näherten sich einander.

„Ähemm!“ Entsetzt fuhren wir herum.

Jordan Daynes kam gerade auf uns zu, und sein Anzug sah wirklich fürchterlich aus. „Es scheint als hätten wir alle Attentäter erwischt. Ebenso ist es uns gelungen die Kerne von drei der KI-Biester zu retten. Akira, du weißt nicht zufällig etwas über den Verbleib des vierten KI-Biests?“

„Eine Bekannte von mir. Mitglied der Fushida Hacking Crew. Sie ist auf unserer Basis und wird hoffentlich gerade medizinisch versorgt“, erwiderte ich. „Wissen wir schon wer es war?“

„Die Japaner haben uns einen Tipp gegeben. Angeblich haben sie Legat Scott auf Hawaii eingeschleust. Aber wir konnten ihn bisher nicht fassen. Sag mal, musst du Megumi so fest an dich drücken?“

„Ja, muss ich. Weiter im Text. Wie hoch sind unsere Verluste?“

„Drei Agents meiner Sicherheit sind getötet worden, dazu kommen etliche Verletzte. Wir haben Glück, dass sie uns nicht gleich den ganzen Stadtteil um die Ohren gejagt haben.“

„Das hätten sie nicht gewagt. Die schlechte Presse hätte selbst ihnen zu schaffen gemacht“, gab Megumi zu bedenken.

„Glaubst du wirklich, das schert die Kronosier?“

„Vielleicht nicht jene, die uns vor acht Jahren angegriffen haben. Aber die heutige Generation an Führungskräften ist anders.“ Megumi sah ernst zu ihm herüber. „Einer der Gründe, warum ich für sie arbeiten konnte.“

„Wie dem auch sei. Hier beginnen jetzt die Aufräumarbeiten, und ich muss eine Pressekonferenz abhalten. Es ist wohl besser, wenn Ihr beide nicht dabei seid, dann kann ich mich besser in die Opferrolle stellen. Wenn Akira neben mir steht glaubt doch keiner wie knapp es gewesen ist. Treffen wir uns nachher zum Mittag?“

„Nein, ich denke nicht. Ich will nur noch ins Bett und schlafen“, erwiderte ich.

„Gut, dass du schlafen dazu gesagt hast“, brummte Jordan, nickte uns noch einmal zu und wandte sich dann ab.

Ein eifrig hupender Wagen forderte danach unsere Aufmerksamkeit ein. Phillip winkte uns vom Fahrerplatz eifrig entgegen.

„Ich bin zu müde, um ihn und Cecilia in der Luft zu zerreißen“, murrte ich, zog Megumi auf die Beine und setzte mich in Richtung des Autos in Bewegung.

„Geht es?“ „Ja, kein Problem. Ich kann auch barfuß laufen.“

„Ich kann dich auch tragen.“

„Davon träumt doch jede Frau, vom Prinzen auf Händen getragen zu werden“, neckte sie mich.

Ich zog sie an meine Seite. „Du hast ja keine Ahnung, was ich noch alles für dich tun würde, Megumi.“

„Oh, ich denke ich habe gestern Abend einen kleinen Einblick bekommen.“ Sanft küsste sie mich auf die Wange. „Danke, du Held.“

„Jederzeit wieder, Lady Death. Jederzeit wieder. Und wir drei sprechen uns auch noch!“

Phillip zuckte zusammen. „Ich habe dir doch gleich gesagt, dass er es raus kriegt, Cecilia.“

„Na und? Ist ein Abendessen mit mir nicht den ganzen Ärger wert?“

„Was auch immer. Bringt uns zur Basis, bitte.“

***
Nach nur wenigen Stunden Schlaf, drei um genau zu sein, wurde ich wieder aus den Federn gerissen. „Colonel, Sie werden sofort auf der Krankenstation erwartet!“

Unwillig wälzte ich mich herum, bis mein Pflichtgefühl siegte und ich endlich auf die Beine kam. „Willst du mit?“

Megumi Uno öffnete kurz ein Auge, nur um es sofort wieder zu schließen. „Ruf mich, wenn es wichtig ist.“

„In Ordnung. Schlaf weiter. Das hast du dir verdient.“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Spötter.“

Ich küsste ihre bloße Schulter und zog schnell neue Kleidung aus dem Schrank. Zum Glück war jemand so schlau gewesen, Standardbekleidung in meiner Größe einzulagern.

Als ich kurz darauf die Lazarettsektion betrat, erwartete mich ein ziemliches Gedränge. Vertreter von mindestens elf Geheimdiensten, der Organisation meines Vaters und weitere Hochoffizielle der Exilregierung standen in einem Zimmer beisammen und folgten schweigend dem Geschehen auf einem Monitor. Ich erkannte die junge Frau, die abgebildet wurde, sofort wieder. Azumi-senpai. Wie es schien wurde sie gerade verhört. Und ihre Aussage wurde live aufgenommen und hierher übertragen. Nun, das war besser als ihr direkt im Zimmer mit dreißig Leuten auf den Pelz zu rücken.

„Geh gleich rein, Akira“, empfing mich Mako, bevor ich ebenfalls in den Raum treten konnte. „Okamoto-san hat nach dir verlangt.“

Ich runzelte kurz die Stirn, dann aber folgte ich Makotos Anweisung.

Als ich das Zimmer betrat, sah mich Azumi-senpai aus müden, aber dennoch vor Freude strahlenden Augen an. „Akira. Ich habe mich noch gar nicht bedanken können.“

„Es ist in Ordnung, Senpai. Wir hatten einfach wahnsinniges Glück aufeinander zu treffen. Außerdem haben wir schon Erfahrung mit dieser Situation, seit wir Hitomi befreien konnten.“

Wohlweislich verschwieg ich meine Gedanken und meine Querschlüsse. Denn wenn man die Aussage von Azumi nahm und ich noch die Erlebnisse von Akane hinzufügte, wäre die arme Fairy unruhigen Zeiten entgegen gegangen. Dabei arbeiteten meine Forscher längst an einer Möglichkeit, die verhindern sollte, dass sich Menschen als Kern für einen Youma eigneten. Basis für diese Grundlage war Akane selbst, die ihren derartigen Missbrauch verhindern konnte.

„Seto-kun hat es auch geschafft?“ Erleichtert ließ sie sich in die Kissen zurück sinken. „Das ist eine gute Nachricht.“

„Apropos gute Nachricht. An was kannst du dich noch erinnern, aus deiner Zeit als Youma?“

Sie sah mich aus großen Augen an. Der behandelnde Psychologe verdrehte entnervt die Augen, und ich wurde mir bewusst, wohl gerade einen Fehler gemacht zu haben.

„Nicht viel…“, begann sie mit dünner Stimme zu sprechen. „Als ich in diesen Youma transformiert wurde, da war da nur dieser Schmerz gewesen, dieser unglaubliche Schmerz, als würde mir die Haut platzen und als würden Dolche durch meinen Körper getrieben werden. Und danach sah ich die Welt so verschwommen, wie durch ein Kaleidoskop. Ich hörte Stimmen, die so fern wirkten, so fremd. Aber ich spürte, wie ich auf diese Stimmen reagierte, obwohl ich immer so müde war, so dämmrig. Mehr weiß ich nicht. Hier und da habe ich wohl ein Gesicht gesehen, einen Youma, aber das war es dann wirklich. Ich… Ich wurde mir meiner erst wieder bewusst, als du den Umhang über mich gedeckt hast.“ Sie deutete auf das Kleidungsstück neben ihr auf dem Stuhl.

Ach ja, da war ja noch was. Ich trat heran, nahm den Umhang auf und legte ihn über den linken Arm. Dann tätschelte ich meinem Senpai mit einem breiten Lächeln über den Kopf. „So, du hast jetzt genau zwei Aufgaben, Azumi-senpai. Erstens musst du schlafen, um wieder zu Kräften zu kommen. Und zweitens wirst du dich bei Sarah Anderson und der Hacking Crew melden. Sie arbeiten in meinem Team. Du weißt wer der blaue Teufel ist, oder?“

„Ich habe schon einiges mitbekommen, seit ich wieder frei bin“, erwiderte sie. „Und wie geht es danach weiter?“

„Ich habe keine Ahnung. Wir werden es auf uns zukommen lassen.“ Erneut tätschelte ich ihr den Kopf, nickte noch einmal aufmunternd und verließ dann das Krankenzimmer. „Ich komme am Abend wieder. Und ich sage der Hacking Crew Bescheid, dass eines ihrer Gründungsmitglieder wieder aufgetaucht ist.“

„Danke“, hauchte sie müde und war kurz darauf eingeschlafen.

Nachdem die Tür hinter mir zugefallen war, verharrte ich kurz und starrte auf den Umhang. Er war mir so fremd und doch so vertraut. Und er löste sich gerade in einem Funkenregen auf. Aber das kam mir so normal vor, so erschreckend normal.

Ich bekam Angst.

***

Legat Gordon Scott zog die Stirn kraus, als er sah, wer seinen Bericht annehmen wollte. Der breitschultrige, hochgewachsene Mann mit dem Schlägergesicht war niemand anderes als Coryn Odin selbst – der erste Legat.

„Es gab Schwierigkeiten?“, eröffnete der Mann das Gespräch.

„Wie man es nimmt. Ich habe vier KI-Biester verloren. Das ist schon ein erheblicher Rückschlag für uns, aber nicht der Weltuntergang.“

Der Erste Legat räusperte sich, legte die Arme auf den Rücken und begann innerhalb des holographischen Erfassungsbereichs auf und ab zu marschieren. „Was ein Rückschlag ist und was nicht entscheide ich. Wie ich sehe bereiten Sie nicht Ihren Aufbruch vor. Warum zerstören Sie das Versteck nicht? Warum vernichten Sie keine Dokumente?“

„Ich erachte es nicht für nötig, Erster Legat. Dieses Versteck ist sicher. Die Kerne der KI-Biester haben zumeist nur schattenhafte Erinnerungen an ihre Zeit, sobald sie befreit werden. Sie kennen den Bericht.“

„Hrm.“ Odin nahm seine Wanderung wieder auf. „Was ist mit den Agenten, die Präsident Daynes aufgelauert haben?“

„Waren nicht meine Leute. Ich habe einem amerikanischen Geheimdienst mein Vorhaben zugespielt. Für den Rest kann ich nichts.“ Scott grinste dünn. „Wie ich erwartet habe, hat Bowman mit beiden Händen zugegriffen und versucht, in der allgemeinen Konfusion das größtmögliche Kapital herauszuschlagen. Es war wahrscheinlich der CIA oder ein militärischer Geheimdienst, der hinter dem eigentlichen Anschlag steckt. Ich denke, Daynes hat gerade mehr als genügend eigene schmutzige Wäsche zu waschen, um sich auch noch um die KI-Biester zu kümmern.“

„Die eindeutig auf uns zurückgehen“, warf Odin ein.

„Um die er sich aber trotzdem nicht kümmern kann. Sein eigenes Land hat Agenten ausgesandt, die ihn töten sollten! Er muss diesen Umstand ausnutzen, er kann gar nicht anders!“

„Es wird unseren Stand verschlechtern.“

„Alleine dass Daynes noch lebt, verschlechtert unseren Standpunkt. Aber wir können unsererseits die Situation vielleicht nutzen. Wenn Bowman Schwäche zeigt…“ Scott ließ den Rest unausgesprochen.

„Ich werde Legat Taylor darauf ansetzen. Er hat volle Befugnisse für eine Wiederaufnahme der Alaska-Offensive. Aber jemand wird sich um uns und um die Herkunft der KI-Biester kümmern.“

„Das werden Akira Otomo und die Hekatoncheiren sein.“

„Ach, der Sohn dieses Verräters. Sind Sie stark genug, um ihn abzuwehren?“

„Ich war schlau genug, ihn nicht auf meine Fährte zu locken. Falls er in ein paar Tagen vielleicht wirklich auf mein Spur gelockt wurde, bin ich entweder schon weit weg, oder sicher in der Botschaft. Selbst wenn er jetzt zuschlagen würde, müsste er Beweise vorlegen, um mich dauerhaft verhaften zu können. Wir sind im Krieg mit den Amerikanern, aber nicht mit Eikichi Otomo und Hawaii.“

„Ich verstehe. Dennoch. Denken Sie nicht daran, die Gelegenheit für einen Kurzurlaub zu nutzen, Legat Scott. Kommen Sie in annehmbarer Zeit zurück.“

„Zurück nach Japan oder zu Ihnen auf den Mars?“

„Auf den Mars. Es gibt einige Probleme mit den Anelph, für die ich jemanden brauche, dem ich trauen kann. Und der nicht gleich ein Massaker anrichtet, weil er mal auf eine kleine Schwierigkeit stößt.“ Coryn Odin sah ernst auf Scott herab. „Die Elwenfelt werden bald eintreffen.“

„Das ist aber sehr früh“, erwiderte Scott nachdenklich. „Viel zu früh.“

„Sie erachten es als nötig. Also, beeilen Sie sich etwas. Odin aus.“

Das Hologramm erlosch und ließ Legat Scott nachdenklich zurück. Der Anschlag auf Jordan Daynes war spektakulär gescheitert, nicht zuletzt wegen der neuen Fähigkeit, die Akira Otomo entwickelt hatte. Aber er bot vielleicht die Gelegenheit, die von den Kronosiern gebraucht wurde, um Alaska dennoch zu erobern. Hm. Vielleicht hieß es ja ab jetzt: Jede Macht auf der Erde wühlt für sich selbst so viel wie sie kann. Ein erheiternder Gedanke.

5.

Es war mitten in der Nacht, die ich übrigens alleine verbrachte, wie ich hier anmerken möchte, als meine feinen Sinne anschlugen. Ich hörte die Schritte vor meiner Tür schon lange, bevor sie bewegt wurde. Meine Hand langte automatisch nach der Beretta, und ich wünschte mir die alte Luger zurück. Die hatte Stil und ein größeres Korn.

Allerdings verzichtete ich darauf, direkt durch die Tür zu feuern. Immerhin schlief ich im Hotel, und das konnte bedeuten, dass die leise miteinander flüsternden Gestalten, die mit ihren Schatten den schmalen Lichtspalt unter der Tür verdunkelten, nicht unbedingt zu mir wollten.

Doch ein dezentes Klopfen an der Tür erhob mich sowohl der Frage, was sie planten als auch wohin sie wollten.

„Akira! Bist du wach?“

„Jetzt ja“, antwortete ich wütend. „Was gibt es denn, Kei?“

„Überrangorder. Wir müssen sofort die Insel verlassen.“

„Verstehe. Sofort heißt…“

„Sofort heißt, schwinge dich in deine Hose, schnappe dir deine Schuhe und zieh das Hemd im laufen an. Danach schwingen wir uns in unsere Hawks und fliegen ab!“

Ausnahmsweise flossen die Informationen mal akkurat. Ich riss also die Tür bereits auf, als Kei noch nicht einmal ausgesprochen hatte. „Weitere Details?“, fragte ich, während ich in mein Hemd schlüpfte.

„Wir bauen unsere gesamte Ausrüstung ab. Alles wird verladen und so schnell es geht auf den Weg gebracht.“

„Eine Totalevakuierung. Ich nehme an es steht keine weitere Invasion von Hawaii bevor, andernfalls würden wir ja Befehl kriegen hier zu bleiben.“

„Das siehst du richtig. Der Befehl lautet mit Sack und Pack zu verschwinden.“

„Ziel?“ Mein Blick ging in die Runde. Neben Kei waren noch weitere Hekatoncheiren vor meiner Tür, und von den Fairies waren Akane und Hina anwesend.

„Wird uns Makoto in der Luft bekannt geben. Wir sollen fort sein, bevor die Sonne aufgeht, was in… Zwei Stunden der Fall sein wird.“

„Na, worauf warten wir dann noch? Wir checken aus.“

Ich nutzte die Zeit um in meine Schuhe zu schlüpfen. Ohne Socken. Oh, ich hasste es Schuhe ohne Socken zu tragen.

„Verstanden!“

Na, wenigstens spurte die Bande.

***

Exakt zwei Stunden später waren wir ohne großen Gruß von Oahu gestartet. Mir war nicht einmal die Gelegenheit gegeben worden, mich von Jordan zu verabschieden. Megumi übrigens auch nicht, und das glich alles wieder aus.

So saß ich also auf einer Infanteristenbank in einem unserer Shuttles, hatte eine Hand vor dem Mund weil ich gähnen musste, und die andere auf einem hübschen weiblichen Knie.

Ich sah meine Nachbarin an. „Weißt du was näheres, oder lässt Mako dich auch zappeln?“

„Er lässt mich auch zappeln. Ich habe Yohko auf ihn angesetzt, aber nicht mal sie konnte ihn erweichen“, erwiderte Megumi. „Geht es deiner Hand gut da?“
„Oh ja, danke der Nachfrage. Sogar sehr gut.“ Irritiert sah ich sie an. „Ist dir das unangenehm?“

„Unangenehm? Merkwürdig ist es. Du hast die Chance mich zu küssen und legst mir nur die Hand aufs Knie? Hat Aoi Akuma etwa seinen Esprit verloren?“

Ich wurde rot und sah fort. „E-entschuldige, aber seit dem Kampf mit den KI-Biestern bin ich… Ich weiß halt nicht, wie du und ich… Wie wir… Ich meine, wenn du deine Freiheit brauchst, respektiere ich das, und du hast bestimmt deine ganz eigenen Bedürfnisse und…“

„Ach, das ist es?“ Sie schob meine Rechte von ihrem Knie und erhob sich. „Alle mal herhören. Ich habe mit Akira geschlafen. Wollte nur, dass Ihr es wisst. Danke für eure Aufmerksamkeit.“

Sie setzte sich wieder und grinste mich an. „Sind damit alle Zweifel und Freiräume ausgeräumt?“

Ich war sicher, meine Augen konnten nun ohne weiteres mit dem Gefechtsscheinwerfer eines November mithalten, groß genug fühlten sie sich zumindest an. „Du bist unglaublich.“

„Nein, du bist unglaublich. Ich bin alles was du willst.“

„Doppeltreffer und versenkt“, flüsterte ich und näherte mich ihren herrlich weichen Lippen, um…

„Du hast mit ihm geschlafen? War er gut?“

„Yohko, so was fragt man als Schwester nicht!“, rief ich wütend.

„Ha, habt Ihr es endlich auf die Reihe gekriegt? Konnte ja keiner mehr mit ansehen, wie Ihr euch mit den Blicken auffresst. Und Bissspuren habt ihr auch keine. Zumindest keine, die man sehen kann.“

„Akane-senpai, bitte…“, raunte ich.

„Also, ich finde auch, dass das längst überfällig… Akira, dieser Blick? Bist du immer noch sauer, weil wir uns von Jordan haben bestechen lassen? Immer noch? Oookay, ich halte besser die Klappe…“

„Gut, dass ich nicht dein Stellvertreter geworden bin. Ich hätte nämlich nicht mit dir geschlafen“, brummte Yoshi.

„Danke, das beruht auf Gegenseitigkeit“, murrte ich zurück.

„Bevor Ihr euch in diesem Thema zu sehr verliert“, meldete sich Makoto plötzlich zu Wort, „will ich schnell unser Missionsziel bekannt geben. Die Naguad springen gerade in dieses System, und Onkel Eikichi hat den Hekatoncheiren befohlen, auf einer geheimen Basis unterzutauchen. Wir sollen für alle Fälle in der Hinterhand bleiben.“

„Das bedeutet, die beste Einheit der Erde für alle möglichen Aktionen frei zu halten“, sagte ich sinnierend. „Keine dumme Idee.“

„Und wo liegt diese geheime Basis?“, fragte Megumi.

Makoto lächelte dünn. „Na, wo wohl? Auf Senso Island.“

Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Dann erklang die erste murrende Stimme. „Schlecht funktionierende Duschen.“

Eine zweite fügte hinzu: „Stromausfälle im Hochsommer.“

„Schlechte Lüftung im Hangar.“

„Alte Wasserleitungen.“

„Ungenügend ausgerüstete Werkstätten.“

„Marode Elektrik.“

Ich fasste alles zusammen: „In einem Satz: Wir fliegen nach Hause.“

Um ehrlich zu sein überraschte mich der folgende Jubel schon ein wenig.

Epilog:

„Senso Island, Senso Island, dies ist Akuma Flight one. Wir bitten um Landefeuer.“

„Hier Senso Island. Akuma Flight one, willkommen Zuhause. Sie haben Landeerlaubnis auf der vier.“

„Landeerlaubnis auf der vier? Was redet der für einen Quatsch? Wir haben nur eine Landebahn! Moment mal, warum kann ich die Landebahn nicht sehen? Die Insel sieht so unberührt aus.“ Ich verharrte für einen Moment sowohl körperlich als auch in Gedanken. Senso Island unberührt? Unmöglich. Zumindest von der Verhaftungsaktion durch die Hekatoncheiren und die Tiger und Drachen hätten Spuren zu sehen sein müssen. Aber die kleine Insel im südchinesischen Meer wirkte, als wäre sie gerade taufrisch aus dem Meer aufgetaucht. „Mako?“

„Lass dich doch einfach überraschen“, mahnte mich der Cousin. „Warte bis wir durch den Tarnschirm durch sind.“

„Moment mal, Tarnschirm?“

Als sich das Bild vor mir rapide veränderte, wusste ich zumindest, was er gemeint hatte. Anstatt der unberührten Insel breitete sich nun eine nicht mehr ganz so unberührte Insel aus. Tatsächlich waren nun vier Landebahnen zu sehen, der Hangar schien ausgebaut worden zu sein und allgemein herrschte ein enormer Betrieb. Wenigstens unser Traumstrand war noch nicht einem Anlegeplatz für Hochseekriegsschiffe gewichen.

Ich zählte auf Anhieb vierzig Hawks bei Manövern in der Atmosphäre. Dazu etliche neue Luftabwehrstellung, viele von ihnen mit Raketen ausgerüstet. Im Klartext, unser beschauliches Geheimversteck in den Weiten des chinesischen Meeres war nun um etliches aufgerüstet. Zudem verfügte es nun über eine Art Tarnschild, wahrscheinlich ein Mitbringsel der Anelph und ihrer Hologrammtechnologie, was diesen Ort fortan nicht nur schwer verteidigt, sondern auch noch schwer zu finden machte.

„Nett.“

Unter mir fuhren schwer bewaffnete Flak-Panzer zwischen Übungsarealen und Hangarbunkern umher. Ich brauchte das Zeichen nicht zu erkennen um zu wissen, dass es sich entweder um Einheiten der Drachen oder der Tiger handelte – wahrscheinlich um beide, denn sie waren sowohl mir als auch Megumi mit ihren Leben verpflichtet.

„Richtig nett. Durch diesen Abwehrschirm kommt nicht mal ’ne Maus.“ Eine schmale Hand schlug mir kräftig auf den Rücken. „Außer vielleicht Aoi Akuma, was, Akira?“

„Maaaakooootoooooo“, grollte ich böse. „du hast doch genau gesehen, dass ich durchgeschwitzt bin, oder? Und dann haust du mir so stark auf den Rücken?“

Mein Cousin sprintete in Deckung. Genauer gesagt hinter Yohko. „Waaah! Cousinchen, beschütze mich!“

Ich ließ die geballten Fäuste wieder sinken. Ich würde meine Rache für den schmerzenden Rücken schon noch kriegen. Alles was ich brauchte war sein Kaffeebecher, frisches flüssiges schwarzes Gold und ein Tütchen Zimt. Er hasste Zimt, und das wusste ich ganz genau.

Als das Shuttle aufgesetzt hatte, waren sofort hilfreiche Hände dabei, es zu entriegeln und die Mechas zu entladen. Ich schnallte mich ab und schritt an der Spitze meiner Leute die Personenrampe hinab.

Was ich sah, beeindruckte mich wirklich sehr. Selbst zu Spitzenzeiten waren wir nie viel mehr als zweihundert Leute auf Senso Island gewesen. Nun aber schoss diese Zahl ins Zehnfache. Und alle standen sie unter meinem Kommando.

Okay, davon merkte ich nicht viel, denn zwar hob sich hier und da ein Arm zum Gruß, aber die Männer und Frauen, die hier dienten, waren zu sehr mit der Wartung des Shuttles und der Entladung der Mechas beschäftigt.

Ausgenommen vielleicht eine kleine Ehrengarde aus gut zehn Mann, an dessen Flanke Mamoru Hatake und ein alter Mann mit den militärischen Abzeichen eines Oberst standen.

Ich hielt darauf zu, und die zehn Mann standen stramm.

„Willkommen Zuhause, General Otomo“, sagte der alte Mann und salutierte vor mir.

Ich erwiderte den Gruß. „Danke. Und Sie sind?“

„Colonel Hatake vom Freien Japanischen Geheimdienst. Ich hatte die Ehre, Senso Island in Ihrer Abwesenheit zur Basis für die Hekatoncheiren auszubauen. Meinen Sohn Mamoru kennen Sie ja schon. Colonel Uno, schön Sie ebenfalls zu sehen.“

Megumi erwiderte den Salut und den Gruß. „Sie haben hier ja einiges geleistet. Allein das Schutzhologramm ist bemerkenswert.“

„Wir werden diese Ressourcen bitter brauchen, Megumi“, sagte Mamoru ernst. „Denn ab heute haben wir nicht mehr viel Zeit, um die Erde auf die Ankunft der Elwenfelt vorzubereiten.“

„Hm“, machte ich und sah mich um. „Ich nehme an, Sie haben das Quartier auch umgebaut?“

„Wir haben einiges von der veralteten Einrichtung auf den neuesten Stand gebracht. Außerdem haben wir uns erlaubt, einiges vom allerneuesten, auf Senso Island entwickelten Equipment zu verbauen.“ Der alte Mann winkte einladend. „Kommen Sie, ich führe Sie herum.“

Den alten Colonel vorweg folgten wir ihm in den alten Hangar. Es war erstaunlich, wie sehr sich das Gelände hatte ändern können. Und das in so kurzer Zeit. Mir war, als wäre ich nie wirklich von Senso Island verschwunden, und dennoch erlebte ich alles neu und mit dem Staunen eines großen Kindes.

Neue Einstellplätze für die Mechas! Ein Katapultsystem für Notfallstarts! Eigene Wartungsareale!

„Dies ist natürlich nur der Westeingang. Es gibt noch eine Südpromenade, die zu den Quartieren führt“, erklärte der alte Mann nicht ohne Stolz und führte uns tiefer in den Stützpunkt. Interessiert registrierte ich eine Unzahl verbauter Leuchtkörper. Und was noch wichtiger war: Keiner war ausgefallen oder flackerte. Wir passierten die Werkstätten und Tüftlerbereiche, das Areal für unsere Supercomputer und die Arsenale. Überall wurde bereits eifrig gearbeitet.

Dann betraten wir den Wohnbereich. Ich starrte in ein abgrundtiefes Loch hinein.

„Wir haben die Sohle um zweihundert Meter vertieft. Außerdem wurde der Bereich vom Platz her verfünffacht. Wie Sie sehen können, General, verfügt Senso Island nun über eine eigene Einkaufspromenade, Nachtclubs, Kneipen, mehrere öffentliche Bäder und was man sonst noch braucht, wenn man vielleicht Wochen oder gar Monate nicht von der Insel fortkommt.

Der Nachschub an weltlichen Gütern erfolgt über die Routen des FJG und kann nur schwer zurückverfolgt werden.“

Er führte uns auf die Sohle hinab. Ich machte mir klar, dass wir damit praktisch auf Seehöhe waren. Unter meinen Füßen vermutete ich weitere Anlagen und Aggregate. Sollte hier jemals Seewasser eindringen…

„Für den Notfall haben wir das Gros der Aggregate auf Meeresniveau aufgestellt. Sollte Senso Island zerstört werden müssen, damit es dem Feind nicht in die Hände fällt, brauchen wir nur einen vorbereiteten Kanal zu sprengen und das Salzwasser übernimmt den Rest. Unwiderruflich, unkorrigierbar.“

Ich nickte anerkennend. Sogar daran hatte er gedacht.

Schließlich kamen wir in einem großen Bürotrakt an. „Das neue Stabsgebäude für Ihre Division, Otomo-sama. Ich denke, wir sollten es gleich einweihen. Immerhin müssen wir so schnell es geht über den neuen Auftrag reden, den Eikichi uns gegeben hat.“ Der Mann räusperte sich. „Falls Sie mich als Berater zulassen, Otomo-sama.“

„Natürlich, Tatewaki Hatake. Und worum geht es in diesem neuen Auftrag?“

„Es handelt sich um die Eroberung eines eigenen Gebiets für Uno-sama, bevor die Naguad hier eintreffen.“ Der alte Mann lächelte dünn. „Wir müssen Japan für Haus Daness erobern.“

„Und den Mars“, erklang eine mir mittlerweile wohl bekannte Stimme. Im Eingang des Bürogebäudes stand Ban Shee Ryon und erwartete uns bereits mit einem Lächeln. „Um beide Ziele zu erreichen habe ich fünf Kriegsschiffe mitgebracht.“

„Kriegsschiffe?“, fragte ich argwöhnisch.

„Raumschiffe“, verbesserte sie sich.

Epilog:

Als es an ihrer Tür klopfte, sah Sakura Ino nicht einmal auf. „Herein.“

Die Tür öffnete sich und ein alter glatzköpfiger Mann in einer safrangelben Kutte kam herein.

„Einen guten Tag wünsche ich, General Ino.“

„Den wünsche ich Ihnen ebenfalls, Priester. Was kann ich für Sie tun? Sind die Hilfslieferungen mangelhaft? Hat das Oberhaupt nicht zugestimmt, aus dem indischen Exil zurück zu kommen? Haben sich Angehörige meines Pantheons ungebührlich verhalten?“

Der alte Mann lächelte noch immer und schüttelte bestimmt den Kopf. „Nein, General Ino. Das ist nicht der Fall. Ich bin heute aus einem anderen Grund hier. Ich spreche im Namen der Bevölkerung Tibets, der Oberhäupter von Shangri-La und des Rates von Nepal.“

Der alte Mann verbeugte sich vor der jungen Halb-Naguad.

„General Ino, Sie haben sehr viel für unsere Freiheit und für unsere Sicherheit getan. Außerdem haben Sie uns erlaubt, frei unseren Glauben auszuüben. Dafür danken wir Ihnen sehr. Auch die Aussicht, dass unser Oberhaupt in das ihm angestammte Land zurückkehren kann ist eine Großzügigkeit jenseits jeder Beschreibung.“

Sakura fühlte sich versucht, in ihren Ohren zu bohren. Irgendwie traute sie ihrer Hörfähigkeit nicht mehr wirklich. „Ich tue nur, wozu mein Gewissen mir rät und was Direktor Otomo gestattet.“

„Und wir wissen das wirklich zu schätzen. Aber…“

„Aber?“, fragte sie argwöhnisch.

„Aber, wenn Sie uns unsere Vermessenheit verzeihen wollen, General Ino, das reicht noch nicht.“

Wieder verbeugte sich der alte Mann. „Wollen Sie nicht die Würde annehmen und unser Staatsoberhaupt werden, General Sakura Ino?“

„WAS?“