Da kommt er wieder.

Es ist 13.28 Uhr, und er ist pünktlich wie ein preußischer Beamter. Ein stampfendes, keuchendes, massiges Ungetüm, das jene Steigung erklimmt, die etwas mehr als dreihundert Meter südlich von mir liegt, dabei eine Fahne von Dampf versprüht und hinter sich als lange Schleppe herzieht, als ob es sich um einen Brautschleier handeln würde.

Wie häufig halte ich in meinem Spaziergang inne und schaue die steile Böschung hinauf.

Der Bahndamm, über den das Ungetüm kommen wird, ist etwas mehr als zwei Meter hoch, die Böschung mit Gras, Ginster, Brombeersträuchern und verkrüppelten Birken bewachsen. Der Boden, der fast nur aus aufgeschüttetem Geröll besteht, ist wohl nährstoffarm, deshalb wachsen die Bäume so kärglich. Die Birken im benachbarten Forst, kaum zwei Wegminuten von hier, die zur gleichen Zeit gesprossen sind, sind schon dreimal so hoch.

Irgendwie ist das nicht normal, finde ich seit einigen Monaten.

Früher bin ich immer am Josefsberg gewandert, der auf der anderen Seite unseres kleinen Eigenheims liegt, unseres Ruhestandstraumes. Das rot geklinkerte Häuschen liegt direkt an einem Eichen-Buchen-Mischwald, sehr idyllisch und ruhig. Nur von der Bahnlinie hören wir dann und wann den Pfiff, der ausgelöst wird, wenn sich ein Zug dem unbeschrankten Bahnübergang nähert, der ein wenig südöstlich unseres Hauses liegt.

Der Pfiff erklingt auch preußisch genau. Jedenfalls nahezu immer. Und das mehrmals am Tag. Der Zug kommt fünfmal hier entlang in der Zeit zwischen meinem Aufstehen, also um sieben Uhr, und dem Mittagessen. Das letzte Mal direkt um 11.55 Uhr, danach kann man die Uhr stellen.

Und dann kommt er erst wieder um 13.28 Uhr. Als ob die Lokomotivführer auch Mittagspause halten, ihre Lokomotive irgendwo auf einem Nebengleis anhalten und Vesper machen, dann zurückrangieren und weiterfahren. Denn um 14.30 Uhr ist der Zug wieder zurück. Oder ist es ein anderer, der nur zufällig dieselbe Strecke fährt?

Ich weiß es nicht, und es ist auch egal.

Ich höre nun, da ich am Fuß des Bahndammes stehe, allmählich, wie die Schienen zu singen beginnen.

Ja, ja, ich weiß, die jungen Leute von heute würden das nicht hören. Sie würden respektlos schimpfen: „Opa spinnt!“ Gottlob habe ich keine so vorlauten und respektlosen Großkinder.

Mein Gehör ist noch sehr gut. Nicht umsonst war ich lange Jahre Feinmechaniker. Die Tempus-AG hat mich und mein Gehör als Ratgeber stets sehr geschätzt. Nach meiner Pensionierung wurde alles schlechter dort, will mir scheinen. Bald erschienen diese unsäglichen Digitaluhren im Handel, die ständig verkehrt gehen und die überhaupt so viele komplizierte Knöpfe und Rädchen haben, so viele Funktionen, ja, sogar Musik können sie machen (demnächst ersetzen sie noch die Orchester durch überdimensionale Digitaluhren, damit man überall Musik von Bach und Beethoven hören und gleichzeitig sehen kann, wie spät es ist!).

Der Wind weht in meine Richtung. Die Dampfwolke ist schon deutlich zu sehen.

Aber dennoch ist dieser Zug ein Ungeheuer.

Ein sehr pünktliches Ungeheuer.

Nur dieser eine Zug ist so, der um 13.28 Uhr. Ich habe ihn den Schicksalszug genannt.

Keine andere Bezeichnung passt so gut zu ihm.

Er ist nicht wie die sonstigen, die ja die normalen rechteckigen Waggons ziehen, manchmal auch Container oder offene Behälter, in die Kohlen, Koks oder Metallschrott geladen wird. Auch ist es nicht so, dass er Anhänger mit Fertigteilen oder Automobilen zieht, die für den Versand vorgesehen sind.

Dieses Ungeheuer von 13.28 Uhr ist anders.

Vor drei Wochen habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Damals kam ich erstmals pünktlich an dieser Stelle vorbei und sah den Zug, wie er die steile Steigstrecke hinaufkeuchte und allmählich Tempo gewann.

Noch muss er die Linkskurve überwinden, dort muss er immer langsamer werden.

In meinen Schreckensvisionen sehe ich ihn dort entgleisen und seine unheilvolle Last herabstürzen, hinunterpoltern, die Bäume zerstörend, zermalmend, niederwalzend…

Ich habe eine viel zu lebhafte Phantasie.

Dabei weiß ich nicht einmal genau, was dieser Zug befördert. Nur einer Sache bin ich mir völlig sicher: Es ist nichts, was in anderen Zügen sonst befördert wird.

Schnaufend und stampfend geht der Zug in die scharfe Linkskurve. Das Singen der Gleise nimmt eine andere Tonhöhe an. Es scheint, als ob eine Sinfonie auf diesen Gleisen gespielt werden könnte, wenn nur jeder Musiker das Gehör hätte wie ich. Aber wie Musik machen? Mit immer schneller stakkatofahrenden Zügen? Mit trommelnden Hämmern, geschlagen aus fahrenden Waggons? Absurde Vorstellung!

Ich merke, dass ich wieder vor meinen Gedanken zu flüchten beginne, wie ich stets zu flüchten bereit bin, wenn ich hier weile und der Zug näher kommt.

Ich war dabei, mir selbst zu erklären, weswegen ich nicht an die Harmlosigkeit dieses Zuges glaube.

Nun, man muss ihn sich nur ansehen. Die Lokomotive ist noch normal. Aber danach kommen diese seltsamen Waggons. Waggons, wie ich sie noch nirgendwo sonst gesehen habe. Sie haben die Form von zwei mit den breiten Flächen aufeinander gesetzten Trapezoedern, wobei die schmalen Deckflächen nach oben bzw. nach unten schauen. Sie sind nach allen Seiten geschrägt, aber noch eigentümlicher ist, dass sie aus jeweils zwei solchen aufeinander gesetzten Trapezoedern bestehen. Getrennt sind sie durch eine dreieckige Scharte, während oben eine gerade Fläche in der Mitte existiert.

Man verzeihe mir meine dilettantische Darstellungsweise, aber diese Form ist ohne Fachwissen wahrlich schwer zu beschreiben.

Die Farbe der Waggons ist ein rostiges Graubraun, manchmal auch ein mattes, hartes Schwarz. Niemals sind diese Waggons beschriftet, was an sich schon seltsam ist. Und nie sind es mehr als sieben oder acht. Als wenn dort, wo sie losgeschickt werden, nicht viel von diesem Material existiert.

Ich habe schon an alles Mögliche gedacht.

An Waffen für die Bundeswehr (hier in der Nähe gibt es eine Waffenerprobungsstelle).

An gefährliche chemische Abfälle (leider gibt es in relativer Nähe unseres Ortes einen Hafen, und trotz massiver Umweltbewegungsproteste wird immer noch einiges an chemischem Müll auf hoher See verbrannt).

Und ich dachte – selbstverständlich – auch an nukleare Abfallstoffe. Seit einiger Zeit sind Lagerstätten für nukleare Brennelementreste in aller Munde und Ohr.

Und wirklich: Sehen diese Waggong nicht aus wie Schutzbehälter? So, als ob in ihnen hochgiftiges Zeug transportiert werden würde?

Dann sage ich mir immer wieder: Das ist Unsinn. Der Stadtrat wüsste davon. Die Umweltschutzbewegung! Es hätte Bürgerproteste dagegen gegeben.

Sage ich mir.

Aber wer sagt denn, dass diese Sache nicht höchst geheim ist, „top secret“ im Neudeutsch?

Das Rattern der Räder und das Singen der Gleise steigert sich zum Crescendo, jetzt sogar für fast taube Ohren hörbar. Fast widerwillig erklimmt das Gefährt die Steigung, kämpft sich voran, gerade so, als ob die Natur, der Hang selbst, der von Menschen aufgeschüttet wurde, dieser Maschine Hindernisse in den Weg legt, Widerstand leistet, um nicht diese unaussprechliche Fracht tragen zu müssen.

Vergebens.

Ich gehe unwillkürlich etwas weiter zurück und nähere mich langsamer werdenden Schrittes der Kurve.

Oben erscheint das Ungetüm.

Das Monster von 13.28 Uhr.

Schwarz, drohend, infernalisch fauchend und zischend.

Es ist ein Anblick, der mich ganz hilflos werden lässt. Ließe man dieses Monstrum nun auf mich los – wäre ich nicht vollkommen verloren? Würde ich nicht gleichsam wie eine Maus im Blickfeld der Schlange erstarren, um daraufhin von den Tonnen von Metall dieses Kolosses zermalmt und zerdrückt zu werden? Womöglich mit Giften getränkt, die daraufhin aus den Wunden des Zuges sickern würden?

Schaudernd wende ich mich ab und höre, wie der Unheilszug die Kurve nimmt, wie die Geräusche sich verändern.

Da höre ich etwas, das anders ist als sonst.

Ein Geräusch, das mich alarmiert aufhorchen lässt.

Es wiederholt sich nicht.

Unbeirrbar zieht der Unheilszug das Mirakel, das zu entschlüsseln mir bislang nicht gegeben war, das ich vielleicht auch gar nicht enträtseln mag, seine Bahn, verschwindet mit dunkleren, dumpfen Tönen, in der Ferne.

Und doch…

Ich habe das Gefühl, als sei da etwas zurückgeblieben von dem Schrecken, von dem Unheil.

„Das ist Einbildung“, murmele ich mit rauher, zittriger Stimme. Allein das schon straft mich Lügen.

Ich blicke langsam an dem Hang hoch und sehe nichts Besonderes, nichts als Gräser, graue Felsbrocken, Graspolster, Krüppelbirken, die hier im Windschatten höher gewachsen sind als anderswo sonst am Bahndamm.

„Na bitte. Pure Einbildung…“

Der Rest des Satzes bleibt mir im Hals stecken, denn nun durchbricht die Sonne kurz die Wolken, die aufgezogen waren, als der Zug vorbeifuhr.

Ein Lichtreflex blinzelt zwischen den Gräsern und Büschen, die in den Zwischenräumen zwischen den Birken wachsen, kurz auf.

Metallisch.

Mein Herz beginnt schwer und heftig schneller zu pochen, fast schmerzhaft.

Mir wird warm.

‚Geh einfach weiter!’, drängt eine Stimme in mir. ‚Johanna wartet zuhause mit dem Kaffee und Kuchen!’

Doch der Stimme zum Trotz gehe ich auf den Damm zu, halte mich an den Bäumen fest und klettere langsam hinauf. Zerkratze mir die Finger an den dornigen Büschen.

Will es nicht wahrhaben.

‚Da hat sicherlich irgendwer wieder etwas weggeworfen. Coladosen oder dergleichen.’

Aber ich weiß, dass ich mir etwas vorlüge. Ich weiß genau, was dort ist. Begreifen kann ich es dennoch nicht.

Gleich darauf habe ich die Stelle erreicht, eine größtenteils schattige Stelle, vom dichten Graspolster so gegen den felsigen Boden gedeckt, dass kein Kontakt mit dem Stein möglich war, als das, was nun dort vor meinen Augen liegt, aus größerer Höhe herunterfiel.

Das war das Geräusch, was ich gehört hatte.

Halb im Schatten der Birke lag das Objekt, das ich von unten kurz blinken gesehen hatte.

Es war aus Metall.

Und es war mitnichten eine Coladose.

Es handelte sich um eine Art Behälter aus blankem Stahl oder einem ähnlichen Material, stumpfmetallisch. Es sah aus, als sei es frisch mit einem ölgetränkten Lappen abgerieben worden.

Der Behälter mochte rund vierzig Zentimeter lang sein und fünfzehn Zentimeter durchmessen. Es handelte sich um eine Art Hülse, nach oben hin konisch zulaufend, aber nicht völlig spitz, sondern etwa in eine Platte endend, die der Größe eines Fünfmarkstücks ähnelte. Unten war ein brünierter Rand zu erkennen, der goldfarben schimmerte. Nein, eher wie Messing. Goldglanz war mir aus meiner Arbeitszeit noch geläufig genug.

Ich hockte vor dem seltsamen Behälter und starrte ihn an, als ob ich ihn mit meinen Blicken sezieren wollte. Als ob ich geradezu das Geheimnis seines Inhaltes alleine durch den Blick meiner Augen ergründen könnte. Wie Sherlock Holmes beispielsweise, der einem Mann anhand der Schmutzflecken an seiner Kleidung angesehen hatte, durch welche Gassen er gegangen war.

Ich konnte keine Farbmarkierungen auf dem Behälter erkennen.

Keine Kennzeichen, Ziffern oder Buchstaben.

Nichts.

Wer verschickt, durchfuhr es mich, Behälter ohne Aufschrift? Wie will man am Bestimmungsort damit umgehen? Braucht man nicht mehr darauf zu sehen? Werden sie an einen Ort gebracht, wo sie bis zum Jüngsten Tag bleiben? In ein nukleares Endlager? Ist es eine Waffe, die zerstört werden soll? Munition vielleicht? Auch Munition wird geölt, damit Rost sie nicht so rasch angreift. Aber Munition hat Markierungen.

‚Auf dem Boden’, sagte eine Stimme in mir. ‚Auf dem Boden ist die Markierung, die du suchst, zumindest bei Waffen. Dort musst du schauen.’

Aber ich zögere.

Ich hocke da, und der Wind faucht allmählich wieder, doch er erreicht mich nicht.

Ich habe Angst.

Traue mich nicht, diesen Behälter anzufassen, aus Angst, er könne wirklich so etwas wie eine Munition darstellen. Ein Panzergeschoss möglicherweise.

Oder – noch schlimmer – irgendetwas Radioaktives. Da reicht schon ein Kontakt aus, um gefährdet zu sein. Ja, alleine die Nähe kann schon schädlich sein.

Die Frage, warum dieser Behälter aus dem Zug fiel, dem verhängnisvollen Zug von 13.28 Uhr, kann ich nicht beantworten.

Aber es ist egal.

Das Ding liegt nun hier und wartet.

Wartet worauf?

Auf den unvorsichtigen Wanderer, der es berührt und zur Explosion bringt?

Auf den Narren, der es nach Hause nimmt und tödlich verstrahlt wird?

Oder ist es harmlos?

Ich sitze da und grüble.

Es wird dunkler.

In der Wirklichkeit. Und in meiner Seele.

Und immer noch grüble ich nach, sinne, suche nach Lösungen.

Ergebnislos.

ENDE

© by Uwe Lammers

Gifhorn, 15./16. Dezember 1994 (6 Seiten)

Abschrift: Braunschweig, den 28. September 2015 (6 Seiten)