Was passiert, wenn ein neuer Autor am Literaturhimmel, der sich bislang eher einen Namen durch Horror-Romane und solche in Randbereichen des Mainstreams („Göttin des Todes“ u. ä.) gemacht hat, sich auf die Veröffentlichung eines Werkes besinnt, das mehr in den SF-Bereich gehört, mit Raumschiffen, Raumschlachten, einer Vielzahl von Planeten, bizarren Lebensformen und Mysterien, die nicht zuletzt Zeitreiseproblematiken einschließen?
Nun, zumindest bei Dan Simmons kam dabei ein Romanzweiteiler heraus, der zu mächtig war, als dass er im Deutschen in einem Band veröffentlicht werden konnte (Heyne hatte wohl Besorgnis hinsichtlich möglicher Unverkäuflichkeit und legte deshalb den Band zerteilt vor). Und wenn man sich erst einmal ein wenig eingelesen hat, wird man von dem Kosmos, der hier ersonnen wurde, förmlich absorbiert, aufgesogen und inspiriert. Selten hat mich ein rund 1220seitiges Werk so fasziniert. Zuletzt geschah das wohl bei den Romanen „Maia“ von Richard Adams, Tolkiens „Der Herr der Ringe“ und Marion Zimmer-Bradleys „Die Nebel von Avalon“.
Die Handlung zu erklären, ist gar nicht so leicht, wie das am Anfang aussieht, denn in Dick’scher Manier zerlegt Dan Simmons alle Facetten, all das, was uns Lesern zu Beginn als Wahrheit erschient, enttarnt sie als Lügengespinste, Intrigen oder unvollständige Fakten, sodass nachher von den anfänglichen Tatsachen kaum mehr etwas übrig bleibt, gleich einer Kirche, die durch einen Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt wird, wobei auch kaum mehr ein Stein auf dem anderen bleibt und sich das Gesamtbild schließlich völlig negiert.
Man schreibt in etwa das 28. Jahrhundert. Die Menschheit hat sich über zweihundert Welten ausgebreitet, nachdem ein künstlich erzeugtes Schwarzes Loch die Erde in jahrelangen Zuckungen verschlugen hat und nun an deren Stelle die solare Sonne umkreist. Der dadurch ausgelöste Exodus der Menschheit, die so genannte HEGIRA, erzeugte zwei Gruppen von Menschen. Einmal diejenigen, die sagten, die MENSCHEN müssten sich anpassen. Diese Gruppe bildete schließlich die Bewohner der 200 Welten der so genannten HEGEMONIE, die anderen verließen das menschliche Einflussgebiet und stellten sich als so genannte OUSTERS außerhalb der Gesetze. Sie ziehen in ihren „Schwärmen“ umher, gewaltigen Verbänden von Raumschiffen, Planetoiden, Kometenfarmen und ähnlichen, auf die – leider – nur sehr peripher im zweiten Band eingegangen wird.
Als die Computer der Erde, die Künstlichen Intelligenzen (KI) einen eigenen Intellekt entwickeln, stellen sie der Hegemonie das Netz der Farcaster-Portale zur Verfügung, eine Art Transmitter, der Raumkrümmungen zusammenzieht und von künstlich erzeugten Singularitäten (d.h. Schwarzen Löchern) energetisch gespeist wird. Die höchste Instanz der KI ist der TECHNO-CORE, der nie ortsmäßig lokalisiert werden kann. Zu Beginn der Handlung sind die KI untereinander noch eins, aber allmählich machen sie eine Evolution durch, die sie schließlich in drei Fraktionen spaltet.
Hier haben wir die Beständigen, die der Menschheit weiter helfen wollen. Dann gibt es die Unbeständigen, die die Menschheit als Hindernis auf dem Weg der KI ansehen und die infolgedessen die Menschheit am liebsten ausrotten wollen. Und, als Zünglein an der Waage, gibt es auch noch die Ultimaten, die ihrem Traum nachhängen, die HÖCHSTE INTELLIGENZ (HI) zu schaffen, also schlicht: Gott. Lange Zeit arbeiten die Ultimaten mit den Beständigen zusammen und haben so das Übergewicht.
Bis die Variable Hyperion in der Gleichung auftaucht.
Einige technische Daten zeigen, dass sich Simmons bei der Konzeption seines Kosmos gründliche Gedanken gemacht hat. Zum Beispiel hat er sich intensiv mit Physik, insbesondere dem Bereich der Quantenphysik beschäftigt, auf dieser Basis stehen seine Farcaster-Portale und auch die SpinSchiffe, der Hawking-Antrieb, der die Zeitdilatation beinhaltet (Flüge von 7 Monaten Schiffszeit dauern für die umliegenden Welten und das restliche Universum z. B. neun Jahre. Man kann diese Zeit nur dann auf Nullzeit verkürzen, wenn man mit Farcaster-Portalen im Netz reist oder ein Farcaster-Sprungschiff vorschickt und dann hindurchfliegt bzw. hindurchgeht. Es gibt allerdings Welten am Rand des Netzes, die man Protektoratswelten nennt, die noch keine Farcaster haben und noch nicht „ins Netz“ aufgenommen worden sind. Eine dieser Welten ist Hyperion.
Hyperion stellt sich als eine dünn besiedelte Welt dar, besitzt rund 3 Millionen Bewohner, ist an sich sehr erdähnlich und vegetationsreich mit abwechslungsreicher Oberflächengestaltung. Im hohen Norden gibt es ein Areal, das geheimnisumwittert ist: Das Tal der Zeitgräber. Sie sind umgeben von einem Anti-Entropiefeld, das gewissermaßen in unregelmäßigen Abständen ZEITGEZEITEN auslöst. Durch Forschungen hat man festgestellt, dass die leeren Gräber, deren Erbauer man nicht kennt, RÜCKWÄRTS IN DER ZEIT REISEN. Das bedeutet: JETZT sind sie leer und offen. Aber in naher Zukunft werden sie sich öffnen und etwas entlassen. Niemand kann sagen, was.
Einige mutmaßen, dass es das unheimliche SHRIKE ist, ein metallisches Wesen mit vier Armen und unzähligen Dornen, das laut den jahrhundertealten Legenden nur in dem Moment kommuniziert, in dem es den Kontaktsuchenden tötet. Lange Zeit war das Shrike gefangen in den Anti-Entropiefeldern, aber in jüngster Zeit bewegt es sich immer häufiger im Umland und mordet, wobei die Opfer stets spurlos verschwinden.
Dem Shrike-Mythos zufolge werden diese Opfer an den DORNENBAUM DES SHRIKE aufgespießt, einen grausigen metallischen Baum, der sich in einer anderen Zeit zu befinden scheint oder vielleicht auch in einer anderen Welt. Dabei, heißt es, lebten die Opfer weiter und litten endlosen Qualen. Den Grund für dieses Vorgehen kennt niemand. Das Shrike scheint unverletzlich zu sein und selbst Meister der Zeit.
Und noch eine Besonderheit gibt es: rund 6 Kilometer unter der Oberfläche Hyperions befindet sich das LABYRINTH, ein ungeheuerlicher Baukomplex von 30 Meter durchmessenden quadratischen Tunneln, die Tausende von Kilometern lang sind und scheinbar keinen Zweck erfüllt. Es gibt keine Kammern, Türen, keine Spuren der Erbauer, keine Symbole, und niemand weiß, wie sie erbaut wurden. Nur eins ist klar: dass diese Labyrinthe – es gibt auch auf 8 Welten des Netzes ähnlich ausgeprägte Labyrinthe wie auf Hyperion – rund 750.000 Jahre alt sind.
Wie man sieht: Geheimnisse allüberall.
Die herrschende Religion ist eine fernöstliche, an den Zen-Buddhismus angelehnte. Das Christentum ist auf eine winzige Minderheit geschrumpft, die den unwirtlichen Planeten Pacem besiedelt hat, wo der Neue Vatikan existiert. Und dann gibt es die Kirche des Shrike, die sich freilich selbst nicht so nennt, und die Pilgerfahrten zum Shrike veranstaltet, wobei die Pilger stets vom Shrike geholt und damit faktisch getötet werden.
Der Roman „Hyperion“ beginnt damit, dass sieben Personen ausgewählt werden, eine letzte Pilgerfahrt zum Shrike zu unternehmen. In den vorherigen Jahren vor dem Aufbruch dieser Gruppe wurden allmählich alle Pilgerfahrten eingestellt, weil auf Hyperion die Zeitgezeiten stärker geworden sind und das Shrike seine Streifzüge allmählich bis zu den menschlichen Siedlungen des Planeten ausdehnte.
Die sieben Personen werden brillant dargestellt und charakterisiert, indem jeder seine Geschichte im ersten Band erzählt (zumindest sechs von sieben Personen). Dabei gibt es noch das Risiko, dass eine der Personen ein Agent der Ousters sein soll. Laut der Hegemonie-Präsidentin Meina Gladstone sind die Ousters von dem Planeten Hyperion und dem Gedanken an die Zeitgräber geradezu besessen (wer das Ende kennt, weiß auch, warum). Dennoch organisiert Gladstone diese Pilgerfahrt. Zu Anfang bleibt unklar, weshalb eigentlich, aber das kristallisiert sich langsam heraus.
Den Anfang mit den Erzählungen macht der Pater Lenar Hoyt von der katholischen Kirche auf dem Planeten Pacem, der die Geschichte von Pater Paul Duré erzählt, welcher vor ihm sozusagen vom Neuen Vatikan in Unehren abgeschoben wurde. Er wollte sich auf Hyperion dem Studium des zurückgezogen lebenden Bergstammes der Bikura widmen. Er fand sie auch, geriet allerdings in ihre Gefangenschaft und wurde, nachdem er kurz davor stand, umgebracht zu werden, in ihre Geheimnisse eingeweiht und ihre Gemeinschaft aufgenommen.
Duré fand eine in den Felsen gehauene Basilika, die Tausende von Jahren alt sein musste, älter als das irdische Christentum, er entdeckte ein mächtiges Kreuz und stieg mit den Bikura hinab in ein tiefes Tal, wo sich der Eingang in das Labyrinth von Hyperion befand. Und hier wurde er mit der KRUZIFORM konfrontiert, einem kreuzartigen, rötlichen Parasiten, den alle Bikura trugen. Hier unten sah Duré auch erstmals das Shrike.
Entsetzt musste er feststellen, dass er nicht mehr alterte und nicht starb, wenn er eine Kruziform trug bzw. dass er, wenn er starb, von der Kruziform auf grausige Weise wiederbelebt wurde und dabei jedes Mal etwas debiler wurde. Um dem zu entkommen, setzte er sich unendlichen Schmerzen aus, nagelte sich gleichsam auf seiner Flucht an einen so genannten Teslabaum, der durch Blitze lebte und diese auch anzog. Aber die Kruziform erweckte Duré, obgleich er durch die Blitze geröstet wurde, immer wieder zum Leben, bis schließlich Hoyt drei Jahre später nach ihm suchte und ihn fand. Am Ende der Erzählung wurde allerdings deutlich, dass Pater Hoyt von den Bikura gefangen genommen wurde und man ihm eine Kruziform einsetzte sowie auch die von Pater Duré, ehe der Stamm der Bikura vernichtet wurde. Seither treibt die Kruziform mit ihren Schmerzreizungen immer wieder nach Hyperion zurück wohin zurückzugehen er sich bislang standhaft weigerte.
Der zweite, der erzählt, ist der FORCE-Krieger Fehdman Kassad. FORCE ist die Streitmacht der Hegemonie, mit rund einer halben Million Männern und Frauen und einigen Dutzend Raumkreuzern eine relativ kleine Streitmacht, die niemals ernsten Kriegen ausgesetzt war, aber hin und wieder gegen die Ousters gekämpft hat. Das letzte größere Gefecht war die Schlacht bei Bressia, bei der Kassad den Beinamen „Schlächter von Bressia“ bekam, weil er von dem Kodex von FORCE abwich und danach seinen Dienst quittieren musste.
Kassad reist nach Hyperion, weil er während der vergangenen Jahre einen Schwur getan hat: Im HISTORISCH-TAKTISCHEN-NETWORK der Militär-Akademie Olympus Mons (MAO-HTN), einer Art Cyberspace-Kontinuum, in dem die Krieger von FORCE in vergangenen Schlachtenszenarien hautnah ausgebildet werden, lernte Kassad eine scheinbar fiktive Person namens Moneta kenne und lieben, die eindeutig NICHT an der Akademie war und auch KEIN fiktiver Bestandteil des Netzes.
Später begegnete Moneta ihm auch in realen Kampfsituationen, und zuletzt, als Kassad nach der Bressia-Schlacht als einziger Überlebender mit einem gekaperten Ousters-Beiboot bei den Zeitgräbern von Hyperion landet, wird er hier von Moneta und dem Shrike erwartet und bekämpft zusammen mit beiden die Ousters, die ihm gefolgt sind. Beim letzten Liebesakt bei den Zeitgräbern allerdings verwandelt sich Moneta auf schaurige Weise in das Shrike, wie es scheint. Kassad kann aber entkommen und schwört, zurückzukehren und sowohl das Shrike als auch Monea zu töten.
Die dritte Geschichte ist die des Dichters Martin Silenus, der ein Kind der Alten Erde war und später nach ungewöhnlichen Schwierigkeiten mit dem Dichterkönig Billy nach Hyperion ging, um ihn zu besiedeln. Die Stadt der Dichter wird nahe den Zeitgräbern errichtet, aber später, als das Shrike allmählich frei kommt, nach und nach entvölkert. Nur Silenus und der König werden verschont. Silenus glaubt, dass sein Meisterwerk, die noch unvollendeten Hyerionischen Gesänge, das Shrike beschworen hat, und der König glaubt das auch. In einem Kampf holt sich das Shrike schließlich den König, und dieser zerstört vorher noch Teile der Gesänge, die Silenus allerdings wieder rekonstruiert. Silenus betrachtet das Shrike als seine Muse und kehrt mit den Pilgern zurück, um seine Gesänge zu vollenden.
Sol Weintraub, der die Reise mit einem kleinen Baby auf dem Arm angetreten hat, ist der nächste, der erzählen muss. Seine Geschichte ist auf ähnliche Weise Furcht einflößend wie die Lenar Hoyts. Seine Tochter Rachel, ein wunderbar begabtes Mädchen, war im Alter von 26 Jahren mit ihrem Geliebten auf dem Planeten Hyperion und erforschte dort die Zeitgräber. In einem von ihnen, der so genannten Sphinx, wurde sie allerdings Opfer eines Anti-Entropie-Effekts, der sie rückwärts altern ließ. Sol Weintraub holte sie in die Heimat zurück und musste nun schmerzlich 26 Jahre lang durchleiden, dass sie jeden Tag das vergessen hatte, was sie am vorigen Tag noch kannte. Sensationsreporter rannten ihnen das Haus ein, die Kirche des Shrike, von der Sol sich Aufklärung erhoffte, wies ihn ab mit den Worten, das Shrike habe Rachel bestraft, und nichts und niemand könne sie mehr retten.
Nach 20 Jahren verstirbt Sols Frau durch einen Unfall Sol wandert auf einen von jüdischen Siedlern bewohnten Planeten namens Hebron aus, wo er in Frieden weiterleben kann. Bis auf die Träume, die stets wiederkehren, in denen das Shrike ihn mit dumpfer Stimme auffordert, er solle nach Hyperion kommen und ihm Rachel als Brandopfer darbringen. Verzweifelt sieht er, als Rachel nur noch ein knappes Jahr ist, endlich ein, dass der einzige Planet, auf dem Hilfe vielleicht noch möglich sein mag, Hyperion ist. So kommt er zu den Pilgern.
Brawne Lamia, die einzige Frau unter den Pilgern, ist Detektivin. Sie kommt deswegen nach Hyperion, weil ihr letzter Kunde, der Cybrid John Keats, sie darum gebeten hat. Cybrids sind vom TechnoCore aus organischem Material gezüchtete Menschen, die durchweg menschlich sind, allerdings idealisiert wurden. Die Cybrid-Rekonstruktion des Dichters John Keats hat allerdings damit ein Problem: Sie wurde ermordet. Lamia soll herausfinden, wer das getan hat und warum.
Mit „Ermordung“ ist übrigens nicht die physische Vernichtung gemeint, sondern der Verlust von Daten eines bestimmten Zeitraums. Lamia und Keats, der inzwischen zu ihrem Liebhaber geworden ist, finden Beängstigendes heraus. Offensichtlich will der TechnoCore selbst den Tod von Keats. Und den der ganzen Menschheit – und zwar deshalb, weil die Ultimaten inzwischen auf der Seiten der Unbeständigen stehen.
Die beiden finden weiter heraus, dass das Schwarze Loch, das die Alte Erde zerstörte, durchaus kein Zufall war, sondern ein vom TechnoCore geplantes Vernichtungsmanöver. Dass die Hegira deshalb auch keine ziellose Ausdehnung gewesen ist, sondern ebenfalls vom TechnoCore geplant wurde. Und sie finden weiterhin heraus, was die Zukunft für die Menschheit bereithält: einen vernichtenden Krieg, der Millionen oder Milliarden Menschen (oder alle) das Leben kosten wird.
Dieser Krieg wird stattfinden, ganz egal, ob diese Fakten bekannt werden oder nicht. Nur am Planeten Hyperion, der Unbekannten in den weit reichenden Plänen des TechnoCore, hängt es, zwei alternative Zukünfte so zu verändern, dass die harmlosere davon Realität wird. Keats wird vor einem Tempel des Shrike niedergeschossen, kann aber sein Bewusstsein in ein Implantat in Brawnes Schläfe übertragen. Sie selbst wird von den Shrike-Priestern seltsamerweise als „Mutter der Schmerzen“ bezeichnet und gehegt und gepflegt. Dann erfüllt sie „Johnnys“ letzten Wunsch: die Pilgerfahrt nach Hyperion. Sie ahnt allerdings nicht, welche Folgen das haben wird. Nur dass sie von Keats schwanger ist, ist ihr bekannt.
Während der Reise zu den Zeitgräbern erzählt als letzter der Konsul von Hyperion, der nun in Gladstones Privatauftrag unterwegs war und auch einmal ihr Verbindungsmann zu den Ousters, die Geschichte seiner Urgroßmutter Siri von Maui-Covenant und dem Inferno, das die Erschließung dieser tropisch-paradiesischen Welt durch die Hegemonie zur Folge hatte. Eines von Siris Kindern starb während eines Aufstandes gegen die Hegemonie, und der Konsul ist eines der Kinder von Siris Nachkommen. Ihr Hass auf die Hegemonie hat in dem Konsul überlebt, und er hat schon mit den Ousters kollaboriert. Er ermöglichte einem ihrer Stoßtrupps die Landung auf Hyperion, was ihm als Konsul nicht schwer fiel, denn er hatte den Plan, das Netz der Hegemonie dadurch zu zerstören, indem er das Shrike befreite und es über die Farcaster-Portale ins Netz eindringen zu lassen.
Die Ousters behaupteten, sie hätten ein Gerät, das die Zeitgezeiten aufheben und das Shrike freisetzen könne. Aber als die Spezialisten kamen, entschieden sie sich dafür, das Gerät erst dann einzuschalten, wenn die Ousters das Hyperion-System besetzt hätten. Der Konsul war jedoch ungeduldig, erschoss die Ousters-Verantwortlichen und aktivierte das Gerät. Damit verriet er sowohl die Hegemonie als auch die Ousters, die während der Pilgerreise der Gruppe schon anfangen, das System zu umschließen und die FORCE-Truppen zusammenzuschießen, die die Kräfte der Ousters schrecklich unterschätzt haben.
Der siebte Pilger, der Tempelritter Het Masteen, der Kommandant des Baumschiffs YGGDRASIL vom Planeten God’s Grove, verschwindet während der Reise auf dem Windwagen im Grasmeer spurlos, sein Raum ist allerdings voll Blut. Alle sind überzeugt, dass das Shrike ihn geholt habe. Aber niemand ist sicher.
Der Roman endet damit, dass die Pilger im Tal der Zeitgräber ankommen und dort eine Gestalt mit Kutte sehen, die hier verschwindet. Het Masteen oder nicht?
Somit bleiben viele Fragen offen, und der erste Band macht ohne den zweiten, „Das Ende von Hyperion“, absolut keinen Sinn. Was für ein Ziel steckt hinter der Invasion der Ousters? Wie wollen der TechnoCore und seine Anhängsel die Menschheit auslöschen? Was steckt wirklich hinter der Rekonstruktion der Alten Erde, wer ist Moneta, was ist das Shrike, was für eine Bewandtnis hat es mit der Kruziform? Was steckt hinter Merlins Krankheit, an der Rachel Weintraub leidet? Warum wollte Johnny Keats unbedingt nach Hyperion? Was ist mit den Labyrinthen? All das sind Mosaikstücke, die im zweiten Teil auf unglaubliche Weise verbunden werden.
Zentrales Thema des zweiten Romans ist die Invasion der Ousters und der Kampf gegen das Shrike, garniert mit allen möglichen anderen Details. Gleich zu Beginn des zweiten Bandes taucht nämlich ein persönlicher Berater der Präsidentin Gladstone auf, ein gewisser John Keats!
Aber der ist doch tot!, wird man einwenden. Ja, das stimmt … und doch wieder nicht. Denn von Keats wurden zwei Rekonstruktionen gemacht, und auf bizarre Weise steht Keats II mit Brawne Lamia und der in ihrem Implantat noch existenten Persönlichkeit des physisch vernichteten Bruders in Verbindung. So erfährt Gladstone von den Ereignissen um die Pilgergruppe, die vom Shrike und Zeitgezeiten und anderen unheimlichen Effekten dezimiert und wieder zusammengeführt wird.
Gleichzeitig erlangt sie jedoch auch Kenntnis von einer grauenhaften Überraschung: Die restlichen Schwärme der Ousters, eigentlich an ihren Hawking-Antriebselementen gut zu erkennen, nähern sich den restlichen Welten der Hegemonie, und die Götterdämmerung setzt ein. FORCE hat nicht genug Reserven, um die Hegemonie zu retten. Die ersten Welten werden von den angreifenden Ousters-Schwärmen buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Hyperions Lage ist immer unhaltbarer. Gladstone misstraut dem TechnoCore und droht diesem an, ihm den Krieg zu erklären.
Zugleich verschwindet Oberst Kassad, der auf das Shrike und Moneta gestoßen ist, in der Zukunft, wo er einer ganzen Armee von Shrikes gegenübersteht, die es zu bekämpfen gilt.
Martin Silenus wird vom Shrike geholt und an den legendären Baum der Dornen gepfählt.
Sol Weintraubs Tochter Rachel verjüngt sich weiter, und als sie nur noch wenige Minuten alt ist, hat er einen Traum und hört sie zu sich sprechen. Er hört von ihr selbst, dass er sie opfern soll – und so gibt er sie dem Shrike hin.
Brawne Lamia wird mit einem der Gräber über ein unheimliches Neuralkabel verbunden, das sie am Leben hält, während ihr Körper klinisch tot ist. In diesem Computertraum, den sie während des Todesschlafes träumt, gerät sie mit Johnny zusammen in die Megasphäre des TechnoCore, und hier erfährt sie, dass der TechnoCore Verindung mit der Zukunft hat. Mit einer Zukunft, in der die KI der Maschinen sich mit einer MENSCHLICHEN HÖCHSTEN INTELLIGENZ abgibt und Krieg führt. Ein Teil dieser menschlichen HI sei aber in die Vergangenheit geflüchtet, jener Teil, der EMPFINDSAMKEIT darstellt. Die KI des TechnoCore suchen seither zusammen mit dem Shrike nach diesem Teil der menschlichen HI. Die einen allerdings, um sie auszulöschen, die anderen, um eine Verbindung beider HIs herbeizuführen und somit den Krieg in der Zukunft zu beenden.
Pater Lenar Hoyt wird vom Shrike „erlöst“ (d. h. umgebracht) und erwacht wieder als Pater Paul Duré, der durch ein scheinbar leeres Zeitgrab in die Tiefen der Welt vorstößt und schließlich in das Labyrinth von Hyperion gelangt. Hier unten ist der Glanz von Millionen Kruziformen rot und apokalyptisch. Hier ist auch das Shrike zu finden. Und weiter hinten in dem Korridor findet der Pater einen schaurigen Anblick: Millionen von Menschenleichen, die wie Müll gestapelt sind, scheinbar alle unverletzt, aber mumifiziert und zusammengedrückt, und dies schon seit Jahrtausenden.
Dennoch hat er das grausige Gefühl, dass es sich um Menschen aus der Gegenwart handelt. Unerklärlicherweise holt ihn das Shrike, bringt ihn durch einen nicht erkennbaren Farcaster und strahlt ihn schließlich nach Tau Ceti ab, wo er mit dem reisenden John Keats II zusammentrifft. Als Duré erfährt, dass die Präsidentin Gladstone die bedrohten Welten der ersten Ousters-Invasionswelle über die Farcaster in die Labyrinthe evakuieren will, ahnt er, dass DIES die Leichen gewesen sind, die er auf Hyperion gesehen hat. Trotzdem will er erst God’s Grove besuchen, die Welt der Tempelritter, die irgendwie die undurchsichtige Größe in dem kosmischen Spiel darstellen. Hier wird er Zeuge eines nuklearen Bombardements und fast getötet. Hier trifft er auch auf den Bischof des Shrike-Kultes.
John Keats II landet bei seinem Durchgang durch den Farcaster mit Hunt, dem Vertrauten Gladstones, auf der Alten Erde, die – wie sich nun herausstellt – durchaus nicht durch das Black Hole vernichtet, sondern in die Magellanschen Wolken versetzt wurde. Hier stirbt Keats wie sein irdisches Vorbild an Tuberkulose, aber eigentümlicherweise wird seine Psyche freigesetzt und wandert durch den Rest des Romans.
In zunehmendem Maße beginnt der zweite Roman dann metaphysischer, philosophischer und religiöser oder, besser gesagt, pseudoreligiöser zu werden, was ihm aber keinen Abbruch tut. Eher ist da schon das permanente Zitieren von Keats-Gedichten und denen von William Butler Yeats störend, weil sie so gut wie keinen Bezug zum Roman haben und deshalb aufgesetzt wirken. Zudem man sie nur sehr schwer lesen kann.
Einige Dinge bleiben bis zu allerletzt ungeklärt, und einige sind auch nachweislich unlogisch. So beispielsweise die rückwärts durch die Zeit reisenden Gräber. Als Idee eindeutig faszinierend, aber in der Umsetzung … schwierig. Als die Gräber entdeckt wurden, waren sie intakt. Während der Kämpfe kurz VOR Öffnung der Gräber beschädigt Oberst Kassad aber einige der Gräber stark. Diese Zerstörungen wurden von den Findern der Gräber jedoch nicht registriert, was aber zweifellos hätte geschehen müssen. Die Idee der rückwärts reisenden Gräber war demzufolge gut, aber die Umsetzung letzten Endes nicht konsistent.
Auch könnte man Simmons vorhalten, dass er ein so farbenprächtiges Universum aufbaute, das sich kaum umfassend schildern ließ. Vor allen Dingen fing er – in meinen Augen bedauerlicherweise – mit dem Untergang des Netzes an. Damit verbaute er sich die Möglichkeit, weitere Geschichten im Anschluss an den Hyperion-Zyklus in diesem Ambiente anzusiedeln.
Den Vergleich mit Iain Banks´ KULTUR-Zyklus braucht er nicht zu scheuen, aber Simmons ist auf seine Weise weniger detailliert, weniger geradlinig als Banks. Er verliert sich bei fortschreitender Handlung zunehmend in mystischern Regionen und versucht manche Dinge durch schieres Erdrücken mit Bilderreichtum einfach vergessen zu machen. Manches kann man ihm aber durchaus vorhalten, wenn man eben genau liest.
Das alles tut dem Gesamtwerk aber nur peripher einen Abbruch. Wichtiger ist meines Erachtens dieser byzantinisch zu nennende Entwurf einer farbenprächtigen, durchaus dekadenten Welt, die ohne Computer nicht mehr leben kann. Eine Welt, in der die althergebrachten Religionen keine Chance mehr besitzen, in der Massentourismus Welten wie Maui-Covenant vernichtet, was vom Autor zwar angeprangert wird, aber die Welt ist offensichtlich nicht bereit, darauf zu hören.
Mystiker und Cyberpunks kommen in Mode, Randgruppen werden verfolgt, weil sie anders sind, durch Polemik und Demagogie als Feinde schlechthin aufgebaut, der „way of life“ der Mehrheit wird als das Beste und Höchste gesetzt, obwohl an vielen Orten zunehmend erkennbar ist, dass er falsch ist und die Mehrheit eben nicht immer recht hat, nur weil sie die Mehrheit ist.
Dan Simmons´ Romanzweiteiler regt in dieser Hinsicht zum Nachdenken an, zumindest bei allgemein gut gebildeten Lesern, die sich nicht von der schieren Farbigkeit seiner Bilder berauschen und einlullen lassen. Diese von ihm geschaffene Welt ist eine durchaus kritische Welt, wenn man den Unterhaltungsbackground einmal beiseite schiebt und sich die Fakten vergegenwärtigt, die er vielfach in Nebensätzen einfließen lässt.
Da taucht beispielsweise ein zur Wüste gewordenes Amazonasbecken auf. Es werden im Meer versunkene Metropolen wie New York genannt, was auf ein Abschmelzen der Polkappen hindeutet (ein Thema, das auch in der Gegenwart des Jahres 2026 alles andere als obsolet oder weltfremd ist!). Slums werden auf diversen Welten skizziert, in denen Randgruppen dahinvegetieren – auch das kein Phänomen, das sehr weit hergeholt ist. Es gibt Tiefschlafschiffe, deren Inanspruchnahme man unter Umständen mit bleibenden Hirnschäden bezahlen muss, sodass man – wie im Fall von Martin Silenus – nach Jahrzehnten Flug aufwacht und debil ist.
Man muss sich auch bei der Gelegenheit an die Drogen der Zukunft erinnern, die Simmons hier anführt: die Computerstecker, mit deren Hilfe sich die Cyberpunks der Zukunft lebenslang ans Computernetz anschließen und die Droge aus der Dose konsumieren und damit mundtot gemacht werden. Das hat mich, als ich den Roman 1994 las, doch sehr an das damals vertraute Simusense-Netz bei Perry Rhodan erinnert oder auch an das real existierende Fernseh-Unterhaltungsprogramm, das heute mehr denn je das politische Interesse der Menschen deutlich verringert oder, was vielleicht noch schlimmer ist, zu einer verstärkten Polarisierung der Gesellschaft beiträgt.
Dan Simmons ist definitiv kein Prophet, der vorhersagt, was zuvor niemand kannte. Aber er stellt einen interessanten und tendenziell finsteren Kontext her, der für sensible Menschen schaurige Seitenblicke auf die reale Welt ermöglicht. Man sollte sich solche Romane gemächlich und gründlich zu Gemüte führen und kritisch hinterfragen, zugleich jedoch auch Parallelen in unserer derzeitigen Welt sehen. Und manche der Voraussagen und dort als Tatsachen geschilderten Verhältnisse sind gar nicht so fern, wie man vielleicht denken mag …
Soviel zu einem Universum, das interessierten Lesern durchaus zu empfehlen ist und das in Rezensionen herkömmlichen Stils bislang viel zu mager wegkommt.
Nachbemerkung vom März 2026:
Dan Simmons, der kürzlich im Alter von 77 Jahren verstorben ist, kehrte später tatsächlich noch einmal in die Welt des Hyperion-Zyklus zurück, nämlich mit den Bänden „Endymion – Pforten der Zeit“ (1995) und „Endymion – Die Auferstehung“ (1997), die 274 Jahre nach dem Untergang der Hegemonie spielen. Ich habe sie ebenfalls damals 1999 gelesen und werde die damals entstandenen Rezensionen beizeiten auch digitalisieren und veröffentlichen.
© 1997 / 2026 by Uwe Lammers
Gifhorn/Braunschweig
Digitalisiert und überarbeitet am 12. März 2026