Das magische Labyrinth
(OT: The magic labyrinth)
Von Philip José Farmer
Heyne 3836 (1988)
464 Seiten, TB
Aus dem Amerikanischen von Ronald M. Hahn
ISBN 3-453-30739-9
Die Selbstauflösung der Flusswelt, auf der die geheimnisumwitterten „Ethiker“ alle gestorbenen Menschen aller Epochen wiederbelebt und mit 25 Jahre jungen, nicht alternden Körpern versehen haben, geht weiter.
Nachdem bereits vor gut 30 Jahren die Wiedererweckungen Umgekommener auf der Flusswelt aufgehört haben, versagt nun auf einer Flussseite die Ernährungsmaschinerie der Gralssteine vollständig. Die eine Hälfte der gut 36 Milliarden Menschen leidet Hunger und überfällt die andere Hälfte. Ein unbeschreibliches Massaker nimmt seinen Anfang.
Mitten in diesem Chaos sind zwei stählerne Flussschiffe unterwegs flussaufwärts: Die REX GRANDISSIMUS unter dem Kommando des größenwahnsinnigen Königs John Lackland von England einerseits, die MARK TWAIN unter dem Kommando von Samuel Longhorne Clemens, dem amerikanischen Schriftsteller und im Grunde seines Herzens Pazifisten, der aber einen verzehrenden Hass auf seinen verräterischen Mitregenten des Landes Parolando und Dieb seines ersten Schiffes entwickelt hat.
Sie erreichen schließlich nach einer Reihe von Abenteuern und Vorab-Scharmützeln, denen unter anderem Clemens´ gewaltiges Luftschiff PARSEVAL zum Opfer fällt – nur Cyrano de Bergerac überlebt den Absturz – , das Land Virolando.
Dieses Land, jener Ort, nahe am Polargebiet, wo die riesenhaften Titanthropen leben, ist der Hauptsitz der von den Ethikern geschaffenen „Kirche der Zweiten Chance“. Hier ist einst ein Ethiker (kein Geringerer als „X“ oder der „geheimnisvolle Fremde“, wie er später zugibt), dem Kirchengründer La Viro gegenübergetreten und hat ihm Informationen über die Entstehung der Flusswelt zukommen lassen. Inzwischen leben unzählige Millionen Menschen in diesem absolut pazifistischen Paradies, und einer von ihnen ist der geläuterte Hermann Göring, Bischof der Kirche, der sich nun Frato Fenikso (Esperanto für „Phönix“) nennt.
In Virolando kommt es zur gewaltigsten Schlacht der Flusswelt, zwischen den Luftschiffen und den waffenstarrenden Festungen REX und MARK TWAIN. Dabei befinden sich aber die Rekruten von „X“ unter den Besatzungen BEIDER Schiffe, ohne das zu ahnen. Ebenfalls an Bord sind zahlreiche Agenten der Ethiker, deren Kontakt mit der Ethiker-Zentrale, dem geheimnisumwitterten Polarturm, abgerissen ist – und „X“ selbst auch, inkognito natürlich.
Die Auseinandersetzung ist extrem blutig, äschert halb Virolando ein und versenkt beide Schiffe, wobei nahezu alle Besatzungsmitglieder den Tod finden. Erst die Überlebenden bekommen heraus, dass sich „X“´ Rekruten auf beiden Schiffen befanden. Sie finden sich zusammen und setzen den Weg zu den Quellen des Flusses fort.
Unter der Führung Richard Francis Burtons erreichen sie nach zahlreichen Hindernissen den Polarturm, in dem Burton „X“ entlarven will, der sich aus unerklärlichen Gründen immer noch nicht zu erkennen gegeben hat. Doch „X“ flüchtet ins Innere des gigantischen, 17 Kilometer durchmessenden Turmes.
Bei der Verfolgungsjagd stoßen Burtons Mitstreiter auf grausige Hinweise für ein beispielloses Verbrechen: der Turm ist angefüllt mit menschlichen Skeletten. Alle Personen müssen hier blitzartig gestorben sein, und sie vermuten mit Recht, dass „X“ dafür verantwortlich sein muss.
Als sie ihn schließlich stellen, begreifen sie auch, weshalb er das tat. Doch sie erkennen dabei auch, dass, wenn nicht ein Wunder eintritt, „X“´ Plan zum Scheitern verurteilt und damit ebenso die Menschheit zum Untergang verdammt sein wird …
Mit dem vierten Band des Flusswelt-Zyklus (ursprünglich als Abschlussband angekündigt), dessen Inhalt eigentlich schon Bestandteil des letzten Romans, „Das dunkle Muster“, sein sollte, was aber den möglichen Umfang deutlich gesprengt hätte, werden eine Menge offene Fragen von Farmer gelöst, allerdings bei weitem nicht alle.
Es kommt beispielsweise heraus, wie die Seelenerweckung funktioniert, ebenso, wie viel von dem, was „X“ La Viro einst sagte, der Wahrheit entspricht. Es wird außerdem klar, wer Monat Grrautut war und welche Rolle er spielte. Auch, warum er verschwand und wer dafür verantwortlich zeichnet. Ebenso erfährt der Leser, in welchem Jahr dies alles schließlich spielt und was sich im Turm der Ethiker für schreckliche Dramen abgespielt haben. Auch das Schicksal des Japaners Piscator wird geklärt, der als einziges Mitglied der PARSEVAL-Besatzung in Band 3 den Turm betreten konnte, aber nicht zurückkehrte.
Doch was schließlich zum Aussterben der menschlichen Rasse führte (Monats Erzählung aus Band 1 scheint absolut nicht zu stimmen), ob und inwieweit man „X“ noch vertrauen kann, was schließlich mit der Flusswelt letztlich noch geschehen wird oder warum Hermann Göring in Band 1 immer so dicht bei Richard Burton neu erwachte (einen Zufall kann man da mit Sicherheit ausschließen) … all das bleibt im diffusen Dunst der Ungewissheit verborgen. Wie leider so vieles andere auch.
In dem Moment, in dem Farmer die Handlung in den „dunklen Turm“ der Ethiker verlagert, wird die Geschichte auf beunruhigende Weise blutleer und abstrakt. Die Dialoge, die geführt werden, sind an Künstlichkeit und Abgehobenheit kaum mehr zu überbieten. Die Selbstverständlichkeit, mit der selbst Leute wie der aus dem 12. (!) Jahrhundert stammende Maure Nur ed-Din el Musafir die Hypertechnik der Ethiker hinnimmt, erscheint dem Leser in keiner Weise mehr glaubhaft. So fängt sich Farmer leider in der Technologiefalle.
Andere verwirrende Fehler kommen hinzu: Die schiere Länge des gigantischen Flusses der Flusswelt beispielsweise oszilliert in den letzten beiden Bänden beständig zwischen 10 Millionen Meilen (ca. 17 Millionen km) und 26 Millionen Kilometern (was dann doch wohl ein kleiner Unterschied ist, wie ich finde). Möglicherweise handelt es sich dabei einfach um einen Übersetzungsfehler, dem schieren Textvolumen geschuldet. Das halte ich durchaus für möglich. Des Weiteren wird der Polarsee mal als 50 Kilometer durchmessend beschrieben (Bd. 4), dann wieder als 100 Kilometer durchmessend (Bd. 3), als würde er sich periodisch enorm vergrößern – dagegen spricht die schiere statische Struktur der Flusswelt. Letztere Angabe halte ich für realistischer. Dieser Wert korreliert auch mit der schieren Größe des Turmes weit besser.
Das alles stört doch etwas den Lesefluss. Zahlreiche Schreibfehler in den Bänden 3 und 4 trage das Ihre dazu bei. Nur der drollige Humor des drei Meter großen, lispelnden Titanthropen Joe Miller hilft einem Leser, über diese Unvollkommenheiten hinwegzusehen.
Und schließlich, als wäre ihm klar gewesen, dass es noch mehr zu berichten gibt, um die Leser zufrieden zu stellen, lässt sich Farmer noch ein Schlupfloch offen, um einen fünften Band zu schreiben: „Die Götter der Flusswelt“.
Ihn gilt es nächstens noch näher zu betrachten.
© 1998 / 2025 by Uwe Lammers
Braunschweig, den 7. August 1998
Leicht bearbeitetes Digitalisat für ANDROMEDA NACHRICHTEN: Braunschweig, den 18. April 2025