Doktor Maxwells wunderliches Zeitversteck

(OT: A Trail Through Time.

(The Chronicles of St. Mary’s Book 4))

Von Jodi Taylor

Blanvalet 6273, 2021

510 Seiten, TB

Übersetzt von Marianne Schmidt

ISBN 978-3-7341-6273-2

Die Dinge laufen nicht gut für die Historikerin Madeleine „Max“ Maxwell. Wenn man genau hinschaut, müsste sie tot sein – erstochen während einer historischen Exkursion ins Jahr 1415 zur Schlacht von Azincourt. Das geschah am Ende des dritten Romans der achtteiligen Buchreihe … und in einer gewissen Weise hatte sie sich damit schon abgefunden. War doch ihr Geliebter, Chief Leon Farrell kurz nach dem gemeinsamen langen Trip ins Troja des 13. vorchristlichen Jahrhunderts durch einen Unfall umgekommen. Max hatte daraufhin so ziemlich jeden Lebensmut verloren, begreiflicherweise.

Doch als sie in Azincourt sterbend niedersinkt, landet sie nicht auf feuchtem Laubboden, sondern … auf Teppichboden in der Gegenwart. Und bei ihr ist die geheimnisvolle Mrs. Partridge, die über göttliche Kräfte zu verfügen scheint und ihr sagt, sie habe noch eine Aufgabe zu erfüllen. Die Brustwunde verschließt sie, und dann entdeckt Max zur unfasslichen Überraschung, dass in dem Gebäude, in dem sie sich befindet, niemand Geringerer lebt als ihr vormaliger Geliebter Leon Farrell.

Sie befindet sich in einem parallelen Universum, in dem die Dinge anders abgelaufen sind als in ihrem – hier ist sie selbst durch einen Unfall umgekommen, der Leon Farrell daraufhin völlig aus der Spur warf und aus dem St. Mary’s Institut für Historische Forschung ins nahe Rushford vertrieb. Hier suhlt er sich in den Erinnerungen an seine verstorbene Liebe und ist reichlich neben der Spur. Er gerät noch mehr aus der Fassung, als sie ihm auf einmal gegenübersteht.

Nachdem sich die beiden vergewissert haben, dass sie nicht träumen, reißt sie ein alarmierender Anruf auf dem Anrufbeantworter aus ihrer vorsichtigen Annäherung. Er kommt vom Direktor von St. Mary’s, Dr. Bairstow und lautet: „Leon. Verschwinde. Sie sind hier. Lauf!“

Und das müssen sie beide dann tatsächlich machen – denn schwarzuniformierte, schwer bewaffnete Männer stürmen ihr kleines Eigenheim, sie können nur um Haaresbreite mit Leons eigenem Pod – seiner Zeitmaschine – flüchten.

Leider ist das nicht das Ende des Liedes, sondern der Anfang: Denn diese Leute verfolgen die beiden durch die Zeiten. Und bestürzend fix sind sie, ganz zu schweigen von geradezu gespenstisch treffsicher! Binnen Stundenfrist finden sie Max und Leon mitsamt ihrem Pod, und es ist völlig gleichgültig, ob sie sich nach Norwegen zurückziehen zu den Wikingern oder ins Alte Ägypten zu dem Ketzer-Pharao Echnaton … sie sind wie Kletten, die man nicht loswird.

Aber wer sind „sie?“ Nun, kurz gesagt: Die Zeitpolizei.

Die wer?, fragt sich Max ungläubig. Die Antwort gefällt ihr überhaupt nicht: Die Zeitpolizei wurde in der fernen Zukunft gegründet und von sieben temporal übereinander geschichteten Institutionen von St. Mary’s und deren sieben Direktoren damit beauftragt, Gefahren zu bekämpfen, die aus der allgemeinen Kenntnis der Zeitreise in der Öffentlichkeit entstanden waren. Nun, diese Gefahr wurde offensichtlich eingedämmt … aber von diesem Moment an war die Zeitpolizei zu einer Art von Bluthund geworden, die jeden Zeitverstoß ahndete und deren Hauptziel darin bestand, St. Mary’s zu entmachten und zu schließen oder komplett zu übernehmen. Auf einmal war die Zeitpolizei selbst der Feind geworden, gegen den man nicht ankam.

Und dummerweise weiß Max seit dem Ende von Band 3, dass es einen solchen Verstoß gegen die Zeitregularien gegeben hat – aus dem brennenden Troia wurde der kleine Junge Helios gerettet, der inzwischen als Schankwirt in Rushford tätig ist. Und die Zeitpolizei ist nun hinter den Historikern her, die Helios in die Gegenwart holten – und hinter allen Offiziellen von St. Mary’s, die diesen Verstoß gedeckt haben.

Und sie orten den Pod mit Max und Leon wieder und immer wieder.

Schließlich begreifen die beiden zunehmend erschöpften Gejagten, warum das so ist, und Max entwickelt einen haarsträubenden Plan, die Zeitpolizei ein für allemal von ihrer Fährte abzubringen. Als Zeitversteck wählt sie das Jahr 79 nach Christus. Als Ort: Pompeji. Direkt vor dem Ausbruch des Vesuvs, der die Stadt vollständig zerstören wird. Hier will sie sich verstecken und die Polizisten glauben machen, sie sei hier umgekommen.

Aber das ist noch lange nicht das Ende des Alptraums, denn sie befindet sich schließlich, quasi noch halbtot, in einem anderen Universum. Und hier sind manche Personen, die sie aus ihrer Welt tot weiß, noch quicklebendig. Dazu zählt ihre alte Intimfeindin Isabella Barclay, die angeblich hier ihre beste Freundin war.

Aber irgendetwas stimmt an St. Mary’s in diesem Universum nicht, wie Max recht bald entdecken muss. Und Mrs. Partridge hat sie hierher gebracht, damit sie eine nicht näher benannte Aufgabe erfüllen soll. Doch scheint das unmöglich zu sein – denn schließlich greift die Zeitpolizei St. Mary’s an, und es sieht ganz danach aus, dass das Letzte Gefecht begonnen hat, das Max und ihre Freunde nur verlieren können …

Inwiefern hier eine Pesterkrankung im Jahre 1666 eine wichtige Rolle spielt (schweigen wir von der Syphilis!), Kohlenmonoxid und Kondome sowie Mehlstaub, und was es noch alles für haarsträubende Entwicklungen in diesem sehr unterhaltsamen Roman gibt, den ich binnen zwei Tagen verschlungen habe, das möchte ich gar nicht im Detail erzählen, darüber soll sich jeder Leser und jede Leserin selbst beömmeln … ich musste jedenfalls wieder mal an vielen Stellen herzhaft kichern.

Gewiss, zwei Sachverhalte habe ich relativ schnell vermutet, die sich anschließend auch bestätigten … aber das schmälerte das Lesevergnügen kein bisschen. Wieder gab es reichlich Stellen zum Kichern, wie gesagt, das hilft immer. Ein paar davon seien mal wieder zum Stimulieren der Neugierde genannt.

Etwa diese hier: „‚Welche Brust?’, gab ich zurück, denn jeder weiß doch, dass alles Ungemach, auch wenn es anhaltend und pochend ist, verschwindet, wenn man es einfach ignoriert. Wie Zahnschmerzen. Und kleine Kinder. Und Kontoüberziehungen.“

Oder nehmen wir diese Stelle hier: „Das erste Krokodil schob sich aus dem Wasser. Ich starrte sie fasziniert an. Diese Biester waren einfach riesig und hatten einen Schuppenpanzer, und wenn sie bedroht werden, dann drehen sie ihren Kopf und geben eine Art von Husten von sich. Ein bisschen wie die Medizinerinnen im St. Mary’s.“

Oder das hier: „Was ich sagen will: Wir wären am Leben gewesen, und solange wir am Leben sind, ist alles möglich. Nur das Totsein schränkt uns in den Möglichkeiten ein.“

Und noch eine Stelle: „Das Einzige, was uns dazu brachte, wenigstens halbwegs höflich miteinander umzugehen, war die Tatsache, dass sich alle rasch erholt hatten. Niemand hatte gewagt, an seinen Verletzungen zu sterben, was wohl der Furcht vor Dr. Foster zuzuschreiben war.“

Wie gesagt: Eine höchst unterhaltsame, turbulente Achterbahnfahrt kreuz und quer durch die Historie, die auch noch einen Besuch auf der zugefrorenen Themse bereit hielt, der mich an eine Doctor Who-Episode lebhaft erinnerte und vielleicht von dort inspiriert worden war. Die Reise ins 14. Jahrhundert atmet übrigens auch stark den Geist der Recherche – Taylor hat unzweifelhaft das großartige Buch „Der ferne Spiegel“ von Barbara Tuchman gelesen, das das ganze Panorama des 14. Jahrhunderts aufrollt und gründlich erschließt. Es ist ebenfalls höchst lesenswert.

Alles in allem ist auch der vierte Roman um Madelein Maxwell ein großartiges Lesevergnügen, aus dem man kaum mehr herauskommt … um ein Haar hätte ich die Nacht durchgelesen, das ist eine veritable Gefahr. Es empfiehlt sich also, sehr frühzeitig mit dem Roman anzufangen, wenn man noch ruhig schlafen möchte.

© 2025 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 9. April 2025