Frostglut

(OT: Crimson Frost)

Von Jennifer Estep

IVI (keine eigene Buchnummer)

432 Seiten, TB, 2013

Mythos Academy IV

Aus dem Amerikanischen von Vanessa Lamatsch

ISBN 978-3-492-70304-8

Das Böse kann so verführerisch und heimtückisch sein … das Gypsymädchen Gwen Frost, die Hauptperson der Serie, merkt das auf die harte Tour, die härteste überhaupt, im dritten Band „Frostherz“, der sie beinahe das Leben kostet. Während sie sich als neuer Champion der Siegesgöttin Nike an der Mythos Academy in North Carolina darauf freut, dass ihre zögerliche Beziehung mit dem Spartanerjungen Logan Quinn sich allmählich normalisiert, befand sich Gwen auf der Suche nach dem letzten entscheidenden magischen Artefakt, das den Finstergott Loki aus seinem jenseitigen Exil in Helheim zurückholen könnte – dem Helheim-Dolch. Ihre Mutter Grace, die vormalige Favoritin Nikes, hatte ihn vor ihrem Tod so gut versteckt, dass niemand ihn mehr finden konnte.

Nun, Gwen gelang es … und für Sekunden hielt sie ihn in ihren Händen. Dann wurde sie hinterrücks niedergeschlagen – von der unscheinbaren Mitschülerin Vivian Holler. Und diese scheinbar nerdige, schüchterne Vivian zeigt in diesem Augenblick ihr wahres Wesen: Sie war genau jene heimtückische, intrigante und mörderische Person, die schon Gwens Mutter ermordet hatte. Nun hatte Gwen Vivian, die sich zum einen ebenfalls als Gypsymädchen und Amazone entpuppte, zudem aber noch, um die Dinge wesentlich schlimmer zu machen, als Lokis Champion, die Arbeit erspart, den Dolch selbst mühsam zu suchen und mit ihrer erfolgreichen Suche Vivian exakt das Mittel in die Hand gegeben, um Loki aus seinem Exil zu befreien.

Und genau das geschah am Schluss des dritten Bandes. In dem furchtbaren Finale dieses Romans fand Gwen beinahe den Tod, die mit ihr befreundete Fenriswölfin Nott starb tatsächlich bei dem Versuch, sie zu retten, und Gwen entdeckte eine neue furchtbare Fähigkeit an sich – die Fähigkeit, Menschen umzubringen, indem sie ihnen alle Lebensenergie abzapfte, um selbst zu überleben. Und das machte Gwen in ihren eigenen Augen zu einer Person, die vielleicht noch schlimmer war als ein Schnitter … die massiven Selbstzweifel übermannten sie vollkommen.

Schlimmer, dachte man vielleicht als Leser, könnte es nicht mehr kommen, aber wie üblich ist das Gegenteil der Fall.

Während Gwen nach dem Chaos um die Befreiung Lokis, dem zusammen mit Vivian die Flucht gelungen ist, noch mit dem Schicksal hadert und aus begreiflichen Gründen nun fürchtet, andere Menschen zu berühren, um sie nicht ebenfalls ihrer Lebenskraft zu berauben, bemühen sich ihre Freunde, allen voran Logan, ihr zu versichern, dass sich an ihrer Freundschaft nichts geändert hat.

Nun, das hilft nicht viel.

Denn auf einmal taucht eine Gruppe Schwarzgekleideter auf, die vom so genannten Protektorat gesandt werden. Das ist, wie Gwen nun lernen muss, die Polizeitruppe der magischen Welt (auch hier also eine gewisse Parallele zu den Harry Potter-Romanen von J. K. Rowling, die vermutlich unvermeidbar ist). Und ihr Vorsitzender Linus verhaftet Gwen Frost vor den Augen ihrer Mitschüler!

Der Grund? Sie habe Loki befreit und damit den größtmöglichen Verrat an den Statuten der Mythos Academy verübt!

Während die Freunde Gwens völlig fassungslos sind, von ihr selbst ganz zu schweigen, wendet sich nun die öffentliche Stimmung an der Akademie auf furchtbare Weise gegen das Gypsymädchen. In gewisser Weise ist das durchaus begreiflich. Denn die Schülerinnen und Schüler der Akademie sind allesamt mit der Bedrohung der Anhänger Lokis mehr als vertraut. Die Schnitter des Chaos, Lokis menschliche Anhänger, haben in jeder Familie schon Angehörige getötet und verfolgen sie selbst auch mit dem Tod, weswegen die Absolventen der verschiedenen Akademien weltweit in allen nur erdenklichen Kampfkünsten unterrichtet werden, um diesen Attacken auf ihr Leben gewachsen zu sein. Und auf einmal hassen alle dieses unscheinbare Gypsymädchen, halten sie für einen Schnitter und Handlanger dieser Mörder … und keine Beteuerung, es verhielte sich doch völlig anders, scheint daran etwas ändern zu können.

Erschwert wird die Lage durch verschiedene persönliche Befindlichkeiten. Der Leiter der Kommission ist Linus Quinn, Logans Vater, und sie verstehen sich spürbar überhaupt nicht. Linus stößt auch mit dem Bibliothekar Nickamedes zusammen – dieser ist, was erst im vergangenen Band herauskam, Logans Onkel und der Bruder von Linus´ ermordeter Frau. Dass Linus´ bildschöne neue Frau Agrona Quinn Teil der Kommission ist und Verständnis für Gwens Situation äußert, macht die Dinge dann auch nicht einfacher. Linus ist der festen Überzeugung, dass nicht nur Nickamedes befangen ist, sondern er wirft Gwen auch vor, seinen einzigen Sohn „verhext“ zu haben und mithin einen schlechten Einfluss auszuüben.

So lernt Gwen Frost das Gefängnis der Mythos Academy von innen kennen und ist zutiefst verstört. Das ist alles so falsch – die wahren Täter laufen draußen frei herum, und sie, die doch die einzige Chance ist, die Dinge wieder ins Lot zu bringen, wird von den Polizeikräften des Guten kriminalisiert! Das kann einfach alles nicht wahr sein!

Als es schließlich zum Prozess kommt, fragen sich Gwen und all ihre Verteidiger mit Recht, wer wohl dafür verantwortlich sein könnte. Auf was für Grundlagen die Anschuldigungen fußen. Fragen, die zu Recht bestehen.

Es gebe eine glaubwürdige Zeugin, versichert Linus Quinn und führt sie dann auch tatsächlich vor: Zu Gwens Fassungslosigkeit ist es niemand Geringeres als die unfassbar dreiste Vivian Holler! Und sie scheint ungeachtet aller magischen Vorkehrungen gegen Lügen mit all ihren dreisten Beschuldigungen und Verdrehungen tatsächlich durchzukommen … doch wenn das geschieht und Gwen tatsächlich schuldig gesprochen wird, das hängt drohend im Raum, dann droht dem Gypsymädchen die Todesstrafe!

Da wird Gwen bestürzend klar: Im Gremium des Protektorats muss sich ein Günstling Lokis befinden, ein Schnitter des Chaos. Und wenn ihr nicht rasch etwas einfällt, ist ihr Tod nur noch eine Frage von Stunden oder Minuten!

Leider ist das nicht das einzige Problem, das sie haben. Vivian Holler und ihre Verbündeten verfolgen einen noch viel schlimmeren Plan. Und Gwens Tod ist gewissermaßen nur das Sahnehäubchen darauf …

Der vierte Band der Reihe „Mythos Academy“ konfrontiert den Leser in der gewohnt temporeichen, emotionalen Weise, für die die ersten drei Bände schon standen, mit dramatischen Geschehnissen. Und man sollte darauf vorbereitet sein, dass es jede Menge Tote gibt (wobei es durchaus nachteilig ist, dass alle getöteten Schnitter identitätslos bleiben … da hat es sich die Autorin meiner Ansicht nach etwas zu leicht gemacht). Zwar ist relativ bald deutlich, dass die Anklage auf bizarre Weise die Wahrheit verdreht, doch wie soll Gwen bei allen Einschränkungen, denen sie unterworfen ist, eine Chance haben, hiergegen etwas zu unternehmen? Wieder einmal ist es ihre psychometrische Gabe, die ihr entscheidende Hinweise gibt … aber ehe sie tatsächlich gegenüber ihren sinistren Gegnern Boden gewinnen kann und dem Kern ihrer Pläne näher kommt, muss sie durch die Isolationshölle ihrer durch die Vorverurteilung geschaffenen Feindseligkeit gehen … da ist es wirklich gut, dass sie ein paar Freunde gewonnen hat, die fest zu ihr stehen.

Auch hier ist es wieder so, dass immer mehr Licht ins Dunkel gebracht wird. Generell zeigt sich, dass Jennifer Estep sich die einzelnen Schichten der biografischen Dramen sehr schön im Voraus zurechtgelegt hat und sie erst sukzessive preisgibt: Warum beispielsweise der Bibliothekar Nickamedes anfänglich so feindselig gegenüber Gwen war. Warum das Verhältnis zwischen ihm, Linus und Logan Quinn so vergiftet ist. Ich denke, da kommt auch noch mehr hinzu, denn der Zyklus hat ja noch zwei Bände. Auch entwickelt sich Gwens Gabe sichtbar weiter. Interessant ist beispielsweise diese eine Szene, in der tatsächlich einer der steinernen Greife auf dem Campusgelände Partei für sie ergreift …

Bei allen Erwähnungen, die immer wieder kommen (so etwa in den Anfangsbänden die wiederholte Bemerkung zu dem Unfall ihrer Mutter, der sich nachträglich als eiskalter Mord erwiesen hat), muss man davon ausgehen, dass sie längerfristig handlungsrelevant sein werden. Das gilt beispielsweise auch für diese mythologischen Darstellungen in der Kuppeldecke der Bibliothek der Mythos Academy, die immer im Dunkel liegen … in diesem Band entdeckt Gwen sie das erste Mal und ist doch, vorsichtig gesprochen, sehr überrascht. Mehr sei dazu nicht verraten, da das eindeutig in den nächsten Band verweist.

Die Auseinandersetzung mit Loki und seinen Schnittern des Chaos geht jedenfalls sowohl in diesem als auch fraglos im nächsten Band in die nächste Runde. Und es wird immer deutlicher, dass sie entscheidende Weichen stellen wird – für die Mythos Academy, für die Weltbevölkerung, die nichts von dem magischen Krieg ahnt, den Loki entfesseln will, und ganz besonders für Gwen Frost, die in diesem Band einen ungeahnten Verlust erleidet.

Dazu kann ich eigentlich nur sagen: Alles Weitere sollte man selbst lesen. Es lohnt sich!

© 2022 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 10. Oktober 2022