DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Die Stunde Null“Executor, auf dem Weg nach Achillea

„Einatmen und wieder ausatmen“, befahl Dr. Vapasi.
Vader kam dem nach und blies seinen Atem in das Mundstück des Geräts, welches seine Lungenkapazität maß. Vapasi nickte zufrieden.
„Eure Lungenkapazität hat sich erneut geringfügig verbessert. Leider seid Ihr von einem Leben ohne Atemmaske immer noch weit entfernt.“
Vaders Lungen schienen sich im Laufe der Jahre tatsächlich zu erholen, er konnte inzwischen ohne Atemmaske einige Stunden überleben, nichtsdestotrotz war ihm ein normales Leben ohne unterstützende Sauerstoffzufuhr immer noch nicht möglich.
Natürlich hatte der dunkle Lord wieder einmal versucht, sich vor dem Routinecheck zu drücken, aber Dr. Vapasi war seit Jahren darin geübt, seinen widerspenstigen Patienten zur Räson zu bringen …
„An was haben Sie gerade gedacht?“, fragte Vader.
Es war schwer, Gedanken, Wünsche und Gefühle vor Vader geheim zu halten, so dass der Doktor es gar nicht erst versuchte.
„Ich habe an die Möglichkeit einer Transplantation gedacht“, sagte Vapasi.
Primitive Gesellschaften hatten auf diese Weise versucht, das Leben unheilbar Kranker zu verlängern oder gar, sie zu heilen. Dem entgegen stand die Tatsache, dass der Kranke anschließend den Rest seines Lebens Medikamente nehmen musste, die eine Abstoßung des transplantierten Organs verhinderten sowie das moralische Dilemma: von einem Toten konnten keine Organe transplantiert werden.
Soweit Dr. Vapasi wusste, hatten ethisch hochstehende Gesellschaften dieses Problem umgangen, indem sie ausschließlich auf Unfallopfer zurückgriffen, die zwar nachweislich hirntot waren, deren Körper man aber solange künstlich am Funktionieren gehalten hatte, bis man einen geeigneten Empfänger fand.
Andere hingegen versklavten, klonten oder züchteten Menschen allein zu diesem Zweck.
Vapasi schauderte.
Einerseits freute er sich, dass diese Zeiten vorüber waren. Andererseits wollte er seinem Patienten eine Möglichkeit, wieder normal atmen, ja, leben zu können, aufzeigen.
Vader dachte nach.
„Nein“, sagte er schließlich. „Nein, das ist nicht akzeptabel.“
Er würde nur eine Abhängigkeit gegen eine andere tauschen …

Achillea, Südkontinent

Zwölf Stunden waren seit der galaktischen Katastrophe vergangen und auf dem Südkontinent herrschte inzwischen tiefste Nacht. Wohingegen auf dem Nordkontinent jetzt die Strahlung der Sonne in voller Stärke, ungefiltert durch eine intakte Ozonschicht, auf die Oberfläche traf.
Nach der Rettung Lady Bathos‘ und einer flüchtigen ersten Bestandsaufnahme hatten sie festgestellt, dass die Katastrophe allumfassend war: der Energiestrahl musste von einem enorm starken Elektromagnetischen Puls begleitet worden sein, denn er hatte nicht nur alles zu Asche verbrannt, das er direkt getroffen hatte, sondern auch alle Elektronik auf dem Nordkontinent, ja der ganzen Nachtseite, zerstört.
Nichts ging mehr.
Keine Elektrizität und in Folge kein Licht, keine Wärme und kein Wasser.
Kein Zahlungsverkehr.
Keine Telekommunikation.
Keine Fahrzeuge, Maschinen und Droiden.
Keine Krankenhäuser.
Keine planetaren Schilde, Satelliten, HoloNet-Transmitter und Hyperraumrelais.
Die Katastrophe hatte sie zurück in archaische Zeiten geworfen, allerdings ohne dass sie über die Kenntnisse und Fertigkeiten verfügten, die ein Überleben ohne moderne Technologie möglich machen würde.
Lady Bathos war geneigt, einen Angriff auf Achillea in Betracht zu ziehen, denn der gesamte Tapani-Sektor war gut mit Bojen ausgestattet, die vor allen möglichen galaktischen Gefahren rechtzeitig warnten. Hatte jemand die Warnbojen manipuliert, wie bereits Captain Elint vermutet hatte, so dass eine Nova oder ein Gammablitz nicht rechtzeitig bemerkt worden waren? Denn die Auswirkungen solcher, im galaktischen Maßstab recht alltäglicher Vorgänge breiteten sich im Normalraum aus und brauchten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, um vom Ursprungsort aus ein zufälliges Ziel zu erreichen. Wenn sie überhaupt ein Ziel erreichten und nicht buchstäblich ins Leere liefen.
„Man sollte meinen, dass Hilfe schneller eintrifft“, sagte Andrasch zu niemandem Speziellen.
„Rettungsmaßnahmen in dieser Größenordnung benötigen Zeit“, sagte Lady Bathos.
Es konnte Wochen dauern, bis Hilfe in ausreichendem Umfang eintraf.
„Es ist bisher nicht einmal ein Tag vergangen.“
Ein Tag, an dem sie versucht hatten, zu retten, was zu retten war.
Lady Bathos hatte sich von Captain Elint zu verschiedenen größeren Städten fliegen lassen, um den Verantwortlichen dort persönlich zu berichten und erste Maßnahmen einzuleiten.
Andrasch war zu einer ähnlichen Mission aufgebrochen. Aber mit nur vier intakten Patrouillenbooten und ein paar privaten Yachten konnte man keine Milliardenbevölkerung evakuieren oder mit Wasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten versorgen. Und wohin sollten sie diese Menschen eigentlich evakuieren? Der Südkontinent war nur dünn besiedelt, es gab keine Infrastruktur für solche Menschenmassen.
Kurz hatte Lady Bathos mit dem Gedanken gespielt, sich von einem der Patrouillenboote nach Pelagon fliegen zu lassen, um persönlich Hilfslieferungen zu organisieren.
Dann hatte sie ihn wieder verworfen.
Ein Patrouillenboot war viel zu langsam. Und die Differenzen zwischen dem Haus Cadrian und dem Haus Pelagon waren nicht behoben.
Mehr zu denken gab ihr, dass ankommende Raumfahrzeuge fast alle sofort abgedrehten und wieder in den Hyperraum sprangen waren, sobald sie die Situation erkannten.

Executor, auf dem Weg nach Achillea

Dr. Vapasi schwieg. Sie waren am Ende der Untersuchung angelangt und eigentlich gab es nichts mehr zu sagen.
Eigentlich.
„Sie haben doch noch etwas?“, fragte Vader.
Vapasi seufzte. Er sollte in Vaders Gegenwart wirklich nicht über Sachverhalte nachdenken, über die er lieber nicht mit den dunklen Lord sprechen wollte.
„Es geht im Kilian“, sagte Vapasi.
Verheimlichen oder gar Lügen war Vader gegenüber keine Option, ärztliche Schweigepflicht hin, ärztliche Schweigepflicht her.
„Kilian?“, fragte Vader harscher, als er es beabsichtigt hatte, während gleichzeitig die unbestimmte Angst in ihm hochkroch, sie wieder zu verlieren. Wie er schon so vieles im Leben wieder verloren hatte.
„Was ist mit ihr?“
„Es geht ihr gut“, beeilte sich Vapasi zu sagen, der es verstand, die Zeichen zu deuten.
„Aber sie, nun, sie scheint in der letzten Zeit einen ausgeprägten Kinderwunsch entwickelt zu haben.“
Vader schwieg.
Eine Sekunde.
Zwei Sekunden.
„Was?!“, brach es dann aus ihm heraus, während sich Überraschung und Fassungslosigkeit auf sein Gesicht malten. „Sie wünscht sich ein Kind?!“
Vapasi konnte Vaders aktuelle Gemütslage nicht so recht einordnen und reagierte deshalb förmlicher, als er es als dessen langjähriger Arzt für gewöhnlich tat.
„Ja, Sir“, sagte er.
„Seit wann?“, fragte Vader. „Warum? Sie hat doch alles, was sie braucht …“
„Das werdet Ihr sie selbst fragen müssen“, entgegnete der Doktor.
Liebende Frauen entwickelten für gewöhnlich diesen Wunsch. Ob der dunkle Lord sich dessen bewusst war?
„Sie kam zu mir und wollte untersucht werden“, fuhr Vapasi fort. „Fragte sich, ob alles in Ordnung mit ihr sei. Warum sie nicht schwanger werde, obwohl sie nichts unternehme, um das zu verhindern.“
„Und?“
„Nun, sie wird langsam zu alt für eine Schwangerschaft.“
Vader hielt inne.
„Weiter“, forderte er Vapasi auf.
„In ihrem Körper summieren sich ein paar hormonelle Besonderheiten, so dass sie generell Schwierigkeiten mit einer Empfängnis haben dürfte. Vermutlich hat sie es bisher nur noch nicht versucht, sonst müsste sie das eigentlich wissen.“
Vader schüttelte den Kopf. Kilian war immer für eine Überraschung gut …
„Da ist doch noch etwas?“, fragte Vader.
„Sie wollte von mir ein paar Adressen haben“, sagte Vapasi. „Ich habe ihr die einer sehr guten Frauenärztin und die einer ebenso guten Hebamme gegeben.“
Vapasi zögerte.
„Dann wollte sie die eines … nun, eines Reproduktionsmediziners haben.“
„Die haben Sie ihr doch hoffentlich nicht gegeben?“
Vader fiel automatisch in den Gestus des bedrohlichen Sithlords, wovon der Doktor sich allerdings nur wenig beeindrucken ließ.
„Doch“, sagte er. „Ich wollte vermeiden, dass sie eigenmächtig in den finstersten Ecken Coruscants danach sucht.“
Vader lehnte sich zurück und dachte nach. Vapasi hatte klug gehandelt. Es war besser, Kilian kontrolliert ein paar Handlungsoptionen zu überlassen statt darauf zu warten, dass sie unkontrolliert selbst aktiv wurde. Bisher hatte sie sich meist als vernünftig erwiesen.
Bisher …

Die Todesschwadron fiel über Achillea aus dem Hyperraum und uns erwartete das totale Chaos.
„Galaktische Katastrophe“, so hatte Captain Piett das Ereignis genannt, dass den Planeten unvorbereitet und völlig überraschend getroffen hatte. Die Überlebenden meldeten umfassende Schäden und den Ausfall sämtlicher Elektronik auf der der Strahlungsquelle zugewandten Planetenseite. Also ein EMP, ein elektromagnetischer Puls. Supernova? Gammablitz? Sie wussten es nicht …
Es mag eigenartig erscheinen, dass man ausgerechnet eine militärische schnelle Eingreiftruppe nach Achillea schickte, aber man darf nicht vergessen, dass, gemessen am allgemeinen Personen- und Warenverkehr (die meisten Planeten versorgten sich selbst und importierten nur das, was sie selbst nicht herstellen konnten) die Imperiale Sternenflotte im galaktischen Maßstab über die größten Transport- und Versorgungskapazitäten verfügte.
Nichtsdestotrotz mussten wir uns zunächst einen allgemeinen Überblick über die Lage auf der Oberfläche verschaffen. „Admiral Ozzel“, sagte Vader, „Lassen Sie feststellen, wie die Lage vor Ort ist und leiten Sie erste Maßnahmen ein.“
„Ja, Sir“, sagte Ozzel und verneigte sich. Vader wandte sich ab, um die Brücke zu verlassen.
„Wohin geht Ihr?“, fragte ich.
„Ich ziehe mich in mein Quartier zurück, um zu meditieren“, sagte er. „Hier stimmt etwas nicht, und ich werde herausfinden, was das ist.“

Wenn Vader sich einer ernsthaften Meditation unterzog, wollte er für gewöhnlich alleine sein. Deshalb lungerte ich weiterhin auf der Brücke der Executor herum und beobachtete die Aktivitäten der Brückencrew bei den Rettungs- und Hilfsmaßnahmen. Admiral Ozzel teilte jedem Schiff einen Sektor zu, der zunächst aus dem Orbit gescannt und begutachtet wurde. Anschließend schickte das jeweilige Schiff Fähren auf die Oberfläche, um mit den örtlichen Behörden direkt Kontakt aufzunehmen. Besonders hilfreich war dabei Lady Bathos, die an Bord der Executor gekommen war und die Crews mit Informationen versorgte. Auch vier achilleanische Patrouillenboote und allerlei private Yachten waren in die Operation eingebunden und begannen bereits damit, Crews, Passagiere und Bewohner der immer noch ohne Antrieb und Energie im Orbit treibenden Raumfahrzeuge und orbitaler Habitate zu evakuieren. Alle waren eifrig beschäftigt, nur ich hatte nicht wirklich was zu tun und kam mir zunehmend überflüssig vor. Zeit, die Brücke zu verlassen und mich in mein Quartier zurückzuziehen.
Bevor ich das jedoch tun konnte, trat Admiral Ozzel auf mich zu.
„Wir haben die Lage analysiert. Für wie lange hat Lord Vader sich zurückgezogen?“
„Unbestimmt“, entgegnete ich. „Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?“
„Nun, das Wichtigste wird sein, die Energieversorgung und die Kommunikation wieder in Gang zu setzen. Dazu benötigen wir verschiedene technische Ersatzteile und geeignetes Personal. Achillea braucht darüber hinaus einen neuen Zentralcomputer, da der bisherige vollständig zerstört wurde. Außerdem natürlich Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen und die Logistik, diese zu verteilen.“
Mit einem Mal erkannte ich, dass ich hier nicht überflüssig war.
Die Offiziere, die unter Vader dienten, neigten dazu, sich ihre Entscheidungen von Vader absegnen zu lassen. Vader wollte aber nicht gestört werden. Das wiederum bedeutete, dass Ozzel genau so lange nichts unternehmen würde. Millionen, wenn nicht gar Milliarden Menschen würden sterben, weil Hilfe zu spät kam. Das konnte ich auf gar keinen Fall zulassen.
„Veranlassen Sie das Notwendige“, sagte ich.
„Ma’am?“, fragte Ozzel.
„Tun Sie, was Sie gerade eben vorgeschlagen haben.“
„Aber Lord Vader …“
„Lord Vader ist nicht da“, fiel ich ihm ins Wort. „Wollen Sie dem Leiden und Sterben von Milliarden Lebewesen tatenlos zusehen, obwohl Sie etwas tun können?“
„Nun, äh, nein. Eigentlich nicht …“
Ozzel fürchtete sich vor Vader und wollte nichts falsch machen, weshalb er lieber gar nichts tat.
„Dann geben Sie die entsprechenden Befehle!“
Ich sah den Zweifel in Ozzels Augen. Sein Zaudern.
„Lord Vader könnte aber auch über das Detail verärgert sein, dass Sie nichts getan haben …“

Vader hatte sich in seine Meditationskammer zurückgezogen und diese geschlossen. Ablenkung war etwas, das er im Augenblick nicht brauchen konnte. Sobald sie über Achillea aus dem Hyperraum gekommen waren, hatte er das Empfinden, das hier etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Eine Nova von einem nahen Stern hätte die komplette ihr zugewandte Seite verbrannt, eine weiter entfernte hingegen kaum Schaden angerichtet. Ein Gammablitz schied ebenfalls aus, denn dieser hätte nicht nur sämtliche Elektronik zerstört, sondern auch ausnahmslos alles Leben vernichtet. Außerdem gab es gemäß den ihm bekannten Sternenkarten in relevanter Nähe keinerlei Sterne, die Gammablitze aussenden konnten oder die Gefahr liefen, sich demnächst in eine Nova zu verwandeln. Der dunkle Lord versenkte sich in tiefe Meditation. Ein EMP und ein Energiestrahl …
In der Macht hatte dieses Ereignis Spuren hinterlassen, denen Vaders Geist nun folgte.
Von Planetensystem zu Planetensystem, von Stern zu Stern.
Einige Male hatte der Strahl nur dünn oder kaum besiedelte Welten knapp verfehlt und die Bewohner waren sich vermutlich nicht einmal der Gefahr bewusst, in der sie kurze Zeit geschwebt hatten. Der Katastrophe, der sie entgangen waren.
Schließlich erreichte er den Ausgangspunkt des Energiestrahls: ein Planetensystem mit einer alten, roten Sonne.
Sein Blick richtete sich auf die Konstruktion, die sie umgab.
Was war das?
Dann erkannte er es. Es hatte einen Grund, warum heutzutage niemand mehr so etwas baute, die Gefahr des Missbrauchs als Massenvernichtungswaffe war einfach viel zu groß.
Wer könnte so einer Versuchung widerstehen?
Könnte er es?
Er wusste es nicht …

Ich suchte und fand Lady Bathos in der Aussichtslounge über der Brücke, wo sie auf Achillea hinabsah.
Leise trat ich neben sie, war mir unschlüssig, ob ich sie ansprechen sollte.
Lady Bathos zog die Schultern hoch und ihre Robe enger um sich, als ob sie frösteln würde.
Eine Zeitlang standen wir nebeneinander und blickten in stummen Einvernehmen auf Achillea hinab.
Die alte Dame schien keinerlei Redebedarf zu haben, weshalb ich mich wieder abwandte, um die Lounge zu verlassen.
„Eigenartig“, sagte sie, „von hier oben sieht der Schaden gar nicht so schlimm aus …“

 

 

DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Entscheidungen“

Ich konnte Lady Bathos dazu überreden, zusammen mit mir in der Offiziersmesse ein spätes Abendessen einzunehmen. Die warme Mahlzeit schien der alten Dame gutzutun. Ebenso die Gesellschaft. Und natürlich die Gelegenheit, sich auszusprechen.
„Sie können stolz sein auf ihren jungen Verwandten … Andrasch, nicht wahr?“, sagte ich gerade.
Obwohl Lady Bathos konstruktiv an der ersten Evaluation mitgearbeitet und sich ihre Kenntnis über die örtlichen Gegebenheiten als äußerst detail- und hilfreich erwiesen hatte, stand die alte Dame trotzdem unter Schock, über eine Katastrophe dieses Ausmaßes musste man erst einmal hinweg kommen.
Hatte sie eigentlich selbst Freunde und Verwandte verloren, die in Cadriell gelebt hatten?
„Captain Piett hat ihm die Koordination der Rettungsmission für alle im Orbit gestrandeten Schiffe und die orbitalen Habitate übertragen und ist sehr zufrieden mit seiner Leistung.“
Lady Bathos neigte den Kopf.
„Andrasch hat in jungen Jahren bei den planetaren Anti-Piraten-Streitkräften gedient. Militärisches Vorgehen ist ihm nicht fremd.“
Das war jetzt von Vorteil.
„Ich konnte Admiral Ozzel übrigens davon überzeugen, die am dringendsten benötigten Hilfsgüter schon vorab anzufordern. Wenn erst einmal die Energieversorgung und die Kommunikation wieder in Gang gesetzt und ein neuer Zentralrechner online ist, dürfte sich die Situation schnell wieder normalisieren.“
„Das ist eine gute Nachricht“, sagte Lady Bathos. „Bis dahin werden wir allerdings von Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen abhängig sein.“
In gewisser Weise hatte Achillea noch Glück gehabt.
Bis auf Cadriell natürlich. Wo die Stadt gestanden hatte, war nur noch verbrannte Erde …

Ich wartete vor Vaders Quartier und dachte konzentriert daran, dass ich hier stand, ein Tablett mit seinem Abendessen in Händen.
Das war eine der Herausforderungen, vor die der dunkle Lord mich immer wieder gerne stellte: schaffte ich es, mich geistig bei ihm bemerkbar zu machen?
Ich besaß zwar nicht die geringste Machtbegabung, aber wenn ich mich stark auf ein Thema fokussierte und nahe genug an ihm dran war, konnte er meine Gedanken spüren, ja darin lesen wie in einem Buch.
Ansonsten produzierte ein menschlicher Geist hauptsächlich viel Chaos, eine Kakophonie dutzender, wenn nicht hunderter Stimmen, die wild durcheinander plapperten. Machtnutzer lernten schon in frühester Jugend, wie man diese Stimmen aus dem eigenen Geist verbannte.
Ich empfand es damals immer noch als anstrengend, mich über einen längeren Zeitraum auf einen einzigen Gedanken zu konzentrieren. Sollte Vader hingegen immer noch intensiv meditieren, würde er mich trotzdem nicht bemerken.
Offenbar war dem nicht so, denn die Tür glitt plötzlich auf und ich konnte eintreten. Der dunkle Lord saß immer noch in der Meditationskammer, die jetzt allerdings geöffnet war.
„Ich habe Euch etwas aus der Messe mitgebracht“, sagte ich, stellte das Tablett ab und begann alles herzurichten. Vader gehörte auch zu den Männern, die gerne mal ganze Mahlzeiten ausließen, wenn man sich nicht darum kümmerte, dass sie regelmäßig aßen.
„Jetzt nicht“, sagte Vader.
„Aber Ihr müsst hungrig sein“, wandte ich ein, Vader hatte fast einen ganzen Tag lang meditiert.
„Ja“, sagte er und hob die Hand.
Etwas wanderte leicht über meinen Körper, strich über empfindsame Stellen, lockte, versprach Leidenschaft und höchste Genüsse …
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass der kreisrunde Sitz in der Meditationskammer genau die richtigen Abmessungen für erotische Spiele allerlei Art hatte? Die Kammer war ein Geschenk des Imperators an Vader gewesen. Gewiss hätte Palpatine beides anders konstruieren lassen, hätte er gewusst, wie sie in Zukunft genutzt werden würden …

„Ich bin sehr zufrieden mit Euch“, sagte Lady Bathos.
„Zufrieden?“, entgegnete Andrasch. „Es ist wenig genug, was ich tun kann.“
Die alte Dame gewann den Eindruck, dass ihr junger Verwandter mehr auf dem Herzen hatte und schwieg, um ihm Gelegenheit zu geben, sich zu erklären.
„Die Verluste sind enorm. Ihr wisst, dass in und um Cadriell herum fast fünf Milliarden Menschen gelebt haben. Und ein paar Nichtmenschen. Der Energiestrahl hat sie alle ausgelöscht.“
„Zum Trauern ist jetzt keine Zeit“, stellte die alte Dame fest.
Andrasch trank einen Schluck seines hochprozentigen Drinks. Eine reine Übersprunghandlung.
„Die Imperialen haben mir verboten weiterzumachen.“
„Und sie tun gut daran, Andrasch“, sagte Lady Bathos. „Es hat keinen Sinn, wenn Ihr und Eure Crew unausgeruht sind und Fehler machen.“
„Ausruhen“, sagte Andrasch bitter. „Ich kann jetzt nicht ausruhen.“
„Doch“, widersprach die alte Dame, „Ihr könnt. Ihr müsst. Unsere Familie ist zusammen mit Cadriell fast vollständig ausgelöscht worden. Es war nur einem Zufall zu verdanken, dass ich mich auf unser Landgut zurückgezogen hatte, um in Ruhe zu arbeiten.“
Lady Bathos Stimme begann zu zittern und sie benötigte einen Augenblick, um sich zu sammeln und ihre Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen.
„Ihr, Andrasch, werdet nun unser Erbe nach mir weiterführen müssen.“

Ich erwachte frühmorgens in Vaders Quartier, auf seiner Couch, eingekuschelt in eine warme Decke. Hier war ich aber nicht eingeschlafen, Vader konnte sehr fürsorglich sein …
Ich erhob mich, reckte und streckte mich, sah mich um. Die Teller und Schüsseln, die sein Abendessen enthalten hatten, waren leer. Vermutlich hatte er wieder einmal alles gegessen, ohne es vorher in den Erhitzer zu stellen. Typisch Mann …
Wo war er überhaupt?
„Vader?“, rief ich halblaut in den Raum.
Der dunkle Lord trat um die Meditationskammer herum und auf mich zu, bereits angetan im vollen Ornat.
Ich gähnte. Ach ja, da war doch noch was …
„War Eure Meditation erfolgreich?“, fragte ich.
„Das war sie“, erwiderte er. „Die Katastrophe auf Achillea hat keinen natürlichen Ursprung. Ich werde mich dessen annehmen.“

„Wir haben bereits erste Hilfsmaßnahmen eingeleitet“, sagte Admiral Ozzel.
Wir, also der Admiral selbst, Captain Piett, Lady Bathos, Andrasch Cadriaan, Vader und ich saßen in einem der Besprechungsräume der Executor, planten unsere nächsten Schritte und stimmten weitere Maßnahmen ab.
Weiterhin und als Hologramme anwesend waren die Kapitäne der übrigen Schiffe der Todesschwadron.
„Das wichtigste ist es, die Energieversorgung und die Kommunikation wieder in Gang zu setzen. Wir haben inzwischen Ersatzteile und Personal angefordert, ebenso einen neuen Zentralcomputer sowie Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen.“
Sieh an. Ozzel hatte tatsächlich auf eigene Verantwortung gehandelt. Ich bemerkte jedoch den feinen Schweißfilm auf seiner Stirn, wohl fühlte er sich damit gewiss nicht …
Nicht unbeträchtlich dazu bei trug Vader, der Ozzel lange und intensiv anstarrte, bevor er schließlich sagte: „Gut.“
„Es wäre vielleicht hilfreich, wenn Lady Bathos sich persönlich auf die Oberfläche begibt und in den größeren Städten die beschlossenen Maßnahmen verkündet“, schlug ich vor. „Ihr solltet ein wenig Optimismus verbreiten. Der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit entgegenwirken.“
Die alte Dame nickte.
„Das könnte in der Tat hilfreich sein.“

Nach dem Ende der Besprechung wandte sich Lady Bathos an mich: „Liegen bereits Erkenntnisse über die Ursache der Katastrophe vor?“
Ich sah auf mein PAD.
„Die wissenschaftlichen Abteilungen arbeiten noch an der Auswertung und Analyse.“
„Ich möchte der Imperialen Sternenflotte meinen Dank aussprechen“, sagte die alte Dame. „Dass Sie sich so um uns und unsere Notlage bemühen.“
„Der Tapani-Sektor ist uns wichtig“, sagte ich und gab damit die offizielle Linie wieder.
Vader hingegen hatte mir gegenüber geäußert, dass der Tapani-Sektor nach Ausrufung des Imperiums sofort opportunistische Kooperationsbereitschaft gezeigt hatte und dass der ISB deshalb glaubte, dass sie dem Imperium ebenso schnell wieder von der Fahne gehen würden wie sie ihm gefolgt waren, sollten sie es für angezeigt halten …
„Lady Bathos“; fuhr ich fort. „Haltet Ihr es für vorstellbar, dass jemand die Warnbojen manipuliert hat?“
Der Tapani-Sektor wurde von einem Rudel Adelsfamilien beherrscht, die sich seit seiner Gründung vor tausenden Jahren von Zeit zu Zeit immer wieder Auseinandersetzungen und Machtkämpfe geliefert hatten.
Es war Vaders Idee gewesen, mich auf die alte Dame anzusetzen, wobei er nicht ganz zu Unrecht davon ausging, dass diese mit einer anderen Frau eher reden würde als mit ihm.
Sie sah mich irritiert an.
„Wie meinen Sie das?“
„Könnte eine konkurrierende Adelsfamilie gewusst haben, dass ein naher Stern bald zur Nova wird und verfügt über Mittel, Motiv und Gelegenheit, Eure Warnbojen so zu manipulieren, so dass Achillea sich fälschlicherweise in Sicherheit wiegt?“
„Ja nun“, räumte Lady Bathos ein, „wir haben unsere Differenzen. Aber ich glaube nicht, dass eine der anderen Familien soweit gehen würde, denn das wäre eine ehrlose, geradezu perverse Form der Kriegführung.“
Dem gab es nichts weiter hinzuzufügen …

„Lady Bathos ist davon überzeugt, dass es sich nicht um einen Angriff auf ihr Haus handelt“, sagte ich. „Völlig ausschließen kann man das meiner Meinung nach aber nicht.“
Zumal Vader in seiner Meditation gesehen hatte, dass die Katastrophe auf Achillea keinen natürlichen Ursprung hatte.
„Was war da zwischen Euch und Admiral Ozzel?“
Vader hakte abwartend die Daumen hinter den Gürtel. Es war fast unmöglich, etwas vor dem dunklen Lord geheim zu halten.
„Der Admiral war sehr zögerlich, die benötigten Hilfsgüter ohne Rücksprache mit Euch anzufordern.“
„Und Ihr habt ihn dazu überredet, das trotzdem zu tun?“ „Das habe ich getan“, gab ich zu. „Da unten geht nichts mehr. Der EMP hat die Chips sämtlicher Maschinen und Computer durchbrennen lassen. Sollen Millionen, vielleicht sogar Milliarden sterben, nur weil die Hilfslieferungen sind unnötigerweise verzögern?“
Vader hob die Hand.
„Ihr habt recht getan“, sagte er.
Vader hielt Ozzel für einen Feigling, der besser Admiral eines Flottenverbandes der Handelsmarine oder Captain eines Kreuzfahrtschiffes geworden wäre. Es liefen immer noch Wetten, wie lange Ozzel durchhalten würde, bevor Vader die Geduld mit ihm verlor. Andererseits …
„Das ist gut zu wissen“, sagte ich, „aber wie viele Männer wagen es nicht, ohne Eure Zustimmung zu handeln, selbst wenn es notwendig wäre? Ihr habt sie in Angst und Schrecken versetzt, aber wäre es nicht besser, wenn ihr Handeln von Respekt und von Einsicht geprägt wäre und nicht von Furcht?“
Ich unterbrach mich, als der Turbolift anhielt, ein junger Lieutenant ausstieg, grüßte und an uns vorüberging.
„Ich habe doch recht, nicht wahr?“, setzte ich meine Rede fort, sobald er vorüber war.
„Ich bin ein Sith“, behauptete Vader. „Und Sith herrschen durch Furcht.“
Ich gab ein abfälliges Schnauben von mir.
„Pah. Außerdem sprechen die alten Bücher, die ich für Euch lesen soll, sehr deutlich davon, dass das Volk der Sith seinen Nachbarn hauptsächlich dadurch auffiel, dass sie außer einer starke Affinität zur dunklen Seite der Macht gerne wilde Partys in ihren Tempeln feierten und ansonsten den Herren einen guten Tag sein ließen.“

„Diese Kilian ist doch nur eine Galionsfigur, sie hat nicht einmal einen militärischen Rang. Aus welchem Grund sollten wir uns ihr gegenüber besonders freundlich zeigen?“
„Andrasch, mein lieber Junge“, sagte Lady Bathos. „Natürlich hat Lord Vader Kilian vorgeschickt. Aber sie ist ihm als sein persönlicher Adjutant nahe. Ist dir denn nicht aufgefallen, dass sie das Ohr und das Wohlwollen des dunklen Lords besitzt? So jemanden dürfen wir in unserer derzeitigen prekären Lage auf gar keinen Fall verärgern.“
Andrasch überdachte die Worte seiner älteren Verwandten. Gäbe es Adjutant Kilian nicht, dann müssten sie mit seiner Lordschaft selbst verhandeln … Andrasch schauderte. Daran hatte er nicht gedacht. War er überhaupt in der Lage, das Amt auszufüllen, das seine Tante ihm übertragen wollte?
„Ich kann das nicht“, sagte er und ließ sich mutlos ein einen der bereitstehenden Sessel fallen. Dann kam ihm plötzlich ein Gedanke.
„Onkel Sothos“, sagte er. „Er könnte Euch ebenfalls nachfolgen und ist älter an Jahren und an Erfahrung.“
„Onkel Sothos.“ Lady Bathos schüttelte den Kopf. „Ihr wisst doch, dass Sothos zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen ist …“

Vader und ich standen auf der Hauptbrücke der Executor und beobachteten die Bergungs- und Rettungsmaßnahmen im Orbit Achilleas. Vader war der Mann fürs Grobe und für die gefährlichen Sachen. Meistens aber tat er nichts mehr, nachdem er die entsprechenden Befehle gegeben hatte, beobachtete lediglich die Aktivitäten um ihn herum und würde erst dann einschreiten, wenn irgendetwas nicht so lief, wie er es wollte.
Admiral Ozzel trat neben mich und reichte mir ein PAD.
„Das Ergebnis der Untersuchungen der wissenschaftlichen Abteilungen“, sagte er.
„Und die lauten wie?“, fragte ich.
Die wissenschaftlichen Abteilungen würden vor lauter Begeisterung fürs Sujet erfahrungsgemäß wieder einmal kein Ende in ihren Ausführungen finden und mit Fachausdrücken und Berechnungen (die ich weder verstand noch nachvollziehen konnte) um sich werfen.
„Sie haben festgestellt, dass die Katastrophe keine natürliche Ursache hat“, sagte Ozzel.
Keiner der Sterne, der in der in Frage kommenden Richtung lag, war zur Supernova geworden und würde es auch so bald nicht werden. Ebenso wenig gab es eine erkennbare Ursache für den EMP. Aber Sie hatten das Sternensystem ausgemacht, von dem aus der Energiestrahl gekommen war: LW-1753.

„Eure Meditation hat also das gleiche Ergebnis zutage gefördert wie die wissenschaftliche Untersuchung“, sagte ich.
„Das Wirken der Macht scheint Euch immer noch zu überraschen“, sagte Vader.
Ich nickte und überflog weiter das PAD, das Admiral Ozzel mir gegeben hatte. Sowas wie die Macht gab es auf meinem Heimatplaneten nicht. Aber man musste die Dinge hinnehmen, wie sie eben waren.
Vader winkte Admiral Ozzel zu sich heran.
„Sir?“
„Ich werde mich nach LW-1753 begeben. Machen Sie bekannt, dass Kilian mich hier solange vertreten und die Hilfs- und Rettungsmission leiten wird. Die Kapitäne der anderen Schiffe werden ihre diesbezüglichen Anweisungen und Befehle befolgen als wären es die meinen.“
Ozzels Blick wanderte von Vader zu mir und wieder zurück zu Vader.
„Ja, Sir.“
„Nein“, sagte ich.
„WAS?!“, schnappte Vader.
„Nein“, wiederholte ich. „Das … das ist eine Nummer zu groß für mich. Captain Needa ist dafür wesentlich besser …“
„Ich habe Euch zum Leiter dieser Mission gemacht und Ihr werdet sie erfüllen“, knirschte Vader.
Entscheidungen, die über meinen Kopf gefällt wurden. Das war genau der Punkt, an dem Rosalinda Kilian gerne mal bockig wurde.
„Werde ich nicht“, zischte ich.
Vader fixierte meinen Blick. Gleichzeitig fiel mir auf, dass alle Aktivitäten um uns herum zum Erliegen kamen, sich alle Blicke auf mich richteten.
Keiner dieser Männer würde es wagen, Lord Vader so offen, so laut und so vehement zu widersprechen.
Die Sekunden begannen sich zu dehnen.
Die Offiziere, Ingenieure und Techniker in der Brückengrube starrten immer noch zu uns hinauf.
Vader hakte abwartend die Daumen hinter den Gürtel. Irgendetwas musste jetzt geschehen.
Ich holte Luft.
„Haben Sie nichts zu tun?!“, blaffte ich die Männer in der Brückengrube an.
Ein vielstimmiges „Ja, Ma’am“, „Doch, Ma’am“ oder „Sofort, Ma’am“ antwortete mir, bevor sie sich wieder ihren Aufgaben zuwandten.
Vader wirkte mit einem Mal sehr zufrieden.
„Wie ich sehe, ich kann Euch hier unbesorgt alleine lassen …“

 

 

DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Scheitern ist keine Option“

Ich saß im Halbdunkel der Aussichtslounge, direkt an den bis zum Boden reichenden Fenstern aus Transpariastahl, und sah auf Achillea hinab. Ich musste Lady Bathos recht geben: von hier oben betrachtet sah der Schaden gar nicht so schlimm aus …
Trotzdem fühlte ich mich von der Aufgabe überfordert, vor die Vader mich gestellt hatte. Nein, das war nichts für Rosalinda Kilian, das war definitiv eine Nummer zu groß für mich!
Noch schlimmer aber war, dass Vader die Executor, die Devastator und die Stalker genommen hatte und nach LW-1753 aufgebrochen war. Ohne mich. Ich fühlte mich zurückgestoßen und alleine gelassen. Ob er seine Pläne für mich aufgab, wenn ich hier grandios scheiterte?
Diese verdammte Vision, in der er gesehen hatte, dass ich auf dem Thron des Imperators saß …
Ich dachte zurück an die Zeit, als ich Vader als sein persönlicher Adjutant an Bord der Executor gefolgt war, an die Schwierigkeiten und Probleme, die mich dort erwartet hatten. War das wirklich noch nicht einmal ein Jahr her?
Bei der Vernichtung Cadriells waren fast fünf Milliarden Menschen umgekommen, weitere zwei Milliarden warteten auf Hilfslieferungen.
Scheitern würde bedeuten, dass ein großer Teil dieser Menschen ebenfalls sterben würde, und deshalb war Scheitern keine Option. Vader wusste das und er wusste, dass ich es wusste. Mistkerl …

Vader stand wie so oft vor den Sichtluken der Hauptbrücke und blickte dem Hyperraumwirbel entgegen.
Es hieß, dass man dem Wahnsinn verfiel, wenn man ihn zu lange betrachtete.
Jedoch wusste der dunkle Lord von keinen einzigen Fall, wo dies tatsächlich geschehen war.
Ihn selbst versetzte der Wirbel häufig in eine Art Trance, so dass die Nachwuchsoffiziere es während der Nachtschichten nach Möglichkeit vermieden, ihn in diesem Zustand anzusprechen. Sollte es wirklich unabdingbar werden, dann losten sie darum, wer das zweifelhafte Vergnügen hatte, ihm Meldung zu machen …
Es gab viele Dinge an Bord seiner Schiffe, von denen er nichts gewusst hatte. Bis Kilian in sein Leben getreten war.
Vaders Gedanken begannen abzuschweifen. Kilian … er hätte sie jetzt gerne bei sich. Den Hyperraumwirbel zu betrachten, war irgendwie nicht das gleiche, wenn sie ihm dabei nicht Gesellschaft leistete. Aber jemand musste die Hilfs- und Rettungsmission auf Achillea leiten und beaufsichtigen, während er auf LW-1753 weilte. Darüber hinaus war es eine gute Gelegenheit für sie, zu lernen, denn sie würde eines Tages auf dem Thron des Imperators sitzen …
Plötzlich schreckte er aus der Meditation, als eine Warnung durch die Macht lief – Achillea war noch nicht außer Gefahr, rasches Handeln und Schnelligkeit waren bei dieser Mission von größter Wichtigkeit. Jeder, der sich auf dem Planeten oder in seinem Orbit aufhielt, war in akuter Gefahr.
Vader verfluchte im Stillen die Macht, er konnte jetzt nicht mehr umkehren, dafür war es zu spät. Eine Option hatte er noch.
„Captain Piett“, sagte er und wandte sich um. „Beschleunigen Sie die Geschwindigkeit und informieren sie die anderen Schiffe.“
„Ja, Sir“, bestätigte Piett und gab die entsprechenden Befehle.
Vader beobachtete die Aktivitäten in der Brückengrube. Darüber hinaus konnte er nichts tun. Wieder einmal. Er musste auf die Macht vertrauen …

„Unsere Bodenteams sind im Augenblick damit beschäftigt, die Wasserversorgung in zwei der größten Städte wieder in Gang zu bringen“, sagte Captain Needa. Lady Bathos nickte zustimmend. Ohne Nahrungsmittel konnte man Tage, wenn nicht Wochen überleben. Ohne Wasser maximal zwei Tage, vielleicht auch drei …
Und weil das so war, würden die Menschen schließlich auch verschmutztes, nicht aufbereitetes Wasser trinken, Krankheiten und Seuchen würden sich ausbreiten.
„Das hat Priorität“, stimmte ich zu.
Das und die Widerherstellung der Energieversorgung. Aber es würde noch Tage dauern, bis die benötigten Ersatzteile eintreffen würden. Oder länger. Es gab noch so vieles, um das wir uns kümmern mussten, um Achillea zu retten – Lebensmittel, Medikamente, Energie …
Needa runzelte die Stirn.
„Ich verstehe nicht ganz, warum die Lebensmittelversorgung zusammengebrochen ist. Als wir kurz nach der Katastrophe hier eingetroffen sind, kamen regelmäßig Frachter hier an, sprangen aber gleich wieder in den Hyperraum, sobald sie der Situation gewahr wurden.“
Inzwischen kamen jedoch keine Frachter mehr.
Lady Bathos schien unangenehm berührt.
„Wir leben hauptsächlich vom Verkauf von Spacia-Holz und bauen deshalb nur verhältnismäßig wenige Lebensmittel selbst an, hauptsächlich Obst und Gemüse. Die meisten Grundnahrungsmittel müssen wir importieren.“
„Das erklärt aber nicht, warum die Frachter uns gleich wieder verlassen haben, sobald sie die Situation erkannt haben“, sagte Needa. „Und warum jetzt keiner mehr kommt.“
Needa war ein sehr ruhiger, sehr höflicher Mann. Nichtsdestotrotz war er ein hartnäckiger Frager, der sogar Vader Wiederworte gab, wenn er es für angezeigt hielt.
Lady Bathos zögerte.
„Sie waren wohl der Ansicht, dass wir im Augenblick nicht in der Lage sind, die Lieferungen zu bezahlen.“
Ich hatte bisher auf meinem PAD herumgetippt, Anweisungen und Befehle gegeben und deshalb nur mit einem halben Ohr dem Gespräch zugehört.
„Sie liefern nicht, weil Achillea von einer Katastrophe getroffen wurde und vorübergehend zahlungsunfähig ist?“, fragte ich nun.
„So ist es“, antwortete Lady Bathos.
Ich runzelte die Stirn.
„Warum erhält Achillea keine Hilfsgelder oder Lebensmittellieferungen von Pelagon oder den anderen Adelshäusern? Sind sie so arm?“
Die alte Dame lächelte müde. „Politik. Manche begreifen diese Katastrophe auch als Möglichkeit, alte Rechnungen zu begleichen oder die Lieferbedingungen neu zu verhandeln. Als ob ich ohne funktionierende Regierung in der Lage wäre, hier tätig zu werden oder dem zuzustimmen …“

„Nein, Lady Bathos, ich habe meine Leute hier versammelt, soweit es mir möglich war, und seither tun wir, was wir können.“
Lady Bathos hatte sich von Captain Balasch Elint nach Lanriess bringen lassen. Die private Yacht ihres jungen Verwandten hätte zwar mehr hergemacht als das Patrouillenboot, andererseits gab das dem ganzen einen offiziellen Anstrich.
„Wir haben damit begonnen, Märkte und Distributionsläger zu beschlagnahmen und die Lebensmittel an die Bedürftigsten zu verteilen. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass wir ohne funktionierende Kommunikation und Transportmöglichkeiten nur sehr eingeschränkt handlungsfähig sind.“
Lady Bathos nickte.
„Das haben Sie gut gemacht“, lobte sie den Verwalter.
„Lady Bathos, ich wage kaum zu fragen, aber ab wann können wir mit Lebensmittellieferungen rechnen? Die Stadt ist nicht mehr sicher. Hungernde ziehen durch die Straßen auf der Suche nach Essbarem. Es kam bereits zu Plünderungen. Schlimmer ist, dass sie Leute anfangen, das Wasser im Fluss oder das der Seen in den Parkanlagen zu trinken. Wir hatten schon die ersten Erkrankungen und wir haben diese Leute, soweit sie uns bekannt sind und wir Transportkapazitäten haben, in die Krankenhäuser verbracht. Sofern diese noch arbeiten können, aber dort gibt es kaum noch Medikamente zur Behandlung. Helfen Sie uns Lady Bathos!“
Die alte Dame hatte die Worte vernommen. Allein sie konnte nichts tun.
„Hilfen wurden bereits angefordert“, sagte sie, „es dauert seine Zeit, bis sie hierher gelangen.“

„Die Lieferungen verzögern sich“, sagte Needa. „Sie können keine ausreichenden Transportkapazitäten zur Verfügung stellen.“
„Verstehe ich nicht“, sagte ich. „Die Imperiale Sternenflotte verfügt doch insgesamt über die größte Tonnage galaxisweit. Selbst große Reedereien können da nicht mithalten.“
„Das mag schon sein aber …“
Ein junger Offizier kam zügig auf uns zu und verneigte sich.
„Captain Needa, wir haben eine eingehende Prioritätsmeldung von der Executor. Sie ist an Sie und Adjutant Kilian gerichtet.“
Vader ließ man nicht warten, weshalb Needa und ich uns unverzüglich in einen der Besprechungsräume in der Nähe der Hauptbrücke begaben, um die Nachricht des dunklen Lords zu empfangen.

Die Ankunft von Lady Bathos hatte sich in Lanriess herumgesprochen. Zumindest bei den Menschen, die in der Nähe des Verwaltungszentrum lebten. Und diese Menschen umlagerten jetzt das Patrouillenboot und bedrängten die alte Dame, die wieder an Bord zu gelangen versuchte. Sicher, Captain Elint und zwei Soldaten begleiteten sie, aber trotzdem war fast kein Vorankommen in der Menschenmenge.
„Lady Bathos, helft uns!“
„Wir haben Hunger!“
„Herrin, wann funktioniert die Wasserversorgung wieder?“
„Ich bin Arzt, wir haben kaum noch Medikamente!“
„Oh ihr Götter, warum hilft uns denn niemand?“
Das Geschrei der Menge verschmolz zu einer einzigen Kakophonie und die alte Dame empfand zum ersten Mal in ihrem langen Leben Angst vor dem eigenen Volk.
Jetzt rächte sich, dass Achillea sich bisher auf die gut laufenden Geschäfte mit dem Spacia-Holz verlassen hatte und die Just-in-Time-Lieferketten zusammengebrochen waren.
Captain Elint und die zwei Soldaten – die eigentlich nur als Ehrengarde mitgekommen waren – verschafften Lady Bathos mehr Raum.
„Hört mich an!“, rief die alte Dame. „Hilfe ist unterwegs! Kehren Sie in ihre Wohnungen zurück und …!“
„Wir haben die Imperialen Schiffe gesehen!“, rief jemand. „Warum tun sie nichts?“
„Sie lassen uns hier verhungern!“
„Oh, ihr Götter, wird sind verloren!“
Lautes Geschrei umbrandete Lady Bathos.
„SEID STILL!“, brüllte Captain Elint.
„Eine galaktische Katastrophe hat uns ereilt!“, rief Lady Bathos. „Der gesamte Nordkontinent ist betroffen. Die Imperialen helfen uns dabei, die Energieversorgung wieder in Gang zu bringen, aber nicht einmal sie können überall gleichzeitig sein. Nichtsdestotrotz werden wir bald wieder Elektrizität, Wasser und Wärme haben. Lebensmittel und Medikamente sind ebenfalls angefordert. Wir werden diese verteilen, sobald sie eingetroffen sind!“
„Aber wir haben gesehen, wie drei dieser Schiffe in den Hyperraum gesprungen sind“, rief jemand anders. „Wer sagt uns, dass die Imperialen uns nicht doch noch unserem Schicksal überlassen?“
Eine Frage, die die alte Dame sich ebenfalls schon gestellt hatte.
„Das werden sie nicht“, sagte Bathos mit weitaus mehr Zuversicht, als sie gerade selbst empfand. „Darüber hinaus waren sie die einzigen, die bisher zu unserer Rettung eingetroffen sind. Pelagon und die anderen Adelshäuser haben uns schändlich im Stich gelassen!“

„Lord Vader“, sagte ich und neigte das Haupt vor Vaders lebensgroßem Hologramm. Captain Needa neben mir verneigte sich ebenfalls.
„Lord Vader!“
Was Vader wohl wollte? Sollten wir etwa unsere Mission abbrechen? Jetzt, wo die ersten Erfolge in greifbare Nähe rückten?
„Captain Needa“, sagte Vader. „Achillea ist noch nicht außer Gefahr. Bringen Sie die Flotte sofort auf die der Sonne zugewandten Seite des Planeten und belassen Sie sie dort.“
Needa erlaubte sich ein leichtes Stirnrunzeln und eine kurze Denkpause, dann verneigte er sich abermals.
„Ja, Herr.“
Vader entließ Needa mit einer kurzen Geste und wandte sich anschließend mir zu.
„Es gibt eine große Störung in der Macht. Das, was geschehen ist, kann sich jederzeit wiederholen.“
Sollten die über Achillea zurückgebliebenen Schiffe der Flotte in einen weiteren Energiestrahl geraten, würde auch ihre Elektronik vollständig zerstört werden, monatelange Aufenthalte bei KDY zum Austausch würden notwendig werden. Und das auch nur, falls keines der Schiffe direkt in den Energiestrahl geriet und vollständig vernichtet werden würde.
„Ich verstehe“, sagte ich.
Die Hilfs- und Lebensmittellieferungen würden wir dann eben nur bei Tag auf die Oberfläche bringen können.
„Die Vorbereitungen zur Widerinbetriebnahme der ersten Kraftwerke sind abgeschlossen. Wir waren jetzt nur noch auf die angeforderten Ersatzteile.“
„Gut“, sagte Vader und vollführte eine Geste, die Zustimmung signalisierte.
Es gab Offiziere, die für ein solches Lob von Vader einen Mord begehen würden.
Ich hingegen reagierte enttäuscht.
Needa war gegangen, wir waren unter uns, und da hatte er kein privates Wort für mich? Entweder sah Vader mir die Enttäuschung an oder meine Gefühle für ihn liefen durch die Macht, über all die Entfernung hinweg.
„Ich bin in Gedanken bei Euch“, sagte er. „Immer.“

In meinem Büro wartete Lady Bathos auf mich.
„Ich war gerade auf der Oberfläche und habe die wichtigsten Städte besucht“, sagte sie nach der Begrüßung. „Die Menschen hungern. Sie fangen an, das Wasser der Flüsse und Seen zu trinken, Seuchen beginnen sich auszubreiten. Warum dauert das so lange, bis Hilfe eintrifft?!“
Probleme, Probleme, Probleme …
„Wir tun was wir können mit den Schiffen, die wir haben. Laufende Operationen können nicht abgebrochen, der Schutz relevanter Planeten nicht ausgesetzt werden. Die benötigten Hilfsgüter müssen zusammengetragen und geladen werden, anschließend müssen sie hierher transportiert werden. Das alles dauert seine Zeit. Wir können von hier aus nichts beschleunigen.“
Wieviel verstand diese Frau eigentlich von Logistik?
Bathos ließ sich erschöpft in einen der Sessel vor meinem Schreibtisch fallen.
„Die Menschen haben mich bedrängt. Ich hatte große Schwierigkeiten, wieder zu meinem Schiff zu gelangen.“
Angst.
Lady Bathos hatte Angst, vor ihrem eigenen Volk, und das vermutlich nicht zu Unrecht.
Die Menschen ließen sich vom Adel regieren, arbeiteten für ihn und waren loyal. Dafür erwarteten sie, versorgt und beschützt zu werden, das war der Deal. Wenn Bathos nicht liefern konnte, hatte sie ein Problem …

Geniale Ideen haben es an sich, trotz ihrer Schlichtheit beeindruckend in ihren Auswirkungen zu sein und sei es nur deshalb, dass bisher niemand auf eben diesen Gedanken gekommen ist.
Gerade eben ging mir ein solcher Gedanke durch den Kopf und er war ebenso einfach und logisch wie zwingend …
„Lady Bathos“, sagte ich. „kommen Sie mit!“
Sie sah verwundert auf, folgte mir dann aber in den großen Besprechungsraum der Avenger.
Ich zog Captain Needa hinzu und ließ eine Konferenzschaltung zu den Kapitänen der anderen Schiffe herstellen.
Dann breitete ich meinen Plan vor Ihnen aus:
„Die Lage auf Achillea wird von Tag zu Tag aussichtsloser und wir wissen, dass die Hilfslieferungen nicht so schnell eintreffen können, wie wir gehofft haben. Deshalb werden wir die Vorräte an Bord unserer Schiffe an die notleidende Bevölkerung verteilen!“ DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Unübliche Maßnahmen“

Mein Vorschlag, den größten Teil der Lebensmittel an Bord unserer Schiffe unter der notleidenden Bevölkerung Achilleas zu verteilen, wurde mit erstaunlich viel Protestgeschrei aufgenommen, die Argumente reichten von „Das geht nicht!“ über „Das können wir doch nicht machen!“ bis hin zu „Da könnte ja jeder kommen!“.
Man sollte meinen, sie müssten die Hilfslieferungen für Achillea aus eigener Tasche bezahlen. Der einzige, der eine einigermaßen besonnene Reaktion zeigte, war Captain Needa.
„Wir müssen aber einen Teil der Nahrungsmittel für uns selbst behalten, weil wir diese nicht über Nacht ersetzt bekommen.“
Ich stand auf und ging um den Tisch herum.
„Es steht völlig außer Frage, dass Achillea von einer galaktischen Katastrophe getroffen wurde“, sagte ich, blieb stehen und ließ meinen Blick über die Hologramme der Kapitäne schweifen.
„Warum können wir das nicht machen? Warum geht das nicht? Sollte die Tatsache, etwas noch nie gemacht zu haben, uns daran hindern, es zu tun, wenn es sich um eine Notwendigkeit handelt?“
Wenn Vader so etwas sagte, meist in gefährlich leisem Tonfall, verstummte normalerweise jeder Protest.
Vermutlich erinnerten sie sich gerade wieder daran, in wessen Auftrag ich handelte, denn sie waren tatsächlich plötzlich still.
„Ich habe mir das genau durch den Kopf gehen lassen“, fuhr ich fort. „Wir haben fünf Schiffe im Orbit und jedes dieser Schiffe hat Mannschaften und Truppen mit jeweils einer Mannstärke von um die dreißigtausend.“
Die Kapitäne nickten abwartend.
„Jedes dieser Schiffe hat Vorräte für sechs Jahre an Bord.“
Sie nickten wieder.
„Das sind knapp eine Milliarde Mahlzeiten“, sagte ich. „Ausreichend, um zumindest einen Teil der Bevölkerung in den Ballungsgebieten über den Tag zu bringen.“
Es war sowieso nicht möglich, den gesamten Nordkontinent flächendeckend zu versorgen, aber Menschen, die in Kleinstädten und Dörfern lebten, neigten eher dazu, Lebensmittel, Verbrauchs- und Versorgungsgüter zu bunkern. Ich sah in lauter zweifelnde Mienen. Immerhin schlug ich da etwas vor, das, soweit mir bekannt, bisher noch kein einziges Mal in der Geschichte dieser Galaxis in dieser Form praktiziert worden war.
„Für was, glauben Sie, ist die imperiale Sternenflotte da?“, fragte ich. „Sie werden jetzt sicher sagen, dass wir Piraten oder Schmuggler jagen, vielleicht auch, dass wir aufsässige Welten zur Räson bringen. Trotzdem haben wir enorme Überkapazitäten. Wozu brauchen wir diese vielen Schiffe? Wozu haben sie Lebensmittel, Ersatzteile und vieles andere mehr für Jahre geladen? Warum sollen wir diese nicht an die Bevölkerung eines Planeten ausgeben, der von einer galaktischen Katastrophe heimgesucht wurde?“
Man konnte den Kapitänen der Todesschwadron regelrecht ansehen, wie meine Argumente zu sacken begannen.
„Lady Bathos hier“, ich nickte der alten Dame zu, „wird Ihnen sagen, wo die Lebensmittel am dringendsten benötigt werden.“
„Aber was wird Lord Vader …“
Ich schnitt Captain Lennox das Wort ab.
„Lord Vader ist nicht da. Ich vertrete ihn und leite diese Mission. Sie werden meine Anweisungen und Befehle befolgen, als wären es die seinen.“
„Aber …“
Ich beugte mich vor.
„Der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt hat Ihnen soeben einen Befehl erteilt“, blaffte ich Lennox an. „Führen Sie ihn aus!“

„Wir treten wieder in den Normalraum ein in fünf … vier … drei … zwei … Eintritt erfolgt!“
Der Hyperraumnavigator beendete seine Arbeit durch einige abschließende Eingaben in seine Konsole, während Rudergänger und Normalraumnavigator ihre Arbeit wieder aufnahmen.
Der Wirbel des Hyperraums wich wieder der Schwärze des normalen Weltraumes, die Executor und ihre Begleitschiffe, die Devastator und die Stalker, fielen in der Nähe eines Planeten aus dem Hyperraum.
„Irgendetwas stört unsere Hyperraumkommunikation“, meldete ComScan.
„Gelber Alarm!“, rief Admiral Ozzel.
Das Stören der Kommunikation galt in der gesamten bekannten Galaxis als feindseliger Akt, dazu kam, dass das LW-1753-System zwar kartographiert, aber von niemandem bewohnt oder beansprucht wurde, ja noch nicht einmal richtig erforscht war.
Außerdem war Lord Vader davon überzeugt, dass dieses System der Ausgangspunkt der Katastrophe war, die Achillea getroffen hatte.
Ozzel wandte sich an den dunklen Lord.
„Wonach suchen wir, Sir?“
„Alles Ungewöhnliche“, sagte Vader. „Sie werden es erkennen, sobald Sie es finden.“

Die Kapitäne der Todesschwadron führten letztendlich meine Befehle aus und organisierten den Transport unserer Lebensmittel in die am schlimmsten betroffenen Städte und Regionen Achilleas.
Ich stand zusammen mit Captain Needa an den Sichtluken der Avenger und beobachtete, wie unsere Shuttles, achilleanische Patrouillenschiffe und private Yachten die Hilfsgüter auf die Oberfläche brachten.
Endlich ging es voran.
„Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“, sagte ich und sah stolz auf mein Werk.
Ich hatte teilweise ja schon damit gehadert, aber vielleicht hatte mein Hiersein tatsächlich einen Grund?
Needa wurde von einem jungen Lieutenant angesprochen, der ihm ein PAD reichte.
„Die ersten regulären Lebensmittellieferungen werden in drei Wochen eintreffen“, sagte Needa säuerlich, als er es gelesen hatte.
Drei Wochen! Dann waren unsere Hilfslieferungen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Warum dauerte das so lange? Mussten sie die Lebensmittel erst anbauen? Ernten? Verarbeiten?
Trotzdem und so sehr ich Needa schätzte: der Mann sah zu sehr auf das Problem und zu wenig auf die Lösung.
Ich wandte mich ab.
„Wo gehen Sie hin?“, fragte er.
„Zu den Holo-Transmittern. Mal sehen, wer sonst noch in der Gegend ist und sich einbringen kann.“
Vader hatte mir uneingeschränkte Kommandobefugnisse erteilt und das hieß auch, dass ich Schiffe anfordern und verlegen konnte …

Das LW-1753-Planetensystem wäre schneller durchsucht, wenn sie sich aufgeteilt hätten.
Aber irgendetwas stimmte hier nicht und deshalb wäre es unklug, den Verband dadurch zu schwächen.
Vader beobachtete müßig die Aktivitäten auf der Brücke.
Die Männer arbeiteten zügig und effizient. Trotzdem kamen sie ihm heute nervöser vor als sonst, wenn Kilian sich in seiner Gegenwart aufhielt.
Hatte er sie wirklich so sehr in Angst und Schrecken versetzt?
Kilian war der Meinung, das Respekt und Einsicht besser waren als Furcht. Schlimmer noch: Männer, die immer wieder den Hals reckten um zu sehen, ob er sich immer noch auf der Brücke aufhielt, arbeiteten nicht konzentriert, machten schneller Fehler …
Vader beobachtete, wie Admiral Ozzel und Captain Piett miteinander diskutierten. Wirklich gut verstanden sich die beiden nicht, leider würde er Ozzel nicht so einfach loswerden, denn es war der ausdrückliche Wunsch des Imperators gewesen, dass Ozzel das Kommando über seine damals neu gegründete Einsatzgruppe übernahm. Schließlich schienen sie zu einem Entschluss zu gelangen und Ozzel trat auf ihn zu.
„Lord Vader“, sagte er, „Wir haben um die Sonne eine sonderbare Struktur gefunden und würden diese gerne zuerst untersuchen …“

„Admiral Versio“, sagte ich und musterte das lebensgroße Hologramm des Admirals vor mir.
Versio war ein mittelalter, großer und kräftiger Mann, der erst kürzlich zum Admiral befördert worden war und zur Zeit in einem der angrenzenden Sektoren Dienst tat.
„Adjutant Kilian“, sagte er. „Was kann ich für Sie tun?“
Versio machte den abgeklärt-abgebrühten Eindruck eines Mannes, der glaubte, schon alles gesehen zu haben.
„Wie Sie wissen, hat sich auf Achillea eine galaktische Katastrophe ereignet. Lord Vader spürt der Ursache nach und hat solange mir die Leitung dieses Einsatzes übertragen.“
Versio überdachte meine Worte.
„Was hat das mir zu tun?“, fragte er dann. „Mit Ihnen persönlich hat das nichts zu tun“, sagte ich. „Aber Sie haben einen ISD-II.“
„Ma’am?“
Wie gesagt: Militärs dachten einfach zu eindimensional. Andererseits waren sie für ein eng umrissenes Aufgabengebiet ausgebildet worden und bekamen ihre Credits nicht dafür, darüber hinaus zu denken. Also half ich ihm auf die Sprünge:
„Sie haben ein mit allen Vorräten voll beladenes Schiff. Das schaffen sie jetzt hierher und laden aus, was wir für unsere Hilfs- und Rettungsmission benötigen.“
Versio war vieles, aber ganz gewiss kein gedankenloser Jasager, nahm sich Zeit, mein Anliegen zu prüfen und darüber nachzudenken.
„Das ist ein unübliches, äußerst ungewöhnliches Anliegen“, urteilte er anschließend.
„Ungewöhnliche Ereignisse bedürfen unüblicher Maßnahmen“, erwiderte ich.
Immerhin ersparte er uns unschöne Auseinandersetzungen über die Rangordnung, die Codezylinder, die Vader mir gegeben hatte und die mich als in seinem Namen handelnd auswiesen, waren an Eindeutigkeit ja auch nicht zu überbieten.
Versio nickte.
„Erwarten Sie mich übermorgen Nachmittag über Achillea.“
„Gut“, sagte ich.
„Und bringen Sie Ihre beiden Victorys mit, die können wir ebenfalls gut brauchen.“
Oja, ich hatte meine Hausaufgaben gemacht …

Ein kurzer Sprung durch den Hyperraum brachte die Executor, die Devastator und die Stalker näher an die Sonne heran.
Es handelte sich zwar nur um eine alte rote Sonne, aber Schiffe mit schwächeren Schilden als die eines Sternenzerstörers hätten hier schon Probleme bekommen.
„Wir erhalten immer noch keine genauen Daten“, sagte der Techniker. „Die Interferenzen sind zu stark.“
Ozzel funkelte den Techniker an.
„Erst bekommen Sie keine genauen Daten, weil wir zu weit entfernt sind und dann, weil die Interferenzen zu stark sind. Auf welcher Akademie haben Sie Ihren Abschluss gemacht, Lieutenant?“
„Auf Carida, Sir“, sagte der Techniker, dem der sarkastische Tonfall Ozzels völlig entging.
„Auf ein Wort, Sir“, sagte Piett. Ozzel und Piett entfernten sich ein paar Schritte.
„Sir“, sagte Piett, „Ich habe so etwas wie diese Struktur noch nie gesehen. Wir können doch nicht erwarten, dass ein einfacher Techniker aus rudimentären Daten eine vollständige Analyse ableitet.“
Ozzel starrte Piett an.
Dann wanderte sein Blick in Richtung der vorderen Sichtluken, an denen wie gewohnt der dunkle Lord stand und die Szenerie beobachtete.
„Aber ER wird eine vollständige Analyse erwarten!“
Und Kilian war nicht da …

„Captain Zsinj“, sagte ich. „Es freut mich, Sie so bald wiederzusehen.“
Zsinj sah mich zweifelnd an. Der Grund dafür war leicht ersichtlich: ich kannte Zsinj seit der Sache mit der Death Watch und hielt ihn für zwar für in der Sache kompetent, nichtsdestotrotz trotzdem völlig untragbar. Er war ein rachsüchtiger Choleriker, arrogant, selbstherrlich und ein begnadeter Lügner vor dem Herrn. Wie konnte man so jemanden das Kommando über einen Sternenzerstörer geben?
„Sie freuen sich, mich wiederzusehen?“
„Oja“, sagte ich, „denn Sie haben einen voll beladenen Sternenzerstörer und der Dienst in Shindras Schleier ist bestimmt nicht ansatzweise so interessant, wie das Flottenkommando Ihnen gegenüber behauptet hat, als man Sie versetzt hat, nicht wahr?“
Zsinj deutete eine Geste an, die man als Zustimmung interpretieren konnte.
„Nur ein paar Piraten, die zu dumm waren, sich vor uns zu verstecken. Wo bleibt denn da die Herausforderung? Der Spaß?“
Zsinj hielt inne.
„Was wollen Sie mit meinem Sternenzerstörer?“
„Mit Ihrem Sternenzerstörer will ich gar nichts. Aber Sie haben Lebensmittel an Bord, die wir für unsere Rettungsmission auf Achillea gut gebrauchen können.“
Zsinj zeigte sich wieder einmal von seiner uneinsichtig-renitenten Seite.
„Ich habe den Bericht über Achillea gelesen“, sagte er. „Das reicht sowieso nicht.“
„Sie bewegen jetzt sofort Ihren Arsch hierher“, zischte ich ihn an, „oder Lord Vader erfährt von der Sache zwischen Ihnen und Captain Sloane.“
Zsinj wurde blass.
„Sie wissen davon?“
Ha! Treffer!
„Aber sicher, mein lieber Zsinj“, flötete ich. „Es ist mein Job, solche Sachen zu wissen.“
Ich war inzwischen bestens vernetzt, darüber hinaus funktionierte der Flurfunk auf der Executor ganz hervorragend: Zsinj hatte Sloane belästigt und dem Vernehmen nach hatte sie damit gedroht, Schlagball mit seinen Genitalien zu spielen …

„Was Sie da vortragen“, sagte Vader, „ist im Wesentlichen, dass Sie die Struktur wegen der Interferenzen nicht richtig anmessen können.“
„Ja, Sir“, sagte Piett und starrte unbewegt auf einen Punkt rechts von Vaders Helm.
Vader dachte über die Aussage seines Captains nach.
„Steuern Sie das Schiff näher an die Struktur heran.“
„Äh, Sir“, wandte Ozzel ein, „dann müssen wir uns aber über einen längeren Zeitraum im Sonnenorbit aufhalten. Die Schilde …“
Vader hatte genug.
„Machen Sie es. Die Schilde der Executor halten das aus.“
Das und noch viel mehr. Niemand wusste das besser als Vader, der bei der Entwicklung und Konstruktion des Schiffes mit involviert gewesen war.
„Die Devastator und die Stalker können zurückbleiben“, fügte der dunkle Lord noch an. Auf Dauer wäre die Belastung für deren Schilde dann doch zu hoch …

Ich leitete noch zwei weitere Sternenzerstörer, die in der Gegend stationiert waren, nach Achillea um. Alle anderen Schiffe waren entweder zu weit weg oder unabkömmlich. Warum nur war ich nicht eher auf diese Idee gekommen? Alleine die Lebensmittel an Bord der Executor würden die überlebende Bevölkerung Achilleas über zwei weitere Tage retten …
Dann meldete sich jemand, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Großadmiral Thrawn.
Der Chiss war durch eigene Leistung schnell in den Rängen der Imperialen Sternenflotte aufgestiegen und galt als absoluter Könner auf seinem Gebiet (Taktik und Strategie). Was ihm den Neid und die Kritik weniger begabter Admiräle einbrachte, deren Karriere mehr auf Protektion und Nepotismus beruhte.
Thrawn kokettierte gerne mit seiner Rolle als einziger Nichtmensch im Admiralsrang innerhalb der Sternenflotte, dabei waren Menschen und Chiss biologisch eng verwandt, die blaue Haut und die rot leuchtenden Augen der Chiss konnten darüber nicht wirklich hinwegtäuschen.
Das einzige, was uns wirklich voneinander unterschied, war das im direkten Vergleich auffällige, kühl-rationale Verhalten der Chiss.
„Großadmiral Thrawn“, grüßte ich.
Hoffentlich wollte er sich mit mir nicht schon wieder über Kunst unterhalten …
„Wir haben im Flottenhauptquartier von der Katastrophe gehört, die Achillea ereilt hat. Ebenso habe ich davon Kenntnis erhalten, wie Sie den Zeitraum bis zum Eintreffen der Hilfslieferungen überbrücken wollen. Ich habe mir deshalb die Freiheit genommen, sieben weitere Sternenzerstörer nach Achillea abzukommandieren, damit sie sich daran beteiligen können.“
„Ich danke Ihnen“, sagte ich.
Es war kein Geheimnis, dass Achillea von einer galaktischen Katastrophe heimgesucht worden war.
Wir hatten bisher aber noch keinen Bericht an das Flottenhauptquartier herausgegeben, wie wir das Problem zu lösen suchten.
Sollte ausgerechnet Thrawn einen so dummen Fehler gemacht und mir gerade eben verraten haben, dass er einen Mann innerhalb der Todesschwadron hatte?

 

 

DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Ist die Katze aus dem Haus …“

„Lady Bathos“, sagte ich, „warum schweigt Pelagon?“
„Wie meint Ihr?“, fragte die alte Dame.
Wir saßen in einem der Besprechungsräume der Avenger und machten eine kurze Pause. Eine Pause, die ich dazu nutzen wollte, herauszufinden, warum sich an dieser Front nichts tat.
„In meiner Heimatwelt reißen sich Hilfsorganisationen und Nachbarstaaten geradezu darum, bei Katastrophen mit allem Notwendigen auszuhelfen, sei es Personal, Technik, Kleidung, Lebensmittel oder Geld. Die Hilfsbereitschaft ist hoch, die Leute spenden gerne“, antwortete ich. „Ihr selbst habt angedeutet, dass eine solche Katastrophe hingegen auch als Möglichkeit aufgefasst werden kann, alte Rechnungen zu begleichen oder Lieferbedingungen neu zu verhandeln.“
„Das war mehr als nur eine Andeutung“, sagte Bathos bitter, „Pelagon WILL alte Rechnungen begleichen und Lieferbedingungen neu verhandeln. Aber es gibt keine Regierung mehr, die die Verhandlungen führen oder dem zustimmen kann.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Lady Bathos“, sagte ich. „Ihr seid das Oberhaupt Eurer Familie. Ihr SEID die Regierung von Achillea. Ihr könnt die Verhandlungen führen.“
Bathos schüttelte erneut den Kopf.
„Nein, das kann ich nicht.“
Warum wehrte diese Frau sich so sehr gegen Verhandlungen mit Pelagon?
„Ich verstehe nicht, weshalb Ihr Euch so sehr dagegen sträubt.“
Lady Bathos rang mit sich.
„Früher, zu Zeiten der Alten Republik, war es üblich, dass Pelagon von allem, was im Tapani-Sektor erwirtschaftet wurde, seinen Anteil bekam. Dann kam das Imperium und hat dafür gesorgt, dass alte Sitten nichts mehr galten, Traditionen nicht mehr beachtet wurden. Wir haben Pelagon beim Verkauf des Specia-Holzes übergangen und die erwirtschafteten Gelder in Gänze für uns behalten.“
Lady Bathos machte eine Pause.
„Andere Adelshäuser sind uns in dieser Politik gefolgt.“
Ich begann zu verstehen.
„Pelagon brachen die Einnahmen weg und die Familie geriet in Schwierigkeiten“, vermutete ich. „Und jetzt erwarten sie, dass Ihr Abbitte leistet, bevor sie Euch helfen, nicht wahr?“
Etwas, das der stolzen alten Dame mit Sicherheit schwerfallen würde …

„Sothos“, sagte Mella, beugte sich zu ihm vor und sah ihm in die Augen, „ich kenne dich. Besser als du dich selbst. Du planst doch schon wieder etwas?“
Die Besorgnis war nicht gespielt.
Mella und Sothos waren schon in ihrer Jugendzeit ein Paar gewesen. Der ungeratene Sohn der Cadriaan-Familie und die Tochter bettelarmer Waldarbeiter. Wer jetzt vermutet, dass das Interesse allein monetär motiviert war oder Sothos eine Notlage ausnutzte, lag falsch. Es war Liebe gewesen. Liebe auf den ersten Blick …
Im Studium war Sothos vor allem dadurch aufgefallen, dass er den Exzess lebte und ganz allgemein das Geld seiner Familie verschwendete. Es hatte auch einige Skandale gegeben, die von der Familie nur mühsam hatten vertuscht werden können.
Zur gleichen Zeit hatte Mella ihre erste Million gemacht. Das Imperium kehrte in vielen Systemen das Unterste zuoberst und das Oberste zuunterst. Mella gehörte zu den Profiteuren der Neuen Ordnung und nutzte ihre Chance.
Gleichzeitig war sie eine gehorsame Tochter und heiratete den Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Das Paar bekam zwei Töchter und trennte sich nach zwei Jahrzehnten. Einvernehmlich und in aller Freundschaft.
Anschließend kehrte Mella zu Sothos zurück, der inzwischen vier skandalträchtige Ehen hinter sich hatte.
In der letzten Zeit war Sothos hauptsächlich durch halbgare Geschäftsideen und seiner Beteiligung an verschiedenen Verschwörungen gegen die Pelagon-Familie aufgefallen.
Das alles hatte seine Beliebtheit sowohl bei Pelagon als auch der Verwandtschaft nicht erhöht. Mella war sich völlig darüber im Klaren, dass Sothos nichts auf die Reihe brachte. Es hatte schon seinen Grund, warum sie den Mann geheiratet hatte, den ihre Eltern ihr bestimmt hatten, und nicht Sothos … Jetzt brütete er schon wieder etwas aus, und auch das würde vermutlich schiefgehen.
„Diese Katastrophe, die Achillea getroffen hat“, sagte Sothos, „die könnte ich mir jetzt zunutze machen …“

„Captain Needa“, sagte ich. „Was gibt es Neues?“
Needa unterbrach seine Betrachtungen der Planetenoberfläche Achilleas.
„Meldung“, sagte er. „Es heißt ‚Meldung‘.“
Needa konnte ein echter Kniebohrer sein. Andererseits lernte ich gerade in den letzten Tagen viel von ihm.
„Captain Needa“, wiederholte ich mein Ansinnen. „Meldung.“
„Admiral Thrawn ist mit einer Flotte von sieben Sternenzerstörern hier eingetroffen. Wir haben damit begonnen, die Lebensmittel an Bord der Schiffe umzuladen und auf der Oberfläche Achilleas zu verteilen.“
„Admiral Thrawn selbst ist eingetroffen?“, fragte ich.
Das war höchst ungewöhnlich: ein Großadmiral war nur selten außerhalb des Sternenflotten-Hauptquartiers anzutreffen. Andererseits war Thrawn wohl gerade dabei, ein paar Spielregeln zu ändern. Vielleicht nahm er sich auch ein Beispiel an Vader, der sich grundsätzlich selbst kümmerte, wenn er sichergehen wollte, dass eine Sache auch erledigt wurde.
„Er selbst hat sich nicht gemeldet“, bemerkte Needa, „aber die Schimäre unter Captain Gilad Pellaeon ist dort oben.“
Needa wies auf einen ISD-II-Sternenzerstörer der etwas vor und über der Avenger im Orbit hing. Ich hatte schon Holos der Schimäre gesehen, das Schiff war durch die aufgemalte Kreatur, die ihm seinen Namen gab, leicht zu identifizieren.
„Ich frage mich, was er hier will“, fuhr Needa fort, „Großadmiral Thrawn und Lord Vader mögen sich nicht besonders.“
Das war noch milde ausgedrückt. Vader hatte mir den Umgang mit dem Großadmiral verboten, und das nicht grundlos: Der Chiss las seine Freunde und Feinde und deren Freunde und Feinde über Kunstinterpretationen regelrecht aus und verwendete seine Erkenntnisse auch gerne gegen sie. Und das höchst erfolgreich.
„Das ist wahr“, sagte ich. „Er hat sich freiwillig gemeldet, ich habe ihn nicht angefordert.“
„Was?“, fragte Needa. „Er hat sich freiwillig gemeldet?“
Sollte ich Needa davon erzählen, dass der Großadmiral meiner Meinung nach einen Zuträger innerhalb der Todesschwadron hatte? Konnte ich Needa vertrauen? Musste ich ihm alles erzählen, was ich wusste oder auch nur vermutete?
Needa schien unentschlossen.
„Vielleicht will er das Kommando hier übernehmen?“
Vader war nicht da. Ist die Katze aus dem Haus …

“Captain Pellaeon”, sagte Admiral Thrawn, “kontaktieren Sie die wissenschaftliche Abteilung. Sie sollen herausfinden, wo der Ursprungsort dieser Katastrophe liegt.“
„Ja, Sir“, sagte Pellaeon und gab die entsprechenden Befehle.
Gilad Pellaeon diente seit langen Jahren unter Großadmiral Thrawn und war mit ihm gemeinsam aufgestiegen. In dieser Zeit hatte er den Chiss mehr als nur schätzen gelernt, seine genialen, nicht immer auf den ersten Blick ersichtlichen Manöver.
„Was nützt es uns herauszufinden, von woher die Katastrophe ihren Ursprung nahm?“
„Die Auswirkungen passen weder zu einer Nova noch zu einem Gammablitz“, sagte Thrawn. „Deshalb sollten wir herausfinden, um was genau es sich handelt und wie man sich künftig davor schützen kann.“
„Dann wäre der Einsatz eines Forschungsschiffes sinnvoller“, wandte Pellaeon ein.
„Wir können ein Forschungsschiff schicken, wenn wir eine erste Evaluation durchgeführt haben und wissen, womit wir es zu tun haben“, sagte Thrawn.
„Sir?“, fragte Pellaeon verwundert.
Thrawn schwieg lange und Pellaeon glaubte schon, dass der Großadmiral nicht mehr antworten würde.
„Es gibt Gerüchte“, sagte Thrawn schließlich. „Dass das Imperium im Geheimen an einer Superwaffe baut. So mächtig, dass eine ganze Flotte Sternenzerstörer dagegen nichts ausrichten kann.“
„Davon höre ich jetzt das erste Mal.“
„Es ist ein Gerücht, das in den oberen Rängen der Sternenflotte kursiert“, sagte Thrawn. „Nicht einmal Lord Vader scheint vollumfänglich darüber informiert zu sein.“
„Sie glauben, dass diese Katastrophe mit diesen Projekt zu tun hat?“
Wieder schwieg Thrawn lange.
„Mir liegen Informationen vor, dass der Oberkommandierende ebenfalls den Ursprungsort der Katastrophe sucht“, fuhr der Großadmiral fort. „Ja, ich glaube, dass diese Katastrophe mit diesem Geheimprojekt in Verbindung stehen könnte. Ein Unfall, ein Unglück, ein verpatzter Test – all das ist denkbar. Das könnte auch mit ein Grund sein, warum wir jetzt mit unseren Vorräten aushelfen.“
„Seit wann interessiert ein Mann wie Lord Vader sich für notleidende Bevölkerungen?“, fragte Pellaeon.
„Er zeigt manchmal ein sehr altertümliches Ehrgefühl“, entgegnete Thrawn. „Abgesehen davon hat er seiner Adjutantin die Leitung dieses Einsatzes übergeben. Es ist gut möglich, dass er gar nicht weiß, was sie hier tut.“

„Was ist das?“, fragte Captain Piett, als er, Lord Vader, Admiral Ozzel und weitere Führungsoffiziere auf das Hologramm der Sonne und die sie umgebende Struktur starrten.
Die Executor hatte den Stern zwei Tage lang umrundet, so dass sie inzwischen eine genauere Vorstellung von der Verteilung der Satelliten und ihres Aussehens hatten: Riesige Spiegel, einen Klick lang und einen Klick breit, die aus kaum mehr als einer in einen Rahmen gespannten dünnen Metallfolie bestanden und die die Sonne in der immensen Stückzahl von mehreren Billiarden umkreisten.
„Ein Dyson-Schwarm“, sagte Vader schließlich. „Die Paneele sammeln die Energie des Sterns und werfen sie auf eine zentrale Sammelstation.“
„So etwas ist unmöglich“, sagte Admiral Ozzel.
„Das ist nicht unmöglich“, erwiderte Piett, „wir sehen es doch hier vor uns.“
„Für eine Struktur dieses Ausmaßes benötigt es Trillionen Tonnen an Material, die Energie zum Abbau, zur Verarbeitung und zum Zusammenbau. Es braucht eine Infrastruktur im All für den Zusammenbau und den Erhalt“, widersprach Ozzel. „Davon sehen wir hier aber nichts.“
Piett schüttelte den Kopf.
„Man könnte das Material aus einem sonnennahen Planeten gewinnen“, sagte er. „Sonnenkollektoren liefern die Energie, um den Planeten abzubauen, diese treibt die Droiden und Maschinen an, die den Planeten abbauen, die Metalle extrahieren und die Spiegel herstellen. Mithilfe eines Weltraumaufzugs hievt man die Spiegel ins All. Dort verteilen sie sich um die Sonne und entfalten sich. Dazu benötigt man nicht einmal eine besonders hochentwickelte Technologie.“
Vader merkte bei den Worten des Captains auf.
„Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?“
Piett zögerte. Es war nie gut, die Aufmerksamkeit des dunklen Lords auf sich zu ziehen. Leider war es dafür jetzt zu spät.
„Nun, Sir, ich habe in meiner Jugend hin und wieder obskure historische Dokumente studiert. Ich fand den Aspekt faszinierend, damit praktisch unlimitierte Energie für ein ganzes Sternensystem bereitstellen zu können.“
Vader beschloss, Piett in Zukunft genauer im Auge zu behalten. Er kannte diese historischen Dokumente ebenfalls, Kilian hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Noch jemand, der obskure historische Dokumente faszinierend fand und sie deshalb studierte.
„Unlimitierte Energie für ein Sternensystem“, sagte Vader. „Oder für die Vernichtung eines Sternensystems.“
Die anwesenden Militärs überdachten die Worte ihres Oberkommandierenden. Piett runzelte die Stirn.
„Die zentrale Sammelstation existiert noch und ist funktionsfähig. Jemand hat sie so manipuliert, dass – ob Absicht oder nicht – ein Energiestrahl abgefeuert wurde und Achillea getroffen hat.“
„Suchen Sie die zentrale Sammelstation“, sagte Vader.
Vielleicht fanden sich dort Hinweise, wer dafür verantwortlich zeichnete …

Ihr reist nach Pelagon?“, fragte Andrasch. „Warum? Pelagon wird uns nicht helfen.“
„Das wissen wir nicht“, entgegnete Lady Bathos.
„Der Hohe Lord war immer noch nicht gut auf uns zu sprechen, als ich das letzte Mal dort war. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte mich aus dem Thronsaal entfernen lassen.“
„Das könnte vielleicht an unserem Verwandten Sothos liegen“, vermutete Lady Bathos. „Sein Privatleben war bisher ein einziger Skandal, seine Geschäfte enden meist vor dem Konkursverwalter und er ist sich nicht zu schade, bei jeder dummen Verschwörung gegen Pelagon mitzumachen.“
Andrasch sah seine Tante verblüfft an. „Man merkt, dass Ihr Euch bisher nicht weiter mit unseren Häusern und ihren komplizierten Beziehungen zueinander beschäftigt habt“, sagte Bathos.
„Nun, ich war bisher ein nachrangiger Verwandter. Einer von denen, die faktisch das Leben eines gewöhnlichen Bürgers führen und nur zu speziellen familieninternen Feiern und Zeremonien eingeladen werden“, bemerkte Andrasch. „Ich war mit meinem Leben und dem Dienst in den Anti-Piraten-Streitkräften bisher sehr zufrieden.“
„Ihr müsst noch viel lernen.“
Lady Bathos war sich bewusst, dass Andrasch nicht die erste Wahl für die Nachfolge war. Aber sonst war niemand mehr da. Außer Onkel Sothos natürlich. Dieser Mann würde das Haus Cadriaan innerhalb von zwei, vielleicht auch drei Jahrzehnten vollständig ruinieren. Andrasch hingegen war sich bewusst, dass er eine große Verantwortung trug und nicht für diese Aufgabe ausgebildet worden war. Allein schon deshalb war er die bessere Wahl …

„Aber Sie können nicht einfach abreisen und die Leitung dieser Mission irgendjemand anderen übergeben!“, protestierte Needa, „Lord Vader hat ausdrücklich Ihnen das Kommando übergeben und …“
„Captain Needa“, fiel ich ihm ins Wort, „ich übergebe das Kommando nicht irgendjemanden, ich übergeben Ihnen das Kommando. Diese Mission ist somit in den allerbesten Händen.“
„Aber Lord Vader …“
„Lord Vader ist nicht da und nicht einmal er kann alle Eventualitäten voraussagen.“
„Aber …“
„Wir haben getan, was wir konnten, um die Not auf Achillea zu lindern, aber das reicht nicht“, sagte ich. „Deshalb, und nur deshalb reise ich mit Lady Bathos nach Pelagon.“
„Aber warum nehmen Sie dann nicht die Yacht von Lady Bathos jungen Verwandten?“, fragte Needa.
Erwischt.
Die Antwort war einfach: ein Sternenzerstörer stellt ein wesentlich höheres Drohpotenzial dar als eine kleine, wenn auch noble Yacht. Nur für den Fall, dass Pelagon keine Hilfsgüter bereitstellen wollte und Ausflüchte fand. Der Zweck heiligte die Mittel und ich war entschlossen, mich hier durchzusetzen. Immerhin ging es hier um das Überleben von zwei Milliarden Menschen …
War ich wirklich so schnell bereit, meine Vorstellungen von Rechtstaatlichkeit über Bord zu werfen? Was ich da vorhatte, das Bedrohen und Einschüchtern einer widerständigen Bevölkerung bzw. einer Regierung, unterschied sich in nichts von der bewährten imperialen Vorgehensweise zur Erzwingung von Wohlverhalten.
Andererseits: zwei Milliarden Argumente sprachen für diese Vorgehensweise. Wenn es aber nur zwanzig Millionen notleidende Menschen gewesen wären? Oder nur zweihunderttausend? Heiligte der Zweck wirklich jedes Mittel?

„Es tut mir leid“, sagte der junge Lieutenant, der an der Hyperraumfunkkonsole saß. „Wir bekommen keine Verbindung mit Lord Vaders Schiffen.“
Ich hatte Vader eine Nachricht nach LW-1753 schicken wollen, dass ich mit Lady Bathos nach Pelagon Reisen und deshalb und vorübergehend Captain Needa das Kommando über diesen Einsatz übergeben hatte.
Needa und ich sahen uns unbehaglich an. LW-1753 war der Ausgangspunkt der galaktischen Katastrophe gewesen, die Achillea getroffen hatte. Würde für jemanden, der über solche Energie verfügte, ein Verband von drei Sternenzerstörern überhaupt ein Problem darstellen?

 

DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„… tanzen die Mäuse auf dem Tisch!“

„Versuchen Sie weiterhin, Kontakt mit Lord Vader aufzunehmen“, sagte ich zu Captain Needa. „Berichten Sie ihm, dass ich mit Lady Bathos nach Pelagon gereist bin, um weitere Hilfslieferungen zu erwirken.“
„Ja, Ma’am“, sagte Needa.
„Und vergessen Sie nicht zu erwähnen, dass Admiral Thrawn inzwischen ebenfalls unterwegs ist nach LW-1753.“
„Gewiss nicht.“
Dabei war es ja schon ein wenig Besorgnis erregend, dass wir keine Verbindung zur Executor bekamen. Das Schiff war ausgerüstet mit der besten Hyperraumfunktechnik, die für Credits zu bekommen war und trotzdem erreichten wir niemanden, obwohl LW-1753, gemessen in galaktischen Maßstäben, nicht einmal besonders weit entfernt war. Konnte das, was für die Katastrophe auf Achillea verantwortlich zeichnete, auch Vaders Schiffen gefährlich werden? Und was war mit Großadmiral Thrawn? Welche Pläne trieben ihn? Konnte Thrawn Vader unterstützen? Würde er es? Oder würde er die Situation für sich ausnutzen? Es war kein Geheimnis, dass viele Großadmirale nicht nur ihre eigene Agenda verfolgten, sondern oft genug einander spinnefeind waren und dass schloss Vader als Oberkommandierenden mit ein.
Ich musste damit aufhören, mir zu viele Gedanken zu machen …

„Lassen Sie stillen roten Alarm geben“, sagte Vader an Admiral Ozzel gewandt.
„Aber Sir …“, setzte dieser an.
„Hier draußen ist etwas, und das ist uns nicht wohlgesonnen“, sagte der dunkle Lord und er begann ungeduldig zu klingen.
Konnte der Admiral nicht einmal etwas ohne Einwände tun, was er von ihm verlangte? Einwände, die meist ebenso ungeschickt wie töricht waren? Auch wenn der Imperator Vader Ozzel geradezu aufgenötigt hatte: der dunkle Lord sah den Tag kommen, an dem er Ozzel auf die eine oder andere Weise aus dem Dienst entfernen musste, dazu brauchte er nicht einmal die Macht bemühen …

„Lady Bathos“, sagte ich, „ich habe gute Neuigkeiten!“
Die alte Dame sah von ihrem PAD auf.
„Ja?“
„Wir konnten in drei Städten endlich Notenergie für die öffentliche Infrastruktur bereitstellen, was die Arbeiten zur Verteilung der Hilfslieferungen erheblich vereinfacht“, berichtete ich. „Die Wasserversorgung funktioniert in diesen Städten teilweise wieder und die Krankenhäuser konnten eine, wenn auch eingeschränkte, Versorgung der Bevölkerung wieder aufnehmen.“
Lady Bathos wirkte erleichtert.
„Das ist eine Überraschung, wenn auch eine erfreuliche.“
„In fünf weiteren Städten haben wir Notkrankenhäuser installiert“, fuhr ich fort.
Eigentlich waren das Feldlazarette, die ich vorübergehend nach Achillea hatte verlegen lassen, aber sie konnten zumindest Menschen versorgen, die bei Unfällen Verletzungen erlitten hatten.
„Wir werden Pelagon in fünf Stunden erreicht haben. Ihr solltet solange noch etwas ruhen.“
Das sollte auch ich. Die letzten Tage waren sehr fordernd gewesen …

„Sothos“, sagte Mella, „ich weiß nicht. Willst du das wirklich tun?“
„Aber sicher“, strahlte er, „Lady Bathos ist eine alte Frau, es wird nicht allzu schwierig sein, sie aus dem Amt zu entfernen. Dann kann ich endlich meinen rechtmäßigen Platz einnehmen.“
Mella war mehr als nur skeptisch. Sie kannte ihren Sothos nur zu gut. Achillea unter seiner Herrschaft? Das konnte nur im Chaos enden … Bekümmerte es Sothos überhaupt nicht, dass er außer seiner Tante jetzt vermutlich keine weiteren engen Verwandten mehr haben würde? Die Cadriaan-Familie residierte für gewöhnlich in und um Cadriell, aber wenn man den Gerüchten Glauben schenkte, dann war die Stadt vollkommen zerstört worden.
„Es sollen sich ein paar Sternenzerstörer im Orbit aufhalten“, fuhr Mella fort, „Glaubst du, dass das Imperium einen Machtwechsel akzeptieren würde?“
„Warum sollten sie das nicht?“
Sothos schien sich das alles wieder einmal viel zu einfach vorzustellen. Sollte es stimmen und Cadriell war wirklich vollkommen zerstört worden, mit wem wollte Sothos eigentlich regieren? Wie die Kontrolle über den Planeten erlangen? Würden die Imperialen das überhaupt zulassen oder der Einfachheit halber selbst die Macht ergreifen?

„Lady Bathos“, sagte der Hohe Lord von Pelagon. „Wir haben uns bereits Sorgen um Euer Wohlergehen gemacht.“
Die alte Dame neigte das Haupt und man merkte ihr nicht an, wie schwer ihr dieser Bittgang fiel.
„Lord Pelagon“, entgegnete sie, „Achillea wurde von einer galaktischen Katastrophe getroffen. Wir ersuchen Euch um Hilfe und Unterstützung.“
Der Hohe Lord hob eine Augenbraue. Das war das einzige Zeichen von Genugtuung, das er sich erlaubte.
„Wir haben gehört, dass Ihr – ausgerechnet Ihr – neue Freunde auf Seiten des Imperiums gefunden habt.“
Es war im Tapani-Sektor kein Geheimnis, dass die Cadriaan-Familie keine begeisterten Unterstützer des Imperiums waren, ganz im Gegenteil hatten sie sich gegen eine engere Verbindung ausgesprochen, wie sie der Hohe Lord nach dem Ende der Alten Republik beschlossen hatte. Ironischer Weise war es dann aber die Cadriaan-Familie gewesen, die am meisten vom Imperium profitiert, Gelegenheiten genutzt hatte.
„Sie waren da und haben uns ihre Hilfe zukommen lassen. Sollte ich sie abweisen, nachdem alle Schiffe mit Lebensmittellieferungen sofort wieder abdrehten und in den Hyperraum gesprungen sind, sobald sie unserer Situation gewahr wurden?“
Die ersten Frachter, die abdrehten, fürchteten vermutlich nur um ihre Credits, aber inzwischen war Lady Bathos davon überzeugt, dass Lord Pelagon dafür gesorgt hatte, dass keine Hilfen aus dem Tapani-Sektor auf Achillea mehr eintrafen.
„Pelagon wird Achillea unterstützen“, sagte der Hohe Lord und heuchelte Wohlwollen. Selbstverständlich würde er das tun, jetzt, nachdem Lady Bathos sich vor ihm erniedrigt hatte. Natürlich nur unter gewissen Bedingungen …

„Pelagon erhält künftig vierzig Prozent vom Gewinn, soweit es den Handel mit Spacia-Holz anbelangt“, bestimmte der Hohe Lord. „Außerdem eine Strafzahlung in Höhe von Achilleas durchschnittlichen planetaren Bruttoinlandsprodukt der letzten zehn Jahre. Darüber hinaus stellt Achillea künftig jedes Jahr hunderttausend junge, gesunde Männer, geeignet für Industriearbeiten und Militärdienst.“
Lady Bathos wurde blass angesichts dieser Forderungen Pelagons, schwieg aber dazu.
Ich hatte mich auf dem Weg hierher mit Achilleas Wirtschaftskraft befasst und fand, dass der Hohe Lord zu weit ging.
„Lord Pelagon“, sagte ich, „das ist zu viel. Es waren genau diese Abhängigkeiten und Verpflichtungen, die zu Zeiten der Alten Republik weite Teile der Galaxis in Armut hielten.“
„Achillea ist seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen und …“
„Das Imperium hat diese Verpflichtungen abgeschafft“, fiel ich ihm ins Wort. „Bereits vor zwanzig Jahren, kurz nach seiner Gründung.“
„Achillea hat die übrigen Adeligen dazu angestiftet, seinem Beispiel zu folgen. Ich habe das Recht auf Kompensation!“
„Und ich habe einen ISD-II-Sternenzerstörer im Orbit Pelagons in Bereitschaft. Captain Alima ist übrigens schon außerordentlich scharf darauf, seine neuen Geschütze einmal außerhalb eines Testgeländes auszuprobieren …“

„Ich danke Euch für Eure Hilfe“, sagte Lady Bathos nach ihrer Rückkehr von Pelagon.
„Ich habe kaum etwas getan“, winkte ich ab.
„Ich bin davon überzeugt, dass alleine Eure Drohung Pelagon dazu veranlasst hat, großzügiger mit seinen Hilfszusagen und zurückhaltender in seinen Forderungen zu sein“, erwiderte sie.
Das mochte wohl sein. Aber glücklich war ich damit nicht, es entsprach nicht meiner Natur, durch Drohungen Wohlverhalten zu erzwingen. Aber warum musste dieser Lord Pelagon auch so uneinsichtig sein? Außerdem hatte ich Captain Alima Unrecht getan, indem ich behauptet hatte, dass er seine neuen Geschütze unbedingt außerhalb eines Testgeländes ausprobieren wollte …
„Ich will so schnell als möglich eine neue Regierung bilden“, sagte Lady Bathos.
Ich nickte verständnisvoll.
„Ich werde damit beginnen, sobald wir wieder auf Achillea eintreffen“, fuhr Bathos fort. „Mein junger Verwandter soll mich dabei unterstützen.“
„Andrasch?“, fragte ich. „Ihr plant, ihn als Euren Nachfolger aufzubauen?“
Die alte Dame nickte.
„Er hat noch viel zu lernen. Aber er ist eine gute Wahl.“
Vor allem aber war er im Augenblick die einzige Wahl …

Lieutenant Venka sah hilfesuchend zu Captain Piett. Der junge Mann bekam an Bord der Executor die Möglichkeit, von den Besten zu lernen, aber trotzdem beneidete Piett ihn nicht.
Lord Vaders Bemerkung war vage genug, um den unerfahrenen Offizier zu verunsichern und in Nöte zu stürzen. Der Oberkommandierende war, nun, speziell und Admiral Ozzel verkomplizierte die Situation.
„Fahren Sie mit der Suche nach der zentralen Sammelstation fort und geben sie den Befehl, gleichzeitig nach allem Ausschau zu halten, dass uns nicht wohlgesonnen sein könnte!“
Nicht wohlgesonnen sein. Das konnte alles Mögliche bedeuten, vielleicht sogar Weltraumschlangen …

„Ich kann auf Eure Unterstützung zählen?“, fragte Sothos.
Sein Gesprächspartner, ein hochrangiger achilleanischer Verwaltungsbeamter, machte eine bestätigende Geste.
„Ich und viele andere sind schon seit längerem der Meinung, dass wir einen jüngeren, den neuen Zeiten gegenüber aufgeschlosseneren Regierungschef benötigen“, sagte er. „Lady Bathos ist ein Relikt. Manchmal frage ich mich, ob sie noch alle ihre Sinne beieinander hat.“
Sothos merkte auf.
„Wie meint Ihr das?“
„Wisst Ihr es denn nicht?“, fragte der Beamte.
Sothos lebte nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten auf Pelagon, seine Kontakte nach Achillea als auch zur Familie waren ihm in dieser Zeit mehr oder weniger abhandengekommen.
„Was denn?“
„Cadriell wurde vollständig vernichtet. Zuerst dachten wir, dass außer Euch und Lady Bathos niemand von Eurer Familie überlebt hat“, sagte er. „Aber dann ging auf einmal das Gerücht, dass ein weiterer Verwandter überlebt hat. Ein nachrangiger Verwandter zwar, aber ein Verwandter. Ein ehemaliges Mitglied unserer Anti-Piraten-Streitkräfte. Sein Name ist übrigens Andrasch Cadriaan. Ist er Euch bekannt?“
Sothos schüttelte den Kopf. Er hatte den Namen nie gehört.
„Was ist mit ihm?“
„Es heißt, dass Lady Bathos ihn zu ihrem Nachfolger bestimmt hat“, sagte der Beamte.
Sothos reagierte verärgert. Was fiel seiner Tante eigentlich ein, diesen Mann zu ihrem Nachfolger zu bestimmen?

„Ich verstehe nicht, warum Ihr Andrasch und nicht Sothos zu Eurem Nachfolger bestimmt habt“, sagte ich. „Sothos verfügt über mehr Lebenserfahrung, hat lange Zeit am Hof des Hohen Lords auf Pelagon verbracht. Andrasch hingegen ist nicht nur wesentlich jünger, sondern er verfügt auch über keinerlei Erfahrung im Regierungsgeschäft, mit der Verwaltung und der Bewirtschaftung einer ganzen Welt.“
Bathos schien sich unschlüssig. Schließlich rang sie sich zu einer Antwort durch.
„Das ist richtig“, sagte die alte Dame. „Aber Sothos hat bereits von Jugend an bewiesen, dass er für ein Regierungsamt nicht geeignet ist. Er war ungehorsam gegenüber seiner Familie, hat seinem Studium kein Interesse entgegengebracht und sich mit ungeeigneten Freunden oder gar Subjekten zweifelhaften Charakters umgeben. Sothos hat vier gescheiterte Ehen und noch sehr viel mehr gescheiterte Unternehmen hinter sich, einschließlich jeden dummen Putsches, der gegen den Hohen Lord von Pelagon versucht worden ist.“
Lady Bathos zeichnete hier das Bild eines Komplettversagers.
„Für was hat er sich denn interessiert?“, fragte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend.
„Schauspiel“, sagte Lady Bathos und konnte ihre Verachtung nicht ganz aus ihrer Stimme fernhalten. „Musik und Literatur. Das sind doch keine Beschäftigungen für einen Lord von Achillea!“
Ich fing an, Sothos ein wenig zu bemitleiden: er war eindeutig in das verkehrte Milieu hineingeborgen worden.
„Und Mella“, sagte Bathos nach einer kurzen Denkpause. „Er ist dieser Frau regelrecht hörig!“
„Er hört also auf ihre schlechten Ratschläge und lässt sich von ihr ausnehmen?“, spekulierte ich.
Lady Bathos zögerte.
„Nun, ich weiß nicht“, sagte sie und wirkte mit einem Mal verunsichert. „Mella verfügt selbst über ein großes Vermögen, sie scheint eine erfolgreiche Unternehmerin geworden zu sein.“
„Wisst Ihr, wie sich das gerade anhört?“, sagte ich. „Sothos wäre der perfekte Diplomat. Die Rolle seines Lebens …“

„Ich hätte ja nicht gedacht, dass uns ausgerechnet das Imperium hilft“, sagte einer der Beamten, die sich in Lanriess versammelt hatten. Jetzt, wo zumindest wieder ein wenig Elektrizität zur Verfügung stand, war dieses Treffen erst möglich geworden. Die Männer, die sich hier trafen, waren alle der Meinung, dass Achillea eine andere Form der Regierung benötigte, die Adelsherrschaft hatte sich ihrer Ansicht nach schon lange überlebt. Dass durch die plötzlich über sie hereingebrochene galaktische Katastrophe fast die komplette Regierung des Planeten ausgelöscht worden war, kam ihren Plänen entgegen.
„Ich glaube, das hätte niemand gedacht“, sagte ein anderer. „Und während das letzte Mitglied der alten Regierung von der Imperialen Sternenflotte nach Pelagon begleitet wird, haben wir hier freie Hand …“
Die versammelten Männer äußerten Zustimmung und auch unterdrückte Heiterkeit machte sich breit.
„Ich glaube, ich könnte Sothos überzeugen, einen Umsturz gegen Lady Bathos anzuführen“, warf der Beamte ein, der mit ihm gesprochen hatte. „Behalten wir ihn eigentlich als Gallionsfigur oder soll er danach einen bedauerlichen Unfall erleiden?“

Ich stand mit Lady Bathos an den Sichtluken der Conquest, als wir wieder über Achillea aus dem Hyperraum fielen. Verblüfft beobachteten wir, dass sich inzwischen viele kleine Frachter und Transporter im Orbit des Planeten tummelten, außerdem empfingen wir ein ganzes Bündel Prioritätsmeldungen, die Kommunikationsoffiziere hatten Mühe, die einzelnen Botschaften zu gewichten und weiterzuleiten. Was zum Geier war hier in den letzten Tagen geschehen?
„Geben Sie mir Captain Needa“, sagte ich.

Captain Piett und Lieutenant Venka sahen dem Sensortechniker über die Schulter.
„Da ist etwas“, sagte Venka.
Der Sensortechniker warf dem Lieutenant einen kurzen säuerlichen Blick zu. Natürlich war da etwas, warum sonst sollte er die Meinung eines höheren Offiziers einholen wollen?
Piett nickte. Das sollten sie sich ansehen. Jetzt galt es nur noch Admiral Ozzels Starrsinn zu überwinden …
„Wir sind Dutzenden von Hinweisen gefolgt“, sagte Ozzel, als Piett und Venka schließlich vor ihm standen, „Es könnte sonst was sein. Eine Interferenz, eine Sonneneruption, eine Fehlfunktion der Sensoren …“
Piett kniff die Lippen zusammen. Lord Vader würde vermutlich bald die Geduld mit dem Admiral verlieren.
„Sie haben etwas entdeckt?“
Wenn man sich auf eines verlassen konnte dann darauf, dass Vader zielgenau da auftauchte, wo es Probleme gab.
„Ja, Sir“, beeilte Piett sich zu sagen, um dem Admiral zuvorzukommen. „Der beste Hinweis, den wir bisher haben.“
Vader warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm.
„Das ist es“, sagte er. „Setzen Sie Kurs auf die Anomalie.“