Die Mahnung
Star Trek-Story von Uwe Lammers
Der Planet Genesis war der einzige Trabant einer kleinen weißen Sonne am Rand des 14. Raumquadranten. Eigentlich lag diese Welt außerhalb des Kurses des Föderations-Raumschiffes U.S.S. ENTERPRISE. Aber eine Sequenz von unentzifferbaren Symbolen hatte das Sternenschiff hierher gerufen. Die Signale waren zweifellos künstlichen Ursprungs, und damit tangierte diese Entdeckung die Aufgabe der Schiffsbesatzung.
Genesis war bereits vor etwa hundert Jahren Standardzeit entdeckt worden und alsbald durch ein Forschungskommando für nicht besiedelungsfähig erklärt worden. Die Gründe erschlossen sich nach einer ersten Sichtung der Daten über den Planeten sehr rasch: Bei Genesis handelte es sich heutzutage um eine rauhe, öde Welt, deren Bewohner vor Urzeiten in einem Atomkrieg ihr Ende gefunden hatten. Trotzdem gab es immer noch Leben dort, wenn auch auf einer völlig vegetativen Stufe. Es existierte sogar seit einigen Jahren einen kleinen Forschungsposten der Flotte dort, doch zurzeit sollte er unbemannt sein. Soweit ging es aus den schnell eruierten Informationen über diese Welt hervor, die abgerufen worden waren, sobald die Signalquelle ermittelt werden konnte
Captain James T. Kirk hatte nun Doktor McCoy, den Wissenschaftsoffizier Spock und den Ersten Ingenieur Montgomery Scott zu einer Besprechung zusammengerufen, um das weitere Vorgehen abzusprechen. Während die ENTERPRISE sich mit Geschwindigkeit Warp Eins Genesis näherte, wollte er von Spock wissen, was die Auswertung der rätselhaften Signale ergeben hatte.
„Captain, ich fürchte, dass diese Sequenz keine hinreichende Datenbasis darstellt, um die Intention und den Absender des Funkspruches zu ermitteln. Immerhin ist Genesis achtzig Parsec entfernt, und die ständigen Strahlenschauer im 14. Quadranten machten eine vollständige Übermittlung der Nachricht unmöglich. Aber ich kann soviel sagen, dass die Signale unzweideutig moduliert sind und einwandfrei von einem starken, gerichteten Sender ausgestrahlt worden sind, der inzwischen verstummt ist. Aber da ist etwas, was mich verwirrt …“
„Sprechen Sie, Spock!“, forderte Kirk ihn auf.
„Die Signale besitzen nur eine sehr geringe Streuwirkung. Wer immer dort also sendet, zielt ganz klar direkt in den Föderationsraum. Damit steht fest, dass dieses Wesen, über dessen Natur ich noch nichts sagen kann, genau weiß, dass hier etwas ist, das seinen Ruf oder was immer es ist, auffangen kann. Es wäre natürlich auch möglich, dass wir uns zufällig im Strahlenkegel der Sendung befinden.“
Seine Miene ließ allerdings keinen Zweifel daran aufkommen, dass er diese Möglichkeit nicht für allzu realistisch hielt.
„Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines solchen Zufalls?“, fragte McCoy sicherheitshalber nach.
Der Vulkanier antwortete sofort präzise: „Sie beträgt lediglich 0,08. Ich erwähnte diese Möglichkeit mit Absicht nur der Vollständigkeit halber. Ich denke, angesichts der vorliegenden Fakten können wir diesen Faktor ausschließen. Der Computer geht mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,92 davon aus, dass diese Technologie den Richtungskegel mit voller Absicht in unsere Richtung projiziert hat. Wir müssen also von klarer Intention ausgehen.“
„Aber es gibt auf Genesis keine Zivilisation mehr“, wandte Kirk nachdenklich ein. „So etwas wäre den gelegentlich in der Forschungsstation weilenden Wissenschaftlern in den letzten hundert Jahren sicherlich nicht entgangen.“
Spock nickte. Da er über keine weiteren relevanten Daten verfügte, sah er keinen Grund für eine verbale Äußerung. Die Fakten lagen klar auf dem Tisch.
Das Schweigen senkte sich eine Weile über die vier Männer, bis schließlich Scotty das Wort ergriff: „Soll die Geschwindigkeit beibehalten werden, Captain?“
„Ich sehe keine Veranlassung, schneller zu fliegen, Scotty. Sollte aber ein dringender Grund von Mr. Spocks Seite vorliegen …“
Der Vulkanier schüttelte leicht den Kopf. „Nein, Captain. Diese Zivilisation läuft uns nicht weg. Wir werden zweifellos nähere Daten im Orbit um Genesis ermitteln können, die uns voranbringen.“
Damit endete die Besprechung, und der Flug wurde mit konstanter Geschwindigkeit fortgesetzt. Die weitere Analyse der Signale ergab keine relevanten Anhaltspunkte, nicht einmal, ob es sich um einen Notruf oder eine Art von Kommunikationsaufnahme handelte. Spock konnte lediglich seinem Bericht die Feststellung anfügen, dass es sich augenscheinlich um keine menschlichen Kommunikationssignale handelte.
Näheres würden sie wirklich erst im Orbit um Genesis herausfinden können.
*
Genesis war nach den wissenschaftlichen Berichten, die sich in den Datenbanken fanden, einmal ein durchaus bewohnbarer Planet der M-Klasse gewesen. Nun glühte seine einst wohl grüne Oberfläche unheimlich gelblichrot, als stünde sie in Flammen. Das war auf die weit ausgedehnten Staubwüsten zurückzuführen, die weite Teile der Oberfläche bedeckten. Offene Gewässer existierten schon lange nicht mehr, aber den Daten zufolge gab es noch dicht unter der Oberfläche unterirdische Wasserläufe und fossile Aquifere, sodass sich eine gewisse Vegetation trotz der allgemein unwirtlichen Bedingungen immer noch hielt. Deshalb verfügte Genesis auch über eine durchaus atembare Atmosphäre, selbst wenn sich ein längerer Aufenthalt auf der Oberfläche nicht empfahl. Die Staubstürme emittierten immer noch radioaktive Strahlungspartikel, die alles höhere Leben ausgelöscht hatten.
Die kleine Forschungsstation der Föderation hatte man deshalb auch in ein Felsmassiv eingebettet, und sie lag komplett unterirdisch. Nach Spocks Informationen war die Station vor über einem Jahr verlassen und versiegelt worden. Alles Weitere würden sie den Stationslogbüchern entnehmen können, die hoffentlich ein wenig Licht in die rätselhaften, verstummten Signale brachten.
Die ENTERPRISE war in einen Orbit geschwenkt und scannte während der Umkreisung die Planetenoberfläche nach energetischen Signaturen, eventuell havarierten Raumschiffen und höheren Lebensformen. Bislang gab es dazu aber noch keine positiven Ergebnisse. Chefingenieur Montgomery Scott machte den Transporter fertig zum Beamen, sobald sie in Sichtweite des Förderationsstützpunktes gelangten. Neben Spock, Kirk und McCoy kamen noch der drahtige Sicherheitsoffizier Witney und die Wissenschaftlerin Dr. Carmen Ramirez mit hinunter. Die zierliche Technikwissenschaftlerin mit peruanischen Wurzeln war auf Sternbasis 11 zu ihnen gestoßen. Diese fünf Personen wurden im Beamstrahl aufgelöst, um in Nullzeit unter der Oberfläche des Planeten Genesis wieder Gestalt anzunehmen.
Sie materialisierten direkt im Stützpunkt der Föderation. Er war, wie in den Datensätzen korrekt angegeben, komplett unterirdisch angelegt und bot normalerweise zwanzig Wissenschaftlern Unterkunft. Als sie voll verstofflicht hatten, stellte Kirk sofort fest, dass die Stationsluft ohne Probleme atembar war, wenn sie auch etwas abgestanden roch. Im zentralen Empfangsraum, in dem sie erschienen waren, schimmerte die Notbeleuchtung. Und sie war augenscheinlich nicht eben erst angesprungen, sondern stetig gewesen. Auch herrschte eine Raumtemperatur, die anzeigte, dass die Heizung ebenfalls noch aktiviert sein musste.
Er runzelte die Stirn. Eigentlich hätte der Reaktor im Ruhemodus sein sollen.
Kirk zog das Sprechgerät und aktivierte es. Lieutenant Uhura von der Brücke meldete sich sofort. „Captain? Was ist?“
„Hier unten stimmt etwas nicht, die Station ist erkennbar nicht inaktiv. Die Gründe sind noch unklar. Wir sehen uns zuerst im Stützpunkt um und sichern die Daten des Stationslogbuchs, um mehr herauszufinden. Sollten wir etwas finden, rufen wir sofort zurück. Sollten wir uns in spätestens einer Stunde nicht gemeldet haben, geben Sie die von Spock aufgezeichneten Daten weiter an das Sternenflotten-Kommando.“
Damit hatte er sichere Anweisungen für einen möglichen Krisenfall gegeben. Zwar deutete noch nichts explizit darauf hin, aber Kirk war nicht mehr ganz so draufgängerisch wie vor Jahren, als er sein Kommando auf der ENTERPRISE angetreten hatte. In diesem Fall hielt er es für angebracht, auf Nummer Sicher zu gehen.
„In Ordnung, Captain. Viel Glück.“
Kirk dankte knapp, schaltete das Gerät aus und ging zu den anderen. McCoy war unterdessen durch das Schott auf den Gang hinausgetreten. Er mündete, wie der von Spock eingesehene Stationsplan angegeben hatte, in eine runde Halle, die den Mittelpunkt des Stützpunktes darstellte. Direkt darunter befand sich die Kraftstation, darüber lag die Zentrale. Das war eine Standardstruktur für kleine Forschungsstützpunkte der Föderation. In dem Außenbereich befanden sich Dekontaminierungskammern und ein Hangar, in dem sich Bodenfahrzeuge und Schutzanzüge befinden mussten.
Es sprach einiges dafür, dass diese Materialien hier eingelagert worden waren, um beizeiten, wenn wieder hinreichende Forschungsgelder zur Verfügung standen, die Forschungen an der untergegangenen genesianischen Kultur fortzusetzen. Vermutlich würde Spock über die entsprechende Forschungslage einen fundierten Vortrag halten können. Er hatte sich während des Fluges zum Planeten Genesis mit den Basisdaten gründlich auseinandergesetzt. Detailinformationen würden sie aber nur aus dem Stationslogbuch entnehmen können.
„Die Station ist doch aktuell nicht bemannt, Spock, oder?“, fragte er sicherheitshalber nach.
„Normalerweise sollte sie seit etwa vierzehn Monaten verlassen sein, Captain. Unsere Daten sind natürlich nicht auf dem aktuellsten Stand, aber ich verstehe Ihre Rückfrage. Warum dann nicht alle Maschinen ausgeschaltet wurden, verstehe ich nicht. Möglicherweise steht das in Zusammenhang mit den von uns empfangenen Signalen.“
Dr. Ramirez hatte derweil eine der Forscher-Kabinen an der Seite des Korridors betreten. Sie sah die karge Einrichtung, wie sie für die persönlichen Räume in Wissenschaftsstützpunkten üblich war. Auf den ersten Blick sah alles wie üblich aus … aber als sie den Blick zur Seite nach links lenkte, weiteten sich ihre Augen.
Eine seltsame, unbekannte Apparatur auf dem Bett erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie trat zwei Schritte näher und erkannte mehrere unterarmlange Kästen, die durch verschiedene Drähte und Dioden miteinander verbunden waren. Werkzeug lag herum, ebenso einige offenbar ungebrauchte oder unpassende Teile. Alles sah aus, als wäre es in großer Eile angefertigt worden und als würde der Monteur gleich zurückkehren, um sein Werk zu vollenden.
Sonderbar.
Die Apparatur, deren Sinn sie nicht durch Augenschein ermitteln konnte, wirkte auf eine schwer zu beschreibende Weise nicht irdisch. Instinktiv trat sie einen Schritt näher, um das Gebilde zu betrachten. Doch ehe es ihr gelang, aus der Apparatur schlau zu werden, überkam die Technikwissenschaftlerin ein eigenartiges Gefühl.
Ihr war zwar nicht recht klar, was sie fühlte, aber irgendetwas in ihrem Rücken änderte sich. Carmen Ramirez drehte sich um und erblickte jählings die Gestalt, die von der Tür kam. Sie hätte sie im Grunde unmöglich übersehen können, und doch war es geschehen.
Sie musste sich direkt neben der Tür an die Wand gedrückt haben, denn vom Korridor her gekommen sein konnte sie unmöglich. Draußen waren Captain Kirk und seine Männer.
Ein erschrockener Schrei verließ ihre Kehle.
*
Kirk hörte Ramirez´ Entsetzensschrei, der jedoch schon im Ansatz erstickte. Er warf sich auf dem Absatz herum und lief zu dem offen stehenden Schott. Witney war jedoch schneller, weil er sich von vornherein nach Kirks Ruf an die ENTERPRISE in erhöhter Alarmbereitschaft befunden hatte. Er zog bereits im Laufen seinen Phaser und stürmte in das Wissenschaftlerquartier.
Zu seinem Schreck sah er hier nicht nur Dr. Ramirez, sondern mitten im Raum stand eine schauerliche, unmenschliche Gestalt, die sich über die besinnungslos zusammengesunkene Wissenschaftlerin beugte. Da er sofortige Gefahr im Verzug sah, schoss er auf der Stelle auf das fremde Wesen. Der Phaser war auf Betäubung gestellt und brummte. Eine Wirkung trat nicht ein, obwohl er eindeutig getroffen haben musste.
Das zottige, hünenhafte Wesen, das entfernt humanoid war, warf sich im rötlichen Schimmer der Notbeleuchtung mit einem tierischen Knurren herum und griff den Sicherheitsoffizier an, der entgeistert zurücktaumelte, ehe die monsterhafte Kreatur ihn erwischen konnte.
„Gehen Sie aus dem Weg, Witney!“, schrie Kirk direkt hinter ihm. Er stellte seinen Phaser auf Töten.
„Jim! Du kannst dieses Wesen doch nicht einfach so töten!“, begehrte McCoy auf. Ihm war diese Veränderung der Waffeneinstellung nicht entgangen.
Kirk ignorierte seinen Aufschrei. Seine Besatzungsmitglieder waren in klarer Lebensgefahr – er sah keine andere Möglichkeit, als so zu handeln, um sie zu retten.
Witney hatte sich nun fallengelassen, um einen Zugriff der haarigen Pranken zu entgehen, und Kirks gebündelter Strahl traf die Kreatur mitten in die Brust. Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe von fast zwei Metern auf und stürzte dann schwer zu Boden. Dabei verfehlte sie sowohl Dr. Ramirez als auch Witney nur knapp.
Spock sah sofort nach Dr. Ramirez, während Kirk Witney auf die Beine half.
Die schöne Technikwissenschaftlerin war gerade wieder zu sich gekommen. Sie hatte den Schock noch nicht ganz überwunden, aber mit der Hilfe des Vulkaniers kam sie wieder auf die Beine. Scheu und ungläubig starrte sie das zottige, dunkel behaarte Wesen an, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem sehr muskulösen Gorilla aufwies. Das war mit weitem Abstand das Allerletzte, was sie hier erwartet hätte … und das ging ihnen allen so.
Soviel zu dem Thema, der Stützpunkt sei verlassen. Das entsprach ganz klar nicht den Tatsachen.
„Was war das nur für ein Wesen?“, fragte sie nervös.
„Ich glaube, der Doktor wird das schon herausfinden“, antwortete Spock.
McCoy kniete derweil neben dem niedergeschossenen Wesen und untersuchte unterdessen die Kreatur mit seinem Tricorder.
„Es lebt noch“, stellte er einigermaßen überrascht fest, weil er das nicht angenommen hatte. „Ich schätze, das sollte dich erleichtern, Jim.“
Kirk schaute ihn erstaunt an. Dann erst bemerkte er die schmutzigen Stofffetzen, die den Körper des Wesens teilweise noch bedeckten. Er begriff, einigermaßen fassungslos.
McCoy präzisierte ruhig: „Ja, was immer aus diesem Wesen das gemacht hat, was es jetzt ist – vorher war es ein Mensch!“
Damit wurde das Rätsel eher noch größer anstatt kleiner.
*
„Logbuch des Captains, Sternzeit 2832,8, Orbit um den Planeten Genesis.
Das Wesen, das wir in der Wissenschaftsstation fanden, ist nach den ersten Untersuchungen ganz eindeutig das, was von dem Föderations-Wissenschaftler Dr. Howard Cry übrig geblieben ist. Er gehörte zur letzten Stationsbesatzung auf Genesis. Die Reste der Uniform und die bisher gesichteten Eintragungen in das Magnetstationslogbuch lassen keinen anderen Schluss zu. Während unser Wissenschaftsoffizier Spock die weiteren Daten des Logbuchs auswertet, ist das Wesen auf die ENTERPRISE in die Krankenstation gebeamt worden, um weiter untersucht zu werden.
Dr. McCoy ist diese physiologische Veränderung ebenso wie die unglaubliche Resistenz gegen tödliche Phaserstrahlen momentan noch völlig unbegreiflich. Es handelt sich zweifellos um eine Art Mutation, vielleicht gar um eine Krankheit. Darum befindet sich Dr. Cry, wie er wohl besser genannt werden sollte, zurzeit auf der Quarantänestation und unter Beobachtung. Wir, das heißt, alle Personen des Untersuchungstrupps, wurden auf der Krankenstation unverzüglich nach der Rückkehr auf mögliche Erreger untersucht und für nicht erkrankt erklärt. Was immer also den Wissenschaftler derart verändert hat, es hat seine Ursache auf Genesis und ist augenscheinlich nicht übertragbar … ein weiterer Bericht wird folgen.“
*
Der Vulkanier Spock saß im zurzeit nicht frequentierten Mannschaftsraum der ENTERPRISE. Vor ihm auf dem Tisch lag die rätselhafte Apparatur, die er aus der Personalunterkunft in der Forschungsstation auf Genesis mitgebracht hatte. Er hatte jenes Gebilde, bestehend aus mehreren Chrom-Vanadiumkästen und Dioden und Kabeln unter Beachtung aller relevanten Sicherheitsvorkehrungen mit an Bord der ENTERPRISE gebracht, weil er vermutete, dass dieses Gebilde eine besondere Funktion ausübte und eventuell auch in Zusammenhang mit Dr. Crys physischer Mutation stehen konnte. Ob es auch einen Konnex bezüglich der seltsamen Funksignale gab, die die ENTERPRISE erst hierher gerufen hatte, stand noch nicht fest.
Die Kabine, in der sie gefunden worden war, hatte jedenfalls Dr. Cry gehört, und zweifellos war er auch derjenige gewesen, der daran gebastelt hatte. Aber da Cry noch ohne Bewusstsein war, konnte den Sinn dieser Apparatur selbst natürlich nicht erläutern, dessen Funktion selbst dem Computer der ENTERPRISE ein Rätsel war. Obwohl die Bauteile mehrheitlich aus dem Fundus der Genesis-Station stammten, war die Art der Zusammenfügung äußerst fremdartig und stellte selbst einen Spezialisten wie Spock vor eine nicht gekannte Herausforderung.
Er nahm als Hypothese zurzeit an, dass es sich um den Versuch handelte, genesianische Technologie mit irdischen Mitteln nachzubauen. Das half ihm allerdings bei der Erkenntnis des letztendlichen Nutzens der Apparatur nicht wirklich weiter.
Spock verschob einige der acht Kästen etwas, und sein Messgerät, das er angeschlossen hatte, zeigte einige überraschend stark ansteigende Kurvenfunktionen. Spock zog erstaunt die linke Augenbraue hoch. Wieder verschob er einen Kasten, dann griff er zu einem Relais, das er während des Transportes aus dem Gebilde entfernt hatte und schob es in eben die entstandene Lücke, wobei er sorgsam darauf achtete, dass die Handschuhe richtig isolierten. Sofort schwoll der Stromfluss knisternd an, und der Tricorder gab surrende Töne von sich. Noch immer war der Zweck des Gebildes nicht ersichtlich. Er stand ohne Zweifel unter hohem Strom.
Der Vulkanier schloss ein weiteres Messgerät an einer anderen Stelle des Geräts an und stellte erstaunt einen hohen Spannungsverlust fest. Wohin flossen drei Viertel der Energie? Sie wurden augenscheinlich drahtlos an einen anderen Ort übertragen.
Er fragte sich, ob das vielleicht wirklich eine Art von Sender war und die Signale erzeugt haben mochte, die sie auf der ENTERPRISE empfangen hatten. Das ließ sich wohl leicht herausfinden. Spock mutmaßte, dass die Energie entweder in den Föderationsraum ausgestrahlt wurde – wie die vorherigen Signale – oder nach Genesis. Wie gesagt, das konnte man herausfinden.
Er aktivierte den Interkom an und fragte auf der Brücke an, um Gewissheit zu erlangen: „Mr. Sulu, können Sie derzeit einen Energiestrom feststellen, der von der ENTERPRISE ausgeht?“
„Nein, Mr. Spock. Von uns gehen keine energetischen Signale aus, die über die Norm hinausgehen“, kam die Antwort sofort.
„Danke“, gab Spock kurz zurück und beendete den Kontakt, bevor Sulu Fragen stellen konnte. Das konnte womöglich seinem weiteren Experimentverlauf schaden.
Er grübelte, weil diese Aussage seine Vermutung falsifiziert hatte. Der Stromfluss blieb also innerhalb der ENTERPRISE. Aber wohin verschwand er? Wo mochte der Empfänger sein?
Während er noch über diesen Punkt rätselte, schaltete sich die Apparatur von selbst aus.
*
Schwester Christine Chapel hatte eine Zeitlang nicht auf die Anzeigen der Quarantänestation geachtet, die eine Tür neben der normalen Krankenstation lag, sondern war mit Routineaufgaben betraut gewesen. Das fand sie durchaus unproblematisch, immerhin war Dr. Cry oder das Wesen, in das er sich verwandelt hatte, nach wie vor bewusstlos und schlief. Da vor der Tür zusätzlich auf Anordnung des Captains sicherheitshalber eine Wache aufgestellt worden war, erwartete sie erst recht nichts Ungewöhnliches.
Nun aber sah sie wieder auf die Anzeige, mit der die Quarantänestation im Blick behalten werden konnte.
Zu ihrem Schrecken zeigte die Anzeige Rot!
Das bedeutete, dass der Patient nicht mehr in der Station war.
Schnell drückte sie die Verbindung zu McCoy.
„Doktor, der Kranke ist entwichen! Ich habe eben das Signal gesehen. Bitte kommen Sie schnell!“
„Lösen Sie Alarm aus, Schwester! Ich bin schon unterwegs.“
McCoy, der gerade eine Mütze voll Schlaf hatte nehmen wollen, sprang vom Bett auf und zog sich die Schuhe an, dann verließ er den Raum.
Vom C-Deck kam ihm ein Besatzungsmitglied entgegen, das ihm noch nie aufgefallen war. Es handelte sich um einen jungen Mann mit etwas wildem dunklem Haar, der auf ihn nicht unsympathisch wirkte. Er eilte ohne ein Wort an dem Mediziner vorbei und schien es sehr eilig zu haben. Irgendetwas an ihm war sonderbar, aber McCoy war zu sehr auf Dr. Cry und die Quarantänestation fixiert, als dass er darauf geachtet oder einen Gedanken verwendet hätte.
McCoy achtete also nicht weiter auf ihn, da er ja dringend bei der Quarantänestation erwartet wurde. Er fragte sich, warum die Wache vor der Tür das Entweichen des Patienten nicht gemeldet haben mochte. Rasch ließ er sich ins C-Deck bringen vom Lift und eilte auf die Krankenstation zu. Schwester Chapel kam ihm bereits entgegen. Auch Kirk, der sich nach dem aktuellen Stand von Dr. Crys Zustand hatte erkundigen wollen, war zugegen. Er stand neben dem Wachmann, den die Ereignisse scheinbar überrumpelt hatten.
„Phelps, erzählen Sie Dr. McCoy, was geschehen ist!“, verlangte der Captain, der schon etwas besser informiert zu sein schien. „Vielleicht hat er eine Erklärung.“
„Es war vielleicht vor zehn Minuten, da ging das Schott hinter mir auf“, berichtete der Sicherheitsmann, der allmählich seine Fassung zurückgewann. „Ich drehte mich um und sah einen Mann aus dem Raum kommen – definitiv kein Untier, sondern einen ganz normalen Mann, der durchaus zur regulären Besatzung hätte gehören können. Ich hatte ihn nur noch nie gesehen. Er trug Sachen, die ihm etwas zu weit schienen, … ich meine damit, sie schlotterten ziemlich um seinen Körper. So, als hätte man falsch bei seiner Garderobe Maß genommen. Er wirkte sehr komisch auf mich. Ich war ziemlich verblüfft und wollte ihn ansprechen … aber er reagierte wie eine Kampfmaschine und schlug mich direkt nieder. Und als ich wieder zu mir kam, waren der Captain und Schwester Chapel schon bei mir.“
„Und Dr. Cry ist verschwunden“, fügte Kirk etwas grimmig hinzu. Er musste ins Quarantänequartier hineingeschaut haben. „Die Fesseln sind allerdings nicht gesprengt. Ich begreife das nicht. Hat er sich etwa zurückverwandelt?“
„Ich wüsste wirklich nicht, wie das möglich sein sollte, Jim“, wehrte McCoy ab, aber dann schränkte er nachdenklich ein: „Vielleicht die Mutationssporen von Karelis IV…?“
„Ich denke, ihr habt ihn gründlich untersucht. Dann hättet ihr das doch feststellen müssen.“
McCoy nickte nachdenklich und rätselnd. Nein, die Mutationssporen waren nachweisbar. Sie waren nicht an der Veränderung Dr. Crys schuld, das stand zweifelsfrei fest. Und zurückverwandeln konnten sich die Befallenen von Karelis IV auch nicht mehr. Ihr tierischer Zustand blieb bedauernswert statisch und hielt bis ans Lebensende an.
Aber … seine Augen weiteten sich auf einmal, als ihm etwas einfiel.
Das Besatzungsmitglied, das er noch nie gesehen hatte und das es so eilig hatte …
Er brachte das sogleich zur Sprache, auch wenn er sich immer noch nicht erklären konnte, wie eine derartige Rückverwandlung möglich sein mochte. Aber wenn das Dr. Cry gewesen sein sollte, war er definitiv so menschlich wie jeder andere an Bord. „Jim, ich habe auf dem D-Deck einen Mann getroffen, den ich noch nie gesehen habe. Das könnte er gewesen sein …“
Kirk schaltete sofort. Er nahm sein Sprechgerät und gab zur Zentrale durch: „Mr. Sulu, geben Sie Vollalarm für das gesamte Schiff! Es ist jemand an Bord, der nicht zur Besatzung gehört. Das Sicherheitspersonal soll ihn suchen! Dr. McCoy und ich untersuchen das D-Deck. Kirk Ende.“
Gleich darauf heulte der Alarm los.
*
Spock wurde vom Alarm überrascht.
Er vermutete zuerst automatisch einen Zusammenhang mit seiner Apparatur und dem rätselhaften Energieschwund, verwarf diese Idee aber schnell. Dann fiel ihm ein, dass er höchstwahrscheinlich gebraucht wurde. Im Alarmfall konnte ohnehin niemand von der Besatzung die Zeit dazu nutzen, in den Mannschaftsraum zu gehen, darum ließ Spock die fremdartige Apparatur auf dem Tisch liegen und begab sich aus der Messe zur nächsten Liftsäule.
Kaum war er jedoch um die Ecke gebogen, da öffnete sich ein breiter Kabelschacht in der Seitenwand der Messe, der die Decks des Schiffes miteinander verband. Jener junge Mann kletterte heraus, der McCoy aufgefallen war und nach dem zurzeit gesucht wurde, weil er der Anlass für den allgemeinen Bordalarm war. In der Mitte des A-Decks befand er sich nun. In seinem inzwischen fiebrig wirkenden Blick stand der pure Irrsinn geschrieben, er stammelte wirre Worte und sah um sich.
Sein Blick fiel auf die Apparatur, und die Augen begannen womöglich noch mehr zu glänzen.
„Meine Rettung … du bist meine Rettung … ich muss mich beeilen …“
Er hob die Werkzeugtasche, die er aus dem Kabelschacht entwendet hatte, auf den Tisch und überprüfte erst einmal alle Bestandteile der Apparatur, deren Funktion Spock bislang nicht hatte ermitteln können. Als er die Anschlüsse an die Messgeräte bemerkte, wurde er ärgerlich. Wütend riss er die Kontakte heraus und schleuderte die Apparate gegen die Wand, wo sie knirschend zerbrachen.
Dann machte er sich mit grimmiger Miene und enormer Geschwindigkeit daran, die Apparatur zu vervollständigen.
*
„Es ist mir wirklich ein Rätsel, Captain. Der Kranke ist spurlos verschwunden“, sagte Sicherheitsoffizier Decker. Er kratzte sich verlegen die blonden Haare und fügte hinzu: „Wir haben das gesamte Oberschiff inspiziert. Im Unterschiff und bei den Triebwerken kann er sich ja nur schwerlich aufhalten, sonst hätte Mr. Scott umgehend Meldung gemacht. Aber bei ihm ist er auch nicht.“
„Spock, haben Sie nicht eine Idee, wo er noch sein könnte?“, wollte Kirk wissen.
„Der einzige nicht untersuchte Raum im Oberschiff ist der Mannschaftsraum, die Messe. Aber da befand ich mich selbst bis vor kurzem noch. Als der Alarm aufheulte, war ich darin. Da kann er meiner Ansicht nach also auf keinen Fall sein.“
„Was haben Sie denn da getan, Spock? Für gewöhnlich sind Sie doch in Ihrer Freizeit immer in Ihrer Kabine“, wunderte sich McCoy.
„Das ist absolut korrekt, Doktor, aber diese merkwürdige Apparatur ließ mir keine Ruhe. Meine Untersuchungen sind allerdings noch nicht abgeschlossen, und zurzeit könnte ich allenfalls Vermutungen über seinen Bestimmungszweck aussprechen. Sie verstehen, dass das nicht meinem Naturell entspricht. Ich muss die Apparatur definitiv noch weiter erforschen.“
„Sie befindet sich also jetzt noch in dem Mannschaftsraum, Spock, stimmt das?“
„Ja, Captain.“
Er wollte gerade weiterfragen, da schlug sein Funkgerät an.
„Kirk hier“, sagte er.
„Hier spricht Frazer aus dem Transporterraum. Captain, ein Unbekannter, es muss der offenbar Kranke sein, hat die Transporterwache niedergeschlagen und sich mit dem Transporter nach Genesis herabgebeamt. Das kann allenfalls ein paar Minuten her sein.“
„Danke. Wir kommen.“
Damit stand fest, wo der rätselhaft verwandelte Dr. Cry geblieben war. Nur wie er das alles geschafft haben mochte und was der Sinn und Zweck seines Handelns war, das blieb zu ergründen.
McCoy hatte schon seine Tricorder-Tasche gegriffen, um sich umgehend um die niedergeschlagene Wache zu kümmern. Phelps hatte sich inzwischen von der Betäubung erholt und war für den Rest seiner Tageswache dienstbefreit worden, um sich vollkommen zu regenerieren.
Kirk gab diese Information an die Brücke und an den Maschinen-Chefingenieur Scott weiter, damit die korrekten Koordinaten ermittelt werden konnten, an die sich Dr. Cry gebeamt hatte. Bis die ENTERPRISE wieder in Position war, würden sie ihn nicht verfolgen können. Das würde wenigstens eine Stunde in Anspruch nehmen. Die Zeit würden sie brauchen für ein kurzes Briefing und die Zusammenstellung eines Verfolgungstrupps. Da es diesmal nicht um Technologie ging, sondern darum, den „entlaufenen“ Dr. Cry wieder „einzufangen“, wie McCoy das sarkastisch nannte, würde Dr. Ramirez hier an Bord bleiben können.
Der Vulkanier ging derweil in den Mannschaftsraum zurück, um die Untersuchung der rätselhaften Apparatur fortzusetzen. Doch zu seiner anfänglichen Verblüffung fand er sie nicht mehr vor. Dafür war eine Werkzeugtasche vorhanden, und einige Bauteile lagen zertrümmert am Boden.
Spock musterte die Szenerie und schlussfolgerte das Offensichtliche: Es sah ganz danach aus, als ob Dr. Cry kurz nach seinem Fortgang hier eingetroffen war, die Apparatur vervollständigt und sie dann an sich genommen hatte.
Bis sie die Verfolgung aufnehmen konnten, musste die ENTERPRISE ohnehin eine Umkreisung noch vornehmen, wie gesagt, und dann zusätzlich noch die Biosignale des Doktors orten. Spock entschied, da er mangels der Apparatur seine Ursprungsintention nicht mehr verfolgen konnte, sich über die ungewöhnliche Verwandlung des Doktors Gedanken zu machen. Er hatte da eine spontane Idee im Kopf, so absurd es seinem nüchternen Vulkanierverstand auch schien. Diesen Gedanken gedachte er zu prüfen, bis sie den flüchtigen Wissenschaftler verfolgten.
Konsequent begab er sich also in sein Quartier zurück und rief die Literaturdatenbank auf, um den Eintrag zu studieren, an den er sich gerade erinnert hatte. Er erwies sich als äußerst hilfreich und brachte ihn auf eine bemerkenswerte Idee. Sicherheitshalber rief er auch noch einmal das Analyseprogramm auf, das inzwischen den Rest des Stationslogbuchs durchgearbeitet und bestimmte ungewöhnliche Passagen darin markiert hatte.
Ein Faktum fiel dem Vulkanier sofort auf, das bislang noch keine Erwähnung gefunden hatte, und er hob einmal mehr fasziniert seine Augenbraue.
Wenn er diese beiden Informationen zusammenfügte und dann noch die Forschungsergebnisse der Förderations-Wissenschaftler von Genesis, ergab sich ein ziemlich beunruhigendes Bild. Bislang natürlich nur eine Hypothese, nichts weiter.
Aber für ihn verdichteten sich die Indizien und mahnten zur Vorsicht.
*
Wieder waren es Captain Kirk, Mr. Spock, Dr. McCoy und diesmal zwei Sicherheitsoffiziere, die mit verstärkten Phasern ausgerüstet waren, weil sie die Wirkung der normalen Strahlendosis auf das Monster kannten, die auf die Planetenoberfläche beamten. Bekanntlich hatte Witneys Betäubungsstrahl auf den monströs verwandelten Forscher keinerlei Wirkung gezeigt.
Die fünf Männer von der ENTERPRISE materialisierten diesmal nicht in der Station, sondern auf der verwüsteten Oberfläche von Genesis. Denn genau hier, das ergaben die Transferdaten, hatte sich der Wissenschaftler eigentümlicherweise transmittieren lassen. Auf den ersten Blick ergab das wirklich so gar keinen Sinn.
Endlos breitete sich rings um sie eine graugelbe, lebensfeindliche Sand- und Geröllwüste aus. Hin und wieder ragten massive Felsblöcke und Tafelberge aus dem Schuttmeer, doch meist war der Landstrich, soweit sie sehen konnten, außerordentlich karg, und der Wind heulte über die baumlosen Kämme, die sich wie fossile Rippen urtümlicher Skelette aus dem Sand reckten. In Erdspalten duckten sich niedrige Büsche, violett schimmernde Flechten wucherten an fast jedem Felsen.
„Ich ermittle wie vermutet schwache Radioaktivität. Wir haben etwa eine Stunde Verweilzeit, danach haben wir unsere radiologische Jahresdosis erreicht“, stellte Spock mit dem Tricorder fest. Die Werte hatten sich selbst in über hundert Jahren nur geringfügig verändert. Die alten Genesianer hatten bei der nuklearen Verwüstung der Umwelt und der Zerstörung ihrer Lebenssphäre wirklich ganze Arbeit geleistet. Die Evolution würde Millionen Jahre benötigen, um sich von diesen Verheerungen zu erholen.
Sie waren am Fuß einer Formation materialisiert, die wie der Rest eines verrotteten Raumschiffes anmutete. Vermutlich handelte es sich aber wohl eher um die Rudimente eines Hochhausgebäudes, das durch die ewigen Sturmwinde und das Sediment bis auf magere, brüchige Reste abgeschmirgelt worden war. Dennoch ragte dieses skurrile Bauwerk aus unbekanntem Metall, das vor Tausenden von Jahren in der Glut atomarer Hitze zusammengeschmolzen worden war, nach wie vor rund hundert Meter hoch. Es war einer der wenigen Reste, die die Zivilisation von Genesis hinterlassen hatte. Solche Metallzinnen ragten überall aus den Sanddünen. An anderen Stellen waren – inzwischen ziemlich zugeweht – Grabungsareale zu entdecken, die unzweifelhaft jüngeren Datums waren.
Hier mussten die Forscher des Stützpunktes archäologische Feldstudien bezüglich der untergegangenen Genesis-Kultur betrieben haben. Spock hatte im Logbuch umfangreiche Einträge über Grabungskampagnen, Fundstücke und dergleichen ermittelt, aber aufgrund der geringen Zeit, die sie hatten, lediglich kursorisch überflogen. Eine genaue Analyse hätte Tage, wohl eher Wochen in Anspruch genommen.
Eindeutig besaßen sie diese Zeit jetzt nicht. Sie würden das Forschungsmaterial mit zur nächsten Föderationsbasis nehmen und dort dem wissenschaftlichen Korps der Sternenflotte überlassen, ehe sie ihre Fahrt fortsetzten
„Wo kann Dr. Cry stecken?“, fragte McCoy gerade. „Und was hat er wohl vor?“
„Ich vermute, er versteckt sich. Er konnte sich ja denken, dass wir ihn verfolgen würden. Aber ich glaube nicht …“ Kirk beendete den Satz nicht. Ein greller Phaserstrahl raste hinter einer Ruine heran und zersprühte an dem stählernen Monument. Die Männer der ENTERPRISE suchten umgehend Schutz in der Deckung.
Es war eindeutig, wer da geschossen hatte.
„Doktor Cry!“, rief Kirk. „Wir tun Ihnen nichts. Sie haben nichts zu befürchten!“
Er erwartete keine Antwort, da er den Wissenschaftler schließlich als Monster zuletzt gesehen hatte. Doch er wurde überrascht, als der Doktor mit wütender Stimme zurückschrie: „Ihr seid alle Narren und Ignoranten! Ihr wollt mich nur wieder einfangen und meine Entdeckung für euch nutzen! Aber ich werde das Mittel schon noch finden!“
„Welches Mittel?“, fragte McCoy Spock. Der zuckte die Achseln, aber seinem Gesichtsausdruck zufolge schien er durchaus schon mehr zu wissen. Er sah auf seinen Tricorder, und sein Gesichtsausdruck wurde erkennbar noch finsterer.
„Was wird das, Spock?“, fragte McCoy scharf, als er sah, dass der Vulkanier den Tricorder wegsteckte. Er stellte einen Augenblick später seinen Phaser auf TOTALE VERNICHTUNG ein.
Spock antwortete nicht.
Kirk merkte davon nichts. Er redete noch immer mit Dr. Cry, der sich aber immer noch einem ruhigen Dialog widersetzte.
„Lasst mich doch endlich in Frieden!“, brüllte der Wissenschaftler.
Dr. Cry trat aus der Deckung – genau jener Mann, der McCoy auf dem Gang in der ENTERPRISE begegnet war und der es so auffallend eilig gehabt hatte. Doch zugleich wirkte er verändert. Irgendwie breitschultriger und klobiger, auch sein dunkles Haar war auf rätselhafte Weise struppiger geworden, das Gesicht brutaler und grobschlächtiger.
Die Männer der ENTERPRISE sahen auch die Apparatur wieder, die er gebaut und vermutlich in der Messe vervollständigt hatte. Sie war in einen Gürtel integriert, die Kästen hingen davon herab und behinderten Dr. Cry beim Gehen. Es ließ sich mutmaßen, dass er nicht sehr schnell würde davonlaufen können mit diesem Hindernis an seinem Gürtel.
„Auf Betäubung!“, mahnte Kirk, der sogleich diesen Umstand auszunutzen gedachte. Wenn sie wegen der Strahlenbelastung ohnehin nur eine Stunde hier verweilen konnten, mussten sie schnell handeln.
Die Sicherheitsoffiziere hoben schnell die Phaser und feuerten.
„Nicht!“, rief Spock aus. Rätselhaft fügte er an: „Das ist vollkommen sinnlos! Macht ihn doch nicht noch stärker!“
Er stieß die Männer beiseite und legte nun seinerseits an.
McCoy fiel ihm in den Arm. „Sie können ihn doch nicht einfach erschießen, Spock! Er ist doch ein MENSCH!“
Der Vulkanier machte sich frei und ließ sich nicht beirren. „Doktor, ich weiß, was ich tue. Wenn ich jetzt nicht handle, ist es zu spät …“
Dr. Cry stand noch immer am selben Fleck, aber ein grelles Funkeln umspielte seine Gestalt. Es schien eine rätselhafte Folgewirkung der Betäubungs-Phaserstrahlen zu sein. Sie hatten offensichtlich die geheimnisvolle Maschine wie einen Akkumulator aufgeladen.
Der Föderationswissenschaftler wimmerte und war in die Knie gebrochen. Die Apparatur um seine Hüfte hatte zu schillern begonnen. Spock sah wie alle anderen, dass der vormals schmächtige Körper des Doktors wuchs. Er sprengte mit knirschenden Lauten die Kombination, die er trug. Sein Gesicht verwilderte vollständig und verwandelte sich in das eines Monsters.
Alle waren von dem Geschehnis gebannt.
In dem Moment schoss Spock. Sein Strahl zielte genau auf den Kopf des Untiers. Die Folge des Schusses erwies sich als unerwartet verheerend. Eine weißglühende Aura hüllte den Verwandelten nun vollständig ein, und unter wilden Schreien löste sich Dr. Cry auf – oder das, was einmal Dr. Howard Cry gewesen war, und mit ihm die rätselhafte Apparatur. Zurück blieb lediglich ein rauchender Krater in der staubigen Planetenoberfläche.
Alle Anwesenden waren von der jähen, dramatischen Veränderung der Lage gründlich überrumpelt, das galt selbst für James T. Kirk, der seinem Wissenschaftsoffizier so einen kaltblütigen Mord nicht zugetraut hätte.
Mit schweren Schritten ging derweil der Vulkanier auf den Krater zu und hob ein unscheinbares Metallstück auf. Direkt im Anschluss darauf stellte ihn Kirk unter Arrest. Allen war klar, dass Spock eine Menge zu erklären hatte.
Er mochte die Gruppe vor einem unkontrollierten Angriff des monsterhaft mutierenden Dr. Howard Cry bewahrt haben – aber dennoch musste er sich für sein Verhalten rechtfertigen.
*
Wieder hatte Captain Kirk eine Versammlung einberufen. Diesmal musste sich der Wissenschaftsoffizier Spock rechtfertigen. Sich und sein ungewöhnlich brutales Vorgehen. Wie es üblich war, hatte er dabei zunächst die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Und das tat der kühle, beherrschte Vulkanier mit der Seelenruhe, die ihn stets auszeichnete.
„Anfangs war die Sache auch für mich nur eine unglaubwürdige Theorie“, schränkte er gleich zu Beginn ein, „und ich gebe zu, dass ich bis zuletzt nicht genau wusste, ob ich nicht mit meinem Vorgehen tatsächlich einen Menschen getötet hatte. Aber jetzt bin ich sicher, dass dieses Wesen nicht Doktor Cry war. Es war gar kein Mensch. Das steht für mich inzwischen zweifelsfrei fest. Darum würde ich argumentieren, dass diese Versammlung mich nicht wegen des Deliktes eines Mordes zur Verantwortung ziehen kann.“
„Moment, Spock! Das müssen Sie erklären. Wieso verstand Cry dann unsere Sprache? Und weshalb kannte er sich mit unserer Technik so gut aus?“, wollte Scotty wissen, der dem Gremium als technischer Sachverständiger angehörte.
Spock blieb die Seelenruhe in Person. „Eins nach dem anderen, Mr. Scott. Es ist vielleicht instruktiv, wenn ich ein paar Fakten aus dem Stationslogbuch aufzähle, dessen Auswertung ich noch konsultiert habe, ehe wir uns an die Verfolgung des Wesens machten, das aktuell augenscheinlich noch als Dr. Cry betrachtet wird.
Vor ziemlich genau dreizehn Monaten befand sich der letzte Trupp der Förderationswissenschaftler hier auf Genesis. Unter den Wissenschaftlern befand sich auch ein gewisser Dr. Howard Bryan Cry. Er war Kosmo-Archäologe und spezialisiert auf Technik des Planeten Genesis. Bei seinen Untersuchungen kurz nach der Ankunft des Forschungstrupps fand er bei einer Ausgrabung an der Oberfläche eine Metallplatine aus der Technologie der Ureinwohner, die den atomaren Krieg unbeschadet überstanden hatte. Oder sagen wir – nahezu unbeschadet. Soweit es aus dem Logbuch zu erschließen ist, hat sich Dr. Cry daraufhin völlig in seinem Labor verbarrikadiert und sich mit genesianischer Technologie und den Rekonstruktionen umgeben, die die Stützpunktwerkstätten herstellen konnten. Während er Funktionsexperimente durchführte, kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall, der im Logbuch durch den Missionskommandanten festgehalten wurde …“
„Spock, das ist ja alles schön und gut, aber wie hilft uns das jetzt weiter?“, unterbrach ihn Kirk etwas ungeduldig.
Der Vulkanier sah ihn undurchschaubar an. „Captain, Ihre Ungeduld ist der Untersuchung nicht förderlich. Ich versichere Ihnen, wenn Sie meine Argumentation zu Ende anhören, wird die scheinbar klare Sachlage sich vollständig aufklären und mich und mein Handeln entlasten.“
Kirk wirkte nicht überzeugt, und diese Skepsis spiegelte sich in den Mienen der anderen Anwesenden wider. Spock hatte schließlich vor Augenzeugen einen Mord begangen, nicht wahr? Wie sollte man das jetzt wegdiskutieren?
„Also schön“, gab er dennoch nach. „Fahren Sie fort!“
„Der Zwischenfall“, sprach Spock weiter, „ereignete sich in Dr. Crys Laboratorium. Als man die verriegelte Tür öffnen konnte, wurde er leblos am Boden liegend vorgefunden. Der Stationsarzt Dr. Mason konnte nur noch seinen Tod konstatieren. Ursache war augenscheinlich ein energetischer Überschlagblitz aus einer Apparatur, die Dr. Cry nachgebaut hatte und die eine Mischung irdischer und genesianischer Technologie war …“
„Die Apparatur, die Sie vom Planeten mit Dr. Cry hochgeholt haben!“
„Korrekt, Mr. Scott.“
„Moment, Spock“, warf McCoy stirnrunzelnd ein. „Was Sie sagen, kann nicht stimmen. Ich habe doch keinen lebenden Toten auf dem Gang der ENTERPRISE getroffen! Dr. Cry war eindeutig am Leben!“
„Sehen Sie, Doktor, und genau in dem Punkt beginnt die Sache interessant zu werden.“
„Wenn das stimmt, was Sie sagen, Spock … wie ist das alles dann zu erklären?“ Kirks Miene war inzwischen auch grüblerisch geworden. Er begann zu ahnen, dass der Vulkanier eine sehr gut durchdachte Strategie verfolgte, die aber bislang nur in Umrissen zu erkennen war.
„Wie ich schon sagte … fassen Sie sich in Geduld und warten Sie den Schluss meiner Erläuterungen ab.“ Spocks Seelenruhe hatte etwas Enervierendes.
„Dr. Cry, sollte ich hierzu ergänzen, hinterließ für den Fall seines Ablebens klare, wenn auch sehr unkonventionelle Handlungsanweisungen. Ich würde ihn mental als jemanden charakterisieren, der von seinem Forschungsgegenstand regelrecht besessen war. Wir würden das vermutlich für schrullig bis neurotisch nennen. Er verfügte jedenfalls, dass man seinen Körper nicht dem Weltraum übergeben oder auf seiner Heimatwelt beerdigen sollte, sondern er bestand darauf, an der Oberfläche von Genesis begraben zu werden, unmittelbar mit Blick auf die archäologischen Grabungsareale, die er – nach eigenem Bekenntnis – so geliebt habe. Naturgemäß wurde ihm dieser Wunsch post mortem erfüllt. Ich sollte jetzt vielleicht ergänzen, dass sein Begräbnisort der Ort war, wo wir ihn stellten und er von mir zerstrahlt wurde.“
Er blickte kurz in die Runde und stellte befriedigt fest, dass die steinernen Gesichter einer gewissen Neugierde gewichen waren. Der Fall, der anfangs so völlig transparent geschienen hatte, zeigte doch unerwartete Facetten. Und es war offenkundig, dass der Wissenschaftsoffizier mit seinen Ausführungen noch nicht am Ende war.
Wenn das Wesen, das er vernichtet hatte, augenscheinlich nicht Dr. Cry gewesen sein konnte, da der Wissenschaftler seit Monaten tot war, dann galt es nun, ein veritables Rätsel aufzuklären.
„Reden Sie weiter, Spock!“, wies ihn der Captain an.
„Dr. Cry war also, als wir auf Genesis ankamen, schon seit Monaten tot“, resümierte Spock ruhig. „Aber soweit ich mir das zusammengereimt habe, hatte er vor seinem Tod eine wichtige Entdeckung gemacht. Diese Platine der Ureinwohner, die er gefunden hatte, enthielt augenscheinlich die Lebensenergie eines Genesianers, sein Karma, wie Sie vielleicht sagen würden, Doktor. Und so besessen, wie er von der genesianischen Zivilisation war, entschied er sich dazu – würde ich plausibel spekulieren – , ein Experiment am eigenen Leib zu versuchen und damit seine wissenschaftliche Karriere zu krönen und seinen Ruf als Koryphäe auf dem Gebiet der genesianischen Technikforschung ein für allemal unter Beweis zu stellen.“
Er sah McCoy und Montgomery Scott an. „Ich denke, für Sie beide dürfte es von Interesse sein, was sich Dr. Cry hiervon schätzungsweise erhoffte. Er war offensichtlich besessen von der Vorstellung, dass die Genesianer es vermocht hatten, auf technischem Weg den Zustand des Todes aus einem finalen Stadium in ein vorübergehendes zu verwandeln, aus dem sie letztlich gestärkt hervorgehen würden.
Dr. Cry schaffte es also, seinen Körper sterben zu lassen und dies wie einen Unglücksfall aussehen zu lassen. Es handelte sich dabei in Wahrheit im einen Teil seines sorgsam geplanten Experiments. Ihm war klar, dass sein Tod umgehend zur Einstellung der Forschungen und zur Abberufung der Wissenschaftler führen würde. Damit erhielt er genau den Freiraum, den er für seine weiteren Forschungen brauchte …“
„Aber, Spock, er war TOT, verdammt noch mal! Wo wollte er seine Studien weiterführen? Auf einer Wolke im Jenseits?“ McCoy fand die Argumentation irgendwie aberwitzig.
„Durchaus nicht. Sondern auf Genesis“, fuhr Spock fort. „Sehen Sie, er wusste, dass die Aktivierung der Lebensenergie in dem genesianischen Chip ihn den Tod überwinden lassen und vitalisieren würde. So kehrte er nur wenige Wochen nach seinem ‚Tod’ ins Leben zurück und arbeitete normal weiter. Dass er dafür mühelos Zugang zur versiegelten Station bekam, zeigt mir nachdrücklich, dass es sich hierbei nicht um eine zufällige Aneinanderreihung von Ereignissen handelt, sondern um klare, vorsätzliche Planung. So unheimlich es für uns vermutlich auch klingen mag – Dr. Cry hatte sein Ableben vorsätzlich inszeniert, und es stellte einen zentralen Teil seines Planes dar. Und bis zu einem gewissen Punkt, muss man ihm zugestehen, hat dieses Experiment am eigenen Leib tatsächlich auch funktioniert. Aber es ergab sich alsbald ein Problem.“
„Welches?“, fragte McCoy, obwohl es völlig klar war.
„Er verwandelte sich auf unvorhergesehene Weise. Sie kennen vielleicht die Geschichte des Dichters und Schriftstellers Robert Louis Stevenson – Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Dieser Autor Stevenson lebte im präatomaren Zeitalter, und sein Roman beschrieb das Bild einer unheimlichen Persönlichkeitsspaltung mit klarer physischer Ausprägung, die so deutlich war, dass gewissermaßen zwei Personen entstanden, die sich ihren Aktionszuständen abwechselten. So ähnlich lag unser Fall auch.
Der Teil der Persönlichkeit, der Dr. Cry war, erwies sich weiterhin als hochintelligent. Der Geist des Ureinwohners von Genesis aber, der durch die Selbstimplantation des Chips in Crys Körper Teil von seinem Leib geworden war, er dürfte durch äußere Einwirkungen – ich schätze, das war eine Langzeitwirkung der Verstrahlung – so verkümmert, dass nur die tierischen Instinkte noch existierten. Anfangs ließ es sich noch beherrschen. Da konnte der Doktor die Verwandlung noch im Zaum behalten, möglicherweise durch schiere Willenskraft zurückdrängen. Aber seine lichten Augenblicke wurden immer seltener und kürzer, und schon bald bedurfte es einer besonderen Apparatur, die er mit einem Zeitsignal versah, die ihn dann aus der tierischen Phase herausriss.
Er begann sich noch intensiver als bisher mit der Technik der Genesianer zu beschäftigen und stellte fest, dass er allein es nicht schaffte, den Prozess mit lokalen Mitteln zu beherrschen. So schuf er eine Möglichkeit zur drahtlosen Übertragung und gleichzeitigen Speicherung. In einer solchen lichten Phase muss er das starke Funksig-nal ausgeschickt haben, das uns hierher nach Genesis führte. Meine Vermutung geht dahin, dass er sich ausrechnete, mit Hilfe der Kraftwerke der ENTERPRISE hinreichend Energie zu besitzen, um die tierische Phase dauerhaft unterdrücken zu können.“
„Halten Sie das für eine realistische Prognose?“, hakte Kirk nach, der Spocks klarer Argumentation immer mehr Glauben schenkte.
Der Vulkanier schüttelte den Kopf nachdenklich. „Das kann ich nicht mit letzter Gewissheit sagen, da mir dafür zu viele Informationen fehlen. Doch was sich abzeichnete, fand ich alarmierend genug: Da sein Körper sich zusehends an immer größere Energiemengen gewöhnte, konnte man ihn mit normalen Phasern schon nicht mehr lähmen, das haben wir ja bei der ersten Konfrontation schon entdeckt. Deshalb hat Ihr Phaserschuss ihn auch nicht töten können, Captain. Da die ENTERPRISE sich im stetigen Orbit um Genesis befand, wurde die Apparatur durch die Zeitschaltung aktiviert und weiter mit Energie aufgeladen.
Die Cry-Persönlichkeit, die ich gleichwohl nicht mehr menschlich nennen würde, da sie von dem ursprünglichen Wesen des Wissenschaftlers kaum mehr etwas besaß, wurde durch die drahtlose Energieübertragung in der Krankenstation aus dem tierhaften Stadium in eine menschliche Form überführt. Und es ist zwar nur eine Mutmaßung, aber eingedenk der Schnelligkeit, mit der das Cry-Wesen zur Messe und zu der Apparatur fand, ist zu schätzen, dass es eine gewisse kybernetisch-physiologische Verbindung zwischen beiden gegeben haben muss.
Zugleich wurde dem Cry-Wesen klar, dass es sich dringend von der ENTERPRISE entfernen musste … aber es konnte schon nicht mehr hinreichend klar denken. Sowohl die Beam-Energie als auch die Anwesenheit der ENTERPRISE lud die Apparatur weiter auf, und letztlich schlug der Prozess strukturell um und transformierte die Energie in Stoffwechselstärkungsenergie … hätte ich dieses Wesen nicht sofort nach der Rückkehr nach Genesis vernichtet, dann hätte man es wohl alsbald nicht mehr ohne Energiegeschütz töten können. Ich glaube, wir waren alle Augenzeugen davon, wie sich Dr. Cry immer schneller in ein Monster verwandelte. Allen Indizien nach zu urteilen wäre diese Umwandlung irreversibel gewesen und hätte uns in akute Lebensgefahr gebracht.“
Auch wenn Spocks Argumentation zahlreiche hypothetische Elemente enthielt, war ziemlich offenkundig, dass sein Vorgehen auf der Oberfläche von Genesis nun in völlig anderem Licht dastand. Er hatte nicht rücksichtslos einen armen, mutierten Wissenschaftler ermordet, sondern eher ein monströses Wesen, das sich auf durchaus unnatürliche Weise einer Magerversion des gestorbenen Wissenschaftlers Dr. Cry bemächtigte, um ein neues, augenscheinlich sehr gefährliches und gewalttätiges Dasein zu führen, das sie alle in Gefahr gebracht hätte.
Somit war Spock kein Verbrecher, sondern ihr Retter.
Alles in allem war die Geschichte indes so ungeheuerlich, dass selbst jetzt, wo die meisten nachprüfbaren Fakten bekannt waren, allgemeines Unbehagen herrschte. Die Technologie der ausgestorbenen Genesianer war eindeutig viel gefährlicher als bislang angenommen. Das würde künftige Forschungen auf diesem Planeten vollständig verändern.
„Ich glaube, ich spreche für uns alle“, meinte James Kirk schließlich, als das Schweigen lange angedauert hatte, „dass wir in Anbetracht der Informationen die Anklage gegen Mr. Spock am besten stillschweigend zu den Akten legen sollten, wie man so sagt … aber, Spock, das enthebt Sie natürlich nicht eines ausführlichen Berichts über diese Vorkommnisse, der dann meinen Eintrag ins Logbuch entsprechend relativieren wird.“
„Natürlich, Captain“, stimmte der Vulkanier nüchtern zu. „Ich werde mich so schnell wie möglich an die Arbeit machen. In meinem Bericht werde ich besonderen Wert darauf legen, dass wir die künftige Erforschung der genesianischen Hinterlassenschaften an wesentlich strengere Sicherheitsvorkehrungen knüpfen müssen.“
Er sah allgemeines Nicken in der Runde.
Dennoch fühlte er sich zu einer weiteren Bemerkung veranlasst: „Ich glaube, wir sollten aus diesem Zwischenfall, den ich durchaus als tragisch bezeichnen möchte, eine Lehre ziehen. Nämlich die, dass es gefährlich ist, sich angesichts fremder Technologie von purem wissenschaftlichem Ehrgeiz wegtragen zu lassen und Risiken einzugehen, die nicht nur den Forscher selbst bedrohen, sondern auch zahlreiche weitere Menschenleben in Mitleidenschaft ziehen können. Dr. Crys Experiment und sein Scheitern sollten uns in dieser Hinsicht eine stete Mahnung sein, die Grenzen der Menschlichkeit nicht zu überschreiten.“
Diese Einschätzung fand allgemeine Zustimmung.
Als der Aufenthalt im Orbit schließlich endete, blieb der unheimliche Planet Genesis hinter dem Raumschiff ENTERPRISE zurück. Aber dieses Abenteuer hatte sich allen in die Seele gebrannt.
Sie würden die Mahnung im Gedächtnis behalten.
ENDE
© 1985 / 2025 by Uwe Lammers
Gifhorn, den 29. September 1985, 12 anderthalbzeilige Seiten
Abschrift: Braunschweig, den 2./3. Januar 2025 (13 anderthalbzeilige Seiten)
Überarbeitung: Braunschweig, den 10.-20. Mai 2025 (S. 16)