KAPITEL 1

1889, Februar

Wien

Man schrieb den 20. Februar anno Domini 1889, und Prinzessin Maria Sophia Ludovika von Habsburg-Österreich, die Tochter von Franz Joseph von Österreich und Helene von Wittelsbach, Erzherzogin von Österreich, Ungarn und Böhmen, Herzogin in Bayern, Herzogin von Venetien, Friaul und Triest, Gräfin von Steyr und von Taranaki sowie Inhaberin einiger Baronien und Rittertümer nebst den zugehörigen Titeln und Schwester des Thronfolgers Franz Rudolph von Österreich feierte im Schloss Schönbrunn ihren dreißigsten Geburtstag. Selbstverständlich mit einigem Glanz, wenn auch seit dem Ende der absolutistischen Monarchie sogar in Bezug auf die privaten Festlichkeiten des allerhöchsten Herrscherhauses ein gewisser Sparstift am Werk war. Caroline Therese Helene Herzogin in Bayern, im engsten Kreis liebevoll Néné genannt, die Regentin der Vereinigten Donaumonarchien, hatte den Sparkurs ihres Schwiegervaters Franz Karl I getreulich aufrecht erhalten. Die heute gerade noch 54 Jahre alte Helene hatte das Geld lieber in die Modernisierung der Wirtschaft und in soziale Projekte statt in pompöse Festivitäten und unnötigen Luxus gesteckt. Die Universität in Wien war wichtiger als eine fünfte Villa in der Umgebung der Hauptstadt, sozialer Wohnbau nötiger als die wertvollsten Juwelen, öffentliche Verkehrsmittel hatte Vorrang vor Schmuck, den man vielleicht alle heilige Zeiten hervorholte!

Dieser Sparkurs erregte selbstverständlich das starke Missfallen der Witwe des Kaisers Franz Karl, welche jeder Schmälerung der Privilegien des Adels feindlich gegenüber stand. Allerdings hatte die Erzherzogin und kaiserliche Witwe Sophie Friederike Dorothea Wilhelmine von Bayern aus ihrem Alterssitz im Kloster der Ursulinen in Triest keinen weltlichen Einfluss mehr und konnte an den Sitten und der Politik in Wien nichts mehr ändern. Dennoch schrieb sie immer und immer wieder wütende Briefe an Helene, an den Kanzler des Bundes und die einzelnen Minister und Staatssekretäre. Diese Ergüsse wurden vom Hof und der Regierung jedoch seit längerem weitestgehend ignoriert und landeten zumeist ungeöffnet in der Rundablage. Nur wenn ein junger, neu eingestellter Kanzlist einen Umschlag mit dem Absender der aus Triest in die Hände bekam, landete das Schriftstück wirklich beim angegebenen Adressaten. Dieser nahm die Existenz der Post zur Kenntnis und expedierte das Papier ungelesen in den Müll. Sophie war, wie man halt so sagte, Schnee von gestern. Weg vom Fenster. Über alle Häuser geworfen. Abgerissen wie ein Einser-Zwirn.

Selbst das lange Zeit praktizierte steife und extrem förmliche spanische Hofzeremoniell war seit den Zeiten des Kaisers Franz Karl dem moderneren Denken zum Opfer gefallen. Die Roben, auch die Ballkleider, waren einfacher, praktischer und vor allem bequemer geworden, man hätte sich für die alte spanische Mode direkt geschämt. Sowohl die ausladenden Röcke mit den pompösen Krinolinen, aus Weiden geflochtenen Gestellen und hölzernen Reifen unter den Stoffen des Biedermeier und zweiten Rokoko, mit welchen man nur seitwärts durch eine normal breite Tür gehen konnte als auch die engen Kleider im Karottenschnitt der frühen Gründerzeit, mit denen sich Frau nur mit winzigen Trippelschrittchen fortbewegen konnte, waren endgültig passé. Die moderne Frau in Wien und den anderen Städten der Donaumonarchien trug auch als große Robe fließende, weit geschnittene Formen, dem französischen Empire nicht unähnlich. Der Saum der Abendroben endete bereits eine Handbreit oder mehr über dem Knöchel, elegante, zarte Schnür- oder Knöpfchenstiefeletten mit hohen Absätzen hatten in den Donaumonarchien die flachen Halbschuhe zumindest in der Ballkleidung abgelöst. Sogar die eng geschnürten Mieder mit Verstärkungen und Versteifungen aus Fischbein waren langsam von der Bildfläche verschwunden oder wurden zumindest nur noch als optische Accessoires über der Kleidung getragen, ohne Fischbein und ohne wirklich fest geschnürt zu werden. Die Frauenwelt atmete im wahrsten Sinne des Wortes befreit auf und tief durch. Die Damen fielen nicht mehr bei jeder kleinsten Aufregung oder Anstrengung sofort in Ohnmacht, es sei denn natürlich, Mademoiselle legte es darauf an. Zum Beispiel, wenn sie von den starken Armen eines galanten Herrn aufgefangen und danach gehalten werden wollte, um so den Weg für nähere Bekanntschaften zu ebnen. Die Turnüre1 war ebenso bereits Geschichte in Österreich geworden wie lange zuvor schon der steife spanische Kragen. Im Gegenzug hatten bunte, kräftige Farben bei der Kleidung Einzug an den Höfen der mit Österreich verbundenen Länder gehalten. Das triste Schwarz, das stumpfe braun der Herrenmode und die beinahe farblosen Pastelltöne der Damenkleidung wollte nun, Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Donaumonarchien wirklich niemand mehr tragen. Es war jetzt endlich Zeit für etwas Neues gekommen, für bunte, kräftig leuchtende Farben in der Mode, der Malerei und der Architektur. In der Belle Epoque und dem beginnenden Art Deco wollte man fröhlich sein, das Schöne genießen, und so kam schwarze Kleidung in Schönbrunn derart stark aus der Mode, dass selbst Diplomaten am Hof in Wien zumindest farbige Sakkos, Fracks oder Gehröcke zu den offiziellen Festen trugen. Die Dame von Welt trug ihre Haare jetzt lang, aber hoch gesteckt oder geflochten, die Schläfenhaare ausgenommen, welche zu Locken gedreht das Gesicht der Trägerin umrahmen sollten.

So war es auch kein Wunder, dass sich Maria Sophia an diesem Abend für ein eher luftiges Kleid aus grüner Seide entschieden hatte und dazu ein angedeutetes rotes Miederchen trug, welches die nicht sehr ausladenden, aber durchaus erfreulich anzusehenden Formen der Erzherzogin zwar betonte, sie aber nicht einengte. Es war die neueste Kreation des Modeschöpfers Adolf Wilhelm Schack in Wien, welche Schultern und Arme komplett unbedeckt ließ und einen tiefen Einblick in das offenherzige, aber nicht übertrieben weit ausgeschnittene und hübsch gefüllte Dekolleté zuließ. Auch die gewagt hochhakigen Stiefeletten und die beinahe bis zur Schulter reichenden Handschuhe waren leuchtend rot, und das dünne, goldene Diadem im dunkelroten Haar war mit böhmischen Granaten und fein polierter grüner Jade geschmückt. Néné, Helene aus dem Haus der Wittelsbacher, seit dem Tod ihres Schwiegervaters Franz Karl von Österreich alleinige Regentin der Vereinigten Donaumonarchien, beobachtete ihre Tochter nicht ganz ohne Sorge. 30 Jahre alt, und der Wildfang hatte immer noch keinen Mann. Also, zumindest keinen Ehemann! Einige gute Partien, welche um ihre Hand anhielten, hatte Maria Sophia bereits kategorisch ausgeschlagen. Aber irgendwann musste sie ja wohl doch unter die Haube, ewig konnte das doch nicht so weitergehen, immer nur Liebeleien und sexuelle Eskapaden, nie etwas Ernstes und Festes!

Regentin!“, ertönte neben ihr eins bekannte Stimme, Helene schrak aus ihren Gedanken.

Erzbischof Langer“, nickte sie dem groß gewachsenen, schlanken Kleriker in der scharlachroten Soutane zu, der sich angemessen verbeugte.

Ich muss eure Hoheit später noch sprechen, bitte.“

Aber selbstverständlich, Eminenz“, gewährte Helene die Erfüllung der Bitte des Erzbischofs. „Am besten jetzt sofort. Kommen Sie doch bitte gleich mit!“

Von der Tanzfläche aus konnte Maria Sophia sehen, wie ihre Mutter und der Erzbischof in einem der Räume verschwanden und ein Lakai hinter ihnen die Tür schloss. Der Kaiserwalzer, vom seinem Komponisten Johann Strauss selbst dirigiert, klang langsam aus, und Maria Sophia, das Geburtstagskind, wurde von ihrem Tanzpartner in eine letzte Drehung geführt.

Ich danke Hoheit für diesen Tanz, Erzherzogin!“ Oberleutnant Friedrich Jürgen Mkuki’Mrefu knallte dabei die Haken zusammen und verneigte sich ruckartig. Die weiße Uniformbluse der achten Namib-Husaren mit der ebenfalls weißen, mit scharlachrot gefärbtem Pelz verbrämten Husarenjacke über der linken Schulter und den hautengen roten Hosen mit dem breiten, goldenen Streifen stand dem hübschen Burschen recht gut. Er war schon ein fesches, gut gebautes Mannsbild, die dunkelbraune, fast schwarze Haut kontrastierte hervorragend zur hellen Uniform des Mannes. Aber Maria Sophia hielt ihn für sehr jung. Zu jung für ihren Geschmack, er war doch sicher gerade einmal 24, allerhöchstens 26 Jahre alt. Vielleicht alt genug für ein kleines Abenteuer, ein kurzes Intermezzo, aber viel zu jung für etwas Ernstes. Sie verabschiedete sich mit einigen freundlichen Worten, der Tanz hatte ihr wirklich Spaß gemacht. Der Oberleutnant war ein charmanter Plauderer gewesen, respektvoll, aber nicht unterwürfig, und ein guter Tänzer. Nach einem letzten

Es hat mich wirklich sehr gefreut und einem Handkuss wandte sie sich ab und entfernte sich, der junge Offizier sah ihr bewundernd nach.

Friedrich Jürgen Mkuki’Mrefu war zu drei Viertel Herero und stammte aus dem Königreich Neuhochadlerstein. Niemand wusste, welcher Teufel den Baron von Hochadlerstein geritten hatte, als er 1721 vom portugiesischen König den Fluss Kunene in der Wüste Namib mit jeweils anderthalb Kilometer Land an jedem Ufer kaufte. Ohne, dass einer der beiden Geschäftspartner auch nur ansatzweise eine Ahnung von der Länge des Flusses gehabt hätte. Dom João Francisco António José Bernardo de Bragança, auch bekannt unter dem Namen Johann V, hatte 1708 Maria Anna Josepha geheiratet, die Schwester von Kaiser Joseph I aus dem Haus Habsburg. Dom João hatte seine Hand auf die Karte der Küste gelegt, wo die Mündung, der ‚Foz do Cunene’, mit wenigen Kilometern Flussverlauf eingezeichnet war.

Meu querido Conde2 Hochadlerstein! Keine Details, der Fluss bis zu seiner Quelle mit je 6 Estádios3 an beiden Ufern, für 3.000 ihrer Kronen können Sie das ganze Gebiet haben!“ Emanuel von Hochadlerstein griff zu. Er verkaufte seine Stammlande und borgte sich von seiner Familie und Freunden noch die restliche Summe. Nach moderner Messung hatte der Fluss eine Gesamtlänge von immerhin etwa 1.050 Kilometer, ohne die Nebenflüsse, sodass der Baron eine Fläche von 3.250 Quadratkilometer für ein paar tausend Kronen erwarb. Noch etwas größer als das Land vor dem Arlberg mit 2.600 Quadratkilometern. Paul von Hohenadlerstein baute zuerst an der Mündung des Flusses eine florierende Hafenstadt und bewässerte auch ein hübsches Stück Land, um die Niederlassung so autark wie möglich ernähren zu können. Rasch fanden sich Siedler und Bauern aus dem Volk der Herero sowie Viehzüchter aus dem ihnen verwandten Volk der Himba ein, und das fruchtbare bewirtschaftete Land vergrößerte sich immer weiter stromaufwärts. 1792 ließ sich der Enkel des Barons zum König von Neuhochadlerstein krönen, unterstellte sich aber sofort Kaiser Franz II von Habsburg-Lothringen und schwor diesem als seinem Lehensherr die Treue. Seit 1850 war Neuhohenadlerstein wie alle Donaumonarchien eine konstitutionelle Monarchie mit eigenem Parlament und Sitzen im Kronrat und im Völkerparlament. Die Bevölkerung, egal ob weiß, schwarz oder mit Ockerfarbe bemalt, genoss dank Maria Theresia die gleichen Rechte wie Österreicher, Ungarn, Slawen, Italiker und Maori.

Die Ur-Ur-Urenkelin dieser Maria Theresia, Maria Sophia, wanderte nach dem Tanz mit raschen Schritten durch die Räume des Schönbrunner Schlosses, als ein orientalisch aussehender Mann mit kahlem Kopf und dünnem Schnurrbart ihren Weg kreuzte. Er trug einen smaragdgrünen, hochgeschlossenen Gehrock arabischer Prägung zu europäisch geschnittenen Hosen und weichen Stiefeletten. Ein asketisch wirkender, mittelgroßer Mann, dem dennoch die Glut und der Genuss am Leben aus den Augen leuchteten.

Hoheit?“, sprach er die Erzherzogin an. Die Stimme des Mannes klang samtweich, der Tonfall war höflich, aber nicht unterwürfig, seine Verbeugung angemessen, aber nicht devot. Maria verhielt in ihrem Schritt und reichte dem Fremden die Hand zum Kuss.

Wenn Sie mit mir tanz‘n wollen, bin ich gern dazu bereit! Aber erst, nachdem ich ein Glaserl Sekt bekommen hab! Oder besser noch zwei“, versprach sie.

Verfügen Hoheit voll und ganz über mich!“ Der Fremde verbeugte sich erneut elegant. „Wenn sich Euer Hoheit bitte erinnern wollen? Mein Name ist Ibrahim Muhamad Pascha, ich komme aus Konstantinopel im Auftrag meines Herrn, Sultan Abdülmecid, um Eurer Hoheit die besten Wünsche zu Ihrem Geburtstag zu überbringen.“

Aber selbstverständlich, Muhamad Pascha. Ich war durchaus erfreut und fühle mich sehr geehrt, dass Ihr Herrscher eigens einen Sonderbotschafter entsandt hat.“ Maria Sophia reichte Ibrahim ihre Hand, und der Osmane beugte sich darüber, um sie zu küssen. Dann bot er der Prinzessin den Arm.

Ich denke, ich kann mich daran erinnern, wo der Sekt steht, Hoheit“, versprach der Sonderbotschafter.

Dann sind Sie jetzt wohl mein Retter“, lachte Maria Sophia glockenhell auf. „Und bitte retten‘s mich doch, Botschafter!“

Der Lakai in der gelb-schwarzen Livree des Hauses Habsburg hatte die Tür zu dem Schreibzimmer der Regentin hinter dieser und dem Kardinal Erzbischof geschlossen. Néné wusste, dass niemand es wagen würde, sie jetzt zu stören. Es sei denn natürlich, das Schloss stünde plötzlich in Flammen oder ein Bote überbrächte eine dringende Katastrophenmeldung. Eine Kriegserklärung vielleicht oder etwas ähnlich dramatisches. Da die Regentin damit allerdings in den nächsten Stunden nicht wirklich rechnete, wandte sie ihr etwas herbes, aber trotzdem durchaus hübsches Gesicht ihrem Gast zu.

Mich würde interessieren, wem ein Erzbischof eigentlich seine Sünden beichten muss“, überlegte sie.

Begehe ich denn wirklich eine Sünde?“ Ferdinand Langer küsste innig die Hand der Regentin.

Noch nicht, meine liebe Eminenz!“ Nénés schlanker Zeigefinger strich über Langers Wange. „Aber ich hoffe doch, dass Sie es bald wieder einmal machen werden. Sie waren jetzt doch schon beinahe zwei Monate nicht mehr bei mir!“

Unverzeihlich, meine liebe Freundin!“ Der Kleriker zog Helene näher zu sich heran und küsste ihren Hals. Die Haare seines sorgfältig gestutzten Bartes kitzelten angenehm, während sein heißer Atem die Regentin wohlig erschauern ließen. Dann verirrte sich seine Hand unter das zimtfarbene Kleid Helenes und fand darunter, sanft über die hochwohlgeborenen Schenkel streichend, rasch und sicher das Delta der Venus, welches sich ihm wie von Zauberhand öffnete.

Dann sollten Sie mich ganz schnell wieder gnädiger stimmen, Ferdinand!“ Offensichtlich fanden die Handlungen des Klerikers die Zustimmung der Regentin, welche die erfahrene erzbischöfliche Hand mit sichtlichem Behagen gewähren ließ. „Und ich möchte feststellen, dass Sie durchaus auf dem besten Wege dazu sind“, schnurrte sie wie eine zufriedene Katze.

Es wird mir ein ausgesprochenes Vergnügen sein, meine liebe hoheitliche Néné. Soll ich ihnen denn vorher oder nachher die Beichte abnehmen und die Absolution aussprechen?“ Die Regentin von Kakanien entzog sich nun den Händen Ferdinand Langers. Sie setzte sich auf einen Tisch, hob ein schlankes Bein und legte dem Erzbischof den Absatz ihres Schuhes auf die Schulter.

Was hat es denn vorher für einen Sinn, mein lieber Freund?“ fragte Néné. „Frisch ans Werk, sündigen Sie zuerst einmal mit mir, und danach entsündigen Sie mich halt wieder!“

Aber teuerste, liebste Néné!“ Der Erzbischof streichelte das angebotene Bein und näherte sich dabei einmal mehr dem gelobten Land. „Für eine Absolution müssten Sie doch bereuen, tief und ernsthaft bereuen!“

Oh, ich werde schon bereuen, Ferdinand.“ Néné öffnete das Oberteil ihres Gewandes und entblößte ihren Busen. „Und wie ich bereuen werde. Ich bereue doch jetzt schon wie noch nie in meinem Leben. Und Sie werden mich jetzt sofort und auf der Stelle wie immer erlösen. Und mich danach wieder einmal segnen! Bevor Sie mir dann die Absolution erteilen.“

Dann werde ich eure Hoheit sofort erlösen“, lächelte Langer und öffnete seine Soutane. „Auf der Stelle, sofort und mit größter Freude!“

Durch die Gänge Schönbrunns gingen immer wieder Lakaien mit Tabletts voller Sektgläser, und man musste, falls man keinen von ihnen sah, nur einem anderen Diener zuwinken. Trotzdem konnten Minuten vergehen, bis man zu einem Glas Wein oder Sekt bekam. Maria Sophia und Ibrahim hatten einen der Diener mit Getränken gefunden, die Prinzessin nahm sich ein Glas, während Ibrahim um ein Glas Saft bat. Oder Wasser. Weil er Moslem war. Er hatte Glück, denn im Jahr 1889 war es zumindest in den Donaumonarchien nicht mehr unüblich, muslimische Gäste mit der gleichen Höflichkeit und Rücksichtnahme wie alle anderen Gäste zu bewirten. Nach Russland an den Hof des Zaren sollte der Sultan allerdings lieber keinen Moslem entsenden, sondern einen trinkfesten Mann.

Wie ist es denn so in der Türkei, Exzellenz“, fragte Maria Sophia im Plauderton, während sie auf den Fruchtsaft für den Osmanen warteten. Ibrahim Muhamad Pascha antwortete ebenfalls im leichten Ton.

Oh, es ist heute in Konstantinopel gar nicht mehr so anders als in Wien, Hoheit. Auf dem Land außerhalb der Städte gibt es aber leider immer noch eine Menge Armut. Mein Herr arbeitet bereits daran, hier Abhilfe zu schaffen, doch – es geht bedauerlicherweise nicht sehr schnell! Auch an der Modernisierung unseres Landes ist er durchaus interessiert! Er möchte nicht nur Technik kaufen, sondern auch die Jugend dazu bringen, sich im Ausland zu bilden.“

Nun, das ist ja doch durchaus erfreulich!“ Maria Sophia trank wieder von ihrem Sekt, stellte ihr leeres Glas beiseite und hob die Arme. „Wenn Sie jetzt wünschen, Exzellenz?“

Ach, wir plaudern doch gerade so schön, Hoheit“, bat der Botschafter statt dessen. „Wollen Hoheit mich nicht vielleicht lieber auf den Balkon begleiten?“

Ach, Sie sind ja ein ganz ein kecker Mann“, lächelte die Erzherzogin und ließ ihre Arme wieder sinken „Aber ja, gern, geh’n wir halt ein Sprüngerl hinaus!“ Maria nahm den angebotenen Arm und ließ sich auf die Terrasse führen. „Joshi, bring‘ er uns zwei Gläser und ein Flascherl von dem Sekt hinaus, ja“, wandte sie sich unterwegs an einen der Diener in Livree, der sich tief verbeugte. „Und noch einen Krug von dem Apfelsaft für den Botschafter!“

Selbstverständlich, Hoheit!“ Nach einer tiefen Verbeugung machte der Diener kehrt und entfernte sich.

Von dem Balkon vor dem großen Saal in Schönbrunn hatte man einen guten Ausblick auf den derzeit schneebedeckten Neptunbrunnen, den jetzt tief verschneiten Park und den von der Gloriette gekrönten Hügel. Zwei symmetrisch angelegte und jetzt im Winter von der Dampfheizungsanlage des Schlosses angenehm gewärmte und schneefrei gehaltene Zick-Zack-Wege führten zu dieser Säulenhalle hinauf. Der Wandelgang hatte keine praktische Funktion und sollte nur die Glorie der Habsburger verkörpern. Seit einigen Jahren wurde das Gebäude des Nachts von starken elektrischen Scheinwerfern in wechselnden Farben beleuchtet. Das Vaporid, `49 von Nikolaus Novacek in seinem Chemielabor erfunden, heizte die Dampfkessel billig und ohne übelriechenden Qualm und produzierte über eine Turbine auch elektrischen Strom. Dank der Erfindung des kroatischen Technikers und Erfinders Nicola Tesla mit leicht über große Strecken übertragbarem Wechselstrom. Beinahe ganz Wien war bereits an eines der Dampfheizungs- und noch mehr Haushalte an ein Elektrizitätsnetz angeschlossen. Die Stadtbahn fuhr bereits seit geraumer Zeit mit Dampf den Wienfluss entlang von Hütteldorf bis zum Donaukanal, der früher einmal der Hauptarm des Flusses gewesen war. Im Auftrag des Kaisers war jedoch einer der Nebenarme verbreitert und begradigt worden, um den Frachtverkehr mit den großen Schub- und Zugverbänden auf der Donau zu erleichtern. Der Architekt und Künstler Otto Wagner legte am Unterlauf des erwähnten Wienflusses außerhalb der Ringstraße gerade einen großen Stadtpark mit Musikpavillon, Kaffeehaus und verschlungenen Spazierwegen zwischen ausgedehnten Blumenbeeten, Rasenflächen und auch Bäumen an. Sogar ein paar Teiche wollte er anlegen, der Herr Hofarchitekt.

Das ist wunderschön, Hoheit!“ Ibrahim Pascha bewunderte ganz offen die beleuchtete Gloriette. Durch verschiedene Farbfilter, welche vor die Scheinwerfer geschoben wurden, änderte sich das Bild in regelmäßigen Abständen. „Wirklich wunderschön. Erlauben Euer Hoheit, dass ich rauche?“

Aber natürlich, Exzellenz. Es spricht doch hier im Freien nichts dagegen! Nur drinnen hat’s die Frau Mama nicht so gern, wegen der alten Deckenfresken. Die sind g‘rad frisch renoviert, und da… Ah, danke Joshi! Stell‘ er’s nur da ab! Und bring‘ er uns doch eine von den… Ah, der junge Mann hat ja gut mitgedacht. Danke Joshi!“ Maria Sophia nahm aus einer Box einen hellen Zigarillo mit hölzernem Mundstück der Marke Cohiba aus Cuba und ließ sich vom Diener Feuer geben. Dann nahm sie von ihm auch einen warmen Pelzmantel entgegen und schlüpfte hinein, ehe ihr der Botschafter helfen konnte, der seinen eigenen Mantel anzog. „Wie Sie sehen, Exzellenz, bin ich dem Laster des Tabak selbst ein klein wenig verfallen! Aber der Kittel, den ich anhab’ ist so unpraktisch. Weil in all den Damenkleidern, so gut sie uns Frauen auch hoffentlich aussehen lassen mögen, sind noch immer keine Taschen eingenäht. Auch nicht für die allernötigsten Dinge, wir Damen sind da immer auf einen uns begleitenden Herrn angewiesen! Aber auch das wird sich noch ändern, Botschafter, Sie werden’s noch sehen. Und dann wird auch eine Dame ihr eigenes Rauchzeug und ihr selbst verdientes Geld selber bei sich tragen können!“

Ach, Hoheit sind eine Anhängerin der Suffragetten-Bewegung“, staunte Ibrahim.

Aber ja“, bestätigte Maria Sophia. „Warum soll‘n Frauen denn nicht auch wählen dürf‘n. Die Entscheidungen der Politiker betreffen sie doch auch mit!“

Das ist – eine recht revolutionäre Ansicht, Hoheit“, bemerkte der Botschafter. „Im Allgemeinen ist es doch so, dass die Frau das Haus bestellt, während der Mann sich um den Schutz und die Versorgung der Frau kümmern sollte. Und daher auch die Macht ausübt, weil er ja auch die Verantwortung trägt. Dazu hat Allah, der Schöpfer den Mann stark und, und, und die Frau schwach gemacht.“ Maria Sophia nahm einen tiefen Zug von ihrem Zigarillo.

Jetzt haben’s g’rad noch schnell die Kurve bekommen, Botschafter“, drohte sie ihm schelmisch mit dem Zeigefinger. „G‘rade wollten’s sagen, dass der Mann auch klüger als die Frau ist. Nun, die studentischen Erfolge an den Universität‘n, an denen auch Frauen studier‘n dürf‘n, besagen aber das Gegenteil!“

Das klingt fast so, als wollen Hoheit gar nicht heiraten und sich beschützen lassen!“ Ibrahim Pascha klang einmal mehr erstaunt, Maria Sophia lachte lauthals.

Ich glaub’ fast, man müsst’ eher so einen potentiellen Angreifer vor mir schütz‘n. Gehen würd’ so ein Fallot4 zumindest eine Zeitlang nicht können! Wenn er überhaupt je wieder aufstehen könnt!“ Sie betrachtete ihre schlanken, Hände, ihre langen, sorgfältig manikürten und in leuchtendem Scharlach bemalten Fingernägel. „Glauben Sie’s mir, ich kann schon ganz kräftig zu- und wenn nötig auch durchgreifen, Botschafter! Obwohl meine Händ’ nicht so ausseh‘n, in die dünnen Fingerln steckt schon eine Menge Kraft.“

Ibrahim verbeugte sich. „Ich zweifle ja gar nicht daran, Hoheit. Ich habe schon von Ihren Heldentaten gehört! Vielleicht sollte ich lieber Sie heiraten und mich dann von Eurer Hoheit beschützen lassen!“

So gefährlich leben’s also zu Hause, Exzellenz? Wie aufregend! Erzählen Sie doch weiter, bitte.“ Vergnügt plaudernd schritten die beiden durch den diskret beleuchteten Schönbrunner Schlosspark, vorbei an einigen anderen flanierenden Paaren. Immer wieder trennten sie die Paare kurz, wenn die Erzherzogin in Sicht kam, die Herren verneigten sich, die Damen knicksten und die Offiziere in Uniform standen stramm und salutierten.

Ach, Lisi. Amüsierst dich gut?“ Als sie das untere Ende der Treppe erreichten, sprach die Prinzessin eine junge Frau an, welche erst vor wenigen Minuten an ihnen vorbeigekommen war. Sie war relativ klein und zierlich gebaut, ohne ausladende Körperformen und hatte lackschwarze, glänzende Haare. Der leicht orientalische Schnitt ihrer Augen und der volle Mund verliehen ihr etwas ungemein apartes, das auch der Offizier der schnellen motorisierten Truppen in ihrer Begleitung zu goutieren schien. Zumindest, wenn man die Intensivität seiner Küsse als Maßstab nehmen wollte.

Danke, ja, Majestät!“ Die Frau machte den obligatorischen Hofknicks, der Mann salutierte. „Der Hauptmann und ich wollten eben – wir stehen selbstverständlich zu eurer Majestät Verfügung.“

Alles gut, Lisi. Beruhig dich. Ich möchte‘ dir nur den Sonderbotschafter des türkischen Sultans, Herrn Ibrahim Muhamad Pascha vorstell‘n. Botschafter, diese Dame ist die Baronesse Elisabeth von Oberwinden, meine beste Freundin.“

Botschafter, es ist mir eine Ehre!“ Elisabeth reichte dem Orientalen die Hand, der sie formvollendet küsste.

Gleichfalls, Baronesse. Und ein großes Vergnügen.“

Hoheit, Botschafter.“ Mit einer eleganten Handbewegung ihrer schmalen Hand wies Lisi auf ihre Begleitung. „Hauptmann Giuseppe Graf Tartanetti aus Padua.“

Majestät, Botschafter!“ Der Italiener mit dem langen, dünnen Schnurrbart salutierte schneidig. „Jederzeit zu Diensten ihrer Hoheit!“

Stehen’s bequem, Hauptmann“, grüßte Maria Sophia zurück. „Weitermachen! Und viel Spaß noch, Lisi!“ Die Prinzessin und der Botschafter schritten weiter, und Lisi blinzelte ihrer Freundin noch fröhlich lachend zu, ehe sie sich wieder dem Hauptmann zuwandte.

Wir sollten jetzt gehen, ehe wir ihre Majestät aus den Augen verlieren, Baronesse!“ Giuseppe bot Elisabeth den Arm, die nahm ihn gerne und lehnte den Kopf an seine Schulter. Wie ein flanierendes Liebespaar wandelten sie den linken Weg zur Gloriette hinauf, unauffällig immer der Prinzessin nach.

Es ist angenehm, dass das Evidenzbureau einen feschen Mann g’schickt hat, der in Uniform eine gute Figur macht“, plauderte Elisabeth, scheinbar nur auf ihren Galan konzentriert. Der sie ab und zu vor sich zog und küsste, vielleicht auch schon das eine oder andere Mal mehr, als es eigentlich für seine Aufgabe notwendig gewesen wäre. Nicht, dass Elisabeth es gestört hätte. Manchmal konnte die Pflicht eben auch durchaus Spaß machen. Der Name, der Dienstgrad und die Herkunft des Hauptmannes waren echt, die Uniform stand ihm eigentlich nicht zu. Hauptmann Tartanetti hatte von Motorgeschützen etwa so viel Ahnung wie eine Kuh vom Segeln, und wenn er ehrlich sein sollte, seine Herkunft war eine bürgerliche. Gutbürgerlich zwar, aber von Adel keine Spur. Er kam vom Nachrichtendienst des Auswärtigen Amtes.

Das Evidenzbureau besaß verständlicherweise keine eigene Uniform, hatte aber von allen Waffengattungen welche zur Verfügung. Denn es war der Spionage- und Gegenspionagedienst der Donaumonarchien. Und selbstverständlich auch zuständig für den Schutz der allerhöchsten Familie. Elisabeth ihrerseits war tatsächlich die Tochter des Barons von Oberwinden und seiner Gemahlin, welche er während eines auswärtigen Auftrages in Japan kennengelernt und geheiratet hatte. Daher stand ihr der Titel einer Baronesse rechtmäßig zu, und bisher hatte auch niemand Anstoß daran genommen. Yoshiko Hashamoro Baronin von Oberwinden beherrschte einige Kampftechniken, mit und ohne Waffen, sie konnte problemlos völlig lautlos einem im Vergleich zu ihr doppelt so großen und starken Mann das Leben nehmen. Diese Künste hatte sie an ihre Tochter weitergegeben, und im Evidenzbureau hatte man Elisabeth Mitsoku den Umgang mit Schusswaffen beigebracht. Von der Reiterpistole mit Steinschloss über verschiedene Revolver bis hin zu modernen Repetiergewehren. Und Fräulein Oberwinden war zwar wirklich die beste Freundin der Erzherzogin Maria Sophia, gleichzeitig aber auch ihre omnipräsente Leibwächterin. Mit Wissen und Einverständnis der Prinzessin natürlich. Vorhin hatte die Baronesse mit einem Codewort versichert, dass alles in Ordnung sei und sowohl sie als auch der Hauptmann auf Posten waren. Jetzt folgten die Baronesse und der Hauptmann Maria Sophia und Ibrahim Pascha. Ab und zu hörten sie auch etwas von der Unterhaltung mit.

Ach, als hoher Beamter in Stambul lebt man auch nicht viel gefährlicher denn als Etappenoffizier beim Train der österreichischen Armee“, nahm Ibrahim Pascha scherzend das Gespräch wieder auf, während sie weiterschritten.

Ja, ich versteh’ ihre Anspielung durchaus, Botschafter“, bestätigte die Erzherzogin achselzuckend. „Aber, was hätt’ ich denn sonst tun soll’n? Einfach zuschauen? Da kennen’s mich aber schlecht.“

Wie ist es denn eigentlich dazu gekommen, Hoheit“, fragte der Sonderbotschafter.

Haben’s ein bisserl Zeit?“ fragte Maria Sophia. „Weil, jetzt müsst’ ich vielleicht ein wengerl ausholen. Sie wissen doch, dass Victor Emanuel – oder auf italienisch Vittorio Emanuele und so weiter ursprünglich aus Mailand gekommen ist und König von Sardinien-Piemont war?“ Maria schwieg kurz, und Ibrahim war stehen geblieben und betrachtete angelegentlich den Neptunbrunnen. „Seine Anhänger hab’n damals eine Menge Krawall g’macht“, fuhr sie fort. „Italien den Italienern. Und VERDI – Vittorio Emanuele Re d’ Italia haben’s bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit gebrüllt. Also, hat der Herr Großpapa eine Volksabstimmung durchführen lass’n.“

Ungewöhnlich für einen Herrscher“, staunte der Pascha einmal mehr. „Das Volk könnte sich doch anders als erhofft entscheiden!“

Nun, mein Großvater Franz Karl hat damals gerade seine Reformen g’macht mit Parlamenten und allem Drum und Dran. Geh’n wir weiter?“

Natürlich, Hoheit, gerne!“, bot der Osmane Maria Sophia wieder den Arm. „Trotzdem blieb es ein Risiko. Die Italiener hätten patriotischer als gedacht gewesen sein!“

So zerstritt‘n, wie die winzigen Reiche und Stadtstaaten untereinander war’n?“, lachte die Erzherzogin auf. „Unwahrscheinlich. Und mein Onkel Ferdinand Maximilian hat als Generalgouverneur von Transalpien ja auch gute Erfolge g’habt, der hat vielleicht red‘n können. Jetzt ist er Kaiser in Mexico. Na gut, auf jeden Fall, Savoyen, das Piemont, Parma, die Lombardei und Venetien haben sich für Österreich ausgesprochen und sich neue Könige gewählt. Oder im Fall’ von Venedig halt wieder einen Dogen. Sardinien wollt’ lieber italienisch sein, warum auch immer, vielleicht aus Treue zu ihrem Re Vittorio. Trotzdem war es eine veritable Blamage für den VERDI, aber er ist halt trotzdem weiter nach Süden `gangen und ist dort wirklich König vom restlichen Italien südlich vom Po g‘worden. Und dann ist er Mitte 1878 g‘storben und der Umberto, sein Sohn, hat beschlossen, dass Venetien, die Lombardei und der ganze Rest auch zu Italien g’hören. G’hören müssen! Und dass er sein Willen mit seine Soldaten durchdruck‘n kann.“ Maria Sophia breitete ihre Hände aus. „Die Lombarden und Venetier hab’n rechtzeitig Wind von der Sach’ bekommen, das Militär in Wien verständigt und die k.u.k. Bundesarmee hat mobil g’macht. Wir haben natürlich seit der Abstimmung 1866 ein paar Grenzfestungen am Po ab Piacenza und dann nach Genua gebaut. Dort ist auch das Hauptquartier für den westlichen Festungsgürtel. Und dort waren auch jede Menge Konservendosen für den Ernstfall eing’lagert. War alles natürlich nicht ganz billig, aber bei den Ambitionen von dem Victor halt auch nötig.“

Sie, also die Armeeingenieure, haben damals die alten Festungen stark modernisiert, habe ich gelesen“, warf Ibrahim Pascha ein. „Und die österreichische Armee hat dort vor allem Mörser installiert.“

Ja, schon. Und natürlich auch die damals ganz neuen schweren Granatwerfer. Gegen eine anrückende Infanterie mit Feldartillerie sind Steilfeuergeschütze mit Luftschiff‘n als Beobachter und Einweiser unschlagbar. Da genügen einige wenige Kanonen für Direktfeuer, also haben wir auch Haubitzen stationiert, die für Flach- und Steilfeuer gleich gut geeignet sind. Und der Italiener hat `78 ja noch keine Landkreuzer g’habt. Die Werner-Dampfturbinen von 1854 waren auch 24 Jahre nach der Erfindung noch immer höchstes militärisches Geheimnis. Nur mit den Deutschen 1972 im Austausch für den Kortwitz-Stahl geteilt. Damals hat die österreichische Armee auch gerade erst damit ang’fangen, mittlere Artillerie oder Revolverkanonen aus British Amerika auf Dampflaster zu montieren. Auf die 580er und die 680er von Steyr. Die war‘n als Unterstützung für die schwer g’panzerten, aber auch fürchterlich schwerfälligen Sturmgeschütze mit Kalibern bis zu 20 Zentimetern gedacht. Die war’n zu der Zeit halt noch nicht mit der leichten Verbundpanzerung aus verschiedenen Schichten Kortwitz-Stahl ausg’stattet. Damals waren es noch einfach Platten aus normalem Stahlguss. Die wenigen neuen Burstyn-Motorgeschütze mit Drehturm aus kristallinem Stahl waren ja erst in Wien, Budapest und Prag stationiert. Am Anfang ist der Kortwitz-Stahl halt überwiegend an die Werft‘n `gangen, für Luft- und Flugschiff‘.“

Diese Idee mit den Kanonen auf Lastkraftwagen hat sich ja sehr bewährt“, bestätigte der Osmane. „Ich denke da zum Beispiel an das Muli, dass wie der 680er DLKW ein Exportschlager wurde. Auch die osmanische Armee hat einige davon im Dienst.“

Ja, damit hab’n unsere schnellen Eingreiftruppen ang’fangen“, bekräftigte Maria. „Aber wie g’sagt, die VERDIs hab’n noch keine `panzerten Vehikeln g’habt, der Umberto hat sogar noch auf Lanzenreiter g’setzt. Im Jahr 1878! Aber g‘rade deswegen war‘n die Festungen eben so stark auf weitreichende Steilfeuergeschütze ausg’legt. Und unsere Mörser, Haubitz‘n und Granatwerfer hab‘n im Durchschnitt halt um zwei, drei Kilometer mehr Reichweite g’habt wie die von den Welschen. Die Bunker aus Stahlbeton von denen hinter ihrer Grenz’ waren zwar wirklich gut, aber bis zu uns haben’s mit ihre veralteten Kanonen dann doch nicht g’schossen. Unsere aber schon bis zu ihnen.“ Maria Sophia blieb stehen und schloss die Augen. „Haben Sie schon einmal gesehen, wie eine Kavallerieescadron aussieht, wenn eine Salve 6 Zentimeter Splittergranaten in ihrer Nähe explodiert? Wünsch’n Sie sich’s nicht, Botschafter. Nicht, wenn Sie Wert auf guten Schlaf legen!“ Heftig sog sie an ihrem Zigarillo und inhalierte tief.

Oh, ich weiß es, Majestät. Und ich gebe ihnen durchaus recht“, flüsterte Ibrahim. Dann schwiegen beide einige Minuten.

Na gut. Sie wollt‘n ja wiss‘n, warum ich damals so fuchtig worden bin“, fuhr die Erzherzogin tief durchatmend fort und ging weiter, notgedrungen folgte der Botschafter wieder ihren Schritten. „Da komm‘ ich also damals `78 mit der KAISERIN SOPHIE, dem Luftschiff von meinem Herrn Papa, zu einem Besuch ganz vorn‘ an die Front nach Piacenza, wo die Grenze vom Po weggeht und zuerst dem Fluss Trebbia nach Südosten folgt und dann über Bobbio und Ottone nach Genua geht. Und was seh’ ich? Dass die Soldaten des Kaisers hungern, weil nicht genug Furage5 vorhanden ist. Obwohl der Herr Großpapa im Einverständnis mit dem Völkerparlament ausreichend dafür bezahlt hat! Der Oberstleutnant vom westlichen Abschnitt hat, wie er die Bastionen übernommen hat, leere Vorratsräume vorg’funden. Die einheimischen Besatzungen der Festungen hab’n erzählt, dass einige DLKW vorg’fahren sind, und Soldaten hab’n die Büchsen eing’laden und mitg’nommen!“

Einfach so“, fragte Ibrahim ungläubig.

Nein, nicht einfach so, verdammt”, fluchte die Erzherzogin laut. „Sie haben schon einen Befehl vorg’legt. Aber weder den Oberst, der unterschrieben hat, noch die Einheitsabzeich‘n auf den Fahrzeugen war’n in irgend welchen Listen verzeichnet! Und dann hat halt der Vorrat hinten und vorn’ nicht g’reicht. Obwohl der Oberstleutnant von Frankwarth die Sonderrationen für die Offiziere verteilen hat lassen und auf eigene Kosten das Inventar noch ein bisserl aufg’stockt hat.“

Das kommt aber nicht oft vor“, wunderte sich der Osmane.“

Nein, leider, eher kommt das Gegenteil vor”, stimmte Maria zu. „Aber der Frankwarth wollt’ seinen Abschnitt um jeden Preis halten. Egal um welchen, er hat nach Möglichkeit sogar auf der ander’n Seite der Grenze bei den Italienern fouragiert. Aber er hat auch nicht unbegrenzt zuschießen können, die Welschen haben ihren Train immer besser bedeckt, also hat er schließlich eine Eingabe direkt beim Kaiser g’macht. Und weil der Herr Großvater halt schon ziemlich krank war, bin ich statt seiner hing’fahren. Und dann war alles klar. Was nützen die besten Kanonen, wenn’s keiner bedient?“ Wütend warf Maria Sophia den Stummel ihres aufgerauchten Zigarillos in den Schnee neben dem Weg. „Unsere Soldaten haben trotz halber Ration die Front g’halten, und es gab kaum Deserteure. Viele von denen hätten sich geweigert, den Italienern einen Gegenbesuch zu machen, aber es war für sie ein unerträglicher Gedanke, die Reformen vom Kaiser Franz Karl wieder aufzugeben. Und ihre lokalen Kameraden im Stich zu lassen. Da war ich schon ziemlich stolz auf unsere Leut’!“

Nun, das verstehe ich!“ Auch Ibrahim warf den Stummel seines Zigarillos von sich.

Sie rauchen einen guten Tabak, Botschafter. Eine ziemlich sanfte Beizung, wenn ich mich nicht irre!“

Es ist bestes Virginiablatt, Hoheit. Darf ihr ihnen eine anbieten?“ Der Pascha griff in seine Tasche, doch die Prinzessin winkte ab.

Später, Botschafter. Ich werd’ darauf zurück kommen. Ganz bestimmt!“ Sie warf einen Blick zurück zu den beleuchteten Fenster des Schlosses Schönbrunn. „Wie das ganze Schlamassel g’sehen hab, da hab ich nach meiner Rückkehr nach Wien halt einmal die Vorräte von den Wiener Kasernen geplündert und ein paar Luftschiffe mit Notverpflegung losg’schickt. Haltbarnahrung halt, aber für die ersten Probleme gerade einmal ausreichend. Danach bin ich der ganz‘n Sache penibel nach’gangen. Mit ein paar Finanzern und – einem fähigen Agenten. Wie ich dann endlich g’wusst hab’, wo die Mittel versickern und wer das Gerst’l6 einstreicht, hab’ ich eben gehandelt. Ich bin ins Heeresbeschaffungsamt gekracht und hab’ einmal aufg’räumt mit den G‘schi… – den Gfrastern7. Also den Pülchern8, den, den, na den Verbrechern halt!“ Prinzessin Sophia war so richtig in Rage geraten und verfiel noch mehr als sonst in den volksnahen Dialekt, der Diebstahl an den Soldaten regte sie immer noch auf. Jede Ungerechtigkeit, besonders Hilflosen gegenüber, war ihr ein absolutes Gräuel. Ein Glück, dass der Orientale mit dem Wiener Dialekt ein wenig vertraut war.

Ich habe gehört, Hoheit haben sich eine Kompanie Infanterie besorgt und sind damit in das Haus von Oberst Graf von Walmstetten gegangen, wo der damalige Leiter des Beschaffungsamtes gerade mit seinen engsten Mitarbeitern dinierte.“ Ibrahim bückte sich in hielt den Handrücken über den Weg. „Der Boden ist wirklich angenehm warm. Eine Dampfleitung unter dem Belag?“

Maria Sophia nickte. „Die Gloriette und der Weg dorthin sollen während eines Winterfestes begehbar sein, ohne die Schuhe umzuziehen. Aber bis zum Oberkörper reicht die Wärme dann doch nicht.“

Wie angenehm!“ Ibrahim richtete sich wieder auf. „Bei Oberst Walmstetten hätten Sie diesem zuerst mit einer schweren Bullenpeitsche Gesicht und Rücken zerschlagen, dann ihre Repetierpistole von Schönberger-Laumann an des Obersts Kopf gehalten und ‚An den Galgen mit den Verrätern!‘ gerufen! Ach, sehen Sie dort, Hoheit!“ der Osmane wies auf eine Burg aus Schnee in der Nähe des Weges. Maria lachte.

Da hat wohl Franz Rudolph wieder mit seinem Lehrer die Eroberung einer Festung geübt“, erklärte sie. „Mit vierzehn Jahren liefert man sich noch gerne Schneeballschlachten. Ganz egal, ob mit gleichaltrigen oder Erwachsenen! Übrigens, so ganz stimmt das nicht, wie Sie’s g’rad erzählt haben, Exzellenz!“ Immer wieder kamen Paare und Personen von der Gloriette herab oder schritten an ihnen vorbei nach oben.

So“, fragte Ibrahim Pascha erstaunt. „Man erzählte es sich aber landauf, landab! Und die Zeitungen haben damals sogar in Konstantinopel ausführlich über die Kadin Kahraman Prenses, die Princesse héroïne, die heldenhafte Prinzessin geschrieben!“

Glauben Sie doch nicht alles, was Sie in der Zeitung lesen, Botschafter!“ lachte Maria Sophia. „Es war nur ein Zug Infanterie unter einem Leutnant, den ich abkommandiert habe. Und eine Bullenpeitsche hatte ich auch nicht dabei. Es war doch nur eine Reitgerte, mit der ich dem Wallmstetten auch nicht mehr als zwei Mal in die Visage g‘schlagen hab‘. Jetzt dürfen’s mir so ein Zigarillo aufwarten, Herr Botschafter.“

Aber gerne, Hoheit!“ Ibrahim griff in die Tasche und klappte ein Etui auf. „Bitte, bedienen Sie sich!“ Rasch holte er auch Zünder hervor, und Maria Sophia paffte zufrieden, bis der Tabak ordentlich glühte.

Danke, Botschafter. Also, es war halb so wild. Ich hab’ dem Kerl zwei überbraten, weil der Trottel gar so herausfordernd und überheblich gegrinst hat, als brauchert er mich und meine Vorwürfe gar nicht wirklich ernst nehmen! Es war auch ein Nachbau vom Mannlicher in Steyr von einem Webley Ordonanzrevolver mit Kipplauf, den ich ihm an seine saublöde hohle Birn’ gehalten hab‘. Da hat’s im langsam dämmert, dass man ein Mitglied des Herrscherhauses ernst nehmen sollt. Auch wenn es erst 19 Jahre alt und ein Mädel ist. Ein schwerer Fehler, Botschafter. Man darf eine junge Frau halt nie unterschätzen, das haben schon andere mit ihrem Leben bezahlt. Der italienische Pirat Garillo zum Beispiel. Übrigens, es kann gar keine Repetierpistole gewesen sein, Schönberger-Laumann haben ihre erste halbautomatische Pistole doch erst drei Monate später fertig g‘stellt. Sie haben mir zwar wirklich die erste von der fertigen Waff’n geschenkt, aber halt erst später. Außerdem hab’ ich keinen Offizier an den Galgen geschickt, vorher hab ich ihm und seinen Haberern noch ihre unehrenhaften Entlassungen unter die Nas’n g’halten. Und das mit den Verrätern stimmt auch nicht so ganz!“

Nein? Hoheit haben nicht die Hinrichtung der Verräter durch den Strick anbefohlen?“

Nein, Botschafter!“ die Prinzessin nahm einen tiefen Zug von ihrem Zigarillo. „Ich hab’ die Hochverräter verhaften lassen und vor Gericht gebracht. Und wie der Wallmstetten Manderln mach’n wollt, hab’ ich einfach den Hahn vorg’spannt und den Revolver an eine strategisch bessere Stell‘ g’halten. Da hat er dann kuscht. Vielleicht hat er g’merkt, dass mir nichts ausg’macht hätt’, dass ich ihn mit einer Kugel kastrier’!“

Oh. Oh! Ich muss gestehen, ich hätte da auch aufgegeben, Hoheit. Welcher Mann denn nicht?“

Ich weiß nicht, Botschafter. Auf jeden Fall haben wir unsere Beweise dem Gericht vorgelegt, und das hat ihn dann verurteilt. Trotzdem denke ich, er hat sich selbst an den Galgen bracht. Niemand hat ihn gezwungen, unsere Soldaten zu bestehlen.“

Ich verstehe, Hoheit!“ Der Pascha strich sich über das glatt rasierte Kinn. „Aber als er gestohlen hat, war ja noch Frieden! Das ist doch ein Unterschied.“

Ja? Finden’s? Die Vorräte waren für den Ernstfall eing’lagert. Der dann auch gekommen ist. Ich kann auch der Feuerwehr ihre Pumpe nicht wegnehmen, weil’s ja noch nicht brennt! Nein, nein! Diese Fettwänste haben zu ihrer eigenen Bereicherung das Leben der Soldaten gefährdet. Sie haben damit die Armee des Kaisers geschwächt und so die Stabilität der Front auf’s Spiel g’setzt. Und mit dem Einbruch der Front auch die Eroberung und Besetzung österreichischen Gebietes in Kauf genommen! Sie hab’n die Lebensmittel der kaiserlichen Armee und dem österreichischen Volk gestohlen und auf dem schwarzen Markt wieder verdraht9. Das nenne ich aber so was von eindeutig Hochverrat“, stellte Maria Sophia kategorisch fest. „Sehr viel eindeutiger geht’s nimmer. Vielleicht, wenn die Verbrecher meinem Herrn Großvater eine Kugel in den Kopf g’jagt hätten. Aber sonst? Da fallt mir nicht viel mehr ein.“

Nun gut.“ Ibrahim hob seine Hände. „Ihr habt aber dann auch noch mit König Umberto von Italien einen Waffenstillstand ausgehandelt und die Soldaten an der Po-Front selber auch noch mit frischen Lebensmittel versorgt?“

Natürlich! Was blieb mir denn schon anderes übrig. Ich hab’ halt ein Dutzend Luftschiffe mit Nahrungsmittel beladen lassen und die Front auch noch durch frische Truppen verstärkt. All das so auffällig, dass die Italiener es auch richtig gut sehen konnten. Dann bin ich zu ihrem Botschafter in Bern g’fahren und hab’ gesagt, der Po soll von Osten her die Grenze sein, bis Cremona, dann nach Süden nach La Spezia an der Küste.“

Aber vorher war doch Piacenza – Genua der Grenzverlauf“, wunderte sich Ibrahim Pascha.

Na ja“, lächelte die Habsburgerin. „Ich konnt‘ halt den Botschafter und später in einem zweiten Gespräch wieder in der Schweizer Hauptstadt den Umberto als italienischen König davon überzeug‘n, dass unsere frischen, ausgeruhten und gut genährten österreichischen Soldat‘n die italienischen leicht besiegen könnt‘n, wenn schon halb verhungerte Truppen bis dahin Stand g‘halten haben.“

Hoheit können ziemlich hart durchgreifen!“

Was ist schon hart?“ Maria Sophia zuckte einmal mehr mit den wohlgeformten Schultern, leider war die Bewegung aufgrund des dicken Pelzes kaum sichtbar. „Mit meiner Aktion hab‘ ich ein paar Leben retten können. Unsrige und Welsche. Das war die paar hundert Gulden für Nahrungsmittel allemal Wert. Der Umberto hat eine Lektion verdient, weil er den Krieg anzettelt hat. Er hat ja nicht g’wusst, dass wir gar keine Pläne für einen Gegenbesuch g’habt hätten. Und wenn der Walmstetten nicht so unverschämt gierig g’wesen wär und sich mit ein paar Prozent begnügt hätt’, wär’n wir wahrscheinlich nie dahinter kommen. Die Gier ist ein Hund, sagt man bei uns.“

Ibrahim Muhamad rieb sich die Hände. „Ich hätte dem Beispiel Euer Majestät folgen und Handschuhe mitnehmen sollen! Es ist doch empfindlich kalt!“

Kommens, Botschafter, da ist ein kleines Salettl10, das ist g’heizt. Setzen wir uns halt ein wengerl aufs Bankerl da drin. Sonst hol’n Sie sich am End’ noch eine Verkühlung. Für Männer soll so ein Schnupfen ja eine ganz g’fährliche Angelegenheit sein. Hat man mir zumindest erzählt.“

Jetzt dürfen aber Hoheit nicht alles glauben, das Sie zu hören bekommt“, lachte der Sonderbotschafter. „Auch wenn es bei so manchem Mann zutreffen könnte. Ich werde ihnen jetzt aber keine Namen nennen, vielleicht kommen Sie ja noch einmal nach Konstantinopel.“

Aber ja, warum nicht“, nickte Maria beifällig. „Aber dann sollten ihre Landsmänner acht geben und nicht zu keck werden.“

Nun, Majestät rutscht wohl leicht die Hand aus?“

Manchmal!“ Die Prinzessin schlüpfte aus dem Mantel. „Jetzt wird’s mir zu warm in dem Pelz. Wo war’n wir? Ach ja. Nun, ich hab‘ einmal der Leiterin von einem Kinderheim den nackerten Hintern mit der Reitgert‘n versohlen müssen, weil sie einige Kinder bevorzugt behandelt und die anderen komplett vernachlässigt und hungern lassen hat. Seither sind immer zwei Leiterinnen für ein Heim zuständig, weil, nun ja, dass sich zwei Frauen bei so etwas verschwören, kommt selten vor!“ Sie hob ihr Sektglas. „Manchmal hat Stutenbissigkeit auch ihre Vorteile, Botschafter!“

Zweifellos, Hoheit. Ich muss gestehen, Euer Majestät haben mir jetzt Bilder in den Kopf gesetzt…“ Muhamad Pascha schüttelte lächelnd das Haupt. „Verstörende und gleichzeitig erregende Bilder!“

Ah geh!“ Maria hob eine Augenbraue und nahm einen tiefen Zug von ihrem geschenkten Zigarillo. „Wollen Sie vielleicht auch einmal meine Gert’n am blank’n spüren? Sollten wir uns dafür nicht vielleicht erst näher kennen lernen? Aber wenn Sie schon so drauf steh’n, ich besorg ihnen eine Adresse! Professionell und absolut diskret. Ich für meinen Teil brauch’ schon eine g’wisse Wut in mir, dass ich sowas mach!“

Nein, danke. Lieber doch nicht.“ Unwillkürlich griff der Pascha hinter sich. „Aber ich weiß von – nein, wir sprechen besser nicht weiter über dieses Thema.“

Ach so, Sie woll’n zuschau’n, wie eine Frau eine andere verdrischt“, hob Maria eine Braue. „Nun, jeder nach seinem Gusto, Botschafter. Ich bin mir sicher, auch dafür gibt’s irgendwo in Wien Proffesionistinnen.“

Sprechen doch wir lieber von etwas anderem, etwas schönerem. Zum Beispiel über ihr Krankenhaus und die Lebensmittelversorgung für die Unterstandslosen in Wien. Das ist ja doch auch eine ihrer Großtaten!“

Loben’s mich nur nicht zu viel, Botschafter! Ich könnt’ sonst noch glauben, Sie wollen doch was ganz Bestimmtes von mir!“ lachte Maria Sophia und betrachtete die Glut ihres Zigarillos, während sie den Rauch aus ihren Lungen blies.

Wäre das denn so schlimm, Prinzessin Maria Sophia?“ fragte der Orientale ernst. „In meinem Land bin ich immerhin ein Mann in sehr hoher Stellung!“

Maria Sophia drückte nach einem letzten Zug den Stummel ihres Zigarillos im bereitstehenden Aschenbecher der Laube aus. „Es wär’ nur dann schlimm, wenn Sie wirklich ernste Absichten hätten, Botschafter!“ Sie hob ihre Hand an seine Wange. „Sehen’s, ich bin schon lang‘, sehr lang’ nicht mehr das, was man halt so eine Jungfrau nennt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich war und bin keine keusche Frau, ich wollte und will immer noch auch meinen Spaß haben. Wenn’s mich jetzt also verführen wollen, dann – nun, sagen wir einmal, für einen Mann, den ich attraktiv finde, bin ich nicht unerreichbar.“ Sie nahm ihre Hand von seinem Gesicht und legte sie zart auf sein Knie. „Aber ich erwarte, dass der Mann ein le Parisienne mithat und es auch überstreift, wenn es soweit ist. Und ich verlange auch ein gewisses Maß an Sauberkeit. Aber eine Ehe? Nun, ich werde nur heiraten, wenn ich wirklich verliebt bin und mich der Mann auch von seiner Liebe überzeugen kann, meine wilde Vergangenheit hin oder her. Einen Mann, bei dem ich bleiben kann, wie ich nun einmal bin. Treu wär’ ich bis zu einem bestimmten Grad schon, solange er mich zufrieden stellt. Und damit ist nichts irgendwie Materielles gemeint. Ich bin und werde halt kein Hausmütterchen, das nur für die Wünsche und Bedürfnisse des Herrn Gemahl lebt. Es müsste schon ein Mann sein, der mich versteht, einer, der einsieht, dass es auch um meine Bedürfnisse geht, die befriedigt werden sollen. Sie, Botschafter, haben mir das noch nicht zu verstehen gegeben. Vielleicht, wenn wir uns näher kennen lernen und ihnen meine Vergangenheit wirklich nichts ausmacht, können wir darüber weiter verhandeln. Falls Sie mich wirklich lieben sollten. Mich persönlich, nicht die politische Person Prinzessin Maria Sophia.“

Ibrahim Pascha küsste die Hand der Prinzessin. „Dann werde ich in mich gehen, Hoheit, und mich selbst prüfen. Darf ich Sie vielleicht bis dahin zurück in den Saal begleiten?“

Ich bitte darum, Botschafter. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, Sie kennen gelernt zu haben!“

Ich mich auch, Hoheit. Vielleicht darf ich ihnen noch eines meiner Zigarillos anbieten, Prinzessin? Sie haben ja noch immer keine Tasche im Kleid!“

Ich werde Sie in mein Abendgebet einschließen, Botschafter!“ Maria Sophia zog ihren Mantel wieder an, nahm das angebotene Tabakröllchen, ließ sich Feuer geben und inhalierte genussvoll. „Wenn Sie überhaupt Wert auf das Gebet einer Katholikin legen!“

Kein Gebet ist verschwendet, wenn es aus tiefem Herzen kommt und ehrlich ist, Hoheit“, versicherte Ibrahim Pascha.

In der oberen Etage ordnete Helene, Regentin der Donaumonarchien und Herzogin in Bayern ihre derangierte Kleidung wieder.

Das Gewand ist heutzutage ja nachher leicht wieder in Ordnung zu bringen, aber die Frisur! Das dauert ohne Zofe ewig, bis die wieder halbwegs sitzt.“ Sie stellte sich vor einen Spiegel und steckte die sich während der letzten Minuten aus dem hochgesteckten Knoten gelösten Haare wieder auf. „Zum Glück kennt man mich immer nur leicht derangiert, sonst kämen die Leute vielleicht doch noch auf die richtigen Gedanken!“ Ferdinand Lager, Erzbischof von Wien, trat hinter Helene und küsste den Nacken der Regentin, während er seine Hände von hinten um ihre vollen, weichen Brüste legte. „Hast du noch immer nicht genug?“ Néné legte den Kopf nach vorne und genoss mit schwerer werdender Atmung die Liebkosungen. „Hast du denn überhaupt noch Zeit und Weihwasser genug im Pinsel für eine zweite Absolution?“ Sie hob ihre Augen, ihr Blick fiel aus dem Fenster. „Warte einmal, schau doch kurz aus dem Fenster. Ist das nicht Maria Sophia? Mit wem sie da wohl spazieren gehen mag?“

Es ist ein Orientale“, nuschelte Langer gegen ihren Nacken. „Das war doch der osmanische Sonderbotschafter!“

Ach ja, da kannst du durchaus recht haben.“ Néné betrachtete das Paar weiter, welches sich wieder dem Hauptgebäude des Schlosses näherte, bis es aus dem Blickfeld kam. Dann griff sie hinter sich an eine strategische Stelle. „Oh! Ja, ich glaube fast, da ist wirklich noch Weihwasser im Pinsel für einen Segen übrig!“

Auch im Ballsaal machte man sich so einige Gedanken über das Geburtstagskind. Manchmal sprach man, oder auch Frau, diese sogar aus.

Da ist sie jetzt mit dem heutigen Tag schon dreißig Jahre alt und noch immer nicht verheiratet!“ Die Gräfin von Mitternoch, eine knochige Frau Ende vierzig in einem knallroten Ballkleid, hatte ihr hageres Gesicht in besorgte Falten gelegt, konnte aber eine gewisse Häme nur schlecht verstecken. „Noch nicht einmal einen Verlobten kann sie vorweisen! Also, eine Frau sollt’ doch heiraten!“

Dås kommt dåvon, wånn mån sich gibt wie å Månn!“ die Gräfin Lautenhain versuchte gar nicht erst, besorgt zu wirken. Sie war mehr sechzig als fünfzig, man sah ihr aber eine gewisse, aber schon verblasste Schönheit durchaus noch an. Sie hatte ihre etwas zu üppigen Rundungen in ein violettes Kleid gezwungen, welches ihr nicht mehr stand und das Dekolleté faltig erscheinen ließ. Wie viele ehemals umschwärmte, aber mit restriktiven Regeln aufgewachsene Personen war sie neidisch auf die Freiheit der Jungen und daher bissig geworden. Außerdem war sie das lebende Standesdünkel. „Wie soll mån denn ån Månn åbkrieg’n, wånn mån ständig in solchenen Hos’n herumlauft und sich wie å Månnbild aufführt? Und sogår auch noch im Herr’nsåttel reitet!“

Die Prinzessin reitet wirklich im Herrensattel? In Hosen?“ Die Debütantin Sabrina von Mitternoch hatte im traditionellen cremefarbenem Ballkleid für Damen in der ersten Saison eine ätherische Ausstrahlung. Ihre Schultern waren schmal und ihr Ausschnitt nicht eben üppig gefüllt, aber sie war noch lange nicht so knochig und dürr wie ihre Mutter. Sie machte jetzt große, erstaunte Augen.

Lass’ dir bloß keine Dummheit‘n einfall‘n, Kind!“ wies die Gräfin Mitternoch ihre siebzehnjährige Tochter streng zurecht. „Der Joseph Graf von Lautenhain, den du nächstes Jahr heirat‘n wirst, ist ein ganz ein anständiger Mann. Ein echter Kavalier! Den kannst du doch nicht derartig brüskieren, indem du im Herrensattel sitzend mit ihm im Prater ausreitest! Unmöglich! Das bringert ja glatt eine riesige Schand‘ über unsere beiden Familien!“

Natürlich, Frau Mama. Ich war doch nur so fürchterlich erstaunt! Es fiele mir nicht einmal im Traum ein, mich öffentlich in solchen Hosen zu zeigen. Nicht einmal zu Pferd. Das alle Männer meine Schenkeln anstarren – also, ich müsste ja vor lauter Scham vergehen. Und ich würde ja wahrscheinlich auch gleich wieder vom Pferd herunter fallen, wenn ich es versuchen wollte!“ Sabrina legte ihre behandschuhten Fingerspitzen mit dezentem Schaudern an ihre Lippen.

Die Prinzessin soll ja sogar schieß‘n gehen. Also, nicht nur so ein bisserl mit irgend einer leichten Flinten in der Gegend herumknall‘n, sondern wirklich gezielt. Und sie kann auch noch besser treff‘n wie so mancher Kavallerist, hab’ ich g’hört!“ erzählte der Leutnant Graf von Niederstein-Sauberhausen in der mitternachtsblauen Attila mit goldenen Verschnürungen und Epauletten der Ausgangsuniform des fünften Motorgeschützregiments Kronprinz Franz Rudolph in dem typischen näselnden Tonfall den Schönbrunner Deutsches des österreichischen Adels.

Ja, bitte, das stimmt aber wirklich! Ich hab’ sie da einmal bei uns g’sehen, sie war auf dem Schießstand in der Fasangartenkaserne, wie wir auch unser Schießtraining mit scharfer Munition g’macht haben. Da konnten wir ihr zuschauen”, erzählte Leutnant Joseph von Artolshügel, er war von der Erzherzogin weit begeisterter als die Damen. Er trug die Galauniform der dritten Dragoner Ferdinand Maximilian, durchgehend rot mit goldenen Verschnürungen auf der Brust und schwarzem Fellbesatz an der über der linken Schulter befestigten Husarenjacke. „Also, da hat sie mit so einem endlos lang‘n Revolver mit einem riesigen Kaliber aus Britisch Amerika herum g’schossen. So einem, wo man noch für jeden Schuss extra den Hahn spannen hat müssen. Sechs Schuss, sechs Zehner, und genau so schnell wie viele von uns mit dem viel leichteren Mannlicher-Webley! Auf achtzig Meter! Wirklich alle sechs Kugeln direkt mitt‘n in die Scheiben, und bei die beweglich‘n Ziel’ war’s nicht schlechter oder langsamer. Voriges Monat haben wir ganz neue, halbautomatische Karabiner bekommen. Die hab’n jetzt ein Kaliber von 7,62 Millimeter, genau wie die Maxim-Gewehre. Man kann also die Munition von dem einen auch im ander’n G’wehr benutzen. Ganze achtzehn Patronen sind im Magazin, das vor’m Abzug sitzt und das Ding ist mit einem Pistolengriff ausg’stattet, also wirklich eine kommode Waff’n für uns motorisierte Dragoner. Also, was wollt‘ ich denn jetzt eigentlich erzählen? Ach so, ja, weiß schon wieder! Kommt doch unsere Erzherzogin, die Maria Sophia, wieder einmal zu uns auf den Schießstand, schnappt sich so eine von den neuen Flint‘n, und bäng, bäng, bäng! Was soll ich euch erzählen, nur 15 Sekunden, acht Zehner, zehn Neuner knapp an der Markierung in der Mitte. Murmelt die Prinzessin nur etwas von verziehen und einem schlecht eing’stelltem Visier vor sich her, schraubt ein wengerl herum, steckt ein neues Magazin auf, und diesmal schießt’s lauter Zehner! Immer noch in 15 Sekunden. Also, bis jetzt hat’s noch keiner von uns schlagen können.“

Mit unser‘m Oberstleutnant hat sie vor kurzem auf dem Fechtboden geübt!“ mischte sich Leutnant Franz Xaver Graf von Himmerlauf ein. Sein königsblauer Rock zu den schwarzen Hosen wies ihn als Infanterieoffizier aus, die drei goldenen Schnüre an der linken Schulter als einem Regimenter der Hoch- und Deutschmeister zugehörig. „Also, wirklich schwere Rapiere und Säbel. Der Oberstleutnant ist ja ein ganz formidabler Fechter, Landesmeister ist er vorig’s Jahr sogar g’worden. Aber sie hat’s ihm trotzdem nicht leicht gemacht zum g’winnen!“

Der Herr Papa hat uns erzählt, sie hat für unsere Truppen, die Neuhohenadlerstein und die Luftschiffhäfen in Africa sichern und beschützen sollen, neue, ganz leichte Uniformen aus Baumwolle entworfen!“ Sophia Anna von Planstein hatte rosa Bäckchen und machte in ihrem Debütantinnenkleid einen angenehmen und anziehenden Eindruck und zeigte sich von den Leistungen der Prinzessin vorsichtig begeistert. „Eine Bluse mit zwei Brust- zwei Hüft- und einer Oberarmtasche, Hosen mit zwei Oberschenkel- zwei Gesäß- und zwei Einschubtaschen vorne, in einer hellen Sandfarbe, dazu hohe, hellbraune Schnürstiefel und eine hellbraune Koppel, und so ein Tropenhelm dazu. Aus hellem Leder mit Schlitzen, damit die Luft zirkulieren kann und die Hitze damit besser auszuhalten ist!“

Wir auf den zwei groß‘n Māui – Inseln11 im Pazifik benutzen diese Anzüge auch als Felduniformen! Nur tragen wir sie in so einer matten grünen Farbe und dazu Hüte mit sehr breiter Kremp’n.“ Der Halbmaori Major Hubert Friedrich Fürst von Whakatane wies auf seinen dunkelolivgrünen Uniformrock zu ebenso gefärbten Hosen und nippte dann an seinem Sekt. „Im Dienst halt nur ohne dieses ganze Lametta auf der Brust und den Schultern. Und ich sag ihnen, besonders jetzt im Hochsommer, wenn es wirklich heiß wird, sind diese leichten Blusen und dünnen Hosen bei weitem besser und angenehmer zu tragen als die alten wollenen Kleidungsstücke. Dadurch bleiben wir einfach länger einsatzfähig, und das ist in einem Gefecht schon eine Menge wert. Und die vielen Taschen sind wirklich praktisch!“

Zu wås brauch‘n Soldåt’n denn nur so viele Tåsch‘n?“ winkte die Gräfin Lautenhain echauffiert ab. „Å Soldåt braucht nur sein Gewåffen und die Munition dazu, vielleicht noch å Deck’n und å Schaufel. Wånn’s mehr håb’n, wolln’s immer noch mehr, und dånn ist der gånze Pallawatsch auch schon då! Dås sieht mån doch bei die Årbeiter, jetzt woll’n die schon tåtsächlich å fünfeinhalb Tågewoch’n. Unvorstellbar! Ich mein, wo soll denn sowås noch enden? Den Sonntåg håben’s doch eh jetzt schon gånz frei. Und diese bayrische Trutsch‘n von Regentin wird der Forderung båld auch noch nåchgeb’n, ihr werdet’s schon seh’n, denkt’s nur an meine Wort‘!”

Dann woll’n die Dienstmäd’l ja vielleicht gar auch noch einen zweiten halb‘n Tag frei?“ Die Baronin von Artolshügel erschrak und war stark besorgt. „Wer soll denn dann am Wochenend’ kochen und servieren?“

Und vielleicht wollen die Stubenmädel dann gar auch noch extra etwas dafür bezahlt krieg‘n, wenn‘s den gnädig‘n Herrn wieder einmal im Gemächt juckt und die Gnädigste g‘rade ihre Migräne hat! Oder wenn der junge Herr, der noch kein eigenes Pupperl g’funden hat, einen Notstand hat“, lachte der junge Leutnant von Artolshügel auf. „Und vielleicht sogar noch dazu, dass man’s zumindest finanziell abfindet, wenn’s schwanger vom Dienstherr’n wird und man sie nicht mehr so mir nichts, dir nichts einfach mit ihrem dicken Bauch an die Luft setzt!“

Leutnant!“ rief Sophia Anna von Planstein tadelnd mit böse funkelnden Augen. „Es sind hier immerhin einige junge Damen von untadeligem Ruf anwesend!“

Die offensichtlich schon Bescheid wissen über das was ich g’sagt hab’, Fräulein! Denn sonst würden Sie sich ja nicht so über meine Worte aufreg‘n“ bemerkte der Leutnant. „Cher Mama, ich denke, ich empfehle mich jetzt besser, bevor ich dich noch weiter vor deinen Freundinnen in Verlegenheit bringe!“

Dieser vorlaute Lümmel!“ echauffierte sich die Gräfin Mitternoch und schimpfte dem sich entfernenden jungen Mann nach, der seine Ohren aber scheinbar auf Durchzug gestellt hatte. „Also, unter unser’m Kaiser Ferdinand selig hätt’s so was aber mit Sicherheit nicht gegeben!“

Eine andere Gruppe hatte sich in der Nähe der Verandatür eingefunden und beobachteten, wie Maria Sophia und Ibrahim Muhamad Pascha von ihrem Spaziergang wieder zurück kehrten und den Ballsaal betraten.

Wås håt unser Prinzessin denn so lång mit dem Türken da draußen g’måcht?“ Die Gräfin Josepha von Lechwart war in einer gewagten scharlachroten Robe zum Fest gekommen. Ihr voluminöser, weißer Busen und das ebenso große Hinterteil wurden vom Stoff kaum mehr gebändigt, sie hätte besser ein lockeres Kleid statt des engen wählen sollen.

Also, ich hoffe, sie hat das getan, was Sie glauben, Frau Gräfin. Und ich hoffe noch mehr, es hat ihr ordentlich Vergnügen bereitet.“ Die junge Gräfin Brigitte Mkono’Laini trug nicht das für Debütantinnen übliche pastellfarbene Kleid, sondern ein enges Gewand in der gleichen Ockerfarbe, mit welcher sie auch ihre Haut bemalt hatte. Und natürlich zeigte sie sich in der traditionellen Frisur einer ledigen Himba-Frau und dem Halsschmuck aus Holz. Die Himba und Herero hatten sich in den nicht ganz 200 Jahren gut in die Kultur von Neuhochadlerstein eingebracht und stellten gemeinsam rund zwei Drittel des Adels und der Einwohner dieses Landes. „Ich zumindest hätte mir einen derart gut bestückten Mann nicht entgehen lassen,“ fuhr die groß gewachsene schlanke Afrikanerin fort.

Aber Bibsi! Wie kannst du denn nur…“ Die Debütantin Gräfin Friederike Lechwart, welche nicht so groß war, aber bei der Verteilung von Busen und Po gleich zweimal ‚hier’ gerufen hatte, tat schockiert.

Oh, entschuldigen Sie, meine Damen. Ich vergaß, in Europa spricht man nicht darüber“, erschrak die Afrikanerin. „Vor der Hochzeit darf eine Frau hier ja noch nicht einmal wissen, das es so etwas gibt. Und natürlich auch nicht darüber sprechen!“

Fipsi, jetzt beruhig dich doch wieder!“ Die Baronin legte ihrer Tochter die Hand auf die Schulter. „Es sind jå eh keine Månder då, ålso können wir reden, wie uns der Schnåbel g’wachsen ist!“

Und die Bibsi hat ganz recht.“ Kichernd nahm Gräfin Terezia ‚Tipsi‘ Polezajiců, die dritte im Bunde der Freundinnen, kein Blatt vor den Mund. „Oder hast du vielleicht gar nicht gesehen, wie gut gefüllt die enge Hose von dem Botschafter war?“

Nicht gånz so laut, Tipsi”, beschwichtigte Josepha von Lechwart. „Und jå, Bibsi, ich hoff’ auch, sie håt ihren Spaß g’håbt. Vorher, dås wår einfåch der blånke Neid. Ein paar Jåhr jünger sollt mån hålt sein, dånn hätt man hålt noch Chancen bei einem solchen Gustostückerl von Mann!“

Aber Mama! Was ist mit Papa?“ Friederike Lechwart schaute ihre Mutter mit großen Augen an.

Dein Herr Papa is net då, Fipsi. Und solang’ ich nur träum’, nehm‘ ich ihm jå auch nichts weg“, lächelte die Baronin. „Ich bin ihm genau so treu wie er mir!“

Außerdem ist das doch ganz allein eine Sache zwischen dem Graf und der Gräfin, Fispi!“ Brigitte, Friederike und Terezia besuchten die gleiche Klasse im renommierten Mädchengymnasium am Rennweg in Wien. Sie bewohnten auch im Internat das gleiche Zimmer und hatten sich dort rasch angefreundet. Nach dem ersten Semester waren sie bereits unzertrennlich, und wenn die Gräfin von Lechwart ihre Tochter besuchte oder über das Wochenende mit nach Hause nahm, lernte sie auch die Afrikanerin und die Böhmin kennen. Bald nahm die großherzige mütterliche Gräfin von Lechwart die beiden Freundinnen ihrer Tochter ein wenig unter ihre Fittiche und führte ihre Schützlinge in die Wiener Gesellschaft und bei Hofe ein, wo zumindest Brigitte mit ihrem blendenden Aussehen einiges Aufsehen erregte. Und mit der Absicht, Veterinärmedizin zu studieren. Josepha von Lechwart besorgte für die siebzehnjährigen jungen Damen sogar eine Einladung zum ersten Ball der Saison. Dem Geburtstagsball der Prinzessin.

Ach, ihr zwei…“ Eine männliche Stimme unterbrach Friederike.

Excuse-moi Madame, Mademoiselles.“ Der Mann in der roten Dragoneruniform verneigte sich und wandte sich dann an die Gräfin. „Je m’appelle Sous-Lieutenant Baron Joseph Artolshügel. Puis-je demander à être présenté aux jeunes femmes12?“

Natürlich, Baron. Mes Demoiselles, ich dårf euch den Baron Artolshügel vorstell‘n, Leutnant beim dritt‘n Dragonerregiment Ferdinand Maximilian. Baron, diese junge hübsche Dame in kräftig ockerfarbenen Kleid ist Gräfin Brigitte Mkono’Laini aus Thruckenforth in Neuhochadlerstein, dieses nette Mädchen in der champagnerweißen Robe ist die Gräfin Terezia Polezajiců aus Pilšen in Böhmen und dieses bezaubernde Wesen meine Tochter, die Gräfin Friederike Lechwart aus Wien. Alle drei geben heut‘ ihr Debüt, bei der Gräfin Mkono’Laini sieht man es aber eher an der Frisur als am Kleid.“ Der junge Baron beugte sich über jede der drei Hände, die ihm hingehalten wurden.

Ich bin wirklich entzückt, die Bekanntschaft der jungen Damen machen zu dürfen. Ob ich wohl die Demoiselle Gräfin Mkono‘Laini zu einem Tanz bitten dürfte?“

Aber gerne, Baron. Einen Walzer?“

Diesen hier vielleicht?“ Joseph bot Brigitte den Arm.

Den Bajardenwalzer von Strauss Vater? Aber ja, Baron, warum denn nicht!“ Mit gekonnten Tanzschritten entschwebte das junge Paar zu den Klängen des k.u.k. Hoforchesters.

Josepha Lechwart seufzte. „Ach, dass sie immer grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen… ja, Leutnant. Sie sind doch der Sohn der Gräfin von Harrasztvany. Támasz, richtig?“

Der bin ich, Gräfin von Lechwart. Ich bin geehrt, dass Sie sich an mich erinnern!“ Der gut aussehende Ungar mit den Glutaugen in der roten Attila zu schwarzen Reithosen verneigte sich. „Darf ich bitten…“

Sie dürfen, Graf. Selbstverständlich dürfen Sie. Terezia, Friederike, dås ist der Graf Támasz Harrasztvany, Leutnant des 15. Wiener Kavallerieregiments König Arpad. Graf, diese nette, fesche Dame ist die Gräfin Terezia Polezajiců. Ån meine Tochter Gräfin Friederike Lechwart erinnern Sie sich wohl noch? Auch wenn’s schon ein paar Jahrln her ist.“

Aber ja! Selbstverständlich, gnädigste Frau Gräfin. Wie könnte ich jenen Sommer auf ihrem Landsitz vergessen. Aber wenn ich jetzt ihre Tochter für einen Tanz oder zwei entführen dürfte?“

Wenn Sie es möchte”, überließ Josepha ihrer Tochter die Entscheidung.

Demoiselle? Darf ich Sie bitten?“, knallte der Ungar mit den Haken.

Sehr gern, Gr.. – ach was, komm schon, Harri.“, zog Fipsi den Mann auf den Tanzboden. „Wenn wir mit andern zusammen steh‘n, werd‘ ich ganz das feine Fräulein spiel’n! Das kann ich jetzt schon ganz gut, dank dem Rennweg. Aber unter uns? Solang’ und keiner hört?“

Dås airrleicherrt mich ungemein. Muss ich mich nicht gånzä Zeit so zusåmmän reissen und kånn räden wie ist mir gäwachsän der Schnåbäl!“

Friederike lachte laut. „Deine Parodie von ungarischen ist noch besser worden. Aber Hand aufs Herz, du warst doch seit deiner Geburt nicht mehr in Ungarn.“

Nicht, seit mein Vater nach Wien gezogen ist und im großen Völkerparlament der Donaumonarchien sitzt. Ick war länga in Balin als in Budåpescht, weil dit Herr Papa acht Jahre Botschafter dort war. Und jetzt sitzt er wieder in Wien!“

Der Schnurrbart steht dir!“ Vorsichtig und zart fuhr Friederike über den Gesichtsschmuck des Ungarn. „Vier Jahr ist’s jetzt her. Wir drei Mädels waren dreizehn, und du vierzehn. Ich war so verschossen in den Buben, aber der war ja kaum zu erwischen!“

Weil seine Angebetete nie allein war“, lächelte Támasz. „Die Präsenz von drei jungen Mädchen – also, das war schon einschüchternd. Außerdem…“

Ja, außerdem. Süß haben’s g’schmeckt, deine Küsse“, flüsterte Fipsi. „Ich krieg’ heut’ noch weiche Knie, wenn ich dran denk!“

Dann können wir uns wieder einmal treffen, Fri… – Fipsi?“

Möchtest mir leicht den Hof machen?“, staunte Friederike.

Wennst mich so fragtst, ja, möcht‘ ich!“ Támasz zog Friederike Lechwart enger an sich, als es der Walzer erforderte.

Na dann, von mir aus gern. Aber streng’ dich gefälligst an, mein lieber Harri. So leicht wie damals kriegst mich nimmer!“

Nachdem die Gräfin von Lechwart auch für Terezia ‚Tipsi‘ Polezajiců einen Tänzer gefunden hatte, machte sie sich auf den Weg zum Buffet. Sie glich dabei einem als Vollschiff getakeltem Linienschiff unter vollen Segeln, während sie sich mit eiligen Schritten durch die Menge schob. Erleichtert leerte sie zuerst ein Glas des köstlichen Champagners, ehe sie sich einige Häppchen auf ihren Teller nahm. Eigentlich gar nicht so viel, wie ihr Umfang vermuten ließ, und sie verspeiste die Leckereien langsam und mit großem Genuss, während sie dem jungen Volk bei ihrem Tanzvergnügen zusah.

Das ist eine Freud’, den feschen, jungen Männern zuschaun, oder?“ Eine ebenfalls stark übergewichtige ältere Dame hatte sich zu Josepha von Lechwart gesellt.

Jå, schon“, seufzte Josepha. „Åber mein Gott, unser Zeit ist hålt vorbei, Sissi.“

Meinst denn das wirklich, Josi?“ Elisabeth, Gräfin von Adlerstein schob sich noch näher an die Gräfin von Lechwart heran. „Ich hab da ein Etablissement gefunden, da wird unsereins hervorragend bedient“, flüsterte sie der Lechwart zu. „Lauter fesche, junge Hengst’, und Frau kann sich die besten aussuchen. Es ist zwar ein bisserl komisch, wer da noch aller verkehrt und was da manchmal g’redet wird. Aber mein Gott, da muss man ja nicht hinhorchen.“

Dås wär doch wås”, lächelte Josepha verträumt. „Einmål wieder so richtig…“

Ja, Josi. Ich nehm’ dich gern’ einmal mit! Nicht ganz billig, die Sache, aber es lohnt sich. Ich versteh‘ nur nicht, warum’s immer grad dreizehn Leut’ sein soll’n.“

An anderer Stelle stand Wilhelmine, Gräfin zu Perggreith, mit einigen Freundinnen zusammen. Die 28jährige war recht gut gebaut, schlank, durchtrainiert, alle Rundungen wie sie ein sollten und an der richtigen Stelle. Ein Traum, solange man das Gesicht der Bedauernswerten nicht betrachtete. Es wies eine riesige, gebogene Nase wie ein Adlerschnabel sowie ein langes, schmales Kinn auf, welches scheinbar versuchte, mit der Nase einen Kreis zu bilden. Die Parodie einer Hexe aus dem Märchenbuch. Dazu kam noch eine starke Kurzsichtigkeit, und die großen, runden Brillen machten das Antlitz nicht eben hübscher. Zumindest sah Wilhelmine sich selbst so und hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, wohl keinen Ehemann mehr zu bekommen, denn die Perggreiths waren zwar eine alte und vornehme Familie, ein großes Vermögen hatte sie allerdings keines zu erwarten. Also bildete sie Körper und Geist, alle paar Monate hatte sie ein neues Hobby, lernte und studierte ein Wissensgebiet wie besessen, nur um sich bald darauf wieder zu langweilen und ein neues Thema zu beginnen.

Ich sage euch, dieses Medium ist wirklich faszinierend. Nicht so wie die anderen, die nur mit billigen Taschenspielertricks arbeiten.“ Es war ihren Worten leicht zu entnehmen, dass Spiritismus das neue Hobby der Dame war. „Sie hat mir gesagt, dass ich erst einen Ehemann bekomm’ wenn ich aufhör’, so verkrampft zu sein und mich entspann’. Ich sollt’ einmal einen Maskenball besuchen, so mit Halbmaske, dann hätt‘ ich recht gute Chancen.“

Klingt g’scheit!“ Ludmilla, seit neun Jahren Gräfin Tereshaszy, riss ihren Blick von einem besonders gut gebauten Tänzer los und sah Wilhelmine direkt an. „Ich weiß gar nicht, warum du so fixiert d’rauf bist, dass du nichts gleichschaust! Für deine Figur würd’ ich glatt einen Mord begeh’n.“

Schon vergessen?“ fragte Wilhelmine bitter. „Waldkautz? Uhu nach’m Waldbrand?“

Das war halt die Leuchtenfels-Urschel und ihre blöden Grammeln13“, bemerkte Franziska, Markgräfin von Oberantersbach, die als Tochter des Großindustriellen Salomon Waldlaub geboren worden war und in der Kirche geadelt wurde. Indem sie dem Grafen ihr Ja-Wort gab. „Nimmst die immer noch ernst?“

Musst du dir hålt nähmään einään hässlichään Månn mit großem Himvesszö14“, bemerkte Ildiko von Magaszikla ein. „Wånnst du dånn nimmst åb Brille, siehst nicht mehr, dås ärrr ist hässlich, spürst nur großes Himvesszö in dir. Und ärr håt totål fäschääs Kåtz vor sich. Håbän beide wås davon!“

Ildi, das war jetzt nicht hilfreich“, rügte Franziska. „Wilhelmine, schau dich an. Du bist durchaus eine hübsche Frau, und das mit dem Maskenball ist auch gut. Wenn du einmal sicher geworden bist, kannst ja die Masken weglassen. Ach, Andreas, du kennst doch meine Freundinnen. Sag du doch einmal, wie findest du die Wilhelmine?“ Andreas, Markgraf von Oberantersbach zeigte seine blitzenden, weißen Zähne.

Sehr hübsch, das muss man sagen. Nur…“ Er neigte sich vor und flüsterte Wilhelmine etwas ins Ohr, die darauf die Augen aufriss und in ihr Haar fasste.

Was hast du ihr gesagt?“ fragte Franziska den baumlangen Halbherero beinahe inquisitorisch.

Er – er hat gesagt, ich soll meinen Friseur verklagen”, stammelte Wilhelmine fassungslos. „Und dass er einen Optiker kennt, der Fassungen nach Maß für jede Gesichtsform herstellt. Er meint, dass ich mit einer schmalen Brille mit dünnem Goldrand noch besser aussehen könnt’! Meinen Sie wirklich, dass ich halbwegs gut ausseh’, Andreas?“

Nicht so umwerfend wie meine teure Gemahlin, natürlich“, Andreas nahm die Hand Franziskas und küsste sie. „Aber wenn ich Sie nicht kennen gelernt hätte, könnte ich schon schwach werden!“

Eine riesige Fontäne aus Schnee hinter sich herziehend raste ein dampfbetriebener offener Zweisitzer auf einem Luftkissen über den Weg vom Nikolai-Tor zur Hermesvilla im kaiserlichen Jagdgebiet Lainz. Maria Sophia saß selbst am Steuer und jagte laut jauchzend mit beinahe fünfzig Stundenkilometern über den unbefestigten Weg. Im Jahre 1877 hatte der Brite John Isaac Thornycroft ein Patent für solches Luftkissenfahrzeug erhalten, sie aber nie in die Realität umgesetzt. 1879 hatte Karl Friedrich Werner, der Erfinder der modernen Wernerturbine, dieses Patent erworben und baute seither diese Art von Fahrzeugen. Auch als Torpedoboote für die Küstenwache und die Flußpolizei. Boote, die sich in der Weite der ungarischen Puszta ebenfalls bewährten. Auch ohne Flüsse. Für die weiten Ebenen Ungarns natürlich nicht mit Torpedorohren ausgestattet, sondern zuerst mit Werfern für die hale’schen Raketen und später, nach der Erfindung der rückstoßfreien Kanonen und Maschinengewehre auch mit solchen.

Maria Sophias Mutter Néné auf dem Beifahrersitz hielt sich im Rahmen gut verspreizt, um bei diesem Tempo auf der kurvenreichen Strecke nicht aus dem Fahrzeug geschleudert zu werden.

Kind, fahr doch langsamer!“ rief die Regentin der Vereinigten Donaumonarchien. „Du wirst uns noch beide umbringen!“

Ach, ich fahr‘ doch schon langsam, Frau Mama. Bei diesen Weg‘n muss man doch eh vorsichtig sein. Auf freier Fläche oder einer g’raden Straß’n, wo man endlos g’radeaus brettern kann, schaffen diese Dampfflitzer doch ganz leicht das Doppelte und Dreifache. Auf einer halbwegs ebener Fläch’n!“ Maria Sophia bremste ein wenig, um einem dicken, umgefallenen Baum zu umfahren, der mitten über den Weg gefallen war. „Da liegt mir der Stamm mit der Krone und dem Wurzelball’n für den Miniflitzer denn doch z’hoch. Wir müssen den Baum von der Villa aus der Forstverwaltung meld‘n!“

Warum konnten wir nicht einfach einen Pferdeschlitten nehmen und ganz gemütlich über die Hauptstraße in die Hermesvilla fahren. Mit einem Kutscher auf dem Bock, im Landauer zum Beispiel. Vier Pferde, oder sechs!“

Aber Frau Mama, das ist doch von Vorgestern!“ protestierte Maria Sophia. „Heut‘ sind der Dampf und der Teslamotor das Mittel der Wahl!“

Ja, selbstverständlich, für das Volk und die Industrie!“ räsonierte Helene. „Und natürlich für unsere Armee! Darum investieren wir ja genug in die neuen Technologien. Aber warum ist das denn bloß für uns so wichtig? Wir hätten ja Zeit für gemütliche Schlittenfahrten!“

Weil es so großen Spaß macht, Frau Mama!“ Maria Sophia schob den Fahrthebel wieder weiter vor und beschleunigte.

Ach Gott, mein Kind. Ganz der Herr Papa“, räsonierte Néné. „Hauptsache schnell, wenn es dazu noch fliegt, ist das Vergnügen fast perfekt. Apropos Spaß und dein seliger Herr Vater, Maria. Wer war denn der Mann gestern? Also der, mit dem du im Garten spazieren warst!“

Ach, das war der Ibrahim Muhamad Pascha, ein Sonderbotschafter vom Osmanisch‘n Reich!“ Maria Sophia nahm rasant eine enge Kurve. „Wir sind nur zum Salettl raufgangen und hab‘n dabei ein wengerl plaudert. Nichts besonderes!“

Wirklich?“ Helene dachte ein wenig nach. „Aber gut ausgesehen hat er ja doch, oder nicht?“

Ja, er war schon ganz fesch, Frau Mama“ bestätigte Maria. „Trotz der Glatz’n. Aber passiert ist gestern Abend mit ihm genau gar nichts! Irgendwie schon schad’!“

Die Hermesvilla war ein Schloss im Lainzer k.u.k. Jagdrevier, das etwa fünf Kilometer westlich von Schönbrunn lag. Der Architekt Carl Freiherr von Hasenauer entwarf dieses Lust- und Jagdschloss, welches der Kronprinz Franz Joseph 1858 für seine Frau in Auftrag gegeben hatte, im Stil des Neobarock. Es sollte ein Rückzugsort mitten im Wald werden, damit Néné dem Trubel des Hofes in Schönbrunn auch einmal entfliehen konnte, während der Kronprinz sich in den umliegenden Wäldern auf die Pirsch begab. Beziehungsweise auf das Schlachtfest, das er halt so Pirsch nannte. Oder für die Zeit, in welcher der Thronfolger den kleinen Pavillon neben dem Sankt-Veit-Tor aufsuchte, wo ihm Frau Wolff nach einer Nachricht des Baron Alfred von Kotzlonski gerne ihre neueste Kollektion an Mädchen vorgestellt hatte. Nach nur fünf Jahren Bauzeit, 1863, war der Bau bezugsfertig. Dann machten sich die Baumeister daran, am nahe gelegenen Hohenauer Teich für die Erzherzogin Helene, welche eine leidenschaftliche Schwimmerin war, ein hölzernes Badehäuschen zu errichten. Dieses Häuschen konnte 1864 zum ersten Mal benützt werden und wurde von Helene gerne besucht. Auch Gäste empfing sie hier recht gerne zu zwanglosen Gesprächen, selbstverständlich nur Damen der allerbesten Gesellschaft. 1885 erhielt der damals 23-jährige Gustav Klimt den Auftrag, die Deckengemälde neu zu entwerfen und auszuführen. Néné fand, dass es auch hier Zeit wurde, die neue Zeit in die Räumlichkeiten zu lassen und den schweren Barock durch das leichter und natürlicher wirkende Art Deco der Belle Epoque zu ersetzen. Seinen Namen Hermesvilla verdankte das Schloss einer Statue im kleinen Hof vor dem Eingang zum Hauptgebäude mit den Gemächern des damaligen Thronfolgerpaares, welche Helene in den Grundzügen selbst entworfen hatte. Die Skulptur aus einem einzigen großen Block Marmor zeigte den griechischen Götterboten Hermes mit den Flügelschuhen und -helm, welcher aus dem Olymp herab schwebte und dem Gast eine Schriftrolle entgegen hielt. Die Muskulatur und die Proportionen des Hermes mochten vielleicht etwas weniger perfekt dem männlichen Schönheitsideal entsprechen als die von Michelangelos David, der Hermes war ein eher schlaksiger junger Mann. Dafür hatte der Berliner Bildhauer Heinz Herter jenes Körperteil weit realistischer in Form, Größe und auch Zustand dargestellt, das Michelangelo nur sehr klein auszuarbeiten gewagt hatte.

Die kaiserliche Familie kam gerne immer wieder hierher in dieses ruhig gelegene Jagdschlösschen. Auch der Großfürst Pawel Alexandrowitsch, der Bruder des russischen Zaren, war mit seiner Gemahlin Elisabeth Anna, der zweitältesten Tochter der Regentin 1888/89 über Weihnachten und Neujahr nach Wien gekommen. Sie hatten bis zu Maria Sophias Geburtstagsfest in dem modern mit fließendem Warm- und Kaltwasser, einer Dampfheizung und elektrischem Licht ausgestatteten Hermesvilla gewohnt und planten bereits Anfang April einen weiteren Besuch. Kein Wunder, der Küchenchef der Villa war einer der besten Köche, der in den Donaumonarchien aufzutreiben gewesen war. Die nähere Umgebung des Schlosses eignete sich ebenso gut zum flanieren wie zu den heftigen Parforce-Ritten, welche die Großfürstin ebenso sehr liebte wie Maria Sophia die Fahrten in ihrem Thornycroft, egal ob Schnee lag oder sie über grüne Wiesen donnerte. Vor der Hermesvilla wartete bereits ein großer mit Dampfantrieb ausgestatteter Wagen aus dem kaiserlichen Fuhrpark, als die Regentin und ihre Tochter in den Hof des Anwesens fuhren. Diener trugen schwere Schrankkoffer aus der Villa und verstauten das Gepäck des Großfürsten und seiner Gemahlin auf der Ladefläche, während davor ein Dampfmobil auf das hohe Paar aus Russland wartete. Pawel Alexandrowitsch Romanow war ein schlanker Mann, der eher wie ein Denker als ein Soldat wirkte. Trotzdem war er, wie es von einem Bruder des Zaren erwartet wurde, Offizier. General und Kommandant des ersten Moskauer Garderegiment zu Pferd. Er sah mit seiner hageren Statur, dem langen Gesicht und der hohen Stirn auf seine eigene Art ganz gut aus, wie er mit trotz des kalten Wetters mit offenem Mantel über der grünen Uniform auf den Stufen der Villa stand.

Mama! Maria!“

Großmutter, Tante Maria!“ Zwei Knaben stürmten aus dem Haus, der vierzehnjährige Kronprinz Franz Rudolph und sein achtjähriger Cousin Alexander Pawlowitsch Romanow stürmten aus der Villa und liefen fröhlich lachend auf Néné und Maria Sophia zu. Hinter ihnen trat Elisabeth Anna durch die Tür.

Langsam, Kinder“, rief sie, dabei in die Hände klatschend. Elisabeth Anna liebte es, sich selbst um die Kinder zu kümmern. Die achtundzwanzig Jahre alte Schwester Marias war nicht ganz so groß wie diese und eine mütterlich wirkende, nicht ganz schlanke Frau.

Schön, dass ihr gekommen seid!“ Großfürst Pawel Alexandrowitsch kam die Treppe herab und küsste die Hände seiner Schwiegermutter und Schwägerin. Er sprach beinahe akzentfreies Deutsch. Wenn nötig, auch englisch, französisch und ein wenig italienisch.

Glaubst du wirklich, wir lassen euch ohne Abschied fliegen?“ Néné machte sich kurz von ihrem Sohn los und umarmte Elisabeth und Pawel innig. „Auch wenn ihr über den Luftschiffhafen von Schönbrunn abreist, dort ist so gar nicht der Platz für private Abschiede.“

Auch Maria küsste die Schwester und Pawel auf beide Wangen. „Wir sehen uns ja ohnehin viel zu selten privat. Das g’hört halt zum Beruf!“

Wollt’s ihr den Franz Rudolph wirklich bis April mit nach Moskau nehmen?“ Helenes Hand ruhte wieder auf der Schulter ihres Sohnes.

Aber ja, Frau Mama.“ Franz Rudolph duckte sich weg, als Elisabeth sein Haar zerzausen wollte. „Sissi, dafür bin doch schon z’groß! Komm, Sascha, wir schau’n, was der alte Major Wunder macht. Der soll ja meine Schulsachen mit nach Moskau nehmen. Tak chto ya tozhe mogu chemu-to nsuchit’sya15. Parce que toute apprend à vivre16. This aldo applies to crowned heads17! Tan adelante, a Trabajar18! Quia non studeo magister, dixcis te ipsum!19“ Es gelang dem jungen Prinzen dabei eine durchaus gelungene Parodie seines Lehrers, sodass die Gesellschaft laut auflachte. Sogar der parodierte ältere Infanteriemajor selbst, der für seine Ausbildung zuständig war und eben einige Diener mit Gepäckstücken begleitete.

Wehe, wehe, wehe – wenn ich auf das Ende sehe“, deklamierte Konrad Wunder mit erhobenem Zeigefinger.

Cheinerr von uns wird chesteckt in ein Mühl, Herr Majorr Wunderr!“, entgegnete Alexander. „Wir ja auch nicht stellen Chünnerr oderr sageln an ein Brücke!“

Nein, junger Großfürst, richtig erkannt“, lobte der Lehrer. „Und auch dem richtigen Werk zugeordnet. Wenn die Großfürstin erlaubt, da hat Euer Hochwohlgeboren einen hellen Sohn!“

Danke Major! Ist alles eingepackt? Alles verladen?“

Zu Befehl, Hoheit, alles!“, rapportierte Polkownik20 Juri Leonidowitsch Groskow vom ersten Moskauer Garderegiment zu Pferd, der Adjutant des Generals, und salutierte vor der Großfürstin.

Dann wird es wohl Zeit.“ Elisabeth Anna umarmte ihre Mutter. „Ma chère Maman, wir sehen uns im April wieder!“

Aber ja, Sissi. Guten Flug. Und dir auch, Pawel.“

Danke, chère Belle-mère! Es sind ja nicht einmal ganze zwei Monate. Was soll da schon groß geschehen?“

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Der Hofküchenchef Johann Ludwig Hollenweider hatte für diesen Abend in der Hermesvilla ein wirklich exquisites Menu zusammen gestellt. Beginnend mit einem Lachssülzchen, danach Wachtelbrüstchen im Speckmantel, ein butterzartes rosa gegartes Roastbeef mit Pommes Dauphin und mit Speck umwickelten Fisolen, reifen Käse mit Weintrauben, begleitet von den rechten Weinen. Ein zarter Rosé zum Lachs und den Wachteln, ein herzhafter Rotwein aus dem Veneto zum Rind, ein Glas Sekt zum Käse. Ein Glas, welches mit einem Male den Händen der Prinzessin Maria Sophia entglitt und auf dem Boden zerschellte. Ein Lakai konnte die junge Frau eben noch auffangen, als sie in sich zusammen sackte und von ihrem Stuhl zu fallen drohte. Er trug sie rasch zu einen nahe stehenden Ottomane und legte sie darauf. Ihre Lippen verfärbten sich allmählich blau, ein Röcheln entrang sich ihrer Brust, kaum, dass sie noch Atem holen konnte.

Hoheit verzeihen!“ Noch während er sprach, zerfetzte der Diener Walter Moser bereits die Oberkleidung der Prinzessin.

Gut so, junger Mann“, kam eine Stimme dunkle Stimme von der Tür her.

Doktor Rauscher, warum…?“ Helene sah den Hofarzt überrascht an.

Später Hoheit, jetzt muss ich wohl zuerst…“

Helene trat sofort zur Seite. „Natürlich, Doktor. Bitte sehen Sie sogleich nach meiner Tochter!“

Maria!“ Maria? War sie das? Was rief die Stimme? „Maria!“ Warum meldet sich diese dumme Kuh Maria denn nicht endlich, damit sie in Ruhe weiterschlafen konnte? Was war denn das, warum schüttelte man sie so – so hart. So unbarmherzig? Etwas kaltes, glattes wurde in ihren Mund gezwängt, sie wurde zum Schlucken gezwungen. Was war das gewesen? War das…? Langsam stahlen sich wieder erste optische Eindrücke und klare Gedanken durch ihr Gehirn. Da war doch…

Mama?“ Leise, gehaucht kam die Frage von ihren tauben, gefühllosen Lippen. „Was ist denn…?“

Das fragen wir dich, mein Kind!“

Aber – ich weiß es doch nicht!“ Allmählich wurden Marias Denken und ihre Sprache wieder flüssiger. Sie sah an sich herab, irgend jemand hatte ihr die Jacke und die Bluse aufgerissen, ihre nicht übermäßig großen, aber hübschen und festen Brüste lagen frei, ein Unterhemd hatte sie wie fast immer verschmäht.

Du hast derart nach Luft geschnappt, da hat der Walter gedacht…“

Schon recht, Frau Mama“, nickte Maria Sophia, es war eine durchaus vernünftige Aktion des Dieners gewesen. „Ich glaub’ auch, dass er genau das Richtige g’macht hat. Also Doktor Rauscher, was ist denn ihre Meinung! Was war’s?“

Es ist meine fundierte Meinung, Hoheit, dass, wenn ich mich nicht irre – und ich irre eigentlich nie – ich nicht wirklich eine endgültige Diagnose stellen kann!“ Der kaiserliche Hofarzt kratzte sich am Hinterkopf. „Es steht außer Frage, dass es sich um eine Vergiftung handelt. Aber welches Gift, wie und wann es verabreicht wurde – ich bin selten ratlos, Majestäten. Aber dieses Mal bin ich es. Heute am Abend ist ein Diener in der kaiserlichen Livree zu mir gekommen und hat mir ein Billett in die Hand gedrückt. Ich soll doch sofort zur Hermesvilla kommen, die Prinzessin bedürfe meiner Dienste. Und ich soll das Packerl21 und den Brief für die Regentin doch bitte mitnehmen. Er müsse noch etwas besorgen, und das Packet sei wirklich dringend. Ganz furchtbar eilig. Also hab ich mich in mein Dampfluftkissenboot gesetzt – ein formidables Ding, wenn’s wirklich schnell gehen soll. Besonders im Winter, Hoheit! Zuerst über den Wienfluss und dann…! Also ja, ich bin also gekommen, so schnell wie ich konnt‘. Hoheit haben starke Krämpfe gehabt und nach Luft gerungen, deswegen – entschuldigen’s – hat auch der Walter Moser die Jacke und die Bluse zerrissen.“

Warum reitet denn jetzt eigentlich jeder d‘rauf herum, dass meine Meierei22 zum seh’n ist?“, schimpfte Maria und verdrehte die Augen. „Wem’s nicht g’fallt, der muss ja nicht hinschau‘n!“ Walter kam mit einer neuen Bluse aus dem Fundus der Prinzessin und Maria schlüpfte hinein. „Danke, Moser. Es soll doch nichts schlimmeres g’schehen.“ Néné zeigte ihr den Zettel, den sie von Doktor Rauscher erhalten hatte. Auf dem Brief stand ‚Wenn das Leben ihrer Tochter weitergehen soll, muss sie die Kapsel schlucken und den Brief befolgen! Auch wenn mein Name natürlich nicht Ibrahim Muhamad Pascha lautet, unterschreibe ich mit seinem Namen!‘

Oh! Jetzt ist alles ganz klar! Darum also ihr‘ Vermutung mit dem Giftanschlag!“ Maria Sophia zog aus dem Schreiben den gleichen wohl nicht unbegründeten Schluss wie der Arzt. „Aber wozu zuerst vergiften und dann die Rettung?“

Wir sind genauso ratlos, Kind.“ Néné betrachtete noch einmal das Schreiben von hinten und vorne. „Wenn nicht diese Zeichnung da auf der Rückseite etwas zu bedeuten hat!“

Eine Zeichnung? Zeig doch bitte einmal her!“ Maria Sophia griff nach der Botschaft. „Eine Kerze! Rasch!“ rief sie, nachdem sie die Striche kurz überflogen und an dem Papier geschnuppert hatte. „Papier, Schreibzeug, gemma gemma, gemma23! Wird’s bald!“ Es setzte ringsum hektisches eiliges Gerenne der Dienerschaft ein, und es dauerte nur Minuten, bis vier Kerzen, einige Blätter Schreibpapier, drei Graphitstifte und vier Füllfedern zur Stelle waren. „Schreib’ er!“ wies Maria Sophia einen der Lakaien an und näherte sich vorsichtig mit dem Papier der Flamme, bräunliche Schriftzeichen erschienen auf dem Papier.

Ich erwarte Sie, Prinzessin, am 15. März im Hotel Oriental in Kairo. Ich empfehle Ihnen pünktlich zu sein, wenn Sie Ihr Leben ein weiteres Monat verlängern wollen. Werden Sie klug genug sein, meinen Ansprüchen zu genügen, Maria Sophia von Österreich? Werden Sie auch weiterhin meine Rätsel lösen können? Ich hoffe doch sehr, dass sie mich noch einige Zeit amüsieren werden! Sie dürfen allein reisen oder mit großem Gefolge, eine ihrem Stande angemessene Suite wird jedenfalls unter Ihrem Namen reserviert sein. Am 16. März darf ich sie zu einem Spaziergang durch das ägyptische Kairo einladen, genießen sie ihren Aufenthalt dort. Für den 18. März liegen für Eure Hoheit und ein kleines Gefolge zwölf Billetts für den Nildampfer QUEEN OF EGYPT, arabisch MALIKAT MISR, bereit. Ich möchte Hoheit anraten, pünktlich an Bord zu sein.

Den echte Ibrahim Muhamad Pascha finden Sie mitsamt seinem Diener im Zimmer 211 im Hotel Aurora in Hietzing. Lassen Sie doch bitte die Ärmsten befreien und nach Hause gehen! Der Mann hat mit meinem kleinen Spiel nicht das Geringste zu tun!

(gez. Ahmad al Massud el Allah ad Dhin!)‘

Vorsichtig legte Maria Sophia den Brief beiseite.

Na fesch!“ räsonierte sie. „Jetzt darf ich doch noch nach der Pfeif‘n von diesem blöd‘n Mannsbild tanzen! Aber der soll sich nur nicht irr‘n, ewig mach ich seine depperten Scherze nicht mit. Lieber geb’ ich mir selbst die Kugel. Dabei hat er ganz nett und kultiviert gewirkt!“

Unsichtbare Tinte?“ Néné nahm das Blatt, auf welchem die Schrift schon wieder verblasste.

Die primitivste Form.“ Maria grinste säuerlich. „Und ich muss wohl noch froh und dankbar sein, dass er Zitronensaft genommen hat!“

Ihre Mutter roch kurz an den Papier. „Ja, hat ein durchaus zitroniges Aroma. Was hätte er denn noch nehmen können?“

Urin, kaiserliche Hoheit“, bemerkte der Hofarzt.

Pfui Teufel!“ Die Regentin warf den Brief angeekelt auf den Tisch.

Na ja, zum Glück hat er nicht in’s Tintenfass’l bru… pinkelt, sondern einfach eine Zitron’ auspresst!“ Maria Sophia seufzte. „Man muss Gott wohl schon für Kleinigkeiten dankbar sein.“

Ihre Mutter rief einen der Lakaien zu sich. „Fahr‘ er doch sofort in das Palais Hametten, ich lasse den Fürsten noch heute Abend zu mir bitten. Nach Schönbrunn. Dann geht er zum Oberrabbiner von Wien und zum – ja, was ist er denn? Na, zum Obermufti von den Mohammedanern halt. Beide Herren erwarte ich morgen Vormittag, ebenfalls in Schönbrunn. Und dann sagt er noch dem Kutscher Bescheid, er soll gleich den Schlitten anheizen, damit wir nach Schönbrunn zurückfahren. Jetzt geh’ er doch schon!“

Das Palais Hametten lag in der Metternichgasse im Bezirk Landstraße, ganz in der Nähe das Schlosses Belvederes, jenes berühmten Prunkschlosses des Prinzen Eugen von Savoyen. Das Palais des Fürsten von Hametten hatte allerdings weder dessen riesigen Garten noch die beiden großen und prächtigen Gebäude. Es war ein wesentlich neuerer Bau, einer der Erstlinge, von Otto Wagner, dem aufstrebenden Stern am Himmel der Architektur. Das Palais Hametten war zum größten Teil im Stil der Belle Epoque gebaut, zeigte aber auch bereits einige jener Elemente, die später berühmt für die Hochzeit des so genannten Jugendstils oder auch Art Deco werden sollten. Und die Residenz von Heinrich, Fürst zu Hametten, dem Leiter des Evidenzbureaus, also der geheimen Abteilung des Auswärtigen Amtes, hatte einige Annehmlichkeiten selbst einigen kaiserlichen Palästen voraus. So war von Beginn an eine Fußbodenheizung mit Dampf eingeplant gewesen, selbstverständlich fließendes warmes und kaltes Wasser und eine Waschküche, wo Maschinen das Säubern der fürstlichen Kleidung übernahmen. Ein für die fürstlichen Dienstboten besonders angenehmer Umstand war, dass die Heizung auch in ihren Räumen für angenehme Temperaturen sorgte. Und dass der Fürst sogar drei mit Dampf betriebene Lifte einbauen ließ. Einen für seine Gäste und sich selbst im großen Stiegenhaus zu den Wohnräumen, einen Lastenaufzug im Gesindeteil, der natürlich auch den Bediensteten das Treppensteigen ersparte, und einen Speisenaufzug in den großen Festsaal im ersten Stock. Dazu noch eine ebenso mit Dampf betriebene Rohrpostanlage, die sein Palais mit seinem Amt auf der anderen Straßenseite verband. Sogar elektrisches Licht war vorhanden, die Dampfmaschine im Keller erzeugte den Strom für das Palais selbst, ebenso wie die Anlage im Haus gegenüber das Amt mit Wärme und Licht versorgte. Unabhängig vom allgemeinen Wiener Stromnetz. Ein durchaus fortschrittlicher Mann, der Fürst, nicht nur, aber besonders wenn es um technische Belange ging. Ein halbwegs angenehmer Dienstherr im privaten, der die Stubenmädel nicht über Gebühr belästigte und dem einen, das er dann doch geschwängert hatte, einen Laden in einer Kleinstadt in Niederösterreich einrichtete. Seine Agenten streuten in der Umgebung des Dorfes Dreieichen das Gerücht von einer Seemannswitwe, und die Fini lebte heute mit einem guten Mann ein recht zufriedenes Leben. Im Dienst war er jedoch ein übler Sklaventreiber, und drei seiner Sekretäre wohnten sogar mit im Palais, damit zumindest zwei jederzeit bereit stehen zu konnten. Auch Nachts.

Am frühen Abend des 21. Februar 1889 dachte er an nichts Böses. Wenn man ihn Jahre später danach fragte, was er denn an diesem Abend getan hätte, pflegte er stets zu antworten

Ich war schon a’pres, wenn Sie’s wirklich unbedingt genau wissen woll’n. Ich hab’ mir einen gut‘n Calvados genehmigt und wollt’ dann eigentlich in’s Bett gehen! Ist aber leider nichts d’raus g’worden!“ Dass in diesem Bett bereits die Baronin Lehensperg lag und auf das Eintreffen des guten Fürsten Heinrich von Hametten in demselben wartete, verschwieg der Fürst geflissentlich. Für ihn galt von jeher ‚der Kavalier genießt und schweigt‘! Und, nun ja, wenn ein lebfrisches Mädel von zwanzig Jahren mit einem alten Tatterer24 hoch in den Sechzigern25 verheiratet wird, darf man sich halt nicht wundern, wenn zehn Jahre später besagte junge Frau noch Bedürfnisse hat und einen virilen Mann aufsucht. Diskret versteht sich, und wer war denn schon diskreter als einer vom Evidenzbureau, ganz und besonders dessen Leiter? Und so teilten der sportliche vierzigjähre Fürst und die dreißigjährige, gut geformte Baronin eben so einige kleine Geheimnisse. Zum Beispiel, dass der späte Herr Sohn, auf den der Baron so ungemein stolz war, eigentlich vom Fürst zu Hametten war.

Allerdings ließ der Fürst verständlicherweise sofort alles stehen und die Baronin liegen, als der kaiserliche Lakai eintraf und er von dem Wunsch der Regentin hörte. Das gefürchtete Bimmeln26 der schweren Alarmglocken in der Wohnetage der drei Geheimsekretäre ließ auch jene beiden von diesen Männern, die gerade zu Hause waren, aus ihren Betten und in ihr Gewand springen. Die stehende Regel lautete, dass immer nur einer von ihnen Ausgang hatte. Fürst Heinrich zu Hametten wurde von seinen Leuten Johann Hartwigel und Karl Smetana, welche beide ganz korrekt in dunkle Anzüge mit Weste und dem kleinen Halstuch gekleidet waren und die schweren Wintermäntel über dem Arm trugen, in der Remise schon erwartet. Der Kutscher des Fürsten hatte die Dampfmaschine des alten, aber bequemen Viersitzers bereits angeworfen und saß auf dem gut geheizten Bock, die Lenkstangen abfahrbereit in den Händen.

Nach Schönbrunn!“ rief der Fürst ihm zu, als er in den Schlag kletterte.

No na!“ brummte der Kutscher Moische Levenhab in seinen prächtigen Bart. „Nach Ischl wer’n mer fahr‘n um die Zeit! Also, los geht’s, fahr’n wir, Euer Gnaden!“ Beinahe zärtlich öffnete er die Ventile und ließ den Dampfdruck auf die Turbinen der vier Räder wirken, damit der Wagen sanft anfuhr. Trotz der formidablen Federung und der vulkanisierten pneumatischen Luftdruckreifen war die Fahrt schon ein bisserl holprig und auch etwas laut, solange sie noch über das runde Katzenkopfpflaster des Rennwegs in der ehemaligen Vorstadt ging. Die neuere Ringstraße war bereits mit großen, flachen Betonblöcken gepflastert worden, die ganz sorgfältig beinahe ganz eben verlegt waren. Genauso die alte Linden- und die Felberstraße von der Hofburg bis Schönbrunn hinaus und das Wiental, welches dem Lauf des gezähmten und halbwegs begradigten Wienflusses folgte und vom Schwarzenbergplatz ebenfalls nach Schönbrunn und dann weiter nach Sankt Veit, Auhof und Purkersdorf führte.

Am Schwarzenberplatz bog der Dampfwagen von der Ringstraße ab und fuhr auf das erwähnte Wiental, hier überspannte die Schwarzenbergbrücke den Fluss und verband die Innere Stadt, also den Stadtteil, der früher innerhalb der Stadtmauer gelegen hatte, mit dem kleinen Luftschiffanlegemast vor dem Palais Schwarzenberg. Natürlich war der Mast nicht für die großen internationalen Schiffe mit 250 Metern Länge gedacht, hier legten nur die kleinen Zeppeline für die nahen Städte wie Prag, Budapest, Graz oder Salzburg an. Bei Geschwindigkeiten von durchschnittlich 130 Stundenkilometern war man zum Beispiel in nicht ganz zwei Stunden im 252 Kilometer entfernten Prag und hatte dann drei Stunden Zeit, um in das 280 Kilometer entfernte Berlin weiter zu fliegen. ‚Frühstück in Wien, einkaufen in Prag und dinieren in Berlin!‘ lautete der bekannte Slogan einer deutschen Fluggesellschaft, welche diese Strecke ebenfalls befuhr. Lautes Brummen aus der Luft und plötzlich die klare Winterluft durchschneidende, riesige Scheinwerfer schreckten Heinrich zu Hametten aus seinen Gedanken. Er zog die goldene Uhr, ein Erbstück seines Großvaters, aus der Tasche.

Der Salzburger ist genau pünktlich!“ brummte er zufrieden. Es freute ihn immer, wenn alles wie am Schnürchen nach Plan funktionierte. Viel zu oft tat es das sowieso nicht, und dann musste das Evidenzbureau wieder einmal hinter den adligen und neureichen Herrschaften aufräumen und so manchen Schmutz unter den Teppich kehren. Was den adeligen und neureichen Herren und Damen nicht immer etwas half. Die Öffentlichkeit erfuhr zwar nichts, aber das Evidenzbureau hatte da einige Möglichkeiten und auch durchaus seltsam zu nennende Mitarbeiter.

Das Wiental war nach dem Ring die zweite der großen, gut ausgebauten Prachtstraßen geworden, nachdem bereits 1865 die erste mit Dampf betriebene Stadtschienenbahn zwischen Purkersdorf und dem Hafen am Donaukanal erbaut wurde. Am rechten Ufer, also jener Seite, auf der auch das Schloss Schönbrunn stand, hatten viele der großen Adelsfamilien ihre neuen Paläste mit recht weitläufigen Gärten gebaut, um den engen Gassen von Wiens Innenstadt besonders in den brütend heißen Monaten des Sommers zu entgehen. Am linksseitigen Ufer, vor allem in Mariahilf, hatten die reicheren Bürger ihre Häuser und sogar ein eigenes Theater gebaut, zusätzlich zu dem 1801 eröffneten Theater an der Wien, das sogenannte Helenentheater in Fünfhaus. Sowohl die linke als auch die rechte Wienzeile waren als breite Straßen angelegt. Zwischen dem verbreiterten Bachbett und den Fahrbahnen gab es bis Sankt Veit hinaus auf beiden Seiten einen beachtlichen Grünstreifen, welcher die Bürger zum flanieren einlud. Schon seit 1861 waren die Straßen mit den neuen elektrischen Glühlampen des Chemikers und Technikers Johann Heinrich Göbel beleuchtet, in deren hellem Schein die langsam tanzenden Flocken des wieder einsetzenden Schneefalls deutlich zu sehen waren. Allmählich legte sich eine neue Schicht über den bereits niedergefahrenen Schnee und dämpfte die Geräusche der wenigen um diese Zeit noch fahrenden Dampf- und der extrem selten gewordenen Pferdefiaker. Eigentlich fuhren in Wien nur noch reiche Exzentriker mit lebenden Pferden, der größte Teil der Fahrzeuge war mit Dampfturbinen angetrieben. Einige wenige auch bereits mit dem neuen elektrischen Teslamotor. Heinrich sah aus dem Fenster, auf seiner Seite reihte sich ein Palais mit Säulengang an das Nächste, weißer Marmor, schwarzes Ebenholz und goldener Stuck. Eigentlich langweilig, der Fürst mochte die in modernerem Stil erbauten Bürgerhäuser mit den phantasievollen Fassaden, den zierlichen Halbreliefs als tragendes Element, den floral anmutenden Steingirlanden und den bunten Mosaiken auf der anderen Seite des Wientals sehr viel lieber. Aber auf der bürgerlichen Seite war halt der Verkehr selbst zu dieser Stunde auch noch sehr viel dichter, und wenn die Regentin rief, dann pressierte27 es auch!

Auf dem Platz vor dem Schloss mit den beiden hohen, viereckigen Säulen, auf denen je ein großer Bronzeadler mit ausgebreiteten Schwingen thronte, sprang der Fürst zu Hammeten mit seinen Begleitern aus dem Dampfwagen und eilte zum großen Tor. Die großen, starken Scheinwerfer beleuchteten den Vorplatz, dessen zweifärbiges Pflaster den schwarzen Doppeladler auf gelbem Grund der Habsburger zeigte. Die Wachposten mit den mit Rosshaar geschmückten hohen Pickelhauben zu den waldgrünen Gardeuniformen mit den roten Kragenspiegeln und Ärmelaufschlägen der Leibgardisten der Regentin präsentierten in ihren beheizten Schildhäuschen das Gewehr. Hochgenommen zum Gruß, aber auch bereit zur Eröffnung des Feuers im Falle eines plötzlichen Angriffs. Am Tor selber standen in die roten Galauniformen mit schwarzem Fellbesatz gekleideten Leibdragoner des Kronprinzen, Mitglieder des dritten Regiments Ferdinand Maximilian. Eine ganze Kompanie der Infanterie, vier mal 25 Mann, und ein kompletter Zug Dragoner mit den halbautomatischen modernen Karabinern stand bereit zur Verteidigung des Schlosstores, und die Stammregimenter 21, 22, und 23 der Hoch- und Deutschmeister standen in der nahen Fasangartenkaserne jederzeit zum Entsatz bereit.

Fürst zu Hammeten?“ Der Oberleutnant der Dragoner kannte den Staatssekretär selbstverständlich von Angesicht, fragte aber dennoch nach, als die drei Männer die gut beheizte Wachstube betraten. Ein Ritual, aber dieser und andere Bräuche waren es nun einmal, welche die große Monarchien Kakaniens in einem Staat zusammenhielten. „Ihre hochwohlgeborene durchlauchtigste Hoheit, die Regentin, erwartet Durchlaucht bereits im großen Bureau!“

Danke, Oberleutnant. Diese Herren gehören wirklich zu mir!“ Wichtiger als diese Worte war das unauffällige Handzeichen, von welchem ausschließlich der Fürst und die Wachoffiziere wussten.

Ich bitte, Durchlaucht kennen den Weg ja!“ Der Wachoffizier öffnete die Sperre der kleinen Tür neben dem Tor, und die Beamten des Evidenzbureaus betraten das kaiserliche Schloss.

In der Tat!“ bemerkte Fürst zu Hammeten noch zu dem Oberleutnant. Dann eilte er mit hallenden Schritten weiter durch die langen Gänge des altehrwürdigen Schlosses, in dem bereits die große Maria Theresia gewohnt und residiert hatte. Seit 1860 war Schönbrunn elektrifiziert, und die Räume wurden von hunderten Göbelbirnen mehr oder weniger hell beleuchtet. Ganz nach Wunsch und Laune. Dann kam die große Herausforderung – der Einbau einer Wärmeanlage. Lange hatte man überlegt, wo man die Rohre der Dampfheizung verlegen könnte, ohne die wertvollen Böden zu beschädigen. Schließlich hatte man eine Stufe entlang der Wände gebaut und dann die Röhren einfach durch die leicht zu reparierenden Wände geführt. Seit 1879 war endlich das ganze Schloss vom Keller aus mit einer zentralen Anlage beheizt. Einer Zentralheizung eben. Im Jahr 1885 kombinierte dann ein findiger Eisenbahntechniker die Erfindung des Franzosen Fresnell, einer flachen Linse, mit dem elektrischen Licht und bündelte dasselbe in hellen, starken, aber flachen und leichten Scheinwerfern. Damit war nun auch der nächtliche Flugbetrieb der Luftschiffe kein Problem mehr. Vorher mussten die Etappen der Schiffe genau geplant werden, um spätestens mit den letzten Sonnenstrahlen anlegen zu können. Leicht zu bewerkstelligen auf der Sommerhalbkugel, wesentlich schwieriger im Winter. Seit vier Jahren waren diese Probleme Vergangenheit, die moderne, mit kräftigen Scheinwerfern illuminierte Zeit hatte, von Wien und dann auch von Berlin ausgehend, Europa und Africa entlang der Luftschifflinien der Österreicher und Deutschen erreicht und begann ihren Siegeszug langsam, aber sicher auch nach Asien auszubreiten. Dampf und Elektrizität waren die Segensbringer der neuen Welt zu Ende des 19. Jahrhunderts.

Immer zwei Stufen der großen Prunktreppe mit einem Schritt nehmend eilte Fürst Heinrich in den ersten Stock, die Posten auf den Absätzen schlugen die Haken knallend zusammen und salutierten. Dann, oben angekommen, nach links, ein Lakai öffnete sofort, als er der Herren ansichtig wurde, die Tür zum Büro der Regentin. Die drei Mitarbeiter der geheimen Abteilung betraten von dem Sturmschritt die Treppe hinauf noch etwas schwer atmend den Raum.

Hoheiten!“ Tief verneigten sich die Männer vor Helene und Maria Sophia, dann weit weniger tief vor dem Mann in osmanischem Anzug.

Das ist der Sonderbotschafter des osmanischen Reiches, Ibrahim Muhamad Pascha, Hammeten! Der Echte“, erklärte Néné dem Fürsten. „Lassen wir die Förmlichkeiten, wir haben keine Zeit dafür. Herr Ibrahim wurde betäubt und mit seinem Fahrer in einem Hotelzimmer gefesselt zurückgelassen. Ich habe ihn gebeten, mit ihnen zu reden, Hammeten. Vielleicht können Sie als erfahrener Kriminaler etwas erfahren, an das wir alle nicht denken. Die Polizisten, die ihn von dort geholt haben, stehen ebenfalls ganz zu ihrer Verfügung!“

Wie haben bitte Hoheiten eigentlich von der Untat erfahren?“ fragte der Leiter des Evidenzbureaus.

Durch dieses Billett und diesen Brief!“ Maria Sophia reichte beides Heinrich, der die Schreiben las und erblasste.

Hoheit, das ist…“

Noch bin ich nicht tot, Hametten“, unterbrach die Prinzessin den Geheimdienstchef und ballte die Rechte zur Faust. „Das dauert noch ein bisserl! Also, schauen‘s doch, ob Ihnen der Botschafter nicht doch etwas Wichtiges zu erzähl’n hat. Danach lassen Sie feststellen, ob ihr Büro nicht bereits etwas über einen Ahmad al Massud el Allah ad Dhin oder so ähnlich weiß. Und dann gehen’s halt möglichst vielen Spuren nach. Machen’s das, was Sie immer in so einem Casus machen. Ermitteln’s. Sie besitzen unser Vertrauen, Hammeten, wir haben ja schon einmal mit einander z’tun g’habt. Machen’s Ihr‘ Arbeit einfach wie immer. Wenn alle Strick‘ reißen, werd’ ich halt nach Kairo fliegen müssen. Keine Sorge, Frau Mama, er will noch ein bisserl mit mir spiel‘n, da wird er mir eine Chance geb’n. Aber irgendwann werd’ ich ihm das Ganze schon noch heimzahl‘n. So warm kann sich der Pülcher gar net anzieh’n, die Baner28 werd’ ich ihm brechen, eins nach dem ander‘n, ganz langsam! Und eine Reitgert’n werd’ ich auch vorher noch auf seinem Arsch zerdreschen! Eigenhändig!“

An dem der ‚Inneren Stadt‘, also dem ersten Bezirk gegenüber liegenden Ufer des heutigen Donaukanals war die so genannte Leopoldstadt. Benannt nach dem Kaiser Leopold II, der einstmals die Juden über den damaligen Hauptarm der Donau aus der Stadt Wien in ein eigenes Dorf übersiedelt hatte. Ebenfalls zwischen dem jetzigen Donaukanal und der 1875 begradigten und ausgebaggerten Donau nördlich der Leopoldstadt angesiedelt war die sogenannte Wolfsau, die seit dem Bau der Brigittakapelle etwa 1650 Brigittenau genannt wurde. Das gesamte Gebiet zwischen den Donauarmen wurde von den Wienern auch ein wenig verächtlich ‚die Glasscherbeninsel’ genannt. Weil sie komplett flach und ohne nennenswerte Erhöhung war. Auf dieser Insel lag auch der Prater, ein von Kaiser Franz Karl allen Wienern geöffnetes und zur Verfügung gestelltes ehemaliges Jagd- und heutiges Grün- und Flaniergebiet, in welchem auch von den Damen und Herren der Gesellschaft noch gerne ausgeritten wurde. Die Beschwerde des Adels, man könne jetzt doch nirgends mehr unter seinesgleichen flanieren, soll der Kaiser mit den Worten ‚na, da könnt’ ich ja nur mehr in der Kapuzinergruft spazieren geh‘n’ quittiert haben.

Ob das nun stimmte oder nicht, jedenfalls war der jetzige zweite Bezirk, die Leopoldstadt, immer noch die größte mosaische Siedlung in Wien, ein Viertel, in dem die so genannten Goijm, die Nichtmosaischen, eine winzige Minderheit darstellten. Seit Franz Karl als Kaiser 1851 die Religionsfreiheit für alle Glaubensrichtungen verkündete, hatte es viele Bürger mosaischen Glaubens gewagt, wieder öffentliche Synagogen und schöne, mit jüdischen Symbolen verzierte Häuser in der Leopoldstadt zu bauen und ihren mehr oder weniger bescheidenen Wohlstand öffentlich zu genießen. Auch in diesem Bezirk gab es 1889 bereits einige breite Boulevards und Alleen mit elektrischer Straßenbeleuchtung, wenn die Laternen auch nicht ganz so dicht wie an den kaiserlichen Prachtstraßen standen. Aber, nu gut, man leistete sich diese Lampen halt. Auch ein eigenes zentrales Dampfwerk, welches nicht nur die Häuser der Reichen versorgte, sondern auch die kleinen Zimmer der Armen beheizte, leistete sich das jüdische Grätzl29 seit einiger Zeit. Und natürlich jede Menge koschere Wirten, aber auch Kaffeehäuser. Weil trotz des anderen Glaubens waren die Mosaischen ja nicht nur dem Gesetz nach gleichberechtigte Österreicher, sondern auch und vor allem echte Wiener. Und ein Wiener ohne sein Kaffeehaus ist eben eine schiere Unmöglichkeit. Das wäre wie ein Schnitzel ohne Erdapfelsalat und Bier oder ein Heuriger ohne Wein!

Etwa vis a vis der Mündung des Wienflusses in den Donaukanal begann die Praterstraße, welche von der Ringstraße über die Praterbrücke bis in das Grüngebiet führte, nach dem sie neuerdings benannt war. Ein weiterer großzügiger Prachtboulevard, über den sich die reichen Wiener mit ihren Dampf- oder Pferdedroschken in den Prater bringen ließen. Vielleicht zum Galopprennplatz in der Freudenau oder dem Trabrennplatz in der Krieau. Oder aber zu den Reitställen an der Hauptallee, wo viele Adeligen jetzt ihre Rösser eingestellt hatten. Die Praterstraße trennte aber auch das mosaische vom muslimischen Viertel Wiens. Eigentlich hatte die Polizei gar nicht einmal so viele Köpfe mit ihren Holzknüppeln bearbeiten müssen. Die Hitzköpfe beiderseits der Straße hatten relativ schnell verstanden, dass es nicht sonderlich klug war, sich gleichzeitig mit der jeweils anderen Seite und der Polizei gleichzeitig anzulegen. Die Heißsporne hatten auch gelernt, dass die Polizisten immer ein paar Leute mehr herbeischaffen konnten, als es unbelehrbare Dummköpfe beiderseits der Praterstraße gab. Und sie mussten feststellen, dass die Beamten dazu noch die bessere Kampfausbildung und -Ausrüstung besaßen. Die Praterstraße wurde schließlich allgemein als Niemandsland und Grenze akzeptiert und respektiert, wenn sich auch auf beiden Seiten die Begeisterung dafür in engen Grenzen hielt. Aber für die Polizisten waren Mosaische und Muslime mit ihren religiösen Regeln völlig gleich, sie verdroschen eben nötigenfalls beide Seiten und bläuten ihnen den Respekt vor den Gesetzen des Kaisers ein. Selbst jene Polizeibeamte, welche jüdischen oder muslimischen Glaubens waren. Wenn es sein musste, bekam auch eine dritte, eine christlich-nationale Partei, die Knüppel der Ordnungshüter zu fühlen. Falls die glaubten, entweder an den Mosaischen oder den Muslimischen ihr Mütchen kühlen zu müssen, war die Polizei auch zu denen nicht eben zimperlich.

Ihr dürft’s doch eh glauben, was ihr wollt‘s!“ hatte Ludwig, Graf Hartenbühel, der Polizeipräfekt der Leopoldsstadt, zu ihren Oberhäuptern gesagt. „Aber die Andern dort drüben dürfen’s auch und wir hier auch! Und wir da glauben halt, dass die Gesetze seiner Majestät für ALLE gleich sind! Schnallt’s das endlich, oder wir birnen30 euch so lang, bis das in eichere depperten Fetznschädel drin ist. Was ihr in die Moscheen, Kirchen und Synagogen macht’s, ist mir aber sowas von Wurscht. Was ihr euch anzieht’s, ist mir noch viel mehr wurscht, solangs ihr eichern Schwanz net außehängen last’s. Und jetzt schleicht’s euch auße da, und sagt’s euren jungen Wilden, dass die ander’n in Ruh’ lassen soll’n, bevor ich alle gemeinsam in einen Häf’n31 schmeiß‘!“

Allmählich hatten sich auch die fundamentalistischsten Muslime, Mosaischen und auch die fanatischen Christnationalen daran gewöhnt, dass die Regeln der Scharia, der Thora oder auch der Bibel in Österreich nicht als Gesetz galten. Vor Gericht kamen ausschließlich die geschriebenen Paragraphen in den säkularen juristischen Gesetzbüchern zur Anwendung. Und diese Gesetze sagten seit Maria Theresia eben, das alle Österreicher Anspruch auf die gleiche Behandlung besaßen. Alle, ohne Ausnahme. Und Franz Karl hatte noch einmal bekräftigt, dass damit wirklich alle Religionen gemeint waren. Nach einiger Zeit waren die Fanatiker dann entweder wieder gegangen, oder sie hatten sich schließlich und endlich Wien und den Wienern doch noch angepasst und waren weit weniger fanatisch und fundamentalistisch geworden. Sehr zur Freude der Mehrheit ihrer Glaubensbrüder, die nichts anderes wollte als alle anderen Leute auch. Nämlich in aller Ruhe ihren Geschäften nachzugehen und ein halbwegs zufriedenes Leben führen.

Das Oberhaupt der mosaischen Glaubensgemeinschaft Wiens war 1889 der Rabbi Jakob Cohen, ein Mann von eher rundlicher Statur, etwa eins-achtzig groß und Anfang der Fünfziger. Die ‚Beikeles’, also die traditionellen jüdischen Schläfenlocken, und der dichte Bart zeigten trotz seines nicht all zu hohen Alters bereits erste Spuren von grau. Er liebte es, ab und zu ein Gläschen in einem Lokal auf der Praterstraße zu trinken und über Gott und die Welt zu philosophieren. Egal, ob mit Christen, Muslimen oder ganz Nichtgläubigen, ihm war jeder Gesprächspartner recht. Zumindest solange der intelligente Theorien und gute Argumente vorbringen konnte.

Wenigstens lern’ ich neue Gedank‘n kennen und muss nachdenk‘n, wie ich ihnen im Gegenzug mein‘ Glauben erkläre”, pflegte er zu sagen, wenn ihn andere Rabbiner danach fragten. Im Allgemeinen war Jakob Cohen ein gemütlicher Mensch, doch am 22. Februar hastete der Rebbe nervös aus seiner gemütlichen, warmen Wohnung gegenüber vom Augarten und sprang in eine gerade vorbeikommende offene Dampfstraßenbahn, von den Wienern liebevoll auch einfach ‚Bim’ genannt. Nach der kleinen bronzenen Glocke, mit welcher der Conducteur32 die Abfahrt bekannt gab. Mit dieser Straßenbahn der Linie Nummer 26 fuhr er bis zur Taborstraße, wo der wirtschaftliche Aufschwung ebenfalls für viele neue und schöne Häuser im Stil der Gründerzeit gesorgt hatte. Hier waren vor allem die großen Geschäfte zu Hause, in der Taborstraße bekam man beinahe alles en Gros, und einige Dinge wie etwa eine Hausdampfheizung oder ein Dampfvehikel auch en Detail. In der Taborstraße angekommen musste er dann umsteigen, mit einem O-Wagen, also einer Straßenbahn der Linie O, fuhr er über die Kaiser-Ferdinand Brücke33. Eben fuhr vom schrägen Kai am stadtseitigen Ufer eine der schnellen Expressfähren von Werner-Thornycroft auf den Fluss hinaus. Die etwa 340 Kilometer lange Strecke nach Budapest legte das Luftkissenboot in weniger als vier Stunden zurück, inklusive eines Zwischenstopps in Bratislava. Nach der Brücke fuhr die Straßenbahn über den Rotenturmplatz bis fast zu der neuen, erst vor wenigen Monaten fertig gebauten und eröffneten Wiener Urania. Das war ein von dem Deutschen M. Wilhelm Meyer und dem Wiener Theodor Oppolzer geplantes ‚Wissenschaftstheater‘ mit Sternwarte und sollte eine Bildungseinrichtung für alle lernbegierige Erwachsenen werden.

Dort am Kaiser-Ferdinand-Platz34 lagen 1889 bereits die Kopfbahnhöfe zweier mit Vaporid betriebener Stadtbahnlinien, der Wiental- und der Donaukanallinie nach Heiligenstadt. Beide Linien und ihre Bahnsteige waren bereits unter dem Niveau der Straßen liegend gebaut, beinahe auf einer Höhe mit dem Wasserlauf des Donaukanals und des Wienflusses. Ein Zug der Wiental-Linie stand eben am Perron bereit und der Rabbi sprang rasch in ein noch freies Abteil. Kurz wischte er sich den Schweiß unter dem Hut vom kahlen Schädel, da sah er einen Mann in wehendem Kaftan über den Bahnsteig laufen und in den gleichen Wagen wie er springen.

Nu, wann sich des nicht is der oberste Imam Rahim al Schahid“, sprach der Rebbe den Imam an. „Geht der mentshish35 Kolleg leicht a zu unserer Regentin, Jachwe mag geben ihr noch tausend Jåhr!“

Hören’s mir mit dem künstlichen Jiddeln36 auf, Rabbi“, murrte der zurück. „Heben’s ihnen das für ihre Mischpoke37 auf, weil wenn mir im Smetana tarockieren38, reden’s ja auch wie jeder normale Mensch aus Wien! Und ja, ich bin auch vorg’laden!“

Teifel, Teifel, da muss ja der Hut brennen, uns zwei beide gleichzeitig einberufen!“

Zumindest hat’s kan Kieberer39 g’schickt, unsere Regentin, sondern nur an Buckel40. Da gibt’s Hoffnung.“ Rahim war noch immer etwas außer Atem. „Ah, Abfahrt. Endlich!“ Tatsächlich ertönte draußen ein schriller Pfiff aus dem Trillerpfeiferl des Schaffners, den der Lockführer mit einem gellenden Signal der Dampfpfeife erwiderte. Dann mahlten die Räder auf den Schienen und die Stadtbahn nahm langsam Fahrt auf.

Da schaun’s” wies der Rabbi aus dem Fenster. „Die Arbeiten am Stadtpark haben ja schon wieder ang’fangen! Dabei haben wir erst Februar. Gestern hat’s noch geschneit.“

Das wird ein Trara41, wenn dann die ganzen Wiener da spazieren geh’n woll’n“, räsonierte der Imam. „Hoffentlich rennt nachher auch genug He42 im Park herum, weil sonst g’hört des Gelände bald den Taschlziehern43 und den Banern44 von die Peitscherlbuam45. Wie sich diese Strichkatzen aufmascherln, a Schand sag ich, a riesige Schand! Die G’spasslaberl46 hupfen denen ja schon bei jedem Schritt von selber aus der Wäsch‘!“

Nu, die süßen Maderln müssen halt auch ihr G’schäft machen, Imam“, versuchte der Rabbi seinen Kollegen zu beruhigen. „Und sie müssen ihre War’ auch in die Auslag‘ leg‘n, wie alle Geschäftsleut‘. Sonst kauft‘s ja keiner.“

Ich sag’ ja auch nichts, wenn’s das später am Abend am Gürtel machen, oder auf die Nacht im Prater, aber am Tag im Park doch net!“ ereiferte sich Rahim.

Imam, der Park ist doch noch net einmal fertig, und Sie reg‘n sich schon über die Professionellen auf, die irgendwann hier am Strich geh’n könnten? Das ist aber gar net g’sund für ihr‘n Kreislauf. Überhaupt net g’sund. Lassen ihre muslimischen Buben nicht auch die Hosen åbe47, wenn das Maderl das Rockerl lupft?“

Der Koran verbietet kategorisch jede außereheliche…“, wetterte der Imam.

Die Thora doch auch, lieber Freund!“ unterbrach der Rabbiner. „Das hat aber noch keinen Mann und keine Frau gehindert. Noch keine einzige Menschenseel’. Net einmal den jungen katholischen Pfaffen vom Alsergrund. Nu, wird er halt gehabt haben an ganz kräftigen Notstand. Er ist ja auch nur ein Mann, und der Arme darf noch nicht einmal eine Frau heiraten!“

Sollte er sein Leben nicht seinem Gott geweiht haben?“

Nu, bei den Ohren kann er‘s ja auch schlecht `rauslaufen lassen! Gönnen Sie ihm doch den kleinen Spaß, Imam.“

Sein Gott wird ihn richten, Rabbi Cohen. Sein Gott wird ihn streng für seine Sünden bestrafen!“ rief der Imam mit erhobenem Zeigefinger, der Rabbi Cohen zuckte nur mit den Schultern.

GOTT der Gerechte, er wird schon richten und er wird wohl auch den Sünder straf‘n, wenn’s ihm so wichtig ist! Aber ER wird doch nicht mich straf’n, wenn der eine von den Katzen am Strich pudert48!“

Die beiden Geistlichen gingen nach dem Aussteigen aus der Stadtbahn von der Station Schönbrunn zum Haupteingang des Platzes, die Wache in den dampfbeheizten Schildhäuschen stand wie immer stramm.

Zu was stell’n die eigentlich immer noch ein paar von die Männer da hin?“ überlegte Jakob Cohen. „Ein paar Holzfiguren möchten den gleichen Effekt haben. Vielleicht mit einer Dampfmaschin‘, damit’s die Flint’n schön hochhalten können, wenn wer kommt!“

Aber dann werden doch die ganzen Leut’ da arbeitslos, Rebbe. Da haben’s jetzt ein bisserl zu kurz gedacht. Wo soll’n denn die Wappler, die nichts anders g’lernt haben außer Manderl machen49 und ihr Blas’n kontrollieren sonst für an Beruf ausüben? Sollen’s denn lieber Hackenstad50 werd’n?“

Die Regentin der Vereinigten Donaumonarchien erwartete den Rabbiner und den Imam im kleinen Büro. Robert Čermak, der neue sozialdemokratische Bundeskanzler der Donaumonarchien, legte ihr eben noch einige neue Depeschen vor.

Wie Majestät sehen, sind der Luftschiffhafen und die österreichische Versorgungsstadt im Norden von Karthoum zwar immer noch von den Mahdisten mehr oder weniger eingeschlossen, aber sie greifen ihn nicht an. Wie der Sirdar Horatio Kitchener mit seiner Armee gemerkt hat, dass Gordon Pascha tot ist, hat er sich auf kein großes Gefecht mehr eingelassen, sondern ist wieder abgezogen. Seither hat die Armee des Mahdi einen recht weiten Kreis um unseren Hafen gezogen. Sie greifen ihn nicht an und lassen die Besatzung sogar in der Nähe der Befestigungen ungeschoren, wenn die den markierten Bereich der österreichischen Enklave nicht verlassen. Aber sie isolieren die Station eben ziemlich. Sie verzichten aber auch darauf, auf unsere Luftschiffe zu feuern. Nicht, dass es ein Problem für unsere Apparate wäre, wenn sie es versuchten.“

Und zu Wasser?“

Ibrahim Jamal und sein Sultanat Sudan müssen Handel treiben, daher ist der Fluss für unbewaffnete Handelsschiffe mit Segeln oder Ruder offen. Waren und Personen dürfen allerdings nur über unseren Hafen die Schiffe nach Karthum verlassen und betreten, und manchmal wurden Leute von den Mahdisten auch schon wieder zurück in unsere Festung geschickt, wenn sie in den Sudan wollten. Wir halten die Preise für die Benützung unserer Anlagen niedrig, damit haben wir einen Stein im Brett bei den Mahdisten. Den Briten und Franzosen trauen sie überhaupt nicht, uns zumindest so halbwegs, was das Geschäftliche angeht.“

Das heißt, sie sind mit dem Status quo so halbwegs zufrieden?“

Zufrieden? Das kann ich nicht beantworten, Majestät.“ Čermak strich sich über den dünnen Schnurrbart. „Aber zumindest einverstanden dürften sie im Moment damit sein.“

Natürlich, Bundeskanzler. Sie stecken ja nicht in deren Köpfen. Aber hoffen wir, dass es ruhig bleibt da unten. Wenn die Mahdisten unsere Stellung ernsthaft angreifen wollten – nun, sie haben ja auch Karthum eingenommen.“ Helene trug eine einfache weiße Bluse zu einem bequemen blauen Rock und studierte den Bericht, welchen ihr der Kanzler vorgelegt hatte.

Im Unterschied zur Besatzung von Gordons Karthum haben wir eine richtige Armeeeinheit vor Ort, Majestät“ betonte der Kanzler. „Gordons Leute waren zuletzt ja zum größten Teil sudanesische Händler und Arbeiter. Mutig, ja, aber nicht ausgebildet und schlecht bewaffnet. Es wird zwar behauptet, er hätte über siebentausend ägyptische Asaker verfügt, aber mit welcher Ausrüstung? Die halbe Armee des Khedive ist doch jetzt noch mit einschüssigen Hinterladern ausgerüstet. Kanonen hat der Gordon gerade einmal ein paar Feldgeschütze und einige alte Bronzekanonen zur Verfügung gehabt, und das mit kaum Munition. Die Gatlings auf den Mauern unserer Enklave sprechen da schon eine deutlichere Sprache. Und wir haben unsere Luftschiffe, mit denen wir den Nachschub in Gang halten können!“

Trotzdem!“ Néné zögerte. „Hoffen wir, dass es so bleibt! Wie sieht es denn in Ital… Ja, was ist denn?“

Ein Diener in Livree war durch die Tür gehuscht und wartete darauf, von der Regentin bemerkt zu werden. „Durchlauchtigste Hoheit, Rabbi Cohen und Imam al Shahid sind eingetroffen und warten untertänigst im Vorraum!“

Na dann, herein mit den Beiden“, winkte Helene. Nach einer exakten Verbeugung baute sich der Lakai neben der großen, jetzt geöffneten Tür auf und rief mit hallender Stimme.

Rabbi Cohen und Imam al Shahid dürfen eintreten und erhalten Audienz bei der Regentin der Vereinigten Donaumonarchien! Sprecht, und ihr werdet Gehör finden!“ Der mosaische und der muslimische Geistliche betraten den Arbeitsraum und gingen bis zu einer unauffälligen Markierung, wo sie stehen blieben und sich tief verneigten.

Stehen Sie auf, meine Herren, und setzen Sie sich.“ Néné wies auf zwei Stühle vor ihrem Schreibtisch. „Also, ich habe Sie beide kommen lassen, weil eigentlich sollten Sie ja ihre Leute in Wien halbwegs kennen. Ich brauche Informationen über einen Ahmad al Massud el Allah ad Dhin. Wenn Sie etwas erfahren, gehen Sie doch bitte zu Fürst Hammeten. Und dann noch etwas. Mein Hofmedikus hat gesagt, vielleicht könnten Sie etwas über ein Gift wissen, wo man jeden Monat ein Gegenmittel einnehmen muss, und das die folgenden Symptome hat.“ Helene schilderte den ersten Anfall der Prinzessin Maria Sophia, ohne ihren Namen zu nennen und erwähnte auch den Brief.

Oij G’wald g‘schrien! Das ist ja a Unglück! In der Thora wird so ein ganz ähnlicher Fall erwähnt, ich weiß aber nicht mehr genau, wo und wie’s aus‘gangen ist!“

Auch in einigen Geschichten des Islam gibt es ähnliche Symptome nach der Einnahme von Gift. Aber ich muss da noch genauer nachlesen! Auch der Nam’ kommt mir irgendwie bekannt vor!“

Tun Sie das, meine Herren.“ Helene nahm die Füllfeder wieder auf und nahm eine Depesche vom Stapel. „Ach, und Imam!“

Ja bitte, durchlauchtigste Hoheit?“

Schicken Sie bitte noch heute Abend einen jungen, vertrauenswürdigen und sauberen Mann hierher nach Schönbrunn. Deutsch muss er nicht unbedingt können, aber Arabisch, und höflich muss er halbwegs sein! Meine Tochter Maria Sophia wünscht die arabische Sprache und ihre Sitten zu lernen, und sie hat nur runde drei Wochen Zeit! Bei aller Begabung, eine zu kurze Zeit für einen der üblichen Lehrer.“

Meinen Euer Majestät jetzt wirklich, was ich denke?“ Al Shahid riss die Augen verwundert auf.

Imam, sich in der kurzen Zeit auch nur die Grundzüge einer Sprache anzueignen gibt es nur eine Methode. Und nur einen Ort!“

Ich… ich verstehe“, schluckte der Imam. „Hoheit können sich auf mich verlassen. Ich werde den jungen Mann persönlich instruieren!“

Danke, Imam. Meine Herren, auf Wiedersehen. Also Čermak, Was ist mit Italien?“

Die zufallende Tür schnitt die Antwort des Kanzlers ab, und Rabbi Cohen schritt mit den Händen auf dem Rücken verschränkt und unverständliche Worte in seinen Bart murmelnd davon. Der Imam al Shahid eilte ihm nach.

Was haben’s denn, Kollege?“

Ich klär’ was”, knurrte der Mosaische.

Dann erklären Sie mir was“, meinte der Moslim. „Die erste Frage, Kollege Cohen, muss lauten: warum hat uns die Regentin zu sich g‘rufen. Warum nicht zu einem ihrer Sekretäre?“

Weil’s ein Mitglied der kaiserlichen Familie betrifft, Imam“, grummelte Cohen. „Fragen’s mich doch was schwereres. Aber gut, zweite Frage. Warum muss die Prinzessin in drei Wochen arabisch lernen?“

Jetzt stell’n Sie die leichte Frage“, bemerkte Shahid. „Weil sie die Vergiftete ist und das Gegenmitt‘l irgendwo bekommen soll, wo Arabisch gesprochen wird! Was uns zu Frage drei bringt. Ahmad al Massud el Allah ad Dhin.“

Der Vergifter, Imam. Und wir können froh sein, dass dieser Alladin erst jetzt zug’schlagen hat. Vor fünfzig Jahr wär’n alle Unsrigen und die Ihrigen unter Verdacht g’standen. Das hätt‘ vielleicht ein Pogrom geben.“

Bei Allah! Da haben Sie Recht, Rabbi! Da müssen wir dem Kaiser Franz Karl ja gleich noch einmal dankbar sein.“

Eigentlich war die zuerst kaiserliche, dann kurz nur noch erzherzogliche, danach wieder kaiserliche und später kaiserlich-königliche Residenz in Wien seit dem ersten Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation aus dem Haus Habsburg, Rudolf I, die Hofburg an der Grenze zur Innenstadt. Früher lag dort die wiener Stadtmauer, doch Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Kaiser die Schleifung der alten Wehranlagen und den Bau eines Prachtboulevards befohlen. Der im Volksmund nur ‚Burg’ genannte große Gebäudekomplex wurde unter Kaiser Franz Karl mit dem Schloss Schönbrunn durch einen Prachtboulevard verbunden. Dieser Boulevard bestand aus der ausgebauten und verbreiterten vorherigen Lindengasse und der ebenfalls neu gestalteten ehemaligen Felberstraße. Als Kronprinz Franz Joseph Straße nahm sie ihren Anfang am Maria Theresia Platz und ging kerzengerade nach Südwesten bis zur großen Schlossallee. Beiderseits des Platzes mit dem Denkmal in der Mitte, welches die erste Kaiserin des deutschen Bundes darstellte, waren gerade die beiden großen Ausstellungsgebäude im Bau. Noch unter Franz Karl wurden dort zwei für alle Interessierten zugängliche Museen geplant, eines für Natur- und eines für Kunstgeschichte. Jetzt näherten sich beide Gebäude der Fertigstellung, viele Exponate für die künftigen Ausstellungen lagerten bereits im kaiserlichen Hofmobiliendepot. Daran schloss sich jenseits des Äußeren Rings, von den Wienern auch nach der darauf verkehrenden Dampfstraßenbahn Nummer 2 einfach Zweierlinie genannt, rechter Hand die Dragonerkaserne und zur Linken die Adolf-Burstyn-Kaserne, in der die von dem Bahntechniker Burstyn entwickelten gepanzerten Motorgeschütze ihren Standort hatten. Beide Kasernen waren an der Stelle der alten Hofstallungen und der Militärakademie entstanden, letztere wurde in die Nähe Schönbrunns an den sogenannten Fasangarten verlegt und mit modernsten Einrichtungen ausgestattet. Bis zum Gürtel, also jener Straße, welche die ehemaligen Vorstädte von den Vororten trennte und wo früher als erste Verteidigungslinie der Linienwall stand, gab es dann beiderseits der Straße immer wieder ausgedehnte Parkanlagen, welche an manchen Tagen geschlossen waren und dann als Übungsplatz für die stationierten Truppen dienten. Danach erreichte die Kronprinz Franz Joseph Straße jenseits des Gürtels den Westbahnhof, der zu linker Hand lag, und den weitläufigen Luftschiffhafen auf der rechten Seite, wo gleich acht von den ganz großen Giganten gleichzeitig liegen und abgefertigt werden konnten. Dieser Hafen war eine Meisterleistung der Ingenieurskunst, vom deutschen Eisen- und Stahlmagnaten Alfred Krupp als wahre Kathedrale der Moderne aus Kortwitz-Leichtstahl, der seine Festigkeit unter anderem der kristallinen Struktur verdankte, und sehr viel Glas gebaut. Schließlich mündete die Kronprinz Franz Joseph Straße in die Schlossallee, einem weiteren begrünten Boulevard. Diese führte von den Toren Schönbrunns auf die Schmelz51 und weiter nach Grinzig, einem sehr bekannten Erholungs- und Weinbauort.

In der Mitte der Kronprinz-Franz-Joseph Straße fuhr zu Beginn unter dem Straßenniveau in einem Graben eine Dampfstraßenbahn, die so genannte Einserlinie. Seit 1888 verkehrte dort jedoch der erste ‚Tesla Blitz’, eine elektrische Schienenbahn, die auf der geraden Strecke fast 85 Stundenkilometer erreichte. Sonderwagen des kaiserlichen Hofes konnten damit von der Hofburg direkt ins Schloss Schönbrunn und umgekehrt fahren, die anderen Fahrzeuge verkehrten zwischen der Zweierlinie und der Schlossallee, mit einer Zwischenstation am Gürtel. Beiderseits der Schienenstrecke waren alte Linden gesetzt, dann kam die breite Wagenspur, wo drei Fuhrwerke neben einander herfahren konnten, wieder eine Allee und dann der Fußweg. Moderne, luftige Metallbrücken überspannten die Straße, sodass die Fußgänger ohne Gefahr auf die andere Seite gelangen konnten. Auch der Graben für die Bahn war mit unzähligen Brücken für die Dampfdroschken und Fuhrwerke zu überqueren. Seit der Einführung des Blitz planten die Stadtarchitekten diesen Graben auf weite Strecken ganz abzudecken und mit kleinen Pavillons für Erfrischungssuchende und Spaziergänger zu bebauen. Ein Stück gleich am Anfang bei dem Denkmal war sogar schon fertig. Natürlich war diese Straße nicht leicht zu bauen gewesen, man hatte viele Leute umsiedeln und mit einer Menge Geld entschädigen müssen. Aber im großen und ganzen waren die Leute ganz zufrieden gewesen. Vor allem, weil die neuen Häuser moderner waren, alle Gebäude verfügten über Aufzüge und eingebaute Heizungen. Die Wohnungen selbst waren größer und heller, und sogar einige Parks in der Umgebung hatten die Planer bereits gleich mit einkalkuliert. Es war eine Rekordleistung geworden, binnen anderthalb Jahren waren die Neubauten fertig und die Anwohner ungezogen.

Die Regentin Helene hatte allerdings seit dem Tode Franz Karls die Hofburg nicht mehr betreten, sondern führte ihre Amtsgeschäfte ausschließlich von Schönbrunn aus.

Ich bin nicht die Kaiserin, genau genommen nicht einmal eine Habsburgerin. Also arbeite ich von Schönbrunn aus, und die Herren Architekten können in Ruhe die Modernisierungen vornehmen, damit mein Sohn Franz Rudolph eine wohnliche Heimstatt bekommt. Falls er wieder in die Burg ziehen will.“ Der Vorteil für die Restauratoren war, dass natürlich nicht so viele Wachposten im Weg herumstanden und die Arbeit erschwerten. Aus der Burg in die Wiener Innenstadt führte das Michaelertor auf den Michaelerplatz, benannt nach der Michaelerkirche. Diese war ursprünglich für das kaiserliche Hofgesinde gebaut, dann aber allen Personen zugänglich gemacht worden. Das mit Abstand wichtigste und bekannteste Gebäude auf diesem Platz aber war das Palais Dietrichstein. Im Erdgeschoss desselben lag nämlich, mit dem Eingang zum Platz hin, das Café Griensteidl, schon damals eine Institution in Wien. In den sechziger- und siebziger-Jahren hatte es den Spitznamen Café National getragen, weil halt alle Politiker Wiens im Griensteidl miteinander tacheles teigatzt, also Klartext gesprochen haben. 1889 hatte die Klientel bereits wieder gewechselt, jetzt traf man dort die Vertreter des Wiener Fin de Siecle, der Belle Epoque, der Wiener Moderne.

Proletarier aller Länder vereinigt euch, ihr habt nichts zu verlieren, außer euren Ketten!“ deklamierte ein stattlicher Mann mit längerem, dunklen Vollbart. „Vielleicht könnt‘ man’s leichter glauben, wenn das nicht von so einem Owezahrer52 kamert, der sein Lebtag lang nichts g’arbeitet und sich bei seinem Freund, dem Industriellenbuben Friedrich Engels, durchg’schnorrt hat!“

Abärr so Unrrecht hat ärr nicht, Arrthur!“ ein jüngerer, etwa zwanzig Jahre alter Mann mit bereits hoher Stirn und Schnauzbart nahm das kommunistische Manifest, das Arthur auf den Tisch geworfen hatte, in die Hand. „Und `48, wie ärr hått gäschrieben das Häft, er håt gehabt noch viel märr rrächt!“

Dein Akzent verrutscht, Zsiga! Überhaupt, unter Zsiga Salzmann wirst keine Bücher verkaufen. Pfeif’ auf den ungarischen Akzent und leg‘ dir an deutschen Namen zu! Felix vielleicht. Und kürz’ den Salzmann ab. Salz- Sol- nein, ich hab’s, Salten!“ Der Mann mit dem kurzgeschnittenen Vollbart sog genüsslich an seiner Zigarre. „Von Jud’ zu Jud’, als einer von die insrigen hast du’s als Schriftsteller schwer. Als Deppendoktor53 geht’s, aber du willst ja unbedingt Bücher schreiben, so wie der Arthur!“

Nicht ganz wie där Arthur!“ protestierte Salzmann. „Ich will das ächte! Nicht nur das saubäre, schäne! Ich will, ich muss das schmutzigä von diesär Welt zeigän!“

Was schwebt dir denn vor? Bringen’s mir doch noch einen kleinen Schwarzen, Herr Franz!“

Gschamsta54 Diener, Herr von Schnitzler“, dienerte der Ober, welcher schon viele Stammgäste kommen und gehen gesehen hatte.

Also, Zsiga, red’ schon“, wandte sich Arthur Schnitzler wieder an Zsiga Salzmann. „Was soll denn das schmutzige von der Welt werd‘n?“

Die Gäschichtä von einer Strichkatz, die was schon als kleines Mäderl aus ganz armän Verhältnissän auf die schiefe Bahn kommt! So ist das halt, wänn man ganz untän ist! Man muss schon früh seinän Körpäär verkaufän!“

Aber so schlimm ist es heut’ doch nicht gar mehr, mein lieber Freund!“ Schnitzler paffte zufrieden seine Virginia. „Ja, früher, vor der Dampfkraft und dem Tesla mit seine Motor’, und vor’m Kaiser Franz Karl, da hat’s solche armen Leut’ zu Hauf’ geben, Bettgeher55 und so. Aber heutzutag’ haben wir doch genug Arbeit! Und seit der Kaiser Franz Karl den sozialen Wohnbau nicht nur in Wien, sondern in allen Kronländern ang’leiert und unsere Regentin sogar noch eine Sozialversicherung in’s Leben g’rufen hat? Da ist das doch gar nicht mehr nötig, dass ein kleines Mäderl sich verkaufen muss. Wer soll den überhaupt für so ein jung’s Mentscherl56 zahl’n?“

Ach, da gibt’s wirklich kranke Leute!“ Siegmund Freud zog eine dicke Zigarre aus der Tasche. „Einen Cognac noch, bitte! Also, wenn ich dürft’, ich könnt’ euch da Geschicht‘n erzählen! Manche Mensch‘n haben ja wirklich ganz arge Vorstellungen. Auch, nein, ganz besonders, was den Sex angeht. Felix, hör’ auf mich, schreib Tierkinderbücher. Bambi, Geschichte eines Rehkalbs oder so etwas!“

Verkauft sich sicher besser, zumindest über’m Ladentisch.“ Schnitzler nahm einen Schluck von seiner Tasse und zeigte mit der Zigarre auf Salzmann. „Darunter – schreib’ nur deine Peperl Mutzenbacher. Wenn du’s als Fortsetzungsgeschichte schreibst, werden’s die Leut‘ heimlich kaufen und sammeln.“

Du hast rächt, Arthur. Und der Siegmund auch. Ich wärdä wirklich beidäs schreibän. Darf ich dän Titäl habän, Siegmund?“

Bedien’ dich nur, Felix!“

Dankä! Abär, Arthur, Karl Marx hat ja doch rächt, die Wält ist ungerächt. Die Adäligän und Untärnähmär wärdän reich und reichär auf Kosten där Untärschicht. Dass äs bei uns in Östärreich nicht so äxträm ist, dank däm Kaisär Franz Karl und där Rägäntin Häläne, stimmt schon. Abär där nächstä Kaisär kann alläs wiedär zerstörän. Wie brauchän dauärhaft bässärä Zuständä!“

Natürlich stimmt’s rein vom Prinzip her, was der Marx da schreibt!“ gestikulierte Schnitzler mit seiner Zigarre. „Das möcht’ ich gar nicht bestreiten! Die Parlaments- und Kronländerratsgesetze sind zwar schon recht fest in der Verfassung zementiert word‘n, so dass die Donaumonarchien nicht mehr ganz so schnell in den totalitären Absolutismus zurückfallen können. Aber jetzt brauch‘n wir halt auch noch eine sicher im Gesetz verankerte Gleichberechtigung von Männern und Frauen, von Mosaischen und Moslems. Das Dekret von der Maria Theresia von 1745 war ja schon ein guter Anfang, aber es muss in die Verfassung. Da geh’ ich ganz konform mit euch und mit diesem amerikanischen Briten Mark Twain!“

Wär’ ja wirklich wünschenswert!“ Freud schnupperte an seinem Cognacschwenker. „Ah! Also der Griensteidl hat schon ein b’sonderes Tröpferl! Aber wie willst denn zum Beispiel den Antisemitismus aus die Leut’ rausbringen? Da hat nicht einmal dein Karl Marx ein Rezept, Felix!“

Abär wenn äs dän Mänschän gäht bässäer, dann hassän sie doch wänigär!“ Salzmann gestikulierte wild. „Dann gibt äs vielleicht bässäre Leutä, die nicht einä Schuld suchän bei andärä Leut! Wir brauchän sozialärä Gäsätzä!“

Nutzt nichts, junger Freund!“ Endlich nippte Freud an seinem Weinbrand. „Ich mag dich, Felix, wirklich. Du glaubst, dass der Mensch gut ist, wenn’s ihm gut geht. Das ist ein schöner Traum, aber nicht mehr. Tut mir sehr leid. Aber weißt, ich fürcht’, der Marxismus wird nicht funktionier’n. Das ist deswegen, weil selbst wenn alle Leut’ die gleichen Teller voll mit Essen bekämen, es gäb’ immer noch welche, die zwei woll’n. Nicht, weil sie’s essen können, sondern weil der Mensch auf gut wienerisch ein mieses Viech mit Hax‘n57 ist. Und wir mach’n unsere Kinder zu noch größere Viecher, die auf Leut‘ mit anderer Meinung, Hautfarb’, Haarfarb‘ oder was weiß denn ich noch alles scheißen, bis die alle miteinander zug’schissen sind. So ist der Mensch gemacht, und so bleibt er. Eine Packlrass’58, eine ganz hundsgemeine!“

`Urid shira’ qiteat jbn!59“ der junge, gut gebaute Mann im Schlafzimmer der Prinzessin wies auf ein Stück Käse und machte die Fingerbewegung des Geldzählens, Maria Sophia zeigte auf den Teller.

Shira?“

La! Jubnuh!60“ dann reichte er eine Münze vom Tisch Maria Sophia und nahm den Käse. „Iilshira!61

Na gut!“ sie stieg aus dem Bett, nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm ins Bad unter die Dusche, wies auf den Duschkopf.

Dush62! Sabun63! Hadha hu skhin64! Hu! Hadha Barid! Barid jidana65!“ er schlang seine Arme um sich!

Ja, dass das Wasser kalt ist, sieht man dir an!“ sagte die Prinzessin. „Wart nur, gleich wird dir wieder warm werden!“ Sie drehte wieder das warme Wasser auf. „Dafi?“

Dafi! Dafi!“

Sie nahm ein flauschiges Badetuch zu Hand und zeigte es ihm.

Munashifa66“, erklärte der junge Mann. Maria frottierte seine Brust und zeichnete seine Brustmuskeln mit dem Zeigefinger nach. „Sadar!“ Langsam wanderte der Finger zum Bauch. „Batan“, schloss der Mann die Augen, als der Finger noch weiter nach unten fuhr. „Oh Allah! Qadib! Hadha qadibi!“ Danach nahm sie seine Hände und legte sie auf ihre Brüste.

Hadha Sadar?“

La! Alsudur!“ seine Finger umkreisten die Brustwarzen der Prinzessin, welche plötzlich hart wurden. „Halmat althidi!“ seine Lippen legten sich dorthin, wo eben noch seine Finger waren. „Aqbal halmatik“ seine Lippen wanderten ihren Körper nach unten. „Aqbalak maeadatak!“ seine Hände umfassten ihr Hinterteil. „Amsik ardafuk!“

Aintizae biquat akbar67!“ sagte sie, und er griff gehorsam beherzter zu. „Quabalani alan68“ sie zog seinen Kopf zu ihrem nach oben und küsste ihn, fühlte, wie er darauf reagierte und zog ihn zum Bett. „Afealha!“ hauchte sie, bereits schwerer atmend, und er tat es, drang vorsichtig und doch fordernd in sie ein…

So und nicht anders muss man eine Sprach‘ lernen!“ Sie setzte sich zufrieden wieder auf und tätschelte seinen Bauch. „Alsdann, Samir, wie war das jetzt noch mal mit dem ‚Jabnah shira’?“

Berlin

In Berlin bildete die Spree eine große Insel, auf welcher bereits Friedrich, der zweite Kurfürst von Brandenburg 1443 die erste Burg bauen ließ. Diese wurde später unter einem anderen Friedrich, nämlich dem ersten König in Preußen, zum Barockschloss umgebaut. Dieses Schloss bestimmte Wilhelm, der erste Kaiser der Deutschen, nach seiner Krönung zur kaiserlichen Residenz und modernisierte das Gebäude Ende der siebziger Jahre mit der damals revolutionären Dampftechnologie. Auch die Elektrifizierung des Schlosses wurde bereits von Wilhelm I in Auftrag gegeben und auch noch vor seinem Tod beendet. Seit dem Tod seines Großvaters 1888 und seines Vaters im gleichen Jahr residierte nun Wilhelm II als Kaiser mit seiner Ehefrau Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und ihren bislang fünf Kindern im Schloss Berlin. An den Wänden des Schlosses im Stil des norddeutschen Barocks hingen nun seit der Inthronisierung des zweiten Wilhelm vor allem Bilder mit maritimen Themen. Seeschlachten von der Antike bis zum Kampf um Wyk, einzelne Windjammer unter geblähten Segeln, dampfbetriebene Kriegsschiffe mit Rad- und noch modernere mit Schraubenantrieb, aber auch schon stolze Luft- und Flugschiffe prangten in Öl gemalt in wertvollen Rahmen oder standen als Modell in gut erleuchteten Vitrinen. Wilhelm II war in die See- und Luftfahrt verliebt und plante eine noch größere, noch stärkere Flotte für das deutsche Reich. Noch viel mächtiger sollte sie werden, die kampfstärkste Flotte dieser Erde. Jetzt schon machten der Wernermotor und der kristalline Kortwitzstahl die Dampfschiffe des deutschen Kaisers allen anderen Fahrzeugen auf dem Meer und in der Luft überlegen. Mit Ausnahme jener der österreichischen Marine, ein steter Dorn im Finger des Kaisers, auch wenn Kakanien derzeit der treueste Verbündete war. Im Ausgleich für die weniger großartige Qualität im Vergleich zu den schwarz-gelben Schiffen verfügte das deutsche Reich über bei weitem mehr und vor allem größere Schiffe, auch bei den flugfähigen. Mochten die Habsburger die schnelleren Flugkreuzer mit weit größerer Reichweite haben, die deutschen waren stärker bewaffnet und schwerer gepanzert. Ein Vorsprung, den Wilhelm zu halten und noch weiter auszubauen gedachte.

Durch die Gänge im ersten Stock des Berliner Schlosses bewegte sich mit gemessenen Schritten ein großer, massiger Mann in schwarzem Gehrock. In Berlin waren schwarz und andere gedeckte Farben vor allem in der Mode der Herren immer noch en vogue. Sein weißer Schnurrbart war perfekt getrimmt und exakt über den Mundwinkeln nach oben gezwirbelt, sein Haupt komplett kahl. Selbst der noch vorhandene Kranz um das Hinterhaupt war auf Millimeterlänge geschoren. Im linken Auge trug er ein Monokel, welches mit einer schwarzen Kordel mit der Brusttasche des zweireihigen Leibrockes verbunden war. Dieser Mann war in ganz Europa bekannt geworden, es handelte sich bei dem Mann um Otto Fürst von Bismarck, und der Kanzler des geeinten deutschen Reiches war auf dem Weg zu seinem Souverän. Die Soldaten mit den Pickelhauben in den modernen grauen Felduniformen, denen Otto von Bismarck selbstverständlich bestens vertraut war, nahmen Haltung an, wenn der Fürst in den neuesten Depeschen lesend an ihnen vorbei ging. Ein Diener in Livree öffnete dem Fürsten die Tür zum Arbeitsraum des deutschen Kaisers und meldete Wilhelm II seine Ankunft.

Ah, Bismarck! Sie kommen ja gerade richtig!“ Der Kaiser winkte seinen Kanzler mit seiner Dampfprothese, die erst seit wenigen Jahren seinen verkrüppelten linken Arm und die bis dahin nicht brauchbare Hand ersetzten, zu sich. „Sehen Sie sich nur diese herrliche Konstruktion an! Ein flugfähiger schwerer Panzerkreuzer! 320 Meter Kiellänge! 53 Meter breit! 45 Knoten im Wasser. Vier drehbare Geschütztürme mit je zwei 35 Zentimeter Geschützen. Zwei mal acht von den Auftriebsmaschinen mit den gegenläufigen Turbinen, drei Antriebsrohre. Und eine wirklich starke Panzerung aus Leichtstahl von Kortwitz! Ich sage ihnen, Bismarck, damit stechen wir jeden aus! Sogar unsere Verbündeten!“

Majestät, wir sollten…“

Später, Bismarck, später!“ winkte der Kaiser ab. „Sehen Sie sich nur diese herrliche Linienführung an, ist die SPREEWALD nicht eine Schönheit?“

Das ist sie, Majestät“, ergab sich der Fürst in sein Schicksal.

Zwanzig Zentimeter länger als die KAISERIN SOPHIE, und die Kanonen haben fünf Zentimeter größere Kaliber“, führte Kaiser Wilhelm II weiter aus. „Und die Engländer und Franzosen hinken auch bei der Geschwindigkeit und Reichweite noch weit hinterher. Warum fliegen denn die Österreicher eigentlich so viel schneller und vor allem extrem viel weiter als unsere Schiffe, Bismarck? Wir schaffen gerade einmal 500, maximal sechshundert Kilometer am Stück, und man hört aus Triest, die neuen österreichischen Schiffe sollen mehr als drei- viertausend Kilometer schaffen! Ohne Flugpause! Können Sie mir das irgendwie erklären?“

Kaiserliche Hoheit, die Österreicher benützen den Dampf nur noch zur Stromerzeugung und nicht mehr direkt mechanisch zum Antrieb. Sie betreiben ihre Motoren bei den neuesten Schiffen nicht mehr mit Dampfkraft, sondern mit elektrischer. Eine Erfindung von einem jungen Kroaten, einem gewissen Nicola Tesla.“ Otto von Bismarck hob seine Schultern. „Dadurch können sie den Dampf zum größten Teil wieder zu Wasser kondensieren und in einem geschlossenen Kreislauf wieder verwenden. Mit dieser Technik erreichen sie vielleicht nicht so viel mehr an Geschwindigkeit, laut unserem Geheimdienst etwa zehn bis zwölf Prozent im Vergleich zum direkten Werner-Dampfantrieb, aber die Reichweite steigt natürlich enorm!“

Sie benutzen so starke Elektromotoren? Warum haben wir so etwas nicht?“

Patentrechte, Hoheit. Und hervorragende Geheimhaltung des österreichischen Evidenzbureaus. Den Wernermotor und das Vaporid haben wir damals im Austausch für die Formel von kristallinem Leichtstahl von Kortwitz bekommen. Derzeit haben wir aber nicht genug anzubieten, um den neuen Tesla-Motor zu kaufen. Aber wir arbeiten natürlich an eigenen Innovationen!“

Dann sollen die Erfinder eben schneller arbeiten, Bismarck. Machen Sie ihnen doch Dampf unter dem Hintern. Wie viele von diesen Elektrodampfer haben die Österreicher denn schon?“

Die KAISERIN SOPHIE liegt in Triest, die KAISERIN MARIA ANNA in Genua bereit, Hoheit. Die KAISERIN MARIA JOSEPHA wird als dritter Schlachtkreuzer eben in Triest gebaut. Sie soll noch etwas schneller werden, und die Reichweite wird ebenfalls noch einmal erhöht. Die Flügel der Propeller bekommen eine bessere, eine optimierte Form, diese verbesserten Luftschrauben könnten wir bereits käuflich erwerben. Dazu noch vielleicht zwanzig schnelle Kreuzer, über den Erdball, vor allem um Africa in den maritimen Versorgungsstützpunkten der Luftschiffe verteilt. Bei einigen älteren Schiffen hat man mit einer Umrüstung begonnen, es scheint den Monarchien aber nicht sonderlich eilig damit zu sein.“

Na schön, sorgen Sie dafür, dass wir auch endlich ordentliche Elektromotoren bekommen. Sagen Sie dem Sohn von diesem konvertierten Juden, dem Dings, na dem Hertz, er soll sich ein wenig mehr anstrengen!“

Herr Hertz bemüht sich eben um eine drahtlose Kommunikation zwischen zwei räumlich weit entfernten Punkten, Majestät“, bemerkte Bismarck ruhig.

So? Auch praktisch, wenn wir mit unseren Schiffen überall auf dem Meer telegraphieren könnten. Das wäre vielleicht sogar das geeignete Tauschobjekt für die Teslamaschinen. Wie macht sich der Elbe-Trave-Kanal?“

Die Bauarbeiten gehen zügig voran, Majestät.“ Bismarck trat an eine große Stabskarte. „Wir haben hier in Hamburg einige alte Wasserwege von der Außenalster nach Osten vertieft und ausgebaut, auch hier bei dem Ratzeburger See gab es bereits einige Kanäle, die wir nur vergrößern mussten. Wir sind knapp davor, beide Systeme auch für Hochseeschiffe passierbar zu verbinden. Eine große Erleichterung für die Handelsschiffe, Majestät.“

Nicht zu vergessen, für unsere Marine. Und jetzt zur Politik, Bismarck, was gibt es denn Neues aus Wien zu berichten?“

Es muss etwas ziemlich schlimmes vorgefallen sein, Majestät. Auf dem Geburtstagsfest war die Prinzessin Maria Sophia ausgelassen und fröhlich, wie man es von ihr gewohnt ist. Burschikos und unkonventionell wie immer, aber guter Laune. Am nächsten Tag ist sie dann mit ihrer Mutter, der Regentin Helene, nach Lainz in die Hermesvilla gefahren. Mit einem schnellen Luftkissenfahrzeug, welches die Prinzessin selbst gesteuert hat, die Begeisterung der Erzherzogin Maria Sophia für schnelle Fahrzeuge ist ja hinlänglich bekannt. Beide Damen hatten vor, nach der Abreise von Pawel Alexandrowitsch und seiner Gattin Elisabeth in der Villa einige Tage und Nächte zu verbringen. Aber noch am selben Abend, also am 21. Februar, ist der Hofarzt Doktor Rauscher durch einen Lakai nach Lainz beordert worden, und die Damen haben ihren Aufenthalt in der Hermesvilla sofort beendet. Noch am selben Tag wurde auch Fürst Heinrich zu Hametten, der Leiter der geheimen Abteilung des Auswärtigen Amtes, nach Schönbrunn einbestellt, und einige Polizisten hatten zwei Osmanen in die kaiserliche Residenz gebracht. Angeblich den osmanischen Sonderbotschafter, aber es war ein anderer Mann als derjenige, den unser Gesandter Fürst Adalbert von Pützow am Tag vorher während des Balls gesehen hat. Am 22. Februar wurden der Oberrabbiner und der oberste Imam in Schönbrunn empfangen. Seit dem Zeitpunkt fahndet das Evidenzbureau und die Polizei in Wien nach einem Ahmad al Massud el Allah ad Dhin, allerdings konnten wir den Grund noch nicht herauszufinden.“

Interessant“, der Monarch betrachtete das Spiel der Finger seiner Prothese. „Ich bin immer noch fasziniert, wie gut sich das Gerät steuern lässt. Ich nehme doch an, Sie bleiben an der Sache mit der Prinzessin und diesem Alladin dran?“

Allah ad Dhin. Natürlich, Majestät.“ Bismarck nahm das Monokel aus dem Auge, putzte es mit einem weichen Tuch und setzte es wieder ein. „Das versteht sich doch von selbst.“

Richtig. Und wie sieht die allgemeine politische Lage sonst aus, Bismarck?“

Nun, Majestät, Russland scheint sich auf ein erneutes Abenteuer in Afghanistan vorzubereiten. Wahrscheinlich wieder einmal mit dem langfristigen Ziel, in Indien einzufallen. England mobilisiert jedenfalls bereits Truppen, vor allem Einheiten aus den amerikanischen und ostasiatischen Kolonien wie Malaysia und Birma, um die Garnisonen dort an den indischen Grenzen zu verstärken. Außerdem denke ich, das Empire steuert selbst auch auf einen dritten Afghanistankrieg zu. Es wäre interessant zu wissen, was an diesem Land mit Ausnahme seiner strategischen Lage so wichtig ist, dass niemand darauf verzichten will. Ich – lasse selbstverständlich auch daran arbeiten.“ Wieder landete ein Bericht auf dem Schreibtisch des Kaisers.

Hm, ja, tun Sie das, Bismarck. Und wieso sich dieses Volk immer wieder erheben kann.“

Der Fürst machte nahm einen weiteren Bogen Papier aus seiner Tasche. „Napoleon IV gerät im eigenen Land in immer größere Probleme, sein Volk will endlich Erfolge und Wohlstand sehen. Die Modernisierung hat in Frankreich bisher nur den Adel und die Streitkräfte erreicht, das Volk hat weder vom Dampf noch von der Elektrizität viel abbekommen. Außer einigen Eisenbahnlinien, die eigentlich auch nur für die Truppenverlegung gebaut wurden, genau genommen nichts. Überhaupt nichts.“

Dann gärt es also im französischen Volk“, fragte der Monarch genauer nach.

Extrem!“ Der Kanzler holte wieder einige Berichte aus seiner ledernen Aktenmappe. „Seit die Spanier dem italienischen König Vittorio Emanuele ihre Krone angeboten haben und dieser beinahe König von Spanien und Portugal geworden wäre, schwelt auch ein ständiger Konflikt zwischen Italien und Frankreich. Die Note des dritten Napoleon an die italienische Regierung war ja auch die reinste Erpressung! Wenn die Franzosen es gewagt hätten, uns in einem ähnlichen Fall eine solche Depesche zu übersenden! Ich zweifle nicht, dass das deutsche Volk nach einer Züchtigung Napoleons gerufen hätte!“

Ach ja, wie entwickelt sich denn Don Juan von Coburg-Braganza so als König von Spanien?“

Er ist sehr ähnlich seinem Vater, Hoheit. Ein vorwiegend künstlerischer, aber auch durchaus pragmatisch denkender Geist, der in Spanien ganz schnell die neuesten Techniken einführen möchte. Madrid, Sevilla, Valencia und Barcelona sind schon recht fortschrittlich, die industrielle Revolution mit deren eigenem ‚Polvo de Vapor‘ kommt dort gut voran. Auch im Westen des Landes kommt von Portugal eine Menge Technik nach Spanien. Politisch verhalten sich beide Mächte aber völlig neutral, auch wenn sie mit Deutschland und Österreich ausgedehnten Handel betreiben!“

Gut!“ Wilhelm zwirbelte nachdenklich seinen Bart. „Wie wirkt sich die Gärung im Volk von Frankreich auf uns, auf Deutschland aus?“

Die Bonapartes benötigen einen Zuwachs an Gebiet und Wohlstand, damit das Volk nicht noch einmal einen Sturm auf die Bastille, den Louvre und Versailles unternimmt.“ Bismarck wies auf eine Karte des Deutschen Reiches, welche an einer Wand hing. „Vielleicht eine Expansion nach Elsass oder Lothringen, bisher ist uns allerdings noch nichts darüber bekannt. Wir müssen an unseren Grenzen aber natürlich trotzdem überaus wachsam bleiben. Die Luftschiffe sind hervorragende Beobachtungsposten, Majestät! Möglich wäre aber natürlich auch von den französischen Kolonien in Kanada aus ein Überfall auf die britischen Kolonien in Amerika, die Franzosen und Engländer mögen sich ja trotz gemeinsamer Kriege in China und auf der Krim immer noch nicht wirklich. Da reicht ein Funke, und es geht wieder los!“

Schön, schön, Bismarck. Wie steht es denn in unseren eigenen außereuropäischen Schutzgebieten?“

Wieder holte der starke Mann und Einiger Deutschlands einige Blätter aus seiner Aktentasche.

Die neue Heimat auf Germania Australia69 entwickelt sich immer noch recht gewinnbringend, Majestät. Besonders, nachdem dort nun die Verwaltung vereinheitlicht wurde und nicht mehr 20 kleine Kolonien das eigene Süppchen ihres Landesherrn kochen. Auch wenn der größte Teil des Innenlandes aus unfruchtbarer Wüste besteht, wird dort reichlich Gold gefunden. Auch Opale und andere Bodenschätze gibt es in großer Menge. An den tiefer gelegenen Küsten gibt es auch ausgesprochen gutes Acker- und Weideland, hier steht es also ganz gut.“

Das heißt also, anderswo steht es weniger gut?“

Leider, Hoheit. In Africa gibt es teilweise erhebliche Probleme!“ Wieder landeten einige Depeschen auf dem Tisch. „Wir müssten einige unserer Kolonialbeamten abberufen. Die Herren haben geglaubt, sie könnten in ihren Gebieten schalten und walten, wie es ihnen gefällt! Und sie sind uneinsichtig!“

Nun – als Statthalter haben sie auch eine große Verantwortung“, argumentierte Wilhelm und legte die Dampfprothese auf den Rücken. „Da kann, da muss man ihnen auch eine gewisse Macht zugestehen!“

Eine gewisse Macht, ganz bestimmt!“ Bismarck breitete die Papiere vor dem Kaiser aus. „Aber wenn es unsere Beamte beinahe schlimmer treiben als die Belgier in Belgisch Congo, dann kann ich das mit meiner Ehre nicht vereinbaren, Majestät. Auch die eingeborene Bevölkerung darf nicht einfach nach Lust und Laune abgeschlachtet, erschossen und erhängt werden. Wir haben Verträge mit den Völkern geschlossen, und wenn wir uns daran nicht halten, dann sind wir auch nur primitive Wilde.“

Das sind sehr harte Worte, Bismarck!“

Zu denen ich stehe, Majestät! Jederzeit!“ Fürst Otto von Bismarck sammelte die Depeschen wieder ein, ordnete sie und legte den Stapel säuberlich Kante auf Kante auf den Schreibtisch. „Euer Majestät wissen, dass ich zu Opfern bereit bin, wenn es um Preußen, um Deutschland und um das Haus Hohenzollern geht! Selbst zu persönlichen. Aber das Wort eines Deutschen, eines Preußen, muss etwas gelten auf der Welt, immer, überall und jedem gegenüber!“

Also, meinetwegen, es ist ja richtig, was Sie da sagen. Berufen Sie also diese Herren ab und entsenden Sie bessere. Aber die Schutzgebiete müssen bald Gewinn bringen, Bismarck.“

Das wird nicht so leicht sein, Majestät. Am meisten Gewinn könnten wir erzielen, wenn wir sie zu einem guten Preis abstoßen könnten. Dann müssten wir nicht um die halbe Welt fahren, um ein paar Inseln zu verteidigen. Die Flotte…“

Die Flotte ist kein diskutierbarer Gegenstand, Bismarck. Die Flotte sichert unser Reich und hoffentlich bald auch unseren Reichtum.“

Durch die Straßen zwischen den Mietskasernen von Berlin-Pankow wanderte ein etwa dreißig Jahre alter Mann mit großem Hut, ein Notizbuch in der Hand. Aus den Hinterhöfen vernahm er typische Gespräche, die er sich rasch notierte, um später seine teilweise aquarellierten Skizzen damit zu unterlegen.

MAMAAA! Der Kalle hat ne Flieche inner Suppe!“ „Dann soller sich doch freu’n!“ „Tut er ja, aba er jibt ma nix ab!“

He, Olle, pass dock uff, lass nichts inne Suppe fallen!“ „Besser ne Laus im Kohl als jar keen Fleesch!“

Ach wat, müde, trajen! Dir ärgert bloß, dat ick dir loofen jelernt hab!“ Heinrich Zilles Stift flog über das Papier.

Sie, Herr Jeheempolizist! Wir sind hier anschtändige Leite! Se broochen hier nich – ach se sind’s nur, Herr Zille! Juten Tach, mein Bester!“

Danke, Schorsch. Ihnen auch!“

Jehen se doch mal in’n Bouillonkeller von dit Dahme-Jerda! Da sitzen die Rosa, die Pinselfrieda und die Lutschliese mit noch `n paar andere Meechen zusammen. Da kriechen se Stoff für ihre Miljöhstudien, Herr Zille. Det kann ick ihnen vaschprech’n! Mehr als jenuch für zwee Biecher!“

Pankow, Wedding und das Scheunenviertel waren die von Zille bevorzugten Stadtteile. Dorthin ging er, wenn er sehen wollte, wie es den Menschen ging. Nicht den besser gestellten, den gut situierten, zu denen er selbst gehörte. Ihn interessierten die kleinen Leute. Das gewöhnliche Volk. Trauriger Weise ging es diesen Menschen gar nicht gut. Berlin war zwar zu einer der modernsten und größten Industriestädte geworden, größer noch als Wien. Leider hatte aber die Bautätigkeit für Wohnraum nicht mit diesem Wachstum Schritt gehalten, und so lebten die Menschen in den Zinskasernen in sehr beengten Verhältnissen. Gleichzeitig war Fleisch plötzlich kaum mehr zu bekommen, das gewöhnliche Berliner Volk ernährte sich wieder einmal zum größten Teil von Kohl und Steckrüben. Viele Arbeiter, vor allem die Taglöhner mussten froh sein, zumindest des Nachts ein Bett zur Verfügung zu haben, von einem eigenen Zimmer konnten viele nur träumen. Mit dem Geld, das der Mieter dieser Wohnung für den Schlafplatz verlangte, konnte er sich vielleicht die hohen Kosten für den Wohnraum leisten, da mussten eben die Kinder zusammen rücken und bei den Eltern im Bett schlafen. Mit bekannten Resultaten. Der Photograph, Zeichner und Schriftsteller Heinrich Zille sammelte nur die halbwegs harmlosen Geschichten, um sie niederzuschreiben. Denn wenn er wirklich alles erwähnt hätte, wäre sein Werk ohne Zweifel verboten worden.

Bis zum ‚Buillonkeller’ der Gerda Wolonski, nach ihrem Geburtsort nahe des Flusses Dahme auch einfach Dahme-Gerda genannt war es für Zille nicht weit, und so beschloss er, dort noch einige weitere Studien zu sammeln. Es handelte sich dabei um eine billige Suppenküche für die einfachen Leute, grob gehobelte Holzbretter waren als Bänke oder Tische zusammen genagelt. Das Geschirr war einigermaßen sauber, es war angenehm warm in der Stube, und man nahm dafür den Dampf aus dem großen Kessel gerne in Kauf. Als Zille den Raum betrat, sahen die Frauen am großen Tisch auf und taxierten den gut gekleideten Gast.

Nu, wat soll’s sein, jädicher Herr?“ Rosa lehnte sich mit gespreizten Beinen zurück und ließ die Bluse halb von der linken Schulter gleiten, während sich Liese auffallend über die Lippen leckte. „Bei uns jibt et allet, der Herr. Nur sachen, wat und wie se et woll’n?“

Mächen, macht ma den Herrn nur nich von da falsch’n Seite an“, mischte sich Gerda ein. „Dit is da Herr Zille, een juter Mann, der kommt ma nüscht zum pimpern, da will nur `n büschen quatschen.“

Jut, jut!“ Rosa griff wieder zu ihrer Bluse.

Moment“, rief Zille schnell. „Bleiben Sie bitte noch kurz so, Fräulein.“ Er klappte seine Mappe auf, ergriff einen Bleistift und zeichnete mit raschen Strichen los.

Jut, Meister!“ Die Bluse rutschte noch weiter hinab, der Rock die Schenkel hinauf, der Schlitz in der Unterhose wurde sichtbar, aus dem ein wirrer Haarbusch wucherte. „Wennste een paar Mark of den Tisch lechst, kannste dit allet malen! Och wenn’s for mir komisch is, dat eener nur kiecken will!“

Nu, Rosa, da wird ja jetzt deen Ritzchen of die Ewichkeet fixiert“, neckte Pinselfrieda ihre Freundin. „Da könn‘n deene Jören noch in hundert Jahren kiecken, wie Muttern die Kohle vadient hat!“

Mit Modell steh’n, da it doch nix beeses dran“, konterte Rosa. „Det Pinselchen von dem Herrn is ja noch nich mal of det Bildchen drof!“

Das kommt auch nicht auf die Zeichnung, meine Damen. So, fertig!“ Zille zeigte die rasch angefertigte Skizze herum.

Na, also, wenn meene Jören det Bild sechen, da könne die nix sachen! Det Jesicht kieckt ja janz anders aus“, bemerkte Rosa. „Also, det bin schon icke, aber och wieda nich!“

Det is wirklich `n jutes Bildchen, Meister“, befand Lutschliese. „Könn’n se mir och so‘n Ding for mein’n Ollen malen? Dafor dürfen se mir och for sich selber nackicht zeichnen“, bot sie Zille an.

Wie könnte ich bei einem solchen Angebot schon nein sagen“, lächelte der Humanist. „Übrigens, hier ihre drei Mark, Frau Rosa.“ Die griff schnell nach den Münzen, es sich der großzügige Mann vielleicht wieder anders überlegte.

Woll’n se wirklich nich en Sprung mit ins Separee kommen, juter Herr? Icke wasch mer sojar for so nen spendablen Misjöh!“

Nein, vielen Dank. Aber vielleicht könnte ich die Damen zu einem Getränk einladen, und Sie erzählen mir einmal, wie Sie so aufgewachsen sind.“

Ja, warum dat denn nu?“ brach es aus Liese heraus. „Ick vasteh et, wenn een Kerl mal sein Ding wechstecken oda sonst vawöhnt haben will, aba det? Nur zuhören, ohne zumindest fummeln? Und Sie könnten sich uns alle leisten, bei det Penunze, die Sie hier for’n Bildchen of den Tisch jelecht haben.“

Nein, bitte. Ich möchte nur zuhören und beobachten“, wehrte der Künstler ab. „Wenn ich den Menschen in Berlin erzähle, welch Elend in manchen Teilen der Stadt herrscht, kann sich vielleicht etwas daran ändern.“

Nu, da sind Sie aba ein – wie heißen die Typen, die globen, det Mensch is jut und die Welt wird et och?“ fragte Gertenamelie „Optimisten?“

Nie jehört dit Wort“, schüttelte Amelie die schwarzen Locken. „Ne, ne, Predicher von so ner anglikanischen Sekte. So wat wie Froscher – ne, Quaker, dit wars.“

Man darf nicht wegsehen!“ beharrte Zille vehement.

Von mir aus”, Rosa trank ihr Bier aus. „Is ja nich so, als wäre es `n Staats- und Dienstjeheimnis. Warum also nich?“

Na ja, haste Recht, Rosa“, Olga kratzte sich im Genick. „Un hätt’n wa nich so dreckich jewohnt un wären nich so arm jewesen, dann wär wohl manches anders jeworden.“

Stimmt schon”, bemerkte Pauline. „Wenn ick daran denke, wie wir da eng an eng jewohnt haben, is es ja nicht zu wundern, wat da passiert is. Meine Mutter war den janzen Tach arbeiten, der Typ, zum dem wa Papa sachen sollten, war zumeist daheim und ick war die älteste unter uns Jören. Wenn dann dem Alten wat wech jestanden hat, musste icke ran. Dit wurde schon zu so etwas wie eener Jewohnheit. Kurz ma of den Stuhl knien und über die Lehne beugen, und rin mit dit Männecken in meine jute Stube. Wenn er dann endlich fertich wa, dann hat er sich ne Zijarette jedreht und hat wieda die Zeitung vorjeholt.“

Icke hab die Erfahrung mit nem Bettjeher jemacht“, erzählte Pinselfrieda. „Det Männeken wa so wat wie’n Kolleche von ihne. Uf jede Fall, dem hat Muttern erlobt, och bei Tach zu bleben, wenn er sie male tut. Un dit hat er dann auch janz ordentlich jemacht, dabei hat er so witzige Sprüche jeschoben. Also, er hat’s for witzich jefunden. So ‚je mehr der Furz vom Arsche knallt, je weiter öffnet sich der Spalt’. Irre witzich, wa? Na ja also, wie Muttern dann mal wech war, da hat er sein Pinselchen och for mir rausjeholt. Sterne hab’ icke jesehen und Glocken läuten jehört, aber een Bild hat er von mich nich jemalt.“

Dat is bei den meisten von uns Mächen nich wirklich anders jewesen”, bemerkte Gerda, als sie ein Bier vor jedes Mädchen und Heinrich Zille stellte. „Meistens einer von der Familie oder ein Untermieter. Bei mir war’s det eichene Bruderherz.“

Tatsächlich?“ Rasch nahm Zille einen Schluck Bier, die Tür ging auf und ein kühler Luftzug zerriss kurz die Dampfschwaden aus dem Suppenkessel und die Qualmwolken aus den Selbstgedrehten der Frauen.

Alle Köpfe wandten sich zur Tür, denn vielleicht verirrte sich ja auch um diese Zeit ein Kunde hierher. Und Zille war ja auch gekommen, auch wenn dieser Kunde nicht das übliche Angebot der Damen wahrnehmen wollte, so war er doch auch so etwas ein Kunde. Einer, der nur fürs Reden bezahlte, aber immerhin. Und fürs Stillsitzen, denn während er zuhörte, füllte sich auch der Skizzenblock weiter. Oben in der Tür war eine weit besser gekleidete und noch sehr junge Frau erschienen.

Hallo, Lattenklara“, rief Liese hinauf. „Du haste dir aba nobel austaffiert! Haste nen janz jroßzüchichen Spender jetroffen?“

Ne, Lutschliese!“ Klara schritt die Treppe hinunter und setzte sich an den Tisch. „Ick bin nu nich mehr die Lattenklara, stellt euch mal vor, man hat mir entdeckt. Ick hab jetzt ne jute fixe Anstellung in nem janz noblichen Puff. In det Friedrichstraße, beste Anschrift. Danke dir schön, Dahmegerda!“ Die sehr schlanke und große Klara trank einen großen Schluck Bier. „Mit eichener warmer Stube und rechelmäßich wat zum futtern uff’m Teller. Wat will een Meechen, wie icke eens bin, noch mehr. Und die Kundschaft, Meechen, i ke sach’s euch, dat sind janz feine Herren. Die sin jewaschen und duften janz jut. Och det Ästchen!“ Sie wies auf ihre Leibesmitte.

Da denk icke, dat du schon `n jutes Stückchen Glück jehabt. Wat will denn dit Nuttenpreller dafor?“ Olga beugte sich interessiert vor.

Is ne Mamsell, Olja. Na ja, die nimmt die Hälfte vom Jeld, dat die Herren for mir löhnen. Aba, wenn ick en paar Tache nich verlangt oder jar krank werde, kriech icke weiter mein Futter und mein Bett. Dafür muss icke dann halt ma det eene oder andere Rudel mitmachen.“

Na, denn kannste doch ma een jutes Wort for eene von uns einlejen!“, überlegte Paulinchen.

Ne, ne”, wehrte Klara ab. „Dit hab ich schon versucht, besonders dit Liese. Die Mamsell nimmt nur janz junge Meechen. Sie sacht, dat se keene alten Jeschäfte übernehmen will, wo dit Tür schon von alleen janz weet ufsteht! Dit hat übrichens sie jesacht, nich icke, klar?“

Olga lehnte sich vor. „Wat? En altes Jeschäft? Meechen, irjendwann wird dene Tür jenau weit so ufstehen wie mene. Und wa dann? Villecht kannste den Männeken noch dit Arsch hinhalten. Solange der rund und eng jenuch is und noch kene Falten hat und nich bis zu die Kniekehle hängt. Gloobste denn, du bist wat besseres?“

Icke gloob nich, dat mein Arsch jemals so hängt, Olja. Dafor is er nich jigantisch jenuch.“

Dene Tittchen aber och nich, Lattenklara“, warf ihr Pauline hin. „Wat ma als junget Meechen nich hat, kann im Alter nich hängen!“

Nich hat?“ Klara machte ihr Hemd auf und zeigte ihren kleinen Busen. „Zum Spielen groß und jut jenuch, oda?“

Und de Nuckelpipen darof sin och, wo se sein sollten“, bemerkte Rosa. „Imma mit da Ruhe, Meechens. Wat kann de Klara dafor, wenn ihre Mamsell nur Kindchen anstellt?“

Ja, se hat ja jefracht.“ Lutschliese zuckte dich Schultern. „Icke will nich sachen, dat icke nich neidisch wär, aba kene von uns kann wat dajechen machen.“

Und jetzt gloobt det Kücken, dat se wat besseres is wie wir und ewich en jefrachtes Flittchen is?“ Olga konnte sich noch nicht beruhigen. „Gloobt vielleicht, dat se ewich so dürr wie ne Latte bleibt?“

Ne, Olja, gloob icke nich“, bekannte Klara. „Icke wees, irchendwann bin icke och wech vom Beruf. Kene Ahnung, wat icke dann mach. Aber icke kann jetzt ma kiecken, ob icke etwas of dit hohe Kante kriech. Un jetzt, Dahmegerda, en Korn for alle Meechen, und danke dafor, dat ihr mir alles jesacht un beijebracht habt, war for dat Jewerbe nötich is!“

Na jut”, grummelte Olga. „Icke will ma nich so sein. Aber jerecht is det nich, dat sach icke euch!“

Jerecht is dit janze Welt nich, Olja“, gab die dünne Klara zu. „Aba wat soll ma machen. Dit is ne Welt, wo dat Jeld rechiert. Wer jenuch Penunze hat, der schafft an, und wer kens hat, der jeht anschaffen. Det is der Unterschied zwischen uns und denen da oben! Of uns, Meechen. Nur ken Kriech nich, vielleicht bin icke och schneller wieder in dit Laden, als wa kiecken könne!“

Allet jute, Klara”, zeigte sich Olga besänftigt. „War nur en wenich neidisch of dir. Weste wat, det nächste Korn jeht of mir!“

Wien

Auf dem Luftschiffhafen in Wien Neu-Fünfhaus zwischen der Kronprinz Franz Joseph Straße und der Verlängerung der Burggasse ging ein gut gekleideter Herr im schwarzen Wintermantel mit Pelzinnenfutter und einem passenden schwarzen Bowler auf dem Kopf im Foyer suchend herum.

Kann ich dem Herrn vielleicht irgendwie behilflich sein?“ Ein junger Bursche in der gelb-schwarzen Uniform des Personals der Luftschifffahrtsgesellschaft ÖDLAG, der Österreichischen Dampf Luftfahrt AG, verbeugte sich, als er den betucht aussehenden Herrn ansprach.

Wenn’st mi so fragst, Bürscherl70, ja, kannst! Ich würd’ gern die Adress‘n von eure Mäderl und Buben wissen und mit allen red‘n!“

Ich fürchte, da kann ich dem Herrn nicht dienen“, lächelte der junge Mann. „Wissen Sie, wir geben die Adressen unserer Mitarbeiter nie heraus!“

Ach, so, ja!“, griff der Mann in die Tasche und zog eine Kokarde hervor. „Kaiserliche Kriminalkommission, Kommissär Brunner. Walter Brunner. Ich vergess’ immer noch, dass ich die Uniform nimmer trag’, sondern jetzt Zivilbeamter bin. Alsdann, wie ist’s jetzt mit die Adressen?“ Der Angestellte betrachtete die Metallscheibe mit dem Doppeladler darauf sehr genau, dann nickte er.

Wenn ich den Herrn Kommissär mit ins Büro bitten dürfte. Dort sitzt meine Vorgesetzte, Fräulein Haber wird sich sicher gerne ihres Wunsches annehmen!“

Red’st du eigentlich immer so gschwoll’n daher?“, fragte der Kriminale und begleitete den Stift durch eine Tür in den für das Publikum geschlossenen Teil der Anlegestelle.

Na, nua waun i im Dienst bin, wäu waun i’s net moch, haut mi de Haber no ochtkantig71 bei da zuagmochtn Tia72 ausse. De deppate Blunzn73 hat an Stecken im Oasch74, des glaubst gar net! Tuat auf fein, dabei is da Voda a nua a kleiner Planetenverdrahrer75 gwes’n. Hier sind wir schon, Herr Kommissär! Fräulein Haber, der Herr Kommissär von der kaiserlichen Kriminalkommission möchte Sie sprechen. Bitte treten Sie ein, Herr Kommissär Brunner!“

Danke, Hermann, das hast du gut gemacht.“ Eine sehr dünne Frau, etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, mit strenger, hochgeknoteter Frisur und einer weißen Bluse, deren Stehkragen wohl die doppelte Menge an Stärke als nötig abbekommen hatte, erhob sich hinter einem Schreibtisch und rückte die große Brille auf dem kecken Stupsnäschen zurecht. „Bitte, Herr Kommissär, wie können die ÖDLAG und ich ihnen helfen?“

Brunner nahm die Melone ab, legte sie mit der Öffnung nach oben auf den Tresen im Büro, zog die schwarzen Handschuhe von den Fingern und warf sie in den Hut. Danach öffnete er den Mantel, die stattliche Figur des kaiserlichen Kriminalkommissärs sprengte beinahe die Westenknöpfe.

Erlauben‘s, dass ich mich ausweis‘, Fräulein!“ Er legte eines von den ganz neuen Erkennungspapieren mit Photographie und internationalem Signalement vor, das Fräulein mit spitzen Fingern nahm und gründlich studierte.

Na gut“, rang sie sich endlich durch, den Ausweis als echt anzuerkennen. „Noch einmal, wie können die ÖDLAG und ich ihnen helfen, Herr Kommissär Brunner?“

Ich müsst’ halt wissen, ob eine bestimmte Person Wien in einem Langstreckenluftschiff verlassen hat, Fräulein!“

Und ich nehme an, Sie haben keinen verlässlichen Namen für mich, Herr Kommissär?“, fragte die Frau mit todernster Mine.

Leider nein! D’rum würd’ ich ja so gerne mit ihren Mäderln an den Schaltern sprechen. Wir haben ein Bild zeichnen lassen, und die meisten Zeugen haben den Mann darauf wieder erkannt.“ Fräulein Haber benötigte auch für das Studium des Bildes geraume Zeit, dann nickte sie sich selber zu, als sie einen Entschluss fasste.

Wollen Sie einen Kaffee, Herr Kommissär? Bitte, lassen Sie den Mantel und den Hut hier, wir gehen nur ein paar Meter in den Pausenraum. Vielleicht erinnert sich eine von den heute anwesenden Damen oder Herren an den Passagier. Sonst würde ich Sie bitten, etwas zu warten, ich schicke ihnen die anderen morgen zu ihnen in die Kommission.“

Der Pausenraum war halbwegs großzügig eingerichtet, die ÖDLAG wollte ihre Mitarbeiter nicht unbedingt zu vielen Pausen ermuntern. Gleichzeitig hatte die Firmenleitung aber einsehen müssen, dass ein wenig Entspannung zwischendurch die Konzentration förderte und die Fehler minimierte. Es war also eine Kompromisslösung, wie das meiste im Leben. Aus dem Fenster sah man, wie eben das zunächst gelegene Luftschiff seine Positionslampen einschaltete, dann fiel der Halteanker vom Mast und wurde mit der Winde an seinem Tau in die Nase der BODENSEE gezogen. Langsam und majestätisch schob sich die gigantische Zigarre dem Zug der verstellbaren Schrauben folgend ein Stück zurück, hob die Nase und stieg schließlich in den Himmel. Durch die dicken Scheiben des Fensters war nur ein leises Brummen zu hören.

Meine Damen und Herren!“ Fräulein Haber klatschte in die Hände. „Das ist der Herr Kommissär Brunner. Er wird ihnen nachher ein Bild zeigen und Sie fragen, ob Sie etwas über die Person wissen. Ich möchte Sie bitten, mit dem Herrn Kommissär zusammen zu arbeiten und danach ihre Kolleginnen und Kollegen abzulösen, damit auch die von dem Herrn Kommissär befragt werden können. Ich danke ihnen!“ Damit bewegte sie ihre überschlanke Figur wieder zur Tür des Pausenraumes hinaus, wohl um wieder an ihren Schreibtisch zurück zu kehren. Brunner sah ihr lächelnd nach. Er fand es schade, dass diese junge Frau so steif und kühl wirkte. Bei all der Strenge der Frisur, der großen Brille und dem dünnen Körperl76,konnte man doch nicht leugnen, dass sie eine durchaus hübsche Person war.

Die kriegen’s nicht herum, Herr Kommissär!“ Eine von den Damen war aufgestanden und zur Espressomaschine gegangen. „Wollen’s vielleicht ein Schalerl Kaffee?“

Gerne, Fräulein…?“

Ich bin die Peppi. Also Josepha Korn, Sie werden’s ja wahrscheinlich ganz genau brauchen!“

Ja, Fräulein Peppi, ich nehm’ gerne einen Kaffee, und ja, ich würd‘ die Personalien schon auch ganz genau brauchen.“

Drei Schalen Kaffee später war der Mut des Kommissärs gesunken. Die Angestellten waren durchaus hilfsbereit und nett, aber niemand hatte jemand gesehen, der dem Bild ähnlich sah, bis…

Michi, Vickerl! Der war doch bei euch am Schalter! Ich hab mir noch `denkt, was der für’n komischen Rock anhat! Doch, doch, das is er! Jetzt schau doch her, Michi!“

Michaela Hawraček sah sich das Bild genau an. „Ja klar, sicher, weil ich hab’ mir noch gedacht, was hat so ein feiner Mann mit dem Koks-Fredi zum tun.“

Bist sicher?“ Ludwig Wopraschalek nahm auch das Bild zur Hand.

Na, da kannst aber Gift d‘rauf nehmen! Ich hab‘ doch schon die Hand auf der Klingel g’habt, der Sicherheitsdienst soll’t den Haderlumpen77 am besten bei der zug’machten Tür `rausschmeißen. Dass sich so einer wie der noch da her traut.“

Also, den Mann auf dem Büdl78 hab‘ ich nicht g’seh’n. Aber der Fredi war da! Den hab’ ich wirklich auch g’seh’n.“

Wer, meine Damen und Herren, ist der Koks-Fredi?“, unterbrach Brunner das Gespräch der Angestellten.

Ein Pülcher79, wie er Büch‘l steht, Herr Kommissär. Warum der noch frei herum laufen darf, versteht keiner. Aber er ist spezialisiert auf‘s Betäuben seiner Opfer! Mit Kokain, aber er sagt halt immer nur Koks dazu, wie alle seine Freunderl.“

Wenn’s jeder weiß, warum sitzt er dann noch nicht?“, wunderte sich Brunner.

Ja mein Gott, die Kieberer!“ Michaela fuhr mit dem Zeigefinger unter ihrer Nase hindurch und zog auf. „Die können’s halt irgendwie nie beweisen!“

Verstehe!“ Brunners Gesicht verfinsterte sich.

Ich hab‘ doch gar nix g’sagt, was man versteh’n könnt, Herr Kommissär. Ich hab nur a bisserl an Schnupfen.“

Schon recht, Fräulein Hawraček. Ich hab auch gar nichts g’hört.“ Der dicke Kommissär überlegte. „Da werd’n wir halt die Mistelbacher80 hol’n müssen, dass wir den feinen Fredi krieg’n! Weil reden werd’n wir schon mit dem G’frast müss’n. Aber z’erst noch einmal zurück zu dem Mann auf dem Büdl. Wie hat er sich denn g’nannt? Wissen’s das vielleicht auch noch?“

Wartens!“ Ludwig massierte sich die Stirn. „Ich glaub’, irgend was mit el oder al oder so!“

Al Masr!“ Michaela Hawraček schnippte mit den Fingern. „Ganz sicher. Achmed al Masr is auf sein Ausweis g’standen!“

Na fesch! Da such’n mir jetzt Achmed den Ägypter. Was anders heißt dieses al Masr ja net!“ Komissär Brunner war durchaus belesen und sehr an der altägyptischen Kultur und den Pharaonen interessiert, daher kannte er den echten Namen Ägyptens. Nicht, dass dieses Wissen ihn oder die Polizei jetzt in diesem Moment sehr viel weiter gebracht hätte. „Wo ist er denn hing‘fahr’n, der feine Herr?“

Er hat die Fahrt nach Triest g’nommen, Herr Kommissär“, erinnerte sich das dralle böhmische Mädel.

Und, wohin weiter?“ Brunner fragte tiefer.

Das Billett ging nur bis Triest, net weiter. Ausgestellt übrigens in unser’m Büro in Kairo. Also, genauer, in Gezira auf der Insel Zamalek bei Kairo.“

Brunner verließ das Büro der Luftfahrtgesellschaft und eilte in die Kommission zurück, dort stürmte er sofort in die Fernmeldezentrale.

Fritzl, schmeiß dein Kasten an, an unser Büro in Triest. Gib das Signalement von dem Haderlumpen durch. Sie soll’n die Augen offenhalten und schau’n, ob’s net herausfinden, was der Pülcher in Triest g’macht hat oder gar noch macht! Gemma, gemma81, kalt is net!“ Friedrich Smetaček stülpte sich die Kopfhörer über und knackte mit den Fingern, dann bediente er den Telegraphen mit überraschender Geschwindigkeit. In weiten Teilen Österreichs gab es zwar bereits Telephonanschlüsse, doch bei Meldungen über große Entfernungen wie dieser griff man noch gerne auf bewährte Signalübertragungsmethoden zurück. So ging die Suchmeldung in kurzen und langen Signalen auf die Reise durch die Kabel und erreichte in Triest den Polizeichef Franz, Freiherr von Bornthal, der sie sofort an seinen Kommissär Raffael Piancetwicz weitergab.

Der große Mann mit dem mächtigen, dunklen Schnauzbart, der gebräunten Haut und dem durchtrainierten Körper marschierte mit klackenden Stiefelabsätzen durch die Gänge Schönbrunns, einem Diener in Livree immer hinterher. Er trug die sandfarbene Uniform, die an jene österreichischen Truppen ausgegeben wurde, welche die Luftschiffhäfen der Donaumonarchien in Africa schützen sollten. Seine Schulterstücke wiesen ihn als einen Oberstleutnant, seine Schnüre und Ärmelabzeichen als den Kommandanten eines Bataillons bei den Motorgeschützen aus. Obgleich der Mann, wie jeder aus den Artikeln der österreichischen Zeitschriften wusste, ein militärischer Hans Dampf in allen Gassen war. Ein weiterer Lakai stieß vor dem Oberstleutnant eine der großen Türen auf und der etwa dreißig Jahre alte Mann betrat einen Salon, in dem die Regentin von Kakanien, Helene, und ihre Tochter Maria Sophia saßen. Er machte Front zur Regentin, nahm Habt-Acht-Stellung an und salutierte schneidig.

Hoheiten! Oberstleutnant Rudolf Carl Freiherr von Slatin meldet sich auf allerhöchsten Befehl zu Stelle!“

Néné sah auf und wies lächelnd auf einen Stuhl. „Danke, Oberstleutnant. Bitte, nehmen Sie doch Platz! Kaffee?“ Sie winkte einem Diener, der dem Oberstleutnant eine Tasse servierte. Dann wandte sich die Regentin an Maria Sophia. „Der Oberstleutnant ist ein richtiger Held, Maria. Er hatte das Kommando über die Festung unseres Luftschiffhafens bei Karthoum, als der Mahdi die Stadt belagerte. Er hat hunderte Zivilisten gerettet, und sogar noch in letzter Minute, während der letzte Angriff schon im Gange war, mit einem Luftschiff einhundertfünfzig Frauen und Kinder aufgenommen und nach Kairo bringen lassen. Eine Glanzleistung! Der Khedive hat ihn auch zum Fariq fi aljaysh, zum Generalleutnant der ägyptischen Armee befördert und ihn auch zum Pascha ernannt. Der Generalleutnant gilt zwar jetzt unter den Briten nichts mehr, weil der Kitchener halt keinen Ranghöheren in der ägyptischen Armee haben wollte. Aber den Pascha hat er ihm nicht mehr wegnehmen können.“

Respekt, Oberstleutnant!“ Maria Sophia nickte dem Freiherrn freundlich zu. „Ich nehme an, du willst, dass ich ihn nach Ägypten mitnehm‘, Frau Mama!“

Ich möchte es dir anraten, Kind. Der Oberstleutnant spricht nicht nur fließend Arabisch, sondern hat auch einen sehr guten Ruf in Ägypten und selbstverständlich im Sudan.“

Nun, Oberstleutnant”, wandte sich Maria Sophia an den Freiherrn. „Sie müssen mir bei Gelegenheit von dem Husarenstückerl82 erzählen. Aber jetzt, bitte hören’s zu, fragen können’s nachher!“

Rasch setzte Maria Sophia den Freiherrn über die Lage in Kenntnis. „Wie Sie sehen, Oberstleutnant, ist mit einer rasch‘n Lösung des Falles wohl nicht zu rechnen. Ich werd’ wohl doch selber nach Ägypten reisen müss‘n!“

Slatin sprang spontan auf und verbeugte sich. „Verfügen Hoheit über mich. Ich stehe voll und ganz zu Diensten!“

Danke, Oberstleutnant“ lächelte Maria ihm zu. „Ein erfahrener Mann ist immer gut.“

Dann erlauben Hoheit, dass ich auch meinen Burschen mitnehme“, bat der Freiherr und setzte sich auf einen Wink der Regentin wieder. „Der Korporal Janosch Pospischil aus Prag war schon damals in Karthoum bei mir und spricht ebenfalls hervorragend Arabisch. Er wäre außerdem in der Lage, unauffällig in einem Haufen Ägypter unter zu tauchen, er könnte uns eine große Hilfe sein. Außerdem ist er ein bärenstarker Mann!“

Nehmen’s ihn mit, Freiherr“, entschied Maria.

Das beruhigt mich jetzt ein wenig!” Néné wies auf eine Kanne auf einer nahen Anrichte. „Noch Kaffee, Freiherr? Johann, gießen Sie dem Freiherrn doch nach. Vielleicht können wir noch ein wenig über deine Reise sprechen. Wen nimmst du denn als Zofe mit, Maria?“

Die Josepha Müller, Frau Mama. Die Tochter vom Stabswachtmeister Müller von den Hoch- und Deutschmeistern. Das Madel kann reit‘n wie der Teufel und schießt auch ganz passabel, außerdem hat ihr Vater ihr das Fahr‘n mit so einem Radpanzer beibracht.“

Wenn ich vorschlagen dürfte, Hoheit!“ Slatin beugte sich vor. „Nehmen Sie auch den Oberst Wilhelm Graf von Inzersmarkt mit. Der Mann ist vielleicht auf den ersten Blick ein Dampfplauderer83, und man unterschätzt ihn deswegen schon gerne. Besonders, seit er keine Haare mehr auf dem Kopf hat, aber er ist immer noch ein formidabler Soldat, ein guter Kamerad und ein heller Kopf. Was noch mehr ist, er ist ein Freund, dem man blind vertrauen kann, und auch wenn es nicht so scheinen mag, äußerst verschwiegen! Außerdem ist er der beste Scharfschütze, den ich kenne.“

Nun gut, dann werden wir den Oberst von seinem Glück verständigen.“ Die Regentin wandte sich mit einer sparsamen Geste an einen Schreiber, der den Befehl sofort niederzuschreiben begann. „Fehlt noch ein Kammerdiener!“

Horst Komarek.“ Maria Sophia äußerte sich sehr bestimmt. „Hat sich in der Marine vom Leichtmatros‘n bis zum Unteroffizier hoch gedient, bis ihm die Katzelmacher84 den link‘n Arm weg g’schossen haben. Mit seiner Dampfprothes’n merkt man zwar im Alltag gar nichts davon, aber mit der militärischen, oder besser maritimen Laufbahn war’s klarerweis’ vorbei.“

Und die Lisi von Oberwinden nimmst du dann wohl auch noch mit?“

Aber natürlich, Frau Mama! Was tät’ ich denn in Africa ohne meine beste Freundin und Schutzengel?“

Der Schießplatz der Fasangartenkaserne gleich oberhalb des Schlosses Schönbrunn erhielt oft hohen Besuch. Maria Sophia kam regelmäßig zum Training mit dem Gewehr und der Pistole hierher, oder um eine neue Waffe zu erproben. So wie heute, als sie mit Jürgen Ullmann Kraus von der Waffenmanufaktur Mannlicher und Kraus erschien. Die Fabrik Mannlicher stellte bereits seit langem die Hand- und Faustfeuerwaffen für die k.u.k. Armee her, mit dem Ingenieur Kraus gemeinsam auch Sondermodelle für hohe Offiziere. Und sie entwickelten neue Waffen und stellten kleine Serien von diesen Pistolen und Gewehren her, teuer, aber von herausragender Qualität. Jürgen Ullmann Kraus war schlank und drahtig, seine braunen, unschuldig wirkenden Augen steckten hinter dicken Augengläsern. Er wurde von einem kräftig gebauten Mann begleitet, welcher auf einer Sackkarre einen großen Schiffskoffer hinter der Prinzessin und dem Ingenieur herfuhr.

Nun, Kraus. Ich bin schon g‘spannt, was er mir aus Steyr mitbracht hat.“ Die Erzherzogin trug die sandfarbene Uniform des gemischten Leibregimentes Maria Sophia und eine ärmellose Weste mit dicken Lederschultern. Die im Kreis angeordneten drei Sterne mit je sechs Strahlen über einen ebenfalls silbernem Lorbeerkranz auf goldenem Grund wiesen sie als Generaloberst aus, dem zweithöchsten Rang der k.u.k. Armee nach dem Feldmarschall der Vereinigten Donaumonarchien, der seit 1867 Edmund Leopold Friedrich Fürst zu Schwarzenberg hieß. Die kleine Krone in der Mitte des Kranzes auf den Rangabzeichen zeigten ihren Status als Mitglied der kaiserlichen Familie.

Euer kaiserliche und königliche Hoheit, wir haben zwar ein paar sehr spezielle neue Waffen entwickelt, aber es sind derzeit eher schwere Pistolen und Gewehre. Für Damen haben wir im Moment nur das hier!“ Jürgen griff in die Westentasche und holte eine winzige Pistole heraus. „Es handelt sich um das Gesellenstück eines unserer Mitarbeiter, und wir haben beschlossen, eine kleine Auflage herzustellen.“

Ein zweiläufiger Derringer“, rief Maria Sophia lächelnd. „Hübsch gemacht, so einen hab ich vor Jahren schon in britisch Amerika benutzt!“

Majestät mögen erlauben, aber die Ähnlichkeit ist wirklich nur oberflächlich“, zeigte sich der Waffenschmied leicht pikiert. „Der Mann hat den Griff ziemlich unverändert übernommen, besser lässt sich ja das Problem mit diesen minimalistischen und rudimentären Griffen gar nicht lösen. Und er hat auch den Knickmechanismus und die Verriegelung des Laufes übernommen, man muss ja das Rad nicht unbedingt jedes Mal neu erfinden. Das Innenleben sieht aber ganz anders aus. Hier im Griff ist eine Hochdruckpatrone untergebracht, gut für 30 Schüsse. Wenn Hoheit schauen wollen, das Kaliber ist etwa ein halber Millimeter, unter dem Lauf ist ein Magazin mit 30 Flechettes. Respektive sind es 10 ‚Feuerstöße‘ zu je drei Pfeilen. Das kleine Ding ist unwesentlich größer als der von Euer Majestät angesprochene Derringer, hat aber auf etwa fünf, sechs Meter eine beachtliche Durchschlagskraft. Auf weitere Entfernung lässt die Wirkung zwar nicht sehr stark nach, aber die kurze Visierlinie – also, da sinkt die Treffsicherheit leider schon ganz erheblich! Der Vorteil gegenüber dem Derringer dürfte trotzdem auf der Hand liegen. 10 Schüsse gegen zwei, und der Rückstoß ist weit geringer.“

Dann geb’ er das Ding einmal her!“ Die Erzherzogin ließ sich den Lademechanismus der Waffe kurz erklären. Es war eigentlich ganz einfach. Entriegeln, Lauf abknicken, Druckkartusche einlegen, Magazinkasten mit den Pfeilen unter dem Lauf einschieben, zuklappen und wieder verriegeln. Der gekrümmte Griff schmiegte sich um Mittel- und Ringfinger, der Zeigefinger fand den Abzug ganz von selber.

Wiegen tut das Ding ja auch weniger wie nichts“, bemerkte Maria Sophia und hob die Waffe. Drei Flechettes rissen gezackte Löcher in die fünf Meter entfernte Zielscheibe. „Ist wirklich ein bisserl gewöhnungsbedürftig, der Zwerg. Trotzdem aber nicht unpraktisch. Auf kurze Distanz und als Reserv‘ oder wenn man die Artillerie nicht gleich zeig‘n will.“ Sie wog die Waffe überlegend in der Hand, probierte sie noch einmal mit der Linken. „Ja, doch, g’fallt mir gut. Schick’ er mir doch vier davon, und ausreichend Munition dazu. Weiter, was hat er noch?“

Eine halbautomatische Pistole, Majestät!“ Jürgen Ullmann holte eine langläufige Faustfeuerwaffe aus dem Koffer, den Udo Kugler an der Barriere zur Schussbahn abgestellt hatte. „Bitte sehr, ich präsentiere Euer Hoheit die Mannlicher Pistole Nummer 1 im Kaliber 8 x 20 Millimeter. Die ganze Waffe ist 210 Millimeter lang, davon entfallen 105 Millimeter auf den Lauf. Die Höhe vom Verschluss bis zum Ring an der Griffunterseite beträgt 140 Millimeter. Den Griff ist angenehm breit, das Magazin wird hier vor dem Abzug eingesetzt. Das kurze fasst 12 Patronen, aber wir haben auch eines für 24 und mir 36 im Angebot. In diesem Fall empfehlen wir allerdings die Benützung einer leicht zu befestigenden Schulterstütze aus dem Leichtstahl von Kortwitz. Wie Majestät sehen, ist die Waffe nicht eben klein!“

Passt schon!“ Die Prinzessin betrachtete die kantige Waffe von allen Seiten. „Wollt‘ Mauser nicht ein ähnliches Modell auf den Markt bringen?“

Kraus zuckte mit den Schultern. „Es gibt gewisse Ähnlichkeiten. Die Deutschen arbeiten mit einem Kaliber 7,62 x 26 Millimeter, sie wollen ihrer Pistole einen festen Patronenkasten vor dem Abzug geben, der mit Ladestreifen zu füllen sein wird, ihre Waffe wird gut 40 bis 50 Millimeter länger, und der Griff wird bei weitem schmaler ausfallen und unten gerundet sein. Trotzdem, so denke ich, haben wir die bessere Waffe. Kostet zwar mehr als das doppelte, hat aber rund 15 Prozent mehr Reichweite und Durchschlagskraft als das Modell von Mauser haben wird und ist trotzdem leichter. Eine Materialfrage, wir bauen unser Modell aus Kristallstahl von Kortwitz, unsere Patronen sind mit stärkerem Pulver befüllt. Ich bitte Majestät, das nicht falsch zu verstehen. Die Firma Mauser könnte natürlich ebenso gute Pistolen wie wir herstellen, aber sie möchten eine für das Militär leistbare billigere Waffe aus normalem Stahl bauen!“

Verstehe!“ Maria Sophia wog die Pistole in der Hand. Dann feuerte sie rasch hintereinander auf die Zielscheibe, welche zur 100-Metermarke zurück gefahren war. „Liegt ja ganz gut in der Hand, Kraus. Ich nehm‘ zwei davon, und sie hab’n sicher ein fesches Gürteltascherl passend zur Africauniform dazu. Also, zwei Pistolen. Zu jeder ein Halfter, vier 12er-, ein 24er- und ein 36er- Magazin. Und Munition natürlich. Jede Menge Munition.“

Selbstverständlich gerne, Hoheit.“ Der Waffenschmied machte eine Notiz. „Ich möchte Euer Majestät nur noch versichern, dass sie selbstverständlich auch normale, handelsübliche 8 x 20 Munition in der Pistole verwenden kann.“

Maria Sophia nickte. „Gut zu wissen. Machen wir bitte weiter.“

Nun – vielleicht kann ich eure kaiserliche und königliche Hoheit für ein neues Jagdgewehr begeistern. Es besitzt einen Lauf für Kugeln Kaliber 7,62 x 35 Millimeter, einen Lauf für 5 x 20 Millimeter und einen Schrotlauf. Damit sind Majestät für jede Eventualität gerüstet. Ganz egal, welches Tier während der Pirsch auftauchen sollte. Automatischer Auswurf, wenn Majestät den Lauf kippen.“

Fesch, wenn man bei uns ganz normal auf die Jagd gehen will.“ Die Prinzessin prüfte die Balance des Gewehres und schlug es einige Male rasch an. „Aber ich fürcht‘, nicht so brauchbar, dort wo wir hingeh’n. Er kann mir aber trotzdem eins in die Hermesvilla schick‘n. Irgendwann werd’ ich wohl wieder bei einer Jagd eing’laden sein. Aber in Africa werd’ ich wohl was mit mehr Bumms brauch’n.“

Nun ja, es gibt noch eine Sonderedition des semiautomatischen Dragonerkarabiners SK 88, Euer Hoheit. Kortwitz-Stahl, daher sind stärkere Ladungen möglich. Daraus resultieren auch trotz eines ein wenig kürzeren Laufes höhere Reichweite und Durchschlagskraft. Selbstverständlich ist es möglich, die Waffe auch mit der üblichen Militärpatrone zu laden.“ „Leichter und stärker. Wieviel kürzer ist denn der Lauf?“ „Neun Zentimeter, Majestät!“ „Doch so viel weniger?“ Maria Sophia zielte kurz. „Sieht man dem G’wehr gar nicht an. Liegt gut in der Hand, nur die Griffschal‘n vom Pistolengriff sind doch ein wenig gar schmal g‘raten. Bei den Dragonern sind’s größer!“

Das ist richtig, kaiserliche und königliche Hoheit“, bestätigte Kraus. „Diese spezielle Waffe war für kleinere Hände gedacht. Die Schalen lassen sich aber ganz leicht auswechseln, nach Maß sozusagen. Wir haben immerhin einen Ruf im Luxussegment unserer Branche zu verteidigen!“

D’rum ist er ja da, Kraus.“ Die Generaloberst lud die Waffe und feuerte. „Also gut, da brauchen wir dann vier Stück, aber drei davon mit größere Griff’.“

Hinter der Schmelz, dem traditionellen Truppenübungs- und Paradeplatz der Habsburgischen Armee lag das Dörfchen Ottakring, weiter draußen war bis zum Galizienberg nur noch Wald zu finden. Manchmal dichter, manchmal heller, zumeist noch für ein wenig Forstwirtschaft genutzt. Früher gab es noch großflächige Abholzungen, doch die wurden jetzt seltener. Wien benötigte nicht mehr so viel Holz wie früher, als noch die Öfen damit geheizt werden mussten, dem Vaporid sei Dank. Auch wenn das mit dem Dank die Holzknechte anders gesehen haben mochten, die sich damals einen neuen Beruf suchen mussten, um ihre Familien zu ernähren. Fortschritt kostet leider eben auch immer Opfer. Manche Berufe sterben aus, während neue entstehen, glücklich, wer flexibel genug für die Veränderungen ist. Die wenigen Verkehrswege, welche dieses Waldgebiet hinter Ottakring durchzogen, konnte man an den Fingern einer Hand abzählen. Gut instand gehalten war nur einer, eine Straße, welche zu den Steinhofgründen auf der Baumgartner Höhe führte. Dort lagen das psychiatrische Krankenhaus, die Lungenheilanstalt mit Wohnheimen für das Personal und eine Kirche, welche eben nach den Plänen Otto Wagners gebaut wurde.

An diesem klaren, eisigen Februarmorgen des 1889 fuhr ein auf Dampfbetrieb umgebauter schwarzer Landauer mit dem Wappen des 18. Kavallerieregiments eben jene Straße hinauf. Die Kavallerie bediente sich im ausgehenden 19. Jahrhundert der Pferde nur noch für Paradezwecke, im normalen Dienst hatten vaporidbetriebene Dreiräder mit dem großen Antriebsrad hinter dem Sattel und zwei kleineren, lenkbaren vorne am Gestell längst die Rösser ersetzt. Die schönen, alten Kutschen wollte man im Heeresamt aber trotzdem nicht auf den Müll werfen, also wurde einfach ein flacher Vaporidkessel unter die Bodenplatte montiert. Ein Getriebe und Lenkstangen dazu, noch ein paar dünne, unauffällige Rohre verlegt, und sogar der Kutschbock konnte geheizt werden.

Im Wagen befanden sich drei blonde Burschen, vielleicht 19, 20 Jahre alt. Die einzelnen Messingsterne auf den Schultern wiesen sie als Leutnants aus, der winzige, rot-weiß-rote Streifen dazu als Abgänger der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.

Mach‘ er mir tüchtige Offizier’ und rechtschaffene Männer“, soll Kaiserin Maria Theresia Anno Domini 1751 angeblich zu Feldmarschall Leopold Joseph Graf von Daun gesagt haben, der hatte für die Militärakademie die Burg Wiener Neustadt erbeten und erhalten. Zuerst dem Adel vorbehalten, bildete die MilAk seit Franz Karl auch Bürgerliche zu Offizieren aus.

Die drei jungen Passagiere des Landauers kamen jedoch nicht aus dem bürgerlichen Stand, sondern waren die Söhne von Grafen aus älteren, sogenannten ‚deutsch-österreichischen‘ Häusern. Der vierte Passagier war ein etwas älterer, distinguierter Herr, auf dessen Uniform die drei Sterne eines Rittmeisters leuchteten, der kleine Äskulapstab wies ihn ebenso als Regimentsarzt aus wie die Tasche, welche er bei sich trug.

Ich will nur hoff’n, dass Sie diesmal gleich besser treffen als das letzte Mal“, grummelte Doktor Karl Steiner. „Fast der Jud’ das Duell überlebt. Er wollt’ ja nur auf erstes Blut kämpfen.“

Er hat’s aber nicht überlebt!“ Leutnant Joseph von Mindrain schlug seine Beine entspannt übereinander und holte eine Zigarette aus der Tasche.

Aber fast“, funkelte Steiner den Leutnant an, der die Sache nicht ernst genug zu nehmen schien. „Als Regimentsarzt darf ich nicht zu viel verpfuschen. Und der größte Teil des Offizierskorps ist nun einmal kein Freund der Theorien und Schriften von Schönerer, Wolf und List. Die verstehen noch nicht, dass wirklich nur die Alldeutsche Bewegung uns unseren beherrschenden Platz unter den Völkern zurück bringen wird. Dass wir unser Blut reinhalten müssen und die minderwertigen Subjekte entfernen müssen. Vor allem aus der Armee und der oberen Klasse, bei den unteren Schichten ist es dann nicht ganz so eilig. Wenn sie unter sich bleiben!“

Warum hast du eigentlich grad den schwarzen Affen mit Grafentitel dazu bracht, dass er dich g’fordert hat?“ bemängelte Karl von Monthal die Auswahl des Opfers. „Hätt’s nicht wie immer ein unauffälliger Jude sein können?“

Woher bitte soll ich denn wissen, dass der israelitische Trampel einen africanischen Ehemann hat?“ Joseph zog heftig an seiner Zigarette. „Und noch dazu einen mit Titel. Aber im Endeffekt ist’s doch eh wurscht, wen wir hamdrahn85. Hauptsach’ es ist einer weniger von den Unreinen in Wien.“

Der Landauer hatte sein Ziel erreicht, wo bereits auf einer abgelegenen Lichtung ein moderneres Fahrzeug auf die Kutsche wartete. Der Arzt und die Leutnants stiegen aus dem Verschlag und sahen sich um.

Dort drüben!“ Friedrich von Oberfels wies auf ein Quartett Männer, alle in schwarze Mäntel gehüllt und die dunkelgrauen Wintermützen der k.u.k. Armee auf dem Kopf.

Nun, dann woll’n wir doch einmal wieder die Welt von einem Stück Ungeziefer befreien!“ Joseph stülpte sich ebenfalls eine Mütze auf den Scheitel und warf den schwarzen Uniformmantel über, dann schritten er und seine Sekundanten auf die Wartenden zu. Der Unparteiische, legte die Rechte kurz zum Gruß an den Mützenschirm, die anderen Herren salutierten ebenfalls der militärischen Vorschrift gemäß.

Dann fragte der Unparteiische mit knapper Stimme. „Andreas, Markgraf von Oberantersbach, Sie sind hier erschienen, weil Joseph von Mindrain ihre Gattin und damit ihre Familie bedrängt und beleidigt haben soll?“

So ist es!“ Der Markgraf aus dem Königreich Neuhochadlerstein nickte kurz.

Joseph von Mindrain, Sie sind hier, weil der Markgraf Sie gefordert hat.“

Das bin ich!“

Nun gut. Hat einer der Herren die Absicht, auf dieses Duell jetzt noch zu verzichten?“ Eisiges Schweigen von beiden Kontrahenten schlug dem Artilleriemajor Maximilian Bauer entgegen. „Ich werte das als nein!“, fuhr der Schiedsrichter fort. „Herr Markgraf, Sie sind der Herausforderer. Soll es auf erstes Blut oder Leben gehen?“

Wenn der Leutnant in aller Öffentlichkeit meine Gemahlin um Entschuldigung bittet, bin ich bereit, mich mit erstem Blut zu begnügen.“ Der Markgraf blieb nach außen eiskalt, und sein Gegner antwortete ebenso.

Niemals! Ich bleibe dabei, dass mir nichts, aber schon gar nichts zu Schulden kommen ließ! Wenn diese jüdische Schnepf’n etwas anderes sagt…“

Genug!“, hob Andreas die Hand. „Ich sehe mich gezwungen, auf Tod zu bestehen!“

Meine Herren, Sie haben es gehört. Bitte, schreiten Sie die Kampfbahn ab. Es wurden zwei Mal 25 Schritte vereinbart!“ Oberleutnant Friedrich Jürgen Mkuki’Mrefu und Friedrich von Oberfels entfernten sich, stellten sich Rücken an Rücken und gingen, ihre Schritte laut zählen, in gerader Linie von einander weg.

Joseph von Mindrain beobachtete sie kurz, dann wandte er seine Aufmerksamkeit den anderen beiden Sekundanten zu, die eben die beiden Duellpistolen auf ihre Funktion überprüften. Es waren Reiterpistolen aus dem 18. Jahrhundert, ziseliert und mit Gold ausgelegten Griffen, allerdings waren sie so umgebaut, dass darin die übliche Jagdmunition im Kaliber 7,62 Millimeter verschossen werden konnte. Nachdem Duelle genau genommen verboten waren, konnte man so nachher leichter von einem Jagdunfall sprechen und weitere Untersuchungen vermeiden. Nach der Kontrolle lud der Unparteiische je eine Patrone in die Waffen und legte sie wieder in den Koffer. Der Kavallerieleutnant interessierte sich nur beiläufig für diese Vorgänge, er war überzeugt, dass alles seine Richtigkeit hatte. Gleich würde er wieder einmal in einem Akt von Patriotismus seine Deutsche Heimat dem reinen Idealzustand näher bringen.

Es war nicht schwer gewesen, einige Gerüchte zu streuen, auf welche ein Ehemann von Ehre eigentlich nur mit einer Forderung reagieren konnte. Trotzdem hatte es ihn überrascht, als die Sekundanten des angeblich gehörnten Ehemannes bei ihm auftauchten. Ein schwarzer Oberleutnant und ein weißer Leutnant in der Uniform der 8. Namib-Husaren. Und der Herausforderer war ein schwarzer Markgraf. Zu spät, noch etwas zu ändern, aber auch keine Tragödie. Zigeuner, Jude, Schwarzer – alles ein Bund Hadern, eine Schande für ihn und seinesgleichen, dass die Offiziere und Adelige sein durften. Dass sie sich überhaupt Österreicher nennen durften. Was ihn allerdings am meisten verwunderte, man hatte ihm erzählt, dass dieser – dieser – dieses Tier in menschenähnlicher Gestalt nur drei Tage nach dem Treffen der Sekundanten und vier Tage vor dem Duell ganz entspannt und fröhlich auf dem Geburtstagsball der Prinzessin gesehen wurde. Ohne auch nur das geringste Anzeichen von Angst. Nun, das würde wohl noch kommen. Bald! Spätestens, wenn er in die Mündungsflamme des Leutnants blickte.

Der Schiedsrichter hielt dem Markgraf als erstem den Pistolenkasten hin, und Andreas nahm ohne lange zu zögern jene Waffe, welche mit dem Griff zu ihm lag. Joseph wog die übrig gebliebene Waffe in der Hand. Der schwere Knauf lag wie immer gut in der Hand, es würde wie schon einige Male vorher keine Probleme geben, den tödlichen Schuss abzugeben. Er war ein Meisterschütze, der beste des Regimentes, was also sollte da denn noch schief laufen.

Bitte begeben Sie sich auf ihre Plätze!“, forderte der Unparteiische die Kontrahenten auf, und sowohl Andreas als auch Joseph legten ihre Mäntel ab, ehe sie sich an die beiden entgegengesetzten Enden der Kampfbahn begaben. Obwohl die Uniform des Markgrafen weiß war, konnte Joseph seinen Gegner genau sehen. Beide standen mit den rechten Schultern zueinander, die Hände mit den Pistolen auf hielten sie Schulterhöhe und warteten, bereit, einander zu töten. Dann gab der Schiedsrichter das Signal, und Joseph von Mindrain schlug die Waffe an. Entsetzt sah er, ehe er den Arm noch ganz gestreckt hatte, in die Mündung der Pistole des Markgrafen, bemerkte, wie der Hahn fiel, eine grelle Flamme blendete ihn.

Andreas spuckte auf den Boden, reichte seinem Sekundanten die Waffe und wandte sich ab. Regimentsarzt Karl Steiner stürzte zu dem gefallenen Leutnant und beugte sich über ihn, er konnte allerdings nur noch den Tod des Duellanten feststellen. Es war das letzte Duell des Leutnant Joseph von Mindrain gewesen.

Da kann doch etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein!“ Friedrich von Oberfels starrte fassungslos abwechselnd auf die Leiche des Leutnant von Mindrain und den sich entfernenden Markgraf von Oberantersbach. „Da ist was faul!“ Er stürmte zu dem gefallenen Kameraden und ergriff dessen Pistole. „Wart’, du Kaffer! Bleib’ steh’n, sag ich! Ich bin sicher, da ist ein Betrug im Spiel! Die Pistol’n vom Mindrain war nur mit einer blind‘n Patron‘ g’laden, sonst hättest nie den Kampf g’wonnen!“ Er schlug die Waffe auf den sich umwendenden Andreas an. „Das werd’ ich jetzt beweisen, und wenn nicht, ist’s nur gerecht, weil dann trifft die Kugel vom Joseph doch noch den richtigen Bastard!“ Der hitzige Leutnant drückte ab, seine Kugel traf den dunkelhäutigen halben Herero in die linke Schulter. „Dann halt anders“, brüllte Oberfels laut und stürmte mit gezücktem Säbel auf den Markgrafen los. Taub für die Rufe des Rittmeisters und des Leutnants Monthal, blind für alles außer den weißen Rock des Markgrafen, welcher sich an der Schulter bereits deutlich rot verfärbte. Knapp vor der Brust von Andreas fing sein Oberleutnant Friedrich Jürgen Mkuki’Mrefu die Klinge des Kavalleristen mit seinem eigenen Rapier auf und drängte den Angreifer zurück.

Dann halt du”, keuchte der blonde Offizier. „Einen von euch blöden Kaffern schick’ ich heut’ noch in die Höll’! Komm her, Sambo, jetzt bist dran!”

Ungestüm drang der Leutnant weiter auf seinen Gegner ein, versuchte ihn mit wuchtigen Hieben und schnellen Stößen zu überraschen. Friedrich Jürgen blieb eiskalt und parierte jeden der Ausfälle mit bemerkenswerter Ruhe und Gelassenheit, dann wich er einem zu ungestümen Ausfall durch eine schnelle Drehung aus und schmetterte danach den Griffkorb seiner Waffe in das Gesicht des Leutnants, dessen Nasenbein laut hörbar brach. Sein Säbel fiel in den festgestampften Schnee, Blut strömte aus der Nase des jungen Barons auf seinen dunkelblauen Uniformrock und die hellblauen Hosen, als er, die Hände vor das Gesicht gepresst, schluchzend in die Knie sank.

Oberfels, Sie sind eine Schande für’s ganze Regiment”, hörte er den Regimentsarzt brüllen, und

Ich kündige ihnen mit sofortiger Wirkung die Freundschaft auf, das war im höchsten Grad unehrenhaft. Ihr Verhalt‘n wird in der ganzen Kavalleriekasern’ bekannt werden“, rief auch Karl von Monthal.

Ich werde Oberst Maurer als ihren kommandierenden Offizier von ihrem skandalösen Benehmen in Kenntnis setzen“, kündigte der Unparteiische Maximilian Bauer an. „Sie werden nur noch wenige Stunden Leutnant sein. Wenn es nach mir ginge, stellte ich einen Schandpfahl auf und schriebe ihnen die unehrenhafte Entlassung mit 50 Striemen auf den Rücken. Sie sollten dankbar sein, dass der Kaiser Franz Karl diese Bestrafung abgeschafft hat.“

Verschwinden‘s, Oberfels“, schnauzte ihn der Rittmeister an, und mit gesenktem Haupt schlug der Blondschopf den Weg zur Kaserne ein. Seine Karriere war ruiniert.

Im Namen des 18. Kavallerieregimentes möchte ich mich für das Verhalten des Leutnants entschuldigen, Hoheit“, wandte sich der Regimentsarzt Rittmeister Karl Steiner an den Markgrafen. Der winkte ab.

Ich akzeptiere ihre Entschuldigung, Rittmeister.“ Steiner schlug die Haken zusammen und salutierte.

Ich danke Hoheit!“ Andreas von Oberantersbach erwiderte den Gruß, dann setzte er seinen Weg zu dem modernen Fahrzeug in Begleitung seiner Sekundanten und des Unparteiischen fort. Dort wurde ihm der Rock ausgezogen und die Wunde versorgt.

Warum konsultieren Hoheit nicht den anwesenden Regimentsarzt?“, wunderte sich Major Bauer.

Ich möchte meinen Arm behalten, Major“, entgegnete Andreas kalt.

Der Unparteiische wurde rot im Gesicht. „Sie meinen, die Herren…“

In der Tat, Major. Zweifellos nur eine kleine Gruppe, aber ich würde empfehlen, diesen Rittmeister ein wenig im Auge zu behalten. Und ich möchte ihnen danken, nicht nur wegen der tadellosen Erfüllung ihrer heutigen Aufgabe.“

Verdammter Oberfels“, fluchte Karl Steiner. „Jetzt haben wir heute gleich zwei Kämpfer für unsere Sache verloren. Es wird Zeit, neue Soldaten zu rekrutieren!“

Und bessere als diesen Oberfels“, bekräftigte Monthal. „Einfach so gegen alle Regeln zu verstoßen, das ist unverzeihlich! Unmoralisch! Wenn wir schon in Anspruch nehmen, die beste Rasse zu sein, dann müssen wir auch moralisch die am höchsten stehenden sein!“

Steiner nickte hastig. „Ja, ja, das stimmt wohl schon! Aber wir müssen jetzt eine Zeit lang ganz vorsichtig sein und eine Ruh’ geben. Der Sambo ist so schnell verschwund’n, als hätt‘ er was g’spannt!“

In der Kavalleriekaserne in Sankt Marx ging Friedrich von Oberfels in sein Zimmer. Er wusste, dass es für ihn nur noch einen Ausweg gab, ohne Ehrverlust für seine Familie und sich selbst aus dieser Sache heraus zu kommen. Er legte einen Bogen Papier und seinen Dienstrevolver auf dem Schreibtisch bereit und griff zur Feder, um einen Abschiedsbrief zu schreiben. Einen, in welchem er Depressionen und schweren Liebeskummer als Grund für seinen Selbstmord angab. Eine durchsichtige Ausrede, doch offiziell würde niemand den Brief in Frage stellen.

Gut!“ Steiner war in die Stube gekommen und nahm den begonnenen Brief auf. „Hier gehört noch ein Komma hin!“ Das Papier landete auf dem Tisch und der manikürte Finger des Arztes legte sich auf eine Stelle. „Welcher Teufel hat dich denn g‘ritten, du Wahnsinniger? Du gehirnamputierter Hohlkopf! Verdammt, was mach‘ ich bloß mit dir?“

Ich werde dem Regiment die Schande ersparen, mich unehrenhaft zu entlassen.“ Die Stimme des jungen Mannes zitterte ein wenig.

Ja, das wirst du“ bestätigte Steiner. „Ich werd‘ den Totenschein selber ausstell‘n und du wirst in deinem Brief anmerk‘n, dass du aus persönlichen Gründen sofort eing‘äschert werden möchtest. Identifizieren werd’ ich dich an deinem Ring, weilst dir das ganze G’sicht wegg’schossen hast. Ich kümmer‘ mich um alles, und du suchst diese Adresse da auf. Dort bekommst du eine neue Identität, und dann wirst du eine Zeit lang untertauch‘n. Später wird man dir deine Ziele zuweisen.“

Ich, ein Attentäter?“, überlegte Oberfels.

Ein Meuchelmörder”, berichtigte der Arzt. „Damit du der Bewegung zumindest ein wenig von Nutzen bist! Um unseren Freund, den schwarzen Markgrafen, wird sich auch schon jemand kümmern. Aber nicht gleich, das wäre zu auffällig!“

Und wer wird meine Leich’ sein?“, wollte der ehemalige Leutnant wissen.

Der Salomon Blau hat deine Figur. Ich hab’ ihm schon ein Betäubungsmittel in den Kaffee geb’n. Morgen in der Früh wird er halt ‚unerlaubt abwesend‘ sein, und du tot. Jetzt komm, gib mir deinen Ring und hilf mir, den Dodel in dein Zimmer zu trag’n.“

Der Augarten in der Leopoldstadt blickte auf eine ziemlich bewegte Vergangenheit zurück. 1614 befahl der nur 7 Jahre amtierende Kaiser Mathias im damals noch wilden Augebiet der Wolfsau den Bau eines Jagdschlosses. In einigen Kriegen zerstört, von Feuern verwüstet und der noch unregulierten Donau mehrfach überschwemmt wurde der schöne Barockgarten erst 1830 in seiner jetzigen Form wieder hergestellt. 1875 befahl Franz Karl die Gründung einer Porzellanmanufaktur und stellte das kaiserliche Gebäude im Augarten zur Verfügung. Der Garten selber stand den Wienern zur Verfügung. Kaiser Franz Karl hielt viel von Bewegung in frischer Luft. Der Gesundheit wegen!

In der Nähe dieses Augartens wohnte der oberste Rabbiner von Wien. Dort empfing Rabbi Jakob Cohen auch die Mitglieder seiner Gemeinde, wenn sie ein Problem mit ihm besprechen wollten. Dieses Mal wollte Moritz Herbst einen Rat von seinem Kleriker.

Rebbe, was soll ich denn bloß machen?“, jammerte der alte Mann.

Wo drückt dich denn der Schuh, Moische?“ Jakob Cohen hatte eine Tasse Kaffee vor den Gast gestellt.

Rebbe-Leben, der Besitzer von meinem Laden, der Freiherr von Smetana, will mir nicht Verlängern die Pacht. Und du weißt doch, ich hab geheiratet die Golde. So eine junge und schöne Frau, ein prächtiges Weib, aber die Golde will und will halt nicht werden schwanger!“ Moritz nippte an seinem Kaffee, und der Rabbi rückte seine Brille zurecht und blätterte in einem Folianten auf seinem Tisch.

Und, bist du gegangen zu deinem Pachtherren?“, fragte der Rabbiner noch einmal nach.

Natürlich, Rebbe! Bekniet hab’ ich ihn mit aller Kunst“, versetzte der ältere Ladenpächter. „Versprochen hab ich ihm ganze fünf Perzent86 vom Gewinn zur Pacht dazu!“

Soso! Hast ihm versprochen! Und was hat sollen machen deine Golde in der Zeit?“ Jakob blätterte weiter.

Na, ich hab‘ ihr gesagt, se soll beten zu Haus“, versetzte Herbst.

Für was sollt‘ se denn beten, Moische”, fragte der Rabbi.

Nu, für eine Schwangerschaft selbstverständlich!“

Soso. Beten hat’s sollen zu Haus“, überlegte Jakob Cohen laut. „Nu, und jetzt soll ich dir geben ein paar Ejzes87, dass du behaltest deine Pacht und die Golde wird endlich schwanger?“ Der Rabbiner klappte das Buch zu.

Nu, ja, schon. Deswegen bin ich doch gekommen zu dir, Rebbe-Leben.“ Moritz Herbst nippte wieder an seinem Kaffee.

Nu schön, dann hör mir jetzt einmal gut zu, Moische. Du musst die Sache umdrehen. Die Golde musst du schicken zu deinem Pachtherren und du musst bleiben daheim zum beten. Dann wirst du bleiben der Ladenpächter und deine Frau wird kriegen ein Kindl.“

Und das soll wirklich funktionieren, Rebbe?“ Moritz war nicht sehr überzeugt.

Mit Sicherheit, Moische. Komm doch wieder einmal vorbei und erzähl mir, wie schnell es ist gegangen mit der Pacht und der Schwangerschaft von der Golde!“ Jakob brachte den Gast zur Tür. „Und grüß deine Frau von mir, Moische! Schalom!“

Cohen ging wieder in seine Studierstube und entzündete die Kerzen auf der Menora.

Jakob, was ist dir denn da wieder eingefallen!“ Rebekka, die Ehefrau des Rabbi, war ihm gefolgt. „Wie kannst du nur dem Moische geben solche Ejzes?“

Nu, du hast ihn doch gehört“, fragte Jakob Cohen mit unschuldiger Miene. „Er will verlängert haben die Pacht für sein Geschäft, und ein Kind soll die Golde auch bekommen!“

Und weswegen soll jetzt gehen die Golde…“

Nu, du kennst doch den Moische Herbst“, erklärte der Rabbiner seiner Frau. „Du hast in ja gerade gesehen. Und du hast gehört, dass die Golde ist eine junge und hübsche Frau. Der Pachtherr wiederum ist der Freiherr von Smetana.“

Nu, und?“

Nichts und, Rebekka-Leben!” Jakob trank noch einen Schluck von seinem Kaffee. „Ich habe die Sache nur gelegt in die besten aller Hände. In die Hände des HERRN!“ Er verdrehte seine Augen nach oben und deutete mit den Händen zum Himmel.

Erklär es mir”, forderte Rebekka ihren Jakob auf.

Nu, wann ist das Kind, was wird kommen, vom Moische, ist es wirklich ein Wunder.“ Jakob zuckte mit den Schultern. „Und wenn es nicht von ihm ist, ist es wirklich ein Wunder?“

Und du willst schicken die junge Herbst tatsächlich zum Freiherrn von Smetana, Jakob?“, schlug Rebekka die Hände über dem Kopf zusammen.

Nu – ja, er soll haben diesbezüglich ganz gute Referenzen, der Herr Baron von Smetana. Und Übung soll er haben ja wohl auch genug.“ Jakob nahm die Brille ab und massierte seine Nasenwurzel.

Ja, aber, Jakob! Soll wirklich ein Goji werden der Vater vom Erben vom Herrn Herbst?“ Rebekka rang die Hände. „Ausgerechnet ein Goji?“

Das ist nur halb so schlimm, wie du denkst, Rebekka-Leben“ wiegelte Jakob ab. „Ich hab‘ lang darüber geklärt! Die Mutter vom Smetana war ja doch auch a insrige88, bis sich hat damals lassen taifen89. Weil der Tate90 von Smetana sein Taten drauf hat bestanden, dass sein Bub darf keine Jiddin heiraten. Also – jetzt kommt nur ihr Enkelkind wieder zurück zum auserwählten Volk Israel! Damit ist allen geholfen. Dem Moische – er bleibt Pächter. Der Golde – se kriegt a Kind und der alte Knacker Moische lasst sie deswegen a Zeitl in Ruh. Und dem Kind – es kommt wieder heim in sein echtes Volk!“

Rebekka schüttelte den Kopf. „Des sind aber viele Ecken, um die du hast dacht, Jakob!“

Nu, was soll ich denn machen sonst, Rebekka. Soll ich kaufen das Haus vom Smetana und der Golde machen ein Kind?“ Der Rabbi wies auf seine eigene Leibesmitte.

JAKOB!“ rief seine Frau empört und stampfte auf.

Nu, war ja nur so eine Frage!“ Jakob steckte die Hände in die Hosentaschen.

Das könnte dir so passen, mit einer feschen Katz herum machen und sie vögeln, die könnt vom Alter doch sein deine Tochter“, schimpfte Rebekka.

Stimmt, sie könnt vom Alter sein mei Tochter. Und die Enkelin von ihrem alten Deppen von Ehemann”, stimmte Jakob zu. „Aber das derf mich nichts angehen. Außerdem, man sagt ja nichts, man redet nur! Und ich werd’ die Golde nicht anrühren, nicht mit dem kleinsten Finger! Des versprech ich dir.“

Na gut, Jakob!“

Weil ich ja habe kein Geschäft zum verpachten“, grinste der Rabbiner, und Rebekka hob drohend die Hand.

So ein hinterfotziger Haderlump, so ein hinterfotziger“ schimpfte sie los. „Na, du kommst noch in meine Gass’n. Wart’s nur ab!“

Ach, in deiner Gassen bin ich seit dreißig Jahren, Rebekka-Leben.“ Der Rabbiner nahm seine Frau in die Arme und drückte ihr einen kräftigen Schmatz auf die Stirn. „Und dort bleib ich auch die nächsten hoffentlich noch langen Jahr, meine Liebe. Bis sich einer von uns die Erdäpfel von unten anschaut!“ Er ließ Rebekka los und öffnete die Thora.

Hast du denn noch immer nicht genug gelesen in der Thora?“ Rebekka schickte sich an, den Raum zu verlassen.

Irgendwo da drinnen steht da etwas von einem bestimmten Gift! Ich muss das finden. Die Regentin will das wissen, und ich habe gefunden bisher noch gar nichts!“

Ach!“ Frau Cohen wandte sich noch einmal um. „Dann würde ich sagen, du solltest lesen bei Herodes oder das Buch Salomon.“

Rebekka!“ Jakob Cohen war entsetzt. „Du wirst doch nicht gelesen haben die Thora! Du weißt doch, dass es verboten ist für Frauen!“

Hab ich nebbich angerührt deine wertvolle Thora“, winkte Rebekka ab. „Aber nirgends steht g‘schrieben, dass a Frau nicht derf lesen in der Bibel von den Getaiften. Und im ersten Teil von denen steht eh geschrieben des selbe wie in der Thora, nur auf deitsch!“

Jakob schaute seine Frau bewundernd an. „An dir ist wirklich verloren gegangen ein Rebbe, Rebekka-Leben.“

Der Luftschiffhafen in Wien an der Kronprinz Franz Joseph Straße war eine gewaltige Konstruktion, ein richtiger Tempel des Stahl- und Dampfzeitalters. Viel Glas zwischen den leicht und anmutig wirkenden Streben aus Kortwitzstahl verliehen dem Gebäude eine den hier verkehrenden Luftschiffen ähnliche Leichtigkeit, zumindest optisch. Die oberen Stockwerke hatten keine durchgehenden Fußböden über die gesamte Breite der Halle, kleine Balkone mit Stühlen und kleinen Tischchen luden zum Rasten und plaudern ein. Luftig wirkende Brücken aus Stahlgitterwerk verbanden die beiden Seiten, elektrische Lifte die einzelnen Etagen. Eben lagen nur vier dieser zigarrenförmigen Riesen hier in Wien vor Anker. Eines davon stach besonders hervor. Der 275 Meter lange Luxusliner der Africaroute in der rot-weiß-roten Bemalung mit dem typischen Schild der Herero in schwarzer Farbe vor zwei gekreuzten Assagais als Zeichen von Neuhochadlerstein im weißen Feld. Es gab nicht viele Luftschiffe dieser Größe, und noch weniger, welche über derartig viele richtige Luxuskabinen mit Fenster nach draußen verfügten. Ganze sechs dieser teuren Doppelkabinen standen den Reisenden zur Verfügung. Das auffälligste aber war der Querschnitt, welcher nicht wie üblich kreisrund war, sondern ein auf einer Spitze stehendes Dreieck darstellte. Die WESTAFRICA benötigte von Wien über Tunis und Kamerunstadt als reine Reisezeit nur noch etwa 61 Stunden. Mit Aufenthalten wurden es runde 72, also drei Tage.

Eine große Zeitersparnis, denn das von Genua auslaufende maritime Schiff wäre beinahe neun Tage reine Fahrzeit auf See. 14 Tage mit allen Hafenzeiten, und die NAMIB war noch ein recht schnelles Schiff. Und da waren die 14 bis 15 Stunden Anreise mit der Bahn von Wien zum Hafen am Mittelmeer noch gar nicht mitgerechnet. Trotzdem spielte sich immer noch beinahe der gesamte transozeanische Warenverkehr und der größte Teil des Personentransportes immer noch per Schiff ab. Luftschiffe waren nicht gerade billig, denn sie mussten häufig gewartet werden, das Helium musste aufwendig in Chemiewerken gereinigt oder aus Uranerzen gewonnen werden. Wasserstoff war zwar wesentlich günstiger herzustellen und auch noch etwas leichter und daher tragfähiger als Helium, aber es war leider sehr leicht entzündlich. Und die Luftschiffe waren immer groß, immerhin benötigte man einen Kubikmeter Helium um ein Kilogramm Gewicht zu heben. So war die Luftschifffahrt immer noch eher selten etwas für den Durchschnittsbürger. Maritime Schiffe waren im Vergleich wesentlich billiger und boten viel mehr Platz und auch mehr Luxus.

Andreas, Markgraf von Oberantersbach und seine Gemahlin Franziska zählten sicher nicht zu den Durchschnittsbürgern, und sie hatten genug Mittel, um die Fahrt nach Hause mit der WESTAFRICA anzutreten. Drei Tage, nachdem das Duell mit Joseph von Mindrain stattgefunden hatte, stand die Familie im obersten Stock des Luftschiffhafens. Wilhelmine, Gräfin zu Perggreith und Ludmila von Tereshaszy hatten sich eingefunden, um sich von ihrer alten Freundin zu verabschieden.

Komm doch einmal zu uns, Minni.” Franziska umarmte Wilhelmine noch einmal. „Und du auch, Milla! Am besten im Juni, da ist die Regenzeit vorbei, und wir haben die kühlere Trockenzeit.“

Wenn ich den Istvan überzeug’n kann, dass wir auch einmal im Süden Urlaub machen könnt’n.“ Ludmila von Tereshaszy nickte. „Er kann ja sicher bei euch auch reiten gehen!“

Aber natürlich“, bestätigte Franziska. „Wir haben eine recht schönen, großen Besitz. Viel Ebene für lange Ritte, und wenn er was Neues probieren will, mit dem Kamel in die Savanne und die Wüste.“

Ihr habt ein Stück Wüste?“, fragte Wilhelmine erstaunt. „Wozu das denn?“

Das siehst jetzt falsch“, bemerkte Franziska. „Es verläuft zwar zufällig die Grenze von unserem Gut durch ein Stückchen Wüste. Aber besitzen – nein. Niemand besitzt die Wüste.“ Franziskas Stimme wurde zu einem sehnsüchtigen Flüstern. „Aber manchmal ergreift die Wüste Besitz von einer Person und lässt sie nicht mehr los.“

Oh!“ Wilhelmine schlug die Hand vor den Mund.

Oh ja”, bekräftigte die Markgräfin. „Es ist ein ganz eigenes Gefühl.“ Sie schien in unerreichbare Weiten zu sehen, dann fokussierte sich ihr Blick wieder auf die Freundinnen. „Ihr müsst nur daran denken, dass eure vornehme Blässe unter einem solchen Ritt leiden wird.“ Franziska kicherte. „Wie wir im Dezember für den Silvesterball vom Herzog Antsinarana, dem Vertreter von Madagaskar in Österreich, nach Wien kommen sind, waren wir einmal in Hietzing im Dommayer. Die Leute haben glatt glaubt, dass ich eine Negerin bin, so braun war ich noch. Gleich haben’s besonders langsam und nach der Schrift geredet, bis ich sie aufklärt hab’, dass wir in Neuhochadlerstein auch Deutsch als Verkehrssprach haben. Nicht ganz das Schönbrunner Deutsch, aber verstehen können wir’s schon.“

Und sind’s draufkommen, dass du eine falsche Schwarze bist?“ Ludmila beugte sich neugierig vor.

Erst wie die Baronin Winterfels mit mir die Nase pudern war und einen Blick auf ein Stückerl Haut erhascht hat, wo ich auch bei den Ritten in der Wüste immer was anhabe. Aber dann sind’s noch neugieriger g’wesen, wie das Leben in Africa so ist. Aber jetzt muss ich los, meine Lieben! Und bitte, kommt wirklich einmal zu uns runter!“

Wien

Durch die Gänge des 1884 vom Architekten Freiherrn Heinrich von Ferstel erbauten Gebäudes der Alma Mater Rudolphina Vindobonensis, oder auf gut deutsch, der Wiener Universität, hallte dezent der dunkle Klang eines Gongs. Dieser Ton machte die Studenten darauf aufmerksam, dass es an der Zeit war, die Hörsäle aufzusuchen. Heinrich von Ferstel hatte 1878 den Auftrag erhalten, eine neue Universität zu bauen. Zu dieser Zeit war der Ausbau der Wiener Ringstraße gerade in vollem Gange, und die Regentin Helene fand es angebracht, hier auch ein Gebäude für die Universität zu erbauen. Ein großer Palast sollte es werden, mit allem Drum und Dran. Mit Säulenhallen, einem Garten und dem üblichen Schmuck seiner Zeit. Ein Palast für Wissen und Bildung. Entsprechend zierten die römischen Musen die Säulen der großen Treppe, und statt des Doppeladlers prangte eine Eule auf einer Weltkugel über dem Eingang. Die Büsten im Foyer zeigten keine Feldherren und Herrscher, sondern herausragende Wissenschaftler. Archimedes, Paracelsus, Harvey, Isaak Newton, Galileo Galilei, Alexander von Humboldt und viele andere aus allen wissenschaftlichen Bereichen, allen Zeiten und allen Ländern. Im Keller des Gebäudes befand sich ein nicht zu unterschätzender Schatz. Die Universitätsbibliothek. Helene hatte ihre Agenten in ganz Europa ausgesandt, um wichtige Bücher über möglichst jedes Wissensgebiet zu erwerben, und auch Kopien historischer Aufzeichnungen. Trotzdem waren die riesigen Räume erst zur Hälfte gefüllt, Ferstel hatte auf Zuwachs geplant.

Das Gebäude an der Ringstraße beinhaltete allerdings nur zwei der vier Fakultäten. Die Philosophische rechts des Eingangs und die Juristische links davon. Angehende Mediziner besuchten ihre Vorlesungen im Allgemeinen Krankhaus in der Spitalgasse, während Theologiestudenten im Ökumenischen Kloster Zum Göttlichen Heiland in der Währinger Straße unterrichtet wurden. Es war unmöglich gewesen, ein Haus für alle Fakultäten an der Ringstraße zu bauen. Dafür hatte der zur Verfügung stehende Platz einfach nicht gereicht.

Professor Ulrich Wilhelm von Emmstatt betrat schwungvoll das Auditorium Maximum der Philosophischen Fakultät und legte seine Unterlagen auf dem Lesepult ab.

Guten Morgen, meine Damen und Herren!“ Seine sonore Stimme klang dank der hervorragenden Akustik des Saales bis zur obersten Reihe. Lächelnd musterte er die Studenten, welche auf den Beginn des Vortrages warteten. „Willkommen im zweiten Semester“, hob er endlich an. „Sie fragen sich wahrscheinlich gerade, warum Sie hier sind. Warum diese Vorlesung ‚Gedanken zu alternativen Entwicklungen‘ verpflichtend ist. Ich kann es ihnen erklären. Jeder Papagei kann Zahlen, Daten und Fakten auswendig lernen und auf Kommando wiedergeben. Das reicht aber nicht, um ein guter Humanist zu werden. Sie müssen immer wieder alles in Frage stellen, was bisher als Tatsache gilt. Ein Beispiel. Wir lernen schon in der Bürgerschule mit 10 Jahren, dass 1555 in Nürnberg der Vertrag zur Religionsfreiheit unterzeichnet wurde. Nun, das ist korrekt – und trotzdem falsch. Warum wohl? Niemand? In Ordnung, ich sage es ihnen. Weil der Vertrag nur für die damals gerade entstehenden zwei christlichen Religionen galt. Für die Anhänger des mosaischen und des muslimischen Glaubens hatte sich durch diesen Vertrag, dieses Bekenntnis nichts geändert. Überhaupt nichts. Sie blieben damals immer noch verfolgte Minderheiten. Für das Heilige Römische Reich deutscher Nation und die Christen, die darin lebten, änderte sich aber praktisch über Nacht alles. Plötzlich konnte jeder die Bibel auslegen, wie er es wollte. Nein, Frau Kollegin!“ Der Vortragende hob die Hand. „Frau durfte das leider erst ab 1745, also 190 Jahre später. Das Gleichstellungsdekret der Geschlechter sowie der anderen abrahamitischen und der bis dahin heidnisch geltenden Religionen kam erst unter Maria Theresia zustande. Aber bleiben wir doch einmal bei diesem Nürnberger Bekenntnis. Es scheint auf den ersten Blick dem spirituellen und damit auch poltischen Chaos Tür und Tor zu öffnen. Jeder kann plötzlich glauben, was er will. Legt sich Gott und Teufel zurecht, wie es ihm passt! Es geschah nicht, werte Kolleginnen und Kollegen. Die Masse der Menschen wählte ganz einfach den Prediger, der sie am besten überzeugen konnte. Und aus einer riesigen Masse von damals aufkommenden Strömungen blieben in Europa ganze fünf übrig.“ Der Professor hob die rechte Hand mit gespreizten Fingern. „Fünf, werte Kolleginnen und Kollegen. Sieben, wenn wir die griechisch und russisch orthodoxen Kirchen hinzu zählen. Wir haben die Katholiken, die Lutheraner, die Calvinisten, die Hussiten und die Church of England. Natürlich könnte man jede diese Richtungen in einige Unterarten zergliedern, aber die Ökumene hat sich bisher auf diese fünf offiziellen Richtungen geeinigt. Aber ich schweife schon wieder ab.“ Der Professor warf einen kurzen Blick auf sein Manuskript.

Spielen Sie doch lieber jetzt einmal im Gedanken eine andere Möglichkeit durch. Es lagen damals ja auch durchaus andere Vorschläge auf dem Tisch. Zum Beispiel die Idee, dass der Landesherr über die Konfession seiner Untertanen bestimmen sollte. Was wäre geschehen, hätte man diesen Vorschlag angenommen? Eine Idee?“

Eine Trennung der Protestantischen Staaten von den Katholischen?“

Zwei verschiedene Heilige Deutsche Reiche?“ Zwei Stimmen kam es aus dem Auditorium.

Sehr gut überlegt! Aber hätte der Kaiser das so einfach zugelassen? Damals waren die Leute, was die Religion angeht, etwas fanatischer als heute. Zumindest wir in den Donaumonarchien können das heute nicht mehr nachvollziehen, und ich kann nur sagen: allen Göttern sei’s gedankt, getrommelt und gepfiffen. Ich sage ihnen, was damals wahrscheinlich geschehen wäre. Der Ausbruch eines Religionskrieges. Protestanten gegen Katholiken auf dem Boden des Heiligen Reiches deutscher Nation. Und alle anderen europäischen Mächte hätten sich natürlich unter dem Deckmantel des Glaubens auch eingemischt, um sich möglichst große Brocken Landes einzuverleiben oder zumindest selbst an Macht zu gewinnen. Sehen Sie sich den Streit zwischen Frankreich und England zu dieser Zeit an. Richelieu gegen Buckingham, die Belagerung von La Rochelle. Wer da nicht aller versucht hat, einige Gewinne aus diesem Glaubenskrieg zu ziehen. Aber bei den Nürnberger Verträgen stand der Gedanke eines nach außen stabilen Staatsgebildes im Vordergrund der Verhandlungen. Also entstand aller Wahrscheinlichkeit nach statt des Chaos mit der Freiheit des Glaubens sogar mehr Stabilität. Und der zehn Jahre dauernde Krieg der Katholiken und Protestanten in Europa ging an dem Heiligen Reich deutscher Nationen vorbei, das sich eingeigelt hatte und nach seiner neuen Identität suchte.“ Ulrich Wilhelm steckte seine Hände in die Jackentasche und holte seine Pfeife heraus.

Die Geschichte hängt an kleinen, dünnen Fäden, meine Damen und Herren“, fuhr er fort, während er Tabak in den Pfeifenkopf stopfte. „Wir haben jetzt eine Tendenz ausgelotet. Ein starker Kaiser hätte diesen hypothetischen Krieg vielleicht verhindern, im Keim ersticken können. Oder ein Fürst dennoch zur Stärkung seiner eigenen Hausgemacht mit einem anderen Vorwand eine Spaltung und eine kriegerische Auseinandersetzung suchen können. Vielleicht hatten wir einfach nur Glück. Dazu ein anderes Beispiel. 1696 erfindet ein gewisser Jakob Leupold, der eigentlich Prediger werden wollte, die Dampfmaschine. Sein Lehrer, Pater Seligmann, übersendet die Pläne an Kurfürst Friedrich August I. Nach den sehr freizügigen und ehrlichen Tagebüchern der Mätresse des Fürsten, Anna Aloysia Gräfin von Lamberg, hatte der Fürst eben den Brief des Pater in Händen, als sie für ein Schäferstündchen sein Bureau aufsuchte. Die Skizze fällt zu Boden, und als ordentliche Frau hebt die Gräfin den Zettel auf, betrachtet ihn – und das Schäferstündchen fällt aus, weil sie über die Möglichkeiten der Erfindung sprechen. Was, wenn die Mätresse des Fürsten das Papier übersehen hätte. Oder die Bedeutung nicht erkannte. Oder August der Starke doch mehr Interesse an den Rundungen der Gräfin als an dem Plan gezeigt hätte. Keine FAFNIR, keine HRR-Flotte. Keine SÜDLAND-Expedition. Māoi-Land wäre französisch, spanisch oder niederländisch geworden. Am ehesten aber britisch, denn die englische Flotte wäre einfach die stärkste dieser Zeit gewesen. Das gleiche Schicksal hätte wohl auch Germania Australia ereilt. Warum? Ja, natürlich. Nur der Dampfantrieb stellte für die Flotte des Heiligen Römischen Reiches eine Möglichkeit dar, mit den mächtigen Flotten der anderen Nationen, vor allem Britanniens, gleich zu ziehen und noch genug Kapazitäten für eine lange Forschungsfahrt frei zu haben. Und die Länder danach auch gegen die Royal Navy verteidigen zu können. Sie sehen, seidene Fäden. Der schnelle Blick einer Mätresse, die sofort ein großes Potential erkennt. Meine Damen und Herren, unterschätzen Sie bitte nie den Einfluss von Mätressen auf die Geschichte. Und setzen Sie ihre Phantasie immer wieder ein. Vielleicht werden Sie hin und wieder einer zu romantischen Sichtweise verfallen, aber das ist immer noch besser, als einfach nur Zahlen zu memorieren. August der Starke und seine Mätresse Anna Aloysia mögen zu Staub zerfallen sein, aber sie waren einmal Menschen mit heißem Blut in den Adern. Und vergessen Sie nie, dass es neben der Geschichte der Kriege, der großen Erfindungen und des lauten Geschreis auch eine Geschichte der Liebe, der stillen Gedanken und der leisen Seufzer gibt. Welche die wichtigere ist, möchte ich hier und jetzt nicht entscheiden, aber welche die schönere ist, da habe ich eine klare Meinung. Aber wenden wir uns nun lieber dem nächsten Beispiel zu…“

London

Die Downing Street war ein kleines Gässchen im Londoner Stadtteil City of Westminster, an dem man hunderte Male vorbei gehen konnte, ohne etwas Auffälliges zu bemerken. Aber wenn man die Straße doch einmal betrat, fühlte man sich vom ersten Moment an beobachtet.

Völlig zu Recht, und wenige Schritte später sah man schon die Peeler auf der Straße stehen. Die Bobbys. Die Beamten der Metropolitan Police. Üblicherweise waren diese Polizisten nur mit einem Schlagstock aus guter englischer Eiche und einer schrillen Pfeife bewaffnet, doch diese hier trugen schwere Revolver der Firma Webley and Wesson im offenen Holster am Gürtel und großkalibrige Schrotflinten in den Händen. Außer der Nummer 8, dem Sitz des Schatzmeisters ihrer Majestät, waren alle Häuser der Gasse unbewohnt und dienten nur dem Zweck, den Wachposten Unterschlupf oder Deckung zu bieten. Diese Posten bewachten eine völlig unauffällige Tür, welche jedoch weder über einen Türgriff noch über ein Schlüsselloch verfügte. Nummer 10 Downing Street war der Amtssitz des amtierenden Premierministers von Großbritannien. 1889 war dies der ehrenwerte Sir Robert Gascoyne-Cecil, der dritte Marques of Salisbury. Ein Konservativer, der es geschafft hatte, eine Minderheitenregierung auf die Beine zu stellen. Nun ist es natürlich per se nicht schlecht, etwas konservieren, etwas erhalten zu wollen. Doch dazu musste ein perfekter Zustand vorhanden sein, den es zu erhalten gab. Und von diesem Zustand war in Sir Roberts Augen England sehr weit entfernt. Seiner nicht eben bescheidenen Meinung nach wollte er lieber eine anglonormannische Prostituierte als Schwiegertochter als die Tochter eines schottischen, irischen oder walisischen Herzogs. Was er über die aus Amerika stammenden Kolonisten dachte, war noch nicht einmal ansatzweise zum Druck geeignet. Diese Nichtengländer und damit Wesen zweiter Klasse hatten seiner Ansicht nach bereits viel zu viele Rechte und Freiheiten. Es wurde Zeit, endlich einmal etwas dagegen zu unternehmen und die natürliche Ordnung wieder her zu stellen.

Wie jeden Tag seit dem 3. August 1886 klopfte es pünktlich 10 Minuten nach 8 Uhr an der Tür von Nummer 10, Downing Street in London. Ebenfalls wie jeden Tag öffnete James Lewis, der oberste Diener des Hauses ein kleines Fenster in der mit Stahl gepanzerten Pforte und blickte hinaus.

Es ist, wie es ist, und ich bringe die Nachricht darüber“, nannte John Saville, der private Sekretär des Premierministers die Losung, worauf James Lewis die Tür öffnete und John in das Haus ließ. „Ist seine Lordschaft bereits in seinem Bureau, James?“ John Saville schüttelte den Schnee von seinem Cape und überließ es Lewis, dieses auf einem Bügel weg zu hängen.

Wie üblich, Sir. Er erwartet Sie bereits. Darf ich ihnen Tee anbieten?“

Gerne, James.“ Dann lief der Sekretär die Stufen in den oberen Stock und wartete, bis die große Pendeluhr die halbe Stunde schlug. Mit dem letzten Ton öffnete er die Tür und trat ein.

Guten morgen, Sir Robert. Ich bringe ihnen die letzten Depeschen.“ Sir Robert Gascoyne-Cecil sah auf und bemerkte das kleine, weiße Band am Revers seines Schreibers, welches den Mann für ihn John Samuel Saville identifizierte. Sir Robert litt unter Prosopagnosie. Unter Gesichtserkennungsschwäche, selbst im engsten Familienkreis. Seine Frau Georgina, seine fünf Söhne und zwei Töchter kannten es nicht anders. Georgina trug stets ein unverwechselbares Schmuckstück, seine Töchter Haarbänder in verschiedenen Farben und seine Söhne zuerst als Kinder unterschiedliche Halstücher und später als junge Männer verschiedene Krawattennadeln.

Ihnen auch, John. Nehmen Sie doch Platz. Ich nehme an, der Tee ist unterwegs?“

Ich zweifle nicht daran, dass James den Tee pünktlich wie jeden Tag servieren wird, Sir!“

Der füllige Premierminister mit dem kahlen Kopf und dem prächtigen Vollbart nickte. „Und ich zweifle nicht daran, dass Sie die Depeschen bereits überflogen haben, die Sie mir bringen.“

Das habe ich in der Tat, Sir!“

An der Tür ertönte ein gemessenes Pochen. Das schon seit Jahrzehnten in der Downing Street arbeitende Faktotum James Lewis hatte sich wie immer schnell auf die Wünsche des neuen Premierministers eingestellt und sorgte für den gewünschten perfekt getimten Tagesablauf. Er trug das schwere Teeservice aus gediegenem Sterlingsilber und die Tassen aus feinem chinesischen Knochenporzellan auf einem Tablett in das Bureau und stellte es an den Rand des Tisches an einen dafür von Papieren freigehaltenen Platz. Gekonnt goss James Tee in die Tassen, zwei Stück Zucker und Milch für den Premierminister, nur Milch für seinen Sekretär. Milly Sanders, ein noch junges, erst seit kurzem im Staatsdienst befindliches Dienstmädchen, servierte den Herren noch einen Teller Sandwiches. Wie immer Roastbeef für den Premier, John Saville hatte am Abend vorher um Thunfisch gebeten.

Wäre das dann alles Sir?“ Eine Handbewegung des Premierministers entließ den Diener.

Also, James!“ Sir Robert nahm einen Schluck Tee und biss in sein Sandwich. „Was haben Sie für mich?“

In Wales beginnt es zu gären, Sir. Die walisischen Bergarbeiter sind unzufrieden!“

Sie haben doch schon einen Lohn von anderthalb Shilling pro Tag! Was zum Teufel wollen die denn noch mehr“, schimpfte der Premier.

Bessere Sicherheitsmaßnahmen in den Minen, Sir Robert. Es ist wieder ein Stollen eingestürzt. Es gab über siebzig verschüttete Bergmänner. Alle tot.“

Engländer?“ Gascoyne-Cecil nahm noch einen Biss von seinem Sandwich.

Waliser, Sir Robert!“

Wenn sie mehr Sicherheit wollen, dann sollen sie die Stollen besser abstützen“, wedelte Robert mit dem angebissenen Brot.

Das wollen sie, Sir. Aber die Minenleitung hält die Stützen für ausreichend und stellt nicht mehr Holz zur Verfügung!“

Nun – wie weit ist Perkins mit seiner Forschung mit seinem neuen Steampowder?“ James Lewis holte eine andere Notiz hervor.

Sir William hat es geschafft, die Leistung unseres Pulvers von etwa 65 Prozent des österreichischen auf beinahe 80 zu verbessern. Das ist gar nicht einmal schlecht.“

Aber auch nicht gut!“ Der Prime Minister warf sein Brot auf den Teller. „Nicht gut genug! Perkins forscht doch weiter?“

Selbstverständlich, Sir!“

Nun gut. Dann sagen Sie den Besitzern der Eisenminen, dass sie gefälligst dafür sorgen sollen, dass der Fluss von Eisenerz weiter in Gang bleibt. Das Empire benötigt Stahl! Verlegen Sie nötigenfalls auch ein paar Infanterieregimenter nach Wales. Die Kohlemineneigner sollen selber zusehen, wie sie mit der Situation fertig werden.“

Sir, Mister Henry Forsyth-Smythe hat einen Brief geschrieben, in welchem er für eine Kohlenmine in seinem Besitz um die Hilfe eurer Lordschaft bittet.“

Henry Forsyth-Smythe also!“ Der Regierungschef lehnte sich zurück und faltete die Hände vor seinem Bauch. „Na schön! Stellen Sie das zweite Dragonerregiment zu seiner Unterstützung ab.“

Ja, Sir. Ich werde für den Colonel der Royal Scott Greys einen entsprechenden Befehl ausstellen und Euer Lordschaft zur Unterschrift vorlegen!“

Gut so. Weiter.“

Zar Wladimir Alexandrowitsch hat seinen Schwager Großfürst Maximilian Emanuel Romanov-Wittelsbach zum Generalfeldmarschall ernannt…“

Den Mann von Maria Alexandrowa?“, unterbrach der Premierminister.

Ja, Sir!“

Diese Bayer soll ein recht heller Kopf sein, John.“

So sagt man, Sir Robert.“ Der Sekretär suchte eine bestimmte Stelle in senen Unterlagen. „Besagter Maximilian Emanuel hat im Namen des Zaren große Waffenkäufe bei der Firma Mannlicher in Österreich getätigt. Moderne Repetiergewehre und Munition.“

Der Premier kraulte seinen prächtigen Bart. „Das bedeutet wohl, dass Russland dieses Mal mit einer zeitgemäßen Streitmacht in das Great Game eingreifen wird?“

Das steht zu befürchten, Sir Robert. Es entstehen schon russische Lager in der Nähe zu Afghanistan.“

Der Marquess überlegte kurz. „Senden Sie die Regimenter der 16th Queens Lancers, die leichten Dragoner Nummer 10, The Prince of Wales own, dazu die Infanterieregimenter Nummer 12, 14 und 35 nach Indien in Marsch. Die bereits in Indien stationierten Einheiten der Campbells Highlander, der Gurkha-Rifles und die Sepoydivisionen sollen sich auf den Weg zur Grenze nach Afghanistan machen. Warten Sie! Die Irish Fusiliers sollen nach Kabul gehen und die Garnison übernehmen. Die Kolonien in Amerika sollen Regimenter und Flottenteile bereit stellen und sich bereit machen, Alaska zu erobern, wenn Russland in Afghanistan mit unseren Truppen in Konflikt kommen sollte. Das wird wahrscheinlich nicht vor Juni oder Juli geschehen, die Afghanen werden den Russen ihren Vorstoß schwer machen. Ob wir ihnen entgegen ziehen und eine frühere Entscheidung suchen sollten? Nein, lassen wir die Dinge erst einmal sich entwickeln. Noch einmal zu Afghanistan. Haben unsere Treasure Hunter den Gegenstand schon gefunden?“

Nein, Sir. Wir wissen noch nicht einmal genau, wie das betreffende Stück aussieht“, erklärte John. „Wir wissen nur von Professor Edward Gibbon, dass in den Bergen Afghanistans ein machtvoller Gegenstand versteckt sein soll. Ein Gegenstand, der bisher eine dauerhafte Besetzung dieser Berge unmöglich gemacht hat.“

Ich kann das nicht wirklich glauben, John! Ich glaube an Gott und die Royal Army! Aber egal, sollen die Leute weitersuchen.“

Jawohl, Sir. Die Befehle für die Armee werde ich ihnen noch heute Nachmittag zur Unterschrift vorlegen.“

Gut so!“ Robert Gascoyne-Cecil nahm sein Sandwich wieder auf und biss hinein.

Was macht die HMS VIRGIN QUEEN?“ John Saville kannte die Sprunghaftigkeit des Premiers bereits und hatte sich daran gewöhnt. Seiner Meinung machte Sir Robert trotzdem gute Arbeit als Premierminister des Empires.

Hervorragend, Sir“, rapportierte Saville. „Die k.u.k. Werft in Genua hat unsere Pläne auf das Zehntel eines Inch genau umgesetzt. 950 Fuß lang und 178 breit. Komplett aus Leichtstahl! 220 Meilen Reichweite mit unserem eigenem Steampowder. Bisher das stärkste Schiff der Royal Navy. Die Mannschaft macht sich bereits damit vertraut!“

Und doch hinken wir weit hinter den Österreichern und Deutschen hinterher“, schlug der Prime Minister mit der flachen Hand auf den Tisch. „Sie selbst haben mir gesagt, die KAISERIN SOPHIE und die KAISERIN MARIA ANNA würden eine Reichweite von etwa drei- bis viertausend Kilometer haben. Das sind so etwa 1.860 bis 2.500 Meilen! Das zehnfache! Wollte nicht dieser Kolonist aus Boston, dieser – dieser…“ Ungeduldig schnippte Robert Gascoyne-Cecil mit den Fingern.

Edison, Sir. Thomas Alva Edison!“

Genau der, John. Wollte der diesen Österreicher Nicola Tesla und seine elektrischen Motore nicht nur einholen, sondern sogar alt aussehen lassen? Typisches Kolonistenpack. Immer große Töne spucken und nichts liefern. Ich hoffe doch sehr, dass zumindest die Baumwoll- Zuckerrohr- und Tabaklieferungen nach England noch funktionieren. Und der Rum für dir Navy!“

Alles läuft zufrieden stellend, Mister Prime Minister. Auch die Herstellung von Fleisch- und Gemüsekonserven für die Navy und die Army sind gut angelaufen.“

Der dritte Marques of Salisbury aß sein Sandwich fertig. „Wie sind die Nachrichten aus Österreich?“

Wie Sie wissen, hat die älteste Schwester des Thronfolgers vor wenigen Tagen ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert. Unser Botschafter hat die üblichen Glückwünsche der Queen und der Regierung übermittelt. Seither ist ein gewisser Aufruhr in Wien festzustellen, wenn auch keine näheren Informationen vorliegen.“

Forschen Sie weiter, John! Es wird zwar nichts wirklich wichtiges sein, aber heutzutage ist Wissen Macht. Sprechen wir jetzt einmal über den Sudan und Karthum. Wie weit ist Kitchener?“

Der Sirdar hat eine recht starke ägyptische Armee auf die Beine gestellt und drillt sie.“ Saville suchte das entsprechende Blatt aus der Aktenmappe. „Er wartet noch auf Ausrüstung, Sir! Besonders die Artillerie ist noch schwach!“

Was heißt hier schwach?“, fuhr der Premier auf. „Er hat doch bereits ein Regiment!“

Ja, Sir“, bestätigte John Saville ruhig. „Ein Regiment Festungsartillerie. Aber er verfügt über keine mobilen Feldgeschütze außer einigen Dampfelephanten.“

Sollte das nicht für ein paar halbwilde primitive Araber reichen?“ Wieder biss der Marquess in sein Sandwich.

Diesen Arabern stehen einige Maxim-Gewehre zur Verfügung, Sir!“ Der Sekretär blieb ruhig. „Und moderne Infanteriegewehre aus Frankreich und England.“

Sir Robert schlug mit der Hand auf den Tisch. „Was soll das heißen, aus England?“

Moderne Repetiergewehre von Lee-Enfield, Sir.“

Woher stammen diese Waffen, zum Teufel“, fluchte der Premierminister laut.

Aus London-Borough of Enfield selbstverständlich, Sir Robert!“

Der Premierminister sprang auf und starrte seinen Sekretär entgeistert an. „Soll das heißen, dass tatsächlich Waffen aus dem Empire in die Hände der Mahdisten geraten sind?“

Das sind Sie ganz offensichtlich, Sir. Wir haben nach Scharmützeln an der Grenze einige dieser Waffen sicher gestellt. Sie stammen von einer Lieferung an unsere Armee in Indien. Das Schiff ging im roten Meer verloren. Es – es wurde nie gefunden, Sir. Wir stehen leider immer noch vor einem Rätsel, allerdings wissen wir jetzt zumindest, wo die Ware gelandet ist.“

Nun – meinetwegen soll Kitchener seine Artillerie bekommen. Und die ägyptische Armee bessere Bewaffnung. Leiten Sie das Nötige in die Wege, John!“

Wien

Feuer frei!“ Die Hand von Oberst Eugen Lederberger hackte nach unten. Diese Geste vom Offiziersbunker wurde vom Batteriekommandanten Leutnant Karl Hocheck vorne an den Geschützständen bemerkt. Sofort drehte er sich und brüllte mit bester Kasernenhofstimme:

FEUER!“ Der Richtschütze Zugsführer Johannes Figl drückte den Abzugshebel nach vorne und löste damit die Verriegelung des Schlagbolzens. Der traf auf die Mitte des Hülsenbodens und brachte die Treibladung zur Explosion. Der Verschluss wurde vom Rückstoß zurückgetrieben, die leere Kartusche nach unten ausgeworfen und der Schlitten fuhr wieder ein Stück vor, ehe er von einem Keil arretiert wurde. Währenddessen trieben die expandierenden Gase der Treibladung die 105 Millimeter durchmessende Granate mit einer Mündungsgeschwindigkeit von mehr als 850 Metern in der Sekunde aus dem Rohr auf das einen Kilometer entfernte Ziel zu. Beim Auftreffen zündete die mit Kupfer ummantelte Hohllandung der Granate und verstärkte den entstehenden Schaden. Der Ladeschütze Gefreiter Jan Hušek schob schon das nächste Geschoss in die Kanone und drückte mit einem Hebel an der Seite der Kanone den Haltekeil nach unten, die Feder drückte den Verschluss vor, der Ladeschütze hob die Hand und meldete:

Erstes Geschütz Feuerbereit!“ Im Beobachtungsbunker drückte Oberst Lederberger auf den Knopf seiner Stoppuhr.

Ein Haucherl über vier Sekunden, kaiserliche Hoheit, General! Das machert dann zwölfeinhalb Schuss die Minute. Mathematisch natürlich nur.“

Und ohne noch großartig ziel’n zu müssen, woll‘n wir nicht vergess‘n”, bemerkte Maria Sophia. „Weil die Kanon‘ ja schon ausg’richt war. Aber es ist trotzdem eine gute Leistung. Ihre Leute können z’fried’n sein – und Sie auch, Oberst. Aber, der Rekord einer ihrer Geschützmannschaften liegt bei 13 in der Minute. Gezielt. Also, wo ist die versprochene Überraschung?“

Die habe ich für kaiserliche Hoheit”, meldete sich eine Stimme aus dem Hintergrund.

Die k.u.k. Artilleriekaserne im Simmeringer Bezirksteil Kaiser Ebersdorf neben dem Schloss Neugebäude hatte für seine Schießübungen dicke Erdwälle aufgeworfen, in den die Artilleriegeschosse und Blindgänger landen sollten. Ohne die Zivilbevölkerung der Gegend zu gefährden, welche zumeist aus Gemüsebauern bestand. Das Kaiserhaus hatte eine Einladung zu einer nicht näher definierten Vorführung erhalten, und Erzherzogin Maria Sophia hatte dem Treffen zugesagt. In Vertretung ihrer Mutter, der Regentin, welche an diesem Tag zu einem anderen Termin musste. Maria Sophia war in einer Kaserne ohnehin eher am Platz als Helene und suchte auch ein wenig Ablenkung von ihren Sorgen. Nun hatte die Prinzessin dem Abfeuern eines 10,5 Zentimeter Feldgeschützes beigewohnt, im Prinzip der gleichen Kanone, welche mit anderer Lafette auch auf Schiffen häufig Verwendung fand. Also nichts Aufregendes bisher.

Professor Friedrich Meszarosch war nach vorne getreten, nachdem Maria ihrer Verwunderung Ausdruck verliehen hatte.

Ach, Professor!“ Die Prinzessin hielt dem k.u.k. Hofmetallurgen die Hand zu Kuss hin. „Dann geht’s nicht um neue Granat‘n oder Kanonen, sondern um neue Panzerungen!“

Wie Hoheit befehlen.“ Meszarosch verbeugte sich.

Also, spann er uns doch nicht so auf die Folter! Was hat er denn Neues für uns? Oder besser für die Armeen der Donaumonarchien!“

Einen neuen, einen leichteren und auch stärkeren Verbundstoff selbstverständlich, Majestät. Eine Weiterentwicklung der alten Ideen!“ Er drückte auf einen Knopf und die Zieldarstellung wurde auf Schienen näher gezogen. „Wenn sich Hoheit erinnern wollen, bisher benutzen wir bei den gepanzerten Dragonerfahrzeugen wie den Husaren und Windhunden vorgeformte Platten mit folgendem Aufbau. Innen eine 5 Millimeter dicke Platte aus kristallinem Stahl, dann eine 10 Millimeter dicke Matte gefilztes Material, vor allem Hanf- und Maisfasern, durch eine Behandlung mit Boraten schwer entflammbar gemacht. Als Dämmung gegen Lärm und Temperaturverhältnisse, aber auch als elastische Polsterung. Als nächstes eine Schicht aus 10 Lochblechen zu je 1 Millimeter Dicke, jeweils versetzt angebracht. Eine überaus flexible und leichte, aber auch sehr widerstandsfähige Schicht. Ganz außen endlich wieder eine 10 Millimeter dicke Platte aus kristallinem Stahl. Das macht eine Panzerung von 35 Millimetern dicke, welche aber extrem leicht ist. Und wenn der Feind nicht gerade mit einem dreißiger oder noch größerem Kaliber auffährt, bietet dieser Verbund auch durchaus ausreichenden Schutz. Besonders, weil die Wände unserer Panzerfahrzeuge nach Möglichkeit abgeschrägt sind, da gleiten die Granaten eher ab. Steilfeuer ist da natürlich ein Problem, bei indirekten Schüssen kann es geschehen, dass bei…“

Professor, bitte“, hob Maria Sophia abwehrend die Rechte. „Komm‘ er doch zum Punkt!“

Natürlich, Hoheit mögen verzeihen!“ Friedrich verbeugte sich kurz. „Also, solange niemand auf die gleiche Idee wie damals Anno 1883 der Max von Baader kommt und auch eine Hohlladungsgranate erfindet, haben wir ganz gute Karten.“

Die Engländer und Franzos‘n werd‘n über kurz oder lang ganz bestimmt so eine Hohlladungsgranat‘n erfinden“, meinte Maria. „Oder halt einen ander‘n verstärkt‘n Büx’nöffer. So was passiert doch früher oder später immer!“

Kaiserliche Hoheit haben natürlich recht. Darum wollte ich nicht warten, bis der Feind eine Waffe besitzt, welche unsere Panzerplatten durchdringen kann. Bitte, wenn Majestät sehen wollen!“ Meszarosch wies auf einen Tisch, auf dem einige Platten unter einem Tuch gelegen waren, welches er jetzt weg nahm. „Statt der Lochbleche sind es nun um vier oder sechs um 45 Grand versetzte aus verzwirntem Stahldraht ‚gewebte’ Matten. Das ergibt mehr Flexibilität. Es sind jetzt 5 Millimeter Außenhaut aus kristallinem Stahl, 6 Millimeter Drahtmatte, danach einmal fünf und einmal vier Millimeter Kortwitzstahl, zehn Millimeter Dämmung und 5 Millimeter Innenhaut. Wieder Leichtstahl. Das macht auch hier eine Gesamtstärke von 35 Millimeter.“ Mittlerweile war die beschossene Panzerplatte herangekommen und Maria Sophia verließ mit Friedrich Meszarosch den Bunker, um die Zerstörung in Augenschein zu nehmen. „Wir haben hier einen direkten, im rechten Winkel aufschlagenden Treffer mit der stärksten Hohlladungsgranate, über welche unsere Feldartillerie verfügt. Und sehen Sie nur, sehen Sie! Die Platte hat standgehalten! Die äußere Stahlschicht hat ein schönes Loch, die Matten müssen ebenfalls ausgetauscht werfen und die zweite Stahlschicht ist ziemlich angekratzt. Aber die anderen Schichten haben die Ladung gut überstanden.“

Meinen Respekt, Meszarosch. Aber er redet da ganz locker von Austauschen einzelner Schichten. Wie stellt er sich das denn vor?“

In einer Werkstatt natürlich, Hoheit“, erklärte Meszarosch und zeigte zu der Platte. „Im Feld müssten natürlich während einer Kampfpause ganze Module ausgewechselt werden. Unsere Fahrzeuge sind aber doch von jeher so konzipiert, dass man einzelne Segmente der Panzerung leicht vom Rahmen lösen und wieder befestigen kann. Jetzt kann die geschützte Dämmung an Ort und Stelle verbleiben, und nur die Stahlgewebe mit den sie ummantelnden Platten müssen gewechselt werden.“

Ich nehm’ an, da soll dann auch sein Zentaur wieder zum Einsatz kommen?“

Damit haben Majestät recht. Wir haben mittlerweile sogar eine Version mit Beinen bauen können.“ Der Metallurg verbeugte sich.

Fesch, Meszarosch.“ Die Augen der Prinzessin leuchteten auf. „Ich nehm’ an, er hat ein solches Exemplar hier stehen?“

Natürlich. Ich darf Hoheit bitten, mit mir zu kommen!“

Der Professor begleitete Maria Sophia, General Alois Gschwend und Oberst Lederberger auf den Exerzierplatz der Kaserne.

Bitte, kaiserliche Hoheit, wenn ihr das Signal geben wollt?“ Hinter einem Pult waren vier Stühle aufgestellt, und der Oberst begleitete die Prinzessin nach vor. Sie drückte auf einen Signalknopf, welcher eine tiefe Dampfsirene auslöste. Ein Tor schwang auf, und in einem eleganten Trab, welcher das Gewicht und die Größe des Bergepanzers vergessen ließ, kam ein Zentaur aus der Remise und beugte vor Maria Sophia das Knie.

Fesch“, meinte diese, blieb aber pragmatisch. „Was kann er denn noch, außer hinknien und Honeurs machen?“

Nun, Hoheit, die Ladefläche ist groß genug, um auch ein schweres Motorgeschütz aufzunehmen. 18 Meter lang und 6 breit. Natürlich sind die hydraulischen Beine ebenfalls auf dieses Gewicht ausgelegt, es müssen unter Umständen eben auch noch vier zusätzliche ausgefahren werden. Der Fahrer hat seinen Führerstand wieder vorne im Bug des Hauptkörpers und ist nur für die sichere Bewegung zuständig. Die verglaste Kanzel kann mit gepanzerten Platten leicht geschützt werden. Die beiden Arme bewegt dann der Armführer, welcher seinen Platz in dem vorderen Aufbau über der Fahrerkanzel findet, wo auch die beiden hydraulisch bewegten Greifarme montiert sind. Ein geschickter Armführer kann durchaus eine Panzerplatte an die richtige Stelle bringen, wo sie befestigt werden kann! Zwei von ihnen können ein Motorgeschütz auf die Ladefläche eines dritten heben. Dazu kommt noch eine gute Panzerung für die Besatzung, sodass diese Bergeeinheiten auch während eines Gefechtes einigen Aufgaben nachkommen können. Ich muss aber ehrlich sagen, sehr viele Vorteile bringen die acht Beinen gegenüber den alten Geräten mit sechs Achsen nicht. Sie sind etwas flexibler, aber dafür langsamer.“

Was ist ihre Meinung, Oberst, General?“, wandte sich Maria Sophia an Lederberger und Gschwend.

Wånn åi Drågoner wär’, würd’ ich gern’ ålle zwoa zur Hand håb‘n woll’n“, bemerkte der General aus Bayern, der Oberst zog seine Handschuhe zurecht.

Als Artillerist denk’ ich aber, dass wir die Hax’n wahrscheinlich schneller wegschießen können als die Räder. Es käm’ halt einmal auf einen Versuch an!“

Schaffen’s das, ohne Verletzte zu riskieren, Oberst?“ Die Prinzessin beobachtete, wie der Zentaur Gewichte hob und sie auf der Ladefläche verstaute, dann wandte sie sich wieder an Meszarosch. „Die alten haben doch einen Husar‘n selber aufheben können. Können die neuen das auch?“

Selbstverständlich, kaiserliche Hoheit“, beteuerte der Hofmetallurg.

So? Na gut.“ Maria Sophia überlegte nicht lange. „Bring er doch drei von den neuen und drei von den alten Zentauren hierher. Dann kann der Oberst und seine Leut‘ einmal die sechs Fahrzeug‘ zu Klump schießen und wir wissen nachher Bescheid. Meine Herren, es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut. Schicken’s doch um meinen Wagen, Oberst. Danke!“

Britisch America

Auf den Bergen der Prärie, auf dem großen Steinbruch der roten Pfeifen, Er, der Herr des Lebens stieg herab. Auf den roten Klippen des Steinbruchs stand er aufrecht und rief die Nationen, nannte die Stämme der Menschen…“

Der Beginn des ersten Gesanges von Henry Wadsworth Longfellows Gedicht über Hiawatha und den Friedensstifters der Haudenosaunee, der Leute des Langhauses, stand in großen Lettern über dem Teach mór fada, dem großen Langhaus von Cathair ghaofar. Dieses neue Verwaltungsgebäude von Chicagoshire war erst wenige Jahre alt, man hatte aus Stahl und Glas ein typisches Langhaus der Irokesen nachgebildet, die Grundzelle der ‚Nationen des Wampum‘.

Im Jahr @ 1754 begann Britannien mit der Eroberung der französischen Gebiete Canadas. General Edward Braddock befahl einem erst 31 Jahre alten Colonel namens George Washington die Aufstellung eines Regiments aus Shawnee, Haudenosaunee und nach den Kolonien verbannten katholischen Iren. Und damals konnte man als Bewohner der grünen Insel sehr schnell nach Amerika deportiert werden. Notgedrungen nahmen die Indianer und Iren den roten Rock und zogen für den englischen König in den Krieg gegen die Franzosen. Und sie lernten voneinander. Sehr schnell sogar. Als 1763 die englischen Kolonien vom großen Golf im Süden bis zur Hudson Bay im Norden reichte, standen an den großen Seen gut geplante und stabil gebaute Forts mit französischen Kanonen, besetzt von Iren und Irokesen. Und aus den sechs Völkern des Langhauses, den Cayuga, Mohawk, Oneida, Onondaga, Seneca und Tuscarora waren acht geworden. Die Shawnees und die Iren schlossen sich dem starken Bund an. Nach diesem Krieg entwickelten die Schmiede der Haudenosaunee die berühmte Michigan-Rifle, ein mit Papierpatronen von hinten zu ladendes Gewehr mit einem Steinschloss und langem, gezogenem Lauf.

Die Haudenosaunee blieben mit den Iren in ihrer Heimat an den großen Seen und der Shawnee-Medizinmann Lalawethika predigte eine Religion, welche beide Seiten akzeptieren konnten. Die Lebenskraft Orenda wurde mit Gott gleichgesetzt, Tharonhiawagon, das Gute, als Jesus und Tawiskaron, das Böse mit dem Teufel. Später halfen die Truppen der Haudenosaunee mit irischer Verstärkung dem späteren Generalgouverneur von Amerika, General George Washington, bei der Niederschlagung eines von Boston ausgehenden Aufstandes gegen König George III. Als später auch noch die Illiniwek, die Tsa-ra-gi (Cherokee), die Winnebago, die Anishinabe, Lakota und Shoshoni dem Bund beitraten, reichte ein Gürtel Indianerland vom Atlantik bis zum Pazifik. Diese Völker stellten sich auch erfolgreich den Truppen des Korsen Napoleon entgegen, als dieser nach Canada auch noch die südlich dieser Linie gelegenen englischen Gebiete annektieren wollte. Die Völker des Wampum galten seither zwar als Untertanen der britischen Krone, besaßen allerdings viele Sonderrechte.

Die Stadt Cathair ghaofar lag direkt an einem der große Seen. Man sah dem Verwaltungszentrum des Gebietes Chicagoshire den Charakter einer immer weiter gewachsenen Wehranlage immer noch an. Auf den sorgfältig instand gehaltenen Bastionen der ersten Wallanlage standen auch noch die alten Bronzekanonen, welche immer noch einmal im Jahr abgefeuert wurden. Am Tag der Wintersonnenwende. Padraig Großer Adler war ein großer, wuchtig gebauter ‚Double Iro’, wie man sie Abkömmlinge von Iren und Irokesen scherzhaft, aber auch voll Respekt nannte. Sir John Flinker Otter, Count of Michigan hatte Padraig die Auszeichnung zuteil werden lassen, als Shire-Reeve das Chicagoshire zu verwalten. Sein Bureau im dritten Stock bot ihm einen guten Ausblick über den jetzt zugefrorenen und tief verschneiten Michigansee. Kleine Flocken tanzten vor seinem Fenster in der Luft, und das Thermometer zeigte 10 Grad Fahrenheit, wer konnte, blieb bei diesem Wetter zu Hause. Ein Mitglied des Royal American Mounted Police Corps konnte es nicht, die Mounties waren immer in Bereitschaft. Er sah den sieben Meter langen und mit Ketten vier Meter breiten Raupentruck der Patrouille, welcher mit PS Fionn Schneller Hirsch und PC Conrad Brauner Bär von ihrer zweitägigen Tour nach Milwaukee im Bezirk Wisconsin wieder zurück kehrte. Es war eine mit dem alten englischen Steampowder angetriebene schwere Stahlkonstruktion, im 6 Fuß hohen und hervorragen Isolierten Laderaum konnte man den oft plötzlich einsetzenden Stürmen ganz gut einige Tage trotzen. Es waren weiche Matratzen, dicke Schlafsäcke, für zwei Wochen Trinkwasser und Konservendosen mit an Bord, alles berechnet für vier Personen. Ein kleiner Elektroherd, ein Teekessel und eine Kanne für Filterkaffe. Sogar über einen vier Meter langen, ausfahrbaren Schnorchel verfügten die Winterfahrzeuge der Mounties. Solange man die Nerven behielt, konnte man auch einen längeten Blizzard ohne Probleme aussitzen und sich danach mit etwas Geduld freischmelzen.

Für die 94 Meilen hätte das Kettenfahrzeug nicht ganz dreieinhalb Stunden benötigt, aber es waren immer Umwege zu machen, Farmen zu besuchen und überall nach dem Rechten zu sehen. So wurden aus drei Stunden Fahrt schnell einmal sechs oder mehr. Also übernachteten die Mounties in Milwaukee und fuhren erst am Morgen zurück. Allerdings hätte sich der Shire-Reeve auch nach drei oder vier Tagen noch keine ernsthaften Sorgen gemacht. Dienst nach Stundenplan gab es bei den Mounties extrem selten. Vielleicht benötigte ja Jack Wilder Eber Unterstützung bei der Jagd, dann kamen die Polizisten eben später nach Hause und brachten einen Elk-Schlegel für die Kantine mit. Oder Rachel Gerade Zeder, deren Mann John Vier Finger vor ein paar Jahren einen bösen Unfall gehabt hatte, benötigte einige starke Hände für eine Reparatur. Die Mounties waren eben nicht nur Polizisten. Sie waren für viele Menschen draußen im Winter am freien Land eine willkommene Abwechslung, eine Hilfe bei vielen Problemen. Und eine Verbindung zur Außenwelt, manchmal die einzige.

Der rote Raupentruck mit dem Wappen des RAMPC fuhr in den Hangar, wo auch der andere Fuhrpark der Polizeistation auf seinen Einsatz wartete. Sowohl mit breiten Raupen für den Winter und schlechtes Gelände als auch mit Rädern für den Sommer. Padraig Großer Adler sah auf seine Armbanduhr. Es würde noch acht, vielleicht neun Minuten dauern, bis die beiden Mounties zum Rapport in sein Büro kommen würden. Es wurden zwölf. Der Sergeant und der Constable traten in ihren roten Uniformen in das Büro des Shire-Reeve und salutierten.

PS Schneller Hirsch und PC Brauner Bär von Patrouille zurück. Ein Passagier“, erstattete der Sergeant Meldung.

Schön, euch gesund wieder zu sehen! Wer ist der Fahrgast?“

Ich, Shire-Reeve Großer Adler“, meldete sich eine junge, hübsche Frau mit zwei langen, bis zu ihrer Taille reichenden Zöpfen roten Haares und trat in das Bureau. Sie trug einen Parka aus dem Fell von Rotfüchsen, von jeder Schulter hing eine flauschige Rute dieses Tieres. Man musste das Gesicht der Frau nicht erst sehen, die Jacke sprach für sich. Im gesamten Bereich des ersten Ratsfeuers der Völker des Wampums gab es nur wenige Personen, welche eine solche Jacke tragen durften. Die Engel des Wampums. Der Shire-Reeve sprang auf die Füße.

Willkommen, Aingeal“, begrüßte er den Engel mit deutlichem Respekt. „Wir stehen selbstverständlich zu deiner Verfügung!“

Danke, Shire-Reeve.“ Mit der rechten Hand zeichnete Aoibhinn Reitet den Sturmwind ein Kreuz mit gleichen Armen in einem Kreis herum in die Luft. „Ich bitte nur um ein Quartier für zwei Nächte und Essen. Und morgen würde ich gerne mit dem Ratsfeuer des Shire sprechen!“

Sie werden anwesend sein”, versprach Großer Adler.

Dann bitte ich jetzt darum, in mein Quartier gebracht zu werden, Shire-Reeve!“

Die Aingeal, die Botinen des Wampum hatte immer und überall im Gebiet der Ratsfeuer zwischen Atlantik und Pazifik das Recht auf kostenlose Fahrten und ein Quartier. Die Ortschaft Milwaukee in Wisconsinshire war das spirituelle Zentrum der Völker des Wampum, das erste Ratsfeuer. Gehütet wurde es vom obersten Druiden Gottes, welcher die Vertreter der einzelnen Ratsfeuer manchmal zu einem außerordentlichen großen Pow-Wow rufen konnte. Und von diesem Recht im Notfällen durchaus Gebrauch machte. Zu diesem Behufe sandte er seine Aingeal aus. Zähe Frauen, Schamaninen, Seherinnen, welche sich eine Zeit lang dem Dienst am ersten Ratsfeuers verschrieben hatten. Das Erkennungszeichen der Aingeal waren die beiden Fuchsschwänze an den Schultern. Natürlich übermittelte der Druide seine Botschaften auch den anderen heiligen Feuern per Telegraph, sodass von dort die Schamaninnen ebenfalls ausschwärmten, um eine Kopie des Wampum weiter zu tragen. Das Original verblieb stets als gut gehütetes Heiligtum in Milwaukee und wurde nur zu Beratungen aller Feuer, dem großen Pow-Wow gezeigt. Man erzählte sich, der Friedensstifter hätte es persönlich an Hiawatha übergeben, als der die Stämme des Langhauses zur ersten demokratischen Gemeinschaft einte.

Der Shire-Reeve reichte der Botin seinen Arm. „Selbstverständlich, Aingeal! Ich bringe dich gerne selbst zu deiner Suite.“ Aoibhinn nickte und legte ihre schmale Hand auf den Unterarm des Shire-Reeve. Im großen Langhaus gab es einen Wohntrakt, in dem auch der Shire-Reeve mit seiner Familie und die Diensthabenden des RAMPC wohnten. Dort stand immer eine großzügige Gästewohnung für solche und ähnliche Fälle bereit. Viel musste nicht vorbereitet werden, sie wurde ohnehin regelmäßig gesäubert, gelüftet und mit frischer Wäsche ausgestattet. Mit eigenem Baderaum und allem möglichen Komfort. Als der Engel seine Unterkunft bezogen hatte, suchte Padraig seine Frau auf, um sie von dem hohen Gast zu unterrichten, damit diese für das Abendessen disponieren konnte.

Die große Halle des Ratsfeuers des Shires of Chicago lag unter dem Dach des Langhauses. Sie war kreisrund angelegt, elegant geschwungene Stützen erinnerten an Holzstützen und zurück geschlagene Decken, das Dach bestand aus Glas und gab an diesem Abend den Blick auf die funkelnden Sterne frei. Der Boden rund um die Feuerstelle war mit weichen Fellen ausgelegt, Rückenstützen, welche ebenfalls mit Pelz ausgestattet waren, sorgten für die nötige Bequemlichkeit und acht hohe, mit einem Schrägdach gegen Schneefall geschützte Schornsteine für einen guten Rauchabzug. Die sechs Vertreter der Bewohner des Gebietes, die beiden weisen Frauen, die Priester und der Shire-Reeve hatten sich im Kreis um die Feuerstelle versammelt, ihre Pfeifen mit den langen Holmen entzündet und ein wenig während des Rauchens miteinander geplaudert. Dann griffen die weisen Frauen zu ihren Trommeln, ein schneller, durchdringender Rhythmus klang durch die Halle.

BAMM-bamm-bamm-bamm-bamm-bamm-bamm-bamm–BAMM-bamm-bamm-bamm-bamm-bamm-bamm-bamm – BAMM-bamm-bamm-bamm…

Die seit Jahrhunderten üblichen Takte, immer ein starker Schlag, gefolgt von sieben leichten. Zwei Frauen sprangen in die Mitte des Kreises, ihre Kleider waren mit Federn und Vogelsymbolen bestickt. Es war der Mond des Adlers, und so wiegten sich die Tänzerinnen mit ausgebreiteten Armen wie zwei jagende Adler im Takt der Musik. Auch die Männer begannen, im Schlag der Trommeln mit den Händen zu klatschen. Ihr rhythmisches „HEY-jey-jey-jey-jey-jey-jey-jey-jey – HEY-jey-jey-jey-jey-jey-jey-jey-jey“ begleitete die rituellen Tanzschritte. So ehrte man die Ahnen, die Jahreszeit, den Geist und die Zyklen der Natur.

An diesem Tag trug die Aingeal Aoibhinn Reitet den Sturmwind einen Stirnreif aus weich gegerbtem, weißen Leder mit einer roten Perlenstickerei, welche ein gleichseitiges Kreuz in einem Kreis darstellte, das Sonnenkreuz. Ihre Zöpfe waren durchflochten mit roten Bändern, ihr ledernes, mit roten Mustern verziertes Kleid endete etwa eine Handbreit über dem Knie. An den Füßen trug sie ebenfalls rot bestickte Mokassins, deren obere Ränder beinahe bis zum Knie reichten, um die Hüften trug sie eine Nachbildung des heiligen Wampums und von ihren Schultern hingen die Schwänze von zwei Füchsen. So trat sie nach dem rituellen Adlertanz in die Mitte des Rates und segnete die anwesenden Mitglieder des Ratsfeuers mit dem Sonnenrad, ehe sie zu sprechen begann.

Brüder und Schwestern! Mein Name ist Aoibhinn Reitet den Sturmwind. Ich komme von George Silbernes Wasser, dem obersten Druiden des einen Gottes und Hüter des heiligen Wampums. Brüder und Schwestern, George Silbernes Wasser hatte einen Traum. Einen beunruhigenden Traum. Er sah einen roten Löwen mit einem grauen Bären um eine Beute kämpfen. Als der Löwe den Bären vertrieben hatte, kam ein blauer Adler und machte ihm die Beute streitig. Die Beute, um die sie stritten, waren wir, Brüder und Schwestern. Wir, das Volk des Wampum. Doch das war nicht das Schlimmste in diesem Traum. Das Schlimmste war das goldene Glühen, welches sich von den Kämpfen nährte und schließlich auch die Völker des Wampum versklavte. Brüder und Schwestern! Dass der rote Löwe das britische Empire ist, das mit dem russischen Reich kämpft und danach vom französischen Kaiser angegriffen wird, ist leicht verständlich. Es geschah immer schon und wird auch so bleiben. Dass die Weißen sich wie die Blätter einer Schere gegeneinander zu wenden scheinen, nur um aneinander vorbei zu gehen und sich nur leicht aneinander reiben, während wir, die Völker des Wampum, dabei in Gefahr sind, wie ein Blatt dabei zerschnitten zu werden, ist auch bekannt. Aber das ist eine geringe Gefahr. Brüder und Schwestern! Der Mensch wird geboren, um zu sterben. Das Leben eines Kriegers ist weniger wichtig als seine Ehre. Doch dieser neue Feind – er nimmt uns die Wahl. Er zwingt uns zu leben und Sklaven zu sein, ohne Möglichkeit, in die Ewigkeit zu gehen!“ Aoibhinn machte eine rasche Handbewegung, ein Tomahawk grub sich vor Padraig in den Boden. „Der oberste Druide bittet den Rat des Chicagoshire, sich bereit zu halten. Es wird Kampf geben, Brüder und Schwestern. Genau genommen, zwei Kämpfe. Der rote Löwe wird wollen, dass wir statt seiner gegen den grauen Bären kämpfen, wie er es immer schon wollte. Das ist der Preis, den wir für unser Land und unsere Freiheit zahlen müssen, seit 1754. Es wird aber auch einen Kampf gegen einen unbekannten Feind geben. Einen, gegen den Gewehr und Beil nichts ausrichten können. Darum müssen auch die Priester und Schamaninnen bereit sein. Wählt eure Vertreter für das große Paw-Waw zur Sommersonnenwende! Entsendet den Kriegshäuptling und den oder die Weiseste. Ich danke euch, meine Brüder und Schwestern!“

Am Abend fanden weder Padraig noch seine Frau Irene Roter Schal Schlaf. „Wenn es die Königin befiehlt, wirst du dich mit den Shire-Men den ersten Michigan-Rifles of Foot anschließen?“, fragte Irene, ihr Zeigefinger zeichnete seine beachtlichen unbehaarten Brustmuskeln nach. Sie war zu drei Viertel eine Tuscarora, wie die meisten Frauen ihres Volkes mit einem starken Kiefer und einem Kinn bedacht, das Willensstärke demonstrierte.

So ist der Vertrag“, seufzte Padraig. „Ich bin der Shire-Reeve!“

Ja, das bist du.“ Sie kuschelte sich eng an ihn.

Das ist nun einmal der Vetrag, den die Haudenosaunee damals mit Chief George Wahington geschlossen haben“, rezitierte er. „Solange die Sonne scheint, der Schnee fällt, die Nebel wallen und der Sturm über das Land fegt. Und so lange sie ihren Teil erfüllen, so lange werden wir das gleiche tun!“

Irene küsste Padraig, und ihre Hand wanderte tiefer. „Das werden die Völker des Wampum immer. Und ich will stolz auf meinen Padraig sein. Flieg, Großer Adler, und besiege deine Feinde! Aber vorher…“ Mit einem Schwung saß sie auf ihm. „Du wirst mich nicht verlassen ohne zumindest zu versuchen, einen Erben zu hinterlassen!“

Am nächsten Morgen hatte das Wetter wieder aufgeklart und das Thermometer zeigte bei strahlendem Sonnenschein 5 Grad Fahrenheit. PS Fionn Schneller Hirsch und PC Conrad Brauner Bär trugen wieder die roten Hemden des RAMPC zu ihren ledernen Leggins mit den Lederfransen an den Seiten und die bequemen Mokassins. Sollten sie ihr gut geheiztes und isoliertes Kettenfahrzeug verlassen müssen, würden sie in die dicken, kniehohen Fellmokassins schlüpfen, die warmen Mäntel und die Fellmützen mit den Ohrenschützern und dem Emblem der Mounties anlegen. Dieses Emblem zeigte einen mit der Windsorkrone geschmückten Luchskopf in einem Kranz aus Zedernblättern. Auch Aoibhinn hatte sich bequem in ein Hemd, an den Nähten mit Fransen und Bändern verzierte Hosen und gemütliche Schuhe gekleidet und verstaute ihre warme Kleidung in der Kabine des Polizeitrucks. Dann wandte sie sich an Padraig Großer Adler und seine Frau Irene Roter Schal und zeichnete wieder das Sonnenkreuz in die Luft.

Ich danke für euch für die Gastfreundschaft. Möge der Segen des Friedenstifters mit euch und euren Kindern sein.“

Irene und Padraig legten ihre rechten Hände auf ihre Herzen. „Wir danken dir für den Segen, Aingeal!“ Die Schamanin lächelte noch einmal kurz, dann kletterte sie zu den Mounties in die Kabine. In der Tür wandte sie noch einmal den Kopf und sah Irene an.

Es wird ein Sohn, Irene. Nenne ihn ‚Greift nach den Sternen‘. Leb wohl.“ Damit verschwand sie endgültig im Fahrzeug und schloss die Tür. Der Sergeant löste das Horn aus, drei kurze Töne, und das Tor der Fahrzeughalle öffnete sich. Die Schamanin war wieder unterwegs, ihr Ziel war Saughatuck im Muskagonshire, um die Südspitze des Sees herum. Eine Strecke von nicht ganz 140 Meilen lag vor ihr.

Boston

Im Stadtteil Cambridge von Boston in Massachusetts stand eine der besten Universitäten der amerikanischen Kolonien. Harvard. Hier hatte die Hochschule in einem der Gebäude ein großzügiges Labor für Hochdruck- und Elektromechanik eingerichtet. Man forschte angestrengt an Heizkesseln für endothermische Energiegewinnung und natürlich auch an neuen Elektromotoren.

Also dann, Elihu! Öffnen Sie die Ventile!“ Der glattrasierte 42-jährige Mann am Messpult nickte Elihu Johansson zu.

Sofort, Mister Edison“, antwortete der und betätigte mit einem langen Hebel ein Kugelventil. Zischend und grollend bahnte sich der hocherhitze Wasserdampf seinen Weg vom Druckkessel durch ein Rohr und brachte eine Turbine in rasante Umdrehung. Diese erzeugte elektrischen Strom, der wiederum einen Motor antrieb. Die Leistung dieses Motors wurde von der Nadel des Messinstrumentes vor Thomas Alva Edison angezeigt.

18 Pferdestärken!“ Edison schlug mit der flachen Hand auf die Einfassung der Skala. „Verdammt!“

Aber Mister Edison, das sind vier Pferdestärken mehr als das letzte Mal”, wandte der Assistent ein. „Wir machen doch große Fortschritte!“

Ach was, Fortschritte“, schrie Edison auf. „Dieser Österreicher, Nicola Tesla, brachte bei einer Versuchsanordnung dieser Größe vor der Patentkommission das doppelte an Leistung zustande. Mehr, weil der Kessel auch noch einiges weniger wog!“

Nun, wir verfügen nun einmal nicht über den Kristallstahl wie die Österreicher und die Deutschen“, resignierte Johansson.

Und warum nicht“, wetterte Edison. „Wir müssten fertige Druckgefäße kaufen, damit wir gleichen Druck erzeugen können. Das könnten wir Briten sogar, und das auch noch im großen Stil, Deutschland würde die Kessel sicher gerne liefern. Nur zu gerne, es ist ja ein gutes Geschäft. Aber das Geheimnis von Kortwitz würden wir doch nicht herausfinden! Zum Teufel. Warum schafft es unser Auslandsgeheimdienst nicht, endlich einen Agenten in Ulm einzuschleusen. Das einzige, das wir wissen, ist der Einsatz von hohen Temperaturen, großen Drücken und starken Magneten!“

Und mit all dem Wissen können wir das Produkt nicht replizieren, Mister Edison? Das wundert mich aber!“

Mich auch, Elihu. Mich auch! Verdammt, ein wenig härter bekommen die in Sheffield den Stahl mittlerweile, aber das Gewicht, Elihu, das Gewicht. Es geht noch immer nicht nach unten!“

Langsam beruhigte sich Edison wieder. „Es ist Stahl mit einer kristallinen Struktur, so viel wissen wir. Das macht ihn hart, aber nicht allzu spröde. Aber dazu muss noch ein anderer Stoff im Material sein. Aber was? Aluminium? Titan? Alles ausprobiert, aber es will nicht klappen! Bestimmt ist ein wenig Chrom in der Legierung, damit sie nicht rostet. Der Rest ist und bleibt ein verdammtes Geheimnis. Ein gottverdammtes Geheimnis. So wie dieses Vaporid. Wir kennen neun der Bestandteile, aber wir erreichen nicht die gleiche Wirkung. Es muss noch einen Booster geben, irgendetwas, das die Wirkung noch einmal um mehr als 20 Prozent steigert! Und der Name sagt gar nichts! Ha! Dampfsalz.“

Unser eigenes Steampowder ist aber immerhin ein Fortschritt gegenüber dem Kohlefeuer“, wagte Johansson einen Einspruch. „Und es ist auch noch sehr viel sauberer als dieses.“

Natürlich ist es das!“ Edison lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, schloss die Augen und faltete die Hände über dem Bauch. „Und mit unserer jetzigen Anordnung können wir ein Auto bauen, dass auf guter Straße etwa 62, 63 Meilen in der Stunde schaffen sollte. Oder einen schweren Truck, der um die 45 Meilen in der Stunde zurücklegen kann. Und, was noch wichtiger ist, mit einer deutlich höheren Reichweite. 300 Meilen mit einer einzigen Kesselfüllung, einen halbwegs guten Weg vorausgesetzt. Das ist nicht übel. Aber noch lange nicht so gut wie diese Österreicher. Ärgerlich! Und ich komm nicht weiter! Außer, wir spannen ein Kabel über der Straße auf und bauen unsere Fahrzeuge mit Stromabnehmern. Dann müssten wir aber das Patent für Wechselstrom kaufen!“

1 Gesäßpolster

2 Port. ‚Mein lieber Graf’

3 1,5492 Kilometer

4 Gauner

5 Verpflegung

6 Geld

7 Gauner

8 Gauner

9 verkauft

10 Kleiner Gartenpavillon

11 Neuseeland

12 Frz. Mein Name ist Leutnant Baron Joseph Artolshügel. Darf ich darum bitten, den jungen Damen vorgestellt zu werden?

13 Wien. Grieben, auch ungute Menschen

14 Ungar. Penis

15 russ. „Damit ich auch etwas lerne

16 franz. „Weil das ganze Leben lernen ist.

17 engl. „Das gilt auch für gekrönte Häupter.

18 span. „Also vorwärts, an die Arbeit.

19 lat. „Denn du lernst nicht für deinen Lehrer, du lernst für dich selbst!

20 russ. Oberst

21 Packet

22 Milchwirtschaft, Brüste

23 Rasch, rasch

24 Tattergreis

25 Näher am siebzigsten als am sechszigstem Geburtstag

26 Läuten

27 War es eilig

28 Knochen

29 Umgebung, einige Wohnblocks

30 prügeln

31 Gefängnis

32 Zugsbegleiter

33 Schwedenbrücke

34 Schwedenplatz

35 ehrenwerte

36 Jüdisch sprechen

37 Familie, Verwandschaft

38 Tarock, ein in Wien beliebtes Kartenspiel

39 Polizist

40 Diener

41 Durcheinander

42 Polizei

43 Taschendieben

44 Knochen, hier für Prostituierte

45 Zuhälter

46 Spaßlaibchen, Brüste

47 hinunter

48 koitiert

49 Männchen machen

50 Arbeitslos

51 Alter Truppenübungsplatz

52 arbeitsscheuer Mensch

53 Irrenarzt, Psychologe

54 gehorsamster

55 Eine Art Untermieter, der kein Zimmer, sondern nur ein Bett mietete

56 Junges Mädchen

57 Tier mit Beinen

58 Saubande

59 Ich möchte ein Stück Käse kaufen

60 Nein, Käse

61 Kaufen

62 Dusche

63 Seife

64 Das ist heiß

65 Das ist kalt, sehr kalt

66 Handtuch

67 Greif fester zu

68 Küss mich jetzt

69 Australien

70 Kleiner Bursche

71 Achtkantig, mit großem Schwung

72 Bei der geschlossenen Tür

73 abwertend dumme Frau

74 Hinterteil

75 Horoskopverkäufer

76 Körperchen

77 Schlechte Person

78 Bild

79 Kleinkrimineller

80 Paramilitärisches Einsatzkommando der Polizei, aus der Kaserne in Mistelbach

81 Rasch, rasch,

82 wagemutige Unternehmung

83 Einer, der viel und seichtes Zeug redet

84 Abwertend für Italiener

85 Wienerisch ‚heimdrehen’, töten

86 Veraltet für Prozent

87 Jiddisch Ratschläge

88 Jiddisch unsrige

89 Jiddisch taufen

90 Jiddisch Vater