21. Etwas später

Achtung!“, rief Þorr.

Fred war wie in Trance gefahren und begriff erst mit Verzögerung, dass er soeben einen Zaun durchbrochen hatte. Er war auf der Landstraße. Er brachte den Wagen zum Stehen und versuchte sich zu orientieren. Nach rechts vermutlich, er konnte Þórsmörk Resort noch nicht passiert haben. Er setzte etwas zurück, um den Wagen in die Spur zu bringen, dann fuhr er los. Hatte es Wegweiser gegeben? Bei der ersten Tour gestern hatte er nicht darauf geachtet. Was, wenn er an der Ausfahrt zu dem Feldweg einfach vorbeifuhr?

Ein Schatten huschte durch sein Gesichtsfeld, er erschrak. Ein Vogel. Du blöde Krähe wirst mir noch in die Scheibe knallen. Aber der Vogel schwenkte auf die Straße ein und flog nun vor dem Bus her. Kannst du nicht aufs Feld abbiegen, da ist doch Platz genug. Es wurde allmählich beunruhigend, mit welcher Ausdauer dieses Vieh genau vor ihm blieb. Er wurde langsamer, der Vogel auch. Er beschleunigte, der Vogel auch.

Huginn“, sagte Þorr und zeigte auf den Vogel, ohne dass Fred verstand, was er meinte.

Þórsmörk Resort 5 km’. Er war richtig. Die Seitenstraße. Schließlich die Ausfahrt zum Parkplatz. Die Krähe bog mit ihm ab und setzte sich schließlich auf einen Pfosten, als er den Bus zum Stehen brachte. Es war, als ob sie ihn eskortiert hätte. Und nun? Er hatte keine Ahnung, wo dieses verdammte Raumschiff war.

Er öffnete die Türen des Wagens und bemühte sich, die Niðstang wenigstens auszuladen. Halb bekam er sie heraus, dann ging es nicht weiter. Vorhin hatte er es allein geschafft, aber das war eine Ausnahmesituation gewesen. Jetzt fühlte er sich im Gegenteil völlig erschöpft. Þorr schob ihn beiseite und packte zu.

Gefðu mér þetta!“ (Gib her!)

Fred fuhr herum. Da stand der einäugige Schäfer von gestern. Nein, korrigierte er sich in Gedanken, das war Widen. Wotan. Jener nahm ohne große Mühe Þorr die Stange ab und begann sie wegzutragen. Zum Blótplatz? Nein, in Richtung der Felswand. Verwundert folgte Fred den beiden zu einem Gebüsch. Der Fels dahinter flimmerte plötzlich und gab dann einen bis dahin getarnten Durchlaß frei.

Niemand hatte Fred aufgefordert, ihnen zu folgen, aber niemand hinderte ihn auch daran. So zwängte er sich durch das Gebüsch und betrat den Pfad. Vor ihm schleppten die beiden Aliens jetzt die Stange zu zweit, einer vorn, einer hinten, weil sie so offenbar am einfachsten durch die enge Spalte kamen.

Sie passierten eine stählerne Kammer. Als vor ihnen eine Art Schott auffuhr, begriff Frederik, dass sie soben das Raumschiff betreten hatten.

Die Begeisterung, das ominöse Raumschiff endlich selbst zu sehen, hielt sich in Grenzen. Er musste an Dörte denken. Er malte sich aus, wie es war, vom Moor verschlungen zu werden, die Rettung so dicht vor Augen und doch unerreichbar. Wie der schwarze Schlamm ihr in den Mund drang, in die Atemwege, und sie erstickte.

Við verðum að þrífa þau vel“ (Wir müssen sie gründlich reinigen), sagte Widen.

Má ég þrífa mig fyrst?“ (Darf ich vorher erst einmal mich reinigen?) In der Tat sah er ja nicht nur so aus wie aus dem Schlamm gezogen. Im Horrorfilm hätte er ein überzeugendes Monster abgegeben. Fred allerdings auch.

Þorr blickte auf Fred, als sei ihm jetzt erst aufgefallen, dass er auch hier war. „Schmutzig. Mitkommen.“

Er führte ihn einen Gang entlang. Futuristische Technik war wenig zu sehen. Die Lichtfarbe der Leuchtkörper war ungewohnt, sie spielte ins Violette. Fred vermutete, dass Þorr ihn zu einer Art Duschkabine bringen würde, und dass er sich würde ausziehen müssen. Womöglich würde er jetzt sehen, wie dieser Alien nackt aussah. Aber dann war es eine Zelle ohne jegliche Armaturen. Þorr betätigte eine in die Wand eingelassene Schaltfläche. Es passierte nichts. Oder doch. Ein leichtes Kribbeln war zu spüren, eine Art Elektrisierung, und dann fiel von ihnen beiden der Schmutz ab, als ob der Körper ihn abstieß. Nach weniger als einer Minute waren sie sauber. Ultraschall? Elektrostatik? Vermutlich ganz etwas anderes. Fred hatte keine Idee, wie es funktionierte.

Als sie zu Widen zurückkehrten, hatte dieser die Stange auf eine Art Bock gelegt und bemühte sich offenbar, sie zu reinigen. Von dem Schlamm. Von der im Laufe von tausend Jahren angesetzten Patina. Die Schleif- und Poliermaschine, die er einsetzte, hätte aus einem irdischen Baumarkt stammen können. Form folgt Zweck, dachte er, dadurch dachte er an Ewa – und verfluchte sie. Ihr verdankten sie vermutlich das Eingreifen der amerikanischen Hubschrauber. Und damit den Tod Dörtes. Er hätte diese Natter umbringen können. Liebet eure Feinde, Fred. Segnet die, die euch fluchen. – Na schön, dann segne ich sie. Aber ich hasse sie trotzdem.

Þorr nahm sich ein feineres Werkzeug und begann damit die Thors-Runen zu bearbeiten, die in den Schaft eingekerbt waren. Sie erwiesen sich als aufschiebbare Abdeckungen, hinter denen verschieden große Ringe sichtbar wurden, Anschlüsse oder was auch immer. Er reinigte sie und pustete abschließend imaginären Staub weg. Im Gegensatz zu vorher glänzte die ganze Stange jetzt metallisch. Hätte er noch Zweifel gehabt, dass es sich um ein technisches Gerät handelte, so wäre er spätestens jetzt überzeugt.

Nú gætum við reynt að koma þeim fyrir“ (Jetzt könnten wir sie versuchen einzubauen), sagte Þorr.

Er und Widen griffen sich das Ding und trugen es zu einem Schacht. Der Kommandant öffnete die Luke, Þorr kletterte hinein. Dann reichte ihm Widen die Stange nach. Was genau damit passierte, konnte Fred nicht erkennen. Nach einer Weile kam Þorr wieder zum Vorschein.

Það passar“ (Passt), sagte er.

Die beiden Aliens erklommen eine Leiter, die durch ein Luk nach oben führte. Fred fühlte sich ziemlich überflüssig, aber seine Neugierde siegte, und er folgte ihnen. So wie der Raum aussah, war es vermutlich die Kommandobrücke des Schiffs. Hier gab es eine Reihe von Bildschirmen und Kontrollelementen, trotzdem sahen sie nicht aus wie in einem Science Fiction-Film, eher klobig und unelegant. Die Bildschirme waren auch keine Hologramme, sondern solide Flächen. Und es leuchteten Symbole auf ihnen, die wie Runen aussahen. Von der nachfolgenden Unterhaltung verstand Fred natürlich wieder kein Wort.

Ég er að ræsa kjarnaofninn. Það fyrsta sem við þurfum að gera er að endurhlaða orkugeymslukerfið.“ (Ich fahre den Reaktor hoch. Als erstes müssen wir die Energiespeicher wieder laden.)

Ein Diagramm erschien auf einem der Bildschirme. Bewegung und Farbwechsel ließen selbst den mit dieser Technik nicht vertrauten Frederik ahnen, dass hier die Energieflüsse angezeigt wurden. Weitere Bildschirme schalteten sich ein.

Það virkar!“ (Es funktioniert!), rief Widen, gefolgt von einem Ausruf, der wohl ein Begeisterungsschrei sein konnte. „Við erum fær um að stjórna aftur! Sleppum manninum og undirbúum flugið heim.“ (Wir sind wieder manövrierfähig! Laß uns diesen Menschen da absetzen und den Heimflug vorbereiten.)

Ekki svona hratt!“ (Nicht so schnell), widersprach Þorr. „Í fyrsta lagi, hefurðu hugsað um að við munum vera tvö þúsund og fimm hundruð árum of seint? Í öðru lagi: Ég vil Ewu. Og í þriðja lagi…“, er deutete auf Fred, „…við skuldum honum eitthvað.“ (Erstens: Hast du überlegt, dass wir zweitausendfünfhundert Jahre zu spät nach Haus kommen werden? Zweitens: Ich will Ewa. Und drittens … wir sind ihm etwas schuldig.)

Tímavélin gæti tekið okkur aftur í tímann. Við eigum enn síðasta sneið af tíma á lager. Við ættum að nota það til þess.“ (Der Zeitdeformator könnte uns in unsere Zeit zurückbringen. Wir haben noch einen letzten Zeitsplitter in der Matrix liegen. Den sollten wir dafür nutzen.)

Það er allt málið. Mig langar að nota tímamismuninn í eitthvað annað.“ (Genau das ist der Punkt. Ich möchte den Zeitsplitter für etwas anderes benutzen.)

Eitthvað annað?“ (Etwas anderes?)

Ég vil bjarga Ðörþ fyrir hann.“ (Ich will Dörte für ihn retten.)

Ein heftiger Disput in einer völlig unbekannten Sprache schloss sich an, bei dem beide die Stimme erhoben. Widen endete mit etwas, das wohl ein deftiger Fluch sein musste.

Verdammter Sturkopf! Dann mach es eben!“

Kann ich mal erfahren, was ihr da verhandelt?“, mischte sich Fred ein, der nur den Namen Ðörþ verstanden hatte.

Þorr seufzte. „Schwierig. Werde versuchen Ðörþ holen.“

Aber Dörte ist tot. Du kannst sie nicht auferstehen lassen. Das traue ich nicht einmal deiner Technik zu. Du kannst bestenfalls ihre Leiche bergen.“

Nicht aufstehen. Gar nicht erst sterben. Technische Möglichkeit von Zeitsprung.“

Ihr habt eine Zeitmaschine?“

Ja. Kann noch ein Manöver. Und darf nicht Widerspruch entstehen.“

Du meinst, kein Zeitparadox.“

Ja.“

Wie willst du das machen?“

Sehen.“

Er ging zu einer der Schaltanlagen, deren Anzeigen bisher tot gewesen waren, fuhr sie hoch, wenn man es so nennen konnte, und nahm eine Reihe von Einstellungen vor.

Mitkommen.“

Þorr führte Fred zu einem Schacht, den er bisher nicht gesehen hatte, es ging über eine Sprossenleiter aufwärts in eine größere Halle, in der offenbar ein Fahrzeug geparkt war, wohl ein Beiboot des Schiffes. Auch dieses Gerät wirkte nicht sehr ästhetisch – kein Vergleich zu dem, was man sich vielleicht unter einer Fliegenden Untertasse vorstellen mochte. Es ähnelte einem flachen, parabelförmigen Brückenbogen und wies oben eine Glaskuppel auf. Das Fahrzeug ruhte vorn und hinten auf je vier Stützen und war über mehrere Kabel oder Schläuche mit Anschlüssen in der Hallenwand verbunden. Fred vermutete, dass es hiermit aufgetankt, aufgeladen oder dergleichen wurde.

Þorr öffnete eine Luke unter der Kuppel und zog eine profane Leiter heraus. „Einsteigen!“

Fred wollte sich weiterhin keine Illusionen machen, dass Þorr Dörte retten konnte. Aber insgeheim war da doch eine bange Hoffnung. Þorr hatte gesagt, er verfüge über eine Zeitmaschine. Er wollte gar nicht über die Konsequenzen nachdenken. Was konnte man mit einer Zeitmaschine anrichten? Vermutlich konnte man die Kausalität damit bis hin zum Weltuntergang verbiegen. Niemals durfte so ein Ding in irdische Hände fallen.

Unter der Glaskuppel gab es eine Kabine mit zwei Sitzplätzen. Okay, vermutlich war es kein Glas. Þorr setzte sich in den einen und schnallte sich mit einem Gurt im Sitz an. Er bedeutete Fred, sich in den anderen zu setzen. Fred hatte schon mit dem Sicherheitsgurt in fremden Autos manchmal Probleme, diese Mechanik überforderte ihn. Þorr gab ein Seufzen von sich, schnallte sich wieder los und kam herüber, um ihm zu helfen.

Der Gurt saß etwas lose, er war offenbar für Hünen wie Þorr eingestellt. Und vermutlich konnte man ihn verstellen, aber Fred wollte sich nicht gleich wieder lächerlich machen, also sagte er nichts. Þorr nahm wieder auf dem Pilotensessel Platz. Eine Reihe von Lichtern leuchtete in beruhigendem Blau. Da Fred die Bedeutung der Farben nicht kannte, konnte das ebenso gut ‚okay’ wie ‚gestört’ bedeuten. Auf einem Bildschirm erschien jetzt das Gesicht Widens. „Við erum tilbúin að fara“ (Wir sind startklar), sagte Þorr. Für Fred fügte er hinzu: „Bereit!“

Also bedeutete blau ‚okay’. Schön, nun wusste er das auch.

Über ihnen wurde es hell, ein Schleusentor hatte sich geöffnet. Þorr griff in ein Steuerelement, das entfernt dem Steuerhorn eines Flugzeugs ähnelte, aber wesentlich mehr Schaltflächen besaß.

Es gab einen Ruck, und dann stellte sich in Freds Magen das Fahrstuhl-Gefühl ein, das eindeutig besagte, dass es nach oben ging. In SF-Romanen gab es immer Absorber, die den Andruck kompensierten. Hier offenbar nicht.

Nach unten konnte Fred nicht blicken, er sah durch die Glaskuppel nur nach vorn und nach oben. Dennoch erkannte er die Landschaft. Den Gletscher, an dem der Blótplatz lag. Den Parkplatz mit dem VW-Bus.

Sendu okkur nú aftur á áfangastað“ (Schick uns jetzt zurück in die Zielzeit), sagte Þorr zu dem Bild Widens auf dem Monitor.

22. Gestern

Im nächsten Moment verschwand Widen vom Bildschirm, und als Fred abermals auf den Parkplatz blickte, war auch der VW-Bus verschwunden. „Was…?“

Tag vorher“, erklärte Þorr. „Abend.“

Offenbar hatte die Zeitmaschine sie an den Vorabend versetzt. Fred war allerdings immer noch nicht klar, wie sie auf diese Weise Dörte retten sollten – vor allem, ohne ein Zeitparadox auszulösen. Sie konnten sie nicht auf dem Weg zu ihrem Tod abfangen, denn dann hätten sie das Faktum ihres Todes ungeschehen gemacht und eine andere Zeitlinie geschaffen. In SF-Romanen ging so etwas normalerweise schief.

Þorr steuerte das verhängnisvolle Moor an. Allerdings war es jetzt nicht von Eis bedeckt, vermutlich war es erst im Verlaufe der Nacht gefroren. Fred hielt die Luft an, als er erkannte, dass Þorr das Beiboot zu landen versuchte. Es würde im Moor versinken wie die Hubschrauber. Das Fahrzeug setzte auf. Und sank ein. Þorr machte keine Anstalten, das zu verhindern.

Wir sinken ein!“

Richtig. Es ist Plan.“

Die schwarze Masse stieg vor der Sichtkuppel hoch, bis sie sich schließlich über ihnen schloss.

Und jetzt?“

Warten“, sagte Þorr.

Fred begann endlich zu ahnen, was der Alien vorhatte. Sie würden hier warten, bis über ihnen das Eis gefror. Bis der Morgen kam. Bis der VW-Bus hier von den Hubschraubern gestellt wurde. Sie würden zur Stelle sein, wenn Dörte starb. Unsichtbar, unter dem Eis.

Hast du hier eine Toilette?“

Ein was?“

Ich muss pinkeln, Mann.“

Þorr seufzte und deutete an die Rückwand der Kanzel. Dort öffnete sich eine ringförmige Struktur, die eine Klobrille hätte sein können, wenn es darunter eine Kloschüssel gegeben hätte. Aber da war nichts. Keine Schüssel. Einfach nur der Ring.

Feld alles löst auf. Nicht gehen zu dicht“, grinste Þorr.

Na bravo. Ein Desintegratorfeld offenbar. Und wenn er zu nahe heranging, würde es womöglich…

Þorr amüsierte sich bei Freds Versuch, den Gurt zu lösen, half ihm aber nicht; er war wohl der Ansicht, dass sein Gast es jetzt gelernt haben müsste, wie das System funktionierte. In der Tat, nach einer Weile schaffte er es. Er ging zu dem Ring, bedachte ihn mit einem misstrauischen Blick, öffnete dann aber doch seinen Hosenschlitz und erleichterte sich. Dann zog er den Reißverschluss wieder zu und kehrte an seinen Sitz zurück. Der Ring mit dem Desintegratorfeld verschwand in der Wand.

Du können Feld Sichtschutz einschalten. Platte über Ring.“

Das sagst du mir jetzt, du Witzbold?“

Þorr zuckte in einer geradezu menschlichen Geste mit den Schultern. „Wir unter uns, ja?“

Es wurde eine lange Nacht, und die Unterhaltung gab nicht viel her, weil Þorrs unbeholfene Ausdrucksweise recht anstrengend war. Es klang, als sei es vom Isländischen ins Japanische und von dort ins Deutsche übersetzt worden. So wie manche Bedienungsanleitungen. Und wer weiß, vielleicht hatte er es mittels eines Übersetzungscomputers gelernt, der genau das tat. Aber man konnte ja froh sein, dass er überhaupt ein paar Brocken Deutsch herausbrachte.

Draußen musste es eisig sein, aber das Boot verfügte offenbar wenigstens über eine Heizung. Irgendwann schlief Fred ein.

Fred! Vakna!“ (Fred! Aufwachen!)

Er schreckte hoch und brauchte einige Augenblicke zur Orientierung. Neben ihm saß Þorr. Der Alien. Und er befand sich in einem außerirdischen Raumschiff, oder zumindest in dessen Beiboot. „Wie spät ist es?“

Früh genug.“

Þorr schaltete einen Bildschirm ein. Dort war das Moor aus der Vogelperspektive zu sehen, die Sonne war bereits aufgegangen. Þorr rührte an seinem Steuerknüppel, und das Bild auf dem Monitor verschob sich. Waren sie etwa gestartet? Aber es war nichts davon zu spüren, dass das Boot sich bewegte. „Fliegen wir?“

Þorr wies auf den Bildschirm. „Huginn. Vogel. Gesteuert.“

Þorr steuerte eine Drohne, begriff Fred. Die verfluchte Krähe von gestern. Nein von morgen. Nein verdammt, von heute. Die Drohne schwebte über dem Moor und übermittelte das aktuelle Bild. Und jetzt erschien der VW-Bus, verfolgt von den amerikanischen Hubschraubern. Vor Freds Augen spielte sich noch einmal die Szene ab, wie die Hubschrauber sie einkreisten, wie Þorr mit Dörte ausstieg, wie der Amerikaner ihnen entgegenkam, mit Þorr stritt, seine Waffe auf die Eisfläche abfeuerte. Das Eis brach. Þorr und der Amerikaner prügelten sich. Dörte fiel hin und brach ins Eis ein. Und begann im Moor zu versinken. Fred sah sich selbst, wie er ihr zu helfen versuchte, wie Þorr sich aus dem Moor befreite, wie sie gemeinsam die Niðstang zu Dörte schoben. Man hätte glauben können, eine Filmaufzeichnung von gestern zu sehen. Aber es war keine Aufzeichnung. Es war das Original. Das passierte hier und jetzt.

Jetzt? Und was musste jetzt passieren, um Dörte zu retten? Ihre Hände rutschten kraftlos von der Stange ab. Sie versank. Sie starb.

Vom Schrecken des Bildes gefesselt, war Fred entgangen, dass Þorr eine weitere Konsole aktiviert hatte und dort ein Fadenkreuz auf eine verwaschene und schwarzweiße Dörte ausrichtete. Es sah aus wie ein Ultraschallbild, wie er es von ärztlichen Untersuchungen kannte, und vielleicht war es das auch.

!“, rief der Alien. Mehrere Lichter an seinen Kontrollen wechselten von Grün auf Blau. Über Fred öffnete sich plötzlich die Glaskuppel. Er erschrak, aber kein Schlamm stürzte herein. Das einzige, das hereinstürzte, war eine sehr schlammige Dörte. Sie klatschte ihm praktisch auf den Schoß.

Rasch griff Fred zu, wischte ihr mit bloßen Händen den Schlamm vom Gesicht und legte Mund und Nase frei. Sie schrie und merkte wohl in dem Moment, dass sie atmen konnte. Gierig füllte sie ihre Lunge. Es war offenbar noch nichts in ihre Atemwege eingedrungen.

Dann stand Þorr neben ihnen und bearbeitete Dörtes Kopf mit einem Gerät, das wie ein Heißluftgebläse aussah, aber keins war. Fred erinnerte sich an die Ultraschalldusche von gestern. Von morgen. Von … Ach, zum Teufel. Der Dreck fiel von Dörte ab, das Gesicht wurde frei. Sie schlug die Augen auf. „Fred…?“

Dörte!“ Er verspürte den Impuls, sie zu küssen, brachte es aber nicht fertig. Hände weg von dieser Heidin, mahnte etwas schmerzhaft in ihm, fang keine Beziehung mit ihr an. – Ach, Fred, das hast du doch längst.

Dörte richtete sich auf. „Ich war dabei zu ertrinken“, stieß sie hervor. „Warum lebe ich noch?“

Das musst du ihn fragen.“ Fred deutete auf Þorr, und sie sah den Alien fragend an. Die nachfolgende Unterhaltung zwischen Dörte und Þorr blieb für Fred unverständlich.

Með stökki í tíma komumst við aftur að þeim stað á rúm-tíma samfellunni þar sem þú fórst niður. Þar fangaði ég þig með orkusviði og dró þig um borð áður en eitthvað kom fyrir þig.“ (Wir sind mit einem Zeitsprung zurück an die Stelle des Raum-Zeit-Kontinuums gelangt, an der du untergingst. Dort habe ich dich mit einem Energiefeld eingefangen und an Bord gezogen, ehe dir etwas passieren konnte.)

Das ist … unglaublich. Bist du doch ein Gott?“

Í mínu heimalandi erum við tæknilega séð aðeins lengra en þú. Og ég gerði það ekki bara fyrir þig, ég gerði það fyrir Fred.“ (Wir sind in meiner Heimat technisch etwas weiter als ihr. Und ich hab’s nicht nur für dich getan, sondern auch für Fred.)

Für Fred?“

Þið eruð ætluð hvort öðru. Við erum núna tvö þúsund og fimm hundruð árum of sein til þess.“ (Ihr seid doch füreinander bestimmt. Dafür kommen wir jetzt zweitausendfünfhundert Jahre zu spät nach Hause.)

Warum das?“

Það var síðasta stökkið í tíma sem tímavélin okkar gat enn tekið. (Das war der letzte Zeitsprung, den unser Zeitdeformator noch ausführen konnte.)

Oh. Dann … stehen wir tief in deiner Schuld. Und was … werdet ihr nun machen?“, stammelte Dörte.

Ef ég hefði sagt þér það fyrirfram: hefðirðu hindrað mig í að bjarga þér?“ (Wenn ich es dir vorher gesagt hätte: Hättest du mich gehindert, dich zu retten?)

Ich bin froh, dass du mich nicht vor die Entscheidung gestellt hast. Aber was wird aus euch? Hättest du nicht deine Mannschaft fragen müssen, ob sie damit einverstanden ist?“

Þorr fiel ein, dass die letzte basisdemokratische Abstimmung innerhalb der Mannschaft sie nur um die Manövrierfähigkeit ihres Beibootes gebracht hatte.

Ef heimurinn okkar er enn til verður tímavélin okkar endurhlaðin þar. En þegar við höfum séð heim framtíðar okkar, viljum við það kannski ekki lengur. Það verður að sýna.“ (Wenn unsere Welt noch existiert, wird man dort unseren Zeitdeformator neu laden können. Aber wenn wir die Welt unserer Zukunft gesehen haben, werden wir das womöglich gar nicht mehr wollen. Das muss sich zeigen.)

Was sagt er?“, erkundigte sich Fred.

Dörte bemühte sich, es Fred zu erklären. „Ich habe das nicht alles genau verstanden, aber er sagt, seine Zeitmaschine ist erschöpft und kann ihn nicht mehr in seine Zeit bringen. Er wird zweitausendfünfhundert Jahre zu spät nach Hause kommen. Aber er sieht darin auch eine Chance.“

Sie wandte sich an Þorr. „Da du kein Gott bist – darf ich dich küssen?“ Sie wartete keine Antwort ab, sondern tat es. „Danke, danke, danke!“

Sie küsst ihn, dachte Fred. Muss ich jetzt eifersüchtig werden?

Þorr wischte sich mit einer verlegenen Geste etwas Schlamm aus dem Gesicht, der aus ihren Haaren stammte.

Wie geht es weiter?“, fragte Fred.

Warten.“

Fred nickte. Als Astrophysiker war er ja mit den Gesetzen der Raumzeit einigermaßen vertraut, und er hatte darüber hinaus eine Nacht lang Zeit gehabt, über das Problem des Zeitparadoxons nachzudenken. Þorr und er existierten momentan zweimal. Einmal hier im Beiboot, und einmal da oben auf dem Weg zum Blótplatz und zum Raumschiff. Dazu kamen die amerikanischen Soldaten, die Dörte hatten untergehen sehen. Sie mussten hier unter der Oberfläche bleiben, bis sie sich wieder in den regulären Zeitablauf einfädeln konnten. Dazu mussten sie warten. Bis die Amerikaner abgeholt worden waren. Und bis das Beiboot aus dem Mutterschiff gestartet und in die Vergangenheit gesprungen war. Danach erst konnten sie zum Raumschiff zurückkehren, ohne sich selbst zu begegnen. Und das durften sie auf keinen Fall, denn sie erinnerten sich nicht an eine solche Begegnung.

23. Heute oder morgen, je nachdem

Der Monitor, der das von der Drohne übermittelte Bild darstellte, zeigte den VW-Bus auf dem Weg nach Þórsmörk Resort – aus der Sicht der Krähe, die ihn begleitete. Und die übrigens in Wirklichkeit einem Raben nachgebildet war, aber Freds Kenntnisse der Ornithologie waren höchst dürftig; gerade einmal, dass er eine Krähe von einer Gans unterscheiden konnte.

Sie sahen, wie der Bus hielt, wie die Niðstang ausgeladen wurde, wie Widen sie wegtrug. Dann hob die Drohne offenbar wieder ab und kehrte zum Moor zurück.

Die schwarze Masse war aufgewühlt, einzelne Eisschollen trieben darauf. Da waren die drei versunkenen Hubschrauber. Da er nichts anderes tun konnte, zählte Fred die Soldaten, die sich auf die Dächer der Kabinen gerettet hatten. Sieben. Etliche mussten also ertrunken sein. Soviel zum Thema, keine Menschenleben zu gefährden. Hatte er diese Schuld nun auf sich geladen? Oder war er nicht dafür verantwortlich? Sie waren von sich aus auf dem unsicheren Grund gelandet. Beziehungsweise in Befolgung der Befehle, die sie erhalten hatten. Wie viele gute Leute sind für eine schlechte Sache gestorben? Und das Schlimme war, dass sie immer daran geglaubt hatten, dass es eine gute Sache war.

Die Zeit verging. „Ich würde mich schon gerne waschen“, bekannte Dörte.

Reyna það. Ég hef ekkert annað hérna.“ (Versuch’s damit. Etwas anderes habe ich hier nicht.) Þorr gab ihr das Ding, mit dem er vorhin ihr Gesicht gesäubert hatte. „Kveiktu hér.“ (Hier einschalten.)

Es wurde ein mühseliges Geschäft, aber Dörte arbeitete sich methodisch an ihrem Körper entlang, und der Boden der Kabine füllte sich mit schwarzem Staub.

Eines der Instrumente vor Þorr musste wohl eine Uhr sein. Er zeigte darauf. „Nú erum við rétt að byrja.“ (Jetzt starten wir gerade erst.)

Kommt es nicht zu einem Problem, wenn das Beiboot hier landet, obwohl wir noch hier sind?“, fragte die Isländerin. Inzwischen war sogar wieder zu erkennen, dass sie rote Haare hatte.

Það endaði hér, en ekki í dag. Það lenti í gær. Þess vegna erum við hér. (Es landet hier, aber nicht heute. Es ist gestern gelandet. Genau dadurch sind wir hier.)

Oh verdammt, ist das kompliziert.“

Die Kamera der Drohne erfasste einen Transporthubschrauber, der sich näherte, am Rumpf war die isländische Flagge zu erkennen, darunter der Schriftzug ‚Coast Guard’. Er schwebte über der – hm – Unglücksstelle ein, dann seilte sich ein Mann mit einer Winde ab und klinkte den ersten der auf den Dächern ausharrenden Amerikaner in das Transportgeschirr ein. Zu zweit wurden sie nach oben gewinscht. Die Bergung hatte begonnen.

*

Gefühlt eine Stunde später verschwand der Helikopter wieder.

Das ist richtiger Zeit“, stellte Þorr fest und fuhr die Maschinen des Beibootes hoch. Was den amerikanischen Hubschraubern nicht gelungen war, schaffte die Alien-Technik mühelos: Das Boot löste sich aus dem Schlick und stieg auf. Allerdings klebte noch eine Menge Schlamm an der Außenhaut und behinderte die Sicht. Fred fragte sich, ob es auch eine Reinigungskabine für Beiboote gab. Im nächsten Augenblick zerstob die schwarze Masse nach allen Richtungen. Dieses Fahrzeug verfügte über einen Selbstreinigungsmechanismus.

So etwas hätte ich gern an meinem Auto“, murmelte Fred.

Nicht verkaufbar“, grinste Þorr.

Sie erreichten unangefochten das Mutterschiff und schleusten ein. Als wäre nichts gewesen, senkte sich das Boot auf den Hallenboden. Genial, dachte Fred. Sie waren hier gestartet, hatten einen Tag rückwärts mit der Zeitmaschine und einen Tag vorwärts mittels des normalen Zeitablaufs überbrückt und dabei Dörte mitgenommen. Keine Störung im Zeitablauf, kein Paradoxon.

Widen empfing sie und schloss wie selbstverständlich das Boot über die Kabel an die Ladeeinrichtungen an.

Ertu nú sáttur?“ (Bist du nun zufrieden?), wandte er sich an Þorr und klang dabei durchaus unzufrieden. „Getum við undirbúið okkur fyrir flug núna?“ (Können wir jetzt den Start vorbereiten?)

Næstum. Ég vil Ewu.“ (Fast. Ich will Ewa.)

Widen senkte in einer Art Resignation das Haupt. „Að því leyti hef ég fréttir handa þér. Koma með.“ (Was das betrifft, habe ich Neuigkeiten für dich. Komm mit.) Er führte sie allesamt auf die Kommandobrücke, wo er einen Monitor anschaltete. Wie es schien, konnte er das hiesige Fernsehprogramm empfangen. Was bei der fortgeschrittenen Technik der Aliens keine Überraschung sein konnte. Es lief eine Nachrichtensendung. „Upptaka frá því í morgun.“ (Aufzeichnung von heute früh.)

Es war ein Zusammenschnitt verschiedener Szenen, man sah Polizeiabsperrungen, man sah das zerstörte Portal des Museums. Und man sah Ewa, wie sie in Handschellen von mehreren Uniformierten abgeführt wurde. Das Bild schwankte, der Reporter war offenbar im Gedränge der Schaulustigen angerempelt worden. Von der Erläuterung verstand Fred natürlich nichts.

Was ist da passiert?“

Dörte gab ihm eine Zusammenfassung. „Unbekannte sind in das Nationalmuseum eingebrochen. Offenbar wurden sie durch den Alarm verscheucht. Sie hatten die Türfront auf bisher nicht nachvollziehbare Weise zerstört, möglicherweise aufgesprengt. Da hierbei auch die Überwachungskameras ausfielen, läßt sich das Geschehen nicht im Detail rekonstruieren. Ob etwas aus der Sammlung fehlt, steht noch nicht fest. Eine verdächtige Person, die sich zu diesem Zeitpunkt vor dem Museum herumtrieb, wurde festgenommen.“

*

Fred und Dörte beobachteten, wie Þorr im Hangar die Leitungen überprüfte, die an das Beiboot angeschlossen waren. Dörte sah das Fluggerät jetzt zum erstenmal bewusst von außen.

stand auf dem hinteren Träger. Und Dörte verstand die Runenschrift zu lesen. „Sleipnir“, entzifferte sie. „Das ist Sleipnir? In der Mythologie ist Sleipnir Wotans achtbeiniges Pferd.“

Nun, es hat acht Beine“, stellte Fred fest und wies auf die Landestützen. „Und ich nehme an, dass Wotan, oder Widen, es als Fahrzeug benutzt hat.“

Ekki oft“, gestand Þorr zu. „Orkugeymslan dugði aðeins fyrir nokkur flug. En það hlýtur að hafa vakið nógu mikla hrifningu forfeðra þinna til að gefa því sess í goðafræði þeirra.“ (Nicht oft. Die Energiezellen reichten nur noch für wenige Flüge. Aber das muss deine Vorfahren wohl hinreichend beeindruckt haben, um ihm einen Platz in ihrer Mythologie einzuräumen.)

Unglaublich.“

Falsch“, stellte Fred fest. „Du hast es geglaubt.“

Du weißt genau, was ich meine“, gab sie unwirsch zurück.

Einige Anzeigen leuchteten noch grün. Inzwischen hatte Fred verstanden, dass grün ‚nicht bereit’ und blau ‚bereit’ bedeutete.

Der Modulator des Beibootes war bei dem misslungenen Versuch zerstört worden, den verlorenen Modulator der RANNSAKANDI 272 damit zu ersetzen. Das Beiboot verfügte daher über keine eigene Energieversorgung mehr; seine Energiezellen mussten vor jedem Einsatz extern aufgeladen werden.

Wie lange noch?“

Eine Uhrstunde in euer Zeit.“

Und was hast du dann vor?“

Ich will Ewa.“

Will sie auch dich?“, fragte Dörte.

Sie nicht feindselig gewesen.“

Das war ein Flirt. Das war ihr vermutlich nicht ernst.“

Was meinen ‚Flirt’?“

Daðra.“ (Flirt.)

Ah. In mein Kultur Flirt immer ernst.“

Ewa ist verhaftet worden. Sie dürfte im Untersuchungsgefängnis sitzen.“

An dieser Stelle versagte Þorrs deutscher Wortschatz. „Ég er sammála. Svo ég verð að sleppa henni. Og þú þekkir staðinn og getur sýnt mér hvar þetta fangelsi er.“ (Genau. Also muss ich sie herausholen. Und du kennst dich hier aus und kannst mir bestimmt zeigen, wo dieses Gefängnis ist.)

Er will sie befreien“, erklärte Dörte.

Fred fasste sich an den Kopf. „Also noch ein Einbruch?“

Ich schätze, diesmal wird es ein Ausbruch“, stellte Dörte fest.

Und wie stellst du dir das vor, Þorr?“

Meine Waffe habe wieder geladen. Ebenfalls mein Schild.“

Das klang so lapidar. So, wie andere Leute ihr Handy an die Ladung anschlossen. Aber Fred hatte die Waffe im Einsatz gesehen. Da mussten Energien fließen, die jeden Akku in einem Sekundenbruchteil ausgeglüht hätten. Allein das war eine Technologie, für die auf diesem Planeten Morde begangen worden wären. Von der Waffe an sich ganz zu schweigen, oder von einem Schutzschild, der Kugeln abwehren konnte.

*

Nein, Fred, ich fliege mit Þorr, und du wartest hier“, wies Dörte Fred zurück, der sich ihnen anschließen wollte. „Ich kenne mich hier besser aus. Und wenn alles so klappt, wie Þorr es sich gedacht hat, werden wir den dritten Platz für Ewa brauchen.“

Ich verstehe. Viel Glück. Ich drücke euch die Daumen.“

Daumen?“

Kennst du die Redensart nicht?“

Doch. Aber ich dachte, du glaubst an einen Gott. Müsstest du es dann nicht lieber mit Beten versuchen – oder mit einem Opfer? Ich kann das leider nicht mehr. Meine Götter sind gestorben.“

Fred schluckte trocken und fühlte sich ertappt. Bei was auch immer.

Ich noch lebe“, meinte Þorr, der gerade damit beschäftigt war, die Versorgungsleitungen von Sleipnir abzukoppeln.

Aber du bist nicht mehr mein Gott. Bist es nie gewesen. Ich hatte das nur gedacht.“ Es klang irgendwie bitter.

Das kannst du mich nicht verdenken.“

Nein. Entschuldige, das wollte ich auch nicht. Aber ich lebe, was das betrifft, im Moment in einem Vakuum. Tut mir leid, das belastet mich und macht mich ziemlich unleidlich.“

Es wäre jetzt an dir, Fred, dieses Vakuum zu füllen. – Aber ich bin kein Missionar. – Du musst sie ja nicht mehr von ihren Göttern abbringen. Das ist schon passiert. Du musst ihr nur einen neuen schenken. – Schenken? – Ja, Fred. Schenken.

Dörte, ich…“

Schon gut. Wir müssen los.“

Þorr war bereits in das Beiboot geklettert, reichte Dörte die Hand und half ihr ebenfalls hinein.

Versager, schalt sich Fred. Da hast du nun einen wunderbaren Glauben, aber du verbirgst ihn immer wieder. Hat es nicht geheißen, du sollst dein Licht leuchten lassen, statt es unter einen Scheffel zu stellen? Und nun hast du schon wieder deine Chance vertan.

Das Tor über dem Hangar öffnete sich, Sleipnir startete. Ohne dröhnende Raketentriebwerke. Einfach so, die Technologie dahinter verstand Frederik nicht. Sleipnir bedeutet soviel wie gleiten, erinnerte er sich an Dörtes Worte. Damals im Museum. Damals. Es war erst ein paar Tage her. In denen sich alles verändert hatte.

Koma með. Hægt er að fylgjast með þeim með Huginn“ (Komm mit. Du kannst sie mit Huginn verfolgen), sagte Widen.

Im Gegensatz zu Þorr sprach der Kommandant kein Wort deutsch, und Fred verstand nur ‚Huginn’. Und das war der Name der Krähe, die in Wirklichkeit eine Kameradrohne war. Der Vogel hockte momentan auf einem Sims im Hangar, und erst als Widen ein Kabel von ihm abkoppelte, begriff Fred, dass dieses Ding in der Zwischenzeit ebenfalls aufgeladen worden war.

Widen bedeutete ihm mit Gesten, er solle mitkommen und etwas sehen. Den Weg zur Kommandobrücke kannte er bereits. Widen aktivierte eine Konsole, an der stand:

(Fernauge) Auf einem Bildschirm wurde das Innere des Hangars sichtbar. Ein paar Handgriffe an einem Steuerknüppel später fiel der Hangar nach unten weg, und die Gletscher wurden erkennbar, zwischen denen sie sich befanden. Dann setzte sich die Drohne offenbar in Bewegung und glitt mit einer Geschwindigkeit, die ein normaler Rabe sicherlich nicht erreicht hätte, über die Landschaft hinweg. Sie überquerte das Moor. Fred erhaschte einen Blick auf ein Luftkissenfahrzeug, über dem ein Hubschrauber schwebte. Soldaten hatten Planken ausgelegt und turnten darauf herum, wobei sie mit Sonden im Schlamm stocherten, wie er es einmal im Fernsehen bei der Bergung von Lawinenopfern gesehen hatte. Er begriff, dass sie nach ihren im Moor versunkenen Kameraden suchten. Natürlich würden sie bestenfalls die Leichen bergen. Aber die Ethik gebot es zweifellos, wenigsten die den Angehörigen zuzuführen, um eine ordentliche Bestattung zu ermöglichen. Hätten die Idioten sich eher auf ihre Ethik besonnen, hätten sie die Männer gar nicht erst in diesen Einsatz geschickt, dachte er grimmig. Aber die zahllosen Denkmäler für gefallene Helden sprachen eine gegenteilige Sprache.

Auf der Höhe von Hvoltsvöllur holte die Drohne das Beiboot ein. Es flog sehr tief, vermutlich, um auf keinem Radarschirm aufzutauchen. Dafür war es vom Boden aus mit bloßem Auge leicht zu erkennen. Allerdings umging Þorr die Ortschaften, wohl um nicht von allzu vielen Leuten gesehen zu werden. Und bei dieser Geschwindigkeit würden sie es kaum identifizieren können und eher glauben, einen Geist gesehen zu haben – was allerdings mitten in Reykjavik, wenn sie ihr Ziel erreichten, sicherlich nicht mehr gelingen würde.

*

Wie der Alien dieses Problem zu lösen gedachte, sah Fred etwas später. Sleipnir änderte den Kurs und überflog die Küstenlinie südlich von Reykjavik. Dann beschrieb er einen weiten Bogen über die Bucht und näherte sich von der Wasserseite her der Küste südöstlich der Hauptstadt. Offenbar im Tiefflug, wenige Meter über der Meeresoberfläche. Damit würde Þorr vermutlich der Luftraumüberwachung entgehen. Im nächsten Augenblick wasserte das Beiboot – nein, unter gewaltigem Aufschäumen tauchte es ein und verschwand unter der Oberfläche. Richtig, das Ding hatte die Qualitäten eines Unterseebootes, wie sich gerade jüngst im Moor erwiesen hatte. Nachdem die Wellen sich gelegt hatten, konnte Huginn nichts mehr erfassen. Er steuerte die Küste an, denn die war zweifellos auch das Ziel Þorrs.

Fred wunderte sich darüber ein wenig, denn Þorr war einige zehn Kilometer von Reykjavik entfernt getaucht. Wollte er die restliche Strecke in Unterwasser-Schleichfahrt zurücklegen?

*

Dörte hatte Þorr erklärt, dass sich Litla Hraun, das Gefängnis, in Eyrarbukki befand, einem Vorort Reykjaviks. Die Küste dort war rau und von Untiefen gekennzeichnet, es gab keine Hafenanlagen, nur einzelne Bootsstege. Entsprechend lange dauerte es, sich mit dem Sonar einen Weg durch die Klippen zu suchen. Sie bewunderte die Präzision, mit der Þorr das Fahrzeug durch das Gewirr von unterseeischen Felsen steuerte.

Endlich zeichneten sich vor ihnen verschwommen die in den Meeresgrund getriebenen Pfähle eines Bootsanlegers ab. Eine Leiter führte nach oben, von Tang überwuchert.

Ich werde nun aussteigen. Du bleibst hier“, sagte Þorr zu Dörte. „Erstens darf dich niemand sehen, und zweitens brauche ich deine Hilfe, wenn ich zurückkomme.“

Auch das war ein Grund, warum er Dörte und nicht Fred hatte mitnehmen müssen. Mit Dörte konnte er sich problemlos in ihrer Muttersprache verständigen und musste nicht mühsam auf das Deutsche ausweichen, was bei diesem Unternehmen das Risiko eines folgenschweren Missverständnisses mit sich brachte.

Was muss ich tun?“

Er wies auf eine Konsole. „Die Schrift muss ich dir nicht erklären?“

Ich kann Runen lesen. Aber eure Sprache kenne ich nicht.“

Okay, ich zeige es dir. Hiermit öffnest und schließt du die Kuppel. Bevor du das tust, errichtest du ein Energiefeld, das eine Schleuse schafft und das Wasser fernhält. Das ist dieser Schalter. Blaues Licht heißt: Energiefeld steht. Probier es mal aus.“

Dörte folgte Þorrs Anweisungen zu seiner Zufriedenheit.

Du wirst nass werden.“

Nein. Du zielst mit dem Energiefeld auf die Leiter da. Dann komme ich trocken an Land. Etwas schwieriger wird es nur bei meiner Rückkehr.“

Nicht genauso, nur umgekehrt?“

Kaum. Ich vermute, dass ich auf der Flucht sein werde und außerdem Ewa dabei habe. Dann muss es schnell gehen; wir werden hier einfach ins Wasser springen. Du musst uns mit dem Sonar erfassen, dann mit einem Kraftfeld heranziehen und erst einschleusen, wenn wir direkt über der Kuppel sind.“

Klingt kompliziert.“

Du schaffst das. Pass auf…“ Þorr erläuterte ihr das Sonar, die Zielerfassung, das Traktorfeld. „Und dann schleust du uns ein, wie ich es schon erklärt hatte.“

Kann ich das sicherheitshalber mal ausprobieren?“

Womit?“

Sie wies auf den Bildschirm des Ultraschallorters. „Ist das da nicht ein Vogel, der auf dem Wasser schwimmt? Eine Möwe oder eine Ente oder so etwas? Ich könnte sie einfangen.“

Na, dann mach mal.“

Dörte versuchte sich an der Zielerfassung, bekam den Wasservogel ins Fadenkreuz. Dann aktivierte sie den Traktorstrahl.

Der Vogel spürte offenbar die Kraft, wehrte sich flügelschlagend, wurde aber gnadenlos unter Wasser gezogen.

Laß ihn nicht ertrinken“, mahnte Þorr.

Nein, nein. Jetzt das Energiefeld. Blau. Jetzt die Kuppel.“

Die Kuppel öffnete sich, eine verschreckte und protestierende Möwe wirbelte herein. Þorr fing sie mit einer Hand, klemmte sie sich unter den Arm, und hielt ihren Kopf fest, damit sie ihn nicht mit dem Schnabel hacken konnte.

Sehr schön. Ich nehme sie gleich wieder mit und lasse sie frei. Die Drohne ist uns gefolgt. Damit kannst du beobachten, was passiert: ich schalte eine Verbindung zu Huginn und programmiere ihn so, dass er mich verfolgt.“ Er drückte ein paar Schalter, und ein Luftbild der Stadt erschien. „Du weißt dann, wann wir kommen. Wo ist das Gefängnis?“

Dörte zeigte ihm auf dem Luftbild die Lage von Litla Hraun. Es sah zweifellos auch aus wie ein Gefängnis. Ein viereckiger Block von Gebäuden, Mauern mit Stacheldraht, ein Wachturm. Und praktischerweise nur vierhundert Meter vom Ufer entfernt. „Da musst du hin.“

Dann kannst du mich jetzt ausschleusen.“

Sei vorsichtig.“

Þorr grinste. „Ich müsste eigentlich dich mitnehmen und nicht Ewa. Du bist wirklich eine Frau, die mir gefällt. Aber du hast dich ja schon für Fred entschieden. – Halt deinen Schnabel!“ Letzteres galt der kreischenden Möwe, die jetzt auch noch einen Klecks auf den Boden der Kabine fallen ließ. „Du darfst ja gleich wieder Fische fangen.“

*

Da niemand mit ihm rechnete, bemerkte ihn auch niemand. Þorr spazierte unangefochten bis zur Justizvollzugsanstalt. Es gab ein doppeltes Gittertor und eine Pförtnerloge mit einer Panzerglasscheibe, darin ein Mikrophon und einen Lautsprecher. Eine profane Luke hatte sich in der Vergangenheit als ungeeignet erwiesen, weil man durch sie eine Gasgranate hineinwerfen konnte.

Þorr setzte ein gewinnendes Lächeln auf. „Guten Tag. Ich suche die Gefangene Ewa Gerzog. Sie befindet sich hier in Untersuchungshaft.“

Machen Sie, dass Sie weiterkommen. Nur ihr Anwalt darf zu ihr.“

Und wenn ich der Anwalt bin?“

Ausweis und Vollmacht, bitte.“

Dies ist meine Vollmacht.“ Þorr zog seinen Desintegrator und löste beide Tore auf. Dann schritt er hindurch, beseitigte auf die gleiche Weise die Tür zum Pförtnerhaus und packte den Mann beim Kragen. Als vor seinen Augen die Tore verschwanden, war jener so überrascht, dass er zu spät nach dem Alarmknopf griff. Als er die Stelle erreichte, war da nichts mehr, das man noch hätte drücken können.

Pass auf, mein Freund. Du sagst mir jetzt genau, in welcher Zelle Ewa Gerzog sitzt, und dafür verzichte ich darauf, dich auch aufzulösen.“

D…d…das k…k…kann ich nicht. D…d…du hast den C…C…Computer zerstört.“

Þorr glaubte ihm. Von der Einrichtung des Pförtnerhauses war wenig übrig. „Na schön. In welchem Trakt sitzen die Untersuchungsgefangenen?“

D…d…da d…d…drüben. Erster St…t…tock.“

Danke.“

Erst nachdem der gewalttätige Besucher in der Tür verschwunden war (die er dazu der Einfachheit halber ebenfalls desintegriert hatte), besann der Pförtner sich darauf, dass er einen Alarm notfalls auch ohne einen Knopf auslösen konnte. Er rannte über den Hof und brüllte: „Alarm! Eindringling!“

*

Þorr eilte derweil über den Korridor im ersten Stock, schlug einige Wachleute mit der Faust knockout und spähte in die Zellen, bis er Ewa fand. Ziemlich am Ende des Gangs. Er hielt sich nicht auf, desintegrierte auch diese Tür und trat ein! „Ewa. Mitkommen!“

Ewa starrte ihn entgeistert an. „Þorr! Du? Was soll das?“

Du willst bleiben hier?“

Angesichts der absurden Situation mochte Ewa der Gedanke gekommen sein, dass es vielleicht tatsächlich besser gewesen wäre, hier zu bleiben. Allerdings ließ ihr Befreier ihr weder Zeit zum Nachdenken noch eine Wahl. Er packte sie am Handgelenk, und sein Griff war wie ein Schraubstock. Dann stürzte er mit ihr hinaus auf den Gang.

*

Am anderen Ende erwartete ihn eine eilig zusammengezogene bewaffnete Streitmacht. „Stehen bleiben. Lassen Sie die Frau los!“

Er dachte nicht daran, sie loszulassen. Die Erfahrung mit den hiesigen Ordnungskräften hat ihn gelehrt, dass auf Geiseln Rücksicht genommen wurde. „Niemand stellt sich Þorr in den Weg! Macht Platz!“

Geben Sie auf! Sie haben keine Chance!“

Ihr habt keine Chance. Ihr habt das nur noch nicht begriffen!“ Er zielte mit dem Desintegrator auf den Fußboden. Dieser verschwand, als habe es ihn nie gegeben. Die Streitmacht stürzte unter entsetztem Geschrei ein Stockwerk tiefer. Damit hatte er zwar auch sich selbst den Weg abgeschnitten, aber er schoss sich durch die Wand, durch mehrere angrenzende Zellen, und in Höhe der Treppe wieder hinaus auf den Korridor. Zwei Häftlinge versuchten, die Gelegenheit zu ergreifen und sich ihm anzuschließen, aber er konnte keine Begleitung gebrauchen. Der Desintegrator, der ja eigentlich der Thorshammer war, eignete sich auch vorzüglich als Schlagwaffe. Die beiden sackten in sich zusammen und blieben zurück. Das ganze wurde untermalt vom unaufhörlichen Kreischen Ewas, bis er ihr einen Hieb versetzte, der sie endlich ebenfalls zum Verstummen brachte.

24. Währenddessen

Aus der Vogelperspektive Huginns konnte Fred den Einbruch und den Ausbruch beobachten. Neben ihm lachte Widen mehrmals auf, er schien sich zu amüsieren. Þorr richtete weiteren gewaltigen Flurschaden an, als er, Ewa nunmehr über die Schulter geworfen, den geraden Weg zum Ufer nahm. Luftlinie. Mauern und Zäune fielen dem Desintegrator zum Opfer. An der Landstraße, die er überqueren musste, erwartete ihn eine eilig errichtete Sperre der Polizei, Schützen mit automatischen Waffen hatten sich hinter ihren Fahrzeugen verschanzt.

Wohl um Ewa nicht zu gefährden, zielten sie auf seine Beine. Warnungen wurden gerufen, die nichts fruchteten. Þorr schritt gemächlich auf die Absperrung zu. Dann riß jemandem der Geduldsfaden, und das Feuer wurde eröffnet. Ohne jeden Effekt. Die Kugeln prallten an Þorrs Schutzschirm ab, ein Querschläger erwischte einen der Polizisten, der verletzt zu Boden ging. Und dann lösten sich die Polizeiwagen im Desintegratorstrahl auf und beraubten die Männer ihrer Deckung.

Sie könnten jetzt eigentlich begreifen, dass Þorr unbesiegbar ist, dachte Fred. In diesem Augenblick preschte ein amerikanischer Jeep heran; offenbar hatte man die auf Island stationierte US-Truppe zur Hilfe gerufen. Diese Leute waren mit Sturmgewehren bewaffnet, die, wie Fred zu seinem Schrecken erkannte, mit Laservisieren ausgestattet waren. Þorrs Schutzschirm konnte zwar Kugeln abwehren, aber er war lichtdurchlässig, sonst hätte er ja nichts sehen können. Ein solcher Laserstrahl war zwar vermutlich zu schwach, um jemanden zu verletzen, aber wenn man damit ins Auge traf, wurde das Opfer geblendet. Ahnte Þorr die Gefahr? Er brüllte etwas, das zwar vom Mikrophon der Drohne aufgefangen wurde, aber zumindest für Fred blieb es unverständlich. Widen neben ihm fluchte und gestikulierte heftig.

Ewa war wieder zu sich gekommen, zappelte und strampelte auf Þorrs Schulter herum, und er hatte Mühe, sie zu bändigen.

Und dann legte der Soldat mit seiner Waffe auf Þorr an und zielte sehr sorgfältig. Offenbar wartete er, bis der Gegner ihn direkt anblickte. Was nicht so einfach war, da Þorr sich um Ewa kümmern musste. Der Lichtpunkt tanzte über Þorrs Bart. Jetzt!

Aber genau in dem Augenblick hatte sich Ewa herumgeworfen, brachte Þorr ins Wanken und wurde selbst von dem Laserstrahl erwischt. Sie schrie. Vor Schreck, nicht vor Schmerz, die Netzhaut war nicht schmerzempfindlich.

Widen knurrte etwas unverständliches. Zugleich stieß Þorr einen inbrünstigen Fluch aus und löste den Desintegrator aus. Er hielt gnadenlos auf die Amerikaner, bis nur noch eine blasse Dunstwolke von ihnen und ihrem Jeep übrig geblieben war.

Fred wollte nicht glauben, was er sah. Vier Mann und ein Jeep hatten sich in Sekundenbruchteilen in Nichts aufgelöst. Ein Gemetzel, allerdings ein sehr … sauberes: ohne Blut.

Einerseits war er erschrocken, stellte aber fest, dass es ihm nicht so nahe ging, wie es das vielleicht hätte tun sollen. Es gab genug Kriegsgebiete auf der Erde, und in den Reportagen darüber konnte man gestorbene Soldaten (und Zivilisten) sehen. Und man musste zugestehen, dass Þorr sich bis zum Schluß bemüht hatte, Menschenleben zu schonen. Aber die hier hatten es nicht anders gewollt. Aus ontologischer Sicht konnte man sogar fragen, ob er sie überhaupt getötet hatte. Er hatte sie ausradiert. Es gab ja nicht einmal Leichen. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.

Þorr setzte seinen Weg unbehelligt fort, niemand stellte sich ihm mehr in den Weg. Hätte man das nicht einfacher haben können? Im Laufschritt erreicht er den Anleger, rannte den Bohlensteg entlang und sprang ohne zu zögern mit Ewa ins Wasser. Ewa kreischte. Ein schäumender Wirbel, und sie waren verschwunden.

*

Dörte hielt sich an die Anweisungen Þorrs und erledigte ihren Part zuverlässig. Die Kuppel fuhr auf, ein nunmehr nasser Þorr mit einer ebenso nassen Ewa auf den Armen sprang herein. Er legte sie auf dem Boden ab, während Dörte die Kuppel wieder schloss und das Energiefeld abschaltete.

Við verðum að fara! Passaðu þig á Ewu, hún virðist særð.“ (Wir müssen weg! Kümmere dich um Ewa, sie scheint verletzt zu sein.)

Er warf sich auf den Pilotensessel und startete die Maschinen. Dörte bekam noch mit, dass er diesmal nicht unter Wasser blieb wie beim Anflug. Er verzichtete darauf, sich wiederum mühsam den Weg zwischen den Klippen zu suchen, sondern er ließ das Boot sofort auftauchen und beschleunigte dann rasend schnell. Den Überschallknall hörte sie nicht, den hörten nur alle Bewohner Eyrarbukkis. Und Fred und Widen, die weiterhin die Übertragung Huginns verfolgten. Und dass etliche Scheiben zu Bruch gingen, sahen sie auch.

Was ist passiert?“, wandte sich Dörte an Ewa.

Dieser Idiot hat mich aus dem Gefängnis geholt. Und dann wurden wir beschossen. Verdammt, mein Auge! Ich bin blind!“

Was ist damit?“

Hún varð fyrir leysigeisla“ (Sie ist von einem Laserstrahl getroffen worden.), rief Þorr vom Pilotensitz aus.

Dörte befühlte das Auge. Es schien geschwollen zu sein. „Tut es weh?“

Nein.“

Hast du einen Gesichtsfeldausfall?“

Ich glaube nicht. Aber ich sehe alles verzerrt.“

Kein Grund zur Panik. Dann geht das vorbei.“

Du hast gut reden.“

Jetzt stell dich nicht so an. Das ist mir auch mal passiert.“

Dir?“

Jemand hatte bei uns im Seminar unvorsichtig mit einem Laserpointer hantiert. Seitdem ist ein kleiner Punkt auf meiner Netzhaut verbrannt, an der Stelle sehe ich nichts mehr. Aber es fällt mir längst nicht mehr auf, das Gehirn kompensiert das. Ein zweiter blinder Fleck, zu dem einen, den es ohnehin immer gibt. Wenn die Schwellung zurückgeht, ist es auch nicht mehr verzerrt.“

Sehr beruhigend.“

Du kannst mir glauben.“

Mir ist kalt. Ich muss aus den Klamotten raus.“

Ich glaube nicht, dass du welche zum Wechseln dabei hast.“

Ég myndi vilja það án föt“ (Sie würde mir auch ohne Klamotten gefallen), warf Þorr ein.

Das kann ich mir vorstellen“, gab Dörte zurück.

Was hat er gesagt?“

Er sagt, wir sind gleich da. Dann kannst du dich aufwärmen und die Schwellung kühlen.“

Da? Wo ist da?“

Im Raumschiff.“

Er hat tatsächlich ein Raumschiff?“

Ja. Wie du vielleicht mitbekommen hast, ist er wirklich ein Alien. Sogar einer, der allen Klischees von Aliens aus zweitklassigen Filmen entspricht: Einer, der schreiende und zappelnde Mädchen entführt.“

Fyrir mér er hún geimveran!“ (Für mich ist sie eine Alien), grinste Þorr.

Er sagt, für ihn bist du die Alien.“

Ewa klappte den Mund auf und wieder zu und zog es vor zu schweigen.

*

Widen schritt an den Hibernationskammern entlang und betätigte der Reihe nach an jeder ein paar Kontrollelemente.

Was macht er?“, fragte Ewa, jetzt in einem viel zu weiten, dafür aber trockenen Overall, der einem der noch schlafenden Besatzungsmitglieder gehörte.

Er sagt, er weckt jetzt die restliche Besatzung auf. Und dann will er endlich auf Heimatkurs gehen. Widen, hversu langan tíma tekur það?“ (Widen, wie lange dauert das?)

Dagur eða tveir af tíma þínum.“ (Einen oder zwei Tage deiner Zeit.)

Er sagt, es dauert ein bis zwei Tage.“

Und was wird nun aus uns?“

Was aus dir wird, ist schon geklärt“, grinste Fred. „Hattest du nicht mal zu mir gesagt, du würdest gern zu den Sternen fliegen? Dies ist deine Gelegenheit. Prinz Þorr befreit Prinzessin Ceena aus dem Kerker und fliegt mit ihr zu den Sternen. Das wäre doch ein würdiger Schluß der Geschichte. So ähnlich wie der Cowboy, der in den Sonnenuntergang reitet.“

Und das findet du normal?“

Ich habe absolut nichts dagegen, wenn tückische Spioninnen auf den Mond geschossen werden. Oder noch weiter hinaus ins All“, sagte Fred scharf.

Spioninnen? Was soll das heißen?“

Ich war für dich doch nur ein Werkzeug. Denkst du, ich habe nicht mitbekommen, dass du geheime Botschaften gesendet hast, mit dem Handy aus deiner Kulturtasche – mit deinem Designer-Tassenuntersatz als Codiertabelle und deiner Bibel als Schlüssel?“

Das hast du … oh!“

Und dir verdanken wir es sicherlich auch, dass das amerikanische Militär sich derart für uns interessiert hat. Ohne das hätte alles viel einfacher laufen können.“

Damit habe ich nichts zu tun. Ich habe nicht für die Amerikaner gearbeitet.“

Sondern für wen?“

Vergiss es. Das ist geheim.“

Da du nun auf ganzer Linie versagt hast, wird dein Verein dich fallen lassen? Oder vielleicht sogar beseitigen? Die Flucht in die unendlichen Weiten des Weltalls ist vielleicht deine einmalige Chance, aus dieser Nummer relativ ungerupft rauszukommen.“

Þorr hätte mich fragen können.“

Ég vil þig“ (Ich will dich haben), mischte sich Þorr ein. „Svo þú kemur með mér. Það er ekkert annað til umræðu.“ (Also kommst du mit mir. Etwas anderes steht gar nicht zur Debatte.)

Was sagt er?“

Er sagt, er liebt dich und kann nicht mehr ohne dich leben.“

Ewa seufzte und blickte den Alien zweifelnd an. „Ach, Þorr.“

Hún heldur að hún sé sammála“ (Sie meint, sie ist einverstanden), interpretierte Dörte großzügig. „Viel interessanter finde ich die Frage, was jetzt aus Fred und mir wird.“

Af hverju?“ (Wieso das denn?)

Ihr verschwindet und laßt uns mit dem Flurschaden zurück, den ihr angerichtet habt. Und ich rede gar nicht davon, dass ich Kristín die Heckscheibe bezahlen muss. Aber die Polizei wird Fragen an uns haben.“

Stimmt überhaupt. Man bringt Ewa mit dem Einbruch ins Museum in Verbindung. Was werden sie mit uns machen, wenn wir wieder auftauchen?“, überlegte Fred.

Dörte schien einige Augenblicke nachzudenken, dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Wenn wir die Nerven behalten, kann uns eigentlich nichts passieren. Dich hat niemand aus der Nähe gesehen. Die Überwachungskamera im Museum ist zerstört, wie es in den Nachrichten hieß, und danach bist du im Wagen geblieben.“

Auf dem Moor haben Þorr und ich dich herauszuziehen versucht. Die Amerikaner werden das gesehen haben.“

Die waren mit sich selbst beschäftigt und außerdem zu weit weg. Die können dich nicht erkannt haben.“

An der Straßensperre in Hvoltsvöllur haben die Polizisten aber dich gesehen.“

Ja. Als Geisel. Sie werden mich nicht für den Einbruch verantwortlich machen können. Außerdem stand ich unter Schock, ich erinnere mich an nichts. Wir müssen unsere Aussagen natürlich sorgfältig miteinander koordinieren und eine glaubwürdige Geschichte hinbekommen. Das schaffe ich. Geschichten erzählen ist eine alte isländische Tradition.“

Woher nimmst du eigentlich diese Kaltblütigkeit?“

Dörte zählte an den Fingern ab: „Erstens, ich habe einfach mal so Aliens und ihr Raumschiff getroffen. Zweitens, mir sind bei der Gelegenheit meine Götter zerstört worden. Drittens, ich habe bei einem Einbruch das Fluchtfahrzeug gelenkt. Viertens, man hat versucht, mich mit Kugeln zu durchlöchern, aber ich habe keine Schramme. Fünftens, ich bin im Moor versunken und lebe immer noch. Sechstens, ich habe bei Ewas Befreiung in einem außerirdischen Beiboot gesessen und das Traktorfeld bedient. Siebentens, ich habe heute Vormittag meinen Seminarvortrag geschwänzt. Glaubst du, danach kann mich noch irgend etwas erschüttern?“

Ist das noch die sympathische rothaarige Isländerin, die mich im Museum angesprochen hat?“

Das bringt mich auf achtens: Ich habe im Museum einen niedlichen und etwas schüchternen Astrophysiker kennengelernt und mich sofort in ihn verliebt. Den möchte ich für nichts in der Welt mehr hergeben.“

Frederik riß die Augen auf. „Damals schon? Und ich hatte gedacht…“

Denk nicht; küss mich endlich!“

*

Du nicht will mit uns fliegen? Du Sternforscher. Du magst Dinge, die betrachten, nicht aus Nahe sehen?“, fragte Þorr.

Fred überlegte ernsthaft. Das wäre ein Traum. Aber Träume hatten einen Haken. Der Traumurlaub mit Ewa hatte auch schon einen Pferdefuß gehabt. Wenn Dörte mitkäme, vielleicht? Aber würde sie das wollen? Und wie konnte er sie fragen, ohne sie in ihrer Entscheidung zu beeinflussen?

Was sagst du dazu, Dörte? Mitfliegen oder nicht?“

Ist das eine offene Frage, oder steht deine Antwort schon fest?“

Macht es zu ein offene Frage“, schlug Þorr vor.

Wie das denn?“

Gleich. Warten.“

Þorr ging zu einer Ecke der Kommandobrücke und nahm dort scheints etwas aus einem Fach. Dörte und Fred sahen sich fragend an. Was wurde das?

Der Alien kam zurück und überreichte jedem von ihnen eine Art Schreibstift. Dörte verstand als erste. „Wir sollen unsere Entscheidung verdeckt aufschreiben?“

Ja. In Hand.“

Sie nahmen die Stifte und wandten sich voneinander ab. Ein Spiel wie in irgend so einer bescheuerten Fernsehshow, dachte Fred. Wie gut kennst du deinen Partner? Aber darum ging es nicht, es ging um seine Entscheidung. Wie wäre es, die Erkenntnisse, um die man jahrelang gerungen hatte, plötzlich auf dem silbernen Tablett präsentiert zu bekommen? Man wäre am Ziel, ohne den Weg dahin zurückgelegt zu haben. Und um den Preis, es auf der Erde nicht mehr veröffentlichen zu können. Das war irgendwie wie der Tod. Der Eintritt ins Paradies, ohne den Lebenden noch erzählen zu können, wie es dort ist. Nicht ganz. Die Existenz des Raumschiffs bewies, dass es irgendwo bewohnte Welten gab. Dazu musste er dort nicht mehr hinfliegen. Wissenschaftlich hatte das keinen Wert, denn damit ihm jemand glaubte, müsste er das Raumschiff als Beleg vorweisen, und genau das durfte niemals passieren. Aber für ihn persönlich und für seine Forschung war es wertvoll, denn er wusste nun, dass es da draußen tatsächlich etwas zu entdecken gab.

Fertig?“, fragte Dörte.

Ja.“

Sie drehten sich wieder um und zeigten einander ihre Handflächen. ‚Nein’ stand in beiden. Sie würden auf der Erde bleiben. Mit dem ganzen Elend, das dieser Planet zu bieten hatte.

Mir bleibt, euch einen guten Flug zu wünschen“, lächelte Dörte.

25. Später

Sie kam mit dem VW-Bus bis Hella. Das Kennzeichen war inzwischen allen Polizeistreifen bekannt, und Þorr war steckbrieflich zur Fahndung ausgeschrieben. Mit dem Zusatz: Bewaffnet und gefährlich. Vermutlich war der Wagen schon in Hvoltsvöllur erkannt worden, und in Hella hatte eine Spezialeinheit eine Straßensperre aufgebaut und erwartete ihn.

Die schwer bewaffnete Truppe flößte Dörte gewaltigen Respekt ein, zumal sie sich nun nicht mehr im Schutz von Þorrs Energieschirm befand. Dann besann sie sich auf die Rolle, die sie zu spielen gedachte.

Aussteigen. Umdrehen. Hände aufs Dach!“

Mit zögernden Bewegungen folgte sie der Aufforderung. Sie wurde auf versteckte Waffen abgetastet, es kam aber nur eine Geldbörse zum Vorschein.“

Einer der Bewaffneten untersuchte das Innere des Wagens. „Sie ist allein.“

Dein Name?“

Ðörþ.“

Und weiter?“

Jónínasdóttir.“

Den Ausweis, bitte.“

Ausweis?“

Ja, zum Teufel, du musst doch einen Ausweis haben.“

Der Mann, der ihr das Portemonnaie abgenommen hatte, zog ein Dokument daraus hervor. „Hier ist er.“ Er blätterte darin. „Ja, der Name stimmt.“

Wo kommst du her?“

Her?“

Wo du losgefahren bist!“

Hm. Von … meiner Wohnung?“

Na toll. Und in welchem Ort liegt die?“

Reykjavik.“

Das kann nicht stimmen. Du kommst aus der falschen Richtung.“

Ja.“ Sie schaffte es, mit glasigem Blick durch den Polizisten hindurchzusehen.

Und was hast du dafür für eine Erklärung?“

Ich bin … gefahren.“

Das sehen wir. Wohin wolltest du?“

Nach Hause.“

Wo ist das?“

Reykjavik.“

Ich krieg zuviel. Erst sagt sie, sie kommt aus Reykjavik, jetzt sagt sie, sie will nach Reykjavik.“

Zeig ihr mal den Steckbrief.“

Du wurdest zusammen mit diesem Mann gesehen.“ Der Polizist entfaltete ein Exemplar des Steckbriefs und hielt ihn ihr vor die Nase. Darauf war eine ganz veritable Phantomzeichnung Þorrs zu erkennen. Dörte warf einen einzigen kurzen Blick darauf, begann zu schreien und versuchte wegzulaufen. Was natürlich an dem kräftigen Polizisten scheiterte, der sie hielt.

Die anderen berieten sich. „Sie scheint nicht ganz bei sich zu sein.“ – „Sie könnte unter Drogen stehen.“ – „Wir nehmen sie mit zur Blutprobe.“ – „Im Fahndungsbefehl steht, der Typ hat sie als Geisel genommen.“ – „Dann könnte sie auch unter Schock stehen.“ – „Bestell einen Krankenwagen. In der Klinik wird sich das klären.“

Dörte spielte weiterhin die Apathische, ließ alles über sich ergehen und wurde schließlich mit dem eingetroffenen Rettungswagen in eine Klinik verfrachtet.

*

Þorr hatte Frederik mit Sleipnir unbemerkt am Reynisvatn abgesetzt, das lag an der Peripherie Reykjaviks in einer unerschlossenen Landschaft mit einem See und etwas Wald. Zwei Kilometer Fußmarsch waren es bis zur nächsten Bushaltestelle. Dort hatte er eine Stunde auf den nächsten Bus gewartet, dann war er in die Stadt zu ihrem Appartement gefahren. Ach nein, nur noch zu seinem. Ewa würde nie mehr hierher zurückkehren, und die Miete würde er nun auch allein bezahlen müssen.

Der Mann an der Rezeption, mit dem leider keine sprachliche Verständigung möglich war, ließ ihn passieren, sah ihm nach, und griff dann zu einem Telefon.

Wenig später klopfte es an der Tür des Appartements, und als Fred öffnete, standen dort zwei Uniformierte. Er hatte damit gerechnet. Einer davon sprach ihn auf deutsch an: „Herr Graf?“

Ja.“

Wir müssen Sie bitten, mitzukommen.“

Man hätte nun eine Diskussion darüber beginnen können, warum sie das mussten und wer sie dazu zwang, aber Fred beschränkte sich wohlweislich auf ein schlichtes: „Warum?“

Wir haben ein paar Fragen zu Ihrer … Mitbewohnerin.“

Bin ich verhaftet?“

Natürlich nicht. Nur festgenommen.“

Ich protestiere.“ Jeder hätte das gesagt. Das musste er sagen, sonst hätte er sich verdächtig gemacht.

Protest zur Kenntnis genommen. Und nun kommen Sie bitte.“

Es schloss sich ein anstrengendes Verhör auf einer Polizeidienststelle an. Fred hatte sich in einer langen Beratung mit Dörte ein absolut reines Gewissen aufgebaut, ehe sie getrennt ihrer Wege gegangen waren.

Ja, er kannte Ewa Gerzog. Er war mit ihr zusammen auf Studienreise nach Island gekommen. Sie interessierten sich für Geschichte und Mythologie. Ja, sie waren genau deshalb in verschiedenen Museen gewesen. Und nein, er wusste nichts von Ewas nächtlicher Unternehmung. Warum? Weil er gar nicht in ihrem Appartement gewesen sei. Wo dann? Ein Mädchen namens Dörte hatte ihn mit nach Hause genommen. Diese Dörte hier? Man zeigte ihm ein Foto. Ja, genau. Was er über Dörte wisse? Na ja, er habe sie im Museum kennengelernt, und sie hatte mit ihnen ein Blót der Asenreligionsvereinigung besucht. Und dann hatten sie auf dem Rückweg Ewa am Appartement abgesetzt und waren zusammen zu Dörtes Wohnung gefahren. Aha. Es war klar, was die Beamten sich dachten. Ob sie die ganze Nacht zusammen gewesen seien? Nein. Kurz darauf habe Dörte gesagt, sie müsse noch etwas aus dem Wagen holen, war gegangen, aber nicht wiedergekommen. Nachdem er einige Zeit auf sie gewartet hatte, ging er davon aus, dass sie nur einen Scherz mit ihm gemacht habe. Dann sei er zum Appartement zurückgekehrt, aber Ewa habe er dort nicht angetroffen. Habe er sich keine Sorgen um sie gemacht? Ehrlich gesagt, nein. Sie hätten eine kurze Affäre gehabt, sich dann aber zerstritten. Deshalb sei es ihm herzlich egal gewesen, was sie nachts machte. Ob er diesen Mann kenne? Die Phantomzeichnung Þorrs. Kann sein, dass er so einen auf dem Blót kurz gesehen hatte, er sei aber nicht sicher. Jeder zweite hatte dort einen Bart gehabt.

Nach einer Stunde Vernehmung ließ man ihn gehen. Offenbar hatte er nichts mit den Vorfällen um das Museum zu tun.

Auf den Steckbriefen war inzwischen neben Þorr auch Ewa abgebildet. Funk und Fernsehen brachten die Fahndungsmeldung. Vermutlich gemeinschaftlich begangener Einbruch ins Nationalmuseum. Flucht aus dem Gefängnis. Körperverletzung. Widerstand gegen die Staatsgewalt. Sachbeschädigung. Geiselnahme. Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Vierfacher Mord. Vorsicht: Bewaffnet und gefährlich. Bei Sichtung sofort die nächstgelegene Polizeidienststelle kontaktieren.

In der Liste der aufgezählten Schandtaten fehlte die Geschwindigkeitsüberschreitung innerhalb einer geschlossenen Ortschaft. Offenbar war sie von niemandem angezeigt worden.

26. Tags darauf

Inzwischen war es schon später Nachmittag. Jetzt müsste Dörte eigentlich allmählich wieder auftauchen, überlegte Fred mit wachsender Sorge. Hatte sie ihre Rolle doch nicht glaubhaft genug gespielt? Hatte man sie verhaftet? Sollte er noch einmal zu ihrer Wohnung gehen? Würde er Verdacht erregen, wenn man ihn dabei beobachtete? Aber seiner Legende nach hatten sie doch etwas miteinander angefangen, und dann war sie plötzlich verschwunden gewesen. Da wäre es wohl verständlich, wenn er sie noch einmal versuchte zu erreichen.

In seine Überlegungen hinein pochte es an der Tür. Sein Herz vollführte einen Sprung, Dörte! Endlich! Er eilte zur Tür, riß sie auf … Widen! Widen stand vor der Tür, der Alien. Warum er? Weil Þorr nicht kommen konnte, der wurde steckbrieflich gesucht, begriff Fred. Weil Ewa aus dem gleichen Grund ebenfalls nicht kommen konnte. Lediglich Widen war noch nie öffentlich in Erscheinung getreten und konnte sich unbehelligt in der Stadt bewegen.

Ewa sendi mig.“ (Ewa schickt mich.) Widen überreichte ihm ein Stück Papier. Oder Folie. Es fühlte sich ungewohnt an und gehörte vermutlich zum Inventar des Raumschiffs, ein außerirdisches Produkt.

Hi Fred.

Widen kommt, um meine Sachen abzuholen. Ich kann mich ja nicht mehr sehen lassen. Wenn du so nett wärst?

Ewa

Er war so nett. Er nahm Ewas Koffer und stopfte, zugegebenermaßen ohne übertriebene Sorgfalt, ihren Laptop und ihre Kleidung hinein. Bei dem weißen Anzug hielt er für einen Moment inne. Ceena von Xumal. Nun würde sie wirklich zu den Sternen fliegen. Mit einem richtigen Raumschiff. Ein wenig beneidete er sie.

Dann ging er ins Bad und packte ihre Kulturtasche zusammen. Natürlich war ein zweites Handy darin. Und wenn schon. Damit konnte sie gerne ihren Auftraggeber anrufen und sich von ihm verabschieden. Halt, die Bibel und der Untersetzer mit der Codetabelle vom Nachtschrank. Fred lächelte. Die Codetabelle? Nein, die nun gerade nicht. Möge sie mich immer vor den Schlangen dieser Welt warnen.

Warte, ich schreibe noch eine Antwort.“ Ob Widen ihn verstand, war fraglich, aber er würde ja sehen, was er tat. Ein Stück Papier war natürlich nicht zur Hand wenn man es brauchte, es sei denn, er hätte Toilettenpapier verwendet. Okay, die Rückseite des Übersichtsplans aus dem Museum würde es tun.

Hallo Ewa.

Hier sind deine Sachen. Bis auf deinen Designer-Untersetzer; den erlaube ich mir als Andenken an dieses Abenteuer zu behalten. Als Mensch warst du für mich eine Fehlbesetzung, aber jetzt hast du die Chance, für Þorr eine gute Alien zu werden. Werdet glücklich. Auch wenn du nicht an Gott glaubst, möge er euch segnen. Vielleicht hilft es dir ja, in der Bibel zu lesen, anstatt sie als Codeschlüssel zu missbrauchen.

Fred

P.S. Grüße an Þorr und er war ein guter Kumpel.

Er überreichte dem Kommandanten den Koffer und die Notiz. Sonst noch was?, fragte dessen Blick. Fred schüttelte den Kopf und wies zur Tür. „Geh mit Gott, aber geh. Und nimm dein verdammtes Raumschiff mit.“

Da der Alien ihn nicht verstand, konnte er sich das leisten. Widen wandte sich zum Gehen, und Fred drückte hinter ihm die Tür zu. Das war’s dann hoffentlich gewesen. Fehlte nur noch Dörte.

Gefühlt eine Stunde saß er auf der Bettkante und konnte sich zu nichts aufraffen. Selbst einen ordentlichen Kaffee konnte er sich nicht kochen, die Kaffeemaschine war nämlich kaputt, und der Instantkaffee war eine Zumutung. Wenigstens das in die Küchenzeile eingebaute Radio funktionierte. Die Musik war allerdings nicht sein Geschmack, und die Ansagen verstand er nicht. Gerade erhob er sich, um es wieder auszuschalten, als…

Offenbar hatte er die Tür hinter Widen nicht richtig geschlossen. Sie wurde aufgestoßen wie durch eine Explosion, knallte gegen die Wand, und dann flog Dörte ihm in die Arme. „Frei! Frei! Sie haben mich gehen lassen! Ich soll nur zu einer psychologischen Therapie. Wegen meines Geiseltraumas.“

Wirst du hingehen?“

Weiß ich noch nicht. Ist bestimmt ganz spannend.“

Vermutlich kommst du hinterher gestörter raus, als du reingegangen bist.“

Sie grinste und tupfte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Und bei dir?“

Alles gut gegangen. Ich habe ihnen weitgehend die Wahrheit erzählt. Bis auf die kleinen entscheidenden Details.“

Dann gehören wir jetzt uns!“

Ja. Zumindest für die paar Tage bis zu meiner Abreise.“

Sie ließ den Kopf hängen. „Stimmt überhaupt. Musstest du mich jetzt daran erinnern?“

Entschuldigung.“

Þorr hätte wenigstens noch den Kárahnjúkar-Staudamm platt machen können. Auch wenn er kein Gott ist, die technische Möglichkeit hätte er bestimmt gehabt mit seinen Superwaffen.“

Hat er aber nicht. Eure Niðstang-Verfluchung hat er nicht erhört. Ich glaube, sie war ihm auch egal.“

Hätte dein Gott sie erhört?“

Mein Gott segnet, er verflucht nicht.“

Die Zerstörung unserer Natur ist ihm also auch egal?“

Er würde sich zu euch setzen und mit euch weinen.“

Dörte sah Fred nachdenklich an. „Mit uns weinen. Ich habe bislang noch von keinem Gott gehört, der so etwas täte.“

Fred nahm sie in den Arm. „Die Stärke des Blitzeschleuderers Thor war der Kampf. Aber sicher nicht der Trost und das geduldige Zuhören.“ Er strich ihr sanft über die Haare und bemerkte, wie eine Träne über ihre Wange rollte. Den Blitzeschleuderer hatte sie verloren. Und Trost war vielleicht das, was sie jetzt brauchte.

*

Im Radio endete die Musik, das Zeitzeichen erklang. Warum hatte er das Ding eigentlich nicht längst abgestellt? Er löste seinen Arm vorsichtig von Dörte, um es endlich zu tun.

Warte.“ Sie hob eine Hand. „Die Nachrichten.“

Er verstand zwar kein Wort, aber diesmal hatte er Dörte dabei. Wenn sie mehr Zeit gehabt hätten, hätte sie ihm vielleicht Isländisch beibringen können.

Und? Gibt’s etwas neues?“

Sie nickte. „Die Fahndung nach Þorr und Ewa ist in vollem Gange. Eine Belohnung für zweckdienliche Hinweise ist ausgesetzt. Alle Fähr- und Flughäfen werden überwacht.“

Was wollen sie gegen Þorrs Waffe und seinen Schutzschild ausrichten?“

Das sagen sie natürlich nicht. Aber sie haben vielleicht mitbekommen, dass er durch einen Laser verwundbar ist. Gibt es eigentlich Laser, die mehr Power haben als ein Laserpointer?“

Leider ja. Es gibt Industrielaser, mit denen man Stahlplatten schmelzen kann. Vermutlich werden inzwischen auch schon Laserwaffen entwickelt.“

Wenn die mit so einem Ding anrücken, wird der Schutzschild ihm also nichts nützen.“

Ich hoffe, bis dahin sind Þorr und Widen mitsamt Ewa gestartet.“

27. Am Folgetag

Sir!“ Der Mann salutierte exakt. „Die Auswertung der Satellitenbilder.“

Zeigen Sie her!“

Hier, Sir. Die Aussagen der Überlebenden aus Major Lockmans Staffel decken sich mit der Satellitenortung. Dieses Raumschiff muss sich in der Nähe dieser Gletscher-Hochebene befinden, die niemand aussprechen kann. Erhöhte thermische Emission deutet auf den Betrieb von Maschinen hin.“

Ist da nicht auch ein Vulkan? Könnte die thermische Emission nicht davon herrühren?“

Wurde berücksichtigt, Sir. Sehen Sie, diese dunkelroten Flecken, das sind Magmakammern vulkanischen Ursprungs. Der Vulkan ist allerdings seit Ewigkeiten nicht mehr ausgebrochen. Aber der kleine hellrote Punkt, das muss ein Kraftwerk oder dergleichen sein.“

Warum wurde das auf früheren Aufnahmen nicht bemerkt?“

Vermutlich wurde das Kraftwerk erst vor kurzem hochgefahren.“

Vorschläge für das Vorgehen also?“

Der letzte Kontakt unserer Streitkräfte mit den Außerirdischen war desaströs. Ein Jeep und seine Besatzung wurden vernichtet. Immerhin gibt es lokale Zeugen des Zusammenstoßes. Demnach besitzt der Gegner eine Art Schutzschild, der aber für Laser kein Hindernis darzustellen scheint. Man könnte…“

Worauf warten Sie?! Treiben Sie einen Hochleistungslaser auf. Oder fünf. Oder hundert. Ich kümmere mich um entsprechende Transportkapazitäten, um sie so rasch wie möglich in Stellung zu bringen.“

Zu Befehl, Sir!“

Bis wann können Sie die Laser haben?“

Bis heute Abend, Sir.“

Sie verständigen mich, wenn Sie so weit sind. Wegtreten.“

*

Fünf Hochleistungslaser wurden mit einer Transportmaschine der USAF noch in der Nacht nach Island geschafft und trafen, wegen der Zeitverschiebung, bei Sonnenaufgang dort ein. Und mit ihnen die Mannschaften, denn von den auf Island stationierten Truppen lieh man sich zwar die LKWs aus, aber die Leute ließ man weiterhin im Unklaren über die Bedeutung der Aktion: Absolute Geheimhaltung.

Colonel Corn persönlich saß im ersten Fahrzeug und führte das Kommando über den Konvoi. Mittels Sprechfunk dirigierte er seinen Trupp. „Achtung, Corn hier. In Hvoltsvöllur von der Bundesstraße 1 links abbiegen auf die 261. Danach dreißig Meilen der Landstraße folgen.“

Roger.“

Die Kolonne kroch die 261 entlang. „Achtung. In einer Meile rechts in eine Seitenstraße einbiegen. Wegweiser Þórsmörk beachten.“

Sie erreichten den Parkplatz von Þórsmörk Resort. „Hier anhalten. Auffächern in Keilformation. Voraussichtliches Ziel ist der Gletscher auf zwei Uhr. Ich möchte nicht, dass die Fahrzeuge sich gegenseitig behindern.“

Die LKWs nahmen Aufstellung, das Führungsfahrzeug vorn, dann je zwei und zwei Wagen versetzt dahinter, am Ende der Generatorwagen – ein Pfeil, der auf den Eyjafjallajökull zeigte.

Absitzen! Die Generatormannschaft legt die Energieleitungen. Die Planen von den Ladeflächen entfernen.“

Die Zeit hatte nicht gereicht, das Manöver zu trainieren, das war für alle Beteiligten Neuland. Das Herstellen der Stromanschlüsse zwischen Generatorwagen und Lasern verlief etwas konfus. Der Ingenieur, der für die Laser zuständig war, fluchte, weil man ihm keine Leitung zu den Kühlpumpen gelegt hatte. Eine Kabelrolle fehlte.

Corn brüllte etwas von Schlamperei und Kriegsgericht, dann entschied er, auf einen der Laser zu verzichten und dessen Stromleitung für die Kühlpumpe zu verwenden.

Die Laser gehörten eigentlich in Forschungseinrichtungen und waren dort fest installiert gewesen, jetzt hatte man sie provisorisch auf Lafetten montiert, die eigentlich für Granatwerfer gedacht waren. Man musste zugeben, dass die Truppe gut im Improvisieren war, die Dinger würden zweifellos funktionieren, wenn jetzt nicht noch irgendetwas schiefging.

Meldung!“

Laser eins bereit, Sir.“ – „Laser zwei bereit, Sir.“ – „Laser vier bereit, Sir.“ – „Laser fünf bereit, Sir.“

Mehr konnte man nicht erwarten, Laser drei hatte keinen Strom.

Achtung, Corn an alle. Der Gegner wird voraussichtlich über dem Gebirgskamm auftauchen. Es wird sofort, ohne Rückfrage und ohne auf einen Befehl zu warten, gefeuert. Das Objekt muss so beschädigt werden, dass es flugunfähig wird. Ist das verstanden worden?“

Zu Befehl, Sir. Sofort beim Auftauchen feuern.“

Wir wissen nicht, wann genau er auftauchen wird. Ich erwarte permanente Feuerbereitschaft. Die Schützen werden im halbstündigen Rhythmus abgelöst. Corn, Ende.“

28. Nachmittags

Þorr hatte dafür gesorgt, dass für Ewa eine Sitzgelegenheit geschaffen worden war, direkt neben seiner Steuerkonsole auf der Kommandobrücke. Sie fand das ganz angenehm, denn Þorr war derzeit der einzige hier an Bord, mit dem sie sich einigermaßen verständigen konnte. Ihre Chinesischkenntnisse nützten ihr hier überhaupt nichts, und selbst isländisch wurde an Bord nicht mehr gesprochen. Jetzt, da es für sie nach Hause ging, benutzten diese Aliens wieder ihre eigene Sprache. Aber nachdem sie Chinesisch und Deutsch bewältigt hatte, würde Ewa zweifellos auch diese Sprache lernen. Und sie war es dank ihrer Ausbildung gewohnt, sich in fremde Kulturen einzufügen und sich dort nach kurzem unauffällig zu bewegen.

Was Þorr betraf, er wollte sie einfach in seiner Nähe haben, selbst auf die Gefahr hin, dass ihr Anblick ihn womöglich ablenkte. Und Ewa hatte, ohne es wirklich zu wollen, ihr bestes getan, um ihn abzulenken: Sie trug zur Feier des Tages ihren atemberaubenden weißen Anzug. Vielleicht war es einfach ihr Naturell, männliche Wesen ablenken zu müssen.

Die Blicke der anderen Besatzungsmitglieder wurden denn auch abgelenkt, aber sie streiften Ewa eher unauffällig; alle wussten, dass Þorr sie als Beutestück mitgebracht hatte und sie ihm gehörte. Und dass Þorr die Fäuste verdammt locker saßen.

Kraftwerk hochfahren. Triebwerke vorwärmen!“, befahl Widen. „Leute, es geht nach Hause.“

Nach Hause war gestern“, knurrte Frer. „ Oder besser, vor zweitausendfünfhundert Jahren.“

Wenn der Zeitdeformator erst wieder aufgeladen ist, können wir dich gern da hin bringen“, sagte Þorr. „Wenn du es dann noch willst. Kann sein, dass es belastend ist, in die Vergangenheit zu kommen, wenn man die Zukunft kennt.“

Ein Bildschirm zeigte die von Huginn aufgenommene Umgebung. „Þorr! Da passiert etwas.“ Ausgerechnet Ewa war es, der der Aufmarsch von Militärlastwagen am Þórsmörk Resort aufgefallen war, die anderen bereiteten den Start vor und überwachten ihre Instrumente. „Die haben etwas vor. Und zwar nichts gutes, befürchte ich.“

Stimmt! Das geht gegen uns.“ Þorr griff in die Steuerung der Drohne und ließ sie den Konvoi umkreisen.

Und wenn. In ein paar Augenblicken sind wir weg“, winkte Widen ab.

Abdeckplanen wurden von den Ladeflächen entfernt. Zum Vorschein kamen undefinierbare, längliche Apparate, die vor allem aus Kühlsystemen zu bestehen schienen. Allein Ewa, die – nunmehr ehemalige – Agentin erkannte, was es war. „Das sind Hochleistungslaser.“

Laser? Das? Das ist altmodisch. Mir kann das lachen.“

Du weißt, dass die durch euren Schutzschirm durchdringen können.“ Ihr Auge hatte sich noch nicht ganz erholt, aber sie sah schon wieder einigermaßen klar, wenigstens wenn sie das verletzte Auge zukniff.

Verdammt, du hast recht.“ Er wandte sich an den Kommandanten. „Widen, ich fürchte, sie wollen uns abschießen.“

Sie werden es nicht wagen. Wir waren ihre Götter. Wir haben ihnen die Kultur gebracht und sie die Schrift gelehrt.“

Die sehen nicht aus, als ob sie das interessiert. Die wollen unser Schiff.“

Dankbarkeit kann man von diesen Barbaren wohl nicht erwarten. Was schlägst du vor?“

Þorr lachte. „Die Dinger da sehen primitiv aus. Ich glaube nicht, dass sie eine Zielnachführung haben, die schnell genug ist, wenn wir mit dem Atomtriebwerk starten.“

Atomtriebwerk? Immer noch der ungestüme Jüngling. Blitz und Donner, wie es deine Art ist. Du weißt, dass wir damit den Vulkan kitzeln werden. Kitzle keinen schlafenden Drachen.“

Ich will ihn aufwecken, verdammt! Sie haben mich gejagt wie einen räudigen Hund. Mich, Þorr, den Hammerschwinger. Jetzt sollen sie sehen, was sie davon haben.“

Einverstanden. Triebwerk? Atombrennkammern vorwärmen!“

Sie richten ihre komischen Laser auf den Gebirgskamm aus. Sie scheinen zu wissen, dass wir da auftauchen werden“, rief Ewa und zeigte auf den Bildschirm.

Unsere Energieentfaltung dürfte auf ihren Satellitenbildern zu sehen sein. Vor zweitausendfünfhundert Jahren wäre das nicht passiert.“, warf Rana ein.

Ja ja, früher war alles besser“, grinste Frer.

Atombrennkammern sind bereit.“

Wollt ihr nicht noch eure Drohne einfangen? Es wäre doch schade darum“, mischte Ewa sich ein.

Das Bild auf dem Monitor kippte weg, als Þorr den Raben in den Sturzflug lenkte. Erfreut registrierte er, dass Ewa mitdachte und sich also bereits in die Besatzung zu integrieren versuchte. Ja, vielleicht wurde dieses Beutestück endlich die Frau seines Lebens.

Huginn an Bord. Schleuse geschlossen.“

Ja dann – was hält uns? Start!“, rief der Kommandant.

Dies wurde kein sanfter Start, kein Abheben auf Energiefeldern. Dies wurde ein Gewaltmanöver. Und diesmal schützten auch die zugeschalteten Absorberfelder die Besatzung vor der mörderischen Beschleunigung; die Absorberfelder, die Fred neulich beim Start Sleipnirs vermisst hatte. Aber Þorr hatte es gern etwas sportlich, und die Energiereserven des Beibootes waren ja knapp gewesen. Die Atomtriebwerke rissen das Schiff in die Höhe. Die Schützen an den Lasern hatten erwartet, dass das ‚gegnerische Objekt’ sich langsam erheben würde. Sie konnten so schnell gar nicht reagieren, wie der flammende und tosende Blitz aus dem Berg emporschoss. Als die Laserstrahlen sich über dem Gebirgsgrat kreuzten, war er schon nur noch ein gleißender Lichtpunkt am Himmel. Und verglomm. Und ließ ein paar Soldaten mit Netzhautschäden zurück. Man würde ihnen Invalidenrente zahlen müssen.

Und dann erwachte der Drache. Eine Feuersäule schoss empor, hellrot leuchtend, zeichnete einen Bogen in den Himmel und stürzte nieder. Lava wälzte sich glühend den Gletscherhang hinab. In aller Eile wurden die Lasergeschütze gesichert, die Abdeckplanen verzurrt. „Beeilt euch, Ihr Bastarde, gleich werdet ihr gegrillt!“

Zum Bergen der Kabel reichte es nicht mehr. Die Lavaflut überrollte Þórsmörk Resort, die Hütten gingen in Flammen auf und sanken in sich zusammen. Die Fahrer starteten ihre Motoren. Einer sprang nicht an. Nur der Anlasser wimmerte. „Absitzen! Auf die anderen Fahrzeuge verteilen! Macht schon!“

Die Kolonne erreichte die Fahrstraße, die Fahrer traten die Gaspedale durch. Schwer dröhnten die Motoren. Zugleich erreichte die Lava den aufgegebenen LKW, Flammen schlugen hoch, der Treibstoff explodierte.

Endlich ließ der glühende Strom nach, die flüssige Gesteinsmasse wurde zäher, erkaltete allmählich. Eine geschlagene Truppe auf der Flucht versäumte die Gelegenheit, als erste das Schauspiel der nunmehr aufsteigenden Aschewolke zu bewundern. Sie wand sich empor, ähnlich wie ein Atompilz. Der Ascheausbruch übertraf den Lavaausbruch bei weitem. Unmengen an heißem Staub senkten sich auf die Umgebung.

Sie waren vor der Lava geflohen, sie flohen vor der Asche. Und sie flohen vor dem Kohlenmonoxid, das so ein Vulkanausbruch freisetzte. Aber der Befehlshaber hatte schnell genug reagiert und laut genug herumgebrüllt. Diesmal überlebten alle. Nur die Wahrheit nicht. Denn natürlich würde die Öffentlichkeit niemals erfahren dürfen, was den Vulkanausbruch ausgelöst hatte. Und den Anstieg der Bodenradioaktivität würde zum Glück niemand so bald erklären müssen; die Lava hatte das Fallout des Atomtriebwerks einfach überdeckt.

29. Drei Tage später – und in alle Ewigkeit

Fred war dabei, seine Koffer für die Abreise zu packen, als es an seiner Tür klopfte. Bollerte. Hämmerte. „Ja doch, ich komme ja schon.“

Es war Dörte. Sie kam wohl, um sich zu verabschieden. Sie wedelte mit einer Zeitung. „Fred. Du glaubst es nicht!“ Eine unbändige Freude strahlte von ihr aus.

Was glaube ich nicht?“

Du bleibst hier!“

Wie bitte?“

Du kannst nicht nach Hause!“

Wieso? Ist die Welt untergegangen?“

Fast. Hör mal, was hier steht. Es kam heute morgen auch schon in den Nachrichten.“

Was, zum Teufel?“

Dörte schlug die Zeitung auf und las vor: „Unerwarteter Vulkanausbruch von apokalyptischen Ausmaßen. Der Ausbruch des Vulkan-Systems Eyjafjallajökull fand an zwei etwa acht Kilometer voneinander entfernten Stellen statt. Die ersten Eruptionen gab es am Fimmvörðuháls am Rand der Gletscher-Hochebene Eyjafjallajökull, und kurz darauf am Rande der Gipfel-Caldera. Ein Lavastrom hat den im Bau befindlichen Kárahnjúkar-Staudamm vernichtet. Weitere Eruptionen, in deren Folge erhebliche Asche-Mengen in die Atmosphäre geschleudert wurden, folgten. Noch immer bilden sich Dampfwolken über den Vulkanen. Der Ausbruch des Eyjafjallajökull hat auch über Island hinaus großräumige Auswirkungen. Insbesondere muss auf Grund der ausgetretenen Vulkanasche der Flugverkehr in weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas eingestellt werden, was eine bis heute beispiellose Beeinträchtigung des Luftverkehrs in Europa infolge eines Naturereignisses darstellt.“

Das heißt…?“

Kein Flugzeug! Du bleibst bis auf weiteres hier, Fred. Ist das nicht toll? Wir werden Tage und Wochen ungestört ganz für uns haben, bis die Asche sich verzogen hat! Oh, ich freue ich so.“ Leise fügte sie hinzu: „Und dass es diesen verdammten Staudamm erwischt hat, macht mich auch nicht unglücklich.“

Aber … ich habe das Appartement nur noch bis morgen gemietet. Und länger kann ich es auch gar nicht bezahlen. Zumal die liebe Ewa, die sich daran eigentlich beteiligen sollte, nun irgendwo da draußen ist.“

Das ist natürlich bitter.“ Dörte grinste. Zweifellos war sie in Hochstimmung. „Aber weißt du was? Du ziehst einfach zu mir.“

Zu dir?“

In meine Wohnung. Ist zwar nicht groß, aber du hast ja nicht viel Gepäck. Wir werden uns schon einigen.“

Dörte…“

Was dagegen? Zusammenzuziehen ist die effektivste Methode um herauszufinden, ob man zusammenpaßt.“

Fred schwieg und senkte den Kopf. Das war zuviel Glück auf einmal, er hätte heulen können. Er schloss Dörte in seine Arme und küsste sie innig. Nur dass sie nicht an Gott glaubt, Fred. – Das ist mir egal!

*

Das Auschecken an der Rezeption war dann, mit Dörte als Dolmetscherin, kein Problem mehr. Dass der komplette Betrag nun seiner Kreditkarte belastet wurde, erfüllte Fred mit einem kurzen Grollen. Aber wirklich nur einem kurzen. Gerade wollte er seinen Koffer ergreifen, da klingelte sein Handy. „Alex!“, erkannte er nach einem Blick aufs Display. „Ein Kumpel von mir“, erläuterte er für Dörte, ehe er das Gespräch annahm.

Hi, Alex.“

Hi, Fred. Mann, was machst du für Sachen! Du musst doch nicht gleich einen Vulkan in die Luft sprengen, um deinen Urlaub mit Ewa in die Länge zu ziehen!“

Ewa? Ewa hat sich zusammen mit der Vulkanasche in Luft aufgelöst.“

Wie? Ist ihr was passiert?“

Würde ich so nicht sagen. Sie hat einen … Wikinger getroffen und ist mit ihm auf und davon. Aber sie war ohnehin ein Flop.“

Na toll. Und nun? Hängst du da allein auf Island herum. – Wer lacht da im Hintergrund?“

Das ist Dörte.“

Dörte?“

Sag ihm, du hast dafür eine Elfe getroffen“, rief Dörte.

Eine was?“, fragte Alex.

Wenn du Elfe verstanden hast, hast du schon richtig verstanden.“

Aber, äh, wie…“

Vielen Dank, dass ihr euch Sorgen um mich macht, aber mir geht’s bestens.“

Das scheint eine längere Geschichte zu sein.“

Jetzt wird es jedenfalls ein längerer Urlaub. Mach’s gut, Alex, und grüß mir Fiete. Wir sehen uns. Irgendwann.“ Fred beendete das Gespräch und griff nach seinem Koffer.

*

Sie lagen nebeneinander, nein, aneinander, die Beine verschränkt. Er genoss das herrliche Gefühl, wie ihre bloße Haut sich an seiner rieb. Sie schmiegte sich in seinen Arm, und ihre langen roten Haare flossen über seine Schulter. Spielerisch fuhren ihre Finger über seine Brust und verfingen sich in der Lederschnur, an der er sein Konfirmationskreuz trug. Sie folgte der Schnur, hob schließlich das Kreuz hoch und ließ es baumeln.

Fred griff nach ihrer Hand. „Das kitzelt.“

Das Kreuz steht für deinen Glauben, richtig?“

Richtig.“

Aber du gehst damit nicht hausieren, wie ich gemerkt habe.“

Ich bin kein Missionar, und ich möchte niemandem zu nahe treten.“

Das ehrt dich. Aber dein Glaube muss dir doch nicht peinlich sein. Wir beide sind uns jetzt so nahe gekommen wie es nur geht. Willst du nicht auch noch den nächsten Schritt tun?“

Welchen?“

Sie wand sich aus seinem Arm, drehte ihm den Kopf zu und begann, zärtlich an seiner Schulter zu nagen. „Missionier mich, Fred. Erzähl mir von deinem Christus.“

ENDE