Die dämlichste Geschichte meiner Laufbahn wollt ihr hören? Ach, glaubt mir, da gab es so dermaßen viele, da fällt es mir wirklich schwer, irgendetwas zum Besten zu geben. Bedenkt doch einfach, dass ich vierundneunzig Jahre verdeckter Ermittler auf unzähligen rückständigen technologischen Welten gewesen bin … da kommt eine Menge an kuriosem Zeug zusammen.

Von exotischen Welten könnte ich euch ganze Romane erzählen, von verrückten Sitten und Gebräuchen, mit denen ich da konfrontiert worden bin. Die Welten sind wirklich voller unglaublicher Dinge, und es ist für meinen Job ja nötig gewesen, da immer eine gewisse Anpassung vorzunehmen.

…ja, ganz genau, das sind Undercover-Aufträge gewesen, und die meisten davon hatten natürlich politische Hintergründe. Manches ist davon bis heute streng geheim, das versteht sich von selbst. In vielen Fällen gab es sogar eine semitelepathische Gedankensperre, die bis heute hält. Das bedeutet, wenn ich irgendwie in diese Richtung denke, setzt eine automatische mentale Blockade ein, die sogar verhindert, dass Telepathen unausgesprochene Worte von mir abfangen können. Das fand ich damals ungemein praktisch … behindert natürlich vollständig irgendwelche Pläne, eine Autobiografie zu schreiben. Aber dafür bin ich sowieso nicht der Typ, das wisst ihr ja …

Doch, doch, so etwas wie diese Gedankensperre, die ich eben erwähnte, das ist nicht so exotisch, wie das jetzt klingt, Freunde. Es gab da mal einen Fall auf Aurigae III, in den eine telepathische Kolonistengruppe verwickelt war – da kam ich mir wie ein Schlafwandler vor, weil die Informationsblöcke, die in meinem Unterbewusstsein eingelagert worden waren, nur situativ aktiviert wurden, durch unvorhersehbare Stimuli von außen … daran denke ich echt nicht gern zurück. Und kann es im übrigen auch gar nicht richtig, denn wie ich eben sagte – da greift heute noch die semitelepathische Blockade.

Für viele Fälle gilt das aber nicht. Die meisten, in denen ich es mit gewöhnlichen Kriminellen zu tun hatte, etwa … also, die sind im Grunde wirklich unspektakulär. Ich habe manchmal, wenn ich bei solchen Besuchen wie bei euren von meiner Vergangenheit spreche, das Gefühl, dass diese Fälle nach außen viel spektakulärer klingen, als sie das in Wahrheit waren. In den weitaus meisten Fällen hatte das sehr viel mit dem Auswendiglernen kultureller Besonderheiten zu tun, mit wochenlangem historischem Studium der entsprechenden Spezies. … ja, und natürlich mit dem entsprechenden Morphen in die passende Form.

Es hat schon gewisse Vorteile, ein Formwandler wie ich zu sein. Jetzt, wo ich auf die 200 zugehe, habe ich natürlich schon sehr nachgelassen, das hat nicht nur mit der körperlichen Agilität zu tun, sondern auch mit der Metamorphfähigkeit. Bin halt kein Jungspund mehr, nicht wahr, der im Handumdrehen von einer Reptiloidengestalt in einen Insektoid switchen kann. Auf den meisten Welten kann man das übrigens mit der Zeugungsfähigkeit der maskulinen Lebensformen vergleichen – die lassen in der Regel auch stark nach, je älter sie werden, sehr zum Leidwesen der oftmals viel jüngeren Weibchen.

…warum ich da gerade lächle? Ach, ich musste da eben an eine schöne kleine Begebenheit auf einem Randplaneten der Galaxis denken. Welchem? Na, den kennt ihr bestimmt nicht. Er gehört nicht zur Konföderation, damals nicht und heute auch noch nicht. Ich denke, die Planetarier strampeln sich vermutlich heute nach wie vor damit ab, ihre systemischen Randwelten mit unbemannten Sonden zu erkunden. Sie brauchten damals, als ich da im Einsatz war, doch echt MONATE Flugzeit, um zu ihrem nächsten Nachbarplaneten zu gelangen.

Warum das? Ach, sie machten solche Swing-by-Manöver und nutzten die Schwerkraftfelder ihrer benachbarten Planetenbahnen aus … keine Chance, mit den vorhandenen Mitteln geradlinige Kurse durchs System zu nehmen. Vergleichsweise armselige Stellartechnik. Seht ihr, da nickt ihr alle beifällig. Aus solch technologischer Rumpfzeit sind unsere Völker schon seit zahllosen Jahrhunderten raus, und mit Recht.

Wie diese Welt hieß? Lasst mich mal kurz nachdenken … ach ja, jetzt habe ich es. Erde heißt diese kleine Welt.

Doch, Erde … ernsthaft. Das war jedenfalls einer der Namen, andere bezeichneten sie als Terra oder einfach nur „Welt“ … ja, sonderlich einfallsreich waren oder besser: sind sie wohl bis heute nicht, das gebe ich sofort zu. Provinzler halt.

genau, genau, mein guter Freund … ach ja, und davon überzeugt, das einzige intelligente Volk im Kosmos zu sein, das sind sie natürlich ebenfalls. Darüber kann unsereins selbstverständlich nur vergnügt grinsen. Aber ihr müsst diese Provinzler verstehen – wenn ihr einen Molchteich in eurem Habitat hättet, würden diese Molche doch wohl auch glauben, die Welt bestünde nur aus dem Teich, in dem sie leben, oder? Wie sollten sie auf die Idee kommen, dass es weit von ihnen entfernt noch weitere Teiche oder Seen oder gar Meere gibt, in denen ganz natürlich auch Leben entstanden ist?

Also, ich kann diese Provinzler durchaus verstehen, und sie tun mir durchaus leid.

Was habe ich damals auf dieser Welt gesucht? Nun, natürlich nicht rein amouröse Abenteuer, über diese Erinnerung kam ich ja nur erst auf diesen Hinterwäldlerplaneten … nein, nein, es gab da schon einen ernsten Anlass. Ich verfolgte damals einen Tassyloorer, ein ziemlich übles, gewalttätiges Subjekt, eine richtige Verbrechertype, so müsst ihr ihn euch vorstellen. Ich hatte ihn fast schon erwischt und einen Teil seines Triebwerks geröstet, als er doch tatsächlich auf diesem Planeten Erde einen Unterschlupf suchte.

Ihr kennt Tassyloorer natürlich – heimtückische und gewalttätige Kerle … sie haben aber einen kapitalen wunden Punkt: Sie sind meistens zu faul, sich ordentlich in die kulturellen Eigenheiten einer Welt und Sozialkultur einzuarbeiten. Und da ich den Kerl, dessen Namen ich hier aus Personenschutzgründen nicht nennen darf, überrascht und bis hierher verfolgt hatte, musste er natürlich improvisieren.

Bei Tassyloorern geht das meistens schief.

Der hier war freilich äußerst gerissen, das sollte ich vielleicht vorab sagen. Ich hatte ihm aber voraus, dass ich die Erde schon ein paar Jahrzehnte kannte. Hier war ich bereits mehrmals im Undercover-Einsatz gewesen, und es gab auch eine getarnte Dienststelle in einer Stadt namens Coventry … die war allerdings aus politisch-militärischen Gründen einige Planetenjahre zuvor schwer beschädigt worden im Rahmen eines kriegerischen Konfliktes der Einheimischen.

Ein regional nahe beheimatetes Volk hatte sich zu einer kontinentalen Hegemonialmacht aufgeschwungen und Städte wie Coventry, die im Feindgebiet auf einer nahen großen Insel lagen, mit Bombardement überzogen. Die Stadt hatte es übel erwischt, und das hatte auch die Dienststelle weitgehend zerstört, die seither unterbesetzt war. Hier harrte nur noch ein Experte der Konföderation aus der Kulturabteilung aus und tat das, was die Militärs gern „die Stellung halten“ nennen. Er wartete geduldig darauf, dass den Planetariern die Puste ausging. Er wusste, diese Dinge würden nicht von Dauer sein – dafür ist die Lebenszeit der Menschen viel zu gering.

Der kriminelle Tassyloorer nahm jetzt an, nicht ganz zu Unrecht, dass in einer durch den Krieg zerrütteten Gesellschaft wohl jemand, der sich etwas … ungewöhnlich benahm, kaum auffallen würde. Es gab hier Flüchtlingsströme, Heimatlose, die ethnische Durchmischung des gesamten Kontinents war reichlich desolat, insofern hätte das durchaus funktionieren können.

Er hatte vor, aus diesem temporären Exil einen gewissen Gewinn zu schlagen, wenn er sich nun schon mal hier aufzuhalten gezwungen war. Und das ist natürlich klassisch für einen Tassyloorer. Ihr wisst, die meisten von ihnen sind galaxisweite Hehler mit Antiquitäten und exotischen Waren. Auf solchen rückständigen Welten, zumal in Kriegszeiten, geht viel verloren, das ist einfach der natürliche Lauf der Dinge … und wenn die Überwachung durch die Konföderation hier sowieso zurzeit schwach ist, dann fällt das besonders wenig auf. Diese Gedanken charakterisierten die derzeitige Situation leider sehr treffend.

Ich sagte ja, er ist nicht wirklich dämlich gewesen, nur eben nicht sonderlich gut vorbereitet. Grundsätzlich hatte er mit seinen Überlegungen also schon recht. Das erschwerte meinen Auftrag, ihn ausfindig zu machen, begreiflicherweise ziemlich.

Da Tassyloorer wie meine Spezies auch Formwandler sind, nur nicht ganz so gut in der Lage, ihre Körperkompression zu realisieren und so eine vollwertige Angleichung herzustellen, bemühte er sich nach besten Kräften, in eine akzeptable Form zu morphen. Die Terraner, wie wir die Planetarier allgemein nennen, müsst ihr euch als humanoide, zweigeschlechtliche Lebensformen vorstellen … nein, Justyraai, nicht mit Tentakeln! Was du wieder für Vorstellungen hast. Das sind doch keine Jessinda von Travehn-8! Das bringst du durcheinander … ich gebe aber zu, eine entfernte Ähnlichkeit besteht da schon.

Terraner, müsst ihr euch weiterhin denken, sind Wesen mit einem inneren Skelett, ohne Körperpanzerung und allgemein recht anfällig gegen alle möglichen Arten von physischer Gewalt. Das ist übrigens verbreiteter, als ihr vielleicht glauben mögt. Ihre Epidermis ist weich und nachgiebig. Das bedeutet, sie reagieren auch empfindlich gegenüber den Umwelteinflüssen, die dort von stark differierenden Jahreszeiten geprägt sind. Sie sind deshalb auf künstliche Häute zur Bekleidung und dergleichen angewiesen, ebenso, wie sie feste Gebäudestrukturen schaffen, in denen sie üblicherweise wohnen.

… das ist eher unpraktisch, wenn sie sich nicht eigene Gehäuse wachsen lassen können? Vilgayy, du wärst wirklich ein lausiger Undercover-Agent, das kann ich dir versichern. Mit einer solch dogmatisch-eindimensionalen Einstellung würdest du dort SOFORT auffallen.

Also, ich sollte mal weiter erzählen, sonst bringt ihr mich noch total von dem Fall weg, und dann höre ich einfach auf und verabschiede mich in meine Schlafphase … seht ihr, das wollt ihr auch nicht. Also lasst mich das erzählen. Ich war schließlich auf der Erde, ihr nicht.

Die Menschen – das ist ein alternativer Begriff für die Terraner – besitzen natürlich so etwas wie eine kulturelle Überlieferung. Sie reicht lange nicht so weit zurück wie in den meisten galaktischen Zivilisationen, umfasst aber immerhin einige Jahrtausende ihrer Planetenzeitrechnung … ich fand das immer ein wenig dünkelhaft, wenn wir auf untertechnisierte Völker herabschauten und uns wer weiß was einbildeten wegen unserer zivilisatorischen Höhe. Auch solche Vorurteile muss man in Undercover-Einsätzen natürlich abstreifen, um sich an die Gesellschaft der Zielwelt anzugleichen. Wer das nicht hinbekommt, fällt sowieso schon vor dem ersten Einsatz durch die obligatorischen Tests.

Ach, ich schweife schon wieder ab, entschuldigt … da kommen so viele Informationen wieder zutage, wenn ich an diesen verrückten Fall denke … lasst mich mal überlegen, wo ich gerade war.

Ah, bei den Terranern und ihrer kulturellen Entwicklung und Rückschau, genau.

Für die Zwecke der kulturellen Rückschau und Bewahrung der Überlieferungen der Vergangenheit richten sie, da sind sie uns in gewisser Weise durchaus ähnlich, Museen ein. Und in Kriegszeiten, das könnt ihr euch gut denken, werden solche Institutionen in der Regel selten frequentiert, weil die Menschen genug damit zu tun haben, um ihr Leben zu kämpfen, sich ihren Lebensunterhalt zu besorgen und dergleichen. In solch aufgewühlten Zeiten wird Kultur gering geschätzt, als Luxus, den man besser sicher verwahrt und wegschließt und wieder hervorholt, wenn das Leben sich etwas beruhigt hat. Das hat zur Folge, dass die Artefakte der jahrtausendealten Vergangenheit der Spezies dort in den verlassenen Museen mehr oder minder sich selbst überlassen und eher schlecht geschützt sind.

Der tassyloorische Verbrecher, dem ich auf der Spur war, suchte sich also eine Großstadt auf dieser Insel aus, in der es durch die Bombenschäden jede Menge Chaos gab, und da der Konflikt ja immer noch andauerte, herrschte hier einige Verwirrung in der Gesellschaft. Ideale Bedingungen für ihn … sicher gab es ständige Straßenkontrollen, aber da er sich in einen sehr großen Terraner männlicher Gestalt gemorpht und zudem eine amtliche Uniform als Körperoberfläche ausgebildet hatte, wurde er – wie geplant – als amtliche Vorrangperson wahrgenommen. Er hatte zuvor nach der Landung auch ein paar Soldaten ermordet und ihre Physis wie auch ihre Legitimationspapiere studiert …

…ja, ganz genau, die dann nachzubilden, stellte für ihn auch kein größeres Problem dar. Das ist ja immer die Schwierigkeit bei solchen rückständigen Welten – wenn sie mit Formwandlern wie den Tassyloorern konfrontiert werden, passieren in der Regel schlimme Dinge. Viele der irdischen Mythen über Monster und dergleichen gehen auf solche traumatischen Zwischenfälle zurück, die die Konföderation schon seit Jahrhunderten einzudämmen versucht. Ihr kennt doch die Kultursektion … die haben damit wirklich ständig zu tun. Auf ihrem Archivplaneten Hylyesch gibt es einen halben Kontinent mit Aufzeichnungen über solche kulturellen Störfälle auf unterentwickelten Welten, und das ist wirklich keine Übertreibung, ich war mal dort. Ihr könnt mir glauben – die Leute der Kultursektion sind wirklich STÄNDIG im Einsatz, auf unzähligen Welten. Da arbeiten alle möglichen Wissenschaftler: Soziologen, Historiker, Kulturanthropologen, Semiotiker, Dialektforscher, Ritenkundler … ich weiß nicht, wer noch alles. Es ist ein sehr buntscheckiger Haufen. Nach außen macht er den Anschein eines Insektenstocks von völlig disparaten Spezialisten, aber der Eindruck täuscht wirklich grundlegend.

Ich muss sagen, mit den Leuten von Kultur arbeitete ich damals wirklich gern zusammen. Das sind zumeist sehr versierte Kulturforscher, die sich energisch darum bemühen, vom Verschwinden bedrohte Subkulturen solcher Welten zu archivieren. Einer von ihnen … ich darf seinen Namen aus begreiflichen Gründen nicht nennen, da er immer noch im Dienst ist … also, dieser Kollege von Kultur rettete mir bei diesem Einsatz das Leben.

…wie das kam? Ah, das ist diese witzige Sache, auf die ihr mich da gebracht habt. Und deshalb ist es vielleicht ganz nett, dass ich so auf eure Anfangsfrage tatsächlich mit diesem Einsatz eine Antwort geben kann.

Also, das alles lief folgendermaßen ab …

*

Ich war dem Tassyloorer auf die Erde gefolgt und hatte kurz vor Atmosphäreneintritt seinen Frachter leicht beschädigt. Dann verschwand er leider von meinen Kontrollschirmen im Gewimmel eines Luftangriffs … und während er darin ungeniert untertauchte, musste ich an meine Tarnung denken und an das Minimalhandlungsgebot. Ihr wisst, wie leicht unterentwickelte Völker zu verschrecken sind durch Erstkontakte. Bei manchen Welten führt das zur ungeplanten Entwicklung von Götterkulten, Völkermorden und ähnlich grässlichen Dingen … aus diesem Kulturstadium waren die Terraner zwar heraus, aber ich konnte mir lebhaft vorstellen, dass meine Jagd auf den Verbrecher empfindlich gestört werden würde, wenn ich nicht inkognito agieren könnte.

Also kontaktierte ich den Kultur-Agenten in Coventry und brachte meine Landekapsel dort unter. Dank seiner und meiner eigenen Kenntnisse konnte ich einen Morphkokon erschaffen, aus dem ich nach wenigen Stunden in einer akzeptablen terranischen Gestalt schlüpfte. Im Gegensatz zu meinem Feind beging ich nicht den Fehler, meine Haut zum Teil der Bekleidung zu machen …

Wieso das ein Fehler ist? Mein lieber Justyraai, ich dachte, das sei elementar. Wenn ein Formwandler in eine Gefechtssituation gerät, ist es für die Tarnung absolut essenziell, wenn sich nicht die Bekleidung – in diesem Fall die Haut – automatisch in den Vorzustand morpht. Solche Bekleidung gibt es auf Terra nicht. Der Formwandler wäre auf der Stelle enttarnt. Der Tassyloorer hatte das nicht bedacht, aber er war ein vorsichtiger Kerl und dachte sich zweifellos, von solchen Gefahren Abstand zu halten … ich möchte hier noch mal betonen: man kann ihn nicht als dumm bezeichnen, nicht im originären Wortsinne. Ein zwar durchtriebener, heimtückischer und gefährlicher Schurke, der nicht zu unterschätzen ist, aber auf der anderen Seite gewisse … sagen wir … kulturelle Defizite aufwies, die ihn dann letztlich zu Fall brachten … ja, ja, ich komme dazu noch.

Also, ich orientierte mich über die aktuelle Gefahrenlage und erkannte relativ schnell, dass der Tassyloorer, während er sich auf der Erde aufhielt, ohne Frage die Gelegenheit nutzen würde, im allgemeinen Chaos Antiquitäten an sich zu bringen und in seinen Laderäumen zu verstauen. Da ich einen Teil seines Antriebs beschädigt hatte, brauchte er darüber hinaus noch gewisse Vorräte an Gold, Platin und Palladium, um den Schaden zu beheben – alles Dinge, die man leider in einem Museum zuhauf finden kann.

Ihr müsst euch die terranischen Museen beinahe so vorstellen wie wunderbare Selbstbedienungsläden für einen Tassyloorer in einer derartigen Situation. Da der Planet zudem über einen klaren Tag-Nacht-Rhythmus verfügt und die Menschen dort in der Regel nicht nachtaktiv sind, lag es für mich nahe, dass er die planetare Nacht für seine Raubzüge aussuchen würde.

Ebenfalls schloss ich, und der Kultur-Agent sah das ganz genauso, dass er sich nicht mit vielen verschiedenen Museen befassen würde, sondern eine sehr große Institution wählen dürfte, in der er sich lange aufhalten und alle vorbereitenden Maßnahmen treffen konnte. Das schränkte erfreulicherweise für uns die möglichen Orte sehr schön ein, die für seinen Aufenthaltsort in Frage kamen.

Was mein Feind nicht ahnte, das war, dass ich technisch natürlich nicht vollkommen unterbelichtet war – zu dem Kultur-Stützpunkt in Coventry gehörten Partikelmessinstrumente, die hier in der Regel eingesetzt wurden, um die regionale Herkunft mineralischer Bestandteile kultureller Artefakte einzugrenzen … ja, das mag für uns eine Selbstverständlichkeit sein, aber ihr könnt mir glauben, Freunde, für die Terraner galt das keineswegs. Nicht zu dieser Zeit jedenfalls. Sie hatten diese Analysemethoden noch nicht entwickelt und arbeiteten tatsächlich mit stilistischen Abgleichstabellen etwa von gebrannter Gebrauchskeramik und dergleichen …

Sagt nichts über diese unterentwickelten Methoden! Wir waren vor vielen Jahrtausenden, ehe wir der Konföderation beitraten, auch nicht sehr viel besser, und kultureller Dünkel schickt sich für uns nun wirklich gar nicht! Ich möchte das nicht noch einmal wiederholen, Freunde!

Der Nachteil des hiesigen technischen Equipments des Coventry-Stützpunktes bestand darin, dass die Reichweite der tragbaren Messgeräte sehr eng begrenzt war. Ich würde mich also dicht am Ziel befinden müssen, um den Räuber ausfindig zu machen.

Also legte ich mir eine Karte potenzieller Ziele im dichten Radius um das Gebiet an, in dem das Tassyloorer-Frachtschiff gelandet sein musste. Durch den Kultur-Spezialisten bekam ich als vermeintlicher Kulturschutz-Experte Kontakt mit einer menschlichen Organisation, die sich auch in Kriegszeiten um die Erhaltung von regionalen Kulturgütern, Museumsauslagerungen und dergleichen kümmerte. So lernte ich eine wirklich – für irdische Verhältnisse natürlich – hübsche Historikerin namens Helen kenne. Eine äußerst leidenschaftliche Frau ihrer Spezies … wir hatten in den darauf folgenden Nächten wirklich viel Spaß …

Nein, ihr Ghuschels, mehr sage ich dazu nicht! Was ihr wieder für unmoralische Gedanken hegt. Demnächst fragt ihr noch, ob wir gemeinsame Gelege angeordnet haben … also bitte! Bleibt bei der Sache!

Das Amüsement war natürlich nicht der einzige Grund für mein diesbezügliches Engagement. Helen hatte solide Kontakte in die lokale Kulturszene und zu den Kuratoren der Museen im meinem Suchradius … und ich bekam rasch heraus, dass sich hier ein neuer Offizier etabliert hatte, der über seltsam schroffe Manieren verfügte und auf der Suche nach Verzeichnissen insbesondere hinsichtlich der Edelmetallartefakte in den Museen war.

Helen fürchtete, er wolle diese Verzeichnisse, um die Metalle für Kriegszwecke zu systematisieren und sie anschließend zum Einzuschmelzen herauszugeben … es hatte derlei Vorfälle in einem früheren Konflikt mit Kirchenglocken gegeben …

Was Kirchenglocken sind? Ach, stellt sie euch wie große Versionen der Tempel-Hallkörper von Sharidoon vor, das kommt dem durchaus nahe. In diesem früheren Konflikt, der mit Unmengen von Artilleriegranaten ausgefochten worden war, fanden regelmäßige Sammlungen von zivilen Metallen statt, und die Kirchenglocken enthielten große Mengen davon. Viele von ihnen wurden damals tatsächlich für Kriegszwecke eingeschmolzen. Helens Befürchtungen klangen also durchaus stichhaltig.

Ich ahnte freilich, dass dieser Offizier mein gesuchter Tassyloorer war. Seine ungehobelten Manieren stellten gewissermaßen das letzte Indiz dar – sie geben sich üblicherweise nicht sehr viel Mühe, kulturelle und soziologische Details zu erlernen, weil sie das für Zeitvergeudung halten. Dass sie sich so umso verdächtiger machen, hat auch mein Verbrecher nicht begriffen. Bei aller sonstigen Gerissenheit war er diesbezüglich doch ein wenig unterbelichtet. Nun, im Laufe weniger Tage vermochte ich also dank Helens Angaben das Zielgebiet auf eine Großstadt einzugrenzen, dann auf ein Stadtviertel und schließlich auf ein Museum.

Tja, und dann beging ich den entscheidenden Fehler – zu selbstsicher machte ich mich auf die Suche, ohne meinen Kultur-Agenten davon in Kenntnis zu setzen. Das wäre um einen Tentakel mein letztes Abenteuer gewesen, sage ich euch …

Ja, ich fand das Museum, mitten in der Nacht, während draußen alles wegen Bomberalarm verdunkelt war. Und ich fand auch den Tassyloorer. Das Messgerät zeigte unzweideutig entsprechende Partikelsignaturen, die mir signalisierten, dass er hier aktiv war. Also plante ich eine schnelle Überrumpelung.

Es war Nacht, wie gesagt, das Museum planmäßig geschlossen, niemand außer ihm und mir darin … so nahm ich das jedenfalls an. Und ich ging davon aus, dass er sich wohl höchst sicher fühlen würde und nicht im Traum damit rechnete, ich könne ihn hier ausfindig machen.

Nun, und das Nächste, was ich wahrnahm, als ich durch die dunklen Hallen des Museums schlich, auf der Suche nach meinem Gegner, das war ein widerwärtiges Nervenprickeln, als ich in eine automatische Paralysefalle lief und hellwach, aber vollständig gelähmt lautstark zusammenbrach.

*

Dumm gelaufen? Das kann man wohl so sagen.

Wäre mein Feind nicht so höhnisch-selbstsicher gewesen, hätten die nächsten Minuten mein sofortiges Ende eingeleitet, und ich säße heute nicht in meinem behaglichen Seniorenrondell hier und könnte euch all das nicht mehr erzählen. Und dabei kommt das Witzigste erst noch, wartet es nur ab. In dem Augenblick war rein gar nichts davon witzig, das könnt ihr mir aber glauben!

Also, ich lag da vielleicht ein paar Minuten, als der Tassyloorer auftauchte. Er war natürlich durch die Falle automatisch benachrichtigt worden. Ich schätze, wäre es einfach ein Mensch gewesen, der sie auslöste, beispielsweise ein Nachtwächter, dann hätte er ihn kurzerhand umgebracht … aber seine feinen olfaktorischen Sinne zeigten ihm sehr schnell, wer ich wirklich war. Ich erinnere mich nicht mehr so genau an seine Bemerkungen, aber so in etwa muss das damals abgelaufen sein:

‚Na, da haben wir ja den heimtückischen Polizisten, der mein Schiff angeschossen hat, damit ich auf dieser rückständigen Staubkugel stranden musste … das geschieht dir wirklich recht … mich zu unterschätzen, das passt mir sehr gut ins Konzept. Du musst nämlich wissen, dass ich nicht nur ein Gestrandeter bin, du hast mich hier auch direkt in eine schöne Fundgrube von Kostbarkeiten gelenkt, die ein Vermögen einbringen werden, wenn ich sie auf dem galaktischen Basar verhökere …‘

Und so weiter und so fort schwadronierte er, und während er das tat, packte er meine Beine und schleifte mich von der Falle fort durch die Säle des Museums, vorbei an gläsernen Vitrinen, in denen allerlei Relikte der irdischen Vergangenheit ausgestellt waren. Für die lokalen Verhältnisse war das wirklich ein sehr beeindruckendes Museum, und in Friedenszeiten hätte ich es wirklich gern besucht … so kam es mir natürlich eher vor, als wären die letzten Minuten meines Lebens begonnen. Da hat man für solche Feinheiten eher wenig Konzentration übrig.

Wir kamen schließlich in einen Saal, in dem steinerne Särge positioniert waren, dazu mächtige Steinfiguren, die an den Wänden auf uns herabblickten, und in gläsernen Vitrinen erblickte ich allen Ernstes Mumien … ja, ja, genau das, was ihr denkt: ausgetrocknete, in Bandagen gewickelte tote Planetarier, die hier zur Schau gestellt wurden.

Ich weiß, auf Ryxon tut man das auch, aber da ist das Teil des traditionellen Ahnenkultes. Das hier auf der Erde war durchaus etwas anderes. Da waren diese Toten vergangener Jahrtausende einfach Schauobjekte, da gab es keine Ahnenverehrung oder Anbetung oder dergleichen …

Hier lehnte mich der Tassyloorer im steifen Zustand an die Wand und legte mir einen Teilstasisring an … selbst wenn also die Paralyse nachließ, würde ich außerstande sein, zu flüchten oder mich sonst irgendwie gegen etwas zu wehren, was er gegen mich im Sinne hatte … zu sagen, dass die Lage brenzlig war, das wäre eindeutig eine Untertreibung.

Ich ahnte deutlich, dass er nicht vorhatte, mich lebend entkommen zu lassen.

Er war, während er in seiner breitschultrigen, ungeschlachten Menschengestalt, die Helens Schilderungen wirklich sehr nahe kam, aber schon ein wenig schwammig in Auflösung begriffen war, gegenwärtig dabei, Schmuckgegenstände mit einem Mikrofusionsofen temperaturneutral nach außen einzuschmelzen. Ich konnte von meinem Standort aus deutlich die verschiedenen Prozentzahlen der relevanten Materialien auf den Displays sehen.

Er hatte inzwischen schon einen Grad von mehr als 60 % erreicht, was mir signalisierte, dass er womöglich noch in dieser Nacht in die Lage versetzt werden könnte, alle relevanten Materialien zu gewinnen, die er für die Reparatur des Schiffes brauchte. Wenn ihm das gelang, würde er mich umbringen, den Laderaum mit Antiquitäten vollladen und das Weite suchen.

Ich fragte mich, warum er mich noch am Leben ließ, und das geht euch vermutlich auch so, oder? … na, habe ich das doch geahnt.

Also, das hatte folgenden Grund: Der Verbrecher wusste, dass ich irgendwo auf der Welt einen Stützpunkt aufgesucht hatte. Und er mutmaßte, ich hätte dort das Emissionsspektrum seines Schiffes hinterlassen – etwas, was er natürlich unbedingt ändern musste. Andernfalls würden die Patrouillenschiffe der Konföderation sich unverzüglich an seine Fersen heften.

Da er nicht über die Kenntnisse und technischen Möglichkeiten verfügte, hier auf der Erde das Spektrum zu ändern – ihr wisst, das ist eine ziemlich knifflige, hochtechnische Angelegenheit, und so versiert war er nun wirklich nicht – , deshalb spekulierte er auf eine andere Möglichkeit.

Als ich wieder zu sprechen imstande war, machte er mir das auch klar.

Er werde mich am Leben lassen, behauptete er, wenn ich dafür Sorge trüge, dass im Stützpunkt das Spektrum gelöscht werde.

Ich wollte wissen, wie ich denn wohl meinen Kontaktmann kontaktieren solle, ohne dass er Gefahr liefe, damit geortet zu werden. Denn das würde unzweifelhaft geschehen, wenn mein Kommunikator aktiviert würde.

Nein, nein, so dämlich sei er dann doch nicht, lachte er. Und dann tauchte ein wirklich unausrottbares Vorurteil auf, das ihn letzten Endes zu Fall brachte … ihr müsst wissen, Tassyloorer sind von ihrer Volkspsychologie eher schlicht gestrickt. Sie nehmen in der Regel an, dass die Angehörigen anderer Völker, gerade in Behörden und subalternen Posten so bestechlich und käuflich sind, wie sie das von ihrer eigenen Bürokratie kennen. Tassyloorer rangieren nicht umsonst sehr weit hinten auf dem galaktischen Korruptionsindex … man biete einem unterbezahlten Tassyloorer einen unübersehbaren Vorteil, dann wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Clan, vielleicht sogar sein eigenes Gelege verraten und verkaufen, nur um einen gewissen Vorteil zu erhaschen …

Nun, und jetzt ging er also davon aus, dass die Kultur-Sektion natürlich ähnlich gestrickt sei. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es so etwas wie kulturanthropologische Idealisten gibt, die sich an einer unterentwickelten Kultur nicht insgeheim bereichern wollen, sondern die ein tatsächliches, ehrliches Interesse daran haben. Sie denken mehrheitlich wirklich ungemein monetär, und genau das drückte er nun auch aus.

Er war der zuversichtlichen Ansicht, dass man dem Kultur-Agenten nur ein entsprechendes Antiquitäten-Angebot machen müsse, damit er – unabhängig von mir – das Spektrum lösche und so ein Vorteil für beide Seiten entstünde. Der Kultur-Agent würde schön daran verdienen, und er selbst, der tassyloorische Verbrecher, könne sein Raumschiff beladen und ungehindert den Planeten verlassen.

Der einzige, der dabei höchstwahrscheinlich verlieren würde, wäre wohl ich.

Ihr versteht, dass mir diese Idee nicht wirklich zusagte.

Aber nein, beteuerte der Tassyloorer treuherzig – habt ihr mal einen echt aufrichtig treuherzigen Tassyloorer gesehen? Würde mich auch wundern. Glaubt mir, es gibt sie nicht. Im einen Moment schwören sie, sie seien eure besten Freunde, und kaum wendet ihr ihnen den Rücken zu, tranchieren sie euch von hinten … ich hatte also nicht einen Moment lang das Gefühl, dass er die Wahrheit sprach.

Aber er verwendete eine Menge Worte darauf, das könnt ihr mir glauben.

Er meinte, nein, natürlich würde ich ein wenig „beschädigt“ werden müssen, damit ich für ein paar Jahre hier auf diesem Planeten festhänge. Aber ich sei ja wie er ein Formwandler, das würde mich also nicht lebensgefährlich verletzen. Wichtig sei ihm nur, dass entsprechender Abstand zwischen ihn und mich gelegt würde … und so weiter und so fort.

Ich glaubte ihm, wie gesagt, kein Wort.

Mir war ziemlich klar, dass ich so gut wie tot sein würde, wenn ich auf diese Offerte einging. Dummerweise sah die Alternative noch düsterer aus: Dann würde er mich nämlich gleich umbringen.

Ich musste also auf Zeit spielen.

Also entschied ich mich dafür, mal so zu tun, als ob er die Wahrheit über die Motivation unseres hiesigen Kultur-Agenten zutreffend erfasst hätte. Ich spielte den Zerknirschten und gestand zögernd ein, ja, vermutlich hätte er wohl die Psyche unseres Kultur-Agenten korrekt eingeschätzt, leider, das wäre im Grunde genommen ein gut gehütetes Geheimnis und so weiter … er sei hier auf der Erde insbesondere deshalb im Einsatz, weil es hier ganz besondere kulturelle Artefakte gäbe.

Ah, ihr könnt euch vorstellen, wie hellhörig er da wurde, nicht wahr? Soweit verfing meine Strategie also schon mal. Der Tassyloorer fragte weiter nach. Was das denn für „besondere kulturelle Artefakten“ im Speziellen seien wollte er wisse.

Ich zierte mich, zögerte und wand mich, weil ich es ihm erstens nicht so leicht machen wollte – dann hätte er mich vielleicht ja durchschaut – , zum anderen auch, um weiter auf Zeit zu spielen. Denn vielleicht, so hoffte ich insgeheim, würde mir noch eine bessere Methode einfallen, mein Leben zu retten.

Zu meinem Pech fiel mir nichts Klügeres ein.

Also musste ich den anfänglichen Plan weiter verfolgen. Als der Tassyloorer also weiter insistierte, erklärte ich kleinlaut, dass diese Artefakte, die auf seiner Heimatwelt sehr geschätzt seien, hier auf der Erde eher weniger gelten würde. Dennoch sei deren Import auf der Heimatwelt des Kultur-Agenten streng verboten. Vor allen Dingen aus religiösen wie hygienischen Gründen sei das strikt untersagt. Wahrscheinlich – aber das könne ich nur vermuten – habe er noch keine Möglichkeit gefunden, diese Artefakte aus einem Museum wie diesem zu entfernen.

‚Warum nicht? Ich denke, er ist sicherlich auch ein Formwandler?‘

Ja, gab ich zu, das stimme natürlich. Aber es sei wirklich nicht so leicht. Das hänge von der Struktur der Artefakte und ihrer unwandelbaren Größe ab. Es ginge hier schließlich nicht um Schmuckgegenstände oder dergleichen, die man einfach in die Tasche stecken könne …

‚Was ist das denn für eine Artefaktklasse, die hier in Frage käme?‘, wollte er neugierig wissen. Es war unübersehbar, dass er angebissen hatte und meinen zögernden, widerwilligen Worten zunehmend Glauben schenkte.

Ich nickte mit meinem Kopf zu einer benachbarten Vitrine hinüber und amüsierte mich insgeheim, dass der Tassyloorer völlig fassungslos in dieselbe Richtung stierte und einfach ganz perplex war.

In der Vitrine stand eine vertrocknete, bandagierte Mumie – also die jahrtausendealte Leiche eines Planetariers!

*

Ich gebe zu, es war nicht einfach, ihn davon zu überzeugen, dass es tatsächlich der sehnlichste Wunsch des Kultur-Agenten sein sollte, ausgetrocknete Menschenleichen von der Erde fortzuschmuggeln. Es klang wirklich gar zu abenteuerlich … aber schlussendlich gelang es mir doch.

Er entschied zwar, dass der Kultur-Agent wirklich völlig verblödet sein müsse und eine ziemlich morbide Form von Kulturguteinschätzung besitze, aber ja … insgeheim schien er den Kultur-Agenten summarisch solche Absonderlichkeiten durchaus zuzutrauen. Ich sagte ja – kulturelle Vorurteile sind manchmal von entschiedenem Nachteil, das gilt auch in diesem Fall.

Ungeachtet seiner Skepsis öffnete er nun also diese Vitrine und hob mit seiner unmenschlichen Stärke, mit der er jeden Menschen in Windeseile in Stücke geschlagen hätte, die Mumie heraus und forderte mich dann auf, ich solle ihm Transmat-Koordinaten nennen, wohin er diese Mumie schicken solle. Sie würde als Medium der Informationsübermittlung dienen, sozusagen als „Vorschuss“ an den vermeintlich bestechlichen Agenten. Er legte der vertrockneten Leiche zugleich ein Info-Armband an mit seinen entsprechenden Forderungen.

Die Mumie sei, so sagte er, als Bezahlung gedacht, und auf diese Weise solle sichergestellt werden, dass die technischen Daten seines Schiffes umgehend gelöscht würden. Dann würde ich hier freikommen, „ein wenig zurechtgestutzt, aber lebendig“, und anschließend würde er sich von diesem Planeten entfernen und nie zurückkehren. Über das kleine Geschäft werde niemand ein Wort verlieren, darauf schwöre er bei seiner Ehre.

Nun, dachte ich bei mir, Ganoven wie er haben keine Ehre, also ist ihr Ehrenwort auch nichts wert. Aber auf der anderen Seite wusste ich, dass unser Kultur-Agent in Coventry nicht auf den Kopf gefallen war.

Er würde dieses unmoralische Angebot durchschauen … und mehr noch. Aber davon erzählte ich dem Tassyloorer natürlich nichts.

Ich erwähnte doch, dass er sich insbesondere aufgrund der Tatsache, dass er hier eher ungeplant notlanden musste, keine sonderliche Kenntnis der irdischen Geschichte besaß, nicht wahr? Das war für das weitere Geschehen von zentraler Bedeutung.

Natürlich war die Sache riskant. Der Verbrecher konnte mich schließlich gleich verstümmeln, sobald die Mumie weg war … aber ich ging davon aus, dass er damit noch warten würde. Die Synthese der Metalle war erst bei 79 %, er würde also wenigstens noch eine Stunde benötigen.

Ich wusste auch, dass das Transmat-Informationsband automatisch zurückkehren würde. Es verfügte aber zweifellos über einen hochverschlüsselten Transitalgorithmus, würde darum nicht zurückzuverfolgen sein. Wie gesagt, der Tassyloorer war vielleicht ein wenig simpel gestrickt, aber absolut nicht dumm oder sonst irgendwie zu unterschätzen.

Ich gab dem Verbrecher also den Code der Coventry-Basis und ging damit ein kalkuliertes, unumgängliches Risiko ein. Wenig später verschwand die Mumie aus dem Museumssaal und übermittelte die Botschaft an den vermeintlich käuflichen Kultur-Agenten, der natürlich nicht käuflich war.

‚Na, ich wusste doch, wir würden alle vernünftig sein … jetzt wird sich hier alles zum Besseren wenden …‘, meinte er zu mir und wähnte sich schon als großer Sieger.

Auf ironische Weise behielt er sogar Recht.

Als ihn dann allerdings anderthalb Stunden später der Kultur-Agent und eine Gruppe von Demobilisierungsrobotern im Museum aufspürten und schockparalysierten, war er ohne Zweifel vollkommen überrumpelt. Das hätte er für völlig unmöglich gehalten, für Zauberei womöglich.

Er hat vermutlich bis zu seiner bald darauf erfolgenden Deportation von der Erde nicht begriffen, dass es die Mumie, war, die seinen Meisterplan grandios zum Scheitern brachte.

Wie meinte doch mein Freund, der Kultur-Agent, anschließend grinsend? Das werde ich nie vergessen: „Die meisten dummen Leute unterschätzen den Wert der Kultur. Und besonders glauben sie, dass die Toten nichts von Interesse verraten können … aber in diesem Fall war genau der Tote der Schlüssel für den Erfolg.“

*

Verzeiht, dass ich so herzhaft lachen muss … aber ihr müsstet mal eure Mienen sehen, Freunde! Fast genauso hat damals dieser dämliche Tassyloorer geschaut, als er paralysiert wurde. Er begriff rein gar nichts.

Was hatte er falsch gemacht? Der Plan schien doch wasserdicht zu sein, nicht wahr?

Nun, das sah auf den ersten Blick jedenfalls so aus … aber der Teufel lag im Detail, wie so oft.

Seht ihr, der Schlüssel ist das Verständnis der einheimischen Kultur.

Ich erwähnte, dass der Kultur-Agent sich hier schon geraume Zeit aufhielt und gut auskannte. Und besonders gut wusste er selbstverständlich über die Museen Bescheid. Als er nun unvermittelt in seinen Stützpunkt eine Mumie transmittiert bekam mit einer entsprechenden kompromittierenden Botschaft des Verbrechers, da wirkten verschiedene Elemente zusammen.

Zum einen verfügte er über eine völlig anders geartete mentale Disposition, was seinen irdischen Auftrag anging. Entgegen den Vorurteilen des Tassyloorers war er durchaus kein korruptes, raffgieriges Wesen, sondern ernsthaft am Erhalt der irdischen Kultur interessiert. Ein Idealist, wie er im Buche steht.

Zum zweiten konnte man ihn deshalb natürlich nicht mit einer Mumie bestechen … das, was ich mir vermeintlich von der Seele schwer abgerungen hatte, stellte nichts als einen Akt der Täuschung dar. Eine Projektion der raffgierigen tassyloorischen Seele auf meinen Freund, den Kultur-Agenten.

Drittens, und das erwies sich dann als wirklich entscheidend, vermochte der Verbrecher Mumien nicht voneinander zu unterscheiden. Mir – und natürlich erst recht meinem Freund – war hingegen selbstverständlich klar, dass diese Toten nicht irgendwelche Leichen waren, sondern hochrangige Tote. Priester und Könige. Und es gab reichhaltige fotografische Literatur zu diesen Mumien. Alles, was mein Freund also in Coventry zu tun hatte, bestand darin, entsprechend den Ort ausfindig zu machen, an dem exakt diese Mumie in einem lokalen Museum ausgestellt war … was nun wirklich keine Zauberei darstellte und sehr rasch möglich wurde.

Sich dann sofort in Bewegung zu setzen und den Ort des Geschehens aufzusuchen, um den Verbrecher unschädlich zu machen, das stellte einfach den logischen nächsten Schritt dar.

So kam ich mit dem Leben davon, die Plünderung der Erdmuseen durch den Tassyloorer wurde unterbunden und er selbst seiner gerechten Strafe zugeführt. Ich glaube, er sitzt auf der Gefängniswelt Ishaal immer noch ein, vermutlich bis zum Ende seines Lebens. Von einem so schönen Rondell wie diesem hier kann er da aber nur träumen.

… so, Freunde, und nun habe ich mich müde geredet und möchte mich gern in meine Schlafschote zurückziehen. Ihr habt eure Geschichte gehabt … mehr erzähle ich heute mehr. Schaut einfach übermorgen wieder vorbei, vielleicht gibt es dann in der Kantine auch wieder die frischen Maden, die heute schon aus waren, als wir es dorthin schafften …

ENDE

© 2024 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 1. März 2024

Leseskript für BS KUNST (15. Juni 2025)