Der stämmige Mann wurde durch den fellbesetzten Anorak noch dicker und fülliger gemacht. Mit heftigem Schnaufen bückte er sich und schloss die Riemen seiner Schnürstiefel, ebenfalls dick gefüttert. Sein Gesicht war hochrot, weil die Temperaturen hier einfach viel zu hoch waren für die Kleidung.
Das Thermometer, das er gegenüber dem Ausstieg angebracht hatte, um zu sehen, wie hoch der Temperaturunterschied war, zeigte einundzwanzig Grad an. Plusgrade.
„Gleich werde ich jeden Millimeter Schutzkleidung brauchen“, murmelte er.
„Edgaaaar?“
Der schriller werdende Ruf seiner nörgelnden, aufgeschwemmten Frau aus dem Wohnzimmer, wo sie sich gerade den 2287. Tag der Truman-Show ansah, störte ihn und fuhr Edgar Eldridge unter die Haut. Sie war schuld. Er wusste, dass sie schuld war. Natürlich sah sie das ganz anders …
„Edgaaaaaaaar? Sag doch was!“
„Ja, Henny …“
„Edgaaaaaaaaaar …?“
„JA, HENNY!“, brüllte er zurück. Offensichtlich brauchte sie doch bald ein Hörgerät.
„Ah, du bist noch nicht weg …“, brabbelte sie, zwei Raumecken von ihm entfernt. Er hörte ihre Stimme wie aus dem Fernsehen. „Bring doch bitte von den Nackenstücken welche mit, ja? Zwei Stück.“
„WOHIN HAST DU DIE GELEGT?“
„Wohin? Ach, wohin … ich glaube, in das dritte Fach. Das macht doch keine Umstände, oder?“
‚Sie glaubt wohl, ich bin gerne Bergsteiger, was?’, kochte Edgar zornig vor sich hin, dem nun vor Wut noch weitaus heißer wurde als überhaupt schon.
„Und beeil dich …!“, schickte Henny ihm noch hinterher.
Er wünschte sich, der Blitz würde aus dem Trividbildschirm fahren und sie auf der Stelle rösten, ohne Mikrowelle und alles andere neumodische technische Gerät. Je neuer die Dinge waren, desto schlimmer wurden sie.
Während er sich auf den Weg zur Küche machte, dachte er zum wiederholten Mal darüber nach, wie das damals gewesen war, als der APPARAT ins Haus geliefert wurde …
*
„Aber nein, Mr. Eldridge, ich bitte Sie, das ist doch alles ganz kinderleicht und VOLLKOMMEN unproblematisch!“ Der Vertreter, der seinen Katalog aufgeblättert hatte, sah aus wie einer von den Playboys, die in diversen Fernsehfilmen immer die Frauen reihenweise um die Finger wickelten: mit einem straffen, kräftigen und starken Körper, makellos sonnengebräunter Haut, einem wahrscheinlich kosmetisch gelifteten, unglaublich ausdrucksstarken Gesicht und stählern wirkenden Augen. Sein Lächeln, das perlweiße Zähne voller Jugendlichkeit und Bissfestigkeit entblößte, war so überzeugend wie wahrscheinlich falsch. Henny hing fast abgöttisch an diesem Gesicht und hätte jedes seiner Worte für eine überirdische Offenbarung genommen.
Ergänzt wurde die Erscheinung durch perfekt gestyltes, modisch kurzes dunkles Haar und todschicke Designerklamotten, die gerade up to date waren, genau wie die Jesuslatschen, durch die diese sündhaftteuren weißen Tennissocken hindurchschimmerten. Die halbe Welt lief heutzutage damit herum. Der Hersteller schien die weltweite Lizenz zuhaben. Vielleicht, weil eine Trainingsgruppe in der Truman-Show damit herumgelaufen war … das prägte die Menschheit …
Der Vertreter, dessen Namen sich Edgar sinnvollerweise nicht gemerkt hatte (er war der Auffassung, dass diese Namen gewechselt wurden wie die Kleidung und der Modestil allgemein, wenn es also nicht mehr opportun war, Smith zu heißen, dann hieß man stattdessen eben Riley oder Edwards oder Jackson oder so – wozu sich dann noch Namen merken?), trug eine Mappe bei sich, die einem Telefonbuch alle Ehre gemacht hätte – dem Telefonbuch von New York City vor der Digitalisierung der Telefonbücher! In dieser Mappe standen die „technischen Daten“ plus Skizzen.
Die Skizzen waren schlichtweg erschreckend. Sie sahen aus wie eine Mischung von surrealer Kunst und Schaltplänen. Wenn er hinschaute, tat schon das Ansehen weh. Deshalb hatte er gefragt.
„Nein, Mr. Eldridge, sehen Sie, hätte unser Firma jemals ZWÖLFTAUSEND Apparate verkaufen können, wenn sie nicht in Ordnung wären? Das glauben Sie doch selbst nicht, nicht wahr? Haha …“
„Haha“, machte Henny blöde und grinste.
Edgar kam sich seltsam vor. „Aber … nun, ERKLÄREN Sie das Ding doch mal“, bat er.
„Schauen Sie, das ist hier wie mit Ihrem Auto …“
„Mit MEINEM Auto?“, wollte Edgar wissen.
„Was ist mit dem Ford?“, wollte Henny wissen.
„Nun, nichts natürlich. Aber VERSTEHEN Sie, wie das Auto funktioniert?“, wollte der smarte Vertreter erfahren.
„Hören Sie, wenn das jetzt eine dumme Unterstellung ist …“, setzte der etwas ältliche, 45jährige Edgar Eldridge leicht drohenden Untertones an.
„Jawohl, mein Mann hat den Führerschein, schon seit über zwanzig Jahren. Er ist ein sicherer Fahrer! Sie sollten nicht mit solchen komischen Unterstellungen kommen, wenn Sie Ihr Geschäft mit uns abschließen möchten, ja?“
Edgar tätschelte die Hand seiner früher recht reizvollen blonden Frau, die inzwischen aber reichlich aufgequollen war. Er wusste, dass sie zu ganzen Kaskaden von Worten fähig war, wenn man sie erst mal auf die Palme brachte. Der letzte Wutausbruch hatte ungelogen fast anderthalb Stunden gedauert, in denen Edgar keinen Satz herausbekommen hatte, weil ihn Hennys Maschinengewehrsätze niedermähten. Und schließlich fragte sie auch noch, ob er das absichtlich mache: einfach so stur zu schweigen …!
„Nein, Ma’am, natürlich möchte ich hier NICHTS unterstellen“, versicherte der sonnengebräunte Mann, dem irgendwie warm zu werden schien. Schlecht für das Produkt, das er verkaufte. Vielleicht hätte er ein Exemplar mitbringen sollen …? „Was ich etwas ungeschickt zu sagen versuchte, ist folgendes: jedermann, ich natürlich auch, hat eine Reihe technischer Geräte im Haushalt, deren Funktion er nicht versteht. Er weiß, wo die Schalter sind, wie man sie in Betrieb nimmt, aber wenn man ihn nötigen würde, das Gerät auseinander zu nehmen und wieder zusammenzubauen, würden wir alle zurückschrecken. Das ist mit unserem Apparat genauso. Aber hier sind wir natürlich so ehrlich, zu sagen, dass Wartungen von unserem automatischen Wartungsdienst wahrgenommen werden. Die gehören fest zum Service und sind absolut unentgeltlich.
Freilich möchte ich auch anmerken, dass bislang noch keine Reparaturen notwendig wurden. Die Vierdimensionalität unseres Apparates lässt sich nicht recht erklären, dafür braucht man schon gute Physiker … doch vertrauen Sie mir! Tausende von Käufern können nicht irren. Diese vierdimensionale Raumzeitschleife im Apparat erzeugt sich ausdehnenden Raum. Momentan ist der Schrank zwar groß, aber er wird nie mehr erweitert werden müssen. DAS tut er von selbst.“
„Ich habe das immer noch nicht begriffen … soll das heißen, das Ding wird dicker wie eine Tüte Milch, die gärt?“, wollte Edgar wissen.
„Edgar! Sei nicht immer so vulgär!“, fauchte Henny. „Natürlich ist das NICHT der Fall. Der SCHRANK wird nicht AUFQUELLEN! Nicht wahr?“, meinte sie weiter mit einem Blick auf den Vertreter, der nun wieder sein strahlendes Lächeln auflegte, für das er fast einen Waffenschein benötigt hätte.
„Nein, natürlich nicht“, versicherte er treuherzig. „Er wächst nach INNEN …“
„Zu HENDERSONS rüber? Oh Gott …!“
„Nicht zu den Nachbarn, Mr. Eldridge. Er wächst … nun, sozusagen in eine ANDERE DIMENSION hinüber. Sie gewinnen dadurch eine Menge mehr Platz. Dagegen sehen bald selbst die Kühltruhen von BOSTON’S lächerlich aus.“
„Aber der Apparat sieht so KLEIN aus …“
Der Vertreter gab es auf, ihnen erklären zu wollen, wie der Apparat funktionierte. „Sehen Sie, wir machen es einfach so: wir bringen ihn vorbei und schließen ihn an. Sie unterschreiben nur die Bestätigungsquittung bei Erhalt, einverstanden?“
Und so war es dann auch.
*
‚Er hat uns über den Tisch gezogen’, grollte Edgar Eldridge, während er sich schwitzend in der Küche vorarbeitete, wo neuerdings der Ständer mit den Gasdruckgewehren, den Peitschen und den Atemschutzgeräten stand. ‚Zusatzausrüstung’ war das genannt worden. Es gab einen ganzen Katalog dafür, der sogar Motorschlitten, Impulsfernsteuerungen, Kajaks, Paraglider, Scharfschützengewehre und Vollkörperwärmmonturen enthielt. Das war nur das, an das er sich erinnerte. Ach ja, und über die siebzehn verschiedenen Biwak-Typen hatte er herzlich gelacht.
Am Anfang.
Jetzt lachte er überhaupt nicht mehr.
Auch nicht über den Kompass, das Erste-Hilfe-Set gegen Erfrierungen und Kampfverletzungen und robotische Suchdrohnen.
Eldridge erreichte die Küchentür und sah direkt auf den APPARAT … am liebsten hätte er ihn zerstört. Aber das hätte wahrscheinlich eine neue Eiszeit zur Folge.
‚Das nächste Mal sollten wir bei einem Kauf etwas genauer nachdenken. Sicher … das Modell von HARPER war einhundertvierzig Dollar teurer. Aber dafür war es stinknormale Technik, nicht … nicht SOWAS!’
*
Der APPARAT war ein Schrank, zwei Meter hoch, eineinhalb Meter breit und weiß lackiert, mit chromfarbenen Armaturen und einer Reihe von verwirrenden Anzeigen, die blitzten, blinkten und auf schmalen Displays farbige Graphiken zeigten, die Edgar und Henny nicht verstanden.
Zwei Techniker waren da, die das Gerät anschlossen. Dazu vier Arbeiter. Es schien ganz schön viel zu wiegen und konnte nur mit äußerster Kraft in die vorgesehene Küchenecke bugsiert werden.
„Eh… ich verstehe ja nicht viel von der Sache“, meinte Edgar kurz vor Ende der Arbeiten, „aber braucht der Schrank nicht einen Stromanschluss?“
Einer der fast kahlköpfigen Techniker im weißen Kittel, der ein elektronisches Datenbrett dabei hatte und die Amplituden auf dem Frontdisplay nachzeichnete, lächelte und meinte, ohne ihn anzusehen: „Oh nein, Mister … eh …“
„Eldridge“, sagte sein Kollege.
„Mister Eldridge … natürlich nicht. Das klingt jetzt seltsam, aber der Schrank bezieht seine Energie aus der inneren nichteuklidischen Dehnung. Er ist wie ein Tor, das sich langsam immer weiter öffnet. Dabei dauert das extrem lange. Bis dieses ‚Tor’ sich ganz geöffnet hat, werden mehr als vierzig Jahre vergehen. Bis dahin haben Sie also ganz sicher keine Sorgen mit dem Schrank.“
„Und keine Energiekosten?“, staunte Henny ungläubig.
„Keine. Würden Sie hier bitte jetzt den Empfang quittieren?“
„Moment, Moment … und er FUNKTIONIERT jetzt schon?“
„Seit er im Werk aktiviert wurde“, nickte der Techniker. „Dafür stehen wir gerade. Wenn er eine Fehlfunktion entwickeln sollte, holen Sie einfach uns. Aber ich versichere Ihnen, der Schrank ist völlig autark und technisch perfekt. Er versagt nie.“
Der Mann im weißen Kittel mit seiner typischen hohen Gelehrtenstirn zog am Griff und öffnete den Schrank, dem helles Licht und frostige Kühle entströmte. Er sah innen aus wie ein normaler Kühlschrank.
„Sehen Sie, recht geräumig …“
„Na ja“, meinte Henny wenig überzeugt. „Er sieht so KLEIN innen aus. Wenn wir den Inhalt unserer Kühltruhe aus dem Keller hier reinräumen, ist der Schrank voll…“
„Ja, anfangs. Aber ich sagte ja, er dehnt sich. Sie werden sehen, in einer Woche hat er das doppelte Volumen. Danach dehnt er sich mit quasi-exponentiellem Wachstum. Das hängt immer von der Dimension ab, in die er hineinwächst. Am Anfang sucht er noch, das dauert dann …“
*
‚Und dann unterschrieben wir’, erinnerte sich der Hausmann ärgerlich.
Er stand in seiner Polarkleidung vor dem Schrank, der immer noch exakt genauso aussah wie vorher. Aber das war nur Tarnung nach außen. Nach innen hatte er sich vollkommen verwandelt.
Einen Moment lang zögerte er, dann griff er nach der Fernsteuerung für die Tür und schob sie in eine Außentasche seines Pelzmantels, was mit den Fäustlingen etwas schwer ging. Dann setzte er mit noch ungelenkeren Griffen die Gesichtsmaske auf, die Erfrierungen verhindern würde, packte das Netz, das er sich über die Schulter warf, nahm die Peitsche und langte nach dem Griff des Schrankes.
*
Als Edgar nach zwei Wochen Hennys Schrei aus der Küche hörte, dachte er, sie hätte sich irgendwas getan. Dabei wollte sie doch nur kurz in den Eisschrank greifen, um sich was etwas zu trinken herauszuholen.
Er kam in die Küche und sah sie kreidebleich an der Wand stehen. Sie versuchte etwas zu sagen, doch vergebens.
„Henny! Mein Gott, was ist denn mit dir passiert?“ rief er entsetzt.
Sie zeigte nur stumm auf den Schrank, der wieder geschlossen war.
Er wusste, dass er inzwischen innen größer geworden war als beim Tag der Lieferung. Es war gespenstisch, inzwischen war der Schrank so groß wie eine ganze Kühlkammer, darin hätten drei Kühltruhen seiner Größe Platz gehabt. Und wenn man der Firma DIMENSION ELECTRONICS glauben wollte, war das erst der Anfang.
Henny hatte den ganzen Inhalt der Kühltruhe hineingeräumt und dann festgestellt, dass die Fächer, die sich nun ringsum durch den Raum zogen – für die obersten beiden brauchte man eine jetzt Stehleiter – überhaupt nicht voll waren, ja, dass das Fleisch und Gemüse sich darin förmlich verlor. Das kränkte ihre Hausfrauenehre.
Sie kaufte weitere Tiefkühlware. Das Geld, was sonst die Energierechnung für die Kühltruhe verschlungen hatte, verschwand allmählich in den Tiefen des Schrankes.
Und er wurde nicht voller.
Er wurde eher LEERER!
Dabei VERSCHWAND eigentlich nichts, wenn man genau war. Nur der Schrank WEITETE sich auf unbegreifliche und gespenstische Weise.
Edgar öffnete den Schrank und prallte schockiert zurück.
Aus dem Eisschrank wehte ihn ein eisiger Hauch an, und das blass gewordene Licht enthüllte ihm eine weitläufige, tiefe Halle, die seinen Überraschungsschrei mit einem tiefen Halleffekt zurückwarf. Die Halle war gewiss zwanzig Meter lang.
Da hörte er Hennys weinerliche Stimme hinter sich.
„Oh, Edgar … wo sind unsere Vorräte geblieben? Ich möchte meine Vorräte wiederhaben …!“
*
‚Ja, das war der Anfang’, dachte er grimmig und hielt einen Moment inne. Er wünschte, er wüsste, was er JETZT vorfinden würde, drei Monate nach Erhalt des Schrankes. Aber das konnte man nicht so einfach vorausberechnen. Das Wachstum war eben nicht linear, es hieß nicht, nach einer Woche: doppelt so groß, nach zwei Wochen: viermal so groß usw., sondern es schien nach einem anderen Prinzip zu funktionieren. Inzwischen verfluchte Edgar es, in der Schule in Mathematik nicht besser aufgepasst zu haben.
‚Und nie wieder das Kleingedruckte überlesen!’ nahm er sich fest vor … Ganz fest.
Er drückte den Knauf herunter.
*
Edgar Eldridge kaufte sich einen Anorak mitten im Sommer, einen mit besonders guter Isolierung nach außen, mit dick geplusterter Kapuze, kramte seine Wintersachen heraus und machte so einen Abstecher in den Eisschrank, der inzwischen längst innen groß genug war, um ihn vollkommen aufzunehmen.
Über knirschenden Schnee wanderte er in die Halle hinein und suchte nach den Regalen und nach den Sachen, die Henny ihm genannt hatte. Er fand sie schließlich nach fünfzehn Minuten in eisiger Kälte, als er mit fast blaugefrorenen Fingern in Schneehäufen gewühlt hatte, die sich in lang gestreckten Fächern – inzwischen waren sie zwölf Meter lang, dafür aber nicht mehr ganz so weit oben, man konnte die obersten Fächer erreichen, wenn man sich reckte – aufgehäuft hatten. Von irgendwoher schien Wind zu wehen, als ob eine weitere Tür offen war.
Als er von seinem ersten Ausflug halberfroren wiederkam, beschloss er, die Firma anzurufen wegen einer Fehlfunktion.
Bevor das geschah, fand er am nächsten Tag im Briefkasten den 95seitigen Katalog der Firma mit „Zubehör“ für den Kühlschrank vor. Er lachte herzlich darüber.
Noch.
*
‚Und dann dieses Telefonat…’
Edgar seufzte schwer und zog die Tür auf, während er sich zu erinnern versuchte, was der Wissenschaftler am Telefon zu ihm gesagt hatte. Gar nicht so einfach…
*
„Nein, Mister … eh … Eldridge, das ist KEINE Fehlfunktion, keineswegs.“
„Aber … aber das ist nicht normal! Unsere Vorräte VERSCHWINDEN …!“
„Keineswegs. Keineswegs. Die dimensionale Wölbung des Schrankes ist laut unseren telemetrischen Daten innerhalb der normalen Toleranzen. Das Innere wächst nur schneller als üblich. Sie haben ein sehr funktionsfähiges Exemplar, Mr. … hmm … Eldridge. Eine Funktionsstörung würde vorliegen, wenn Sie unkonventionelle Problem hätten …“
„Aber DAS IST doch UNKONVENTIONELL! Oder nennen Sie das vielleicht NORMAL, wenn ein Kühlschrank sich in ein LAGERHAUS verwandelt?!“
„Oh, Edgaaaaaaar, schrei nicht so, ich verstehe Truman nicht. Und er hat doch gerade soooo ein entzückendes Gespräch mit den Zwillingen …“, moserte Henny.
Fast wäre Edgar damals explodiert und vulgär ausfallend geworden.
Aber stattdessen beruhigte er sich und erkundigte sich, was „unkonventionelle Probleme“ seien.
„Nun, wenn Sie Dinge im Kühlschrank finden, die weder Sie noch Ihre Frau dort deponiert haben, so geben Sie uns Bescheid. Wir sind an so etwas sehr interessiert. Dann könnten wir Ihren Schrank in Quarantäne nehmen …“
„Ich will, dass Sie ihn abholen! Auf der Stelle!“
„Das geht nicht. Sehen Sie in unseren Bestimmungen nach. Und nun … Mr. … ehem … Eldridge …, ich habe noch zu tun. Haben Sie vielen Dank für Ihren Anruf …“
Höflichkeit gehörte nicht gerade zu den Stärken von DIMENSION ELECTRONICS.
*
Der in seinen blaugrauen Anorak eingepackte Hausmann zog die Tür des Schrankes auf und blickte durch den eisigen Hauch dorthin, wo einstmals Hennys Vorrätegelegen hatten.
Der Blick reichte nicht allzu weit. Weißer Nebel und Schneehügel verdeckten die Sicht.
Edgar stöhnte.
Nichts als Sorgen.
Seufzend zog er die Tür hinter sich zu und freute sich, dass ein Einfrieren unmöglich war. Wenigstens etwas, was positiv war. Sonst gab es nicht viel.
*
Der Vertrag war ein Alptraum.
Er enthielt auf drei Seiten Kleingedrucktes, das augenschädigend winzig gehalten war. Niemand, der nicht sehr viel Zeit hatte, las sich das durch. Und dabei enthielt das doch sehr interessante Passi, etwa diesen: „Mit der Unterschrift verpflichtet sich der Käufer verbindlich zum Kauf des Schrankes. Ein Rücktrittsrecht ist ausdrücklich vorgesehen. Zum Verbleib des Schrankes siehe § 3.3.2. Zu finanzieller Entschädigung des Herstellers siehe § 8.1.9.“
§ 8.1.9. interessierte natürlich besonders Edgar sehr. Er achtete stets auf das Geld, und dabei war ihm schon Hennys Anschaffungswahn, um den Kühlschrank zu füllen, ein Dorn im Auge. Dieser Paragraph lautete: „Kommt es infolge von genauer zu spezifizierenden Gründen zum Rücktritt vom Kaufvertrag (welche Gründe wirksam sind und was nicht als gültige Gründe anzugeben sind, erläutert § 42ff.), gilt der Abschnitt 11 des Johnson-Gesetzes von 2021 zum Schutz der Gewerbetreibenden im Sektor der zukunftswirksamen Technologien.“
Was dieser Abschnitt besagte, musste Edgar dann erst mal bei den Behörden erfragen. Er bekam heraus, dass das Johnson-Gesetz erlassen worden war, um Unternehmen davor zu schützen, durch Unberechenbarkeit ihrer Kunden ruiniert zu werden. In diesem Fall wurden die Kunden zu Konventionalstrafen zwischen viertausend und sechstausend Dollar verdonnert.
Das brachte Edgar dann doch zum Schweigen.
Henny wollte daraufhin wissen, ob sie den Schrank nicht irgendwie … nun, „schwarz entsorgen“ konnten. Denn der § 3.3.2 des Kaufvertrages wies ausdrücklich darauf hin, dass es KEIN Rückgaberecht gab. Der Schrank würde, einmal installiert, „ewig“ stehen. Das war im Vertrag klar nachzulesen. Deswegen hatte sie der Vertreter auch darauf hingewiesen, sie sollten sich den Standort sehr genau überlegen.
„Ein Kühlschrank kommt natürlich in die Küche! Wohin denn sonst?“ Hennys vorschnelle Entscheidung. Aber sie hatte natürlich Recht. Wohin denn sonst? Dass der Schrank zum Monstrum mutierte, war ja nicht zu erwarten gewesen …
*
‚Nein. Nein, das ist falsch’, dachte Edgar, während er sich durch den eisigen Nebel vorantastete und immer an der linken Wand hielt, was, wie er wusste, nur ein paar Minuten lang gut gehen konnte. ‚Der Schrank WAR von Anfang an ein Monstrum. Wir haben ihn nur für einen geräumigen Schrank GEHALTEN!’
Er stolperte über etwas und schlug lang hin, fluchend. Als er sich wieder aufraffte und mit knisternder Parkaaußenseite – die Temperaturen waren inzwischen auf minus zweiundzwanzig Grad gefallen und fielen weiter, wie er mit kurzem Blick auf das biegsame Thermometer am Handgelenk erkennen konnte – sah, worüber er gestolpert war, musste er erkennen, dass es das Orientierungsseil war.
Oder das, was davon noch übrig war.
Es hatte den Dehngewalten des Schrankes nichts entgegenzusetzen gehabt und war einfach gerissen, hatte sich aufgerollt wie eine Lakritzschlange.
Fassungslos ließ Edgar seine Hände über das titandrahtverstärkte Seil gleiten, vorsichtig nur, um sich nicht die Handschuhe zu zerfetzen, denn durch die Torsionskräfte war das silbrige Seil größtenteils gespleißt worden. Metallfasern standen wie zu Berge stehende Haare davon ab.
‚So gehen 178,45 Dollar zum Teufel’, fluchte er mit zusammengebissenen Zähnen, die beinahe knirschten. Sonst hätten sie geklappert. Die Kälte ging ihm durch Mark und Bein, wiewohl er gut gegen sie geschützt war. Während er noch überlegte, ob er nicht vielleicht wirklich die Weltraummontur kaufen sollte, die für 282,95 Dollar bei DIMENSION ELECTRONICS im Angebot war ( – die Leute machten einen ganz schönen Reibach mit diesen „Zubehörartikeln“, dachte Edgar fluchend –), glitten seine trüben Gedanken wieder zurück zu dem Tag, wo sie erstmals versuchten, ihr Problem zu lösen …
*
Da der Schrank mit elektrischen Hubgeräten hereingebracht worden war, nahm Edgar naiv an, das müsse jetzt auch wieder funktionieren. Er leaste also kurzerhand zwei solche kleinen Hubgeräte und versuchte dann, den Schrank zu kippen, nur um zwei Zentimeter, damit die hydraulisch gesteuerten Hebeflächen darunter fassen konnten.
Genauso gut hätte er versuchen können, Mount Rushmore anzuheben!
Der Schrank stand da wie zementiert.
Und Henny gab höhnische Kommentare von sich, wie weit es mit seiner Kraft her sei.
„Versuch es doch selbst!“ fluchte er nach einer halben Stunde, als er mit seinen Nerven und Kräften völlig fertig war, ohne dass der Schrank sich auch nur um einen Millimeter bewegt hätte.
Ein Nachlesen im Manual, einem vierhundert Seiten starken „Verständnishandbuch“, wie es verharmlosend hieß, klärte ihn darüber auf, dass „die nichteuklidischen 4-D-Komponenten des Schrankes“ bei ihrer Ausdehnung die Masse unverändert ließen, nicht jedoch die Trägheit. Die Gründe hierfür seien in der 8. Hawkingschen Vereinheitlichungsformel zu suchen, die auch prompt abgedruckt war und zwölf formellastige Seiten umfasste.
Edgar verstand nicht mal die erste Gleichung, geschweige denn die zweihundertsiebzig folgenden, die immer komplizierter wurden. Es wimmelte weiter hinten in immer stärkerem Maße von dem Symbol der liegenden Acht, das irgendwie ein Zeichen für Unendlichkeit war.
In einer Zusammenfassung kam heraus, dass die zunehmende Trägheit den Schrank ad infinitum unbeweglich mache. „Aber es besteht die Möglichkeit, den Schrank abzugeben, wenn man einen Umzug in Erwägung zieht. Da der Schrank nicht transportabel ist, muss er an den Nachmieter weitergegeben werden.“
Das half Edgar freilich nichts. Er hatte ein Eigenheim, und das aufzugeben, nur weil er den Kühlschrank loswerden wollte? Selbst Henny hätte ihn in die Psychiatrie eingewiesen, wenn er den Gedanken auch nur äußerte.
So fanden sie sich damit ab, mit dem Schrank zu leben. Es blieb ihnen offensichtlich nichts anderes übrig, da eine Entsorgung offenbar unmöglich war, weder legal noch illegal. Sie wollten nicht riskieren, dass im Falle einer Beschädigung des Schrankes gegebenenfalls eine neue Eiszeit über die Menschheit herfiel, weil die Kälte die Erde abkühlte.
Der Schrank wuchs derweil munter weiter …
*
‚Phh … am besten war noch der Kommentar im Vorwort des Kataloges’, dachte er bissig, während er sich gegen die Windböen stemmte. Offenbar kam gerade ein Sturm auf. Nun, vielleicht erreichte er ja das Basiscamp noch rechtzeitig. Das Piepen des Ortungsgerätes zeigte ihm an, dass er auf dem richtigen Weg war.
Der Kommentar sagte: „Ein weiterer Weg zur Kostenreduktion – der erste war bekanntlich das Einsparen der Energiekosten für den Schrank – ist der URLAUB IM SCHRANK! Ja, Sie haben völlig richtig gehört. So undenkbar es auf den ersten Blick scheinen mag, Sie haben gewissermaßen Grönland in der Küche und können, wenn Sie ein Schneefan sind, hier schnell und ohne Reue auf Ihre Kosten kommen. In den großen Weiten des Schrankes finden Sie auch Gebirge vor, in denen es sich hervorragend Ski fahren lässt! Die Kleinen können mit dem vollautomatischen Iglu-Builder von GENERAL ELECTRIC verwöhnt werden, während Sie die stundenlangen Abfahrten genießen …“
Zynismus.
Blanker Zynismus.
*
Edgar brauchte fast zwei Stunden bis zum Basislager und musste sich dann erst einmal ausruhen. Draußen tobte ein beispielloser Schneesturm, der erst gute drei Stunden danach abflaute.
Das voll isolierte Thermozelt hielt problemlos. Es war arktisgetestet, gottlob. Viel freundlicher waren die Umstände hier auch nicht.
Während er sich Kreuzworträtsel lösend die Zeit vertrieb – Bücher zu lesen, das war sein Ding nicht – , dachte er an Henny. „Beeil dich! Pah! Du hast mal wieder keine Ahnung. Aber außer deinem Sonnyboy Truman Burbank gibt es eh niemanden mehr, dem du Aufmerksamkeit schenkst“, grummelte er.
Offensichtlich stimmte der Werbeslogan. „Die Truman-Show verändert auch Ihr Leben!“ Scheinbar. Aber nicht zum Positiven.
Edgar machte sich eine der selbstwärmenden Konservendosen mit dem eingebauten Einmal-Mikrowellenboden und hatte danach zumindest keine Sorgen mehr mit dem Hunger, der an ihm nagte. Die anderen wurden deshalb nicht kleiner.
Er entsann sich: als die Weitung des Kühlschrankes ein bestimmtes Maß erreicht hatte, entsprachen die Fächer bald den Höhenstufen von Gebirgen! Das hieß, um an den Schweinebraten im obersten Fach zu kommen, würde man nun schon eine Arktis-Bergsteigerexpedition ausrüsten müssen, die vermutlich mindestens vier Wochen unterwegs war.
Und das war ja erst der Anfang!
Proportional zur Weitung des Innenraumes wuchsen auch die Distanzen. Es war jetzt schon absehbar, dass es sinnvoll sein würde, die alten Vorräte abzuschreiben und die neuen nur unmittelbar neben dem Eingang abzulegen und alle paar Stunden nach vorne zu verschieben, damit sie nicht ebenfalls unerreichbar wurden.
Edgar beschloss, die Suche nach den Braten aufzugeben. Es war sinnlos. Beim nächsten Mal sollte Henny gehen.
Sicherlich, es tat weh, zu sehen, wie der eigene Kühlschrank Lebensmittel im Wert von mehr als tausend Dollar verschlang. Aber das war unwichtig im Vergleich dazu, dass er bei jeder Suche das Risiko einging, in einer Arktisexpedition umzukommen. Das war ihm der Schweinebraten wirklich nicht wert!
*
Als der Schneesturm aufhörte, wagte er sich wieder ins Freie. Die durch den Filter dringende Luft war kalt und klar, leider nur etwas zu eisig, um sie zu genießen. Aber sie musste einfach toll sein.
Der Horizont war nach wie vor dunstig. Das schien hier normal zu sein.
Der sonstige Ausblick war atemberaubend.
Hinter ihm lag eine weitläufige Ebene, die in eine schlauchartige Verwerfung mündete, einem Canyon nicht unähnlich. An ihrem Ende wusste Edgar seine Kühlschrankinnentür (allein die Vorstellung war surreal und reizte zum schrillen Lachen).
Vor ihm jedoch erstreckte sich ein blaugraues, unbewaldetes Gebirgsmassiv, das weitaus größer aussah als gestern noch. Ein steiler Gletscher spaltete das Massiv etwas links von der Mitte. Die fünf Stufen, die das mächtige Gebirge machte, das sicherlich seine dreitausend Meter Höhe besaß, entsprachen traurigerweise den Kühlschrankfächern von früher.
Das Ziel, das er hatte, lag inzwischen in gut zweitausend Metern Höhe. Nächste Woche würde es höher sein als der Mount Everest, und in drei Wochen vielleicht auf halbem Weg zum Mond.
‚Und das geht noch JAHRZEHNTE so weiter …!’ dachte er benommen.
Das grenzte an Hexerei!
Erst jetzt bemerkte er die BEWEGUNG.
Edgar erstarrte vor dem kugelförmigen Zelt und stierte zu dem Gletscher hinauf, auf dem sich dunkle Punkte schnell talwärts bewegten.
Er mochte nicht glauben, was er da sah, griff zitternd nach seinem Feldstecher und hob ihn vor die Augen, stellte ungelenk feiner und suchte nach den Punkten. Vielleicht hatte er sich ja getäuscht… er hoffte das ernsthaft.
Da!
Da waren sie.
„Grundgütiger allmächtiger Gott…“
Gestochen scharf konnte er nun die schwarzen Fahrzeuge erkennen, die sich hier bewegten und wie Bobs den Gletscher hinunterrasten und dabei Fahnen aus Eissplittern und Schnee hinter sich herzogen. Sie waren unglaublich schnell und mit seltsamen Ornamenten verziert, die nichts ähnelten, was er von den Menschen her kannte.
Sollte das etwa heißen, dort kamen keine Menschen …?
Unbehaglich entsann sich Edgar der Bemerkung des Technikers, das Wachstum des Schrankes hinge in der Anfangszeit davon ab, wie schnell er eine Dimension finde, in die er hineinwachsen und aus der er seine Energien ziehen könne.
Offensichtlich war diese Dimension nicht unbewohnt.
Deshalb also das Interesse an Dingen, die „weder er noch seine Frau im Schrank deponiert“ hatten.
Wie betäubt sah Edgar Eldridge zu, wie die schwarzen Fahrzeuge herankamen und immer größer wurden … Zweifellos hatten sie ihn gesehen. Flucht war aussichtslos, weil sie um ein Vielfaches schneller waren. Selbst sein Huskygespann, das eigentlich beim Basislager hätte sein sollen, wäre nicht hilfreich gewesen. Aber die Huskys waren ebenso spurlos verschwunden wie die Nahrungsmittel.
Edgars Geist war wie leergeblasen.
Während er dem Herannahen der fremdartigen Gefährte zusah, begriff er nur eins: JETZT fingen seine Sorgen so richtig an …
ENDE
© 1999, 2018 by Uwe Lammers
Braunschweig, den 12./13. Juni 1999
Neuformatiert am 20. Januar 2018