Ja, ja, ich weiß, jede gute Geschichte fängt vorne an. Aber Sie müssen verstehen, in dieser Situation ist es für mich nicht einfach, bis an den Anfang zurückzugehen, ich muss von der Gegenwart ausgehen. Oder von dem, was ich für die Gegenwart halte. Seit ich dem Willen Tante Hedwigs nachgekommen bin, weiß ich überhaupt nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Es ist alles so … so unglaublich, so konfus …
Ich versuche einfach einmal, die Situation darzustellen, wie sie ist, und dann kläre ich den Rest ab. Damit Sie entscheiden können, was hier vorliegt: gut gesponnene Fiktion, Wahngespinste oder eine Art von absichtlichem Lügengebilde. Wobei ich gleich auf die materiellen Hinterlassenschaften hinweisen muss, die eine Art groß angelegter Täuschung nicht unmöglich, aber doch sehr schwer nachvollziehbar und höchst unwahrscheinlich machen. Da sind diese Dokumente. Diese Löcher in Tante Hedwigs Vita, die mir auch ihr Rechtsanwalt bestätigt hat. Da ist dieses ominöse Bankschließfach in Oxford … und natürlich dessen Inhalt, schier ungeheuerlich …
Tante Hedwig, mit der ich eigentlich nicht verwandt bin (mit der – nach ihren Aufzeichnungen – NIEMAND verwandt sein dürfte!), ist tot, gestorben am Freitag der vorletzten Woche. Aller Wahrscheinlichkeit nach an Altersschwäche. Immerhin war sie gemäß ihren Papieren schon vierundneunzig Jahre alt. Eine alte, kleine, verhutzelte Person, die an der Gloucester Road im Haus 190 wohnte, also ziemlich am Ende der Platanenallee, dicht an einem Forst, in dem sie in früheren Jahren gerne und häufig Spaziergänge in Begleitung zu unternehmen pflegte. In erster Linie ist es ein Laubwald, mit sehr vielen alten und knorrigen Eichen, einigen Kastanien am Rande und, entlang der Bäche, die den Wald und das Umland durchziehen, kann man Platanen und Weiden finden.
In den letzten Jahren weicht der Wald mehr und mehr einem Neubaugebiet. Tante Hedwig hat das immer bitterlich beklagt. Es zerstöre die „Magie“ des Ortes, meinte sie. Vielleicht hatte sie auch einfach die Hoffnung noch nicht aufgegeben … aber ich greife schon wieder vor und werde nur auf Unverständnis mit derlei Äußerungen treffen, solange Sie nicht alles wissen.
Tante Hedwig war schon zu der Zeit, da ich sie kennen lernte, also vor rund fünf Jahren, recht gebrechlich, aber sie war durchaus noch imstande zu gehen und musste nicht gepflegt werden. Ich hatte meinen sozialen Dienst angetreten und verlängerte ihn ihretwegen. Sie hatte Vertrauen zu mir gefasst, und selbst als die Bezahlung durch die staatlichen Stellen gestrichen wurde, war ich nicht mittellos, weil sie mich durch ihre Finanzen unterhielt. Daraus lässt sich deutlich ablesen, dass kein Verwandtschaftsverhältnis bestanden hat.
Sie hat mich allerdings – ob das nun an meinem Äußeren lag oder nicht (nach dem Studium ihrer Unterlagen liegt das inzwischen allerdings beklemmend nahe!) – in den späteren Jahren als Universalerben eingesetzt … mit diversen dazu gehörigen Verpflichtungen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde. Zum Teil sind sie haarsträubend.
Aber ich war eigentlich dabei zu erzählen, was sie für eine Frau war. Vom Körperwuchs war sie eher klein, fast zwei Köpfe kleiner als ich, der ich allerdings mit einem Meter neunzig auch nicht gerade klein geraten bin. Sie war eine von den Frauen, denen man das Alter nicht so schnell ansieht. Ein jeder hätte sie wohl für maximal sechzig oder siebzig, aber nicht für vierundneunzig gehalten. Bevorzugt trug sie helle Kleidung, nicht unbedingt modisch, sondern von einem gewissen dezent konservativen Zuschnitt, der den Stil der „grande dame“ verriet.
Sie war außerordentlich belesen, in ihren eichenen Bücherschränken standen Gesamtausgaben von Goethe, Lessing, Schiller, Philosophen wie Nietzsche und Hegel, die alten Werke von Platon, Aristoteles, griechische Tragödien … aber auch englische Dichter und Schriftsteller verschmähte sie durchaus nicht, soweit sie eine gewisse Größe hatten. Shakespeare verehrte sie glühend. Auch Musik lag ihr, wobei dort ihre Neigung sehr stark auf den bombastischen Klängen Wagners aufgebaut war. Andere Klassiker der Musik standen dort Seite an Seite, allerdings interessanterweise keine Franzosen und keine Russen. In unseren Gesprächen hatte sie, wann immer die Sprache auf sie kam nur Verachtung für beide übrig.
„Die Russen“, pflegte Tante Hedwig stets zu sagen, „sind die Stiefel-Künstler. Alles, was sie können, machen sie mit den Stiefeln. 1917 haben sie das mehr als deutlich bewiesen, aber auch vorher schon war ihr Zar nicht mehr als ein Despot, der sich hinter den Bauwerken fremder Künstler verschanzte, um zu verbergen, dass er selbst keinen Intellekt besaß. Ein Segen, dass er damals in Jekaterinenburg abgeknallt wurde. Diese ganze Bande hatte nicht den Funken eigener Inspiration im Kopf.
Was haben sie am russischen Hof gesprochen? Französisch! Woher holten sich die Zaren ihre Vorbilder für ihre Schlösser? Aus Frankreich! Seht euch nur Sankt Petersburg an, das sie heute nach dem Kretin und Ungläubigen Lenin nennen! Und ihr Militärwesen? Von den Preußen abgekupfert, den einzigen Soldatenmachern von Welt, die in Europa überhaupt etwas davon verstanden. Von den antiken Kulturen, den alten Griechen und Römern mal abgesehen.“
Nein, in ihren Augen waren die Russen durch die Bank Diebe und Imitatoren, Protze und Nichtskönner. Sie ließ kein gutes Haar an ihnen, da konnte ich noch so oft Gegenbeispiele bringen, wie ich wollte. Schließlich gab ich es auf, ihren Standpunkt relativieren zu wollen.
Auch auf die Amerikaner und ihre Kultur war sie durchaus nicht gut zu sprechen, im Gegenteil, sie hasste Tante Hedwig eher noch mehr als die Russen. Einer ihrer charakteristischen Sprüche, der immer mal wieder kam, lautete: „Ein Segen, dass Glenn Miller am 16. Dezember ’44 abgestürzt ist. Diese Negermusik hätte in Amerika gar nicht erst aufkommen dürfen!“
Damit meinte sie solche Richtungen wie den Jazz und den Blues, die heute allgemein durchgesetzt sind. Auch mit modernerer Musik konnte sie aus solchen Gründen heraus nie etwas anfangen und gewöhnte es sich später generell ab, das Radio einzuschalten, sich „das Hirn verseuchen zu lassen“, wie sie es nannte. Stattdessen verlegte sie sich darauf, ihre Platten anzuhören und in der klassischen Musik zu schwelgen.
Das Haus, in dem sie wohnte, war ein kleiner, zweistöckiger Giebelbau aus den 20er Jahren, schön renoviert dank ihres Privatvermögens – das sie allerdings nie so bezeichnete – , rot gedeckt mit Schindeln und stilvoll eingerichtet. Sie hielt sich eine Reinemachefrau, irgendwie kam es ihr immer darauf an, jemanden zu bekommen, der einen dunklen Teint besaß und auch der Sprache nicht so ganz mächtig war. Wann immer ich die Reinemachefrauen sah – sie wechselten häufig – , hatte ich durchaus das Gefühl, dass Tante Hedwig sie schikanierte, weil sie sie als minderwertig ansah.
Als ich sie eines Tages bei einem Spaziergang darauf ansprach, explodierte sie förmlich, und ihre Augen sprühten schier Funken.
„Sag nur, du hast irgendein Mitleid für diese Untermenschen übrig! Alleine die Tatsache, dass sie solche minderwertigen Aufgaben ohne Murren verrichten, zeigt doch eindeutig die rassisch festgelegte Schwäche in ihrer Physis und Psyche. Das war schon bekannt, als ich noch jung war, ach, sogar schon zu Zeiten meiner Eltern!
Die Macht der Gene ist unüberwindlich, Peter, musst du wissen. Wer einmal auf die Welt gekommen ist, der verfügt über einen Schatz an Kenntnissen und Fähigkeiten, die durch gute Schulung hervorgeholt werden können. Du beispielsweise hast sehr gute Anlagen, man merkte es an deinem Wuchs, am Haar und an den Augen. ER hätte sich da sehr gefreut, da bin ich sicher … aber sieh dir diese dunkelhäutigen Gestalten an, die sich durch das Leben schleppen und es weder zu Geld noch zu Wissen oder Wohlstand bringen. Sie gehören einer minderwertigen Rasse an, dagegen können sie einfach nichts tun. Am besten wäre es, ihnen zu verbieten, Andersrassige zu heiraten oder mit ihnen Kinder zu zeugen, denn so schädigt und verwässert man nur die guten Gene hervorragender Rassen.
Schau dir einfach nur mal die Itaker an“, fuhr sie dann schwadronierend fort, weil mir die Sprache fehlte. „Schau sie dir nur an, was sie heute sind und wie wenig sie leisten. Dekadent bis in die Fußspitzen, verweichlicht, zerstritten, korrupt … und wie sie damals waren, zu Zeiten von Cäsar und Cicero! Das waren noch Herrenmenschen, die fähig waren, große Taten zu erreichen und zu schaffen. Sieh dir die Aquädukte an! Schau dir die Theater an, die Heerstraßen, die alte Ausdehnung des Imperium Romanum! Was für Leistungen für die damalige Zeit! Das waren Menschen mit Schneid.
Und später hat sich dann Gesindel in der Kultur breitgemacht, die dreihundert Patrizierfamilien lösten sich auf, wurden durch Verwässerung der Gene zerstört, ausgelöscht, und das Imperium brach auseinander! Mussolini wollte im Zweiten Weltkrieg die alte Glorie noch einmal aufleben lassen, aber dazu war es natürlich zu spät. Sie waren zu sehr verseucht …“
Von dort pflegte sie dann in ihren Tiraden zu den Franzosen weiterzugehen, zum „Arabergezücht“, und fuhr dann fort, wobei sie nacheinander zu den dekadenten Spaniern, den verlotterten Portugiesen, den stillosen, stumpfsinnigen Amerikanern und letzten Endes scheinbar unvermeidlich wieder bei den Russen zu landen.
Für all diese Nationalitäten hatte sie nicht sehr viel übrig.
Ich mag gar nicht daran denken, was sie zu Asiaten, Afrikanern und Südamerikanern sagte. Australien war in ihrer Denkwelt offenbar eine einzige Wüste, bewohnt von Menschen, die jeder Kultur entbehrten. In dieser Beziehung war Tante Hedwig sehr negativ geprägt.
Doch, vielleicht sollte ich dazu schon noch etwas mehr niederschreiben.
Die Afrikaner beispielsweise verabscheute sie und hätte wahrscheinlich auf der Straße nicht einmal dann reagiert, wenn ein Einwanderer afrikanischer Abstammung vor ihr gestanden und mit ihr geredet hätte. Schätzungsweise hätten sie auch aus Luft bestehen können. Solange ich sie kannte, trat diese Situation natürlich nicht ein, weil sie kaum den Dunstkreis ihres kleinen Häuschens verließ, ihrer heimeligen heilen Welt des Vorgestern, in der alles klar geordnet war.
Sie las natürlich schon Zeitung regelmäßig und neugierig, ganz so abgeschottet war sie durchaus nicht. Aber wann immer wir darüber diskutierten, traten doch ihre negativen Denkbilder unausweichlich wieder zutage. Sie fand wenig Positives in den Nachrichten oder der Welt insgesamt. Überall Krieg und Hader, Korruption, Umweltschäden, Areligiosität und Zerfall, für sie ein überdeutliches Signal, dass die Zeichen auf Sturm standen.
Lediglich mich schien sie als Lichtstrahl aus der Außenwelt zu betrachten. Das lag wohl auch mit an meiner Fähigkeit, lange zuzuhören und daran, dass ich auch Konflikten nicht aus dem Weg ging. In Tante Hedwigs Augen stellte Konfliktbereitschaft ein wesentliches Merkmal von Personen, die Führungsqualitäten besaßen. Zwar maß sie mich immer mit einer ominösen großen Person aus der Vergangenheit, deren Namen sie nie nannte (heute weiß ich, warum das so war!), an die ich auch niemals herankam, aber sie meinte stets, ich würde „hoffnungsvolle Anlagen“ in mir tragen und sie hoffentlich „irgendwann in viel versprechender Weise fortpflanzen“.
Das war wörtlich gemeint.
Was war damals meine Ansicht über sie, ich meine, bevor ich ihre Aufzeichnungen kennen lernte und das, was darin unter „ihrer Geschichte“ firmierte?
Nun, auf ihre Weise war Hedwig erstaunlich geistig agil, und ihre dann und wann auffallend heftigen Ausbrüche rassistischer und antisemitischer Art hielt ich – wie hätte ich es auch anders ahnen können? – für Auswüchse aus ihrem Kinderhaus. Immerhin hatte sie gerne von ihren gestrengen Eltern erzählt, die ihr diese Ideologie beigebracht hatten. Das war also wohl ein Rückfall in die jugendliche Gehirnwäschephase der damaligen Zeit. Ein bisschen so, wie ein Gebetsreflex beim Gottesdienst aktiviert wird, wenn die Gemeinde das Vaterunser aufsagt, obwohl die Menschen sechzig oder mehr Jahre gelebt haben. Solche Dinge prägen sich einfach sehr tief ein.
Dachte ich.
Ich wünschte wirklich, so hätte es sich verhalten.
Von ihrem breiten, fundierten Wissen war ich überaus fasziniert, das kann ich nicht bestreiten, und da nahm ich dann auch manche Verschrobenheit in Kauf, zumal sie sich ja auch nie direkt gegen mich richtete. Tante Hedwigs Ausfälle gegen das moderne Amerika, die Demokratie, die zunehmende Verrohung der Jugend, das alles waren Klagen von älteren Leuten, die man heutzutage durchaus häufig hört. Ebenso die Verklärung der Vergangenheit und bis zu einem gewissen Grad die Verteufelung der Gegenwart. Ich bin sicher, in fünfzig bis hundert Jahren werden die Menschen, die heutzutage jung sind, wohl genauso denken. Das heißt … bis vor wenigen Stunden habe ich so gedacht. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher, denn was momentan geschieht, wird die Zukunft wohl gravierend verändern …
Ich muss hinzufügen, dass draußen Schnee liegt, mehr als hüfthoch, ich kann also nicht darauf hoffen, dass der Bus, der mich noch vor Stunden hierher brachte, in naher Zukunft zurückkehrt und mich alsbald wieder abholt. Tante Hedwigs Testament sah vor, ich solle im Haus bleiben, wenn Heiligabend kommt, und hier auf „Zeichen und Wunder“ achten. Das waren ihre Worte. Ich fürchte, ich habe dieses Wunder gesehen, dieses Zeichen, und ich kann nicht behaupten, dass es mir gefällt …
Nach all dem, was ich in den letzten Stunden in ihren Aufzeichnungen las, hat sich schon so eine Art Paranoia in mir entwickelt. Vielleicht zu recht, vielleicht auch nicht. Aber all diese Dokumente in dem verschlossenen Schrank, an den ich niemals heran durfte und dessen Schlüssel ich nun durch Dr. White, den Notar, ausgehändigt bekommen habe, bestärken mich in der Auffassung, dass an all diesem Irrwitz mehr ist als nur schiere Phantasterei.
Selbst wenn sie Kontakte zu amerikanischen Untergrundkreisen gehabt hätte, hätte das nicht alles erklärt. Und da sie die „verseuchten“ Amerikaner stets ablehnte, verliert diese Hypothese doch sehr an Wert.
Aber zurück zu Tante Hedwig.
Sie suchte damals jemanden, der sie pflegen konnte, weil sie offenkundig den letzten Pfleger vergrault hatte. Nachdem ich mitbekam, wie sie mit ihrem sonstigen temporären Dienstpersonal umgesprungen hat, hat mich das dann nicht mehr sehr verwundert.
In ihrer Annonce hatte sie auch deutlich genug geschrieben, wie diese Person aussehen sollte, mit der sie „warm werden“ konnte und die sie für geeignet hielt: „Starker, großer und männlicher Pfleger zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren alt, gebildet, aus gutem Haus, rein englisch oder deutsch, vornehmlich blond …“
Ich hatte mir wegen dieser Charakteristika damals keine großartigen Gedanken gemacht. Vielleicht war ich dabei etwas sehr naiv.
Nach anfänglichen Unstimmigkeiten, die bei solchen Kennenlern-Situationen aber wohl vollkommen normal sind, verstanden wir beide uns jedenfalls gut. Die Entlohnung war ausreichend bis gut, ich bekam von Tante Hedwig, wie ich Hedwig Bernrath bald nannte, ein reichliches zusätzliches Entgelt zu dem Verdienst des Sozialdienstes, was mir sehr half, mein Studium in Oxford, was ich nebenbei noch im achten Semester absolvierte, zu finanzieren.
Sie war sehr einverstanden mit meinem Studium, denn sie meinte – das war etwas absurd – , „man müsse das System verstehen“. Das klang mir sehr nach Politologie und ihrer verschrobenen Ideologie. Inzwischen weiß ich, wie sie das meinte, aber damals war ich wirklich noch arglos.
Damals.
Um genau zu sein war das bis vor wenigen Stunden. Nur deshalb schreibe ich mir diese Gedanken von der Seele, wohl reichlich unsortiert, aber einigermaßen nachvollziehbar. Wie ich hoffe.
Mein Vater in Brighton hatte sich mit meinem Studium nie richtig abgefunden, und insofern stand ich seit rund fünf Jahren nicht mehr besonders stark mit ihm im Kontakt. Mit Mutter hatte ich mich besser verstanden, aber sie war leider kurz vor Antritt meines Studiums verstorben. Ein tragischer Autounfall, der auch maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass ich die „Tapeten wechselte“ und ein wenig Abstand von der Familie bekam. Es gab in Brighton einfach zu viele finstere Erinnerungen an meine liebe Mutter, die ich nicht loswerden konnte. Ich war seither auch nicht wieder dort gewesen.
Als Tante Hedwig dann im Mai diesen Jahres schwer erkrankte und das Haus nicht mehr verlassen durfte, war ich notwendigerweise länger hier und übernachtete auch häufiger, las ihr aus Romanen vor, die Zeitungen, sofern sie sie interessierten. Ich kochte das Essen und kümmerte mich besonders um Pflege und sanitäre Belange, weil sie doch allmählich sehr gebrechlich wurde.
Anfang November musste sie allerdings noch eine ausgebildete Krankenschwester als Hilfskraft einstellen, die mir einen Teil der arbeiten abnahm. Sie meinte, diese Pflege sei etwas für Frauen, nicht für gestandene Männer wie mich. Auf mich warteten nach ihrer Ansicht „andere Aufgaben“ (von denen ich inzwischen schaudernderweise eine Ahnung habe).
Erst am 1. Advent erzählte Hedwig mir unerwartet, dass sie mich zum Universalerben eingesetzt hatte, was mich maßlos verblüffte. Es zeigte mir auch, dass sie mehr von mir hielt, als ich bislang gedacht hatte.
„Für den Fall, dass ich Weihnachten nicht mehr erleben sollte“, meinte sie an einem der letzten Tage vor ihrem Tod, blassgesichtig und mit eingefallenen Wangen – nun sah sie deutlich älter aus, als sie eigentlich war – , „wirst du nach zehn Tagen zu meinem Rechtsanwalt gehen, und er wird dir alles erklären. Du wirst Einblick in mein Bankschließfach in Oxford haben und mein Testament einsehen können. In dem Bankfach befindet sich auch der Schlüssel zum Allerheiligsten …“
Das war dieser Schrank, von dem ich erzählte, an den ich nie heran durfte. Ein mannshoher, massiveichener Schrank, der mit einem modernen Präzisionsschloss wie ein Safe verstehen war. Möglicherweise sind die Seitenwände auch stahlarmiert unter dem Holz, so dass es nur ein aufwändig auf Schrank getrimmter Safe ist. Aber das habe ich noch nicht herausbekommen.
Nun, um es kurz zu machen: Ich erfüllte ihr den Gefallen und fuhr gestern Nachmittag, unmittelbar nach Tante Hedwigs Einäscherung, die recht rasch über die Bühne ging, in Begleitung des Notars, den ich dort auf dem Friedhof traf, zu dessen Büro. Hier erzählte er mir mit Hilfe eines umfangreichen Schriftstücks, das Tante Hedwig offenbar selbst angefertigt hatte, einiges über sie.
Sie war 1961 nach England gekommen, laut den Angaben 1904 in Berlin-Lichterfelde geboren worden und dort auch aufgewachsen. Sie hatte den Ersten Weltkrieg miterlebt und die Depressionsjahre danach, den Aufstieg Hitlers, mit dem ihre Eltern sympathisierten. Ab etwa 1932 klaffte das erste Loch in ihrer Vita, bis genau Ende März 1935. Da war sie angeblich in Ausbildung begriffen als Studentin, nicht verheiratet. Was sie studiert hatte, konnte mir der Notar nicht erklären. Das gaben die Dokumente nicht her.
Mit Kriegsausbruch wurde das zweite Loch in der Vita sichtbar. September 1939 markierte bis Mitte September 1945 eine einzige Leerstelle. Nach dem Fall des „Reiches“ befand sie sich angeblich auf Reisen durch ganz Europa und auf dem Balkan. Ich zweifelte das allerdings an. Auch für die Balkanvölker hatte sie in all den Gesprächen, die wir geführt hatten, niemals Sympathien gehegt. Darum klang diese Reisegeschichte für mich irgendwie abwegig, wie eine Tar Tarnmanöver. Es gab auch außer ihren Bemerkungen keine Belege dafür.
Sie hatte sich angeblich in der Folgezeit längere Zeit in der Schweiz aufgehalten, dort von den Ersparnissen eines verstorbenen Onkels gelebt und sei dann aus Gründen, die sie ebenfalls nicht anführte, im Sommer 1961 nach England übergesiedelt, wo sie sich das Haus 190 in der Gloucester Road gekauft hatte.
Da sie recht wohlhabend war, gab es offenkundig Mittel und Wege, alle Nachfragen nach ihrer Herkunft hinreichend zu vertuschen.
„Sie ist nie aufgefallen“, meinte Dr. White, ein ebenfalls schon älterer Mann, der Mitte Sechzig sein mochte, ein lebhafter, rundlicher und bartloser Mann, dem man ansehen konnte, dass er gern ein Ale mehr trank, als seiner Figur gut tat. „Miss Bernrath war eine Kundin, die ich als sehr pflegeleicht bezeichnen würde, insofern hatte ich auch keinen Grund, nachzufragen, was sie in dem großen Schließfach in der Bank of Oxford deponiert hatte. Das tue ich nur bei Kunden, die offenkundig suspekte Absichten damit verfolgen, das Gesetz umgehen wollen oder dergleichen. Bei Ihrer Tante war das nachdrücklich nicht der Fall.“
„Aber … haben Sie sich niemals gefragt, woher diese hohen Summen auf den Bankkonten herkamen?“ Ich hatte ihn darauf hingewiesen, dass allein von einem Schweizer Nummernkonto nach einem Auszug, den er mir zusammen in dem Umschlag mit dem Testament gegeben hatte, monatlich Zinsen in Höhe von mehreren tausend Pfund auf Tante Hedwigs Konten in England überwiesen wurden. Dort mussten Millionenwerte deponiert sein.
„Sicherlich“, hatte er mir freimütig geantwortet. „Ich muss sagen, diese Löcher in der Vita haben in mir einen Verdacht erregt. Es ist bekannt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg beziehungsweise in der Endphase des Krieges die deutschen Parteibonzen versuchten, Vermögenswerte der NSDAP ins Ausland zu schleusen. Sie dürfte demnach mit einem dieser Männer liiert gewesen sein und hat wohl nach dessen Tod 1961 oder kurz davor einfach die Vermögenswerte übernommen, einen anderen Namen angenommen und ist hierher gekommen.
Vielleicht wurde ihr der Boden aus welchen Gründen auch immer in der Schweiz zu heiß. Aber das ist eine Frage, die für mich weniger relevant ist. Wäre sie ein Mann, hätte ich mir eher Gedanken um die Teilnahme an Kriegsverbrechen machen müssen. Insofern liegt aber nun die Entscheidung bei Ihnen. Sie sind der Erbe. Ich soll Ihnen den Tresorschlüssel aushändigen. Was Sie dann mit dem machen, was Sie finden, das bleibt Ihnen überlassen. Aber selbstverständlich können Sie sich vertrauensvoll an mich wenden, wenn Sie die Inhalte für zu problematisch halten.“
„Sie kennen sie?“
Er hatte den Kopf geschüttelt. „Sie hat auf absolute Nichtkenntnis des Inhalts großen Wert gelegt. Das Fach ist für fünfzig Jahre gepachtet, und nur sie alleine beziehungsweise nach ihrem Tod der Verfügungsberechtigte, in diesem Falle Sie, hat die Möglichkeit, Einblick zu nehmen.
Inzwischen ist mir auch klar, warum Tante Hedwig das so geregelt hat. Mit dem, was in dem Schließfach war, verschwanden nämlich mit einem Mal die Löcher in ihrer Vita. Spurlos.
Und ihre bisherige Vita ebenfalls komplett.
Das muss ich nun wahrscheinlich erklären. Von hier ab beginnt der Teil, wegen dem man mich für unzurechnungsfähig erklären könnte. Er ist einfach ungeheuerlich!
Ich nahm Einblick in das geräumige Bankfach und war dankbar darüber, dass in diesem Raum, in den nur Hochfinanzkunden vorgelassen wurden, die Fächer stets einzeln zu öffnen waren. Ich war also alleine hier unten, als die glatt polierte Metalltür aufschwang und mir den Blick freigab auf das, was darin lag.
Es war eine Metallkassette, die schon reichlich alt und angegraut war, sie war teilweise von tiefen Schrammen übersät, was darauf hinwies, dass ihr Transport in früherer Zeit nicht ganz unproblematisch gewesen war.
Neben der Kassette, die etwa einen Meter lang, fünfzig Zentimeter breit und vierzig hoch sein mochte, war da eine Tasche, die offenkundig Dokumente enthielt. Ihr wandte sich mein Interesse zuerst zu.
Hätte ich doch bloß nicht gelesen!
Ich trug sie aus dem offenen Fach zu einem Tisch, der in dem Schließfachraum stand und an dem man eingelagerte Sachen sichten konnte.
Der Inhalt der Tasche waren drei große Kladden, die Tagebücher darstellten. Sie umfassten den Zeitraum vom Januar 1932 bis – mit leichten Raffungen, wie ich später feststellte, als ich sie las – zum Sommer 1961. Diese große Menge an Stoff hatte sie nur deshalb in den doch nicht so umfassenden Kladden fassen können, weil sie kein Freund von vielen Worten gewesen war. Ihr Stil war knapp, fast militärisch, auch das wurde durch die Fakten erklärt.
Außer den drei Kladden waren mehrere Sätze Personalpapiere zu finden, allesamt ziemlich brüchig und alt, die meisten auch nicht ihre eigenen. Ich zählte acht männliche und zwei weibliche Ausweise von Personen, die mit Tante Hedwig nicht identisch waren. Sie standen alle in Zusammenhang mit einer weiteren Akte, die frappierenderweise den Stempel „Reichsgau Essex“ mit dem Reichsadler des Dritten Reichs trug. Titel dieser Akte war „Unternehmen Ragnarök“.
Und diese Akte ist der eigentliche Schlüssel zu der Ungeheuerlichkeit, die ganz offenkundig die Wahrheit zu sein scheint.
Dann gab es eine Reihe von Fotografien, ebenfalls alle brüchig und vergilbt, aber zum erheblichen Teil gut zu erkennen. Sie waren mit schwungvoller Sütterlin-Schrift auf der Rückseite beschriftet, und es dauerte eine Weile, bis ich die Namen entziffern konnte. Es handelte sich um „Tante Hedwigs Leute“, wenn ich das mal so nennen darf.
Über die Ausweise der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei war ich reichlich schockiert, muss ich zugeben. Aber wahrscheinlich war ich nicht so sehr über die Ausweise, die belegten, dass Tante Hedwig und ihre Mitstreiter Angehörige der Abwehr des Admirals Canaris gewesen waren, erschrocken. Sondern darüber, dass sie nicht nur bis zum Ende des Großdeutschen Reiches diese Funktion erfüllten, sondern offenbar bis heute.
Das alleine machte mich schon betroffen. Aber ich hatte noch nicht alles gesehen.
Die Tagebücher und die Akte – „Geheime Reichssache!“ – nahm ich mit nach draußen. Vorher warf ich aber noch einen Blick ins Innere der Kassette.
Einmal abgesehen davon, dass ich sie kaum bewegen konnte, war auch recht wenig zu erkennen. Das meiste ertastete ich oder schaute es im Licht der Schließfach-Innenbeleuchtung an. Es handelte sich um dicht an dicht gepackte, handliche quaderförmige Gegenstände, die in öliges Tuch eingeschlagen waren. Sie waren nicht besonders lang, aber erheblich schwerer, als ich dachte. Das merkte ich, als ich einen davon heraushob.
Als ich das Tuch auseinander schlug, wäre ich fast zurückgetaumelt.
Heller goldener Schein flimmerte mir entgegen.
Ein Goldbarren.
Der Prägestempel wies es als Eigentum des Großdeutschen Reiches eindeutig aus. Der Stempel war in keiner Weise unkenntlich gemacht worden, wie man das sonst so in Romanen las, in denen Nazigold gefunden wurde.
Dieser Barren war in einem unkonventionellen Format hergestellt worden, vielleicht dreißig Zentimeter lang, zehn breit und ebenfalls zehn hoch. Ich schätzte die Anzahl der Barren, die diese Kiste enthielt, auf etwa sechsunddreißig. Tante Hedwigs „Notgroschen“. Und der Himmel alleine mochte wissen, wie viel das wert war. Und der Himmel alleine mochte ahnen, was das Gold wert war und wie viel es war, was sie in der Schweiz deponiert hatte! Es mussten unglaubliche Vermögenswerte sein, bedachte man die Zinserträge, von denen sie ihren Lebensunterhalt schließlich bestritten hatte.
Ich legte den Barren benommen zurück und schloss das Fach wieder, nachdem ich alles, was ich nicht mitnehmen wollte, hineingelegt hatte.
Der Schlüssel, der mir vom Notar gegeben worden war, hatte mir insofern den Zugang zum „Allerheiligsten“ Tante Hedwigs geöffnet, als der Schlüssel zu diesem Schrank in ihrem Haus ebenfalls in dem Schließfach gewesen war. Und an das wäre ich ohne die Hilfe Dr. Whites nicht herangekommen.
Nun, das, was ich schon erfahren hatte, war schon durchaus ausreichend, um mich zu verstören, und ich brauchte einige Tage, bis ich einigermaßen über die Erschütterung hinweg war, die mir diese Eröffnung beschert hatte. Immerhin … man muss bedenken, dass ich Tante Hedwig wirklich gerne hatte. Und wenn ich auch hin und wieder rassistische und polemische Hetztiraden von ihr gehört hatte, so änderte das doch nichts an meiner grundlegenden Sympathie. Nun zu erfahren, dass sie für die grauenvollsten Schlächter der jüngeren Menschheitsgeschichte gearbeitet hatte, das schockierte mich doch nachhaltig.
Ich brauchte einige Tage, um darüber hinwegzukommen, wie gesagt.
Die Aufforderung des Notars, dass ich, wenn ich erben wollte, den letzten Willen der Verstorbenen zu erfüllen hätte, hätte nicht sein müssen. Ich fühlte mich ihr nach wie vor verpflichtet und begab mich, wie Tante Hedwig von mir im Testament verlangt hatte, über Weihachten in das leere, kalte Haus, das mir staubig und so ewiggestrig vorkam wie die Vergangenheit, mit der ich durch Hedwig in Berührung gekommen war.
Ich begab mich ins Wohnzimmer, in dem die schon erwähnten reichen Büchersammlungen und auch der teure Plattenspieler ihren Platz haben, machte es mir hinter ihrem gediegenen Mahagoni-Schreibtisch bequem in dem ausgesessenen Sitzmöbel, in dem sie stets fast verschwunden war. Dort hatte sie auch das Testament angefertigt. Fast vermeinte ich ihren Geist im Zimmer sehen zu können, die kleine, verhutzelte weißhaarige Frau mit dem faltenreichen Gesicht, das nicht annähernd so alt aussah, wie es war, mit der kräftigen Nase, die das Gesicht beherrschte, dem energischen Kinn …, eingehüllt in die weiße Strickjacke, die angeblich von einem deutschen Veteranen hergestellt worden war. Jetzt begann ich inzwischen auch die fast pathologischen Züge ihres Nationaldenkens zu verstehen.
Gespenster sind anerkanntermaßen eine nicht sonderlich angenehme Gesellschaft.
Draußen fiel der Schnee dicht und immer dichter, und wenn ich nicht gewusst hätte, dass die von mir mitgebrachten Vorräte und Konserven im Keller noch lange reichten, ich hätte gewiss Furcht bekommen, so weit am Ende der Stadt eingeschneit zu werden.
So aber aktivierte ich die Heizung, und bald erfüllte wohlige Wärme das Haus und die Zimmer, die ich zu bewohnen gedachte.
Ich las nochmals Tante Hedwigs Testamentskopie, die mir Dr. White überlassen hatte.
„…und du solltest im Angedenken an mich, die Verblichene, in meinem Arbeitszimmer weilen und den Blick während der Weihnachtstage auf den nahen Forst gerichtet halten für den Fall, dass sich Zeichen und Wunder ereignen. Lass das Licht im Schlafzimmer oben im ersten Stock brennen, dies hat einen tieferen Sinn, den du bei der Ankunft verstehen wirst.
Zusätzlich dazu sollst du mein Leben nachvollziehen. Die Tagebücher, die ich im Schließfach deponiert habe, werden dir zeigen, was du wissen musst, um zu verstehen, warum ich so und nicht anders handeln konnte. Dr. White sollst du nicht befragen, denn er kann dir nicht helfen. Sein Wissen ist notwendigerweise beschränkt, dies war mein Wille.
Du wirst das Allerheiligste öffnen und den ersten Neuen Gottesdienst zelebrieren können, allerdings sollst du dies erst nach der Ankunft tun. Alles Weitere, was zu tun ist, entnimmst du dem Allerheiligsten und den Tagebüchern sowie der Akte. Das solltest du aber lesen, bevor du das Allerheiligste öffnest, sonst wirst du nicht verstehen.“
Das waren die letzten Worte Tante Hedwigs, die ich, obwohl ich sie inzwischen posthum fürchten gelernt hatte, immer noch so nannte. Und da sie im Tode friedlicher geworden zu sein schien, zumindest im Testament waren keine zynischen Ausfälle und Bemerkungen zu finden, die sie sonst so häufig auf der Zunge gehabt hatte, gedachte ich, ihrem Wunsch nachzukommen.
Ich begann also damit, am frühen Nachmittag des Weihnachtstages die Tagebücher zu lesen.
Das erste, was mir auffiel, waren augenfällige Veränderungen an der Vita. Sie war keineswegs 1904 geboren worden, sondern 1920. Das erklärte zumindest ihr Äußeres. Und es war auch nicht in Berlin-Lichterfelde gewesen, sondern in Leipzig. Ihr Vater, ein überzeugter Nationalsozialist, der glühender Antisemit war, schon bevor er in die NSDAP eintrat, heiratete eine „rassereine Deutsche“, wie Hedwig schrieb, weil er den damals grassierenden Lehren von der Rassereinheit bzw. Verwässerung positiver Gene durch Einheiraten in andere Völker (z.B. Juden) verfallen war.
Entsprechend fiel dann begreiflicherweise auch die Erziehung seiner Tochter Hedwig aus, die auf diese Weise sehr einseitig indoktriniert wurde. Sie verehrte zeitlebens ihren Vater, trat für ihn in den „Bund deutscher Mädel (BDM)“ ein, später machte sie in der Partei Karriere und geriet, wie aus den Ausweisen schon hervorging, in den Geheimdienst der Nazis.
Irgendwann fiel sie dann mit ihrer hohen Intelligenz, schnellen Auffassungsgabe, guter sportlicher Leistung und ihrem Aussehen auch den Talentsuchern der Abwehr auf, und Admiral Canaris nahm sie direkt unter seine Fittiche. Er trainierte sie mit einer großen Gruppe anderer Männer und Frauen für eine Spezialaufgabe, für die Spionage in fremden Ländern. Erste Feuerproben erfolgten schon ab 1943. Der Krieg war längst im Gange, aber verblüffenderweise war nicht nur Frankreich geschlagen worden, sondern auch England lag am Boden.
Ich schrieb das einer Geschichtsglorifizierung zu, genau, wie ich die Ausstellungsdaten auf den Ausweisen für einen schlechten Scherz gehalten hatte. Da hatte die OKW-Führung die Ausweise noch im Herbst 1948 abgestempelt, zu einer Zeit, zu der nachweislich das Nazi-Imperium gar nicht mehr Bestand hatte. Jeder einigermaßen gebildete Mensch wusste, dass Deutschland den Krieg 1945 verloren hatte und zerschlagen worden war.
Erschreckt las ich von dem „Unternehmen Thors Hammer“, das erfolgreich abgeschlossen wurde und im Winter 1944 Moskau durch eine nukleare Erstschlagwaffe aus Peenemünde dem Erdboden gleichmachte.
Das war doch völliger Wahnsinn. Das hatte sich doch niemals ereignet …
Im Frühjahr 1945 war der Krieg zu Ende, allerdings von Hitlerdeutschland gewonnen, das über ganz Europa und Eurasien herrschte. Japan hatte als Verbündeter den gesamten Pazifikraum unter Kontrolle, nachdem der Angriff auf Pearl Harbor die amerikanische Pazifikflotte gelähmt hatte. Da die Nazis an der „Ostfront“ immer weitere Erfolge zu vermelden hatten und alle alliierten Unternehmen einer Landung kläglich gescheitert waren, hatten sie keine Kräfte freisetzen können, die im Pazifik eingriffen. Sie hatten sich dort nur auf Hawaii und einigen kleineren Inseln festgesetzt und die Pazifikküste befestigt.
Erst das nukleare Patt Anfang 1945 zwang beide Seiten zum Einstellen der Kriegshandlungen. Dann wagte auch der japanische Tenno nicht mehr, die Vereinigten Staaten zu attackieren, weil er ahnte, dass er mit nuklearer Vergeltung hätte rechnen müssen.
Hedwig war 1946 bis 1949 in den USA als Untergrundagentin der Abwehr tätig. Sie hatte die Aufgabe, ein nazitreues Netzwerk aus Rassisten und deutschstämmigen Fanatikern aufzurichten, das die USA unterwandern sollte. Der Ku-Klux-Klan spielte dabei eine maßgebliche Rolle, aber auch deutsch-amerikanische Traditionalistenvereine.
In der Heimat, im „Reich“ wucherte ihren Worten zufolge derweil unterdessen der Asenkult. Es wurden speziell in den nordischen Ländern, Osteuropa und einigen französischen Orten, die für Megalithbauten berühmt waren, zu bestimmten Zeiten im Jahr Messen zelebriert, bei denen die alten Kräfte der nordischen Götter beschworen wurden. Die Resultate waren „geheime Reichssache“, also nicht öffentlich.
Ich vermutete, weil alle Versuche fehlschlugen.
Aber ich täuschte mich.
Zwischen 1950 und 1960 vollbrachte Hedwig weitere „Ruhmestaten“ im Namen des Führers. Sie war Verbindungsoffizier zum kaiserlichen Diplomatenkorps des Tenno, sie bereiste die sibirischen Weiten, um dort Verschwörungen russischer Intelligenzija aufzudecken, bereiste Nordafrika und beobachtete das Treiben in den „Rasselagern“, die die SS eingerichtet hatte und die darauf hinzielten, systematisch die in diesen Ländern hausenden Menschenvölker auszurotten. Kurzum: sie wurde überall eingesetzt, wo Not am Mann war und wo eine Eliteagentin wie sie einzusetzen war.
Als sie vierzig Jahre alt war, wurde sie von allen Posten abberufen und direkt nach Berlin geholt, wo man sie an ein neues Projekt ansetzte, das größer als alle bisherigen war, wie sie schrieb. Name dieses Unternehmens war „Ragnarök“. Zu diesem Zweck musste sie sich in den Reichsgau Essex begeben und dort mit einer Gruppe von Personen zusammenarbeiten, die sie namentlich angab und die ich – anhand der Ausweise – alle schon kannte:
Dr. Eberhard Koch
Adolf Menzel-Schweizer
Wilhelm Loibold
Professor Dr. Michael von Kappel
Dr. Tarnuq Dari
Ishimoto Hasaki
Dr. Walter Smith
Martin Berginsson
Undine Neiken
Susanne von Koor
Es waren Personen, deren Ausweise ich in dem Schließfach gesehen und mitgenommen hatte. Dari war zweifelsfrei als Araber zu erkennen, Hasaki als Gesandter des Tenno. Berginsson konnte seine Verbindungen zu den Skandinaviern ebenso wenig verleugnen wie Undine Neiken. Sie sahen aus, als seien sie aus dem arischen Stammbuch herausgeschnitten, blond, blauäugig, hochgewachsen, kraftvolle Personen. Die anderen waren eher unscheinbar.
Ich gebe zu, dass ich nur einen Teil dieser Akte verstanden habe, einen sehr geringen Teil. Was soll man sich unter „Ausstrahlung der alten Runen“ vorstellen? Oder unter dem mystischen Begriff „Tor nach Walhalla“? Da war von „Pendlern“ und „Rutengängern“ die Rede, von „Hohepriestern“ und einer ominösen „Jungfräulichen Kraft“ … alles Dinge, die mir sehr suspekt vorkamen.
Im Grunde genommen ging es darum, einen alten Wald nahe Oxford aufzusuchen (an der Stelle wurde mir fröstelnd ein Zusammenhang bewusst, aber ich weigerte mich noch – verständlicherweise! – kategorisch, zu glauben, was laut dieser Akte dort passiert sein sollte) und dort eine Art nordischer Beschwörungsmesse vorzunehmen. Es sollte dabei, wenn ich das richtig verstanden habe, von der Welt, die die Nationalsozialisten beherrschten, mit Hilfe der nordischen Götter ein Tor aufgestoßen werden zu einer anderen Welt.
Die zehn Teilnehmer des Unternehmens plus Hedwig, die die Leitung hatte, sollten hindurchgehen und hier einen Stützpunkt errichten, das heißt, eigentlich mehrere in der ganzen Welt. Hedwig sollte allerdings die Hüterin des Tores sein und damit von Anfang an das größte Risiko tragen.
An dieser Stelle brach die Akte ab, ihre Tagebücher hatten ebenfalls an diesem Punkt geendet, wo sie den Wald betrat.
Es war, um es gelinde auszudrücken, schockierend.
Und nun war da noch dieser schwarze Eichenschrank, dessen Schlüssel ich in der Hand hielt. Ein sehr moderner Schlüssel, der in etwa aussah wie eine Scheckkarte. Wenn dies von Anfang an der Schlüssel gewesen war, dann musste die Geschichte stimmen, und die Nazis auf dieser anderen Erde waren weiter entwickelt als wir. Wesentlich weiter. Denn diese Art der Safeverriegelung war bei uns erst vor zwanzig Jahren aufgekommen, nicht schon vor fast vierzig.
Nachdem ich meinen Schock einigermaßen verdaut hatte, öffnete ich den Schrank und sah mir sein Inneres an.
Der Schrank war in zwei Hälften durch ein Brett in der Horizontalen unterteilt. Oben strahlte mich ein großformatiges, gerahmtes Bild des jungen Adolf Hitler an, wie er aus einschlägigen Lexika bekannt ist. Rings um den Eichenrahmen des Bildes lagen vertrocknete Blumen, und Kerzen standen erloschen umher, in der Tat wie bei einem Altar.
Davor lag auf dem Brett ein Briefumschlag, den Tante Hedwig dorthin gelegt haben musste. Er war an mich adressiert.
Und auf den 20. August 1961 datiert!
Das war vor meiner Geburt gewesen!
Wie in Trance nahm ich den verblichenen Umschlag mit der eingetrockneten Schrift in die Hand. Es war eigentlich nicht möglich, was ich hier vorfand. Die Irrealität sprengte die Grenzen des Möglichen.
Ich öffnete den Brief, der reichlichkurz war, und begann ihn zu lesen. Die Schrift, kraftvoll und elegant, war keineswegs die der alten Dame, die ich so lange gekannt hatte. Aber es gab gewisse Anklänge an die schwungvolle Sütterlinschrift auf den Rückseiten der Fotos, so dass ich nicht daran zweifelte, dass dieser Brief von Hedwig war. Von der jüngeren Hedwig, die knapp über vierzig Jahre alt war, als sie ihn schrieb.
Weshalb sie meinen Namen gekannt hatte, war mir am Anfang des Briefes schleierhaft. Nachher begriff ich.
Lieber Peter,
es ist ungewohnt, wenn man einen Brief nicht mit der obligatorischen Formel „Heil Hitler“ einleiten kann, die ich so lange gewohnt war. Aber sie hätte dich wahrscheinlich verschreckt. Das wäre den Plänen nicht förderlich. Du wirst diesen Brief erst am Weihnachtstag des Jahres 1998 öffnen, was von heute noch mehr als siebenunddreißig Jahre entfernt ist. Dein Weltbild muss erschüttert sein, wenn ich mit diesem Brief zu Ende bin. Aber es muss sein.
Die Vorsehung der Nornen hat uns allen gezeigt, was uns erwartet. Koch, Menzel-Schweizer und all die anderen wissen, wie und wann sie sterben werden. Auch ich weiß das. Deswegen beunruhigt mich mein Schicksal nicht. Ich weiß, dass meine Mission erfolgreich sein wird. Ich weiß es zumindest bis zu diesem Tag, an dem du den Brief liest.
Zu diesem Zeitpunkt wirst du die Tagebücher gelesen haben und alle Informationen über das „Unternehmen Ragnarök“. Du wirst wahrscheinlich, genau wie ich, nicht alles verstanden haben. Das ist normal und zeigt nun nicht an, dass dein Intellekt unterentwickelt ist.
Du wirst unsere Herkunft erkannt haben, sie aber wohl nicht glauben. Wir sind nicht von dieser Welt, sind aber dennoch keine Fabelwesen. Wir wollen lediglich die Herrschaft des Herrenvolkes unserer Welt mit Hilfe der kraftvollen nordischen Götter zu anderen Welten tragen. Und diese Welten sind andere Erden, von denen es unzählige gibt.
Wir kamen durch das Weltentor in dem alten Eichenwald, und wir werden dort hindurch nicht verschwinden. Odin sagte uns, man würde uns einem Test unterwerfen. Dieser Test werde solange dauern, bis der letzte von uns tot sei. Also bis 1998.
Dann würde sich, wenn wir richtig gearbeitet hätten, das Weltentor wieder öffnen. Auf unserer Heimatwelt ist in dieser Zeitspanne kaum nennenswert Zeit vergangen, einige Tage oder Wochen. Wenn wir in diesen siebenunddreißig Jahren durchgehalten haben, unerschütterlich in der Treue zu unserem geliebten Führer Adolf Hitler gestanden haben, dann wird das Weltentor permanent geöffnet bleiben und die Legionen des Dritten Reiches diese Welt überschwemmen und ihre zerrüttete, verdorbene Führung nachhaltig beseitigen.
Ich glaube daran und werde bis zum letzten Tag standhaft bleiben. Ich weiß durch die Nornen, dass du, Peter, kommen wirst, um meine Mission zum Erfolg zu bringen. Du wirst die Truppen in Empfang nehmen und ihnen den Zugang zu allen Depots geben, die sie zur Finanzierung brauchen.
In der Schweiz wirst du, wenn du das Nummernkonto und die Schließfächer öffnest, auch die Kontonummern der anderen vorfinden. Sie sind im Verlauf der Jahre vor mir gestorben (seltsam, so in der Vergangenheit von Menschen zu reden, die noch leben), und sie werden mir ihre Anteile übereignet haben. Du wirst dann ebenfalls Informationen von Agentenringen und Organisationen vorfinden, die sie im Laufe der Zeit gegründet haben, damit unsere Truppen erfolgreich diese Strukturen unterwandern können.
Wenn du die weißroten Leuchtraketen im Wald siehst, dann weißt du, dass sie da sind. Dass das Tor offen ist. Und dann werden sie dich finden. Die Nornen haben ihnen mein Haus so gründlich beschrieben, wie sie einst beschrieben haben, dass du kommen und wie du aussehen würdest, mein blonder, blauäugiger, hünenhafter Peter.
Du weißt, dass sie recht haben. Sie irren nie.
Wenn du diese Zeilen liest, ist der Prozess unumkehrbar. Odin selbst wird wettergemäß dafür sorgen, dass du deiner Bestimmung nicht entgehen kannst. Du weißt sicherlich, wie er das macht, wenn du dies liest.
Freue dich und preise mich als Märtyrerin.
Eine neue Zeit wird anbrechen für euch alle. Eine Zeit, in der der Wille des Führers auch auf dieser Welt alles Untermenschliche ausradieren wird, auf dass wir den Göttern in Walhalla näher stehen mögen.
Lebe wohl.
Deine Hedwig.
Wenn ich dachte, die bisherigen Schrecken ließen sich nicht mehr steigern, so habe ich hiermit erkannt, dass das ein Irrtum war.
Mein erster Reflex war, sofort die nächste Polizeistation oder die nächste Militärbasis anzurufen und sie von dem Schrecken zu informieren, von dieser Invasion, die auf sie zukommen würde.
Aber als ich zum Telefon kam, sah ich die blaue Mahnkarte daneben, die von der Fernmeldegesellschaft gekommen war und die Tante Hedwig offenkundig vor ihrem Tod noch dorthin gelegt hatte. Bislang war sie meiner Aufmerksamkeit entgangen. Mit eisigem Erschrecken stellte ich nun fest, dass das Telefon abgestellt worden war. Ohne Mithilfe der Telefongesellschaft war es auch nicht wieder zum Leben zu erwecken.
Der Weg war abgeschnitten.
Der nächste Fluchtimpuls trieb mich zur Eingangstür, aber als ich sie öffnete, wogte mir beinahe ein Meter Schnee entgegen. Nur mit Mühe bekam ich die Tür wieder zu.
Draußen sorgte Odin in der Tat für unpassierbare Hindernisse.
Resignierend kehrte ich in das Arbeitszimmer mit Blick auf den Wald zurück und starrte auf den eigentümlichen schwarzmetallischen Kasten mit vielen Skalen und Inschriften, der die untere Hälfte des Schrankes einnahm. SS-Runen und ein Reichsadler-Emblem zeigten mir deutlich, woher es kam. Es schien eine Art Funkgerät ohne Antennen zu sein. Aber wer mochte wissen, wohin man damit gelangte, wenn man es aktivierte? Ich wagte es nicht, sondern schloss den Schrank wieder.
Kurz darauf begann ich mit dem Verfassen dieses Berichtes, weil ich diesen immensen psychischen Druck irgendwo loswerden musste.
Vor etwa einer Stunde habe ich die Lichter gesehen, die draußen über dem Wald flammten. Nun also ist es Wahrheit geworden. Die Welt, wie wir sie kennen, wird bald aufhören zu existieren. Und sie wird durch eine Diktatur ersetzt werden, wie sie sich schrecklicher nicht vorstellen lässt. Was wird mit mir passieren? Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, die Invasion im entscheidenden Moment abzubrechen? Ich bin da eher pessimistisch.
Durch das Fensterglas sehe ich auf der freien Fläche zum Wald hin schwarze Schemen herangleiten. Offenkundig bewegen sie sich mit einer Art Luftkissengleiter über die Schneefelder. Und es sind sehr viele dieser Fahrzeuge.
Sie fahren direkt aufs Haus zu …
Gleich werden sie hier sein.
Wir können nur noch beten und hoffen.
ENDE
© 1994/2021/2026 by Uwe Lammers
Gifhorn, den 18. bis 20. November 1994
Abschrift: Braunschweig, den 14.-16. März 2021
Überarbeitung: 7. Januar 2026