Mai 2085

Solares System

Vereinigtes Königreich, Saturnmond Titan

The First Spacelord of the British Empire, the honorable Admiral of Space Fleet, Sir George, 2nd, Earl of New Worchestershire, VC (Victoria Cross), AC (Artus Cross), CBE (Commander of the Order of British Empire), KCSO, (Knight Commander of Space Order) hatte zwar einen hochtrabenden Titel geerbt und hohe Auszeichnungen erhalten, doch seine Flotte beschränkte sich auf etwa 100 Kanonenboote für je 10 Mann Besatzung. Alle mit in Lizenz selbst hergestellten Korpuskular-Triebwerken ausgestattet und ohne Überlichtantrieb, dazu besaß die Royal Space Navy einige kampfstarke Jagdmaschinen und eine Handvoll Transport- und Passagiershuttles für Transporte von und zu den Saturnmonden und die Landung auf der Erde.

Selbst diese winzige Flotte hatten der König und der erste Lord der Raummarine nur mit großer Mühe einem erzkonservativen Premierminister abringen können, für den jedes Pfund, das in die Royal Space Navy floss, eine Verschwendung von Steuergeldern und beinahe ein kleines Verbrechen war. Mister Robert Donderless wurde nicht müde, in allen Medien zu verkünden, dass nur eiserne Sparsamkeit das Commonwealth erhalten könne, also müsse sich das Volk selbst um Bildung, Gesundheit und Altersvorsorge sorgen, der Staat könne es nicht. Und es wäre eine Zumutung, an den Erhalt einer Raumflotte zu denken, ehe man nicht alles selbst herstellen könne, ohne hohe Lizenzgebühren zahlen zu müssen. Seltsamerweise war aber der Staatshaushalt trotz dieser Sparpolitik nie in Ordnung, die Staatsschulden wollten einfach nicht geringer werden. Obwohl Artus II den sparsamsten Hof seit einigen hundert Jahren führte und auf einen nicht unerheblichen Teil seiner Apanagen verzichtete. Als die Nachricht einer möglichen Bedrohung durch eine intelligente neurale Nanotronik aus dem Imperium der Arkoniden sogar in einem Empire, das in selbstgewählter Isolation verharrte, die Runde machte und sich nicht mehr vor der Bevölkerung verheimlichen ließ, schrie das Volk lautstark nach dem Kopf des Premierministers, eben jenes Politikers, den es vorher für seine Knausrigkeit so sehr bewundert hatte. Rasch anberaumte Wahlen nach dem nicht ganz freiwilligen Rücktritt des Premiers mischten die Karten neu, doch aus dem Boden konnte auch die neue Regierung keine Raumflotte stampfen, dazu fehlte es einfach an finanziellen Mitteln. Die Bewohner des Empire fragten sich, wo all die Steuern denn geblieben waren, die sie bezahlt hatten, und sie beschwerten sich nicht mehr ruhig, sondern waren wütend geworden. Der neue Premierminister beauftragte den Lord Oberstaatsanwalt mit der Klärung des Falles und dieser ging von Betrug und entweder privater Bereicherung oder von schwerem Diebstahl zum Vorteil einer dritten Partei aus. Die Bevölkerung hatte zwar nicht mehr viel Hoffnung, auch nur ein Pfund wieder zu sehen, beruhigte sich aber fürs erste und ließ die neue Regierung mitsamt dem Lord Oberstaatsanwalt einmal machen. Der König verkaufte für die ersten Anschaffungen einige Schmuckstücke aus seinem Privatbesitz, und das Commonwealth erwarb von der ITC halbwegs günstig einen mit Sprungdämpfern nachgerüsteten Handelsraumer mit sechshundert Metern Durchmesser, verstärkte die kaum vorhandene Bewaffnung, nannte das Gebilde stolz schwerer Kreuzer und taufte es HMSS GOLDEN HIND, nach Sir Francis Drakes Schiff. Von der GCC konnte man günstig ein Schlachtschiff der STARDUST-Klasse erwerben, das wie die GOLDEN HIND noch mit Antimateriemeilern, aber natürlich bereits mit Dämpfern ausgerüstet war, welches nun als HMSS HOOD seinen Dienst auf der Rhea Basis versah. Mehr war bis zum Ende des Jahres 2084 weder von den Finanzen noch von der Möglichkeit, ausgebildete Mannschaften im eigenen Land zu rekrutieren, möglich.

Das British Empire und danach das Commonwealth waren vielleicht schon einmal größer gewesen, als es heute noch der Fall war, aber auch schon einiges kleiner. Es bestand derzeit aus der britischen Insel mit England, Schottland und Wales, dem Nordteil der irischen Insel, Kanada, Australien, Neuseeland, einigen über die ganze Welt verstreuten Inseln und den Saturnmonden Titan, Iapetus, Dione, Tethys und Rhea, auf welch letzterem King Artus II seiner Tochter Margaret Diana einen schönen Palast mit tollem Ausblick auf die Ringe des Saturn gebaut hatte. Einige Asteroiden rundeten den Besitz ab und brachten dem Empire Rohstoffe und einige Gewinne. Auch auf Rhea konnte einige Überschüsse in den Hotels rund um den königlichen Palast erzielt werde, Tethys war als elegantes Kasino für die Reichen und oftmals gar nicht mehr Schönen durchaus ein Begriff und fuhr für Britannien bald satte Gewinne ein, und Titan war ein kleines Sheffield geworden, die Industriezone für das Empire.

In Australien hatte das Parlament eine den Tubeways der GCC änhnliche Straße von Ost nach West quer durch das Outback verlegen lassen und auch hier einen grünen, fruchtbaren Streifen hervorgebracht, außerdem verbanden kleinere Abzweigungen die wenigen Städte an der Nord- und Südküste mit der Hauptader. Inmitten der Wüste wurde an dieser Verkehrsader mit viel Klarstahl und Chrom der Royal Australien Spaceport errichtet, der umsatzstärkste Raumhafen des Commonwealth, von dem auch ein Ableger der Straße ohne Bewässerung einige Kilometer zum Uluru führte. Stehenbleiben und bestaunen war erlaubt, die Straße zu verlassen hingegen strengstens verboten.

Das kanadische Parlament seinerseits hatte beschlossen, sich von der GCC die originale Tubeway verlegen zu lassen, das bisschen Land, welches die Straße säumte, an Rhodans Firma abzugeben, schien sich durchaus zu rechnen. Außerdem war die medizinische Versorgung im hintersten Winkel des Landes auch eine Menge wert, und wo das Royal Mounted Police Corps an seine Grenzen stieß, konnte sie mit der Unterstützung von Tubeway-Rangern jederzeit rechnen. Viele Orte, die vorher nur mit dem Flugzeug zu erreichen gewesen waren, hatten jetzt Zugang zu zumindest einem Robodoc, ohne das selbst gewählte Leben in der schönen, aber rauen und einsamen Wildnis aufgeben zu müssen. Auch Kanada baute natürlich zwei Space Terminals, aber diese waren bei weitem kleiner als das australische.

Am 27 Jänner des Jahres 2085 verstarb König Artus II überraschend im Alter von nur 65 Jahren an einer Krankheit der Atemwege, und Margaret Diana I wurde als die älteste von vier Töchtern im Alter von 37 Jahren zur Königin des Empire gekrönt. Margaret hatte viel Glück gehabt, weder die Windsor- noch die Battenberg-Gene zeigten sich sehr stark ausgeprägt auf ihrem Gesicht. Sie war zwar keine Schönheit, aber durchaus hübsch und repräsentabel. Sie war außerdem eine moderne, zukunftsorientierte junge Frau, die sich ihren Ehemann selbst ausgesucht hatte und dabei mehr auf Verstand als auf Titel Wert gelegt hatte. Sie sah, dass sich das British Empire entweder am Weltraumrennen beteiligen musste oder über kurz oder lang aufhören würde, als selbständiger Faktor zu existieren und nur noch von übrig gebliebenen Almosen leben musste. Das wäre eine unerträgliche Situation, auch für die modern denkende Margaret Diana.

Gemeinsam mit einigen finanziell potenten Geschäftspartnern gründete sie also die Royal Outher Space Company und projektierte einen Plan zum Aufbau einer zwar kleinen, aber schlagkräftigen Fernhandelsflotte. Zuerst aber mussten natürlich die interplanetaren Einheiten modernisiert werden, die Kanonenboote sollten allmählich durch die neue, den neuen Verhältnissen angepasste Essex – Klasse ersetzt werden, doch mit der Zeit sollten auch mehrere Fernraumschiffe unter dem Union Jack im Universum unterwegs sein. Die alten Boote der britischen Royal Space Navy waren vom Design Springerschiffe in der typischen Walzenform, 60 Meter lang und 10 im Durchmesser, mit drei Geschützringen zu je 4 Kanonen. Die britischen Konstrukteure hatten jetzt eine Schwachstelle in der Konstruktion festgestellt, diese Schiffe waren eigentlich nur für ein laufendes oder ein Passiergefecht wirklich geeignet, denn es konnten nur starke Breitseiten abgefeuert werden. Für einen Frontalangriff à la hit and run, wie es gegen größere Schiffe angeraten war, konnte immer nur der Bugring, beziehungsweise bei einer Flucht der Heckring eingesetzt werden. Was lag also näher, als die mittleren Geschütze entweder versetzt zu den bug- und heckwärtigen Ringen zu positionieren oder sie auf Sockel zu stellen. Die ROSC entschied sich für beides, versetzte die üblichen mittelschweren Kanonen um 45 Grad und baute an der Stelle, an der sie einmal angebracht waren, drei Hochdecks, auf welchen sie die Türme mit den neuesten schweren Impulsstrahlern im Kaliber 21 Zoll unterbrachte, in Bug und Heck zusätzlich je einen 35 Zoll Desintegrator. Neueste Energietechnik, teuer bezahlt, aber immer noch billiger und ungefährlicher als die alten Antimateriezellen, die ersten sollten im Mai oder Juni in Dienst gestellt werden. Außerdem kaufte die Gesellschaft einen modernen Schlachtkreuzer von Starlight Enterprises mit 600 Metern Durchmesser und nannte ihn HMSS ARK ROYAL, die mitgelieferten Korvetten in den Hangars wurden durch alte Kanonenboote ersetzt, dafür die vorherigen Beiboote als eigenständige Einheiten der Home Fleet geführt. Sie versahen nun gemeinsam mit dem Mutterschiff im Sonnensystem verteilt ihren Dienst, während die GOLDEN HIND, deren erfahrene Stammbesatzung auf die neue ARK ROYAL versetzt wurde, mit einer neuen Crew grob in der Richtung des Nordsterns nach neuen Kolonien oder Märkten für das Empire suchen sollte. Zuerst im System des Sternes Gamma Cephei, mit dem Eigennamen Errai, einem Doppelstern, der nur 46 Lichtjahre von der Erde entfernt war.

Commander Sir Charles St. Clair, KCSO, war aus gutem, wenn auch nicht höchstem Hause, was ihn aber nicht daran hinderte, auch sein Gehirn zu benützen. Er hatte sich freiwillig zum Dienst in der Royal Space Navy gemeldet und hatte sich für den Offierslehrgang qualifiziert, dort hatte er in allen Fächern mit mittelmäßigen Erfolgen geglänzt. Seinen guten Notendurchschnitt verdankte er vor allem seiner Fähigkeit, Menschen zu führen, Konflikte Untergebener beizulegen und einem Talent für Improvisation, welches ihn immer wieder auf die Füße fallen ließ. So hatte man ihm einige wenige erfahrene Techniker, einige junge Ingenieure und einen Haufen Kinder unterstellt, mit dem Befehl, daraus eine einsatzbereite Mannschaft für die GOLDEN HIND zu formen. Keine leichte Aufgabe, welcher sich der 38-jährige Baronet gegenüber sah, doch er ging sie mit Feuereifer an. Wie in solchen Fällen üblich, nahm Geschützexerzieren neben Orientierungsläufen, Gefechtsübungen und theoretischen Lehrgängen einen großen Teil der Dienstzeit in Anspruch. Im Mai 58, nach vier Monaten härtestem Drill, war die Mannschaft der HIND für erste Testflüge bereit, das Ziel sollte der nahe Stern Errai sein, für den Juni wurde der Start der Expedition, die noch viel weiter hinaus führen und die ersehnten Märkte oder Kolonialplaneten bringen sollte, geplant.

*

Auf dem Raumhafen des Saturnmondes Titan herrschte hektische Aufregung, die HMSS GOLDEN HIND sollte in Kürze aufbrechen, um dem nahen Stern Errai seine Aufwartung zu machen. Große Überraschungen erwartete man nicht von diesem System. Wissenschaftler hatten berechnet, dass ein Planet in der habitablen Zone zwar möglich war, wenn auch die Auswirkungen des roten Zwergsternes, der den Hauptstern alle 70 Jahre einmal umkreiste, völlig unabsehbar waren und daher intelligentes Leben als unwahrscheinlich zu betrachten war. Queen Margaret Diana war in höchst eigener Person angereist, denn zum ersten Mal sollte ein Raumschiff unter dem britischen Banner das Sonnensystem verlassen, und auch die Vorstandsmitglieder der Outer Space Company wollten sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Der Hofdichter Charles Monroy dichtete für diese Gelegenheit das alte britische Nationallied, welches bekannter als die offizielle Hymne war, für diesen Anlass rasch einmal um. ‚Rule, Britannia! Britannia rules the Space!‘ Überall hingen Union Jacks von den Kuppeldecken, selbst die Fassaden der im luftleeren Raum stehenden Lager waren damit geschmückt, damit Margaret Diana sich geehrt fühlte, wenn die Kamera darüber schwenkte.

Nun, Lassy, jetzt wollen wir einmal hoffen, dass Sir Charles und seine Crew wirklich schon so weit sind!“ Der breitbrüstige, große schottische Magnat und Hersteller von langlebigen Raumschiffstriebwerken, Laird Malcolm MacMonahan, sprach immer den breiten Dialekt seiner Heimat, wenn er aufgeregt war. Und wer sollte seine Nervosität nicht verstehen können. Er hatte sein Vermögen in die Gesellschaft gesteckt und viel, nein eigentlich beinahe alles außer dem Pensionsfond seiner Angestellten riskiert.

Das sollten wir wirklich, Colm“, seufzte Margaret Diana und schob eine widerspenstige Strähne ihres rotblonden Haares aus dem Gesicht. Die Queen kam im Aussehen nach ihrer Mutter Brianna, der Duchess of Dundee, mit blassem Teint, Sommersprossen um die Stupsnase und kupferroten Haaren, grünen Augen und vollen Lippen. Zum Glück war das Mittelalter lange vorbei, damals hätte man die Duchess und auch die Queen sofort der Hexerei verdächtigt. Eine Hexe, die im Auftrag des Teufels die Männer verführen sollte, vor allem, weil auch sie immer schon selbstbewusste und starke Frauen gewesen waren.

Was soll schon schief gehen?“ Arween Evans aus Wales, die für die Royal Navy und auch die Polizeistellen und die Armee die Energiewaffen im XS bis zum XXXL Format unter Lizenz herstellte, saß in einem der Sessel und betrachtete die HIND auf den Kontrollmonitoren. „Rhodans erster Sprung waren 26 Lichtjahre, und er hat die Wega auch getroffen!“

Rhodan hatte die Arkoniden als Unterstützung“, wandte Sir Walter Penderton, Besitzer eines großen Handelsimperiums, ein.

Und wir haben die beste Neuronik auf dem Markt.“ Die walisische Fabrikantin ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wenn sich auf einem Planeten von Errai nicht gerade einige ganz fiese grüne Männchen versteckt halten, die unsere Mannschaft massakrieren, sehe ich kein unüberwindbares Problem.“

Eher graublau!“ murmelte Margaret Diana den alten Spruch, mit dem man früher immer auf die Spekulation über grüne Marsmenschen geantwortet hatte.

Arween zuckte nur mit den Schultern. „Grau, blau, grün, egal, es wäre ein Zufall, so knapp – na ja, die Wega ist ja noch näher. Aber Charles Saint Clair ist gut in Improvisation, also beruhigt Euch alle. Außerdem ist es zu spät, alles abzusagen. Lasst den Mann machen, immerhin ist er da draußen, während wir hier im sicheren und warmen Kämmerchen sitzen.“

Danke, Arween“, sprach Queen Margaret die fünf Jahre ältere Frau an. „Das vergessen wir immer wieder, trotzdem, ich fiebere der Zukunft…“

Royal Highness, Ma’am, Sirs, bitte entschuldigen Sie, aber es ist Zeit!“ Der First Spacelord war hinzugetreten und bot Queen Margaret den Arm.

Natürlich, Sir George!“ Federleicht ruhte ihre Hand auf seinem Arm, als er sie zur Funkanlage führte.

Royal Highness!“ Der Radiooffizier, Lieutenant James Bunderell, salutierte.

Richten Sie das Mikrophon auf die Königin aus und warten Sie auf das Signal ihrer Majestät, dass sie bereit ist“, befahl der Spacelord.

Aye! Wann immer Sie wollen, Ma’am“, erstattete der RO Meldung.

Dann sofort, Lieutenant“, beschied die Queen, und ein rotes Licht flackerte vor ihr auf, der Commander auf der Brücke der GOLDEN HIND wurde sichtbar. Genau so, wie offensichtlich sie auf seinem Schirm erschien, denn er nahm Haltung an und salutierte schneidig.

Commander Saint Clair“, begann die Queen. „Wir alle hoffen, Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht und bringen uns die HIND wieder in einem Stück nach Hause. Möglichst mit der kompletten Besatzung!“

Royal Highness, ich verspreche mein Bestes zu tun“, rapportierte der Commodore.

Da bin ich mir sicher“, sprach Margaret weiter und machte eine beschwichtigende und beruhigende Handbewegung. „Commodore, erfüllen sie Ihren Auftrag, nicht nur meine Augen, die des gesamten Empire ruhen auf Ihnen und der GOLDEN HIND. Machen Sie’s gut, Commander, und viel Glück auf Ihrer Fahrt!“

Danke, Ma’am. Tower, HMSS GOLDEN HIND erbittet Startfreigabe!“ Der CO des Towers drehte sich fragend zu seiner höchsten Vorgesetzten um, Margaret hob die Hand und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Dann sprach Sie persönlich die erlösenden Worte.

Start freigegeben, HIND! Anker auf und Leinen los!“

*

Also, Leute, Ihr habt die Queen gehört“, rief Commander St. Claire, als die Verbindung unterbrochen wurde. „Wir machen alles wie geübt und legen einen Bilderbuchstart hin. Also, ganz ruhig, Ruder, Antigravitationsfeld einpegeln. Feldantrieb ein, langsam und mit Gefühl… sehr gut. Nav, geben Sie dem Ruder die Kursdaten. Ruder?“

Kurs liegt an, CO!“ meldete Scarlett Cooper als Rudergänger. Langsam hob sich die sechshundert Meter durchmessende Kugel lautlos in den pechschwarzen Himmel des Titans, ließ die prächtigen Ringe des Saturn unter sich zurück.

Sehr gut. Jetzt sachte Schub auf die Triebwerke.“ Aus 18 Triebwerken tobten lange Lichterscheinungen, als Scarlett die Korpuskulartriebwerke zuschaltete, und trieben die Kugel mit einer unter modernen Kosmonauten als gemütlich geltenden Beschleunigung von 500 Kilometern im Sekundenquadrat aus der Ebene des Sonnensystems nach der Richtung, die in Übereinkunft aller Staaten der Erde als Norden und oben angesehen wurde. „Gut gemacht, Ensign!“ lobte der Commodore. „Übergeben Sie die Steuerung der Neuronik!“

Daten und Steuerung an Neuronik übergeben, Sir!“ bestätigte Scarlett.

Goldie?“ fragte Charles nach. „Bist Du bereit?“

Die androgyne Stimme der Neuronik bestätigte. „Daten empfangen und breit, Commander.“

Ausführung, wenn der Punkt erreicht ist!“ befahl St. Clair, und die GOLDEN HIND antwortete ihm.

Transit in 120 Sekunden.“ Schweigen breitete sich im Schiff aus, als die HIND auf den Sprungpunkt zuraste, die erwartungsvolle Spannung war mit Händen zu greifen. Sie brachen in völliges Neuland auf, vor ihnen war noch kein Mensch in dieser Richtung unterwegs gewesen. Die Neuronik meldete sich wieder. „Sprung in zehn Sekunden. In Fünf, vier, drei, zwei…“ Das Transitfeld baute sich vor der HIND auf, und sanft glitt das Schiff durch die Membran des Wurmloches.

System Reggys Stern

An Bord der HEPHAISTOS

Ein Hologramm in Kono Killikioauewas Unterkunft erhellte sich. „Kono? Ich dachte, dieses Material hier interessiert dich vielleicht.“ Victoria Rhodan lächelte sparsam. „Unsere Lorbeeren sind in Gefahr.“

„…bestätigen 948 Kilometer im Sekundenquadrat. Neue US-Bestmarke erreicht…“ Ein Rumpf mit dreieckigem Querschnitt raste, einen Feuerschweif hinter sich herziehend, durch den Raum. „… komme in einer Schleife mit Null sieben vier zurück!“

Wow!“ Kono war sprachlos. „Was für ein tolles Design!“

Ja!“ Starlights Lächeln war eindeutig säuerlich. „Zwölf Raks, sechs Energiewaffen nach vorne und vier nach hinten. Wahlweise Konfigurationen, vor dem Start durch Modulbauweise. Desintegrator rausgezogen, Impulswaffe rein. Zwei, vielleicht zweieinhalb Minuten für ein gutes Team.“

Starke Leistung!“ Kono kratzte ihren Skalp.

Ja, starke Leistung!“ resignierte Tana. „Meine Sturmoviks, die ähnlich bewaffnet sind, schlägt diese 88 in der Beschleunigung, und die leichteren Hawks, die einstweilen noch stärker beschleunigen, in der Bewaffnung. Das heißt, irgend etwas hat die Frau besser gemacht als wir, und wir werden es herausfinden müssen.“

Die Hawks sind wendig, Tana“, überlegte Kono. „Die fliegen Schleifen um alles andere, das unterwegs ist!“

Mag sein!“ knurrte Starlight. „Aber werde mir den Rang nicht ablaufen lassen. Der nächste Rekord geht wieder an mich! Und außerdem, diese Modulbauweise wird eine Menge an Lizenzgebühren kosten. Verdammt, ich hasse das! Da wird es ja bald billiger, South Dynamic Industries zu kau… Entschuldige, Kono! Ich muss weg!“

Kono Killikioauewa schüttelte den Kopf und schaltete das Interkom aus, dann meldete sich der Summer noch einmal, sie schaltete das Hologramm wieder ein.

Ich habe es eben erfahren, Sir. Ich denke, der Urlaub ist vorbei, ich muss wieder zum Mond.“

Ich fürchte auch.“ Rhodan begann unmittelbar mit der Befehlsausgabe. „Die Quicksilver startet morgen, amüsieren Sie sich heute noch einmal! Wir nehmen Professor Schmid mit, sie werden im Mondorbit eine Einstein – Tulpen – Brücke…“

Rosen, Sir“, unterbrach Kono. „Nach Nathan Rosen!“

Meinetwegen können Sie auch Veilchen oder Nelken nehmen“, grinste Rhodan müde. „Sie haben aber natürlich recht. Also, Sie stellen eine Verbindung zu einem Patrouillenboot her und arbeiten mit den hiesigen Wissenschaftlern zusammen, wir wollen unseren Vorsprung halten. Ich gönne den Amerikanern ihren Erfolg, aber jetzt werden die Asiaten alles daran setzen, sie zu schlagen, und dann fällt auch unser Rekord.“

Wäre das schlimm, Sir?“ fragte Kono.

Natürlich!“ Rhodan lachte lustlos. „Man hat doch immer gerne die Nase vorn. Nur das bringt doch immer wieder neue Rekordleistungen hervor, das ist Fortschritt! Wenn wir einen Schritt weiterkommen, werden alle anderen nachziehen, und so entstehen immer wieder neue Ideen!“

*

An Bord der OLYMPOS

Eine Frau im besten Alter und ein 19-jähriger junger Mann gingen durch die neue Station und kontrollierten die technischen Belange an verschiedenen Terminals.

Ich hätte nicht gedacht, dass meine Idee so schnell Realität wird!“ beinahe zärtlich streichelte Reginald über die metallene Oberfläche.

Ja.“ Leslie Myers hakte wieder einen Punkt auf ihren Pad ab. „Es sind alle Test positiv verlaufen, ab morgen beginnt der große Umzug!“

Oh Mann! Was geschieht mit der HEPHAISTOS eigentlich?“, fragte Reginald.

Nachdem sie jetzt mit der Konverterkanone eine beachtliche Feuerkraft entwickeln kann, möchte sie Perry Rhodan neu besetzen und um First in Alarmstellung bringen.“

Na ja, wenigstens wird sie nicht abgewrackt. Ich habe immerhin die meiste Zeit meines Lebens auf dieser Station verbracht.“ Er hakte wieder einen Posten ab. „Das war’s, Leslie. Morgen beginnt der große Exodus!“

Das Burgers, Pizza und Noodles von Lester lag ganz im Osten der neuen OLYMPOS, in der Mitte des Textilfreien Strandes. Lester hatte nicht vor, jemals wieder während der Arbeit etwas anderes als seine Schürze, welche Michelangelos David mit einem Gemächt bis zu den Knien zeigte, und dazu Sandalen zu tragen. Da sein Lokal nun aber auch außen an den Strip reichte, mussten seine beiden Köche jetzt auch den Selbstbedienungsbereich am inneren Rand mitversorgen. Der junge Mann aus New Orleans hatte mit Nacktheit von Anfang an keine Probleme gehabt, er hatte zu Hause bereits genug davon gesehen, dann aber hatte sein Schicksal die Karten für ihn neu gemischt.

Lester Duval war Koch gewesen, der fünfte Stern zum Greifen nahe. Er hatte Gerichte kreiert, deren Zutaten und Garnierung mehr als den durchschnittlichen Monatsverdienst eines Amerikaners ausmachten, und wenn das Aussehen seinen Anforderungen nicht entsprach, landete alles einfach im Müll. Designeranzüge, schicke Uhren, teure Gleiter und eine exklusive Wohnung mit Blick auf den Mississippi hatten seinen Alltag geprägt, bis er eines Tages damit konfrontiert wurde, dass einem Mann zwei Cent für ein einfaches Sandwich fehlten und der Verkäufer das Nahrungsmittel lieber in den Eimer warf, statt ausnahmsweise auf 2 Cent zu verzichten. Er nahm den Mann einfach mit und spendierte ihm eine ordentliche Mahlzeit in seinem Restaurant, lange vor der Öffnungszeit, und er erkannte, was er eigentlich verloren hatte – den Spaß am Kochen, am Leben, an Allem. Nur noch Stress und Panik, nur Besitztum, aber keine Freunde. Seine Verlobte hatte ihn verlassen, zu Hause war er nur noch selten, viel zu selten gewesen. Sehen und gesehen werden war wichtiger, als mit ihr einfach einen Abend zu verbringen, zu plaudern, meinetwegen einen Film zu sehen. Danach hatte er keine Beziehungen mehr, es gab genug Mädchen, die den Starkoch gerne zu Veranstaltungen begleiteten, um dort die richtigen Leute kennen zu lernen, sie revanchierten sich auch nachher. Flüchtiger Sex, der immer bedeutungsloser und öder wurde.

Lester überdachte sein Leben. Nach außen hatte er es geschafft, sein Vermögen wuchs, er war berühmt und mit Aktivitäten derart zugemüllt gewesen, dass die Leere seines Seins gar nicht bis zu seinem Bewusstsein durchgedrungen war. Einmal hatte ihn die junge Mitarbeiterin eines Escort Services auf ein Benefizkonzert begleitet, sie sprach davon, später die Erde verlassen zu wollen und sich ihr Studium mit Aufträgen wie solchen zu finanzieren. Er hatte nur mit einem Ohr zugehört, solche Geschichten hörte er nicht selten – ‚Nur so lange, bis ich das Geld für was auch immer gespart habe, dann ist Schluss mit dem Job‘ klang für ihn nach ‚Mit dieser einen Karte hole ich alle meine Verluste wieder zurück‘. Es klappte nie, der Erfolg kam nur auf die einfache Art, wenn man das Glück nicht zwingen wollte, sonst war er harte Arbeit. Und der ganz große Erfolg – der verlangte einen Bund mit dem Teufel! Während er dem Mann zusah, dem es offensichtlich schmeckte, rief er den Service an und bestellte noch einmal das selbe Mädchen. Ungewöhnlich für ihn, doch ein Lester Duval bekam alles, was er wollte. Fast alles. Miss Francine Delaware. Der Name war wahrscheinlich ebenso falsch wie das Lächeln, das Miss Delaware ihm zeigte, aber das war für Lester egal. Er forderte sie auf, ihm von ihrem Traum zu erzählen, und das tat sie. Stundenlang saßen sie zusammen und er hörte zu, führte Konversation. Francine kannte solche Kunden. Manchmal war es nicht die einfache, schnelle Nummer, welche einen Mann anzog, sondern einfach nur reden, und so erzählte die Miss Delaware, dass sie Medizin studierte, und knapp vor dem Abschluss stand, danach wollte sie mit der US Space Force hinaus, ganz weit hinaus, dorthin, wo noch kein Mensch war.

Tags darauf nahm Lester Duval Verbindung mit dem Büro der Starlight Enterprises in Galacto City auf, dort erfuhr er, dass sowohl er wie auch sein Können, meinte er es ernst, immer willkommen wären. Und so kam es, dass ein Sternekoch einen Imbiss auf der HEPHAISTOS betrieben hatte und nun auf die OLYMPOS umstieg. Keine Designerkleidung mehr, dafür Miss Stefanie Miller aus Dayton, Ohio. Er hatte sie kennengelernt, als er noch neu auf der Station war, die junge Frau war ihm buchstäblich vor die Füße gefallen. Sie flitzte auf ihren Rollerblades über den Strip, er kam aus einem Shop, die Ausweichmanöver der beiden gerieten etwas außer Kontrolle, und da saß sie nun vor ihm auf ihrem wohlgeformten Hinterteil. Die Folgen waren enorm, zwar dank guter Protektoren keine großen Verletzungen, aber eine Beziehung, die ihn nun schon vier Jahre glücklich machte. Ein Ende derselben war noch lange nicht abzusehen. Stefanie betrieb ein Fitnessstudio, das jetzt nach dem Umzug gleich neben Lesters Lokal angesiedelt war.

Da können die Leute, wenn sie Dein ungesundes Zeug in sich rein gestopft haben, das Gift wenigstens wieder abtrainieren“, hatte sie gewitzelt, und Lester hatte ihr einen Löffel Jambalaya vor den Mund gehalten. „Mm!“ Zufrieden hatte sie gekaut und geschnurrt. „Köstlich, das muss einfach ungesund sein.“

Garnelen sind ungesund?“, hatte er gefragt. „Reis, Tomaten, Schinken, Putenfleisch, scharfe Würste? Was denn davon?“ Er fütterte sie weiter.

Die Menge!“ antwortete sie mit vollem Mund und verklärtem Blick und schluckte. „Noch einen Löffel, bitte!“

Nun stand Lester in seinem neuen Lokal und begutachtete die Einrichtung, die doppelte Theke, die bei allen Lokalen an der östlichen Seite des Strips zum Standard gehörten, die Stühle, die Tische. Küche, Kaffeemaschine, Grill, alles funkelte neu und makellos. Eine Treppe und ein Lift führten in ein Untergeschoss, wo sich Lester Duvals Lokal und Stefanie Miller einen Umkleideraum teilten. Die Einen, um sich zu entkleiden, damit sie Zugang zum Nudistenstrandstrand bekamen, die Anderen zogen sich etwas an, um zu trainieren. Sich ohne zumindest eine Hose auf die Fitnessgeräte zu setzen, so etwas wäre selbst dem begeistertsten Nudisten nicht in den Sinn gekommen. Auf der anderen Seite des Burgers, Pizza und Noodles lag das Sweety Pies, wo es Waffeln, Crepes und Eis gab, die Betreiber Claudine und Giacomo waren ein etwas ungewöhnliches Paar. Der in Italien aufgewachsene Giacomo Barcatore war 46, trug seine Haare lang zum Pferdeschwanz gebunden, und war groß und dürr. Claudine Moliere aus Nantes war 58 und trug ihre Haare sehr kurz, sie war klein und ein wenig rundlich. Er war ein stiller, zurückhaltender Typ, sie war laut, schrill und ständig mit etwas beschäftigt. Während man aus Giacomo keine zehn Worte am Stück bekam, konnte Claudine stundenlang plaudern, ohne sich zu wiederholen. Doch trotz aller Unterschiede, die zwei wollten nicht mehr ohne einander und liebten sich von Herzen und aufrichtig. Claudine, Giacomo und Lester hatten sich schon darauf geeinigt, nicht allzu streng darauf zu achten, wer von den Gästen wo saß. Besonders wenn die eine Person an einem Tisch Burger und die andere eine Waffel wollte. Gemeinsam war man bestimmt erfolgreicher als in einem Dauerkampf, den Lester schon zu oft erlebt hatte, außerdem war es für alle sehr viel nervenschonender.

Solares System, Mond

Amerikanische Station Eagles Nest

Es waren nach dem Fiasko mit der Explosion der X 87 mit George Spitfire Decker an Bord sofort einige Ingenieure und Techniker des Merdun – Lookward – Konzerns angereist und hatten bei einem der verbliebenen Testflugzeuge die Innereien komplett zerlegt. Fehler hatten sie keinen gefunden, so sehr sie sich auch bemühten und jedes Teil extra und alle gemeinsam einem starken Stresstest unterwarfen, bei dem sich kein Problem zeigte. Also hatten sie das Triebwerk mit der Einspritzung in ein Rohrgerüst gespannt, aerodynamische Verkleidung war sowieso unnötig, den Auslöser der Einspritzung auf 940 km/sec2 gestellt und das Ding ohne Pilot in den atmosphärenlosen Himmel des Mondes gejagt. Prompt wurden die Ingenieure der Firma und all jene Lunies, die gerade nach oben durch die Klarstahlkuppel schauten, mit dem Anblick eines zwar teuren, zumindest aber keine Opfer hervorrufenden Feuerballes belohnt.

Wieso?“ Chefingenieur Bertram Brown raufte sich verzweifelt die Haare. „Auf dem Prüfstand funktioniert es einwandfrei, und jetzt? Jetzt fliegt das Teil in Million Teilen aus dem System, und wir haben ein feuchtes Nichts in der Hand, während die Piloten hier den Vogel der Southern Dynamic testen und testen und keine Schwachstellen finden.“

Jeff Daniels war ähnlich frustriert. „Die 87 ist ein steiles Gerät, sie hätte der 88 glatt davonfliegen müssen, und dann das Drama mit Spitfire. Die Flüge mit Crash haben gezeigt, sie ist gut!“

Aber nicht gut genug! Verdammt, verdammt und noch einmal verdammt!“ Bertram schleuderte seinen I-Pen gegen die Wand seines Büros. „Und während wir hier herumreden, fliegt uns die SDI – Zicke mit ihrer heißen Doppelacht auf und davon.“

Hilft nichts, Bertie!“ Jeff blieb ruhig. „Wir müssen uns einige Triebwerke kommen lassen und hier vor Ort herumprobieren. Wozu gibt es Fernsteuerungen?“

Ich hasse es! Die 88 wird in Serie gehen und wir haben das Nachsehen! Denk an mich, wenn die T’Rex den goldenen Ring auf blauem Grund trägt!“

*

System Eden

An Bord der ORSINO ORSINI

Die Sechzig-Meter-Korvette ORSINO ORSINI kam in jenem System aus dem Transit, in welchem die Besatzung von ARKONS WIDERKEHR sowohl Luft als auch Wasser aufgenommen hatte. Obwohl der Planet weit weg sogar von Miridan lag, war Perry Rhodan neugierig gewesen. Es war immer ein Vorteil, einen sicheren Sauerstoffplaneten zu kennen, außerdem war eine mögliche Basis, egal wo, immer interessant. Also hatte Victoria Rhodan die Korvette unter Oka Hisui losgeschickt. Sie sollte einmal einen kurzen Blick auf dieses System zu werfen, ob sich eine nähere Erforschung und eine eventuelle Besiedelung lohnen könnte. Unterstützt wurde die Besatzung der ORSINO ORSINI dabei von der Telepathin und Telekinetin Betty Kendall und dem Teleporter Ras Tschubai, denn auch wenn Oberst Viertelwald und sein Team kein Anzeichen für intelligentes Leben gefunden hatten, es war ja doch nur ein sehr kurzer Aufenthalt gewesen. Auch Admiral Kya Anach hatte zwei Kompanien ihrer motorisierten Marines und ein wissenschaftliches Team abgestellt, denn natürlich hatten die Miridaner durchaus ebenfalls Rechte an diesem System.

Miss Betty Kendall, geborene Toufry, sah auf dem Panoramaschirm den Planeten Eden immer größer werden. Weiße Wolken wirbelten über die Oberfläche und zeichneten ein zufälliges Muster über den blauen Meeren und den grünen, fruchtbaren Stellen der Kontinente, wurden von weißen und grauen Gebirgen überragt. Aus dieser Entfernung konnte man Eden ohne weiteres für die Erde halten, und Betty erinnerte sich wieder, wie es damals war, zum ersten Mal einen Planeten vom All aus gesehen zu haben. An die Tage im System der Wega, den Absturz der GOOD HOPE, an das kosmische Rätsel, Wanderer und ES. Sie dachte an Roger, ihren Mann und an ihre Kinder mit ihm. Daran, dass sie nicht mehr älter wurde, während ihre Kinder erwachsen und ihr Ehemann alt wurde. Sie hatte noch nicht an diese Konsequenzen gedacht, als sie dreißig war, und Perry Rhodan ihr einen Zellaktivator gezeigt hatte.

Du hast doch gesagt, mit den richtigen Menschen wäre es eine Pflicht, ewig zu Leben und der Menschheit zu dienen.“ Er ließ das Ei vor ihrer Nase baumeln. „Nimmst Du ihn jetzt an?“

Sie hatte etwas gezögert, dann hatte sie das Pendeln mit ihrer Hand gestoppt und sich den Aktivator um den Hals gehängt. „Ich stehe dazu, Sir“, hatte sie gesagt, „Ich habe es damals so gemeint und meine es immer noch.“ Ihre Lippen verzogen sich belustigt, damals, 2034, auf Rofus und Wanderer, als sie diese Worte von der Verpflichtung gesagt hatte, war sie noch ein Kind gewesen und hatte all die Frauen an Bord beneidet, weil die eine voluminöse Oberweite aufwiesen und sie gar nichts hatte. Heute wollte sie, es wäre bei ihr nicht ganz so viel geworden, der E-Cup Umfang war manchmal schon etwas schwer zu tragen, rein vom Gewicht her, und auch an den Hüften hatte sie mittlerweile etwas zugelegt. Aus dem Kind, dem kleinen Mädchen war im Laufe der Jahre eine Frau und Mutter geworden. 2043 war Richard auf die Welt gekommen, zwei Jahre später Kathleen, und beide waren jetzt bereits älter, als sie es zum Beginn ihrer Unsterblichkeit war. Ihr biologisches Alter war mit dreißig, dreißig Jahren stehen geblieben, ihre Kinder waren in den Vierzigern, ihr Mann war etwas über siebzig. Noch kein Greisenalter, Ende des 21 Jahrhunderts gab es gute lebensverlängernde Medikamente und eine gute medizinische Versorgung.

Aber was wäre in 50, oder in 80 Jahren. Oder in hundert. Sie wäre immer noch dreißig, Roger 170. Bei aller Liebe, ein alter Mann, selbst mit moderner Medizin. Vielleicht auch doch nicht, wenn die Medizin weiter solche Fortschritte machte, aber verdammt, wenn sie alle Gefahren überlebte, war sie in 500 Jahren, in 1.000 immer noch dreißig, und Roger? Richard und Kathleen? Ewig leben und ewig dienen? Hatte Tatjana Michalowka nicht recht, wenn sie eine einmalige Verzögerung des Alterns der Ewigkeit vorzog? Wäre nicht irgendwann auch die Ewigkeit nicht mehr als eine Belastung? Ein uralter Mensch in einem jungen Körper, erdrückt allein schon von der Last der Erinnerungen?

Du siehst aus, als dächtest du über die Unsterblichkeit nach!“ Die dunkle Stimme von Ras Tschubai klang hinter ihr, sie wischte schnell eine Träne aus dem Augenwinkel.

Ist es so offensichtlich?“, fragte sie. „Oder machst du mir neuerdings Konkurrenz als Telepath?“

So offensichtlich.“ Ras lächelte dünn. „Oder denkst du, du bist die einzige mit diesen dunklen Gedanken an Einsamkeit und zu vielen Erinnerungen?“

Ich habe bei dir noch nie etwas davon bemerkt!“ War ihre Stimme nicht etwas zu rau, zu belegt?

Ras Tschubai zeigte seine prächtigen Zähne. „Das ist der Grund, warum ich mich gegen eine dauerhafte Beziehung entschieden habe. Wozu sich ‚ewig‘ binden, wenn die Ewigkeit doch nicht ewig ist. ‚Bis dass der Tod uns scheidet‘ ist ein Hohn, denn es ist für die Frau eine Bindung, während ich weiß, dass es ein Intermezzo bleibt, bleiben muss. Denn ich werde der sein, der aller Wahrscheinlichkeit überlebt, wenn ich nicht irgendwann genug habe und den Aktivator weggebe. Oder einem Energiestrahl nicht mehr ausweichen kann. Also vermeide ich nach Möglichkeit allzu tiefe Gefühle und beende sie Sache, wenn es beginnt, mir unter die Haut zu gehen. Es tut weniger weh, wenn es kurz dauert! Glaube ich zumindest.“

Du glaubst, ohne Liebe ist das Leben leichter zu ertragen?“, fragte Betty Kendall leise, und eben so leise antwortete Ras.

Ich weiß es nicht, aber – ist es nicht Wahnsinn, immer wieder alles zu verlieren?“

Betty seufzte tief. „Frage doch einmal Atlan. Der hat sich nicht nur durch die Geschichte Terras gev… na, du weißt schon. Er hat öfter auch wirklich geliebt. Ras, er hat mir einmal in einer stillen Stunde etwas anvertraut. Ich war damals etwa 16 und hinter ihm her, wie der Teufel hinter der unschuldigen Seele, weil ich dachte, er müsse der Mann sein. Mein erster nämlich. Und da hat er mir einfach einiges erzählt, statt in mein jungfräuliches Bett zu kommen. Ras, ich glaube, er hat recht. Es ist besser, immer wieder alles zu verlieren und neu anzufangen, als nie geliebt zu haben. Auch, wenn der Abschied weh tut. Oder – ist es weniger schmerzhaft, vor dem Ende Abschied zu nehmen?“

Ras holte tief Luft. „Betty, was auch immer du tust, ein langes Leben bringt Verluste. Und besser, du gewöhnst dich daran. Glaube einem alten Mann!“

Jetzt begann Betty zu lachen, sie konnte sich nicht mehr beherrschen, es wurde ein Krampf, der sie immer weiter trieb. „Verdammt, Ras!“, keuchte sie schließlich. „Du bist wieviel älter als ich? Ich war damals auf Wanderer zwölf, du etwas über zwanzig. Sagen wir, du bist zehn, zwölf Jahre älter. Der Unterschied ist gleich geblieben, aber hallo, ich bin in den Siebzigern, du in den Achtzigern. Andere Menschen würden es als gleichaltrig sehen!“

In hundert Jahren werden sie uns für abnormale Monster halten“, prophezeite Ras. „Aber das ist der Lauf der Zeit. In zweihundert halten sie uns für einen Teil des Universums, ewig da, die Beschützer, sie werden es nicht anders kennen. Sie werden nicht wissen, dass es uns einmal nicht gab. Und wir selbst? Wie werden wir uns selber sehen?“

Betty bekam sich wieder in den Griff. „Als die verdammten Arschlöcher, die wir nun einmal sind, Ras!“ Sie küsste den Teleporter auf die Backe. „Hoffe ich zumindest!“

Ras krümmte sich vor Lachen! „Wollen wir’s wirklich hoffen! Ich hasse diesen Heldennimbus!“

*

Die Kommandantin der ORSINO ORSINI stand hinter dem wissenschaftlichen Offizier, einem humanoiden Miridaner mit dem Namen Wed Moch.

Sieht schön aus, da unten.“ Oka Hisui hatte ein Gesicht, das von den meisten Männern als reizvoll empfunden wurde, mit den ausgeprägten asiatischen Augenfalten, der Stupsnase und dem vollen Mund. Ihre schlanke, aber weibliche Figur tat das ihre, sie zu einer begehrenswerten Frau zu machen. Oka war für eine Asiatin groß gewachsen, was mit ihrem europäischen Vater zu tun haben dürfte, die Messlatte zeigte 182 Zentimeter. Ihre Mutter Tashi Hisui hatte am MIT studiert und war mit Victoria Rhodan und Gunnar Gunnarson befreundet gewesen, sie zählte zu den auf der OLYMPOS berühmten Gründern von Starlight Enterprises. Die junge Chemikerin hatte durchaus ihren Teil am Erfolg der Firma und auch an den Gewinnen gehabt. Einige der Polymerketten, die später zu Stoffen für die berühmten Abendkleider verwoben wurden, Gewebe aller Art mit eingewobenen Effekten und die künstlichen Nerven der Raumanzüge kamen aus ihrem Labor. Olaf Brùnt war kein Wissenschaftler gewesen, sondern gehörte zu den vielen Personen, welche die Knochenarbeiten machten, damit andere sich die Forschungsarbeit auch leisten konnten. Dass sich beide daran nicht gestört hatten, war bekannt gewesen und Oka Hisiu war das sichtbare Ergebnis. Sie hatte mit ihren Eltern ein unstetes Leben geführt, von einem Planeten zum nächsten, Mehandor der Hemghat – Sippe waren oft ihre Spiel- und Schulkameraden gewesen, bis 2071 die HEPHAISTOS fertig wurde und sie einziehen konnten. Das war jetzt 14 Jahre her, damals war sie Elf. Allerdings hatten weder Olaf noch Oka hatten je erfahren, wer Tana Starlight wirklich war, dieses Geheimnis hatte Tashi mit in ihr Grab genommen, denn manchmal können leider chemische Experimente auch tödlich enden.

Wed Moch wies auf eine Stelle des Bildschirmes. „Das hier unter dem Blätterdach könnte eine künstliche Struktur sein, aber sicher bin ich mir nicht.“

Oka nickte. „Sehen wir uns die Sache näher an. Schicken Sie eine Sonde los.“

Sonde gestartet!“ Der Wissenschaftler steuerte die Drohne im Handbetrieb tiefer. „Ein Dorf! Perfekt noch oben getarnt!“ Wed hatte die Stelle im Tiefflug von einem nahen Fluss her angesteuert.

Und wieder einen der Stämme Israels entdeckt“, murmelte Oka vor sich hin und Wed blickte fragend hoch. „Ach, auf Terra gab es eine Glaubensgemeinschaft, die nach einem Aufstand gegen Eroberer in viele Richtungen zerstreut wurde“, erklärte Oka. „Sie nannten sich die Israeliten oder das auserwählte Volk Gottes, und manchmal behaupteten Leute, sie seien einer der ‚Stämme‘ dieser Vertriebenen.“

Verstehe. Wir kennen ähnliche Sagen und Mythen.“ Wed konzentrierte sich wieder auf die Drohne. „Es sind scheinbar nur Frauen und Mädchen zu sehen!“ meldete er.

Tatsächlich!“ Oka Hisui nickte. „Wenn es tatsächlich Humanoide sind, so wie wir sie kennen.“

Warum sollten sie sonst diese für Menschen typischen Milchdrüsen haben?“ rätselte Wed, Oka legte ihre schlanke Hand auf seine Schulter.

Du kennst Matta, das Pthokorr, nicht!“ erzählte sie dem Miridaner. „Eingeschlechtlich, eierlegend, Schlangenkörper mit menschlichem Oberkörper und Fettgewebe im Brustbereich, völlig unnötig, niemand weiß, wozu.“

Ach!“ Wed war fasziniert. „Ich muss es einmal kennenlernen.“ sagte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. „Aber, ich glaube, das sind wirklich Frauen. Dort kommt nämlich ein Mann!“

Ach ja!“ Oka sah sich den Nahenden genau an. „Er trägt etwas auf der Schulter. Ist das etwa… ein Fell?“

*

Planet Eden

Veytor hatte einen Pergh getötet, sein Fell abgezogen, penibel gesäubert und konserviert. Nun hatte er sich aus einem der Männerdörfer, die im Ring um jenes der Frauen gebaut waren, auf den Weg zum Frauendorf gemacht. Er war guten Mutes, die Prüfung zu bestehen und einer der fruchtbaren Frauen beiwohnen zu dürfen, um seinen Beitrag zum Überleben des Volkes zu leisten.

Es gab Jahrtausende alte Sagen und ewige Regeln. Frauen waren heilig, sakrosankt, nur ein Mann, der stark und klug war, bekam von ihnen das Recht, seine Gene weiterzugeben. Es gab immer weniger Frauen als Männer, und es war nötig, diese für das Überleben der Obschålint wichtigen Wesen zu schützen. Innerhalb des Ringes der Männerdörfer durfte es kein gefährliches Tier geben, die Männer führten regelmäßig Kontrollen durch, denn die Frauen mussten alle überleben. Bei Männern reichte schon, wenn einer überlebte, um mit der Zeit wieder ein starkes Volk zu werden, also wurden die Frauen vor Gefahren bewahrt, so gut es eben möglich war. Überall auf dem Planeten gab es diese getrennten Ringsiedlungen, überall galten die gleichen Regeln. Die Kinder blieben bis zu ihrem zehnten Lebensjahr bei ihrer Mutter, dann zogen die Knaben zu den Vätern, die Mädchen blieben im Dorf der Mutter, mit zwanzig wurden Knaben in die Reihen der Männer aufgenommen und bekamen das Recht, den Frauen ihren Mut zu beweisen und sich ihrer Prüfungen zu unterziehen, Mädchen waren dann Frauen und durften einen Mann empfangen und selbst Mutter werden. Seit zehn Jahrtausenden funktionierte dieses System, und noch niemand hatte es je in Frage gestellt, ebenso, wie auch noch niemand angezweifelt hatte, dass die größte Gefahr von oben kam und man sich nie, niemals so bewegen durfte, dass man von oben sichtbar wurde, ohne sich zu vergewissern, dass der Himmel frei war.

Endlich hatte Veytor das Dorf erreicht, er war jung und stark, seine Muskulatur gut entwickelt, sein langes, weißes Haar war im Nacken zu einem Knoten geschlungen, an den Füßen trug er Stiefel aus Walpitleder, der bis zu den Knien reichende Lendenschurz war aus Perghpelz. Den Kopf stolz erhoben legte Veytor das Pelzbündel in der Mitte des Dorfes nieder und wartete, was weiter geschehen würde. Natürlich kannte er den zeremoniellen Ablauf aus den Erzählungen und Unterweisungen der Väter, aber erlebt, selbst erlebt hatte er es noch nie. Dann war es soweit, eine der jüngeren Frauen trat hinzu und entrollte den Pelz, untersuchte ihn, fand die dicht beieinander liegenden Stichwunden und nickte zufrieden.

Ein schönes Fell. Wie ist Dein Name?“

Man nennt mich Veytor“, stellte sich der Mann vor.

Ich bin Merriëse, und wenn du es schaffst, auch deine Belohnung. Warte hier, Veytor.“ Sie nahm die Gabe und brachte sie in die größte Hütte, aus der bald eine alte Frau trat.

Du bist Veytor?“, fragte sie, und der neigte den Kopf.

Ich bin Veytor, Mutter der Mütter!“ Diese Alte ging um ihn herum und nickte halbwegs zufrieden.

Bist Du bereit, dich der Prüfung zu unterziehen?“

Das bin ich, Mutter!“ nickte Veytor.

Dann lege den Schurz und die Schuhe ab“, verlangte die Alte. „Die Prüfung legst du ab, wie du die Welt betreten hast.“

Jede Frau des Dorfes beobachtete die Mutter der Mütter und den nackten Mann, niemand bemerkte, wie in einem Versteck eine weiße Frau mit blondem Haar und ein dunkelhäutiger Mann scheinbar aus dem Nichts entstanden.

Gut ausgestattet, der Junge!“ flüsterte Betty Kendall Ras Tschubai zu.

Und ich dachte immer, du wärest eine treue Ehefrau“, neckte Ras.

Gott gab mir die Augen nicht, damit ich wegsehe, Ras“, flüsterte Betty zurück. „Und ich bin eine Frau mit dreißig Jahren und diversen Bedürfnissen. Trotzdem kannst Du jetzt Deine Hand von meinem Hintern nehmen! Danke!“

Ich habe doch meine Hand gar nicht …“, erklärte der verblüffte Ras.

Ein Scherz“, beschied Betty. „Pass jetzt bitte ein wenig auf, ich muss mich konzentrieren. ORSINO, hören Sie mich?“

Laut und deutlich, Captain Kendall!“ antwortete die RO der Korvette, Brigid Amadier.

*

Die Alte hatte Veytor zu einem Baum gebracht und wies nach oben. „Also, Prüfling, du siehst diesen Steg dort oben?“ Er nickte. „du wirst dich nach oben begeben, diesen Steg überqueren und versuchen, in diese Hütte dort oben einzudringen. Wenn dir das gelungen ist, wird dich darin das Ziel deiner Hoffnung erwarten. Sieh nur, sie winkt dir schon zu. Halte dich gut, Prüfling, und viel Erfolg!“ Veytor betrachtete noch einmal kurz die Strecke, sprang an den Baum und versuchte, einfach los zu klettern. Es war nicht so einfach, wie er zuerst gedacht hatte, die scharfe Rinde schmerzte, schnitt tief in seine Hand. Er sah noch einmal nach oben, dann machte er sich auf, den Baum zu umrunden. Ah, hier war ein Baum, der leicht zu ersteigen war. Was hatte die Alte gesagt? Nach oben begeben und den Steg überqueren. Sie hatte kein Wort gesagt, dass er diesen Baum ersteigen sollte. Veytor schaute ganz genau. Von diesem Baum zu jenem, dann dorthin, diesen Ast – und schon war er auf dem Steg. Eiligst machte er sich auf den Weg und sah nicht, dass die Mutter der Mütter zufrieden nickte. Sie war zufrieden, für sein Alter hatte er klug genug reagiert. Der Mann würde bald bemerken, dass die Prüfungen mit steigendem Alter schwieriger werden sollten, aber für dieses Mal hatte er sich die Umarmungen Merriëses redlich verdient.

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Errai II

Der 150 PS starke Sternmotor des Dreideckers heulte auf, als Hauptmann Gulg-Ge Mïil seine Jagdmaschine steil hochzog, um sich mit einem Looping hinter seinen Gegner setzen zu können. Kein anderes Flugzeug auf dieser Welt konnte es an Wendigkeit mit der Byeôl III A aufnehmen, schnellere Jagdflugzeuge mochte es geben, aber keines, das einen derart engen Wendekreis hatte. Er suchte die schnellere, aber schwerfälligere Nongan. Der Pilot des Doppeldeckers hatte den Propeller ausgekoppelt und sich über die linke Tragfläche fallen lassen, stieg eben seitwärts von Gulg-Ge wieder nach oben. Rasch korrigierte der Pilot des kleinen Flugzeuges mit den drei Tragflächen seinen Kurs, die Nongan mit der Krone des Kaisers auf Tragflächen und Leitwerk wanderte in sein Visier. Der Hauptmann feuerte das schwere Uloë – Maschinengewehr ab und sah, wie die Kupferpatronen durch den Stoff des Rumpfes schlugen, doch schon war die Nongan wieder ausgewichen und schaffte es jetzt, ihm frontal entgegen zu fliegen. Mïil sah das Mündungsfeuer seines Gegners und zog selber noch einmal den Abzug, allein wollte er nicht untergehen, das Maschinengewehr ratterte, die Kupferhülsen der abgeschossenen Patronen flogen in den angezurrten Sack, um die Stoffbespannung und das leichte, hölzerne Gerüst des Fluggerätes nicht zu beschädigen. Vor sich sah der königliche Hauptmann, wie seine Salve in den gegnerischen Motor einschlug, irgend etwas Wichtiges musste getroffen sein, eine schwarze Rauchfahne hinter sich herziehend schmierte die kaiserliche Nongan ab und verschwand aus dem Gesichtsfeld des königlichen Hauptmannes! Er sah nach unten, wo der gegnerische Pilot an seinem Fallschirm sanft nach unten glitt und legte seine linke Faust an das Kinn, salutierte einem würdigen Gegner, für den der Krieg beendet war. Selbst wenn er überleben sollte, wartete die Leibeigeneninsel mit Zwangsarbeit auf ihn, die Infanterie im königlichen grau sprang bereits aus den Gräben, um den Flieger des Kaisers fest zu nehmen. Zufrieden, den Artilleriebeobachter ausgeschaltet zu haben, kehrte Gulg-Ge Mïil zu seinem Flugplatz zurück, ohne das taubeneigroße Ding zu bemerken, das über dem Kampf geschwebt hatte.

Tiefe Gräben mit Maschinengewehrnestern, Unterständen und Bunkern durchzogen das Gelände, dahinter waren gut ausgebaute Artilleriestellungen, deren Geschützbatterien allerdings derzeit schwiegen. Zwischen diesen Lienen waren Stacheldrahtverhaue und tiefe Krater, teilweise tief genug, um den Grundwasserspiegel zu erreichen und zumindest teilweise mit Wasser gefüllt zu sein. Uniformierte liefen in diesem Chaos herum, bargen Tote und sortierten sie je nach Uniform, den schmutziggrauen des Königs von Jeonname oder den olivgrünen des Kaisers von Beongaë. Es waren hunderte, tausende lagen bereits auf den Friedhöfen hinter den Linien, ein einfacher Stab mit einem Helm oder Tschako darauf, in einer einfachen Kupferschachtel die Asche, auf dem Deckel Name, Rang, Regiment und Alter. Wenige, die über 25 Jahre alt geworden waren.

Yljå Pïinh hatte seinen Helm auf die Gewehrmündung gehängt und hielt sein türkis geschupptes Gesicht der Sonne entgegen. An diesem Frontabschnitt war heute Waffenruhe, viel zu kurz, aber egal, an diesem Tag durfte er sich ein klein wenig entspannen. Es gehörte zu den Gepflogenheiten des Krieges, alle dreißig Tage fünf Tage lang die Waffen ruhen zu lassen, um die toten Kameraden zu bergen, und noch niemand hatte jemals diese Ruhepausen gebrochen. Zu hundert Prozent konnte man den Kaiserlichen aber nicht trauen, einmal konnten sie ja doch auf die Idee kommen, die Ruhe für einen schnellen Angriff nutzen zu wollen. Ein Schatten zog über seine geschlossenen Augen, wachsam öffnete er sie sofort und packte sein Gewehr fester. Nichts zu sehen, alles wie immer, es hatte sich wohl irgend ein Vogel hierher verirrt. Beruhigt lehnte er sich wieder zurück und döste weiter. Das kleine, silbrige Ding, welches die Gräben entlang flog, hatte er nicht bemerkt.

In der Hauptstadt des Kaisers von Beongaë ging das Leben seinen gewohnten Gang, ein wenig zu viele Verwundete waren in der letzten Zeit eingetroffen und auf den Straßen zu sehen, aber das große, neue Invalidenheim, das der Monarch Pôyïi-Ge IV für seine treuen Soldaten errichten hatte lassen, lag nun einmal am Rande der Residenzstadt. Paaraleë war auf dem Weg zur Arbeit, sie war in einer Munitionsfabrik am Stadtrand von Tssănghů beschäftigt. Ihr olivgrüner Arbeitsoverall harmonierte ganz gut mit ihren tintenblauen Schuppen, und ihre ausgeprägten weiblichen Formen zogen die Blicke der wenigen Männer in der Straßenbahn auf sich. Die meisten dieser Männer waren in Uniform, Soldaten auf Heimaturlaub oder Verwundete, und alle hatten diesen hungrigen Blick, diesen Ausdruck von Sehnsucht nach Leben, nach Gesellschaft in den Augen. Paaraleë konnte das nur zu gut verstehen, Pulïün, ihr Ehemann war an der Front, und sie, sie war eine junge Frau, sie hatte auch Bedürfnisse und vermisste ihren Geliebten. Aber das nächste Zusammensein mit ihrem Mann musste noch warten, der Kaiser benötigte die Männer an der Front, die Frauen in der Wirtschaft und zusammen durften sie nur, wenn die Frau in die fruchtbaren Tage kam, denn der Kaiser brauchte natürlich auch Kinder. Ihre fruchtbare Phase würde aber erst wieder in etwa sechs Monaten beginnen, außer die Geschichten ihrer Großmutter stimmten. Wenn die zweite Sonne näher kam, dann stiegen die fruchtbaren Zeiten, und dann schwiegen die Waffen. Ganze 15 Jahre von dem siebzig Jahre dauerndem Zyklus gab es keinen Krieg, 15 Jahre das Paradies, Wärme, Überfluss und reichen Kindersegen. Niemand konnte die Soldaten an der Front halten, der Instinkt, übermächtig, nicht zu bekämpfen, zwang die Männer und Frauen nach Hause, dorthin, wo sie geboren waren. Paaraleë hoffte so sehr, dass diese Geschichten stimmten, aber jetzt musste sie ihre Pflicht erfüllen, sprang aus der rumpelnden Straßenbahn und lief auf die Tore der Fabrik zu. Gerade zur rechten Zeit, der Einlass für die Morgenschicht begann, die Nachtschicht ihrer Kolonne würde ihre Plätze pünktlich verlassen können, denn sie sah, dass alle Kollegen anwesend waren. Was sie nicht sah, war ein kleines, mattsilbernes Ding, das über allem schwebte.

Der Stolz der imperialen Flotte, das neue Schlachtschiff DULYË-IËOB mit 21.000 Tonnen Wasserverdrängung, 12 Geschützen im Kaliber von etwa 30 Zentimetern in sechs Türmen und 20 kleinen 6 Zentimeter Schnellfeuergeschützen, lief unter dem vollen Antrieb seiner 22 Dampfkessel etwa 40 Stundenkilometer nach Norden, begleitet von zwei ihrer schwächeren Vorgängerschiffen und 25 Kreuzern. Sie waren auf der Suche nach einem Teil der kaiserlichen Flotte, um die Schiffe des Feindes zu versenken, die Kampfkraft und die Moral der Kaiserlichen zu schwächen. Dunkler Rauch, der hinter dem Horizont aufstieg, wies der Flotte den Weg. Die fünf Konsuln des Imperiums hatten keinen Zweifel gelassen, dass sie einen schnellen Sieg wünschten, und Admiralin Såaië war durchaus der selben Meinung. Zu lange schon hatte die kaiserliche Marine die Meere beherrscht, es wurde Zeit, daran etwas zu ändern, und die DULYË-IËOB schien dazu das rechte Mittel. Kein Schiff war so stark gepanzert und hatte so viele und so starke Kanonen, es musste doch mit dem Unheiligen zugehen, wenn man dem Feind nicht endlich die maritime Vormachtstellung streitig machen könnte.

Auf der anderen Seite war Admiral Eeóbyu ebenfalls auf eine Schlacht aus. Er hatte von der DULYË-IËOB gehört, und er sehnte sich danach, die hochnäsigen Imperialen zu den Fischen zu schicken. Seine Geheimwaffe bestand aus einem Schiff seiner Flotte, das nur einige 4 Zentimeter Geschütze an den Flanken hatte, dafür ein völlig gerades Deck. Ein Flugzeugträger mit 50 Agghalaà Doppeldeckern, die mit Torpedos bestückt werden konnten und 60 Tauchschiffen, deren Richtmikrophone in Verbindung mit guten Lauschern eine exakte Zielerfassung für die Unterwassergeschosse darstellten.

Mehr schmutzige Lumpen ins Feuer“, rief er in die Sprechanlage. „Die Impis sollen sehen, wo wir sind.“ Grelles Pfeifen erfüllte die Luft, und 50 Meter entfernt schlugen 4 Geschosse ins Wasser, warfen hohe Fontänen auf.

Ich glaube, sie haben uns gesehen!“ meinte Kapitän Paakhi trocken, und der Admiral rief den Signalgast „Signal an die ASSAHAT. Startet die Agghalaà und gute Jagd.“

13 Kilometer entfernt befahl Frau Admiral Såaië die zweite Salve, und wieder erfüllte das ohrenbetäubende Donnern von vier 30 Zentimetergeschützen die Luft, doch dieses Mal mischten sich das Donnern schwerer Motoren in die nachfolgende Stille.

ALARM!“ brüllte der Kapitän der DULYË-IËOB. „An die leichten Geschütze!“ Im Tiefflug kamen die Torpedoflugzeuge in fünf Wellen heran und trotz einiger weniger Verluste warfen noch immer mehr als vierzig Flieger ihre Waffen ab, die Blasenspuren näherten sich rapide dem Schlachtschiff. „Ruder hart Steuerbord!“ Kapitän Ghin-ghio raste, gemeinsam mit dem Rudergänger stemmte er sich in das große Rad und langsam drehte der Gigant nach rechts.

Explosionen an der KHODUU! Schlachtschiff hat Schlagseite!“ rief der Ausguck achtern. Såaië fuhr herum.

Unmöglich! Bis hierher kann kein Tauchboot kommen!“ Die Torpedos der Flieger kamen an und explodierten, bedrücktes, sorgenvolles Schweigen breitete sich aus, doch das befürchtete Knirschen eines Kielbruches blieb aus, aus dem Sprachrohr kam die erlösende Meldung auf die Brücke.

Minimaler Wassereinbruch, die Panzerung hat gehalten!“ meldete die Kielwache.

Schwerer Treffer auf Kreuzer 849“, kam es von der bugwärtigen Wache. „Kreuzer sinkt!“

Signal an alle, volle Fahrt voraus, Feuern im Salventakt!“ Die Admiral wollte so schnell wie möglich die feindliche Flotte in die Reichweite aller Geschütze bekommen.

Ruder blockiert!“

Was?“ Entsetzen zeigte sich in Ghin-ghios Gesicht. „Backbord volle Kraft zurück!“

Tiefes Brummen wurde wieder lauter, rings um die DULYË-IËOB verrieten Explosionen die Existenz weiterer Tauchboote!

Backbordschraube reagiert nicht! Wir können nur noch im Kreis fahren!“ rief der Rundergänger.

Alle Maschinen stopp!“ resignierte Såaië. „Die leichteren Einheiten können versuchen zu entkommen, wir werden weiter kämpfen, solange es geht!“ Hoch über dem Ozean schwebte ein mattsilbernes Ei, von niemandem bemerkt.

Ein wenig hinter den Frontlinien stand ein kleines Schlösschen, in welchem das königliche Abschnittskommando sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Posten in der staubgrauen Uniform des Königreichs Jeonname standen stramm und präsentierten die Gewehre, als eine geländegängige, große Limousine vorfuhr und ein Mann mit den Abzeichen eines Generals auf der blitzsauberen Uniform vorfuhr.

Zu Oberst Ganko, sofort. Ich bin General Primïin! Rasch, Wachtmeister!“ Der Wachunteroffizier war bereits aufgesprungen und hatte salutiert!

Wie Herr General befehlen! Darf ich Herrn General bitten, mir zu folgen?“ bellte er, und der General wedelte nur herablassend mit der Hand.

M „Marsch, Wachtmeister!“ Im besten Exerzierschritt führte der Unteroffizier General Primïin zum Büro des Oberst und klopfte an.

HERR! General Primïin!“

Verschwinde er, Wachtmeister, wieder auf seinen Posten! Willkommen, Herr General! Darf ich eine Erfrischung anbieten. Ein Glas Wein, vielleicht?“

Der General streifte seine Handschuhe ab. „Gerne, Oberst. Und eine Kleinigkeit zu Essen wäre nett.“

ORDONANZ!“ rief der Oberst. „Ja, wo bleibt er denn so lange. Besorg er uns einen guten Imbiss, aber flott!“

Der Ordonanzfähnrich salutierte. „Jawohl, Herr Oberst.“

Na, dann geh er schon, aber schnell. Also!“ Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, fragte der Oberst direkt. „Was führt Dich zu mir, General?“

Eine Beförderung, lieber Oberst!“ kam die Antwort. „Deine, wenn alles gut läuft!“

Schau her, Oberst!“ General Primïin war an eine Karte des Frontabschnitts getreten. „Wir haben nicht mehr lange Zeit, dann ziehen die Soldaten wieder nach Hause, wir natürlich auch. Aber vorher müssen wir uns noch ein Stück vom Imperium besorgen. Da, diese Anhöhe mit der Nummer 412, die wäre wie geschaffen für ein MG – Nest, damit wir die Imperialen unter Beschuss nehmen können, wenn sie angreifen!“

Wäre schön!“ bestätigte der Oberst. „Aber leider hält der Feind die Höhe, und auch er kann uns von dort unter sein Feuer nehmen.“

Deswegen, lieber Oberst, werden wir diese Höhe morgen angreifen. Hinaus aus den Gräben mit diesem Fußvolk und angegriffen, wir werden doch noch so einen kleinen Hügel nehmen können. Lass die sechste, die siebente und die achte Kompanie antreten, Bajonett aufgepflanzt, morgens früh Artilleriefeuer auf den Feind, und dann vorwärts.“

Das wird viele Tote geben, General!“ wagte der Oberst einzuwenden. „Sicher mehr als die Hälfte!“

Für dieses niedere Gesindel hat es doch eine Ehre zu sein, wenn sie für den König, den Adel und die Heimat sterben dürfen. Hauptsache, die Front bewegt sich wieder ein wenig. Gib die Befehle. Jetzt!“

Der Oberst gab seinen Widerstand auf. „Selbstverständlich, Herr General“

Sehr fein. Ah, der Imbiss. Abtreten, Oberst!“

Der Morgen graute über dem Schlachtfeld, als Oberst Ganko der Artillerie den Befehl gab, den Feind mit allem, was die Rohre herhaben, einzudecken. Tonnen von Metall und Sprengstoff flog über die eigenen Reihen hinweg in die Schützengräben des Imperiums, das Donnern der Geschütze war ohrenbetäubend, die Druckwellen der Abschüsse fegten über das Gelände, der Gestank nach Karbid und Schießpulver war einfach überwältigend. In den vordersten Gräben sahen die Soldaten ihre Waffen und Munition nach, schnürten ihre Gamaschen fester und beteten, den Abend noch erleben zu dürfen. Die drei Leutnants der Kompanien liefen auf und ab, kontrollierten ihre Männer und zogen ihre Pistolen. Das Donnern der Kanonen setzte aus, die Offiziere bliesen in ihre Pfeifchen und stürmten als erste aus dem Graben, die Soldaten wollten ihnen folgen. Von der imperialen Seite hämmerten bisher versteckte und gut geschützte Maschinengewehre los, warfen einen der Leutnants blutüberströmt wieder zurück in den Graben, der Sturmangriff stockte, noch ehe er begonnen hatte.

Wieso bewegen sich diese feigen Schweine nicht?“ brüllte General Primïin auf seinem Beobachtungshügel.

Sie liegen unter schwerstem MG-Feuer, Herr General!“ wagte Oberst Ganko einzuwenden.

Egal, wenn diese Feiglinge ordentlich angreifen würden, könnten genug durchbrechen und die Nester überrennen. Das ist Befehlsverweigerung! Melder! Die Artillerie soll auf diese Koordinaten feuern!“ Er riss ein Stück Papier von seinem Block, auf den er einige Zahlen gekritzelt hatte und reichte ihn dem Meldeläufer. „Sie werden schon aus ihren Löchern kriechen, wenn die Kanonen sie heraustreiben!“ tobte er weiter. Fünf Minuten später eröffnete die königliche Artillerie das Feuer auf die eigenen vordersten Gräben, und drei Kompanien waren restlos ausgelöscht, lange, bevor sie die imperialen Gräben erreichten.

An Bord der GOLDEN HIND

Ensign George Cavenaugh sichtete die Aufnahmen der Sonden. „Es ist Wahnsinn“, meinte er mit verzweifelter Trauer in der Stimme. „Auf diesem Planeten herrscht ein wirklich den gesamten Globus umfassender Krieg! Es scheint, als kämpfe jeder gegen jeden, und dem Zustand der Schlachtfelder nach, bereits seit langer, seit verdammt langer Zeit.“

Können wir nicht etwas machen, Sir?“ fragte Scarlett Cooper, und Sir Charles zuckte die Schultern.

So schmerzhaft es auch ist, diesen intelligenten Sauriern dabei zuzusehen, wie sie sich selbst zerfleischen, diese Entscheidung liegt weit über meiner Gehaltsklasse. Sehr weit. Ich habe die Admiralität verständigt, und diese wird wohl mit der UNO sprechen. Diesen Offizier, der auf die eigenen Gräben feuern ließ, möchte ich allerdings selbst nur zu gerne…“

Oh!“ Cavenaugh wurde plötzlich rot im Gesicht. „Sir, wir müssen, glaube ich, unsere Klassifizierung ändern. Diese Wesen sind trotz ihrer Schuppen Säuger wie wir!“ Eine Sonde hatte das Fenster einer großen Wohnanlage durchflogen, der Bildschirm zeigte eine Frau mit blauen Schuppen, die ganz offensichtlich eben ein Kleinkind stillte.

System Reggys Stern

An Bord der ACHASSA II

Kapitän Rhossama überblickte sein neues Reich, eine runde Brücke in der Bauweise der intelligenten Säuger. Der hohe Rat von Ssossri hatte ihnen ein neues Schiff abgekauft, eine Walze von 400 Metern Länge und 80 Metern Durchmesser, mit modernster Antimaterie- und Wurmlochtechnologie, ein Standardschiff einer Spezies, die sich Mehandor nannte.

Wir haben neuerdings immer ein, zwei Schiffe dieser Art auf Vorrat, der Bedarf an den Sprungdämpfern steigt, und manchmal soll es eine komplette Modernisierung durch einen Neubau werden.“ Das Schiff hatte der Rat ACHASSA II genannt und Rhossoma zu Kapitän ernannt, der Preis war zwar hoch, aber durchaus angemessen gewesen. Vor allem, weil er nicht sofort fällig wurde, sondern auf Raten, welche die Wirtschaft der Ssossri nicht über Gebühr belasten würden.

In erster Linie würde die ACHASSA II zwischen dem Heimatplaneten Ssossri und der neuen Heimat Ssossiss unterwegs sein, aber den meisten interplanetaren Transport würden noch einige Zeit die robusten Fackelschiffe übernehmen müssen. Ein zweites Schiff wie die ACHASSA II würde das Volk derzeit noch auf zu lange Zeit verschulden, hatte der Rat berechnet und daher verschoben. Über Lizenzen zu Eigenbau von Antimateriemeilern, Triebwerken und Sprunggeneratoren wurde noch verhandelt, die Verträge für die Feldantriebe der Landfähren und Andruckabsorber waren unter Dach und Fach.

Sie waren großzügig, diese Menschen“, Ratsmitglied Prspissasse war auf die Empore gekommen und stand hinter Rhossomas Sessel. „Immerhin hätten sie uns als lästige Konkurrenz einfach vernichten können!“

Der Kapitän verriet eine gewisse Belustigung. „Ein schlechtes Geschäft, Ratsherr. Ein toter Kunde kauft nichts mehr!“

Der Ratsherr warf bestätigend den Kopf in den Nacken. „Aber sie hätten für die ACHASSA II deutlich mehr verlangen können, statt dessen – wir können uns nicht nur dieses Schiff leisten, sondern auch weiter wachsen, ohne Schuldsklaven zu sein!“

Wir hätten auch weiterhin mit dem Fackelantrieb fliegen können!“ antwortete Chussogh. „Ganz so schlecht ist unsere Version des Plasmaantriebs auch wieder nicht. Also, für den Alltag. Mit dem Andruckabsorber hätten wir mit 8 Grav beschleunigen können und wären nach etwa zwanzig Tagen auf halber Lichtgeschwindigkeit gewesen. Genug für den Übergang in das Wurmloch.“

Rhossoma tätschelte die Armlehne seines Sessels. „Schon, aber dieses Schätzchen erspart uns viele Schmerzen. Und der Preis ist nicht überbezahlt. Diese Mineralien, welche die Menschen gerne hätten, und die paar Megaliter Wasserbeerenwein, und das auch noch mit Selbstabholung – spätestens in fünf Jahren können wir über das nächste Schiff nachdenken.“

Außerdem, Ingenieurin Chussogh, muss ich daran denken, wie es gewesen wäre, wenn die technische Überlegenheit auf unserer Seite gelegen hätte.“ Prspissasse legte die Kopffedern quer und blähte den Halsschild. „Ich für meinen Teil weiß, dass ich die absolute Richtigkeit der acht Rollen so ausgelegt hätte, dass es für unser Volk den größten Vorteil gebracht hätte. Also entweder hätten diese Menschen als Nahrung oder in der Sklaverei geendet. Oder beides, denn nach den Rollen sind wir Ssossri die absolut höchsten Wesen im Universum und alles andere dient nur dem Zweck, uns zu verbreiten, in alle Ecken, auf alle Planeten.“

Dann sollten wir froh sein, dass die Menschen andere heilige Rollen haben!“ Ussichssu, die Heilerin der Seelen war hinzu gekommen. „Eure Wandlung ist erstaunlich, Ratsherr!“

Nicht so sehr!“ Prspissasse legte demütig den Kopf schräg, entblößte die empfindliche Seite des Halses. „Wenn das Fundament zerbricht, dann stürzt das Haus. Offensichtlich sind andere Wesen zumindest in technischer Hinsicht fortgeschrittener als wir Ssossri, das können sie nur, wenn sie uns geistig ebenbürtig sind, und damit ist entweder das erste oder das zweite Gesetz der ersten Rolle bereits widerlegt. Oder beide. Es steht im ersten Gesetz: ‚Die Ewigen sind allmächtig und ewig, sie herrschen über alle Welten und darüber hinaus‘. Das zweite Gesetz lautet: ‚Die Ewigen haben die Ssossri über alle anderen Wesen gestellt und ihnen die Welten zu ihrem Nutzen erschaffen‘. Eines von beiden kann nicht stimmen, denn wir können offensichtlich nicht über alle Welten herrschen. Wenn das schon falsch ist, wie kann dann der Rest stimmen?“

Juni 2085

System Reggys Stern

An Bord der OLYMPOS

Victoria Rosheen Marba Katharina Rhodan alias Tana Starlight erhob ihre Hand, in welcher sie ein Glas mit perlender Flüssigkeit hielt. „Meine Damen und Herren, liebe Freunde! Bei der erste Runde heute gibt es keine freie Getränkewahl, ich habe mit erlaubt, einige Flaschen Veuve Cliquot Brut kalt stellen zu lassen, und ich bitte nun alle, mit mir auf unsere neue Heimat, die OLYMPOS, anzustoßen.“

Überall auf der Station waren die meisten Besatzungsmitglieder und Bewohner der Einladung der Besitzerin gefolgt und hatten ein Lokal aufgesucht, die Betreiber hatten einige Vorräte zur Verfügung gestellt bekommen, und sie alle sahen nun Tanas überlebensgroßes Hologramm. Sie hob ihr Glas. „Sláinte, good luck, Nastarowje, Gānbēi, Chīrisi, Skål und Prost! AUF DIE OLYMPOS!“ Gerne stieß man gegenseitig an und freute sich, die meisten Probleme des Umzuges hinter sich zu haben, und alle waren begeistert, wie großzügig das Innere der Station war, und wie viel Grünflächen nicht nur dem Auge wohl taten. Die Stimmung wurde recht ausgelassen, man feierte, mit Ausnahme einer kleinen Notbesatzung, einige Stunden, ehe man sich dem Alltag wieder stellte.

*

Am nächsten Tag war eine Besprechung des wissenschaftlichen Stabes angesetzt. „Also, Freunde!“ Victoria schob ihr Bierglas im Kreis herum. „Ich nehme an, jeder hat die Aufnahmen von der Shepard Space Base gesehen?“ Rings um den Tisch erscholl zustimmendes Gemurmel und die Mitglieder des wissenschaftlichen Rates nickten. „Also, die Southern Dynamic Industries hat da einen verdammt guten Job gemacht, und ich habe nichts dagegen, dass sie sich noch ein wenig freuen dürfen, bis Konos Team gemeinsam mit unserem einen neuen Entwurf zum nächsten Rekordversuch in den Weltraum bringt. Der Codename für den neuen Vogel ist Sparrow. Aber das ist im Moment sekundär, denn zuerst müssen wir wissen, warum die X 87 zerstört wurde. Sie arbeiten ebenfalls mit Stützmasse, mit verflüssigtem Wasserstoff, der dann natürlich, wie bei uns das Methan, als Plasma eingebracht wird. Warum ist die 87 explodiert, als der Pilot die Stützmasse zuschaltete? Kann das der GIULIA auch geschehen? Woran liegt es, dass unsere mit zusätzlichem Plasma beschleunigenden Raketen noch nicht nach dem Start explodiert sind, kann das noch geschehen? Also bitte Leute!“

Leslie hatte sich zurück gelehnt und die Hände vor dem Bauch verschränkt. Jetzt öffnete sie diese einen Schlitz. „Der Pilot hat bei 940 Kilometer im Sekundenquadrat die Einspritzung begonnen?“

Ja?“ bestätigte John Bukowski, wobei er es wie eine Frage klingen ließ.

Leslie hob einen perfekt manikürten Finger. „Unsere Raketen starten bereits mit der Einspritzung, und die GIULIA FARNESE beginnt mit der Stützmasseneinbringung bei? Egal, weit weniger als 940.“

Sollte das einen Unterschied machen?“, überlegte Antonio Marconi. „Möglich wäre es! Nur, weil wir es Cockpit nicht spüren, ist die Masse ja doch noch da. Vielleicht ein Ventil, oder ein Schlauch?“

Oder das Plasma ist bei der Beschleunigung zu kalt für die pseudomaterielle Welle?“, meinte Bukowski.

Probiert es aus!“ kommandierte Victoria Rhodan. „Wir können es uns ganz leicht leisten, ein paar Triebwerke, Einspritzer und Fernsteuerungen in die Luft zu jagen. Wie bauen neue, aber ich werde erst wieder die Benutzung der Stützmasse auf der FARNESE erlauben, wenn das geklärt ist. Gut Leute, wenn…“

Kleinen Moment noch, Chefin!“ Madeleine Lameré hatte die Pläne für die Hawk zur Hand genommen. „Ich glaube, ich habe da einen Schwachpunkt entdeckt. Die Hawk ist sehr lange und schmal konstruiert.“

Ja, wir mussten ganz schön viel unterbringen, und auch mit Angels Convertern war das immer noch eine Menge Platz. Und hintereinander… war… es… hmm!“ John Bukowski sprach immer langsamer und legte die Fingerspitzen aneinander.

Außerdem gibt es da noch etwas.“ Madeleine wies auf die Düsen. „Diese schwenkbaren Schuböffnungen verleihen dem Hawk eine großartige Manövrierfähigkeit, aber sie können nicht gerade, sondern müssen etwas seitwärts abstrahlen, um die zweite Schubdüse nicht zu gefährden, wenn sie direkt in den konzentrierten Strahl kommen, und das kostest einiges an Schubkraft. Wir sollten für die Beschleunigung in die beiden Hauptrichtungen noch extra Düsen gerade nach hinten und vorne anbringen.“

System Sol

Eagles Nest

Oh, ja, Baby!“ presste Donald ‚Spike‘ Anderson aus seiner Lunge. „Zeig’s mir, guuut, guuut, das ist toll, Baby! Komm schon nur ein kleines Bisschen – Einspritzung JETZT! Damned!“

X 88-D explodiert!“ meldete die Kontrolle, Spike schlug ärgerlich auf die Instrumententafel. „Shit! Sollte das jetzt nicht unmöglich geworden sein?“

Unwahrscheinlich, Spike, extrem unwahrscheinlich.“ Jeff Daniels beherrschte sich nur mühsam. „Trotzdem ist es geschehen. Also, alle Systeme auf Null. Wir müssen noch einmal ran!“

Einspritzung jetzt!“-„X 88-D explodiert!“ Dieser Dialog sollte in den nächsten Tagen noch des Öfteren zu hören sein. „Einspritzung – zerstört!“ Bertram Brown schlug mit der Faust auf den Tisch.

Wir müssen etwas machen!“ brüllte er. „Verdammt! Wir verpulvern Millionen und es stellt sich kein Erfolg ein!“

Dann versuchen wir eben etwas anderes.“ Jeff Daniels überlegte. „Auf dem Prüfstand funktioniert es einwandfrei, also, wir starten sofort mit Einspritzung und sehen, was kommt!“

Was soll das bringen?“ Brown warf sich in einen Sessel.

Informationen, Bertram. Informationen!“ Jeff Daniels kratzte sein unrasiertes Kinn.

Na schön!“ Bertram hob die Hände. „Wir haben nichts mehr zu verlieren!“

X 88-D gestartet!“ John Headbanger Mitters war ein erfahrener Testpilot, zwar begeisterungsfähig und risikofreudig, wenn er im Cockpit saß, aber klug genug, um beides, wenn nötig, zu beherrschen.

Beschleunigung 100, Einspritzung erfolgt jetzt.“ Alle außer Headbanger hatten die Augen geschlossen.

Wow“, entfuhr es Headbanger. „Sprunghafte Beschleunigung! Sind auf Vierhundert! Fünf!“ Brown und Daniels rissen die Augen auf.

Sechs fünfzig! Achthundert!“ Die Ingenieure hingen an der Datenübertagung.

Verdammt heiß und massiver Druck in den Düsen! Ob das die Magnetfelder durchhalten?“ Die Gedanken Browns überschlugen sich.

Wir werden sehen, Bertie, wir werden sehen!“ Jeffs Stimme überschlug sich.

950! Eintausend!“ jubelte Headbanger! „Eins eins… eins zwei…. eins.. drei…., eins…. vier! EINS FÜNF!“ jubelte Headbanger! „Rekord für unbemannte Flugkörper! Okay, das war’s! 1.522! Mehr Beschleunigung ist beim besten Willen nicht möglich. Aber – wir sind schon auf null sieben acht Licht, auf ACHT, ACHT EINS! KURS STABIL!“ brüllte Headbanger. „Versuche Kurskorrektur – zähe, aber sie schwenkt langsam auf neuen Kurs ein. Acht zwei – aus, mehr geht nicht.“

Halten sie das Tempo!“ rief Daniels. „Weiter! Ortung, wo ist die 88-D?“

Zwischen Saturn und Neptunbahn!“

Shit!“ Hadbanger schlug gegen das Steuerpult. „Ich hab sie verloren. Das Magnetfeld der Plasmadüsen ist zusammen gebrochen!“

Nicht tragisch, Headbanger! Wir wissen jetzt, dass wir auf einem guten Weg sind!“ Bertram Brown war aufgekratzt, denn des war trotz allem ein gelungener Versuch. „Die Einspritzung mit Wasserstoff bringt uns verdammt viel Beschleunigung. Jetzt müssen wir nur noch feststellen, ab wann und warum das Gemisch explodiert.“

Warum?“ Jeff hatte eine rasche Suche im G-Net gestartet. „Da haben wir’s!“ Er hielt Brown sein Pad hin. „Das ist ein ‚Mistelgespann‘ aus dem zweiten Weltkrieg, das hier ist eine B 58 Hustler, das eine Tomahawk Cruise Missile.“

Okay! Und?“ Brown war ratlos.

Wir verbinden die Ideen!“ rief Jeff Daniels. „Schau her! Wir nehmen aus der 87 den Einspritzer, begnügen uns mit Energiewaffen und sparen uns die Masse für den Plasmabrenner und die Massetanks. Aus der 87 D machen wir einen selbstgelenkten Marschflugkörper MIT Einspritzung und einem ordentlichen Sprengkopf. Den hängen wir unter die 87, die trägt die Missile ins Kampfgebiet, der Pilot markiert das Ziel und löst aus. Während der Marschflugkörper sein Ziel mit Einspritzung verfolgt, kehrt der Pilot zurück und holt den nächsten.“

Ha!“ Brown schlug Daniels auf die Schulter. „Die Idee gefällt mir. Große Reichweite, hohe Sprengkraft, für die Steuerung der Missile würde sogar ein alter Intel-quad-core Prozessor reichen. Jetzt müssen wir nur noch den Vorstand überzeugen!“

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April 2085

Solares System

Terra, London.

Der kleine Raum war modern, aber gemütlich eingerichtet, das Geschirr aus weißem Porzellan zeitlos, das Zeremoniell so alt wie der Chinahandel des British Empire und die East India Company.

Milch in den Tee, Walter?“ Margaret Diana gab der Zofe einen Wink mit ihrer zarten Hand, deren einziger Schmuck aus einer perfekten Maniküre und ihrem Ehering bestand. Auch sonst wies an dem leger mit Jeans und einfacher Bluse gekleideten Rotschopf nichts darauf hin, dass es sich bei ihr um niemand geringeren als die Queen von Britannien handelte. Niemand, der sie nicht kannte, hätte die Königin Margaret Diana in dieser Kleidung erwartet, ebenso wenig hätte kein Beobachter in ihren Besuchern die Vorstände der Royal Outher Space Company erkannt, die sich regelmäßig in diesem Zimmer im Buckingham Palast einfanden.

Danke, Emily, Sie können sich zurück ziehen“, entließ Margaret Diana die Zofe. „Wenn nötig, wird mir einer der Gentlemen sicher behilflich sein!“

Ja, Ma’am!“ das Mädchen knickste und entfernte sich, wohl wissend, dass die Hilfe der Gentlemen rein rhetorisch war, Margaret Diana benötigte keine solche.

Also, was ist denn so dringend, dass mich eine Rothose aus einer Besprechung gezerrt hat, mich in ein Speedshuttle verfrachtete und mich an der Ausfahrt des Palastes förmlich hinaus warf!“ Rote Hosen zu blauen Oberteilen waren, zumindest bei den großen Dienstanzügen, das Markenzeichen der wieder erweckten 11. Dragoner, der Husaren. Diese Einheit ritt jetzt allerdings anstelle von edlen Pferden schnelle, schwer bewaffnete Shuttles im Luftraum der Erde und auf den Saturnmonden, um Queen und Empire zu schützen. Manches mal wurden sie auch als Eilkuriere oder, wie hier, zur schnellen Personenbeförderung eingesetzt. Sir Walter Penderton hatte auf die Milch in den Tee verzichtet, besserte ihn aber kräftig mit Whiskey auf.

Das ist so dringend, Walter!“ Auf dem Bildschirm jagten sich ein Drei- und ein Doppeldecker durch den Himmel.

Und das!“ Ein Geschwader Torpedoflugzeuge versenkten eine mächtige Dreadnought.

Das auch!“ Artilleriefeuer deckte Schützengräben jenseits eines mit Trichtern übersäten Feldes mit Granaten ein, dann versuchten Infanteristen, die diesseitigen Gräben für einem Sturmangriff zu verlassen. Als ihr Angriff im gegnerischen MG-Feuer stecken blieb, eröffnete die Artillerie das Feuer auf die eignen Gräben, um die Soldaten zum Sturmangriff zu zwingen. Am Ende lagen beinahe eintausend geschuppte Tote in grauen Uniformen im Land zwischen den Schützengräben oder verschüttet in den eigenen. Keiner hatte die Linien der braun Uniformierten auch nur annähernd erreicht. Sir Walter erbleichte und verzichtete bei seinem zweiten Whiskey auf den Tee.

Was ist das?“ fragte er fassungslos. „Das, mein lieber Walter, ist Errai!“ gab Arween Evans Bescheid. „Dort herrscht Krieg, jeder gegen jeden, mit aller brutalen Härte.“

Aber – verdammt noch eins!“ Sir Walter schluckte den härteren Fluch mit Mühe hinunter. „Diese Saurier sind noch aggressiver als die Topsider! Können wir …“

Keine Saurier“, Malcolm Mac Monahan beugte sich vor und hob den Finger. „Warmblütig, lebendgebärend und säugend, trotz ihrer Schuppen sind es keine Saurier. Nähere Verwandtschaften könnte allerdings nur eine genetische Untersuchung ergeben.“

Saurier oder Säuger, Vögel, Insekten oder was auch immer, Teufel noch mal, die bringen sich dort zu hunderten, zu tausenden um!“ Sir Walter Penderton goss sich noch einen Whiskey nach.

Das, Sir Walter, ist uns bewusst.“ Arween spielte mit ihrem Schreibstift. „Wenn wir die Zeit nur ganz wenig zurück drehen, müssen wir zugeben, dass sie uns ähnlicher sind, als das Aussehen vermuten lässt!“

Aber wir haben für die Befreiung …“

„… erst ganz am Ende gekämpft. Vorher haben wir dafür keinen Finger gerührt, im Gegenteil,“ unterbrach die Queen. „Wir sind unter uns, Walter. Wir können auf Beschönigungen verzichten. Wir, der Adel und die Handelsherren, wollten Kolonien und Cash. Also haben wir dafür gesorgt, dass wir beides bekamen. Die Opiumkriege der East-India-Company sind dir ein Begriff? Also, die Frage ist, sollen wir uns dort einmischen oder nicht.“

Einmischen!“ Sir Walter stand bereits ein wenig schwankend an der Bar. „Wir sind nicht mehr wie früher, wenn wir können, sollten wir das Abschlachten verhindern!“

Margaret Diana nickte. „Ich gestehe, dass ich mich ebenfalls nicht wohl fühle, einige tausend Leute derart brutal sterben zu sehen, wenn es möglich ist, etwas dagegen zu tun. Sind wir uns einig, es zumindest zu versuchen?“ Die Vorstandsmitglieder schwiegen eine Zeit bedrückt, dann nickte Arween.

Ja, zum Teufel!“ polterte auch Malcolm heraus. „Mein Gewissen würde mich ja doch nicht schlafen lassen.“

Also Einstimmig!“ stellte Margaret Diana fest und drückte einen Knopf an ihrem Tisch.

Royal Highness?“ Das Kommunikationsbüro des Palastes meldete sich. „Geben Sie mir die GOLDEN HIND“, befahl die Queen.

Und was ist mit dem Parlament?“ fragte Malcolm. „Sollten wir nicht zumindest der Prime Minister verständigen?“

Arween legte ihre Fingerspitzen zusammen. „Die HIND ist Privatbesitz der ROSC, dafür hat das Empire aus unseren Mitteln die ARC ROYAL erhalten, das bessere Schiff ging natürlich vorderhand an die Homefleet. Also hat das Parlament kein Mitsprachrecht, ebenso wenig, zumindest Theoretisch, wie die UNO.“

Ich werde sowohl das Parlament als auch die UNO gleich im Anschluss … Ah! Sir Charles! Commander, wir bitten Sie alles in Ihrer Macht stehende zu tun, um diesen Krieg auf Errai II zu beenden. Unsere Gebete und guten Wünsche begleiten Sie! London aus!“ Der Bildschirm wurde dunkel, und Margaret Diana rief noch einmal die Funkzentrale.

Jetzt geben Sie mir eine Verbindung zum Premierminister und zur Madame Generalsekretär der UNO, junger Mann!“

*

Tukan Zeta

Die NEW YORK brach 28 Lichtjahre von der Erde entfernt durch das Wurmloch und näherte sich dem System eines gelbweißen Sternes der Klassifizierung F9, der Sonne Arkons ziemlich ähnlich, nur ein wenig größer. Commander Bernie House nickte zufrieden, der Sprung war auf den Kilometer genau verlaufen.

Gibt es Planeten, Lieutenant Goldsteen?“, fragte er die Ortungsstation.

Gibt es, Sir! Zwölf Planeten werden berechnet. Fünf und neun stehen derzeit hinter dem Stern!“ Miranda Goldsteen legte die Planetenorbits als farbige Bahnen auf den Schirm des CO.

Können Sie schon etwas zur habitablen Zone sagen, Lieutenant?“

Voraussichtlich von Planet drei bis sechs, Sir. Bei Nummer sechs – er driftet jedes Jahr für einige Zeit aus der Zone. Angepasste Lebensformen möglich, für Menschen ungemütlich. Sogar für Alaskaner, CO. Durchschnittliche Temperatur geschätzt unter fünf Grad Celsius.“

Nicht einmal ein Drittel von dem, was wir gewöhnt sind.“ Bernie strich sich über den Bart. „Ruder, wir wollen uns trotzdem umsehen. Kurs auf sechs, Sonde vorbereiten!“

Aye, Sir!“ bestätigte Ensign Walter Woodmark. „Kurs liegt an!“

Nach der Entdeckung des Planeten Freeze war die NEW YORK nach Hause beordert worden, Jeff Moore wechselte auf die BRIGADA INTERNATIONAL und begleitete Michael Freyt nach Miridan, Irene Clarke übersiedelte als wissenschaftliche Leiterin nach Freeze. Bernie hatte das Kommando über den 100 Meter Kreuzer übernommen und die zum Lieutenant-Commander beförderte Ramiye al Asar zu seiner XO gemacht. Einige Monate war er mit seinem leichten Kreuzer beschäftigt gewesen, als Kommandostelle und Aufbauzentrale auf Freeze zu verbringen. Er und seine Mannschaft wurden in dieser Zeit durch ständiges Üben zu einem veritablen Team, während die klimatisierte Station gegossen und eingerichtet wurde. Dann kam endlich der erlösende Befehl:

Folgen Sie ungefähr der eingeschlagenen Richtung und fliegen Sie weitere Sterne an.“ Also war die NEW YORK wieder unterwegs gewesen, um neue Systeme und Planeten näher zu untersuchen. Und es war erneut Irene Clarke gewesen, die zum nächsten Ziel riet. Ein wenig war die NEW YORK vom Kurs abgewichen, der Rat der Wissenschaftlerin und die Sternkarten hatten ein erdnahes System im Nachbarsternbild Tukan ergeben, mit dem Ordnungszeichen ζ, also Zeta, das als lohnendes System in Frage kam.

Es ist kalt!“ meldete Miranda Goldesteen. „Nicht so kalt wie Freeze, und es ist durchaus etwas zu holen, aber – nicht ohne gute Basis.“ Bernie studierte die eingehenden Zahlen.

Auf jeden Fall ein großes Eisreservoir, falls wir einmal eines benötigen sollten. Wie viele Drinks könnten wir hier kühlen?“

On the rocks oder lediglich gekühlt, Chef?“ fragte Miranda.

Egal, Lieutenant. Wir haben ja doch keinen Wodka an Bord. Haben Sie Lebensformen feststellen können?“

Ein paar Algen sind das höchste, tief unten im Ozean. Es wäre interessant, diesen Planeten genauer zu erforschen, aber – sehr viel wird, fürchte ich, außer wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht herauskommen.“

Na schön.“ Bernie sah noch einmal auf die Schirme. „Wir haben es zwar nicht eilig, aber wir melden es vorderhand nur der Erde. Fünf ist hinter dem Stern? Okay, vier liegt gut für uns? Also, Kurs auf vier!“

Vier ist auf jeden Fall gut besiedelbar, Sir!“ Miranda wedelte mit ihrem Pad. „Durchschnittstemperatur 13 Grad, 0,84 G, Wasser ist genügend vorhanden, es gibt Flora und Fauna. Von der Optik eine Art Wollnashorn, zum Beispiel. Oder ein dem Mammut ähnliches Tier, nur um vieles kleiner, so groß wie ein Hausrind vielleicht. Natürlich auch Beutegreifer, und wen wundert es, optisch sind es den Feliden und Kaniden ähnliche Spezies. Kleine Flug- und Krabbeltiere, die ein gesundes Ökosystem benötigt. Keine Anzeichen für höhere Intelligenz, aber vielleicht gibt es in den Wäldern eine Spezies, ähnlich dem Schimpansen. Auch im Wasser gibt es Leben, also, meiner Ansicht nach ist dieser Planet zumindest im äquatorialen Gürtel gut geeignet. Die Polkappen sind etwas größer als daheim, wen wundert’s, aber diese Welt wäre bei allem Naturschutz als Heimat für viele Menschen möglich!“

Sehr gut!“ Bernie nickte zufrieden. „RO, Nachricht an die Firmenzentrale, die Präsidentin in Washington und die Vereinten Nationen. ‚Die USA beanspruchen den Vierten Planeten des Sternes Tukan Zeta, welcher den Namen New Michigan tragen soll‘. Datum, Uhrzeit, und ab damit! XO, Sie haben die Brücke, ich bin in meiner Kabine. Langsame Fahrt auf Planet zwei, der liegt gerade so schön auf unserem Kurs.“

XO übernimmt Brücke! Langsame Fahrt Zeta II. Gute Nacht, CO.“ bestätigte Ramiye und nahm im Kommandosessel Platz.

Nav, Kurs berechnen auf zwo!“

Aye, Ma’am!“ Ensign Zak Lawai’a kam von der Insel Hawaii. „Wir Aloha’āina haben die Orientierung nach den Sternen im Blut“, behauptete er immer wieder, und mit Hilfe der Neuronik hatte er bisher auch gut gearbeitet. Bernie hatte den Schiffsrechner gebeten, immer ein wachsames Auge auf die Situationen und Entscheidungen zu haben, sich aber nur in Notfällen einzumischen.

Vielleicht müssen wir einmal den Weg nach Hause mit einem Taschenrechner bestimmen!“ Diesen Satz von Jeff Moore, dem alten Veteranen aus den Wegaschlachten, hatte Bernie verinnerlicht und auch seiner Mannschaft mitgegeben.

Berechnet, Ma’am!“

Ruder, Kurs von Nav übernehmen, langsame Fahrt!“ befahl die groß gewachsene Orientalin, von der beinahe alle Männer an Bord träumten.

Eden

Das Dorf der Männer lag eben so gut für Blicke von oben versteckt wie alle anderen Dörfer der Obschålint. Dschouhen kam aus seiner Hütte, kratzte sich ausgiebig im Schritt und suchte sich einen Baum außerhalb der Umzäunung des Dorfes.

Vielleicht markiert er ja nur sein Revier?“ meinte Ras Tschubai, und Betty Kendall kicherte leise.

Das ist erstaunlich, seine Gedanken weisen darauf hin, dass es kleine Insekten fern hält, wenn die Männer ihre Duftmarken setzen!“

Ach so!“ Ras nickte unter seinem Helm, Dschouhen drehte sich um und ordnete seinen Lendenschurz.

Sollen wir es wagen?“ Ras schaute seine Kollegin an.

Probieren wir es, Ras. Aber halte dich zu einer Teleportation bereit, holen kannst du mich später noch.“ Ras nickte, Betty schlug die Helmkapuze zurück und trat aus dem Unterholz, die Hände erhoben, die Handflächen dem Dorfbewohner zugekehrt.

Dschouhen erstarrte in der Bewegung. Eine Frau kam von außerhalb des Dorfringes, und sie sah seltsam aus. Das Haar nicht silbern oder weiß, sondern schwarz, kleiner, aber – bei allen Dämonen des Himmels – diese Kurven! So riesige Oberweiten und Hüften hatte er noch nie gesehen, die Obschålint waren groß und schlank. Nur in alten Sagen war von einem anderen Volk die Rede gewesen, von hilfreichen Wesen, die den wahren Menschen manchmal zu Diensten waren. Er fühlte, wie sich unter seinem Schurz etwas bemerkbar machte, diese Frau hatte etwas sinnliches, verführerisches, mit ihrer Figur regte sie seine Phantasie an. Lächelte sie gerade? Bei den Göttern, sie lächelte, er fühlte, wie ihm der Schweiß aus allen Poren drang. Sollte er sich ihr nähern? Er war ratlos.

Dschouhen“, rief eine Stimme vom Dorf, und Hieroudiess, sein Bruder kam aus dem Tor. „Wo… Wer ist das?“ Auch Hieroudiess stockte der Atem. Auch für ihn war diese Frau ein Schock, dieses Haar, diese Formen, und diese Haut am Körper, so anders als die Haut ihres Gesichtes, diese seltsame Farbe, wie sie manches Mal am Ufer eines Sees vorkam.

Ob es eine Eysosha ist?“ spekulierte der jüngere Dschouhen. „Ich habe im Dorf der Frauen noch nie derartige Dinger gesehen. Du?“ Ein zarter Lichtfinger tastete aus den Unterholz nach den Männern, die erstarrt stehen blieben.

Dschouhen hat sich zur Jagd abgemeldet, er hat einen Walpit gesehen. Er wird versuchen, am Abend zu Hause zu sein.“ Hieroudiess nahm seinen Speer mit, als er in das Dorf zurück kehrte, und Dschouhen folgte der vermeintlichen Eysosha. Er nahm den schwarzen Mann kaum war, der ihn und die schwarzhaarige Frau am Arm nahm. Er sah erst wieder einen Raum mit seltsamen Möbeln und einigen Männern und Frauen.

*

Hey, Hieroudiess! Hier habe ich das Walpit!“ Dschouhen kam mit dem Wild auf den Schultern zu der gemeinsamen Hütte, eben wich die Helle des Tages der Dämmerung des Abends.

Hervorragend! Das gibt einen schönen Braten!“ freute sich Hieroudiess. „Komm herein! Hast Du etwas besonderes erlebt?“

Nein!“ Dschouhen wusch sich rasch. „Nicht das Geringste!“

Errai II

Gulg-Ge Mïil von der königlichen Luftwaffe war wieder mit seiner Byeôl unterwegs, um kaiserliche Flieger abzufangen. Mit 15 bestätigten Abschüssen im Alter von 28 Jahren war er das Ass der Jagdflieger, der beste von allen. Ein Schatten fiel über ihn, und er erschrak. Ohne Nachzudenken ließ er das Flugzeug zuerst einmal fallen, um aus einer eventuellen Schussbahn zu kommen, das Blut gefror in seinen Adern. Was er sah, konnte unmöglich, unter gar keinen Umständen real sein. Ein Luftschiff konnte sich nicht so schnell bewegen, aber Flügel waren auch keine zu sehen. Wie flog dieser Zylinder? Was hielt ihn in der Luft? Und diese blau-rote Kokarde hatte der Hauptmann auch noch nie gesehen. Das seltsame Gebilde nahm Kurs auf die königlichen Schützengräben, die Situation war klar, was oder wer es immer war, es war ein Feind. Er richtete seine Maschine aus, das Uloë – Maschinengewehr bellte auf, und die roten Spiralen der Leuchtspurmunition zeigte dem Hauptmann, dass seine Salve exakt im Ziel lag. Ihn schwindelte, eine unsichtbare Wand lenkte seine Geschosse zur Seite ab, weit vor dem Gebilde. Was sollte er noch tun? Gulg-Ge zwang seinen Dreidecker in eine enge Kurve, ehe er höher stieg, um von oben anzugreifen. Die Artillerie hatte den mattsilbernen Körper entdeckt und feuerte mit den Langrohrgeschützen. Die Kanoniere verstanden ihr Handwerk, einige Granaten trafen direkt, aber eine halbe Mannslänge vor der Außenhaut prallte alles von dieser nicht sichtbaren Haut zurück, sie wurde nicht einmal geschwärzt, als die Sprenggranaten explodierten. Der Schutz war vollkommen. Zarte Finger aus Licht griffen nach den Geschützen, eines nach dem anderen schwieg, die Besatzungen liefen eiligst davon. Panik erfasste den Piloten, doch unverdrossen beobachtete er weiter.

Die Kanonen stiegen, als wären sie schwerelos geworden, in die Luft und sanken zwischen den Schützengräben wieder zu Boden. Danach wiederholte das Luftschiff seine Aktion auf der Seite der Kaiserlichen, vertrieb die Artilleristen, entführte auch dort die Kanonen mitsamt der Munition, alles wurde zwischen den Linien fein säuberlich gestapelt. Dann, ein greller Blitz löste sich aus der Unterseite des Zylinders, die Kanonen leuchteten weiß auf und zerschmolzen, die Treibladungen der Munition explodierte, das Metall floss wie Wasser, füllte einige der Trichter, welche durch die Einschläge von schweren Artilleriegranaten entstanden waren. Die Artilleristen formierten sich und marschierten los, doch niemand von den Geschützbesatzungen konnte später sagen, auf wessen Befehl sie sich auf dem jeweiligen Feldherrenhügel eingefunden hatten.

Die Flotte des Königs und jene des Imperiums dampften mit voller Kraft aufeinander zu, die Admirale suchten den Kampf und den Sieg. Die ersten großen Kanonen eröffneten bereits das Feuer, doch noch landeten die Granaten weit vor der gegnerischen Flotte im Wasser. Von oben schwebte eine Walze herab, Lichtfinger griffen nach den Schiffen, welche abdrehten und in ihre Heimathäfen zurückkehrten. Niemand wusste später, wer den Befehl dazu gegeben hatte, aber jeder war überzeugt, nur auf den Befehl eines Vorgesetzten gehandelt zu haben.

Der kaiserliche Nachschubskonvoi mit Nahrungsmitteln in Dosen, Medikamenten und frischer Munition war auf dem Weg zur Front. Unweit hinter ihnen lag der Güterbahnhof, wo man alles auf die schweren Lastkraftwagen gehoben hatte. Dann fuhr die lange Kolone los, um zuerst die Munition für die Maschinengewehre an die Front zu bringen, der Bedarf stieg in letzter Zeit sprunghaft an. Die königlichen Truppen schienen alle Reserven mobilisieren zu wollen, um vor dem eintretenden Zwangswaffenstillstand durch den zweiten Stern noch Terrain erobern zu können. Der Fahrer des ersten Wagens trat heftig auf die Bremse und sah aufgeregt nach oben.

Hauptmann! Dort!“ Er wies auf den Zylinder, der über ihnen schwebte. „Haben die königlichen jetzt auch Luft…“

Raus! Deckung nehmen!“, brüllte der Hauptmann in sein Funkgerät, öffnete die Tür und gab den Befehl auch über Zeichen weiter. Die Fahrzeugbesatzungen sprangen aus den LKWs und rannten, was ihre Beine hergaben, in den nächsten Graben oder die Wand einer Ruine, die wohl einmal ein Bauernhof gewesen sein mochte. Dort kauerten sie sich nieder, bedeckten die Köpfe mit den Händen und so manch einer mochte zu seinem Gott beten. Dann explodierte die Munition in einen Feuerball, der auch noch die Fahrzeuge zu unförmigen Klumpen zerschmolz. Korporal Shi’anzi’yu spuckte Staub aus und ging in respektvoller Entfernung um die Wracks.

Das war nicht nur die Explosion, ein paar Kisten MG-Patronen entwickeln nicht so viel Hitze! Was haben die da drüben nur für eine neue Höllenwaffe?“

Hauptmann Praâkan packte den Korporal am Ärmel. „Ich glaube nicht, dass das ein königlicher Angriff war!“ Er wies mit der Hand in Richtung Front, wo eben im Hinterland des Feindes eine Feuersäule gegen den Himmel stieg, neben der noch einige zusätzliche Blitze stoben. „Da drüben gehen gerade eine Menge Artilleriegranaten hoch. Da ist jemand anderer im Spiel, der uns beiden die Munition nehmen will!“

Verdammte Imperiale“, knurrte der Korporal. „Ich werd‘ mich trotzdem nicht so einfach versklaven lassen. Ich werd‘ mich wehren!“

Woher sollten die Imperialen eine solche Waffe haben?“, rätselte der Hauptmann. „Und solche Fluggeräte?“

Aber wer soll’s denn sonst sein? Außerplanetarier?“, fragte Shi’anzi’yu zweifelnd.

Ach, natürlich nicht. So etwas sind Hirngespinste von Leuten mit zu viel Phantasie! Lassen Sie die Männer antreten, Korporal. Wir benötigen immer noch Fahrzeuge für die Nahrungsmittel. Also, in zwei Gliedern antreten, und dann zum Fuhrpark. Vielleicht finden wir etwas.“

General Primïin tobte und brüllte den neuen Oberst an, Ganko war degradiert und durfte als Hauptmann in den Gräben an der Front seinen Dienst verrichten. So knapp vor der Berufung in den obersten Generalstab hatte er, der General, gestanden, und dann hatten diese feigen Soldaten unter den unfähigen Offizieren seinen Plan zunichte gemacht. Beinahe wäre auch er als Oberst für immer hier gelandet, aber er hatte einen neuen Abschnittskommandanten ernannt und wollte eben abreisen, um anderswo einen fulminanten Sieg zu erringen, und jetzt dieser Zwischenfall. Hatte sich alles gegen ihn verschworen? Musste er immer mit unfähigen Untergebenen auskommen, feiges Gesindel, das nicht einsehen wollte, dass seine Beförderung wichtiger war als einige hundert Tote. Es gab doch genug Soldaten, aber einen Offizier wie ihn gab es nur einmal!

Was?“, brüllte er ungehalten, als hinter ihm die Tür aufging. Oberst Laïnyone verlor die Kontrolle über seinen Körper, seine Hand flog an sein Herz, und er brach zusammen. Der General trat ihm noch einmal in die Seite, ehe er sich umdrehte und zu stammeln begann. Eine Îjhů in einer schwarzen Uniform mit roter Jacke stand zwischen den königlichen Soldaten der Wache, die ihre Gewehre auf ihn gerichtet hielten. Das Gesicht des Fremden, das Gesicht! Es zeigte keine Schuppen, aber so etwas wie langes, schwarzes Fell oben auf dem Kopf. Dieses – Wesen konnte trotz der weiblichen Formen nicht von dieser Welt sein. Unmöglich! Er verspürte Angst, abgrundtiefe Panik.

Mitkommen!‘ dröhnte es schmerzhaft in seinem Schädel, und sein Körper gehorchte trotz aller Versuche, sich lieber zu verstecken. Er ging einfach mit dem Wesen in den Zylinder der Fremden, wo er in ein kleines Kämmerchen gesperrt wurde und sein Körper wieder gehorchte. Weinend brach er zusammen.

Das ist also der feige Typ, der auf die eigenen Leute das Artilleriefeuer eröffnen ließ!“ Einige Stunden hatte der General unter dem Einfluss des Hypnosestrahlers seine Sprache in die Neuronik gesprochen, ein befohlenes Wort nach dem anderen. Commander Saint Clair hatte sich diese Sprache mit einer kurzen Hypnoschulung angeeignet und war nun in einen zweigeteilten Raum gegangen, in dessen einer Hälfte der Gefangene saß, von keinem Hypnosestrahler mehr beeinflusst. „Ich meine ja, dass jemand, der so handelt, reif für ein Standgericht ist. Wegen Hochverrats, weil er nicht nir die Kampfkraft, sondern auch die Moral der Armee seines Souveräns mutwillig schwächt, wegen Massenmordes, und wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Aber ich bin nun mal nicht zuständig, also werde ich dich deinen Soldaten überlassen.“

General Prïimin sah auf. „Aber, ich musste es doch tun. Die Männer wären doch sonst in den Gräben geblieben, wie soll man einen Krieg führen, wenn die Soldaten zu feige sind?“

Am besten gar nicht“, blaffte Saint Clair. „Warum führt Ihr denn Krieg gegen den Kaiser?“

Weil – der Kaiser führt Krieg gegen uns!“ verteidigte sich Prïimin

So?“ Saint Clair schaltete, ein Bildschirm flammte auf. „Das ist der kaiserliche Oberst N’gakãr. „Wollen Sie hören, was er auf die gleiche Frage geantwortet hat?“ Ein weiterer Tastendruck.

Weil die königlichen uns vernichten wollen!“

Billige Propaganda für die Soldaten“, rief der General.

Ach ja, die Soldaten.“ Saint Clair lehnte sich zurück. „Wir haben auch ein paar Soldaten befragt. Wollen Sie wirklich wissen, was die gesagt haben? Weil uns die Offiziere sonst umbringen! Keiner von denen mag den Krieg, nur Ihr verdammten Offiziere haltet ihn künstlich am Laufen. Mitkommen!“

Der üblicherweise als Offiziersmesse dienende Raum war durch rasch errichtete Energiewände in vier Teile getrennt worden, man konnte in die anderen Viertel hinein sehen, mit den Personen darin sprechen, sie aber nicht berühren. Kaiser Pôyi-Ge IV wurde mit seinem General Yainagh von einigen der Rotröcke in eine dieser Abteilungen gebracht und gebeten, dort an einem Tisch Platz zu nehmen. Am Morgen war ein seltsames Ding im Hof seines Palastes gelandet, den Panzern, an denen seine Techniker arbeiteten, nicht unähnlich, aber flugfähig! Irgend etwas hatte ihn gezwungen, mit dem obersten General seine Räumlichkeiten zu verlassen und in das Ding zu steigen, sie hatten keinen eigenen Willen mehr, als sie sich hinsetzten. Sie fanden es auch nicht erstaunlich, als durch eine andere Tür König Quyardar und General Prïimin geführt wurden, die ebenfalls ohne Widerstand zu leisten, auf zwei Stühlen Platz nehmen. Sogar als zwei Konsuln des Imperiums das dritte Viertel des Raumes betraten und ihre Plätze einnahmen, blieb alles ruhig. Aber nachdem im letzten freien Teil zwei dieser schuppenlosen Wesen mit der rot-schwarzen Uniform erschienen waren und einer von ihnen auf einen Schalter drückte, flammten Wut und Hass hoch, die sechs Schuppenwesen versuchten einander anzugreifen und wurden nur noch von den seltsamen, unsichtbaren Wänden daran gehindert, einander zu verletzen.

HINSETZEN!“, donnerte es von der Decke, und General Yainagh schrie zurück:

Wer wagt es, dem Kaiser befehlen zu wollen?“

Das wäre dann ich!“ Commander Saint Clair hob seine Hand. „Und ich wage es, mit Euch allen so zu sprechen, wie Ihr es verdient! Ihr solltet die Verantwortung für Eure Völker tragen, aber ihr ermordet sie in einem Jahrhunderte langen Krieg, der nie einen Sieger, aber viele Verlierer hat!“

Wir müssen uns gegen das Imperium und das Königreich verteidigen!“ brüllte Yainagh!

Ihr habt doch das letzte Mal, als die zweite Sonne sich wieder entfernte, als erste wieder geschossen“, wies Konsulin Pïngjaha die Anschuldigung zurück.

Und die königlichen haben auch sofort wieder angegriffen“, ergänzte Konsul Wyingh.

Doch nur, um Eurem hinterhältigen Angriffen zuvor zu kommen“, entgegnete Pôyi-Ge den imperialen Konsuln, und auch Quyardar verteidigte seinen Angriff.

Ihr habt Eure Armeen doch schon zusammen gezogen, um wieder über uns herzufallen!“

Und Recht haben wir gehabt, sonst wären die Grauen und die Grünen doch schon längst in unserer Hauptstadt!“

Das REICHT!“ Wieder verstärkten die Lautsprecher die Stimme des Commanders. „Ich befehle Euch, diesen Krieg zu beenden und nicht wieder zu beginnen!“

Mit welchem Recht wollt IHR uns Befehle erteilen?“, tobte Prïimin.

Mit dem gleichen Recht, mit dem Ihr Eure Soldaten in die Schlacht gezwungen habt.“ Commander Saint Clair grinste böse und zeigte sein prächtiges Gebiss. „Ich habe die Macht, es zu tun!“

System Reggys Stern

An Bord der OLYMPOS

Rebecca Geberē und Mika Viljelijä saßen einander in einem Lokal auf dem Deck vier, New York genannt, gegenüber und genossen ihre Pizza XL. Rebecca war Landschaftsarchitektin und Mika Gärtner, mit einigen anderen waren sie in erster Linie für den ‚Central Park‘ auf Deck eins zuständig. Rebecca war in Äthiopien geboren und hatte dort auch ihre frühe Kindheit verbracht, dann aber wurde sie aus dem Waisenhaus in die USA adoptiert und ihr damit die Gelegenheit geboten, in Boston, Michigan, Landschaftsarchitektur und Pflanzenpflege zu studieren. Es war nicht immer leicht für ein dunkelhäutiges Mädchen in einem der besten und teuersten Bezirke Bostons und einer der renommiertesten Universitäten der Staaten gewesen, doch mit der Unterstützung ihrer Adoptivmutter biss sie sich durch, überstand die Prüfungen und machte ihren Master of Art. Einige Projekte zur Aufforstung überrodeter Gebiete wie in Kroatien oder auf Kreta erregten positive Aufmerksamkeit und wurden in der internationalen Presse als wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Umwelt gewürdigt.

Als Reginald Starlight den Park der neuen Station in seine Pläne zeichnete, wurde ihm das Ausmaß der Aufgabe und seine Unwissenheit in Botanik und Landschaftsgestaltung erst so richtig bewusst. Nur einige Sträucher und Bäume zu pflanzen reichte nicht aus, man konnte die Trockenheit liebenden Gewächse aus Afrika nicht neben solche aus Südamerika setzen, die viel Wasser benötigten. Mit einigen Zeitungsartikeln, den Bauplänen und vielen Zahlen ausgestattet, machte er sich auf die Suche nach seiner Mutter, die er bei einem kleinen Imbiss bei Lester fand.

Besorge dir Fachleute“, hatte Tana nur gesagt, also hatte er Kontakt zu der Frau in den Zeitungsartikeln, Rebecca Geberē, aufgenommen, und die hatte mit Freuden zugesagt, dieses Mammutprojekt in Angriff zu nehmen. Die Bezahlung war gut, die Unterbringung günstig, und wen reizte es nicht, einen derart großen Park mit genügend Mitteln zu realisieren. Wenige Tage später hatte die Frau mit der Haut wie dunkler Milchkaffee die CYGNUS bestiegen und damit begonnen, den Park zu planen, vorerst nach den Plänen. Einen Hügel hier, das Wasser konnte ablaufen und sich am Fuß sammeln, einen Weg da, eine künstliche Ruine zum Verweilen und als Übersichtspunkt, ein kleines, plätscherndes Flüsschen mit Brücken aus imitiertem Stein, Statuen und Bronzen aus der Mythologie vieler Völker. Der Park mit einem Durchmesser mit 3.300 Metern war die bisher größte Herausforderung für die junge Frau geworden, aber sie hatte diese mit Hilfe eines Teams von Gärtnern, zu denen auch Mika Viljelijä gehörte, hervorragend gemeistert.

Der Finne liebte es, mit seinen Händen in der Erde zu arbeiten, sich um kleine Pflänzchen zu kümmern und sie liebevoll zu umhegen. Auf einer der Grünflächen, die es in jedem Deck regelmäßig gab, hatte er zur Freude vieler Anwohner einen kleinen Gemüsegarten angelegt, und so mancher pflückte sich hier einige frische, kleine Tomaten für sein Frühstück oder einen schnellen Imbiss zwischendurch, besserte seinen Speiseplan mit einer Gurke auf oder freute sich, wenn er bei Mika und Becky zu einer Kürbis- Süßkartoffelsuppe mit Kokosmilch und Shrimps- Ananasspießchen eingeladen wurde. Die dunkle Rebecca und der blasse Finne gaben ein hübsches Paar ab, auf der OLYMPOS konnten sie sich ein großes Appartement leisten und ein gutes Leben führen. Kennen und in der Folge lieben gelernt hatten sie sich bei der Arbeit, als Mika eines Tages bei seiner Vorgesetzten vorbeikam, um ihr eine Änderung vorzuschlagen, die Weinranke für Pavillon 7 wäre mit blauen Beeren ein hübscherer Kontrast als mit grünen, und man könnte doch überhaupt ein wenig Wein ziehen und ernten. Auch Olivenbäume hier und dort wären doch ganz hübsch, und für die Ernte konnte man Roboter einsetzen, wie es in der Toskana bereits üblich war. Rebecca überdachte die Idee, und rief Mika wieder zu sich in ihr Büro, um Einzelheiten zu besprechen. Großartige Ideen für den Garten sollten bei diesem Treffen allerdings an diesem Tag nicht mehr entstehen.

Die Pizzeria wurde von Carlo Farinos geführt, der auch für den Teig und das Backen zuständig war. Niemand außer seinem Sohn Raffaele, der später seine Nachfolge antreten sollte, durfte ihm über die Schulter sehen, seine Tochter Paola war im Service. ‚Bella Genovesa‘, die ‚Schöne Genueserin‘, hatte Carlo seine Pizzeria genannt, nach der verstorbenen Mutter seiner Kinder. Das Lokal war natürlich von der Größe her nicht zu vergleichen mit denen am Strip, auf Deck eins. Aber die Bewohner aus diesem Teil New Yorks kamen gerne zum Essen und zum Plaudern her, die wenigen Tische waren fast immer besetzt. Aber – dann setzte man sich eben zu anderen Personen an einen Tisch, oft kannte man sich bereits. Carlo hatte ehrlichen, guten Landwein aus Italien, von dem eine Flasche so viel kostete wie zwei Gläser ‚Re Theodorico‘ im Herculaneum, und beide waren ihren Preis durchaus Wert. Die Pizza war hauchdünn mit knusprigem Teigrand, der Belag aus guten Produkten, die Pasta nach originalen Rezepten wie aus Mutters Küche. So kam es, dass sich nicht nur Italiener im Lokal an der Ecke 3. Avenue West und 5. Straße Nord wohlfühlten.

Die Straßennamen waren vorderhand noch primitiv, auf jedem Deck verlief die ‚Moonshine Avenue‘, 20 Meter breit, in der Mitte von Norden nach Süden, dann wurden die Avenues nach außen durchnummeriert, natürlich mit Angabe der ‚Himmelsrichtung‘. In west-östlicher Richtung bildete die Mainstreet, ebenfalls 20 Meter breit, die Straße 0, es wurden die Streets unter Zuhilfenahme der Himmelsrichtung wieder aufsteigend nach Nord und Süd durchnummeriert. Da die Avenues und die Streets je zehn Meter Breite aufwiesen und die Wohnblocks 45 Meter im Quadrat hatten, ergaben sich 50 Avenues und 50 Streets in jeder Richtung. Die Squares, also die Plätze, waren 45 mal 45 Meter und sollten irgendwann wirkliche Namen erhalten, doch noch waren sie einfach mit der Straßennummer bezeichnet. Sie waren aber schon jetzt ein schöner Platz für die Bevölkerung, um ein wenig Glück und das imitierte Sonnenlicht zu genießen. Diese Squares erfüllten auch noch die Aufgabe, die Decks miteinander zu verbinden, denn in ihnen zogen sich Personenlifte durch alle Decks. Um die sechs großen Säulen, welche die Station durchzogen, waren ebenfalls grüne Streifen mit Bäumen entstanden, und auch in der Mitte der Straßen zogen sich bepflanzte Streifen vom Anfang bis zum Ende. Der Straßenbelag war je nach Stadtviertel unterschiedlich getönt, Pfeile wiesen zu der nächste Metrostation und den Weg zur Moonshine Avenue und zur Mainstreet. Ein Verlaufen war mit all diesen Kennzeichnungen so gut wie ausgeschlossen, die Straßen waren ähnlich angelegte wie der Plan der terranischen Stadt Manhattan. Die fünf Decks London, Cambridge, New York, Paris und Hongkong hatten gemeinsam etwa die zweieinhalbfache Fläche dieses New Yorker Stadtteiles, jedes 19,6, in Summe also 98 Quadratkilometer. Die OLYMPOS war eine Millionenstadt im Weltraum geworden.

Auf der HEPHAISTOS hatte es in jenen Bezirken, in denen die dauerhaft auf der Station wohnenden Personen lebten, kaum nennenswerte Verbrechen gegeben, Victoria Rhodan war aber nicht dumm und wusste, dass eine größere Station auch von größerem Kriminalitätsrisiko begleitet wurde und hatte daher die Sicherheitskräfte ebenfalls aufgestockt. Es wurde in Folge inmitten eines jeden Viertels eine Wachstube eingerichtet. Die Sicherheitsleute waren in ihrer smaragdgrünen Uniform mit den roten Schultern leicht zu erkennen und patrouillierten in unregelmäßigen Abständen durch die Straßen. Bei aller Sorgfalt, mit der die Einreise auf die Station geregelt wurde, musste man doch auch mit einem gewissen Prozentsatz an Menschen, welche die Regeln ignorierten. Es war immer damit zu rechnen, auch bei einem wirklich gut funktionierendem sozialen Netz. Und es gab die Psychopathen, welche selbst Matta und ihrem Nestling Netta entgehen konnten. Nun ja, dafür hatte man Richter und Rechtsanwälte importiert, auch wenn man hoffte, dass Kapitalverbrechen noch lange nicht auf deren Agenda stehen mussten.

Natürlich war auf der OLYMPOS keine wirklich egalitäre Gesellschaft eingezogen, es waren immer noch verschiedene Schichten vorhanden. Zum Ersten war da selbstverständlich die Besitzerin und ihre Familie, danach kamen die kosmonautischen Offiziere der Station und der Schiffe sowie die Wissenschaftler, deren Erfindungen das ganze Geld in die Kassen des Unternehmens spülten und die oftmals prozentual an den Gewinnen, welche ihre Erfindungen einbrachten, beteiligt waren. Und dann gab es noch die Leute, die für das Wohlergehen dieser Personen sorgten, ihre Familien und all jene Kräfte, die niemand sah, ohne die es aber keine funktionierende Station und keine Schiffe gäbe. Es war ganz klar, dass der Hilfstechniker nicht das gleiche Gehalt wie die Kommandantin der OLYMPOS erhielt, trotzdem waren die Jobs an Bord heiß begehrt. Das Lohn – Lebenskostenverhältnis an Bord war durchaus vorteilhaft für den Angestellten, Wohnen war ebenfalls günstig, man konnte sich schon etwas für die Zeit danach ansparen, zusätzlich zur großzügigen Pension. Oder man konnte Reisen und sich einen schönen Urlaub machen, sechs Wochen bezahlter Urlaub, Krankenversicherung und kostenlose Behandlung an Bord, Renten. Auch wenn andere mehr verdienten, es ging den arbeitenden Menschen und ihren Familien ebenfalls finanziell gut, zudem hatten sie die Möglichkeit, ihre Kinder gratis in die besten Schulen zu schicken, gleich hier an Bord.

Und es gab vor allem im Dienstleistungssektor selbständige kleine Einzelpersonen- oder Familienbetriebe, wie etwa Monique. Monique war eine Meisterin in ihrem Fach, sie konnte es schwarz auf weiß vorzeigen. Monika Horaček aus Wien hatte vor einem Prüfungsausschuss ihrer Zunft den Friseurmeister gemacht und sich dann auf die Suche nach einem Job gemacht, um irgendwann ihren eigenen Salon zu eröffnen. Das war nicht so einfach gewesen, die Gehälter nicht sehr üppig, die Trinkgelder gingen auch zurück. Sie hatte kein schlechtes Leben vor sich, aber der eigene Salon, wie klein auch immer, wurde immer mehr zum unerreichbaren Traum. Bis eines Tages ihre Chefin ihr eine Einschaltung im Informationsblatt der Innung zeigte. Moni bewarb sich schriftlich bei der Starlight Enterprises mit all ihren Papieren und einem Zeugnis ihrer Dienstgeberin, zwei Monate später fand sie in der Post ein Ticket nach Galacto City, man wollte dort ihre Fähigkeiten prüfen. Caroline, ihre Chefin, hatte Monika auf beide Backen geküsst, ihr alles Gute gewünscht und versprochen, dass im schlimmsten Fall ihr Job noch ein wenig auf sie warten würde, Moni sollte die Reise nach GC einfach als Urlaub sehen. Also packte die Alleinstehende ihren Koffer und flog nach Asien an den Goshun-See.

Am Tag darauf fand sich Monika im Starlight Tower ein und verlor schon die Hoffnung, als sie sah, wie viele Männer und Frauen sich beworben und nun zum ‚vorschneiden‘ gekommen waren. Da sie aber schon einmal in Galacto City war, gab sie ihr Bestes und wurde gebeten, Tags darauf wieder zu kommen. Ein persönliches Gespräch mit einer Frau, die sich DCI Francine de la Croix nannte, und die das Arkonidische mit einem entzückenden französischen Akzent sprach. Eine Woche später, in der sie sich die moderne Hauptstadt der General Cosmic Company ansah, den GCC Tower bewunderte, mit der Tube eine klimatisierte Wüstentour machte und im wachsenden Goshun-See schwamm, kam sie abermals zu einer Prüfung. Es waren bereits neun Zehntel der Bewerber ausgeschieden, aber Monika war immer noch im Rennen. Sie arbeitete nicht auf Weltmeisterniveau, aber lieferte solide Arbeit und wurde angestellt, mit der Option, sich später selbständig machen zu können. Die Bedingungen passten, die CYRANO brachte Monika Horaček zur HEPHAISTOS, und jetzt hatte sie auf dem Cambridge-Deck der OLYMPOS ihren eigenen kleinen Salon, Moniques, in der elften Straße Nord, 23 West.

An Bord der HEPHAISTOS

Mann!“ Jack Bowie starrte auf den Bildschirm. „Ich habe ja schon Fort Kennedy besucht, aber das hier wirkt anders, leichter, zarter. Und dann der Park und die Wasserflächen. Auf Fort Kennedy ist alles so – so gerade, präzise ausgerichtet, da unten ist es… äh…“

Gemütlicher!“ ergänzte Ballerina, die Hände auf Laurins Schulter verschränkt und gegen ihn gelehnt. Rasch senkte sie den Kopf und küsste seine grüne Wange, was ihr mit ihren 185 Zentimetern gegen seine 164 nicht schwer fiel. „Das ist also die berühmte HEPHAISTOS, die erste Station mit Überlichtantrieb, mit Konverterkanonen und jeder Menge zwei-zehnern ausgestattet, ein beachtliches Bollwerk.“

Nicht zu vergessen, die Schirme!“ Auch Laurin war beeindruckt. „Angeblich sollen sie fünf bis sechs Schiffen der STARDUST-Klasse standhalten!“

Du hast veraltete Information, es sind jetzt doppelt so viele!“ Blattschuss seufzte tief. „Das gibt ein Gerenne, sage ich euch!“

Warum das denn?“ Blue, der jüngste der Gruppe, verstand es noch nicht, Kosak klärte ihn auf. „Ist doch immer so, frisch an Bord kommende Fähnriche müssen zuerst einige Orientierungsläufe absolvieren, bis man uns zutraut, dass wir uns schnell zurechtfinden. Aber wir sollten uns fertig machen. Seht mal, die Irisblende geht schon auf!“ Die acht Fähnriche, die vor einer Woche noch Kadetten gewesen waren, packten ihr spärliches Gepäck und sprangen in den Fallschacht.

Unter der Bodenschleuse des leichten Kreuzers Ceres wurden sie von einer hübschen, asiatischen Frau in kurzärmeliger sandfarbener Uniform mit einer schwarzen Schleife um den Oberarm empfangen.

Fähnrich Bowie?“

Hier Ma’am!“

Kadett Bucheron?“

Hier!“

Fähnrich Frost?“

Anwesend!“

Fähnrich Motti?“

Hier!“

Fähnrich Vhunko?“

Hier, Ma’am!“

Gut so, Fähnrich, man hört sie!“ grinste die Uniformierte. „Fähnrich Khreistschin?“

Anwesend, Ma’am!“

Fähnrich Wolkonzow!“

Hier!“

Und Fähnrich Yshmila!“

Ja, Ma‘am!“

Na schön. Fangen wir an. Mein Name ist Senior Fähnrich Ming Tha-Ling, und ich bin die ersten Tage für sie verantwortlich. Effy?“ Neben Tha-Ling erschien eine Frau, die ebenfalls eine Uniform mit schwarzer Armschleife, doch keine Rangabzeichen trug. „Das ist Effy, das Hologramm der Bordneuronik. Behandelt sie respektvoll, und sie wird eure beste Freundin. Ihr könnt sie auch um Rat fragen, und wenn ihr irgendwo hin möchtet, wird sie Euch führen. Auf dem obersten Deck gibt es geöffnete Lokale, der Chef hat bereits gut für unser leibliches Wohl gesorgt. Also, folgt Effy, sie wird Euch jetzt Eure Quartiere zeigen. Morgen in der früh um 0820 wird Euch Colonel Chu sehen wollen, bis dahin, packt Eure Sachen und die Spinde ein, seht Euch ein wenig um und lernt die Station kennen. ACHTUNG! Wie befohlen – abtreten!“

Colonel Chu Pei-Pei war die Tochter eines der Wega-Veteranen, der nach der Schlacht in der Asiatischen Föderation eine gute Karriere gemacht hatte und heute, dank der Zelldusche, immer noch seinen Dienst als Admiral versah. Als er seiner Tochter 2058 ihren ersten Fährichsstreifen an den Kragen steckte, traten ihm die Tränen des Stolzes in die Augen, und Pei-Pei war so jung, so stolz, auf dem Mond und unter den ersten dieser neuen Academy zu sein. Pei-Pei wurde Jahrgangsbeste unter den ersten Absolventen der John Glenn Academy, vor 24 Jahren hatte sie ihr Offizierspatent erhalten. Sie hatte weiter an sich gearbeitet, war bis zur Kreuzerkommandantin im Rang eines Major aufgestiegen, ein zweihundert Meter – Schiff war ihr Reich gewesen. Dann die Beförderung, gleichzeitig mit dem Marschbefehl, die HEPHAISTOS zu übernehmen und ihre Mannschaft einzuarbeiten. Wenn das geschehen war, sollte sie mit der Station Kurs auf First nehmen, damit diese dort als Hauptquartier der Sektorenverteidigung fungieren konnte. Die 46jährige Sinoterranerin schien größer als ihre 158 Zentimeter zu sein, sie strahlte Kompetenz, Würde und Selbstvertrauen aus. Noch nie in ihrer Laufbahn hatte sie es für nötig befunden, ihre Stimme über Gebühr zu erheben, sie gab ihre Befehle in leisem, ruhigen Tonfall. Und noch niemand hatte ihre Autorität je in Frage gestellt, was nicht nur den Raumschiffen auf ihren Schulterklappen zu verdanken war.

Vor einigen Wochen war die frischgebackene Colonel mit einem Voraustrupp von wenigen Offizieren und einigen Senior-Fähnrichen hier angekommen, um die Station kennen zu lernen. Hera hatte sie bis in die entlegensten Winkel geführt, sie hatten die ehemaligen Maschinenräume mit den eingemotteten Antimateriemeilern – „Das Notstromaggregat, falls doch einmal etwas unvorhersehbares passiert!“ – besichtigt, die Lagerhallen, die Wohnbereiche, den inneren Raumhafen für Schiffe bis vierhundert Meter, die Jägerhangars und jene für die Spacediscs. Allmählich verwaisten die Lokale auf dem Sonnendeck, doch der nächste Flug der MERKUR brachte Köche, Stewards und sonstige ‚systemerhaltende zivile Fachkräfte‘ mit, welche die Küchen und Büros übernahmen und sich mit ihrem Wirkungsbereich vertraut machten, begleitet von den alten Kräften, die dann auf die OLYMPOS umzogen. Es wurde ein gleitender Übergang, immer mehr Personal rückte von der Erde nach, während die Starlight-Angestellten ihre Posten räumten. Der letzte Akt vollzog sich auf der Brücke, an den Kontrollen saßen bereits Frauen und Männer in der khakifarbenen Uniform der GCC, Moira Tretjakowa war anwesend und einige Personen in der rauchblauen Montur der Starlight Enterprises standen vor ihr.

Ich bin Athene, Imago des Rechners der wissenschaftlichen Abteilung! Ich ziehe mich auf die OLYMPOS zurück!“ Eine junge Frau verblasste.

Ich bin Ares, das Imago der Waffenabteilung! Ziehe mich zurück!“

Ich bin Zeus, der Rechner der Zentrale!“ Am Ende blieb noch die bekannte, hübsche Frau übrig.

Ich bin Hera, ich übergebe meine Aufgabe an das neue Imago der HEPHAISTOS und ziehe mich auf die OLYMPOS zurück“. Nun war Moira die letzte blau gekleidete Person auf der HEPHAISTOS, und sie salutierte vor Pei-Pei.

Colonel Chu, ich übergebe Ihnen hiermit das Kommando über die HEPHAISTOS!“

Danke, Kommandantin Tretjakowa. Colonel Chu übernimmt das Kommando!“ Auch Pei-Pei legte ihre Hand salutierend an die Schläfe.

Viel Glück, Colonel. Sie übernehmen ein feines Stück Technik.“ Die scheidende Kommandantin warf noch einen etwas wehmütigen Blick durch die Zentrale. „Bitte, Colonel, benachrichtigen Sie die Fähre, dass ich unterwegs bin.“

Gerne.“ Pei-Pei reichte Moira die Hand. „Auch Ihnen viel Glück!“

ACHTUNG!“ brüllte Senior Fähnrich Ming Tha-Ling, alle sprangen von ihren Sitzen und salutierten. „Kommandantin verlässt die Brücke!“ Die HEPHAISTOS war in den Besitz der GCC übergegangen.

*

Miss Effy?“ wandte sich Bianca Motti an ihre Führerin. „Effy reicht, Fähnrich!“ antwortete das Hologramm.

Wir dürfen Sie alles fragen?“ fragte Ballerina weiter.

Dafür wurde ich erschaffen. Aber natürlich gibt es Fragen, deren Beantwortung mir von meinem Programm verboten sind. Wenn etwa Fähnrich Frost fragen sollte, welche Unterwäsche sie tragen, wäre ich ab morgen in der Lage zu antworten, aber nicht bereit dazu.“

Warum denn erst ab morgen?“, interessierte sich Edith Bucheron.

Auch ich kann nicht durch die Uniform blicken“, beschied der Rechner. „Aber selbstverständlich kontrolliere ich jede Kabine, ob alles in Ordnung ist. Solange nichts absolut Verbotenes vor sich geht, kann allerdings nicht einmal die Kommandantin diese Informationen abrufen.“

Ach!“ Bianca schluckte. „Und wenn ich, wenn Laurin, also, falls…“

Die Beziehung zwischen den Kadetten Motti und Vhunko ist aktenkundig. Falls sie sich Sorgen machen sollten, sexuelle Beziehungen sind nur dann verboten, wenn es sich um ein Abhängigkeitsverhältnis handeln sollte oder einer der Partner diese Beziehung nicht will. Ich werde etwaige sexuelle Aktivitäten selbstverständlich bemerken, aber solange ihre Vitalfunktionen im normalen Bereich liegen, wird niemand davon erfahren. Die biologischen Daten von Menschen und überschweren Mehandor sind gespeichert. Wollen Sie eine Doppelkabine oder lieber zwei Einzelne?“

Erleichtert atmete Ballerina tief durch. „Wenn es möglich ist…“ Sie sah Laurin an, der nickte eifrig. „Eine Doppelkabine wäre großartig!“

Und für die Fähnriche Yshmila und Bowie?“ fragte das Hollogramm.

Blattschuss reicht als Anrede, Effy. Und wir nehmen zwei Einzelkabinen. Aber bitte in enger Nachbarschaft, wenn noch welche frei sind.“ Sie zwinkerte Bowie zu. „Einverstanden?“

Bowie nickte. „Wenn ich dich besuchen kann…“ sagte er einsilbig.

Und die Fähnriche Bucheron, Khreistschin, Wolkonzow und Frost?“ fragte Effy nach.

Vier Einzelkabinen, egal wo.“

*

Wow! Diese Tana Starlight hat toll für ihre Leute gesorgt!“ Laurin war begeistert. „Diese Unterkunft ist der pure Luxus! Wir haben einen Wohnraum und eine abgetrennte Schlafnische, dazu eine eigene Nasszelle, sogar mit Dusche!“

Ballerina hatte sich ebenfalls umgesehen. „Hey, als wir auf dem Weg waren, hat man uns die Borduniformen geliefert. Schau mal, die richtige Größe, das richtige Namensschild und das Ärmelschild GCC HEPHAISTOS. Das nenne ich Organisation. Hier ist dein Paket!“

Gut gearbeitet, die passt sicher!“ Vhunko verstaute seine Uniformen im Spind und öffnete seine Tasche.

Laurin?“ fragte Bianca leise.

Ja, meine große Balllerina?“ Laurin räumte lächelnd weiter seine Sachen in den Schrank.

Möchtest du wissen, welche Unterwäsche ich trage?“ flüsterte sie.

Das ist ganz egal“, beschied er, sich blitzartig umdrehend und sie in den Arm nehmend, ihr kleiner Po verschwand völlig in seinen riesigen Pranken, als er sie gegen sich drückte. „Denn in ein paar Sekunden wirst Du ohnehin keine mehr tragen!“

*

Komm herein, Conan!“ Geräuschlos öffnete sich die Schiebetür. „Du muss Effy nicht fragen“, lächelte sie. „Es ist das rote Spitzenhöschen, das Du mir geschenkt hast.“

Jack Bowie schluckte. „Äh, ich, also!“

Yshmila nickte. „Na schön. Conan, ich habe unsere gemeinsame Zeit durchaus genossen, aber ich verstehe dich.“

Jack hob verblüfft die Augenbrauen. „Was verstehst du?“

Jack, ich bin nicht dumm!“ Sie setzte sich mit einer Backe ihres Hinterteiles auf den Schreibtisch und stützte sich mit dem anderen Bein ab. „Ich wusste, dass unsere Beziehung irgendwann einmal zu Ende gehen würde. Hey, ich bin geschmeichelt, dass es mehr als ein halbes Jahr war. Sonst hattest du es eiliger, deine Freundinnen abzuservieren! Und sieh mich einmal an, ich bin nun mal ein kleiner, quadratischer Klotz, hübsch eher für andere Überschwere, und hinter dir sind die tollsten Mädchen scharenweise her!“

Dass sie hinter mir her sind, habe ich auch schon bemerkt.“ Conan kratzte sich am Hinterkopf. „Aber eigentlich wollte ich nicht Schluss machen, Yshmila. Nur fragen, ob wir unsere Beziehung nicht – wie soll ich sagen? Offizieller machen sollten?“

Jetzt war es an Blattschuss, perplex zu sein. „Jack, hast du nicht zugehört? Ich rechne eigentlich schon seit einiger Zeit damit, dass dir meine 143 Zentimeter Hüftbreite zu viel ist und du wieder zu den schlanken Freundinnen, die deinem Beuteschema eher entsprechen, zurück kehrst!“ Sie schloss die Augen und atmete tief durch. „Und was meinst du mit offiziell? Es weiß doch sowieso schon jeder Bescheid!“

Na ja, also, die Sache ist, es ist so…“, druckste Jack Bowie herum, dann fasste er sich ein Herz. „Seit du mich in Venedig getragen und geküsst hast, also, ich verstehe es ja selber nicht, aber ich glaube, ich bin verliebt, Yshmila, in dich verliebt. Ja, einer deiner Oberschenkel hat vermutlich mehr Umfang als ich als Ganzes, und du hast Muskeln, dass Mister Universum neidisch wird, deine Brüste sind bei einem großen Basisumfang ein klein wenig flach, alles das Gegenteil von dem, was ich früher gesucht habe, ich gebe es zu. Aber das Gesamtpaket Yshmila – ich liebe es. Ich liebe – dich. Ich staune über mich selbst, aber es ist so. Und offiziell? Nun, ich wollte dich meinen Eltern vorstellen, in unserem nächsten Urlaub. Der könnte jetzt zwar etwas dauern, aber an Bord gibt es die Möglichkeit, ein Holophonat zu führen, und meine Eltern wohnen in Galacto City, also haben sie die technische Möglichkeit, die Verbindung herzustellen. Kann ich ihnen sagen, dass sie in den nächsten Tagen nach Dienstschluss mit uns sprechen können? Und können wir deine Eltern erreichen?“

Yshmila sah auf ihre Hände, dann auf Jack, eine Träne rann über ihre Wange. „Ja, Jack. Ich werde mit deinen Eltern sehr gerne sprechen, wenn du es ernst meinst. Aber meine können wir im Moment schwer erreichen, es ist auch nicht nötig.“

Ich würde sie aber gerne kennenlernen“, meinte Conan, und Yschmila stand auf und kam in seine Arme. „Das wirst du, wenn du wirklich willst. Logistik Lieutenant Yshmouna und Tech Master Sergeant Hessien sind auf dem Weg hierher. Auf die HEPHAISTOS.“

*

Khreistschin räumte seinen Spind so rasch wie möglich ein, ihn zog es wieder auf den Gang, der die äußere Wand der Station entlang lief. Hier war ein breiter Streifen des Klarstahls durchsichtig gelassen worden und bot einen grandiosen Ausblick in das All, derzeit von der Sonne weg. Der junge Mehandor legte seine Hand an die Scheibe und fühlte seinen Emotionen nach. Er war dort, wo auch seine Eltern immer sein wollten, in einem künstlichen Habitat im Weltraum, er konnte nicht verstehen, was andere Leute an einem Leben auf einem Planeten fanden, mit sich verändernden Witterungsverhältnissen. Wind, Regen, Schnee oder extreme Trockenheit und Hitze. Oh nein, er liebte die perfekte Klimatisierung und den Ausblick auf die Sterne.

*

Die Annahme Yshmilas bewahrheitete sich, die frisch gebackenen Fähnriche wurden selbstverständlich auf Erkundungsgänge und -läufe geschickt. Dazu kamen noch theoretische und praktische Ausbildung an den Instrumenten, die sie zwar alle schon kannten, aber jetzt wurden sie gedrillt, blitzartig auf die Anzeigen zu reagieren. Trainingsflüge mit den Jagdmaschinen standen ebenso auf dem Übungsplan wie der Flug mit einer Korvette und Training für die Stationen der großen Raumschiffe im Simulator.

Wie von Jack Bowie erbeten, hatte der Adjutant Colonel Chus, Lieutenant Andrew Bowers das Holophonat mit seinen Eltern erlaubt und den entsprechenden Kommunikationsraum um 1900 Uhr für eine Stunde freigegeben. Nachdem die Verbindung zustande gekommen war, wirkte es, als säßen sich die Gesprächspartner gegenüber, die Grenzlinie zwischen den Räumen war rasch vergessen. Frank und Martha Bowie waren ein Ehepaar in Mitte der fünfziger, er war ein bekannter Chirurg in Galacto City, während Martha in der Tubeway-Verwaltung arbeitete.

Mama, Papa, ich möchte Euch Yshmila vorstellen!“ Jack wirkte unsicher. „Wir – also Yshmila und ich…“ dann wurde seine Stimme fest. „Yshmila und ich sind seit einem halben Jahr ein Paar!“

Martha sprang auf. „WAS!“ rief sie. „Wie…? Also…“

Frank musterte die junge Mehandor mit der grünen Haut und dem roten Haar mit zusammen gekniffenen Augen. „Auch ein Fähnrich, wie ich sehe!“ Er blickte grimmig in das Aufnahmegerät. „Die Militärschulen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Als ich so jung war wie Ihr…“

Musstest du im Raumanzug durch meterhohen Mondstaub von der Unterkunft ins Klassenzimmer gehen. Oder war es barfuß durch den Sandsturm?“ Martha knuffte ihren Mann.

Also, die Fraternisierungsregel war damals auf jeden Fall strenger!“ behauptete Frank. „Bei uns hätte man nicht einfach so ‚zusammen sein‘ können. Wir mussten uns schon einiges einfallen lassen. Heute verteilt man empfängnisverhütende Depotinjektionen, die ein Jahr wirksam sind, prophylaktisch an alle Kadetten. Oh tempora, oh mores“, räsonierte der Chirurg.

Und wenn deine Geschichten alle stimmen sollten, warst du trotzdem ein toller Hecht, der, bevor er mich kennen gelernt hat, jeden Kittel flach gelegt hat“, schimpfte Martha.

Nicht nur flach“, protestierte Frank grinsend, dann schaute er wieder seinen Sohn an. „Seit einem halben Jahr, und wir erfahren heute erst davon?“

Frank, immerhin ist es die erste Frau, die er uns vorstellt. Also, habe ich den Namen Yshmila richtig verstanden?“

Die Mehandor nickte. „Ja, Ma’am!“

Ach was, Ma’am, der Glatzkopf neben mir ist Frank und ich bin Martha. Wie benimmt sich denn mein kleiner Junge?“

Bisher ist er sehr nett zu mir, und er bringt mich auch öfter zum Lachen. Er hat einen seltsamen Humor, an den man sich erst gewöhnen muss, aber ich mag ihn. Also, sowohl Jack als auch seinen Humor!“

Den hat er von mir, genauso wie alle anderen Stärken“, reklamierte Frank den Ruhm des stolzen Vaters für sich. „Ich hoffe, sonst ist er auch talentiert und ausgestattet genug?“

Frank!“ Martha Bowie rammte ihrem Mann den Ellenbogen in die Seite. „Du bist fixiert, ich glaube, du brauchst einen Therapeuten!“

Ich kann Sie beruhigen, Frank!“ Yshmila lächelte sanft. „Bei diesen Körperteilen sind die Unterschiede in der Größe zwischen Mehandor und Menschen nicht feststellbar und bewegen sich im selben Rahmen.“

Beruhigend zu hören.“ Frank erwiderte das Lächeln. „Passen Sie nur gut auf meinen Jungen auf, Yshmila. Er benötigt ab und zu eine reifere Person, die ihm die Leviten liest. Und in dem Alter ist eine Frau ganz sicher die reifere Person. Ich habe meine Erfahrung!“ Er duckte sich lachend und hob abwehrend die Arme vor seiner Frau. „Nicht schlagen Ma’am – Sahib! Bitte nicht schlagen!“

Martha breitete ihre Arme aus. „Bei aller Qualität der holografischen Technik, leider kann ich dich nicht umarmen, aber fühle dich als Teil der Familie, Mädchen.“

*

Da kommt sie!“ Jack wies durch die Klarstahlkuppel der Cafeteria am Ende des großen Zentralliftes über dem Raumhafen nach oben. Lautlos schwebte ein vierhundert Meter durchmessendes Versorgungsschiff, die GCCMS – General Cosmic Company Mail Ship – SILVER CLOUD der Station entgegen, nur noch bewegt vom Feldantrieb. Zwischen dem Boden und der Einflugöffnung, einer von vielen des Hangardecks, baute sich ein röhrenförmiges Prallfeld auf, verhinderte den Druckverlust auf dem Hangardeck, wenn sich der Lamellenverschluss öffnete. Die Zentralsteuerung der Flugkontrolle manövrierte die CLOUD sicher durch die Öffnung und setzte sie sanft auf dem Boden ab.

Komm, wir müssen hinunter!“ rief Yshmila, und beide Fähnriche, die für diese Zeit um Freistellung vom Dienst gebeten hatten, sprangen in den Liftschacht. Fähnrich Ming hatte Jack gemustert, als er den Grund für seine Bitte nannte.

Mutig, Bowie. Sehr mutig! Alles Gute Ihnen Beiden!“

Während sie durch den Lift schwebten, kamen Yshmila wieder Bedenken.

Vielleicht sollte ich meine Eltern allein abholen und sie vorbereiten, dass du – nun ja, keine grüne Haut hast und nicht unter doppelter Erdschwerkraft aufgewachsen bist.“

Glaubst du, sie reißen mir den Kopf ab?“ grinste Jack. „Sie werden mich schon nicht vermöbeln, oder doch?“

In der Lage dazu wären sie.“ Yshmila zögerte und ging langsamer. „Du magst für Menschen gut ausgebildete Muskeln haben, aber – na ja, Du weißt ja, wie es bei mir aussieht, und ich bin zierlich gegen Pa!“

Na komm‘ schon mit, mein zerbrechliches Püppchen!“ Jack ging weiter. „Es wird schon nicht so schlimm werden! Da kommen auch schon die ersten die Gangway herunter.“

Ja – und da kommen meine Eltern.“ Yshmila zog ein wenig den Kopf ein, als ihr Vater sein Gepäck fallen ließ, auf sie zustürmte und sie in seine Arme riss. Hessien war ein typischer Überschwerer, ein quadratischer Klotz von 158 Zentimeter Größe und etwa ebenso breit in der Schulter. Sein rotes Haar trug er kurz geschoren, sein dichter Bart war etwa eine Handbreit lang. Yshmouna war 160 Zentimeter mit eher noch breiteren Hüften, die ihr langes Haar zu einem Zopf geflochten trug.

Pa!“ Yshmila machte sich frei. „Was hast Du mit Deinem Bart gemacht?“

Man geht mit der Zeit, Mädchen. Man geht mit der Zeit! Der Vorteil ist, dieser kurze Bart ist pflegeleichter. Ich wollte ihn ja noch kürzer schneiden, aber da hat deine Mutter mit Scheidung gedroht.“ Hessien lachte donnernd. „Aber – wer ist denn der Terraner, der uns so anschaut. Hat der vielleicht noch nie Mehandor gesehen?“

Doch Pa, hat er. Sogar sehr viel von einer bestimmten. Ma, Pa, das ist Jack Bowie, ich bin…“ sie atmete tief durch und sagte dann so schnell wie möglich „…seit einem halben Jahr mit ihm zusammen und er möchte Euch kennenlernen, weil es ihm offensichtlich ziemlich ernst mit uns ist.“

So?“ Yshmouna stemmte die Fäuste in die Taille und musterte Jack mit finsterer Mine. „Ist es tatsächlich Ernst? Er ist etwas lang und dünn!“ Dann fragte sie Yshmila flüsternd, sodass es nur wenige Meter zu hören war. „Ist er überall so dünn und lang?“

Er ist erfüllend genug, Ma.“ Yshmila wurde dunkelgrün, Hessien ging einmal um Jack herum.

Soso, ernst! Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass du mein Traumschwiegersohn wärst, aber wenn Yshmila glücklich ist, so soll es mir recht sein. Nach terranischem Brauch, deine Hand, Junge! Keine Sorge, ich lasse sie ganz!“ Hessien streckte die Rechte aus und Jack ergriff sie. „Gut, Vertrauen und den Mut zu vertrauen. Das gefällt mir.“

Hessien!“ rief Yshmouna. „Willst du etwa sagen, dass er dir recht ist?“

Was soll ich sonst sagen?“ Hessien zuckte die Schultern. „Vor einigen Jahren hätte ich noch protestiert, wenn sie mit einem Jungen aus einer anderen überschweren Mehandor-Sippe herumgemacht hätte, heute sind andere Zeiten, Frau. Wir leben mit Terranern zusammen, wir arbeiten Seite an Seite mit ihnen, wir essen und trinken mit ihnen zusammen, und jetzt schlafen einige von uns eben mit auch mit ihnen. Warum nicht auch meine Tochter?“ Er legte Yshmila und Jack je eine Hand auf die Schultern. „Werdet glücklich, Kinder. Meinen Segen habt Ihr.“ Er grinste plötzlich und kniff seine Tochter in die Schulter. „Aber pass auf, dass du ihn nicht zerquetscht, Kleines. Er sieht doch so zerbrechlich aus!“ Und über die Schulter rief er. „Na komm schon. Freuen wir uns mit unserer Tochter. Habe ich übrigens schon erwähnt, dass ich kein Tech-Sergeant mehr bin? Man hat mich zum Lieutenant befördert, und deiner Mutter ist die Logistik der HEPHAISTOS anvertraut worden. Nachschubsoffizier Captain Yshmouna.“

Gratuliere, Sir, Ma‘am!“ sagte Jack, und Hessien gröhlte.

Hast du gehört, Frau? Sir hat er mich genannt! Höflich und Respektvoll ist er ja! Kommt Kinder, wie finde ich unser Quartier? Und lass in Zukunft das Sir, Sohn!“

Es ist einfach, Pa. Du sagst einfach Effy, und hier ist sie schon. Das ist das Imago des intelligenten Bordrechners, und sie ist sehr nett.“

Intelligenter Bordrechner, interessant. Du bringst uns zu unserem Quartier?“ fragte Yshmouna, worauf das Hologramm erwiderte

Das gehört zu meinen Aufgaben, Ma’am.“

Na schön! Ich bin einverstanden, dass du mit diesem Terraner zusammen bist. Aber wenn er dir das Herz bricht, wird er sich wünschen, nie geboren zu sein. Und jetzt bück‘ dich, du lange Latte, und gib deiner Schwiegermutter ein Küsschen!“ knurrte Yshmouna, und Yshmila dolmetschte.

Sie mag dich, Jack! Du hast Glück!“

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System Voga, Zalit

Imperiales Ausbildungslager III

Die rote Riesensonne Voga stand hoch am Himmel, trotzdem war es so hoch im Norden des Planeten Zalit ungemütlich kalt. Das Ausbildungslager III der arkonidischen Flotte lag inmitten einer wasserlosen, aber besonders Nachts eiskalten, unwirtlichen Wüste, in welcher außer den Kadetten für die Flotte des Neurogenten, deren Kasernen permanent mit Nachschub und Wasser versorgt werden mussten, nichts überleben konnte. Ein Umstand, den die seelenlose und rein logisch berechnende Maschine durchaus als Vorteil einkalkuliert hatte, denn freiwillig waren die wenigsten hier.

Die erste Ausbildungskompanie des Ausbildungsregiments Nummer eins hatte sechs Monate Drill hinter sich und war mit genau berechneter Härte geschmiedet worden. Auch der weißblonde, hagere Mann in der zweiten Reihe der Formation mit dem rötlichen Schimmer in den grauen Augen und dem wölfischen Ausdruck im schmalen Gesicht, der hier mit Dhomàss Rodaan aufgerufen wurde, war nicht ganz freiwillig gekommen. Aber er hatte erkannt, dass es keinen anderen Weg gab, um seinem Ziel, seiner Rache näher zu kommen. In der Zwischenzeit war dieses Ziel nicht mehr ganz so vordringlich, zuerst musste er einiges ändern, vor allem an sich selber. Er war verrückt gewesen, dass er geglaubt hatte, sich als nur halber Arkonide zum Imperator aufschwingen zu können, selbst als halber Zoltral wäre das ein völlig unmögliches Unterfangen gewesen. Außerdem war er viel zu weich, zu übergewichtig und völlig untrainiert gewesen, hinzu kamen die Nachwirkungen einer Droge. Thomas Rhodan verstand etwas von Suchtmitteln, denn immerhin hatte er selbst eines kreiert, und er war sich bewusst, was auf ihn zukommen musste. Aber er musste durch die Entzugserscheinungen, er musste stark und gesund werden.

Bei seiner Meldung bei der Anwerbestelle hatte er beinahe die Wahrheit gesagt, nämlich dass seine Mutter eine echte Arkonidin aus gutem Haus und sein Vater ein Primitiver war, und dass er es für seine Pflicht hielt, der Heimat seiner Mutter zu dienen. Das hatte gereicht, er war zum Dienst in der imperialen Flotte verpflichtet und dem neuen Ausbildungslager III zugeteilt worden. Nicht einmal der Neurogent verglich jedes genetische Profil mit dem gesamten Speicher, wenn es nicht aus einem bestimmten Grund nötig war, sondern nur mit der Liste vermisster Personen und Straftätern. Die Anwerbung eines Halbarkoniden für die Flotte gehörte nicht zu diesen Gründen, und die nicht rein arkonidische DNA wurde nicht mit der Liste vermisster arkonidischer Adeligen verglichen, denn er war eindeutig keine dieser Personen. Es wären auch für die fortschrittlichste Neuronik zu viele unnötige Aufgaben geworden, jedem Profil nachzugehen.

Im Ausbildungslager III hatte er dann festgestellt, was wahre Arkoniden wirklich von Personen hielten, die nicht auf einem der drei Planeten Arkons geboren waren. Selbst Essoya dünkten sich den Angeworbenen weit überlegen. Sebeini, eine der grünhaarige Bekhonidinnen aus seinem Zug, hielt sie alle für dekadente Idioten, die sogar zum Sex zu dumm wären. Nun, ein wenig deftiger hatte sie sich schon ausgedrückt, allerdings musste Dhomàss der Ansicht seiner Kameradin im großen und ganzen beipflichten. Die Arkoniden waren arrogant, dekadent und überheblich, mehr noch, als er sich vorher gedacht hatte. Ein Umstand, der allerdings seinen Zorn gegen seinen Erzeuger nur noch mehr anstachelte, denn seinetwegen wurden ihm die Ehren, die einem Zoltral zugestanden hätten, verweigert. Aber Thomas Rhodan wusste auch, dass er sich in Geduld fassen musste, vielleicht irgendwann, wenn er sich hervorgetan hatte und das Imperium befriedet war, dann wäre die Zeit gekommen, dem Neurogenten von der Erde zu berichten und so zu der Abrechnung mit dem Vater kommen.

Die erste Zeit im Lager III war hart für ihn gewesen, denn seine Muskulatur war kaum mehr benutzt worden. Doch die Roboter wussten genau, wie sie die Rekruten zu trainieren hatten, und allmählich schmolz das Fett von den Rippen und dem Bauch, seine Sehnen und Muskeln bekamen einen anderen Tonus und seine Ausdauer stieg. Er wurde zu einem hageren Wolf, der mit eisernem Willen mehr und immer noch mehr aus sich herausholte. Er zeigte auch ein gewisses Talent für Astrogation und vertiefte sich weiter in Astronomie, dazu kam ein Talent für Strategie und Taktik. Nach einem halben Jahr war es nun soweit, dass seine Grundausbildung abgeschlossen war, nun kam der nächste Schritt. Gestern war ein Schlachtkreuzer der Fusuf-Klasse eingetroffen, und Thomas Rhodan war neugierig, wie weit man die Besatzungsmitglieder als Crew und nicht nur als Staffage behandeln würde. Aber fürs erste wieder Formaldienst, der Roboterfeldwebel kommandierte ein:

Erste Kompanie, erster Zug, rrrreeeechts um!“, hundert Stiefel scharrten über den Boden, hundert Absätze knallten zusammen. „Iiiim Schriiitt – marsch!“ Die hundert Spaceman bewegten sich wie ein Körper, wieder einmal war ein sinnloser Marsch mit Gepäck angesagt, doch Rhodan störte es nicht mehr. Er hatte erkannt, dass er der stärkste Wolf in einem starken Rudel werden musste, ehe er den nächsten Schritt machen konnte.

*

Has’athor Vallan toAtzmar stand in seinem Büro und hatte den mit Gold überladenen Rock über die Stuhllehne geworfen, von wo ihn ein Dienstroboter im Schrank verwahrte. Der Has’athor hatte mehr als schlechte Laune, er sah aus dem Fenster seines klimatisierten Büros und sah diese Halb- und Kolonialarkoniden in Reih und Glied marschieren. Sie waren gut im Drill, das musste er schon sagen, aber bei der unterweltlichen Herrin kaltem Arsch, die Neuronik warf ausgebildete Mannschaften aus Kolonisten aus dem Schiff, nur um jetzt neue auszubilden? Manchmal fragte sich toAtzmar, ob nicht ein Schaltkreis beim Neurogenten locker saß, und er überlegte, wie viele von den Entlassenen da draußen eine neuerliche Grundausbildung über sich ergehen ließen, nur um wieder dabei zu sein. Yrsöley zum Beispiel, eine von den grünhaarigen, adrenalinsüchtigen Bekhonidinnen, die er sich ab und zu Abends in seine Gemächer bestellte. Sie war, wie die meisten Frauen ihres Volkes, süchtig nach dem Kick, dem überschäumendem Gefühl, den nur das im Blut rauschende Adrenalin schenkte.

Außerdem ärgerte sich der Has’athor über seine Mitarkoniden, diese dekadenten, faulen Säcke! Eigentlich sollten sie da draußen marschieren, bis zu Umfallen, und dann weiter, Drill, Gefechtsdienst! Aber die Idioten bewegten sich nicht einmal schneller, wenn im Gefechtsdienst mit scharfen Waffen die Kugeln um sie herum pfiffen. Es war eine Tragödie, die das arkonidische Volk heimsuchte, ohne dieses Problem könnte er jetzt eine Flotte kommandieren, statt hier ein Ausbildungslager zu leiten. Wenn doch die Arkoniden noch genauso aktiv wären wie ihre Abkömmlinge. Manchmal, in einer seltenen Stunde der Einsicht, fragte sich toAtzmar, ob es nicht besser wäre, das Große Imperium in die Hände dieser Halbarkoniden zu legen.

*️

Solares System, Terra, New York

Hauptquartier des TBI

Die TBI-Agenten des Sonderkommandos für Gegenspionage hatten sich wieder in dem großen Büro eingefunden, das wöchentliche Briefing stand an.

Leute, gute Arbeit. Wir haben den Spionagering der Springer, auf dessen Fährte wir gekommen sind, komplett ausgehoben. Überall, wo die Überläufer einen Kontakt meldeten, wurden auch Agenten der Mehador gefunden.“ Cesar Alexander stützte sich mit den Handflächen auf den Tisch und erhob sich. „War es das? Haben wir wirklich alle Spione?“

Glaub‘ isch nisch“, meldete sich Capitaine Louise Montroix zu Wort. „Wir `aben nisch die geringste Beweis!“

Wir haben aber im Moment auch keine Spuren“, betonte Alexander.

Holy Shit!“ Johnny Moonbear trommelte ein Stakkato mit den Fingern auf dem Tisch. „Dann buddeln wir eben weiter, tiefer, wir können uns kein Risiko leisten!“

Gut, Leute, ich gebe Euch recht. Grabt weiter. Akamoku, Kenda, Bold, in mein Büro.

Der Chef des beinahe allmächtigen Polizeidienstes der Vereinten Nationen bot seinen drei Agenten einen Sitzplatz an, ehe er sich selber setzte.

Sie drei“ begann er. „Sie sind ein verdammt gutes Team. Ich bin froh, dass Sie sich verstehen und ergänzen. Das wollte ich voraus schicken, damit Sie verstehen, dass ich Sie nicht strafversetzen möchte. Außerdem ist die Annahme des neuen Postens völlig freiwillig. Ich benötige Agenten für First. Sie, wenn es nach mir geht. Sie haben freie Hand, bauen Sie ein Büro auf, nehmen Sie sich ein paar von den uniformierten Einsatzkräften mit und sorgen Sie für Sicherheit im Gopkar Sektor. Wenn Sie mehr Personal brauchen, bekommen Sie es. Ein moderner Rechner ist bereits verpackt, er wird mit dem gleichen Schiff wie die Agenten fliegen. Überlegen Sie es sich, Colonel Akamoku, Major Kenda, Major Bold. Ich erwarte Ihre Antwort morgen Mittag, in einer Woche geht der Flug! Abtreten, Leute!“

*

Ian?“ Langsam bildete sich das Hologramm von Ian Moss vor Kenda.

Hey, Rick. Kommst du bald wieder nach Montreal?“

Nicht so schnell, fürchte ich.“ Rick lehnte sich vor und betrachtete Ian Moss von der Montrealer Polizei. „Ian, ich habe hier das Angebot, mit Akiri und Sam auf First das TBI-Büro aufzubauen und zu leiten.“

First? Das ist die Kolonie der General Cosmic Company, oder?“ Ian biss in einen Apfel. „Ein tolles Angebot, Mädchen. Du fliegst bald?“

Ian, ich…“

Der Kanadier unterbrach Richarda. „Rick, wir haben beide gewusst, dass der Tag des Abschieds kommen wird. Das ist eine riesige Chance für dich, die musst du ergreifen!“

Ian, New Saint Louis auf First sucht einen Captain für die Leitung eines eigenen Reviers. Du passt in ihr Profil, möchtest du nicht…“

Ian Moss legte seinen Apfel weg und beugte sich vor. „Du willst, dass ich mit dir gehe? Für Perry Rhodan arbeite?“

Nein, Ian, für das Gesetz, das die UNO abgesegnet hat“, berichtigte Kenda. „Deine Pensionsansprüche werden von der neuen Dienststelle übernommen.“

Glaubst du, es gibt eine Zukunft?“ fragte Ian.

Für uns?“ flüsterte Rick, und Ian nickte.

Für uns, Richarda.“

Ich… könnte mir das gut vorstellen!“

Ich werte das einmal als ein ja!“ grinste Moss breit. „Ich bewerbe mich, mon Capitaine. Wir sehen uns auf First, Richarda!“

Darauf freue ich mich, Ian. Darauf freue ich mich sehr. Aber – es heißt nicht mehr Capitaine, ich bin jetzt Majeur!“

Quelle Malheur, ma mariée est Majeur“, dichtete Ian rasch. „Dass mir diese Frau immer einen Rang voraus sein muss. Hey, warum darf nicht einmal ich etwas zu kommandieren haben? Immer muss ich vor dir stramm stehen!“

Rick streckte ihre Hand nach dem Hologramm aus. „Ich liebe dich, Ian. Und zu Hause darfst du dann auch einmal die Hosen anhaben. Manchmal, wenn ich es erlaube!“

*

Tukan Zeta

An Bord der NEW YORK.

Nummer zwei war ja schon ganz schön warm, aber das hier, das ist buchstäblich ein heißes Pflaster“, kommentierte Ramiye al Asar die Messdaten.

Und doch lebt da unten etwas!“ Miranda Goldsteen deutete auf den Schirm. „Zumindest gibt es Pflanzen, und da sind Tiere selten weit.“

Bei einer solchen Radioaktivität? Das ist mehr als erstaunlich.“ Auch Bernie studierte die Werte. „Also Zeta V sieht aus, als wären hier irgendwann ein paar Atomkraftwerke hochgegangen.“

Bomben, CO!“ sagte Miranda leise. „Der Verteilung der Hot Spots zu urteilen, sehr viele Bomben.“ Die Besatzung der Brücke schwieg betreten.

Stimmt. Ich wollte es nur nicht…! Sonde starten“, befahl Bernie schließlich mit belegter Stimme. „Wir wollen doch einen kompletten Bericht abliefern!“

*

Eikkekek fasste die Armbrust fester und duckte sich hinter einen Baumstamm. Über der Lichtung war eben ein Schlagenstern unterwegs, ein Monster mit zehn Armen. Ein Mutant, natürlich, wie alles hier auf diesem Planeten, wie auch Eikkekek selbst. Er gehörte zu jenen, bei denen es nur zu wenigen Verformungen gekommen war, die Schnauze kürzer, die Ohren kleiner, die Haut dichter und dicker, und vereinzelt kam aus dieser dicken Haut sogar noch ein Haar. Aber hatte den aufrechten Körperbau, die geschickten Finger und den wachen Geist der Ahnen vererbt bekommen, man sah ihm seine Herkunft noch an. Auch Phüii’iu, seine Partnerin, gehörte zu den weniger verformten, auf ihrer sonst kahlen, dicken, lederartigen Haut zeigten sich sogar ganze Inseln mit plüschigem Fell, ihre großen, runden Augen reagierten sehr schnell auf Lichtveränderungen, die lange Nase übermittelte ein ganzes Universum von Düften. Das machte Phüii’iu zu einer der besten Nachtjägerinnen des Stammes, sie umklammerte ihren Speer, der aus einem Rohr bestand, das hervorragend in den hohlen Griff eines Messers passte.

Als die Vorfahren der jetzt auf dem Planeten lebenden Akakachke nach dem großen Krieg aus den Bunkern gekrochen waren, weil die Vorräte zu Ende gingen, hatten sie dichtes, seidiges Fell, große Stehohren und eine lange, schakalähnliche Schnauze gehabt, doch das war schon lange her. Eikkekeks Urgroßmutter war noch so gewesen, aber er hatte sie nie bewusst kennengelernt. Er wusste das alles nur von Erzählungen, die Abends am Feuer im großen Saal erzählt wurden. In der ersten Generation hatten die Frauen zum Teil fürchterliche Wesen geboren, viele davon waren nicht einmal lebensfähig gewesen. Aber es half nichts, die Männer mussten hinaus, um Essbares zu finden, obwohl sie wussten, dass ihre Ausflüge sie krank machen und ihr Erbgut schädigen würden. Und so mutierte das Erbgut der Akakachke vom ersten Tag der Öffnung des Bunkers. Nicht alle veränderten sich gleich stark und auf gleiche Weise, Mutter Natur würfelte und suchte nach einem überlebensfähigen Organismus. Kaum ein Akakachke sah noch aus wie der Andere, aber es gab immer noch welche, die halbwegs wie die Ahnen waren. Die Großeltern hatten beschlossen, wenn ein Wesen denkt, spricht und aufrecht geht, ist es ein Akakachke, eine harte Entscheidung und nicht mehr als eine Notlösung, denn nicht alle Kinder des Stammes konnten die Kriterien erfüllen. Aber das Volk konnte seine knappen Ressourcen nur an nützliche Mitglieder vergeben. Zuerst hatten nur die Männer den Bunker verlassen, die Frauen waren viel zu wertvoll gewesen, um sie den Gefahren der mutierten und unbekannten Umwelt auszusetzen. Doch in der nächsten Generation kam es dazu, dass weit mehr Mädchen als Knaben geboren wurden, also schickte man schließlich auch Jägerinnen hinaus, denn selbst für das Sammeln der pflanzlichen Kost benötigte man Personen mit Jagderfahrung, welche schnell und überlegt reagieren und kämpfen konnten.

Außerhalb des Bunkers hatte es die überlebenden Monstren gegeben, Abkömmlinge von Pflanzen, Tieren und wahrscheinlich auch Akakachke, schreckliche Zerrbilder der Wesen, die sie einmal waren. So wie der Schlangenstern, welcher ursprünglich eine viel kleinere Art gewesen war, die im Wasser lebte. Irgendwie bewegte er sich jetzt schwebend durch die Luft, ganz so, wie er es früher unter Wasser getan hatte. Aber seine Nahrungsgewohnheiten hatten sich grundlegend geändert, statt Plankton war er auf Fleisch aus, und dabei verschmähte es auch die Akakachke nicht. Was nur Gerecht war, denn auch diese hatten das schmackhafte Fleisch des Schlangensterns auf ihrem Speiseplan.

Die Armbrust Eikkekeks war eine von fünf, die der Stamm besaß. Ein Wunderwerk aus einem Material, dass die Großeltern Kunststoff nannten, mit Metallteilen daran, und wenn man den Vorderteil mit einem Scharnier nach hinten klappte, spannte sie die Sehne. Ein Erbe der Vorfahren aus einem gut gefüllten Waffenschrank, das noch gute Dienste leistete, wie auch Messer und Äxte. Die Gewehre und Pistolen durften das Lager nicht verlassen, sie blieben stets im Bunker und wurden aufgespart für den Fall, dass man das Lager einmal verteidigen musste. Es war traurig, aber die Großeltern hatten immer wieder gewarnt, dass es noch andere Stämme, andere Bunker geben könnte, die das wenige, das sie hier besaßen, auch noch rauben wollten. Bedauerlicherweise hatten sie recht.

*

Akakek war das Mitglied einer Bande Ausgestoßener. Er und einige Spießgesellen hatten den Bunker, aus dem sie stammten, unter ihre Kontrolle bringen und herrschen wollen. Dabei stießen sie auf überraschenden starken Widerstand und flohen in die Wälder. Nun beobachteten sie den Eingang zu Eikkekeks Heimat. Sie hatten gesehen, dass die Leute hier relativ gut genährt aussahen, und dass es hier Frauen und Dinge gab, die sie gut brauchen konnten.

Sie planten nun eine Eroberung des Bunkers, dann wollten sie die Männer töten und ihre Stelle einnehmen. Eigentlich konnte gar nichts schiefgehen, sie hatten sich angeschlichen, davon verstanden sie etwas, ungesehen waren sie beinahe bis an den Eingang gekommen und suchten nach einem Wachposten. Sie konnten nicht glauben, dass es keinen gab, aber so sehr sie ihre Augen anstrengten, weit und breit war nichts zu sehen, niemand schien Wache zu halten. Also schlichen die achtzehn Plünderer in den Gang, der ins Innere des Bunkers führte, die Waffen, in erster Linie Speere, aber auch zwei Gewehre und eine Armbrust, bereit zum Kampf. Sie kamen nicht sehr weit, die Wachen des Bunkers standen unsichtbar im Dunkel und hatten gegen die helle Öffnung des Einganges ein gutes Schussfeld.

*

Der Schlangenstern hatte Beute bemerkt. Seine empfindlichen Tasthaare am Körper hatten eine Bewegung wahrgenommen, ganz in seiner Umgebung lief etwas durch den Wald auf seine Lichtung zu. Ein großes Insekt schob sich durch die Bäume, ein harmloser Baumsauger. Langsam breitete der Schlangenstern seine Fangarme aus und stieß herab, umklammerte den überraschten Baumsauger und zog ihn zu seinem Maul zwischen den Tentakeln. Hinter seinem Baum sprang Eikkekek auf, sein Bolzen raste auf den Schlangenstern zu und durchbohrte den Flugbeutel, das durch die Verdauung produzierte Methan trat aus und der Schlangenstern stürzte laut kreischend vollends zu Boden. Ehe er seine Tentakel befreien konnte, durchbohrte Phüii’ius Speer den zentralen neuralen Knoten, der den Körper steuerte. Die zehn schenkeldicken Fangarme würden, über dem Feuer gegrillt, hervorragend schmecken. Phüii’iu zog ihr Messer, um einen abzuschneiden und den Rest zu verstecken. Ein leises Keckern warnte sie, Eikkekek hatte etwas bemerkt, das nicht in Ordnung war. Sie hob ihren Speer wieder auf und drückte sich an den toten Schlangenstern, doch mit leisem Pfeifen gab ihr Partner bald wieder Entwarnung. Was auch immer gewesen war, die Gefahr war vorüber. Mit geübten Schnitten löste Phüii’iu einen der Fangarme vom Körper und schnitt einige Scheiben ab, den Rest bedeckte sie mit den Zweigen eines bestimmten Baumes, der für Fleischfresser absolut widerlich roch. So war zu hoffen, dass die Fangarme noch hier lägen, wenn der Stamm sie holen kam. Zufrieden machten sich Phüii’iu und Eikkekek schwer mit Jagdbeute beladen in den heimatlichen Bunker auf.

Mai 2085

M 13

Das System ACA-083/76 lag in der Nähe des Zentrums des von den Arkoniden Thanthur Lok und den Terranern M 13 genannten Sternenhaufens, der den größten Teil des Großen Imperiums ausmachte. Das System war ein wichtiger Navigation- uns Knotenpunkt für die Schiffe, welche aus der Richtung der Milchstraße kommend das System Arkon anfliegen wollten. Hier in diesem unbewohnten System liefen seit Jahrtausenden einige der Nachschubrouten für Arkon aus dem ‚südlichen‘ Teil Thantur Loks zusammen. Die nanotronisch gesteuerten Transportschiffe waren bereits seit halben Ewigkeiten auf stets den gleichen, festgelegten Routen und zu regelmäßigen Zeiten unterwegs, um eine ständige Versorgung Tiga Rantons mit allen nötigen Gütern zu gewährleisten. Man konnte die sprichwörtliche Uhr nach diesen Frachtschiffen stellen. Wenn tatsächlich, wie es ab und zu vorkam, eine Ladung nicht rechtzeitig an Bord gebracht wurde, erging sofort eine Meldung an Arkon I, und das imperiale Marineamt setzte unverzüglich eine Flotte in Bewegung, die nach dem Rechten sehen sollte. Meistens waren es Verzögerungen harmloser Natur, die den Einsatz einer ganzen Flotte kaum rechtfertigten. Aber die Arkoniden waren immer schon sehr rigide gewesen, wenn eine in ihren Augen wichtige Lieferung ausblieb. Auch wenn es ‚nur‘ sich um einige Ballen Tabak von GGH-705/22 oder um einige Schmucksteine von HBA-472/14 handelte. Seit einiger Zeit landeten die Meldungen allerdings nicht mehr bei dem Marineamt, sondern gingen direkt an die zentrale Registratur, den Neurogenten, welcher noch viel weniger Federlesen machte und die Flotte zur Überprüfung noch schneller und effizienter in Gang setzte. Auch wenn er die Wichtigkeit von Tabak oder Schmuck nicht nachvollziehen konnte, hier griff einfach die Programmierung seiner Schöpfer, und diese machte keinen Unterschied zwischen dem Nötigsten und Luxus. Ab und zu erschöpfte sich natürlich eine Quelle und es musste ein neuer Planet bergbaulich erschlossen werden, doch zeichnete sich das Ende eines Vorkommens rechtzeitig ab, und so vollzog sich der Übergang immer von langer Hand vorbereitet, sodass Versorgungsengpässe noch nie vorgekommen waren. Missernten waren problematischer, Pflanzen konnten selbst mit aller Technik nicht zum Wachstum gezwungen werden. Hier wurden, um Hungersnöte zu vermeiden, Nahrungsmittel aus dem restlichen Imperium umgeleitet. Die Hauptsache war aber natürlich, die Werften von Arkon III mit Rohstoffen für die Rüstung und die Arkoniden der Tiga Ranton mit jedem erdenklichen Luxus zu versorgen.

Das System OQB-912/33 lag am ‚südlichsten‘, also der Milchstraße zugewandten, Rand von Thanthur Lok, der vierte Planet der gelben Sonnte war überaus reich an Eisenerz. Aus zwei benachbarten Systemen wurden die weiteren Elemente, um aus dem Eisen die Legierung Arkonstahl herzustellen, mit nanotronisch gesteuerten Frachtern angeliefert. Dieser Herstellungsprozess auf dem luftleeren, leblosen Planeten lief vollautomatisch, der letzte biologische Arkonide hatte das Stahlwerk vor beinahe tausend Jahren betreten, um einen kleinen Programmabsturz zu reparieren. Seither hatten die redundanten Systeme sich selbst gewartet und gleichzeitig die Produktion aufrecht erhalten. Seit fünftausend Jahren ergoss sich nicht nur, aber auch von hier ein steter Strom des Metalls zur Tiga Ranton, vorwiegend natürlich nach Arkon III.

Der Erzfrachter ET 549 flog seit viereinhalbtausend Jahren Monat für Monat die Route vom Planeten OQB-912/33 über das System ACA-083/76 nach Arkon III und lieferte den Arkonstahl, der während des Fluges noch molekülverdichtet wurde, für den Raumschiffbau auf die Kriegswelt. Es handelte sich um ein bereits sehr altes Schiff, das immer wieder gewartet, gepflegt und repariert wurde. Allerdings hatte man die Nanotronik, anders als die Transitgeneratoren, noch nie ausgetauscht. Es erschien Verschwendung, in solchen Schiffen eine neue, neuronal verknüpfte Rechneranlage einzubauen, denn bei diesem Dienst wäre selbst einer KI bald langweilig geworden. Und der alte nanotronische Autopilot funktionierte ohnehin wie ein präzises Uhrwerk, das sogar mit kleineren Unregelmäßigkeiten zurecht kam. Wenn Zeitpunkt 1 nicht eingehalten werden kann, schalte auf Programm B, wenn alles wieder planmäßig läuft, zurück zu Plan A. Der Autopilot war einfach, zweckmäßig und rationell, das Baumuster hatte sich seit langem bewährt, sodass auch die neueren Frachter genau so gebaut und programmiert wurden. Auch Arkoniden kannten den zweiten Zusatz zu Murphys Gesetz und handelten noch konsequenter als alle anderen Völker danach:

Verändere nie ein funktionierendes System!“

Pünktlich auf die Sekunde öffnete sich das Transitfeld am Rande des Planetensystems ACA-083/76 und entließ die 549, die wie üblich sofort ihren Transpondercode in den Weltraum funkte und die rote Zwergsonne mit den vier Planeten zur Standortüberprüfung vermaß. Ein eng gebündelter EMP – Impuls raste lichtschnell aus der Sonne auf den 800 Meter durchmessenden Frachter zu, durchbrach den einfachen, schwachen Prallschirm, welcher nur zur Meteoritenabwehr diente, zauberte ein Funkenspiel über die Antennen und überlud alle Systeme, zwang sie mit Ausnahme des Notfeldes zur Antimaterieeindämmung zur Überlastungsabschaltung. Zwei Körper brachen aus der Corona des roten Zwerges und rissen einige Protuberanzen mit sich, einer davon, aus zwei sechzig Metern durchmessenden Kugeln mit einem 160 Meter langen, dünnen Schaft verbunden, klappte einen Reflektor zusammen, während er den Rand des Systems ansteuerte, der zweite nahm Kurs auf den energielosen, wie tot im Raum schwebenden Frachter. Noch ehe dieser seine Rechner wieder hochfahren konnte, raste der Fusuf – Schlachtkreuzer mit miridanischen Kennzeichen heran und deckte den schutzlos gewordenen Frachter mit vollen Breitseiten ein, das alte Transportschiff verging bereits nach der zweiten Salve in einer grellen Detonation, als die Antimaterie doch noch frei gesetzt wurde. Mit flammenden Triebwerken beschleunigte der Fusuf weiter und beide Angreifer verschwanden im Transit, ehe eine Robotflotte des Großen Imperiums eintreffen konnte, welche der Neurogent sofort nach Ausbleibenden des Funkkontaktes in Marsch gesetzt hatte.

*

Im ‚nördliche‘ Sektor von M13 lag ein weiterer Nachschubplanet des arkonidischen Imperiums. Der dunkelrote Riesenstern XCP-957/26 war über dem Horizont seines dritten Planeten als große, aber nicht sehr helle Scheibe zu sehen. Ein menschlicher oder arkonidischer Betrachter hätte sie ohne verdunkelnde Brille problemlos betrachten können – vorausgesetzt, er hätte einen Raumanzug getragen. Die Gase in der Atmosphäre, vor allem Methan, Schwefel und Wasserstoff, die dieser Planet von etwa der anderthalbfachen Erdmasse besaß, wären für das Überleben einer auf Sauerstoff angewiesenen Spezies höchst giftig gewesen.

Die letzten überlebenden Arten dieses uralten Planeten waren anderer Art, für sie wäre Sauerstoff reines Gift gewesen. Die Arkoniden, die hier einen Standort für eine ihrer Kupferminen fanden, hatten sich nie die Mühe gemacht, das einzigartige Ökosystem der sterbenden Sonne zu untersuchen. Dickblätterige ‚Pflanzen‘ spalteten Schwefelwasserstoff in seine Bestandteile, während ‚Tiere‘ den Wasserstoff einatmeten und im Atmungsorgan wieder Schwefelwasserstoff bildeten. Die Verdauung der Fauna setzte Methanverbindungen frei, welche wiederum für das Überleben der Flora nötig war. Es war ein kompliziertes Gleichgewicht, das immer stärker belastet wurde. Die Arkoniden hatten weder Flora noch Fauna je beachtet, da sie sich keinen Nutzen davon versprachen. Sie wollten nur eines von diesem Planeten, und das hieß einfach Kupfer. Auch ein raumfahrendes Volk wie die Arkoniden konnte nicht ganz darauf verzichten, wollte es nicht Platin, Gold oder Silber statt dessen verwenden. Und diese Edelmetalle hatten auch bei den Arkoniden einen nicht geringen Stellenwert, abgesehen von einem rein praktischen Nutzen, wie eigentlich bei jedem humanoiden Volk des bisher bekannten Universums. Als wäre der Wunsch nach dem Besitz von Gold irgendwie bereits in den Genen der Spezies Mensch verschlüsselt.

Als die Arkoniden vor mehr als zehntausend Jahren das System XCP-957/26 entdeckten und begannen, sowohl Kupfer als auch Lithium und Ghondorium zu fördern, gab es noch etwa eine Million verschiedener Arten von Flora und Fauna, heute war die Biodiversität auf weniger als 50 verschiedene Spezies geschrumpft, was nicht zuletzt an den Abfallstoffen der Minen lag. Die Arkoniden wussten zwar, dass sie den Lebensraum dieser Lebewesen zerstörten, es war ihnen allerdings schon immer egal gewesen. Es kümmerte sie nicht, dass ein Bulle seine Tentakel sehnsuchtsvoll nach dem Meer ausstreckte und traurig nach einer Partnerin rief, die nicht mehr erscheinen würde. Auch wenn der Bulle es nicht wusste, er war der letzte seiner Art, und es war leicht zu berechnen, wann der letzte Vertreter von Leben überhaupt diesen Planeten verlassen würde, und die restlichen Spezies des Universums würden es nicht einmal bemerken. Dann würden sich nur noch die arkonidischen Roboter über den Boden des Planeten bewegen, gierig nach Kupfer, Silber und Gold, nach Lithium, Selen und anderen seltenen Erden suchen, um es der toten Welt zu entreißen und es den unersättlichen Fabriken von Arkon III zu senden.

Ein Riss in der Struktur des Universums kündigte den Transit eines Raumschiffes an, und eine riesige Walzenstruktur mit drei Verdickungen verzögerte erst gar nicht, sondern beschleunigte unverzüglich wieder, nachdem es sofort nach seinem Erscheinen einen Fächer vom 40 Marschflugkörpern von etwa 30 Metern Länge ausgestoßen hatte. Raketentorpedos, die darauf programmiert waren, sich an Energieechos zu orientieren. Sekunden später verschwand das unbekannte Schiff wieder in einem Wurmloch, kurze Zeit später traf eine Flotte Robotschiffe in diesem System ein. Ein Schlachtschiff der Tussan-Klasse, zwei Schlachtkreuzer der Fusuf-Klasse und 10 leichte Kreuzer sollten einmal nachsehen, welches Schiff in diesem System unangemeldet erschienen war. 8 Torpedos hielten weiter Kurs auf den Planeten, die anderen reagierten auf die näher kommenden Energieechos und stellten ihre Triebwerke vorderhand ab, die primitiven, aber gut programmierten Rechner warteten mit mathematischer Präzision auf ihre Chance. Ein 500 Meter-Fusuf und acht Kreuzer überstanden die Explosionen der Raketen halbwegs unbeschadet, während der Rest der Flotte nicht mehr zu reparieren war. Auch bei den Energiewandler der Minenbetriebe trafen die Raketen ihre programmierten Ziele, das Imperium würde hier einige Zeit kein Kupfer, kein Lithium und kein Ghondorium mehr gewinnen können. Die Ausrüstung der Fördereinrichtungen war komplett vernichtet und nebenbei die einheimischen Lebensformen dem Aussterben einen großen Schritt näher gekommen. Bis eine Reparaturflotte hier erscheinen würde, hätte das Große Imperium eben weniger Rohstoffe zur Verfügung. Ein halbes Prozent mochte nicht viel erscheinen, aber ihr Fehlen brachte einige Berechnungen durcheinander. Der Bulle aber sah noch das gewaltige Licht am Horizont, ehe seine Kräfte völlig erschöpft waren, seine Tentakel zu Boden sanken und er starb. Die Druckwelle fühlte er nicht mehr, als sie ihn erreichte.

*

Auch wenn für die Raumfahrt nur winzigste Mengen Hyphium als Katalysator benötigt wurden, ohne dieses Mineral war der Bau hyperatomischer Wurmlochgeneratoren völlig unmöglich. In reiner, natürlicher Form war dieses extrem seltene Mineral nur in Systemen von Sternen zu finden, die von den Menschen als ‚F‘ oder als ‚A‘ eingestuft wurden, also als weißgelb oder weiß, wie es etwa die Sonne Arkons war. Das System DMO-117/15 drehte sich um einen solchen Stern der F – Klasse, der unter dem Namen ‚Mamethars Stern‘ oder einfach ‚Mamethar‘ in den Sternkarten von Arkoniden und Mehandor eingetragen war und als eine der ergiebigsten Quellen für Rohhyphium galt. Der vierte Planet des Systems entsprach in den Umweltbedingungen wie Gravitation, Zusammensetzung der Atmosphäre, Durchschnittstemperatur und Feuchtigkeit beinahe perfekt den drei Planeten Arkons, und so war es nicht verwunderlich, dass auf dem Planeten, der von Admiral Mamethar nach seiner Tochter Vhinyataris genannt wurde, eine florierende Kolonie gegründet wurde. Die Ureinwohner unterschieden sich von den Kolonisten nur durch ihre kaum gefärbte Haut, die fünf breiten, durch Abstände voneinander getrennte Rippenbögen anstelle der Brustplatten, die blassroten bis hellgelben Pelze, welche den gesamten Körper wie samtiger Plüsch überzogen hatten und den großen, spitzen Ohren. Nach mehreren tausend Jahren der Verschmelzung mit Arkoniden waren diese bepelzten Vinyatharier allerdings selten geworden, ihre Ohren waren geschrumpft, allerdings immer noch spitz und an die Ohren der Elfen in den irdischen Sagen erinnernd.

Das Sammeln des Rohhyphiums geschah im Weltraum, wo es noch keine Verbindung mit anderen Elementen eingegangen war. Die ergiebigsten Stellen lagen selbstverständlich in Sonnennähe. Die Schiffe der Hyphiumsammler erinnerten an zwei Rochen, welche die Bauchseiten einander zugekehrt hatten und deren Flügelhinterseiten verschweißt waren. Vorne bildeten diese zarten Flügel einen riesigen Trichter, von Flügelspitze zu Flügelspitze maßen diese Geräte zur Gewinnung des teuersten Elementes der bekannten Galaxie etwa 3 Kilometer und bestanden aus einem Rohrgerüst, über welches die energetisch aufgeladene Sammelfolie gespannt war. Im Körper des Rochen hatten die Sammler kein unbequemes, aber ein etwas einsames und langweiliges Leben gehabt, bis auch hier hervorragende Nanotroniken permanente arkonidische Anwesenheit unnötig machte.

Oberhalb der Ekliptik öffnete sich überraschend sonnennahe ein Transitfeld und spie zwei walzenförmige, ziemlich kleine Körper aus, welche sofort mit hohen Werten beschleunigten und auf die Sammlerschiffe zusteuerten. Zwischen den dünnen Gespinsten vergingen die Walzen in einer gewaltigen Antimaterieexplosion und zerstörten fünf der sechs Schiffe mitsamt einem gewaltigen Wert an bereits gesammelten und gelagertem Hyphium.

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Es konnte für den Neurogenten keinen Zweifel geben, die Republik Miridan schlug zurück. Bisher waren es Nadelstiche gewesen, kaum der Rede wert, aber der Verlust des Hyphiums war schon sehr schmerzhaft für den Flottenbau. Der Neurogent berechnete die Lage neu. Mit der bisherigen Zermürbungstaktik hatte er wenig Erfolg gehabt, im Gegenteil, Miridan begann nun seinerseits mit kleineren Störaktionen im Großen Imperium, brachte Lieferungen und Pläne durcheinander. Allerdings beschränkten sie sich derzeit auf Sachschäden, weswegen diese Aktionen noch kein Umschalten des Neurogenten von ‚Unterwerfen‘ zu ‚Zerstören‘ rechtfertigten. Auch die Mehandor beanspruchten immer mehr Rechnerkapazität. In letzter Zeit wurden sie immer öfter erst geortet, wenn sie sich im Landeanflug befanden, der Transit selbst blieb unbemerkt und konnte nicht zum Ursprung zurück verfolgt werden. Waren es vorher nur wenige Schiffe eines bislang unbekannten arkonoiden Volkes gewesen, die dazu in der Lage waren, so kamen nun die gut bewaffneten Springerschiffe hinzu. Auch waren diese neuen Schiffe der Mehandor effizienter als die alten es gewesen waren, besser selbst als die Schiffe Arkons. Das musste geändert werden, es musste rasch etwas geschehen. Der Neurogent begann damit, die technischen Grundlagen des Raumfluges neuen Berechnungen zu unterziehen.

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Tschava III

Im Orbit um Lub Mor schwebte eine scheibenförmige Raumstation, welche sich zur Erzeugung künstlicher Gravitation majestätisch um ihre in Relation zum Planeten still stehende Achse drehte. Neben der Kevywj pheej schwebte eine einem kantigen Flugzeug ähnliche Konstruktion mit zwei flügelartigen Auslegern, welche an den Enden zwei wuchtig wirkende Plasmatriebwerke trugen. Durch das Glas am gerundeten Ende des Mittelteiles war eine Art Cockpit mit acht Sitzen zu sehen, in denen weiß gekleidete Techniker mit Klemmbrettern einen letzten Check vornahmen, ehe sie das Schiff verließen und mit einer kleinen Fähre wieder an Bord der Station gingen.

Schafft endlich diese verdammte aufgeblasene Mondfähre aus dem Orbit und schickt sie auf die lange Reise!“ General Tib wedelte mit der schmalen Hand, und der Operateur schaltete an der Fernbedienung. Lange Feuerlanzen stachen in das All, als der Körper beschleunigte und sich von der Station entfernte.

Jetzt werden wir sehen, wer besser war. Unser Geheimdienst oder die Agenten der Kobo. Zum Glück sind hier nur ein paar Nachschubgüter für die Expedition an Bord. Wenn das Ding wirklich explodiert, muss die POBTAXHA eben schon nach vier Wochen im Orbit von Lub Plaub nach Hause zurückkehren.“ General Tib grinste grimmig. „Jetzt holen sie das echte Schiff schon heran, Leutnant Yawg!“ Das Gesicht des jungen Leutnants blieb zwar ernst, doch seine Augen funkelten, als er einen Steuerknüppel ergriff und eine Konstruktion, die aus einer Wohneinheit mit Triebwerken und einem atmosphärentauglichen Lander mit großen Tragflächen bestand, neben dem Rad in Stellung brachte.

Colonel Gaba, sie übernehmen bitte die Verantwortung hier“, befahl der General in der weißen Uniform der Marine der Konföderation Miango, schnallte sich los, erhob sich aus seinem Stuhl und schwebte zur Luke, wo er in den rotierenden Teil der Station wechselte und sich nach außen in die 1-G-Zone begab.

Stimmengewirr empfing den Offizier, sechs Journalisten der bekanntesten Sendeanstalten des Landes hatten die Erlaubnis bekommen, über den Start der ersten Expedition zum vierten Planeten live berichten zu dürfen. Und obwohl die Übertragung noch lange nicht begonnen hatte, konnten alle den Start des Raumschiffes beobachten, welches sie bisher wie alle anderen für das Missionsfahrzeug gehalten hatten.

Was ist denn schiefgelaufen, General?“, rief Madria Khand von TVKM, die junge, blasse Frau mit den großen Augen und den hübschen, pinselartigen Haarbüscheln an den Spitzen ihrer Elfenohren wusste, wie man die besten Einschaltquoten erreichen konnte. Sie war nicht nur blendend aussehend, sondern bestand auch darauf, intelligente Fragen zu stellen und die Antworten allgemein verständlich zusammen zu fassen. Mit ein Grund, warum das Publikum sie liebte, aber die Hauptsache war, dass sie sich kein Blatt vor den Mund nahm und auch schon zwei Präsidenten und einige Minister mit ihren unangenehmen, aber immer sachlichen Fragen in die Defensive gedrängt hatte.

Nichts ist schiefgelaufen, Fräulein Khand. Schalten sie die Aufzeichnungsgeräte ein, dann werde ich eine Verlautbarung verlesen, und danach dürfen sie ihre Fragen stellen. Und natürlich werden auch die Fragen der Damen und Herren Journalisten der internationalen Medien im Presseraum auf Lub Mor beantwortet, soweit es die Sicherheit der Mission zulässt. Sind sie bereit?“ Sechs Kameras der großen Anstalten und eine offizielle der Marine, welche das Bild des Generals in den Presseraum des Raumfahrtzentrums in der Stadt Hatano übertrugen, richteten ihre Linsen auf General Tib, ein rotes Licht nach dem anderen zeigte die Aufnahmebereitschaft an.

Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten wird die aus zehn Frauen und Männern bestehende Besatzung der ersten Mission zu einem anderen Planeten ihren Platz in der POBTAXHA einnehmen und sich aufmachen, als erste Bewohner unserer Welt ihren Fuß auf einen fremden Planeten setzen, auf den vierten unserer Sonne. Dazu muss die POBTAXHA einen gefährlichen Asteroidengürtel bewältigen, welcher schon mehr als einer Sonde zum Verhängnis wurde.“ Hinter General Tib wurden zehn lächelnde Gesichter junger Frauen und Männer in weißen Marineuniformen eingeblendet. „Major Tus Heev ist der Kommandant des Unternehmes, gleichzeitig der Pilot des Landemoduls. Hauptmann Ntses Dolpin ist Astronom, stellvertretender Kommandant der Mission und wird mit der Wohneinheit im Orbit um Lub Plaub zurückbleiben, während Major Heev landet. Oberleutnant Loja Bosom von den Luftlandetruppen ist nebenbei Gesteinskundlerin und gehört zur Landemannschaft, ebenso die Leutnants Tauba Quabloj als Biologin und Medizinerin und Kub Phabej als technischer- und Kommunikationsoffizier. Leutnant Daja Sibseg ist die zweite Waffenspezialistin und wird für die Sicherheit des Landeschiffes verantwortlich sein, während der Major mit dem Plaubrover unterwegs ist. An Bord des Versorgungsmoduls bleiben neben Hauptmann Dolpin noch Oberleutnant Tus Neeg als zweiter Pilot des Orbiters und Sicherheitsoffizier sowie Leutnant Nuva Ntses als Raketen- und Geschützoffizier. Die Unteroffiziere Tsov Manee und Hma Neev begleiten als Marineinfanteristen für alle Fälle diesen Flug, je nach Befehl des Kommandanten könnten sie auch das Landeteam begleiten. Sicherheitshalber wurde das Landemodul mit zehn Plätzen ausgerüstet.“

General Chubno Tib holte tief Luft. „Meine Damen und Herren, wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Das Raumschiff der Vereinigten Länder Choobjeems ist, wie sie wissen, vor etwas mehr als einer Wochen auf der günstigsten Bahn gestartet, und wir wurden bereits, trotz unseres besseren Triebwerkes, nur als Zweite in diesem Rennen gewertet. Doch wir müssen Ihnen mitteilen, dass dieses Schiff auf dem Weg durch den Asteroidengürtel vor einer halben Stunde detoniert ist, womit sich nur noch die Konföderation Miango und die Volksdemokratien Kobo im Rennen befinden. Der Start, den sie vor kurzem gesehen haben, ist ein Versorgungsflug auf einer ökonomischen Flugbahn, der Start des echten Missionsschiffes wird innerhalb der nächsten Stunde stattfinden und sich nicht an die Routen der alten chemischen Triebwerke halten müssen. Unser Schiff wird die Ebene der Planetenbahnen verlassen und den gefährlichen Gürtel überfliegen. Trotzdem wird der Flug durch unseren neuesten Plasmaantrieb nur etwa zwei Wochen dauern. Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.“

*

Major Tus Heev und seine Crew hatten die letzten Stunden, von der Außenwelt völlig abgeschottet, entspannt geruht. Nun schlüpften sie in ihre hautengen, elastischen Borduniformen und zogen die Raumanzüge für den Umstieg auf das Lub Plaubschiff über. Ihre Schamgefühle voreinander hatten sie im gemeinsamen Training schon lange abgelegt, runde 8 Wochen würden die zehn auf engstem Raum zusammen essen, schlafen und arbeiten müssen. Privatsphäre war für sie bis auf weiteres nur noch in den kleinen, etwas mehr als 2 x 2 x 2 Meter großen Kojen zu finden, die man mit viel Optimismus Kabinen nannte. Besonders, da die Besatzungsmitglieder selbst nur wenig kleiner als zwei Meter waren, der Raum war gerade noch ausreichend bemessen worden.

So, Leute. Lasst uns jetzt da hinaus gehen, lächelnd, entspannt, und einen guten Job abliefern“, motivierte der Major seine Leute noch einmal, obwohl es kaum nötig war. Loja Bosom fuhr mit den Fingern durch das kurze, golden schimmernde Haar und lockerte die Frisur.

Ich hoffe, alle haben noch einmal ordentlich geduscht, die nächsten acht oder neun Wochen werden wir uns mit Feuchttüchern und Lotionen behelfen müssen!“

Hauptmann Dolpin sah sie fragend an. „Wir werden das schon durchstehen, eine Zeitlang nicht zu duschen! Wo ist das Problem?“

Das kann nur ein Mann mit unterentwickelten Geruchszellen fragen!“ bemerkte Tauba Quabloi. „Ich jedenfalls habe in meinen persönlichen Gepäck jede Menge Parfum eingepackt.“

Wie wahr!“ Loja schüttelte sich übertrieben, aber ihre Augen blitzten schalkhaft. „Wenn ich nur an den Geruch dieser ungewaschenen, verschwitzten, nach Hormonen riechenden Männerkörper denke … brrr!“

Major Tus Heev lächelte, rief seine Leute aber dann wieder zur Ordnung. „Wenn die Damen jetzt ihren Spaß hatten, schlage ich vor, dass wir endlich die Helme unter den Arm klemmen und da hinaus gehen. Bitte keine schlüpfrigen Bemerkungen mehr, keine unziemlichen Berührungen und vulgären Gesten. Gleich hinter der Tür beginnen die visuellen und akustischen Aufnahmen für die Medien, die Leute erwarten Helden, also benehmt Euch auch gefälligst wie solche, ist das klar? Noch eine Bemerkung, bevor ich die Tür öffne?“ Leutnant Kub Phabej machte noch schnell eine vulgäre, eindeutige Geste, dann grinste er und sagte lapidar.

Bereit, Chef. Kannst jetzt die Tür aufmachen.“ Kurz verdrehte Tus Heev die Augen, dann flammte das jungenhafte Lächeln, für das er berühmt war, in seinem Gesicht auf. Er drückte auf die Taste, die Irisblende öffnete sich und die Crew ging lächelnd und winkend, vom Applaus des versammelten Teils der Stationsbesatzung begleitet, den Gang zum Lift in den schwerelosen Teil, wo das Fährboot auf sie wartete.

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Hier sehen wir die zehn Helden auf ihrem Weg zur Fähre!“ Madria Khand saß vor ihren Bildschirmen und zeigte, während sie moderierte, mit unauffälligen Gesten ihrem Assistenten, welche der Kameras live auf Sendung gehen sollte. Rasch und routiniert stellte die Journalistin die Besatzungsmitglieder den Sehern von TVKM nicht nur in der Konföderation Miango mit Hilfe der Nahaufnahmen vor. „Diese zehn mutigen Bürger von Miango sind auf dem Weg, Geschichte zu schreiben, meine Damen und Herren vor den Fernsehern. Die Sonden, welche bisher den vierten Planeten unseres Systems besucht haben, machen nicht viel Hoffnungen, dort auf Brüder zu stoßen, es handelt sich um eine ziemlich kalte Welt, auf welcher wohl nur Gebiete in der Nähe des Äquators für Menschen unserer Art bewohnbar wären. Nun erreichen sie den Lift, sehen sie, wie stolz und sich ihrer Sendung diese Männer und Frauen vorwärts schreiten, um das Banner der freien Welt in der Atmosphäre Lub Plaubs wehen zu lassen. Wie sie sehen können, setzen unsere mutigen Mitbürger nun ihre Helme auf, im Fährhangar und in der Fähre, die sie auf ihr Heim für die nächsten acht oder, wenn die Versorgung eintrifft, auch mehr Wochen bringen soll, herrscht das totale Vakuum des Weltalls. Auf der linken Hälfte ihres Bildschirms können sie weiter beobachten, wie unsere Helden an Bord der POBTAXHA gebracht werden, ich gebe jetzt zu meiner Kollegin Anaia Mogaer, die den Erfinder des neuen Antriebes bei sich hat! Ich melde mich wieder, wenn der Start der POBTAXHA in die heiße Phase geht. Das war Madria Khand von TVKM. Wenn sie es bei uns nicht sehen, ist es nie geschehen!“

*

Meine Damen und Herren, hier spricht Anaia Mogaer von TVKM. Wir dürfen heute mit Herrn Professor Doktor Henor Ikum sprechen, dem Erfinder der neuartigen Atombatterie, mit der die POBTAXHA angetrieben wird. Guten Tag, Herr Professor!“

Guten Tag, Fräulein Mogaer. Ich freue mich, hier zu sein. Allerdings möchte ich anmerken, dass es sich weder um eine Batterie handelt, noch dass die POBTAXHA davon direkt angetrieben wird.“

Keine Batterie?“ Anaia lehnte sich zurück und brachte ihre ausgeprägte Figur zur Geltung. „Aber überall wird doch davon gesprochen?“

Doktor Ikum beugte sich vor und faltete seine Hände auf dem Schreibtisch. „Es handelt sich nur um einen miniaturisierten Fusionsmeiler, ein in sich geschlossenes System, welches, einmal gestartet, für etwa 50 Jahre laufen wird, ehe die Fusionsmasse erneuert werden muss. Und damit erzeugen wir Plasma, mit dem wir unser Raumschiff antreiben. Obwohl wir nur etwa ein halbes G an Beschleunigung erreichen, sind wir doch schneller als alle anderen in der Nähe des vierten Planeten. Die dauerhafte Beschleunigung ermöglicht es uns, wann immer wir wollen zu starten, den Asteroidengürtel zu überfliegen und trotzdem schneller zu sein. Die Reise der POBTAXHA wird mitsamt dem Aufenthalt nur etwa acht Wochen dauern. Wenn der vorhin gestartete Versorger rechtzeitig ankommt, 14 Wochen.“

Anaias Augen waren etwas glasig geworden. „Äh, ja, Herr Professor. Unsere technisch versierten Zuseher werden das wohl verstanden haben. Lassen sie uns doch bitte noch ein anderes, sehr viel wichtigeres Thema anschneiden, das sicher viele Frauen an den Fernsehschirmen interessieren wird. Gibt es eine Frau Ikum? Herr Professor, Professor Ikum, wo… wo wollen sie denn hin? Warten sie doch, Herr Professor! D… da… das war Anaia Mogaer von TVKM. Wenn sie es bei uns nicht sehen, ist es nie geschehen!“

*

Die Fernseher jener Personen, die den Start mitverfolgen wollten, zeigten nun in Großaufnahme die noch leere Pilotenkanzel des Raumschiffes, vom Bug her aufgenommen. Die leisen, getragenen Klänge einer Orgel wurden noch etwas leiser und verstummten schließlich ganz, in der rechten, oberen Ecke wurde das Bild Madria Khands eingeblendet.

Mein Name ist Madria Khand von TVKM“, moderierte sie die Sendung beinahe im Plauderton weiter. „Ich melde mich wieder aus der Station Kevywj pheej, wo die Vorbereitungen zum Start der POBTAXHA sozusagen in die heiße Phase treten. Wie sie beobachten konnten, hat die Besatzung die POBTAXHA betreten und legt eben die Raumanzüge ab. Meine Damen und Herren, wir bitten um ihr Verständnis, dass im Inneren des Schiffes nur die Kamera im Cockpit jederzeit übertragen wird, die Aufnahmen aus dem Aufenthaltsraum der Besatzung wird nur für Interviews und Statements der Besatzung zugeschaltet. Bitte verstehen sie, dass die Mannschaft auch unter sich und unbeobachtet sein möchte. Ich habe schon erwähnt, dass … ah, hier kommt Major Tus Heev als erster in das Cockpit geschwebt und schnallt sich an, hinter ihm sein Copilot und Stellvertreter, Hauptmann Ntes Dolpin, beides Veteranen zahlreicher Luftkämpfe. Ich möchte unsere Zuseher daran erinnern, wie knapp unsere Welt noch vor fünf Jahren am Abgrund eines Atomkrieges gestanden war. Wir hatten damals das Glück, dass nach zwanzig Jahren konventioneller Kriegsführung die Führung sowohl unserer Konföderation als auch jene der Volksdemokratien Kobo vor einem fürchterlichen Atomschlag gerade noch zurückzuckten. Die Silos der Interkontinentalraketen waren bereits geöffnet, doch auf beiden Seiten der Grenze gab mutige Männer, welche die Ausführung ihrer Befehle noch einmal bestätigt wissen wollten und die beiden Staatschefs dazu brachten, doch noch einzulenken, zum berühmten blauen Telefon zu greifen und die Silos wieder zu schließen. Seither herrscht zwar kein ausgesprochener Friede, aber zumindest Waffenstillstand auf unserer Welt. Aus diesen unruhigen Tagen stammt auch der kühne Plan, vielleicht zumindest den Äquator des äußeren Planeten besiedeln zu können. Ein Wettrennen begann, das ausgerechnet die neutrale Union Choobjeem für sich zu entscheiden schien. Doch ihr Schiff wurde Opfer einer Detonation, deren Ursache noch ungewiss ist. Eine Kollision mit einem Asteroiden scheint aber wahrscheinlich.“ Madria trank rasch einen Schluck Wasser, um ihre kratzige Kehle zu beruhigen.

Ich bitte um Entschuldigung, meine Damen und Herren, aber die Aufregung macht auch die Kehle einer abgebrühten Reporterin wie mir etwas rau. Nach Major Heev und Hauptmann Dolpin, den Fliegerassen unserer Luftflotte, kamen Leutnant Daja Sibseg und Leutnant Kub Phabej in die Steuerkanzel. Daja Siberg war Raketenschütze auf dem Schlachtkreuzer DUNJAU, welcher im letzten Krieg mit seinen Luftabwehrraketen die Stadt Aztano vor einem überraschenden Bombenangriff beschützte und sich selbst als Ziel anbot. Trotz des ausgesprochenen Evakuierungsbefehls blieb die damalige Kadettin Sibseg bis zuletzt auf ihrem Posten und rettete nicht nur ihren Kameraden, sondern auch unzähligen Zivilisten der Hafenstadt das Leben. Zum Glück erholte sich die junge Frau wieder ziemlich von ihren Verletzungen und wurde sofort in das Raumfahrtprogramm übernommen. Leutnant Phabej ist, wie man mir erzählte, ein ausgezeichneter Kommunikationsoffizier, der auch in kritischen Phasen die Ruhe behält und – wie sein Vorgesetzter es ausdrückte – mit einem Lötkolben und einer Spule Draht jeden Sender flicken kann. Außerdem ist er auch als Ingenieur für die restliche Technik verantwortlich, mit einer Spezialausbildung für Plasmatechnik und die neuen Fusionsreaktoren. Im Hintergrund sehen sie jetzt Leutnant Nuva Ntses, wie sie am Radarpult Platz nimmt, und Oberleutnant Loja Bosom, die aus der Armee kommt, genauer gesagt von den Fallschirmspringern. Sie hat während des Fluges an sich keine Funktion, ihre Stunde schlägt erst, wenn das Landemodul sicher aufgesetzt hat, dann kann sie ihre Fähigkeiten so richtig einsetzen. Leutnant Tauba Quabloj, welche jetzt erscheint, ist Stabsärztin mit einer exobiologischen Zusatzausbildung, um eventuelle Lebensformen auf Lub Plaub zu untersuchen und zu klassifizieren. Oberleutnant Tus Neeg ist ebenfalls Luftflottenveteran, er soll einen der Piloten ersetzen, falls dieser ausfällt. Meine Damen und Herren, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, welche man für die Gesundheit der Besatzungsmitglieder getroffen hat, wurde beschlossen, doch noch einen dritten Piloten mit auf die Reise zu schicken. Und jetzt kommen noch die Unteroffiziere Hma Neev und Tsov Manee, beides sind Elitesoldaten, Marineinfanteristen, die mit allen Wassern gewaschen sind. Sie sollen entweder im Orbit oder auf der Planetenoberfläche die Sicherheit des Lagers und der Personen sicher stellen. Alle Besatzungsmitglieder sind nun, soweit ich sehen kann, auf ihren Posten. Entschuldigen sie bitte kurz!“ Rasch nahm sie noch einen Schluck Wasser.

Ich erhalte eben die Nachricht, dass Major Heev die POBTAXHA und ihre Mannschaft startbereit gemeldet hat, alle Systeme sind auf Grün! Der Major, sie sehen es selbst, hat den Daumen gehoben. Jetzt, meine Damen und Herren, erhalten wir einen Blick von der Kevywj pheej auf die POBTAXHA. Diese Scheibe mit den Düsen auf der flachen, hinteren Seite und der Vorderkante, wo sie auch die Landeeinheit erkennen können, ist für die nächsten Wochen das Heim der zehn tapferen Helden, die einen neuen Planeten betreten und die Fahne der Konföderation aufpflanzen wollen, das aerodynamisch gebaute, an ein großes Flugzeug mit weit ausladenden, trapezförmigen Flügeln erinnernde Konstrukt ist der vorher erwähnte Landeteil, der den größten Teil des Landeanfluges nach Art eines Segelflugzeuges im Gleitflug bewältigen soll. Sie können es nicht sehen, verehrte Zuseher, aber ich erfahre eben aus dem Kontrollraum, dass das Flüssigmethan in die Vorkammer geleitet wurde, wo es zu Plasma erhitzt wird. Obwohl Professor Ikum ausführte, dass die Beschleunigung auf dieser Reise nur ein halbes G, als die Hälfte unserer Schwerkraft hier zu Hause, betragen wird, kann das Triebwerk kurzfristig auch mehr als das Doppelte erreichen. Der Professor war aber auch der Meinung, dass die Sicherheit Vorrang hätte. Bei diesem langsamen Flug könne man die Erfahrungen sammeln, welche für spätere Flüge vielleicht auch schnellere Passagen zulassen könnten, also wird es eine Reise von etwas weniger als zwei Wochen hin und natürlich etwas länger zurück. Regie, könnten wir bitte noch einmal kurz die Simulation mit den Planetenbahnen und dem Kurs der Pobraxha sehen? Danke! Wie sie sehen, bewegen sich die beiden Planeten… ja?“ Madria griff zum Ohrhörer. „Später werde ich mehr über die Theorie und den Kurs erzählen können, wir zeigen Ihnen jetzt wieder die POBTAXHA, denn der Countdown hat T minus 10 erreicht, jetzt noch 5 Sekunden, drei, zwei, eins! ZÜNDUNG! Ich hoffe, Sie können alle diese spektakulären Bilder sehen, wie diese langen Lanzen aus grellem Licht das Raumschiff davon tragen. Es sieht von hier so langsam und majestätisch aus, aber wir müssen uns vor Augen halten, dass nach etwas mehr als 5 Sekunden bereits 100 Kilometer pro Stunde erreicht werden, nach 10 Minuten mehr als 10.000 km/h. Nun ja, im Weltall sind die Entfernungen riesig, der vierte Planet ist derzeit 80 Millionen Kilometer von uns entfernt, dazu kommt noch der Umweg wegen der vielen Asteroiden zwischen uns und dem Ziel – es wird eine lange Reise, trotz des neuen Triebwerkes. Ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Abend und verabschiede mich für heute von Ihnen. Bevor wir uns wieder aus dem Studio melden, möchten wir Ihnen noch einige Produktinformationen unserer Sponsoren zeigen. Den aktuellen Verlauf der Mission und ausführliche Lebensläufe sowie Fotos unserer Astronauten finden Sie wie immer unter natnet-tvkm*pobtaxha◇prof. Bitte denken Sie daran, dass einige der Fotos unter den Jugendschutz fallen und/oder kostenpflichtig sein könnten. Unter natnet-tvkm*nacktetatsachen◇prof fassen Anaia Mogaer und ich die Ereignisse des Tages noch einmal in einem Stream kurz zusammen, das Abo kostet nur 10 Unzen im Monat, die Seite ist ausschließlich für Erwachsene mit Ausweisnummer zugänglich. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren, das war Madria Khand von TVKM, wenn Sie es bei uns nicht sehen, ist es nie geschehen.“

Europa

Ophiuchi HR 6516, Nytt Hjem

54 Lichtjahre von der Erde entfernt befand sich im terranischen Sternbild des Schlangenträgers (Ophiuchus) ein gelber Stern, der von den terranischen Astronomen bei seiner Entdeckung einfach mit der Nummer HR 6516 bezeichnet wurde. Die Korvette EUS CV004 STAVANGER unter Korvettenkapitän Lars Blåtann hatte im Jahre 2083 dieses System vorsichtig erkundet und mit dem dritten Planeten eine fruchtbare, für Menschen zum Besiedeln perfekte Welt entdeckt und Nytt Hjem, neue Heimat genannt. Die 0,05 Prozent höhere Gravitation fiel dabei ebenso wenig ins Gewicht wie der minimal höhere Sauerstoffanteil. Es war auf Nytt Hjem zwar im Durchschnitt um ein viertel Grad wärmer als auf der Erde, durch die Verteilung der im Vergleich zur Erde kleineren Kontinente waren jedoch die Temperaturunterschiede zwischen den arktischen und tropischen Gürteln weniger ausgeprägt als gewohnt. Die Sonne von Nytt Hjem nannte man zu Ehren eines großen europäischen Genies Galileos Stern, die beiden Monde Nouveau Marseille und Nuovo Genua.

Zwei Jahre nach der Entdeckung bot die Hauptstadt Livborg mit seinem Umland bereits einigen Millionen Menschen eine Heimstadt, die von Nahrungsimporten weitestgehend unabhängig war. Diese Hauptstadt war nach der Mutter des norwegischen Königs benannt, der auch einen großen Teil der Expedition ausrüstete und bezahlte. Die Europäische Union hatte nach dem Motto ‚wer Gewinne erzielen möchte, muss investieren‘ einige Milliarden in die Infrastruktur, das Bildungsangebot, Gesundheitswesen und den Ausbau von Verkehrswegen gepumpt, dazu einige Steuervergünstigungen für Auswanderer, besonders in landwirtschaftlichen Berufen. Die Kolonie machte durchaus rasante Fortschritte, die Verkehrssprache war, wie auch auf der Erde, die Arkonidische geworden. Die Regierungen Europas rechneten damit, das in spätestens drei Generationen die alten Sprachen nur noch in Namen und einigen Redensarten zu finden wären. Ein Umstand, der von einigen wenigen Nationalisten heftig angefeindet wurde. Aber die große Allgemeinheit war der Meinung, dass sich Sprachen immer schon geändert hatten und sich auch in Zukunft ändern würde. Außerdem änderte sich mit der Sprache ja nicht die Identität einer Person, also – wenn auf Nytt Hjem nur noch eine Sprache gesprochen wurde, wäre das nicht weiter schlimm. Nytt Hjem war ja Lichtjahre entfernt, wen kümmerte schon, wie die Leute dort sprachen!

Die Auswanderer sahen sich selbst als Pioniere, die Neuland erschlossen, obwohl es ihnen an nichts fehlte und durch massiven Einsatz modernster Technik das Leben an der vordersten Grenze nicht sonderlich schwierig war. Natürlich gab es gewisse Risiken, wenn die Siedler unvorsichtig wurden, ein gepflegter Park wie die Gebiete in Europa war die Gegend dort noch nicht. Es konnte schon vorkommen, dass Raubwild in die Herden der Weidetiere brach und sich das eine oder andere Tier holte, damit mussten die Bewohner eben immer rechnen. Direkte Begegnungen zwischen Raubtieren und Menschen waren aber selten, wenn letztere nicht gerade Jagd auf das Tier machten. Eine Jagd, die stark eingeschränkt wurde, denn es sollte durchaus ein Teil der Natur erhalten bleiben. Es galt für die Union, das ökologische Gleichgewicht weitgehend zu erhalten. Besonders schöne Gebiete waren bereits als Reservat ausgewiesen und wurden durch eine Brückenstraße und kleine Klarstahlkuppeln ähnlich der Tubeways der GCC erschlossen, das Verlassen dieser Hotels unterlag strengen Auflagen und erfolgte auf eigene Gefahr. In Zukunft sollte auch sanfter Tourismus durchaus zu den Einnahmequellen Nytt Hjems werden, es waren Fotosafaris auf einige sehr interessante Tiere des Planeten geplant. Ein Beispiel waren etwa die ein Meter großen Raubinsekten, die mit den mantiden Miridanern verwandt zu sein schienen, nur ohne deren Intelligenz. Oder ein riesiges Säugetier mit 25 Tonnen Gewicht und einer Schulterhöhe von fünf Metern, im Aussehen einem Tapir ähnlich. Eine Spezies, die einer großen Katze mit zu kurzen Beinen verblüffend ähnlich sah, jedoch mit eher mit dem terranischen Bären verwandt war und Dackeltiger genannt wurde. Ebenso Fledermäuse mit beinahe neun Meter Spannweite ihrer Flügel oder eine giraffenähnliche Art in der Größe einer Ziege, all diese Wesen sollten ebenso wie die reichhaltige Flora erhalten bleiben.

Im Jahre 2085, nach zwei Jahren Besiedelung, sprachen die meisten das Arkonidische immer noch mit vorwiegend skandinavischem Dialekt, obwohl man auch den melodischen Klang der ursprünglich italienisch und portugiesisch sprechenden Auswanderer nicht selten in der Umgangssprache von Livborg und Umgebung hören konnte. Nun gingen die Kolonisten daran, nicht nur neuen Lebensraum für weitere Menschen aus ganz Europa zu schaffen, sondern auch die Bodenschätze des zweiten Planeten mit dem klingenden Namen Ildfjell, also Feuerberg, Vulkan, zu fördern und auf einem der Monde dieses Planeten gleich zu verarbeiten.

Ildfjell machte seinem Namen alle Ehre, zwei große Monde, die diesen Planeten umkreisten, zerrten und zogen an den großen tektonischen Platten, die immer wieder auseinander drifteten und flüssiges Magma aus dem Planetenkern an die Oberfläche förderten. Die Atmosphäre war ein Gemisch giftiger Gase, das nur einen Vorteil hatte. Es fehlte ihm der Sauerstoff für spontane Entzündungen. Mit den Erfahrungen, welche die Venus & Asteroid Companie der Familie Chasseur bereits auf der Venus gesammelt hatte, wurde ein Bergbauroboter und spezielle Transportfähren für Ildfjell entwickelt, um die Verhüttungs- und Industriewerke auf dem Mond Veland zu versorgen. Die Ökonomen rechneten mit etwa zwanzig Jahren, bis die Kolonie in die schwarzen Zahlen kam und die Anleger mit Gewinn rechnen konnten, und bisher blieb das System Galileo durchaus im Fahrplan. Für den Schutz des Systems waren sechs der zwölf Ultraleichtkreuzer der ehemaligen ARK’AMBO, die jetzt als EUS BN001 RICHELIEU (BN für Bataille Navale – Schlachtschiff) Teil der europäischen Marine war, abkommandiert worden. Diese sechs Raumschiffe, die fünf Geschwader Abfangjäger und drei Geschwader Kanonenboote sowie das Bataillon motorisierten Bodentruppen unterstanden Generalmajor Jens Holsten aus Leer, Ostfriesland.

Im Jänner 2085 gab König Magnus VIII von Norwegen bei Starlight Enterprises die NORGE in Auftrag, welches die königliche Yacht Norwegens werden sollte, eine 80 – Meter – Fregatte in der typischen Kugelform mit verstärkten Schilden, und für seine weltraumbegeisterte Tochter Svenja Liv Solveig eine vergrößerte Version des Diskusbootes, 60 Meter im Durchmesser und 25 Meter hoch, die HARALD, ebenfalls mit hervorragenden Schilden und, wie die NORGE auch, mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet. Svenja hatte die Glenn Academy auf dem Mond absolviert und war daher gut in Kosmonautik ausgebildet, die Kronprinzessin hätte das kleine Schiff jederzeit allein handhaben können und besaß sogar einen Rang als Konteradmiral in der europäischen Raumflotte. Immerhin, sie war bei aller Volksnähe und Bescheidenheit immer noch Kronprinzessin, da wird man niemals einfacher Matrose. Trotzdem wurden natürlich zehn hochqualifizierte Besatzungsmitglieder unter dem Kommando von Fregattkaptein Greta Saldottir auf die HARALD abkommandiert, nur zur Sicherheit. ️

Solares System

Luna, Gagarin Space Port

Das Agence Française de Recherche Scientifique, das offizielle Forschungsinstitut Frankreichs und das deutsche Max Planck Institut charterten die Korvette EUS CV002 PORTO unter Korvettenkapitän Isabella Esteves für eine gemeinsame Expedition zu Xi Ophuchi, einem Stern der Spektralklasse F, 57 Lichtjahre von der Erde entfernt und danach weiter nach dem A – Klassestern Ophuchi Ita, etwa 84 Lichtjahre von der Erde entfernt. Die PORTO war eine von sechs modernen Korvetten, welches die EU mit dem gekauften Schlachtkreuzer EUS BC001 FREDERIK LE GRAND geliefert bekommen hatte. Insgesamt waren sechs dieser kleinen, aber schnellen und bissigen Schiffe an Europa gegangen, 60 Meter ohne den üblichen Ringwulst durchmessend. Dieser Triebwerkswulst maß mit 9 Meter Breite weit mehr als die bei arkonidischen Mustern üblichen sechs Meter, diese verbreiterten Wülste waren ein deutliches Merkmal der Starlightschiffe, welche darin zusätzliche Geschütztürme untergebracht hatte. Aufgerüstet mit der besten und modernsten Energietechnik war ein solches Schiff mit seinen 18 statt der üblichen zwölf ausfahrbaren Geschütztürmen ein doch recht ernst zu nehmender Gegner, sogar für arkonidische Kreuzer.

Ein kleines Schiff dieser Größenordnung konnte, vorausgesetzt der Rechner funktionierte halbwegs und synchronisierte einige Vorgänge, durchaus von einer Person allein bedient und geflogen werden. Üblich war jedoch ein Kommandant, sein XO sowie Navigator, Rudergänger, Ortung und der Mann an der Waffenstation, sowie Besatzungsmitglieder für den technischen Dienst wie Wartung und Schnellreparaturen, ein Koch, insgesamt betrug die Mannschaft 15 Personen inklusive dem Kommandanten, und hatte Kabinen für 12 zusätzliche Gäste. Auf einen Stewart oder ähnliches hatte das Personalamt an Bord dieser Klasse verzichtet, an Bord einer Korvette holten sich auch der kommandierende Offizier und die Gäste ihr Essen selbst von der Ausgabe und machten auch ihr Bett wie alle anderen ohne Hilfe. Isabella Esteves war daran gewöhnt, die 26-jährige Frau war sofort nach der Euroflott-Akademie für eine Ausbildung speziell für diesen Typ Raumschiff auf die Glenn Academy versetzt worden. Dort absolvierte sie alle Lehrgänge mit gutem Erfolg und wurde mit einer Beförderung und dem Kommando über die PORTO, die sie nach ihrer Heimatstadt benennen durfte, belohnt. Am 24. Mai 2085 ging ein internationales Wissenschaftlerteam, sechs Personen unter der Leitung von Armand Belleneuve, an Bord.

Korvettenkapitän Esteves war klein, schlank, doch mit vollen, weiblichen Rundungen ausgestattet und ein wenig draufgängerisch, ohne jedoch zu große, unverantwortliche Risiken einzugehen.

Professor Belleneuve, meine Damen und Herren, willkommen an Bord“, begrüßte sie das wissenschaftliche Team persönlich in der Polschleuse, als sie aus dem Shuttlebus stiegen. „Ich hoffe, sie hatten einen guten Flug zum Mond!“

Es gab ein paar Turbulenzen während des Fluges“, meldete von hinten eine helle Stimme. „Ich nehme an, es waren Vakuumlöcher, welche die Fähre durchgeschüttelt hatten.“ Ein junger, feixender Mann schob sich nach vor, stemmte die Hände in die Hüften und musterte Isabella ungeniert. „Zumindest hat uns der Kapitän eine hübsche Biene zur Begrüßung geschickt, wenn auch eine ohne Humor!“

Isabellas Mundwinkel zuckten kurz. „Und Sie sind…?“

Docteur Jaques Yves de Forgeron.“ Er streckte die Hand aus. „Sagen Sie doch einfach Jaques und lassen Sie uns etwas trinken gehen. Vielleicht lächeln Sie dann ein wenig, Mademoiselle. Wie darf ich sie denn ansprechen?“

Wieder zuckten die Mundwinkel Isabellas ganz kurz. „Üblicherweise nennt man mich CO, aber sie dürfen auch Kapitän sagen, Jaques.“

Oh, Merde!“ Der junge Doktor schlug die Hand vor den Mund. „Da hab‘ ich mich wohl kräftig ins Fettnäpfchen gesetzt. Ich bitte um Entschuldigung, Kapitän. Welche Strafe steht auf mein Vergehen? Kielholen?“

Üblicherweise das Deck schrubben.“ Isabella Esteves verzog keine Mine. „Oder mein Bett machen, während…“ Sie hob ihre Hand, als die Augen Jaques zu leuchten begannen. „…ich im Dienst und auf der Brücke bin! Und jetzt hinein mit Ihnen, Jaques. Mísia zeigt ihnen den Weg. Senhoras e Senhores, bitte kommen sie weiter. Mísia, bitte zeige unseren Gästen den Weg!“

Mísia?“ Ein stämmiger, blonder Mann von beinahe zwei Metern und Schultern wie ein Gewichtheber blinzelte. „Etwa nach der Fado-Sängerin Mísia?“

Natürlich“, strahlte Isabellas Lächeln auf. „Sie kennen sie? In der Neuronik sind all ihre Lieder gespeichert, sie singt uns diese gerne vor. Dazu ein guter Portwein…“

Der große Mann nickte. „Unbedingt! Da bin ich dankbar. Oliver Franke, ich bin Geologe – Planetologe wäre der richtigere Ausdruck. Danke, dass wir ihre Gäste sein dürfen, Kapitän.“

Ich melde mich, wegen Mísia“, nickte Isabella und wandte sich an Armand. „Im Ausschlussverfahren sind sie der Chef, Professor Belleneuve.“ Der ältere Mann mit dem gepflegten Bart zu fehlenden Haaren nickte.

Der bin ich, Kapitän. Entschuldigen sie, dass mir das Zepter entglitten ist, wir Wissenschaftler können ein disziplinloser Haufen sein, und ein alter Astronom und Astrophysiker ist für die jungen Leute keine Respektsperson mehr.“

Ich respektiere dich, mein Schatz!“ Eine junge Frau drückte ihm einen Kuss auf die Backe und wandte sich dann an Isabella. „Ich bin Simone Belleneuve, seine Frau und wissenschaftliche Assistentin. Das sind die Doktores Sylvia Mayer und Franziska Deern, Frau Mayer ist Ärztin und Biologin, Frau Deern Verhaltensforscherin. Falls wir doch noch auf jemand stoßen. Nebenbei ist sie eine angesehene Archäologin. Danke, dass wir mitfliegen dürfen.“

Meine Damen und Herren, bitte richten sie sich an Bord ein. Jetzt aber entschuldigen sie mich bitte, Start T minus 39 Minuten. Sie erreichen mich in der Zentrale, wenn es nötig ist. Mísia wird ihre Wünsche, soweit möglich, gerne erfüllen.“

*

Nachdem große Raumschiffe nur noch in Ausnahmefällen auf der Erde landen durften, war Port Gagarin der Fernraumhafen Terras und stand Schiffen aller Nationen und Gesellschaften offen. Er lag in einem der großen Meteorkrater, dessen Boden man vom Staub befreit und geglättet hatte. An der Nordseite befanden sich die großen Frachtterminals in das Ringgebirge gebaut, an denen zumeist von Robotern Container und Stückgut von den Frachtschiffen entladen wurden, welche ihren Platz in den großen Lagerhallen unter der Mondoberfläche fanden, wo sie je nach Bestimmungsort aufgeteilt und in Terra-Mond-Shuttles umgeladen wurden. Umgekehrt wurden Waren aller Art an Bord geliefert, um ihren neuen Bestimmungsort irgendwo in der Galaxis zu erreichen. Im Süden des Landefeldes waren die Personenterminals zu finden, von denen Passagiere zu den Welten des erforschten Universums aufbrechen und nach ihrer Reise wieder landen würden, auch sie in den Fels gebaut. Unter und neben diesen Terminals reichten Hotels, Restaurants und Duty free shops beinahe bis zur KJB und konnten einige zehntausend Personen beherbergen und verköstigen. Von diesen Terminals ging es mit speziellen Zubringerbusen direkt in die Luftschleusen der Schiffe, das gigantische Landefeld lag zwar unter einem Energieschirm, war aber trotzdem nicht unter Luftdruck gesetzt worden. Es wäre einfach unpraktisch bei einem Hafen dieser Größenordnung gewesen, denn die GCC hatte auch noch ‚auf Zuwachs‘ gebaut. Der Traum Perry Rhodans war es, dass eines Tages Schiffe aus der gesamten Galaxie hier landen und friedlichen Handel betreiben würden.

Isabella Esteves kehrte langsam auf die Brücke zurück und sah sich um.

XO, klar Schiff zum Start bei T minus 20 Minuten.“

Klar Schiff zum Start, T minus 20“, antwortete Antonio Rantocci.

Mísia, bitte Signal und auf Rundruf schalten.“ Ein schriller, auf- und abschwellender Pfiff tönte aus den Lautsprechern der internen Kommunikationsanlage. „Alle Mannschaften auf Manöverposition! Klar Schiff bei T minus 20 Minuten befohlen.“ Auf dem ganzen Schiff wurden letzte Vorbereitungen getroffen, Schranktüren vorsichtshalber geschlossen, lose Gegenstände trotz der hervorragenden Andruckabsorbern gesichert.

Ma’am, T minus 22, klar Schiff zum Start“, meldete Antonio.

Danke XO! Nav?“ begann Isabella die letzte Fragerunde.

Kurs Opuchi Xi berechnet und eingegeben, CO!“ meldete die frisch gebackene Leutnant Saskia Bloom aus Hamburg eifrig.

Monitor?“

Alle Tests positiv, Umgebung zeichnet, alle Systeme auf grün.“ Fähnrich Frantisek Smetanas Bass schmetterte durch die kleine Zentrale.

LI?“

Alle Systeme auf go, keine Probleme!“ Leutnant Jochen Burgmann aus Hannover hielt sich kurz wie immer.

Ruder?“

Klar bei Manöver, alle Systeme auf grün, Ma’am!“ Fähnrich Irini Papojannakis kam aus einem kleinen kretischen Dorf.

Feuerleitung?“

Geschütze online, aber noch gesichert!“ Fähnrich Smilla Høeg war die Ruhe selbst, Isabella nickte.

Zeit?“

T minus 10 Minuten.“ Mísias dunkle Sprechstimme meldete sich.

Sehr gut.“ Die Korvettenkapitän zeigte fürs erste zufrieden.

RO, melden sie der Leitstelle EUS CV 002 PORTO ist startbereit.“

Sofort, CO.“ Fähnrich Joseph Lanzer aus Basel sprach das Verkehrsarkonidische im Dienst ohne Akzent. Aus den Lautsprechern erklang die Stimme der Flugkontrolle.

EUS CV 002, Startfreigabe erfolgt. Steigen sie auf 10.000, danach Kurs 72 zu 59. Kein Verkehr für die nächsten 15 Minuten angekündigt. Achtung, Startfreigabe jetzt, gute Reise, PORTO!“

Danke, Tower! Ruder, bringen sie die Lady auf die Reise!“

*

Erst langsam, dann rasch schneller werdend stieg das kleine Schiff auf seinen Antigravitationsfeldern aufwärts, nach erreichen des Sicherheitsabstandes zündeten die Korpuskulartriebwerke und trieben die PORTO den Sternen entgegen. Von den entstehenden Andruckskräften war an Bord natürlich nicht das Geringste zu spüren, alle Aggregate arbeiteten einwandfrei, in einer weiten Kurve bog die Korvette auf den vorgegebenen Kurs ein und entfernte sich von dem Erde-Mond-System in Richtung des Sternbildes Schlangenträger. Isabella stellte eine Kommunikations-Verbindung zu den Passagieren her.

Werte Gäste, wir werden in etwa einer Stunde in den Transit zu Xi Opiuchi gehen. Wenn jemand den Sprung durch das Wurmloch miterleben will, möchte ich die Person in die obere Polkuppel einladen. Die dortige Klarstahlhülle bietet hervorragende Aussichtsmöglichkeiten.“

Die Kanzel am nördlichen Pol der PORTO ermöglichte tatsächlich einen spektakulären Ausblick auf den Sternenhimmel, ganz direkt und ohne Bildschirm. Die Besucher hatten das Gefühl, direkt im All zu sein. Die Lichter waren gelöscht, nur die üblichen Markierungen über den Türen und die große Anzahl von Sternen, weit mehr als von der Erde durch die Atmosphäre zu sehen waren, verbreiteten ein klein wenig Licht, gerade genug, um sich zu orientieren und die Sessel zu finden.

Wunderschön“, Armand Belleneuve hatte seine junge Frau Simone in den Arm genommen. „Wenn ich das hier sehe, muss ich an meinen ersten Besuch in einem Planetarium denken. Seit damals haben mich die Sterne nie wieder losgelassen. Simone, du bist die große Liebe meines Lebens, aber die Sterne …“

„… waren und sind deine erste Liebe.“ ergänzte sie. „Ich weiß, mein Schatz. Und du hast Glück, dass wir diese Liebe teilen, sonst könnte ich eifersüchtig werden.“

Ich kann es verstehen“, meinte Jaques-Yves de Forgeron. „Wenn man das Bild sieht, kann man schon vergessen, dass es einfach riesige Fusionsreaktoren sind.“

Einfach?“, fragte Sylvia Mayer. „Ohne diese einfachen Fusionsreaktoren könntest du Probleme haben, darüber zu spekulieren. Ohne Sonnen – kein Leben.“

Leute, nicht streiten“, warf Franziska Deern ins Gespräch. „Genießt doch einfach den Anblick!“ Der Lautsprecher übertrug aus der Zentrale.

Alle Systeme bereit zum Transit!“ meldete Rantocci der CO.

Danke, XO. Schirme in Bereitschaft. Steuerung an Mísia übergeben. Mísia, Transit ausführen nach Berechnung.“

Bestätige Übernahme, Transit nach Berechnung in 110 Sekunden“, kam die Stimme des Rechners aus dem Lautsprecher. Das Vorwarnsignal 30 Sekunden vor dem Transit erklang, die letzten 10 Sekunden wurden traditionell abwärts gezählt. Zwei Sekunden vor dem Übergang entstand das Feld der Einstein-Rosenbrücke vor der PORTO, welche damit aus dem Solsystem verschwand. Im Bruchteil einer Sekunde legte das Schiff 57 Lichtjahre zurück, raste am Zielort aus einem kugelförmigen Linsenfeld und verzögerte.

Schirm steht!“ Fähnrich Smilla Høeg war immer noch ruhig, auch wenn es ihr erster Sprung gewesen war.

Spektrallinien entsprechend Xi Ophuchi“, meldete Saskia Bloom. „Abweichungen im Toleranzbereich!“

Funkverkehr auf dem VHF Band“, rief Fähnrich Lanzer, und alle Köpfe flogen herum.

Überprüfen sie das noch einmal!“ Mühsam beherrschte Isabella Esteves ihre Stimme.

Bestätige Empfang von Bild- und Tonübertragung auf VHF und reinen Ton auf Lang- und Mittelwellenband.“

Na schön!“ Isabella seufzte, soeben war aus einer rein wissenschaftlichen auch eine diplomatische Mission geworden und ihre Verantwortung gestiegen. Nun würde man sehen, was die Ausbildung an der Euroflott-Akademie Wert war. „Mísia, decodieren bitte!“

System David und Goliath

An Bord der OLYMPOS

Auf der OLYMPOS herrschte die relative Stille der Alpha-Schicht von Mitternacht bis 08.00, in welcher natürlich die Zentrale besetzt und eingeteilte Mannschaften in Bereitschaft waren, aber die meisten Bewohner doch bereits schliefen. Nur auf dem Strip waren noch einige wenige Nachtschwärmer unterwegs, die meisten, um den grandiosen Ausblick durch die Klarstahlkuppel zu genießen. Die große Station umkreiste derzeit in respektvollem Anstand ein Doppelsternsystem, welches aus einem roten Riesenstern und seinem zwergenhaften weißen Begleiter bestand, der die Hauptsonne in einem derart geringen Abstand umkreiste, dass er ständig Materie aus dem Riesen ins Weltall riss und hinter sich her zog. Zwischen beiden Sternen hatte sich eine elegante, beinahe spiralförmige Brücke gebildet, welche aus von selbst leuchtendem Gas bestand, ein grandioser Anblick.

Genau deswegen wollte ich immer ins All, Chris.“ Tana hatte sich im ansonst leeren Observatorium, welches nur von den Sonnen beleuchtet wurde, gegen ihren Partner gelehnt und genoss den Ausblick. „Die HEPHAISTOS war schon viel zu lange stationär, ich brauche manchmal einfach solche Veränderungen in meinem Leben.“ Die Hände auf Victorias Hüften gelegt, nickte Christian.

So etwas habe ich noch nie gesehen, Tana. Es ist überwältigend und wunderschön.“

Ja!“ Sie löste sich von ihm und ging nach vorne, berührte die Wand aus Klarstahl mit ihren Händen. „Man kann die Energie dieses Wunders im Kosmos beinahe fühlen! Komm her, Chris.“ Er griff links und rechts an ihrer schlanken Gestalt vorbei, küsste sie dabei zart auf den Nacken. Ein Schauder durchlief Victoria, ohne den Blick von dem Schauspiel zu nehmen, drückte sie ihren Po in den hautengen, kurzen Hosen an Christian, der seine Hände von der Klarstahlscheibe nahm und unter ihr Shirt verlagerte, von wo dann eine Hand tiefer glitt.

Gehen wir!“ Victoria schlüpfte nach einem letzten Kuss wieder in ihre Hose und das T-Shirt. „Die Astronomin wird bald hier auftauchen und mit ihren Beobachtungen anfangen wollen. Und ich möchte nicht, dass Professor Claire Landsfield sich zu sehr auf ein näher liegendes Objekt konzentriert.“

Eifersüchtig?“ neckte Christian. „Gönn‘ ihr doch ein wenig Spaß!“

Warum nicht?“ überlegte Victoria. „Dann solltest du jetzt gehen, und ich ziehe mich wieder aus!“

Oh!“ Christian überlegte kurz, dann leckte er sich übertrieben die Lippen, während er in seine Hosen schlüpfte. „Darf ich vielleicht zusehen?“

Wie ich mich ausziehe? Warum nicht?“ Victoria nickte. „Komm mit in unsere Kabine!“ Sie zog seinen Kopf zu sich und küsste ihn innig, dann entzog sie sich seinen vorwitzigen Händen, die schon wieder auf Wanderschaft gingen. „Nicht mehr hier“, flüsterte sie mit belegter Stimme, nahm ihn bei der Hand und näherte sich der Tür, die plötzlich aufglitt, während helles Licht den Raum durchflutete.

Ah, guten Morgen, Professor Landsfield!“ sagte Tana. „Ich wollte Christian unbedingt diesen Ausblick zeigen, und von ihrer Kuppel hat man einfach den besten Blick.“ Die kleine Astronomin musterte das Paar mit wissendem Blick und lächelnden Lippen.

Natürlich“, sagte sie. „Er ist ja auch atemberaubend, oder?“ Sie zwinkerte den beiden zu, dann schritt sie zu ihrem Arbeitsplatz und fuhr die Rechner und Bildschirme hoch.

Ist sie wirklich …?“, formten die Lippen von Christian lautlos, und Tana zuckte mit den Schultern.

Keine Ahnung!“ antwortete sie ebenso tonlos. „Ich habe sie nie gefragt!“

Claire wandte sich um, und ihr Lächeln erreichte die Temperatur im Inneren einer Plasmabrenners. „Ich bin beidem nicht abgeneigt, Doktor Hawlacek, und ich hätte nicht zugelassen, dass sie einfach nur zusehen, falls ich auch nur eine Sekunde davon ausgegangen wäre, dass ein Wort ihres Geplänkels ernst gemeint gewesen wäre. Ein Fluch der perfekt funktionierenden Technik, die Türen öffnen und schließen wirklich lautlos.“

Oh!“ Tanas Brauen schossen nach oben. „Ich bitte um Entschuldigung, Professor Landsfield. Ich wollte – nun, es war albern und dumm von mir. Es tut mir leid.“

Ich schließe mich dieser Entschuldigung an, Professor“, ergänzte Christian. „Wir haben wirklich nur ein wenig herumgealbert, es war ein Fehler von uns!“

Claire nickte und musterte das Paar. „Na schön“, sagte sie schließlich. „Aber jetzt – entweder `raus aus der Wäsche oder `raus aus dem Observatorium! Ihre Entscheidung!“

Wir gehen, Professor“, entschloss sich Christian.

Kluge Entscheidung“, knurrte Landsfield. „Auf Wiedersehen!“

*

In den nächtlichen Straßen der Station war jetzt um 04.30 Uhr morgens so gut wie niemand mehr unterwegs. Einige einsame Constabler drehten gemütlich ihre Runden, waren froh über die gleichmäßig freundlichen Temperaturen und erwarteten eigentlich um diese Zeit keine besonderen Vorkommnisse. Noch standen ganze Wohnblocks leer und waren versiegelt, doch Hera und die Polizisten überwachten das Gelände natürlich trotzdem. Die Straßen waren hell beleuchtet, die Lampen so konstruiert, dass es darüber dunkel genug für erholsamen Schlaf war, nur in den Parks und dem obersten Deck gab es für romantische Stunden außerhalb der Wohneinheiten einige lauschige Plätzchen im Halbdunkel. Immerhin stieg die Zahl der Teenager auf der Station allmählich an, und was wäre die erste Liebe ohne ein verstohlenes Stelldichein an einem abgelegenen Ort mit intimer Beleuchtung?

Es gab aber auch einige hundert Personen, für welche der Tag jetzt gerade begann und die um diese Zeit ihrem Arbeitsplatz zustrebten. Andreas Schmidleitner aus der österreichischen Stadt Krems war einer von ihnen. Andreas war nicht nur Bäckermeister, sondern auch ein wirklicher Meisterbäcker und Chef der Bordbäckerei, welche die Bewohner und auch die meisten Lokale mit frischem Brot und Gebäck versorgte. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, als erster an der Arbeitsstelle einzutreffen und noch einmal alles zu überprüfen, bevor seine Mitarbeiter eintrafen. Nicht, dass es je etwas wirklich Auffälliges zu beanstanden gab, aber Andreas hatte die Gewohnheit von seinem Lehrherren übernommen und hielt selbst auch daran fest.

Um Punkt fünf Uhr begann dann das eingespielte Ballett der Bäcker, welche die Teiglinge, die am Vorabend vorbereitet wurden und über Nacht aufgegangen waren, in die Öfen zu schieben und zur richtigen Farbe backen zu lassen. In dieser Zeit kümmerte sich Andreas um die Lieferungen an die Chefetage. Tana Starlight liebte morgens eine Semmel und ein Mohnstriezerl, Wurst, Butter, Marmelade, ein weiches Ei, während Christian statt dessen ein Wachauer Laibchen und ein Salzstangerl mochte, Schinken, Käse und Butter, ab und zu Speck oder Schinken mit Spiegelei. Leslie Meyrs – zwei Croissants mit Butter und Marmelade, Sonntags zusätzlich ein weiches Ei und ein Schokocroissant, Moira Tretjakowa Weißbrot oder Toast – Andreas kannte sie alle, und er kannte ihre Gewohnheiten, wann sie frühstücken wollten und was sie üblicherweise wünschten. Dann und wann kamen natürlich auch Sonderwünsche, doch bisher noch keine, welche die Fähigkeiten der Bäckerei und der Frühstücksküche gesprengt hätten. Er war stolz darauf, alles zur richtigen Zeit der Transportanlage anvertrauen zu können. Um 09.00 war die Schicht zu Ende, und es gab für die Bäcker Ruhe bis 18.00, wenn der Teig für den nächsten Tag bereitet werden musste.

*

Wrch Pchoghs Augen verengten sich zu Schlitzen, er nahm Maß, beschleunigte mit langen Schritten und trat kräftig zu, traf den runden Lederball, der bis auf die andere Spielfeldseite flog, einer menschlichen Frau direkt vor die Füße, welche ihrerseits heftig zutrat und den Ball ins Tor beförderte. Ashyagada und Alexander Schmid sprangen mit vielen anderen auf und jubelten dem Topsider für seine perfekte Vorlage zu, sein Gegner vom Planeten Ssossri schlug ihm kurz gratulierend auf die Schulter, ehe er weiterlief. Seit einiger Zeit gab es einen Fußballplatz und sechs Vereine, die sich den Platz für ihr Training teilten. Große Fußballer, wie es sie auf der Erde schon bei ziemlichen kleinen regionalen Vereinen manchmal gab, waren nicht zu finden, und seit der Teilnahme von Kh’Entha’Hur, Topsidern und Ssossri gab es auch einige Regeländerungen zum klassischen Fußball, aber die Spieler, Frauen wie Männer, waren mit Feuereifer bei der Sache.

*

Das Hologramm eines Zylinders schwebte über dem Besprechungstisch, die Beschriftung gab die Länge mit 15 und den Durchmesser mit 1,2 Metern an, dazu stand eine Beschleunigung von 1.522 Kilometern pro Sekundenquadrat und eine Höchstgeschwindigkeit von 0,82 Lichtgeschwindigkeit unter dem Abbild.

Also, Freunde, das sind die Pläne der SGM ML 21, welche die Firma Merdun – Lookward aus der auf Eagles Nest getesteten X 87 D entwickelt hat.“ Tana Starlight ließ das Hologramm durchsichtig werden und rotieren. „Ein einfaches Korpuskulartriebwerk, ein Wasserstofftank mit Einspritzung und ein billiger Computerchip plus ein paar Sensoren und Steuereinrichtungen. Halb so groß wie bisherige Langstreckenraketen und verdammt schnell. Ich finde die Flugkörper gut und muss neidlos anerkennen, dass die Amerikaner gute Arbeit geleistet haben. Ich habe die Pläne zur Verfügung gestellt bekommen, da die Firma Starlight Enterprises die Geräte in Lizenz herstellen soll, das Trägerflugzeug möchte Merdun – Lookward natürlich selber bauen.“ Tana lächelte in die Runde. „Wir werden also unsere Reintegratoren anwerfen, genügend dieser Marschflugkörper herstellen und den Kunden zustellen. Ich wünsche mir jetzt von den Ingenieuren zwei Sachen. Erstens, wenn wir schon einen so tollen Trägerkörper haben, brauchen wir auch einen ordentlichen Sprengkopf, wenn es geht einen, der selbst einer Tussan-Klasse gefährlich werden kann, dazu werden wir über kurz oder lang auch ein…“ sie zeichnete Anführungszeichen in die Luft. „…Torpedoboot benötigen. Vielleicht ähnlich der britischen Essex-Klasse, nur im Heckteil statt der Energiewerfer ein paar Raketenlafetten und einen kleinen Transitgenerator für vielleicht 100, 200 Lichtjahre am Stück.“

Ich kann mich erinnern, dass so ein altes Teil aus den Methankriegen die alte Stardust ausgeknockt hat“, überlegte John Bukowski laut, doch Madeleine Lameré widersprach sofort.

Das war ein dummer Zufall, schon die Prallfelder schützen das Schiff normalerweise vor einer Hyperschockmine. Darum sind sie ja nicht mehr in Verwendung.“

Und wenn wir an der Frequenz drehen, so wie bei Atlans Konverterkanone?“ Ashyagada beugte sich vor. „Ich gebe zu, es ist nicht mein Fachgebiet, aber irgendwie könnte man da doch einmal ansetzen!“

Haben wir überhaupt irgendwelche Unterlagen über die Wirkungsweise oder den Aufbau?“ fragte TingTing Wang, und Kono Killikioauewa legte einen großen Speicherchip auf den Tisch.

Atlan hat alles, was in seiner Nanotronik irgendwie mit Waffen zu tun hat, auf diesen Chip überspielt. Sehen wir nach.“

Vielleicht bin ich altmodisch“, der Topsider Chrrok Tsorr züngelte amüsiert. „Aber ich glaube, wir sollten nicht zu kompliziert denken. Eine ausreichende Menge Antimaterie, ein Magnetfeld, das im richtigen Moment zusammenbricht, damit kann man auch dem größten Schiff richtig Schmerzen zufügen.“

Keine schlechte Idee!“ Antonio Marconi erwärmte sich für den Gedanken. „Eindämmungsfelder sind seit langem im Gebrauch und ziemlich sicher, auf dem äußersten Zwergplaneten von Reggys Stern könnten wir einen ordentlichen Teilchenbeschleuniger bauen und das Zeug selbst herstellen. Bei CERN hat man mit einem Durchmesser von 10 Kilometern gearbeitet, dort draußen könnten wir leicht mehr als die doppelte Länge bauen, Angelpower an die Magnete und ab die Post.“

Antimaterie!“ Tana lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aneinander. „Na schön, das gibt sicher einen schönen, großen Feuerball. Probieren wir’s mal aus, ein wenig kaufen können wir ja noch, ehe das Unternehmen pleite macht. Nächster Punkt. Ashyagada, wie steht es mit der permanenten Verbindung zum Mond?“

Die junge ockerfarbige Frau rief einige Diagramme auf, welche vor jedem der Anwesenden in der Luft schwebten.

Wir haben bisher den Durchmesser des Durchganges auf zwei Meter belassen, diese Verbindung allerding permanent zwischen zwei Korvetten, eine im Solsystem, eine hier einige Kilometer abseits, offen gelassen. Keine Fluktuation, keine Störung, nichts. Auf diese Größe beschränkt würde ich die Sache vorsichtig als sicher einstufen. Es ist zwar noch keine Langzeitstudie, aber ich glaube, wir können optimistisch sein. Wir werden als nächstes eine zweite Verbindung parallel schalten, um zu sehen, ob und wie sich beide beeinflussen. Theoretisch gar nicht, praktisch – können wir es nicht sicher sagen, bis wir es ausgetestet haben.“

Tschava

Lub Mor, an Bord der POBTAXHA

Während die POBTAXHA unter steter Beschleunigung in einem flachen Winkel die Ekliptik des Sternes Tschava verließ und sich an Bord allmählich der Alltag einstellte, berichtete Madria Khand weiterhin von den Ereignissen und führte auch einige Interviews mit den Besatzungsmitgliedern. Die Bilder der Helden wurden hunderte Male auf die privaten Rechner geladen, auch – und vor allem – jene, die sowohl kostenpflichtig waren als auch unter den Jugendschutz fielen. Auch das Format natnet-tvkm*nacktetatsachen◇prof verkaufte mehr Abos als je zuvor, sehr zur Freude des Senders und der Moderatorinnen, die am Gewinn beteiligt waren. Anaia und Madria stießen vor der Sendung noch rasch mit einem Glas Schaumwein an.

Die Aufzeichnung kennst du schon, oder?“ fragte Madria, und Anaia nickte.

Ja, ich habe sie mir angesehen. Diese Sache mit der explodierten Nachschubrakete stinkt verdammt nach Sabotage, und wie immer darf ich nur nett lächeln und den Mund halten.“

Du hast eben vom Sender die Rolle des schönen, aber nicht sehr cleveren Aufputzes zugeschanzt bekommen“, seufzte Madria. „Du weißt doch, wenn eine Frau klug und halbwegs hübsch ist, müssen die männlichen Zuseher das Gefühl bekommen, dass sie eine Ausnahme ist. Dafür bist du eingestellt.“ Sie klopfte ihrer Kollegin an die Stirn. „Wenn die Kameras an sind, darf niemand zu Hause sein, weil sonst unsere gemeinsamen Quoten sinken.“

Ja, du bist die hübsche Intelligente und ich das schöne Dummchen“, seufzte Anaia. „Da fliegen Frauen mit den Männern nach Lub Plaub und hier kämpfen wir noch immer gegen diese archaischen Instinkte!“

Meine Damen, fertig machen zur Aufzeichnung!“ rief der Regieassistent. Die Scheinwerfer gingen an, die Moderatorinnen warfen ihre flauschigen Bademäntel ab, gingen zu ihren Plätzen und ließen ein Gigawattlächeln auf ihren Gesichtern erscheinen.

Und drei, zwo, eins, jetzt!“ der Zeigefinger des Regisseurs zeigte auf die jungen Frauen.

Guten Tag, meine Damen und Herren an den Computern. Wir sind Anaia Mogaer“, Madria wies auf ihre Kollegin, welche die gleiche Handbewegung zurück machte. „Und Madria Khand! Wir präsentieren ihnen heute wieder nackte Tatsachen, die Ereignisse des Tages kurz gefasst.“ Hinter den beiden Frauen erschien das Bild der Versorgungsfähre für die Lub Plaub – Expedition. Madria sprach weiter.

Wie wir erfahren haben, ist heute der Versorger Plaub 1 auf dem Weg zum vierten Planeten explodiert. Das ist nun schon innerhalb von etwas über einer Woche der zweite Vorfall dieser Art! Wissenschaftler bezeichnen diese Häufung als Ungewöhnlich!“ Madria sah zu Anaia hinüber.

Der Regierungschef der Vereinigten Länder von Chobjem hat sich mit seiner Gattin ausgesöhnt, sie ist wieder in den Präsidentenpalast zurückgekehrt. Frau Tamia Googap hat gegenüber der Presse verlautbaren lassen, dass sie schlecht informiert war und an den Gerüchten über den Seitensprung ihres Gatten kein Wort wahr wäre!“ Hinter Anaia und Madria hastete eine Frau über eine Freitreppe, später stand sie unter Tränen vor einer Batterie von Mikrophonen im Blitzlichtgewitter.

Die Umsatzsteuern für Mieten und Nahrungsmittel werden von 18 auf 25 Prozent erhöht. Der Finanzminister erklärte, dass die Rüstungsausgaben des letzten Halbjahres erheblich gestiegen seien, weil man die veralteten Abfangjäger durch neue ersetzen musste. Als Grund nannte er Tatsache, dass die Volksdemokratien Kobos erheblich aufgerüstet hätten!“ erklärte Madria, auf einen modernen Kampfjet im Hintergrund weisend, der allerlei Manöver ausführte, am Heck den blauen Kreis der konföderierten Luftflotte.

Das Supermodel Kamya Domgara hat einen neuen Verehrer. Beide traten auf der letzten Feier des Vereines zu Förderung des Films gemeinsam vor die Kamera. Ganz ehrlich, meine Herren, ist das nicht ein tolles Dekolleté, welches Kamya hier zeigt?“ Anaia wies auf das eingespielte Bild hinter sich.

Die erlaubte Menge von Gold im Privatbesitz wird von 500 Hektounzen auf 300 gesenkt. Diese Maßnahme diene der Sicherheit unserer Währung, wie die Staatsbank meldete“, erklärte Madria an Hand einer Graphik auf dem Bluescreen, das Bild wechselte zu einem großen Flacon, Anaia drehte sich um und präsentierte ihre Kehrseite der Kamera.

Ich liebe diesen Duft. Wookalj hat ein neues Parfum kreiert und unserem Team eine Vorabprobe zukommen lassen. Ich wollte, ich könnte diese Flasche umarmen oder darin baden!“

Das Gesicht eines hageren Mannes, dem die Haarbüschel am Ende der spitzen Ohren bereits ausgingen und auch sonst unter Haarausfall litt, erschien auf dem Schirm, Madria übernahm wieder. „Der Präsident des Rates der Volksdemokratien Kobo hat eine Note der Konföderation zurückgewiesen, etwas mit der Explosion der Plaubschiffe zu tun zu haben. Die Koboexpedition nach Lub Plaub sei jedenfalls fürs erste zurückgestellt, man wolle das Konzept des Antriebes und der Schiffskonstruktion noch einmal auf Herz und Nieren überprüfen, ehe man den Start erlaube.“

Auf Herz und Nieren hat sich auch Neld Quand untersuchen lassen.“ Anaia stand immer noch mit dem Rücken zum Publikum und bewunderte offensichtlich einen jungen, gutgebauten Mann, dessen hübsches Gesicht in die Kamera grinste. „Dem Schauspieler, bekannt durch die Serie ‚Die Liebe eines Piloten‘ wurde dabei seine Gesundheit bestätigt, bald darf er wieder aufsteigen. Quand fliegt alle seine Stunts mit dem Abfangjäger bekanntlich selbst.“

Ein Diagramm mit Planetenbahnen und einer Flugbahn wurde eingeblendet, Madria trat an den Schirm und zeigte nun ebenfalls den Zusehern ihren wohlgeformten Po. „Wie sie hier sehen können, meine Damen und Herren, hat die POBTAXHA die Hälfte ihres Weges zurückgelegt. Heute um 03.00 zentralmiangischer Zeit hat das Fahrzeug unserer Expedition nach Lub Plaub einige Stunde im freien Fall zugebracht. Die Besatzung hat noch einmal alles überprüft und für gut befunden, dann wurde ein neuer Beschleunigungsimpuls ausgelöst, der den Flug wieder in Richtung Ekliptik führt, also in jene Ebene, in welcher sich beinahe alle Planeten unserer Sonne bewegen. Morgen um 03.50 ZMZ soll die Bremsphase beginnen, die in der Umlaufbahn von Lub Plaub endet.“ Madria hatte alles am großen Bluescreen mit ihren Händen verdeutlicht. Nun wandte sie sich wieder ihrem Publikum zu. „Es ist zu hoffen, dass es Major Heev und seiner Besatzung mit diesem Manöver gelingt, den Gefahren des Asteroidengürtels zu entgehen.“

Hinter den Moderatorinnen wurde ein Aktbild von Leutnant Sibseg sichtbar, an deren linker Halsseite über die Schulter, den Arm bis zu den Fingern ein grobes, unschönes Muster von Brandnarben verlief, Anaia deutete darauf. „Das tägliche Ranking der Bilder hinter der Jugendwand hat wieder einmal dieses Bild von Leutnant Sibseg gewonnen. Die Kommentare darunter lauten mehrheitlich, dass diese hübsche Frau hoffentlich genug Geld mit diesen Fotos verdient, um sich eine gute Hautregeneration oder -transplantation leisten zu können. Alle wünschen der Leutnant viel Glück für die Zukunft!“

Der Hintergrund wurde einheitlich blau, Madria moderierte das Ende. „Sehr geehrte Zuseher, das war natnet-tvkm*nacktetatsachen◇prof. Der Film steht 24 Stunden für unsere Kunden mit Abo- und Ausweisnummer online. Das Bild und noch einige mehr, auch von anderen Besatzungsmitgliedern finden sie wie immer unter der natnet-Adresse tvkm*pobtaxha*prof, und unter tvkm*erwachsenenarchiv◇prof finden sie mit Ihrer Ausweis- und Kreditkartennummer noch viele Bilder anderer Persönlichkeiten und engagierter Amateure. Das waren Anaia Mogaer und Madria Khand mit nackten Tatsachen, Ereignisse des Tages kurz gefasst auf der Webversion von TVKM. Wenn sie es bei uns nicht sehen, ist es nicht geschehen. Bis morgen um die selbe Zeit, auf Wiedersehen.“

Auf Wiedersehen, bis morgen, wenn wir sie wieder an den Computern begrüßen dürfen!“ Anaia winkte in die Kamera, beide lächelten noch gewinnend in die Kameras, bis die Lichter erloschen, die Linsen weggeschwenkt wurden und der Assistent die Mäntel brachte.

*

Gute Show, Mädchen!“ Der Produzent kam mit seinem Pad zu ihnen. „Schon in der Liveversion mehr Klicks als gestern, und alle sind bis zum Ende dran geblieben. Da kommen schon einige Dekaunzen auf Eure Konten!“

Erfreulich!“ Anaia rieb sich die Hüfte. „Dann kann ich mir ja vielleicht einmal eine gute Behandlung leisten. Diese Leistenschmerzen sind manchmal ganz schön lästig!“

Hast du denn keine Versicherung?“ fragte Madria Khand ungläubig, und Anaia machte eine wegwerfende Handbewegung.

Die zahlen für die Behandlung der Symptome, aber nicht die Stammzellengewinnung und Reimplantierung, damit sich wieder Knorpel im Gelenk bilden. Sie sagen, dass dies eine unübliche Kur sei, die nicht von ihnen abgedeckt wird. Außerdem wäre ich zu jung, um unter normaler Arthrose zu leiden.“ Anaia hob die Schultern. „Eine Erbkrankheit fällt nicht unter den Versicherungsschutz, die Schmerztherapie fiele schon unter die Kulanz.“

Ich verstehe!“ Madria nickte, und der Produzent zuckte mit den Schultern.

Das ist der Preis der Freiheit, Mädchen. Schulden müssen bezahlt werden und es gibt kein gratis Mittagessen. Und jetzt los, die 19.00 Nachrichten warten, Madria. Anaia, du hast einen Termin bei Kamya Domgara, sie hat einem Interview zugestimmt. In die Klamotten und ab mit Euch!“

*

Das private Sitzungszimmer des Präsidenten des Rates der Volksdemokratien Kobo war spärlich, aber trotzdem gemütlich eingerichtet. Modernste Elektronik verband dieses Zimmer mit der Welt, während gleichzeitig ein Heer von hundertfach gesiebten, überprüften und bestens ausgebildeten IT-Fachleuten darauf achtete, dass kein Wort, kein Bild, nicht einmal ein Bit diesen Raum unerlaubt verließ. Nur das Gebäude, in dem jene Frau arbeitete, welche eben dem Präsidenten gegenüber saß, war noch besser abgeschirmt, was nicht weiter verwunderlich war. Diese unscheinbar wirkende Frau in den besten Jahren war Ylië Wath, die Direktrice des Geheimdienstes von Kobo und nur dem Präsidenten und dem Ministerrat Antworten schuldig.

Wie konnte die Plaub 1 explodieren, Ylië?“ Morgh Wurt, der Präsident Kobos, runzelte die Stirn. „Ich dachte, ihre Leute hätten die Bombe der Choobjeems gefunden und entschärft?“

Wir haben eine Bombe gefunden, Morgh, und sie stammte von den Choobjeems.“ Ylië breitete ihre Arme aus. „Meine Leute haben keine Bombe gelegt, wenn sie das fragen. Ich nehme auch nicht an, dass die Miangos selber ihren Nachschub sprengen. Vielleicht wirklich ein Unfall? Der Gürtel ist eine gefährliche Gegend, dort gingen schon drei Viertel der Sonden zum äußeren Gebiet verloren.“

Und die Expedition der Choobjeems?“ Der Minister für Technik und Infrastruktur beugte sich vor. „Deren Kapsel ist ja auch explodiert!“

Die Spionagechefin trank einen winzigen Schluck des ausgezeichneten Weinbrandes, den der Präsident angeboten hatte.

Wenn sie nicht an UFOs und Aliens glauben – ich habe jedenfalls keine Kenntnis von Sprengkörpern an Bord dieses Fahrzeuges gehabt. Und meine Agenten sind nicht schlecht. Immerhin haben sie Kenntnis über die Existenz der echten POBTAXHA erhalten, wenn sie auch das Schiff selbst nicht gefunden haben.“

Es gibt keine UFOs!“ stellte der Wissenschaftsminister kategorisch fest. „Es gibt keinen Hinweis auf die Existenz anderer Spezies im Universum.“

So?“ Ylië entzündete mit einem teuren Feuerzeug eine dicke Zigarre und blies den Rauch behaglich von sich. „Dann können sie uns sicher die Energieausbrüche im Asteroidengürtel erklären, und warum alle Sonden und Raumfahrzeuge genau dort explodieren?“

Zufall!“ Der Wissenschaftsminister wedelte den Rauch beiseite. „Es gibt keine andere Erklärung!“

Vielleicht!“ Ylië Wath breitete ihre Arme aus. „Ich wollte, ich könnte so sicher sein wie sie. Als Chefin des Geheimdienstes darf ich mir so etwas wie eine sichere Annahme nicht erlauben.“

Unsinn!“, schnaubte der Wissenschaftsminister ungehalten. „Bringen sie mir einen Beweis!“

Ich kenne allerdings auch keinen Beweis für die Nichtexistenz von Aliens, gestern, heute oder morgen“, warf die Bildungsministerin ein. „Nur, weil wir etwas nicht kennen, bedeutet es noch lange nicht, dass es das nicht gibt! Immerhin gab es auch Radioaktivität, bevor Marfië Kyrbè des Beweis antrat.“

Solange sie keine Verbrechen auf unserem Staatsgebiet begehen, ist es mir völlig egal, ob da draußen jemand herumfliegt“, meldete sich der Innenminister. „Allerdings fürchte ich, dass ich machtlos wäre, wenn sie tatsächlich etwas im Schilde führten.“

Der Verteidigungsminister rieb seine lange Nase. „Hypothetische Aliens, die es bis zu uns schaffen, sind uns technisch ganz bestimmt weit voraus!“

Und wer kann sagen, wie gut ihre Tarnung ist?“, fragte die Gesundheitsministerin. „Vielleicht könnte man sie nur mit dem Röntgengerät erkennen.“

Und vielleicht sehen sie sogar so aus wie wir“, knurrte der Wissenschaftsminister. „Sie alle haben zu viel Science-Fiction gelesen! Oder schlechte Filme gesehen! Dass unser Heimatplanet keine Scheibe ist, hat sich schon bis zu Ihnen durchgesprochen, oder?“

Der Präsident hob beschwichtigend die Hände. „Können wir diese Diskussion bitte zurück stellen und uns um die aktuelle Lage kümmern?“

Natürlich, Morgh!“ Die Chefin des Geheimdienstes sog noch einmal an ihrer Zigarre. „Also, bisher scheinen die Beschuldigungen der Konföderierten nur Säbelrasseln zu sein. Sie können es sich selbst nicht erklären, aber irgend jemand muss schuld haben, also zeigen sie zuerst einmal auf uns. Aber wirkliche Taten erfolgen noch nicht, es gibt keine Mobilisierung der Streitkräfte.“

Könnte diese Mobilisierung nicht im Geheimen stattfinden?“, fragte der Innenminister, und Ylië schüttelte den Kopf.

Ebenso wenig, wie wir die unsere Armeen unbemerkt vorbereiten könnten. Auch die Konföderation Miango verfügt über hervorragende Agenten, welche selbst ich mit meiner Organisation nicht alle gefunden habe.“

Dreckige Spitzel und Verräter“, brummte der Justizminister.

Ja, ich weiß!“ Der Außenminister nahm der Geheimdienstchefin die Zigarre aus der Hand und nahm selbst einen tiefen Zug, ehe er sie zurück gab. „Die Agenten für Kobo sind strahlende Helden und Gentlemen, die der Heimat aus purem Patriotismus ein Opfer bringen oder, falls sie Miangos sind, sich ebenso heldenhaft für unsere Politik und Art zu leben einsetzen, makellose Lichtgestalten. Die Agenten Miangos aber sind Abschaum, Verbrecher und Halunken. Ich kann Ihnen sagen, dass es sich nicht immer so verhält, in beiden Richtungen.“

Nun, wie auch immer“, beschied Ylië. „Derzeit wird jedenfalls über diese inoffiziellen Kanäle mehr Diplomatie betrieben als über die öffentlichen. Und daher kann ich sagen, dass der brüchige Frieden zumindest noch eine Zeit halten wird. Was geschieht, wenn die POBTAXHA auch explodiert… Ich wage es mir nicht auszumalen.“

*

Die POBTAXHA schwebte antriebslos hoch über dem ausgedehnten Asteroidengürtel und bewegte sich rasch wieder auf die Ekliptik zu. Die Piloten hatten das Schiff gewendet, das Heck mit den Triebwerken wies auf jenen Punkt, an welchem Lub Plaub in etwa einer Woche, wenn die Manöver beendet waren, sein sollte. In Kürze sollten die Triebwerke wieder ihre Arbeit aufnehmen und die Geschwindigkeit langsam, aber kontinuierlich senken, bis sie dann in einen Orbit über dem vierten Planeten einschwenkte. Alle Besatzungsmitglieder hatten sich wieder auf ihre Plätze im Cockpit begeben und festgeschnallt, wie es nun einmal Vorschrift bei Änderungen der Beschleunigung war. Major Heev kontrollierte den Kurs anhand dreier Sterne, die im Sichtfenster der Navigationsperiskope deckungsgleich dargestellt werden mussten, Hauptmann Dolpin kontrollierte den Kurs mit dem Computer.

Der Rechner zeigt exakten Kurs, Kommandant!“ meldete er.

Deckungsgleich!“ bestätigte der Major.

Magnetfeld der Ausstoßöffnungen?“

Dolpin las einen Wert vom Instrumentenpult ab. „Sollstärke!“ Der Major hakte den Posten auf seinem Pad ab. Ein Punkt der Checkliste nach dem anderen wurde durchgegangen und geprüft, ruhig und konzentriert. Die Männer und Frauen wussten, dass ihr Leben von der Korrektheit der Handlungen und dem richtigen Ablauf abhing. Immer ein Schritt nach dem anderen, zuerst die Überprüfungen von den Triebwerksöffnungen bis zum Flüssigmethantank, dann das Öffnen der ersten Ventile, die Inbetriebnahme der Pumpen und endlich –

Noch einmal das Magnetfeld der Plasmavorkammer prüfen!“ befahl der Major.

Bereit!“ Ntses las noch einmal die Anzeige ab, seine Hand schwebte über einem Schalter.

Plasma vorzünden!“ befahl Tus, die Hand senkte sich und das dumpfe Grollen, welches die Mannschaft auf dem gesamten Weg bereits begleitet hatte, erwachte wieder.

Plasmavorkammer aktiv!“

Alle losen Gegenstände ordentlich verstaut und gesichert?“ fragte Major Tus Heev noch einmal nach, und Leutnant Kub Phabej rief nach vorne.

Meine rechte Pobacke hängt noch irgendwo herum. Äh, melde bestehende Sprechverbindung mit Basis hergestellt, Major.“

Bestätige, Sprechverbindung. Hatano, alle Systeme sind klar zur Zündung, wiederhole, alle Systeme klar zur Zündung!“

POBTAXHA, hier Flugkontrolle“, meldete sich der Lautsprecher. „Bestätigen, alle Systeme klar, Kurs sieht gut aus. Weitermachen nach Plan.“

In Ordnung!“ sagte der Major. „Übergebe für exakten Brennstart an die Automatik. Hauptmann Dolpin und Major Heev bereit für eventuell nötigen Abbruch!“ Die Männer nickten einander zu und legten ihre Hände auf den großen, halbrund gewölbten Knopf, der bei der geringsten Unregelmäßigkeit in den Anzeigen der Instrumententafel alles Vorgänge unterbräche. Mit maschineller Exaktheit zählte der Rechner die letzten Sekunden bis zur Zündung der Plasmatriebwerke. Das Grollen schwoll im Inneren der Raumkapsel wieder zum Donnern, die Hälfte ihres üblichen Gewichtes kehrte zurück.

Hatano, ich glaube, wir haben’s hinbekommen. Verzögern mit halbem G.“