Mai 1889
Abessinien
Die Stadt Gonder fungierte von 1636 bis 1855 als Hauptstadt des Kaiserreiches Äthiopien, seit 1796 regierte der Negus Negest jedoch nur noch das Umland von Gonder. Das restliche Land wurde von marodierenden Kriegsherren beherrscht, welche sich permanent gegenseitig bekämpften. Teils christliche gegen moslemische, muslimische gegen mosaische oder mosaische gegen christliche Fürsten und natürlich vice versa. Teils aber auch die mosaischen, abessinisch-orthodoxen oder moslemischen Herren untereinander. Die Erklärung der Fürsten für ihre Kriegshandlungen waren für alle andern ganz klar ersichtlich nur vorgeschoben, es ging wie immer und ausschließlich um die Macht. 1855 erkämpfte sich ein ehemaliger zum Provinzbeamten aufgestiegener Räuberführer mit dem Namen Thulu Bekele den Kaiserthron und ließ sich als Amanuel I zum Kaiser, zum Negus Negest von Abbessinien krönen. Er schaffte es danach tatsächlich, die Kriegsherren in zahlreichen Kämpfen zu besiegen und ganz Äthiopien zu einem gesamten Reich zu vereinen. Zum Erstaunen aller im In- und Ausland begann der Negus nach seinem Sieg eine Ära der Modernisierung und der persönlichen Freiheiten für die gesamte Bevölkerung. Auch und ganz besonders, was die Religion anging. Eine Politik, welche auch unter Tekle Haile Âto I und besonders stark seit August 1876 unter Yohannes IV fortgesetzt wurde. Es wurde allerdings kein ganz gewaltfreier Weg, den Amanuel und seine Erben eigeschlagen hatten, einige fanatische oder machtgierige Elemente versuchten immer wieder, sich gegen den Negus zu erheben. Aber bisher stets erfolglos.
Der Negus Negest Yohannes IV verlegte nach seiner Krönung 1876 seinen Regierungssitz aus unerfindlichen Gründen nach Addis Abeba. Angeblich liebte seine Gattin die dortigen warmen Quellen, und so wurde eine Stadt um ein luxuriöses Badehaus und einen Palast herum gebaut. Beziehungsweise innerhalb von weniger als sechs Jahren aus dem Boden gestampft. Gonder im Norden Abessiniens verlor nach der Verlegung des Hofes schnell an Bedeutung. Die alte Königsburg wurde zur Garnison umgebaut, die Zahl der Einwohner nahm zwar nur ein wenig, der durchschnittliche Reichtum aber sehr stark ab, da natürlich gerade die Reichen und Einflussreichen in die neue Hauptstadt zogen. Die Besitzenden siedelten eben immer schon am liebsten im Zentrum der Macht, egal wann und wo.
Die ehemalige Hauptstadt und jetziges Zentrum des mosaischen Abessinien lag nördlich des Zusammenflusses der beiden Arme des Flusses Angreb im Gebirge und war 40 Kilometer von der Stadt Weyna am Ufer des Tanasee entfernt, von dort waren es noch 75 Kilometer quer über den See Richtung Süden nach Bahir Dar, der nächsten Provinzhauptstadt. 1867, noch zu Zeiten Tekle Haile Âtos, begannen jene Bürger Gonders, welche mosaischen Glaubens waren, mit dem Bau einer neuen Synagoge und einer großen Bibliothek. Um die beiden Gebäude wurde eine burgähnliche Mauer gezogen, um die wertvollen Schriften vor Dieben und Plünderern, die es leider immer gab, zu beschützen. Die jüdischen Bürger holten nun aus den Höhlen der Umgebung jene alte Schriftrollen, welche in hermetisch verschlossenen Keramikkrügen versteckt einige Jahrhunderte überdauert hatten. Jetzt wurden sie endlich wieder geborgen, um sie in den Schreibstuben der Synagoge gewissenhaft ganz genau Zeichen für Zeichen zu kopieren und danach wieder in neuen Tongefäßen in Sicherheit zu bringen. Wie schon vorher wurden die Keramiken wieder mit Erdpech versiegelt, eine bewährte und durchaus sichere Methode. Und selbstverständlich kamen diese Krüge wieder in geheim gehaltene Höhlen, wurden sie unter Gestein und Schutt verborgen. Grotten und Verstecke, welche nur den obersten Rabbinern bekannt waren und welche auch nur Rabbinern mitgeteilt werden sollten. Die Abschriften wurden wie die alten Originale sorgfältig auf Leinenstreifen geleimt, an zwei Stäben befestigt und in Röhren aus Ton aufbewahrt. Ein gefundenes Fressen für Orville Jones und seine Frau Henrietta, während sich Henry wieder einmal auf die Suche nach jemandem machte, der seine unerschöpfliche Neugier zu stillen vermochte. Dieses Mal einen Rabbiner des Stammes Daniel. Die dankbare Bevölkerung Goders erlaubte den beiden Wissenschaftlern gerne den Zutritt in die Bibliothek, und der zwar stets neugierige, aber nie respektlose Henry war jedem Rebbe willkommen. Auch, wenn er stets alles in Frage stellte, was er hörte und immer nach dem ‚Warum‘ fragte.
„Henny, was denkst du, was bedeutet das hier genau?“, drang die Stimme ihres Mannes in Henriettas Gedanken. Orville hatte etwa drei Wochen nach der Befreiung Gonders eine der Rollen vorsichtig geöffnet und wickelte sie zum Lesen von einem Stab zum anderen. „Ich bin mir nicht sicher, ist das ein ‚He‘, ein ‚Chet‘ oder ein ‚Taw‘?“ Henrietta legte ihren Stift beiseite und gesellte sich zu ihrem Mann.
„Lass einmal sehen. Hm, man kann es so auf den ersten Blick wirklich nicht genau sagen. Versuchen wir doch eine Übersetzung mit allen drei Möglichkeiten.“
Rasch drehte Orville sein Blatt Papier um. „Das habe ich zwar schon, aber nur zu. Ich bin auf deine Interpretationen gespannt. Verdammte semitische Schriften! Dieses Amharische ist auch nicht besser! Ist dieser blöde Haken für den Selbstlaut jetzt oben, unten oder in der Mitte! Eine Druckschrift ginge ja noch halbwegs gut zu lesen, aber diese inexakten Handschriften sind so – so – inexakt eben. Ungenau halt. Wie kannst du da nur durchblicken?“ Seine Frau brach in Lachen aus.
„Sagt jemand, der auf einen Blick erkennt, ob es vier oder fünf Striche bei einem Keilschriftzeichen sind!“ Rasch, aber intensiv küsste sie ihren Mann, dann konzentrierte sie sich ganz auf die Rolle. „Also, was wir haben hier? Resch-Beth – Lamed-Mem-Beth-He – Tzade-Jod-Jod-Kaph – das ist wohl ein Chet, ein Lamed, Qoph – Mem-Ajin-Mem – Jod-Schin-Resch Aleph-Lamed… Daleth-Resch-Jod-Mem… das, das glaube ich jetzt aber nicht! Das kann gar nicht wahr sein, aber – damned!“
„Also, mein Schatz, was hast du gelesen“, schmunzelte Orville, der sich an der Ratlosigkeit seiner Frau weidete, denn ihm war es vorhin nicht besser gegangen.
„Rabbi Lemba Babbar Cohen zog mit einem Teil des Stammes Daniel vom neuen gelobten Land weiter gegen Süden. Mit sich trugen sie die Trommel der Ahnen, sie dem Zugriff von möglichen Verfolgern zu entziehen. Königin Rahat von Sha’abahr und die Rabbiner des im neuen gelobten Land Ahk’w’sehm am See T‘anha verbleibenden Teils des auserwählten Volkes GOTTES gaben ihnen das Geleit bis an das Ende des Sees und noch ein Stück weiter, bis an die Stelle, wo der Fluss gen Süd tief in die Schlucht fällt. Das – hat das die Italiener aufgehalten? Die Trommel der Ahnen? Dann müssten wir sie südlich des Tanasee suchen, aber wie weit?“ Der Amerobrite kratzte sich am Scheitel.

„Zumindest 30 Kilometer, denn diese hier erwähnten Wasserfälle sind wohl die Tissisat-Fälle. Ich vermute aber, wir müssten noch viel weiter gehen. Sehr viel weiter sogar. Aber das dürfte das Rätsel um die Trommel von Baylul eher noch um einiges größer machen. Wir müssten meiner Vermutung nach so etwa Drei-, Dreieinhalbtausend Kilometer weiter südlich, also ins Gebiet der Ndebele gehen.“
Die rothaarige Deutsche, welche heute ihr kurzes, grünes, von Franziska umgenähtes Reisekleid trug, schloss überlegend die Augen.
„Moment, da klingelt etwas bei mir. Ich habe es gleich! 1871? Ja, 1871, der Reisende und Goldschürfer Karl Mauch, diese Ruinen, welche die Eingeborenen dort im Süden – äh – ach ja, Simbabwe, also heilige Steinhäuser nannten. Dort gibt es auch einen Stamm… HOLY SHIT! Der Stamm der Lemba! Mit dem Clan der – der Buba, und die Buba gelten als die heiligen Männer der Lemba. Mauch hat damals beschrieben, dass die Lemba jüdische oder arabische Rituale und Sitten pflegen, selbst allerdings ihre Religion als musarisch bezeichnen. Musarisch – mosaisch – da gibt, also, es könnte durchaus eine etymologische Verbindung geben.“
„Stimmt“, bestätigte Orville und schob Henrietta sein Blatt zu. „Ich habe übrigens das Gleiche übersetzt. Mauch hat auch beschrieben, dass die Lemba ziemlich gute Gegenstände aus Metall herstellen können. Aus mehr als nur brauchbarem Stahl und hervorragendem Messing. Und sie haben einen Gegenstand, den sie Ngoma Lugundu nennen. Wörtlich übersetzt…“
„Die Trommel der Ahnen“, rief Henrietta laut.
„Die Trommel der Ahnen“, bestätigte der Wissenschaftler. „Interessant sind auch die Ausmaße der Trommel. Karl Mauch gibt sie mit 113,5 Zentimeter mal 68 mal 68 Zentimeter an.“
„Ja, und?“
„Eine Trommel, geformt wie ein Quader?“ Orville hob eine Braue, Henrietta hob die Schultern.
„Eine kastenförmige Schlitztrommel?“, vermutete Henny.
„Entschuldige, ich war jetzt unfair. Hier habe ich eine andere Rolle. Lies das bitte!“ Henrietta sah ihren Mann lange an, dann vertiefte sie sich in den alten Text.
„Macht eine Kiste, in welcher die Trommel transportiert werden soll. Aus Akazienholz und Gold, zweieinhalb Ellen lang, anderthalb breit und ebenso hoch. Befestigt zwei Stangen daran, sie zu tragen… Das erinnert mit an etwas – ach ja, richtig, die Bundeslade! Die gleiche Größe, nur ohne die Cherubim und goldenen Beine. Und die Stangen der Trommelkiste sollen auch nicht vergoldet sein, so wie die der Bundeslade!“
Orville schmunzelte. „Also, entweder ist das hier die originale Anleitung für die echte Bundeslade als Behälter dieser Trommel und die späteren Rabbiner haben im Exil eine Menge dazu erfunden…“
„Sag das nicht zu laut“, warnte Henrietta mit erhobenem Zeigefinger. „Die Thora ist immer und in jedem Zeichen unfehlbar!“
„Keine Sorge, mein Schatz“, beruhigte der Historiker. „Ich sage es auch nur dir!“
„Gut! Also, weiter. Die zweite Möglichkeit, die Maße haben eine kabbalistische Bedeutung!“
Orville nickte. „Aber welche, mein Schatz?“
„Keine Ahnung, verehrter Vater meines geliebten Sohnes. Kabbala und Magie haben mich nie interessiert! Nicht ausreichend verifizierbar. Andere Frage – wenn die Lemba die Trommel der Ahnen mitgenommen haben, was war dann dieses Instrument, das die Italiener vernichtet hat! Und in diesen Kasten hätte das Ding doch nie gepasst!“
„Ich wusste doch, dass du diese Fragen stellen wirst“, lachte Orville und warf seiner Frau eine Kusshand zu. „Ich liebe einfach dein helles Köpfchen!“
„Und in letzter Zeit erfreulicherweise auch vermehrt wieder meinen Hintern!“ reckte Henny besagtes Körperteil heraus und wackelte damit. „Also, wie lautet deine Antwort, was war diese seltsame Trommel bei Baylul?“
„Da habe ich wirklich nicht die geringste Ahnung“, hob Orville die Hände und nahm dann Henrietta in die Arme. „Ich suche derzeit noch nach mehr Informationen. Zum Beispiel über Königin Rahat von Sha’abar. Wenn die einen Nachfahren namens Menelik hatte…“
„Oh! Die Königin von Saba! Salomon! Da kommt ja einiges zusammen!“
„Ma, Pa, Maaa!“ rannte laut rufend ein aufgeregter Henry Jones in die Bibliothek zu seinen Eltern.
„Was ist denn los, mein Sohn“, umarmte Henrietta den Jungen.
„Es stimmt etwas nicht mit den Zahlen!“
„Mit welchen Zahlen denn, mein Liebling?“, fragte Henrietta ratlos.
„Mit den Jahreszahlen, Ma! Pass auf! Der Lehrer, also Jesus, ist doch nach dem Salome-Evangelium im Jahr 3800 des hebräischen Kalenders geboren!“
Orville hob seinen Sohn lächelnd auf einen der hohen Studierstühle. „Ich erinnere mich auch daran“, bestätigte er.
„Wenn das vor 1.889 Jahren war, dann müssten die Mosaischen doch jetzt das Jahr 5689 schreiben, oder eher mehr, die Jahre sind doch ein wenig kürzer, oder?“, rechnete Henry seinen Eltern vor.
„Das ist richtig“, lächelte Henrietta.
„Die schreiben aber erst das Jahr 5649!“, platzte Henry heraus, Orvilles Augenbrauen flogen förmlich in die Höhe.
„Wirklich?“
„Aber ja, Pa. Rabbi Kochinim hat es mir gesagt. Und der Zugsführer Joram Rosen hat es auch bestätigt. Er ist zwar ein säkularisierter Jude, aber seine Familie rechnet immer noch von der Erschaffung Adams und Evas an.“
„Dann gibt es wohl nur zwei Erklärungen. Entweder haben die Mosaischen einen Fehler in ihrer Zeitrechnung, oder aber der gute Beda Venerabilis hat sich bei der Festlegung des Jahres der Geburt des Messias verrechnet“, erklärte Orville.
„Oder beide haben Unrecht“, warf Henry ein. „Occams Rasiermesser trifft nicht immer zu. Nicht immer ist eine einfache Antwort auch die richtige.“
„Das ist völlig richtig, mein Sohn“, nickte die auf ihren Jungen sehr stolze Henrietta. „Nicht immer.“
„Und weißt du, was ganz witzig ist, Ma? Im Oktober ist es genau 1.800 hebräische Jahre her, dass der erste männliche Enkel des Lehrers geboren wurde.“
„Ernsthaft?“, hakte seine Mutter nach.
„Aber ja, Ma. Drei mal 600 Jahre. So wie in manchen Schriften der Thora ein Knabe nach drei mal sechs Jahre ein erwachsener Mann wird. Manchmal auch früher, aber in den Aufzeichnungen, die du in Lalibela gemacht hast, Ma, hat sich der Lehrer sehr für diese Rechnung eingesetzt. Und hier in Gonder ist sie ja auch üblich!“
„Und was schließt du daraus, Henry“, fragte Henny lächelnd.
„Ich bin mir nicht sicher, Ma. Ein neuer religiöser Anführer oder so? Obwohl – irgendwie wäre drei mal 666 Jahre logischer“, überlegte Henry. „Dann käme nach unserer Zeitrechnung aber 1998 heraus, oder nach der Korrektur 1969. Es wäre aber auch viel logischer, von der Geburt des Lehrers auszugehen – und vor etwa fünfzig Jahren ging es ja auch schon ganz schön rund in Europa. Besonders auffällig war diese Sache mit der neuen römischen Republik. Also, du weißt schon, Rom ruft sich zur Republik aus, Papst Pius der – der – neunte, ja, der neunte Pius ist geflüchtet. Franzosen und Spanier haben dann dem Papst wieder die weltliche Herrschaft in Rom und dem Patrimonium Petri verschafft. Und der Kirchenstaat reichte damals ja auch noch bis zum Po. In Deutschland gab es 1848 und 49 einige heftige Revolutionen und in Österreich-Ungarn kamen durch den Kaiser eine riesige Menge an Reformen zusammen. Deswegen blieb es dort ja auch halbwegs ruhig unter der Bevölkerung aller Staaten der Habsburger. Dort hat es ja schon ein Jahr vorher massiv gekracht, die Märzrevolution von 1848. Ferdinand I wirft das Handtuch und Franz Karl, der Opa von Mary wird Kaiser. In Irland und Schottland gab es Aufstände und in America ging’s auch rund! Der Punjab wurde auch damals nach einem kurzen, aber heftigen Krieg British-Indien zugeschlagen. Dazu kommt noch – nein, das ist jetzt ja alles unwichtig. Aber wenn diese Leute, die hinter Mary her gewesen sind, etwas mit dem Lehrer zu tun haben, dann rechnen sie scheinbar mit drei mal sechshundert Jahre von der Geburt vom Enkel des Lehrers an. Der heißt übrigens auch Yeshua – also Jesus! Es muss so sein, weil die gemeinen Lindwürmer, die bösen Drachen, die Diener des biblischen Tieres genau jetzt wieder aus ihren Löchern kriechen und unsere Welt mit ihrem stinkenden Atem verpesten wollen! Ha, deswegen nur drei Mal sechshundert! Die Zahl des Tieres, 666! Waw, Waw, Waw! Das sieht dann aus wie die römische drei! Wir sollten einmal die Herrscher mit der III überpr… nein, nicht jetzt, zuerst kommt das Wichtigste und Naheliegendste. Mary muss jetzt unbedingt ein magisches Schwert oder so etwas ähnliches finden, und es ist schade, dass das Blut dieser modernen Drachen nicht mehr unverwundbar macht, wenn man sie erst einmal erschlagen hat. Weil bei denen das Drachengift doch nur mehr in ihren Birnen ist!“ Er tippte an seine Stirn. „Oder – glaubt Ihr, wenn man sich mit so einem vergifteten Hirn einschmiert…?“
„Ich fürchte, davon wirst du nicht unverwundbar oder unbesiegbar, mein Schatz“, lachte Henrietta und wuschelte den Kopf ihres empört zurückweichenden Sohnes.
„MA!“, empörte sich Henry.
„Ich glaube, wir sollten wirklich Maria Sophia benachrichtigen“, überlegte Orville, und Henny nickte.
„Es könnte wirklich etwas an der Berechnung daran sein. Du bist ein wirklich kluger Junge, Henry!“
Henry duckte sich und legte die Hände über seinen Kopf. „Nein! Nicht schon wieder zausen!“
=◇=
Die Garnison in Gonder war in den letzte Tagen ziemlich gewachsen, Major Willem Okomaratu befehligte nun 100 bewaffnete Gendarmen. Einige moderne Waffen nebst Munition waren im ehemaligen Königspalast und jetzigen Kaserne noch zu finden gewesen, die freiwilligen Männer kamen aus den umliegenden Orten und Gondar selbst. Den passionierten Jägern der Umgebung den Umgang mit den modernen Repetiergewehren der Polizeikräfte beizubringen war schnell erledigt. Und der Zustrom hielt an, der Major hoffte, bald wieder einiges an Kräften zur Verfügung zu haben. Die Männer, welche sonst hier ihre Stellung hatten, waren zu einem großen Teil abgezogen worden, um die von den schweren Waffen entblößte westliche Grenze zum Sudan zu sichern und würden wohl so schnell nicht wieder zurückkommen können. Mit einem Angriff aus der Luft mit Betäubungsgasen wie im vorliegenden Fall hatte wirklich niemand bei den abessinischen Verteidigungs- und Polizeistreitkräften gerechnet. Nicht rechnen können, denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine zivile Stadt ohne Kriegserklärung mit einer Waffe angegriffen wurde, welche eigentlich nur dem Militär zur Verfügung stehen konnte, war normalerweise verschwindend gering.
Der 1864 in Wien geborene Oskar Baumann hatte bereits mit neunzehn Jahren die damals noch unerforschten Gegenden Montenegros besucht und Meisterwerke der Kartographie mitgebracht. Diese waren so gut, dass er vom Expeditionsleiter zu einer Forschungsmission nach Africa eingeladen wurde. 1885 bis 1887 nahm er daher an der Kongoexpedition unter Heinrich Oskar Ritter von Lenz teil und kartographierte den Kongostrom. Jetzt war er von seiner Aufgabe als Kartograph vom Turkan- oder Franz-Rudolph-See abgezogen und vorrübergehend der Expedition der Erzherzogin zugeteilt worden. Der Kartograph war mit dem Aviso-Luftschiff KKLS LUITPOLD in Gonder angekommen und hatte sich sofort nach der Landung auf die Suche nach Maria Sophia gemacht. Die war auch nicht schwer zu finden gewesen, denn selbstverständlich wollte sie sehen, wer und was mit dem Schiff angekommen war.
„Also, Baumann. Ich hab‘ von ihm g’hört, dass er als Kartenzeichner eine Koryphäe ist“ hatte die Erzherzogin Oskar Baumann begrüßt. „Ich hoff‘, dass das auch so stimmt. Nehm er sich doch ein Boot und lass er sich zur Insel Dek im Tanasee bringen. Wir brauchen ordentliche Karten, weil die ÖDLAG dort einen Stützpunkt bauen darf. Und ich hab‘ g’hört, er hat nicht nur zeichnen g’lernt, sondern vom Lenz auch Mineralogie und so. Kann er vielleicht auch beurteilen, wo eine gute Stell‘ wär‘, die großen Masten sicher aufzustellen?“
„Nicht mit letzter Sicherheit, Euer kaiserliche Hoheit“, bekannte der junge Mann. „Ich kann eurer Hoheit aber sagen, wo es überhaupt nicht gehen würde!“
„Na, das ist ja auch schon eine Menge wert“, gab sich Maria Sophia zufrieden. „Ist ja auch verständlich, Architekt und Statiker kann er ja wirklich nicht auch noch sein. Also, Baumann, mach er sich doch gleich an die Arbeit.“ Baumann verneigte sich tief, bis sich die Prinzessin entfernte. Dann wandte er sich um, ein Dolmetscher stand schon bereit, dem jungen Wiener bei seiner Suche nach einem Transportmittel zu helfen. Das war nicht schwer, denn die Fischer von Weyna waren immer gerne zu einem kleinen Zusatzverdienst bereit.
Der Dolmetscher Eremias Fesfaye begleitete Oskar Baumann an den See und verhandelte kurz mit dem Besitzer eines größeren Tankwas aus Papyrus, und bald konnte der Maler mit seiner Ausrüstung in dem Boot Platz nehmen, der Fischer und sein Sohn griffen zu den Paddeln und fuhren los. Es waren etwa 40 Kilometer quer über den See, für die geübten Ruderer kein Kinderspiel, aber auch kein unüberwindbares Problem. Die Insel war nicht eben klein, sie maß ganze 16 Quadratkilometer, und im Jahr 1889 lebten bereits 3.000 Einwohner ständig darauf. Auf einer vorgelagerten Insel war ein abessinisch-orthodoxes Kloster, der südliche Teil des Sees lag bereits nicht mehr in Amhara. Auf der Insel ein angenehmes Quartier zu finden, stellte sich als etwas schwieriger heraus, aber Oskar war alles andere als verwöhnt. Gleich am ersten Tag begann er mit den ersten Vermessungen und zeichnete eine grobe Karte. Es sollten noch viele wesentlich genauere folgen.
Wenig später war auch das erste große Transportluftschiff KKLS TOHORĀ der neuen Orca-Klasse aus Wien eingetroffen. Die TOHORA benötigte keinen Landemast, sie verfügte über ausfahrbare Landekufen mit starken Klammern. Die Orca-Klasse besaß zwei 320 Meter lange und 50 Meter durchmessende Rümpfe für das Helium, welche an zwei nebeneinander her schwimmende Schwertwale erinnerten. Verbunden waren die beiden in viele Kammern unterteilten Körper unten mit einem flachen Kasten mit abgeschrägten Seitenflächen für die Fracht und oben mit einer dritten Gaszelle. Wo das hintere Drittel begann ragten links und rechts zwei Flossen aus dem Frachtraum und oben zwei Finnen. Angetrieben wurde das Monster, das auch wie ein Orca gefärbt war, durch acht umschaltbare und schwenkbare Zug- und Druckschrauben, welche zum Schutz der Hülle mit breiten Ringen umgeben waren. Der Riese sollte nach den Berechnungen der Konstrukteure bei einer direkten Fahrt ohne Zwischenlandung für die über 18.000 Kilometer von Māoi Land nach Wien nur 112 Stunden benötigen. Das waren 4 Tage und 16 Stunden. Die durchschnittliche Geschwindigkeit bei einer solchen Fahrt betrug dabei stolze 160 Stundenkilometer.
Kapitän Tamatahi Wakai war eigentlich nach Wien gereist, um das Schiff der neuen Klasse direkt an der Werft zu übernehmen und mit einiger Fracht nach den Māoi-Inseln zu bringen. In Wien erwartete ihn jedoch der Befehl, vorher zwei Luftabwehrkürassiere mit 20 Artilleristen direkt von Wien nach Gonder zu transportieren. Die Strecke von knapp 4.500 Kilometern hatte das moderne Luftschiff mit seiner Beladung in nur etwas mehr als 28 Stunden hinter sich gebracht. Die beiden Kürassiere waren neu ausgelieferte, speziell für die Flugschiffabwehr konzipierte und ausgerüstete Kettenfahrzeuge. Sie waren nicht sehr groß, zumindest im Vergleich zu den Jupiter oder Scudi der Italiener. Ohne Geschützrohr betrug die Länge nur 14,2 Meter, die Rumpfbreite ohne Kette 4,9 und die Höhe 3,2 Meter. Ohne Aufbauten. Statt der für diesen Typ üblichen 10,5 Zentimeter halbautomatischen Schnellfeuerkanone waren sie mit je einem Raketenwerfer für 24 Hale’sche Raketen ausgerüstet. 12 Zentimeter durchmessende und 240 Zentimeter lange Flugkörper, welche mit Rotation ihre Flugbahn stabilisierten und einen Splittersprengkopf mit tief eingeschnittener Hülle trugen. Die Antriebsladung aus gepresstem, rauchlosem Schießpulver steckte in einer stabilen Hülle aus Ulmer Leichtstahl, wurde elektrisch gezündet und trieb die Rakete mehrere Kilometer weit. Und die neuen Kürassiere waren statt mit Maxim-Gewehre mit der Erfindung des erst 22 Jahre alten Andreas Wilhelm Schwarzlose ausgestattet. Ein neues Maschinengewehr mit verbesserter Kühlung, leichterer Bedienung und einfacher in der Produktion. Obwohl das Kaliber ebenfalls 7,62 Millimeter maß, vertrug die gesamte Konstruktion durch besseren Stahl eine weit höhere Pulverladung, was eine beträchtlich erhöhte Reichweite zur Folge hatte. Und die Waffe verschoss ganze 850 Schuss in der Minute. Theoretisch, denn nach 35 Sekunden war der Gurt mit 500 Patronen leer und musste durch einen neuen ersetzt werden. Für die Rundumverteidigung saßen diese Maschinengewehre in vier drehbaren Kasematten, eine auf jeder Seite des Kürassiers. Das schwere Fahrzeug fuhr statt auf acht Rädern auf zwei 30 Zentimeter breiten Ketten, durch starke Schürzen aus Kristallstahl in Wabenbauweise geschützt. Die mit Fresnellinsen verstärkten Suchscheinwerfer der LA-Kürassiere verfügten über einen speziellen Filter, welcher den größten Teil des sichtbaren Lichtes ausfilterten. Vor die Linsen der Beobachtungseinrichtung konnten Nachts ebenfalls entsprechende Filter geschoben werden, sodass von jedem erfassten Körper über einige Spiegel und Prismen ein helles Bild auf eine Mattscheibe reflektiert wurde. Ohne, dass der Pilot des anfliegenden Gerätes von einem sichtbaren Lichtstrahl gewarnt wurde. Einer der Kürassiere stellte seinen Scheinwerfer stets auf weite Streuung, um tieffliegende Luftschiffe so schnell wie nur möglich zu erkennen, während der zweite Scheinwerfer mit einer starker Bündelung arbeitete, um nach hoch fliegenden Körpern zu suchen. Eine Mechanik bewegte den Scheinwerfer automatisch in einem von zwölf zuvor festgelegten Suchmustern, die stumpfen Schnauzen der Hales folgten jeder Bewegung des Scheinwerfers.
Außerdem hatte die TOHORĀ drei Mulis und einen Haflinger an Bord gehabt. Die Mulis waren seit geraumer Zeit die Arbeitstiere der österreichischen Infanterie. Sie waren insgesamt etwas über fünfeinhalb Meter lang, nicht ganz zwei Meter breit und etwas über zwei Meter hoch. Ausgestattet mit zwei Hinterachsen und einer lenkbaren Vorderachse, alle Räder konnten einzeln angetrieben werden. Mit den Mulis konnte die Infanterie einen Zug in der Stärke von zehn Soldaten mit Sturmgepäck, schwerer Ausrüstung und Munition im Mannschaftsraum transportieren, den Kommandanten auf dem Beifahrersitz. Wenn man die Sitzbänke umlegte, erhielt man eine ganz respektable Ladefläche. Man konnte die Verplanung lösen und erhielt eine mobile Geschützplattform für eine 2 Zentimeter Maschinenkanone. Wenn man auch noch die Bordwände umlegte und in der Waagerechten als Vergrößerung der Ladefläche arretierte, konnte man auch eine Zehn-fünfer montieren und bedienen. Die Drehzapfen der Geschütze waren standardisiert, sodass man die Oberlafette nur einfach in die entsprechende Öffnung in der Ladefläche der Mulis stecken musste. Die großen Räder der Mulis wurden auch mit schwierigstem Gelände fertig und erlaubten auf guter Straße 80 bis 90 Stundenkilometer. Das Konzept des leichten Fahrzeuges war ganz auf die Kriegsführung in den Schluchten der Alpen zugeschnitten. Für eine Hit-and-run Strategie in unübersichtlichem Terrain. Tarnen, lauern, im richtigen Moment feuern und so schnell wie möglich wieder verschwinden. Gleichzeitig sollte es die Stellungen der Gebirgsjäger mit Nachschub versorgen und die schweren Waffen der Jäger transportieren können. Die Fahrerkabine besaß über dem Beifahrersitz eine Dachluke und einen Drehkranz für ein Maxim- oder Schwarzlose-MG. Nur Panzerung war bei diesem Fahrzeug keine vorhanden. Überhaupt keine. Nun, was in den österreichischen Bergen funktionierte, konnte auch in den abessinischen Bergen nicht ganz fehl am Platze sein.
Der Haflinger war prinzipiell genau so gebaut wie ein Muli, aber mit vier dampfhydraulischen Beinen an Stelle der Räder ausgestattet. Eine ziemlich neue Konstruktion, welche zwar auf der Straße ein wenig langsamer war, im schweren Gelände jedoch einige Vorteile in der Beweglichkeit versprach. Die ersten jetzt angelieferten Muli und der Haflinger waren mit zwei Zentimeter Kanonen auf der Ladefläche und den modernen österreichischen Maschinengewehren an der Kommandoluke bestückt. Die Erzherzogin hatte einer alten Tradition folgend beschlossen, die Ausrüstung ‚ihrer‘ Gendarmerieeinheit in Gonder zu übernehmen und in Wien die Entsendung der Fahrzeuge angefordert. Immerhin war das Rätsel um den Verbleib der Trommel der Danaiten immer noch ungelöst, und mit dem Erscheinen von Truppen verschiedener Nationen und Organisationen, welche dieses Artefakt in ihren Besitz bringen wollten, war mit Sicherheit zu rechnen. Dass einige davon eher skrupellos und gewaltsam vorgehen würden, war ebenfalls nicht unwahrscheinlich, und Maria Sophia hätte sich geschämt, die Bevölkerung jetzt im Stich zu lassen.
Die Regentin der Donaumonarchien hatte zugestimmt und die erste Ladung sofort auf den Weg gebracht, einige weitere Luftschiffe mit vier zusätzlichen Mulis und mehr Ausrüstung, unter anderem einige Dutzend Repetiergewehre mit Munition, waren eben unterwegs Die Besorgung und Verladung der Kleinteile dauerte in Kakanien eben etwas länger, das war der Fluch einer großen Bürokratie. Außer im extremen Notfall benötigte alles seine Zeit. Formulare hier, Genehmigungen da, Unterschriften dort. Die Prinzessin in Gonder gegen Luftschiffe zu verteidigen war ein Grund für schnelles Handeln, ebenso erste Verstärkung durch bewaffnete Fahrzeuge. Der Rest – nun, Buchhaltung benötigte eben ihre Zeit. Zuerst musste man jetzt einmal die Ladungen der TOHORĀ ordnungsgemäß verbuchen, damit alles seine Richtigkeit hatte. Dann in die Waffenkammer gehen, und jedes Gewehr mit Seriennummer und Lebenslauf in den Bestandslisten aus- und den Lieferscheinen eintragen. Die Munition exakt auflisten, mit Herstellungsdatum und Chargennummer, die Ersatzteile für die bereits gelieferten und noch zu verschiffenden Fahrzeuge. Ein scheinbar nicht enden wollender Papierkram. Die TOHORĀ war also einiges früher gestartet und hätte die älteren Luftschiffe auch im direkten Vergleich auf ihrem Flug weit hinter sich gelassen.
Und dann war auch noch die KKS ROSENHEIM eingetroffen, ein mittels Werner-Dampfturbinen flugfähiges, aber sonst nicht mehr ganz neues Kanonenboot mit 91 Meter Länge und 12 Meter Breite aus Port Helene. Das Boot war im Tanasee gewassert, um die äthiopischen Streitkräfte vor Ort verstärken zu können.

„Also, Major Okomaratu, die ROSENHEIM untersteht ab jetzt dem Kommando der abessinischen Polizei.“ Maria Sophia von Habsburg-Lothringen unterzeichnete einen entsprechenden Eintrag im Logbuch. „Suchen Sie sich 9 Leute als Offiziere und 121 Personen als Mannschaften, unsere Männer werden dann ihre Anwärter ausbilden. Vielleicht können wir dann später ins Geschäft kommen, damit sie ständig hier bleibt.“
„Wir sind ihnen zu großem Dank verpflichtet, Prinzessin. Besonders für die Luftabwehrscheinwerfer und die Raketenwerfer, welche die anderen Luftschiffe bei ihrer Landung nach Gonder bringen sollen. Die Installation dieser Abwehreinrichtungen wird uns dort sehr helfen und uns unabhängig von ihren Spezialkürassieren machen. Sie und ihr Land ist sehr hilfsbereit.“ Der Polizeimajor streckte seine Hand aus, welche Maria Sophia ergriff.
„Nicht so sehr, Major. Wir erhoffen uns immer irgendwas, wenn wir etwas geben. Die Insel Dek zum Beispiel ist strategisch günstig für die ÖDLAG und leicht zu verteidigen. Und Abessinien hat auch noch einiges an Bodenschätzen zu bieten. Im Bakilisee zum Beispiel.“
„Aber – noch nicht einmal das Salz aus diesem See ist brauchbar“ verzog Willem angeekelt das Gesicht. „Es schmeckt schlecht, und solange die dort ansässigen Menschen davon gegessen haben, sind sie auch noch krank davon geworden.“
„Das habe ich gehört, Major“, schmunzelte Maria. „Ich könnte jetzt unfair sein und einige Almosen für die Schürfrechte an dem See anbieten, den Sie für wertlos halten. Aber ich möchte ehrlich sein. In dem Salz des Sees, welches die Menschen beim Verzehr töten kann, haben unsere Schürfer einige Elemente gefunden, die für uns wertvoll sind. Sehr wertvoll. Noch wertvoller als Gold, denn eines davon wird für die Herstellung von Vaporid benötigt. Nein, Major, dieser Bestandteil ist nicht geheim, diesen speziellen kennt jeder, der sich für das Vaporid und seine Herstellung interessiert. Der ist auch im englischen Steampowder. Trotzdem, wir brauchen eben auch immer wieder eine höhere Menge davon.“
„Und das sagen Sie mir, obwohl das den Preis natürlich in die Höhe treiben wird?“
Maria Sophia lachte auf. „Im Endeffekt wird es sogar billiger! Gute Geschäfte auf Gegenseitigkeit bringen lange Gewinn, immer wieder, über einen längeren Zeitraum. Unehrlichkeit bringt hingegen vielleicht kurzfristig sehr viel Geld ein, dann aber nie wieder. Außerdem werden die Salzgewinnungsanlagen am Bakilisee mitten in ihrem Land liegen – und gute Nachbarschaft ist in diesem Geschäft bereits die halbe Miete. Viel Spaß mit ihrem Spielzeug, Major. Und drahten Sie nach Addis Abeba wegen des Sees, in den nächsten Tagen hätte sich ohnehin eine Handelsdelegation dort gemeldet.“ Noch ein letzter Händedruck, und die Prinzessin stieg wieder in den Windhund, um von Weyna am Ufer des Tanasee wieder zurück nach Gonder zu fahren. Der Major wollte mit seinem eigenen fabrikneuen Muli später nachkommen.
Die Fahrt über die Ebene brachte keine großen Überraschungen mit sich, es blieb immer noch alles ruhig in der Umgehung von Gonder. Nur einmal beobachtete sie, wie der Haflinger auf der Ebene zwischen Gonder und dem Tanasee ihrem Windhund im vollen Galopp entgegen kam. Das Gerät machte sehr weite Sprünge, der Fahrer musste ordentlich durchgeschüttelt werden. Die Erzherzogin lächelte amüsiert. Die abessinischen Gendarmen, welche auf diesem Gerät eingeschult wurden, erreichten allmählich wirklich gute Fertigkeiten in der Bedienung der Steuerung, manche hatten die Instruktoren bereits weit überflügelt. Maria Sophia selbst hätte es nicht ohne Notfall gewagt, auf diesem Untergrund ein derart enges Wendemanöver auf den Hinterbeinen zu steuern wie dieser Fahrer. Doch mit den Händen von Sergent Dawyd Kamabaso an den Steuerhebeln und seinen Füßen auf den Pedalen bewegte sich das Muli wie ein gut geschultes Quarterhorse von den riesigen Weiden des nordamerikanischen Kontinents. Auch die Telegraphenstationen meldeten derzeit keine besonderen Vorkommnisse in der Umgebung, doch Maria Sophia war deshalb noch lange nicht beruhigt. Sie war sich ganz sicher, dass noch einige Trupps auf der Suche nach der Trommel von Baylul unterwegs waren. Truppen, welche nur nicht so auffällig wie jene brutale Truppe waren, welche hier in Gonder zu Gange gewesen war und viele Menschen abgeschlachtet hatte. Sie war sich auch keineswegs sicher, ob nicht ein weiterer Überfall mit einem Luftschiff erfolgen konnte. Auch, wenn die Uhus im Toussidè ganze Arbeit geleistet hatten, wer garantierte, dass es sich dabei um den einzigen Stützpunkt des Gegners gehandelt hatte? Der Windhund rollte durch das Tor in die Garnison und stellte sich zu den Husaren in eine Reihe. Als die Luke aufging, schwang sich Maria Sophia elegant aus dem Fahrzeug.
„Mary!“ Ein kleiner Körper raste auf die Erzherzogin los und klammerte sich an die sich rasch bückende Frau.
„Henry! Du bist ja ganz aufgeregt! Ist etwas geschehen?“
„Wir haben etwas herausgefunden, Mary. Die Zahlen stimmen nicht, und du musst eine magische Waffe finden!“
„Aber genau das versuchen wir doch schon, Henry!“ Maria ging vor dem Jungen in die Hocke und strich ihm eine Locke aus dem Gesicht.
„Eine Trommel“, rief Henry mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Was ist das schon! Du brauchst schon eine ordentliche Waffe, ein Schwert, eine Lanze oder so etwas! Vielleicht auch eine Rüstung, so eine wie die Walküren oder Jeanne d’Darc!“
„Wirklich? Aber der guten Jeanne ist das gar nicht gut bekommen“, bemerkte Maria Sophia.
„Aber du bist doch eine Prinzessin“, ereiferte sich der junge Jones. „Da geht es schon gut aus!“
„Erzählst du mir die Sache bitte von Anfang an“, fragte die Erzherzogin mit sanfter Stimme. Sie hatte schon immer recht gut mit Kindern umgehen können, und das Training mit Franz Rudolf machte sich bezahlt.
Der junge Jones nickte heftig. „Hast recht, Mary. Das ist immer besser! Komm mit, Ma und Pa wissen schon Bescheid, die glauben auch, dass das etwas daran ist.“ Henry zerrte am Ärmel der Prinzessin.
„Na, dann gehen wir eben!“ Maria Sophia erhob sich und nahm Henry bei der Hand. „Wo sind denn deine Eltern jetzt?“
„In ihrem Zimmer! Jetzt komm doch schon endlich mit“, zog der Knabe die lachende Prinzessin mit sich.
=◇=
„1.800 Jahre nach der Geburt des ersten Enkels“, fragte Maria Sophia ungläubig. „Das ergibt doch nicht wirklich Sinn. Eher denke ich, dass irgendwo in der Aufzeichnung der Hebräer ein Fehler von 40 Jahren ist, und in Wirklichkeit die Geburt von – nein, das stimmt nicht. Wenn diese Marjam, also die Tochter von Rahel und Ehefrau von Joseph sich eingebildet hat, dass eigentlich sie die Mutter des Messias ist und es nicht der Vater ihres Mannes gewesen ist – dann könnte der Orden schon damit rechnen. Wissen wir etwas über das Jahr 40? Nein, Moment, vierzig geboren, drei Mal sechs Jahre – 58! Was wissen wir über dieses Jahr?“
„Gaius Suetonius Paulinus wird in Britannien Statthalter. Der, der dann 61 Boudicca besiegt. Der Partherkrieg unter Nero beginnt…“, zählte Orville auf.
„Moment, Pa! Wir müssen anders rechnen, wir müssen ausrechnen, welches Jahr 3858 hebräischer Zeitrechnung in unserer ist“, rief Henry.
„Oh ja!“ Maria Sophia schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Der Rechenfehler des Beda!“
„Ja das wäre dann 97“, rechnete Henrietta rasch nach. „Kann aber eigentlich nicht sein, angeblich war da schon ein gewisser Clemens Bischof von Rom.“
„Ja, und“, überlegte Orville. „Wenn man als ersten Papst Petrus nimmt, warum soll es dann zu dieser Zeit keinen Bischof von Rom geben?“
„Mit diesen Jahreszahlen kommen wir nicht weiter“, ärgerte sich die Erzherzogin. „Das ist das reinste Chaos, und das wiederum heißt, genau genommen wissen wir nicht viel. Außer dass ein paar Wahnsinnige glauben, das Jahr ihres neuen Herrn wäre gekommen. Oder besser gesagt, wird demnächst kommen – und sie hätten das Recht, alles zu unternehmen, Mord, Totschlag und Vergewaltigung, Folter und Erpressung. Nur um einen neuen Messias in Jerusalem zu etablieren.“
„Und einen Staat Gottes zu errichten, dem alle Welt untertan ist“, bemerkte Orville.
„Immer diese verdammten religiösen Fanatiker!“ Wütend stampfte Maria Sophia mit geballten Fäusten auf.
=◇=
Entlang der größeren Handelsstraßen Abessiniens gab es in regelmäßigen Abständen Gaststätten mit gedeckten und bewachten Unterstellmöglichkeiten für Fahrzeuge und Tiere. Auch wenn diese Straßen nur aus Farbe an Felswänden und einem etwas über Kopfhöhe verlegtem Telegraphenkabel bestanden, die Versorgung der Karawanen funktionierte hervorragend. Es gab zu essen, zu trinken und einen Schlafsaal. Und da manchmal auch Frauen unterwegs waren, einen abgesonderten Raum für diese. Und natürlich Waschräume für beide Geschlechter. Nicht wirklich komfortabel, aber natürlich immer noch bequemer und sicherer als ein Biwak in einer der Nebenschluchten unter freiem Himmel. Es gab in dieser Gegend zwar schon seit längerer Zeit keine großen Räuberbanden mehr, aber wenn man seine Tiere und Waren irgendwo hinstellte, wo sie leicht mitzunehmen waren – da erlagen auch schon einmal die im Normalfall ehrlichen Bergbewohner der Versuchung.
Irgendwie waren alle diese Raststätten einander ähnlich, als hätte ein und derselbe Mann alle geplant, gebaut und betreibe sie auch. Der Geruch nach allen möglichen Gewürzen, nach kaltem Rauch und billigem Fett schwebte wie Nebel in den Gasträumen, die selten gelüftet wurden. Im Mai war es allerdings im Freien ohnehin angenehm warm im Hochland von Amhara, sodass die Reisenden gerne im Freien zusammen saßen und bei gegrilltem Ziegenfleisch, Reis und einem Pfeifchen ein Schwätzchen hielten. Wer hatte wen wann wo gesehen, wo war was gut zu verkaufen, wie konnte man Lasten besser verstauen. Die meisten reisenden Händler in Abessinischen trugen, unabhängig von ihrer Religion, leichte Baumwollhosen mit langen Hemden und eine ärmellose Weste mit vielen Taschen. Darüber wurde noch ein Burnus getragen. Ein großes Messer hatte jeder am Gürtel hängen, gleichzeitig Waffe und Vielzweckwerkzeug. Auch ein Gewehr nannten sie fast alle ihr eigen, einen Revolver nur wenige. Umso mehr fiel die Gruppe aus mehreren in Burnusse gehüllte Männer auf, welche moderne Gewehre bei sich hatten und von denen jeder einen modernen Revolver in der Gürteltasche stecken hatte. Lefaucheux 1879 Double Action mit schwenkbarer Trommel, wie Caporal Hawi Kebede von der abessinischen Gendarmerie mit Kennerblick feststellte. Allerdings ließen sich daraus keine Schlüsse auf die Nationalität der Männer ziehen, die französischen Waffen waren weit verbreitet. Sogar in Russland gab es einige hohe Offiziere, welche eine solche Waffe besaßen. In Verbindung mit den Gewehren vermutete der Gendarm allerdings in erster Linie Franzosen. Belgier – ja, möglich, die kauften auch oft französische Ausrüstung. Vielleicht auch Spanier oder Portugiesen, aber auch wenn sie kaum sprachen, ihr Akzent klang eher nicht nach der iberischen Halbinsel.
Der als Händler verkleidete Caporal Asaria Tedhome brachte nun das Gespräch auf die Trommel, welche die Italiener vernichtet hatte.
„Es gibt keine solche Waffe“, bestritt der uniformierte Hawi Kebede. „Wenn es die gäbe, wäre unser Leben bei der Gendarmerie weit einfacher. Und wir hätten auch die Truppe in Mogadischu schon zurück geschlagen. Das wäre unserer Heimat billiger gekommen als die Forteresses allemandes, die wir dort für teures Geld hin gebaut haben. Außerdem – wo sollte das Ding denn sein?“
„Auf dem Weg zurück nach Gonder natürlich“, argumentierte Asaria heftig gestikulierend. „Die Juden wohnen in Amhara, und besonders in Gonder, also werden sie ihre Trommel auch dort versteckt haben!“
„Das ist doch Unfug!“ Hawi blieb ruhig. „Es gibt in ganz Amhara keinen Ort, wo man dieses Ding verstecken könnte!“
„Ist schon klar, dass du so etwas behaupten musst, Gendarm“ ereiferte sich Asaria.
Einer der Händler mischte sich ins Gespräch. „Die Mosaischen haben ja auch ihre Schriften versteckt gehabt. Warum also nicht auch eine Trommel?“
„Und sagen nicht alte Sagen, dass der Sohn des Salomo die Bundeslade nach Amhara brachte?“
„Alles Ammenmärchen“ wehrte Hawi vehement ab. „Warum hat man denn nie etwas gefunden?“
„Die Regierung sagt uns doch nicht alles! Vielleicht weiß ja der Negus nur zu gut Bescheid. Ich würde ein solches Geheimnis auch für mich behalten!“
Die Franzosen – oder Belgier, vielleicht auch Iberer schwiegen während der Diskussion. Allerdings hielten sie die Ohren weit offen, besonders als sich ein weiterer Händler einmischte.
„Also, ich weiß ja nicht, was der DLKW geladen hatte, aber ich habe einen mit einem runden Frachtstück in etwa der richtigen Größe ungefähr eine Tagesreise weiter westlich gesehen. Er war so grob in die Richtung zum Tanasee unterwegs!“ Auch Mohamed Kidane war ein verkleideter Caporal der Gendamerie.
„Habe ich es nicht gesagt“, jubelte Asaria. „Was sagst du nun, Freund Gendarm?“
„Dass das doch alles mögliche gewesen sein kann“, beharrte Hawi!
„Aber es könnte auch die Trommel gewesen sein“, insistierte einer der echten Kaufleute.
„Es gibt keine Trommel!“ Hawi stand auf. „Ich werde jetzt zu Bett gehen, damit ich morgen nicht einen von euren Eseln erschieße, weil ich ihn für einen Gebirgsbock halte!“ Die Händler und auch die Fremden brachen in Gelächter aus. Das Gespräch drehte sich noch lange um die Trommel Dans, welche unterwegs nach Gonder in Amhara war. Ganz bestimmt, die drei Gendarmen von Major Okomaratu hatten wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Und als Bonus waren dieses Mal sogar Fremde anwesend gewesen. Die Gerüchte verdichteten sich, in jeder Station erzählte man sich das selbe. Trommel! Amhara! Tanasee! GONDER!
=◇=
Auch in Gonder war Maria Sophia in der Lage, per Telegraphie mit Wien in Verbindung und damit stets auf dem Laufenden bleiben zu können. Sie tauschte mit ihrer Mutter, der Regentin Helene, immer wieder Neuigkeiten aus. Morsen mit dem Familiencode gehörte zum Lehrstoff aller Habsburger, schon als Kinder wurden sie darin unterrichtet. Und so erfuhr Maria Sophia auch von der kurz bevorstehenden Verlobung ihrer Schwester Valerie Theresia mit François Louis. Roxane Solange hatte also ihren Vorschlag zugestimmt, die französische Kaiserin hatte nur noch die Sache mit dem Verzicht auf den Thron in die Verhandlungen eingebracht.
„Damit will sie nur für Franz Ludwig selber eine Hintertür aufmachen, im Ernstfall den Thron für sich und Frankreich beanspruchen zu können“, tastete Maria Sophia mit ziemlicher Geschwindigkeit auf dem Morsegerät. „Oder besser gesagt, für Madame Roxane. Noch nicht geborene Kinder dürften bei dieser Überlegung wohl keine große Rolle gespielt haben!“
„Natürlich“, antwortete Helene ebenfalls mit langen und kurzen Stromimpulsen. „Diese Beraterin von Roxane Solange ist ziemlich clever. Aber sie hat etwas übersehen.“
„Die pragmatische Sanktion?“
„Die pragmatische Sanktion! Jeder denkt bei diesem Gesetz nur daran, dass sie eine weibliche Thronfolge ermöglichen soll. Wenn es nur das wäre, gälte diese Regelung wirklich nur für das Erzherzogtum Österreich ob und unter der Enns. Aber die Gute vergisst dabei einen anderen Passus in diesem Dokument – die Unteilbarkeit der Habsburgischen Kronlande. Und da gehört heute auch schon Bayern dazu, nicht nur allein wegen mir. Und Roxane Solange vergisst auch die Verfassung der Vereinigten Donaumonarchien und die ihrer Mitgliedstaaten. Da gibt es einige Länder, die sind freiwillig im Bund mit Österreich, ohne Besitz der Habsburger zu sein. Die transalpischen und africanischen Reiche zum Beispiel.“
„Nun, dann hat der Franzl wohl wenig Chancen auf den kakanischen Thron“, freute sich Maria Sophia.
„Gar keine hat er“, telegraphierte Helene zurück. „Selbst, wenn Roxane oder der Frühling es schaffen sollten, dich, deinen Bruder und mich aus dem Weg zu räumen. Dann bleibt ja immer noch Helene Antonia, Gott schütze Österreich.“
„Hihi. Aber ernsthaft, gib bitte auf dich acht bei der Hochzeitsfeier, wenn die in Paris stattfindet. Erinnere dich bitte an die Bartholomäusnacht! Behauptet denn Roxane nicht immer, dass ihre Familie von den Valois und damit von den Medici abstammt? Und denk auch das Gastmahl der Burgunder an Etzels Hof im Nibelungenlied. Ich könnte für die Zeit der Hochzeit nach Paris fliegen und dich vertreten!“
„Kommt gar nicht in Frage“, tastete Helene. „Wenn, dann kommst du nach Wien und ich alte Schachtel fliege nach Paris. Aber das wird sicher kein Problem für meine Sicherheit werden, ich verlasse mich da ganz auf Hametten. Bleibst du noch ein wenig in Gonder?“
„Nun, ja! Zumindest so lange, bis ich eine neue Spur habe.“
„Gut“, morste Helene. „Ich habe dir noch drei Wespen geschickt!“
„???“
„Du wirst sie erkennen, wenn du sie siehst! Bis später, mein Kind. Küsschen!“ Maria Sophia nahm die Kopfhörer ab und schüttelte ihr Haar aus, erhob sich und verflocht ihre Finger, hob so die gestreckten Arme mit den Handflächen nach oben hoch über den Kopf, streckte die Wirbelsäule.
„Wespen, na so `was“, murmelte sie. „Wer hat denn jetzt schon wieder was austüftelt?“
=◇=
Laxenburg
Nur 17 Kilometer südlich von Wien lag die Ortschaft Laxenburg, wo die Habsburger bereits seit langem das Stammschloss der Familie von Lachsenburg nach deren Aussterben erworben hatten und als Jagdschloss nutzten. Nach und nach waren andere, modernere Gebäude hinzu gekommen, den Beginn hatte Franz I mit einer ‚echten‘ Ritterburg im Schlosspark gemacht, welche er auf eine der Inseln in einem Teich bauen ließ. Der Park wurde umgebaut und mehr wie eine natürliche Landschaft gestaltet, es wurden keine geometrisch zurechtgestutzten Alleen oder geometrischen Beete mehr angelegt. Kronprinz Franz Joseph, der flugbegeisterte Thronfolger, hatte 1857 in der Ebene zwischen dem Schloss und der Stadt Wien die k.u.k. Militärforschungsanstalt für Flugwesen erbauen lassen und nicht nur für entsprechende Mittel und Gebäude, sondern auch für ein großzügiges, nicht einsehbares Gelände gesorgt. Nach dem Tod des Prinzen wurde diese Einrichtung in Franz Joseph Kaserne umbenannt.
Für jeden, der das Forschungsgelände betreten durfte, war das auffallendste die fünf gigantischen, 500 Meter langen und 100 Meter im Radius messenden Hallen, welche wie halbe Zylinder geformt nahe den Wohngebäuden standen. Dort wurde an neuen Luftschiffen gearbeitet, neue Materialien und Bauweisen erprobt. Weniger auffallend waren ähnliche, aber wesentlich kleinere Metallbauten, welche in zwei Reihen im rechten Winkel zu den riesigen Hallen standen und ein völlig ebenes Feld begrenzten, dessen Rasen sorgfältig kurz gehalten wurde. Nach Norden war dieses Feld durch eine hohe Mauer begrenzt, deren Tor nur wenige Männer und Frauen durchschreiten durften. Selbst die Posten, welche von außen die Tore in dieser Mauer bewachten und alle Ausweise streng kontrollierten, hatten keine Ahnung, was sich hinter diesem Wall verbarg. Die Geräusche, welche immer wieder zu den Soldaten drangen, gaben ihnen auch keinen genaueren Aufschluss. Es musste allerdings schon irgend etwas mit Fliegen zu tun haben – denn was sonst sollte hier schon erprobt, erfunden und erforscht werden? Immerhin war die Entwicklung neuer Fluggeräte der einzige ausgewiesene Zweck der Anstalt. Die meisten Soldaten und Anrainer vermuteten eine Art fliegender Husar oder Landkreuzer.
Eine Vermutung, welche von Herrn Helmfried und Frau Auguste Jäger geteilt wurde. Das Ehepaar lebte im Hotel Franz Joseph in der Ortschaft Laxenburg und unternahm mit einer Staffelei, einem Koffer voller Farbe und einem photographischen Apparat auf einem Stativ lange Spaziergänge in der Umgebung, besonders im Schlosspark. Helmfried war akademischer Maler, der viele wirklich gelungene Skizzen von seinen Ausflügen mit in das Hotel brachte, während Auguste eine eifrige Architekturphotographin und gleichzeitig begeisterte Ornithologin war. Manchmal sah man sie stundenlang den Himmel über dem Park mit einem Feldstecher beobachten. Einmal hatte Helmfried auch eine Auftragsarbeit angenommen, der Bürgermeister Laxenburgs wünschte ein Portrait seiner Tochter. Bei diesem Werk bewies Herr Jäger, dass er auch Personen durchaus naturgetreu malen konnte. Das Lächeln im Gesicht der jungen Dame war erfrischend, aus den Augen funkelte der fröhliche Schalk und die vom Papa zum 16. Geburtstag geschenkte bekommene goldene Halskette mit einem kleinen Diamant schien von innen heraus zu glühen. Durchaus ein gelungenes Kunstwerk. In dieser Zeit zog Auguste mit Kamera und Feldstecher immer wieder allein los.
Die Umgebung der Forschungsanstalt Laxenburg war natürlich ein sensibles Gebiet, welches vom Evidenzbureau im Auge behalten wurde. Die Akte über Helmfried Jäger war nicht eben kurz. >Matteo Bianchi, Major des Ufficio Informazioni, geboren 6. Juli 1853 in Florenz, Schulbildung, Militärdienst, Eintritt in den militärischen Nachrichtendienst Italiens et cetera aliaque!< Auch Auguste war kein unbeschriebenes Blatt mehr. >Romina Trotta, geboren 27 Mai 1861 in Neapel, Teniente des Ufficio Informazioni….< Das Evidenzbureau war fleißig gewesen.

Ähnliche Akten gab es über Harro Ballnus, Hauptmann des preußischen Geheimdienstes, Jaques Podresine, Capitaine des Service secretes étrangers, Cvetanka Stojanović, Glavi des Instjnkt špijunaže Serbiens und einigen Frauen und Männern mehr. In jedem Akt lagen auch noch einige Abzüge von Photos, welche die Agenten des Fürsten Hametten mit Anschütz-Kameras und stark lichtempfindlichen Filmen unauffällig geschossen hatten. Aus der Hand, eine Hundertstel Sekunde reichte schon zum Belichten der Filme. Matteo Bianchi, dunkelhaarig, Knollennase, mächtiger Vollbart, füllig. Ein Schnappschuss – Matteo im Unterhemd, mit vor den Bauch geschnalltem Lederkissen, das die Fülligkeit vortäuschte. Romina Trotta, aschblond, schmales Gesicht, lange Nase, dünne Lippen, trainierter athletischer Körperbau mit wenig Formen. Harro Ballnus, exakter Scheitel, dunkelblond, mittelgroß, ein hageres Gesicht, das an Friedrich den Großen erinnerte. Jaques Podresine, feist, ein kleines Stupsnäschen zwischen vollen Backen, ein kleiner Mund mit aufgeworfenen Lippen. Von Cvetanka Stojanović gab es die meisten Photos. Die hohen, slawischen Backenknochen gaben dem Gesicht etwas exotisch-apartes, ebenso ihre gerade Nase, die große Augen und der etwas breite Mund mit den vollen Lippen. Sie war groß und schlank, ihre Figur konnte sich durchaus sehen lassen. Die Männer des Fürsten spielten Abends mit den Karten um einen nicht eben geringen Einsatz, der Sieger durfte dann die schöne Spionin überwachen.
Die Männer und Frauen im Dienst des Fürsten zu Hametten verstanden es, selbst geheime Informationen herauszufinden und unauffällige Photographien anzufertigen. Mehr noch aber verstanden sie sich hervorragend darauf, Gerüchte in Umlauf zu bringen. Ein fliegender Landkreuzer, etwa so groß wie ein italienischer Jupiter, sollte einmal ganz in der Nähe abgestürzt sein. Natürlich hatten die in der Franz Joseph Kaserne stationierten Feldjäger das Wrack sofort eingesammelt, bis auf die letzte Schraube. Es funktioniere also wohl noch nicht so richtig. Nun, es war eben leichter, große Schiffe mit entsprechenden Kraftanlagen zum fliegen zu bringen, kleiner als ein Kanonenboot sollte es bisher problematisch sein. Aber bei den kleinen Luftschiffen für Avisofahrten, da mache man gute Fortschritte bezüglich hoher Geschwindigkeiten nahe der 200 Stundenkilometer-Marke und vielleicht sogar darüber.
Die zwei Mal drei im schwarz-gelb der Habsburger gestreift lackierten Geräte, welche sich vor den Hallen auf zwei kajakförmigen Schwimmkörpern gegenüber standen, hatten allerdings mit Landkreuzern oder andern Rad- oder Kettenfahrzeugen, ob gepanzert oder ungepanzert, nicht das Geringste zu tun. Sie bestanden aus einem aufrecht stehenden, fassförmigen Körper mit einem Durchmesser von anderthalb Meter und ebenso hoch, vorne war eine Art ovoider Käfig aus einem Stahlgerüst angebracht, ein Meter hoch und zwei Meter von vorne nach hinten, einhundertachtzig Zentimeter breit. Hinten war eine liegende Tonne angebracht, ein Meter durchmessend und anderthalb lang. An dieser Tonne gab es am Heck zwei gegenläufige Luftschrauben mit je sechs verstellbaren Propellerflügeln, welche für den Vortrieb sorgen sollten. Vier große, dreieckige Heckflossen mit beweglichen Steuerflächen lagen rund um die Heckrotoren. Aus der stehenden Tonne erhob sich ein starker Mast mit einem großen Forlanini-Rotor aus bestem Kortwitz-Stahl. Die zwischen dem Stahlgerüst am Bug liegenden Panoramascheiben aus Glas gaben den Blick auf vier Sitzplätze und einige Hebel, Pedale und Schalter sowie auf eine Platte mit verschiedenen Skalen und Zeigern frei.
Es handelte sich um die neueste Erfindung des Mailänder Konstrukteurs Enrico Forlanini und des Ingenieurs Wilhelm Kress, welcher im Juli 1836 in Sankt Petersburg als Sohn deutscher Eltern geboren wurde und später nach Österreich auswanderte. Dort besuchte er die k.u.k. technische Universität und entdeckte sein Interesse an Fluggeräten. Er war äußerst unzufrieden mit den seiner Meinung nach viel zu komplizierten Bewegungsabläufen der Flügel bei Ornithoptern und suchte angestrengt nach einer Alternative. Zuerst orientierte er sich am Flug der Insekten und versuchte einen ‚Schwirrflügler‘ zu konstruieren, doch damit waren nur unbefriedigende Ergebnisse zu erzielen gewesen. Nach Rücksprache mit Enrico Forlanini hatte er sich dann doch für einen Drehflügler entschlossen, und jetzt waren die ersten zum Einsatz tauglichen Exemplare endlich fertig gestellt und warteten auf ihre erste Aufgabe. Es handelte sich um die ersten sechs Wespen, ausgerüstet mit je vier 16 Zentimeter Hales und einer 20 Millimeter rückstoßfreien Kanone, mit automatischer Munitionszuführung. Diese Kanone erreichte zwar nur 120 Schuss in der Minute, es lagen aber ganze 500 panzerbrechende Granaten im Gliedergurt aus Metall bereit.
„Die Flieger sind ja wirklich der helle Wahnsinn“, schwärmte Sabrina Kress, die wesentlich jüngere Halbschwester des Konstrukteurs, während sie ihre dicke Lederjacke mit dem Pelzkragen anzog. Sabrina und Tanja Kress, die Tochter Wilhelms, waren bei den Testflügen aller vorherigen Versuchsmodelle involviert gewesen. Alle Kollegen waren sich neidlos einig, dass es bisher keine besseren Piloten als diese zwei Damen für diese neuen Konstruktionen in der Luftfahrt gab. Ein Umstand, der Viceadmiral Gergö Molnár dazu gebracht hatte, die Fliegerschule, die ebenfalls in Laxenburg untergebracht war, auch für Frauen zu öffnen. Als dritte militärische Einrichtung nach den Marineakademien in Triest und Fiume, aus denen bereits erste weibliche Flugschiffkapitäne hervorgegangen waren. Und er vereidigte die Damen Kress als k.u.k. Offiziere, beide im Range eines Korvettenkapitän. Die neuen Schülerinnen hatten sich bisher auf der Fliegerschule bereits recht gut bewährt. Es sollte nur noch ein Jahr dauern, und die ersten regulären Abgängerinnen der Fliegerakademie würden als Korvettenleutnant ihren Dienst als Berufsoffiziere antreten. Als Piloten von neu gebauten Wespen.
„Was ich dich schon immer frag‘n wollt‘!“ Linienleutnant Vaclav Nemec stülpte sich die Haube mit den herabklappbaren Ohrenschützern über den Kopf und setzte die Schutzbrille auf die Stirn. „Warum heiß‘n die Flieger eigentlich Wesp‘n?“
Sabrina lachte laut. „Weil mein Bruder g‘sagt hat, die Kaiserfarb‘n sind schwarz-gelb, also werd‘n wir die Geräte schwarz-gelb lackieren. Und wenn wir das machen, dann werd‘n alle Leute sowieso Wesp‘n dazu sag‘n. Also nennen wir sie doch gleich so! Fertig, Vaclav?“
„Fertig, Sabrina!“ Vaclav schlüpfte in die Gurte.
„Also, los geht’s!“ Sabrina Kress legte drei Schalter um, und die Flügel der Forlanini-Rotoren begannen sich langsam gegengleich zu drehen. „Das wird jetzt der erste richtige Langstreckenflug!“
„Wechsel alle vier Stund’n, Sabrina“, fragte der Leutnant.
„Sicher“, antwortete sie lächelnd. „Wie wir’s g’übt hab’n!“
Die Rotoren drehten sich immer schneller, die Konturen verwischten sich allmählich, wurden schließlich zu beinahe unsichtbaren Schemen. Drei der Wespen erhoben sich senkrecht in die Luft, während sich die Beine mit den Schwimmkörpern an den Rumpf falteten. Immer noch weiter steigend nahmen die Fluggeräte ihren Kurs nach Südsüdost. Korvettenkapitän Sabrina Kress flog die Wespe eins mit leichter Hand zuerst über die niederösterreichische Ebene, überquerte die Leitha und di e etwa 400 Meter hohen Hügel des hochtrabend Leithagebirge genannten Höhenzuges und streifte nach einer knappen Viertelstunde das südliche Ende des Neusiedlersees. Die Puszta breitete sich vor ihr aus, 260 Kilometer Gelände flach wie ein Teller, hin und wieder tauchten kaum 50 bis 60 Meter hohe, sanfte Hügel auf, anderthalb Stunden waren nur ab und zu ein kleines Dorf oder eine Herde Rinder oder Pferde zu sehen. Dann tauchte endlich der Balaton vor den Wespen auf, und Sabrina atmete auf. Sie hatte den Kurs über die stets gleiche Landschaft halbwegs genau getroffen, und die wenigen Meter Abweichung waren für die Fluggeräte leicht zu korrigieren. Weiter, immer weiter, das dort vorne musste Pécs, das dort unten Osijek sein. Hier die Donau, dort die Bosut und die Save, damit war man jetzt über Serbien. Nun, in beinahe 1.500 Metern Flughöhe hatten sie in ihren Wespen nicht allzu viel zu fürchten, wenn man die bekannten großen Festungen mied. Probleme könnte es erst geben, wenn man das Hochland erreichte und einige Berge, welche höher als die erreichbare Gipfelhöhe der Wespe waren, umfliegen musste.
„Kaffee?“ Pünktlich nach drei Stunden und fünfzig Minuten war Leutnant Nemec erwacht und hatte vom Rücksitz eine Dewarflasche genommen, welche das Getränk mehrere Stunde lang heiß hielt. 1874 hatte der Schotte James Dewar ein System mit ineinander liegenden und mit Vakuum getrennten Metallgefäßen für seine Experimente erfunden. Der bayrische Unternehmer Ritter Carl von Linde hatte daraus in nur einem Jahr ein serienreifes Produkt für den allgemeinen Gebrauch entwickelt und einen dankbaren Markt damit schier überschwemmt. Damit, und mit einem leistbaren elektrischen Kühlschrank. Das Militär hatte auch Interesse an großen Boxen auf der Basis der Dewarflaschen gezeigt, um die Soldaten überall im Feld mit warmem Essen versorgen zu können. Linde hatte darauf nur zu gerne reagiert und die k.u.k. Armee mit diesen Warmhaltebehältern ausgestattet. Auch wenn es derzeit natürlich nur im Manöver nötig war, die Soldaten waren dennoch über diesen kleinen Luxus erfreut. Nur wenig hob die Moral der kaiserlich-königlichen Truppen mehr als warmes, gut gekochtes Essen und ein Becher mit heißem Kaffee. Oder Tee, je nach dem individuellen Geschmack. Und nachdem die Produktion der Kästen gerade so gut lief, bot er sie auch dem deutschen Heer an. Obwohl manche Offiziere der Meinung waren, dass Essen nur eine lästige Unterbrechung des Dienstes darstelle, kaufte die Heeresleitung eine erhebliche Menge.
„Wenn schon Napoleon erkannt hat, dass eine Armee auf dem Magen marschiert, dürfen wir nicht dümmer als dieser Korse sein“, hatte Bismarck angemerkt und die Order zur Anschaffung der Ausrüstung gegeben.
Sabrina Kress schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Später vielleicht.“
„In Ordnung.“ Vaclav nippte an seinem Becher, das Getränk war noch immer warm wie frisch gekocht. „Hm! Heiß wie die Hölle, schwarz wie die Nacht, stark wie Kristallstahl und süß wir der Kuss von einer schönen Frau! Genau so muss Kaffee sein.“
„Na, da bin ich froh, dass ich meinen eigenen hab‘! Bei der Masse an Zucker, die du dir jedes Mal reinkippst!“ Sabrina verzog angeekelt das Gesicht.
„Gibt einem den richtig’n Energiekick“, grinste der Leutnant, dann wurde er formell. „Fertig zur Übernahme!“
„Sehr gut! Achtung – jetzt!“ Sabrina legte einen Schalter von links nach rechts, Vaclac wackelte kurz mit dem Rumpf.
„Habe das Ruder!“
„Sehr gut. Bestätige erfolgte Ablösung.“ Rasch trug Sabrina das Manöver in das Bordbuch mit Ort und Uhrzeit ein. „Nähe Pristina, 16.00.“ Dann lehnte sie sich gemütlich zurück und schloss ihre Augen. Dank des Lehrganges und ständigen Übungen in autogenem Training war sie beinahe sofort eingeschlafen.
Der Leutnant steuerte die Wespe weiter über die Berge des osmanischen Kosovo und Makedonien, sichtete die Orte Gilan, Kumanovo, Sveti Nicole, Demir und Kapija. Bei Polykastro erreichte er wieder eine Ebene, überflog Thessaloniki und schließlich breitete sich die Ägäis unter den drei Wespen aus. Vaclav danke jetzt der unbarmherzigen Ausbildung, in welcher er gezwungen gewesen war, ein Luftschiff ausschließlich mit Kompass und Log zu navigieren. Selbstverständlich konnte man auf diese Weise nicht ganz genau fliegen, denn der Wind und damit die Drift ließen sich nun einmal nicht so ganz genau messen und berechnen. Aber in etwa sollte ein guter Navigator das Zielgebiet schon treffen können. Und Vaclav war der beste Navigator geworden. Er hatte während der Ausbildung ein Gefühl entwickelt, irgendwie hatte er irgendwann die Drift zu fühlen begonnen. Er hatte es geschafft, sie auszugleichen und ganz instinktiv sein Ziel wesentlich genauer als alle anderen seiner Kameraden anzusteuern. Zuerst hatten die Offiziere angenommen, dass Vaclav es irgendwie schaffte, bei seinen Übungen zu schummeln. Allein, es fanden sich nie irgendwelche Beweise dafür. Noch nicht einmal eine Idee, wie er es geschafft haben könnte, die Prüfer zu betrügen. So bekam er nach Abschluss der Ausbildung sein Patent als Offizier der k.u.k. Marine und trat seinen Dienst als Korvettenleutnant bei der kakanischen Luftflotte an.Einer seiner Kapitäne machte ihm dann den Vorschlag, sich nach Laxenburg versetzen zu lassen.
„Se sein a gånz a guter Mån, Nemec“, hatte dieser Kapitän zu ihm gesagt. „Se müss’n sich åls Lehrer in da Schul‘ in Laxenburg bewerb‘n, dass wir mehr Leit‘ wie se krig’n!“ Der junge Mann war durchaus geschmeichelt, bewarb sich und erhielt ein Angebot. Und Fregattenleutnant Vaclav Nemec nahm Beförderung und Versetzung gerne an. Zuerst sollte er Kadetten seine Art der Navigation beibringen, doch mehr als ‚Ihr müsst es einfach fühlen! Macht die Augen zu, hört in euer Innerstes und erspürt die Richtung‘ konnte er nicht sagen, immer und immer wieder. Zweimal funktionierte es sogar, die beiden Kadetten lernten es, ihrem Gefühl zu vertrauen und ebenso sicher wie Nemec zu navigieren. Bei allen anderen Schülern versagte seine Methode kläglich, sein Talent ließ sich einfach nicht erlernen. Also versetzte man ihn eines Tages weiter. Es gab genug Offiziere als Lehrkräfte, man wollte das Talent Vaclavs nicht an der Schule verschwenden. Weil er nicht nur ein exzellenter Navigator, sondern auch ein hervorragender Steuermann und intelligent war, kam er in die geheime Abteilung der Fliegerschule. Dort lernte er die neue Wespe von Wilhelm Kress kennen und lieben. Und auch seine direkte Vorgesetzte, Korvettenkapitän Sabrina Kress. Letztere erwiderte seine Gefühle allerdings sehr viel schneller als die vorerst noch etwas widerspenstige und bockige Wespe. Die Schwirrflügel wollten einfach nicht, wie sie den Berechnungen nach sollten, zumindest nicht verlässlich genug. Nicht nur einmal landete ein Prototyp nach nur wenigen Metern hart auf dem Boden, wenn er denn überhaupt einmal abhob. Einmal hatte Vaclav seinen Flugversuch mit einem gebrochenen Arm bezahlt und war einige Zeit nur zu theoretischen Forschungen fähig gewesen. Dabei stieß er auf die Berichte über die Vorstellungen des Ingenieurs und Erfinders Enrico Forlanini im Park von Mailand. Er zeigte dem staunenden Publikum das Modell eines dampfbetriebenen Drehflüglers mit zwei gegenläufigen Luftschrauben. Bereits im Jahr des Herrn 1877.
Vaclav brachte diese Berichte sofort zu Kress, der sie eingehend studierte.
„Wad soll es, wer habe nichds zu verlieren“, kommentierte Wilhelm Kress, und zwischen ihm und Forlanini entstand bald ein reger Briefwechsel. Bis sich beide auf dem Gelände der Franz-Josephskaserne endlich von Angesicht zu Angesicht trafen, um gemeinsam an dem Projekt der Wespe zu arbeiten. Es mussten doch noch verschiedene Dinge angepasst, angeglichen und verbessert werden. Zum einen natürlich, weil den Ingenieuren in der k.u.k. Militärforschungsanstalt für Luftfahrt die neuesten elektrischen Tesla-Motore zur Verfügung standen, die den Mailänder in helles Verzücken trieben. Zudem zeigte ein bemanntes Gerät doch ganz andere Mucken als ein kleines Modell, das aus einem senkrechten Stab mit dem größten Gewicht am unteren Ende bestand. Und war mit dem Modell Forlaninis der Auf- und Abstieg kein Problem, stand die gesteuerte Fortbewegung noch auf einen anderen Blatt. Sie montierten noch die beiden koaxialen Luftschrauben und die dreieckigen Flossen mit den Steuerflächen an das Heck, das war dann endlich der erhoffte Durchbruch. Vaclav Nemec gelang mit diesem Prototypen der erste ruhige Flug, und Wilhelm rief zufrieden
„Nu, wenigsdenns flieschd ded Ding nu. Wenn wer noch die Ganone reingriesche, habe wer g‘wonne!“ Jetzt begannen die Berechnungen von vorn. Man musste die Balance neu bestimmen, da die Manövrierfähigkeit natürlich am Besten war, wenn die Tragschraube möglichst gerade über dem Schwerpunkt lag. Es gab selbstverständlich ein wenig Spiel, aber nicht allzu viel. Aber das war einfache Mathematik. Sobald man wusste, was welche Waffe wog, eine Arbeit weniger Minuten. Die Hales außenbords im Schwerpunkt, die Munition für die Kanone in einem Stauraum unter der Luftschraube.
Die Firma Emil Škoda in Pilsen nahm das System des vom Amerobriten Hiram Maxim erfundenen Maschinengewehrs und übertrug es auf ein 20 Millimeter Geschütz. Da aber eine Wasserkühlung zu viel Gewicht bedeutet hätte, hatte er einige Hemmungen eingebaut und damit die Kadenz der schweren Waffe auf zwei Schüsse in der Sekunde gebremst. Da der Rückstoß der Waffe für den Ladeprozess verwendet wurde, wurde der Flug der Wespe nicht wesentlich beeinträchtigt, ebenso wie bei dem Abschuss der vier Hale’schen Raketen. Nun, Wespe war schon der richtige Name für das Fluggerät, es war klein, schnell, wendig, bissig und giftig.
Wilhelm Kress war gar nicht begeistert, als er erfuhr, dass zwei seiner besten Testpiloten mit nach Africa aufbrechen sollten. Aber ein direkter Wunsch der Regentin war nun einmal ein nicht zu ignorierender Befehl. Außerdem blieb ihm ja noch seine Tochter Tanja zur Unterstützung.
„Ich helf‘ dir doch, Baba!“ hatte sie zu ihm gesagt, und er hatte ihr den Arm um die Schulter gelegt.
„Ded is richdig, Meechen. Wad is, mache mer uns über die Hornisse? Zwee Piloten, zehn Pasaschiere, zwee von de 20 Millimeter Ganone und zehn Hales? Enrico, sind sie mid an Bord?“
Der Mailänder nickte. „Natürlich. Das wird doch eine Revolution des Flugwesens!“
„Nu werd abe geglodschd und ned gegleggert, Baba! Was isd, wolle mer och `n Geräd baue, das nen Husaren drasche gann?“
„Du meensd een janz große Dranschborter, Doschder?“ Wilhelm zog die Augenbrauen hoch, und Tanja nickte.
„Schdell’s dir vor, Baba. Das Geräd landed uf dem Husaren, werd ordendlich verbolschd und schwebd mid dem Wasche davon. Im Ziel maschd man die Glammern uf, und der Husar gann davon rolle, und unser – hm, Adlas, wie der Gigand, der den Himmel dragd – also der Adlas fliechd davo und hold den nächschde!“
„Dasch isch mei Doschder!“ Wilhelm umarmte Tanja. „Gehe mersch an!“
=◇=
Vor Vaclav Nemec erschien jetzt die kleine Insel Alonissos, dann folgten Andros und Tinos, und knapp ehe Naxos in Sicht kommen sollte, erwachte Sabrina Kress aus ihrem Nickerchen. Nun war es an ihr, zum Dewar-Gefäß zu greifen und sich einen Becher Kaffee einzugießen. Dazu nahm sie noch rasch einen kleinen Riegel Bitterschokolade mit Nüssen, den sie rasch aß, ehe sie um 20.01 Uhr das Steuer wieder übernahm. Vaclav vermerkte die Uhrzeit ganz penibel.
„Wir woll’n doch festhalt’n, dass du mich jetzt um eine ganze Minute Schlaf betrügst“, tadelte er seine Verlobte scherzhaft.
„Mach die Augen und dein‘n frech’n Schnab’l zu. Schlaf endlich.“ Im Gegensatz zu ihrem Bruder und ihrer Nichte sprach Sabrina das nasale wiener Deutsch. „Sonst jammerst ja auch nicht, wenn ich dich nicht schlaf’n lass!“ Vaclav zwinkerte ihr lächelnd zu. Dann schloss er wieder die Augen, begann mit seinen Atemübungen und war bald eingeschlafen, um für seine nächste Etappe fit zu sein. Sabrina flog die Wespe weiter, überquerte Anafi und sah zu rechter Hand im Westen die Lichter des Leuchtturms auf Akra Sideros, am östlichsten Teil der Nordküste Kretas. Sie war mit ihren 32 Jahren älter als ihr Vaclav, der es erst auf 29 Jahre brachte.
Bisher hatte weder der Rang- noch der Altersunterschied beiden etwas ausgemacht, aber wie würde es in dreißig Jahren aussehen? Sie 62, er 59, sie eine alte Frau, er ein Mann in den besten Jahren. Sie musste grinsen, als sie daran dachte, was Vaclav gesagt hatte, als sie genau diese Frage einmal zur Sprache gebracht hatte. ‚Männer sagen immer, sie sind in den besten Jahren, weil sie nicht zugeben können, dass die guten schon vorbei sind.‘ Trotzdem, Frauen wurden mit 60 als alt betrachtet, und die körperlich stets schwer arbeitenden Frauen der Vergangenheit waren es auch wirklich gewesen. Die Doppelbelastung von Haushalt mit Kindern zusätzlich zum oft nötigen Broterwerb machte sich bemerkbar, sie waren einfach abgenutzt. Lange, oft sehr lange vor ihrer Zeit. Allerdings schienen sich die Reformen des Kaisers Franz Karl auch hier durchaus zu lohnen. Es gab heute durchaus auch Frauen aus den sozial benachteiligten Schichten, welche mit siebzig jünger und gesünder wirkten als vorher mit fünfzig. Vielleicht – nun ja, vielleicht könnte sie es ja doch riskieren, dem Werben des Leutnants ganz nach zu geben und ihn auch zu heiraten. Nach zwei Jahren Verlobung könnte sie es doch wirklich endlich wagen und mit Vaclav zum Altar schreiten.
„Es nahet sich rasch die Mitternacht – und die Geister, die sonst im Grabe ruh’n – halten jetzt eine ganze Stunde Wacht…“ deklamierte Vaclav.
„… und ich red‘ wie ein erschrecktes Huhn“, ergänzte Sabrina, nicht ganz korrekt. „Da vorne, das schaut aus wie der Leuchtturm von Sidi Abd ar-Rahman, und das dort drüben sollte el Alamein sein!“
„Sieht so aus!“ Der Leutnant gähnte noch einmal und nahm sich einen Becher Kaffee. „Die nächst‘n sechs Stund‘n werd’n schwierig. Stockdunkle Nacht über der Wüste, nur nach Kompass. Und dann woll’n wir hoff’n, dass wir zwisch’n Assuan und Abu Simbel auf den Nil treffen. Dann sind wir nämlich richtig!“
„Bei deine vier Stund‘ hab‘ ich keine Angst, dass wir uns verfliegen könnt‘n.“ Sabrina trug die Steuerübergabe ins Bordbuch ein. „Übrigens Vaclav, was hältst du davon, wenn wir uns in Gonder trauen lassen. Wenn’s sein muss, na ja, dort ist die ROSENHEIM, und ein Kapitän kann ja auch Trauungen vornehmen.“
„Eigentlich hab‘ ich mir mehr als eine Kriegstrauung in Uniform vorg’stellt“, überlegte Vaclav. „Aber…“
„Aber das hol’n wir später nach – wenn’st willst, mit weißem Kleid in der Kirch’n und allem drum und dran“, zwinkerte Sabrina ihrem Vaclav zu. „Aber ich hab‘ mich jetzt halt entschieden! Endgültig!“
„Na, wenn du dich endlich entschieden hast!“ Ein breites Grinsen überzog Vaclavs Gesicht. „Ich werd‘ sicher nicht mehr nein sag’n. Ich nehm‘ dann halt, was ich krieg! Obwohl, weißt du, ein weißes Kleid wird mir nicht so wirklich gut steh‘n, das füll‘ ich doch oben herum gar nicht so richtig aus. Zumindest nicht so gut wie du!“
„Depp, blöder“, schimpfte Sabrina lachend.
„Herr Depp, bitte. So viel Zeit muss sein! Und jetzt schlaf!“
Natürlich war die Nacht nicht wirklich stockdunkel, am wolkenlosen Himmel funkelten eine Unzahl von Sternen, und der Mond verwandelte die Wüste in ein dunkles Grau in verschiedenen Schattierungen. Ein Blick in die Rückspiegel, die Positionslichter der anderen Wespen waren an Ort und Stelle und folgten der Wespe I in perfekter Formation. Seine Blase meldete sich, und dankbar dachte Vaclav Nemec an die modernen Gummiwindeln mit der Einlage aus Hanf, mit Baumwolle umgeben. Einen ganzen Tag ohne Toilette, das ging eben nur mit solchen Hilfsmitteln. Flüssige Ausscheidungen waren ja kein Problem, aber bei noch längeren Überführungsflügen müssten entweder Toiletten eingebaut werden, was bei dem Platzangebot an Bord der kleinen Wespen allerdings ein Problem werden würde. Oder man musste eben eine Zwischenlandung einplanen. Vielleicht auf dem Meer. Mit einem Geschirr sichern, Hose hinunter und nach hinten vom Schwimmer weglehnen und – nun ja, das tun, was Menschen nun einmal manchmal tun müssen. Unweigerlich. Aber erst nach der Landung, im Flug – nun, vielleicht tief genug gehen wegen der Temperatur, den Einstieg als Flügeltür und arretierbar wegen des Abwindes bauen, und man könnte den Leuten unter sich im wahrsten Sinn des Wortes auf den Schädel sch… Aber nein, eine bei manchen Leuten vielleicht reizvolle, aber doch keine so gute Idee. Wenn die Menschen da unten dann zur Jagdflinte griffen – eine Schrotladung in den Allerwertesten zum Beispiel wäre wohl absolut kontraproduktiv. Den Rest des Weges auf dem Schwimmer stehend und danach Wochen auf dem Bauch liegend verbringen zu müssen klang nun wirklich nicht nach einem schönen, traumhaften Erlebnis.
Während des Fluges gingen ihm noch andere, verschiedene Gedanken durch den Kopf. Zuerst natürlich seine Freude, sein Glück, bald seine Liebste zu heiraten, dann seine nicht eben großartigen Sünden in der Vergangenheit. Er war zwar kein Kind von Traurigkeit gewesen, hatte aber immer mit offenen Karten gespielt. Noch nie hatte er vor Sabrina zu einer Frau oder einem Mädchen von großer, unsterblicher Liebe gesprochen oder dieser gar die Ehe versprochen – und bei Sabrina meinte er es ja tatsächlich ernst. Für seine früheren Eskapaden hatte er sich immer schon lieber reifere Frauen gesucht und auch stets ein Condom dabei benützt. Zum Selbstschutz, denn ein Kind konnte er sich nicht leisten, er wollte zuerst Karriere machen und fliegen. Eine venerische Krankheit war auch nicht eben sein größter Wunsch, ganz abgesehen von den eher unangenehmen körperlichen Symptomen hätte auch diese ihn an seinem Traum gehindert. Vaclav warf einen Blick auf die mit schwachen Lämpchen beleuchteten Instrumente. Barometer – die Höhe stimmte genau. Kompass – auf exaktem Kurs. Druck im Kessel – perfekt nach Plan. Leutnant Nemec griff an eine Taste und gab drei kurze Impulse auf den Heckscheinwerfer, die beiden anderen Wespen antworteten mit den gleichen Impulsen mittels der Bugscheinwerfer. Alles in Ordnung bei den anderen, alle Wespen mit Maschinen auf Kurs, die wie geplant funktionierten. Ob wohl jetzt unten in der Wüste irgendwelche Nomaden gerade eben in den Himmel gesehen hatten? Ob sie mit den dunklen Schatten vor den Sternen etwas anfangen konnten? Was sie sich wohl dabei dachten, drei Luftschiffe hoch im Himmel in Formation? In zwei Kilometer Höhe in der Nacht – die richtige Form war sicher nicht zu erkennen, nur die sich rasch bewegenden Lichter.
Um vier Uhr morgens übernahm Sabrina wieder das Ruder und vertrieb ihre Müdigkeit mit einigen Schlucken des nun allmählich doch kühler werdenden Kaffees. Schade, aber auch die Vakuumflaschen hatten nun einmal ihre Grenzen. Seit 17 Stunden flogen die Wespen nun schon wie ein Uhrwerk, Stunde um Stunden hatten sie mit einer ständigen Geschwindigkeit von 180 Kilom(etern pro Stunde bereits eine große Entfernung hinter sich gebracht. Mehr als 3.000 Kilometer waren sie nun schon von Laxenburg entfernt, und der Vaporidkessel produzierte gleichmäßig und zuverlässig den elektrischen Strom für die Teslamotore, welche leise singend die Rotoren und die Schubpropeller antrieben. Halblinks färbte sich allmählich der Himmel heller, lange konnte es nun nicht mehr dauern. Dann würde der glühende Ball der Sonne über dem Horizont sichtbar werden und auch auf der Erde ein neuer Tag beginnen. Menschen würden erwachen und ihrem Tagwerk nachgehen, einige glücklich, andere wieder unglücklich. Es würde Menschen geben, welche jetzt ihre Arbeit beendeten und ihr Heim aufsuchten, um von einer langen Nacht auszuruhen. Die Schwester des Erfinders der Wespen ging tiefer und drehte am Kompassring, um eine Linie nach der hellsten Stelle des Horizontes auszurichten. Nicht so exakt wie die Messung mit einem Sextanten, aber für eine grobe Schätzung dennoch hilfreich. Jetzt, ein erster Punkt, schnell noch den Kompassring genauer ausgerichtet. Da vorne, das glitzernde Band, der Nil! Der Kopf der Kolossalstatue war selbst von hier oben zu erkennen. Vaclav öffnete die Augen und sah sich um.
„Wir sind zu weit südlich“, bemerkte er verschlafen.
„Aber geh, wirklich“, konterte Sabrina.
„Du must mehr nach Norden steuern“, riet Vaclav.
„Ach wirklich? Was du nicht sagst“, staunte Korvettenkapitän Kress ironisch. „Wennst aufpasserst, dann segerst, dass wir ja eh schon dreh‘n.“
„Na gut!“ Schon war Vaclav wieder eingeschlafen.
=◇=
Knapp nach 14 Uhr Ortszeit gellten die Dampfsirenen der Flugabwehrkürassiere durch Gonder. Drei Mal auf und abschwellend, drei Fluggeräte näherten sich also der Stadt.
„Himmel, Arsch und Zwirn!“ Maria Sophia schloss hastig die Knöpfe ihrer Uniformbluse, welche Carl Friedrich eben langsam und voller Vorfreude bei beiden Beteiligten geöffnet hatte. „Immer wird man g’stört!“ Damit rannte sie auch bereits aus dem Zimmer, gefolgt von Maerz, welcher zwar weit weniger Knöpfe schließen musste, dafür aber um einiges mehr Probleme hatte, das zu bedeckende Corpus Voluptatis zu verstauen.
Die Raketenwerfer auf den beiden Spezialkürassieren drehten sich bereits den anfliegenden Körpern entgegen, die vorderen Teile der Lafetten wurden dabei nach oben gehoben und die Schutzblenden klappten auf. Die wachhabenden Offiziere pressten ihre Feldstecher an die Augen und versuchten, die Ankömmlinge zu identifizieren. Diese machten es ihnen leicht und sandten aus ihren Bugscheinwerfern Signale im k.u.k. Marinecode.
„Nicht feuern, sind Verstärkung aus Wien“, entzifferte Leutnant Hubert Lederwaldner, der aus Regensburg stammende Kommandant der beiden zur Artillerie zählenden Luftabwehrkürassiere. „Noch nicht feuern, aber wachsam bleiben“, bellte er in den Hörer des sperrigen Feldtelephons. Das Kabel dafür zum Gefechtsstand auf der Mauer der Garnison hatten die Soldaten sofort nach ihrem Eintreffen verlegt. „Es sin d scheinbar unsrige“, rief er der Prinzessin entgegen, als sie auf die Bastion mit dem Beobachtungsposten lief. „Wenn Hoheit erlauben wollen. Feuerbereitschaft ist noch nicht aufgehoben.“
„In Ordnung, Leutnant.“ Maria Sophia erwiderte den Salut des Offiziers. „Damit weiß ich aber immer noch nicht, was das ist! Außer – Moment mal, das sind wohl die aus Wien avisiert‘n Weps’n! Die hab’n dann aber ganz schön anzaht.“
„Die Flieger erbitten Landeerlaubnis, Hoheit.“
„Passt schon. Dort der Exerzierplatz erscheint mir g’eignet. Lassen’s das doch blink‘n, Leutnant.“
Einer nach dem anderen schwebten die Tragschrauber über den Platz, fuhren ihre Schwimmer aus und setzten sanft auf. Die Forlaninis wurden sichtbar und liefen schließlich ganz aus. Die Türen der Kanzeln wurden geöffnet und die sechs Flieger kletterten ein wenig steif und ungelenk aus ihren Sitzen. Immerhin hatten sie etwa 25 Stunden in der Lenkerkabine sitzend verbracht, nicht sehr angenehm, auch wenn man möglichst bequeme Sitze eingebaut hatte. Ein kurzes Dehnen und Strecken der Glieder, dann marschierten die Ankömmlinge auf die eben eintreffende Erzherzogin zu und machten Front.
„Euer kaiserliche und königliche Hoheit, Korvettenkapitän Sabrina Kress meldet sich mit fünf Mann und drei Wespen zur Stelle“, machte die Tochter des Konstrukteurs Meldung.
„Danke, Korvettenkapitän. Einheit ruhen lassen“, erwiderte Maria Sophia den Salut. ‚Ruhen lassen‘, das bedeutete in der Sprachregelung des österreichischen Heeres das Aufheben der starren Grundstellung des ‚habt acht‘ und bequemeres stehen. „Willkommen in Gonder, Korvettenkapitän. Das sind die avisierten Wespen?“
„Jawohl, Euer kaiserliche Hoheit“, nahm Sabrina wieder Haltung an.
„Generaloberst reicht, Kapitän“, versetzte Maria Sophia, Sabrinas Haltung wurde etwas weniger steif.
„Danke, Generaloberst.“
„Also, fesch. Wie lange waren Sie unterwegs?“
„25 Stunden und 8 Minuten, Generaloberst!“

„Reife Leistung“, gratulierte die Erzherzogin. „Lassen’s wegtreten, Kapitän. Der Quartiermeister wird ihnen Unterkünfte zuweisen. Haben’s leichte Uniformen mitbracht? Ja? Sehr gut.“ Sie drehte sich um und wies auf einen der ebenfalls die Wespen bewundernden abessinischen Gendarmen. „Sergent Chef, bringen Sie die Leute zum Quartiermeister, er soll ihnen auch Dschellabas aushändigen. Dann zeigen Sie ihnen die Räume und Waschgelegenheiten, schnappen sich sechs Männer und bringen das Gepäck der Offiziere auf deren Zimmer. Danke, wegtreten!“ Dann wandte sie sich an Sabrina Kress. „Leider hab’n wir nur zwei große Duschräume, keine Badezimmer in den Stuben. Also hab ich einen zur Damen- und einen zur Herrendusche deklariert, und zum hin- und hergeh‘n ist so eine Dschellaba schon was feines. Angenehmer wie eine Uniform. Ruhen Sie sich erst einmal aus, wir reden morgen weiter. Abtreten, Kapitän!“
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Wien
„Es ist doch nicht zu glauben, was da für Schwachsinn g’schrieb’n wird!“ Helmuth Kollomwetz wedelte mit einer Broschüre herum. „Geh Heinzi, schnorr mir bitte eine von deine Beuschelreißer!“ Der Polizist nahm einen tiefen Zug. „Danke. Also, wo? Ach ja. Da gibt’s einen gewissen Guido von List. Nein, nicht verwandt mit dem Komponisten Franz Liszt, der Guido da schreibt sich ohne ‚Z‘. Also, das ist das Statut von den Neutemplern, die was dieser Guido gründet hat. Passt’s einmal auf. ‚Wir erachten also folgendes für absolut logisch und daher keinerlei weiteren Beweisführung für nötig, als was da ist, dass der weiße nordische Mann als das höchst entwickelte menschliche Wesen zu betrachten ist und daher an oberster Stelle im Machtgefüge zu stehen hat. Denn er steht noch über dem nordischen Weibe, welche ihm untertan zu sein hat, aber immer noch hoch über allen anderen steht. Ganz so, wie es die Erberinnerung an die große europäische Urrasse beweist. Die nordischen Menschen stammen von Thule ab und waren damals schon allen Völkern überlegen, ganz so, wie es heute noch der Fall sein müsste. Wir müssen daher bereit sein, mit allen Mitteln die österreichische Regierung dazu zu bringen, die minderen Arten wieder auf die ihnen zustehenden Plätze zu verweisen!‘ Ja leck mich doch am Arsch, sind das feste Arschlöcher. Maoris und Neger als mindere Rassen zu bezeichnen ist schon ein starkes Stück. Seit die Reserl damals alle ihre Untertanen gleich g’stellt und in die Schul‘ g’schickt hat, hab’n wir‘s ja genau g’seh’n, dass die Murln mit der dunkeln Haut in der Birn‘ genau so schlau sind wie unsereins. Manchmal sogar schlauer. Neulich hat sich die Jetti, also mei Frau, operier‘n lass‘n müss’n. Kohlschwarz war der Chirurg. Ein Maori. Und verdammt gut war er, der Doktor Joseph T’ūpulā. Aber das Heftl da, das ist ja Rassismus aus der unterst‘n Schublad‘. Rassismus und der idiotischste Okkultismus, von dem je g’hört hab. Erberinnerung an die europäische Urrasse, die aus Thule kommt und von – hörts gut zu, von den Atlantern abstammt! Ich pack’s net!“
„Was hast geg’n Okkultismus“, fragte Heinz Navratil. „Also, ich sag dir, da ist nicht alles türkt. Es gibt Medien und es gibt Dinge, die wir uns net erklär’n können! Es gibt ja auch Vampir‘ und so, die Polizei hat sogar ein eigen‘s Referat dafür. Da kann man einen als unterstützend‘n Ermittler anfordern.“
„Ja, schon, Heinzi. Und vielleicht stammen wir Europäer ja auch wirklich von irgendwelche Atlanter ab. Aber wieso soll‘s uns denn besser mach‘n wie die andern. Die lernen genau so schnell wie wir, also außer der dunkeln Haut merk‘ ich kein‘ Unterschied. Wie kommen die präpotent‘n Wappler eigentlich zu ihre deppert‘n Ansicht‘n?“
„Das ist die Überheblichkeit jener, die außer Schlagworten nichts haben, auf das sie stolz sein können“, ertönte eine unbekannte Stimme von der Tür her.
Joschi Pospischil erhob sich. „Kann ich ihnen irgendwie helfen?“
„Au contraire, mein lieber Herr Inspector.“ Der etwa 50 Jahre alte Fremde trat näher und holte ein gefaltetes Papier hervor. „Mein Name ist Josef Breuer, ich bin Neurologe und Psychologe. Ich hatte vor kurzem bei der Gräfin Schwabthal ein Gespräch mit dem Fürsten von Hametten. Sehr interessanter Mann. Auf jeden Fall hat der Fürst gedacht, ich könnte ihnen bei der Lösung ihres Falles helfe.“
„Und wie, Herr Doktor“, fragte Heinrich Navratil, nachdem er das Schriftstück studiert hatte.
„Ich könnte ihnen vielleicht sagen, was für eine Art Mensch oder Organisation Sie suchen, meine Herren.“
„Das wiss’n wir schon“, versetzte Helmuth. „Einen ganz’n Hauf’n wahnsinniger, religiöser Irrer!“
„Ja, schon“, bestätigte Breuer. „Aber welche Art von Irre? Das ist doch immer die Frage. Nehmen Sie zum Exempel die Anhänger dieses Herrn List. Diese könnte man ganz leicht manipulieren, auch widersinnigste Theoreme zu glauben und einem Weg, welcher ihren ureigensten Interessen widerspricht, zu verfolgen.“
„Das werd’n wahrscheinlich Männer sein, die keine Frau will, weil’s zu deppert, ung’waschen oder ganz einfach grobe Lack’l sind“, vermutete Navratil. „Oder weil ihr Zumpferl zu klein ist. Oder sich z’schnell abbiegt.“
„Alles das ist nicht ganz falsch, und auf einige Mitläufer wird ihre These sicher zutreffen“, dozierte der Neurologe und Psychologe! „Ähnliches postuliert auch Freud in seiner Theorie zur Psychoanalyse. Ich denke, dass dieses Werk durchaus einen Durchbruch in der Behandlung diverser psychischer Leiden darstellen könnte. Wenn es einmal ausgereift ist. Aber zurück zu ihnen, Gendarm. Die Macht über Frauen, die manche Männer von Geburt an als mit geringerem Wert in Comparation, im direkten Vergleich zu dem ihren ausgestattet postulieren, kann einige schwache Männer durchaus direct in die Arme einer solchen secta insolita, einer seltsamen Sekte treiben. Die Sache darauf zu reduzieren könnte allerdings etwas decipit sein!“
„Was könnte es sein?“ Das Faktotum der Wache machte ein ratloses Gesicht.
„Entschuldigen Sie. Es könnte irreführend sein. Zum Exempel – auch die katholische Kirche hält Frauen für non idoneus, also für ungeeignet, höhere Ämter in der Kirche zu bekleiden. Dennoch sind vor allem Frauen die strenggläubigsten Katholiken. Warum? Sie wenden sich in diesem Fall von einer wissenschaftlichen Sententia, welche sie als idem valo, also als gleichwertig betrachtet ab, und hängen lieber einem Superstitiosus – einem Aberglauben an, der sie supressiert. Ich meine Unterdrückt! Warum? Ist es nur Educatio, also Erziehung? Und warum gelang es dann immer wieder einigen starken Persönlichkeiten, Frauen wie Männern, sich aus der früher allgemein vertretenen und heute völlig überalterten Ansicht einer unbewiesenen weiblichen Minderwertigkeit zu befreien? Sie sehen also, die Causae, die Gründe könnten complexer sein, als wir es ut initio suspicare, das heißt anfänglich vermuten!“
„Na dann“, meinte Walter Brunner, der unbemerkt das Bureau betreten hatte. „Nehmen Sie sich halt einmal die Akten von den Leuten vor. Vielleicht sehn’s ja wirklich was, das wir überseh’n hab’n!“
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Es ist viel über das unterirdische Wien der Habsburgermonarchie spekuliert worden. Riesige geheime Kasernen und Waffenlager, breite Straßen, auf den man mit drei Kutschen nebeneinander her fahren konnte. Gigantische Stallungen für hunderte Pferde, mit allem nur erdenklichen Luxus ausgestattete Paläste und riesige, von künstlichem Licht erhellte Gartenanlagen. Und natürlich gespenstische Katakomben, verfluchte Kammern, geheime Verliese, in denen man die unliebsamen und kritischen Zeitgenossen verschwinden lassen konnte und grausame Folterkammern, wo sadistische Folterknechte ihrem Vergnügen freien Lauf lassen konnten. Nicht alles davon war falsch. Die Gartenanlagen waren natürlich Humbug, die Straßen zwischen einigen Palästen des Herrscherhauses und den wichtigsten Regierungsgebäuden waren für maximal zwei Kutschen ausgelegt, die Stallungen für die wenigen Pferde, welche früher die Kutschen durch die Gänge gezogen hatten, standen schon Jahrzehnte leer. Die Verließe und Folterkammern hatte Maria Theresia geschlossen, und noch nicht einmal Metternich hatte es gewagt, sie zu reaktivieren.
Teile des unterirdischen Wiens bestanden aus Abwasserkanälen, durch welche an den Decken auch gut gesichert die Wasser- und die Dampfrohre sowie verlegt waren. Das gesamte System wurde regelmäßig überprüft und gewartet, eine unangenehme, aber gut bezahlte Arbeit. Andere Teile dienten den leider immer noch existierenden Obdachlosen und wenigen illegalen Zuwanderern in der kalten Jahreszeit als halbwegs trockenes und warmes Quartier. Die Polizei wusste davon, aber wenn es keine Probleme gab und auch gerade keine groß angelegte Fahndung nach jemanden stattfand, tolerierten die Beamten diese Okkupation öffentlichen Eigentums durch die Grieasler. Dafür kam dann auch schon der eine oder andere Zund aus den Katakomben, der zur Festnahme eines Flüchtigen führte. Die riesigen Kasernen waren pure Erfindung, auch wenn unter den offiziellen Kasernen unterirdische Waffen- und Munitionsbunker lagen und für den Ernstfall gut geschützte Wohnräume für die kaiserliche Familie bereitstanden. Was die Paläste anging, hatte das Gerücht nicht ganz unrecht, wenn auch die Art seiner Bewohner die wildesten Spekulationen übertraf.
Ein Zugang führte vom Gebäude des äußeren Amtes in Wien zu diesen Palästen in der wiener Unterwelt. Fürst Heinrich zu Hametten betrat mit einer Flügelmappe ein kleines Zimmerchen, in welchem sich ein Diwan und ein kleines Tischchen befanden. Zielsicher trat der Fürst an die Hinterwand, schob ein Stück der Vertäfelung beiseite und drückte auf einen elektrischen Schalter. „Hametten“, sagte er kurz in ein Mikrophon. Das Zimmerchen ruckte einmal kurz, und Heinrich wusste, dass der Lift nun nach unten fuhr. Kurz danach blinkte ein kleines Lämpchen auf, und Hametten öffnete die Tür.
„Willkommen, Fürst zu Hametten“, begrüßte eine schöne, wenn auch sehr bleiche Frau den Leiter des Evidenzbureaus. Ihre Kleidung bestand aus hellen, beinahe durchsichtigen Stoffbannen, welche eigentlich nichts versteckten.
„Danke, Anyana“, nickte der Fürst der Frau zu. „Ist der Markgraf anwesend?“
„Er ist sofort aufgebrochen, als ihm Euer Erscheinen angekündigt wurde“, bestätigte Anyana Dimitrova. Mit einer eleganten Handbewegung lud die Bulgarin den Österreicher ein, weiter zu kommen und öffnete eine andere Tür. „Bitte folgt mir, Durchlaucht.“
„Natürlich!“ Vor dem Fürsten erstreckte sich ein nicht allzu langer Gang, von dessen Decke einige erlesene Kristalllüster mit elektrischen Göbelbirnen bestückt hingen. Trotzdem war der Gang eher spärlich beleuchtet, da nur wenige der Lampen auch brannten. Als Anyana den Gang betrat, leuchteten auf dem ersten Lüster alle Lampen auf und tauchten diesen Abschnitt des Weges in helles Licht. Während sie weitergingen, flammten vor ihnen weiterhin die Lampen auf und erloschen wieder, wenn sie den Bereich der Lampen hinter sich ließen.
„Ich bin durchaus beeindruckt“, bekannte Hametten.
Anyana lächelte sparsam. „Ein paar einfache Druckschalter unter den Dielen, Durchlaucht. Keine Hexerei!“
Eine Augenbraue des Fürsten hob sich. „Tatsächlich!“
„Aber ja! Warum sich anstrengen, wenn ein wenig Metall und Bastelei den gleichen Effekt ergiebt.“
„Eine löbliche Überlegung“, äußerte sich der Fürst anerkennend. „Es sollten mehr Menschen nach dieser Effizienz streben.“
Endlich hatten sie ein bequem eingerichtetes Arbeitszimmer erreicht, und aus einem gemütlichen Sessel erhob sich Jakob, Markgraf von Höllerer. Groß, schlank, das schulterlange Haar aus der bleichen Stirn gekämmt. Er trug einen mehr als eleganten Anzug nach neuester Mode in schwarzer Farbe, ein passender Gehstock lehnte an seinem Schreibtisch.
„Mein lieber Fürst“, verbeugte sich der Markgraf und wies auf einen zweiten Stuhl. „Bitte, nehmt doch Platz! Wie geht es Euch?“
Hametten setzte sich. „Danke, Markgraf, mein Befinden ist ausgezeichnet. Ich hoffe, ihre Schützlinge und Sie selbst sind den Umständen entsprechend wohlauf?“
„Ach, es geht so“, erklärte der Markgraf. „Zumindest haben wir keinerlei Beschwerden! Anyana, ein Glas für den Fürsten!“
„Das freut mich!“ Hametten stockte kurz, als ihm die Frau einen Glaskelch mit roter Flüssigkeit reichte.
„Merlot, Wachau, 1884“, bemerkte Höllerer, und der Fürst kostete vorsichtig.
„Hervorragend“, bekannte er. „Wirklich ein exzellenter Tropfen.“
„Was bringt Euch zu mir, Durchlaucht?“, fragte Höllerer rundheraus und nippte an seinem Glas. Hametten griff in seine Mappe und überreichte Höllerer eine Liste mit vielen Namen.
„Dies, Markgraf, sind Personen, welche eine Bedrohung für das Kaiserhaus und Österreich darstellen könnten. Und sei es nur, indem sie, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, irgendwelche Informationen weitergeben. Auch ihre Familien könnten ein Informationsleck sein. Sie können aber auch durchaus unschuldig sein. Ich will, dass ihre Schützlinge diese Leute überprüfen. Wenn sie unschuldig sind und keine Gefahr darstellen, sollen sie von der Überprüfung nicht das Geringste bemerken. Gibt es allerdings eine Lücke in der Sicherheit des Landes oder unseres Herrscherhauses, dann muss es gestopft werden. Diskret natürlich. Ich will nichts von einer seltsamen Mordserie hören, und auch keine Gerüchte über Vampire, Werwölfe und schwarze Magie. Geht das klar?“ Joseph studierte die Liste, dann wandte er sich an Anyana.
„Was denkst du, Mädchen? Einer der Männer könnte dein erster Außeneinsatz im Dienste ihrer Majestät werden.“ Die jung scheinende Frau lächelte breit und zeigte dabei zwei nadelspitze, lange Eckzähne.
„Hören ist gehorchen, Markgraf Joseph!“
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Im Jahr des Herrn 1723 herrschte in Europa endlich wieder Frieden. Nur vier Jahre vorher, also 1719, hatten Österreichs Truppen im Verein mit jenen der Republik Venedig unter dem Kommando von Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan, die Osmanen aus Ungarn und Rumänien vertrieben. Die habsburgischen Lande erstreckten sich nun vom Bodensee bis zum schwarzen Meer, und die dampfbetriebenen Kanonenschaluppen mit 6 bis 10 schweren Kammergeschützen auf der Donau und, mit großen, ebenfalls mit Dampf angetriebenen Kutschenrädern ausgestattet, auch zu Lande sicherten den Frieden in den neuen Provinzen. Doch seit dem letzten Sieg bei Silistra an der Donau und den nachfolgenden Verhandlungen bis Juni 1720 trübte nur noch der frühe Tod des Thronfolgers Leopold Johann das Glück von Karl VI, Kaiser des Heiligen Reiches deutscher Nation und seiner Gemahlin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel. Der Sohn war keine acht Monate alt geworden, und nun war die 1717 geborene Tochter Maria Theresia bisher das einzige Kind und damit Erbin des Kaisers. Falls nicht doch noch ein Sohn geboren würde, was bei einer Frau mit 32 Jahren allerdings nicht unwahrscheinlich erschien. Daher interessierte sich der Wiener Hof und die Gesellschaft mehr für die neuesten Werke von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, für den fünfzehnten Ludwig, der in Frankreich eben großjährig geworden den Thron bestieg und für die Erhebung Sankt Petersburgs zur Residenz der russischen Zaren.
Nur im Juli wurde das Idyll eine Zeit lang erschüttert. Die sechsjährige Maria Theresia, welche mit ihrer Familie in der neu renovierten Burg Liechtenstein zu Gast war, verschwand mit ihrem Kindermädchen, der Frau von Ziethof, während einer Besichtigung der Höhlen in der Hinterbrühl spurlos. Einige Tage durchsuchten Landjäger die Höhlen und die umliegenden Wälder, ohne eine Spur von den Vermissten zu finden. Dann, eines Tages kamen sie frisch und munter aus einem Höhlenausgang. Nur die Augen der Damen reagierten etwas empfindlich auf die helle Sonne, verständlich nach so langer Dunkelheit. Bald schon sahen beide wieder normal, und erzählten eine sonderbare Geschichte. Maria Theresia wollte sich bei einem der Seen einen Stalagmiten genauer ansehen, dann wären sie plötzlich allein gewesen, niemand war mehr in der Nähe. Sabine, Frau von Ziethof, versuchte ruhig zu bleiben und den Weg zurück zu finden, doch dann war die Laterne ausgegangen. In der tiefen Dunkelheit gefangen, war der Prinzessin und ihrer Gouvernante mehr als bang geworden, dann hatte eine Stimme zu ihnen gesprochen. Sich mit einer Hand gegenseitig und der zweiten an dem Mann festhaltend waren sie in einen großen Saal gekommen, wo bald ein kleines Feuer ein wenig Wärme und Licht spendete. Der Mann hatte sie in ein warmes Fell gehüllt und ihnen zu trinken gegeben. Dann wären sie eingeschlafen und hätten, als sie erwachten, den hellen Ausgang gesehen. Überglücklich wären sie darauf zu gegangen. Dass mehrere Tage vergangen waren, konnten sie zuerst kaum glauben. Wäre die Freifrau von Ziethof nicht trotz ihrer Jugend als derart integre und absolut treue Person bekannt gewesen, hätte die Polizei wahrscheinlich an ein Komplott geglaubt. Wieder schwärmten Soldaten aus und durchsuchten große Teile der Höhlen, doch sie fanden weder den Mann noch das geschilderte Gemach. Man musste aufgeben, denn das unterirdische Labyrinth war einfach zu groß.
Ein Mann betrat allein die Höhle, als die Soldaten endlich abgezogen waren. Er war etwa sechzig Jahre alt und stützte sich auf einen Stock mit wertvollem Knauf. An Kleidung trug er einen unauffälligen langen Rock von waldgrüner Farbe, seine Weste war zierlich mit Goldfäden bestickt und den weißen Strümpfen sah man an, dass sie aus reiner Seide waren. Seine bis über die Schulter reichende Perücke war in der Mode der Zeit zu kleinen Löckchen frisiert und streckte sein langes Gesicht noch mehr. Der nicht sehr große Mann nickte sich selbst noch einmal zu, entzündete seine Laterne und betrat die Seegrotte. Er hatte die Pläne genau studiert und war bereits öfter mit Ortskundigen hier gewesen. Am See angekommen setzte er sich auf einen Stein und wappnete sich in Geduld. Diese wurde auch stark strapaziert, doch dann erschien ein jung aussehender Mann in dunklem, beinahe mönchisch wirkenden Anzug. Er trug keine Perücke, aber lange Haare, im Nacken von einer goldenen Schnalle gehalten.
„Ihr geht nicht mehr so bald weg, oder?“, fragte der Fremde ruhig, und der alte Mann schüttelte den Kopf.
„Nicht bevor ich mit Euch gesprochen habe!“
„Reicht es nicht, dass ich Euch das Kind und die Frau unbeschädigt zurück gegeben habe?“, murrte der langhaarige.
„Interessante Ausdrucksweise, mein Herr“, stellte der alte Mann fest. „Ich hätte den Begriff unbeschadet gewählt!“
„Nun, was wollt ihr, Mann?“
Der Mann mit der Perücke erhob sich seufzend. „Ich habe mir die Erzählungen sowohl des Kindermädchens als auch der Prinzessin Maria Theresia sehr genau angehört. Dabei gab es ein Detail, dass den anderen entgangen ist – oder sie haben es als Einbildung abgetan. Die junge Prinzessin hat geschildert, wie plötzlich ein Zahn zwischen euren Lippen hervor gewachsen und dann wieder verschwunden ist. Ich nehme an…“, der alte Mann wies auf eine Stelle im Gesicht des Anderen. „Etwa hier!“
„Ein Zahn? Gewachsen?“, fragte der Dunkelhaarige erstaunt.
„Ein Zahn! Gewachsen“, bekräftigte der Perückenträger. „Ich habe mich ein wenig mit den Mythen der Gegend vertraut gemacht. Sie gehörte einmal zum Königreich Norikum. Ein keltischer Stamm.“
„Ja? Und?“
„Es gab einen Neach-ghlcaïdh Ahanam, einen Sammler der verlorenen Seelen. Oder, wenn ein moderner Ausdruck erlaubt ist, ein Vampir.“
Der langhaarige Mann lachte laut auf. „Ihr glaubt an Vampire? An Untote? Nun, als lebender Toter müsste ich eiskslt wie jede Leiche sein. Fühlt meine Hand, sie ist ebenso warm wie eure!“
„Wer sagt denn, dass Vampire kaltblütig sein müssen?“ Der Mann rückte seine Perücke zurecht. „Nur weil sie untot sind, was auch immer damit ausgedrückt werden soll? Irgend etwas dem Blutkreislauf ähnliches muss vorhanden sein, etwas muss das Denken am Laufen erhalten. Und, verzeiht wenn ich intim werde, alle Vampire und Vampirinnen werden als sehr sinnliche und erotische Wesen beschrieben. Es ist nicht nur Gier nach Blut, welches sie antreibt, sondern auch – nun, sagen wir, dass etwas für eine Größenveränderung bei einem bestimmten Körperteil führen muss.“
„Ihr seid wohl einer der aufgeklärten Naturphilosophen?“, bemerkte der Mann.
„Sagen wir, ich halte mich für einen gebildeten und denkenden Menschen. Mein Name ist Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan. Wie kann ich Euch ansprechen?“
„Sagtet Ihr nicht etwas vom Sammler der verlorenen Seelen? Aber geboren bin ich als Salghaïr. Als Jäger.“
„Nun, Salghaïr, das Kaiserhaus schuldet Euch etwas für die unbeschadete Rückkehr der derzeitigen Erbin. Und ich denke, das Reich kann solche Menschen wie Euch brauchen. Ihr scheint nicht unbedingt auf Blut angewiesen zu sein?“
Salghaïr lachte. „Es reicht ab und zu Rind oder Schwein. Oder auch Schaf, obwohl es etwas streng schmeckt. Genau genommen sogar salzige Brühe!“
„Ach? Warum sind dann Vampire so hinter menschlichem Blut her?“
„Es ist – eine Gier“, bekannte Salghaïr. „Und natürlich Lust. Als Vampir empfindet man keine Liebe mehr, aber umso mehr…“ Er zuckte mit den Schultern. „Und was habt Ihr zu bieten, wenn ich Eurem Kaiser diene, Eugen Franz von Savoyen-Carignan?“
„Ein Leben ohne Verfolger“, versetzte Prinz Eugen. „Derzeit baut ein gewisser Johann Ludwig von Hildebrandt einen Teil meines Stadtschlosses außerhalb der Stadtmauern Wiens aus. Ich nenne es Belvedere, und der obere Teil mit den Räumen zur Repräsentation ist noch ein wenig klein ausgefallen. Ein unterirdisches Schloss, alles, was Ihr benötigt, und vielleicht ab und zu einen Staatsfeind zum Dessert.“
Der Vampir überlegte kurz, dann nickte er. „Einverstanden, Prinz Eugen von Savoyen-Carignan.“
„Dann benötigt Ihr einen anderen Namen, Salghaïr. Vielleicht Rudolf, Markgraf von Höllerer.“
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Rudolf bewohnte immer noch sein altes unterirdisches Palais unter dem Belvedere, wenn auch mittlerweile unterirdische Gänge seine Wohnstatt mit Schloss Schönbrunn und dem Palais Hametten verbanden und viele seiner Art unter Wien beheimatet waren. Sein Geheimnis war von Kaiser zu Kaiser, von engem Vertrauten des Herrschers zum nächsten weitergegeben worden.

In jeder Generation erfuhr vielleicht eine Handvoll Personen von der Existenz des unterirdischen Volkes von Vampiren. Sie und eine Schar Metamorphen dienten mit ihren speziellen Fähigkeiten dem Haus Habsburg beziehungsweise Habsburg-Lothringen. Denn Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel gebar nur noch Töchter, und so wurde Maria Theresia Herrscherin von Österreich und heiratete Franz Stepan von Lothringen. Den Mann mit dem wachsenden Zahn aber hatte sie nie in ihrem Leben vergessen und ihn, als er eines Nachts im Schloss Schönbrunn vor ihr stand, sofort wieder erkannt. Sie war 52 Jahren alt, seit vier Jahren Witwe und hatte Franz Stephan 16 Kinder geboren. Trotzdem wurden ihre Knie weich, als sie den Vampir ansah, er hatte sich nicht verändert. Und dieser Mann diente immer noch den Vereinigten Donaumonarchien.
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Das Schloss Schönbrunn mit seinen unzähligen Räumen war seit seiner Erbauung im 17. Jahrhundert als Residenz für die Ehefrau von Ferdinand II, Eleonora Gonzaga, schon oft umgebaut und erweitert worden. Das letzte Mal, als man es mit Dampfheizung und elektrischem Licht ausstattete und so aus dem 1743 zum barocken ‚Sommerschloss‘ der Maria Theresia ausgebauten Bauwerk ein ganzjährig gemütlich bewohnbares Gebäude machte. Mit ein Grund, warum die Regentin Helene das Schloss Schönbrunn der bei weitem größeren und prächtigeren Hofburg vorzog. Nun ja, ein paar Jahre noch, dann hätte der Kaiser Franz Rudolph selbst die Wahl, wo er lieber wohnen wollte. Zum 19. Geburtstag ihres Sohnes wäre auch die Renovierung des Wiener Stammsitzes der habsburgischen Kaiser an der Ringstraße endlich abgeschlossen und sie – nun, sie würde noch am selbem Tag zurücktreten und ihrem Sohn die Regierungsgeschäfte ganz offiziell übergeben, der amtierende Kardinal Erzbischof von Wien würde Franz Rudolph im Dom zu Sankt Stephan feierlich salben und zum Kaiser krönen. Sie wäre dann als Regentin sozusagen im Ruhestand, auch wenn sie selbstverständlich weiter eine beratende Stelle am Hof einnehmen würde. Vorausgesetzt natürlich, der Kaiser wünschte dies. Mit ihren 59 Jahren wäre Helene dann noch immer keine wirklich alte Frau, und ein wenig Spaß würde das Leben für sie wohl doch noch bereit halten. Hoffentlich! Sie lächelte, als sie durch die große Galerie schritt, vorbei an den hundert Mal gesiebten und geprüften Wachposten des Gardebataillons Nummer Eins in ihren flaschengrünen rotgesäumten Röcken, goldenen Epauletten und Schnüren. Auf dem Kopf die Pickehaube, welche völlig unter dem Busch aus Rosshaar verschwand. Einer nach den anderen zog, wenn sie an ihm vorbeikam, seinen Säbel und grüßte damit.
Ein paar gute Eigenschaften musste Helene ihrem verstorbenen Gatten Franz Joseph schon zugestehen, immerhin hatte er ihr vier recht gut gelungene Töchter und einen kräftigen und aufgeweckten Sohn geschenkt. Und man musste ihm zu Gute halten, er war in der Hochzeitsnacht ein zärtlicher und geduldiger Mann gewesen, der es verstanden hatte, auch in ihr die Leidenschaft zu erwecken. Seine Seitensprünge – nun, sie fand leicht Trost. Und was die Erbfolge anging, so gab es seit geraumer Zeit Präservative, seit 1855 sogar aus ganz dünnem Latex, womit auch der Liebhaber durchaus auf seine Kosten kam und seinen Spaß hatte. Nun, Franz Joseph hatte es geschafft, ihr Feuer zu entfachen, und es wollte danach eben ab und zu auch gelöscht werden. Auch heute noch. Helene blieb stehen und klopfte an eine der unzähligen Türen.
„Bist du in Dezenz, Kleines?“
„Falls du allein bist, dann komm ruhig herein, Chére Maman!“
Erzherzogin Valerie Theresia war ziemlich groß, ganze 192 Zentimeter, eine schlanke, ätherisch wirkende junge Frau, deren dunkle Locken lang über Rücken fielen. In ihrem schmalen Gesicht wölbten sich volle Lippen unter einem kecken Stupsnäschen, das beiderseits am Rücken allerliebste kleine Fältchen zeigte, wenn sie lächelte. Ihr kleiner Busen war rund und fest, ebenso der Po, ihre Beine waren lang und durchtrainiert. Sie war etwas größer als ihre Schwester Maria Sophia, aber nicht ganz so breitschultrig und muskulös gebaut. Allerdings war ihr Wille nicht schwächer, nur ihre Methoden, diesen durchzusetzen, waren weniger offenkundig und direkt.
„Was meinst du?“ Valerie hatte, nur mit einem Subligaculum bekleidet, in den Händen ein cremefarbenes langes, schulterfreies Kleid. „Dazu diesen roten Gürtel und die roten Stiefeletten und Handschuhe.“ Während sie sich umdrehte, griff die Prinzessin nach einem anderen Kleid. „Oder lieber das in Aprikot, mit der dunklen Spitze am Ausschnitt?“
„Was ist das für ein Höschen?“ Helene schnappte nach Luft. „Da ist ja von hinten gar nichts mehr davon zu sehen!“
„Der neueste Schrei aus den Revuetheatern in Wien, mon cher Maman. Das hebt den Cancan in ganz neue Dimensionen.“
„Das glaube ich sofort!“
„Maman, man muss halt mit der Zeit geh‘n.“ Erzherzogin Valerie verdrehte die Augen nach oben. „François Louis wird sich sicher nicht von so einer brav‘n Bux‘ oder einer Culotte beeindruck‘n lassen. Was trägst denn du eigentlich unter deinem Kleid?“
„Eine Création von Maître Pierre-François-Pascal Guerlain“, schmunzelte Helene. „Du weißt schon, dass es heute erst der Verlobungsball ist. Möchtest du ihm denn heute schon dein Doux Secret zeigen?“
„Was, mein Buscherl herzeigen? Eigentlich nicht, aber den Popsch kriegt er vielleicht noch zu seh‘n“, kicherte Valerie. „Man muss dem Mannsbild ein wengerl einheiz‘n, ihm zeig‘n, was ihn erwartet. Und dann muss er bis zur Hochzeit wart‘n, bis er’s kriegt, weil er nachher die nächste Zeit nicht mal in’s Puff geh’n kann. Ja, ich kann recht gemein sein, wenn ich will. Ich hab‘ mir `dacht, Maître Guerlain wär‘ ein Parfumeur?“
„Oh, das ist er ja auch. Die Création nennt sich Eau Impériale! Ein Tupf hier und einer da!“
„Maman“, rief Valerie Theresia. „Du meinst, du tragst… Und da regst du dich wegen mein Seidenhoserl auf?“
„Ach Kind, ich bin immerhin 55 Jahre alt.“ Die Regentin hob die Schultern. „Da muss man schon ein wenig mehr in ein etwas größeres Schaufenster legen, wenn man Erfolg haben will. Du bist erst 23, da hat es Frau noch leicht!“
„Ach. Reicht dir der Kardinal Erzbischof Langer leicht nimmer, oder kommt er heut‘ nicht?“ Valerie wackelte direkt obszön mit den Augenbrauen.
„Ich habe mir da vielleicht ein freches Stück herangezogen“, tadelte Helene schmunzelnd. „Aber wenigstens muss ich dir nichts mehr über die Hochzeitsnacht erzählen. Du darfst nur nicht das…“
„…das Blut vergessen. Ich weiß schon. Damit’s Leintuch ein paar Fleck‘n kriegt, wenn in der Früh‘ die Moralapost‘l kontrollier‘n kommen“, verzog Valerie das Gesicht. „Solange nur der François mitspielt.“
„Das wird er schon“, versprach Helene. „Er weiß schon, dass er keine Jungfrau bekommt, Roxane Solange weiß es, und Charles Joseph weiß es garantiert auch. Aber du darfst halt ohne Condom nur mit dem Franz Ludwig vö… – äh…“
„Ja, ist recht. Ich weiß eh schon“, winkte die Prinzessin ab. „Zum Glück gibt’s die Dinger in Paris ja an jeder Straßenecke. Wie wohl die Maria in Abessinien ihr’n Nachschub organisiert?“
„Allmählich fürchte ich, dass deine Schwester auch ohne diese Dinger nicht schwanger wird. Sonst hätte es schon passieren müssen, aber – na ja, es gibt halt Frauen, die nicht empfangen können, egal was sie versuchen. Da kann man leider auch nichts machen!“
=◇=
Vom Schloss aus gesehen hinter der Gloriette im Schlosspark von Schönbrunn stand die Fasangartenkaserne, wo die vier Regimenter des Infanteriebataillon Nummer 4, der Hoch- und Deutschmeister als die Nachfolger des ‚Deutschen Ritterordens‘ stationiert waren. Und natürlich auch die Wachposten des Schlosses Schönbrunn sowie die Garderegimenter. Hier befand sich auch der k.u.k. Hoflufthafen mit einer maximalen Kapazität von 6 mittleren Schiffen und einem großen. Die große k.u.k. Luftyacht KRONPRINZ FRANZ JOSEPH lag üblicherweise in Laxenburg, und die allerhöchste Familie begab sich mit der wesentlich kleineren AUGUSTINE vom Schloss Schönbrunn dorthin. Den Hoflufthafen hinter der Gloriette flog nun die AIGLE an, als sie die französische Kaiserfamilie zur Verlobungsfeier nach Schönbrunn bringen sollte. Das Gebäude des Hoflufthafens war äußerlich eine Stahl- und Glaskonstruktion mit elegant geschwungenen Formen, die der Hofschlosser Ignaz Gridl nach den Plänen des Hofarchitekten Franz Xaver Segenschmid baute. Das Gebäude erinnerte an einen der alten Raddampfer in voller Fahrt, mit Rammbug und Türmen an den Seiten und in der Mitte. 1880 wurde nach beinahe den gleichen Plänen auch das Palmenhaus im Schlosspark von Schönbrunn gebaut. Ein Fahrstuhl brachte die Passagiere in die Tiefe, wo eine elektrische Untergrundbahn den Lufthafen mit dem Kellergeschoss des Schlosses und dem 1849 unter Franz Karl gebauten Gästehaus auf der anderen Seite des Wienflusses an der Schlossallee verband. Die Stationen waren mit fein geädertem, weißen Carrara-Marmor ausgelegt, welcher nun mit den Fahnen der Habsburger, welche den schwarzen Doppeladler auf goldenem Grund zeigten und den blauen Fahnen mit dem goldenen Bonaparte-Adler Frankreichs verziert war.
Die Garde der Habsburger war in der Halle des Lufthafens angetreten und trug die klassischen dunkelgrünen Uniformröcke der Palastwache zu schwarzen Hosen mit breiten roten Streifen, einem Pickelhelm mit Rosshaarbusch und weißen Handschuhen bestand. Ihre Bewaffnung bestand neben den Mannlicher-Repetiergewehren der k.u.k. Armee mit zweischneidigem Bajonett auch aus einen Säbel mit Portepee. Dazu trugen die Soldaten hohe Schnürschuhen, deren Sohlen an Spitzen und Fersen Metallscheibchen aufwiesen. Damit es beim Exerzieren auch richtig schön laut knallte und hallte. Als kaiserliche Familie Frankreichs stand den Bonapartes ein wirklich großer Empfang zu, ein gesamtes Garderegiment. Zweihundert Mann standen sich in je vier Reihen gegenüber, das Gewehr bei Fuß, zwischen sich einen roten Teppich. Der Lift, welcher an die Luke der AIGLE gedockt war, sank herab und stoppte, die Türen glitten auseinander und Charles Joseph Napoleon IV Bonaparte trat in seiner dunkelblauen Uniform und dem in Gold gesäumten und betressten Überrock mit den goldenen Ärmelaufschlägen und Epauletten als erster aus der Kabine. Oberst Konrad Baron Lassitz brüllte sein „Haaabt acht“, 400 Fersen knallten synchron aneinander, 200 Gewehreläufe wurden an die Oberschenkel gerissen. „Das Gewehr prääsen-tiert!“ Die Gewehre wurden hochgerissen, an der Mitte genommen, noch stärker angehoben und die rechten Hände in Bauchhöhe an die Gewehrschlösser gelegt. Dann machte der Oberst kehrt und salutierte vor dem Gast. Die Militärkapelle intonierte die ziemlich schwungvolle französische kaiserliche Hymne ‚Vive l’empereur Napoléon‘ von Hector Berlioz und danach das eher getragene österreichische ‚Gott erhalte, Gott beschütze‘ von Franz Joseph Haydn. Danach ging die Regentin Helene mit ihrem Sohn Franz Rudolph von einem Ende des roten Teppichs los, während Charles Joseph, Roxane Solange und François Louis von ihrer Seite her die Ehrengarde abschritten. In der Mitte trafen sie einander, und Charles küsste die Hand der Regentin, während der in die österreichische Gardeuniform gekleidete vierzehnjährige Franz Rudolph jene von Roxane Solange küsste, dann salutierten Kaiser und Thronfolger voreinander, während die Damen nach einem Hofknicks voreinander eine Umarmung andeuteten und jeweils vier Küsse in die Luft hauchten.
Letztendlich hatte sich Prinzessin Valerie Theresia für das cremefarbene Kleid mit den roten Accessoires entschieden, und darin schwebte sie Abends pünktlich der vorher festgelegten Choreographie folgend die große Treppe des Schlosses herunter, während sie die Gäste unten im Festsaal bereits erwarteten. Natürlich waren viele Würdenträger des französischen Hofes zu diesem Ball angereist, und auch die anderen europäischen Staaten hatten durchaus hochrangige Vertreter zu diesem Ereignis entsandt. Es geschah immerhin nicht so oft, dass eine erste offizielle Begegnung vor einer Verlobung auf allerhöchster Ebene stattfand. Das laute Pochen eines Stabes machte die Gäste darauf aufmerksam, dass es Zeit war, sie öffneten eine Gasse für die Braut in spe, die Herren verneigten sich tief, die Damen machten den Hofknicks, während Valerie Theresia lächelnd an ihnen vorüber schritt und hier und da jemandem zunickte oder gar winkte. Charles Joseph Napoleon Bonaparte und Roxane Solange de Beauvoise wichen etwas zur Seite, ebenso Helene und Franz Rudolph, sodass nur noch François in seiner mittelblauen Gardeuniform mit den vielen goldenen Schnüren am Ende des Ganges aus Personen auf seine künftige Braut wartete. Von irgendwo her tauchte der Zeremonienmeister Istvan Freiherr Waraszen auf und stieß seinen Stab drei Mal lautstark auf den Boden.
„Es ist mir eine Ehre, Euer kaiserlichen Hoheit den Dauphin von Frankreich, Prinz François Louis Napoleon Bonaparte, Herzog der Dauphiné, Graf von Isere, Träger des Ehrenkreuzes der Legion, des Dionysoskreuzes, des Ordens für besondere Verdienste, Colonel der Garde von Paris vorzustellen. Euer kaiserliche Hoheit, ich darf Euch Prinzessin Valerie Theresia von Habsburg, Prinzessin von Österreich, Bayern, Ungarn, Böhmen und Illyrien, Herzogin von Piemont vorstellen.“
„Ich bin erfreut, Monsieur le Prince!“ Valerie hob ihre behandschuhte Hand und François Louis beugte sich darüber, während er die Haken zusammen schlug.
„Madame la Princesse! Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Darf ich Euch sagen, dass Ihr sehr schön seid, Erzherzogin?“
„Das hört jede Frau gerne, Dauphin“, lächelte die Österreicherin. „Auch wenn es nur ein nett gemeintes Kompliment ist!“
„Ihr verkennt mich, meine Liebe!“ François hielt die Hand Valeries immer noch in seiner.
Jetzt setzte auch das Orchester mit den ganz neuen Johann Strauß Walzer Sinnen und Minnen wieder ein, und die Beiden konnten leise mit einander sprechen, ohne dass der ganze Saal es hörte.
„Ich meine es völlig ernst! Darf ich Euch um…“
„So schnell, mon Dauphin? Ohne vorher ein wenig zu plaudern und zu schäkern?“ Die Prinzessin zog einen Schmollmund.
„… den nächsten Tanz bitten, verehrteste Cousine,“ lachte der Franzose amüsiert. „Das andere haben doch unsere Mütter schon lange beschlossen. Wir dürfen dann ja und Amen sagen und irgendwann heute Abend das Verlöbnis bekannt geben!“
„Ihr liebt mich also gar nicht, mein Herr“, neckte Valerie, sich echauffiert gebend. „Nein, keine Sorge, mon Cousin. Ich weiß recht gut Bescheid über euren Lebensstil, und ich hoffe, der meine ist Euch nicht gänzlich fremd.“
„Nun! Nach allem, was man mir über die österreichischen Prinzessinnen erzählt hat, schätze ich einmal, Ihr seid schon lange keine Jungfrau mehr. In der Hochzeitsnacht werden wir eben ein wenig tricksen müssen!“ Valerie und François hatten bereits Kilometer im Dreiviertel-Takt getanzt und benötigten keine Konzentration mehr, um den Takt zu halten.
„Wir haben also ein durchaus ähnliches privates Verhalten und müssen uns eben damit abfinden, dass es eine politische Hochzeit wird“, stellte Valerie fest. „Wir können untereinander also auf verliebtes Gesäusel, Geturtel und großartige Floskeln verzichten. Lächeln, François, ich sagte untereinander. In der Öffentlichkeit sind wir doch ab heute ein Liebespaar. Ganz schwer ineinander verliebt.“ Mit einem strahlenden Lächeln blickte Valerie François in die Augen, dessen Mundwinkel sich wieder nach oben bewegten. Ein Jouer für die Gäste, auch wenn diese ohnehin Bescheid wussten. Der Schein, der heilige Schein musste auf jeden Fall gewahrt bleiben.
„Ich gestehe, meine liebe Valerie, dass Ihr mich schon ein wenig überrascht. Bei eurer Schwester habe ich mit solch direkten Worten gerechnet, aber bei Euch?“ Während einer Tanzfigur legte sich Valeries Hand mit einer zärtlichen Geste an die Wange des Dauphin.
„Mein armer Cousin. Ich mag Euch, François, ganz ehrlich. Und ich respektiere Euch auch, als Mensch und als Thronfolger. Aber woher soll denn die Liebe kommen, wenn wir noch nie mehr als ein paar mehr oder weniger offizielle Phrasen gewechselt haben? Vielleicht erblüht l’Amour ja noch, wenn wir uns erst näher kennen lernen.“
„Damit kann ich leben“, lachte der französische Prinz.
„Und ich verspreche Euch, mein lieber Cousin, dass alle meine Kinder ausschließlich von Euch sein werden, solange Ihr lebt“, strahlte Valerie ihn an.
„Le Parsienne?“ schmunzelte der, und Valerie nickte.
„Oder le Bijous! Und ich wünsche von Euch das gleiche, mein Dauphin. Ich weiß sehr wohl, was ein Kavaliersschnupfen ist. Wenn auch bislang nur aus der Theorie. Ich gestehe aber, wenig Interesse zu haben, selbst daran zu erkranken und die Symptome in der Praxis kennen zu lernen.“
„Das ist – fair, nehme ich an.“
„Lächeln, François, nicht auf das Lächeln vergessen. Wir sind verliebt, mon Cousin. Es ist sogar sehr fair, ebenso wie der Arzt, den ich aus Wien mitbringen und Euch regelmäßig auf den Hals hetzen werde! Lacht doch noch einmal, Cousin!“
„Ihr verhandelt hart, Cousine“, schluckte Franz Ludwig. „Und wenn ich mich einmal nicht daran halte?“
Valerie lachte glockenhell auf. „Dann werdet Ihr Euch wünschen, es doch getan zu haben. In mein Bett solltet Ihr dann nicht mehr kommen, wenn Euch an eurem Bite etwas liegt. Das verspreche ich Euch. Lächeln, Cousin, lächeln!“
„Soeben hat sich mein Bite irgendwo in der Magengegend versteckt. Nun gut, ich werde keinen Kavaliersschnupfen mit nach Hause bringen, und auch sonst keine venerischen Krankheiten.“

„Dann, mein lieber Cousin, sind wir uns ja einig!“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Wollt Ihr mich auf einen Spaziergang begleiten, mein Prinz?“
„Aber ja, meine Prinzessin“, bot er ihr den Arm, und sie nahm ihn.
„Keine Sorge, François, es wird heute keine schlimmen Überraschungen mehr geben. Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte, jetzt möchte ich wirklich nur noch ein wenig mit Euch plaudern, Euch noch ein wenig näher kennen lernen. Welche Musik zieht Ihr denn vor, vom Cancan einmal abgesehen? Und gibt es die Möglichkeit für mich, in Paris eine solche Revue einmal selbst zu sehen?“
„Ihr überrascht mich, ma Cousine.“ François blieb stehen und sah Valerie an. „Wollt Ihr wirklich leicht geschürzte Mädchen auf der Bühne die Beine heben und den Busen entblößen sehen?“
„Aber ja, natürlich. Warum denn nicht?“ Sie zog den Prinzen weiter. „Wenn sie gut gebaut sind?“ Das Bild, das sich in seine Gedanken schlich, ließ den Mund des Dauphin trocken, seinen Herzschlag schneller und seine Hose enger werden.
„Wenn ich Euch recht verstanden habe, seid Ihr der Bewunderung hübsch gebauter Frauen nicht abgeneigt?“ François Louis Bonaparte leckte seine Lippen.
„Ach, mon Cousin, wie ich sehe, dieser Gedanke erregt Euch sogar“, schmunzelte Valerie nach einem Blick auf das kaiserliche Gemächt. „Zumindest sollte ich in der Hochzeitsnacht also nicht enttäuscht werden!“ Sie legte ihre Unterarme auf die Brüstung des Säulenganges, der dünne Stoff über den rückwärtigen Backen der Prinzessin ließ der Phantasie des Dauphins wenig Spielraum.
„Valerie, ich glaube, ich sehe einer überraschend erfreulichen Zukunft entgegen.“ Der Atem des Dauphin ging bereits ein wenig schwer, seiner breiten Brust entrang sich ein Seufzer. Valerie stieß sich ab und drehte sich zu ihrem baldigen Verlobten um.
„Werdet Ihr mir die hübschesten eurer Gespielinnen vorstellen, mon Dauphin?“
„Ich werde Euch sogar ein gewisses Mitspracherecht einräumen, ma Cousine“, versprach der Kronprinz.
„Einverstanden. Das ist gut, François.“ Valerie wurde wieder ernst. „Die ersten Bauingenieure sind schon unterwegs nach Paris. Der soziale Wohnbau ist mir wirklich ein großes Anliegen, wir werden es mit deiner Zustimmung gleich in Angriff nehmen.“
=◇=
Mit zufriedenem Lächeln hatte Roxane Solange beobachtet, wie ihr Sohn mit Valerie davon tanzte. Die zukünftige Braut hatte François angestrahlt, und auch wenn der zwischenzeitlich kurz ein ernstes Gesicht machte, hatte auch er zufrieden gewirkt. Dann war Franz Rudolph vor sie hingetreten, hatte mit den Haken geknallt und sich vor ihr verbeugt.
„Madame gestatten?“ Heiliges Protokoll, danach mussten die ranghöchsten Anwesenden als erste nach den Ehrengästen tanzen. Die Französin hatte mit einem tiefen Hofknicks reagiert.
„Es ist mir eine Ehre, Sire.“ Dann hatte Franz Rudolph ihre Taille umfasst und sie für den Tanz an sich gezogen, der Wiener Walzer bedingte nun einmal eine enge Tanzhaltung unter dem Bauchnabel. Der Thronfolger der Vereinigten Donaumonarchien war für sein Alter bereits recht groß, es fehlte ihm nicht mehr viel auf 166 Zentimeter. Roxane selbst war nur wenig größer, und sie bemerkte, dass der junge Mann nur mit Mühe den Blick von ihrem großzügigen Dekolleté lassen konnte und erfühlte sehr wohl die erwachende Männlichkeit des Knaben. Sie lächelte amüsiert in sich hinein, seine Gouvernante würde an diesem Tag wohl ihr Geld mit langen Überstunden verdienen müssen. Man merkte die Anstrengungen des Prinzen, den Tanz mitsamt dem leichten Geplauder mit Würde zu überstehen. Aber natürlich war Franz Rudolph hervorragend ausgebildet, und so war keine wirkliche Peinlichkeit entstanden. Als der Walzer ausklang, führte der Prinz Roxane in eine elegante Drehung und verbeugte sich, während sie wiederum einen Knicks machte.
„Madame möchten mich bitte entschuldigen, es wird Zeit, mich zurück zu ziehen!“ Franz Rudolph küsste der französischen Kaiserin galant die Hand.
„Natürlich, Sire. Ich verstehe das vollkommen“, antwortete Roxane mit feinem Lächeln. Dann beobachtete sie, wie der Thronfolger zu Frau von Lipperth, seiner Hausdame, ging und sie mit sich zog. Im Gedanken wünschte Madame de Beauvoise dem Jungen viel Spaß. Dann hielt sie einen Lakaien auf und nahm sich ein Glas Champagner. Müßig schlenderte sie durch die Räumlichkeiten und betrachtete das bunte Treiben. Plötzlich stockte ihr Schritt. Charles Joseph Napoleon, ihr Gatte, ging mit Helene, der Regentin der Vereinigten Donaumonarchien in einen Nebenraum, ein Diener schloss die Tür und bezog davor Aufstellung. Nicht, dass sie zur Eifersucht neigte, aber wenn Charles sich mit einer Frau wie Néné zurück zog, war es nicht aus amourösen Gründen. Ganz bestimmt nicht. Hier konnte nur Politik im Spiel sein, und Roxane Solange hasste es, davon ausgeschlossen zu sein und nicht mitbestimmen zu dürfen.
„Madame gestatten bitte!“ Ein großgewachsener Gardeoberst salutierte vor Roxane. Mit Mühe, aber würdevoll lächelnd akzeptierte sie die Aufforderung des Offiziers zum Tanz.
=◇=
Ganz unrecht hatte Roxane nicht. Denn wenn auch Néné auf ihre etwas herbe Art recht gut aussah, so fiel sie doch nicht so ganz in das Beuteschema des Empereur. Sie war zu groß, zu kräftig und – man konnte es nicht höflicher sagen, zu alt, obgleich der Franzose nur ein Jahr jünger als die Regentin war. Aber Charles mochte seine Gespielinnen lieber klein, zierlich und nicht älter als fünf- oder sechsundzwanzig. Auch Roxane war mit zwanzig genau so gewesen, als sie den sieben Jahre älteren Charles geheiratet hatte. Nach der Geburt ihres Sohnes war es ihr gelungen, ihre Figur wieder zu finden, drei Jahre später, als Nicolette Justine auf die Welt kam, wurden die Brüste voller, die Hüften blieben breiter und die gesamte Figur nicht dick, aber etwas mollig. Ein Grund für Charles, das Bett seiner Angetrauten nur noch selten aufzusuchen. Und Roxane Solange fand etwas, das für sie noch weit erregender als die Umarmungen eines Mannes war. Das Spiel mit der Macht. Und so setzte sie ihre Gunst ein, um die mächtigsten Männer Frankreichs an sich zu binden und als Verbündete zu gewinnen. Sie wollte allerdings keine Revolution anzetteln, die Macht als graue Eminenz im Hintergrund, welche die echte Macht ausübte, reichte ihr völlig. Daher wählte sie ihre Hofdamen mit Bedacht – nach Aussehen und Neigung. Mit Erfolg. Dass sie selbst nun schon einige Zeit die Marionette einer anderen war, bemerkte sie nicht.
Selbstverständlich hatte Charles seinerseits Néné zum Tanz aufgefordert, alles andere wäre ein Affront und völlig unmöglich gewesen. Auch wenn er den Tanz als solchen nicht wirklich genoss.
„Es sieht so aus, als wären unsere Kinder dabei, ihre Angelegenheiten zu regeln“, plauderte Helene lächelnd, und der Kaiser lächelte zurück.
„Es sind politische Verhandlungen, ma cher Cousine. Mit einem Lächeln im Gesicht und harten Tatsachen hinter netten Worten!“
„Das, mon Cousin, ist genau das Wesen der Diplomatie. Am Ende sind beide nicht völlig zufrieden, haben aber ein Abkommen wurde getroffen, mit dem beide Leben können!“
Napoleon IV zuckte mit den Achseln. „Ich denke, das ist auch das Wesen der Ehe. Zumindest, wenn man Rang und Namen hat!“
„Aber Mon cher Empereur, warum denkst du, dass eine Beziehung oder Ehe ohne Diplomatie lange gut gehen könnte?“ Sie folgte der Führung des Kaisers und wechselte die Drehrichtung. „In einer guten Beziehung ist Höflichkeit und Diplomatie noch wichtiger als unter Fremden!“ Der Walzer verklang, und Charles küsste die Hand Helenes.
„Ich danke für diesen Tanz, Cousine. Es war ein ausgesprochenes Vergnügen.“
„Charmeur!“ Néné zwinkerte. „Ich bitte dich, mir zu folgen, ein kleines Stübchen, wo uns niemand stören wird, erwartet uns!“
„Das ist – nun, ich möchte nicht unhöflich sein, aber…“. Charles wurde sichtlich verlegen.
„Zum Reden, Cousin, nur zum reden“, lachte Néné. „Und wir haben einiges zu besprechen. Ohne Zeugen!“
„Dann wird es mir ein Vergnügen sein“, bot er ihr den Arm an, und sie hakte sich unter. „Auch wenn ich vorsichtig sein muss. Ich habe die Staatsgeschäfte ehrlich gesagt zu lange vernachlässigt. Jetzt hat meine Frau eine ziemlich mächtige Allianz hinter sich, und Madame de Cartaille hat ebenfalls nicht wenige Anhänger in ganz Frankreich. Und diese Hellseherin ist derzeit die mächtigste Person in meinem Reich. Wahrscheinlich sind alle Hofdamen, deren Gunst ich mich erfreuen durfte, von dieser Madame de Bouffée bereit gestellt worden.“
Der Diener hatte die Tür des Kämmerchens geschlossen, und nicht einmal die Gemahlin des französischen Kaisers würde an ihm vorbei kommen. Néné goss Champagner in zwei Glasflöten und reichte Charles eine davon.
„Das ist der beste Exportartikel deines Landes“, schwärmte sie. „Das, und der Weinbrand aus der Cognac. Warum hinkt Frankreich eigentlich wirtschaftlich so hinterher, Charles. Die Armee Frankreichs ist die größte Europas und bekommt die moderne Ausrüstung, aber beim Volk kommt nichts an. Noch nicht einmal ein Dampfnetz in Paris, von elektrischem Strom gar nicht zu reden. Außerdem haben große Teile deines Volkes zu wenig zu essen und kein Dach über dem Kopf.“
Der Kaiser sah in sein Glas und überlegte lange. „Ich bin dem Gedanken aufgewachsen, dass Frankreich von Feinden umgeben ist. Vor allem England, dann natürlich die belgisch-niederländischen Länder. Der deutsche Bund, obwohl mein Uropa Canada nur mit den von den Deutschen gekauften Dampfschiffen erobern konnte. Russland könnte jederzeit von Alaska aus unsere canadischen Gebiete überfallen, im Süden und in Africa sind die Spanier und Portugiesen auch noch mit im Spiel. Das kleine Frankreich steht allein gegen eine Unzahl von Feinden, Helene. Frankreich war einmal eine große Macht, und das Volk erwartet von mir…“
„Brot und Wohnraum, Cousin“, unterbrach Néné. „Großreichträume halten ein Volk eine gewisse Zeit bei der Stange. Aber wenn sich zu Hause nichts ändert und weiterhin dünne Suppe auf den Tisch kommt, dann brauchst du noch mehr Geld für Spitzel und Geheimpolizisten, als fehlende Nahrungsmittel kosten. Wenn das Volk dann ins Ausland schaut und überall elektrisches Licht, Dampffahrzeuge und öffentlichen Verkehrsmittel sieht, dann möchte der kleine Mann das auch. Und jetzt ehrlich – bekommt er es, wenn die Donaumonarchien in Frankreich aufgehen? Nein, denn dann muss alles in eine noch größere Unterdrückungsmacht gesteckt werden, damit das Volk nicht aufbegehrt. Du solltest anders herum vorgehen. Mein Schwiegervater hat das richtig erkannt, und jetzt stehen die verschiedenen Völker unserer Monarchien nicht mehr gegeneinander, sondern füreinander. Ohne Zwang und Denunzianten. Noch ein Glas?“
„Ja, bitte!“ Charles trank rasch aus und hielt Helene sein Glas entgegen. Diese reichte ihm die Flasche und schüttelte das ihre. „Natürlich, entschuldige. Ich bin es so gewöhnt, dass – nun ja.“ Gekonnt füllte der Franzose die Gläser, ohne etwas zu verschütten. „Du hast leicht reden, Helene. Österreich ist mit Deutschland in einem ziemlich festen und mächtigen Bündnis. Frankreich aber hat niemand.“
„Und warum ist das so?“, fragte Néné. „Weil Frankreich immer bestimmen will. Die ganze Welt soll nach der Pfeife von Paris tanzen und froh sein, dass die Grande Nation den Takt vorgibt. Aber in der Zwischenzeit verhungern die Ärmsten der Armen und erfrieren auf den Straßen der französischen Städte. Ist es das wert?“
„Die Glorie Frankreichs ist alles Wert und verlangt nun einmal Opfer von jedem!“
„Die Glorie Frankreichs“, wiederholte Helene leise. „Was ist denn die Glorie ohne Menschlichkeit Wert?“
„Alles!“, betonte Charles. „Was ist ein Land ohne seine Ehre und seinen Stolz?“
„Was ist ein Volk ohne essen, weil zwar fruchtbare Böden vorhanden sind, aber die große Armee der Bevölkerung alles wegfrisst?“, gab Néné zurück. „Und durch diese riesige Armee fehlen Hände für die Ernte. Maschinen benutzt man in Frankreich ja auch nicht für die Landwirtschaft. Und kaum in der Industrie, außer den alten exothermischen Kesseln, deren Qualm alles verstinkt und trotzdem ungenügende Leistung erbringt.“
„Wir haben auf unseren Gebieten nur wenige Rohstoffe für das Dampfpulver“, musste Napoleon zugeben. „Wir produzieren gerade genug für unsere Armee und eine gewisse Reserve, damit wir durchhalten können, wenn wir angegriffen werden.“
„Mon Ami, niemand will Frankreich überfallen – außer vielleicht die Engländer, die Canada zurück wollen.“ Helene nahm noch einen Schluck von ihrem Schaumwein. „Und selbst Britannien wird auf einen Anlass warten. Die Weltöffentlichkeit ist heute im Zeitalter der unzensierten Presse und der Telegraphie nicht mehr so leicht hinters Licht zu führen und verurteilt üblicherweise ungerechtfertigte Kriege. Und kein Haus in Europa möchte das andere zu mächtig werden sehen. Das wird das noch junge Haus Habsburg-Bonaparte noch lernen.“
„Habsburg-Bonaparte?“, fuhr Charles auf.
„Natürlich“, lächelte die Erzherzogin. „Erinnere dich doch. 1810 heiratet Marie Louise von Österreich Napoleon Bonaparte. Das ältere, höhere Haus wird immer zuerst genannt.“
„So etwas würde das französische Volk niemals akzeptieren!“ Charles ballte seine Faust.
„Und doch wird dein Enkel wieder genau das sein“, bohrte Helene weiter in der Wunde. „Wann wurde der erste Bonaparte Kaiser Frankreichs? 1799 Konsul, 1804 Kaiser, wenn wir großzügig rechnen, spielt dein Haus knapp 90 Jahre eine bemerkenswerte Rolle. Also höre auf eine Dynastie, die wirklich Erfahrung gesammelt hat. Sorge für Wirtschaft und Landwirtschaft. Gib deinem Volk zu essen, Charles Joseph Napoleon IV Bonaparte! Und dein Volk wird dich dafür mehr lieben als für die Eroberung von halb Österreich. Was uns zu einem weiteren Punkt bringt. Die Donaumonarchien garantieren, Frankreich nicht anzugreifen. Solltest du jedoch auf die Idee kommen, uns oder unsere Verbündeten anzugreifen, dann wird Frankreich die gesamte Wut unserer Soldaten zu spüren bekommen. Überall auf der Welt. Und Valerie Theresia wird dir als Geisel nichts nützen. Gar nichts.“ Plötzlich schwang Eiseskälte in der Stimme der Regentin mit, Charles Joseph erschauderte plötzlich. „Wir werden dafür sorgen, dass das Haus Bonaparte einen solchen Schritt bitter bereuen würde. Aber das ist sicher nicht nötig“, fuhr sie im Plauderton fort, der Franzose fragte sich, ob er diese Kälte wirklich verspürt hatte.
„Nun, ich habe nicht vor, einen Krieg zu beginnen“, verkündete er.
„Gut! Nächster Punkt. Versuche nicht, meinem Sohn etwas anzutun, damit François Louis den Thron der Donaumonarchien besteigen kann“ wieder schlich sich ein stahlharter Unterton in die Stimme Helenes. „Es würde nicht klappen!“
„Ich habe nicht vor, Franz Rudolph etwas antun zu wollen“, fuhr der Franzose auf. „Das hätte doch keinen Sinn! Selbst wenn Maria Sophia sich zurück reihen ließ, kommt doch vorher noch Pavel Alexandrowitsch Romanow, der Ehemann von Elisabeth Anna.“
„Roxane Solange hat es vor, Cousin, da sind wir uns ganz sicher. Bremse sie besser ein, oder – nun, ich will nicht drohen, aber es wäre ratsamer. Und nun, mon Ami, möchte ich deiner Rückkehr zu deiner Mätresse nicht mehr im Wege stehen! Viel Vergnügen noch auf dem Ball!“ Helene erhob sich und drückte auf einen elektrischen Schalter, welcher ein dezentes Signal vor der Tür auslöste. Sofort öffnete der Lakai die Tür, und die Regentin der Vereinigten Donaumonarchien schritt zurück in die öffentlichen Räumlichkeiten des Schlosses Schönbrunn und mischte sich wieder fröhlich plaudernd unter ihre Gäste.
=◇=
Wilhelmshaven
Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen aus dem Hause der Hohenzollern, durch Gottes Gnade unter dem Thronnahmen Wilhelm II Kaiser des Deutschen Reiches, König von Preußen, Fürst von Brandenburg, Meister des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, Protektor des Johanniterordens und Träger von mehreren internationalen Rittertiteln hatte seinen linken Arm, der ab der Schulter aus einer durch Vaporid betriebenen Prothese bestand, auf den Rücken gelegt und zwirbelte mit der rechten Hand seinen Schnurrbart. Sein Blick ging von der hohen Brücke des flugfähigen Schlachtkreuzers aus über die beiden vorderen Drehtürme der 35 Zentimeter Hauptartillerie bis zum spitzen Bug
„Sie ist fertig, Bismarck.“ Purer Stolz klang aus den Worten des deutschen Kaisers. „Die SPREEWALD ist noch besser geworden als geplant, dank der optimierten Schaufeln. 47 Knoten im Wasser und 95 in der Luft! 600 Kilometer Reichweite. Für etwa sechs Stunden ist die SPREEWALD das stärkste Schiff am Himmel! Die zwei einfahrbaren Kielbatterien mit je vier Rohren sind halbautomatisch, und das mit einem Kaliber 15 Zentimeter! Sehen sich diese Kurven an. Aber wie ich Sie kenne, sind Sie nicht gekommen, das neueste Schiff des deutschen Kaiserreiches zu bewundern. Was haben Sie zu berichten. Wenn es so dringend ist, fürchte ich allerdings etwas Schlimmes.“
Der wuchtige Kanzler wiegte den Kopf. „Ich bin nicht sicher, Majestät“, begann er zögernd.
„SIE sind sich nicht sicher?“ Dem Mann in der reich geschmückten Admiralsuniform fiel das Monokel aus dem linken Auge und baumelte an seiner Kordel. „Das habe ich ja noch nie gehört. Geht jetzt die Welt unter? Mann, Bismarck, mein Großvater hat Sie nicht gemocht, aber gebraucht. Mein Vater hat ihre Art verabscheut, Sie aber als den klügsten Kopf im deutschen Reich bewundert. Und bisher – nun, ich mag Sie auch nicht besonders, aber mit ihrer Klugheit und Ehrbarkeit sind Sie die beste Wahl für den Posten des Kanzlers. Und ein Garant für die Ehre des Reiches. Ich weiß, ich könnte ihnen mein Haus, meine Frau und mein Vermögen völlig unbedenklich anvertrauen. Und jetzt sagen SIE mir, dass Sie etwas nicht einschätzen können? Was ist es?“
Fürst Otto von Bismarck sah starr geradeaus. „Valerie Theresia von Österreich heiratet François Louis Bonaparte von Frankreich. Gestern ist die Verlobung offiziell bekannt gegeben worden! Euer Bruder Heinrich hat die Honneurs gemacht.“
„Oh!“ Wilhelm spielte mit der Kordel des Monokel. „Eine Hinwendung Österreichs nach Frankreich? Beide zusammen wären fürchterlich stark – aber warum? Wozu?“
„Ich habe eine Nachricht der Regentin Helene. Darin versichert sie uns ihrer ungebrochenen Bündnistreue.“ Bismarck nahm einen Brief aus der Tasche und reichte ihn seinem Kaiser. „Sie vertraut uns an, dass Franz Ludwig eigentlich Maria Sophia Ludovika ehelichen wollte.“
„Das könnte dann ja der Grund für seine Reise nach Ägypten, den Sudan und Abessinien gewesen sein.“ Der Kaiser spielte mit dem Schreiben, plötzlich huschte ein Grinsen über das sonst eher melancholische Gesicht Wilhelms. „Aber die Dame wollte wohl nicht. Maria Sophia kann ziemlich störrisch sein, ich habe es selbst erlebt. Sie hat einige gute Partien ausgeschlagen, als sie auf meinem offiziellen Verlobungsball in Berlin war. Damals, als ich mich mit Auguste Viktoria verlobt habe. Ich glaube, der damalige skandinavische Thronfolger wäre ziemlich an ihr interessiert gewesen. Sie auch an ihm, aber nicht als Ehemann.“ Der Kaiser der Deutschen betrachtete seine maschinelle linke Hand. „Wir sind beinahe gleich alt, Bismarck. Sie ist nur etwa ein Monat jünger. Und sie hat mir damals gezeigt, dass man auch mit einem verkrüppelten Arm seinen Spaß auf der Tanzfläche haben kann!“
„Jawohl, Hoheit. Damals stand eine Verlobung kurz im Raum, aber beide Reiche haben die Idee ad Acta gelegt. Vielleicht weil damals – allerdings hatte Knut Olaf zu diesem Zeitpunkt auch schon einige Liebschaften hinter sich gebracht.“ Der Blick des Kanzlers war wieder in weite Fernen gerichtet.
„Schon gut, Bismarck, Sie haben recht. Es geht um heute. Was lässt uns die Regentin noch wissen.
„Die Verlobung hat im Schloss Schönbrunn stattgefunden. Dieser Umstand war nicht zu verheimlichen, und Euer Bruder und unser Botschafter war anwesend. Es wird im Juni der große Verlobungsball stattfinden, zu welchem auch Euer Majestät eingeladen sind.“
„Ein übliches Procedere, würde ich sagen. Was ist das Besondere?“ „Der Überbringer der Nachricht, Hoheit. Darf er an eintreten?“
„Ach, Sie haben ihn gleich mitgebracht? Kapitän, würden Sie sich darum kümmern?“

Von zwei Seesoldaten begleitet holte der erste Offizier einen noch jungen, schlaksigen Mann in der Uniform eines österreichischen Korvettenkapitäns auf die Brücke. Er hatte ein weiches, hübsches Gesicht und sehr schmale, gepflegte Hände. Irgendwie hatte das Gesicht Ähnlichkeit mit – der Kaiser grübelte, dann fiel ihm das Monokel an diesem Tag ein zweites Mal aus dem Auge.
„Kapitän, ich werde mit dem Kanzler und dem Korvettenkapitän die Admiralitätskabine aufsuchen. Geben Sie dem Steward Bescheid, er soll Tee und Kaffee servieren. Bismarck, Kapitän, folgen Sie mir!“ Sie stiegen eine enge Wendeltreppe hinab bis zur den Räumlichkeiten des Flottenadmirals. Immerhin waren die SPREEWALD und ihre folgenden Schwesterschiffe als Flaggschiffe einzelner Flottenverbände vorgesehen und verfügte daher über die entsprechenden Räumlichkeiten. Dort angekommen nahm der Kaiser die Mütze ab und küsste die Hand des Kadetten.
„Ich bin entzückt, dich wieder einmal zu sehen, Helene Antonia von Österreich.“ Sie erwiderte den Handkuss mit einem tiefen Knicks und das Kompliment mit überraschend rauchiger Stimme.
„Majestät sind zu gütig!“
„Waren wir nicht schon beim Du? Wann war das? Schönbrunn 1867? Der Hofball?“
„Ach, seither hat sich viel verändert“, lachte Helene. „Ihr wart 18 Jahre und ich gerade 12. In der Zwischenzeit seid Ihr Kaiser geworden, und ich – nun, ich hoffe nicht, es irgendwann werden zu müssen. Ich habe höchstens noch Chancen auf den Titel einer Königin!“
Wilhelm rechnete kurz nach. „Albert von Belgien?“
„Aber nein“, schüttelte Helene heftig ihren Kopf. „Viel zu nahe verwandt mit uns Habsburgern. Raininilharo von Madagaskar käme vielleicht in Frage!“
„Aber der ist doch…“
„Schwarz?“ Helene hob eine Augenbraue. „Aber geh! So was aber auch! Hätt‘ ich jetzt gar nicht g’merkt!“
„Alt, Helene. Zu alt für dich. Er ist 54 und du? 24?“
„Ach der!“ Helene winkte ab. „Der Sohn von Rasoherina wird wohl nicht mehr König von Madagaskar, er ist zu schwer krank. Und selbst wenn nicht, er wäre wohl auch nicht an mir interessiert. Ich meinte eigentlich ihren Neffen, den Sohn und designierten Nachfolger von Königin Ranavalona II.“
„Ach! Nun ja, warum denn eigentlich nicht. Hat er schon um deine Hand angehalten?“
„Aber nein, hat er nicht“, grinste Helene keck. „Aber mit ihm könnte ich mir noch eine eigene Krone erheiraten.“
„Ich verstehe!“ Wilhelm lehnte sich bequem zurück. „Zurück zum Geschäft, Helene. Warum bist du hier?“
„Ich bin gekommen, weil es Nachrichten gibt, die meine Mutter weder dem Kabel noch einen Brief anvertrauen wollte, die aber trotzdem unsere beiden Länder betreffen, mein kaiserlicher Freund. Ich nehme an, Sie – du bist ebenso an einer gewissen Stabilität in Europa interessiert wie Österreich?“ Helene Antonia steckte eine Zigarette in eine lange Spitze, und Bismarck beeilte sich, ihr Feuer zu geben. „Danke, Fürst!“ Ein Lächeln strahlte dem Kanzler entgegen.
Wilhelm II nippte an seinem Kaffee. „Ich bin prinzipiell am Frieden interessiert, Helene Antonia. Aber Deutschland wird sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen! Von Niemandem.“
„Das ist selbstverständlich!“ Auch die Erzherzogin kostete ihren Tee. „Hervorragend! Der deutsche Kaffee ist zwar eine bohnenlose Frechheit, aber der Tee ist gut. Also, natürlich will Österreich das deutsche Reich nicht übervorteilen. Leben und leben lassen ist seit Opa Franz Karl der Wahlspruch unserer Monarchien.“ Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. „Roxane Solange hat uns Habsburger in eine gewisse Zwickmühle gebracht, und wir müssen zuerst einmal auf Zeit spielen und zum Zweiten – nun, mit ein paar sozialen Projekten die Franzosen, also das Volk Frankreichs für Österreich einnehmen. Dem Übel noch mehr die Spitze nehmen. Ich habe dir und dem Fürsten einiges von einer Organisation zu berichten, welche in Frankreich und Paris ganz stark in der Politik mitmischt und seine Arme bereits nach Wien und Triest ausgestreckt hat. So wie Roxane Solange die graue Eminenz hinter dem Kaiser Frankreichs ist, so steht hinter ihr eine andere Macht. Die von uns bisher gefundenen Teile nennen sich ‚Der goldene Frühling‘!“ Bismarck fuhr auf. „Ach, ich sehe, dem Kanzler ist der Name nicht unbekannt. Nein, bitte! Lassen Sie mich zuerst aussprechen.“ Helene hob die Hand. „Es muss eine noch geheimere und mächtigere Organisation hinter dem Frühling geben. Eine, die es geschafft hat, mitten in der Wüste in einem Vulkankrater eine Armee aufzustellen und mit allem Nötigen zu versorgen!“
„Dann war also der Toussidè doch das Werk eines österreichischen Kommandounternehmens“, fragte der deutsche Kanzler aufgeregt.
„Nun – sagen wir, dass wir recht gut Bescheid wissen und einiges an Papieren gefunden haben.“ Helenes Gesicht wurde ernst. „Majestät, Kanzler, Österreich meint es ehrlich mit Deutschland. Wir stehen gemeinsam einer Gefahr gegenüber, welche niemand von uns wirklich einschätzen kann. Ich könnte natürlich das Nötigste von dem, was wir herausgefunden haben, aus dem Kopf referieren, hier und heute. Meine Mutter fände allerdings ein direktes Treffen für opportun, bei welchem sowohl dem Kaiser als auch dem Kanzler einige Dokumente zugänglich gemacht werden könnten. Geheim, denn wir können nicht sagen, wer alles in die Sache verstrickt ist. Es – könnten wie in Frankreich selbst höchste Kreise involviert sein.“
„Und wie stellt sich die Regentin dieses Treffen vor?“ Bismarck blieb distanziert, wie es nun einmal seiner Art entsprach.“
„Sind Sie mit meinem Hobby vertraut, Kanzler?“ Helene Antonia öffnete die Knöpfe ihrer Uniformjacke. „Es ist ziemlich warm hier!“
„Nun, mir ist bekannt, dass die Erzherzogin gerne segelt. Das – ach! Die Kieler Woche!“ Bismarck strich sich über den buschigen Schnurrbart.
„Die 8. Kieler Woche“, bestätigte Helene. „Ich habe mir einen Rennschoner bauen lassen, etwa 45 Meter Länge über alles zu 5 Meter Breite. 1.310 Quadratmeter Segelfläche auf zwei Masten. Wenn Sie die österreichischen Zeitungen verfolgt haben sollten, so werden Sie feststellen, dass ich die SPERBER bereits voriges Monat für das Rennen gemeldet habe. Es gab sogar ein Foto von mir, in weißen Regattahosen und einer entsprechenden Bluse. Es wird also nicht auffallen, dass ich mit diesem Schiff zur Kieler Woche anreise. Dass meine Mutter mich zu dieser meiner ersten internationalen Regatta mit der SPERBER begleitet ist nicht weiter verwunderlich. Wenn der deutsche Kaiser als Hochadmiral des deutschen Yachtbundes die Veranstaltung mit seiner Anwesenheit ehrt, wer sollte dabei etwas Sonderbares vermuten? Und ein Besuch eines derartigen Bewunderers für Segelschiffe wie Kaiser Wilhelm II auf der SPERBER – es wäre weit auffälliger, wenn dieser Besuch nicht stattfände. Ich bin sicher, ihnen gefällt die Yacht, Wilhelm. Dann, ein Diner an Bord der deutschen kaiserlichen Yacht AUGUSTE VIKTORIA und eine Gegeneinladung an Bord der SPERBER. Alles ganz normal, oder?“
„Kompliment, Durchlaucht!“ Der Fürst verneigte sich im Sitzen. „Dieser Plan hat eine gewisse – Genialität!“
„Eine Idee vom Fürst Hametten, Kanzler“, versetzte Helene Antonia von Österreich. „Er war uns einige Schritte voraus.“
„Demzufolge vertrauen Sie dem Fürst von Hametten?“ Bismarck holte eine dicke Zigarre aus der Rocktasche und entzündete sie sorgfältig.
„Ihm und ein paar Polizisten in Wien und Triest. Es ist nicht einfach.“ Helene schloss die Augen und lehnte sich zurück. „Wir haben ein paar – Personen mit speziellen Fertigkeiten. Die sind eben dabei, das Offizierscorps und den Hof sorgfältig zu überprüfen. Bis dahin ist der Kreis, dem wir vertrauen dürfen, klein, Fürst. Sehr klein.“
Der Kanzler Deutschlands zögerte kurz, dann beschloss er, doch zu fragen. „Wenn Ihr der wahren Macht in Frankreich, also Madame Roxane Solange de Beauvoise, nicht vertraut, warum dann mir? Oder hat mich ebenfalls jemand überprüft?“
Die österreichische Erzherzogin lächelte amüsiert. „Fürst Otto von Bismarck, ich könnte ihnen schmeicheln und etwas von integer, loyal und über jeden Verdacht erhaben erzählen. Die Wahrheit ist aber, dass das Evidenzbureau schon seit Jahrzehnten Agenten in Berlin hat, so wie der Preußische Geheimdienst in Wien. Und in Laxenburg und Triest. Oh, Pardon – seit Neuestem nennt sich der Dienst ja Abteilung römisch III klein berta und untersteht dem Major ZbV Artur Waenker von Dankenschweil. Den Herrn Ludwig Liberkowski in Wien kennen wir zum Beispiel schon.“ Bismarck zuckte grinsend mit den Schultern. „Nein, wir sind uns schon klar, dass der Herr nur eine Ablenkung ist, und das der wahre Agent wo anders sitzen dürfte“, winkte Helene schmunzelnd ab. Jetzt verengten sich die Augen des Kanzlers, und er holte tief Luft. „Keine Aufregung, Fürst. Wenn wir ihn erwischen, wird ihm nichts geschehen!“
„Natürlich nicht!“ Nachdenklich paffte Bismarck an seiner Zigarre. „Dazu ist der Fürst von Hametten zu astucieux. Und ich muss mir jetzt überlegen, was die Informationen meines Mannes in Wien noch wert sind!“
„Wie dem auch sei, Fürst. Einige Ergebnisse ihrer Agenten dürften in wenigen Tagen obsoléte sein. Wir haben drei unserer besten Physiker, die Herren Nicola von Tesla, Ernst Waldfried von Mach und Jan Josef Lochschmidt gebeten, mit ihren Herren Hermann von Helmholtz und Heinrich Hertz zusammen zu arbeiten. Der Mach hat ein paar interessante Berichte in der Tasche, und der Tesla wie immer jede Menge revolutionärer Ideen. Berichte und Ideen, Fürst, welche sicher noch keiner ihrer Agenten nach Berlin gesandt hat.“
=◇=
Great Plains, Britisch Amerika
Die Hufe des gescheckten Ponys donnerten im gestreckten Galopp über die Weiten der Prairie, und das lange, schwarze Haar von Viviane Büffelfrau, welche den Mustang ritt, wehte hinter ihr her wie ein dunkler Schleier. Immer wieder sah sich die junge Frau auf dem ungesattelten Pferd nach ihrem Verfolger um, der sie nun schon seit dem Morgen jagte. Er war wieder ein wenig mehr zurück gefallen. Sollte sie ihr Tier jetzt ein wenig bremsen? Eine gewisse Zeit zu Atem kommen lassen? Ihr Pony war ein schneller Renner und hatte weniger Gewicht zu tragen als das Pferd des Verfolgers, aber dessen Appaloosahengst war ein großes, ausdauerndes Tier. Also langsamer, nur ein wenig. Wieder sah sich schwer atmend um. Der Mann war noch weit genug hinter ihr. Vor ihr war das Hügelland, die Schlucht des Otternbaches, dort, im Gewirr der Schluchten, würde sie den Verfolger abschütteln können. Sie sah ihr Ziel schon, sie war ganz nahe, jetzt ritt sie schon zwischen den Schluchtwänden. Sie hatte es geschafft, war dann rasch in den zweiten Seitencanon links geritten. Sie atmete tief durch und lachte unhörbar in sich hinein, sprang vom Pferd und lauschte nach der Hauptschlucht. Stille, kein Hufschlag. Hatte der Mann aufgegeben, als er sah, dass sie das Labyrinth erreicht hatte? War sie entkommen? Da! Ein Geräusch. Sie tastete nach den Nüstern ihres Pferdes, um ein Schnauben oder Wiehern zu verhindern.
Zwei starke Arme umschlangen sie unvermittelt von hinten und eine raue Stimme flüsterte in ihr Ohr. „Habe ich dich gefangen, schöne Viviane. Ich kenne dein Versteck hier doch schon lange! Ich wusste, dass du vor mir hierher flüchten würdest.“ Viviane entwand sich dem Mann, drehte sich um und legte ihm die Arme und den Hals.
„Dann gehöre ich jetzt wohl dir, Jonathan“, lachte sie und schmiegte sich an ihn. „Mit Haut und Haar, mit Leib und Seele!“ Jonathan Wildes Wiesel hob das Mädchen auf und trug es hinter ein Gebüsch, wo ein schönes, wunderbar weiches Büffelfell lag.
„Wie du siehst, wusste ich wirklich, wohin du flüchten würdest!“
„Ich weiß“, flüsterte sie, ihren Gürtel lösend. „Ich habe ja in letzter Zeit genug Hinweise fallen lassen.“ Sie ließ sich den ledernen Poncho mit den Zierfransen über den Kopf ziehen und legte sich dekorativ auf das Fell. „Hol dir doch jetzt deine Beute, Krieger!“ Jonathan stieß den Triumphschrei der Dakota aus und warf sein Lendentuch beiseite.
„Ab heute sind wir ganz offiziell ein Paar“, jubelte er laut. Das traditionelle Bärenfell, das ihr Vater für sein Einverständnis zur Eheschließung verlangte, hatte Jonathan heute Morgen auf seinem Pferd liegen gehabt und an Jason Zauberadler übergeben. Viviane hatte es gesehen und war unter dem Rand des väterlichen Zeltes ins Freie geschlüpft, zu ihrem Pferd gelaufen und geflohen. Eine alte Tradition, seit die Lakota den Mustang gezähmt hatten. Nur der starke Krieger bekam die starke Frau. Nun – theoretisch. Manchmal sorgte Frau schon dafür, dass auch der nicht ganz so starke Mann das Rennen gewann. Vielleicht nicht gleich beim ersten Mal, aber beim zweiten. Oder auch vielleicht erst beim dritten Versuch, wenn sie doch noch nicht so ganz überzeugt war. Oder ihn einfach zappeln lassen wollte. Wildes Wiesel war jetzt sicher nicht der größte und stärkste aller Krieger des Minneconjou-Dorfes nahe dem Otterbach, aber einer der angesehensten. Er blieb meistens Sieger in den Wettbewerben, weil er selten etwas dem Zufall überließ. Er hatte auch für den heutigen Tag vorgedacht, mit Viviane über alles Mögliche gesprochen und ihr auch zugehört, dann hatte er die Verfolgung geplant, so wie er eben alles anging.
Es wurde Abend, ehe die Beiden Hand in Hand langsam in das heimatliche Zeltdorf ritten. Noch standen hier die Winterzelte aus dickem Leder und Pelz, denn Abends konnte es noch empfindlich kalt werden. Und auch wenn die Lakota an Kälte und Entbehrung gewöhnt waren, schätzten sie doch einen warmen und gemütlichen Schlafplatz. Durch das dicke Leder seines Zeltes hörte Jason Zauberadler den Hufschlag der Heimkehrer und kam heraus.
„Hast du meine Tochter heute zur Frau gemacht?“, wollte er wissen. Jonathan machte eine bejahende Geste.
„Das habe ich, Heiliger Mann!“
„Und, bist du zufrieden, Tochter?“, wandte er sich an Viviane, welche die gleiche Geste der Zustimmung machte.
„Das bin ich tatsächlich, Vater!“
„Das ist gut!“ Jason bedeutete dem Paar vom Pferd zu steigen. „Kommt mit hinein. Lilian Reine Quelle hat noch etwas Braten, und wir Männer werden danach noch eine Pfeife rauchen. Ich habe mit Euch zu reden. Um die Pferde werden sich die Söhne des Nachbarn kümmern!“
Angenehm gesättigt stießen die Vier im Zelt von Jason höflich auf, was Lilian zu einem zufriedenen „Fein, das freut mich“ veranlasste. Dann nahm der Medizinmann zwei lange Pfeifen mit kunstvoll geschnittenen Köpfen aus einer Ledertasche, welche er mit Ruhe und Sorgfalt stopfte und von denen er eine an Jonathan weitergab. Liliane und Viviane erhielten Pfeifen mit einfachem Kopf und nur kurzen Holmen, und kurze Zeit später stiegen blaue Wolken zur Öffnung an der Spitze des Tipi. Lilian drehte das elektrische Licht ab, und wie es sich für eine Besprechung bei einer langen Pfeife gehörte, erleuchtete nur noch die zentrale Feuerstelle das Zelt mit flackerndem Licht. Eine Zeit lang herrschte Schweigen, dann ergriff Jason das Wort.
„Ihr wisst, dass der große Druide George Silbernes Wasser die Aingeal des Wampum ausgesandt hat?“
„Das ist nicht unbemerkt geblieben“, bemerkte Jonathan. „Von niemandem!“
„Natürlich. Das hatte ich auch erwartet. Nun, es stehen dem Volk des Wampum schlimme Kämpfe bevor. Vielleicht sogar sehr schlimme. Körperliche und geistige Kämpfe. Wir sollen den Kriegshäuptling und den oder die Weiseste zum Paw-Waw nach Milwaukee entsenden.“ Wieder trat eine Pause ein, in denen sie den guten Tabak aus Virginia genossen. „Es kann einer Frau oder einem Mann außer im Krieg Niemand vorschreiben, was er tun und lassen soll, doch im Rat wurde beschlossen, dass du nach Milwaukee gehen solltest, Jonathan Wildes Wiesel. Natürlich nur, falls du die Nominierung annimmst. Und nachdem meine Tochter jetzt zur Frau geworden ist, kann sie dich an meiner Stelle als Zauberfrau begleiten. Das war, was ich zu sagen hatte!“
Jonathan paffte einige Male überlegend, dann machte er die Geste der Zustimmung. „Wenn der Rat mir sein Vertrauen schenkt, dann werde ich selbstverständlich reisen, und es wird mir eine Ehre sein, wenn Viviane mich begleiten möchte!“
„Dann werde ich dir jetzt die Worte der Aingeal Maria Geht ihren Weg genau mitteilen, Captain!“
=◇=
Zwei Tage später beluden Vivien und Jonathan ihre Fahrzeuge. Vivien trug lederne Hosen und ein kurzes Kleid aus Leder, darüber konnte sie noch eine warme Pelzjacke aus dem Fell von Bisamratten ziehen. Das gürtellange Haar war zu zwei lackschwarzen Zöpfen geflochten, in diesen trug sie die sonnengelben Bänder, die sie als Schamanin der Lakota kennzeichneten. Sie fuhr ein größeres Fahrzeug von Brewster and Company, auf welchem ein Reisezelt und Proviant sowie ein wenig Wäsche zum Wechseln verstaut war. Der Sattel war knapp vor dem mit Steam Powder geheizten Dampfkessel, welcher über der hinteren Achse mit den 5 Fuß durchmessenden Antriebsrädern lag, angebracht. Hinter dem Kessel lag der Behälter für das Gepäck. Vor dem Sattel war ein Wassertank und das 30 Zoll große Vorderrad zum lenken. An der Seite des Tanks war ein Holster für das BAR mit Unterhebelrepetierung im geläufigen Kaliber .44-40 geschnallt, an der Hüfte trug Vivien einen langen Revolver im gleichen Kaliber. Ebenfalls von John Moses Browning Firearms hergestellt. Auf der anderen Seite des Tanks hing ihre Medizintrommel in einer Ledertasche, mit den heiligen Symbolen ihres Volkes bemalt.
Das Armeemodell von Henderson and Dashwood, welches Jonathan ritt, war ein wesentlich schmaleres und sehr schnelles bewaffnetes Dreirad. Es verfügte über ein ebenfalls hinten liegendes 10 Zoll breites einzelnes Antriebsrad mit einem Durchmesser von 4,5 Fuß, es drehte sich um den scheibenförmigen, als Achse angelegten Dampfkessel mit 4 Fuß Durchmesser. Etwas mehr als die obere Hälfte des Hinterrades war verkleidet, unter dieser Abdeckung führten die Wasserschläuche vom Reservetank in die Druckkammer. Zwischen diesem Tank und dem Hinterrad war der Sitz des Fahrers angebracht, auf dem Tank war ein überschweres Maxim-Gewehr in Fahrtrichtung fix montiert. Kaliber .50 x 4, 90 Schuss in der Minute, die Munitionszufuhr erfolgte über einen Gliedergurt. Bis zu 800 Schuss konnten so zum Einsatz gebracht werden. Wenn der Fahrer stehen blieb, konnte er die schwere Waffe mit einer Zahnstange etwas höher kurbeln und die Arretierung lösen, um sie so nach allen Richtungen schwenken zu können. Die beiden vorderen Räder des Fahrzeuges dienten zur Steuerung und wurden über zwei Pedale bedient, im Winter konnten ganz einfach Kufen darunter geklappt werden, und das Gefährt wurde zum schnellen Schneemobil. Für die Fahrt hatte Jonathan Wildes Wiesel lederne Hosen und wadenhohe Mokassins angezogen, die Weste, welche er auf der bloßen Haut trug, war aus feinem Wildleder und verfügte über viele Taschen, die Stickerei aus roter Wolle auf seiner Brust zeigte eine Feder des Kriegsadlers in einem Kreis – das Zeichen eines Captain. Eines Kriegshäuptling. Natürlich besaß er auch den zeremoniellen roten Waffenrock mit den grünen Armaufschlägen und Kragenspiegel des RANAC, des Royal American Native Army Corps, genauer der 2 Lakota Dragoons. Aber mit Ausnahme von offiziellen Anlässen trug dieses Kleidungsstück heute Niemand mehr. Besonders nicht im Kampf, da konnte man sich ja gleich eine leuchtende Zielscheibe auf die Brust hängen. Da zog Jonathan lieber eine Jacke aus Naturleder im Blazerschnitt an, mit Zierfransen und dem Zeichen des Captain auf der Brusttasche. Auch er hatte seine langen Haare zu Zöpfen geflochten, trug jedoch in der Mitte des Hauptes eine handgroße Stelle kurz geschnitten. Dort waren die Haare mit Fett getränkt und standen etwa zwei Finger hoch aufrecht, die Stirn hatte er sich mit Zinnober rot gefärbt. Auch er besaß die BAR und den Revolver im Gürtel, die gleichen Waffen, welche auch Viviane Büffelfrau trug. Jason Zauberadler sprach noch den Reisesegen über seine Tochter und deren Mann, dann warf das Paar die Motoren an und fuhr los. In Richtung Süden, zum South Lakota Trail, einer von zwei Wegen, welche die Rocky Mountains mit den großen Seen verband. Der südliche Trail, den sie jetzt ansteuerten, ging durch die großen Prärien, in welchen außer Büffelgras nicht viel wuchs. Selbst Bäume waren hier eine Seltenheit, daher hatte Holz für die Völker der Lakota schon immer einen großen Wert besessen.
Der Trail selber war keine besonders gut ausgebaute Straße, eigentlich nur Erdreich zwischen Hohlsteinen aus Beton. Den Verlauf dieser Straße markierten bereits aus der Ferne sichtbare 33 Fuß hohe Markierungsmasten aus Stahl, welche jeweils eine halbe Meile voneinander entfernt standen. Etwa alle 200 Meilen befand sich entlang des Trails eine Raststation mit einem Posten der Royal American Mounted Police, einem kleinen Restaurant und einigen Zimmern zum Übernachten. Trotzdem konnten die Reisenden auf dieser Straße die Ventile ihrer Dampfkessel jetzt weit öffnen und ihre Trikes auf 50 Meilen in der Stunde beschleunigen. Das hochgezüchtete leichte Offiziersmodell von Jonathan hätte es zwar noch auf 57 Meilen gebracht, aber das zivile Gefährt Vivianes war eben deutlich langsamer, dafür aber robuster und konnte mehr Ladung transportierten. Beide waren mit ihrer Welt durchaus zufrieden. Die riesige Ebene der Great Plains, welche schon die später im Volk der Lakota aufgegangen Algonkin Wyoming genannt hatten, um sich herum, das grüne, frische Büffelgras, das jetzt im Msi nur bis knapp an das Knie Vivianes reichte, gegen Ende des Sommer aber die Schultern Jonathans überragen würde. Hinter sich hatten sie die Paha Sapa, mit dem höchsten Berg Wakondas Thron, einem Tafelberg. Vor sich die leicht hügeligen Ebenen, die schnurgerade Straße. Der Wind der Geschwindigkeit spielte in ihren Haaren, sie waren verliebt und fühlten sich frei, die Probleme der Welt konnten warten, bis sie die großen Seen erreicht hatten.
Nach zwei Tagen auf dem Trail hielten sie eines Vormittags ihre Räder an. „Das gefällt mir nicht“, Wildes Wiesel nahm das Gewehr aus dem Halfter und kontrollierte die Ladung, Büffelfrau tat es ihm sofort gleich. Er war ein erfahrener Krieger, hier war es durchaus angebracht, seinem Beispiel zu folgen.
„Es ist weiter im Süden“, überlegte Viviane Büffelfrau, kontrollierte auch noch ihren Revolver und stieß ihn wieder ins Holster. „Ob das auf dem Mormon Trail ist?“
Jonathan sah zur Sonne, dann holte er seine Uhr aus der Tasche. „Es könnte auf dem Trail oder auch der Mormon Railway sein.“
„Ein Zugunglück?“, erschrak Viviane. „Das wäre aber möglich!“
„Wir waren etwa eine Stunde seit der letzten Station unterwegs“, überlegte Wildes Wiesel. „Fahr zurück und erstatte dort bitte Bericht.“

„Du bist schneller als ich“, wandte sie ein.
„Ich weiß nicht, es ist ein dummes Gefühl, aber mir wäre wohler, du wärst möglichst weit weg von der Unglücksstelle“, bekannte Jonathan.
„Ein Krieger, der etwas auf sein Bauchgefühl gibt“, hänselte die junge Frau und erschrak, als Jonathan sich ihr zuwandte und sie ansah. In seinen Augen flackerten Lichter, und seine Lippen waren zusammen gekniffen. „Wakan!“ flüsterte sie, dann gehorchte sie, wandte ihr Trike um und fuhr davon. So schnell es ihr Gefährt erlaubte.
Jonathan sah der kleiner werdenden Gestalt seiner Frau nach, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder nach Osten. Irgend etwas war Seltsam. Vielleicht die Farbe des Rauches, oder – nein er kam noch nicht dahinter. Langsam, wie ferngesteuert lehnte er sich leicht vor und lud das Maxim-Gewehr durch. Dann drückte er den Dampfhebel mit der linken Hand behutsam hinunter, öffnete damit die Ventile line by line und fuhr langsam los. Nicht direkt auf die Rauchsäule zu, sondern sich etwas weiter südlich haltend. Es war nicht das erste Mal, dass er solche Gefühle entwickelte, und bisher hatte es sich immer gelohnt, auf diese Eingebungen zu hören. Das letzte Stück Weg zum Gipfel eines höheren Hügels legte er zu Fuß zurück. Dort holte er sein Fernrohr hervor und beobachtete die Umgebung. Eine Staubwolke, die sich rasch nach Nordwesten bewegte, erregte seine Aufmerksamkeit. Sein Verdacht schien zumindest nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn warum sollte sich jemand so rasch von einem Unfallort entfernen? Und für eine Herde Büffel oder Mustangs war ganz entschieden nicht die Zeit. Und wenn es Nachzügler wären, eilten sie in die völlig verkehrte Richtung. Was sollte er also tun? Der Staubwolke nach musste es sich um eine größere Bande handeln, gegen welche er wahrscheinlich nicht einmal mit dem Maxim eine ausgewogene Chance hatte.
Jonathan war ein durchaus mutiger Mann, aber deswegen noch lange kein Selbstmörder, wenn er starb, dann sollte sein Tod schon einen Sinn gehabt haben. Der Captain des RANAC lief zurück zu seinem Trike und suchte die Straße wieder auf, gab etwas mehr Dampf auf das große Rad und fuhr mit gemäßigter Geschwindigkeit nach Westen zurück. Ab und zu machte er einen Abstecher zu einem der Hügel, um nach Süden zu spähen, und immer wieder fand er die Spuren des Staubes in der Luft. Dann, mit einem Male nichts mehr. Jonathan beobachtete weiter, und wirklich, nach einiger Zeit schien sich das oder die Objekte wieder in Bewegung zu setzen. Allmählich näherte sich die Wolke aus von harten Rädern aufgerissenem und in die Luft geschleuderten Erdreich dem South Lakota Trail. Jonathan wurde irgendwie klar, das ein Feuergefecht immer wahrscheinlicher wurde. Irgendwo auf dem Trail würde es wohl dazu kommen.
=◇=
„Nun“, bellte der hochgewachsene Mann barsch. Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft machte sich nichts daraus. Er wusste, dass Sheriff James Amos Young nicht ihn meinte, und schon kam ein verlegenes Räuspern. „Sorry, Joseph. Es ist nur…“
Joseph winkte ab und erhob sich aus der Hocke. „Dort haben sie gewartet, Sheriff. Sie haben hier ein Wrack von einem Wagen stehen gehabt, das ist nicht zu übersehen. Ich vermute einmal, dass wirklich eine Frau den Köder spielte, zumindest sind hier Spuren von Frauenschuhen. Da drüben steht noch das Dreibein, mit dem sie eine Rakete abgeschossen haben. Wahrscheinlich eine Hale, so gut wie sie die Waggon mit dem Safe getroffen haben.“
„Shit!“ Der Sheriff nahm den schwarzen, an einen Saturno erinnernden Hut Krempe ab und fuhr mit dem Taschentuch über das Schweißband. Young war mehr als hager. Sein kahler Kopf, die tiefliegenden Augen und die eingefallen Wangen erinnerten stark an einen Totenkopf, und auch sonst schien an dem Mann kein Stück Fleisch zu sein. Das weiße Hemd, die schwarze Weste mit dem Sheriffabzeichen und die schwarzen Hosen, beides aus feinstem Cord, schlotterten im Wind um die traurig wirkende Gestalt, man traute ihm gar nicht zu, die beiden schweren .44-40 Revolver von Browning überhaupt aus dem Holster ziehen, geschweige denn zielgerichtet abfeuern zu können. Man hätte sich stark getäuscht. Einige Desperados hatten den Irrtum mit einem Aufenthalt im Gefängnis bezahlt, viele entweder sofort oder einige Zeit später sogar mit dem Leben. Die Richter der südlich und westlich des Lakotalandes gelegen Mormon States Utah und Idaho mochten es gar nicht, wenn man ihre Polizisten angriff und waren recht schnell mit einem Strick zur Hand. In der Bibel stand der Spruch Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen – die Friedensrichter waren durchaus bereit, den langsam mahlenden Mühlen GOTTES etwas mehr an Geschwindigkeit zu verleihen. Der HERR sprach zwar Mein ist die Rache, aber auch hier wollten die Mormonen dem HERRN gerne behilflich sein. Bitte, gerne geschehen, und wenn ER auf seine Rache verzichten wollte, konnte GOTT der HERR jederzeit den Strick reißen lassen, mit dem seine Diener die Übeltäter an den Baum knüpften. Niemand würde IHN daran hindern.
Nachdem ihm sein Fluch entfahren war, bekreuzigte sich James Amos schnell. Er war zwar kein strenggläubiger Anhänger der Kirche der letzten Tage, aber das mit dem Fluchen brachte einen irgendwie immer ins Gerede. Auch wenn ein Mann wie der Sheriff schon einiges an Narrenfreiheit genoss.
„Wie viele?“, fragte er.
„Zweiunddreißig Männer haben die Fahrzeuge verlassen, Sheriff. Vier Fahrzeuge, mit Metall und Nägel beschlagene Räder mit einer Breite von 8 Zoll.“
„Conestogas“, vermutete Sheriff Young.
„Natürlich“, bestätigte Joseph, der Fährtenleser aus dem Volk der Cheyenne. „Sonst hätten sie mehr Wagen benötigt, um das geraubte Gold weg zu bringen.“
„Ich nehme an, es waren Weiße?“ Der Mormone stülpte seinen Hut wieder über den haarlosen Kopf.
„Wenn ein Lakota oder Cheyenne dabei war, dann war es ein Renegat“, bestätigte sein Scout. „Wir Natives rauben zwar schon einmal etwas, von Frauen angefangen, über Trikes und Quads bis hin zu Pferden. Aber wir löschen nicht das Leben von mehr als hundert Männern, Frauen und Kindern für eine Ladung Gold aus. Nicht einmal im Krieg, das wäre überhaupt nicht ehrenwert, Sheriff.“
„Nun – nun gut. Ich finde es allerdings auch nicht ehrenhaft, eine Frau zu rauben, aber – es sind eure Sitten!“
„Aber Sheriff, wo bleibt der Spaß, wenn kein Risiko dabei ist. Natürlich benachrichtigt man den Vater der Braut, in welchem Zeitraum man seine Tochter rauben möchte. Und man bringt nachher den ausgemachten Preis. Bei den Lakota bringt man den Preis schon vorher, die Frau kann dann noch fliehen. Wir respektieren untereinander die jeweils anderen Sitten. Meine Frau ist eine Lakota, und sie hat ihren Vater abgelenkt, damit ich leichter ins Dorf kam. Das alles ist mehr oder weniger ein Spiel. Ein uns heiliges Spiel.“
„Wenn du meinst!“ Damit war das Kapitel beendet. Als vor 50 Jahren die Mormonen in das Land der Cheyenne und jenes der Yuthaha vorgedrungen waren, waren sie froh, dass sie in den Natives Nachbarn fanden, denen ihre Religion und Rituale egal waren. Man kam ins Geschäft. Hier und hier ziehen Büffel, also siedelt lieber dort und dort. Wenn Ihr den Büffeln und den Mustangs im Weg seid, werden wir ihnen den Weg freimachen, sie sind für uns wichtiger als Ihr. Und dieses und jenes ist uns heilig, also haltet Euch besser daran, dann dürft Ihr ebenfalls glauben und machen, was Ihr wollt. Von uns aus auch 100 Frauen heiraten, obwohl wir Euch nicht einmal drei zutrauen, ohne eine davon zu vernachlässigen. Aber – das soll nicht unser Problem sein. Die Heiligen der letzten Tage hielten sich an die Verträge, es wurde ein friedliches Nebeneinander ohne viel Verschmelzungen. Und letztendlich ein gutes Geschäft für die technisch versierten Mormonen, nachdem Jonathan Browning 1854 die geschlossene Patrone erfunden und zum Patent angemeldet hatte. Seit 1882 stellte John Moses Browning, sein Sohn, das Modell BAR und den Revolver im Kaliber .44 – 40 her, die offiziellen Waffe des RANAC. Und auch der Miliz der Mormonen, Cheyenne und Yuthaha.
„Also zweiunddreißig Männer und vier Conestogas“, überlegte Sheriff Young.
„Mindestens zweiunddreißig“, präzisierte Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft.
„Selbstverständlich“, nickte der dürre Mormone und ging zu seinem Steamquad mit den 32 Zoll durchmessenden Rädern. „Aufsitzen, Leute!“, befahl er, und seine 8 Hilfssheriffs schwangen sich ebenfalls auf ihre Gefährte. „Joseph übernimmt die Führung, der Rest in Reihe folgen, hoho!“ Den scharfen Augen des Cheyenne bot sich überhaupt keine Schwierigkeiten, der Spur aus dem von den harten Rädern der dampfgetriebenen Transportfahrzeugen für schwere Lasten aufgerissenen Boden zu folgen.
=◇=
„Noch keine Spur von Verfolgern!“ Jean-Paul Montes setzte das Fernglas ab. „Ob die Greifer überhaupt schon an der Stelle sind, wo wir zugeschlagen haben?“
„Du solltest besser davon ausgehen.“ Pierre Brule spuckte seinen Kautabak über die Bordwand des Conestoga. „Und wenn Young mit seinem Spürhund Der-schneller-als-der-Wind-läuft in der Gegend war, sind sie auch schon auf unserer Spur.“
„Skeleton Young?“ Montes kniff kurz die Augen zusammen, dann zuckte er mit den Schultern. „Was soll’s? Wir sind fast vierzig Männer. Da beißt sich auch Young die Zähne aus. Eigentlich hat er hier schon nichts mehr zu melden. Wir sind doch bereits auf Lakota-Gebiet, da wären die Native Mounties zuständig! Also ist es egal, er muss sowieso an der Grenze umdrehen. Und wenn wir erst in Saskatchewan sind, kann uns auch keine Amtshilfe der Mounties zurück holen, wir sind dann auf französischem Gebiet.“
„Dann könnten wir ja ein wenig rasten“, grinste Germaine Contrail. „Die Mounties können uns nichts anhaben, weil wir den Zug noch auf Cheyenne-Land ausgenommen haben! Und bis das America Scotland Yard übernimmt, können wir nach Canada gehen!“
„Kurze Pinkelpause, dann geht es weiter“, entschied Montes. „Mit langsamer Fahrt, aber doch. Also, absteigen zum pipi!“
Es waren Frankocanadier, die den altertümlichen Dialekt des Fracais québébois sprachen. Diese Sprache hatte sich nicht nur, aber vor allem in der Hauptstadt des französischen Canadas auch zur Zeit der britischen Herrschaft erhalten und sich nach der Reprise Canadas durch den Aigle Napoleon Bonaparte über das gesamte Canada bis zur Grenze zum russischen Alaska durchgesetzt. Napoleon hatte auch Quebec wieder zur Hauptstadt Canadas gemacht. Es handelte sich um sans foi ni loi, wie es sie leider am Rand jeder Zivilisation gibt. Männer und manchmal auch Frauen, welche lieber durch Diebstahl, Raub oder Mord ihren Lebensunterhalt verdienten statt einer geregelten Arbeit nachzugehen. Mit letzterer erreichte man aber keine Reichtümer, und so klammerten sich diese Verbrecher immer an die Hoffnung vom ganz großen Coup. Auch die Mannschaft, die Jean-Paul Montes und seine Geliebte Germaine Contrail gemeinsam mit Pierre Brule zusammen gesammelt hatten. Und es schien tatsächlich so zu sein. Sie hatten mit einem Lockvogel den Zug zum Stehen gebracht, mit vorgehaltenen Waffen die Lokomotive und die normalen Wagen geentert. Dann hatten sie die Passagiere erschossen, Männer, Frauen und Kinder, mit Hilfe einer Hale-Raketen den schweren Waggon mit dem Gold geknackt und mehrere Kilogramm Gold in Barrenform aus den Minen in den Rocky Mountains sowie einige Säcke mit bereits geprägten Pfundmünzen geraubt. Dazu noch einiges an Silber, weit weniger im Wert, aber noch immer eine willkommene Beute.
Jetzt kletterten sie aus den Transportwagen, die wie Boote geformt waren, welche auf ihren 5 Meter durchmessenden Rädern eine Bodenfreiheit von einem Meter erreichten. Der Rumpf war 12,3 Meter lang und 3,2 Meter breit. Ohne die jeweils 20,4 breiten Räder, welche in tieferem Wasser auch als Schaufelrad-Antrieb fungieren konnten. Alte, französische Technik, nichts ausgefallenes, einfach, aber praktisch. Während die Männer ihre Notdurft verrichteten, schälte sich Germaine aus ihrem Kleid, mit welchem sie den Lockvogel gespielt hatte. Sie sah nicht einmal schlecht aus, wie ein kleiner, frecher, französischer Spatz. Doch sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Geboren und aufgewachsen in guten und geborgenen Verhältnissen, zeigten sich bald sadistische Tendenzen. Sie begann mit dem Quälen von Insekten, später folterte und tötete sie Mäuse, Katzen und Hunde. Mit 14 Jahren hatte sie dann den ersten Mann getötet, ihm zuerst Avancen gemacht und dann plötzlich zugestochen. In den Bauch. Es war für sie absolut erregend gewesen, ihrem Opfer beim Sterben zuzusehen. Dann hatte sie Geld und wertvolle Schmuckstücke an sich genommen und war geflohen. So lebte sie weiter, finanzierte ihr weiteres Leben mit Mord und Raub, bis sie Jean Paul Montes traf. Er ließ sich von ihr nicht überraschen, nahm ihr das Messer weg und zähmte die damals 19-Jährige. Nun tötete sie nur noch, wenn Jean-Paul es befahl. Oder besser, wenn er es erlaubte.
Montes beobachtete die Entkleidung mit großem Vergnügen.
„Schade, schade“, meinte er kopfschüttelnd.
„Dann lass uns doch noch etwas länger bleiben!“ Ihre Stimme klang rau, der Gedanke an die Toten erregte sie wie immer.
„Nein!“ Der Desperado schüttelte den Kopf. „Wir fahren weiter. Zieh dir wieder etwas über“, befahl er. Sie zwängte ihre aufregenden Formen widerwillig in eine enge, grüne Cordhose und eine helle Hemdbluse, dann schlüpfte sie in kniehohe Stiefel, stülpte einen breitkrempigen Hut auf ihre dunkelblonden Haare und schnallte einen Waffengurt mit einem Revolver um ihre schlanken Hüften.
„Et Voila!“, präsentierte sie sich.
„Sehr gut!“ Montes packte sie mit hartem an den Schultern, zog sie brutal an sich und küsste sie rasch auf den Mund.
„Heute Abend“, versprach er ihr. Dann sprang er in die Einstiegsluke und brüllte hinaus. „Werdet endlich fertig und packt tes Queues wieder in die Hosen, Ihr Waschweiber. Es geht weiter!“
Als erster turnte Peter Brule über die ausgefahrene Leiter in den Wagen. Er war als Cepahubi (Large Organs) Pierre Gelber Bär auf die Welt gekommen. Er pflegte zu behaupten, dass sich der Name des Clans Cepahubi der Assiniboine auf ein spezielles Organ bezog, welches er auch oft und gerne benutzte. Im Gegensatz zu den anderen Männern seines Stammes war er zänkisch veranlagt und suchte gerne und oft Streit. Bald benannte man in um, in Giftiger Bär. Er tötete seinen eigenen Halbbruder, nicht im ehrlichen Kampf, sondern mit einem Pfeil aus dem Hinterhalt. Warum konnte niemand in seinem Stamm sagen, aber er war danach kein Cepahubi, er galt noch nicht einmal mehr als Assiniboine. Pierre Der Stammlose floh in die Städte der Weißen, wo er in einer dunklen Seitengasse auf Jean-Paul Montes und Germaine Contrail traf. Er dachte, die kleine Frau in der eleganten Abendrobe wäre gut geeignet, den damals für einen Coup ebenfalls dandyhaft gut gekleideten Mann zu erpressen. Ein rascher Würgegriff, ein Revolver an ihren Kopf halten, die Wertsachen verlangen und dann den Mann trotzdem erschießen. Die Frau wäre ihm hilflos ausgeliefert gewesen. Hatte er sich ausgemalt und auch teilweise versucht, bis er ganz überraschend einen heftigen Schmerz in der Leibesmitte verspürte. Eine kleine, aber eiserne Hand war unter dem Schamtuch zwischen seine indianischen Leggings geschlüpft und hatte seine Hoden gequetscht, bis er nur noch gewimmert hatte, dann hatte er ein Messer an der Kehle gespürt und eine helle Stimme gehört.
„Darf ich, Jean-Paul? Bitte, lass mich ihm die Kehle durchschneiden“, bettelte die kleine Frau den Mann an. „Ich werde heute Abend auch ganz besonders nett zu dir sein.“
Jean-Paul hatte den Kopf geschüttelt. „Nicht so voreilig, mon petit Chaton. Erst wollen wir doch noch ein wenig mit dem Mann plaudern!“
„Dann darf ich ihm vielleicht wenigstens die Œufs oder den Bite abschneiden?“ Germaine leckte sich die Lippen, der Stahl verlagerte sich, und Pierres Grandes Organes wurden sehr petits.
„Mon Chaton mignon“, tadelte Jean-Paul. „Nicht so schnell! Vielleicht bedauerst du es noch einmal, wenn du jetzt schneidest!“
„Was denn?“, wollte sie wissen.
„Wir brauchen immer wieder einen Fährtenleser. Kannst du Spuren finden, mon Ami?“
„Ja“, nickte Pierre vorsichtig.
„Siehst du, Chaton!“ Jean-Paul nahm das Messer in Germains Hand von Pierres Gemächt.
„Und wer sagt uns, dass er nicht lügt?“ Wieder fühlte der ehemalige Assiniboine die Spitze von Germaines Dolch. „Es geht auch ganz schnell!“
„Germaine!“ Jean-Pauls Stimme klang schneidend, leise grummelnd steckte die Frau das Messer weg. „Und du darfst ihn auch loslassen“, kommandierte Montes. Contrail holte Luft.
„Jetzt!“ Der Befehl war noch nicht einmal laut, doch Pierre fühlte, wie sich der brutal harte Griff löste und brach vor Erleichterung beinahe zusammen. Jean-Paul legte ihm den Arm um die Schultern. „Komm, mon Ami. Wir wollen einmal sehen wie gut du bist. Wenn du deine Aufgabe nicht meisterst, darf das kleine Kätzchen mit dir machen, was immer es möchte. Und es hat Phantasie, glaube mir!“
Pierre glaubte es sofort, aber er war bei all seinen Schwächen und seiner Bösartigkeit ein guter Fährtenleser. Germaine Contrail akzeptierte ihn schließlich auch als dritten im Bunde, der unbestrittene Anführer blieb Jean Paul. Was immer er anordnete, führten die beiden anderen ohne zu Zögern aus. Alles! Das Trio wuchs allmählich zusammen und verübte eine Menge Verbrechen, welche aber noch nicht aufgeklärt waren. Sie blieben bisher immer unverdächtig, besonders, weil sie einen guten Teil ihrer Verbrechen südlich des Gebietes der Haudenosaunee verübten und durch diesen Landstrich unauffällig wieder nach Canada entkamen. Es reisten immerhin jährlich tausende Personen über die Trails von Canada nach Britisch America und zurück, zum Teil ohne Grenzkontrollen über die ‚grüne Grenze‘.
„Geht’s weiter?“, zwinkerte Pierre und machte den Weg für den Fahrer des Conestoga frei.
„Er will alles auf den Abend verschieben“, schmollte Germaine. „Dabei – egal! Wir haben ja das Gold!“
Jean-Paul räusperte sich. „Genug. Wenn alle aufgesessen sind, geht es weiter!“
„In Ordnung, mon Commandant!“ Jaques Dubois zog an der Schnur der Dampfpfeife, welche von den anderen Fahrern beantwortet wurde. Die vier Conestogas rollten wieder an.
=◇=
In der Mountiestation Silver Creek war Samuel Klares Wasser dabei, die Dienste für den folgenden Tag einzuteilen und einiges an Papierkram zu erledigen, als ein Trike mit hoher Geschwindigkeit heranfuhr und vor der Station abbremste. Sofort gingen in dem alten PI die Alarmglocken an. Er hatte die schöne Frau bereits am vorigen Abend und diesem Morgen bewundert, in allen Ehren natürlich. Wenn sie jetzt nach weniger als zwei Stunden allein zurück kam, war etwas geschehen. Und zwar sicher nichts Gutes. Viviane stürmte in die Amtsstube.
„Ein Unglück entweder auf dem Mormon Trail oder auf dem Mormon Railroad“, rief sie schon von der Tür her. „Eine dicke Qualmwolke steht etwa 100 Meilen von hier im Südosten.“ Samuel sprang erschrocken auf und zog sofort die Leine der Alarmsirene. Sein Schreck hinderte ihn nicht daran, seiner Ausbildung gemäß prompt und vor allem richtig zu reagieren. Ein tiefer, tragender Ton erklang, und schon setzte wildes Trampeln im Gebäude ein.
„Sarge, übermittle den nächsten Stationen östlich und westlich den Alarm“, wandte er sich an den PS Lester Dürrer Fisch an der Morsetaste. „Teile ihnen auch mit, was die Zauberfrau erzählt hat. Dein Mann möchte näher erkunden?“
„Das will er. Und Inspektor – er ist davon überzeugt, dass es ein Überfall oder ähnliches ist. Er wird in Sichtweite der Straße bleiben.“
„Ein Überfall? Das wäre aber sehr – unüblich.“ Klares Wasser zögerte noch, den Uniformhut in der Hand. „Wie kommt er denn darauf?“
„Ich habe das Wakan in seinen Augen gesehen“, flüsterte Viviane. „Starkes, mächtiges Wakan.“
„In Ordnung“, nickte Samuel und stülpte seinen Hut auf den Kopf. „Wenn Wakonda einen Mann berührt, dann sollte man dem auch folgen. Wir bleiben auf der Straße, bis wir ihn treffen!“
Den Männern der Mounted Police stand ein dampfbetriebener, leicht gepanzerter Pick-Up-Truck zur Verfügung. Ein sogenannter Hummer, wegen der Panzerung und der knallroten Farbe, welche ihn als Fahrzeug des RAMPC auswies. 19 Fuß und 8 Zoll lang, 7 Fuß und 9 Zoll breit, auf der Straße 35 Meilen in der Stunde schnell. Die Bodenfreiheit betrug dank einer Portalachse 20 Zoll, die Panzerplatten boten Fahrer, Beifahrer und den maximal 8 Mann Besatzung im Fahrgastraum gegen Handfeuer ausreichend Schutz, der Gegner musste schon wirklich schweres Gerät auffahren. Ein Kaliber .55 x 5 Zoll überschweres Maxim-Gewehr etwa. Eine extrem seltene Waffe bei Privatpersonen, und das RAMPC war eine Polizeieinheit, welche aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit einer solchen schweren Militärwaffe zu tun bekam. Dazu war der Hummer selbst auch nicht unbewaffnet, auf dem Dach war ein von – selbstverständlich – Browning in Lizenz hergestelltes Maxim-Gewehr montiert. Kaliber .50 x 4, wie auch auf Jonathans Trike.
„Also, Leute, Aufsitzen!“, rief PI Klares Wasser seinen Constables zu, und vier mit Gewehren bewaffnete Männer in der roten Uniform des RAMPC sprangen hinten in die Fahrgastkabine. „Du bitte auch, Zauberfrau“, rief er, als er sich auf den Beifahrersitz schwang. Viviane nickte dankbar. Es wäre für sie beinahe unerträglich gewesen, in der Station zu bleiben. Rasch nahm sie sich noch ihre BAR und die Tasche mit den schamanistischen Utensilien vom Trike, dann lief sie rasch zum Hummer.
„Deine Hand, Zauberfrau!“ PC Gregory Scharfes Auge streckte seine rechte Hand aus, welche Vivian dankbar ergriff. Mit einem kräftigen Zug half er ihr in den Wagen, wo sie auf der Bank mit dem Rücken zur Fahrtrichtung neben Gregory Platz nahm. „Willkommen, Zauberfrau. Ich bin Gregory Scharfes Auge, der kleine bullige dort links ist Jasper Rollender Donner, daneben der Riese ist Georges Eisenfaust und das dünne Gespenst ist auch ein Georges. Georges Helles Haar. Sein Dad war ein Weißer aus einer Stadt mit einem komischen Namen, den es zu uns verschlagen hat und der eine von uns geheiratet hat. Guter Jäger. Eine halbe Portion, aber ein guter Jäger. Hat sich gemausert, wie unser Georges hier!“
„Mein Vater war aus Haarlem, Gregory. Er hieß Jan van Njiuheusten und war ein Zakenman uit Nederland“, wandte sich der schlanke Mountie an Viviane. „Vergib ihm, Zauberfrau. Er hat ein scharfes Auge, aber einen stumpfen Geist!“
„Ich bin Viviane Büffelfrau, Freunde. Danke für das herzliche Willkommen!“
„Kaffee?“ Jasper Rollender Donner machte seinem Namen alle Ehre, der knapp 5 Fuß und 3 Zoll kleine Mann mit dem riesigen Brustkorb und den schwellenden Muskeln besaß den dunkelsten aller möglichen Bässe, er hätte in Richard Wagners Siegfried sofort den Zwerg Alberich singen können. Sein breiter Akzent verriet ebenso wie seine Einsilbigkeit den Wahpekute-Dakota. Für einen Mann von den Wahpekute im äußersten Osten des Dakotalandes war dieses Angebot außerhalb des Dienstweges schon eine festliche Rede, üblicherweise begnügten sich die Angehörigen dieses Stammes mit knappen Handzeichen. Georges Eisenfaust griff hinter sich und holte eine Flasche hervor.
„Dort hinten bleibt der Kaffee schön heiß. Magst du Zucker?“
„Ja, gerne!“
„Dein Glück, Viviane Büffelfrau“, bemerkte Georges Helles Haar. „Der gute Gregory kippt nämlich immer jede Menge Zucker in den Kaffee, er schmeckt dann beinahe wie Sirup. Dafür wird er immer zu dünn!“ Der Kaffee, der jetzt in den Becher floss, war tatsächlich etwas durchsichtig, das Muster am Boden des Blechbechers war noch deutlich zu erkennen. Trotzdem nippte Viviane an dem Getränk, und heiß war es zumindest wirklich. Und süß. Gut, Zucker gab schnell neue Kraft und Konzentration.
=◇=
„Dort links von uns fährt jemand auf dem Trail, Jean-Paul!“ Japues Dubois, der Fahrer des ersten Conestogas wies nach rechts, wo im spitzen Winkel zu ihrem Kurs der südliche Lakota Trail verlief. Der Chef der Bande kam auf den Bock und sah sich um.
„Ich glaube nicht, dass uns der Mann Probleme bereiten wird“, überlegte Montes.
„Er hat ein Maxim-Gewehr auf seinem Trike, das ist ein Militärmodell.“ Pierre benötigte kein Fernglas, um das zu erkennen. „Da ist ein Offizier der RANAC unterwegs.“
„Trotzdem, ein Soldat, auch ein Offizier, hat in Friedenszeiten keine Befugnisse“, erklärte Jean-Paul. „Und er ist nicht einmal in Uniform.“
„Lass mich sehen!“ Germaine zwängte sich ebenfalls nach vorne. „Oh, das wäre ein Häppchen“, urteilte sie. „Der Junge hält bestimmt eine Menge durch. Und Pierre wünscht sich schon lange ein Trike.“
„Nein“, wehrte Montes ab. „Nicht verzetteln. Unsere Spuren sind zu gut zu sehen, und es ist immerhin eine Straße. Da könnte eine Patrouille vorbeikommen. Wir bringen zuerst das Gold in Sicherheit. Keine Sorge, mon petit Chaton, du kommst schon noch auf deine Kosten!“
„Er fährt ziemlich langsam“ überlegte Pierre. „So ein Trike schafft doch sicher um die 50 Meilen! Aber er fährt langsamer als wir, als wolle er hinter uns bleiben.“
„Er wird wohl misstrauisch sein und uns ein wenig beobachten wollen“ meinte Jean-Paul. „Einfach weiterfahren, ganz ruhig. Seht doch, er bleibt stehen.“
„Merde!“, entfuhr es Germaine. „Von dort drüben kommt ein Hummer.“ Der Anführer fuhr herum.
„Teufel, ja, und diese indianischen Flics haben etwas zu melden in dem Gebiet.“
=◇=
„Mögliche Banditen voraus!“ Die Stimme von Samuel Klares Wasser tönte durch den Passagierraum des Hummer.
„Mein Stichwort!“ Der dünne, aber umso länger gebaute Georges Helles Haar erhob sich von seinem Sitz, öffnete eine Lucke in der Decke des gepanzerten Fahrzeuges und schob seinen langen Oberkörper ins Freie. Dann hörten die anderen, wie er den Verschluss des Maxim-Gewehres zurückzog und wieder losließ. Mit den typischen metallischen Scheppern fuhr der Verschlussblock nach vorne und schob dabei die erste Patrone des Munitionsgurts in den Lauf. „Geladen und gesichert!“ meldete Georges. Gleichzeitig schlossen die anderen vier Mounties die Fensteröffnungen mit Metallplatten, sodass nur schmale Schießscharten übrig blieben und luden ihre BARs durch. Viviane folgte ihrem Beispiel und kontrollierte auch noch einmal ihren Revolver. Das hatte sie zwar schon einige Male gemacht, aber sie war eben ein wenig nervös.
„Es wird schon gut gehen!“ beruhigte Gregory Scharfes Auge, und die Schamanin nickte.
„Natürlich. Aber mein Mann Jonathan Wildes Wiesel ist da draußen. Ganz allein!“
Ein flüchtiges Lächeln flog über Gregorys Gesicht. „Wenn er eine Frau wie dich erobert hat, dann ist er ein fähiger Mann. Konzentriere dich auf das Hier und Jetzt!“
Nun musste auch Viviane grinsen. „Klau mir nicht meinen Text, Greogory!“
„Liegt in der Familie!“ Scharfes Auge zuckte mit den Schultern. „Opa war Medizinmann, und er hat es auch ständig gepredigt.“
=◇=
Auf seinem Trike hatte Jonathan die Arretierung des Maxims gelöst und es auf der Zahnstange frei schwenkbar gemacht. 800 Patronen im Kaliber .50×4 warteten jetzt nur noch darauf, Tod und Verderben über die Conestogas ausschütten zu können. Ein kleiner Druck von vielleicht 1 Pound mit dem rechten oder linken Daumen würde reichen, und das Maxim würde losrattern, wenn er den Druck nicht verringerte, beinahe neun Minuten. Und es war unverkennbar, dass die Mündung auf den vordersten Wagen gerichtet war. Auch Georges Helles Haar hielt sein Maxim-Gewehr auf die Conestogas gerichtet, und zähneknirschend gab Jean-Paul Montes das Signal zu halten. Als aus dem Hummer ein Mounty im roten Uniformrock mit den Schulterstücken eines Police Inspector stieg, bastelte der Francocanadier an einem halbwegs überzeugendem Lächeln.
„Mon Capitaine de Gendarmes, was kann ich für Sie tun?“ Samuel Klares Wasser blickte Montes lang an.
„Wir haben gehört, dass im Südosten eine mächtige Rauchsäule zu sehen ist.“ Der PI nahm bedächtig den Hut ab und wischte über das Schweißband. „Haben Sie dazu etwas zu sagen, Mister…?“
„Jaques-Marie Bernardotte, Monsieur“, antwortete Jean-Paul innerlich fluchend. Trotzdem, jetzt musste er die Nerven behalten. Mounties, Grenze, keine Gefahr. „Nun, ja, wir haben es aus der Entfernung gesehen! Aber wir sind nicht hingefahren, um nachzusehen!“
Samuel nickte. „So, so, natürlich! Es ging Sie ja wohl nichts an, oder?“
„Nein, natürlich nicht. Es war übrigens jenseits der Grenze zum Lakota-Gebiet“, spielte Montes seinen Trumpf aus.
„Ach so!“ Wieder nickte Klares Wasser mit dem unschuldigsten Gesicht zwischen Nordpol und Mexico. „Dann brauchen wir wohl nicht hin fahren, um nachzusehen.“
„Das kann ich nicht sagen, Monsieur.“ Jean-Paul antwortete zögernd. „Ich kenne mich mit ihrem Recht ja nicht so gut aus.“
„Natürlich. Entschuldigen Sie, Sir. Das darf ich Sie ja nicht fragen.“ Samuel Klares Wasser wirkte wie ein Idiot, aber er verfolgte eine Strategie. Die Verdächtigen in Sicherheit wiegen und dann – nun ja, was immer nötig war. „Und was treibt Sie und ihre Gesellschaft hierher, Sir?“
„Handel, Mon Capitaine. Wir versuchen, ein wenig französische Ware in den englischen Kolonien und englische Waren nach Canada zu bringen.“
„Aha!“ Samuel Klares Wasser blickte die Wagen zurück und seufzte innerlich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. Die Staubwolke auf der Spur der Wagen konnte nur ein Blinder übersehen. Verstärkung für die Conestogas? Außerdem, bisher hatte er nur Vivianes Wort über das Wakan ihres Gefährten als Beweis für ein eventuelles Problem. Er beschloss, für das erste weiter auf Zeit zu spielen.
=◇=

„Dort vorne ist schon der South Lakota Trail, Sheriff!“ Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft deutete nach vorne. „Sie haben ungefähr dort, wo sie den Weg kreuzen sollten, gestoppt.“
James Amos Young nickte. „Warum auch immer, es hilft uns. Waffen schussbereit und ausschwärmen.“ Die insgesamt zehn Männer bildeten eine lange Reihe mit James und Joseph in der Mitte, dann gaben sie vollen Dampf. Und bremsten, als sie die Situation erkannten. Auch Samuel Klares Wasser erkannte Sheriff Young, wie auch die Besatzung des letzten Wagens.
„Es ist dieser verdammte Mormonensheriff“, rief Yves Blanche laut und hob sein Lefaucheux Gewehr. Der Schuss krachte und bohrte ein Loch in den Hut des Sheriffs und ließ ihn weit davonfliegen. Sofort schwangen sich die Sheriffs von ihren Quads und nahmen ihre Gewehre in Anschlag. Samuel Klares Wasser hechtete vorwärts und rollte unter den vordersten Conestoga, wo er sich möglichst flach zu Boden warf. Keine Sekunde zu früh, denn sowohl die Flinten der Banditen als auch die Maxim-Gewehre des Hummers und Jonathans hämmerten los. Eine Kugel traf Wildes Wiesel an der linken Schulter, doch er konnte mit der rechten Hand weiterfeuern. Die Konstruktion des Maxims, bei welcher der Rückstoß durch den Lademechanismus beinahe zur Gänze abgefangen wurde, half ihm dabei enorm. Und seine Ausbildung zum Krieger, in der er gelernt hatte, Schmerzen zu ignorieren.
Die schweren Geschosse mit 0,5 Zoll Durchmesser durchschlugen selbst die massiven Bohlen der Wagenkonstruktion. Keiner im Inneren kam ohne Verletzung davon, viele der Eisenbahnräuber starben bereits in den ersten Minuten des Feuergefechtes. Auch Jean-Paul und Pierre waren unter den Toten. Germaine warf ihre Revolver weg und suchte so gut es ging nach Deckung. Das Feuer aus den Gewehren der Banditen verlosch allmählich, und auch die Maxims schwiegen. Beide Schützen blieben allerdings wachsam. Samuel Klares Wasser kam wieder aus seiner Deckung, und auch die Mormonen näherten sich vorsichtig den Wagen.
„Durchsuchen“, winkte der PI seinen Männern, und mit den Revolvern im Anschlag kletterten die Mounties in den Wagen.
„Dem Himmel sei Dank!“ Eine kleine, zierliche Frau kam aus einem Versteck. Tränen liefen ihr über das Gesicht und zeichneten eine breite Spur in das verschmutzte Gesicht. „Ich habe schon nicht mehr auf Rettung gehofft. Aber ihnen ist es gelungen, diese Banditen zu besiegen! Ich danke ihnen, meine Herren, vielen, vielen Dank.“
„Hmpf!“ Jasper Rollender Donner sah sich wachsam um. Seinem Auge entging nicht, dass einer der Männer von einem Kopfschuss getötet worden war. Von hinten mit einem kleinen Kaliber. Weit kleiner als die .50er der Maxims, und noch immer kleiner .44er der BARs, welche die Mounties benützten. Trotzdem nickte er verständnisvoll. „Komm!“ Er deutete zum Ausgang, und Germaine kletterte zu Boden. Jasper gab Georges Eisenfaust durch die Luke ein Zeichen, und als Germaine an Georges vorbei ging, schnappten die Handfesseln zu.
„Ma’am, ich nehme Sie hiermit unter dem Verdacht des Mordes fest. Die Anklage kann im Zuge der Ermittlungen ausgedehnt werden.“
„Aber warum? Ich habe doch nichts getan“, jammerte Germaine. „Ich war vielleicht nicht immer ein braves Mädchen, aber auf Lakota-Gebiet habe ich nie etwas böses angestellt!“
„Wenn das stimmt, gehörst du uns, Mädchen!“ James Amos Young stand neben Samuel und betrachtete Germaine kopfschüttelnd. „So hübsch, und so verdorben.“
„Was soll ich denn gemacht haben?“, fragte Germaine. „Überfall auf einen Eisenbahnzug, vielfachen Mord und Raub einer Menge Goldes.“
„Es gibt auf Lakota-Gebiet keine Eisenbahn, und sie haben hier keine Rechte, Skelleton Young“, fauchte Germaine wie eine zornige Katze.
„Das ist nur bedingt richtig“, korrigierte Samuel Klares Wasser. „Seit etwa drei Jahren besteht ein gegenseitiges Abkommen mit den Mormon States. Ihre Sheriffs dürfen bei uns tätig werden, und wir Mounties auf ihrem Gebiet. Das hat sich schon bewährt.“
„Also, Miss, ich nehme Sie ebenfalls wegen Mordes und wegen Raubes fest. Ich darf das.“ Germaine sah von einem zum anderen. Langsam begann sie zu verstehen, dass sie dieses Mal verloren hatte. Endgültig. Sie fasste sich an den Hals, der bereits jetzt eng zu werden drohte. Nach dem englischen Recht wartete nach einem Gerichtsverfahren der Galgen auf sie.
„Jonathan!“ Viviane Büffelfrau stürmte an Samuel und Young vorbei. Dann stockte ihr Schritt, sie sah den großen, roten Fleck, der die Weste des Wilden Wiesels an der linken Schulter durchtränkte. Der linke Arm hing kraftlos herab. Auch seine Leggins am linken Bein wiesen einen rasch größer werdenden Blutfleck auf, offenbar hatte ihn auch hier eine Kugel getroffen. Jonathan hatte sich mit bleichem Gesicht wieder in den Sattel seines Trikes sinken lassen, ganz offensichtlich ging es ihm gar nicht gut. Das Gesicht Büffelfrau verhärtete sich, als sie mit einem tiefen Atemzug ihre persönlichen Gefühle verdrängte und zur reinen Schamanin wurde. Sie lief zurück zum Hummer, um ihre Tasche zu holen, dabei nahm sich auch die Flasche mit Gregorys Kaffee mit. Doch zuerst legte sie den Verwundeten zärtlich auf den Boden, flößte ihm einen ihrer Kräutertränke ein und schnitt mit einem scharfen Messer das Leder von den Wunden. Die Kugeln mussten baldmöglichst entfernt, die Verletzungen möglichst rasch gesäubert und desinfiziert werden. Die Medizinmänner der Lakota hatten noch nie von Bakterien oder Viren gehört, aber dass gereinigte Wunden besser heilten und man mit sauberen Werkzeugen und Händen arbeiten sollte, wussten sie noch aus einer Zeit vor den Waiscun. Bald begann die Mixtur der Zauberin zu wirken, Jonathan verdrehte die Augen und schlief tief ein. Viviane schloss seine Lider, um eine Austrocknung seiner Augen zu verhindern, und streute zuerst blutstillendes Pulver in die Wunde am Oberschenkel. Dann arbeitete sie ruhig und effizient mit einem kleinen Skalpell und einer Pinzette aus ihrer Schamanentasche, als sie die Projektile aus seinem Körper entfernte. Zuerst das aus seiner Schulter, vorsichtig, behutsam, damit der Arm wieder beweglich werden würde. Ebenso vorsichtig streute sie ein Pulver aus getrockneten und sorgfältig zu Pulvern verriebenen Kräutern in wie Wunde, spülte mit einer Tinktur die Wundkanäle nach und streute wieder andere Kräuter. Danach nahm sie ihre Schamanentrommel und begann den Weggesang, der sie und Jonathan in eine Trance führen würde. Eine Trance, welche die Heilung vorantreiben würde. Natürlich konnte das keine Wunder vollbringen, und die Wunden würden noch lange Zeit schmerzen. Aber der Heilungsprozess würde zumindest einsetzen und die stärkste Blutung stoppen.
Nachdem sie ihre Zeremonie beendet hatte, trank sie rasch von dem stark gezuckerten Kaffee. Hm, kalt schmeckte dieses Zuckerwasser fast noch besser. Sie dehnte sich und begab sich zu Samuel.
„Gibt es Verwundete, PI?“
Klares Wasser nickte. „Ein paar haben überlebt, sie sind bereits geständig. Wir haben ihre Wunden zugeknüpft und halbwegs versorgt, damit sie sich vor einem Gericht verantworten können.“
Sheriff Young trat dazu. „PI, danke für ihre Hilfe. Aus den Angaben der Überlebenden Banditen kennen wir auch die Rolle, welche diese Germaine Contrail bei dem Eisenbahnraub gespielt hat. Diese Frau ist ein Teufel im Körper eines Engels. Eine Frau, die dem Sterben von Kindern nicht nur gnadenlos zusieht, sondern selbst mit Hand anlegt – es ekelt mich. Das ist ein Monster, keine Frau!“
=◇=
Jonathan Wildes Wiesel hinkte bereits nach wenigen Tagen wieder auf einen Stock gestützt herum. Doch die Steuerung seines Trikes erfolgte in erster Linie mit den Beinen, und die Verwundung war bedauerlicherweise nahe am Kniegelenk gewesen. Sein Bein würde noch einige Wochen steif bandagiert bleiben müssen.
„Wir müssen weiter, um rechtzeitig einige Tage vor der Sommersonnenwende zum Pow-Wow nach Milwaukee und ich kann nicht fahren! Also bleibt uns nur der Trailhound bis Oacoma am Missouri, und dann weiter mit dem Canoe Aeir. Unsere Trikes müssen wohl hier bleiben, bis wir zurück kommen!“
„Es wird uns eine Ehre sein, darauf acht zu geben“, versicherte PI Klares Wasser. „Und was die Fahrt nach Oacoma betrifft, Captain, habe ich schon telegraphiert. Du wirst den Lufthafen mit einem Hummer erreichen!“
„Das – ist sehr aufmerksam, PI“, versetzte Wildes Wiesel dankbar. „Das werden Viviane und ich gerne annehmen.“
„Es ist mir ein Vergnügen, Jonathan“, bekundete Samuel. „Besonders, weil Euch Macgpiya-Iuta in Oacoma treffen möchte!“
„Es wird eine große Ehre für mich kleinen Captain sein, General Andrew Rote Wolke persönlich zu treffen“, versprach Jonathan.
Am nächsten Morgen stiegen der Captain und die Schamanin nach einem herzlichen Abschied in den Fahrgastraum. Vorher hatte ihnen Klares Wasser noch ein Telegramm aus Salt Lake City gezeigt. Germaine Contrail war wirklich wie alle ihre gefangenen Kumpane nach angelsächsischem Recht zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Der Hinrichtungstermin stand allerdings noch nicht fest. Jonathan nahm es ungerührt zur Kenntnis. Er selbst hätte allerdings lieber bis zum Tod gekämpft, statt sich zu ergeben.
Ägäisches Meer
Eine seltsame, unwirkliche Stille lag seit etwa einem Monat über der ganzen Insel Kreta. Es schien beinahe so, als wäre die Zeit in diesem Teil der Welt eingefroren, und die gesamte Insel hielte den Atem an. Nachdem die Kreter die Besatzung der Festung von Herakleion niedergekämpft und zum größten Teil getötet hatten, waren zwei Boten mit einem Kahn losgefahren, um die Griechen in Konstantinopel zu warnen. Man hatte bisher nichts mehr von ihnen gehört oder den kretischen Abgeordneten im türkischen Parlament gehört. Die Menschen gingen zwar weiter ihren Beschäftigungen nach, denn Ziegen, Schafe und Kühe mussten ja gefüttert und gemolken, der Wein ausgeschnitten, Brot gebacken und das Mittagessen in den Ofen geschoben werden. Aber eine Aura des irrealen umgab alles, vor allem das Denken sowohl der Griechen als auch der Türken. Die osmanischen Garnisonen in Souda, dem großen Hafen im Westen der Insel, wo ein beachtlicher Teil der osmanischen Mittelmeerflotte stationiert war, die Besatzungen der Festungen Rethymnon und auf der Insel Elounda verhielten sich absolut ruhig und warteten scheinbar noch auf Befehle von oben. Natürlich waren die Soldaten in erhöhter Alarmbereitschaft, aber kein Offizier befahl einen Gegenangriff, keiner der Kommandanten versuchte den Aufstand der kretischen Bevölkerung mit neuen Geiseln zu beenden. Die türkischen Schiffe verließen wie eh und je ihre Häfen und gingen auf Patrouille, nur jene bewaffneten Küstenboote und kleinen Korvetten, welche der revoltierende Mob in Herakleion gestürmt und mit Hilfe plötzlich im Hafen auftauchender Fischerboote geentert hatte, blieben im Hafen liegen. Im Gegenzug näherte sich auch kein bewaffneter Kreter den osmanischen Bollwerken, um zu versuchen, auch den Rest der Insel zu befreien und zu erobern. Alle Menschen auf der Insel schienen zu warteten, auch wenn sie wohl selbst nicht so genau wussten, worauf eigentlich. Aber irgendwie schien auch jeder damit zufrieden zu sein, nicht von der anderen Seite beschossen zu werden, und so verging ein Tag nach dem anderen.
Die Bucht von Souda auf Kreta war einer der besten und größten Naturhäfen des Mittelmeeres. Und einer der am leichtesten zu verteidigenden. Im Süden die Berge der kretischen Hauptinsel, im Norden die nicht weniger steilen Hänge zur Hochebene der Halbinsel Akrotiri, die sich im Nordosten zu einer hohen, steilen Klippe erhoben. Im Osten lagen die Souda-Inseln in der Einfahrt zur geräumigen Hafenbucht, und am westlichen Ende senkten sich sowohl die nördlichen als auch die südlichen Höhenzüge zu einem Tal mit leichtem Zugang zum Meer. Auf der Halbinsel Akrotiri lag auch der internationale Luftschiffhafen, der außer von den zivilen Luftschiffen der Donaumonarchien und Deutschlands auch regelmäßig sowohl von den osmanischen wie den französischen und englischen zivilen Luftschiffen angesteuert wurde. Dieses Gebiet auf dem Hochland galt allen Ländern Europas als neutraler Boden, und ein pfiffiger portugiesischer Geschäftsmann hatte dort sogar ein luxuriöses, modernes Konferenzhotel gebaut. Mit Verteidigungsanlagen, welche einem starken Fort zur Ehre gereicht hätten und eigenem, schwer bewaffnetem und gut geschultem Schutzpersonal, welches der Besitzer aus allen Ländern rekrutierte. Es hatten dort auf neutralem Boden bereits einige Beratungen zwischen gekrönten Häuptern stattgefunden. Zuletzt zwischen dem Kronprinz Albert Edward von Britannien und dem 19 Jahre alten Zarewitsch Kyril Wladimirowitsch von Russland vor zwei Monaten. Marie Alexandrine Elisabeth Eleonore von Mecklenburg-Schwerin hatte Wladimir Alexandrowitsch bereits 9 Monate nach der Hochzeit im Jänner 1870 einen Sohn geboren.
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Das türkische Staatsschiff, die PEYGAMBERIN KILICI, war trotz des hochtrabenden Namens kein waffenstarrendes, dafür aber umso schwerer gepanzertes und verschwenderisch mit Luxus ausgestattetes Schiff. Die offensive Bewaffnung beschränkte sich auf leichte Maschinengewehre und Mittelartillerie. Die eigentliche Stärke der PEYGAMBERIN KILICI lag eher in der Defensive, denn sie sollte das Leben des Sultans oder seines Vertreters oder Vertrauten auf See schützen. Die schwere Artillerie, welche nötig war, einen Angreifer auf den hohen Passagier auf Abstand zu halten, war auf den drei von Deutschland gebauten Einheitslinienschiffen der Brandenburgklasse zu finden, welche das Staatsschiff derzeit im Verband mit anderen leichten und schweren Kreuzern auf dem Kurs von Konstantinopel nach Süden in einiger Entfernung eskortierten. Das Ziel dieser nicht eben kleinen Flotte war ziemlich offensichtlich Kreta, der Zweck der Fahrt zu diesem Zeitpunkt weniger klar ersichtlich. Auch wenn Abdülmezid seine Bereitschaft zu Verhandlungen über diplomatische Kanäle verbreitet hatte, noch glaubte eigentlich niemand so recht daran. Diese Art von Politik war man vom osmanischen Reich nicht gewöhnt, seine Vorgänger hatten eher eine rigorose Härte an den Tag gelegt.
Mit der PEYGAMBERIN KILICI auf Kollisionskurs befand sich die SPARTA mit ihrer Flotte, allerdings ohne es bisher zu wissen. Die SPARTA war eine besondere Konstruktion, beinahe 300 Meter lang und 40 breit, sowohl auf dem Vorder- wie auf dem Achterdeck eine gedeckte Barbette mit je zwei Kanonen im Kaliber 36 Zentimeter, auf beiden Seiten waren je fünfzehn Kanonen des leichten 10,5 Zentimeter-Kalibers in Kasematten untergebracht. Der Kommandoturm war zweigeteilt und weit zum Bug und zum Heck verlegt worden, dazwischen lag ein Start- und Landedeck für drei leistungsstarke britische Ornithopter, mit denen man feindliche Schiffe aufspüren und im Falle eines Kampfes auch bombardieren konnte. Ein neues, von König selbst erdachtes Konzept, von welchem Admiral Adonis Papaioannistratos noch lange nicht restlos überzeugt war. Er persönlich verließ sich lieber auf die zwei Einheitslinienschiffe und die fünf schweren Panzerkreuzer unter seinem Kommando. Aber der König hatte die SPARTA zum Flaggschiff der griechischen griechischen Flotte ernannt, und so stand der Admiral eben auf der Brücke des Ornithopter-Trägers und beobachtete das an diesem Tag stark bewegte kretische Meer zwischen den Inseln Santorin und Kreta. Es blies, wie es zu dieser Jahreszeit nicht selten vorkam, ein heftiger Sciricco aus Südosten, welcher weiße Schaumkronen auf die Wellenkämme zauberte. Ein Anblick, bei welchem Adonis an die Sage von den Nereiden, also die Töchter des Meeresgottes Nereus denken musste. Die Wolken hingen tief, wie es im Mai im Gegensatz zu den starken Winden eigentlich ziemlich selten vorkam. Die Sonne brach nur ab und zu aus einer kleinen Lücke und zeichnete kräftige Jakobsleitern für die Seefahrer in den Himmel. Eine kleine Glocke schlug an, machte die Brückenoffiziere auf die dem Signal folgende Meldung aufmerksam.
„Schiff ahoi“, tönte es aus dem Sprachrohr vom Peildeck herunter. „Ein Türke, der Silhouette zu urteilen wahrscheinlich die PEYGAMBERIN KILICI!“
„Gefechtsalarm an alle Schiffe, alle Mann auf Station“, befahl der Admiral, und an den Kapitän der SPARTA gewandt bemerkte er noch an. „Die KILICI ist ganz sicher nicht allein unterwegs.“
„Alle Schiffe melden ‚Klar Schiff für Gefecht‘, Admiral“, meldete der Signalmaat.
„Schiffe ahoi! Drei Brandenburg und eine Menge Kreuzer folgen der KILICI“, ertönte es vom Peildeck.
„Nun, Kapitän?“
Kapitän Nikos Katsarakodos nickte. „Ich habe es nie bezweifelt, Admiral. Es wäre ebenso unwahrscheinlich wie ein Alleingang der SPARTA.“
„Wohl wahr“, brummte Adonis und wandte sich an den Signalgast. „Flotte auffächern lassen, Kurs auf den Feind!“ Wieder erklang zuerst das Glöckchen, dann folgte die Meldung des Peilmaates.
„Türke trägt weiße Parlamentärflagge!“
„Mist“, schimpfte Adonis Papaioannistratos und stampfte mit dem Fuß auf. „Akuten Gefechtsalarm aufheben, aber die Leute sollen auf ihren Posten bleiben!“ Dann wandte er sich wieder an Nikos Katsarakodos. „Schade, jetzt hätten wir ein hochrangiges Mitglied des osmanischen Hofes oder gar des Herrscherhauses fangen können. Verdammte Parlamentärflagge.“ Dann rief er dem Signalmaat zu. „Beidrehen, wir eskortieren die türkischen Flotte bis zur Dreimeilenzone.“ Dann, beinahe wie im Selbstgespräch „Vielleicht macht ja dieser vermaledeite Türkei irgend einen Unsinn.“
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„Herr!“ Kapitän Kalil Azizsadee aus der Grenzregion zu Persien trat zum Sultan in den üppig mit Teppichen und Sitzkissen versehenen Salon der PEYGAMBERIN KILICI. Abdülmezid legte den Konstruktionsplan eines Dampfturbinenschiffes zur Seite, den er eben studiert hatte.
„Wir müssen lernen, solche Schiffe selbst herzustellen, Kapitän. Wir besitzen doch alle Bodenschätze, und auch die meisten bekannten Bestandteile des Vaporids sind in unserem Reich zu finden. Wir dürfen unser Geld nicht mehr so zum Fenster hinaus werfen, wir müssen endlich auf eigenen Beinen stehen lernen. Eigene Ingenieure und Techniker ausbilden! Entschuldigen Sie, Kapitän. Sie wollten mir sicher mitteilen, dass Sie eine Flotte gesichtet haben!“
„Ja, Herr. Eine griechische unter der SPARTA. Derzeit laufen sie einen Kurs parallel zu uns.“
„Es war zu erwarten, Kapitän“, beruhigte der Sultan seinen Offizier. „Ich hoffe, alle Schiffe haben die Waffenstillstandflagge gehisst?“
„Selbstverständlich, Herr. Auch die SPARTA mit ihrer Flotte hat jetzt die weiße Fahne aufgezogen.“
„Na bitte“, freute sich Abdülmezid. „Es geht ja auch ohne große Seeschlacht. Wie lange noch bis zur großen Festung?“
„Etwa zwei Stunden, Herr. Das Wetter scheint ohne Niederschlag und stärkeren Orkan durch zu halten!“
„Dann ist es ohnehin Zeit, mich bereit zu machen. Danke, Kapitän!“
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Die große Festung von Herakleion trug ihren Namen durchaus zu Recht. Von einer Seite zur anderen maß die Festung mehr als 800 Meter, 8 mächtige, mit schweren Geschützen bewehrte Bastionen und mehrere Raveline mit Feldartillerie sollten die Angreifer bereits aus der Entfernung dezimieren, und auch der Hafen war durch ein mächtiges Fort verteidigt, das mittels gedeckter Gänge mit der Festung verbunden war. 21 Jahre hatten die Venezianer dieses Bollwerk gegen die Osmanen verteidigt, und diese hatten die Artilleriestellungen noch weiter ausgebaut und befestigt. Die Hafenfestung hatten die Venezianer Rocca di Mare genannt, diesen Namen trug sie auch unter den Türken und den Kretern. Hier, in dieser Festung, hatte Oberst Berenike Kamatakis ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Nun stand sie in der neu geschaffenen Uniform der kretischen Armee und einem Regencape auf der Mauer der Festung und starrte zu dem Staatsschiff des osmanischen Reiches hinüber. Eigentlich war diese Uniform die traditionelle kretische Tracht mit engen, schwarzen Reithosen, hohen Schaftstiefeln, einem schwarzen Hemd und schwarzer Weste, dazu das traditionelle ‚Kefalomandili‘ – wörtlich das Kopftaschentuch, eher ein Netz als ein Tuch zu nennen. Bei der Uniform kam noch für Offiziere eine weiße Bauchschärpe über dem Waffengurt und eine Art Fez dazu, ebenfalls in weiß gehalten, Soldaten und Unteroffiziere trugen beides in blau.

Unzählige Gedanken wirbelten beim Anblick der PEYGAMBERIN KILICI durch den Kopf der Frau, nicht alle waren angenehm. Es war gerade vier Wochen her, da sollte sie auf Befehl des Militärgouverneurs mit fünfzig anderen Geiseln gepeitscht und erdrosselt werden, dann kam es zum Aufstand und zur Eroberung der großen Festung. Die Türken hatten erwartet, das ihr Exempel, welches sie statuieren wollten, die Bevölkerung einschüchtern würde, dass die brutale und demütigende Art des Mordes an Frauen die Angst vor dem Terror der Besatzer die Überfälle der Sfakioten auf die osmanischen Soldaten beenden würde. Statt dessen hatte sich der Druck der Masse explosionsartig befreit. Auch in Berenike, der Tochter eines Bäckers und Ehefrau eines Messerschmiedes, erst achtundzwanzig Jahre alt und bis zu dieser Zeit eine ruhige Ehefrau und Mutter, war etwas zerrissen. In diesem Augenblick, als der Aufstand just in dem Moment begann, als man sie zur Exekution führen wollte. Sie hätte nie gedacht, dass sie fähig wäre, einem bewaffneten Mann mit den Zähnen an die Kehle zu gehen. Aber – die nackte Frau, die ihren Henker tötete und mit dessen Waffe vor den Massen herlief und den Angriff auf die Bastionen anführte, war zum Symbol des Widerstands gegen die Osmanen geworden und jetzt ein Oberst der kretischen Armee. Einer derzeit noch sehr unorganisierten, dafür aber umso enthusiastischeren Streitkraft. Berenike gab sich zwar keiner all zu großen Hoffnung hin, denn sollte das osmanische Reich ernsthaft versuchen, Kreta zurück erobern zu wollen, hätten wieder nur die Bewohner der Berge eine Möglichkeit, in Freiheit zu überleben. Doch die PEYGAMBERIN KILICI war allein gekommen, ihre Eskorte war weit entfernt schemenhaft am Horizont zu erkennen und näherte sich nicht weiter. Und, es wehte die Fahne eines Unterhändlers vom Flaggenmast, und die Nachricht, welche soeben herübergeblinkt wurde, bat um eine Unterredung mit den Vertretern der Kreter, hier oder auf der Akrotiri – Halbinsel. Berenike wandte sich an ihren Melder.
„Lass zurückblinken: ‚Wir bestätigen den Erhalt der Nachricht – bitten um Geduld.‘ Lauf los, dann marschierst du zum Ratsvorsitzenden Inoriokakis. Erzähle ihm von der Nachricht, und ich schlage vor, den Sultan in der Festung Rocca a Mare in meinem Konferenzraum zu empfangen. Er sollte sich mit Oberst Eporotakis und fünf Räten in ein Versteck zurück ziehen. Drei Räte und meine Person sollten für Verhandlungen reichen. Ab!“
Gut vor allen Winden geschützt hatte die PEYGAMBERIN KILICI im Hafen von Herakleion an einem Pier angelegt, und Berenike Kamatakis hatte den Sultan zwar mit militärischen Ehren, aber selbstverständlich ohne Kniefall begrüßt und mit seinen beiden Adjutanten in die Festung begleitet.
„Ihr müsst jene Frau sein, die mit blanken Zähnen einen Soldaten angegriffen hat, Frau Oberst“, bemerkte Abdülmezid.
Berenike zuckte nur mit den Schultern. „Ich hätte ohne Probleme darauf verzichten können, Hoheit. Schon wegen der mangelnden Hygiene dieses Soldaten, von allem anderen ganz zu schweigen.“
„Mangelnde Hygiene? Aber…“ der Sultan brach ab.
„Ich zeige Euch gerne die Bäder, sie sind in erbärmlichem Zustand. Aber ob ungewaschene oder gewaschene Besatzer – eine Vergewaltigung ist nie lustig, glaubt es mir. Dazu beständige Gewalt und der laufende Diebstahl über jede Steuer hinaus, die permanenten Schändungen unserer Kirchen. All das haben wir erlebt und lange Zeit erduldet, haben immer wieder versucht, es mit friedlichen Mitteln, in der Kammer in Stambul, zu ändern. Man hat uns ignoriert, wir Inselbewohner wurden immer zum Schweigen gebracht…“
„Ich habe es erfahren, Frau Oberst!“ Abdülmezid verzog schmerzhaft sein Gesicht. „Ich dachte, wenn ich weise und gute Gesetze erlasse, reicht das. um das Leben meiner Untertanen verbessern.“ Er seufzte tief. „Ich habe mich geirrt und nicht daran gedacht, dass meine eigenen Offiziere meine Befehle ignorieren und in den Provinzen die Richter sämtliche Gesetze missachten. Mein Sohn Murad säubert eben das Offizierskorps und die Beamtenschaft von solchen Verbrechern. Es wird also aus vielerlei Gründen nicht mehr vorkommen, dass türkische Soldaten kretische Frauen überfallen und osmanische Beamte Kreter bestehlen.“
„Und auch keine Provinzgouverneure, die Unschuldige und sogar Frauen als Geisel nehmen und töten wollen“, warf Ilios Monatararkis ein.
„Auch das sollte nicht mehr vorkommen“, bestätigte der Sultan. „Ich bin angereist, um der derzeitigen Regierung Kretas persönlich folgenden Vorschlag zu unterbreiten, der in wenigen Minuten auch allen Regierungschefs Europas per Telegraphie zugehen wird. Darf ich?“
„Gerne, Sultan Abdülmezid. Wir hören!“ Dimitris Kyriakis in der schwarzen Robe der griechisch-orthodoxen Popen faltete die Hände.
„Es handelt sich um einen kurzen Vertrag, einfach und ohne große Hintertüren. Bitte, lassen Sie ihn mich komplett vorlesen, wenn ich fertig bin, können wir gerne noch diskutieren. Also, Paragraph 1. Die Insel Kreta wird zu einem konstitutionellen und parlamentarischen Sultanat umgewandelt. Der Sultan ist der Sultan in Konstantinopel. Parlament, Minister und Ministerpräsident werden vom gesamten kretischen Volk, Männern wie Frauen, welche das 18. Lebensjahre erreicht haben, gewählt. Die erste Wahl sollte ehestmöglich stattfinden, bis dahin bleibt die derzeitige provisorische Verwaltung im Amt. Paragraph 2. Die gewählte Regierung Kretas soll schnellstmöglich eine eigene Verfassung verabschieden, bis dahin gilt die Verfassung des osmanischen Reiches. Die Exekution der Gesetze obliegt zuerst der derzeitigen provisorischen und danach der gewählten kretischen Regierung. Paragraph 3. Kreta verpflichtet sich zur Besetzung der vier Marinebasen mit einer adäquaten Anzahl von Soldaten und den Unterhalt derselben, ebenso zur Instandhaltung und Stellung einer Besatzung für die dort stationierten Schiffe. Die Beschaffung von militärischem Material obliegt den Sultan. Die derzeitige Besatzung wird mit Ausnahme einiger Ausbildner im technischen Bereich und eines kommandierenden Admirals bis zur Ausbildung eines eigenen Befehlshabers abgezogen. Paragraph 4. Das Sultanat Kreta verpflichtet sich, an seinen Sultan 20 Prozent der jährlich eingehobenen Steuern abzuführen. 80 Prozent verbleiben für die Verwaltung Kretas. Eine Mindestsumme wird nach einer Volkszählung noch zu verhandeln sein. Paragraph 5. Das Sultanat Kreta und das osmanische Reich sind militärische Verbündete mit gegenseitiger Beistandspflicht. Paragraph 6. Im Sultanat Kreta ist jede Person vor dem Gesetz gleich, unabhängig von Religion, Geschlecht, Abkunft, Vermögen oder sozialer Stellung.“ Abdülmezid legte das Schriftstück auf den Tisch und nahm die Lesebrille ab. Langes Schweigen, beinahe absolute Stille schlug ihm entgegen. „Frau Oberst, meine Herren Revolutionsräte?“
Es war Berenike, als erwache sie aus einer Trance. „Darf ich bitte den Vertragsentwurf sehen?“
Abdülmezid schob diesen schmunzelnd über den Tisch. „Sie wirken überrascht, Frau Oberst!“
„Das wäre die beinahe totale Freiheit Kretas zu einem akzeptablen Preis.“ Dimitris Kyriakis rieb sich das Gesicht.
„Und dieser Vertrag wäre sogar ein guter Grundstock für die Verfassung“, nickte Klios.
„Und das ohne Krieg und Blutvergießen!“ Berenike schloss die Augen. „Ein Ende von Angst und Alptraum.“
„Es wäre ein für beide Seiten erfreuliches Abkommen, Frau Oberst, meine Herren“, bekräftigte Abdülmezid. „Details müssen natürlich noch besprochen werden, ich habe diesen Entwurf mit Absicht möglichst einfach gehalten, denn es geht mir vor allem darum, eine prinzipielle Einigung zu erzielen.“
„Ich glaube, ich kann für den ganzen Rat sprechen, dass wir aufgrund dieses Entwurfs ein Abkommen bekommen können.“ Berenike erhob sich und reichte dem Sultan die Hand, und auch Abdülmezid stand von seinem Sitz auf. Er nahm die Hand der Kreterin und schüttelte sie. Dann beugte die Frau Oberst doch noch das Knie.
„Unter den Umständen dieses Vetrages anerkenne ich Euch als meinen Lehensherrn, Hoheit.“
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Der Kutter von der KORYDALLOS legte von der SPARTA ab und brachte den Boten, der dem Admiral die neuesten Depeschen gebracht hatte, wieder zurück zur Avisokorvette. In seiner Kabine las der Admiral ungläubig die Nachricht von dem Telegramm aus Konstantinopel.
„Dekara“, fluchte Admiral Adonis Papaioannistratos laut los und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann stieg er die Treppe zur Brücke hinauf. „Das war’s, Kapitän. Der Krieg gegen die Türken ist abgesagt, Abdülmezid hat Kreta die Selbständigkeit gewährt. Wenn auch unter seiner Hoheit. Unter diesen Umständen ist es unmöglich für die Völker Europas, sich auf unsere Seite zu stellen, wenn wir die ägäischen Inseln und Makedonien wieder zurück erobern wollen.“
„Diavolos! Ein schlauer Schachzug des Türken“, pflichtete Kapitän Nikos Katsarakodos bei. „Es stimmt, jetzt stünden wir als Aggressor und damit ziemlich allein und ohne Unterstützung da. Da könnten wir uns gleich selbst versenken!“
„Hilft nichts! Signalgast, die Flotte zieht sich noch einmal drei Seemeilen zurück, folgende Koordinaten!“
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Einstmals war die MARIA M. unter dem Namen SMS BERLIN der große Stolz der Deutschen Kaiserlichen Luftmarine gewesen. Das war in der Mitte der fünfziger bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts gewesen, bald nachdem der spätere Graf Novacek 1849 die Substanz Vaporid entdeckt hatte. Die Ingenieure hatten sich damals übertroffen, immer neue Methoden zur Sicherung des Auftriebskörpers von Kriegsluftschiffen zu finden. Bei der BERLIN hatten sie damals ein dünnes Netz aus Aluminium- und Kruppstahldrähten zwischen dem äußeren und dem inneren Rumpf gewebt. Dieses sollte nachgeben und die Wucht eines Kanonenschusses bremsen, und die innere Hülle mit den vielfach unterteilten Gastanks unversehrt bleiben. Selbst mit dieser schweren Panzerung hatte das Luftschiff immer noch die damals noch atemberaubende Geschwindigkeit von beinahe 50 Stundenkilometer erreicht. Auch die Kommando- und Kanonendecks waren damals nicht mit einer schweren, durchgehenden starren Panzerung versehen worden, sondern mit einer flexiblen, leicht mit Bordmittel zu reparierenden. Die homerischen Griechen hatten aus Weidengeflecht und Leder leichte, aber überraschend wirksame Schilde gebaut, wo eine Lage die Wucht eines Pfeiles oder einer Lanze an die nächste weitergab und immer mehr auf ein größeres Areal verteilte. Gebrochene Stäbe waren leicht auszutauschen gewesen. Aus Profilstäben und Drahtgeflecht kopierte der für diese Erfindung in den Grafenstand erhobene Karl Zeppelin die achäische Methode des Verbundstoffes, welche später noch weiter verfeinert werden sollte. Zeppelin hatte während der Konstruktionsphase vor seinem Team folgendermaßen argumentiert: ‚…wir müssen uns klar machen, dass es ziemlich sinnlos ist, einen schwer gepanzerten, vergleichsweise kleinen und schwer zu treffenden Körper unter einen riesigen, ungeschützten Ballon zu hängen, den jeder Idiot mit einer besseren Steinschleuder treffen und so lange perforieren kann, bis der gepanzerte Körper als Altmetall in einem Krater endet…‘.
Als SMS BERLIN war das Luftschiff als Deckung für Truppentransporter und die Absetzung der Truppen gedacht gewesen. Ihre Hauptbewaffnung befand sich daher im unteren Teil des Rumpfes, um Bodenstellungen des Feindes aus der Luft nieder zu kämpfen. Es ist unklar, ob dieses Konzept zum Erfolg geführt hätte, den die BERLIN kam nie in einem Gefecht zum Einsatz. 1871 entwickelte Konrad von Kortwitz den Kristall-Leichtstahl, gemeinsam mit den von Carl Friedrich Werner 1854 erfundenen starken Dampfturbinenmotoren war der Weg frei für echte Flugschiffe. In die Höhe gehoben und angetrieben von verkleideten Ressel-Schrauben mit hohen Umdrehungen. Zwei, vier, manchmal sogar sechs gegenläufige Schrauben hintereinander in einem Rohr, mehrere dieser Rohre in einem Schiff. Erst zu späterer Zeit hatte Frankreich die Idee des Deckungsschiffes wieder aufgenommen und mit moderner Technik die ‚Merde de Balls‘ geschaffen. Die schwerefällige und veraltete SMS BERLIN wurde entwaffnet, noch einige Zeit als fliegender Kran eingesetzt und schließlich an eine Firma verkauft, welche Schürfrechte in Africa und auch verschiedene Werke in Griechenland und der Türkei besaß. So war die MARIA M. über dem Dodekanes schon lange kein ungewohnter Anblick mehr.
Die Inseln Kos und Nisyros waren Teil des Kykladenbogens, einer Reihe nur schlafender, aber trotzdem noch aktiver Vulkane, zu denen unter anderen auch die Inseln Methana, Santorin und Milos gehörten. Es war zwar seit zumindest zweitausend Jahren kein Ausbruch mehr bekannt geworden, doch die kleinen Felsen, welche in der Mitte des Kessels aus dem Wasser ragten, den die Insel Santorin bildete, sprachen ganz deutlich eine andere Sprache. Immer wieder stiegen Rauch und übelriechende Gase empor, und das Wasser rings um diese Steine war oftmals weit wärmer als das Wasser anderswo in dem Dreiviertelkreis, den der bewohnbare Teil der Insel bildete. Die Firma Eurafrica Montan Gesellschaft mit Sitz in Neapel, in deren Besitz die MARIA M. derzeit war, baute auf Kos, Nisyros und dem dazwischen liegenden Inselchen Gyali Bimsstein und vulkanische Puzzolane ab, welche gemeinsam mit gutem Sand und Wasser im richtigen Mischungsverhältnis hervorragenden Beton ergaben. Ein gutes Geschäft für diese Firma, welche mit einer kleinen Luftschiffflotte Spezialisten zwischen ihren Werken transportierte und den permanenten Kontakt zu jenen Minen aufrecht erhielt, welche über keinen Anschluss an ein Telegraphennetz besaßen.
Der südöstliche Teil der Insel Kos bestand aus einer beinahe senkrecht in das Meer abfallenden Steilküste, vor welcher sich bei einem der leichteren Seebeben in den letzten Jahrhunderten immer wieder einige Untiefen gebildet hatten. Schiffe hielten sich lieber in sicherer Entfernung, wenn sie mit dem Kurs auf Bodrum und den dahinter liegenden Golf von Gökova diese Insel passierten. Bei einem dieser vulkanischen Ausbrüche auf der Kykladeninsel vor einigen tausend Jahren war eine große, isolierte Blase aus Gas im geschmolzenen Gestein mit aufgestiegen. Die Lava erkaltete und umgab diesen Gaseinschluss mit hartem Stein, bevor die Blase die Oberfläche gänzlich erreichen und platzen konnte. Es blieb ein perfekter, runder Hohlraum im Gestein zurück. Ein Lavadom. Dann hatte der Druck Jahrhunderte später seitwärts doch noch einen Ausgang gefunden. Ein Teil des Berges war, von Regen und Wind allmählich korrodiert, während eines nahen Erdbebens abgerutscht und hatte eine Steilwand hinterlassen. Ständiger Tidenhub, Wind und Wellen hatten die Außenwand weiter geschwächt, bis der Druck mit Macht den Rest der dünn gewordenen Blasenwand aufriss und eine Verbindung zum Meer herstellte, welches den Hohlraum etwa zur Hälfte mit Wasser füllte. Ein Geologe der Eurafrica hatte die geöffnete Blase entdeckt und für die Anlage eines Hafens empfohlen. Die Firma hatte diese Idee aufgegriffen, am Eingang eine Hafenanlage gebaut und oben eine Anlegestelle für Luftschiffe. Aus den Akten der Firma verschwand jedoch jegliche Notiz über den hinter diesem Hafen liegenden Hohlraum ebenso gründlich wie der Geologe.
Rings um die Anlegestelle war der Tagebau ständig in Arbeit, und über eine Rutsche wurde das Gestein von der Hochebene direkt zu Hafen befördert. Alles ganz öffentlich und für jedermanns Augen zugänglich. Für sehr viel weniger Augen sichtbar waren allerdings die 5 Stahlgiganten aus der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven, alte Breitseitenpanzerschiffe, welche noch mit vier Segelmasten als Bark für den Notfall getakelt waren. Auch diese Schiffe hatte das Kaiserreich irgendwann entwaffnet und günstig verkauft, als das Vaporid eine Notfallbesegelung endgültig obsolet machte und Turmschiffe mit größeren Kalibern und Reichweiten aktuell wurden. Hier, in der großen Höhle von Kos, wurden diese Barken ihrer Masten beraubt und mit modernen Maschinen und Kanonen auf Befehl von Atrá bint Selina, der Um qadasa Bidhara, neu für einen Kampf aus- und mit Hilfe von Gaszellen in dreifachen Rümpfen zu halbwegs brauchbaren Luftschiffen umgerüstet. Ebenso wie die kleineren Kreuzer mit vorher zwei oder drei Masten in diesem unterirdischen Becken. Auch die drei etwas moderneren Großkampfschiffe, deren Verbleib den ehemaligen Besitzern immer noch große Rätsel aufgab, wurden hier für einen neuen Einsatz vorbereitet. Mit Nachbauten der neuesten Technik Nicola Teslas. Die von Marianne Sabič gestohlenen Pläne waren eingetroffen, und obwohl niemand die Grundlagen verstand, waren die Mechaniker gut genug, um die Maschinen nach diesen Vorgaben herzustellen. Es handelte sich bei den modernen Schiffen um das Linienschiff MARIE LOUISE, ehemals k.u.k. Marine, den gedeckten großen Panzerkreuzer YORKSHIRE, ehemals Her Majesty Royal Navy und das Schlachtschiff ŞAFAK, ehemals der Stolz des osmanischen Reiches. Nun waren diese Schiffe von treuen Dienern des Goldenen Frühlings bemannt und warteten auf ihren Einsatz.
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Die GEORGES DANTON, ein Einheitslinienschiff der Kaiserlichen Französischen Marine, war eines der Flaggschiffe der Mittelmeerflotten des Kaiserreiches der Bonapartes. Das schwer gepanzerte, rein maritime Schiff mit 320 Metern Länge und 41,2 Metern Breite, ausgestattet mit fünf Türmen mit je drei 37 Zentimeter Kanonen als Hauptbewaffnung, pflügte allein, ohne Unterstützungseinheiten durch das ägäische Meer. Ein Umstand, der ganz besonders die beinahe 1.200 Männer der Besatzung verwunderte und verwirrte, denn üblicherweise wurden diese großen Schiffe von einer Unzahl kleinerer Einheiten abgeschirmt. Kreuzer und Korvetten übernahmen den Nahkampf gegen angreifende Schiffe, sodass sich die schweren Kanonen in den Türme des Linienschiffs auf den Fernkampf konzentrieren konnten. Dazu kamen üblicherweise auch noch Versorgungseinheiten, leichte Aufklärungsschiffe und ähnliches. Doch vor kurzem hatte ein Aviso-Schiff einen Befehl der Admiralität überbracht, welcher die dritte Mittelmeerflotte ins lybische Meer südlich von Kreta beordert, um dort den osmanischen Schiffen gegenüber Flagge zu zeigen. An die DANTON war jedoch der Befehl ergangen, allein weiter zu fahren, in die östliche Ägäis. Die Besatzung ahnte nicht einmal, dass die GEORGES DANTON doch nicht so ganz allein war…
Die Mittelmeerflotten Frankreichs waren vor allem in den Häfen Marseille, Algier und la Goulette bei Tunis stationiert, der Heimathafen der dritten Flotte mit der GEORGES DANTON war das relativ zentral gelegene la Goulette. Eine von den Franzosen bei der Festung von Karl V an der Einfahrt in den Lac Tunis, den See von Tunis, neu aus dem Boden gestampfte moderne Hafenstadt europäischer Art. Mit dem modernen Tunis im Westen der alten arabischen Stadt und der Medina war der Hafen über eine zehn Kilometer lange Straße und einer Stadteisenbahnbahn verbunden, welche über eine Aufschüttung quer über den See von Tunis führten. Nur ein enger Kanal verband die beiden Hälften des Sees, über welchen sich eine luftig wirkende Stahlbrücke des Architekten Eiffel spannte. Tunis war eine ganz typische europäische Stadt des Dampfzeitalters mit einigen breiten Boulevards. Mit typischen Pariser Straßenlokalen, vor denen man zugegebenermaßen exquisiten Kaffee und hervorragende französische Küche genießen konnte. Alles in dieser modernen Stadt und dem dazu gehörenden Hafen la Goulette atmete französisches Flair, französischen Stil und französische Lebensart. Die wenigen Tunesier arabischer Herkunft, welche es in die Stadt oder den Hafen verschlug, konnten nur den Kopf schütteln, wenn die Franzosen hier in ihren Westen und Sakkos aus viel zu warmen Stoffen in den viel zu sonnigen Gastgärten vor den Lokalen schwitzten und, man konnte es nicht höflicher ausdrücken, auch ganz fürchterlich stanken nach abgestandenem Schweiß stanken. Die Damen rochen zumeist weit weniger streng, sie hatten es auch sonst ein klein wenig besser. Die Stoffe ihrer Mode waren leichter und luftiger, ihre Hüte hatten zum Teil gigantische Krempen und ein Sonnenschirm war in Tunis und la Goulette kein belächeltes Accessoire mehr, sondern eine alltäglich notwendige Waffe gegen Hitze und Sonnenbrand.
Der Kommandant der GEORGES DANTON, Capitaine Noel German war aus dem Languedoc. Ebenso waren Contre-Amiral Jaques Marais, eigentlich der Befehlshaber des ersten Geschwaders der dritten Flotte, der erste Offizier der DANTON, Louis Bromaire, und auch die meisten anderen wichtigen Offiziere aus dieser Gegend gebürtig. Das war natürlich kein Zufall, denn der Admiral der Mittelmeerflotte, der Marquis de Molotaire, hatte penibel genau für diese Zusammensetzung der Offiziere auf dem Flaggschiff gesorgt. Sie alle waren regelmäßige Gäste bei den Sitzungen der Madame de Cartaille gewesen und hatten teilweise schon die Zirkel der Madame Dominique de Fauconid in Montpellier besucht. Mittlerweile waren sie alle treue Anhänger des Goldenen Frühling, in welchem sie die wieder auferstandene Bewegung der Katharer sahen. Pflichterfüllung und enthaltsamer Lebensstil waren den Waldensern seit ihrer Kindheit beigebracht worden. Weder der Papst noch die Inquisition hatten es trotz brutaler Verfolgungen je geschafft, diese Gemeinschaft völlig auszurotten. Es gelang ihnen nur, die Gläubigen in den Untergrund zu treiben. In Carcassone, in Montpellier, Narbonne und Perpignan waren die Lehren und Überlieferungen der ‚Reinen‘, der ‚Freunde Gottes‘ immer noch in den Familien weiter gegeben und weiter tradiert worden. Bis heute, in aller Stille.
Als dann um 1850 Madame Dominique de Fauconid im Alter von knapp zwanzig Jahren aus Alexandria in Montpellier erschien und ihre ersten spiritistischen Sitzungen abhielt, waren die Bogumilen anfangs eher skeptisch der Fremden gegenüber eingestellt gewesen. Doch hatten sie – der Feind meines Feindes ist mein Freund – den antiklerikalen Sitzungen eine Chance gegeben. Dominique war eine intelligente Frau, die 1889 auch noch mit über sechzig Jahren den Zirkel im Montpellier leiten konnte. Sie hatte rasch durchschaut, dass in dieser Gegend andere Auslöser als in den anderen Gegenden angezeigt waren, und sie arbeitete gut.
„Ja, ein Leben in Einfachheit und Askese ist erstrebenswert, wenn der Mensch sich nach Gottes Willen zum Perfectus wandeln will. Aber bevor ein Mensch diesen Weg geht, ehe er sich zum Perfectus oder zur Perfecta weihen lassen kann und soll, muss er die Sünde kennen lernen. Er muss doch wissen, worauf er verzichtet. Und zwar sehenden Auges. Ein Mensch, der nie die süße Sünde des Weingenusses, ein köstliches, opulentes Mahl oder die Freuden des anderen Geschlechts genießen durfte, der wäre ein schlechter Perfectus. Denn auf etwas Unbekanntes, nie Erlebtes zu verzichten ist viel leichter, als ganz bewusst dem bekannten und lieb gewonnenen Genuss zu entsagen. Also sündigt, und lernt zuerst die Sünde kennen, und dann erst, dann, wenn Ihr die Sünde kennt, dann entsagt ihr wieder!“ Es waren natürlich nicht ganz die alten Waldenserregeln, aber sie lagen nahe genug an den überlieferten Werten, um die Jugend der Gegend anzusprechen. Sie durften sich ihre Hörner abstoßen und konnten später immer noch Perfecti werden. Die Älteren unter den Waldensern konnten diesen Theorien nicht wirklich widersprechen, denn etwas ganz Ähnliches hatten ja auch die Ahnen überliefert. Nicht ganz das Gleiche, aber nahe genug daran, die kluge Madame Dominique hatte gut recherchiert. Und wenn auch Frankreich seit dem großen Korsen keine erzwungene Staatsreligion mehr hatte, das Gespenst des wahllos mordenden Vatikans hielt sich hier im Languedoc immer noch hartnäckig. Man ging brav in die Kirche und hörte sich die Predigten des Pfarrers an, doch nachher traf man sich auch Ende des 19. Jahrhunderts noch im kleinen Kreis. Man musste vorsichtig sein, so hatte man es gelernt, so gab man es weiter. Den Jungen reichte es, sie hatten die Nase voll. Und als dann Dominique noch fragte ‚Ist nicht dem im Herzen Reinen alles rein, wie immer aussehen mag? Und ist nicht dem im Inneren Fauligen alles faulig, wie klar es auch scheint‘, da gab es für die Okzitanier kein Halten mehr. Zumindest für die jüngere Generation, welche bereits mit den Lehren der Dame aufgewachsen war. Seit beinahe vierzig Jahren lehrte Madame de Fauconid, und das Languedoc war wieder einmal in Revolutionsstimmung. Es gärte. Und ausgerechnet ein Aquitanier lenkte die Stimmung der aufrührerischen, wilden Okzitanier in eine praktische Richtung. Der Kaufmann Arthur LeFerence riet ihnen, die Marineakademie zu besuchen. Schon einmal waren Ketzer dem französischen Herrscher und dem Papst über das Meer entkommen, die Flotte der Tempelritter mit deren Schatz.
Im Mai 1863 lief in Rochefort das erste nicht von Muskelkraft betriebene Unterseeboot vom Stapel, die PLONGEUR. Sie erreichte mit ihrem Druckluftmotor ganz beachtliche 9 Stundenkilometer. Getaucht. Und immerhin – das waren ganze zwei Stundenkilometer schneller als die mit Handkurbeln betriebenen Hunley-Boote der Royal Navy. Wie diese war auch die PLONGEUR mit einem Sprengkopf an einer langen Stange bewaffnet – ein sogenannter Spierentorpedo. Ein solcher machte den Angriff zwar nicht zu einem echten Himmelfahrts- und Selbstmordkommando, war aber für das Tauchboot oft genug beinahe ebenso gefährlich wie dem eigentlichen Ziel. Die Marine Impériale sah jedoch ein gewisses Potential in der Waffe, und im September 86 lief in Martigue nahe Marseille die GYMNOTE vom Stapel, ein kleiner Zwerg mit zwanzig Metern Länge, aber bereits mit einem 65 PS starken Elektromotor und zwei echten 35-Zentimer Torpedos in einer Außenbordaufhängung ausgerüstet. Mit achtundzwanzig Stundenkilometern getaucht auch gar nicht mehr so langsam, die GYMNOTE war bereits eine wirklich ernst zu nehmende Waffe. 1887 folgte die ANGUILLE, 1888 die CATHUBODUA, bereits an die 50 Meter lang, mit 6 Torpedos in Halterungen außen am Rumpf, Ende 1889 sollte ein noch größeres Schiff, die KARDINAL RICHELLIEU folgen. Bisher wussten nur hochrangige Mitglieder des Admiralsstabes und die hundertfach gesiebten Mannschaften der Boote, je sechs Mann für kleinen und zehn für die CATHUBODUA, von der Existenz einsatzfähiger Tauchboote. Hundertmal gesiebt und auf ihre Loyalität überprüft vom Admiral der Mittelmeerflotte, vom Marquis de Molotaire. Er stammte, wenig überraschend, aus Montpellier, wohin er soeben mit einem Schnellzug unterwegs war. Nicht, um dem Zorn des Kaisers zu entgehen, denn dort würde die Police Militaire zuerst nach ihm suchen. Er wollte nur zu Hause sterben. Noch einmal durch die Straßen seiner Heimat gehen, am Hafen einen Cartagéne trinken. Und dann, der letzte Schritt, der Griff zur Dienstwaffe, Ruhe, Stille für immer.
Weder den Contre-Admiral Jaques Marais noch Capitaine Noel Germain oder Lieutenant de Vaissea Louis Bromaire hatte der Befehl die Flotte zu verlassen überrascht, denn sie hatten ihn bereits erwartet. An Kithira und Santorin vorbei hatte die DANTON Kurs auf die griechische Insel Kos genommen, die drei kleinen Tauchboote begleiteten sie und kamen nur Nachts an die Oberfläche des Mittelmeeres.

Jetzt näherte sich das schwere Linienschiff der Steilküste im Süden, und der Capitaine befahl, die Maschinen zu stoppen und die Anker zu werfen, danach sollten sich die Mannschaft auf dem Deck versammeln und wie zur Flaggparade aufstellen. Es fehlten bei diesem Appell die meisten Matrosen aus Okzitanien, welche völlig überraschend die von ihnen besetzten Maxim-Gewehre umdrehten und das Feuer auf die angetretenen Kameraden eröffneten. Lieutenant Victor Truffault sprang nach vorn und zog seine Dienstwaffe, doch ein Schuss aus dem Revolver des Capitaine streckte auch ihn nieder. Aus einer Höhle in der Steilküste näherten sich zwei Dampfbarkassen dem Linienschiff und den auftauchenden U-Booten und die DANTON strich die Fahne. Einige Männer aus den Barkassen enterten das riesige Schiff. Capitaine German salutierte dem Anführer.
„Ich bringe wie verabredet die DANTON, Herr!“
„Gut, Capitaine. Dann bringen wir sie einmal in unser Dock. Lotse, Ruder übernehmen.“ Das mächtige Schiff und die geheimen Unterseeboote waren bald verschwunden. 1.500 Männer aus ganz Europa, Africa uns Asien, welche von der MARIA M unauffällig auf die Insel Kos gebracht wurden, machten sich bald mit dem Giganten vertraut. Sie stellten die neue Besatzung im Dienst des goldenen Frühlings.
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Paris
Im 2. Arrondissement von Paris wohnte in der Rue Chabanais 12 nach eigenen Angaben der Maler Henri Toulouse Lautrec. In einem Etablissement mit dem Namen le Chabannais, das von Madame Kelly seit 1878 geführt wurde und in welchem sogar ein gewisser Prinz Albert Edward von Sachsen-Coburg und Gotha häufig zu Gast war. Auch wenn der Kronprinz von Großbritannien seit 1863 mit Victoria von Dänemark verheiratet war, verzichtete der hochgeborene Besucher nie, auf einen Sprung bei Madame Kelly vorbei zu kommen. Oder auch auf mehrere Sprünge. Der vom beleibten Prinzen selbst entworfene Stuhl zur Erfüllung seiner erotischen Phantasien war noch lange in diesem Etablissement zu bewundern. Es ging in diesem Hause sehr egalitär und formlos zu, selbst wenn der Thronfolger zu Gast waren. Die Leibwächter des Prinzen kannten die Stammgäste bereits, ein kurzer Blick reichte zumeist aus, und sie bezogen diskret ihre Stellungen, ohne weiter zu stören. Das le Chabanais war, man konnte es einfach nicht anders nennen, ein Bordell. Um genau zu sein, das Bordell im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Was allerdings nichts daran änderte, dass es eine gültige Meldeadresse war. Und der Maler Toulouse-Lautrec wohnte tatsächlich dort. Die Damen des Hauses waren von groß bis klein, schlank bis üppig, blond, schwarz, rot und brünett. Jeder, aber auch wirklich jeder Besucher fand ein williges Mädchen, welches seinem Geschmack entsprach. Wenn er genug Franc in der Tasche hatte, denn billig war le Chabannais nicht zu nennen.
Das Foyer war kunstvoll einer kahlen und nur spärlich beleuchteten Felsengrotte nachempfunden, die Salons und Zimmer allerdings um so aufwändiger ausgestattet. Im maurischen, japanischen, indischen oder pompejanischen Stil. Es gab Zimmer, in denen man sich wie Ludwig XV fühlen konnte, der von Madame du Bary oder der Pompadur verwöhnt wurde. Entsprechende Kostüme und Perücken inclusive. Oder aber ein Nubier trug Kleopatra zu Cäsar, man konnte ein Sultan werden, der seinen Harem betrat. Besonders beliebt war derzeit die ägyptische Kulisse, wenn der Pharao Nofretete empfing. Die Maskenbälle, welche nicht nur zur Karnevalszeit abgehalten wurden, waren legendär. An diesem Tag war das Haus für ‚Laufkundschaft‘ geschlossen, eine Einladung zu diesen Veranstaltungen war heiß begehrt – und normalerweise nicht gerade billig. Außer man gehörte zu den gefeierten Künstlern wie zum Beispiel Jaques Offenbach, Emile Zola, Paul Cezanne oder auch Guy de Maupassant, dann bekam man sogar an diesen Tagen einen eigenen Salon. Letzterer hatte vor kurzem seinen Roman Pierre et Jean heraus gebracht und lag jetzt auf einer der Chaiselonguen. Sein Kopf war auf dem Schoß einer der Damen gebettet und er betrachtete angelegentlich die Bewegung ihrer Brüste über seinem nach oben gewandten Gesicht.
„Aber natürlich werde ich so oft wie möglich im Restaurant auf dem Eiffelturm speisen, Henri“ plauderte Guy dabei. „Immerhin ist es dann einer der ganz wenigen Plätze, von welchem man den architektonischen Schandfleck nicht sehen muss!“
Der ebenfalls anwesende Edgar Degas lachte. „Er ist ihnen wohl nicht rund genug, Guy. Er erinnert zu sehr an einen Bite und zu wenig an Seins. Mit zwei Kuppeln gefiele ihnen das Bauwerk sicher besser!“
„Ach, Edgar!“ Offenbach ließ sich von einem Mädchen mit Weintrauben füttern. „Auch wenn ich Erotik durchaus schätze, müssen Sie nicht alles sexuell erklären. Manchmal ist ein hässliches Teil einfach nur ein hässliches Teil.“
„Auch wenn es eine technische Großleistung ist“, bemerkte Gaston Leroux, der mit den langen Haaren seiner Mamsell herumspielte. „Besonders, weil Monsieur Eiffel nicht über den Kristall-Leichtstahl der Deutschen und Österreicher verfügt. Nur die Armee und die Flotte wird in Frankreich damit beliefert!“
„Mag sein!“ Paul Cezanne trank einen Schluck Champagner. „Das macht aber den Turm nicht schöner!“
„Ich weiß gar nicht, was Sie alle wollen“, warf Emile Zola ein und tätschelte kurz ein vorbeikommendes Hinterteil. „Die Hauptsache ist doch, das Ding zieht die Menschen zur zehnten Weltausstellung!“
Guy de Maupassant nahm seinen Blick nicht von den bebenden Halbkugeln vor seinen Augen. „Wenn der Turm eher wie die Statue de l’unité, die Einheitsstatue auf Lovell’s Island vor dem Hafen von Boston aussähe, nur ohne diesen zwar für den Erbauer und Statik praktischen, aber wenig ansprechenden Chiton, kämen sicher noch mehr Menschen nach Paris!“
„Scheinbar hat Edgar doch nicht so ganz unrecht“, lachte Zola. „Aber ich sehe darin auch ein gutes Symbol für die Revolution 1789. Ein so toller Ansatz für die Freiheit und die Menschlichkeit, der Schrei, der Kampf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Am Ende waren dann nur noch vor der Guillotine alle gleich, und das einfache Volk hatte nicht mehr als vorher. Nur die Mächtigen hatten gewechselt, und der Terror war schlimmer als vorher. Der einzige, der etwas getan hat, war der dritte Napoleon. Der hat die Boulevards und die neuen Häuser mit den großen Fenstern bauen lassen. Welche sich auch wieder nur die betuchteren Bürger leisten konnten, die Masse ist auch unter den Kaisern wieder arm dran.“
„Vielleicht kommen die Menschen im September ja auch, um unsere neue Kaiserin zu bewundern!“ Offenbach naschte noch eine Weinbeere. „Ich habe gehört, dass Valerie Theresia von Österreich eine verdammt schöne Frau sein soll!“
„Das ist sie tatsächlich!“ Maupassant riss seinen Blick vom Anblick des Busens über seinem Kopf los. „Und die Figur erst!“
„Und ihren Mut darf man nicht vergessen!“ Cezanne ließ sich das Sektglas nochmals an die Lippen halten. „Wenn ich an Marie Antoinette denke…“
„Die neue Kaiserin ist nicht nur weit klüger als die arme Marie, sie wird sich wirklich um die Franzosen, um das kleine Volk kümmern“, meinte Jaques Offenbach. „Man weiß schon, dass sie eine Menge Geld und eine Firma im Gepäck haben wird, die Logement social. Die Leute dieses Unternehmens haben im dreizehnten Arrondissemtent bereits eine große Fläche eingezäunt und vermessen das Gelände genau. Dort sollen billige Arbeiterwohnungen mit elektrischer Beleuchtung, dampfbetriebenen Fahrstühlen und zentralen Heizungen entstehen. 15 bis 20 Stockwerke, auf dem Gelände werden in einigen Häusern mehr als tausend Wohnungen, jede mit rund 80 Quadratmeter Größe entstehen. Und diese Siedlung ist nur ein erstes Geschenk, wenn sie erst Kaiserin geworden ist, sollen noch mehr solcher Orte entstehen!“
„80 Quadratmeter Wohnfläche?“ Edgar Degas lachte auf, während er sich erhob, um sein Glas noch einmal füllen zu lassen und zwischendurch noch eine der Damen im Genick zu küssen, was diese mit lautem Gekicher quittierte. „Elektrisches Licht? Da werden eher wohlhabende Bürger einziehen und die Arbeiter gehen wieder leer aus! Wie immer.“
„Das glaube ich nicht“, widersprach Maupassant und blickte wieder zu den hübschen Brüsten hinauf. „Beuge dich nur ein klein wenig vor, du Hübscheste der Hübschen, und die Engel singen im Chor, was kann man mehr sich wünschen! Entschuldigen Sie die Abschweifung, Monsieurs, aber was wollte ich sagen? Ach ja! Die Vergabe der Wohnungen erfolgt nicht etwa durch französische Beamte, sondern durch Angestellte unserer zukünftigen Kaiserin. Und in Wien wohnen, von ganz wenigen Ausnahmen, wirklich nur Arbeiter in diesen Sozialwohnungen. Das Großbürgertum muss weiterhin selbst für seine Unterkunft sorgen!“
„So wie ich, meine lieben Freunde“, hob Toulouse-Lautrec sein Glas! „Ihr könnt mich ja für unvernünftig halten, aber ich werde nie umziehen. Das könnte ich meiner liebsten Frou-Frou doch gar nicht antun, nicht war, mein kleiner Schatz?“ Die schlanke, beinahe zwei Meter große Frau mit den üppigen Formen sah auf den 152 Zentimeter großen Mann, der auf ihrem Schoß saß, hinunter.
„Natürlich nicht, mon Loup“, wuschelte sie das Haar des Malers.
„Was sage ich!“ Henri zog die Handfläche Frou-Frous an seine Lippen. „Aber natürlich sehe ich durchaus ein, dass dieser soziale Wohnbau eine gute Sache ist. Wenn es funktioniert.“
„Wie gesagt, in Wien funktioniert es recht gut.“ Mit dem Zeigefinger strich Maupassant über die samtige Haut der Frau, in deren Schoß er seinen Kopf gebettet hatte. „Und es gibt eine dampfbetriebene Schienenbahn von den Vorstädten in das Zentrum und die Industriegebiete weit draußen vor der Stadt.“
„Sie wollen jetzt aber nicht, dass aus Paris Wien wird, oder“, monierte Degas.
„Wenn die Bühnen, die Straßen und die Wohnungen elektrisch beleuchtet werden, darf ruhig ein wenig Wien nach Paris kommen“, beschied Toulouse-Lautrec. „Das le Chabanais wird die Dame wohl nicht schließen wollen!“
„Warum sollte sie“, lachte Guy de Maupassant laut. „Meine Freunde, ich sage ihnen, Wien ist nicht so prüde, wie Sie denken. London – nun, Victoria ist wirklich eher körperfeindlich eingestellt und hat die Erotik in den Untergrund vertrieben. Oder nach Paris, wie unser Freund Bertie bestätigen würde, wäre er heute hier. Aber Wien? Ha! Die Prinzessin Valerie ist 23 Jahre alt, aber ob sie wirklich noch Jungfrau ist? Ich bezweifle es! Ich bezweifle es ganz stark. Und ich sage ihnen ganz offen, recht hätte sie, wenn sie ihr Leben und ihre Triebe in vollen Zügen genossen hat!“
„Ach, am Tage ihrer Hochzeit wird sie ihre Jungfräulichkeit schon wieder erlangen, zumindest bis zum Brautlager“, lachte Degas! „Und François Louis kann sich nicht einmal darüber beschweren, er war ja schließlich auch kein Kind von Traurigkeit.“
„Solange die Diskretion gewahrt wird!“ Maupassant erhob sich und zog seine Dame hoch. „Auch unser jetziger Kaiser hat seine Gespielin, und wer weiß, was notre Impératrice macht, wenn er sich mit Colette vergnügt! Wer weiß, ob sie bei Madame Madelaine nur spirituellen Rat sucht?“
„Sie meinen, mon Ami, hier geschieht – oh, diese Bilder in meinem Kopf! Diese Bilder!“ Offenbach schlug mit der Hand lachend gegen seine Stirn. „Sie sind grausam, Guy! Ob ich je wieder an Madame Roxane Solange denken kann, ohne zwei Frauen im erhitzten Spiel zu sehen?“
Der berühmte Romancier lachte. „Was uns recht ist, gilt doch auch für die Kaiserin. Liberté, Fraternité und, in diesem Falle besonders, auch Égalité. Komm jetzt einmal mit, meine Schönheit! Freunde, entschuldigt uns zwei bitte für einige Zeit. Die Natur verlangt ihr Recht ebenso mächtig wie der Geist. Wir parlieren später weiter, zumindest ich weit entspannter als in diesem Momente.“
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Berlin
„Klara Subowski?“ Atze Friedmann blätterte in seiner Akte.
„Bin icke, Herr Schutzmann“, bestätigte Lattenklara und lümmelte breitbeinig auf ihrem Sessel.
„Jeboren am 31. Mai 1869?“, fragte Atze weiter.
„Kla, hübscher Junge, wenn ma mene Mutta nich anjeschmiert hat“, gestand Klara und spielte mit ihrem Rock, zeigte den Polizisten Friedmann und Jankowsky eine Menge wohlgeformtes Bein.
„Zuletzt jemeldet in dit Friedrichstraße, in die Räume vom joldenen Frühling?“, setzte Atze die Bestätigung der Personalien fort.
„Wat for en Verbrechen“, monierte Klara! „Da wohnt ne Penunzenritze glatt in dem Puff, in dem se anschaffen jeht, und det steht sojar in dit Friedrichstraße, fast de nobelste Adresse von Balin. Schlimm, schlimm. Icke men, is dit en Fall for nen zivilen Bullen?“
„Ick werte det mal als ja“, stellte Manni fest.
„Jut, ja, war icke!“, bequemte sich Klara zu einer Bestätigung.
„Den pack mal aus, Meechen. Wat haste jehört auf der Arbeet.“ Atze nahm den Bleistift und machte sich bereit, die Aussage aufzuschreiben
„Nix hab icke jehört, Herr Polizist. Jar nix“, gab die Klara an.
„Meechen, du musste doch beim Bene breit machen wat mitjehört haben“, insistierte Manni. „In de Ohren wirste ja wohl nüscht stecken jehabt haben.“
„Nö, hab icke nich“ verweigerte Klara jede Zusammenarbeit mit der Polizei. „Also, jesteckt haben die Kerle janz wonanders, aber jehört, Herr Wachtmester, jehört hab icke trotdem nüscht. Icke hab nur die Bene bret un die Ohren of Durchzuch jehalten. Icke will irchendwann enmal ene alte, zufriedene Hure werden, die nur mehr in die Knie jeht, wenn et ihr danach ist und die for det Tachesjeschäft zwei Püppchen hat, die det Jeld nacn Hause bringen. In meinem Metje wirste nich alt, wennste zuviel siehst und hörst. Ne, ne, lieber in det Knast als mit der Bettwäsche ofjehangen zu werden, so wie die Scheffin.“
„Wir können dir beschützen, Lattenklara“, versprach Manni.
Klara setzte sich abrupt aufrecht hin und legte ihre Unterarme auf den Tisch. „Seid Ihr zwei bescheuert oder glaubt Ihr, dat icke komplett doof bin? Die janze Polente von Balin kann mir nich schützen, wenn die in mir ene Bedrohung sehen. Icke sach Euch wat, dat Ding is jroß. Da war dit Kosaken Kathi auch nur en winziches Rädchen. Mann, Mann, Mann, dit is en Wespennest, in dem Ihr da stochert. Ne, Junges, die Klara hat sich for Penunze flach lechen lassen, aber nichts jehört außer ‚schneller‘, ‚fester‘ und ‚jeh man of die Knie, Klene‘. Mehr sach icke nich mehr.“
Atze warf den Stift auf den Block. „Ist det det letzte Wort?“
„Da kannste enen druf lassen!“ Klara lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Wenn icke eure Pissstängel verwöhnen soll, dann könnt Ihr mir rufen, aber sonst ist et verjebliche Liebesmühm dat icke hochkomm. Icke warte in meiner Zelle auf meine Verhandlung vor Jericht. Oder wollt Ihr jetzt gleich wissen, wat icke so drauf hab?“ Sie lächelte und ließ kurz ihre Zungenspitze zwischen den spitzen Lippen sehen.
„Ne, Mädel! Lass man jut sein. Bruno, bring man die Olle in ihren Käfig und bring die mal die Lotte Kärcher!“ Der bullige Schließer des Reviers, in welchem die festgenommenen Damen einsaßen, nahm Lattenklara mit festem Griff am Oberarm.
„Geht klar, Herr Unterkriminalrat. Komm, Kleine.“
Klara zwinkerte den Polizisten frech zu. „Wenn ihrs Euch anders überlecht, dann wisst Ihr ja, wo Ihr mir findet, Jungs. Und icke kanns besser als eure Ollen!“ Dann ließ sie sich abführen.
„Du solltest net so frech sei“, knurrte Bruno Weber. „Außerdem solltest du endlich singe!“ Weber war kein Berliner, sondern kam Schwaben.
„Du auch noch, Bruno? Wat soll icke denn singen, icke weiß doch nüscht. He, ick kann aussachen, dat det Männeken, det bei die Razzia aufjemuckt hat…“
„Der Markgraf Ludovsky?“
„Ach, det war’n richticher Markgraf, und dit in unserm Puff? Nu jut, wennste dit sachst. wird’s wohl sein. Also, det Typ nimmt bei einer Ollen lieber den Hinter- als den Vordereingang, det dünne Bürschchen mit dir Ziechenbärtchen…
„Rechtsanwalt Zimmermann?“
„Kene Ahnung, aber von mir aus, wenn er so heißt, also, icke kann sachen, dat er sich jerne det Ästchen lutschen lässt und dat der Dicke…“
„Der Großindustrielle Hönisch?“
„Na, nach mächtig Kohle hat er ja ausjesehen, also, der tut jerne an unjewaschenen Pissnelken schnobbern. Mehr – ne, mehr wird’s nich. Na ja, da jibt es einen, der…“
„Wer?“
„Woher soll icke det wissen. Mensch, Bruno, wat denkste, for wat die Masken jut war’n? Icke kann dir auch nüscht mehr sachen als den jrünen Jungs in det Zimmerchen!“
„Ach Mädle, du bis do net dumm“, versuchte es Bruno weiter.
„Jenau, die Klara is nich doof“, antwortete sie nickend. „Und eben weil icke nich doof bin, habe icke mir immer nur auf meine Arbeit und sonst nüscht konzentriert. Also, willste en rasches Nümmerchen von mir? Weil, wennste nich willst, dann quatsch mir kene Opern vor, klar?“ Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück, dann schloss Bruno Klara wieder in ihrer Zelle ein und öffnete eine andere.
„Lotte Kärcher! Mitkomme.“ Auch Lotte versuchte der joviale Beamte auszuhorchen, doch abgesehen vom Dialekt erhielt er die gleichen Antworten. Nach einer dieser Antworten, die Lotte allerdings nicht mit dem Mund gab, roch der Gang zu den Zellen noch stundenlang. Sie war lang und donnernd ausgefallen.
Den Abend verbrachte der Schwabe in Berlin gerne in einer Eckkneipe nicht weit vom Revier entfernt. Keine reine Polizistenkneipe, aber sie alle gingen ganz gerne auf eine Weiße mit Schuss oder ein Pils dorthin. Der Wirt servierte auch hervorragende Bockwurst, geräucherten Aal und Bouletten. An diesem Tag kippte Bruno eben seinen Schnaps, als sich jemand neben ihn stellte.
„Die meiste Mädle sind kei Problem“, vertraute Bruno leise seinem Bier an. „Nur die Ilse, die könnt was sage wolle!“
„Besser, wenn nicht.“ Eine schlanke Hand legte eine Münze auf den Tresen, und die Gestalt verschwand wieder, nachdem sie ihren Korn ausgetrunken hatte. In der Tasche seiner Jacke fand Bruno drei Zehn-Mark-Scheine und ein kleines Briefchen. Er wusste auch ohne es zu öffnen, dass es ein feines, leicht grünlich schimmerndes Pulver enthielt. Busu la milele – den Kuss der Ewigkeit aus den tiefsten Wäldern des schwarzen Kontinents.
‚Schad drum‘, dachte Bruno. ‚Die Ilse ist ein hübsches Mädle. Aber wenn sie den Mund net halte kann.‘
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Unter den Linden war mit Fug und Recht neben der Friedrichstraße die Prachtstraße von Berlin. Vier Reihen Lindenbäume, welche der anderthalb Kilometer langen Straße seit 1647 ihren Namen gaben, trennten die Fahrspuren. Die mittlere Spur war der Dampftram vorbehalten, welche Charlottenburg durch das Brandenburger Tor mit dem Berliner Dom verband. Hier hatten viele der wirklich Reichen Berlins ihre Häuser im Stil der Belle Epoque errichten lassen, Häuser, welche die Stadtpalais vieler alter, adeliger Familien an Größe und Prunk in den Schatten stellten. Auch Ernst August Ritter von Reicherth hatte sich hier ein Haus bauen lassen, welches zwar kleiner als die meisten Industriellenpaläste war, aber schon von außen gemütlicher wirkte. Natürlich war der Hersteller dampfbetriebener Flechettewaffen einigen der üblichen Trends gefolgt, eine große Treppe führte vom Eingangsbereich in die Räume der Familie, im Erdgeschoss waren die Dienstboten zu Hause. Auch über einen großen Ballsaal verfügte dieses Gebäude selbstverständlich, und es war eine gesellschaftliche Verpflichtung, zumindest einen größeren Ball im Jahr abzuhalten.
Der Fabrikant hatte Oberkriminalrat Franz Kaltenegger, der nun schon zum dritten Mal zum Essen eingeladen war, nach dem Dessert in den Rauchsalon gebeten. Wobei die von Ernst August ausgesprochene Bitte eher einem Befehl gleich zu setzen war. Nichtsdestotrotz hatte Reicherth seinem Gast einen Cognac und eine Zigarre angeboten und danach den Butler weg geschickt.
„Wir wollen offen reden, Oberkriminalrat“, hatte der Industrielle begonnen. „Nach allem, wat ick von ihnen jehört habe, wird ihnen dat nicht schwer fallen! Also – meine Annabelle ist ihnen sehr jewochen, und wenn ick Sie ansehe, scheint das auf Jechenseitigkeit zu beruhen! Trotzdem scheinen Sie meine Tochter zu meiden. Also, bitte, erklären Sie sich!“
„Hochwohlgeboren, das ist nicht leicht. Ich bin ein kleiner Beamter, ein Niemand, der außer seinem Gehalt nichts besitzt. Wie soll ich da der Tochter eines Ritter von Reicherth…“
„Ach wat!“, unterbrach Reicherth den Polizisten. „Icke bin auch nich als Ritter auf diese Welt jekommen. Und ick hab jenuch Penunze, dat meine Tochter keinen Mann wechen Jeld heiraten muss. Sie kann sich den Mann leisten, den sie liebt, und ick muss sachen, wat ick von ihnen jehört habe, jefällt mir. Sie haben eine Meinung und stehen dazu, und Sie haben Bismarck die Stirn jeboten. Und Sie sind ein ehrlicher Mann, der Jerechtichkeit über Titel und Rang steht. Also, wat sachen Sie? Ick will jetzt nur eine Antwort hören. Ick höre!“
„Dann bitte ich Hochwohlgeboren, dem Fräulein Tochter den Hof machen zu dürfen!“ Kaltenegger stand stramm wie ein Soldat vor seinem Offizier.
„Jewährt“, bellte Reicherth und goss noch Cognac in die beiden Schwenker. „Und nehmen Sie den Stock aus ihrem Arsch, lassen Sie dat jetzt mit det Hochwohljeboren. Wenn es formell sein soll, reicht Herr Reicherth. Zumindest…“ Reicherth hieb Kaltenegger unter donnerndem Gelächter die rechte Pranke auf die Schulter. „Zumindest, bis die Verlobung über die Bühne jeht und wir zum Herrn Papa kommen. Trinken Sie aus, junger Mann, wir jehen zu die Dame und teilen ihnen die jute Nachricht mit!“
Besagte Damen saßen im kleinen Salon, und während die Gattin des Ritters eben mit einer Patience beschäftigt war, las deren Tochter in einem Buch über den Blutkreislauf und den Herzmuskel.
„Dein Herr Papa ist mit dem Kriminalrat schon lange abwesend!“ Waltraud Frau von Reicherth legte den Kreuzbuben auf die entsprechende zehn und nahm eine weitere Karte vom Talon.
„Oberkriminalrat, cher Maman“, antwortete Annabelle.
„Das, mein Kind, ist mir völlig egal! Ach, die Herz drei. Endlich!“ Rasch legte sie die frei auf den Stapeln liegenden Karten auf die ausgelegte Karte. Waltraud war eine Walküre von Gestalt, groß mit breiten Schultern und massenhaft ‚Holz vor der Hütte‘. Das rote Kleid mit breitem Gürtel verhüllte allerdings das meiste davon, passte aber gut zu den schwarzen Haaren, welche die Dame des Hauses unter Missachtung der derzeitigen Mode relativ kurz und offen trug. „Wenn er die richtige Frage stellt, ist er der Franz, und wenn nicht, ist das Ober im Titel auch egal!“
„Du meinst…“ Annabelle legte ihr Buch weg. „Papa hätte nichts dagegen, wenn…“
„Ne, Froilein, dein Papa hat nüscht dajegen, wenn dir dein Jalan den Hof macht.“ Ernst August hatte mit Kaltenegger den Salon betreten. „Und jetzt lauf, Meechen, dit erste Kuss jebührt dem Herrn Papa, aber dann darfste deinem Verehrer auch nen dicken Schmatz jeben. Und er wird stille halten, stimmt’s, junger Mann?“
Kaltenegger lief rot an, aber nickte. „Froilein Annabelle, wenn Sie mir erlauben, Sie ab und zu…“ Der Polizist konnte nicht weitersprechen, zwei weiche Lippen versiegelten seinen Mund. Ernst August räusperte sich amüsiert.
„Ick muss meiner Holden noch wat zeigen. Seid schön artich, bis wir wieder kommen, Kinder.“
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Mogadischu
Die bereits im 10. Jahrhundert von Arabien aus gegründete Stadt Mogadischu hatte bereits viele Herren gesehen, zumeist Sultane aus Oman und Sansibar, aber auch Portugiesen waren hier bereits Herren gewesen. Seit drei Jahren saßen hier die Italiener und hatten Mogadischu zur Hauptstadt ihrer Kolonie AOI gemacht. In diesen Jahren hatte sich in der Stadt nicht viel geändert, in den Basaren wurde immer noch gehandelt und gefeilscht, was das Zeug hielt, die Männer saßen immer noch bei ihrem Tee mit Minzblättern, die Frauen gingen immer noch verschleiert und verschwiegen dem Herrn und Ehegemahl, dass das dritte oder vierte Kind nicht von ihm selber war. Über der Festung wehte eine neue Fahne, im Hafen waren einige Kais aus Stahlbeton errichtet worden, und die Bordelle hatten seit einigen Monaten Hochkonjunktur. Durch italienische Soldaten. Im Norden der Stadt, mit dem neuen Hafen durch eine breite Straße verbunden, hatte die italienische Armee eine neue Stadt regelrecht aus der Wüste gestampft. Ein Armeelager, noch größer und mächtiger als jene Lager zu den lange vergangenen Zeiten, als die Tritte der römischen Legionen die Welt erbeben ließen. Sechs Divisionen, jede etwa 20.000 Mannschaftsgrade, Unteroffiziere und Offiziere stark, jede unter einem Generale di Divisione. Die über 120.000 Männer kämpfende Truppe unterstanden dem Generale di Corpo d’Armata Salvatore Danelli. Zu diesen Soldaten kam noch der Tross. Köche, Schreiber, Verwaltungsbeamte – insgesamt noch einmal 1.000 Männer.
Nach der Niederlage der von hier aufgebrochenen Armee bei ihrem Überfall auf Abessinien waren die beschädigten Landkreuzer und -Korvetten wieder in das Lager von Mogadischu transportiert worden, die Mechaniker hatten sich sofort an die Arbeit gemacht. Trotzdem waren von den 120 Jupiter-Kreuzern nur noch 72 kampftauglich, und die Verluste unter den Scudi-Korvetten betrugen mehr als 160 von den ursprünglich 480. Die Luftschiffflotte der Invasionsstreitmacht hatte von ihren acht Einheiten ebenfalls eine komplett eingebüßt, bei dem Rückzug hatte das Schiff noch einen Treffer in der Ruderanlage erhalten. Und obwohl die Benadiri, wie die von Somali und Arabern abstammende Bevölkerungsschicht Mogadischus genannt wurde, durchaus keine schlechten Schmiede waren, die Bearbeitung von Leichtstahl ging weit über ihre Möglichkeiten hinaus. Dafür benötigte man eben spezialisierte industrielle Maschinen, welche höchste Temperaturen erzeugen konnten. Diese Maschinen waren selbst in Italien noch eine Rarität.
Italien hatte natürlich auch einen Generalgouverneur ernannt und als zivilen Statthalter für das AOI nach Mogadischu entsandt. Es war der pensionierte Cavaliere Amirale Antonio Cecchi, ein Seeoffizier, welcher bereits einige Male in Africa unterwegs gewesen war und auf dem Weg zum Victoria-See mit seinem Partner Giovanni Chiarini auf Befehl der Königin des Stammes der Gera gefangen genommen wurde. Antonio hatte Glück. Er überlebte die Gefangenschaft und wurde nach einiger Zeit wieder frei gelassen, während sein Partner während der Gefangenschaft starb. Über die Hintergründe der Haft wurde vor allem in Italien sehr viel spekuliert, und natürlich sah man alle Schuld bei der Königin Genne Fa – wer wusste denn schon, was im Kopf dieser, dieser Primitiven, dieser Schwarzen vorging. Leise Stimmen, welche über ungehöriges Benehmen oder gar Übergriffe der beiden Weißen Überlegungen anstellten, wurden entweder schlicht ignoriert oder mit dem Hinweis zum Schweigen gebracht, dass man als Europäer alle Rechte in Africa habe und ‚die da unten‘, die mit der dunklen Haut, doch sowieso gar keine echten Menschen wären und froh sein mussten, nein, stolz darauf, überhaupt wahrgenommen zu werden und den Weißen dienen zu dürfen. In Mogadischu und Somalia hatte sich der Cavaliere mit seiner Einstellung, welche er natürlich immer noch pflegte, keine Freunde unter der dunkelhäutigen Bevölkerung gemacht. Besonders unter dem weiblichen Teil der Bewohner. Nur die hellhäutigeren Benadiri wurden von ihm ein wenig besser behandelt, beinahe wie echte Menschen. Und auch wenn die Somali eine solche Behandlung mehr oder weniger bereits seit der portugiesischen Zeit gewohnt waren, gefallen musste es ihnen deshalb noch lange nicht. Stark genug, um daran etwas zu ändern, waren sie aber nicht. Man konnte es nicht besser beschreiben, Italien war keine freundliche Besatzungsmacht. Nun, nicht ganz so übel und brutal wie die Belgier, aber die Unterschiede waren nur gering. Der Galgen auf dem Hauptplatz Mogadischus wurde jedenfalls nicht leer, beinahe jeden Tag stand zumindest eine Hinrichtung an, zumeist von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Auch die Strafen für kleinere Vergehen oder auch nur zu geringer Arbeitsleistung waren ziemlich brutal und nicht selten sadistisch.
Der Generale di Corpo d’Armata Salvatore Danelli stammte aus Neapel und war üblicherweise ein fröhlicher Mensch, der gerne lachte, trank und speiste, ein Mann, der selten nervös wurde. Selten, denn an diesem Tag war er eher sehr nervös. Der Grund für diese Nervosität legte soeben am Kai des modernen italienischen Hafens an. Die CESARE BORGIA war ein moderner schwerer Kreuzer der italienischen Marine, was an sich noch kein Grund für besondere Aufregung gewesen wäre. Aber er führte am Flaggenmast neben der Trikolore auch noch den Wimpel des königlichen Generalstabes, was bedeutete, dass ein Mitglied desselben an Bord war. Wahrscheinlich Generale Guido Trapare, der Chef des Stabes persönlich. Es war eben auch für einen Generalleutnant nicht angenehm, seinem Vorgesetzten ein Versagen gestehen zu müssen. Und ganz besonders nicht General Trapare, der als rigoros galt und für seine brutale Härte Untergebenen gegenüber bekannt war. Sobald die Vorposten das Schiff und die Flagge gesichtet und über Signallampen nach Mogadischu gemeldet hatten, sandte Salvatore Danelli einen kleinen Dampfkraftwagen zum Hafen los, einen FAR 800. Die Fabbriche Automobile di Roma hatte sich auf kleine, wendige Dampffahrzeuge auch für den zivilen Markt spezialisiert und produzierte für das Militär die Dreiräder der Aufklärungstruppen und auch das Modell 800, das bei Offizieren sehr beliebt war. Inklusive des Fahrers beförderte es vier Personen, erreichte eine Geschwindigkeit von beinahe 100 Stundenkilometern auf einer guten Straße und immerhin 35 bis 40 in der Wüste. Und der 800vm – für versione militare – war auch universell in beinahe jedem anderen Gelände einsetzbar. Hier, im tiefen Süden, war das Fahrzeug mit einem leichten Stoffdach ausgestattet, welches zumindest tagsüber rudimentären Schatten spendete und für den Wüsteneinsatz waren extra breite Räder aufgezogen worden.

Guido Trapare kam aus Perugia, dem alten Phersna der Ertrusker, er war ein schmalbrüstiger, nicht sehr hochgewachsener Mann, dessen kahler Kopf mit der scharfen Hakennase und den schmalen Lippen für diesen kleinen Körper überdimensioniert groß erschien. Seine Augen blickten scharf und eiskalt unter den buschigen Brauen hervor, als er in der schwarzgrünen Generaluniform mit dem breitkrempigen federgeschmückten Hut die CESARE BORGIA verließ und auf Salvatore Danelli zuschritt, der die Haken zusammen schlug und salutierte.
„Sie sind hier in Mogadischu und nicht an der Front“, fragte Trapare kurz angebunden den Korpskommandanten.
„Gestern angekommen“, beschied dieser. „Ich wollte noch einmal eine Depesche nach Rom absenden. Wir benötigen Munition, Ersatzteile und Verstärkung. Dazu eine bessere Flugabwehr und mehr Artillerie. Diese Abessinier haben viele gute Luftschiffe aus deutscher Fertigung, mit denen sie unsere Landkreuzer und -Korvetten nach Belieben bombardieren können. Unsere eigenen Luftschiffe werden von britischen Ornithoptern vertrieben, die mit modifizierten Hale-Raketenwerfern ausgestattet sind und teuflisch treffsicher sind. Und ihre Sprengköpfe zerfetzen die Tragzellen unserer Luftschiffe in ungeahntem Ausmaß.“
Trapare nickte ruckartig. „Das ist mir bekannt. Trotzdem sollte es kein Problem sein, dass eine moderne, europäische Armee diese Halbwilden besiegen kann. Auch wenn diese ein paar Spielereien bekommen haben.“
„Sie sind bisher unserer Armee gewachsen, Generale.“ Danelli führte den Chef des Generalstabes zum FAR 800. „Unsere Aufklärung hat uns einen recht guten Überblick über die Festungen an der Grenze verschafft. Die sind sehr geschickt aufgestellt, beinahe, als hätte ein preußischer Militäringenieur diese Verteidigung geplant.“
Der General zögerte und überlegte kurz. „Das könnte auch tatsächlich so sein.“ Er schwang sich auf den Rücksitz und nahm seinen Hut ab. „Ins Hauptquartier!“
„Zu Befehl, Generale!“ Danelli ging um den Wagen herum und setzte sich auf den anderen Sitz. „Fahrer! Losfahren!“
Für die beinahe 300 Kilometer bis zur Frontlinie benötigten die Herren in dem FAR etwa vier Stunden. Eine Straße hatten die Italiener zwar noch nicht bis zur Front gebaut, aber hunderte von tonnenschweren Kettenfahrzeugen hatten den Boden verdichtet und eine gut passierbare Piste in Sichtweite eines kleinen Flüsschens geschaffen.
„Wir haben uns an der Front eingegraben, derzeit ist es dort ziemlich ruhig. Die Abessinier verzichten auf Gegenangriffe und feuern nur, wenn wir die Grenze überschreiten“, berichtete der Korpskommandant. „Dann aber erschreckend effizient. Sie haben dort oben einen großen Zeppelin, wahrscheinlich mit einer Kabelverbindung, damit weisen sie wohl die Steilfeuergeschütze ein, und wir können überhaupt nichts dagegen machen. Mit ihren Ornithoptern haben sie die Hoheit in der Luft, und wir haben keine wirklich schweren Kanonen erhalten. Die 18 Zentimeter der Jupiter reichen nicht aus, bis hinter die feindlichen Linien zu schießen und die Granatwerfer zu erreichen!“
„Sie haben versucht, die Verteidigungsanlagen zu umgehen?“ Der General hatte seinen breitkrempigen Hut der Bersaglieri mit den Hahnenfedern wieder aufgesetzt und starrte zu den Stellungen der Feinde hinüber, welche nun an der Oberfläche verweilten und nicht mehr eingefahren wurden. Die 42 Zentimeter Langrohrgeschütze waren deutlich zu erkennen, ebenso die mittelschweren 10,5 – Schnellfeuerkanonen und die Schießscharten, hinter denen wohl zumindest einige Maxim-Gewehre auf stürmende Infanteristen warten mochten. Die nur wenige Kilometer voneinander entfernten Forts schienen die Forza Italia herauszufordern, die Angreifer verspotten zu wollen.
„Damit gibt es ein erhebliches Problem, Generale. Hier entlang, bitte!“
Salvatore Danelli führte den Gast in seinen Unterstand. „Wie Sie auf dieser Karte sehen können, reichen die Festungen im Norden bis zur Grenze der französischen Kolonie von Dschibuti am Horn von Africa, die französische Grenze zum AOI verläuft in der Nähe von Gori Rit etwa am 48. Längengrad und dem 8. Breitengrad in südöstlicher Richtung bis zur Küste, ungefähr bei Garacad. Wir müssten also französisches Gebiet betreten, und im Gegensatz zu den Briten im ägyptischen Eritrea sind die Franzosen sehr präsent in dieser Kolonie. Wir haben auch keinen Vorwand, französisches Gebiet zu durchqueren. Auf der anderen Seite der Front sitzen die Tedesci in Deutsch-Kenya. Von Hohenzollernhafen in der Bucht von Burgabo nach Nordosten über Baardheere am Fluss Jubba, das sie jetzt Friedrichsburg nennen nach Mandera. Und die Deutschen kennen auch keinen Spaß bei Grenzverletzungen, noch dazu werden sie, falls wir hier angreifen sollten, ganz bestimmt von den Kakaniern am Franz Rudolph- und am Maria Sophia-See unterstützt.“
„Ich dachte immer, die Donaumonarchien hätten keine Kolonien in Africa“, bemerkte General Trapare stirnrunzelnd.
„Es ist auch keine Kolonie, sie haben nur von den dort lebenden Turkana Schürfrechte erworben“, erklärte Salvatore Danelli. „Diese sind zwar keine Untertanen der Monarchien, dürften allerdings davon profitieren, dass die Österreicher dort Schulen bauen werden, welche sie dann auch besuchen dürfen. Wenn sie wollen.“
„Dann sind die Österreicher noch nicht lange dort? Sonst wären ihre Schulen doch schon fertig“, stellte Trapare fest. „Diese dannatamente brava gente mit ihren Schulen überall! Wozu den Wilden Bildung bringen, die kapieren doch ohnehin nur die Peitsche und den Galgen!“
„Diese Verträge und Schürferstädte gibt es tatsächlich noch nicht lange, General. Im Jahr 1887, also vor zwei Jahren, hat Graf Sámuel Teleki von Szék die Seen erreicht und nach seinem Thronfolger und dessen ältester Schwester benannt“, erzählte Danelli. „Vor einem halben Jahr haben sie mit dem Bau eines Luftschiffhafen und, gemeinsam mit den Deutschen, einer Eisenbahnlinie von Hohenzollernhafen nach Mji’Wa‘Mto begonnen. Etwa 700 Kilometer lang muss sie werden.“
„Nun gut, das ist ja jetzt auch egal“, winkte Trapare unwirsch ab. „Wir stehen hier also vor einer 850 Kilometer langen Front, wo alle fünf Kilometer ein großes Fort und jeden Kilometer ein kleines steht. Das macht 170 von den riesigen Gefechtsstellungen! 170, Korpskommandant! Und da sind die kleineren Nester und die Granatwerfer im Hinterland noch nicht mitgerechnet! Warum ist gerade diese Grenze derart stark befestigt? Bei Baylul war nichts dergleichen zu sehen. Und woher kommen die Mittel dafür?“
„Generale, das…“
„Natürlich wissen Sie das nicht, Korpskommandant“, unterbrach der General aufgebracht, zwang sich aber wieder zur Ruhe. „Woher sollten Sie denn auch. Warum haben Sie ihre schwere Artillerie denn nicht eingesetzt?“
„Ich habe keine!“ Danelli hob beide Hände in Schulterhöhe. „Sie ist in Italien geblieben. Als ich den Schiffsraum dafür angefordert habe, bekam ich die Antwort, dass dieser Angriff sowieso nur eine Ablenkung sei, und wir hier vor allem die Truppen des Gegners binden sollten. Und dass ein paar Halbwilde doch wohl auch ohne schwere Kanonen zu besiegen wären. Die größten Kaliber vor Ort sind die 18 Zentimeter der Jupiter. Völlig unzureichend. Ohne schwere Granatwerfer und Mörser hat sich der Angriff hier auf ewige Zeiten fest gelaufen.“
Trapare hatte die Augen weit aufgerissen und starrte Danelli an. „Sie – Sie sind ohne nennenswerte Artillerie los gezogen? Wie sind Sie…“, der General schnappte nach Luft und begann zu stottern, weil der zu viele Fragen gleichzeitig aussprechen wollte. „Warum…“
„Ich habe vor meinem Aufbruch aus Italien fünf Mal an den Generalstab appelliert, Signore Generale“, beschwerte sich der Korpskommandant bitter. „Fünf Mal wurde mein Gesuch um Transportraum vom Stab abgelehnt. Zu teuer, die Truppen und die Kanonen der Jupiter und Scudi müssten für Steinzeitwilde doch reichen. Steinzeitwilde! Diese Abessinier haben teilweise bessere Ausrüstung als wir! Scharfschützengewehre zum Beispiel. Diese haben mir einige Offiziere auf beinahe anderthalb Kilometer aus den FAR geschossen. Mit unseren Gewehren treffen nicht einmal die Bersaglieri auf diese Entfernung.“
„Ich habe nie von solchen Eingaben gehört, Korpskommandant.“ Trapare schüttelte den Kopf. „Kein einziges Mal.“
Der Generale di Corpo d’Armata holte eine Korrespondenzmappe hervor. „Bitte, Signore Generale, die Eingaben, und die Antworten. Und ich wiederhole es noch einmal. Ohne Artillerie werden wir diese harte Nuss nicht knacken. Vielleicht könnte man die Batterien jetzt endlich in Marsch setzen. Sonst – können wir uns gleich nach Mogadischu oder gar nach Italien zurück ziehen.“
=◇=
Foz de Cuene
Im Atlantik südlich des Äquators war es im Mai eben Mitte Herbst, die Temperaturen erreichten in den Gewässer vor Luanda und Benguela angenehme 26 bis 28 Grad Celsius während des Tages, Nachts kühlte es manchmal bis knapp unter die 20 Grad-Marke ab. Die Küste entlang waren seit hunderten Jahren portugiesische Stationen und Forts für die Sicherung und Verpflegung der Schiffe auf dem Weg zum Kap der guten Hoffnung und darüber hinaus gebaut worden. Doch moderne Dampfschiffe verschmähten oft den Weg die Küste entlang, wenn sie nicht im Linienverkehr die Städte anliefen. Zumeist waren diese Schiffe kombinierte Fracht- und Passagierschiffe mit begrenztem Luxus und einer Größe von vielleicht zwei- bis dreitausend Bruttoregistertonnen.
Die NAMIB gehörte einer ganz anderen Klasse von Schiffen an. Ihre Länge von 142,6 Metern über alles und ihre Breite von 13,77 Metern ergaben 5008 BRT. 105 Mann Besatzung sorgten für das Wohlergehen von 220 Passagieren der ersten Klasse und die Sicherheit von 800 Fahrgästen in der zweiten. Dazu kamen auch bei diesem Schiff mächtige Cargoräume für Fracht. Die NAMIB fuhr im Liniendienst regelmäßig die 12.000 Kilometer lange Strecke Genua – Algier – Gibraltar – Lagos – Gran Canaria – Cap Verdsche Inseln – Foz de Cunene – Lüderitz – Kapstadt und wieder zurück. Auf offener See erreichte das Schiff eine ganz beachtliche Reisegeschwindigkeit von 24,8 Knoten, welche sie in erster Linie ihren drei in Foz de Cuene gefertigten endothermischen Vaporidkesseln, den Wernerschen Turbinenmotoren und den optimierten Schiffsschrauben mit 8 Blättern verdanke, welche bei der letzten Überholung die alten dreiblätterigen Bronzeschrauben ersetzt hatten. Die NAMIB bestand aus bestem Stahl, welcher aus den eigenen Minen Neuhochadlersteins stammte und auch im Lande verarbeitet wurde. Die elektrisch betriebenen Hochöfen in der Markgrafschaft Oberantersbach arbeiteten in vier Schichten und standen praktisch niemals still, und ein steter Strom bester Stahlplatten bewegte sich den Cunene abwärts, um entweder im Land weiterverarbeitet oder nach Ulm zur weiteren Veredelung in kristallinen Kortwitzstahl verschifft zu werden. Ein Teil der Stahlproduktion wurde auch an das Ausland verkauft und spülte so Geld in die Kassen des Staates Neuhochadlerstein. Und damit auch in die der Donaumonarchien.
Mitte Mai des Jahres 1889 näherte sich die NAMIB dem Hafen von Foz de Cunene, der Hauptstadt des Königreichs Neuhochadlerstein. In der etwas über dreißig Jahre alten Frau an der Reling mit der sportlichen Figur hätte man Wilhelmine, die Gräfin von Perggreith nicht sofort wieder erkannt. Die riesige, auffällige Hornbrille war einer kleinen, viereckigen Fassung aus dünnem Golddraht gewichen, ein Coiffeur hatte sie zu einer neuen Frisur ohne hochgesteckten Knoten, aber mit Seitenscheitel überredet, welche ihr Gesicht runder erscheinen ließ, im Nacken wurde die Haarflut von einer auffälligen Klammer gebändigt. Natürlich war die Nase nicht kleiner geworden, wurde jetzt aber nicht mehr durch die Brille noch mehr betont, das Gesicht wirkte insgesamt weicher und durchaus ansprechend. Andreas von Oberantersbach hatte auf dem Geburtstagsball in Schönbrunn zu Ehren der Prinzessin durchaus recht gehabt, und Wilhelmine hatte es letztendlich auch eingesehen.
Die Besuche bei der Baronesse von Klederwald, von der sie später erfahren hatte, dass sie eigentlich Josephine Hintwitz geheißen hatte, waren bei ihrer Selbstfindung ebenfalls durchaus hilfreich gewesen. Besonders ein Abend, es war Anfangs April gewesen und sollte ihr letzter im Zirkel werden. Es waren keine professionellen Männer anwesend gewesen, nur enge Freunde des Mediums und sechs Damen aus dem Gewerbe. Und alle anwesenden Herren hatten sich der Reihe nach ihres Körpers bedient. Sie hatte alle diese Männer in sich durchaus genossen, jeden einzelnen, dann aber gemerkt, dass der ungezügelte und ausschweifende Hedonismus auf Dauer für sie nicht erfüllend genug war. Sie wollte mehr und beschloss, Wien zu verlassen und irgendwo einfach neu anzufangen. Vielleicht in Africa, in Neuhochadlerstein. Dort waren Techniker und Ingenieure immer gesucht, es war ein Land voller innovativer Ideen und mit florierendem technischem Aufschwung, gefördert von König Emanuel III. Ihr Vater, Ferdinand Graf zu Perggreith, war durchaus derselben Meinung, denn von den Besitzungen allein konnte die Familie schon lange nicht mehr leben. Der ältere Bruder Wilhelmines hatte bereits einen Posten bei der Polizei annehmen müssen und arbeitete als Commissario in Venedig. Sogar ziemlich erfolgreich. Also ermutigte der alte Graf seine Tochter mit dem Hinweis, dass sie zwar kein offiziell abgeschlossenes Hochschulstudium in Ingenieurswesen vorzuweisen hatte, aber viele der Vorlesungen in der Fachhochschule für Technik besucht hatte. Aus purer Neugier. Die Perggreiths verfügten zwar über wenig Mittel, aber immer noch über viele Beziehungen, und so wurde der Rektor der Technischen Universität Wien überredet, eine Prüfungskommission zusammen zu stellen und die junge Dame zu examinieren. Vorurteilsfrei. Sie bestand ihre Examen zwar nicht mit Auszeichnung, aber doch immerhin im oberen positiven Bereich.
Das Aushängeschild der Industrie von Neuhochadlerstein waren die Landwirtschafts- und Erdbewegungsmaschinen der ADMAG, der Africanischen Dampf-Maschinen Aktien Gesellschaft, welche zu einem Drittel in königlichem Besitz war. Selbst die Franzosen Ferdinand de Lesseps und Gustave Eiffel bedienten sich bei ihrem Versuch, durch die Landenge von Panama eine Verbindung vom Atlantik zum Pazifik zu bauen, speziell für diesen Zweck konstruierter gigantischer Maschinen der ADMAG. Wilhelmine hatte sich in Wien bei der Vertretung dieser Firma vorgestellt und ihre Zeugnisse vorgelegt, einige Tage später hatte sie eine Einladung nach Foz de Cunene zu einem persönlichen Gespräch erhalten. Mit einer Fahrkarte 2. Klasse auf der NAMIB. Am 28. April war sie in Wien aufgebrochen, per Bahn nach Genua. Am Abend des 29. hatte sie ihre Kabine bezogen, immerhin 5 Quadratmeter plus Dusche und Toilette. Einfach, aber sauber, das Bett war bequem, das Essen im Speiseraum schmackhaft. Das Promenadendeck der zweiten Klasse war groß genug für sportliche Aktivitäten, und Wilhelmine umrundete das Schiff täglich mehrmals. Allerdings trat genau das ein, vor dem sie ihre Freundin Franziska von Oberantersbach gewarnt hatte. Sie verlor ihre europäische Blässe, was aber in Neuhochadlerstein ohnehin egal war. Dort galt eine gesunde Bräunung des Gesichts und der Hände durchaus als chic.
Wilhelmine betrachtete den sich nähernden Hafen. Foz de Cunene, der ‚Mund des Flusses Cunene‘, lag beiderseits der Mündung, doch unterschiedlicher konnten die Stadtteile kaum sein. Das Nordufer dominierte der älteste Teil, die große ‚Lepoldi-Feste‘, jene Burg, welche Emanuel von Hochadlerstein damals, nachdem er den Fluss gekauft hatte, als ersten Stützpunkt gebaut hatte. Benannt nach dem heiligen Leopold, dem Schutzpatron seiner alten Heimat. Weiter den Fluss hinauf lag die Mittelstadt, in der noch zwischen prächtigen Palästen niedrige Häuser mit zwei oder drei Stockwerken standen. Am südlichen Ufer war das moderne Foz de Cunene entstanden. Zehn, zwölf Etagen waren die Norm, doch dazwischen standen einige Türme mit über zwanzig Stockwerken. Beton, Stahl und Glas waren die Baustoffe der modernen Stadt, Schmuckelemente des Art Deco lockerten die strengen Fassaden auf, die Straßen waren breit und hell. Als die NAMIB den Kai erreichte und festgemacht hatte, verließ die Gräfin zu Perggreith über die Gangway das Schiff und sah sich auf dem Kai um. Vier Schiffe der unterschiedlichsten Reedereien lagen eben vor Anker, wurden be- und entladen, es tönten Kommandos und Flüche in Deutsch, Französisch, Portugiesisch und Englisch durcheinander, es wimmelte von Karren aller Art.
„Sie müssen dort durch die Sperre“, informierte sie Leutnant Andalele von der NAMIB, welcher an der Gangway stand, um den Passagieren zu helfen und die Tickets der an Bord gehenden zu kontrollieren.
„Natürlich, Leutnant. Danke.“ Wilhelmine nickte dem Seeoffizier zu. „Es ist nur – das Bild war einfach überwältigend.“
„Willkommen in Neuhochadlerstein, Gräfin“, grinste der Herero. „Sie werden sich hier sicher schnell eingewöhnen.“
„Das hoffe ich sehr, Leutnant!“ Sie umfasste das Schiff noch einmal mit einem raschen Blick, straffte ihre Haltung und lächelte. „Auf Wiedersehen!“
„Viel Glück, Fräulein!“
Mit raschen Schritten näherte sich Wilhelmine der Einreisstation, wo ein Offizier in weißer Polizeiuniform ihren Pass entgegen nahm.
„Fräulein Wilhelmine zu Perggreith, Sie kommen aus Wien?“
„Ja, Hauptmann.“
„Schön, schön!“ Der Polizeihauptmann wies auf einen Stuhl. „Fräulein zu Perggreith, nachdem ich ihrem Pass entnehme, dass Sie nicht nur einige Zeit als Tourist bleiben möchten, habe ich einige Fragen an Sie zu stellen. Sie wollen sich bei der ADMAG bewerben?“
„Ja, das möchte ich. Ich will einen Neuanfang machen, nachdem – das führte jetzt zu weit. Es soll einfach ein neuer Beginn werden.“
„Nach ihrer Zeit bei der Organisation namens“, der Mann sah in die Akte vor sich. „Goldener Frühling?“
Wilhelmine seufzte. „Nun, ja. Es war – nein, nicht alles, was ich erlebt habe, war für meine Person schlecht. Es hat mir einiges bewiesen, und dafür habe ich die Augen und Ohren anderen Dingen gegenüber verschlossen. Aber ich habe alles, was ich wusste, in Wien bereits Herrn Kommissär Brunner erzählt.“
„Das ist mir bekannt, Fräulein.“ Hauptmann Salomon Blaustern faltete seine Hände über der Akte. „Wir dürfen hier aber nicht nachlässig werden. In Neuhochadlerstein gibt es immerhin einige Dinge, welche für – sagen wir einmal – fehlgeleitete Individuen recht wertvoll sein könnten. Einige Pläne und Methoden nicht nur der ADMAG wären für Firmen, welche Geräte, Maschinen und Fahrzeuge aus konventionellem Stahl herstellen, eine hübsche Summe wert. Ich hoffe, Sie entschuldigen meine direkten Worte.“
„Ich verstehe, Hauptmann Blaustern.“ Wilhelmine senkte den Kopf. „Aber ich fürchte, ich kann ihnen nicht mehr erzählen, als das in ihrer Akte stehende.“
„Sie wissen also nicht mehr als das?“ Salomon hob den Akt und ließ in klatschend auf den Tisch fallen. „Soll ich das wirklich glauben?“
„Das kann…“
„SIE KÖNNEN!“ brüllte Salomon Blaustern unvermittelt los und schlug mit der Hand auf den Hefter. Wilhelmine sah ihm direkt in die Augen.
„Hauptmann, ich weiß nicht, wie viel in ihrer Akte steht, aber ich werde ihnen nichts mehr erzählen. Ich wurde vereidigt, mit niemand über diese Sache zu sprechen. Wenn Sie nähere Informationen benötigen, wenden Sie sich bitte an den Fürst zu Hametten. Ich habe damals vielleicht einen Fehler gemacht, mich mit diesen Leuten vom Frühling einzulassen. Mag sein. Aber, Hauptmann, ich nehme meinen Eid, welchen ich vor Fürst zu Hametten in Vertretung der Donaumonarchien geschworen habe, sehr ernst. Sie können mir vielleicht verbieten, im Land zu bleiben, obwohl ich Bürgerin der Donaumonarchien bin. Sie können mich wahrscheinlich auch verhaften, weil ich in ihren Augen ein Sicherheitsrisiko darstelle! Aber Sie können mich nicht zwingen, meinen Eid zu brechen.“
„Nun gut!“ Der Mann in der Uniform eines Polizeihauptmanns schlug den Schnellhefter wieder auf und blätterte lange darin. Es waren viele Blätter, und er ließ sich Zeit. „Sagen Sie, Fräulein“, begann er nach geraumer Zeit wieder. „Was wollen Sie machen, wenn die ADMAG Sie nicht nimmt?“
Etwa eine Stunde später durfte Wilhelmine die Einreisestation verlassen und sah verschwitzt, aber erleichtert auf den Stempel in ihrem Pass. Sie hatte die Genehmigung zur Einreise, zum dauerhaften Aufenthalt und zum Arbeiten in Neuhochadlerstein erhalten. Vor dem Hafengebäude standen einige Dampftaxen, elegante, leicht wirkende Cabrios mit Stoffdächern, welche den zu manchen Zeiten schier sintflutartigen Regen und die Sonne abhielten, aber im Sommer trotzdem für angenehmeres Klima im Automobil sorgten.
„Taxi, gnä Frau?“ Ein kräftiger Mann, dem einmal jemand die Nase gebrochen haben musste, griff nach ihrem Schrankkoffer, als sie nickte. „In ein Hotel?“ Wilhelmine las das Schild auf der Brust des Mannes.
„Das Neue Imperial bitte, Olberth“
„Gerne, gnä Frau.“ Er hievte den schweren Koffer scheinbar ohne allzu große Mühe auf den Gepäckträger am Heck der Droschke und öffnete den Schlag. Dankbar ließ sich Wilhelmine auf die bequeme Rückbank sinken und genoss ihre Fahrt durch die moderne Stadt. Das Fahrzeug war hervorragend gefedert, die dicken pneumatischen Reifen taten auf dem Straßenbelag aus Beton ihres dazu, dass die Fahrt auf der breiten Straße beinahe lautlos vor sich ging.
Das Neue Imperial war ein modernes Hotel, welches in der Nähe des Hafens Zimmer für jeden Geldbeutel bereit hielt. Verständlicherweise hatte die Firma ADMAG keine prächtige Suite für ihre Kandidatin gebucht, aber es war doch mehr als eine Toilette mit Schlafnische. Das Zimmer Wilhelmines im 18. Stockwerk ging auf die Straße, aber in über fünfzig Meter Höhe drang kaum noch ein Geräusch herauf. Über die Dächer der anderen Gebäude sah konnte man sogar das Meer sehen, auf dem eben ein Schiff nach Norden davon fuhr. Sie versuchte immer noch, ihre Überraschung zu verarbeiten. Dass die Herero an der Rezeption eine weiße Bluse zu einem leichten, blauen Rock getragen hatte, war nicht weiter aufgefallen. Doch während Wilhelmine auf ihren Schlüssel wartete, war eine europäische Frau von der Straße in die Halle gekommen. An den Füßen trug sie leichte, hochhakige Sandalen, bis zum Knie geschürt. Man konnte es leicht erkennen, denn der leichte Rock in den traditionellen Hereromustern war links ziemlich hoch geschlitzt. Auf dem Kopf mit den blonden Haaren thronte ein Strohhut, welcher mit einem bunten Seidenschal geschmückt und mit einer Krempe ausgestattet war, die den Durchmesser eines Kutschenrades aufwies. Zwischen dem Hut und dem Rock war außer einem dünnen Goldkettchen nur sanft gebräunte Haut zu sehen gewesen. Nun erst war es Wilhelmine aufgefallen. Hier trug wirklich jeder, was er wollte, sowohl im Haus als auch auf der Straße. Dort ein Mann nur mit einem kurzen Lendentuch, dort einer in vollem Anzug, der nächste trug ein weißes Hemd zum langen Lendenschurz.

„Neu hier?“, hatte die halbnackte Frau Wilhelmine gefragt, die nur nicken konnte.
„Bitte, Gräfin zu Perggreith!“ Die Hotelangestellte legte ihr den Zimmerschlüssel auf die Theke.
„Ich bin Josi“, stellte sich die halbnackte Frau vor. „Also eigentlich Josepha Valentina Helena, Tochter des Herzogs von Mtsinje wa njati. Entschuldigung. Von der Furt der Büffel.“ Josi reichte Wilhelmine, welche schon zu einem Knicks ansetzen wollte, zwanglos die Hand. „Du wirst dich daran gewöhnen. Wir sind hier bis etwa 19. Uhr eher locker in unseren Umgangsformen, danach kommt es ganz auf die Verhältnisse an. Ich würde so in der Aufmachung nie in die Oper gehen, zum Beispiel. Und es empfiehlt sich auch, bei einem Vorstellungsgespräch nicht zu leger zu erscheinen. Aber sonst ist ein blanker Oberkörper bei einer Frau hier nichts, worüber man sich großartig aufregt. Das haben wir von den Herero, den Nama und den Himba gelernt. Man sieht sich, Willi!“ Damit hatte Josepha Valentina ihren Schlüssel genommen und war davon gegangen, verfolgt von den Blicken einiger Männer, welche den Blick nicht von dem zwar verhüllten, aber durch den leichten Stoff doch erkennbaren kokett schwingenden knackigen Po der jungen Dame wenden konnten.
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Abessinien
Nordwestlich der Stadt Gonder lagen einige bewaldete Höhenzüge, von denen aus man die Stadt gut beobachten konnte. Die drei Männer in der Kleidung einfacher abessinischer Landbewohner waren nicht sonderlich auffallend. Sie mochten etwas hellere Hautfarbe als der durchschnittliche Untertan des Negus Negest Yohannes IV haben, aber es gab durchaus auch noch hellhäutigere darunter. Es hätte schon eines sehr aufmerksamen Beobachters bedurft, in den Ausbeulungen der Kleidung moderne Flechettepistolen zu erkennen. Made in Germany, auf geheimnisvollen Wegen in die Hände dieser Männer geraten, welche mit ebenso modernen Gläsern das Treiben in der Stadt beobachteten.
„Merde!“ Das Französische des Mannes war stark arabisch geprägt. „Da hat sich eine kleine Armee versammelt.“
„Wenn jetzt die Trommel kommt, ist sie für den neuen Messias verloren!“ Auch der zweite Mann sprach die französische Sprache mit deutlichem Akzent, man konnte den Spanier leicht erkennen. Der dritte Man hatte ebenfalls einen deutlichen Zungenschlag, allerdings einen original französischen – er war Bretone.
„Sie müssen unsere Agenten hier irgendwie erkannt und überrumpelt haben. Die Leute aus der Gegend erzählen davon, dass vor kurzem hier ein Prozess stattgefunden hat und danach eine Menge Leute, Araber und Europäer, am Galgen gelandet sind. Eine Prinzessin aus Ositira soll die Stadt vor einer Mörderbande gerettet haben, und das passt zu den Fahrzeugen da unten. Die Weiber des kakanischen Herrscherhauses sollen ja recht wehrhaft sein.“
Halef Achmed setzte sein Glas ab. „Vielleicht sollten wir ihr einen Denkzettel verpassen, damit sie von hier verschwindet.“
Roland Monchartes verdrehte die Augen. „Denk doch einmal mit deinem Kopf und nicht mit deinem thueban sulb. Egal, ob sie es überlebt oder nicht, es werden uns ganze Regimenter österreichischer Soldaten und sämtliche Bewohner des Landes im weiten Umkreis suchen. Wie könnten uns irgendwo verstecken oder von hier verschwinden, aber erfahren würden wir höchstens noch, wie sich eine Steinigung anfühlt. Wenn deine Schlange wieder in eine Höhle kriechen will, dann lass ein paar Maria-Theresien-Taler springen, in Gorgora gibt es sicher ein Bayt dieara.“
„Es bringt nichts, hier noch länger zu warten“, bemerkte Paco, der Spanier. „Wir fallen nur auf!“
„Stimmt.“ Der Bretone erhob sich, nahm einen Wanderstab auf und schulterte einen Ranzen. „Wir müssen zusehen, dass die Um qadasa Bidhara von der Situation hier erfährt und wir weiter nach der Trommel Ausschau halten. Ich schlage vor, wir losen. Zwei von uns versuchen ganz offiziell eine Anstellung in der Nähe zu finden, und einer sucht den Treffpunkt mit unserem Luftschiff auf, gibt der Herrin Atrá Bescheid über die hiesigen Zustände und meldet sich dann wieder hier bei den anderen, um dann wieder die neuesten Nachrichten nach Kairo zu senden.“
„Klingt gut!“ Paco Sanchez nahm drei Schwefelhölzer aus der Packung und kürzte eines. Dann hielt er die Hölzer mit den Kopf voran den anderen hin.
„Ich habe das kurze“, verkündete Halef. „Wo wollen wir uns treffen, wenn ich zurück komme?“
„Dort in dieser Ortschaft gibt es ein Gasthaus“, schlug Roland Monchartes vor. „Dort ist es nicht weiter auffällig, Abends ein Hirsebier oder zwei zu trinken!“
„Einverstanden“, stimmte Halef zu. „Dann mache ich mich auf den Weg. Vielleicht kann sie ja noch einmal ein Luftschiff schicken.“
„Nein, auf gar keinen Fall!“ Roland umklammerte den Oberarm des Orientalen mit eisernem Griff. „Da unten sind spezielle Luftschiffabwehrwaffen eingetroffen! Sieh nur noch einmal hin!“
„Ach, des Nachts über die Zitadelle treiben lassen und…“
„Nein!“, unterbrach der Bretone. „Die Österreicher haben Scheinwerfer, die wir mit bloßem Auge nicht richtig sehen können, aber sie haben Filter dafür und sehen auch Nachts jeden Angreifer aus der Luft. Sie würden jede Anfahrt erkennen, glaube es mir!“
„Also gut, ich werde das alles der Herrin Atrá mitteilen.“ Halef machte sich an den Abstieg in Richtung Norden, um dort das Luftschiff seines Ordens aufzusuchen und dem Kapitän eine Nachricht mit auf den Weg zu geben, die anderen gingen nach Westen, um sich eine Arbeit für einige Wochen zu suchen.
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Keiner von den drei Männern hatte während ihrer Unterhaltung nach oben geblickt, und wenn, hätte er das kleine gelb-schwarz gestreifte Ding vielleicht nicht einmal wahrgenommen. Linienschiffleutnant Mathias Szabo und Fregattenleutnant Emil Voglmüller hingegen hatten das Verhalten der Personen sehr wohl bemerkt und mit ihrer neuen Faltkamera der Firma Anschütz einige gelungene Photographien angefertigt. Dank der großen Linsen konnte man sogar einige Details erkennen. Szabo überlegte nicht lange, sondern zog die Wespe hoch und folgte dem einzelnen Mann Richtung Westen.
„Na, do schaugst oba!“ Voglmüller hatte den Feldstecher vor die Augen genommen. „Dos is jo a Giffard DG3. A gonz monderns Ding. Schofft trotzdem kane 25 Knoten. Aber guat vastecken konn mas!“
Szabo verzog das Gesicht. „Die ersten Beobachter sind da. Franzosen oder Belgier? Oder wart, die Spanier und Italiener benutzen ja auch gerne französische Technik.“
„Da ane hot ausgschaugt wie a Araber – do san de Franzosen stark. Oda – Himmehergottszeitenkreziseidene Zpfelhaub’n. Imre, wos is, wann des de deppaten Saupreißen, de deppaten, von dem goidenen Frühling san, von dem’s uns verzählt hobn.“
„Könnte passen. Eine durchmischte Mannschaft, Araber und Europäer. Auf jeden Fall markieren wir die Stelle auf der Karte und fliegen heim. Ob die Sabrina wohl schon unter der Haube ist?“
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Die militärischen Luftschiffe ‚Leichter als Luft‘ unterstanden in den Donaumonarchien wie die Flugschiffe der Marine. Auch die Piloten der Wespen wurden als Marineoffiziere geführt und trugen daher die entsprechende Dienstkleidung. Nach Abessinien hatten sie die leichten Sommeruniformen mitgebracht, weiße, gerade geschnittene Hosen mit blauen Borten und eine bis zur Mitte des Oberschenkel reichende Bluse mit Stehkragen, mit einer Reihe Goldknöpfen verschlossen. Die Schulterstücke dazu waren dunkelblau und zeigten bei Sabrina Kress eine breite und eine schmale, mit einem Ring versehene Borte für ihren Rang als Korvettenkapitän, während der Linienschiffleutnant Vaclav Nemec drei schmale Borten, die der Schulter am nächsten liegend ebenfalls mit einem kleinen Ring versehen trug. Die Uniform der Korvettenkapitän war auf den Leib nach Maß geschneidert und betonte die erfreulichen Formen der sportlichen mittelgroßen Frau, während sich Vaclav mit der Standardausführung begnügte.
Im Moment stand der Linienschiffleutnant nervös in der Messe des Kanonenbootes ROSENHEIM und tauschte irgendwelche Nichtigkeiten mit Fregattenleutnant Istvan Toth aus, während er wartete. Istvan war ein guter Freund Vaclavs und sollte heute sein Trauzeuge sein. Sabrina hatte ihre Idee mit der Hochzeit wirklich umgesetzt und bei der Prinzessin die Erlaubnis erwirkt, an Bord des Schiffes rechtsgültig heiraten zu dürfen. Es war nicht schwer gewesen, der Kommandant des Kanonenbootes war ganz aufgeregt, endlich einmal eine solche Zeremonie abhalten zu dürfen. Dem Rang nach war er Linienschiffleutnant, doch höflicherweise hatte sich die Anrede Kapitänsleutnant für die Kommandanten eigenständiger kleinerer Einheiten wie Kanonenbooten eingebürgert, obwohl es in den Donaumonarchien diesen Rang eigentlich gar nicht gab. Als Zeichen seines eigenen Kommandos durfte er über dem Ring der der obersten Borte einen kleinen goldenen Stern mit sechs Strahlen auf dem Rangabzeichen tragen.
Sabrina ihrerseits saß in einem Muli, welches sie von Gonder zur ROSENHEIM bringen sollte. Josepha Müller, die Zofe Maria Sophias, hatte genügend weiße Blumen auftreiben können, um einen Brautstrauß und einen Kranz flechten zu können, und sogar ein Stück Spitzengewebe für einen Schleier war aufzutreiben gewesen. Auch wenn die Braut schon lange keine Jungfrau mehr war, wie der Bräutigam nur zu genau wusste. Trotzdem gehörte die symbolische Defloration der Braut im Zuge der Vermählung selbst bei Militärtrauungen durchaus zum gerne gepflegten Brauch. Die Baronesse von Oberwinden trug ihre sandfarbene Tropenuniform, Henrietta Jones hatte die enge Matrosenhose angelegt und sich ein passendes ziviles Oberteil in hellblau besorgt. Sabrina hatte die Damen gebeten, ihre Brautjungfern zu sein und Maria Sophia hatte sich bereit erklärt, als Zeugin anwesend zu sein. Vor dem Landesteg der ROSENHEIM hielt das Fahrzeug, und einer den neuen Matrosen aus Abessinien öffnete den Einstieg. Da die abessinische Marine noch keine eigene Uniform besaß, trug er zur österreichischen weißen Montur die typische Kopfbedeckung seiner Heimat. Salutieren konnte er jedenfalls schon ganz ordentlich. Sabrina verließ das Muli, und betrat als erste die Gangway. Auf dem Schiff wurde sie von einem der abessinischen Kadetten und einer vierköpfigen Ehrengarde erwartet. Kadett Salomon Mek’urech’a erwiderte Sabrinas militärischen Gruß, und die Braut fragte, ob sie und die Brautjungfern an Bord kommen dürften. Was sie selbstverständlich durften. Dann gab die Dampfsirene einen langgezogenen Ton von sich, die Schiffsschrauben begannen sich zu drehen und die ROSENHEIM entfernte sich von ihrem Ankerplatz. Somit wurde ‚Kapitänsleutnant‘ Anton Nemecič der absolute Herr an Bord der ROSENHEIM und damit auch berechtigt, die Trauung vorzunehmen.
Die Tür zur Messe öffnete sich, und die verschleierte Braut im großen Dienstanzug schritt am Arm des ersten Offiziers der ROSENHEIM auf die Kapitänstafel zu, wo Vaclav bereits voll Ungeduld wartete. Bräutigam und IO salutierten voreinander, dann legte Karl Moser Sabrinas Rechte auf den linken Arm Vaclavs, und beide wandten sich Anton Nemecič zu.
„Ich fühle mich geehrt, dass Sie sich entschieden haben, auf meinem kleinen Boot zu heiraten. Soweit ich das Brautpaar in den letzten Tagen kennen lernen durfte, haben beide wohl Glück gehabt, einen derart passenden Partner zu finden. Ich werde Sie nun noch einmal fragen, einen nach dem anderen, ob Sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten und unbeeinflusst aus freien Stücken diese Ehe eingehen wollen. Vaclav, wollen Sie die hier anwesende Sabrina nach den Gesetzen und Regeln der Vereinigten Donaumonarchien zur Frau nehmen?“
Vaclav nickte energisch. „Das will ich!“
„Und Sie, Sabrina, möchten Sie den hier anwesenden Vaclav nach den Gesetzen und Regeln der Vereinigten Donaumonarchien zum Manne nehmen?“
Sabrinas Lächeln erhellte den Raum. „Oh ja, und wie ich will!“
Anton Nemecič vollendete das Ritual mit den alten, ehrwürdigen Worten. „Im Namen der Vereinigten Donaumonarchien erkläre ich Euch hiermit zu Mann und Frau.“ Dann fiel er ein wenig aus seiner würdigen Rolle. „Und wir alle wissen, was jetzt kommt! Küss deine Braut, Seemann!“ Vaclav hob den Schleier, und nie vorher hatte seine Sabrina für ihn schöner ausgesehen. Die Welt versank in einem nicht enden wollenden Kuss.
=◇=
Wales
Hawk Hall in der Nähe von Barry war eine Mischung verschiedener Stile. Vom ursprünglichen Tudor – Herrenhaus war allerdings nicht mehr viel zu sehen. Trotzdem sah man dem Ensemble seine grundlegende Struktur als Wehrbau durchaus noch an, auch wenn die Fenster größer gemacht wurden und neben den ehemals trutzigen Mauern Bäume standen, welche für jeden leicht zu erklettern waren. Das Herrenhaus stand auf einem Hügel, zum Haupteingang führten zwei breite Treppen hinauf. Der Hügel war im Laufe der Zeit in mehrere Gärten auf einzelnen Terrassenstufen verwandelt worden.
Im großen Speisesaal saßen Doktor John Hamish Watson und Major August Warren Hawk an diesem nebeligen walisischen Maimorgen bei einem opulenten Frühstück. Tee, Nieren, baked Beans, Speck, Ei, Toast, Butter, Marmelade, Porridge, Muscheln, die gesamte Palette der englischen und walisischen Frühstücksküche. Der Major sprach wie so oft wieder einmal über seine Dienstzeit in Indien und Ceylon. Und auch beinahe eben so gerne über die Heldentaten seines Vaters Lester während des Sepoy-Aufstandes, während Watson an den richtigen Stellen nur noch zustimmend brummte und sich mehr auf das Essen als die Worte des Majors konzentrierte.
„Und ich sage ihnen, John, die Tamilen auf Sri Lanka waren weit schlimmer als die Sepoy! Diese Bastarde haben bei ihrem Aufstand Anno 1863 jeden weißen Mann, den sie in die Hände bekommen haben, langsam und voller Genuss umgebracht. Ganz egal, ob der in Uniform oder Zivil unterwegs war. Die Frauen und Kinder haben meistens überlebt, aber bei den Damen – fragen Sie lieber nicht, womit sie ihr eigenes und das Überleben ihrer Kinder bezahlen mussten! Fragen Sie nicht, John!“ Major Hawk schob sich ein Stück Niere in den Mund und kaute zufrieden darauf herum. ‚Wahrscheinlich mit dem Gleichen, das vorher die Weißen mit den tamilischen Mädchen gemacht haben‘, dachte Watson, hütete sich aber, es laut auszusprechen.
„Nun ja“, fuhr August schließlich fort. „Also wir waren damals vor 26 Jahren im Fort Stonebridge stationiert, ich noch als ein blutjunger Lieutenant. Das Kommando über die Festung hatte Colonel Georges Allistair übernommen, ein richtiger Bulle von einem Mann. Hart, aber gerecht. Ein Terrier, der nicht nachgab, bis seine Aufgabe erfüllt war. Die tamilischen Aufständischen hatten uns von allen Seiten eingeschlossen, aber bisher hatten sie sich außer blutigen Nasen nichts geholt. Wir hatten gute Deckungen, und sie keine schwere Artillerie und keine Mörser. Die Tamilen hatten auch noch die alten Enfield Vorderladergewehre, und wir bereits die Snider-Enfield mit den geschlossenen Patronen. Dann ist aber eine neue Einheit aufgetaucht, und dann wurde es auch für uns bitter. Das war das Allistair Tamil Rifles Regiment, also das ehemalige Regiment unseres eigenen Kommandanten, leicht zu erkennen an der Schärpe im Allistair-Tartan und dem Ledersporran über dem Sarong. Warum sie die noch immer trugen, ich habe keine Ahnung. Aber ich sage ihnen, John, das waren die härtesten Kriegshunde auf dem Schlachtfeld und teuflisch gute Schützen. Und dann steht der Oberst neben mir, beobachtet die Typen da drüben und murmelt vor sich her: ‚Gute Jungs! Haben nicht vergessen, was ich ihnen beigebracht habe. Verdammt wackere Kerle!‘ Das werde ich nie vergessen, John. Colonel Georges Allistair lobte den Feind. Nun ja, letztendlich haben wir trotz den Tamil Rifles lange genug durchgehalten, bis ein Entsatzheer kam. Fort Stonebridge wurde nie aufgegeben. Es haben damals mit mir zwar nur noch ein Sergeant und sechs Privates überlebt, aber das Fort, John, das Fort haben wir gehalten. Dafür wurden wir von der Queen persönlich empfangen und… Einen guten Morgen, Diana!“
Die Tür hatte sich geöffnet und die harten Sohlen von Dame Diana Ava Hawks Reitstiefeln klackten über den Steinfußboden, bis sie den dicken Teppich erreichte.
„Guten Morgen, meine Herren!“ Diana war zu den Stiefeln in eine enge, hellbeige Reithose gekleidet, welche ihre Kehrseite auf das prächtigste in Szene setzte, dazu eine weiße Seidenbluse mit Spitzenjabot. John und August erhoben sich, bis ein Diener Diana den Stuhl zurecht gerückt und sie Platz genommen hatte.
„Danke, George. Bitte nur Tee, Toast, Butter und Orangenmarmelade heute. Ich möchte heute noch ausreiten! Der Nebel wird sich sicher bald heben, und dann wird es noch ein schöner, sonniger Tag werden.“
„Ja, das könnte sein!“ August Hawk sah in das Freie. „Für übermorgen habe ich die übrigens die Powells und die Pritchards zur Jagd eingeladen!“
„Das ist schön“, freute sich Diana. „Ich habe Arthur und Hellen schon lange nicht mehr gesehen. Wollen Sie mich heute begleiten, John? Oder du, August?“
„Leider nein, Diana“, August schob eine Gabel voll Bohnen in seinen Mund. „Ich habe etwas zu tun, Schwesterchen. Du wirst mit John vorlieb nehmen müssen.“
„Also, John, wollen Sie mit mir reiten gehen? Ich kann auch eine Picknicktasche einpacken lassen.“
„Aber gerne, Diana. Bitte geben Sie mir Zeit, mich umzukleiden.“ Watson stand auf und verneigte sich leicht, ehe er den Speisesaal verließ.
Der Diener brachte den feurigen Rappen von Dame Diana und einen Rotfuchs für Doktor Watson gesattelt auf den Hof. Diana hatte noch ein Reitjackett in der klassischen roten Farbe der britischen Uniformen angezogen und einen Zylinderhut mit weißem Schleier aufgesetzt, während John schlicht in eine geborgte schwarze Reithose geschlüpft war und dazu eine hellbraune Reitjacke aus fester Wolle trug. Selbstverständlich war auch sein Hemd weiß, und er trug ein dezentes Halstuch. Auf einen Schal um den Hut verzichtete er allerdings. Die Nebel hatte sich tatsächlich verzogen, und das Wetter war genau das richtige für einen Parforce-Ritt. Die beiden Ausflügler hatten auch bald die zum Hof gehörenden Wiesen erreicht. Sie stellten sich in den Steigbügeln auf, um die Pferde zu entlasten und gaben den temperamentvollen Hengsten einfach die Zügel frei. Das reichte, um diese Pferde zum Galopp zu bringen. So jagten sie über die Feldwege, John Hamish Watson immer ein wenig hinter Diana Ava Hawk. So hatte er ungehinderten Ausblick auf die Dame, welche die Galoppsprünge ihres Rappen gekonnt abfederte. Watson bewunderte das reiterische Können von Dame Diana ebenso wie das Spiel ihrer sich abwechselnd an- und entspannenden großen Gesäßmuskeln. Ein wenig zu sehr, mochte es scheinen, jedenfalls sah er den Schatten, der auf seine Stirn zuraste, viel zu spät. John H. Watson stieg mit einem veritablen Rückwärtssalto aus dem Schatten, als sein Kopf mit einem Ast kollidierte. Leider bekam diese Glanzleistung niemand zu Gesicht, denn als sich Diana zu ihrem Begleiter umwandte, lag dieser bereits auf dem Boden, der Fuchs, der noch einige Sprünge weiter gelaufen war, stand neben dem Doktor.
Sofort riss Miss Hawk ihren Rappen auf der Hinterhand herum und galoppierte zurück. Zu ihrer Erleichterung rappelte sich der Doktor bereits wieder auf, ehe sie bei ihm ankam.
„Geht es ihnen gut, John?“, sorgte sich Diana. John arbeitete sich auf die Beine und stützte sich mit der rechten Hand am Baumstamm ab. Mit der Linken rieb er sich die Stirn.
„Es geht so“, brummte er, vorsichtig den Kopf schüttelnd. „Es dürfte sich zumindest um keine Gehirnerschütterung handeln.“
Erleichtert lachte Diana auf. „Warum sind Sie denn abgestiegen, John? Gefällt es ihnen hier so gut?“
„Äh, also, ich – nun ja…“, stotterte Watson etwas verlegen.
„Ach so, Sie haben wohl den dort Ast übersehen“, deutete Hawk nach oben. „Wo hatten Sie bloß ihre Augen, John?“
„Oh, das war, wie soll ich sagen…“
„Auf jeden Fall waren ihre Augen nicht auf den Baum gerichtet, mein lieber Freund“, lachte Diana. „Kommen Sie, steigen Sie wieder auf. Wir wollen noch ein Stück reiten.“ John Hamish schwang sich wieder auf den Fuchs. „Vorwärts, Doktor! Wir wollen zuerst einmal dort zu den Hügel!“ Langsam trabten sie weiter plaudernd wieder an und näherten sich einem bewaldeten Hügel.
„Was halten Sie von dort drüben, John?“ Diana hatte ihr Pferd gezügelt und wies auf den Gipfel des Hügels, wo das kleine Wäldchen mit dichtem Strauchwerk umgeben war. „Von dort hat man einen wunderschönen Ausblick auf das Tal des River Bender.“
John Watson nickte. „Gerne!“ Sie gaben den Pferden wieder die Zügel frei und ritten noch ein Stück den Hang hinauf.
„Dort oben können wir die Decke ausbreiten!“, wies Diana auf einen Pfad, schwang sich aus dem Sattel und nahm eine Decke aus der Satteltasche. „Nehmen Sie doch bitte ihre Taschen mit, John.“ Sie entfaltete die Plane aus dichter Wolle auf dem Boden aus, während Watson seine Satteltaschen daneben stellte. Dann packten sie Teller und Gläser aus. Diana legte das Brot auf und öffnete die mit Klammern verschlossenen Töpfe, während sich John um den Wein kümmerte.
„Ein californischer Rotwein“, bemerkte er. „Ein Glück, dass in den Kolonien guter Wein wächst, sonst wären wir Briten immer noch von anderen Ländern abhängig!“ Dann griff er sich einen Hähnchenschenkel und biss herzhaft hinein.
„Aaaaaahhhhh!“ Diana Hawks Rücken krümmte sich zu einem starken Hohlkreuz, während der unartikulierte Schrei aus ihrer Kehle brach. Ihre Finger krallten sich in den festen Stoff von Watsons hellbrauner Reitjacke, ihre Schenkel pressten sich krampfartig um seine Hüften. Auch John Hamish Watson begann jetzt unkontrolliert zu stöhnen, mit entspannten Muskeln sank er Sekunden später hinab und wälzte sich eben noch zur Seite, ehe er Diana mit seinem gesamten Gewicht belastete. Seine Blicke ruhten bewundernd auf den Formen von Dianas sportgestähltem und doch so weichen und anschmiegsamen Körper, der durch die geöffnete scharlachrote Reitjacke und die ebenfalls nicht mehr zugeknöpfte Bluse seinem Blick und seinen Händen preisgegeben war.
„Nun, John, ich hoffe, ihnen gefallen ihre anatomischen Studien am lebenden Objekt“, neckte Diana ihren Begleiter.
„Durchaus!“ Watson versuchte ein kühles Gesicht zu machen, doch das Funkeln in seinen Augen konnte er nicht unterdrücken. „Der weibliche Körperbau unterscheidet sich doch sehr von dem des Mannes. Gott in all seiner Weisheit sei es gedankt, möchte ich hinzu fügen!“
„Oooh, ja! Dem kann ich nur zustimmen. Was würde wohl Ihr Freund Holmes dazu sagen?“
„Dass Gott sicher nichts damit zu tun hat“, erklang die ruhige Stimme des Detektives. „Ich bin ein großer Anhänger der Lehren Darwins!“
„Holmes!“ Watson fuhr auf. „Wie zum Teufel haben Sie uns gefunden?“
Sherlock Holmes wand sich durch das Gebüsch. „Elementare Deduktion, Watson. Auf Hawk Hall hat man mir gesagt, in welche Richtung Sie losgeritten sind und hat mir ein Pferd geliehen. Dann bin ich dem Fluss gefolgt – so leicht erklärt sich meine Anwesenheit!“

„Da haben Sie dann wohl unsere Pferde gesehen und sich gefragt, wo Sie sich verstecken würden, um – nun ja“, mutmaßte Watson.
„Aber nein, mein lieber Doktor. Ich habe mich gefragt, wo sich ein ehrlicher und in der Kunst der Täuschung unerfahrener Mann wie Sie und eine ebenso ehrliche Frau sich wohl für ein wenig Spaß verstecken würden. Ich fürchte, Sie hätten mich nicht gefunden.“
„Das ist…“
„Möchten Sie sich nicht zu uns gesellen, Mister Holmes“, unterbrach Diana Watson.
„Aber gerne, Miss Hawk!“ Holmes machte Anstalten, sich zu setzen.
„Aber Mister Holmes, Sie sind unhöflich“, tadelte Diana Hawks, und der Detektiv erstarrte mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Der Herr hat sich bei der Förmlichkeit seiner Kleidung stets jener der Dame anzupassen!“
„Sie meinen….?“
„Hinunter mit den Panatalones, Mister Holmes!“
=◇=
„Nun, also, Holmes!“ Watson zog den Vorhang zurück und betrachtete die vorbei fliegende Landschaft Südenglands. „Jetzt sind wir auf dem Weg zurück nach London, und niemand kann uns hier in diesem Abteil belauschen. Was haben Sie herausgefunden?“ Sherlock paffte an seiner berühmten Meerschaumpfeife.
„Es ist schwierig, mein lieber Watson. Ich habe mit dem Vorstand der mosaischen Community in London gesprochen. Leider dauerte es einige Zeit, ihn von meinen lauteren Absichten zu überzeugen.“
„Und? Spannen Sie mich doch nicht noch mehr auf die Folter, Holmes!“
„Wir werden die Lösung des Rätsels in ganz Britannien nicht finden, fürchte ich.“ Das Gesicht von Holmes verzog sich beinahe schmerzhaft. „Aber von Angang an. Wie Sie sich erinnern, hatte unser Nachbau aus Eiche eine Ringbreite von 6 und einen Durchmesser von 9 Fuß. Bespannt mit dem Leder von Schweinen.“
„Ich entsinne mich, Holmes“, bestätigte Watson. „Sie sagten bereits, dass diese Materialien fehlerhaft seien.“
„Richtig, Watson. Hier liegt der erste Fehler. Dieser ließe sich leicht beheben, die Zedern des Libanon gibt es ja noch, und Ziegen lassen sich auch auftreiben. Das nächste wird schwieriger. Die Breite des Ringes sollte 6 Fuß betragen und der Durchmesser 6 Ellen. Israelische Maße, die nur in etwa denen unseres Nachbaus entsprechen.“
„Wo liegt dann das Problem, Holmes?“ Watson war einigermaßen ratlos.
„Im Wort etwa, mein lieber Doktor. Leider entspricht der jüdische Fuß nicht genau dem unseren – und nicht einmal die Rabbiner kennen das klassische Maß. Auch die Elle ist nur ungefähr bekannt. Unsere jüdischen Mitbürger rechnen schon so lange mit unseren angelsächsischen Längen und Gewichten, dass sie ihre eigenen vergessen haben. Ärgerlich, wirklich ärgerlich.“
„Oh!“
„Oh ja, Doktor Watson. Und das Schlimmste, das wirklich Allerschlimmste ist, dass liturgische Gesänge nötig sind! Und die sind im Besitz des Stammes Dan“, ärgerte sich Holmes.
„Nun, dann suchen wir doch einen Angehörigen der Daniten“, bemerkte John Hamish Watson.
„Gut gesagt, Doktor. Die Spur des verschollenen Stammes Dan führt nach Abessinien. Nirgendwo anders leben noch Nachfahren dieser Leute!“
Der Arzt und Schriftsteller erschrak. „Verdammt! Ich habe es befürchtet! Wann geht ein Schiff nach Suez?“
„In vier Tagen geht ein Luftschiff von Croyden über Wien nach Kairo. Die Fahrt wird dann etwa anderthalb Tage dauern. Ich habe mir erlaubt, eine Kabine auf der RMAS SYNPHONIE zu buchen. Von Kairo an wird es dann ein wenig schwieriger!“
=◇=
Wien
In einer Sitzung des Rates der Völker am Ende des Monats Mai 1889 sollte ein neues Gesetz zur Krankenversicherung ratifiziert werden. Es sah vor, dass jeder, aber auch wirklich jeder, ob adelig oder bürgerlich, reich oder arm, Mann oder Frau, schwarz oder weiß, jung oder alt in den Monarchien einen bestimmten Prozentsatz seines Einkommens in einen gemeinsamen Topf zahlen musste. Und jede, wirklich jede medizinische Versorgung sollte aus diesem Topf beglichen werden. Für jede Person, auch für die Kinder der Einzahlenden. Zur Zeit des ausgehenden 19. Jahrhundert war das eine wahrhaft revolutionäre Idee, welche zwar viele Anhänger, aber auch nicht wenige Gegner fand. Vor allem viele Großgrundbesitzer und reiche Unternehmer konnten dieser Idee wenig positives abgewinnen. Sie wollten verständlicherweise, dass, wenn schon eine solche Versorgung eingeführt wurde, jeder das Gleiche zahlen sollte.
Die Regierung der Vereinigten Donaumonarchien basierte auf dem Parlament, dem Rat der Völker und dem Ministerrat. Bei den Wahlen zum Parlament wählten die Staatsbürger der Union ab 18. Jahren eine ihnen genehme Partei, welche sodann nach dem Stimmenverhältnis ihre Sitze im Parlament erhielten. Die stärkste Partei erhielt danach vom Kaiser, respektive derzeit von der Regentin, den Auftrag zur Regierungsbildung. Bei der Auswahl der Minister hatte das allerhöchste Haus durchaus ein Mitspracherecht, zumindest insoweit, als es durchaus nicht genehme Kandidaten zurück weisen konnte. Außerdem mussten die Minister zumindest ein Minimum an Fachkompetenz in ihrem Ressort vorweisen können. Das Parlament entschied dann über die von den Ministern eingebrachten Gesetzentwürfe und konnte auch selbst welche zur Beratung vorbringen. Alle neuen Gesetze mussten allerdings auch noch vom Rat der Völker ratifiziert werden. Hier saßen die Vertreter der einzelnen Nationen, welche je nach Land anders gewählt wurden. Zum Beispiel wählten die Bayern jene Personen, welche sie zu vertreten hatten, in einer direkten Personenwahl. So konnte es geschehen, dass zwar in Bayern die Christlich-Konservative Partei die stärkste Kraft war, im Rat der Völker aber vier von den fünf bayrischen Abgeordneten Sozialisten waren. In Madagaskar wählte die Bevölkerung vier seiner Leute ebenfalls direkt, der Delegationsleiter, derzeit Haramano Herzog von Antsinarana, wurde von Königin Rasoherina direkt ernannt.
Selbst mit dem schnellsten Avisoluftschiff war Antananarivo, die Hauptstadt Madagaskars, ganze 8.000 Kilometer, Foz de Cunene in Neuhochadlerstein immer noch 7.300 Kilometer und Whanganui auf der nördlichen der beiden großen Māui-Inseln rund 18.000 Kilometer von Wien entfernt. Beinahe auf der anderen Seite der Erde liegend, war es bis Whanganui eine Strecke, für welche selbst das schnellste Avisoluftschiff im günstigsten Fall etwa 120 Stunden benötigte und sogar Nachrichten, die immerhin bis Port Helene telegraphisch übermittelt werden konnten, immer noch mindestens 100 Stunden auf die Inseln benötigten. Bis Antananarivo benötigte eine Nachricht mindestens 26 Stunden, wieder per Telegramm über Port Helene und via Telegramm nach Juba 17 Stunden nach Foz de Cunene. Sehr theoretische Werte. Zwar lag in Port Helene beinahe immer ein schnelles Avisoluftschiff bereit, aber über eine Strecke von 15.000 Kilometer eine durchschnittliche Geschwindigkeit nahe der Höchstgeschwindigkeit zu halten, war bei einem Gefährt beinahe ohne Gewicht, aber großen Fläche und damit großer Anfälligkeit etwaiger Seiten- oder Gegenwinden gegenüber absolut unmöglich. Den Rekord für die Strecke zwischen Port Helene und Whanganui hielt im Jahr 1889 noch die KKLS SPERBER mit 122 Stunden. Aus diesem Grund unterhielten die Königreiche Madagaskar, Neuhochadlerstein, Māui und auch einige europäische der im Rat vertretenen Länder ständige Vertretungen in Wien. Einen Palast, in welchem ihre Vertreter im Rat der Völker wohnen und arbeiten konnten. Diese Grundstücke in Wien unterstanden der Gerichtsbarkeit des Bundes, nicht der Stadt Wien.
Das Palais Madagaskars lag am Donaukanal, gleich neben der Rossauerkaserne, wo die Thornycrofts der Donaumarine untergebracht waren. Ein Tunnel führte unter der Straße und der Dampfstadtbahn hindurch von der Anlegestelle in der Kaserne zum Donaukanal. Die Paläste des Königreichs Neuhochadlerstein und das Haus von Māui lagen beide an der rechten Wienzeile zwischen der Schleifmühlgasse und der Paniglgasse, Ungarns Vertretung auf dem ‚Dürren Lerchenfeld‘ im ehemaligen Palais Strozzi und die Böhmische in unmittelbarer Nachbarschaft in Sankt Ulrich, beide in der Josefsstadt. Bayern hatte sein Gebäude in der Nähe der Wiener Oper, Ecke Getreidemarkt und Operngasse errichten lassen, gegenüber wurde eben ein Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst, für die Belle Epoque und Art Deco gebaut.
Das Haus der madagassischen Abgeordneten war eine größere Villa im Stil der Belle Epoque und lag in einem großzügig angelegten Garten. Die prächtige Fassade zum Rossauer Kai zeigte in einem von Egon Schiele entworfenen Mosaik einen Kuss zwischen einer androgynen schwarzen und einer ebenso geschlechtlosen weißen Person. Und natürlich jeder Menge Ornamentik und sowohl europäischer als auch afrikanischer glückverheißender Symbolik. Vor dem nischenartig vom Rest der Fassade zurück versetzten Eingang stand eine lebensgroße Statue aus Bronze von Königin Rasoherina. Im klassischen madagassischem Krönungsornat, nicht im europäischen Kleid. Der Busen glänzte, er war bereits etwas blank gerieben, denn er hatte sich unter den Wienern rasch eingebürgert, dass eine kurze Berührung desselben Glück und Erfolg in Herzensangelegenheiten bringen sollte. Die Madegassen hatten nichts dagegen, sie betrachteten diesen Brauch eher als Kompliment. Die Fenster im Erdgeschoss des Gebäudes waren mit starken Gittern versehen, jene des ersten und zweiten Stockwerks mit hochmodernen elektrischen Alarmanlagen versehen. Einmal aktiviert, unterbrach das Öffnen eines Fensterflügels einen Stromkreis, eine Feder, normalerweise von einem Elektromagneten gehalten, entspannte sich, schloss einen anderen Stromkreis und löste damit einen Alarm aus. Ebenso waren natürlich auch die Türen gesichert.
Unter den madagassischen Abgeordneten stach besonders Rahery Rampanarivo heraus. Er war ein hoher Adeliger, ein Loham. Dieser Rang entsprach ziemlich exakt dem eines deutschen oder österreichischen Herzogs, er besaß dazu noch eine einträgliche Graphit- und eine noch einträglichere Nickelmine. Obendrein machte er gute Geschäfte mit Bananen, welche er über eine eigene, ebenfalls Gewinn bringende Schifffahrtsgesellschaft nach Europa brachte. Er hätte mit den Einnahmen aus seinen vielen Geschäften ohne Probleme einer der reichsten Männer Madagaskars sein können.
Der Herzog war auch ein bekennender Katholik. Trotzdem setzte er sich nicht nur für die rechtliche und politische Gleichstellung, sondern auch für die priesterliche Ordination von Frauen ein. Er baute in seinem Herzogtum ein Netz von Armenspeisungen, Armenkrankenhäusern und Obdachlosenheimen auf und bezahlte seine Angestellten auch noch überdurchschnittlich gut. Er war 42 Jahre alt, Gründer und Vorsitzender einer konservativ-sozialistischen Partei, welche die von seinem Heiland gepredigten und die sozialistischen Werte unter einen Hut zu bringen verstand. Rahery war von dunkelschwarzer Hautfarbe, er trug einen krausen Vollbart und hatte auf dem Kopf bereits alle Haare verloren, auf eine Größe von 197 Zentimeter wog er 124 Kilogramm. Sein Gesicht wies markante, aber nicht hässliche Züge auf, die Kräfte in seinen Armen und Händen enorm, der Loham sprach fließend Französisch, Englisch, Portugiesisch und Deutsch. Er hatte eine ebenso dunkle, hochgewachsene, schlanke Frau geheiratet, eine wirkliche Dame. Diese hatte ihm zwei Söhne geschenkt, im Jahr 1889 war einer 21 und der andere 23 Jahre alt.
Vor zwei Jahren war er in den Rat der Völker gewählt worden und hatte eine neue Vorliebe entdeckt. Jene für dicke, weiße Hinterteile, ebenso üppige, helle Busen, blonde Haare und für die ordinäre wiener Gossensprache. In den billigen Bordellen in der Nähe des Naschmarkts war der Madagasse ein häufiger Gast, er mochte den Geruch der nicht immer frisch gewaschenen weiblichen Körper und die hier gebräuchlichen Ausdrücke. Diese Vorlieben hinderten Rahery Rampanarivo jedoch nicht daran, gewissenhaft seinen Aufgaben als Abgeordneter nachzukommen. Er legte seine Ausflüge regelmäßig auf den einzigen Abend, den er sich pro Woche gönnte. Den Freitagabend. An diesen Abenden war allerdings nicht damit zu rechnen, dass er vor den frühen Morgenstunden des Samstags in das Palais Madagaskar zurück kehrte, und er war dann ganz bestimmt nicht nüchtern. Dem Personal waren die Gewohnheiten bestens bekannt, und daher wurde der Alarm für den Nebeneingang, den die Abgeordneten benützten, erst eingeschaltet, wenn der Herzog von Rampanarivo wieder zu Hause war.
Der Mann, welcher in der Türkenstraße herumlungerte, wusste darüber genau Bescheid. Er war zwar das erste Mal hier, aber man hatte ihn bestens informiert. Seine Vorgesetzten hatten an vielen Stellen ihre Informanten, denn auch am Ende des 19. Jahrhundert waren selbst im Vielvölkerstaat Kakanien sowohl der rassische Chauvinismus als auch der Nationalismus noch nicht bei allen Bewohnern der Donaumonarchien passe. Auch wenn der Prozentsatz dieser Personen an der Bevölkerung sehr gering war und durchschnittlich nur zwei bis drei Prozent betrug, waren das bei anderthalb Millionen Wiener immer noch etwa dreißig- bis fünfundvierzig Personen in der Hauptstadt. Ein zwar sehr bedauerlicher, aber kaum zu umgehender und ändernder Zustand. Also konnten seine Auftraggeber dem jungen Mann genau mitteilen, dass sich der Herzog von Rampanarivo sehr wahrscheinlich gerade eben in Mariahilf mit einigen rundlichen Prostituierten vergnügte und daher der Alarm noch nicht aktiviert war. Ein Feuerzeug flackerte auf und zeigte unter der dunklen Schiebermütze ein schlecht rasiertes Gesicht mit einer ziemlich frischen langen Narbe an der rechten Schläfe und am Ohr, die aber offensichtlich nicht von einer scharfen Klinge, sondern eher von etwas wie einem abgebrochenen Flaschenhals stammte und daher wohl keine ehrenhafte Mensur war. Auch seine Nase musste irgendwann einmal durch einen kräftigen Schlag gebrochen geworden sein. Er inhalierte tief den Rauch seiner selbstgedrehten Zigarette. Der blonde Mann trug ein grob gemustertes Sakko aus billiger Wolle, schwarz mit sich kreuzenden Linien in anthrazit. Ein billiges Kleidungsstück, zu hunderten in den Läden der Donaumonarchien verkauft. Auch das Hemd und die Hosen waren billige Massenware, nur die Schuhe waren, auch wenn sie bereits bessere Tage gesehen hatten, von guter Qualität. Besonders die Sohlen.
Jetzt bewegte sich etwas auf der Straße, ein Schatten glitt zum Seiteneingang des madagassischen Palais. Ein dünner, schlanker Mann, dessen Kleidung der des anderen durchaus ähnlich war, huschte durch die Schatten der Straße. Wenn man sein Gesicht gesehen hätte, wäre die lange, dünne Nase zuerst aufgefallen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Zwerg- oder Rehpinscher, oder wie man in Wien manchmal auch wenig schmeichelhaft sagte, einem Rehrattler. Seiner geringen Größe und seines Aussehens trug der Einschleichdieb in der Unterwelt den Namen Zwergrattler. Er war gut in seinem Metier, denn selbst der Mann auf der anderen Straßenseite, der ihn eigentlich erwartete, sah ihn erst, als ganz kurz ein winziger Funke in der Toreinfahrt zu sehen war. Rasch warf Narbengesicht seine Zigarette weg und huschte über die Straße, ein dritter kam von der Straße am Donaukanal zur Tür gehuscht. Dieser Mann war groß und kräftig, bewegte sich aber trotzdem mit einer gewissen geschmeidigen Leichtigkeit. Dieser Mann war in Wien kein Unbekannter, er trat auf dem wiener Heumarkt als Freistilringer auf. Dort trug er den Spitznamen Monsieur Megalo, sein Markenzeichen waren der kahle Kopf und unzählige Tätowierungen. Bisher hatte es der Kraftsportler allerdings nicht in die erste Riege seiner Zunft geschafft, er war einer, der nach dem Willen der Veranstalter immer ziemlich früh ausscheiden musste. Er war für eine große Show einfach nicht talentiert genug, ihm fehlte jenes schauspielerische Talent, jene Bühnenpräsenz, wie sie der derzeitige Liebling des Publikums, das Walross, zeigte. Oder der Maori, der bei den Damen beliebt war, oder der Gorilla, der im Ring den bösen gab und das Publikum herausforderte und regelmäßig für volle Ränge sorgte. Jetzt trug auch Monsieur Megalo ähnliche Kleidung wie der Zwergrattler und Narbengesicht. Beinahe lautlos drangen sie zu dritt in das Gebäude ein.
Im Erdgeschoss herrschte zu dieser Zeit tiefste Stille. Hier lagen die Bureaus der Abgeordneten und ihrer Helferinnen und Helfer, das Archiv, eine gut ausgestattete Küche und ein schöner Ballsaal. An den Wänden der Gänge hingen durchaus erlesene Kunstwerke zeitgenössischer Maler, an der Schmalseite des Flures wachten ein überlebensgroßes Portrait der Königin Ranavalona II und ein ebenso großes der kaiserlichen Regentin über die Besucher. Der Boden war mit roten Kacheln aus Terrakotta belegt, die Wände mit Halbreliefs aus weißem Alabaster und schwarzem Basalt geschmückt. Sie zeigten Szenen aus der madagassischen Geschichte und Mythologie. Der Mann, der das Schloss der Tür mit einem Dietrich geöffnet hatte, verzog angesichts der Bilder angeekelt das Gesicht.
„Primitiv“, flüsterte er. „Und solchene schwarz’n Halbaff‘n, die nicht einmal Hemd und Hos‘n trag‘n, hab’n einen politisch‘n Einfluss, ohne das was hackeln und unsereins hat nix und lebt von der Hand in den Mund. Das ist nicht gerecht!“
„Deswegen sind wir ja hier“, flüsterte der Mann mit dem Narbengesicht eben so leise zurück. „Weiter.“ Leise schlich das Trio über die Treppe in den ersten Stock, verständlicherweise war der Lift für sie Tabu. Das Geräusch hatte ihre Anwesenheit verraten. Das eiserne Gitter des Stiegenaufganges war zierlich, die Steher zeigten abwechselnd einen Mann und eine Frau aus Madagaskar.
„G’schieht den Bimbos ganz recht, dass wir da herin sind“, befand Narbengesicht. „Nicht einmal ein Wachtpost‘n steht da am Seitentürl. Das ist ja eine richtige Einladung.“
„Wieso steht da eigentlich wirklich keiner?“ Der Zwergrattler sah misstrauisch zurück in den düsteren Vorraum.
„Weil der grad beschäftigt ist“, grinste Narbengesicht. „Der schleckt grad die Mimi ab. Eins von die Dienstmadln.“
„Woher willst das wissen?“ Mit großen Augen starrte der Einschleichdieb Narbengesicht an.
„Weil die Mimi eine von uns ist und es drauf anlegt. Und glaub mir, wenn die blank legt, dann musst schon ein Eunuch sein, dass sich nix in der Hos’n rührt.“
In der ersten Etage lagen die Räumlichkeiten der im Haus lebenden Angestellten, welche zumeist ebenfalls aus Madagaskar stammten, der Dienerschaft und des Sicherheitspersonals. Der Aufgang war pompös, immerhin war Madagaskar kein armes Königreich mehr, seit der größte Teil der erwirtschafteten Erträge seit dem Beitritt zu den Donaumonarchien im Land verblieb. Und um die Optik nicht zu stören, lag der Eingang zu den Räumen der ersten Etage hinter einem großen Mosaik, das eine Karte von Madagaskar darstellte. Erst in der zweiten waren die Räumlichkeiten der Ratsmänner und ihrer Familien. Als das Trio an dem Eingang zu den Dienstbotenräumen vorbeiging, kam eine kleine Frau in der üblichen Dienstmädchenuniform daraus hervor und legte ihren Zeigefinger auf die Lippen.
„Hallo Mimi!“ Narbengesicht nickte ihr zu. „Alles in Ordnung?“
„Alles Paletti, Narbengesicht. Der Sambo schlaft jetzt vielleicht eine Stund‘, dann wird er sich nimmer dran erinnern, was los war. Schon gar nicht, mit wem. Helft’s mir und tragt’s ihn runter in seine Log‘, dann wird er glauben, dass alles wia immer war!“
„Wie, wie geht das, dass er gar nix merkt?“, fragte Megalo.
„Mei, in Südamerika gibt’s a Pulverl, absolut sicher“, zuckte das Mädchen mit den Schultern. „Ein bisserl was in sein Präserl, und eine runde halbe Stund‘ später wirkt des Zeug und der Typ büselt weg. Absolut wegtret’n tut er.“
„Und vorher, bevor das Zeug wirkt?“, wunderte sich der Zwergrattler.
„Vorher hab‘ ich mich halt von ihm noch ein wengerl reiten lass’n, Dummerl“, lächelte Mimi lüstern. „Man möcht‘ ja auch sein bisserl Spaß bei der Arbeit haben. Und ich sag dir, der Bimbo hat nicht nur einen großen…“
„Du hast dich wirklich…?“ Megalo machte ein sehr erstauntes Gesicht.
„Ja sicher, warum denn nicht? Und jetzt schaut‘s, dass er in sein Kammerl kommt und dass Ihr weiter macht’s. Sonst muss ich dem Bub’n vielleicht noch einen zweit’n Pariser über sein Ding zieh’n.“
„Recht hast, Mimi“, bestätigte Narbengesicht. „Megalo, schaffst es allein oder brauchst eine Hilf‘?“
„Das mach ich schon!“ Megalo folgte dem Dienstmädchen.
„Pass aber auf, Megalo“, warnte Mimi den Riesen. „Er sollt keine Blessuren hab’n. Die Bimbos soll’n nicht dahinter steig’n, wie da wer reinkommen ist. Vielleicht brauch’n wir den Schmäh ja noch einmal!“
„Na gut“, knurrte Megalo und legte sich den Posten auf die Schulter. „Aber irgendwann häng‘ ich auch ihn auf.“
Nachdem der Wächter wieder in der Wächterloge hinter seinem Schreibtisch saß, schlichen sich die drei Männer in den zweiten Stock. Hier mündete die Treppe in einen breiten Flur, dessen Boden mit einem weichen Teppich ausgelegt war, welcher die Schritte der Anwesenden völlig dämpfte. Die hier Wohnenden sollten nicht gestört werden, wenn einer der Herren seine Wohnung noch einmal verließ, um sich noch einen Akt zu holen. Oder auszugehen, allein oder mit Begleitung. Auch wenn einer der Dienstboten noch einen raschen Imbiss auf ein Zimmer brachte, sollten die anderen Herrschaften nicht gestört werden. Es war hier für die Einbrecher ein weit entspannteres Gehen als auf der Treppe.
„Das hier muss die Tür sein.“ Narbengesicht hatte eine Lageskizze der Etage entfaltet und die Eingänge gezählt. „Da wohnt der Obersambo mit seiner Alten persönlich. Mach auf, Zwergrattler!“ Der Dieb nahm das Schloss kurz in Augenschein, fummelte kurz mit seinem Werkzeug, dann schwang die Tür auf. Lautlos huschten die Männer in die Wohnung, anhand der Skizze fanden sie das Schlafzimmer ohne Probleme, überrumpelten und fesselten die schlafende Familie an Händen und Füßen.
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„Also, Sambo!“ Sie hatten Haramano, den Herzog von Antsinarana auf einen Stuhl gefesselt und eine Seilschlinge um den Hals gelegt, in der ein kurzer Holzstab steckte. Narbengesicht hatte sich vor ihm aufgebaut. „Jetzt hab’n wir dich. Die Gurg’l dreh’n wir dir Halbaffen ganz langsam zu, als Warnung für alle deine schwarzen Haberer, dass wir uns eure depperten Einmischungen in österreichische Angelegenheiten nimmer g’fallen lass‘n. Es seid’s nicht genug Wert, dass im Rat auch was zum plauschen habt’s, soweit kommt’s noch, dass Ihr Bimbos glaubts, dass soviel zum sag’n wie wir Weißen habts. Und drum hast du jetzt die Schling’n um den Hals.“
„Ja, und deine Alte knöpf’n wir uns auch noch vor. Vielleicht lass’n wir dich auch noch zuschau‘n, wenn wir’s mit ihr machen!“ Der Zwergrattler sabberte bereits ein wenig. „Dazu müss’n wir’s nur mehr ausgwand’ln und ein bisserl anders am Bett festbind’n!“
„Ich helf‘ dir“, sagte Megalo grinsend. „Und wenn die Bimba nicht spurt, kriegt sie halt auch noch ein paar Tetschen vorher. Die Schwarzen soll’n g’fälligst folgen, wenn unsereiner was befehel’n tut, zu was ander‘m sind eh net da. Komm schon, Rattler!“
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Jean Joseph war der Sohn eines Franzosen und einer Madagassin. Er war groß, schlank und muskulös, sein Gesicht wirkte weich. Wenn er sprach, dann klang es immer so verschlafen, als käme er direkt aus seinem Bett und hätte einzig seine Rückkehr in dasselbe im Sinn. Trotzdem gehörte er zu den besten Sicherheitsoffizieren und hatte viele Systeme selbst eingebaut. Von einigen wussten nur er und sein Kollege Sanamatano Rahavagoro. Als daher ein Lämpchen auf seinem Schreibtisch aufleuchtete, ging er in einen kleinen, geheimen Nebenraum und drückte dort einen Schalter. An der Wand, die aus vielen Lämpchen bestand, flammten einige auf und erloschen wieder, es zeichnete sich ein deutliches Muster ab. Die kleinen Teslabirnen waren über viele Drähte mit den Wohnungen der Ratsmitglieder verbunden und endeten dort in Metallplättchen. Wenn die Diele darüber belastet wurde, schloss sich ein Stromkreis, eine einfache und wirkungsvolle Methode. Die Verteilung und Bewegungen an der Wand sagten Jean genug. Er gab stillen Alarm, zog seine Flechettepistole und lief los. Lautlos betrat er die Wohnung des Herzogs und öffnete vorsichtig die Schlafzimmertür.
Das Narbengesicht hatte seine ganze Aufmerksamkeit auf Madame Antsinarana gerichtet, welche Zwergrattler und Megalo mit gespreizten Armen und Beinen an die Bettpfosten gefesselt hatten. Valisoa war eine zwar zierlich aussehende, aber dennoch keine schwache Frau, und der Zwergrattler würde die nächsten Tage mit einem blauen Auge und einigen anderen Blutergüssen herum laufen müssen. Aber der rohen Körperkraft des Freistilringers war sie schließlich doch unterlegen, welcher eben zwischen den Beinen seines Opfers kniete und noch an seinem Hosenschlitz nestelte. Der Halbfranzose zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde. Seine Pistole war auf Feuerstöße von vier Pfeilen pro Schuss eingestellt, welche durch den dicken Wollstoff der Jacke kaum gebremst, von schräg hinten in den Oberkörper des Bullen eindrangen und sowohl Lungengewebe als auch den Herzmuskel zerfetzten. Ein schneller, plötzlicher Tod, Megalo sank wie eine Marionette mit zerrissenen Schnüren in sich zusammen. Das Visier wanderte weiter, auf den Zwergrattler, der seine Hose in der Zwischenzeit bereits voller Vorfreude und Ungeduld geöffnet und sich entblößt hatte und nun fassungslos auf den toten Kumpan starrte. Wieder fauchte hochkomprimierter Dampf aus der Kartusche und beschleunigte vier Stahlpfeile auf mehr als 600 Meter in der Sekunde. Das Narbengesicht zog reaktionsschnell einen kleinen Revolver aus der Tasche und schaffte es noch, ihn auf Hauptmann Joseph anzuschlagen. Zum Schuss kam er nicht mehr, vier Stifte aus Stahl durchbohrten die Stirn des Mannes, der einmal unter dem Namen Leutnant von Oberfels bekannt gewesen war.
Der Hauptmann zog sein Messer aus der Tasche und befreite zuerst die Herzogin Valisoa von ihren Fesseln, dann wandte er sich an den Herzog und entfernte, während sich die Herzogin rasch einen Morgenmantel überwarf, den Knebel und die Fesseln Haramanos.
„Lebt noch eines von diesen Adala noch?“ Der Delegationsleiter Madagaskars rieb sich die Handgelenke, ehe er in seine Hose schlüpfte.
„Das kleine Rattengesicht hier könnte noch leben, Hoheit!“ Der Hauptmann bohrte seine Schuhspitze in Zwergrattlers Rippen. „Bei dem habe ich den Schuss ziemlich tief angesetzt, wenn ich keine große Ader verletzt habe… Bei den anderen – es erschien mir bei diesen Männern opportun, sie rasch und endgültig an ihren beabsichtigten Handlungen zu hindern!“
„Das sehe ich auch so, Hauptmann“, nickte Haramano. „Ihre Männer sind im Wohnzimmer?“
„Das sind sie, Euer Hoheit!“ Jean hatte gesehen, wie der Wachleutnant kurz durch die Tür geblickt hatte, aber das Schlafgemach nicht betreten hatte. Immerhin hatte sein Vorgesetzter die Lage bereits im Griff.
„Rufen Sie sie herein, und Sie können sich auch wieder umwenden! Die Herzogin ist bereits wieder in Dezenz!“
„Danke Hoheit. Mpamboly, Mpanjono, hereinkommen! Dieses Vieh hier fesseln und in irgendeiner Kammer einsperren. Dann benachrichtigt Ihr Doktor Antrongotra, er soll sehen, ob er noch etwas tun kann. Vielleicht weiß die Ratte ja noch etwas. Und dann telephoniert Ihr mit der Wiener Sicherheitskommission, sie sollen uns einen ihrer Kommissäre herschicken. Der soll dann diese Ratte verhören, wenn ich es mache, überlebt er es vielleicht nicht.“ Nur mit Mühe schaffte es Jean Joseph, Zwergrattler nicht noch einmal in die geöffnete Hose zu treten.
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Abessinien
Etwa südlich der immer noch menschenleeren Stadt Emfraz lag auf einem Berghang die Sankt Marjam Kirche. Es war ein einfacher kleiner Rundbau mit einem größeren viereckigen Nebengebäude, das als Wohnhaus für den Pater, seine Köchin und als Scheune und Stall gleichermaßen diente. Zu dieser Kirche gehörten auch die umliegenden Wälder, welche sich bis zum Grat des Berges erstreckten und in den Niederungen einige große Kaffeeplantagen. Kaffee war der Hauptexportartikel Abessiniens, die hervorragenden und überall geschätzten Bohnen der Klasse Arabica wurden in die gesamte Welt versandt und brachte jede Menge Devisen in die Kasse des Kaisers von Äthiopien. Sonst waren noch einige Metalle und edle Steine im Boden und den Bergen zu finden, ebenfalls ein erfreuliches Zubrot für die Staatskasse. Besonders der eine, gewaltige Fund, mit dem er die Grenze zur AOI befestigen und von den Briten die Ornithopter kaufen konnte. In aller Stille natürlich, und die Lieferanten und Erbauer gut verteilt, sodass niemand das gesamte Ausmaß des Auftrages erfuhr. Zumindest bis zu jenem Angriff durch Italien, mit welchem die Regierung Abessiniens bereits seit einiger Zeit rechnete. Das noch junge Königreich Italien wollte eben im Reigen der großen europäischen Kolonialreiche mitspielen und sich ebenfalls ein Stück Africa sichern, je größer, desto besser. Und sehr viel mehr als der äußerste Osten Africas, wo die große Wüste bis an den Atlantik reichte, und Äthiopien war eben kaum eine Gegend Africas mehr frei von Europa. Nun ja, in der Sahara gab es noch Land. Aber wer benötigte schon hunderte Quadratmeilen Sand.
Der Agent Siegfried Krause des preußischen Geheimdienstes, der jetzt in der Heimat als Abteilung IIIb firmierte, hatte bei Josephshafen 22 Söldner, 2 Feldwebel und Leutnant Alfred Dengler rekrutiert. Eben lagen die Offiziere über der Stadt in Deckung der Bäume und beobachteten mit ihren Feldstechern die Ebene am Ufer des Tanasee und den Ort Emfraz, der an der markierten Handelsstraße vor dem Eingang zum Pass an der Straße nach Gonder lag.
„Ich hoffe nur, dass die Gerüchte stimmen, die wir überall gehört haben“, knurrte Krause, und Dengler nickte.
„Ich denke schon. Immerhin ist ja Amhara und hier ganz besonders Gonder das jüdische Zentrum Äthiopiens. Und wir haben unterwegs ja auch immer wieder Spuren von einem schweren DLKW gefunden, mit welchem diese Trommel transportiert werden könnte.“
„Aber wo ist sie denn jetzt? Wir müssten sie doch gesehen haben, wenn wir sie überholt hätten. Es gibt doch ab Filakit nur diese eine Straße auf die Hochebene, da können wir doch nicht vorbei gefahren sein.“ Hauptmann Krause war unruhig und dem entsprechend ungeduldig. „Aber auf dieser verdammten Hochebene war keine Spur mehr zu finden. Vielleicht gibt es ja eine Höhle in einem der Nebentäler. Da könnten wir endlos suchen und fänden nichts!“ Wer konnte sagen, wie lange Krause noch lamentiert hätte, aber die in seinen Oberarm gekrallte Rechte seines Leutnants unterbrach ihn abrupt.
„Da kommt ein 680er DLKW aus österreichischer Fertigung an der Steilwand um die Kurve! Mit einer sehr hohen Ladung hinten drauf. Die Höhe und die Länge sind etwa zwei-achtzig, die breite runde zwei Meter. Das könnte der Trommel entsprechen! Und das Frachtgut unter der Plane scheint rund zu sein.“
„Wie? Was? Wo?“ Rasch richtete Krause seinen Feldstecher aus. „Wirklich“, rief er. „Das muss es sein. Die Leute sollen sich bereit machen! Rasch! Wo ist Huber?“
„Hier, Herr Hauptmann!“ Soldat Huber, dessen ganzer Stolz ein Mauser Scharfschützengewehr im Kaliber 7,9 Millimeter mit einem Zielfernrohr der Carl-Zeiss-Werke in Jena war, hob die Hand.
„Machen Sie sich schussfertig, Soldat“, befahl Krause, Konrad Huber nickte, öffnete den Verschluss seines Gewehres und schob eine Patrone hinein, dann schloss und verriegelte sein langes Gewehr wieder.
„Bereit, Hauptmann!“
„Gut so, Soldat“, bestätigte Krause. „Bringen Sie den Wagen zum stehen, wenn er nahe genug ist!“
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Kaum 2 Kilometer in Richtung Westen, auf der anderen Seite der markierten Straße, erhob sich ein anderer Hügel, welcher von der Straße, welche von Weyna aus am östlichen Ufer des Tanasees die kleinen Fischerdörfer verband, leicht zu erreichen war. Auch auf diesem Hügel lagen fünf Personen, von denen zwei sowohl die Uferstraße als auch den Weg nach Emfraz nicht aus den Augen und den Feldstechern ließen. Lieutenant Pierre-François Blache und sein Major Frederic Peyrot wie auch die drei französischen Soldaten trugen leichte, weite Leinenhosen und luftige Blusen in hellen Naturfarben unter Kapuzenmäntel in der selben Farbe. Ihre Pferde hatten sie an der Westflanke des Hügels angebunden, wo sechs weitere Soldaten Wache hielten, die achtschüssigen Fusil d’Infantrie Lebel Modèle 1886 im Kaliber 8×50 Millimeter schussbereit ‚geladen und entsichert‘.
„Glauben Sie wirklich, dass die Trommel hier versteckt werden soll, Lieutenant?“ Major Peyrot war mehr als misstrauisch. „Ich meine, die müssen doch mindestens ein Monat unterwegs gewesen sein, aber schon am zweiten Tag der Invasion haben die Abessinier den Spaghetti-Fressern den Arsch aufgerissen. Der Afrera-See wäre nur etwas über hundert Kilometer von der Stelle entfernt, wo die Italiener landen wollten. Wäre das nicht viel logischer?“
„Die Gerüchte, die wir gehört haben, sagen alle die Gegend Amhara, also in der Gegend von Gonder“, bestand der Leutnant auf seinem Standpunkt. „Und Amhara ist hier! Der Zeit nach sollte die Trommel bald wieder hier eintreffen.“
„Oder sie sind schon vorbei“, murrte Peyrot.
„Bei einer so großen Trommel können die es nicht schneller geschafft haben!“ Blache setzte das Glas ab und rieb sich die Augen. „Sie werden sehen, Major, bald…“
„Staubwolke auf der Straße, mon Lieutenant“, rief Soldat Dubois. Das Fernglas des Offiziers flog wieder an die Augen.
„Tatsächlich! Und eine runde Struktur ist unter der Plane auch erkennbar. Das könnte wirklich die gesuchte Trommel sein. Was sagen Sie jetzt, Major?“
Peyrot zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall ist die Sache zu untersuchen, mon Lieutenant!“
„Das möchte ich auch meinen, Major. Soldat Roux, fertigmachen!“
„Mon Lieutenant!“ Sebastien Roux klappte das Zweibein seines 7,9 Millimeter Lefaucheux-Gewehres mit verlängertem Lauf aus und lud die Waffe. „Fertig, mon Lieutenant!“
„Also gut! Ich möchte, dass der Wagen steht, egal wie. Major, lassen Sie die anderen Männer schon einmal aufsitzen!
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Der DLKW 680 der Steyr-Daimler Werke war nicht dazu konzipiert, um irgendwelche Rekorde zu brechen. Die Werner-Dampfturbine war eine unkomplizierte, bewährte, zuverlässige und robuste Konstruktion, welche im Notfall selbst von einem einfachen Dorfschmied repariert werden konnte und trieb den Transporter ohne Zuladung mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern über eine gute Straße. Mit Hilfe des Allradantriebs und der Bodenfreiheit von einem halben Meter schaffte das Fahrzeug auf steinigen und unebenen Pisten beinahe ebenso viel, und dank der ausgeklügelten Federung und der breiten Gummireifen des Engländers Robert William Thomson, die er bereits 1845 patentieren ließ, sogar halbwegs komfortabel. Man konnte dem 5,67 Meter langem Vehikel mit einem Radstand von 3,3 Metern stolze 8 Tonnen aufladen und damit immer noch mit 50 Stundenkilometern in flachem, aber ziemlich unwegsamen Gelände erreichen. Kein Wunder, dass dieser Dampfwagen in vielen Ländern der Welt im Einsatz war, sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich.

So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass in Abessinien einige der seit 1863 produzierten 680er unterwegs waren, seit 1882 auch noch der Typ 680A, eine in Abessinien unter Lizenz gefertigte Variante mit vergrößerter Bodenfreiheit von 80 Zentimetern, was allerdings einen Raddurchmesser von beinahe zwei Metern bedingte. Daher wurde die Führerkabine etwas weiter nach vorne gerückt, und das ganze Fahrzeug war nun 5,97 Meter lang. Eine gute Variante für ein Gebiet, in welchem die Straßen aus Farbmarkierungen an Schluchtwänden und deren Belag aus den von tausenden Hufen, deren Besitzer von den Händlern seit vielen Jahrtausenden durch diese Berglandschaft Ostafricas getrieben wurden, klein gemahlenen Steinchen bestand. Nur im Westen fiel das Gebirge, in dem auch der Tanasee lag, zu einer fruchtbaren Tiefebene ab. Straßen fand man aber auch dort noch sehr wenige, denn Waren und Personen wurden in Äthiopien immer noch in den meisten Fällen von Pferden oder Eseln transportiert. Diese waren selbstreproduzierend und billig in der Haltung, dazu kam, dass die Wartung der einfachen Karren unkomplizierter als die eines jeden anderen Gefährts war. Es mochte also durchaus noch einige Zeit dauern, bis ein Netz von gut ausgebauten und gepflegten Straßen das Königreich Abessinien durchzog. Auch Eisenbahnen waren in diesem Land nicht so einfach zu bauen. Immerhin war eine Strecke von der Hauptstadt Addis Abeba zum Tanasee geplant und bereits im Bau. Etwa 200 Kilometer Schiene waren bis Gohatsion bereits verlegt und wurden auch halbwegs regelmäßig befahren, an der Brücke über das Tal des blauen Nils, wegen der zu erwartenden Hochwässer eine kühne, hohe Stahlkonstruktion, wurde noch gebaut. Bisher war nur die 318 Kilometer lange Eisenbahnstrecke von Nekemte in die Hauptstadt und danach beinahe 900 Kilometer weiter zur großen Garnison in der Nähe von Godcusbo bereits in regelmäßigem Betrieb. Das Telegraphennetz war allerdings bereits hervorragend ausgebaut, und es gab entlang der Handelswege nicht nur regelmäßig Übernachtungsmöglichkeiten, sondern bei diesen Raststätten auch immer öfter Telegraphenstationen. Auch einige der größeren Farmen im fruchtbaren Westen des Landes gönnten sich bereits einen solchen Nebenanschluss.
An den Steuerhebeln des klassischen DLKW Steyer 680 mit der Fahrgestellnummer SD-OOE-CLW-569 676 391 saß Tulu Abebe. Er war in einem winzigen Dorf mit Namen Ch’amak‘ losgefahren, als sein bewaffneter Wächter auf dem Beifahrersitz ihm das Signal dazu gegeben hatte. Bis Fercaber hatte er eine Escorte aus einigen schwer bewaffneten Reitern und Trike-Fahrern aus Tebre Tabór gehabt. Die äthiopische Gendamerie hielt sehr viel von technischem Fortschritt und rüstete ihre Beamten im Normalfall recht gut aus. In Fercaber war der Polizist dann ausgestiegen, und Tulu Abebe war allein weiter gefahren, in Richtung Emfraz. Die Trikefahrer folgten in gebührendem Abstand und behielten die Staubwolke des 680er immer im Auge. Hoch über dem Ganzen schwebte noch ein kleines, beinahe unsichtbares Gerät und beobachtete wie immer.
Tulu Abebe stammte aus Weyna am Tanasee, wo er die gesamte Familie seiner Ehefrau ausgelöscht hatte. Die Frau erdrosselt, die Schwiegereltern erstochen, und all das nur, um an das Vermögen der wohlhabenden Familie zu kommen. Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt. Zum Tod. In mancher Hinsicht war Abessinien ein fortschrittliches Land, doch von humanem Strafvollzug wollte der Negus Negest einfach nichts hören. Die Strafe sollte möglichst schmerzhaft sein, um andere Täter abzuschrecken und von ihrer Tat abzuhalten. Nicht, dass es funktioniert hätte, aber Abessinien war eine absolutistische Monarchie und das Wort des Herrschers Gesetz. Daher hatte Tulu Abebe auf seine Steinigung gewartet, als ihm ein Angebot gemacht wurde. Es handelte sich um einen einfachen Auftrag, er sollte einfach einen DLKW in Richtung Emfraz steuern. Es könnte sein, dass er dabei erschossen oder auf andere Art ums Leben kam, aber wenn er überlebte, wartete eine Begnadigung auf ihn. Er überlegte nicht lange und nahm das Angebot an. Was auch immer während der Fahrt geschehen mochte, es war unter Garantie weniger schmerzhaft als vielleicht stundenlang mit Steinen beworfen zu werden. Und wer weiß, vielleicht hatte er ja Glück und überlebte? Die voluminöse Fracht auf der Pritsche war ihm völlig egal, er hatte keine Ahnung, was dieses große, runde Ding unter der Plane war. Er dachte nur daran, dass vor ihm vielleicht die Freiheit und hinter ihm der sichere Tod lag, also steuerte er hinter Fercaber den Wagen den Steilhang entlang, der markierten Straße nach Emfranz folgend. Jetzt kam er um die letzte Kurve, sein Ziel lag noch etwas mehr als zwei Kilometer vor ihm. Ein Katzensprung für einen 680er, vielleicht noch eine Viertelstunde, und Tulu wäre ein freier Mann. Er drückte die beiden Hebel, mit denen der Dampfdruck auf die Räder reguliert wurde, gleichmäßig nach vorn, nahm bald rechts, dann wieder links ein wenig Druck zurück, um den Kurven in der Straßenführung zu folgen.
Der letzte Kilometer, er hatte es gleich geschafft, Tulu Abebe jubelte innerlich auf. Vor ihm zerbarst die Windschutzscheibe des DLKW plötzlich in tausend Stücke, die Splitter zerschnitten sein Gesicht, seinen Hals, selbst seine Hände. Tulu fühlte das nicht einmal mehr, denn ehe der Schmerz in seinem Bewusstsein ankam, durchschlug ein 7,9 mm Vollmantelgeschoß die Stirn des Mörders, dessen Hände sofort von den Steuerhebeln glitten. Ein einfacher Federmechanismus, der in jedem Fahrzeug eingebaut war, beförderte die Hebel in die Nullstellung, die Räder blockierten und der Wagen kam mit ausbrechendem Heck quer zur Straße zum Stillstand.
Auf der linken, der westlich gelegenen Straßenseite galoppierten 10 Reiter hinter einem Hügel hervor auf den 680er los, auf der rechten, östlichen, brachen zwei geländegängige Dampffahrzeuge der Gottlieb W. Daimler – Werke in Stuttgart hinter einem anderen Hang hervor und fuhren, eine beachtliche Staubwolke hinter sich herziehend, ebenfalls auf den DLKW zu. Jede der beiden Parteien versuchte, den Dampflaster als erste zu erreichen, die Trophäe zu gewinnen, niemand schien sich die Frage zu stellen, ob er die Beute dann auch behalten, den Besitz verteidigen konnte. Ein sich beinahe gemächlich ausdehnender Feuerball hüllte das Fahrzeug wie aus dem Nichts kommend ein, aus diesem Ball brachen links und rechts je eine lange, schmale Feuerlanze. Grün, rot, orange und blau leuchtend rasten diese heißen Zungen mehrere Meter waagrecht über den Boden dahin und erloschen eben so plötzlich, wie sie aufgetreten waren, während die kugelförmige Flamme immer noch über der Ladefläche strahlte. Die Plane des 680er verglühte, veraschte in Bruchteilen von Sekunden bereits im ersten Feuerball, dann leuchtete ein großes, ringförmiges Gebilde auf der Ladefläche grellweiß brennend auf, überstrahlte die Feuerkugel. Gekrümmte, brennende Holz- und verdrehte Metallstücke von der Bordwand des DLKW wirbelten durch die Luft, von denen eines den Major Peyrot traf und tödlich, ein anderes den Soldat Louis Preslaux schwer verwundet aus dem Sattel warf. Auch andere wurden von Kleinteilen verletzt, wenn auch wesentlich leichter.
Hinter dem DLKW waren 15 Reiter aus einer Schlucht gekommen und spornten ihre Pferde, um mit wehenden Burnussen die Verfolgung aufzunehmen. Doch bereits nach wenigen Galoppsprüngen schleuderte das Fahrzeug und der vorderste Reiter gebot mit erhobener flacher Hand den Halt, während er selbst seinen Fuchs zügelte.
„Stoi“, brüllte Sotnik Radimir Dimitrowitsch Lesrup, dann winkte er zur Seite. „In die Schlucht! Dawai, dawai!“ 14 Reiter des dritten Kosakenregiments Hetman Taras Bulba rissen ihre kleinen Pferde auf der Hinterhand herum, während Radimir den Feldstecher vor die Augen riss. Eben als er durchsah, brachen die Feuerlanzen aus dem 680er, der erfahrene Soldat vertraute dem Halsriemen und ließ das Fernglas einfach fallen, riss sein Pferd herum und trieb es aus dem Stand in Galopp. Nur Sekunden, nachdem er den Spalt erreicht hatte, ging ein Regen brennender Trümmer auf der Ebene nieder.
„O, chert voz’mi“, sandte Soldat Werschnisow ein Stoßgebet zum Himmel. „Was war denn das?“
„Ich fürchte, das war genau das, was wir gesucht haben!“ Der Sotnik wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Wir werden uns noch ein wenig in der Gegend umhören, aber Hoffnung auf Erfolg habe ich keine mehr!“
=◇=
„Formidables Schauspiel!“ Auf der Mauer der Stadt Emfraz nahm Maria Sophia den Feldstecher von den Augen. „Wie hast denn das wieder ang’stellt, Lisi?“
Die junge Baronesse von Oberwinden lachte launig auf. „Ich hab‘ halt jede einzelne Signalraket‘n von der ROSENHEIM plündert, das Pulver mit den farbgebenden Metall‘n mit ein bisserl Magnesium und ein wengerl Ninja-Pulver vermischt, das Ganze gut verdämmt in ein Rohr g’stopft, danach den – na, nennen wir’s halt einmal Trommelkörper – auch mit Magnesiumpulver eing’rieben. Ein paar Wasserschläuch‘ um das Rohr mit dem Schwarzpulver, und dann hat halt eins das andere anzündt.“
„Aber wie hast du das ganze eigentlich gezündet?“ Orville sah fasziniert zu dem immer noch heiß glühenden Ring, welcher nun in sich zusammen sackte und auf der ausgebrannten Ladefläche einen glühenden Haufen bildete und zu Boden tropfte.
„Das willst du gar nicht wissen, Orville“, hielt sich Lisi bedeckt. „Nur so viel – unser Evidenzbureau hat auch im Ausland ein Auge auf verschiedene Erfinder!“
„Aber ein bisserl eng war’s schon, Lisi. Unsere Zeugen hätt’n das Schauspiel fast nicht überlebt!“
Elisabeth funkelte den Kasten mit der Morsetaste vor sich böse an. „Diese blöde drahtlose Zündung hat erst das zweite Mal ang’sprochen! Also, wenn das nicht besser wird, setzt sich das Klumpert nie durch!“
„Jedenfalls hat dein Werk’l ein beeindruckendes Schauspiel g’liefert!“ Die Prinzessin nahm eine Coiba aus der Packung, entzündete ihre Spitze und blies den Rauch behaglich von sich. „Wenn’s jetzt nicht überzeugt sind, dass die Trommel im Arsch ist, dann weiß ich auch nicht weiter.“
„Also, für mich hat es überzeugend gewirkt.“ Carl Friedrich Maerz nahm Maria Sophia den Zigarillo aus der Hand, inhalierte einen kräftigen Zug und reichte ihn zurück.
„Magst einen eigenen?“ Die Prinzessin griff zur Tasche, aber der Autor winkte ab.
„Ich bleibe bei meinen Havanna, danke!“
„Ja, da steh‘n jetzt die Herren und überleg‘n.“ Der Oberst von Inzersmarkt grinste über das ganze Gesicht. „Hoffentlich schieß’n sich die Wappler jetzt nicht gegenseitig über’n Haufen.“
„Ich hoff‘, de Tulu war scho tot, wie das ganze hochgange isch. Auch a Mörder sollt ned unnötig leide“, bemerkte Henrietta und schüttelte sich.
=◇=
Pierre-François Blache hatte Glück gehabt. Der französische Lieutenant war dem Bombardement der Trümmer unverletzt entgangen und starrte entgeistert auf immer noch glühenden Ring auf der Ladefläche des völlig zerstörten Lastwagens.
„Oh, merde“, flüsterte er. Dann brach der Ring zusammen, schien sich in brennendes Wasser zu verwandeln und tropfte zu Boden. Blache schlug seine Kapuze zurück. „Das ist – das kann nicht wahr sein!“
Caporal Jean-Pierre Laman zügelte sein Pferd neben dem Offizier. „Mon Lieutenant, der Major ist tot, Soldat Preslaux schwer verwundet, sonst nur relativ leichte Blessuren! Bei den Pferden werden wir zwei erschießen müssen, fürchte ich. Ein paar werden wir wieder einfangen können, aber wenn wir nicht irgendwo neue kaufen können, steht uns ein langer Marsch bevor. Außer, die Leute da drüben nehmen uns mit!“
„Was? Wer?“ Blache schrak auf und folgte dem Wink des Caporal.
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Aus der Fahrerkabine des vorderen Daimler – DLKW hatte Siegfried Krause das Schauspiel verfolgen können. Ein Trümmerstück hatte die Hälfte des Daches weggerissen, und der deutsche Agent hatte schon geglaubt, den Flügelschlag des Todesengels zu hören. Siegfried verdankte sein Leben der instinktiven Reaktion von Jasper Tütken. Der Friese hatte beide Hebel zurückgerissen und damit den Rückwärtsgang eingelegt. Zuerst hatten die Räder keinen Griff gefunden, doch dann machte der Wagen einen Satz zurück. Eben noch rechtzeitig, sonst wäre das Teil des 680er mitten durch das Führerhaus geflogen und hätte Krause ohne Zweifel enthauptet. Der Agent wusste später nicht, wie lange er wie gelähmt sitzen geblieben war und auf das Bild der Zerstörung starrte. Stimmengewirr weckte ihn aus seiner Erstarrung, wie durch ein Wunder ließ sich die Tür noch öffnen und Siegfried sprang ins Freie.
„Hauptmann, was war das denn?“ Auch Leutnant Alfred Dengler starrte das herabtropfende Feuer fassungslos an.
„Hooptmonn, dort sin een poor Geestolten, de zeechen of uns! Sin det Beeduiners odeer ondeere.“ Der Söldner nannte sich Klaas Lütgen und behauptete von sich, aus Hamburg zu sein. Sein Akzent war allerdings nicht immer stimmig, aber es interessierte in Wirklichkeit niemanden.
„Ich glaubee, dat sind Franzmänee“, widersprach Ludwig Hoffer. Der schwieg sich über seine Herkunft komplett aus.
„Nun gut, wir werden zu ihnen hinüber gehen“, beschloss Krause. „Wachsam bleiben, aber die Gewehrmündungen zeigen zu Boden. Wir wollen sie nicht provozieren. Vielleicht erfahren wir ja etwas von ihnen!“
○
„Sie kommen herüber, mon Lieutenant“, bemerkte Caporal Laman.
„Ich sehe es, Caporal“, bestätigte Blache und schwang sich aus dem Sattel. „Zu Fuß bei mir sammeln.“ Laman sprang ebenfalls zu Boden und setzte seine Trillerpfeife an den Mund. Ein langgezogener Ton erregte die Aufmerksamkeit der französischen Soldaten, eine komplizierte Tonfolge gab das Signal zum sammeln. „Wer sind diese Leute wohl?“ Er starrte den sich nähernden Personen entgegen.
„Wir werden sie fragen. Aber ich vermute, es sind Söldner.“
„Parlez-vous Francais“, fragte Krause, als sich die Anführer gegenüber standen.
„Mais oui. Je suis Lieutenant Blache. Et tu es?“
„Ich bin Siegried Kraus. Hauptmann Kraus.“ Vorsichtig streckte er die rechte Hand aus, die der Franzose ergriff.
„Es-tu Allemand?“
„Und Sie Franzose?“
„Ich verstehe!“ Blache nickte. „Ich nehme an, Sie fragen sich genau wie wir, was hier geschehen ist!“
„Ich denke, so viel ist wohl offensichtlich.“ Beide blickten zum immer noch glühenden 680er.
„Wenn…“
„Ja?“
„Ach, Unsinn. Wie soll das jemand geschafft haben. Es ist doch niemand abgesprungen!“
„Stimmt. Und wie soll eine solche Explosion zu machen sein?“
„Und von wem und warum?“
=◇=
Karlsruhe
Die 28 Jahre alte Frau schloss ihren Koffer. Es war etwas endgültiges in der Bewegung, und tatsächlich war die Wahrscheinlichkeit, dass Sarah Feldwerk je wieder in diesem Zimmer in einem Haus am Rande von Karlsruhe wohnen würde, eher gering einzustufen. Nun, es würde nicht mehr lange dauern, bis der Gepäckträger kam und ihre Effekten abholte. Sie würde mit ihrem Arbeitgeber und dessen Familie nach Potsdam übersiedeln, dieser hatte dort ein sehr gutes Angebot erhalten.
Die Universität Karlsruhe war weder die älteste, noch die berühmteste oder die beste Universität des Deutschen Kaiserreiches. Trotzdem – oder vielleicht sogar deswegen hatte Prof Heinrich Hertz bereits in relativ jungen Jahren eine Professur für Physik angeboten bekommen. Der Wissenschaftler war damals, 1881, erst 24 Jahre alt. Er schlug das Angebot von Kiel aus und war diesem Ruf in den Süden Deutschlands nicht ungern gefolgt, die Universität hatte ihm die Erlaubnis für eigene Experimente gegeben und ihm die Zeit und Räumlichkeiten dafür eingeräumt. Heinrich kam aus keiner armen Familie und richtete sein Labor auf eigene Kosten ein. Auch ein kleines Haus mietete er an und heiratete 1886 Elisabeth Doll, welche ihm ein Jahr später eine Tochter schenkte.
Sarah Feldwerk hatte Heinrich Hertz bereits 1884 eingestellt. Sein Vater war ein guter Freund der Familie Feldwerk gewesen, und deren Tochter Sarah war nur vier Jahre jünger als er. Keine sehr schöne, aber nette und intelligente Frau. Sie hatte ein hageres Gesicht, ihre Lippen waren etwas zu schmal, ihre Nase ein klein wenig zu lang geraten. Die Familie Feldwerk 1875 war nach Österreich gegangen, als sich Liber Feldwerk eine Chance bot, in das Geschäft seines Cousins einzusteigen. Es war für beide Seiten profitabel. Der Cousin hatte Geld und Geschäft geerbt, Liber verstand etwas davon und mehrte das Familienvermögen. Seine heiß geliebte Tochter nutzte die Gunst der Stunde und besuchte die Technische Hochschule in Wien. Eines Tages bewarb sich Fräulein Sarah Feldwerk bei Professor Hertz als Assistentin, ihr Vater hatte ihr ein Schreiben mit der Bitte um positiven Bescheid mit gegeben. Natürlich prüfte Heinrich Hertz zuerst die Eignung des 23 Jahre alten Fräulein Feldwerks. Sarah war klug und hatte das nötige Wissen, also erfüllte Heinrich den Wunsch des Freundes seines Vaters. Sarah wurde im Hertzschen Haushalt in Kost und Lohn genommen und erwies sich im Labor als fähige Hilfe. Heinrich und Sarah sprachen die selbe Sprache, welche ein Außenstehender kaum verstehen konnte.

Als Heinrich seine Elisabeth heiratete, stand Sarah als erste in der Schar der Gratulanten. Sie freute sich wirklich für ihren Chef, und mit der neuen Frau Hertz verband sie rasch eine tiefe Freundschaft. Als Elisabeth mit Johanna schwanger wurde, fand sie in Sarah eine große Hilfe. In ihrer Freizeit malte Sarah. Zuerst einfache und ausgeschmückte Ornamente im Stil des Fauvismus, dann starke expressionistische Werke mit einem lieblichen fauvistischen Rahmen. Das Thema war immer eine Reise. Die Reise eines Menschen durch die Widrigkeiten eines Lebens, strotzend vor Symbolik. Sie war nicht untalentiert, aber hohe Preise hätten die Bilder wohl nicht erzielt. Dazu waren einiges zu Verstörend in ihrer Symbolik. Sarah war das egal! Ab und an sandte sie ihren Eltern das neueste Werk, welches natürlich zuerst vom Badischen und später vom Deutschen Geheimdienst, der Abteilung III b unauffällig, aber umso genauer unter die Lupe genommen wurde. Ebenso ihre Korrespondenz mit der Familie in Wien. Man konnte doch nicht zulassen, dass technische Grundlagen der Erfindung des Professors irgend jemandem verraten wurden. Die Agenten hatten eine leichte Aufgabe. Sarah ging nicht aus, traf sich mit niemandem, ihre Briefe waren unauffällig und auf den Bildern fanden sich keine Spuren von geheimen Botschaften. Trotzdem hatten Sarahs Informationen über die Fortschritte des Herrn Hertz ihren Weg zu den Spezialisten des Fürsten Hametten gefunden. Denn die Familie Feldwerk arbeitete für das österreichische Evidenzbureau. Es war nur zu leicht, mit Hertzschen Wellen aus einer Entfernung von wenigen Kilometern einen Funken auszulösen. Viel zu leicht. Und manchmal war diese Art der Zündung eben nicht unpraktisch.
Epilog
Mai 1889
Alexandria
Im verborgenen Tempel der `Abna‘ Ruh Allah, der Kinder des Geistes Gottes, sang die Gemeinde unter der Führung von Atrà das Lob ihres Glaubens. Dann sprach Atrà über die Lage des Ordens. „…und so müssen wir uns eingestehen, dass wir in Deutschland, den Donaumonarchien und Britannien herbe Rückschläge hinnehmen mussten. Die Basis unserer Verbindung sind dort leider bekannt und von der Polizei zerstört geworden. Einige unserer Anhänger wurden getötet, andere sind auf der Flucht. In Frankreich und in Spanien ist unser Orden aber immer noch frei, und dort besitzen wir auch noch Einfluss auf die Herrschenden. Der Toussidè ist für uns verloren, doch es gibt noch andere Lager, wo unsere Unterstützer ausgebildet werden können. Die Werften von Kos und Nisiros arbeiten gut und zu den rechten Zeiten wird unsere Flotte bereit stehen, ebenso wie unsere Kampffahrzeuge, welche in der Nähe des Katherinenklosters auf ihre Besatzungen und ihren Einsatz warten. Wir sind nicht besiegt, noch lange nicht. Mit Gottes Hilfe werden wir Jerusalem allen Widrigkeiten zum Trotz doch noch einnehmen, und Yohannes ben Atrà wird vom Tempelberg das Neue Königreich GOTTES verkünden!
=◇=
Jerusalem
Das alte Jerusalem, welches innerhalb der Stadtmauer lag, war ein etwas aus den Winkeln geratenes Viereck, das streng in vier Bezirke unterteilt war. Im Nordosten lag das bei weitem größte der Viertel, das muslimische, im Südosten das jüdische. Im Südwesten waren die Armenier zu Hause und im Nordwesten die Christen. Der Tempelberg, dessen oberes Plateau eine Größe von etwa 440 mal 300 Meter betrug, schnitt noch ein großes Stück aus dem jüdischen Viertel, und lange Zeit war es den Juden, Armeniern und Christen bei Strafe verboten gewesen, sich auf diesem Areal aufzuhalten, auf welchem vor langer Zeit der salomonische Tempel mit der verschollenen Bundeslade im Allerheiligsten gestanden hatte. Erst Sultan Abdülmezid hatte in seinem Manifest zur freien Ausübung der Religion bestimmt, das auch Bürger mosaischen Glaubens das Areal betreten und dort ihre Gebete und Rituale abhalten durften. Dafür hatte er sogar den Bau eines eigenen Gebetshauses neben dem Felsendom erlaubt, welches zwar um vieles kleiner als der ursprüngliche Tempel war, aber die gleichen Proportionen aufwies. Dieses Gebot hatte zwar die Imame sowohl in Mekka als auch in Jerusalem heftig empört, welche darin eine Entweihung der Al Aqsa Moschee sahen, doch der Sultan in Konstantinopel setzte seine Bestimmungen auch hier mit blanker Gewalt gegen die ewig gestrigen Fanatiker durch. Der Tempelberg stand nun allen abrahamitischen Religionen offen! Basta! Nur der Felsendom selbst und die große Moschee blieben allen anderen Religionen bislang immer noch verwehrt.
Außerhalb der Altstadt dehnte sich Jerusalem vor allem nach Westen, dem Mittelmeer entgegen aus, nur wenig nach Norden und Süden und so gut wie nicht nach Osten. Vor allem aus der Luft war das zusammenwachsen vieler Gemeinden noch deutlich zu erkennen. Aus der Luft waren auch die mächtigen Bollwerke rund um die Altstadt und die Bunkeranlagen am Stadtrand gut zu erkennen. Um die Altstadt hatte man zuerst eine breite Straße gebaut und nur für Fußgänger und kleine Fahrwerke mit Pressluftantrieb wie sie auch in Kairo zu finden waren, zugänglich gemacht. Darum war auf Geheiß von Abdülmezids Vorgänger zwei starke, moderne Mauern mit Bastionen für schwere Artillerie errichtet worden. Vor allem Mörser und Haubitzen. Zwischen den Mauern war damals eine kleine Armee stationiert gewesen, um sowohl die Christen als auch die Juden ständig daran zu erinnern, dass Aufstände sinnlos waren. Seit 1885 trug diese Armee neue, prächtige Uniformen und bestand aus Angehörigen aller Religionen. Wenn auch die alten osmanischem Truppenteile derzeit noch über die beste Ausbildung verfügten und den anderen Teilen damit deutlich überlegen waren.
Nach Osten wurde die Ausdehnung der Stadt durch jenes Tal behindert, in welchem die Anhänger des mosaischen Glaubens traditionell ihre Toten beerdigten. Dieses Gebiet zur Besiedelung freizugeben hätte eine Flut von Aufständen im ganzen Reich losgetreten, die bisher jeder Sultan gemieden hatte. Vor allem, weil diese Revolten sogar von eher säkularisierten Juden aus aller Welt Unterstützung erfahren hätten. Ein halbwegs vernünftiger Herrscher verzichtet auf unnötige Provokationen. Die Hänge des Tales waren mit mehr oder weniger großen Höhlen, manche natürlichen Ursprungs, manche von den kleineren teilweise mit kleinen Spitzhacken, Hämmern und Meißeln in den Fels geschlagen und mit bloßen Händen freischaufelt. Es galt als Privileg, in diesem heiligen Tal seine letzte Ruhe zu finden. Der Sage nach sollte auch Yeshua ben Miriam hier im Grabe des Josef beigesetzt worden sein. Selina bint Amira von den Awlad Alrabi wusste es genau. Genau dort, wo sie sich nun mit einigen anderen ihres Ordens und einigen Asnan Almasih traf, hatte Josef, der getreue Helfer des Lehrers, den betäubten Yeshua als tot niedergelegt haben. Es war eine der größten Höhlen, und sie sollte einen wichtigen Teil im Vorhaben der Eroberung Jerusalems durch die Asnan Almasih spielen. Schon damals hatten nur wenige Eingeweihte die Geheimnisse der Höhle gekannt. Eines davon war, dass ein auf beiden Seiten gut versteckter Gang von der Grabkammer in das Haus Josefs in der Altstadt führte. Ein Haus, welches seit damals immer einem Anhänger der Awlad Alrabi gehört hatte, der das Versteck stets zu hüten wusste. Ein weiteres Geheimnis war eine lange Grotte, deren Ausgang weit von Jerusalem entfernt lag. Der Höhlenausgang lag nun in einem christlich-orthodoxen Kloster. Einem sehr alten Kloster, einem der ältesten überhaupt. Man sagt, der Prophet Mohammed persönlich habe von diesem Kloster und seiner Uneinnehmbarkeit Kunde erhalten und mit seiner Streitmacht versucht, dieses Kloster zu erobern. Ihm allein sei es gelungen, bis an Tore zu gelangen und Einlass zu erhalten. Nachdem er das Kloster wieder verlassen hatte, soll er der Sage nach den Befehl erlassen haben, dieses Kloster, seine Bewohner und die Pilger dorthin zukünftig nicht zu belästigen. Der Grund für diesen Befehl ist nicht überliefert, doch bisher hatten sich alle Nachkommen des Propheten daran gehalten. Auch die osmanischen Sultane.
Selina war eine hagere Frau, in deren Gesicht schon viele Jahre ihre Spuren hinterlassen hatten. Ihr einst schwarzes Haar war bereits von vielen grauen Strähnen durchzogen, und ihre Finger waren knotig und steif. Ihr Gehirn jedoch funktionierte noch einwandfrei, und die alte Frau bereitete in Jerusalem die Ankunft des Messias der `Abna Ruh Allah vor. Sie war fest davon überzeugt, das Johannes ben Atrà, ihr Enkel, die Welt retten und das neue Königreich GOTTES auf Erden gründen würde. Mit Hilfe der Asnan Almasih.
„Colonel alHassathi, ich nehme an, Ihre Legionen sind einsatzbereit?“, fragte sie den Mann in der Uniform der Asnan.
„Zum Glück ist uns im Tibesti nicht das gleiche widerfahren wie den Kameraden im Toussidè“, rapportierte der kahlköpfige Bulle. „Ich habe nur einige Araber und einen guten Chef d’Legion bei der Suche nach dieser Trommel verloren, und wir haben nichts gefunden.“
„Die Trommel Dans ist zerstört“, informierte Selina die Anwesenden. „Zuerst hat aber die `Amirat nimsawia Mariam Sufya unsere Truppen in Gonder noch überfallen und an ihrer Arbeit gehindert, und nur der Sātān kann sagen, was diese Goja dort zu suchen hatte! Und warum sie sich unbedingt einmischen musste!“
„Vielleicht war sie auch hinter der Trommel her?“, spekulierte Isabella Franzens, eine jener Pilgerinnen aus Kassel, die in ihrer Heimat den Goldenen Frühling kennengelernt und sich ganz den Zielen der Awlad Alrabi verschrieben hatten. Sie verbreiteten die Kunde von der Rückkehr des Befreiers unter der Bevölkerung Jerusalems, unter Juden, Christen und Moslems, und die Botschaft traf bei so manchem auf offene Ohren.
„Sie ist schon bevor die Trommel benützt wurde vom Nil abgereist“, korrigierte Rav-Seren Aaron Anmari von der jüdischen Schutztruppe von Alt- Jerusalem. „Also, ich glaube, dass sie da noch nichts von dem Ereignis wusste!“
„Das ist doch völlig egal“, warf Pierre-Auguste leTraseur ein, der in Paris mit dem Zirkel in Verbindung gekommen war und nun bereits eine höhere Stellung im Orden innehatte. „Wichtig ist der Zeitplan! Am 26. September der christlichen Zeitrechnung beginnt das Jahr 5650 der hebräischen Zeitrechnung. Dann sind drei Mal 600 Jahre um, und wenige später Tage wird Yohannes ben Atrà drei mal sechs Jahre und kann seinen Thron beanspruchen!“
„Geduld“, mahnte Selina. „Wir haben ein Jahr Zeit. Wir müssen auch noch das siebente Schofar des Josua finden. Drei sind in Alexandrien, drei liegen im Kloster St. Katharina unter dem Berg des Moses, das siebente fehlt uns noch. Sucht es, und wir werden siegreich bleiben. Mit oder ohne die Trommel des Stammes Dan. Auch Atrà, meine Tochter, stimmt mit mir überein. Letztendlich wird das Königreich GOTTES wieder in Jerusalem errichtet werden. Und Yohannes wird die Gläubigen erlösen. Bis dahin geduldet Euch und treibt die Vorbereitungen voran.“
„Natürlich, Alsayid!“ Einer nach dem Anderen verabschiedeten sich die Mitglieder des Ordens von Selina, Walidat Atrà.
Die wartete, bis der letzte gegangen war, dann öffnete sie eine versteckte Tür, hinter welcher sechs Männer standen.
„Ich habe es bereits gehört, der Klang unserer Trommel war ein großer Erfolg!“
„Mehr als du dir vorstellen kannst, `Umu saghira“, nickte einer der Männer. „So gut, dass uns niemand entdeckt hat, als wir durch die Wüste verschwunden sind.
„Dann habt Ihr die Trommel gut hierher gebracht?“, vergewisserte sich Selina.
„Das haben wir! Sie steht jetzt geschützt vor Blicken und Wetter auf dem Dach deines Hauses hier in Jerusalem. Die MARIA M. hat uns abgeholt und am Kloster von Saint Catherine abgesetzt.“
„Gut“, freute sich die Großmutter des neuen Messias. „Dann bleibt Ihr hier in der Nähe. Wir können eine kleine Überraschung brauchen, denn schon Niccolò Machiavelli hat davor gewarnt, sich zu sehr auf Söldner zu verlassen! Aber ich möchte doch gerne wissen, was da in der Wüste Abessiniens explodiert ist! Und wie!“
=◇=
Wien
Die Nächte waren Ende Mai in Wien angenehm mild, und die Wiener, ob reich oder arm, bürgerlich oder adelig zog es in die Vororte zum Heurigen, wo man im Gastgarten ein paar Glaserln Wein genießen konnte. Bei Graf Justus von Hochloyben und seinen Freunden waren es einige Gläser mehr und bereits Nacht geworden, als sie ihren Dampffiakern zuwankten. Justus scherte zur Seite aus und näherte sich einem Baum, öffnete die Hose und verringerte in hohem Bogen den Druck auf seine Blase. Aus der Dunkelheit ertönte eine einschmeichelnde Stimme.
„Hallo, fescher Bub. Willst was schön‘s seh’n?“
„Schleich dich“, raunzte Justus ungnädig, beinahe hätte er sich die Schuhe nass gemacht. „Ich zahl‘ doch nichts für eine Straßenhur‘, da bin ich besseres g’wöhnt!“

„Wer redet denn vom zahl’n?“ fragte die Stimme, und die Besitzerin näherte sich. „Für so einen Feschack wie dich müsst‘ eigentlich ich was zahl’n!“ Sie sah wirklich eher nach einer Dame als nach einer Prostituierten aus, und auch ihre Sprache klang eher nach gehobener Gesellschaft. Fast gegen seinen Willen sah Justus doch genauer hin, als die Frau die Knöpfe ihrer Bluse langsam öffnete. Das Tal ihres Busens zog seinen Blick magnetisch an und lenkten ihn auf ein Schmuckstück, das im Rhythmus ihres Atems aufblinkte. Seine Augen wurden langsam glasig, und er bemerkte den eleganten Zeigefinger kaum, der kurz seine Nasenwurzel berührte.
„Und jetzt steigen wir in deinen Fiaker“, befahl die Fremde. „Dort kannst mir dann ein bisserl was über den ‚Goldenen Frühling‘ und deine Verbindung dazu erzähl’n! Dann gibt’s vielleicht auch ein Leckerli für dich“, sie lachte laut und sinnlich. „Oder vielleicht auch für mich!“
„Ja, selbstverständlich“, antwortete Justus gehorsam mit seltsam unmodulierter Stimme und bot der Dame seinen Arm. Die Spitzen der langen Fangzähne, welche kurz im Laternenschein aufblitzten, als sie lächelte, hatten sie die Freunde von Justus sicher nur eingebildet. Der führte die schöne Frau mit seltsam steifem Gang zu seiner Kutsche.
„Nach Hause, Robert“, befahl der Graf, während er der Fremden in den Verschlag half und danach selbst einstieg. Seine Freunde sahen der Dampfkutsche einigermaßen neidisch nach.
„Dass der Justus immer so ein Glück bei solchene feschen Weiber hat!“, bemerkte Graf August von Tannstatt. „Das würd‘ ich mir auch einmal wünschen!“
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Mai 1889
Abessinien
Die Stadt Gonder fungierte von 1636 bis 1855 als Hauptstadt des Kaiserreiches Äthiopien, seit 1796 regierte der Negus Negest jedoch nur noch das Umland von Gonder. Das restliche Land wurde von marodierenden Kriegsherren beherrscht, welche sich permanent gegenseitig bekämpften. Teils christliche gegen moslemische, muslimische gegen mosaische oder mosaische gegen christliche Fürsten und natürlich vice versa. Teils aber auch die mosaischen, abessinisch-orthodoxen oder moslemischen Herren untereinander. Die Erklärung der Fürsten für ihre Kriegshandlungen waren für alle andern ganz klar ersichtlich nur vorgeschoben, es ging wie immer und ausschließlich um die Macht. 1855 erkämpfte sich ein ehemaliger zum Provinzbeamten aufgestiegener Räuberführer mit dem Namen Thulu Bekele den Kaiserthron und ließ sich als Amanuel I zum Kaiser, zum Negus Negest von Abbessinien krönen. Er schaffte es danach tatsächlich, die Kriegsherren in zahlreichen Kämpfen zu besiegen und ganz Äthiopien zu einem gesamten Reich zu vereinen. Zum Erstaunen aller im In- und Ausland begann der Negus nach seinem Sieg eine Ära der Modernisierung und der persönlichen Freiheiten für die gesamte Bevölkerung. Auch und ganz besonders, was die Religion anging. Eine Politik, welche auch unter Tekle Haile Âto I und besonders stark seit August 1876 unter Yohannes IV fortgesetzt wurde. Es wurde allerdings kein ganz gewaltfreier Weg, den Amanuel und seine Erben eigeschlagen hatten, einige fanatische oder machtgierige Elemente versuchten immer wieder, sich gegen den Negus zu erheben. Aber bisher stets erfolglos.
Der Negus Negest Yohannes IV verlegte nach seiner Krönung 1876 seinen Regierungssitz aus unerfindlichen Gründen nach Addis Abeba. Angeblich liebte seine Gattin die dortigen warmen Quellen, und so wurde eine Stadt um ein luxuriöses Badehaus und einen Palast herum gebaut. Beziehungsweise innerhalb von weniger als sechs Jahren aus dem Boden gestampft. Gonder im Norden Abessiniens verlor nach der Verlegung des Hofes schnell an Bedeutung. Die alte Königsburg wurde zur Garnison umgebaut, die Zahl der Einwohner nahm zwar nur ein wenig, der durchschnittliche Reichtum aber sehr stark ab, da natürlich gerade die Reichen und Einflussreichen in die neue Hauptstadt zogen. Die Besitzenden siedelten eben immer schon am liebsten im Zentrum der Macht, egal wann und wo.
Die ehemalige Hauptstadt und jetziges Zentrum des mosaischen Abessinien lag nördlich des Zusammenflusses der beiden Arme des Flusses Angreb im Gebirge und war 40 Kilometer von der Stadt Weyna am Ufer des Tanasee entfernt, von dort waren es noch 75 Kilometer quer über den See Richtung Süden nach Bahir Dar, der nächsten Provinzhauptstadt. 1867, noch zu Zeiten Tekle Haile Âtos, begannen jene Bürger Gonders, welche mosaischen Glaubens waren, mit dem Bau einer neuen Synagoge und einer großen Bibliothek. Um die beiden Gebäude wurde eine burgähnliche Mauer gezogen, um die wertvollen Schriften vor Dieben und Plünderern, die es leider immer gab, zu beschützen. Die jüdischen Bürger holten nun aus den Höhlen der Umgebung jene alte Schriftrollen, welche in hermetisch verschlossenen Keramikkrügen versteckt einige Jahrhunderte überdauert hatten. Jetzt wurden sie endlich wieder geborgen, um sie in den Schreibstuben der Synagoge gewissenhaft ganz genau Zeichen für Zeichen zu kopieren und danach wieder in neuen Tongefäßen in Sicherheit zu bringen. Wie schon vorher wurden die Keramiken wieder mit Erdpech versiegelt, eine bewährte und durchaus sichere Methode. Und selbstverständlich kamen diese Krüge wieder in geheim gehaltene Höhlen, wurden sie unter Gestein und Schutt verborgen. Grotten und Verstecke, welche nur den obersten Rabbinern bekannt waren und welche auch nur Rabbinern mitgeteilt werden sollten. Die Abschriften wurden wie die alten Originale sorgfältig auf Leinenstreifen geleimt, an zwei Stäben befestigt und in Röhren aus Ton aufbewahrt. Ein gefundenes Fressen für Orville Jones und seine Frau Henrietta, während sich Henry wieder einmal auf die Suche nach jemandem machte, der seine unerschöpfliche Neugier zu stillen vermochte. Dieses Mal einen Rabbiner des Stammes Daniel. Die dankbare Bevölkerung Goders erlaubte den beiden Wissenschaftlern gerne den Zutritt in die Bibliothek, und der zwar stets neugierige, aber nie respektlose Henry war jedem Rebbe willkommen. Auch, wenn er stets alles in Frage stellte, was er hörte und immer nach dem ‚Warum‘ fragte.
„Henny, was denkst du, was bedeutet das hier genau?“, drang die Stimme ihres Mannes in Henriettas Gedanken. Orville hatte etwa drei Wochen nach der Befreiung Gonders eine der Rollen vorsichtig geöffnet und wickelte sie zum Lesen von einem Stab zum anderen. „Ich bin mir nicht sicher, ist das ein ‚He‘, ein ‚Chet‘ oder ein ‚Taw‘?“ Henrietta legte ihren Stift beiseite und gesellte sich zu ihrem Mann.
„Lass einmal sehen. Hm, man kann es so auf den ersten Blick wirklich nicht genau sagen. Versuchen wir doch eine Übersetzung mit allen drei Möglichkeiten.“
Rasch drehte Orville sein Blatt Papier um. „Das habe ich zwar schon, aber nur zu. Ich bin auf deine Interpretationen gespannt. Verdammte semitische Schriften! Dieses Amharische ist auch nicht besser! Ist dieser blöde Haken für den Selbstlaut jetzt oben, unten oder in der Mitte! Eine Druckschrift ginge ja noch halbwegs gut zu lesen, aber diese inexakten Handschriften sind so – so – inexakt eben. Ungenau halt. Wie kannst du da nur durchblicken?“ Seine Frau brach in Lachen aus.
„Sagt jemand, der auf einen Blick erkennt, ob es vier oder fünf Striche bei einem Keilschriftzeichen sind!“ Rasch, aber intensiv küsste sie ihren Mann, dann konzentrierte sie sich ganz auf die Rolle. „Also, was wir haben hier? Resch-Beth – Lamed-Mem-Beth-He – Tzade-Jod-Jod-Kaph – das ist wohl ein Chet, ein Lamed, Qoph – Mem-Ajin-Mem – Jod-Schin-Resch Aleph-Lamed… Daleth-Resch-Jod-Mem… das, das glaube ich jetzt aber nicht! Das kann gar nicht wahr sein, aber – damned!“
„Also, mein Schatz, was hast du gelesen“, schmunzelte Orville, der sich an der Ratlosigkeit seiner Frau weidete, denn ihm war es vorhin nicht besser gegangen.
„Rabbi Lemba Babbar Cohen zog mit einem Teil des Stammes Daniel vom neuen gelobten Land weiter gegen Süden. Mit sich trugen sie die Trommel der Ahnen, sie dem Zugriff von möglichen Verfolgern zu entziehen. Königin Rahat von Sha’abahr und die Rabbiner des im neuen gelobten Land Ahk’w’sehm am See T‘anha verbleibenden Teils des auserwählten Volkes GOTTES gaben ihnen das Geleit bis an das Ende des Sees und noch ein Stück weiter, bis an die Stelle, wo der Fluss gen Süd tief in die Schlucht fällt. Das – hat das die Italiener aufgehalten? Die Trommel der Ahnen? Dann müssten wir sie südlich des Tanasee suchen, aber wie weit?“ Der Amerobrite kratzte sich am Scheitel.
BILD S126-1
„Zumindest 30 Kilometer, denn diese hier erwähnten Wasserfälle sind wohl die Tissisat-Fälle. Ich vermute aber, wir müssten noch viel weiter gehen. Sehr viel weiter sogar. Aber das dürfte das Rätsel um die Trommel von Baylul eher noch um einiges größer machen. Wir müssten meiner Vermutung nach so etwa Drei-, Dreieinhalbtausend Kilometer weiter südlich, also ins Gebiet der Ndebele gehen.“
Die rothaarige Deutsche, welche heute ihr kurzes, grünes, von Franziska umgenähtes Reisekleid trug, schloss überlegend die Augen.
„Moment, da klingelt etwas bei mir. Ich habe es gleich! 1871? Ja, 1871, der Reisende und Goldschürfer Karl Mauch, diese Ruinen, welche die Eingeborenen dort im Süden – äh – ach ja, Simbabwe, also heilige Steinhäuser nannten. Dort gibt es auch einen Stamm… HOLY SHIT! Der Stamm der Lemba! Mit dem Clan der – der Buba, und die Buba gelten als die heiligen Männer der Lemba. Mauch hat damals beschrieben, dass die Lemba jüdische oder arabische Rituale und Sitten pflegen, selbst allerdings ihre Religion als musarisch bezeichnen. Musarisch – mosaisch – da gibt, also, es könnte durchaus eine etymologische Verbindung geben.“
„Stimmt“, bestätigte Orville und schob Henrietta sein Blatt zu. „Ich habe übrigens das Gleiche übersetzt. Mauch hat auch beschrieben, dass die Lemba ziemlich gute Gegenstände aus Metall herstellen können. Aus mehr als nur brauchbarem Stahl und hervorragendem Messing. Und sie haben einen Gegenstand, den sie Ngoma Lugundu nennen. Wörtlich übersetzt…“
„Die Trommel der Ahnen“, rief Henrietta laut.
„Die Trommel der Ahnen“, bestätigte der Wissenschaftler. „Interessant sind auch die Ausmaße der Trommel. Karl Mauch gibt sie mit 113,5 Zentimeter mal 68 mal 68 Zentimeter an.“
„Ja, und?“
„Eine Trommel, geformt wie ein Quader?“ Orville hob eine Braue, Henrietta hob die Schultern.
„Eine kastenförmige Schlitztrommel?“, vermutete Henny.
„Entschuldige, ich war jetzt unfair. Hier habe ich eine andere Rolle. Lies das bitte!“ Henrietta sah ihren Mann lange an, dann vertiefte sie sich in den alten Text.
„Macht eine Kiste, in welcher die Trommel transportiert werden soll. Aus Akazienholz und Gold, zweieinhalb Ellen lang, anderthalb breit und ebenso hoch. Befestigt zwei Stangen daran, sie zu tragen… Das erinnert mit an etwas – ach ja, richtig, die Bundeslade! Die gleiche Größe, nur ohne die Cherubim und goldenen Beine. Und die Stangen der Trommelkiste sollen auch nicht vergoldet sein, so wie die der Bundeslade!“
Orville schmunzelte. „Also, entweder ist das hier die originale Anleitung für die echte Bundeslade als Behälter dieser Trommel und die späteren Rabbiner haben im Exil eine Menge dazu erfunden…“
„Sag das nicht zu laut“, warnte Henrietta mit erhobenem Zeigefinger. „Die Thora ist immer und in jedem Zeichen unfehlbar!“
„Keine Sorge, mein Schatz“, beruhigte der Historiker. „Ich sage es auch nur dir!“
„Gut! Also, weiter. Die zweite Möglichkeit, die Maße haben eine kabbalistische Bedeutung!“
Orville nickte. „Aber welche, mein Schatz?“
„Keine Ahnung, verehrter Vater meines geliebten Sohnes. Kabbala und Magie haben mich nie interessiert! Nicht ausreichend verifizierbar. Andere Frage – wenn die Lemba die Trommel der Ahnen mitgenommen haben, was war dann dieses Instrument, das die Italiener vernichtet hat! Und in diesen Kasten hätte das Ding doch nie gepasst!“
„Ich wusste doch, dass du diese Fragen stellen wirst“, lachte Orville und warf seiner Frau eine Kusshand zu. „Ich liebe einfach dein helles Köpfchen!“
„Und in letzter Zeit erfreulicherweise auch vermehrt wieder meinen Hintern!“ reckte Henny besagtes Körperteil heraus und wackelte damit. „Also, wie lautet deine Antwort, was war diese seltsame Trommel bei Baylul?“
„Da habe ich wirklich nicht die geringste Ahnung“, hob Orville die Hände und nahm dann Henrietta in die Arme. „Ich suche derzeit noch nach mehr Informationen. Zum Beispiel über Königin Rahat von Sha’abar. Wenn die einen Nachfahren namens Menelik hatte…“
„Oh! Die Königin von Saba! Salomon! Da kommt ja einiges zusammen!“
„Ma, Pa, Maaa!“ rannte laut rufend ein aufgeregter Henry Jones in die Bibliothek zu seinen Eltern.
„Was ist denn los, mein Sohn“, umarmte Henrietta den Jungen.
„Es stimmt etwas nicht mit den Zahlen!“
„Mit welchen Zahlen denn, mein Liebling?“, fragte Henrietta ratlos.
„Mit den Jahreszahlen, Ma! Pass auf! Der Lehrer, also Jesus, ist doch nach dem Salome-Evangelium im Jahr 3800 des hebräischen Kalenders geboren!“
Orville hob seinen Sohn lächelnd auf einen der hohen Studierstühle. „Ich erinnere mich auch daran“, bestätigte er.
„Wenn das vor 1.889 Jahren war, dann müssten die Mosaischen doch jetzt das Jahr 5689 schreiben, oder eher mehr, die Jahre sind doch ein wenig kürzer, oder?“, rechnete Henry seinen Eltern vor.
„Das ist richtig“, lächelte Henrietta.
„Die schreiben aber erst das Jahr 5649!“, platzte Henry heraus, Orvilles Augenbrauen flogen förmlich in die Höhe.
„Wirklich?“
„Aber ja, Pa. Rabbi Kochinim hat es mir gesagt. Und der Zugsführer Joram Rosen hat es auch bestätigt. Er ist zwar ein säkularisierter Jude, aber seine Familie rechnet immer noch von der Erschaffung Adams und Evas an.“
„Dann gibt es wohl nur zwei Erklärungen. Entweder haben die Mosaischen einen Fehler in ihrer Zeitrechnung, oder aber der gute Beda Venerabilis hat sich bei der Festlegung des Jahres der Geburt des Messias verrechnet“, erklärte Orville.
„Oder beide haben Unrecht“, warf Henry ein. „Occams Rasiermesser trifft nicht immer zu. Nicht immer ist eine einfache Antwort auch die richtige.“
„Das ist völlig richtig, mein Sohn“, nickte die auf ihren Jungen sehr stolze Henrietta. „Nicht immer.“
„Und weißt du, was ganz witzig ist, Ma? Im Oktober ist es genau 1.800 hebräische Jahre her, dass der erste männliche Enkel des Lehrers geboren wurde.“
„Ernsthaft?“, hakte seine Mutter nach.
„Aber ja, Ma. Drei mal 600 Jahre. So wie in manchen Schriften der Thora ein Knabe nach drei mal sechs Jahre ein erwachsener Mann wird. Manchmal auch früher, aber in den Aufzeichnungen, die du in Lalibela gemacht hast, Ma, hat sich der Lehrer sehr für diese Rechnung eingesetzt. Und hier in Gonder ist sie ja auch üblich!“
„Und was schließt du daraus, Henry“, fragte Henny lächelnd.
„Ich bin mir nicht sicher, Ma. Ein neuer religiöser Anführer oder so? Obwohl – irgendwie wäre drei mal 666 Jahre logischer“, überlegte Henry. „Dann käme nach unserer Zeitrechnung aber 1998 heraus, oder nach der Korrektur 1969. Es wäre aber auch viel logischer, von der Geburt des Lehrers auszugehen – und vor etwa fünfzig Jahren ging es ja auch schon ganz schön rund in Europa. Besonders auffällig war diese Sache mit der neuen römischen Republik. Also, du weißt schon, Rom ruft sich zur Republik aus, Papst Pius der – der – neunte, ja, der neunte Pius ist geflüchtet. Franzosen und Spanier haben dann dem Papst wieder die weltliche Herrschaft in Rom und dem Patrimonium Petri verschafft. Und der Kirchenstaat reichte damals ja auch noch bis zum Po. In Deutschland gab es 1848 und 49 einige heftige Revolutionen und in Österreich-Ungarn kamen durch den Kaiser eine riesige Menge an Reformen zusammen. Deswegen blieb es dort ja auch halbwegs ruhig unter der Bevölkerung aller Staaten der Habsburger. Dort hat es ja schon ein Jahr vorher massiv gekracht, die Märzrevolution von 1848. Ferdinand I wirft das Handtuch und Franz Karl, der Opa von Mary wird Kaiser. In Irland und Schottland gab es Aufstände und in America ging’s auch rund! Der Punjab wurde auch damals nach einem kurzen, aber heftigen Krieg British-Indien zugeschlagen. Dazu kommt noch – nein, das ist jetzt ja alles unwichtig. Aber wenn diese Leute, die hinter Mary her gewesen sind, etwas mit dem Lehrer zu tun haben, dann rechnen sie scheinbar mit drei mal sechshundert Jahre von der Geburt vom Enkel des Lehrers an. Der heißt übrigens auch Yeshua – also Jesus! Es muss so sein, weil die gemeinen Lindwürmer, die bösen Drachen, die Diener des biblischen Tieres genau jetzt wieder aus ihren Löchern kriechen und unsere Welt mit ihrem stinkenden Atem verpesten wollen! Ha, deswegen nur drei Mal sechshundert! Die Zahl des Tieres, 666! Waw, Waw, Waw! Das sieht dann aus wie die römische drei! Wir sollten einmal die Herrscher mit der III überpr… nein, nicht jetzt, zuerst kommt das Wichtigste und Naheliegendste. Mary muss jetzt unbedingt ein magisches Schwert oder so etwas ähnliches finden, und es ist schade, dass das Blut dieser modernen Drachen nicht mehr unverwundbar macht, wenn man sie erst einmal erschlagen hat. Weil bei denen das Drachengift doch nur mehr in ihren Birnen ist!“ Er tippte an seine Stirn. „Oder – glaubt Ihr, wenn man sich mit so einem vergifteten Hirn einschmiert…?“
„Ich fürchte, davon wirst du nicht unverwundbar oder unbesiegbar, mein Schatz“, lachte Henrietta und wuschelte den Kopf ihres empört zurückweichenden Sohnes.
„MA!“, empörte sich Henry.
„Ich glaube, wir sollten wirklich Maria Sophia benachrichtigen“, überlegte Orville, und Henny nickte.
„Es könnte wirklich etwas an der Berechnung daran sein. Du bist ein wirklich kluger Junge, Henry!“
Henry duckte sich und legte die Hände über seinen Kopf. „Nein! Nicht schon wieder zausen!“
=◇=
Die Garnison in Gonder war in den letzte Tagen ziemlich gewachsen, Major Willem Okomaratu befehligte nun 100 bewaffnete Gendarmen. Einige moderne Waffen nebst Munition waren im ehemaligen Königspalast und jetzigen Kaserne noch zu finden gewesen, die freiwilligen Männer kamen aus den umliegenden Orten und Gondar selbst. Den passionierten Jägern der Umgebung den Umgang mit den modernen Repetiergewehren der Polizeikräfte beizubringen war schnell erledigt. Und der Zustrom hielt an, der Major hoffte, bald wieder einiges an Kräften zur Verfügung zu haben. Die Männer, welche sonst hier ihre Stellung hatten, waren zu einem großen Teil abgezogen worden, um die von den schweren Waffen entblößte westliche Grenze zum Sudan zu sichern und würden wohl so schnell nicht wieder zurückkommen können. Mit einem Angriff aus der Luft mit Betäubungsgasen wie im vorliegenden Fall hatte wirklich niemand bei den abessinischen Verteidigungs- und Polizeistreitkräften gerechnet. Nicht rechnen können, denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine zivile Stadt ohne Kriegserklärung mit einer Waffe angegriffen wurde, welche eigentlich nur dem Militär zur Verfügung stehen konnte, war normalerweise verschwindend gering.
Der 1864 in Wien geborene Oskar Baumann hatte bereits mit neunzehn Jahren die damals noch unerforschten Gegenden Montenegros besucht und Meisterwerke der Kartographie mitgebracht. Diese waren so gut, dass er vom Expeditionsleiter zu einer Forschungsmission nach Africa eingeladen wurde. 1885 bis 1887 nahm er daher an der Kongoexpedition unter Heinrich Oskar Ritter von Lenz teil und kartographierte den Kongostrom. Jetzt war er von seiner Aufgabe als Kartograph vom Turkan- oder Franz-Rudolph-See abgezogen und vorrübergehend der Expedition der Erzherzogin zugeteilt worden. Der Kartograph war mit dem Aviso-Luftschiff KKLS LUITPOLD in Gonder angekommen und hatte sich sofort nach der Landung auf die Suche nach Maria Sophia gemacht. Die war auch nicht schwer zu finden gewesen, denn selbstverständlich wollte sie sehen, wer und was mit dem Schiff angekommen war.
„Also, Baumann. Ich hab‘ von ihm g’hört, dass er als Kartenzeichner eine Koryphäe ist“ hatte die Erzherzogin Oskar Baumann begrüßt. „Ich hoff‘, dass das auch so stimmt. Nehm er sich doch ein Boot und lass er sich zur Insel Dek im Tanasee bringen. Wir brauchen ordentliche Karten, weil die ÖDLAG dort einen Stützpunkt bauen darf. Und ich hab‘ g’hört, er hat nicht nur zeichnen g’lernt, sondern vom Lenz auch Mineralogie und so. Kann er vielleicht auch beurteilen, wo eine gute Stell‘ wär‘, die großen Masten sicher aufzustellen?“
„Nicht mit letzter Sicherheit, Euer kaiserliche Hoheit“, bekannte der junge Mann. „Ich kann eurer Hoheit aber sagen, wo es überhaupt nicht gehen würde!“
„Na, das ist ja auch schon eine Menge wert“, gab sich Maria Sophia zufrieden. „Ist ja auch verständlich, Architekt und Statiker kann er ja wirklich nicht auch noch sein. Also, Baumann, mach er sich doch gleich an die Arbeit.“ Baumann verneigte sich tief, bis sich die Prinzessin entfernte. Dann wandte er sich um, ein Dolmetscher stand schon bereit, dem jungen Wiener bei seiner Suche nach einem Transportmittel zu helfen. Das war nicht schwer, denn die Fischer von Weyna waren immer gerne zu einem kleinen Zusatzverdienst bereit.
Der Dolmetscher Eremias Fesfaye begleitete Oskar Baumann an den See und verhandelte kurz mit dem Besitzer eines größeren Tankwas aus Papyrus, und bald konnte der Maler mit seiner Ausrüstung in dem Boot Platz nehmen, der Fischer und sein Sohn griffen zu den Paddeln und fuhren los. Es waren etwa 40 Kilometer quer über den See, für die geübten Ruderer kein Kinderspiel, aber auch kein unüberwindbares Problem. Die Insel war nicht eben klein, sie maß ganze 16 Quadratkilometer, und im Jahr 1889 lebten bereits 3.000 Einwohner ständig darauf. Auf einer vorgelagerten Insel war ein abessinisch-orthodoxes Kloster, der südliche Teil des Sees lag bereits nicht mehr in Amhara. Auf der Insel ein angenehmes Quartier zu finden, stellte sich als etwas schwieriger heraus, aber Oskar war alles andere als verwöhnt. Gleich am ersten Tag begann er mit den ersten Vermessungen und zeichnete eine grobe Karte. Es sollten noch viele wesentlich genauere folgen.
Wenig später war auch das erste große Transportluftschiff KKLS TOHORĀ der neuen Orca-Klasse aus Wien eingetroffen. Die TOHORA benötigte keinen Landemast, sie verfügte über ausfahrbare Landekufen mit starken Klammern. Die Orca-Klasse besaß zwei 320 Meter lange und 50 Meter durchmessende Rümpfe für das Helium, welche an zwei nebeneinander her schwimmende Schwertwale erinnerten. Verbunden waren die beiden in viele Kammern unterteilten Körper unten mit einem flachen Kasten mit abgeschrägten Seitenflächen für die Fracht und oben mit einer dritten Gaszelle. Wo das hintere Drittel begann ragten links und rechts zwei Flossen aus dem Frachtraum und oben zwei Finnen. Angetrieben wurde das Monster, das auch wie ein Orca gefärbt war, durch acht umschaltbare und schwenkbare Zug- und Druckschrauben, welche zum Schutz der Hülle mit breiten Ringen umgeben waren. Der Riese sollte nach den Berechnungen der Konstrukteure bei einer direkten Fahrt ohne Zwischenlandung für die über 18.000 Kilometer von Māoi Land nach Wien nur 112 Stunden benötigen. Das waren 4 Tage und 16 Stunden. Die durchschnittliche Geschwindigkeit bei einer solchen Fahrt betrug dabei stolze 160 Stundenkilometer.
Kapitän Tamatahi Wakai war eigentlich nach Wien gereist, um das Schiff der neuen Klasse direkt an der Werft zu übernehmen und mit einiger Fracht nach den Māoi-Inseln zu bringen. In Wien erwartete ihn jedoch der Befehl, vorher zwei Luftabwehrkürassiere mit 20 Artilleristen direkt von Wien nach Gonder zu transportieren. Die Strecke von knapp 4.500 Kilometern hatte das moderne Luftschiff mit seiner Beladung in nur etwas mehr als 28 Stunden hinter sich gebracht. Die beiden Kürassiere waren neu ausgelieferte, speziell für die Flugschiffabwehr konzipierte und ausgerüstete Kettenfahrzeuge. Sie waren nicht sehr groß, zumindest im Vergleich zu den Jupiter oder Scudi der Italiener. Ohne Geschützrohr betrug die Länge nur 14,2 Meter, die Rumpfbreite ohne Kette 4,9 und die Höhe 3,2 Meter. Ohne Aufbauten. Statt der für diesen Typ üblichen 10,5 Zentimeter halbautomatischen Schnellfeuerkanone waren sie mit je einem Raketenwerfer für 24 Hale’sche Raketen ausgerüstet. 12 Zentimeter durchmessende und 240 Zentimeter lange Flugkörper, welche mit Rotation ihre Flugbahn stabilisierten und einen Splittersprengkopf mit tief eingeschnittener Hülle trugen. Die Antriebsladung aus gepresstem, rauchlosem Schießpulver steckte in einer stabilen Hülle aus Ulmer Leichtstahl, wurde elektrisch gezündet und trieb die Rakete mehrere Kilometer weit. Und die neuen Kürassiere waren statt mit Maxim-Gewehre mit der Erfindung des erst 22 Jahre alten Andreas Wilhelm Schwarzlose ausgestattet. Ein neues Maschinengewehr mit verbesserter Kühlung, leichterer Bedienung und einfacher in der Produktion. Obwohl das Kaliber ebenfalls 7,62 Millimeter maß, vertrug die gesamte Konstruktion durch besseren Stahl eine weit höhere Pulverladung, was eine beträchtlich erhöhte Reichweite zur Folge hatte. Und die Waffe verschoss ganze 850 Schuss in der Minute. Theoretisch, denn nach 35 Sekunden war der Gurt mit 500 Patronen leer und musste durch einen neuen ersetzt werden. Für die Rundumverteidigung saßen diese Maschinengewehre in vier drehbaren Kasematten, eine auf jeder Seite des Kürassiers. Das schwere Fahrzeug fuhr statt auf acht Rädern auf zwei 30 Zentimeter breiten Ketten, durch starke Schürzen aus Kristallstahl in Wabenbauweise geschützt. Die mit Fresnellinsen verstärkten Suchscheinwerfer der LA-Kürassiere verfügten über einen speziellen Filter, welcher den größten Teil des sichtbaren Lichtes ausfilterten. Vor die Linsen der Beobachtungseinrichtung konnten Nachts ebenfalls entsprechende Filter geschoben werden, sodass von jedem erfassten Körper über einige Spiegel und Prismen ein helles Bild auf eine Mattscheibe reflektiert wurde. Ohne, dass der Pilot des anfliegenden Gerätes von einem sichtbaren Lichtstrahl gewarnt wurde. Einer der Kürassiere stellte seinen Scheinwerfer stets auf weite Streuung, um tieffliegende Luftschiffe so schnell wie nur möglich zu erkennen, während der zweite Scheinwerfer mit einer starker Bündelung arbeitete, um nach hoch fliegenden Körpern zu suchen. Eine Mechanik bewegte den Scheinwerfer automatisch in einem von zwölf zuvor festgelegten Suchmustern, die stumpfen Schnauzen der Hales folgten jeder Bewegung des Scheinwerfers.
Außerdem hatte die TOHORĀ drei Mulis und einen Haflinger an Bord gehabt. Die Mulis waren seit geraumer Zeit die Arbeitstiere der österreichischen Infanterie. Sie waren insgesamt etwas über fünfeinhalb Meter lang, nicht ganz zwei Meter breit und etwas über zwei Meter hoch. Ausgestattet mit zwei Hinterachsen und einer lenkbaren Vorderachse, alle Räder konnten einzeln angetrieben werden. Mit den Mulis konnte die Infanterie einen Zug in der Stärke von zehn Soldaten mit Sturmgepäck, schwerer Ausrüstung und Munition im Mannschaftsraum transportieren, den Kommandanten auf dem Beifahrersitz. Wenn man die Sitzbänke umlegte, erhielt man eine ganz respektable Ladefläche. Man konnte die Verplanung lösen und erhielt eine mobile Geschützplattform für eine 2 Zentimeter Maschinenkanone. Wenn man auch noch die Bordwände umlegte und in der Waagerechten als Vergrößerung der Ladefläche arretierte, konnte man auch eine Zehn-fünfer montieren und bedienen. Die Drehzapfen der Geschütze waren standardisiert, sodass man die Oberlafette nur einfach in die entsprechende Öffnung in der Ladefläche der Mulis stecken musste. Die großen Räder der Mulis wurden auch mit schwierigstem Gelände fertig und erlaubten auf guter Straße 80 bis 90 Stundenkilometer. Das Konzept des leichten Fahrzeuges war ganz auf die Kriegsführung in den Schluchten der Alpen zugeschnitten. Für eine Hit-and-run Strategie in unübersichtlichem Terrain. Tarnen, lauern, im richtigen Moment feuern und so schnell wie möglich wieder verschwinden. Gleichzeitig sollte es die Stellungen der Gebirgsjäger mit Nachschub versorgen und die schweren Waffen der Jäger transportieren können. Die Fahrerkabine besaß über dem Beifahrersitz eine Dachluke und einen Drehkranz für ein Maxim- oder Schwarzlose-MG. Nur Panzerung war bei diesem Fahrzeug keine vorhanden. Überhaupt keine. Nun, was in den österreichischen Bergen funktionierte, konnte auch in den abessinischen Bergen nicht ganz fehl am Platze sein.
Der Haflinger war prinzipiell genau so gebaut wie ein Muli, aber mit vier dampfhydraulischen Beinen an Stelle der Räder ausgestattet. Eine ziemlich neue Konstruktion, welche zwar auf der Straße ein wenig langsamer war, im schweren Gelände jedoch einige Vorteile in der Beweglichkeit versprach. Die ersten jetzt angelieferten Muli und der Haflinger waren mit zwei Zentimeter Kanonen auf der Ladefläche und den modernen österreichischen Maschinengewehren an der Kommandoluke bestückt. Die Erzherzogin hatte einer alten Tradition folgend beschlossen, die Ausrüstung ‚ihrer‘ Gendarmerieeinheit in Gonder zu übernehmen und in Wien die Entsendung der Fahrzeuge angefordert. Immerhin war das Rätsel um den Verbleib der Trommel der Danaiten immer noch ungelöst, und mit dem Erscheinen von Truppen verschiedener Nationen und Organisationen, welche dieses Artefakt in ihren Besitz bringen wollten, war mit Sicherheit zu rechnen. Dass einige davon eher skrupellos und gewaltsam vorgehen würden, war ebenfalls nicht unwahrscheinlich, und Maria Sophia hätte sich geschämt, die Bevölkerung jetzt im Stich zu lassen.
Die Regentin der Donaumonarchien hatte zugestimmt und die erste Ladung sofort auf den Weg gebracht, einige weitere Luftschiffe mit vier zusätzlichen Mulis und mehr Ausrüstung, unter anderem einige Dutzend Repetiergewehre mit Munition, waren eben unterwegs Die Besorgung und Verladung der Kleinteile dauerte in Kakanien eben etwas länger, das war der Fluch einer großen Bürokratie. Außer im extremen Notfall benötigte alles seine Zeit. Formulare hier, Genehmigungen da, Unterschriften dort. Die Prinzessin in Gonder gegen Luftschiffe zu verteidigen war ein Grund für schnelles Handeln, ebenso erste Verstärkung durch bewaffnete Fahrzeuge. Der Rest – nun, Buchhaltung benötigte eben ihre Zeit. Zuerst musste man jetzt einmal die Ladungen der TOHORĀ ordnungsgemäß verbuchen, damit alles seine Richtigkeit hatte. Dann in die Waffenkammer gehen, und jedes Gewehr mit Seriennummer und Lebenslauf in den Bestandslisten aus- und den Lieferscheinen eintragen. Die Munition exakt auflisten, mit Herstellungsdatum und Chargennummer, die Ersatzteile für die bereits gelieferten und noch zu verschiffenden Fahrzeuge. Ein scheinbar nicht enden wollender Papierkram. Die TOHORĀ war also einiges früher gestartet und hätte die älteren Luftschiffe auch im direkten Vergleich auf ihrem Flug weit hinter sich gelassen.
Und dann war auch noch die KKS ROSENHEIM eingetroffen, ein mittels Werner-Dampfturbinen flugfähiges, aber sonst nicht mehr ganz neues Kanonenboot mit 91 Meter Länge und 12 Meter Breite aus Port Helene. Das Boot war im Tanasee gewassert, um die äthiopischen Streitkräfte vor Ort verstärken zu können.
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„Also, Major Okomaratu, die ROSENHEIM untersteht ab jetzt dem Kommando der abessinischen Polizei.“ Maria Sophia von Habsburg-Lothringen unterzeichnete einen entsprechenden Eintrag im Logbuch. „Suchen Sie sich 9 Leute als Offiziere und 121 Personen als Mannschaften, unsere Männer werden dann ihre Anwärter ausbilden. Vielleicht können wir dann später ins Geschäft kommen, damit sie ständig hier bleibt.“
„Wir sind ihnen zu großem Dank verpflichtet, Prinzessin. Besonders für die Luftabwehrscheinwerfer und die Raketenwerfer, welche die anderen Luftschiffe bei ihrer Landung nach Gonder bringen sollen. Die Installation dieser Abwehreinrichtungen wird uns dort sehr helfen und uns unabhängig von ihren Spezialkürassieren machen. Sie und ihr Land ist sehr hilfsbereit.“ Der Polizeimajor streckte seine Hand aus, welche Maria Sophia ergriff.
„Nicht so sehr, Major. Wir erhoffen uns immer irgendwas, wenn wir etwas geben. Die Insel Dek zum Beispiel ist strategisch günstig für die ÖDLAG und leicht zu verteidigen. Und Abessinien hat auch noch einiges an Bodenschätzen zu bieten. Im Bakilisee zum Beispiel.“
„Aber – noch nicht einmal das Salz aus diesem See ist brauchbar“ verzog Willem angeekelt das Gesicht. „Es schmeckt schlecht, und solange die dort ansässigen Menschen davon gegessen haben, sind sie auch noch krank davon geworden.“
„Das habe ich gehört, Major“, schmunzelte Maria. „Ich könnte jetzt unfair sein und einige Almosen für die Schürfrechte an dem See anbieten, den Sie für wertlos halten. Aber ich möchte ehrlich sein. In dem Salz des Sees, welches die Menschen beim Verzehr töten kann, haben unsere Schürfer einige Elemente gefunden, die für uns wertvoll sind. Sehr wertvoll. Noch wertvoller als Gold, denn eines davon wird für die Herstellung von Vaporid benötigt. Nein, Major, dieser Bestandteil ist nicht geheim, diesen speziellen kennt jeder, der sich für das Vaporid und seine Herstellung interessiert. Der ist auch im englischen Steampowder. Trotzdem, wir brauchen eben auch immer wieder eine höhere Menge davon.“
„Und das sagen Sie mir, obwohl das den Preis natürlich in die Höhe treiben wird?“
Maria Sophia lachte auf. „Im Endeffekt wird es sogar billiger! Gute Geschäfte auf Gegenseitigkeit bringen lange Gewinn, immer wieder, über einen längeren Zeitraum. Unehrlichkeit bringt hingegen vielleicht kurzfristig sehr viel Geld ein, dann aber nie wieder. Außerdem werden die Salzgewinnungsanlagen am Bakilisee mitten in ihrem Land liegen – und gute Nachbarschaft ist in diesem Geschäft bereits die halbe Miete. Viel Spaß mit ihrem Spielzeug, Major. Und drahten Sie nach Addis Abeba wegen des Sees, in den nächsten Tagen hätte sich ohnehin eine Handelsdelegation dort gemeldet.“ Noch ein letzter Händedruck, und die Prinzessin stieg wieder in den Windhund, um von Weyna am Ufer des Tanasee wieder zurück nach Gonder zu fahren. Der Major wollte mit seinem eigenen fabrikneuen Muli später nachkommen.
Die Fahrt über die Ebene brachte keine großen Überraschungen mit sich, es blieb immer noch alles ruhig in der Umgehung von Gonder. Nur einmal beobachtete sie, wie der Haflinger auf der Ebene zwischen Gonder und dem Tanasee ihrem Windhund im vollen Galopp entgegen kam. Das Gerät machte sehr weite Sprünge, der Fahrer musste ordentlich durchgeschüttelt werden. Die Erzherzogin lächelte amüsiert. Die abessinischen Gendarmen, welche auf diesem Gerät eingeschult wurden, erreichten allmählich wirklich gute Fertigkeiten in der Bedienung der Steuerung, manche hatten die Instruktoren bereits weit überflügelt. Maria Sophia selbst hätte es nicht ohne Notfall gewagt, auf diesem Untergrund ein derart enges Wendemanöver auf den Hinterbeinen zu steuern wie dieser Fahrer. Doch mit den Händen von Sergent Dawyd Kamabaso an den Steuerhebeln und seinen Füßen auf den Pedalen bewegte sich das Muli wie ein gut geschultes Quarterhorse von den riesigen Weiden des nordamerikanischen Kontinents. Auch die Telegraphenstationen meldeten derzeit keine besonderen Vorkommnisse in der Umgebung, doch Maria Sophia war deshalb noch lange nicht beruhigt. Sie war sich ganz sicher, dass noch einige Trupps auf der Suche nach der Trommel von Baylul unterwegs waren. Truppen, welche nur nicht so auffällig wie jene brutale Truppe waren, welche hier in Gonder zu Gange gewesen war und viele Menschen abgeschlachtet hatte. Sie war sich auch keineswegs sicher, ob nicht ein weiterer Überfall mit einem Luftschiff erfolgen konnte. Auch, wenn die Uhus im Toussidè ganze Arbeit geleistet hatten, wer garantierte, dass es sich dabei um den einzigen Stützpunkt des Gegners gehandelt hatte? Der Windhund rollte durch das Tor in die Garnison und stellte sich zu den Husaren in eine Reihe. Als die Luke aufging, schwang sich Maria Sophia elegant aus dem Fahrzeug.
„Mary!“ Ein kleiner Körper raste auf die Erzherzogin los und klammerte sich an die sich rasch bückende Frau.
„Henry! Du bist ja ganz aufgeregt! Ist etwas geschehen?“
„Wir haben etwas herausgefunden, Mary. Die Zahlen stimmen nicht, und du musst eine magische Waffe finden!“
„Aber genau das versuchen wir doch schon, Henry!“ Maria ging vor dem Jungen in die Hocke und strich ihm eine Locke aus dem Gesicht.
„Eine Trommel“, rief Henry mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Was ist das schon! Du brauchst schon eine ordentliche Waffe, ein Schwert, eine Lanze oder so etwas! Vielleicht auch eine Rüstung, so eine wie die Walküren oder Jeanne d’Darc!“
„Wirklich? Aber der guten Jeanne ist das gar nicht gut bekommen“, bemerkte Maria Sophia.
„Aber du bist doch eine Prinzessin“, ereiferte sich der junge Jones. „Da geht es schon gut aus!“
„Erzählst du mir die Sache bitte von Anfang an“, fragte die Erzherzogin mit sanfter Stimme. Sie hatte schon immer recht gut mit Kindern umgehen können, und das Training mit Franz Rudolf machte sich bezahlt.
Der junge Jones nickte heftig. „Hast recht, Mary. Das ist immer besser! Komm mit, Ma und Pa wissen schon Bescheid, die glauben auch, dass das etwas daran ist.“ Henry zerrte am Ärmel der Prinzessin.
„Na, dann gehen wir eben!“ Maria Sophia erhob sich und nahm Henry bei der Hand. „Wo sind denn deine Eltern jetzt?“
„In ihrem Zimmer! Jetzt komm doch schon endlich mit“, zog der Knabe die lachende Prinzessin mit sich.
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„1.800 Jahre nach der Geburt des ersten Enkels“, fragte Maria Sophia ungläubig. „Das ergibt doch nicht wirklich Sinn. Eher denke ich, dass irgendwo in der Aufzeichnung der Hebräer ein Fehler von 40 Jahren ist, und in Wirklichkeit die Geburt von – nein, das stimmt nicht. Wenn diese Marjam, also die Tochter von Rahel und Ehefrau von Joseph sich eingebildet hat, dass eigentlich sie die Mutter des Messias ist und es nicht der Vater ihres Mannes gewesen ist – dann könnte der Orden schon damit rechnen. Wissen wir etwas über das Jahr 40? Nein, Moment, vierzig geboren, drei Mal sechs Jahre – 58! Was wissen wir über dieses Jahr?“
„Gaius Suetonius Paulinus wird in Britannien Statthalter. Der, der dann 61 Boudicca besiegt. Der Partherkrieg unter Nero beginnt…“, zählte Orville auf.
„Moment, Pa! Wir müssen anders rechnen, wir müssen ausrechnen, welches Jahr 3858 hebräischer Zeitrechnung in unserer ist“, rief Henry.
„Oh ja!“ Maria Sophia schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Der Rechenfehler des Beda!“
„Ja das wäre dann 97“, rechnete Henrietta rasch nach. „Kann aber eigentlich nicht sein, angeblich war da schon ein gewisser Clemens Bischof von Rom.“
„Ja, und“, überlegte Orville. „Wenn man als ersten Papst Petrus nimmt, warum soll es dann zu dieser Zeit keinen Bischof von Rom geben?“
„Mit diesen Jahreszahlen kommen wir nicht weiter“, ärgerte sich die Erzherzogin. „Das ist das reinste Chaos, und das wiederum heißt, genau genommen wissen wir nicht viel. Außer dass ein paar Wahnsinnige glauben, das Jahr ihres neuen Herrn wäre gekommen. Oder besser gesagt, wird demnächst kommen – und sie hätten das Recht, alles zu unternehmen, Mord, Totschlag und Vergewaltigung, Folter und Erpressung. Nur um einen neuen Messias in Jerusalem zu etablieren.“
„Und einen Staat Gottes zu errichten, dem alle Welt untertan ist“, bemerkte Orville.
„Immer diese verdammten religiösen Fanatiker!“ Wütend stampfte Maria Sophia mit geballten Fäusten auf.
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Entlang der größeren Handelsstraßen Abessiniens gab es in regelmäßigen Abständen Gaststätten mit gedeckten und bewachten Unterstellmöglichkeiten für Fahrzeuge und Tiere. Auch wenn diese Straßen nur aus Farbe an Felswänden und einem etwas über Kopfhöhe verlegtem Telegraphenkabel bestanden, die Versorgung der Karawanen funktionierte hervorragend. Es gab zu essen, zu trinken und einen Schlafsaal. Und da manchmal auch Frauen unterwegs waren, einen abgesonderten Raum für diese. Und natürlich Waschräume für beide Geschlechter. Nicht wirklich komfortabel, aber natürlich immer noch bequemer und sicherer als ein Biwak in einer der Nebenschluchten unter freiem Himmel. Es gab in dieser Gegend zwar schon seit längerer Zeit keine großen Räuberbanden mehr, aber wenn man seine Tiere und Waren irgendwo hinstellte, wo sie leicht mitzunehmen waren – da erlagen auch schon einmal die im Normalfall ehrlichen Bergbewohner der Versuchung.
Irgendwie waren alle diese Raststätten einander ähnlich, als hätte ein und derselbe Mann alle geplant, gebaut und betreibe sie auch. Der Geruch nach allen möglichen Gewürzen, nach kaltem Rauch und billigem Fett schwebte wie Nebel in den Gasträumen, die selten gelüftet wurden. Im Mai war es allerdings im Freien ohnehin angenehm warm im Hochland von Amhara, sodass die Reisenden gerne im Freien zusammen saßen und bei gegrilltem Ziegenfleisch, Reis und einem Pfeifchen ein Schwätzchen hielten. Wer hatte wen wann wo gesehen, wo war was gut zu verkaufen, wie konnte man Lasten besser verstauen. Die meisten reisenden Händler in Abessinischen trugen, unabhängig von ihrer Religion, leichte Baumwollhosen mit langen Hemden und eine ärmellose Weste mit vielen Taschen. Darüber wurde noch ein Burnus getragen. Ein großes Messer hatte jeder am Gürtel hängen, gleichzeitig Waffe und Vielzweckwerkzeug. Auch ein Gewehr nannten sie fast alle ihr eigen, einen Revolver nur wenige. Umso mehr fiel die Gruppe aus mehreren in Burnusse gehüllte Männer auf, welche moderne Gewehre bei sich hatten und von denen jeder einen modernen Revolver in der Gürteltasche stecken hatte. Lefaucheux 1879 Double Action mit schwenkbarer Trommel, wie Caporal Hawi Kebede von der abessinischen Gendarmerie mit Kennerblick feststellte. Allerdings ließen sich daraus keine Schlüsse auf die Nationalität der Männer ziehen, die französischen Waffen waren weit verbreitet. Sogar in Russland gab es einige hohe Offiziere, welche eine solche Waffe besaßen. In Verbindung mit den Gewehren vermutete der Gendarm allerdings in erster Linie Franzosen. Belgier – ja, möglich, die kauften auch oft französische Ausrüstung. Vielleicht auch Spanier oder Portugiesen, aber auch wenn sie kaum sprachen, ihr Akzent klang eher nicht nach der iberischen Halbinsel.
Der als Händler verkleidete Caporal Asaria Tedhome brachte nun das Gespräch auf die Trommel, welche die Italiener vernichtet hatte.
„Es gibt keine solche Waffe“, bestritt der uniformierte Hawi Kebede. „Wenn es die gäbe, wäre unser Leben bei der Gendarmerie weit einfacher. Und wir hätten auch die Truppe in Mogadischu schon zurück geschlagen. Das wäre unserer Heimat billiger gekommen als die Forteresses allemandes, die wir dort für teures Geld hin gebaut haben. Außerdem – wo sollte das Ding denn sein?“
„Auf dem Weg zurück nach Gonder natürlich“, argumentierte Asaria heftig gestikulierend. „Die Juden wohnen in Amhara, und besonders in Gonder, also werden sie ihre Trommel auch dort versteckt haben!“
„Das ist doch Unfug!“ Hawi blieb ruhig. „Es gibt in ganz Amhara keinen Ort, wo man dieses Ding verstecken könnte!“
„Ist schon klar, dass du so etwas behaupten musst, Gendarm“ ereiferte sich Asaria.
Einer der Händler mischte sich ins Gespräch. „Die Mosaischen haben ja auch ihre Schriften versteckt gehabt. Warum also nicht auch eine Trommel?“
„Und sagen nicht alte Sagen, dass der Sohn des Salomo die Bundeslade nach Amhara brachte?“
„Alles Ammenmärchen“ wehrte Hawi vehement ab. „Warum hat man denn nie etwas gefunden?“
„Die Regierung sagt uns doch nicht alles! Vielleicht weiß ja der Negus nur zu gut Bescheid. Ich würde ein solches Geheimnis auch für mich behalten!“
Die Franzosen – oder Belgier, vielleicht auch Iberer schwiegen während der Diskussion. Allerdings hielten sie die Ohren weit offen, besonders als sich ein weiterer Händler einmischte.
„Also, ich weiß ja nicht, was der DLKW geladen hatte, aber ich habe einen mit einem runden Frachtstück in etwa der richtigen Größe ungefähr eine Tagesreise weiter westlich gesehen. Er war so grob in die Richtung zum Tanasee unterwegs!“ Auch Mohamed Kidane war ein verkleideter Caporal der Gendamerie.
„Habe ich es nicht gesagt“, jubelte Asaria. „Was sagst du nun, Freund Gendarm?“
„Dass das doch alles mögliche gewesen sein kann“, beharrte Hawi!
„Aber es könnte auch die Trommel gewesen sein“, insistierte einer der echten Kaufleute.
„Es gibt keine Trommel!“ Hawi stand auf. „Ich werde jetzt zu Bett gehen, damit ich morgen nicht einen von euren Eseln erschieße, weil ich ihn für einen Gebirgsbock halte!“ Die Händler und auch die Fremden brachen in Gelächter aus. Das Gespräch drehte sich noch lange um die Trommel Dans, welche unterwegs nach Gonder in Amhara war. Ganz bestimmt, die drei Gendarmen von Major Okomaratu hatten wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Und als Bonus waren dieses Mal sogar Fremde anwesend gewesen. Die Gerüchte verdichteten sich, in jeder Station erzählte man sich das selbe. Trommel! Amhara! Tanasee! GONDER!
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Auch in Gonder war Maria Sophia in der Lage, per Telegraphie mit Wien in Verbindung und damit stets auf dem Laufenden bleiben zu können. Sie tauschte mit ihrer Mutter, der Regentin Helene, immer wieder Neuigkeiten aus. Morsen mit dem Familiencode gehörte zum Lehrstoff aller Habsburger, schon als Kinder wurden sie darin unterrichtet. Und so erfuhr Maria Sophia auch von der kurz bevorstehenden Verlobung ihrer Schwester Valerie Theresia mit François Louis. Roxane Solange hatte also ihren Vorschlag zugestimmt, die französische Kaiserin hatte nur noch die Sache mit dem Verzicht auf den Thron in die Verhandlungen eingebracht.
„Damit will sie nur für Franz Ludwig selber eine Hintertür aufmachen, im Ernstfall den Thron für sich und Frankreich beanspruchen zu können“, tastete Maria Sophia mit ziemlicher Geschwindigkeit auf dem Morsegerät. „Oder besser gesagt, für Madame Roxane. Noch nicht geborene Kinder dürften bei dieser Überlegung wohl keine große Rolle gespielt haben!“
„Natürlich“, antwortete Helene ebenfalls mit langen und kurzen Stromimpulsen. „Diese Beraterin von Roxane Solange ist ziemlich clever. Aber sie hat etwas übersehen.“
„Die pragmatische Sanktion?“
„Die pragmatische Sanktion! Jeder denkt bei diesem Gesetz nur daran, dass sie eine weibliche Thronfolge ermöglichen soll. Wenn es nur das wäre, gälte diese Regelung wirklich nur für das Erzherzogtum Österreich ob und unter der Enns. Aber die Gute vergisst dabei einen anderen Passus in diesem Dokument – die Unteilbarkeit der Habsburgischen Kronlande. Und da gehört heute auch schon Bayern dazu, nicht nur allein wegen mir. Und Roxane Solange vergisst auch die Verfassung der Vereinigten Donaumonarchien und die ihrer Mitgliedstaaten. Da gibt es einige Länder, die sind freiwillig im Bund mit Österreich, ohne Besitz der Habsburger zu sein. Die transalpischen und africanischen Reiche zum Beispiel.“
„Nun, dann hat der Franzl wohl wenig Chancen auf den kakanischen Thron“, freute sich Maria Sophia.
„Gar keine hat er“, telegraphierte Helene zurück. „Selbst, wenn Roxane oder der Frühling es schaffen sollten, dich, deinen Bruder und mich aus dem Weg zu räumen. Dann bleibt ja immer noch Helene Antonia, Gott schütze Österreich.“
„Hihi. Aber ernsthaft, gib bitte auf dich acht bei der Hochzeitsfeier, wenn die in Paris stattfindet. Erinnere dich bitte an die Bartholomäusnacht! Behauptet denn Roxane nicht immer, dass ihre Familie von den Valois und damit von den Medici abstammt? Und denk auch das Gastmahl der Burgunder an Etzels Hof im Nibelungenlied. Ich könnte für die Zeit der Hochzeit nach Paris fliegen und dich vertreten!“
„Kommt gar nicht in Frage“, tastete Helene. „Wenn, dann kommst du nach Wien und ich alte Schachtel fliege nach Paris. Aber das wird sicher kein Problem für meine Sicherheit werden, ich verlasse mich da ganz auf Hametten. Bleibst du noch ein wenig in Gonder?“
„Nun, ja! Zumindest so lange, bis ich eine neue Spur habe.“
„Gut“, morste Helene. „Ich habe dir noch drei Wespen geschickt!“
„???“
„Du wirst sie erkennen, wenn du sie siehst! Bis später, mein Kind. Küsschen!“ Maria Sophia nahm die Kopfhörer ab und schüttelte ihr Haar aus, erhob sich und verflocht ihre Finger, hob so die gestreckten Arme mit den Handflächen nach oben hoch über den Kopf, streckte die Wirbelsäule.
„Wespen, na so `was“, murmelte sie. „Wer hat denn jetzt schon wieder was austüftelt?“
=◇=
Laxenburg
Nur 17 Kilometer südlich von Wien lag die Ortschaft Laxenburg, wo die Habsburger bereits seit langem das Stammschloss der Familie von Lachsenburg nach deren Aussterben erworben hatten und als Jagdschloss nutzten. Nach und nach waren andere, modernere Gebäude hinzu gekommen, den Beginn hatte Franz I mit einer ‚echten‘ Ritterburg im Schlosspark gemacht, welche er auf eine der Inseln in einem Teich bauen ließ. Der Park wurde umgebaut und mehr wie eine natürliche Landschaft gestaltet, es wurden keine geometrisch zurechtgestutzten Alleen oder geometrischen Beete mehr angelegt. Kronprinz Franz Joseph, der flugbegeisterte Thronfolger, hatte 1857 in der Ebene zwischen dem Schloss und der Stadt Wien die k.u.k. Militärforschungsanstalt für Flugwesen erbauen lassen und nicht nur für entsprechende Mittel und Gebäude, sondern auch für ein großzügiges, nicht einsehbares Gelände gesorgt. Nach dem Tod des Prinzen wurde diese Einrichtung in Franz Joseph Kaserne umbenannt.
Für jeden, der das Forschungsgelände betreten durfte, war das auffallendste die fünf gigantischen, 500 Meter langen und 100 Meter im Radius messenden Hallen, welche wie halbe Zylinder geformt nahe den Wohngebäuden standen. Dort wurde an neuen Luftschiffen gearbeitet, neue Materialien und Bauweisen erprobt. Weniger auffallend waren ähnliche, aber wesentlich kleinere Metallbauten, welche in zwei Reihen im rechten Winkel zu den riesigen Hallen standen und ein völlig ebenes Feld begrenzten, dessen Rasen sorgfältig kurz gehalten wurde. Nach Norden war dieses Feld durch eine hohe Mauer begrenzt, deren Tor nur wenige Männer und Frauen durchschreiten durften. Selbst die Posten, welche von außen die Tore in dieser Mauer bewachten und alle Ausweise streng kontrollierten, hatten keine Ahnung, was sich hinter diesem Wall verbarg. Die Geräusche, welche immer wieder zu den Soldaten drangen, gaben ihnen auch keinen genaueren Aufschluss. Es musste allerdings schon irgend etwas mit Fliegen zu tun haben – denn was sonst sollte hier schon erprobt, erfunden und erforscht werden? Immerhin war die Entwicklung neuer Fluggeräte der einzige ausgewiesene Zweck der Anstalt. Die meisten Soldaten und Anrainer vermuteten eine Art fliegender Husar oder Landkreuzer.
Eine Vermutung, welche von Herrn Helmfried und Frau Auguste Jäger geteilt wurde. Das Ehepaar lebte im Hotel Franz Joseph in der Ortschaft Laxenburg und unternahm mit einer Staffelei, einem Koffer voller Farbe und einem photographischen Apparat auf einem Stativ lange Spaziergänge in der Umgebung, besonders im Schlosspark. Helmfried war akademischer Maler, der viele wirklich gelungene Skizzen von seinen Ausflügen mit in das Hotel brachte, während Auguste eine eifrige Architekturphotographin und gleichzeitig begeisterte Ornithologin war. Manchmal sah man sie stundenlang den Himmel über dem Park mit einem Feldstecher beobachten. Einmal hatte Helmfried auch eine Auftragsarbeit angenommen, der Bürgermeister Laxenburgs wünschte ein Portrait seiner Tochter. Bei diesem Werk bewies Herr Jäger, dass er auch Personen durchaus naturgetreu malen konnte. Das Lächeln im Gesicht der jungen Dame war erfrischend, aus den Augen funkelte der fröhliche Schalk und die vom Papa zum 16. Geburtstag geschenkte bekommene goldene Halskette mit einem kleinen Diamant schien von innen heraus zu glühen. Durchaus ein gelungenes Kunstwerk. In dieser Zeit zog Auguste mit Kamera und Feldstecher immer wieder allein los.
Die Umgebung der Forschungsanstalt Laxenburg war natürlich ein sensibles Gebiet, welches vom Evidenzbureau im Auge behalten wurde. Die Akte über Helmfried Jäger war nicht eben kurz. >Matteo Bianchi, Major des Ufficio Informazioni, geboren 6. Juli 1853 in Florenz, Schulbildung, Militärdienst, Eintritt in den militärischen Nachrichtendienst Italiens et cetera aliaque!< Auch Auguste war kein unbeschriebenes Blatt mehr. >Romina Trotta, geboren 27 Mai 1861 in Neapel, Teniente des Ufficio Informazioni….< Das Evidenzbureau war fleißig gewesen.
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Ähnliche Akten gab es über Harro Ballnus, Hauptmann des preußischen Geheimdienstes, Jaques Podresine, Capitaine des Service secretes étrangers, Cvetanka Stojanović, Glavi des Instjnkt špijunaže Serbiens und einigen Frauen und Männern mehr. In jedem Akt lagen auch noch einige Abzüge von Photos, welche die Agenten des Fürsten Hametten mit Anschütz-Kameras und stark lichtempfindlichen Filmen unauffällig geschossen hatten. Aus der Hand, eine Hundertstel Sekunde reichte schon zum Belichten der Filme. Matteo Bianchi, dunkelhaarig, Knollennase, mächtiger Vollbart, füllig. Ein Schnappschuss – Matteo im Unterhemd, mit vor den Bauch geschnalltem Lederkissen, das die Fülligkeit vortäuschte. Romina Trotta, aschblond, schmales Gesicht, lange Nase, dünne Lippen, trainierter athletischer Körperbau mit wenig Formen. Harro Ballnus, exakter Scheitel, dunkelblond, mittelgroß, ein hageres Gesicht, das an Friedrich den Großen erinnerte. Jaques Podresine, feist, ein kleines Stupsnäschen zwischen vollen Backen, ein kleiner Mund mit aufgeworfenen Lippen. Von Cvetanka Stojanović gab es die meisten Photos. Die hohen, slawischen Backenknochen gaben dem Gesicht etwas exotisch-apartes, ebenso ihre gerade Nase, die große Augen und der etwas breite Mund mit den vollen Lippen. Sie war groß und schlank, ihre Figur konnte sich durchaus sehen lassen. Die Männer des Fürsten spielten Abends mit den Karten um einen nicht eben geringen Einsatz, der Sieger durfte dann die schöne Spionin überwachen.
Die Männer und Frauen im Dienst des Fürsten zu Hametten verstanden es, selbst geheime Informationen herauszufinden und unauffällige Photographien anzufertigen. Mehr noch aber verstanden sie sich hervorragend darauf, Gerüchte in Umlauf zu bringen. Ein fliegender Landkreuzer, etwa so groß wie ein italienischer Jupiter, sollte einmal ganz in der Nähe abgestürzt sein. Natürlich hatten die in der Franz Joseph Kaserne stationierten Feldjäger das Wrack sofort eingesammelt, bis auf die letzte Schraube. Es funktioniere also wohl noch nicht so richtig. Nun, es war eben leichter, große Schiffe mit entsprechenden Kraftanlagen zum fliegen zu bringen, kleiner als ein Kanonenboot sollte es bisher problematisch sein. Aber bei den kleinen Luftschiffen für Avisofahrten, da mache man gute Fortschritte bezüglich hoher Geschwindigkeiten nahe der 200 Stundenkilometer-Marke und vielleicht sogar darüber.
Die zwei Mal drei im schwarz-gelb der Habsburger gestreift lackierten Geräte, welche sich vor den Hallen auf zwei kajakförmigen Schwimmkörpern gegenüber standen, hatten allerdings mit Landkreuzern oder andern Rad- oder Kettenfahrzeugen, ob gepanzert oder ungepanzert, nicht das Geringste zu tun. Sie bestanden aus einem aufrecht stehenden, fassförmigen Körper mit einem Durchmesser von anderthalb Meter und ebenso hoch, vorne war eine Art ovoider Käfig aus einem Stahlgerüst angebracht, ein Meter hoch und zwei Meter von vorne nach hinten, einhundertachtzig Zentimeter breit. Hinten war eine liegende Tonne angebracht, ein Meter durchmessend und anderthalb lang. An dieser Tonne gab es am Heck zwei gegenläufige Luftschrauben mit je sechs verstellbaren Propellerflügeln, welche für den Vortrieb sorgen sollten. Vier große, dreieckige Heckflossen mit beweglichen Steuerflächen lagen rund um die Heckrotoren. Aus der stehenden Tonne erhob sich ein starker Mast mit einem großen Forlanini-Rotor aus bestem Kortwitz-Stahl. Die zwischen dem Stahlgerüst am Bug liegenden Panoramascheiben aus Glas gaben den Blick auf vier Sitzplätze und einige Hebel, Pedale und Schalter sowie auf eine Platte mit verschiedenen Skalen und Zeigern frei.
Es handelte sich um die neueste Erfindung des Mailänder Konstrukteurs Enrico Forlanini und des Ingenieurs Wilhelm Kress, welcher im Juli 1836 in Sankt Petersburg als Sohn deutscher Eltern geboren wurde und später nach Österreich auswanderte. Dort besuchte er die k.u.k. technische Universität und entdeckte sein Interesse an Fluggeräten. Er war äußerst unzufrieden mit den seiner Meinung nach viel zu komplizierten Bewegungsabläufen der Flügel bei Ornithoptern und suchte angestrengt nach einer Alternative. Zuerst orientierte er sich am Flug der Insekten und versuchte einen ‚Schwirrflügler‘ zu konstruieren, doch damit waren nur unbefriedigende Ergebnisse zu erzielen gewesen. Nach Rücksprache mit Enrico Forlanini hatte er sich dann doch für einen Drehflügler entschlossen, und jetzt waren die ersten zum Einsatz tauglichen Exemplare endlich fertig gestellt und warteten auf ihre erste Aufgabe. Es handelte sich um die ersten sechs Wespen, ausgerüstet mit je vier 16 Zentimeter Hales und einer 20 Millimeter rückstoßfreien Kanone, mit automatischer Munitionszuführung. Diese Kanone erreichte zwar nur 120 Schuss in der Minute, es lagen aber ganze 500 panzerbrechende Granaten im Gliedergurt aus Metall bereit.
„Die Flieger sind ja wirklich der helle Wahnsinn“, schwärmte Sabrina Kress, die wesentlich jüngere Halbschwester des Konstrukteurs, während sie ihre dicke Lederjacke mit dem Pelzkragen anzog. Sabrina und Tanja Kress, die Tochter Wilhelms, waren bei den Testflügen aller vorherigen Versuchsmodelle involviert gewesen. Alle Kollegen waren sich neidlos einig, dass es bisher keine besseren Piloten als diese zwei Damen für diese neuen Konstruktionen in der Luftfahrt gab. Ein Umstand, der Viceadmiral Gergö Molnár dazu gebracht hatte, die Fliegerschule, die ebenfalls in Laxenburg untergebracht war, auch für Frauen zu öffnen. Als dritte militärische Einrichtung nach den Marineakademien in Triest und Fiume, aus denen bereits erste weibliche Flugschiffkapitäne hervorgegangen waren. Und er vereidigte die Damen Kress als k.u.k. Offiziere, beide im Range eines Korvettenkapitän. Die neuen Schülerinnen hatten sich bisher auf der Fliegerschule bereits recht gut bewährt. Es sollte nur noch ein Jahr dauern, und die ersten regulären Abgängerinnen der Fliegerakademie würden als Korvettenleutnant ihren Dienst als Berufsoffiziere antreten. Als Piloten von neu gebauten Wespen.
„Was ich dich schon immer frag‘n wollt‘!“ Linienleutnant Vaclav Nemec stülpte sich die Haube mit den herabklappbaren Ohrenschützern über den Kopf und setzte die Schutzbrille auf die Stirn. „Warum heiß‘n die Flieger eigentlich Wesp‘n?“
Sabrina lachte laut. „Weil mein Bruder g‘sagt hat, die Kaiserfarb‘n sind schwarz-gelb, also werd‘n wir die Geräte schwarz-gelb lackieren. Und wenn wir das machen, dann werd‘n alle Leute sowieso Wesp‘n dazu sag‘n. Also nennen wir sie doch gleich so! Fertig, Vaclav?“
„Fertig, Sabrina!“ Vaclav schlüpfte in die Gurte.
„Also, los geht’s!“ Sabrina Kress legte drei Schalter um, und die Flügel der Forlanini-Rotoren begannen sich langsam gegengleich zu drehen. „Das wird jetzt der erste richtige Langstreckenflug!“
„Wechsel alle vier Stund’n, Sabrina“, fragte der Leutnant.
„Sicher“, antwortete sie lächelnd. „Wie wir’s g’übt hab’n!“
Die Rotoren drehten sich immer schneller, die Konturen verwischten sich allmählich, wurden schließlich zu beinahe unsichtbaren Schemen. Drei der Wespen erhoben sich senkrecht in die Luft, während sich die Beine mit den Schwimmkörpern an den Rumpf falteten. Immer noch weiter steigend nahmen die Fluggeräte ihren Kurs nach Südsüdost. Korvettenkapitän Sabrina Kress flog die Wespe eins mit leichter Hand zuerst über die niederösterreichische Ebene, überquerte die Leitha und di e etwa 400 Meter hohen Hügel des hochtrabend Leithagebirge genannten Höhenzuges und streifte nach einer knappen Viertelstunde das südliche Ende des Neusiedlersees. Die Puszta breitete sich vor ihr aus, 260 Kilometer Gelände flach wie ein Teller, hin und wieder tauchten kaum 50 bis 60 Meter hohe, sanfte Hügel auf, anderthalb Stunden waren nur ab und zu ein kleines Dorf oder eine Herde Rinder oder Pferde zu sehen. Dann tauchte endlich der Balaton vor den Wespen auf, und Sabrina atmete auf. Sie hatte den Kurs über die stets gleiche Landschaft halbwegs genau getroffen, und die wenigen Meter Abweichung waren für die Fluggeräte leicht zu korrigieren. Weiter, immer weiter, das dort vorne musste Pécs, das dort unten Osijek sein. Hier die Donau, dort die Bosut und die Save, damit war man jetzt über Serbien. Nun, in beinahe 1.500 Metern Flughöhe hatten sie in ihren Wespen nicht allzu viel zu fürchten, wenn man die bekannten großen Festungen mied. Probleme könnte es erst geben, wenn man das Hochland erreichte und einige Berge, welche höher als die erreichbare Gipfelhöhe der Wespe waren, umfliegen musste.
„Kaffee?“ Pünktlich nach drei Stunden und fünfzig Minuten war Leutnant Nemec erwacht und hatte vom Rücksitz eine Dewarflasche genommen, welche das Getränk mehrere Stunde lang heiß hielt. 1874 hatte der Schotte James Dewar ein System mit ineinander liegenden und mit Vakuum getrennten Metallgefäßen für seine Experimente erfunden. Der bayrische Unternehmer Ritter Carl von Linde hatte daraus in nur einem Jahr ein serienreifes Produkt für den allgemeinen Gebrauch entwickelt und einen dankbaren Markt damit schier überschwemmt. Damit, und mit einem leistbaren elektrischen Kühlschrank. Das Militär hatte auch Interesse an großen Boxen auf der Basis der Dewarflaschen gezeigt, um die Soldaten überall im Feld mit warmem Essen versorgen zu können. Linde hatte darauf nur zu gerne reagiert und die k.u.k. Armee mit diesen Warmhaltebehältern ausgestattet. Auch wenn es derzeit natürlich nur im Manöver nötig war, die Soldaten waren dennoch über diesen kleinen Luxus erfreut. Nur wenig hob die Moral der kaiserlich-königlichen Truppen mehr als warmes, gut gekochtes Essen und ein Becher mit heißem Kaffee. Oder Tee, je nach dem individuellen Geschmack. Und nachdem die Produktion der Kästen gerade so gut lief, bot er sie auch dem deutschen Heer an. Obwohl manche Offiziere der Meinung waren, dass Essen nur eine lästige Unterbrechung des Dienstes darstelle, kaufte die Heeresleitung eine erhebliche Menge.
„Wenn schon Napoleon erkannt hat, dass eine Armee auf dem Magen marschiert, dürfen wir nicht dümmer als dieser Korse sein“, hatte Bismarck angemerkt und die Order zur Anschaffung der Ausrüstung gegeben.
Sabrina Kress schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Später vielleicht.“
„In Ordnung.“ Vaclav nippte an seinem Becher, das Getränk war noch immer warm wie frisch gekocht. „Hm! Heiß wie die Hölle, schwarz wie die Nacht, stark wie Kristallstahl und süß wir der Kuss von einer schönen Frau! Genau so muss Kaffee sein.“
„Na, da bin ich froh, dass ich meinen eigenen hab‘! Bei der Masse an Zucker, die du dir jedes Mal reinkippst!“ Sabrina verzog angeekelt das Gesicht.
„Gibt einem den richtig’n Energiekick“, grinste der Leutnant, dann wurde er formell. „Fertig zur Übernahme!“
„Sehr gut! Achtung – jetzt!“ Sabrina legte einen Schalter von links nach rechts, Vaclac wackelte kurz mit dem Rumpf.
„Habe das Ruder!“
„Sehr gut. Bestätige erfolgte Ablösung.“ Rasch trug Sabrina das Manöver in das Bordbuch mit Ort und Uhrzeit ein. „Nähe Pristina, 16.00.“ Dann lehnte sie sich gemütlich zurück und schloss ihre Augen. Dank des Lehrganges und ständigen Übungen in autogenem Training war sie beinahe sofort eingeschlafen.
Der Leutnant steuerte die Wespe weiter über die Berge des osmanischen Kosovo und Makedonien, sichtete die Orte Gilan, Kumanovo, Sveti Nicole, Demir und Kapija. Bei Polykastro erreichte er wieder eine Ebene, überflog Thessaloniki und schließlich breitete sich die Ägäis unter den drei Wespen aus. Vaclav danke jetzt der unbarmherzigen Ausbildung, in welcher er gezwungen gewesen war, ein Luftschiff ausschließlich mit Kompass und Log zu navigieren. Selbstverständlich konnte man auf diese Weise nicht ganz genau fliegen, denn der Wind und damit die Drift ließen sich nun einmal nicht so ganz genau messen und berechnen. Aber in etwa sollte ein guter Navigator das Zielgebiet schon treffen können. Und Vaclav war der beste Navigator geworden. Er hatte während der Ausbildung ein Gefühl entwickelt, irgendwie hatte er irgendwann die Drift zu fühlen begonnen. Er hatte es geschafft, sie auszugleichen und ganz instinktiv sein Ziel wesentlich genauer als alle anderen seiner Kameraden anzusteuern. Zuerst hatten die Offiziere angenommen, dass Vaclav es irgendwie schaffte, bei seinen Übungen zu schummeln. Allein, es fanden sich nie irgendwelche Beweise dafür. Noch nicht einmal eine Idee, wie er es geschafft haben könnte, die Prüfer zu betrügen. So bekam er nach Abschluss der Ausbildung sein Patent als Offizier der k.u.k. Marine und trat seinen Dienst als Korvettenleutnant bei der kakanischen Luftflotte an.Einer seiner Kapitäne machte ihm dann den Vorschlag, sich nach Laxenburg versetzen zu lassen.
„Se sein a gånz a guter Mån, Nemec“, hatte dieser Kapitän zu ihm gesagt. „Se müss’n sich åls Lehrer in da Schul‘ in Laxenburg bewerb‘n, dass wir mehr Leit‘ wie se krig’n!“ Der junge Mann war durchaus geschmeichelt, bewarb sich und erhielt ein Angebot. Und Fregattenleutnant Vaclav Nemec nahm Beförderung und Versetzung gerne an. Zuerst sollte er Kadetten seine Art der Navigation beibringen, doch mehr als ‚Ihr müsst es einfach fühlen! Macht die Augen zu, hört in euer Innerstes und erspürt die Richtung‘ konnte er nicht sagen, immer und immer wieder. Zweimal funktionierte es sogar, die beiden Kadetten lernten es, ihrem Gefühl zu vertrauen und ebenso sicher wie Nemec zu navigieren. Bei allen anderen Schülern versagte seine Methode kläglich, sein Talent ließ sich einfach nicht erlernen. Also versetzte man ihn eines Tages weiter. Es gab genug Offiziere als Lehrkräfte, man wollte das Talent Vaclavs nicht an der Schule verschwenden. Weil er nicht nur ein exzellenter Navigator, sondern auch ein hervorragender Steuermann und intelligent war, kam er in die geheime Abteilung der Fliegerschule. Dort lernte er die neue Wespe von Wilhelm Kress kennen und lieben. Und auch seine direkte Vorgesetzte, Korvettenkapitän Sabrina Kress. Letztere erwiderte seine Gefühle allerdings sehr viel schneller als die vorerst noch etwas widerspenstige und bockige Wespe. Die Schwirrflügel wollten einfach nicht, wie sie den Berechnungen nach sollten, zumindest nicht verlässlich genug. Nicht nur einmal landete ein Prototyp nach nur wenigen Metern hart auf dem Boden, wenn er denn überhaupt einmal abhob. Einmal hatte Vaclav seinen Flugversuch mit einem gebrochenen Arm bezahlt und war einige Zeit nur zu theoretischen Forschungen fähig gewesen. Dabei stieß er auf die Berichte über die Vorstellungen des Ingenieurs und Erfinders Enrico Forlanini im Park von Mailand. Er zeigte dem staunenden Publikum das Modell eines dampfbetriebenen Drehflüglers mit zwei gegenläufigen Luftschrauben. Bereits im Jahr des Herrn 1877.
Vaclav brachte diese Berichte sofort zu Kress, der sie eingehend studierte.
„Wad soll es, wer habe nichds zu verlieren“, kommentierte Wilhelm Kress, und zwischen ihm und Forlanini entstand bald ein reger Briefwechsel. Bis sich beide auf dem Gelände der Franz-Josephskaserne endlich von Angesicht zu Angesicht trafen, um gemeinsam an dem Projekt der Wespe zu arbeiten. Es mussten doch noch verschiedene Dinge angepasst, angeglichen und verbessert werden. Zum einen natürlich, weil den Ingenieuren in der k.u.k. Militärforschungsanstalt für Luftfahrt die neuesten elektrischen Tesla-Motore zur Verfügung standen, die den Mailänder in helles Verzücken trieben. Zudem zeigte ein bemanntes Gerät doch ganz andere Mucken als ein kleines Modell, das aus einem senkrechten Stab mit dem größten Gewicht am unteren Ende bestand. Und war mit dem Modell Forlaninis der Auf- und Abstieg kein Problem, stand die gesteuerte Fortbewegung noch auf einen anderen Blatt. Sie montierten noch die beiden koaxialen Luftschrauben und die dreieckigen Flossen mit den Steuerflächen an das Heck, das war dann endlich der erhoffte Durchbruch. Vaclav Nemec gelang mit diesem Prototypen der erste ruhige Flug, und Wilhelm rief zufrieden
„Nu, wenigsdenns flieschd ded Ding nu. Wenn wer noch die Ganone reingriesche, habe wer g‘wonne!“ Jetzt begannen die Berechnungen von vorn. Man musste die Balance neu bestimmen, da die Manövrierfähigkeit natürlich am Besten war, wenn die Tragschraube möglichst gerade über dem Schwerpunkt lag. Es gab selbstverständlich ein wenig Spiel, aber nicht allzu viel. Aber das war einfache Mathematik. Sobald man wusste, was welche Waffe wog, eine Arbeit weniger Minuten. Die Hales außenbords im Schwerpunkt, die Munition für die Kanone in einem Stauraum unter der Luftschraube.
Die Firma Emil Škoda in Pilsen nahm das System des vom Amerobriten Hiram Maxim erfundenen Maschinengewehrs und übertrug es auf ein 20 Millimeter Geschütz. Da aber eine Wasserkühlung zu viel Gewicht bedeutet hätte, hatte er einige Hemmungen eingebaut und damit die Kadenz der schweren Waffe auf zwei Schüsse in der Sekunde gebremst. Da der Rückstoß der Waffe für den Ladeprozess verwendet wurde, wurde der Flug der Wespe nicht wesentlich beeinträchtigt, ebenso wie bei dem Abschuss der vier Hale’schen Raketen. Nun, Wespe war schon der richtige Name für das Fluggerät, es war klein, schnell, wendig, bissig und giftig.
Wilhelm Kress war gar nicht begeistert, als er erfuhr, dass zwei seiner besten Testpiloten mit nach Africa aufbrechen sollten. Aber ein direkter Wunsch der Regentin war nun einmal ein nicht zu ignorierender Befehl. Außerdem blieb ihm ja noch seine Tochter Tanja zur Unterstützung.
„Ich helf‘ dir doch, Baba!“ hatte sie zu ihm gesagt, und er hatte ihr den Arm um die Schulter gelegt.
„Ded is richdig, Meechen. Wad is, mache mer uns über die Hornisse? Zwee Piloten, zehn Pasaschiere, zwee von de 20 Millimeter Ganone und zehn Hales? Enrico, sind sie mid an Bord?“
Der Mailänder nickte. „Natürlich. Das wird doch eine Revolution des Flugwesens!“
„Nu werd abe geglodschd und ned gegleggert, Baba! Was isd, wolle mer och `n Geräd baue, das nen Husaren drasche gann?“
„Du meensd een janz große Dranschborter, Doschder?“ Wilhelm zog die Augenbrauen hoch, und Tanja nickte.
„Schdell’s dir vor, Baba. Das Geräd landed uf dem Husaren, werd ordendlich verbolschd und schwebd mid dem Wasche davon. Im Ziel maschd man die Glammern uf, und der Husar gann davon rolle, und unser – hm, Adlas, wie der Gigand, der den Himmel dragd – also der Adlas fliechd davo und hold den nächschde!“
„Dasch isch mei Doschder!“ Wilhelm umarmte Tanja. „Gehe mersch an!“
=◇=
Vor Vaclav Nemec erschien jetzt die kleine Insel Alonissos, dann folgten Andros und Tinos, und knapp ehe Naxos in Sicht kommen sollte, erwachte Sabrina Kress aus ihrem Nickerchen. Nun war es an ihr, zum Dewar-Gefäß zu greifen und sich einen Becher Kaffee einzugießen. Dazu nahm sie noch rasch einen kleinen Riegel Bitterschokolade mit Nüssen, den sie rasch aß, ehe sie um 20.01 Uhr das Steuer wieder übernahm. Vaclav vermerkte die Uhrzeit ganz penibel.
„Wir woll’n doch festhalt’n, dass du mich jetzt um eine ganze Minute Schlaf betrügst“, tadelte er seine Verlobte scherzhaft.
„Mach die Augen und dein‘n frech’n Schnab’l zu. Schlaf endlich.“ Im Gegensatz zu ihrem Bruder und ihrer Nichte sprach Sabrina das nasale wiener Deutsch. „Sonst jammerst ja auch nicht, wenn ich dich nicht schlaf’n lass!“ Vaclav zwinkerte ihr lächelnd zu. Dann schloss er wieder die Augen, begann mit seinen Atemübungen und war bald eingeschlafen, um für seine nächste Etappe fit zu sein. Sabrina flog die Wespe weiter, überquerte Anafi und sah zu rechter Hand im Westen die Lichter des Leuchtturms auf Akra Sideros, am östlichsten Teil der Nordküste Kretas. Sie war mit ihren 32 Jahren älter als ihr Vaclav, der es erst auf 29 Jahre brachte.
Bisher hatte weder der Rang- noch der Altersunterschied beiden etwas ausgemacht, aber wie würde es in dreißig Jahren aussehen? Sie 62, er 59, sie eine alte Frau, er ein Mann in den besten Jahren. Sie musste grinsen, als sie daran dachte, was Vaclav gesagt hatte, als sie genau diese Frage einmal zur Sprache gebracht hatte. ‚Männer sagen immer, sie sind in den besten Jahren, weil sie nicht zugeben können, dass die guten schon vorbei sind.‘ Trotzdem, Frauen wurden mit 60 als alt betrachtet, und die körperlich stets schwer arbeitenden Frauen der Vergangenheit waren es auch wirklich gewesen. Die Doppelbelastung von Haushalt mit Kindern zusätzlich zum oft nötigen Broterwerb machte sich bemerkbar, sie waren einfach abgenutzt. Lange, oft sehr lange vor ihrer Zeit. Allerdings schienen sich die Reformen des Kaisers Franz Karl auch hier durchaus zu lohnen. Es gab heute durchaus auch Frauen aus den sozial benachteiligten Schichten, welche mit siebzig jünger und gesünder wirkten als vorher mit fünfzig. Vielleicht – nun ja, vielleicht könnte sie es ja doch riskieren, dem Werben des Leutnants ganz nach zu geben und ihn auch zu heiraten. Nach zwei Jahren Verlobung könnte sie es doch wirklich endlich wagen und mit Vaclav zum Altar schreiten.
„Es nahet sich rasch die Mitternacht – und die Geister, die sonst im Grabe ruh’n – halten jetzt eine ganze Stunde Wacht…“ deklamierte Vaclav.
„… und ich red‘ wie ein erschrecktes Huhn“, ergänzte Sabrina, nicht ganz korrekt. „Da vorne, das schaut aus wie der Leuchtturm von Sidi Abd ar-Rahman, und das dort drüben sollte el Alamein sein!“
„Sieht so aus!“ Der Leutnant gähnte noch einmal und nahm sich einen Becher Kaffee. „Die nächst‘n sechs Stund‘n werd’n schwierig. Stockdunkle Nacht über der Wüste, nur nach Kompass. Und dann woll’n wir hoff’n, dass wir zwisch’n Assuan und Abu Simbel auf den Nil treffen. Dann sind wir nämlich richtig!“
„Bei deine vier Stund‘ hab‘ ich keine Angst, dass wir uns verfliegen könnt‘n.“ Sabrina trug die Steuerübergabe ins Bordbuch ein. „Übrigens Vaclav, was hältst du davon, wenn wir uns in Gonder trauen lassen. Wenn’s sein muss, na ja, dort ist die ROSENHEIM, und ein Kapitän kann ja auch Trauungen vornehmen.“
„Eigentlich hab‘ ich mir mehr als eine Kriegstrauung in Uniform vorg’stellt“, überlegte Vaclav. „Aber…“
„Aber das hol’n wir später nach – wenn’st willst, mit weißem Kleid in der Kirch’n und allem drum und dran“, zwinkerte Sabrina ihrem Vaclav zu. „Aber ich hab‘ mich jetzt halt entschieden! Endgültig!“
„Na, wenn du dich endlich entschieden hast!“ Ein breites Grinsen überzog Vaclavs Gesicht. „Ich werd‘ sicher nicht mehr nein sag’n. Ich nehm‘ dann halt, was ich krieg! Obwohl, weißt du, ein weißes Kleid wird mir nicht so wirklich gut steh‘n, das füll‘ ich doch oben herum gar nicht so richtig aus. Zumindest nicht so gut wie du!“
„Depp, blöder“, schimpfte Sabrina lachend.
„Herr Depp, bitte. So viel Zeit muss sein! Und jetzt schlaf!“
Natürlich war die Nacht nicht wirklich stockdunkel, am wolkenlosen Himmel funkelten eine Unzahl von Sternen, und der Mond verwandelte die Wüste in ein dunkles Grau in verschiedenen Schattierungen. Ein Blick in die Rückspiegel, die Positionslichter der anderen Wespen waren an Ort und Stelle und folgten der Wespe I in perfekter Formation. Seine Blase meldete sich, und dankbar dachte Vaclav Nemec an die modernen Gummiwindeln mit der Einlage aus Hanf, mit Baumwolle umgeben. Einen ganzen Tag ohne Toilette, das ging eben nur mit solchen Hilfsmitteln. Flüssige Ausscheidungen waren ja kein Problem, aber bei noch längeren Überführungsflügen müssten entweder Toiletten eingebaut werden, was bei dem Platzangebot an Bord der kleinen Wespen allerdings ein Problem werden würde. Oder man musste eben eine Zwischenlandung einplanen. Vielleicht auf dem Meer. Mit einem Geschirr sichern, Hose hinunter und nach hinten vom Schwimmer weglehnen und – nun ja, das tun, was Menschen nun einmal manchmal tun müssen. Unweigerlich. Aber erst nach der Landung, im Flug – nun, vielleicht tief genug gehen wegen der Temperatur, den Einstieg als Flügeltür und arretierbar wegen des Abwindes bauen, und man könnte den Leuten unter sich im wahrsten Sinn des Wortes auf den Schädel sch… Aber nein, eine bei manchen Leuten vielleicht reizvolle, aber doch keine so gute Idee. Wenn die Menschen da unten dann zur Jagdflinte griffen – eine Schrotladung in den Allerwertesten zum Beispiel wäre wohl absolut kontraproduktiv. Den Rest des Weges auf dem Schwimmer stehend und danach Wochen auf dem Bauch liegend verbringen zu müssen klang nun wirklich nicht nach einem schönen, traumhaften Erlebnis.
Während des Fluges gingen ihm noch andere, verschiedene Gedanken durch den Kopf. Zuerst natürlich seine Freude, sein Glück, bald seine Liebste zu heiraten, dann seine nicht eben großartigen Sünden in der Vergangenheit. Er war zwar kein Kind von Traurigkeit gewesen, hatte aber immer mit offenen Karten gespielt. Noch nie hatte er vor Sabrina zu einer Frau oder einem Mädchen von großer, unsterblicher Liebe gesprochen oder dieser gar die Ehe versprochen – und bei Sabrina meinte er es ja tatsächlich ernst. Für seine früheren Eskapaden hatte er sich immer schon lieber reifere Frauen gesucht und auch stets ein Condom dabei benützt. Zum Selbstschutz, denn ein Kind konnte er sich nicht leisten, er wollte zuerst Karriere machen und fliegen. Eine venerische Krankheit war auch nicht eben sein größter Wunsch, ganz abgesehen von den eher unangenehmen körperlichen Symptomen hätte auch diese ihn an seinem Traum gehindert. Vaclav warf einen Blick auf die mit schwachen Lämpchen beleuchteten Instrumente. Barometer – die Höhe stimmte genau. Kompass – auf exaktem Kurs. Druck im Kessel – perfekt nach Plan. Leutnant Nemec griff an eine Taste und gab drei kurze Impulse auf den Heckscheinwerfer, die beiden anderen Wespen antworteten mit den gleichen Impulsen mittels der Bugscheinwerfer. Alles in Ordnung bei den anderen, alle Wespen mit Maschinen auf Kurs, die wie geplant funktionierten. Ob wohl jetzt unten in der Wüste irgendwelche Nomaden gerade eben in den Himmel gesehen hatten? Ob sie mit den dunklen Schatten vor den Sternen etwas anfangen konnten? Was sie sich wohl dabei dachten, drei Luftschiffe hoch im Himmel in Formation? In zwei Kilometer Höhe in der Nacht – die richtige Form war sicher nicht zu erkennen, nur die sich rasch bewegenden Lichter.
Um vier Uhr morgens übernahm Sabrina wieder das Ruder und vertrieb ihre Müdigkeit mit einigen Schlucken des nun allmählich doch kühler werdenden Kaffees. Schade, aber auch die Vakuumflaschen hatten nun einmal ihre Grenzen. Seit 17 Stunden flogen die Wespen nun schon wie ein Uhrwerk, Stunde um Stunden hatten sie mit einer ständigen Geschwindigkeit von 180 Kilom(etern pro Stunde bereits eine große Entfernung hinter sich gebracht. Mehr als 3.000 Kilometer waren sie nun schon von Laxenburg entfernt, und der Vaporidkessel produzierte gleichmäßig und zuverlässig den elektrischen Strom für die Teslamotore, welche leise singend die Rotoren und die Schubpropeller antrieben. Halblinks färbte sich allmählich der Himmel heller, lange konnte es nun nicht mehr dauern. Dann würde der glühende Ball der Sonne über dem Horizont sichtbar werden und auch auf der Erde ein neuer Tag beginnen. Menschen würden erwachen und ihrem Tagwerk nachgehen, einige glücklich, andere wieder unglücklich. Es würde Menschen geben, welche jetzt ihre Arbeit beendeten und ihr Heim aufsuchten, um von einer langen Nacht auszuruhen. Die Schwester des Erfinders der Wespen ging tiefer und drehte am Kompassring, um eine Linie nach der hellsten Stelle des Horizontes auszurichten. Nicht so exakt wie die Messung mit einem Sextanten, aber für eine grobe Schätzung dennoch hilfreich. Jetzt, ein erster Punkt, schnell noch den Kompassring genauer ausgerichtet. Da vorne, das glitzernde Band, der Nil! Der Kopf der Kolossalstatue war selbst von hier oben zu erkennen. Vaclav öffnete die Augen und sah sich um.
„Wir sind zu weit südlich“, bemerkte er verschlafen.
„Aber geh, wirklich“, konterte Sabrina.
„Du must mehr nach Norden steuern“, riet Vaclav.
„Ach wirklich? Was du nicht sagst“, staunte Korvettenkapitän Kress ironisch. „Wennst aufpasserst, dann segerst, dass wir ja eh schon dreh‘n.“
„Na gut!“ Schon war Vaclav wieder eingeschlafen.
=◇=
Knapp nach 14 Uhr Ortszeit gellten die Dampfsirenen der Flugabwehrkürassiere durch Gonder. Drei Mal auf und abschwellend, drei Fluggeräte näherten sich also der Stadt.
„Himmel, Arsch und Zwirn!“ Maria Sophia schloss hastig die Knöpfe ihrer Uniformbluse, welche Carl Friedrich eben langsam und voller Vorfreude bei beiden Beteiligten geöffnet hatte. „Immer wird man g’stört!“ Damit rannte sie auch bereits aus dem Zimmer, gefolgt von Maerz, welcher zwar weit weniger Knöpfe schließen musste, dafür aber um einiges mehr Probleme hatte, das zu bedeckende Corpus Voluptatis zu verstauen.
Die Raketenwerfer auf den beiden Spezialkürassieren drehten sich bereits den anfliegenden Körpern entgegen, die vorderen Teile der Lafetten wurden dabei nach oben gehoben und die Schutzblenden klappten auf. Die wachhabenden Offiziere pressten ihre Feldstecher an die Augen und versuchten, die Ankömmlinge zu identifizieren. Diese machten es ihnen leicht und sandten aus ihren Bugscheinwerfern Signale im k.u.k. Marinecode.
„Nicht feuern, sind Verstärkung aus Wien“, entzifferte Leutnant Hubert Lederwaldner, der aus Regensburg stammende Kommandant der beiden zur Artillerie zählenden Luftabwehrkürassiere. „Noch nicht feuern, aber wachsam bleiben“, bellte er in den Hörer des sperrigen Feldtelephons. Das Kabel dafür zum Gefechtsstand auf der Mauer der Garnison hatten die Soldaten sofort nach ihrem Eintreffen verlegt. „Es sin d scheinbar unsrige“, rief er der Prinzessin entgegen, als sie auf die Bastion mit dem Beobachtungsposten lief. „Wenn Hoheit erlauben wollen. Feuerbereitschaft ist noch nicht aufgehoben.“
„In Ordnung, Leutnant.“ Maria Sophia erwiderte den Salut des Offiziers. „Damit weiß ich aber immer noch nicht, was das ist! Außer – Moment mal, das sind wohl die aus Wien avisiert‘n Weps’n! Die hab’n dann aber ganz schön anzaht.“
„Die Flieger erbitten Landeerlaubnis, Hoheit.“
„Passt schon. Dort der Exerzierplatz erscheint mir g’eignet. Lassen’s das doch blink‘n, Leutnant.“
Einer nach dem anderen schwebten die Tragschrauber über den Platz, fuhren ihre Schwimmer aus und setzten sanft auf. Die Forlaninis wurden sichtbar und liefen schließlich ganz aus. Die Türen der Kanzeln wurden geöffnet und die sechs Flieger kletterten ein wenig steif und ungelenk aus ihren Sitzen. Immerhin hatten sie etwa 25 Stunden in der Lenkerkabine sitzend verbracht, nicht sehr angenehm, auch wenn man möglichst bequeme Sitze eingebaut hatte. Ein kurzes Dehnen und Strecken der Glieder, dann marschierten die Ankömmlinge auf die eben eintreffende Erzherzogin zu und machten Front.
„Euer kaiserliche und königliche Hoheit, Korvettenkapitän Sabrina Kress meldet sich mit fünf Mann und drei Wespen zur Stelle“, machte die Tochter des Konstrukteurs Meldung.
„Danke, Korvettenkapitän. Einheit ruhen lassen“, erwiderte Maria Sophia den Salut. ‚Ruhen lassen‘, das bedeutete in der Sprachregelung des österreichischen Heeres das Aufheben der starren Grundstellung des ‚habt acht‘ und bequemeres stehen. „Willkommen in Gonder, Korvettenkapitän. Das sind die avisierten Wespen?“
„Jawohl, Euer kaiserliche Hoheit“, nahm Sabrina wieder Haltung an.
„Generaloberst reicht, Kapitän“, versetzte Maria Sophia, Sabrinas Haltung wurde etwas weniger steif.
„Danke, Generaloberst.“
„Also, fesch. Wie lange waren Sie unterwegs?“
„25 Stunden und 8 Minuten, Generaloberst!“
BILD S126-4
„Reife Leistung“, gratulierte die Erzherzogin. „Lassen’s wegtreten, Kapitän. Der Quartiermeister wird ihnen Unterkünfte zuweisen. Haben’s leichte Uniformen mitbracht? Ja? Sehr gut.“ Sie drehte sich um und wies auf einen der ebenfalls die Wespen bewundernden abessinischen Gendarmen. „Sergent Chef, bringen Sie die Leute zum Quartiermeister, er soll ihnen auch Dschellabas aushändigen. Dann zeigen Sie ihnen die Räume und Waschgelegenheiten, schnappen sich sechs Männer und bringen das Gepäck der Offiziere auf deren Zimmer. Danke, wegtreten!“ Dann wandte sie sich an Sabrina Kress. „Leider hab’n wir nur zwei große Duschräume, keine Badezimmer in den Stuben. Also hab ich einen zur Damen- und einen zur Herrendusche deklariert, und zum hin- und hergeh‘n ist so eine Dschellaba schon was feines. Angenehmer wie eine Uniform. Ruhen Sie sich erst einmal aus, wir reden morgen weiter. Abtreten, Kapitän!“
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Wien
„Es ist doch nicht zu glauben, was da für Schwachsinn g’schrieb’n wird!“ Helmuth Kollomwetz wedelte mit einer Broschüre herum. „Geh Heinzi, schnorr mir bitte eine von deine Beuschelreißer!“ Der Polizist nahm einen tiefen Zug. „Danke. Also, wo? Ach ja. Da gibt’s einen gewissen Guido von List. Nein, nicht verwandt mit dem Komponisten Franz Liszt, der Guido da schreibt sich ohne ‚Z‘. Also, das ist das Statut von den Neutemplern, die was dieser Guido gründet hat. Passt’s einmal auf. ‚Wir erachten also folgendes für absolut logisch und daher keinerlei weiteren Beweisführung für nötig, als was da ist, dass der weiße nordische Mann als das höchst entwickelte menschliche Wesen zu betrachten ist und daher an oberster Stelle im Machtgefüge zu stehen hat. Denn er steht noch über dem nordischen Weibe, welche ihm untertan zu sein hat, aber immer noch hoch über allen anderen steht. Ganz so, wie es die Erberinnerung an die große europäische Urrasse beweist. Die nordischen Menschen stammen von Thule ab und waren damals schon allen Völkern überlegen, ganz so, wie es heute noch der Fall sein müsste. Wir müssen daher bereit sein, mit allen Mitteln die österreichische Regierung dazu zu bringen, die minderen Arten wieder auf die ihnen zustehenden Plätze zu verweisen!‘ Ja leck mich doch am Arsch, sind das feste Arschlöcher. Maoris und Neger als mindere Rassen zu bezeichnen ist schon ein starkes Stück. Seit die Reserl damals alle ihre Untertanen gleich g’stellt und in die Schul‘ g’schickt hat, hab’n wir‘s ja genau g’seh’n, dass die Murln mit der dunkeln Haut in der Birn‘ genau so schlau sind wie unsereins. Manchmal sogar schlauer. Neulich hat sich die Jetti, also mei Frau, operier‘n lass‘n müss’n. Kohlschwarz war der Chirurg. Ein Maori. Und verdammt gut war er, der Doktor Joseph T’ūpulā. Aber das Heftl da, das ist ja Rassismus aus der unterst‘n Schublad‘. Rassismus und der idiotischste Okkultismus, von dem je g’hört hab. Erberinnerung an die europäische Urrasse, die aus Thule kommt und von – hörts gut zu, von den Atlantern abstammt! Ich pack’s net!“
„Was hast geg’n Okkultismus“, fragte Heinz Navratil. „Also, ich sag dir, da ist nicht alles türkt. Es gibt Medien und es gibt Dinge, die wir uns net erklär’n können! Es gibt ja auch Vampir‘ und so, die Polizei hat sogar ein eigen‘s Referat dafür. Da kann man einen als unterstützend‘n Ermittler anfordern.“
„Ja, schon, Heinzi. Und vielleicht stammen wir Europäer ja auch wirklich von irgendwelche Atlanter ab. Aber wieso soll‘s uns denn besser mach‘n wie die andern. Die lernen genau so schnell wie wir, also außer der dunkeln Haut merk‘ ich kein‘ Unterschied. Wie kommen die präpotent‘n Wappler eigentlich zu ihre deppert‘n Ansicht‘n?“
„Das ist die Überheblichkeit jener, die außer Schlagworten nichts haben, auf das sie stolz sein können“, ertönte eine unbekannte Stimme von der Tür her.
Joschi Pospischil erhob sich. „Kann ich ihnen irgendwie helfen?“
„Au contraire, mein lieber Herr Inspector.“ Der etwa 50 Jahre alte Fremde trat näher und holte ein gefaltetes Papier hervor. „Mein Name ist Josef Breuer, ich bin Neurologe und Psychologe. Ich hatte vor kurzem bei der Gräfin Schwabthal ein Gespräch mit dem Fürsten von Hametten. Sehr interessanter Mann. Auf jeden Fall hat der Fürst gedacht, ich könnte ihnen bei der Lösung ihres Falles helfe.“
„Und wie, Herr Doktor“, fragte Heinrich Navratil, nachdem er das Schriftstück studiert hatte.
„Ich könnte ihnen vielleicht sagen, was für eine Art Mensch oder Organisation Sie suchen, meine Herren.“
„Das wiss’n wir schon“, versetzte Helmuth. „Einen ganz’n Hauf’n wahnsinniger, religiöser Irrer!“
„Ja, schon“, bestätigte Breuer. „Aber welche Art von Irre? Das ist doch immer die Frage. Nehmen Sie zum Exempel die Anhänger dieses Herrn List. Diese könnte man ganz leicht manipulieren, auch widersinnigste Theoreme zu glauben und einem Weg, welcher ihren ureigensten Interessen widerspricht, zu verfolgen.“
„Das werd’n wahrscheinlich Männer sein, die keine Frau will, weil’s zu deppert, ung’waschen oder ganz einfach grobe Lack’l sind“, vermutete Navratil. „Oder weil ihr Zumpferl zu klein ist. Oder sich z’schnell abbiegt.“
„Alles das ist nicht ganz falsch, und auf einige Mitläufer wird ihre These sicher zutreffen“, dozierte der Neurologe und Psychologe! „Ähnliches postuliert auch Freud in seiner Theorie zur Psychoanalyse. Ich denke, dass dieses Werk durchaus einen Durchbruch in der Behandlung diverser psychischer Leiden darstellen könnte. Wenn es einmal ausgereift ist. Aber zurück zu ihnen, Gendarm. Die Macht über Frauen, die manche Männer von Geburt an als mit geringerem Wert in Comparation, im direkten Vergleich zu dem ihren ausgestattet postulieren, kann einige schwache Männer durchaus direct in die Arme einer solchen secta insolita, einer seltsamen Sekte treiben. Die Sache darauf zu reduzieren könnte allerdings etwas decipit sein!“
„Was könnte es sein?“ Das Faktotum der Wache machte ein ratloses Gesicht.
„Entschuldigen Sie. Es könnte irreführend sein. Zum Exempel – auch die katholische Kirche hält Frauen für non idoneus, also für ungeeignet, höhere Ämter in der Kirche zu bekleiden. Dennoch sind vor allem Frauen die strenggläubigsten Katholiken. Warum? Sie wenden sich in diesem Fall von einer wissenschaftlichen Sententia, welche sie als idem valo, also als gleichwertig betrachtet ab, und hängen lieber einem Superstitiosus – einem Aberglauben an, der sie supressiert. Ich meine Unterdrückt! Warum? Ist es nur Educatio, also Erziehung? Und warum gelang es dann immer wieder einigen starken Persönlichkeiten, Frauen wie Männern, sich aus der früher allgemein vertretenen und heute völlig überalterten Ansicht einer unbewiesenen weiblichen Minderwertigkeit zu befreien? Sie sehen also, die Causae, die Gründe könnten complexer sein, als wir es ut initio suspicare, das heißt anfänglich vermuten!“
„Na dann“, meinte Walter Brunner, der unbemerkt das Bureau betreten hatte. „Nehmen Sie sich halt einmal die Akten von den Leuten vor. Vielleicht sehn’s ja wirklich was, das wir überseh’n hab’n!“
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Es ist viel über das unterirdische Wien der Habsburgermonarchie spekuliert worden. Riesige geheime Kasernen und Waffenlager, breite Straßen, auf den man mit drei Kutschen nebeneinander her fahren konnte. Gigantische Stallungen für hunderte Pferde, mit allem nur erdenklichen Luxus ausgestattete Paläste und riesige, von künstlichem Licht erhellte Gartenanlagen. Und natürlich gespenstische Katakomben, verfluchte Kammern, geheime Verliese, in denen man die unliebsamen und kritischen Zeitgenossen verschwinden lassen konnte und grausame Folterkammern, wo sadistische Folterknechte ihrem Vergnügen freien Lauf lassen konnten. Nicht alles davon war falsch. Die Gartenanlagen waren natürlich Humbug, die Straßen zwischen einigen Palästen des Herrscherhauses und den wichtigsten Regierungsgebäuden waren für maximal zwei Kutschen ausgelegt, die Stallungen für die wenigen Pferde, welche früher die Kutschen durch die Gänge gezogen hatten, standen schon Jahrzehnte leer. Die Verließe und Folterkammern hatte Maria Theresia geschlossen, und noch nicht einmal Metternich hatte es gewagt, sie zu reaktivieren.
Teile des unterirdischen Wiens bestanden aus Abwasserkanälen, durch welche an den Decken auch gut gesichert die Wasser- und die Dampfrohre sowie verlegt waren. Das gesamte System wurde regelmäßig überprüft und gewartet, eine unangenehme, aber gut bezahlte Arbeit. Andere Teile dienten den leider immer noch existierenden Obdachlosen und wenigen illegalen Zuwanderern in der kalten Jahreszeit als halbwegs trockenes und warmes Quartier. Die Polizei wusste davon, aber wenn es keine Probleme gab und auch gerade keine groß angelegte Fahndung nach jemanden stattfand, tolerierten die Beamten diese Okkupation öffentlichen Eigentums durch die Grieasler. Dafür kam dann auch schon der eine oder andere Zund aus den Katakomben, der zur Festnahme eines Flüchtigen führte. Die riesigen Kasernen waren pure Erfindung, auch wenn unter den offiziellen Kasernen unterirdische Waffen- und Munitionsbunker lagen und für den Ernstfall gut geschützte Wohnräume für die kaiserliche Familie bereitstanden. Was die Paläste anging, hatte das Gerücht nicht ganz unrecht, wenn auch die Art seiner Bewohner die wildesten Spekulationen übertraf.
Ein Zugang führte vom Gebäude des äußeren Amtes in Wien zu diesen Palästen in der wiener Unterwelt. Fürst Heinrich zu Hametten betrat mit einer Flügelmappe ein kleines Zimmerchen, in welchem sich ein Diwan und ein kleines Tischchen befanden. Zielsicher trat der Fürst an die Hinterwand, schob ein Stück der Vertäfelung beiseite und drückte auf einen elektrischen Schalter. „Hametten“, sagte er kurz in ein Mikrophon. Das Zimmerchen ruckte einmal kurz, und Heinrich wusste, dass der Lift nun nach unten fuhr. Kurz danach blinkte ein kleines Lämpchen auf, und Hametten öffnete die Tür.
„Willkommen, Fürst zu Hametten“, begrüßte eine schöne, wenn auch sehr bleiche Frau den Leiter des Evidenzbureaus. Ihre Kleidung bestand aus hellen, beinahe durchsichtigen Stoffbannen, welche eigentlich nichts versteckten.
„Danke, Anyana“, nickte der Fürst der Frau zu. „Ist der Markgraf anwesend?“
„Er ist sofort aufgebrochen, als ihm Euer Erscheinen angekündigt wurde“, bestätigte Anyana Dimitrova. Mit einer eleganten Handbewegung lud die Bulgarin den Österreicher ein, weiter zu kommen und öffnete eine andere Tür. „Bitte folgt mir, Durchlaucht.“
„Natürlich!“ Vor dem Fürsten erstreckte sich ein nicht allzu langer Gang, von dessen Decke einige erlesene Kristalllüster mit elektrischen Göbelbirnen bestückt hingen. Trotzdem war der Gang eher spärlich beleuchtet, da nur wenige der Lampen auch brannten. Als Anyana den Gang betrat, leuchteten auf dem ersten Lüster alle Lampen auf und tauchten diesen Abschnitt des Weges in helles Licht. Während sie weitergingen, flammten vor ihnen weiterhin die Lampen auf und erloschen wieder, wenn sie den Bereich der Lampen hinter sich ließen.
„Ich bin durchaus beeindruckt“, bekannte Hametten.
Anyana lächelte sparsam. „Ein paar einfache Druckschalter unter den Dielen, Durchlaucht. Keine Hexerei!“
Eine Augenbraue des Fürsten hob sich. „Tatsächlich!“
„Aber ja! Warum sich anstrengen, wenn ein wenig Metall und Bastelei den gleichen Effekt ergiebt.“
„Eine löbliche Überlegung“, äußerte sich der Fürst anerkennend. „Es sollten mehr Menschen nach dieser Effizienz streben.“
Endlich hatten sie ein bequem eingerichtetes Arbeitszimmer erreicht, und aus einem gemütlichen Sessel erhob sich Jakob, Markgraf von Höllerer. Groß, schlank, das schulterlange Haar aus der bleichen Stirn gekämmt. Er trug einen mehr als eleganten Anzug nach neuester Mode in schwarzer Farbe, ein passender Gehstock lehnte an seinem Schreibtisch.
„Mein lieber Fürst“, verbeugte sich der Markgraf und wies auf einen zweiten Stuhl. „Bitte, nehmt doch Platz! Wie geht es Euch?“
Hametten setzte sich. „Danke, Markgraf, mein Befinden ist ausgezeichnet. Ich hoffe, ihre Schützlinge und Sie selbst sind den Umständen entsprechend wohlauf?“
„Ach, es geht so“, erklärte der Markgraf. „Zumindest haben wir keinerlei Beschwerden! Anyana, ein Glas für den Fürsten!“
„Das freut mich!“ Hametten stockte kurz, als ihm die Frau einen Glaskelch mit roter Flüssigkeit reichte.
„Merlot, Wachau, 1884“, bemerkte Höllerer, und der Fürst kostete vorsichtig.
„Hervorragend“, bekannte er. „Wirklich ein exzellenter Tropfen.“
„Was bringt Euch zu mir, Durchlaucht?“, fragte Höllerer rundheraus und nippte an seinem Glas. Hametten griff in seine Mappe und überreichte Höllerer eine Liste mit vielen Namen.
„Dies, Markgraf, sind Personen, welche eine Bedrohung für das Kaiserhaus und Österreich darstellen könnten. Und sei es nur, indem sie, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, irgendwelche Informationen weitergeben. Auch ihre Familien könnten ein Informationsleck sein. Sie können aber auch durchaus unschuldig sein. Ich will, dass ihre Schützlinge diese Leute überprüfen. Wenn sie unschuldig sind und keine Gefahr darstellen, sollen sie von der Überprüfung nicht das Geringste bemerken. Gibt es allerdings eine Lücke in der Sicherheit des Landes oder unseres Herrscherhauses, dann muss es gestopft werden. Diskret natürlich. Ich will nichts von einer seltsamen Mordserie hören, und auch keine Gerüchte über Vampire, Werwölfe und schwarze Magie. Geht das klar?“ Joseph studierte die Liste, dann wandte er sich an Anyana.
„Was denkst du, Mädchen? Einer der Männer könnte dein erster Außeneinsatz im Dienste ihrer Majestät werden.“ Die jung scheinende Frau lächelte breit und zeigte dabei zwei nadelspitze, lange Eckzähne.
„Hören ist gehorchen, Markgraf Joseph!“
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Im Jahr des Herrn 1723 herrschte in Europa endlich wieder Frieden. Nur vier Jahre vorher, also 1719, hatten Österreichs Truppen im Verein mit jenen der Republik Venedig unter dem Kommando von Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan, die Osmanen aus Ungarn und Rumänien vertrieben. Die habsburgischen Lande erstreckten sich nun vom Bodensee bis zum schwarzen Meer, und die dampfbetriebenen Kanonenschaluppen mit 6 bis 10 schweren Kammergeschützen auf der Donau und, mit großen, ebenfalls mit Dampf angetriebenen Kutschenrädern ausgestattet, auch zu Lande sicherten den Frieden in den neuen Provinzen. Doch seit dem letzten Sieg bei Silistra an der Donau und den nachfolgenden Verhandlungen bis Juni 1720 trübte nur noch der frühe Tod des Thronfolgers Leopold Johann das Glück von Karl VI, Kaiser des Heiligen Reiches deutscher Nation und seiner Gemahlin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel. Der Sohn war keine acht Monate alt geworden, und nun war die 1717 geborene Tochter Maria Theresia bisher das einzige Kind und damit Erbin des Kaisers. Falls nicht doch noch ein Sohn geboren würde, was bei einer Frau mit 32 Jahren allerdings nicht unwahrscheinlich erschien. Daher interessierte sich der Wiener Hof und die Gesellschaft mehr für die neuesten Werke von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, für den fünfzehnten Ludwig, der in Frankreich eben großjährig geworden den Thron bestieg und für die Erhebung Sankt Petersburgs zur Residenz der russischen Zaren.
Nur im Juli wurde das Idyll eine Zeit lang erschüttert. Die sechsjährige Maria Theresia, welche mit ihrer Familie in der neu renovierten Burg Liechtenstein zu Gast war, verschwand mit ihrem Kindermädchen, der Frau von Ziethof, während einer Besichtigung der Höhlen in der Hinterbrühl spurlos. Einige Tage durchsuchten Landjäger die Höhlen und die umliegenden Wälder, ohne eine Spur von den Vermissten zu finden. Dann, eines Tages kamen sie frisch und munter aus einem Höhlenausgang. Nur die Augen der Damen reagierten etwas empfindlich auf die helle Sonne, verständlich nach so langer Dunkelheit. Bald schon sahen beide wieder normal, und erzählten eine sonderbare Geschichte. Maria Theresia wollte sich bei einem der Seen einen Stalagmiten genauer ansehen, dann wären sie plötzlich allein gewesen, niemand war mehr in der Nähe. Sabine, Frau von Ziethof, versuchte ruhig zu bleiben und den Weg zurück zu finden, doch dann war die Laterne ausgegangen. In der tiefen Dunkelheit gefangen, war der Prinzessin und ihrer Gouvernante mehr als bang geworden, dann hatte eine Stimme zu ihnen gesprochen. Sich mit einer Hand gegenseitig und der zweiten an dem Mann festhaltend waren sie in einen großen Saal gekommen, wo bald ein kleines Feuer ein wenig Wärme und Licht spendete. Der Mann hatte sie in ein warmes Fell gehüllt und ihnen zu trinken gegeben. Dann wären sie eingeschlafen und hätten, als sie erwachten, den hellen Ausgang gesehen. Überglücklich wären sie darauf zu gegangen. Dass mehrere Tage vergangen waren, konnten sie zuerst kaum glauben. Wäre die Freifrau von Ziethof nicht trotz ihrer Jugend als derart integre und absolut treue Person bekannt gewesen, hätte die Polizei wahrscheinlich an ein Komplott geglaubt. Wieder schwärmten Soldaten aus und durchsuchten große Teile der Höhlen, doch sie fanden weder den Mann noch das geschilderte Gemach. Man musste aufgeben, denn das unterirdische Labyrinth war einfach zu groß.
Ein Mann betrat allein die Höhle, als die Soldaten endlich abgezogen waren. Er war etwa sechzig Jahre alt und stützte sich auf einen Stock mit wertvollem Knauf. An Kleidung trug er einen unauffälligen langen Rock von waldgrüner Farbe, seine Weste war zierlich mit Goldfäden bestickt und den weißen Strümpfen sah man an, dass sie aus reiner Seide waren. Seine bis über die Schulter reichende Perücke war in der Mode der Zeit zu kleinen Löckchen frisiert und streckte sein langes Gesicht noch mehr. Der nicht sehr große Mann nickte sich selbst noch einmal zu, entzündete seine Laterne und betrat die Seegrotte. Er hatte die Pläne genau studiert und war bereits öfter mit Ortskundigen hier gewesen. Am See angekommen setzte er sich auf einen Stein und wappnete sich in Geduld. Diese wurde auch stark strapaziert, doch dann erschien ein jung aussehender Mann in dunklem, beinahe mönchisch wirkenden Anzug. Er trug keine Perücke, aber lange Haare, im Nacken von einer goldenen Schnalle gehalten.
„Ihr geht nicht mehr so bald weg, oder?“, fragte der Fremde ruhig, und der alte Mann schüttelte den Kopf.
„Nicht bevor ich mit Euch gesprochen habe!“
„Reicht es nicht, dass ich Euch das Kind und die Frau unbeschädigt zurück gegeben habe?“, murrte der langhaarige.
„Interessante Ausdrucksweise, mein Herr“, stellte der alte Mann fest. „Ich hätte den Begriff unbeschadet gewählt!“
„Nun, was wollt ihr, Mann?“
Der Mann mit der Perücke erhob sich seufzend. „Ich habe mir die Erzählungen sowohl des Kindermädchens als auch der Prinzessin Maria Theresia sehr genau angehört. Dabei gab es ein Detail, dass den anderen entgangen ist – oder sie haben es als Einbildung abgetan. Die junge Prinzessin hat geschildert, wie plötzlich ein Zahn zwischen euren Lippen hervor gewachsen und dann wieder verschwunden ist. Ich nehme an…“, der alte Mann wies auf eine Stelle im Gesicht des Anderen. „Etwa hier!“
„Ein Zahn? Gewachsen?“, fragte der Dunkelhaarige erstaunt.
„Ein Zahn! Gewachsen“, bekräftigte der Perückenträger. „Ich habe mich ein wenig mit den Mythen der Gegend vertraut gemacht. Sie gehörte einmal zum Königreich Norikum. Ein keltischer Stamm.“
„Ja? Und?“
„Es gab einen Neach-ghlcaïdh Ahanam, einen Sammler der verlorenen Seelen. Oder, wenn ein moderner Ausdruck erlaubt ist, ein Vampir.“
Der langhaarige Mann lachte laut auf. „Ihr glaubt an Vampire? An Untote? Nun, als lebender Toter müsste ich eiskslt wie jede Leiche sein. Fühlt meine Hand, sie ist ebenso warm wie eure!“
„Wer sagt denn, dass Vampire kaltblütig sein müssen?“ Der Mann rückte seine Perücke zurecht. „Nur weil sie untot sind, was auch immer damit ausgedrückt werden soll? Irgend etwas dem Blutkreislauf ähnliches muss vorhanden sein, etwas muss das Denken am Laufen erhalten. Und, verzeiht wenn ich intim werde, alle Vampire und Vampirinnen werden als sehr sinnliche und erotische Wesen beschrieben. Es ist nicht nur Gier nach Blut, welches sie antreibt, sondern auch – nun, sagen wir, dass etwas für eine Größenveränderung bei einem bestimmten Körperteil führen muss.“
„Ihr seid wohl einer der aufgeklärten Naturphilosophen?“, bemerkte der Mann.
„Sagen wir, ich halte mich für einen gebildeten und denkenden Menschen. Mein Name ist Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan. Wie kann ich Euch ansprechen?“
„Sagtet Ihr nicht etwas vom Sammler der verlorenen Seelen? Aber geboren bin ich als Salghaïr. Als Jäger.“
„Nun, Salghaïr, das Kaiserhaus schuldet Euch etwas für die unbeschadete Rückkehr der derzeitigen Erbin. Und ich denke, das Reich kann solche Menschen wie Euch brauchen. Ihr scheint nicht unbedingt auf Blut angewiesen zu sein?“
Salghaïr lachte. „Es reicht ab und zu Rind oder Schwein. Oder auch Schaf, obwohl es etwas streng schmeckt. Genau genommen sogar salzige Brühe!“
„Ach? Warum sind dann Vampire so hinter menschlichem Blut her?“
„Es ist – eine Gier“, bekannte Salghaïr. „Und natürlich Lust. Als Vampir empfindet man keine Liebe mehr, aber umso mehr…“ Er zuckte mit den Schultern. „Und was habt Ihr zu bieten, wenn ich Eurem Kaiser diene, Eugen Franz von Savoyen-Carignan?“
„Ein Leben ohne Verfolger“, versetzte Prinz Eugen. „Derzeit baut ein gewisser Johann Ludwig von Hildebrandt einen Teil meines Stadtschlosses außerhalb der Stadtmauern Wiens aus. Ich nenne es Belvedere, und der obere Teil mit den Räumen zur Repräsentation ist noch ein wenig klein ausgefallen. Ein unterirdisches Schloss, alles, was Ihr benötigt, und vielleicht ab und zu einen Staatsfeind zum Dessert.“
Der Vampir überlegte kurz, dann nickte er. „Einverstanden, Prinz Eugen von Savoyen-Carignan.“
„Dann benötigt Ihr einen anderen Namen, Salghaïr. Vielleicht Rudolf, Markgraf von Höllerer.“
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Rudolf bewohnte immer noch sein altes unterirdisches Palais unter dem Belvedere, wenn auch mittlerweile unterirdische Gänge seine Wohnstatt mit Schloss Schönbrunn und dem Palais Hametten verbanden und viele seiner Art unter Wien beheimatet waren. Sein Geheimnis war von Kaiser zu Kaiser, von engem Vertrauten des Herrschers zum nächsten weitergegeben worden.
BILD S126-5
In jeder Generation erfuhr vielleicht eine Handvoll Personen von der Existenz des unterirdischen Volkes von Vampiren. Sie und eine Schar Metamorphen dienten mit ihren speziellen Fähigkeiten dem Haus Habsburg beziehungsweise Habsburg-Lothringen. Denn Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel gebar nur noch Töchter, und so wurde Maria Theresia Herrscherin von Österreich und heiratete Franz Stepan von Lothringen. Den Mann mit dem wachsenden Zahn aber hatte sie nie in ihrem Leben vergessen und ihn, als er eines Nachts im Schloss Schönbrunn vor ihr stand, sofort wieder erkannt. Sie war 52 Jahren alt, seit vier Jahren Witwe und hatte Franz Stephan 16 Kinder geboren. Trotzdem wurden ihre Knie weich, als sie den Vampir ansah, er hatte sich nicht verändert. Und dieser Mann diente immer noch den Vereinigten Donaumonarchien.
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Das Schloss Schönbrunn mit seinen unzähligen Räumen war seit seiner Erbauung im 17. Jahrhundert als Residenz für die Ehefrau von Ferdinand II, Eleonora Gonzaga, schon oft umgebaut und erweitert worden. Das letzte Mal, als man es mit Dampfheizung und elektrischem Licht ausstattete und so aus dem 1743 zum barocken ‚Sommerschloss‘ der Maria Theresia ausgebauten Bauwerk ein ganzjährig gemütlich bewohnbares Gebäude machte. Mit ein Grund, warum die Regentin Helene das Schloss Schönbrunn der bei weitem größeren und prächtigeren Hofburg vorzog. Nun ja, ein paar Jahre noch, dann hätte der Kaiser Franz Rudolph selbst die Wahl, wo er lieber wohnen wollte. Zum 19. Geburtstag ihres Sohnes wäre auch die Renovierung des Wiener Stammsitzes der habsburgischen Kaiser an der Ringstraße endlich abgeschlossen und sie – nun, sie würde noch am selbem Tag zurücktreten und ihrem Sohn die Regierungsgeschäfte ganz offiziell übergeben, der amtierende Kardinal Erzbischof von Wien würde Franz Rudolph im Dom zu Sankt Stephan feierlich salben und zum Kaiser krönen. Sie wäre dann als Regentin sozusagen im Ruhestand, auch wenn sie selbstverständlich weiter eine beratende Stelle am Hof einnehmen würde. Vorausgesetzt natürlich, der Kaiser wünschte dies. Mit ihren 59 Jahren wäre Helene dann noch immer keine wirklich alte Frau, und ein wenig Spaß würde das Leben für sie wohl doch noch bereit halten. Hoffentlich! Sie lächelte, als sie durch die große Galerie schritt, vorbei an den hundert Mal gesiebten und geprüften Wachposten des Gardebataillons Nummer Eins in ihren flaschengrünen rotgesäumten Röcken, goldenen Epauletten und Schnüren. Auf dem Kopf die Pickehaube, welche völlig unter dem Busch aus Rosshaar verschwand. Einer nach den anderen zog, wenn sie an ihm vorbeikam, seinen Säbel und grüßte damit.
Ein paar gute Eigenschaften musste Helene ihrem verstorbenen Gatten Franz Joseph schon zugestehen, immerhin hatte er ihr vier recht gut gelungene Töchter und einen kräftigen und aufgeweckten Sohn geschenkt. Und man musste ihm zu Gute halten, er war in der Hochzeitsnacht ein zärtlicher und geduldiger Mann gewesen, der es verstanden hatte, auch in ihr die Leidenschaft zu erwecken. Seine Seitensprünge – nun, sie fand leicht Trost. Und was die Erbfolge anging, so gab es seit geraumer Zeit Präservative, seit 1855 sogar aus ganz dünnem Latex, womit auch der Liebhaber durchaus auf seine Kosten kam und seinen Spaß hatte. Nun, Franz Joseph hatte es geschafft, ihr Feuer zu entfachen, und es wollte danach eben ab und zu auch gelöscht werden. Auch heute noch. Helene blieb stehen und klopfte an eine der unzähligen Türen.
„Bist du in Dezenz, Kleines?“
„Falls du allein bist, dann komm ruhig herein, Chére Maman!“
Erzherzogin Valerie Theresia war ziemlich groß, ganze 192 Zentimeter, eine schlanke, ätherisch wirkende junge Frau, deren dunkle Locken lang über Rücken fielen. In ihrem schmalen Gesicht wölbten sich volle Lippen unter einem kecken Stupsnäschen, das beiderseits am Rücken allerliebste kleine Fältchen zeigte, wenn sie lächelte. Ihr kleiner Busen war rund und fest, ebenso der Po, ihre Beine waren lang und durchtrainiert. Sie war etwas größer als ihre Schwester Maria Sophia, aber nicht ganz so breitschultrig und muskulös gebaut. Allerdings war ihr Wille nicht schwächer, nur ihre Methoden, diesen durchzusetzen, waren weniger offenkundig und direkt.
„Was meinst du?“ Valerie hatte, nur mit einem Subligaculum bekleidet, in den Händen ein cremefarbenes langes, schulterfreies Kleid. „Dazu diesen roten Gürtel und die roten Stiefeletten und Handschuhe.“ Während sie sich umdrehte, griff die Prinzessin nach einem anderen Kleid. „Oder lieber das in Aprikot, mit der dunklen Spitze am Ausschnitt?“
„Was ist das für ein Höschen?“ Helene schnappte nach Luft. „Da ist ja von hinten gar nichts mehr davon zu sehen!“
„Der neueste Schrei aus den Revuetheatern in Wien, mon cher Maman. Das hebt den Cancan in ganz neue Dimensionen.“
„Das glaube ich sofort!“
„Maman, man muss halt mit der Zeit geh‘n.“ Erzherzogin Valerie verdrehte die Augen nach oben. „François Louis wird sich sicher nicht von so einer brav‘n Bux‘ oder einer Culotte beeindruck‘n lassen. Was trägst denn du eigentlich unter deinem Kleid?“
„Eine Création von Maître Pierre-François-Pascal Guerlain“, schmunzelte Helene. „Du weißt schon, dass es heute erst der Verlobungsball ist. Möchtest du ihm denn heute schon dein Doux Secret zeigen?“
„Was, mein Buscherl herzeigen? Eigentlich nicht, aber den Popsch kriegt er vielleicht noch zu seh‘n“, kicherte Valerie. „Man muss dem Mannsbild ein wengerl einheiz‘n, ihm zeig‘n, was ihn erwartet. Und dann muss er bis zur Hochzeit wart‘n, bis er’s kriegt, weil er nachher die nächste Zeit nicht mal in’s Puff geh’n kann. Ja, ich kann recht gemein sein, wenn ich will. Ich hab‘ mir `dacht, Maître Guerlain wär‘ ein Parfumeur?“
„Oh, das ist er ja auch. Die Création nennt sich Eau Impériale! Ein Tupf hier und einer da!“
„Maman“, rief Valerie Theresia. „Du meinst, du tragst… Und da regst du dich wegen mein Seidenhoserl auf?“
„Ach Kind, ich bin immerhin 55 Jahre alt.“ Die Regentin hob die Schultern. „Da muss man schon ein wenig mehr in ein etwas größeres Schaufenster legen, wenn man Erfolg haben will. Du bist erst 23, da hat es Frau noch leicht!“
„Ach. Reicht dir der Kardinal Erzbischof Langer leicht nimmer, oder kommt er heut‘ nicht?“ Valerie wackelte direkt obszön mit den Augenbrauen.
„Ich habe mir da vielleicht ein freches Stück herangezogen“, tadelte Helene schmunzelnd. „Aber wenigstens muss ich dir nichts mehr über die Hochzeitsnacht erzählen. Du darfst nur nicht das…“
„…das Blut vergessen. Ich weiß schon. Damit’s Leintuch ein paar Fleck‘n kriegt, wenn in der Früh‘ die Moralapost‘l kontrollier‘n kommen“, verzog Valerie das Gesicht. „Solange nur der François mitspielt.“
„Das wird er schon“, versprach Helene. „Er weiß schon, dass er keine Jungfrau bekommt, Roxane Solange weiß es, und Charles Joseph weiß es garantiert auch. Aber du darfst halt ohne Condom nur mit dem Franz Ludwig vö… – äh…“
„Ja, ist recht. Ich weiß eh schon“, winkte die Prinzessin ab. „Zum Glück gibt’s die Dinger in Paris ja an jeder Straßenecke. Wie wohl die Maria in Abessinien ihr’n Nachschub organisiert?“
„Allmählich fürchte ich, dass deine Schwester auch ohne diese Dinger nicht schwanger wird. Sonst hätte es schon passieren müssen, aber – na ja, es gibt halt Frauen, die nicht empfangen können, egal was sie versuchen. Da kann man leider auch nichts machen!“
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Vom Schloss aus gesehen hinter der Gloriette im Schlosspark von Schönbrunn stand die Fasangartenkaserne, wo die vier Regimenter des Infanteriebataillon Nummer 4, der Hoch- und Deutschmeister als die Nachfolger des ‚Deutschen Ritterordens‘ stationiert waren. Und natürlich auch die Wachposten des Schlosses Schönbrunn sowie die Garderegimenter. Hier befand sich auch der k.u.k. Hoflufthafen mit einer maximalen Kapazität von 6 mittleren Schiffen und einem großen. Die große k.u.k. Luftyacht KRONPRINZ FRANZ JOSEPH lag üblicherweise in Laxenburg, und die allerhöchste Familie begab sich mit der wesentlich kleineren AUGUSTINE vom Schloss Schönbrunn dorthin. Den Hoflufthafen hinter der Gloriette flog nun die AIGLE an, als sie die französische Kaiserfamilie zur Verlobungsfeier nach Schönbrunn bringen sollte. Das Gebäude des Hoflufthafens war äußerlich eine Stahl- und Glaskonstruktion mit elegant geschwungenen Formen, die der Hofschlosser Ignaz Gridl nach den Plänen des Hofarchitekten Franz Xaver Segenschmid baute. Das Gebäude erinnerte an einen der alten Raddampfer in voller Fahrt, mit Rammbug und Türmen an den Seiten und in der Mitte. 1880 wurde nach beinahe den gleichen Plänen auch das Palmenhaus im Schlosspark von Schönbrunn gebaut. Ein Fahrstuhl brachte die Passagiere in die Tiefe, wo eine elektrische Untergrundbahn den Lufthafen mit dem Kellergeschoss des Schlosses und dem 1849 unter Franz Karl gebauten Gästehaus auf der anderen Seite des Wienflusses an der Schlossallee verband. Die Stationen waren mit fein geädertem, weißen Carrara-Marmor ausgelegt, welcher nun mit den Fahnen der Habsburger, welche den schwarzen Doppeladler auf goldenem Grund zeigten und den blauen Fahnen mit dem goldenen Bonaparte-Adler Frankreichs verziert war.
Die Garde der Habsburger war in der Halle des Lufthafens angetreten und trug die klassischen dunkelgrünen Uniformröcke der Palastwache zu schwarzen Hosen mit breiten roten Streifen, einem Pickelhelm mit Rosshaarbusch und weißen Handschuhen bestand. Ihre Bewaffnung bestand neben den Mannlicher-Repetiergewehren der k.u.k. Armee mit zweischneidigem Bajonett auch aus einen Säbel mit Portepee. Dazu trugen die Soldaten hohe Schnürschuhen, deren Sohlen an Spitzen und Fersen Metallscheibchen aufwiesen. Damit es beim Exerzieren auch richtig schön laut knallte und hallte. Als kaiserliche Familie Frankreichs stand den Bonapartes ein wirklich großer Empfang zu, ein gesamtes Garderegiment. Zweihundert Mann standen sich in je vier Reihen gegenüber, das Gewehr bei Fuß, zwischen sich einen roten Teppich. Der Lift, welcher an die Luke der AIGLE gedockt war, sank herab und stoppte, die Türen glitten auseinander und Charles Joseph Napoleon IV Bonaparte trat in seiner dunkelblauen Uniform und dem in Gold gesäumten und betressten Überrock mit den goldenen Ärmelaufschlägen und Epauletten als erster aus der Kabine. Oberst Konrad Baron Lassitz brüllte sein „Haaabt acht“, 400 Fersen knallten synchron aneinander, 200 Gewehreläufe wurden an die Oberschenkel gerissen. „Das Gewehr prääsen-tiert!“ Die Gewehre wurden hochgerissen, an der Mitte genommen, noch stärker angehoben und die rechten Hände in Bauchhöhe an die Gewehrschlösser gelegt. Dann machte der Oberst kehrt und salutierte vor dem Gast. Die Militärkapelle intonierte die ziemlich schwungvolle französische kaiserliche Hymne ‚Vive l’empereur Napoléon‘ von Hector Berlioz und danach das eher getragene österreichische ‚Gott erhalte, Gott beschütze‘ von Franz Joseph Haydn. Danach ging die Regentin Helene mit ihrem Sohn Franz Rudolph von einem Ende des roten Teppichs los, während Charles Joseph, Roxane Solange und François Louis von ihrer Seite her die Ehrengarde abschritten. In der Mitte trafen sie einander, und Charles küsste die Hand der Regentin, während der in die österreichische Gardeuniform gekleidete vierzehnjährige Franz Rudolph jene von Roxane Solange küsste, dann salutierten Kaiser und Thronfolger voreinander, während die Damen nach einem Hofknicks voreinander eine Umarmung andeuteten und jeweils vier Küsse in die Luft hauchten.
Letztendlich hatte sich Prinzessin Valerie Theresia für das cremefarbene Kleid mit den roten Accessoires entschieden, und darin schwebte sie Abends pünktlich der vorher festgelegten Choreographie folgend die große Treppe des Schlosses herunter, während sie die Gäste unten im Festsaal bereits erwarteten. Natürlich waren viele Würdenträger des französischen Hofes zu diesem Ball angereist, und auch die anderen europäischen Staaten hatten durchaus hochrangige Vertreter zu diesem Ereignis entsandt. Es geschah immerhin nicht so oft, dass eine erste offizielle Begegnung vor einer Verlobung auf allerhöchster Ebene stattfand. Das laute Pochen eines Stabes machte die Gäste darauf aufmerksam, dass es Zeit war, sie öffneten eine Gasse für die Braut in spe, die Herren verneigten sich tief, die Damen machten den Hofknicks, während Valerie Theresia lächelnd an ihnen vorüber schritt und hier und da jemandem zunickte oder gar winkte. Charles Joseph Napoleon Bonaparte und Roxane Solange de Beauvoise wichen etwas zur Seite, ebenso Helene und Franz Rudolph, sodass nur noch François in seiner mittelblauen Gardeuniform mit den vielen goldenen Schnüren am Ende des Ganges aus Personen auf seine künftige Braut wartete. Von irgendwo her tauchte der Zeremonienmeister Istvan Freiherr Waraszen auf und stieß seinen Stab drei Mal lautstark auf den Boden.
„Es ist mir eine Ehre, Euer kaiserlichen Hoheit den Dauphin von Frankreich, Prinz François Louis Napoleon Bonaparte, Herzog der Dauphiné, Graf von Isere, Träger des Ehrenkreuzes der Legion, des Dionysoskreuzes, des Ordens für besondere Verdienste, Colonel der Garde von Paris vorzustellen. Euer kaiserliche Hoheit, ich darf Euch Prinzessin Valerie Theresia von Habsburg, Prinzessin von Österreich, Bayern, Ungarn, Böhmen und Illyrien, Herzogin von Piemont vorstellen.“
„Ich bin erfreut, Monsieur le Prince!“ Valerie hob ihre behandschuhte Hand und François Louis beugte sich darüber, während er die Haken zusammen schlug.
„Madame la Princesse! Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Darf ich Euch sagen, dass Ihr sehr schön seid, Erzherzogin?“
„Das hört jede Frau gerne, Dauphin“, lächelte die Österreicherin. „Auch wenn es nur ein nett gemeintes Kompliment ist!“
„Ihr verkennt mich, meine Liebe!“ François hielt die Hand Valeries immer noch in seiner.
Jetzt setzte auch das Orchester mit den ganz neuen Johann Strauß Walzer Sinnen und Minnen wieder ein, und die Beiden konnten leise mit einander sprechen, ohne dass der ganze Saal es hörte.
„Ich meine es völlig ernst! Darf ich Euch um…“
„So schnell, mon Dauphin? Ohne vorher ein wenig zu plaudern und zu schäkern?“ Die Prinzessin zog einen Schmollmund.
„… den nächsten Tanz bitten, verehrteste Cousine,“ lachte der Franzose amüsiert. „Das andere haben doch unsere Mütter schon lange beschlossen. Wir dürfen dann ja und Amen sagen und irgendwann heute Abend das Verlöbnis bekannt geben!“
„Ihr liebt mich also gar nicht, mein Herr“, neckte Valerie, sich echauffiert gebend. „Nein, keine Sorge, mon Cousin. Ich weiß recht gut Bescheid über euren Lebensstil, und ich hoffe, der meine ist Euch nicht gänzlich fremd.“
„Nun! Nach allem, was man mir über die österreichischen Prinzessinnen erzählt hat, schätze ich einmal, Ihr seid schon lange keine Jungfrau mehr. In der Hochzeitsnacht werden wir eben ein wenig tricksen müssen!“ Valerie und François hatten bereits Kilometer im Dreiviertel-Takt getanzt und benötigten keine Konzentration mehr, um den Takt zu halten.
„Wir haben also ein durchaus ähnliches privates Verhalten und müssen uns eben damit abfinden, dass es eine politische Hochzeit wird“, stellte Valerie fest. „Wir können untereinander also auf verliebtes Gesäusel, Geturtel und großartige Floskeln verzichten. Lächeln, François, ich sagte untereinander. In der Öffentlichkeit sind wir doch ab heute ein Liebespaar. Ganz schwer ineinander verliebt.“ Mit einem strahlenden Lächeln blickte Valerie François in die Augen, dessen Mundwinkel sich wieder nach oben bewegten. Ein Jouer für die Gäste, auch wenn diese ohnehin Bescheid wussten. Der Schein, der heilige Schein musste auf jeden Fall gewahrt bleiben.
„Ich gestehe, meine liebe Valerie, dass Ihr mich schon ein wenig überrascht. Bei eurer Schwester habe ich mit solch direkten Worten gerechnet, aber bei Euch?“ Während einer Tanzfigur legte sich Valeries Hand mit einer zärtlichen Geste an die Wange des Dauphin.
„Mein armer Cousin. Ich mag Euch, François, ganz ehrlich. Und ich respektiere Euch auch, als Mensch und als Thronfolger. Aber woher soll denn die Liebe kommen, wenn wir noch nie mehr als ein paar mehr oder weniger offizielle Phrasen gewechselt haben? Vielleicht erblüht l’Amour ja noch, wenn wir uns erst näher kennen lernen.“
„Damit kann ich leben“, lachte der französische Prinz.
„Und ich verspreche Euch, mein lieber Cousin, dass alle meine Kinder ausschließlich von Euch sein werden, solange Ihr lebt“, strahlte Valerie ihn an.
„Le Parsienne?“ schmunzelte der, und Valerie nickte.
„Oder le Bijous! Und ich wünsche von Euch das gleiche, mein Dauphin. Ich weiß sehr wohl, was ein Kavaliersschnupfen ist. Wenn auch bislang nur aus der Theorie. Ich gestehe aber, wenig Interesse zu haben, selbst daran zu erkranken und die Symptome in der Praxis kennen zu lernen.“
„Das ist – fair, nehme ich an.“
„Lächeln, François, nicht auf das Lächeln vergessen. Wir sind verliebt, mon Cousin. Es ist sogar sehr fair, ebenso wie der Arzt, den ich aus Wien mitbringen und Euch regelmäßig auf den Hals hetzen werde! Lacht doch noch einmal, Cousin!“
„Ihr verhandelt hart, Cousine“, schluckte Franz Ludwig. „Und wenn ich mich einmal nicht daran halte?“
Valerie lachte glockenhell auf. „Dann werdet Ihr Euch wünschen, es doch getan zu haben. In mein Bett solltet Ihr dann nicht mehr kommen, wenn Euch an eurem Bite etwas liegt. Das verspreche ich Euch. Lächeln, Cousin, lächeln!“
„Soeben hat sich mein Bite irgendwo in der Magengegend versteckt. Nun gut, ich werde keinen Kavaliersschnupfen mit nach Hause bringen, und auch sonst keine venerischen Krankheiten.“
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„Dann, mein lieber Cousin, sind wir uns ja einig!“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Wollt Ihr mich auf einen Spaziergang begleiten, mein Prinz?“
„Aber ja, meine Prinzessin“, bot er ihr den Arm, und sie nahm ihn.
„Keine Sorge, François, es wird heute keine schlimmen Überraschungen mehr geben. Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte, jetzt möchte ich wirklich nur noch ein wenig mit Euch plaudern, Euch noch ein wenig näher kennen lernen. Welche Musik zieht Ihr denn vor, vom Cancan einmal abgesehen? Und gibt es die Möglichkeit für mich, in Paris eine solche Revue einmal selbst zu sehen?“
„Ihr überrascht mich, ma Cousine.“ François blieb stehen und sah Valerie an. „Wollt Ihr wirklich leicht geschürzte Mädchen auf der Bühne die Beine heben und den Busen entblößen sehen?“
„Aber ja, natürlich. Warum denn nicht?“ Sie zog den Prinzen weiter. „Wenn sie gut gebaut sind?“ Das Bild, das sich in seine Gedanken schlich, ließ den Mund des Dauphin trocken, seinen Herzschlag schneller und seine Hose enger werden.
„Wenn ich Euch recht verstanden habe, seid Ihr der Bewunderung hübsch gebauter Frauen nicht abgeneigt?“ François Louis Bonaparte leckte seine Lippen.
„Ach, mon Cousin, wie ich sehe, dieser Gedanke erregt Euch sogar“, schmunzelte Valerie nach einem Blick auf das kaiserliche Gemächt. „Zumindest sollte ich in der Hochzeitsnacht also nicht enttäuscht werden!“ Sie legte ihre Unterarme auf die Brüstung des Säulenganges, der dünne Stoff über den rückwärtigen Backen der Prinzessin ließ der Phantasie des Dauphins wenig Spielraum.
„Valerie, ich glaube, ich sehe einer überraschend erfreulichen Zukunft entgegen.“ Der Atem des Dauphin ging bereits ein wenig schwer, seiner breiten Brust entrang sich ein Seufzer. Valerie stieß sich ab und drehte sich zu ihrem baldigen Verlobten um.
„Werdet Ihr mir die hübschesten eurer Gespielinnen vorstellen, mon Dauphin?“
„Ich werde Euch sogar ein gewisses Mitspracherecht einräumen, ma Cousine“, versprach der Kronprinz.
„Einverstanden. Das ist gut, François.“ Valerie wurde wieder ernst. „Die ersten Bauingenieure sind schon unterwegs nach Paris. Der soziale Wohnbau ist mir wirklich ein großes Anliegen, wir werden es mit deiner Zustimmung gleich in Angriff nehmen.“
=◇=
Mit zufriedenem Lächeln hatte Roxane Solange beobachtet, wie ihr Sohn mit Valerie davon tanzte. Die zukünftige Braut hatte François angestrahlt, und auch wenn der zwischenzeitlich kurz ein ernstes Gesicht machte, hatte auch er zufrieden gewirkt. Dann war Franz Rudolph vor sie hingetreten, hatte mit den Haken geknallt und sich vor ihr verbeugt.
„Madame gestatten?“ Heiliges Protokoll, danach mussten die ranghöchsten Anwesenden als erste nach den Ehrengästen tanzen. Die Französin hatte mit einem tiefen Hofknicks reagiert.
„Es ist mir eine Ehre, Sire.“ Dann hatte Franz Rudolph ihre Taille umfasst und sie für den Tanz an sich gezogen, der Wiener Walzer bedingte nun einmal eine enge Tanzhaltung unter dem Bauchnabel. Der Thronfolger der Vereinigten Donaumonarchien war für sein Alter bereits recht groß, es fehlte ihm nicht mehr viel auf 166 Zentimeter. Roxane selbst war nur wenig größer, und sie bemerkte, dass der junge Mann nur mit Mühe den Blick von ihrem großzügigen Dekolleté lassen konnte und erfühlte sehr wohl die erwachende Männlichkeit des Knaben. Sie lächelte amüsiert in sich hinein, seine Gouvernante würde an diesem Tag wohl ihr Geld mit langen Überstunden verdienen müssen. Man merkte die Anstrengungen des Prinzen, den Tanz mitsamt dem leichten Geplauder mit Würde zu überstehen. Aber natürlich war Franz Rudolph hervorragend ausgebildet, und so war keine wirkliche Peinlichkeit entstanden. Als der Walzer ausklang, führte der Prinz Roxane in eine elegante Drehung und verbeugte sich, während sie wiederum einen Knicks machte.
„Madame möchten mich bitte entschuldigen, es wird Zeit, mich zurück zu ziehen!“ Franz Rudolph küsste der französischen Kaiserin galant die Hand.
„Natürlich, Sire. Ich verstehe das vollkommen“, antwortete Roxane mit feinem Lächeln. Dann beobachtete sie, wie der Thronfolger zu Frau von Lipperth, seiner Hausdame, ging und sie mit sich zog. Im Gedanken wünschte Madame de Beauvoise dem Jungen viel Spaß. Dann hielt sie einen Lakaien auf und nahm sich ein Glas Champagner. Müßig schlenderte sie durch die Räumlichkeiten und betrachtete das bunte Treiben. Plötzlich stockte ihr Schritt. Charles Joseph Napoleon, ihr Gatte, ging mit Helene, der Regentin der Vereinigten Donaumonarchien in einen Nebenraum, ein Diener schloss die Tür und bezog davor Aufstellung. Nicht, dass sie zur Eifersucht neigte, aber wenn Charles sich mit einer Frau wie Néné zurück zog, war es nicht aus amourösen Gründen. Ganz bestimmt nicht. Hier konnte nur Politik im Spiel sein, und Roxane Solange hasste es, davon ausgeschlossen zu sein und nicht mitbestimmen zu dürfen.
„Madame gestatten bitte!“ Ein großgewachsener Gardeoberst salutierte vor Roxane. Mit Mühe, aber würdevoll lächelnd akzeptierte sie die Aufforderung des Offiziers zum Tanz.
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Ganz unrecht hatte Roxane nicht. Denn wenn auch Néné auf ihre etwas herbe Art recht gut aussah, so fiel sie doch nicht so ganz in das Beuteschema des Empereur. Sie war zu groß, zu kräftig und – man konnte es nicht höflicher sagen, zu alt, obgleich der Franzose nur ein Jahr jünger als die Regentin war. Aber Charles mochte seine Gespielinnen lieber klein, zierlich und nicht älter als fünf- oder sechsundzwanzig. Auch Roxane war mit zwanzig genau so gewesen, als sie den sieben Jahre älteren Charles geheiratet hatte. Nach der Geburt ihres Sohnes war es ihr gelungen, ihre Figur wieder zu finden, drei Jahre später, als Nicolette Justine auf die Welt kam, wurden die Brüste voller, die Hüften blieben breiter und die gesamte Figur nicht dick, aber etwas mollig. Ein Grund für Charles, das Bett seiner Angetrauten nur noch selten aufzusuchen. Und Roxane Solange fand etwas, das für sie noch weit erregender als die Umarmungen eines Mannes war. Das Spiel mit der Macht. Und so setzte sie ihre Gunst ein, um die mächtigsten Männer Frankreichs an sich zu binden und als Verbündete zu gewinnen. Sie wollte allerdings keine Revolution anzetteln, die Macht als graue Eminenz im Hintergrund, welche die echte Macht ausübte, reichte ihr völlig. Daher wählte sie ihre Hofdamen mit Bedacht – nach Aussehen und Neigung. Mit Erfolg. Dass sie selbst nun schon einige Zeit die Marionette einer anderen war, bemerkte sie nicht.
Selbstverständlich hatte Charles seinerseits Néné zum Tanz aufgefordert, alles andere wäre ein Affront und völlig unmöglich gewesen. Auch wenn er den Tanz als solchen nicht wirklich genoss.
„Es sieht so aus, als wären unsere Kinder dabei, ihre Angelegenheiten zu regeln“, plauderte Helene lächelnd, und der Kaiser lächelte zurück.
„Es sind politische Verhandlungen, ma cher Cousine. Mit einem Lächeln im Gesicht und harten Tatsachen hinter netten Worten!“
„Das, mon Cousin, ist genau das Wesen der Diplomatie. Am Ende sind beide nicht völlig zufrieden, haben aber ein Abkommen wurde getroffen, mit dem beide Leben können!“
Napoleon IV zuckte mit den Achseln. „Ich denke, das ist auch das Wesen der Ehe. Zumindest, wenn man Rang und Namen hat!“
„Aber Mon cher Empereur, warum denkst du, dass eine Beziehung oder Ehe ohne Diplomatie lange gut gehen könnte?“ Sie folgte der Führung des Kaisers und wechselte die Drehrichtung. „In einer guten Beziehung ist Höflichkeit und Diplomatie noch wichtiger als unter Fremden!“ Der Walzer verklang, und Charles küsste die Hand Helenes.
„Ich danke für diesen Tanz, Cousine. Es war ein ausgesprochenes Vergnügen.“
„Charmeur!“ Néné zwinkerte. „Ich bitte dich, mir zu folgen, ein kleines Stübchen, wo uns niemand stören wird, erwartet uns!“
„Das ist – nun, ich möchte nicht unhöflich sein, aber…“. Charles wurde sichtlich verlegen.
„Zum Reden, Cousin, nur zum reden“, lachte Néné. „Und wir haben einiges zu besprechen. Ohne Zeugen!“
„Dann wird es mir ein Vergnügen sein“, bot er ihr den Arm an, und sie hakte sich unter. „Auch wenn ich vorsichtig sein muss. Ich habe die Staatsgeschäfte ehrlich gesagt zu lange vernachlässigt. Jetzt hat meine Frau eine ziemlich mächtige Allianz hinter sich, und Madame de Cartaille hat ebenfalls nicht wenige Anhänger in ganz Frankreich. Und diese Hellseherin ist derzeit die mächtigste Person in meinem Reich. Wahrscheinlich sind alle Hofdamen, deren Gunst ich mich erfreuen durfte, von dieser Madame de Bouffée bereit gestellt worden.“
Der Diener hatte die Tür des Kämmerchens geschlossen, und nicht einmal die Gemahlin des französischen Kaisers würde an ihm vorbei kommen. Néné goss Champagner in zwei Glasflöten und reichte Charles eine davon.
„Das ist der beste Exportartikel deines Landes“, schwärmte sie. „Das, und der Weinbrand aus der Cognac. Warum hinkt Frankreich eigentlich wirtschaftlich so hinterher, Charles. Die Armee Frankreichs ist die größte Europas und bekommt die moderne Ausrüstung, aber beim Volk kommt nichts an. Noch nicht einmal ein Dampfnetz in Paris, von elektrischem Strom gar nicht zu reden. Außerdem haben große Teile deines Volkes zu wenig zu essen und kein Dach über dem Kopf.“
Der Kaiser sah in sein Glas und überlegte lange. „Ich bin dem Gedanken aufgewachsen, dass Frankreich von Feinden umgeben ist. Vor allem England, dann natürlich die belgisch-niederländischen Länder. Der deutsche Bund, obwohl mein Uropa Canada nur mit den von den Deutschen gekauften Dampfschiffen erobern konnte. Russland könnte jederzeit von Alaska aus unsere canadischen Gebiete überfallen, im Süden und in Africa sind die Spanier und Portugiesen auch noch mit im Spiel. Das kleine Frankreich steht allein gegen eine Unzahl von Feinden, Helene. Frankreich war einmal eine große Macht, und das Volk erwartet von mir…“
„Brot und Wohnraum, Cousin“, unterbrach Néné. „Großreichträume halten ein Volk eine gewisse Zeit bei der Stange. Aber wenn sich zu Hause nichts ändert und weiterhin dünne Suppe auf den Tisch kommt, dann brauchst du noch mehr Geld für Spitzel und Geheimpolizisten, als fehlende Nahrungsmittel kosten. Wenn das Volk dann ins Ausland schaut und überall elektrisches Licht, Dampffahrzeuge und öffentlichen Verkehrsmittel sieht, dann möchte der kleine Mann das auch. Und jetzt ehrlich – bekommt er es, wenn die Donaumonarchien in Frankreich aufgehen? Nein, denn dann muss alles in eine noch größere Unterdrückungsmacht gesteckt werden, damit das Volk nicht aufbegehrt. Du solltest anders herum vorgehen. Mein Schwiegervater hat das richtig erkannt, und jetzt stehen die verschiedenen Völker unserer Monarchien nicht mehr gegeneinander, sondern füreinander. Ohne Zwang und Denunzianten. Noch ein Glas?“
„Ja, bitte!“ Charles trank rasch aus und hielt Helene sein Glas entgegen. Diese reichte ihm die Flasche und schüttelte das ihre. „Natürlich, entschuldige. Ich bin es so gewöhnt, dass – nun ja.“ Gekonnt füllte der Franzose die Gläser, ohne etwas zu verschütten. „Du hast leicht reden, Helene. Österreich ist mit Deutschland in einem ziemlich festen und mächtigen Bündnis. Frankreich aber hat niemand.“
„Und warum ist das so?“, fragte Néné. „Weil Frankreich immer bestimmen will. Die ganze Welt soll nach der Pfeife von Paris tanzen und froh sein, dass die Grande Nation den Takt vorgibt. Aber in der Zwischenzeit verhungern die Ärmsten der Armen und erfrieren auf den Straßen der französischen Städte. Ist es das wert?“
„Die Glorie Frankreichs ist alles Wert und verlangt nun einmal Opfer von jedem!“
„Die Glorie Frankreichs“, wiederholte Helene leise. „Was ist denn die Glorie ohne Menschlichkeit Wert?“
„Alles!“, betonte Charles. „Was ist ein Land ohne seine Ehre und seinen Stolz?“
„Was ist ein Volk ohne essen, weil zwar fruchtbare Böden vorhanden sind, aber die große Armee der Bevölkerung alles wegfrisst?“, gab Néné zurück. „Und durch diese riesige Armee fehlen Hände für die Ernte. Maschinen benutzt man in Frankreich ja auch nicht für die Landwirtschaft. Und kaum in der Industrie, außer den alten exothermischen Kesseln, deren Qualm alles verstinkt und trotzdem ungenügende Leistung erbringt.“
„Wir haben auf unseren Gebieten nur wenige Rohstoffe für das Dampfpulver“, musste Napoleon zugeben. „Wir produzieren gerade genug für unsere Armee und eine gewisse Reserve, damit wir durchhalten können, wenn wir angegriffen werden.“
„Mon Ami, niemand will Frankreich überfallen – außer vielleicht die Engländer, die Canada zurück wollen.“ Helene nahm noch einen Schluck von ihrem Schaumwein. „Und selbst Britannien wird auf einen Anlass warten. Die Weltöffentlichkeit ist heute im Zeitalter der unzensierten Presse und der Telegraphie nicht mehr so leicht hinters Licht zu führen und verurteilt üblicherweise ungerechtfertigte Kriege. Und kein Haus in Europa möchte das andere zu mächtig werden sehen. Das wird das noch junge Haus Habsburg-Bonaparte noch lernen.“
„Habsburg-Bonaparte?“, fuhr Charles auf.
„Natürlich“, lächelte die Erzherzogin. „Erinnere dich doch. 1810 heiratet Marie Louise von Österreich Napoleon Bonaparte. Das ältere, höhere Haus wird immer zuerst genannt.“
„So etwas würde das französische Volk niemals akzeptieren!“ Charles ballte seine Faust.
„Und doch wird dein Enkel wieder genau das sein“, bohrte Helene weiter in der Wunde. „Wann wurde der erste Bonaparte Kaiser Frankreichs? 1799 Konsul, 1804 Kaiser, wenn wir großzügig rechnen, spielt dein Haus knapp 90 Jahre eine bemerkenswerte Rolle. Also höre auf eine Dynastie, die wirklich Erfahrung gesammelt hat. Sorge für Wirtschaft und Landwirtschaft. Gib deinem Volk zu essen, Charles Joseph Napoleon IV Bonaparte! Und dein Volk wird dich dafür mehr lieben als für die Eroberung von halb Österreich. Was uns zu einem weiteren Punkt bringt. Die Donaumonarchien garantieren, Frankreich nicht anzugreifen. Solltest du jedoch auf die Idee kommen, uns oder unsere Verbündeten anzugreifen, dann wird Frankreich die gesamte Wut unserer Soldaten zu spüren bekommen. Überall auf der Welt. Und Valerie Theresia wird dir als Geisel nichts nützen. Gar nichts.“ Plötzlich schwang Eiseskälte in der Stimme der Regentin mit, Charles Joseph erschauderte plötzlich. „Wir werden dafür sorgen, dass das Haus Bonaparte einen solchen Schritt bitter bereuen würde. Aber das ist sicher nicht nötig“, fuhr sie im Plauderton fort, der Franzose fragte sich, ob er diese Kälte wirklich verspürt hatte.
„Nun, ich habe nicht vor, einen Krieg zu beginnen“, verkündete er.
„Gut! Nächster Punkt. Versuche nicht, meinem Sohn etwas anzutun, damit François Louis den Thron der Donaumonarchien besteigen kann“ wieder schlich sich ein stahlharter Unterton in die Stimme Helenes. „Es würde nicht klappen!“
„Ich habe nicht vor, Franz Rudolph etwas antun zu wollen“, fuhr der Franzose auf. „Das hätte doch keinen Sinn! Selbst wenn Maria Sophia sich zurück reihen ließ, kommt doch vorher noch Pavel Alexandrowitsch Romanow, der Ehemann von Elisabeth Anna.“
„Roxane Solange hat es vor, Cousin, da sind wir uns ganz sicher. Bremse sie besser ein, oder – nun, ich will nicht drohen, aber es wäre ratsamer. Und nun, mon Ami, möchte ich deiner Rückkehr zu deiner Mätresse nicht mehr im Wege stehen! Viel Vergnügen noch auf dem Ball!“ Helene erhob sich und drückte auf einen elektrischen Schalter, welcher ein dezentes Signal vor der Tür auslöste. Sofort öffnete der Lakai die Tür, und die Regentin der Vereinigten Donaumonarchien schritt zurück in die öffentlichen Räumlichkeiten des Schlosses Schönbrunn und mischte sich wieder fröhlich plaudernd unter ihre Gäste.
=◇=
Wilhelmshaven
Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen aus dem Hause der Hohenzollern, durch Gottes Gnade unter dem Thronnahmen Wilhelm II Kaiser des Deutschen Reiches, König von Preußen, Fürst von Brandenburg, Meister des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, Protektor des Johanniterordens und Träger von mehreren internationalen Rittertiteln hatte seinen linken Arm, der ab der Schulter aus einer durch Vaporid betriebenen Prothese bestand, auf den Rücken gelegt und zwirbelte mit der rechten Hand seinen Schnurrbart. Sein Blick ging von der hohen Brücke des flugfähigen Schlachtkreuzers aus über die beiden vorderen Drehtürme der 35 Zentimeter Hauptartillerie bis zum spitzen Bug
„Sie ist fertig, Bismarck.“ Purer Stolz klang aus den Worten des deutschen Kaisers. „Die SPREEWALD ist noch besser geworden als geplant, dank der optimierten Schaufeln. 47 Knoten im Wasser und 95 in der Luft! 600 Kilometer Reichweite. Für etwa sechs Stunden ist die SPREEWALD das stärkste Schiff am Himmel! Die zwei einfahrbaren Kielbatterien mit je vier Rohren sind halbautomatisch, und das mit einem Kaliber 15 Zentimeter! Sehen sich diese Kurven an. Aber wie ich Sie kenne, sind Sie nicht gekommen, das neueste Schiff des deutschen Kaiserreiches zu bewundern. Was haben Sie zu berichten. Wenn es so dringend ist, fürchte ich allerdings etwas Schlimmes.“
Der wuchtige Kanzler wiegte den Kopf. „Ich bin nicht sicher, Majestät“, begann er zögernd.
„SIE sind sich nicht sicher?“ Dem Mann in der reich geschmückten Admiralsuniform fiel das Monokel aus dem linken Auge und baumelte an seiner Kordel. „Das habe ich ja noch nie gehört. Geht jetzt die Welt unter? Mann, Bismarck, mein Großvater hat Sie nicht gemocht, aber gebraucht. Mein Vater hat ihre Art verabscheut, Sie aber als den klügsten Kopf im deutschen Reich bewundert. Und bisher – nun, ich mag Sie auch nicht besonders, aber mit ihrer Klugheit und Ehrbarkeit sind Sie die beste Wahl für den Posten des Kanzlers. Und ein Garant für die Ehre des Reiches. Ich weiß, ich könnte ihnen mein Haus, meine Frau und mein Vermögen völlig unbedenklich anvertrauen. Und jetzt sagen SIE mir, dass Sie etwas nicht einschätzen können? Was ist es?“
Fürst Otto von Bismarck sah starr geradeaus. „Valerie Theresia von Österreich heiratet François Louis Bonaparte von Frankreich. Gestern ist die Verlobung offiziell bekannt gegeben worden! Euer Bruder Heinrich hat die Honneurs gemacht.“
„Oh!“ Wilhelm spielte mit der Kordel des Monokel. „Eine Hinwendung Österreichs nach Frankreich? Beide zusammen wären fürchterlich stark – aber warum? Wozu?“
„Ich habe eine Nachricht der Regentin Helene. Darin versichert sie uns ihrer ungebrochenen Bündnistreue.“ Bismarck nahm einen Brief aus der Tasche und reichte ihn seinem Kaiser. „Sie vertraut uns an, dass Franz Ludwig eigentlich Maria Sophia Ludovika ehelichen wollte.“
„Das könnte dann ja der Grund für seine Reise nach Ägypten, den Sudan und Abessinien gewesen sein.“ Der Kaiser spielte mit dem Schreiben, plötzlich huschte ein Grinsen über das sonst eher melancholische Gesicht Wilhelms. „Aber die Dame wollte wohl nicht. Maria Sophia kann ziemlich störrisch sein, ich habe es selbst erlebt. Sie hat einige gute Partien ausgeschlagen, als sie auf meinem offiziellen Verlobungsball in Berlin war. Damals, als ich mich mit Auguste Viktoria verlobt habe. Ich glaube, der damalige skandinavische Thronfolger wäre ziemlich an ihr interessiert gewesen. Sie auch an ihm, aber nicht als Ehemann.“ Der Kaiser der Deutschen betrachtete seine maschinelle linke Hand. „Wir sind beinahe gleich alt, Bismarck. Sie ist nur etwa ein Monat jünger. Und sie hat mir damals gezeigt, dass man auch mit einem verkrüppelten Arm seinen Spaß auf der Tanzfläche haben kann!“
„Jawohl, Hoheit. Damals stand eine Verlobung kurz im Raum, aber beide Reiche haben die Idee ad Acta gelegt. Vielleicht weil damals – allerdings hatte Knut Olaf zu diesem Zeitpunkt auch schon einige Liebschaften hinter sich gebracht.“ Der Blick des Kanzlers war wieder in weite Fernen gerichtet.
„Schon gut, Bismarck, Sie haben recht. Es geht um heute. Was lässt uns die Regentin noch wissen.
„Die Verlobung hat im Schloss Schönbrunn stattgefunden. Dieser Umstand war nicht zu verheimlichen, und Euer Bruder und unser Botschafter war anwesend. Es wird im Juni der große Verlobungsball stattfinden, zu welchem auch Euer Majestät eingeladen sind.“
„Ein übliches Procedere, würde ich sagen. Was ist das Besondere?“ „Der Überbringer der Nachricht, Hoheit. Darf er an eintreten?“
„Ach, Sie haben ihn gleich mitgebracht? Kapitän, würden Sie sich darum kümmern?“
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Von zwei Seesoldaten begleitet holte der erste Offizier einen noch jungen, schlaksigen Mann in der Uniform eines österreichischen Korvettenkapitäns auf die Brücke. Er hatte ein weiches, hübsches Gesicht und sehr schmale, gepflegte Hände. Irgendwie hatte das Gesicht Ähnlichkeit mit – der Kaiser grübelte, dann fiel ihm das Monokel an diesem Tag ein zweites Mal aus dem Auge.
„Kapitän, ich werde mit dem Kanzler und dem Korvettenkapitän die Admiralitätskabine aufsuchen. Geben Sie dem Steward Bescheid, er soll Tee und Kaffee servieren. Bismarck, Kapitän, folgen Sie mir!“ Sie stiegen eine enge Wendeltreppe hinab bis zur den Räumlichkeiten des Flottenadmirals. Immerhin waren die SPREEWALD und ihre folgenden Schwesterschiffe als Flaggschiffe einzelner Flottenverbände vorgesehen und verfügte daher über die entsprechenden Räumlichkeiten. Dort angekommen nahm der Kaiser die Mütze ab und küsste die Hand des Kadetten.
„Ich bin entzückt, dich wieder einmal zu sehen, Helene Antonia von Österreich.“ Sie erwiderte den Handkuss mit einem tiefen Knicks und das Kompliment mit überraschend rauchiger Stimme.
„Majestät sind zu gütig!“
„Waren wir nicht schon beim Du? Wann war das? Schönbrunn 1867? Der Hofball?“
„Ach, seither hat sich viel verändert“, lachte Helene. „Ihr wart 18 Jahre und ich gerade 12. In der Zwischenzeit seid Ihr Kaiser geworden, und ich – nun, ich hoffe nicht, es irgendwann werden zu müssen. Ich habe höchstens noch Chancen auf den Titel einer Königin!“
Wilhelm rechnete kurz nach. „Albert von Belgien?“
„Aber nein“, schüttelte Helene heftig ihren Kopf. „Viel zu nahe verwandt mit uns Habsburgern. Raininilharo von Madagaskar käme vielleicht in Frage!“
„Aber der ist doch…“
„Schwarz?“ Helene hob eine Augenbraue. „Aber geh! So was aber auch! Hätt‘ ich jetzt gar nicht g’merkt!“
„Alt, Helene. Zu alt für dich. Er ist 54 und du? 24?“
„Ach der!“ Helene winkte ab. „Der Sohn von Rasoherina wird wohl nicht mehr König von Madagaskar, er ist zu schwer krank. Und selbst wenn nicht, er wäre wohl auch nicht an mir interessiert. Ich meinte eigentlich ihren Neffen, den Sohn und designierten Nachfolger von Königin Ranavalona II.“
„Ach! Nun ja, warum denn eigentlich nicht. Hat er schon um deine Hand angehalten?“
„Aber nein, hat er nicht“, grinste Helene keck. „Aber mit ihm könnte ich mir noch eine eigene Krone erheiraten.“
„Ich verstehe!“ Wilhelm lehnte sich bequem zurück. „Zurück zum Geschäft, Helene. Warum bist du hier?“
„Ich bin gekommen, weil es Nachrichten gibt, die meine Mutter weder dem Kabel noch einen Brief anvertrauen wollte, die aber trotzdem unsere beiden Länder betreffen, mein kaiserlicher Freund. Ich nehme an, Sie – du bist ebenso an einer gewissen Stabilität in Europa interessiert wie Österreich?“ Helene Antonia steckte eine Zigarette in eine lange Spitze, und Bismarck beeilte sich, ihr Feuer zu geben. „Danke, Fürst!“ Ein Lächeln strahlte dem Kanzler entgegen.
Wilhelm II nippte an seinem Kaffee. „Ich bin prinzipiell am Frieden interessiert, Helene Antonia. Aber Deutschland wird sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen! Von Niemandem.“
„Das ist selbstverständlich!“ Auch die Erzherzogin kostete ihren Tee. „Hervorragend! Der deutsche Kaffee ist zwar eine bohnenlose Frechheit, aber der Tee ist gut. Also, natürlich will Österreich das deutsche Reich nicht übervorteilen. Leben und leben lassen ist seit Opa Franz Karl der Wahlspruch unserer Monarchien.“ Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. „Roxane Solange hat uns Habsburger in eine gewisse Zwickmühle gebracht, und wir müssen zuerst einmal auf Zeit spielen und zum Zweiten – nun, mit ein paar sozialen Projekten die Franzosen, also das Volk Frankreichs für Österreich einnehmen. Dem Übel noch mehr die Spitze nehmen. Ich habe dir und dem Fürsten einiges von einer Organisation zu berichten, welche in Frankreich und Paris ganz stark in der Politik mitmischt und seine Arme bereits nach Wien und Triest ausgestreckt hat. So wie Roxane Solange die graue Eminenz hinter dem Kaiser Frankreichs ist, so steht hinter ihr eine andere Macht. Die von uns bisher gefundenen Teile nennen sich ‚Der goldene Frühling‘!“ Bismarck fuhr auf. „Ach, ich sehe, dem Kanzler ist der Name nicht unbekannt. Nein, bitte! Lassen Sie mich zuerst aussprechen.“ Helene hob die Hand. „Es muss eine noch geheimere und mächtigere Organisation hinter dem Frühling geben. Eine, die es geschafft hat, mitten in der Wüste in einem Vulkankrater eine Armee aufzustellen und mit allem Nötigen zu versorgen!“
„Dann war also der Toussidè doch das Werk eines österreichischen Kommandounternehmens“, fragte der deutsche Kanzler aufgeregt.
„Nun – sagen wir, dass wir recht gut Bescheid wissen und einiges an Papieren gefunden haben.“ Helenes Gesicht wurde ernst. „Majestät, Kanzler, Österreich meint es ehrlich mit Deutschland. Wir stehen gemeinsam einer Gefahr gegenüber, welche niemand von uns wirklich einschätzen kann. Ich könnte natürlich das Nötigste von dem, was wir herausgefunden haben, aus dem Kopf referieren, hier und heute. Meine Mutter fände allerdings ein direktes Treffen für opportun, bei welchem sowohl dem Kaiser als auch dem Kanzler einige Dokumente zugänglich gemacht werden könnten. Geheim, denn wir können nicht sagen, wer alles in die Sache verstrickt ist. Es – könnten wie in Frankreich selbst höchste Kreise involviert sein.“
„Und wie stellt sich die Regentin dieses Treffen vor?“ Bismarck blieb distanziert, wie es nun einmal seiner Art entsprach.“
„Sind Sie mit meinem Hobby vertraut, Kanzler?“ Helene Antonia öffnete die Knöpfe ihrer Uniformjacke. „Es ist ziemlich warm hier!“
„Nun, mir ist bekannt, dass die Erzherzogin gerne segelt. Das – ach! Die Kieler Woche!“ Bismarck strich sich über den buschigen Schnurrbart.
„Die 8. Kieler Woche“, bestätigte Helene. „Ich habe mir einen Rennschoner bauen lassen, etwa 45 Meter Länge über alles zu 5 Meter Breite. 1.310 Quadratmeter Segelfläche auf zwei Masten. Wenn Sie die österreichischen Zeitungen verfolgt haben sollten, so werden Sie feststellen, dass ich die SPERBER bereits voriges Monat für das Rennen gemeldet habe. Es gab sogar ein Foto von mir, in weißen Regattahosen und einer entsprechenden Bluse. Es wird also nicht auffallen, dass ich mit diesem Schiff zur Kieler Woche anreise. Dass meine Mutter mich zu dieser meiner ersten internationalen Regatta mit der SPERBER begleitet ist nicht weiter verwunderlich. Wenn der deutsche Kaiser als Hochadmiral des deutschen Yachtbundes die Veranstaltung mit seiner Anwesenheit ehrt, wer sollte dabei etwas Sonderbares vermuten? Und ein Besuch eines derartigen Bewunderers für Segelschiffe wie Kaiser Wilhelm II auf der SPERBER – es wäre weit auffälliger, wenn dieser Besuch nicht stattfände. Ich bin sicher, ihnen gefällt die Yacht, Wilhelm. Dann, ein Diner an Bord der deutschen kaiserlichen Yacht AUGUSTE VIKTORIA und eine Gegeneinladung an Bord der SPERBER. Alles ganz normal, oder?“
„Kompliment, Durchlaucht!“ Der Fürst verneigte sich im Sitzen. „Dieser Plan hat eine gewisse – Genialität!“
„Eine Idee vom Fürst Hametten, Kanzler“, versetzte Helene Antonia von Österreich. „Er war uns einige Schritte voraus.“
„Demzufolge vertrauen Sie dem Fürst von Hametten?“ Bismarck holte eine dicke Zigarre aus der Rocktasche und entzündete sie sorgfältig.
„Ihm und ein paar Polizisten in Wien und Triest. Es ist nicht einfach.“ Helene schloss die Augen und lehnte sich zurück. „Wir haben ein paar – Personen mit speziellen Fertigkeiten. Die sind eben dabei, das Offizierscorps und den Hof sorgfältig zu überprüfen. Bis dahin ist der Kreis, dem wir vertrauen dürfen, klein, Fürst. Sehr klein.“
Der Kanzler Deutschlands zögerte kurz, dann beschloss er, doch zu fragen. „Wenn Ihr der wahren Macht in Frankreich, also Madame Roxane Solange de Beauvoise, nicht vertraut, warum dann mir? Oder hat mich ebenfalls jemand überprüft?“
Die österreichische Erzherzogin lächelte amüsiert. „Fürst Otto von Bismarck, ich könnte ihnen schmeicheln und etwas von integer, loyal und über jeden Verdacht erhaben erzählen. Die Wahrheit ist aber, dass das Evidenzbureau schon seit Jahrzehnten Agenten in Berlin hat, so wie der Preußische Geheimdienst in Wien. Und in Laxenburg und Triest. Oh, Pardon – seit Neuestem nennt sich der Dienst ja Abteilung römisch III klein berta und untersteht dem Major ZbV Artur Waenker von Dankenschweil. Den Herrn Ludwig Liberkowski in Wien kennen wir zum Beispiel schon.“ Bismarck zuckte grinsend mit den Schultern. „Nein, wir sind uns schon klar, dass der Herr nur eine Ablenkung ist, und das der wahre Agent wo anders sitzen dürfte“, winkte Helene schmunzelnd ab. Jetzt verengten sich die Augen des Kanzlers, und er holte tief Luft. „Keine Aufregung, Fürst. Wenn wir ihn erwischen, wird ihm nichts geschehen!“
„Natürlich nicht!“ Nachdenklich paffte Bismarck an seiner Zigarre. „Dazu ist der Fürst von Hametten zu astucieux. Und ich muss mir jetzt überlegen, was die Informationen meines Mannes in Wien noch wert sind!“
„Wie dem auch sei, Fürst. Einige Ergebnisse ihrer Agenten dürften in wenigen Tagen obsoléte sein. Wir haben drei unserer besten Physiker, die Herren Nicola von Tesla, Ernst Waldfried von Mach und Jan Josef Lochschmidt gebeten, mit ihren Herren Hermann von Helmholtz und Heinrich Hertz zusammen zu arbeiten. Der Mach hat ein paar interessante Berichte in der Tasche, und der Tesla wie immer jede Menge revolutionärer Ideen. Berichte und Ideen, Fürst, welche sicher noch keiner ihrer Agenten nach Berlin gesandt hat.“
=◇=
Great Plains, Britisch Amerika
Die Hufe des gescheckten Ponys donnerten im gestreckten Galopp über die Weiten der Prairie, und das lange, schwarze Haar von Viviane Büffelfrau, welche den Mustang ritt, wehte hinter ihr her wie ein dunkler Schleier. Immer wieder sah sich die junge Frau auf dem ungesattelten Pferd nach ihrem Verfolger um, der sie nun schon seit dem Morgen jagte. Er war wieder ein wenig mehr zurück gefallen. Sollte sie ihr Tier jetzt ein wenig bremsen? Eine gewisse Zeit zu Atem kommen lassen? Ihr Pony war ein schneller Renner und hatte weniger Gewicht zu tragen als das Pferd des Verfolgers, aber dessen Appaloosahengst war ein großes, ausdauerndes Tier. Also langsamer, nur ein wenig. Wieder sah sich schwer atmend um. Der Mann war noch weit genug hinter ihr. Vor ihr war das Hügelland, die Schlucht des Otternbaches, dort, im Gewirr der Schluchten, würde sie den Verfolger abschütteln können. Sie sah ihr Ziel schon, sie war ganz nahe, jetzt ritt sie schon zwischen den Schluchtwänden. Sie hatte es geschafft, war dann rasch in den zweiten Seitencanon links geritten. Sie atmete tief durch und lachte unhörbar in sich hinein, sprang vom Pferd und lauschte nach der Hauptschlucht. Stille, kein Hufschlag. Hatte der Mann aufgegeben, als er sah, dass sie das Labyrinth erreicht hatte? War sie entkommen? Da! Ein Geräusch. Sie tastete nach den Nüstern ihres Pferdes, um ein Schnauben oder Wiehern zu verhindern.
Zwei starke Arme umschlangen sie unvermittelt von hinten und eine raue Stimme flüsterte in ihr Ohr. „Habe ich dich gefangen, schöne Viviane. Ich kenne dein Versteck hier doch schon lange! Ich wusste, dass du vor mir hierher flüchten würdest.“ Viviane entwand sich dem Mann, drehte sich um und legte ihm die Arme und den Hals.
„Dann gehöre ich jetzt wohl dir, Jonathan“, lachte sie und schmiegte sich an ihn. „Mit Haut und Haar, mit Leib und Seele!“ Jonathan Wildes Wiesel hob das Mädchen auf und trug es hinter ein Gebüsch, wo ein schönes, wunderbar weiches Büffelfell lag.
„Wie du siehst, wusste ich wirklich, wohin du flüchten würdest!“
„Ich weiß“, flüsterte sie, ihren Gürtel lösend. „Ich habe ja in letzter Zeit genug Hinweise fallen lassen.“ Sie ließ sich den ledernen Poncho mit den Zierfransen über den Kopf ziehen und legte sich dekorativ auf das Fell. „Hol dir doch jetzt deine Beute, Krieger!“ Jonathan stieß den Triumphschrei der Dakota aus und warf sein Lendentuch beiseite.
„Ab heute sind wir ganz offiziell ein Paar“, jubelte er laut. Das traditionelle Bärenfell, das ihr Vater für sein Einverständnis zur Eheschließung verlangte, hatte Jonathan heute Morgen auf seinem Pferd liegen gehabt und an Jason Zauberadler übergeben. Viviane hatte es gesehen und war unter dem Rand des väterlichen Zeltes ins Freie geschlüpft, zu ihrem Pferd gelaufen und geflohen. Eine alte Tradition, seit die Lakota den Mustang gezähmt hatten. Nur der starke Krieger bekam die starke Frau. Nun – theoretisch. Manchmal sorgte Frau schon dafür, dass auch der nicht ganz so starke Mann das Rennen gewann. Vielleicht nicht gleich beim ersten Mal, aber beim zweiten. Oder auch vielleicht erst beim dritten Versuch, wenn sie doch noch nicht so ganz überzeugt war. Oder ihn einfach zappeln lassen wollte. Wildes Wiesel war jetzt sicher nicht der größte und stärkste aller Krieger des Minneconjou-Dorfes nahe dem Otterbach, aber einer der angesehensten. Er blieb meistens Sieger in den Wettbewerben, weil er selten etwas dem Zufall überließ. Er hatte auch für den heutigen Tag vorgedacht, mit Viviane über alles Mögliche gesprochen und ihr auch zugehört, dann hatte er die Verfolgung geplant, so wie er eben alles anging.
Es wurde Abend, ehe die Beiden Hand in Hand langsam in das heimatliche Zeltdorf ritten. Noch standen hier die Winterzelte aus dickem Leder und Pelz, denn Abends konnte es noch empfindlich kalt werden. Und auch wenn die Lakota an Kälte und Entbehrung gewöhnt waren, schätzten sie doch einen warmen und gemütlichen Schlafplatz. Durch das dicke Leder seines Zeltes hörte Jason Zauberadler den Hufschlag der Heimkehrer und kam heraus.
„Hast du meine Tochter heute zur Frau gemacht?“, wollte er wissen. Jonathan machte eine bejahende Geste.
„Das habe ich, Heiliger Mann!“
„Und, bist du zufrieden, Tochter?“, wandte er sich an Viviane, welche die gleiche Geste der Zustimmung machte.
„Das bin ich tatsächlich, Vater!“
„Das ist gut!“ Jason bedeutete dem Paar vom Pferd zu steigen. „Kommt mit hinein. Lilian Reine Quelle hat noch etwas Braten, und wir Männer werden danach noch eine Pfeife rauchen. Ich habe mit Euch zu reden. Um die Pferde werden sich die Söhne des Nachbarn kümmern!“
Angenehm gesättigt stießen die Vier im Zelt von Jason höflich auf, was Lilian zu einem zufriedenen „Fein, das freut mich“ veranlasste. Dann nahm der Medizinmann zwei lange Pfeifen mit kunstvoll geschnittenen Köpfen aus einer Ledertasche, welche er mit Ruhe und Sorgfalt stopfte und von denen er eine an Jonathan weitergab. Liliane und Viviane erhielten Pfeifen mit einfachem Kopf und nur kurzen Holmen, und kurze Zeit später stiegen blaue Wolken zur Öffnung an der Spitze des Tipi. Lilian drehte das elektrische Licht ab, und wie es sich für eine Besprechung bei einer langen Pfeife gehörte, erleuchtete nur noch die zentrale Feuerstelle das Zelt mit flackerndem Licht. Eine Zeit lang herrschte Schweigen, dann ergriff Jason das Wort.
„Ihr wisst, dass der große Druide George Silbernes Wasser die Aingeal des Wampum ausgesandt hat?“
„Das ist nicht unbemerkt geblieben“, bemerkte Jonathan. „Von niemandem!“
„Natürlich. Das hatte ich auch erwartet. Nun, es stehen dem Volk des Wampum schlimme Kämpfe bevor. Vielleicht sogar sehr schlimme. Körperliche und geistige Kämpfe. Wir sollen den Kriegshäuptling und den oder die Weiseste zum Paw-Waw nach Milwaukee entsenden.“ Wieder trat eine Pause ein, in denen sie den guten Tabak aus Virginia genossen. „Es kann einer Frau oder einem Mann außer im Krieg Niemand vorschreiben, was er tun und lassen soll, doch im Rat wurde beschlossen, dass du nach Milwaukee gehen solltest, Jonathan Wildes Wiesel. Natürlich nur, falls du die Nominierung annimmst. Und nachdem meine Tochter jetzt zur Frau geworden ist, kann sie dich an meiner Stelle als Zauberfrau begleiten. Das war, was ich zu sagen hatte!“
Jonathan paffte einige Male überlegend, dann machte er die Geste der Zustimmung. „Wenn der Rat mir sein Vertrauen schenkt, dann werde ich selbstverständlich reisen, und es wird mir eine Ehre sein, wenn Viviane mich begleiten möchte!“
„Dann werde ich dir jetzt die Worte der Aingeal Maria Geht ihren Weg genau mitteilen, Captain!“
=◇=
Zwei Tage später beluden Vivien und Jonathan ihre Fahrzeuge. Vivien trug lederne Hosen und ein kurzes Kleid aus Leder, darüber konnte sie noch eine warme Pelzjacke aus dem Fell von Bisamratten ziehen. Das gürtellange Haar war zu zwei lackschwarzen Zöpfen geflochten, in diesen trug sie die sonnengelben Bänder, die sie als Schamanin der Lakota kennzeichneten. Sie fuhr ein größeres Fahrzeug von Brewster and Company, auf welchem ein Reisezelt und Proviant sowie ein wenig Wäsche zum Wechseln verstaut war. Der Sattel war knapp vor dem mit Steam Powder geheizten Dampfkessel, welcher über der hinteren Achse mit den 5 Fuß durchmessenden Antriebsrädern lag, angebracht. Hinter dem Kessel lag der Behälter für das Gepäck. Vor dem Sattel war ein Wassertank und das 30 Zoll große Vorderrad zum lenken. An der Seite des Tanks war ein Holster für das BAR mit Unterhebelrepetierung im geläufigen Kaliber .44-40 geschnallt, an der Hüfte trug Vivien einen langen Revolver im gleichen Kaliber. Ebenfalls von John Moses Browning Firearms hergestellt. Auf der anderen Seite des Tanks hing ihre Medizintrommel in einer Ledertasche, mit den heiligen Symbolen ihres Volkes bemalt.
Das Armeemodell von Henderson and Dashwood, welches Jonathan ritt, war ein wesentlich schmaleres und sehr schnelles bewaffnetes Dreirad. Es verfügte über ein ebenfalls hinten liegendes 10 Zoll breites einzelnes Antriebsrad mit einem Durchmesser von 4,5 Fuß, es drehte sich um den scheibenförmigen, als Achse angelegten Dampfkessel mit 4 Fuß Durchmesser. Etwas mehr als die obere Hälfte des Hinterrades war verkleidet, unter dieser Abdeckung führten die Wasserschläuche vom Reservetank in die Druckkammer. Zwischen diesem Tank und dem Hinterrad war der Sitz des Fahrers angebracht, auf dem Tank war ein überschweres Maxim-Gewehr in Fahrtrichtung fix montiert. Kaliber .50 x 4, 90 Schuss in der Minute, die Munitionszufuhr erfolgte über einen Gliedergurt. Bis zu 800 Schuss konnten so zum Einsatz gebracht werden. Wenn der Fahrer stehen blieb, konnte er die schwere Waffe mit einer Zahnstange etwas höher kurbeln und die Arretierung lösen, um sie so nach allen Richtungen schwenken zu können. Die beiden vorderen Räder des Fahrzeuges dienten zur Steuerung und wurden über zwei Pedale bedient, im Winter konnten ganz einfach Kufen darunter geklappt werden, und das Gefährt wurde zum schnellen Schneemobil. Für die Fahrt hatte Jonathan Wildes Wiesel lederne Hosen und wadenhohe Mokassins angezogen, die Weste, welche er auf der bloßen Haut trug, war aus feinem Wildleder und verfügte über viele Taschen, die Stickerei aus roter Wolle auf seiner Brust zeigte eine Feder des Kriegsadlers in einem Kreis – das Zeichen eines Captain. Eines Kriegshäuptling. Natürlich besaß er auch den zeremoniellen roten Waffenrock mit den grünen Armaufschlägen und Kragenspiegel des RANAC, des Royal American Native Army Corps, genauer der 2 Lakota Dragoons. Aber mit Ausnahme von offiziellen Anlässen trug dieses Kleidungsstück heute Niemand mehr. Besonders nicht im Kampf, da konnte man sich ja gleich eine leuchtende Zielscheibe auf die Brust hängen. Da zog Jonathan lieber eine Jacke aus Naturleder im Blazerschnitt an, mit Zierfransen und dem Zeichen des Captain auf der Brusttasche. Auch er hatte seine langen Haare zu Zöpfen geflochten, trug jedoch in der Mitte des Hauptes eine handgroße Stelle kurz geschnitten. Dort waren die Haare mit Fett getränkt und standen etwa zwei Finger hoch aufrecht, die Stirn hatte er sich mit Zinnober rot gefärbt. Auch er besaß die BAR und den Revolver im Gürtel, die gleichen Waffen, welche auch Viviane Büffelfrau trug. Jason Zauberadler sprach noch den Reisesegen über seine Tochter und deren Mann, dann warf das Paar die Motoren an und fuhr los. In Richtung Süden, zum South Lakota Trail, einer von zwei Wegen, welche die Rocky Mountains mit den großen Seen verband. Der südliche Trail, den sie jetzt ansteuerten, ging durch die großen Prärien, in welchen außer Büffelgras nicht viel wuchs. Selbst Bäume waren hier eine Seltenheit, daher hatte Holz für die Völker der Lakota schon immer einen großen Wert besessen.
Der Trail selber war keine besonders gut ausgebaute Straße, eigentlich nur Erdreich zwischen Hohlsteinen aus Beton. Den Verlauf dieser Straße markierten bereits aus der Ferne sichtbare 33 Fuß hohe Markierungsmasten aus Stahl, welche jeweils eine halbe Meile voneinander entfernt standen. Etwa alle 200 Meilen befand sich entlang des Trails eine Raststation mit einem Posten der Royal American Mounted Police, einem kleinen Restaurant und einigen Zimmern zum Übernachten. Trotzdem konnten die Reisenden auf dieser Straße die Ventile ihrer Dampfkessel jetzt weit öffnen und ihre Trikes auf 50 Meilen in der Stunde beschleunigen. Das hochgezüchtete leichte Offiziersmodell von Jonathan hätte es zwar noch auf 57 Meilen gebracht, aber das zivile Gefährt Vivianes war eben deutlich langsamer, dafür aber robuster und konnte mehr Ladung transportierten. Beide waren mit ihrer Welt durchaus zufrieden. Die riesige Ebene der Great Plains, welche schon die später im Volk der Lakota aufgegangen Algonkin Wyoming genannt hatten, um sich herum, das grüne, frische Büffelgras, das jetzt im Msi nur bis knapp an das Knie Vivianes reichte, gegen Ende des Sommer aber die Schultern Jonathans überragen würde. Hinter sich hatten sie die Paha Sapa, mit dem höchsten Berg Wakondas Thron, einem Tafelberg. Vor sich die leicht hügeligen Ebenen, die schnurgerade Straße. Der Wind der Geschwindigkeit spielte in ihren Haaren, sie waren verliebt und fühlten sich frei, die Probleme der Welt konnten warten, bis sie die großen Seen erreicht hatten.
Nach zwei Tagen auf dem Trail hielten sie eines Vormittags ihre Räder an. „Das gefällt mir nicht“, Wildes Wiesel nahm das Gewehr aus dem Halfter und kontrollierte die Ladung, Büffelfrau tat es ihm sofort gleich. Er war ein erfahrener Krieger, hier war es durchaus angebracht, seinem Beispiel zu folgen.
„Es ist weiter im Süden“, überlegte Viviane Büffelfrau, kontrollierte auch noch ihren Revolver und stieß ihn wieder ins Holster. „Ob das auf dem Mormon Trail ist?“
Jonathan sah zur Sonne, dann holte er seine Uhr aus der Tasche. „Es könnte auf dem Trail oder auch der Mormon Railway sein.“
„Ein Zugunglück?“, erschrak Viviane. „Das wäre aber möglich!“
„Wir waren etwa eine Stunde seit der letzten Station unterwegs“, überlegte Wildes Wiesel. „Fahr zurück und erstatte dort bitte Bericht.“
BILD S126-8
„Du bist schneller als ich“, wandte sie ein.
„Ich weiß nicht, es ist ein dummes Gefühl, aber mir wäre wohler, du wärst möglichst weit weg von der Unglücksstelle“, bekannte Jonathan.
„Ein Krieger, der etwas auf sein Bauchgefühl gibt“, hänselte die junge Frau und erschrak, als Jonathan sich ihr zuwandte und sie ansah. In seinen Augen flackerten Lichter, und seine Lippen waren zusammen gekniffen. „Wakan!“ flüsterte sie, dann gehorchte sie, wandte ihr Trike um und fuhr davon. So schnell es ihr Gefährt erlaubte.
Jonathan sah der kleiner werdenden Gestalt seiner Frau nach, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder nach Osten. Irgend etwas war Seltsam. Vielleicht die Farbe des Rauches, oder – nein er kam noch nicht dahinter. Langsam, wie ferngesteuert lehnte er sich leicht vor und lud das Maxim-Gewehr durch. Dann drückte er den Dampfhebel mit der linken Hand behutsam hinunter, öffnete damit die Ventile line by line und fuhr langsam los. Nicht direkt auf die Rauchsäule zu, sondern sich etwas weiter südlich haltend. Es war nicht das erste Mal, dass er solche Gefühle entwickelte, und bisher hatte es sich immer gelohnt, auf diese Eingebungen zu hören. Das letzte Stück Weg zum Gipfel eines höheren Hügels legte er zu Fuß zurück. Dort holte er sein Fernrohr hervor und beobachtete die Umgebung. Eine Staubwolke, die sich rasch nach Nordwesten bewegte, erregte seine Aufmerksamkeit. Sein Verdacht schien zumindest nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn warum sollte sich jemand so rasch von einem Unfallort entfernen? Und für eine Herde Büffel oder Mustangs war ganz entschieden nicht die Zeit. Und wenn es Nachzügler wären, eilten sie in die völlig verkehrte Richtung. Was sollte er also tun? Der Staubwolke nach musste es sich um eine größere Bande handeln, gegen welche er wahrscheinlich nicht einmal mit dem Maxim eine ausgewogene Chance hatte.
Jonathan war ein durchaus mutiger Mann, aber deswegen noch lange kein Selbstmörder, wenn er starb, dann sollte sein Tod schon einen Sinn gehabt haben. Der Captain des RANAC lief zurück zu seinem Trike und suchte die Straße wieder auf, gab etwas mehr Dampf auf das große Rad und fuhr mit gemäßigter Geschwindigkeit nach Westen zurück. Ab und zu machte er einen Abstecher zu einem der Hügel, um nach Süden zu spähen, und immer wieder fand er die Spuren des Staubes in der Luft. Dann, mit einem Male nichts mehr. Jonathan beobachtete weiter, und wirklich, nach einiger Zeit schien sich das oder die Objekte wieder in Bewegung zu setzen. Allmählich näherte sich die Wolke aus von harten Rädern aufgerissenem und in die Luft geschleuderten Erdreich dem South Lakota Trail. Jonathan wurde irgendwie klar, das ein Feuergefecht immer wahrscheinlicher wurde. Irgendwo auf dem Trail würde es wohl dazu kommen.
=◇=
„Nun“, bellte der hochgewachsene Mann barsch. Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft machte sich nichts daraus. Er wusste, dass Sheriff James Amos Young nicht ihn meinte, und schon kam ein verlegenes Räuspern. „Sorry, Joseph. Es ist nur…“
Joseph winkte ab und erhob sich aus der Hocke. „Dort haben sie gewartet, Sheriff. Sie haben hier ein Wrack von einem Wagen stehen gehabt, das ist nicht zu übersehen. Ich vermute einmal, dass wirklich eine Frau den Köder spielte, zumindest sind hier Spuren von Frauenschuhen. Da drüben steht noch das Dreibein, mit dem sie eine Rakete abgeschossen haben. Wahrscheinlich eine Hale, so gut wie sie die Waggon mit dem Safe getroffen haben.“
„Shit!“ Der Sheriff nahm den schwarzen, an einen Saturno erinnernden Hut Krempe ab und fuhr mit dem Taschentuch über das Schweißband. Young war mehr als hager. Sein kahler Kopf, die tiefliegenden Augen und die eingefallen Wangen erinnerten stark an einen Totenkopf, und auch sonst schien an dem Mann kein Stück Fleisch zu sein. Das weiße Hemd, die schwarze Weste mit dem Sheriffabzeichen und die schwarzen Hosen, beides aus feinstem Cord, schlotterten im Wind um die traurig wirkende Gestalt, man traute ihm gar nicht zu, die beiden schweren .44-40 Revolver von Browning überhaupt aus dem Holster ziehen, geschweige denn zielgerichtet abfeuern zu können. Man hätte sich stark getäuscht. Einige Desperados hatten den Irrtum mit einem Aufenthalt im Gefängnis bezahlt, viele entweder sofort oder einige Zeit später sogar mit dem Leben. Die Richter der südlich und westlich des Lakotalandes gelegen Mormon States Utah und Idaho mochten es gar nicht, wenn man ihre Polizisten angriff und waren recht schnell mit einem Strick zur Hand. In der Bibel stand der Spruch Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen – die Friedensrichter waren durchaus bereit, den langsam mahlenden Mühlen GOTTES etwas mehr an Geschwindigkeit zu verleihen. Der HERR sprach zwar Mein ist die Rache, aber auch hier wollten die Mormonen dem HERRN gerne behilflich sein. Bitte, gerne geschehen, und wenn ER auf seine Rache verzichten wollte, konnte GOTT der HERR jederzeit den Strick reißen lassen, mit dem seine Diener die Übeltäter an den Baum knüpften. Niemand würde IHN daran hindern.
Nachdem ihm sein Fluch entfahren war, bekreuzigte sich James Amos schnell. Er war zwar kein strenggläubiger Anhänger der Kirche der letzten Tage, aber das mit dem Fluchen brachte einen irgendwie immer ins Gerede. Auch wenn ein Mann wie der Sheriff schon einiges an Narrenfreiheit genoss.
„Wie viele?“, fragte er.
„Zweiunddreißig Männer haben die Fahrzeuge verlassen, Sheriff. Vier Fahrzeuge, mit Metall und Nägel beschlagene Räder mit einer Breite von 8 Zoll.“
„Conestogas“, vermutete Sheriff Young.
„Natürlich“, bestätigte Joseph, der Fährtenleser aus dem Volk der Cheyenne. „Sonst hätten sie mehr Wagen benötigt, um das geraubte Gold weg zu bringen.“
„Ich nehme an, es waren Weiße?“ Der Mormone stülpte seinen Hut wieder über den haarlosen Kopf.
„Wenn ein Lakota oder Cheyenne dabei war, dann war es ein Renegat“, bestätigte sein Scout. „Wir Natives rauben zwar schon einmal etwas, von Frauen angefangen, über Trikes und Quads bis hin zu Pferden. Aber wir löschen nicht das Leben von mehr als hundert Männern, Frauen und Kindern für eine Ladung Gold aus. Nicht einmal im Krieg, das wäre überhaupt nicht ehrenwert, Sheriff.“
„Nun – nun gut. Ich finde es allerdings auch nicht ehrenhaft, eine Frau zu rauben, aber – es sind eure Sitten!“
„Aber Sheriff, wo bleibt der Spaß, wenn kein Risiko dabei ist. Natürlich benachrichtigt man den Vater der Braut, in welchem Zeitraum man seine Tochter rauben möchte. Und man bringt nachher den ausgemachten Preis. Bei den Lakota bringt man den Preis schon vorher, die Frau kann dann noch fliehen. Wir respektieren untereinander die jeweils anderen Sitten. Meine Frau ist eine Lakota, und sie hat ihren Vater abgelenkt, damit ich leichter ins Dorf kam. Das alles ist mehr oder weniger ein Spiel. Ein uns heiliges Spiel.“
„Wenn du meinst!“ Damit war das Kapitel beendet. Als vor 50 Jahren die Mormonen in das Land der Cheyenne und jenes der Yuthaha vorgedrungen waren, waren sie froh, dass sie in den Natives Nachbarn fanden, denen ihre Religion und Rituale egal waren. Man kam ins Geschäft. Hier und hier ziehen Büffel, also siedelt lieber dort und dort. Wenn Ihr den Büffeln und den Mustangs im Weg seid, werden wir ihnen den Weg freimachen, sie sind für uns wichtiger als Ihr. Und dieses und jenes ist uns heilig, also haltet Euch besser daran, dann dürft Ihr ebenfalls glauben und machen, was Ihr wollt. Von uns aus auch 100 Frauen heiraten, obwohl wir Euch nicht einmal drei zutrauen, ohne eine davon zu vernachlässigen. Aber – das soll nicht unser Problem sein. Die Heiligen der letzten Tage hielten sich an die Verträge, es wurde ein friedliches Nebeneinander ohne viel Verschmelzungen. Und letztendlich ein gutes Geschäft für die technisch versierten Mormonen, nachdem Jonathan Browning 1854 die geschlossene Patrone erfunden und zum Patent angemeldet hatte. Seit 1882 stellte John Moses Browning, sein Sohn, das Modell BAR und den Revolver im Kaliber .44 – 40 her, die offiziellen Waffe des RANAC. Und auch der Miliz der Mormonen, Cheyenne und Yuthaha.
„Also zweiunddreißig Männer und vier Conestogas“, überlegte Sheriff Young.
„Mindestens zweiunddreißig“, präzisierte Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft.
„Selbstverständlich“, nickte der dürre Mormone und ging zu seinem Steamquad mit den 32 Zoll durchmessenden Rädern. „Aufsitzen, Leute!“, befahl er, und seine 8 Hilfssheriffs schwangen sich ebenfalls auf ihre Gefährte. „Joseph übernimmt die Führung, der Rest in Reihe folgen, hoho!“ Den scharfen Augen des Cheyenne bot sich überhaupt keine Schwierigkeiten, der Spur aus dem von den harten Rädern der dampfgetriebenen Transportfahrzeugen für schwere Lasten aufgerissenen Boden zu folgen.
=◇=
„Noch keine Spur von Verfolgern!“ Jean-Paul Montes setzte das Fernglas ab. „Ob die Greifer überhaupt schon an der Stelle sind, wo wir zugeschlagen haben?“
„Du solltest besser davon ausgehen.“ Pierre Brule spuckte seinen Kautabak über die Bordwand des Conestoga. „Und wenn Young mit seinem Spürhund Der-schneller-als-der-Wind-läuft in der Gegend war, sind sie auch schon auf unserer Spur.“
„Skeleton Young?“ Montes kniff kurz die Augen zusammen, dann zuckte er mit den Schultern. „Was soll’s? Wir sind fast vierzig Männer. Da beißt sich auch Young die Zähne aus. Eigentlich hat er hier schon nichts mehr zu melden. Wir sind doch bereits auf Lakota-Gebiet, da wären die Native Mounties zuständig! Also ist es egal, er muss sowieso an der Grenze umdrehen. Und wenn wir erst in Saskatchewan sind, kann uns auch keine Amtshilfe der Mounties zurück holen, wir sind dann auf französischem Gebiet.“
„Dann könnten wir ja ein wenig rasten“, grinste Germaine Contrail. „Die Mounties können uns nichts anhaben, weil wir den Zug noch auf Cheyenne-Land ausgenommen haben! Und bis das America Scotland Yard übernimmt, können wir nach Canada gehen!“
„Kurze Pinkelpause, dann geht es weiter“, entschied Montes. „Mit langsamer Fahrt, aber doch. Also, absteigen zum pipi!“
Es waren Frankocanadier, die den altertümlichen Dialekt des Fracais québébois sprachen. Diese Sprache hatte sich nicht nur, aber vor allem in der Hauptstadt des französischen Canadas auch zur Zeit der britischen Herrschaft erhalten und sich nach der Reprise Canadas durch den Aigle Napoleon Bonaparte über das gesamte Canada bis zur Grenze zum russischen Alaska durchgesetzt. Napoleon hatte auch Quebec wieder zur Hauptstadt Canadas gemacht. Es handelte sich um sans foi ni loi, wie es sie leider am Rand jeder Zivilisation gibt. Männer und manchmal auch Frauen, welche lieber durch Diebstahl, Raub oder Mord ihren Lebensunterhalt verdienten statt einer geregelten Arbeit nachzugehen. Mit letzterer erreichte man aber keine Reichtümer, und so klammerten sich diese Verbrecher immer an die Hoffnung vom ganz großen Coup. Auch die Mannschaft, die Jean-Paul Montes und seine Geliebte Germaine Contrail gemeinsam mit Pierre Brule zusammen gesammelt hatten. Und es schien tatsächlich so zu sein. Sie hatten mit einem Lockvogel den Zug zum Stehen gebracht, mit vorgehaltenen Waffen die Lokomotive und die normalen Wagen geentert. Dann hatten sie die Passagiere erschossen, Männer, Frauen und Kinder, mit Hilfe einer Hale-Raketen den schweren Waggon mit dem Gold geknackt und mehrere Kilogramm Gold in Barrenform aus den Minen in den Rocky Mountains sowie einige Säcke mit bereits geprägten Pfundmünzen geraubt. Dazu noch einiges an Silber, weit weniger im Wert, aber noch immer eine willkommene Beute.
Jetzt kletterten sie aus den Transportwagen, die wie Boote geformt waren, welche auf ihren 5 Meter durchmessenden Rädern eine Bodenfreiheit von einem Meter erreichten. Der Rumpf war 12,3 Meter lang und 3,2 Meter breit. Ohne die jeweils 20,4 breiten Räder, welche in tieferem Wasser auch als Schaufelrad-Antrieb fungieren konnten. Alte, französische Technik, nichts ausgefallenes, einfach, aber praktisch. Während die Männer ihre Notdurft verrichteten, schälte sich Germaine aus ihrem Kleid, mit welchem sie den Lockvogel gespielt hatte. Sie sah nicht einmal schlecht aus, wie ein kleiner, frecher, französischer Spatz. Doch sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Geboren und aufgewachsen in guten und geborgenen Verhältnissen, zeigten sich bald sadistische Tendenzen. Sie begann mit dem Quälen von Insekten, später folterte und tötete sie Mäuse, Katzen und Hunde. Mit 14 Jahren hatte sie dann den ersten Mann getötet, ihm zuerst Avancen gemacht und dann plötzlich zugestochen. In den Bauch. Es war für sie absolut erregend gewesen, ihrem Opfer beim Sterben zuzusehen. Dann hatte sie Geld und wertvolle Schmuckstücke an sich genommen und war geflohen. So lebte sie weiter, finanzierte ihr weiteres Leben mit Mord und Raub, bis sie Jean Paul Montes traf. Er ließ sich von ihr nicht überraschen, nahm ihr das Messer weg und zähmte die damals 19-Jährige. Nun tötete sie nur noch, wenn Jean-Paul es befahl. Oder besser, wenn er es erlaubte.
Montes beobachtete die Entkleidung mit großem Vergnügen.
„Schade, schade“, meinte er kopfschüttelnd.
„Dann lass uns doch noch etwas länger bleiben!“ Ihre Stimme klang rau, der Gedanke an die Toten erregte sie wie immer.
„Nein!“ Der Desperado schüttelte den Kopf. „Wir fahren weiter. Zieh dir wieder etwas über“, befahl er. Sie zwängte ihre aufregenden Formen widerwillig in eine enge, grüne Cordhose und eine helle Hemdbluse, dann schlüpfte sie in kniehohe Stiefel, stülpte einen breitkrempigen Hut auf ihre dunkelblonden Haare und schnallte einen Waffengurt mit einem Revolver um ihre schlanken Hüften.
„Et Voila!“, präsentierte sie sich.
„Sehr gut!“ Montes packte sie mit hartem an den Schultern, zog sie brutal an sich und küsste sie rasch auf den Mund.
„Heute Abend“, versprach er ihr. Dann sprang er in die Einstiegsluke und brüllte hinaus. „Werdet endlich fertig und packt tes Queues wieder in die Hosen, Ihr Waschweiber. Es geht weiter!“
Als erster turnte Peter Brule über die ausgefahrene Leiter in den Wagen. Er war als Cepahubi (Large Organs) Pierre Gelber Bär auf die Welt gekommen. Er pflegte zu behaupten, dass sich der Name des Clans Cepahubi der Assiniboine auf ein spezielles Organ bezog, welches er auch oft und gerne benutzte. Im Gegensatz zu den anderen Männern seines Stammes war er zänkisch veranlagt und suchte gerne und oft Streit. Bald benannte man in um, in Giftiger Bär. Er tötete seinen eigenen Halbbruder, nicht im ehrlichen Kampf, sondern mit einem Pfeil aus dem Hinterhalt. Warum konnte niemand in seinem Stamm sagen, aber er war danach kein Cepahubi, er galt noch nicht einmal mehr als Assiniboine. Pierre Der Stammlose floh in die Städte der Weißen, wo er in einer dunklen Seitengasse auf Jean-Paul Montes und Germaine Contrail traf. Er dachte, die kleine Frau in der eleganten Abendrobe wäre gut geeignet, den damals für einen Coup ebenfalls dandyhaft gut gekleideten Mann zu erpressen. Ein rascher Würgegriff, ein Revolver an ihren Kopf halten, die Wertsachen verlangen und dann den Mann trotzdem erschießen. Die Frau wäre ihm hilflos ausgeliefert gewesen. Hatte er sich ausgemalt und auch teilweise versucht, bis er ganz überraschend einen heftigen Schmerz in der Leibesmitte verspürte. Eine kleine, aber eiserne Hand war unter dem Schamtuch zwischen seine indianischen Leggings geschlüpft und hatte seine Hoden gequetscht, bis er nur noch gewimmert hatte, dann hatte er ein Messer an der Kehle gespürt und eine helle Stimme gehört.
„Darf ich, Jean-Paul? Bitte, lass mich ihm die Kehle durchschneiden“, bettelte die kleine Frau den Mann an. „Ich werde heute Abend auch ganz besonders nett zu dir sein.“
Jean-Paul hatte den Kopf geschüttelt. „Nicht so voreilig, mon petit Chaton. Erst wollen wir doch noch ein wenig mit dem Mann plaudern!“
„Dann darf ich ihm vielleicht wenigstens die Œufs oder den Bite abschneiden?“ Germaine leckte sich die Lippen, der Stahl verlagerte sich, und Pierres Grandes Organes wurden sehr petits.
„Mon Chaton mignon“, tadelte Jean-Paul. „Nicht so schnell! Vielleicht bedauerst du es noch einmal, wenn du jetzt schneidest!“
„Was denn?“, wollte sie wissen.
„Wir brauchen immer wieder einen Fährtenleser. Kannst du Spuren finden, mon Ami?“
„Ja“, nickte Pierre vorsichtig.
„Siehst du, Chaton!“ Jean-Paul nahm das Messer in Germains Hand von Pierres Gemächt.
„Und wer sagt uns, dass er nicht lügt?“ Wieder fühlte der ehemalige Assiniboine die Spitze von Germaines Dolch. „Es geht auch ganz schnell!“
„Germaine!“ Jean-Pauls Stimme klang schneidend, leise grummelnd steckte die Frau das Messer weg. „Und du darfst ihn auch loslassen“, kommandierte Montes. Contrail holte Luft.
„Jetzt!“ Der Befehl war noch nicht einmal laut, doch Pierre fühlte, wie sich der brutal harte Griff löste und brach vor Erleichterung beinahe zusammen. Jean-Paul legte ihm den Arm um die Schultern. „Komm, mon Ami. Wir wollen einmal sehen wie gut du bist. Wenn du deine Aufgabe nicht meisterst, darf das kleine Kätzchen mit dir machen, was immer es möchte. Und es hat Phantasie, glaube mir!“
Pierre glaubte es sofort, aber er war bei all seinen Schwächen und seiner Bösartigkeit ein guter Fährtenleser. Germaine Contrail akzeptierte ihn schließlich auch als dritten im Bunde, der unbestrittene Anführer blieb Jean Paul. Was immer er anordnete, führten die beiden anderen ohne zu Zögern aus. Alles! Das Trio wuchs allmählich zusammen und verübte eine Menge Verbrechen, welche aber noch nicht aufgeklärt waren. Sie blieben bisher immer unverdächtig, besonders, weil sie einen guten Teil ihrer Verbrechen südlich des Gebietes der Haudenosaunee verübten und durch diesen Landstrich unauffällig wieder nach Canada entkamen. Es reisten immerhin jährlich tausende Personen über die Trails von Canada nach Britisch America und zurück, zum Teil ohne Grenzkontrollen über die ‚grüne Grenze‘.
„Geht’s weiter?“, zwinkerte Pierre und machte den Weg für den Fahrer des Conestoga frei.
„Er will alles auf den Abend verschieben“, schmollte Germaine. „Dabei – egal! Wir haben ja das Gold!“
Jean-Paul räusperte sich. „Genug. Wenn alle aufgesessen sind, geht es weiter!“
„In Ordnung, mon Commandant!“ Jaques Dubois zog an der Schnur der Dampfpfeife, welche von den anderen Fahrern beantwortet wurde. Die vier Conestogas rollten wieder an.
=◇=
In der Mountiestation Silver Creek war Samuel Klares Wasser dabei, die Dienste für den folgenden Tag einzuteilen und einiges an Papierkram zu erledigen, als ein Trike mit hoher Geschwindigkeit heranfuhr und vor der Station abbremste. Sofort gingen in dem alten PI die Alarmglocken an. Er hatte die schöne Frau bereits am vorigen Abend und diesem Morgen bewundert, in allen Ehren natürlich. Wenn sie jetzt nach weniger als zwei Stunden allein zurück kam, war etwas geschehen. Und zwar sicher nichts Gutes. Viviane stürmte in die Amtsstube.
„Ein Unglück entweder auf dem Mormon Trail oder auf dem Mormon Railroad“, rief sie schon von der Tür her. „Eine dicke Qualmwolke steht etwa 100 Meilen von hier im Südosten.“ Samuel sprang erschrocken auf und zog sofort die Leine der Alarmsirene. Sein Schreck hinderte ihn nicht daran, seiner Ausbildung gemäß prompt und vor allem richtig zu reagieren. Ein tiefer, tragender Ton erklang, und schon setzte wildes Trampeln im Gebäude ein.
„Sarge, übermittle den nächsten Stationen östlich und westlich den Alarm“, wandte er sich an den PS Lester Dürrer Fisch an der Morsetaste. „Teile ihnen auch mit, was die Zauberfrau erzählt hat. Dein Mann möchte näher erkunden?“
„Das will er. Und Inspektor – er ist davon überzeugt, dass es ein Überfall oder ähnliches ist. Er wird in Sichtweite der Straße bleiben.“
„Ein Überfall? Das wäre aber sehr – unüblich.“ Klares Wasser zögerte noch, den Uniformhut in der Hand. „Wie kommt er denn darauf?“
„Ich habe das Wakan in seinen Augen gesehen“, flüsterte Viviane. „Starkes, mächtiges Wakan.“
„In Ordnung“, nickte Samuel und stülpte seinen Hut auf den Kopf. „Wenn Wakonda einen Mann berührt, dann sollte man dem auch folgen. Wir bleiben auf der Straße, bis wir ihn treffen!“
Den Männern der Mounted Police stand ein dampfbetriebener, leicht gepanzerter Pick-Up-Truck zur Verfügung. Ein sogenannter Hummer, wegen der Panzerung und der knallroten Farbe, welche ihn als Fahrzeug des RAMPC auswies. 19 Fuß und 8 Zoll lang, 7 Fuß und 9 Zoll breit, auf der Straße 35 Meilen in der Stunde schnell. Die Bodenfreiheit betrug dank einer Portalachse 20 Zoll, die Panzerplatten boten Fahrer, Beifahrer und den maximal 8 Mann Besatzung im Fahrgastraum gegen Handfeuer ausreichend Schutz, der Gegner musste schon wirklich schweres Gerät auffahren. Ein Kaliber .55 x 5 Zoll überschweres Maxim-Gewehr etwa. Eine extrem seltene Waffe bei Privatpersonen, und das RAMPC war eine Polizeieinheit, welche aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit einer solchen schweren Militärwaffe zu tun bekam. Dazu war der Hummer selbst auch nicht unbewaffnet, auf dem Dach war ein von – selbstverständlich – Browning in Lizenz hergestelltes Maxim-Gewehr montiert. Kaliber .50 x 4, wie auch auf Jonathans Trike.
„Also, Leute, Aufsitzen!“, rief PI Klares Wasser seinen Constables zu, und vier mit Gewehren bewaffnete Männer in der roten Uniform des RAMPC sprangen hinten in die Fahrgastkabine. „Du bitte auch, Zauberfrau“, rief er, als er sich auf den Beifahrersitz schwang. Viviane nickte dankbar. Es wäre für sie beinahe unerträglich gewesen, in der Station zu bleiben. Rasch nahm sie sich noch ihre BAR und die Tasche mit den schamanistischen Utensilien vom Trike, dann lief sie rasch zum Hummer.
„Deine Hand, Zauberfrau!“ PC Gregory Scharfes Auge streckte seine rechte Hand aus, welche Vivian dankbar ergriff. Mit einem kräftigen Zug half er ihr in den Wagen, wo sie auf der Bank mit dem Rücken zur Fahrtrichtung neben Gregory Platz nahm. „Willkommen, Zauberfrau. Ich bin Gregory Scharfes Auge, der kleine bullige dort links ist Jasper Rollender Donner, daneben der Riese ist Georges Eisenfaust und das dünne Gespenst ist auch ein Georges. Georges Helles Haar. Sein Dad war ein Weißer aus einer Stadt mit einem komischen Namen, den es zu uns verschlagen hat und der eine von uns geheiratet hat. Guter Jäger. Eine halbe Portion, aber ein guter Jäger. Hat sich gemausert, wie unser Georges hier!“
„Mein Vater war aus Haarlem, Gregory. Er hieß Jan van Njiuheusten und war ein Zakenman uit Nederland“, wandte sich der schlanke Mountie an Viviane. „Vergib ihm, Zauberfrau. Er hat ein scharfes Auge, aber einen stumpfen Geist!“
„Ich bin Viviane Büffelfrau, Freunde. Danke für das herzliche Willkommen!“
„Kaffee?“ Jasper Rollender Donner machte seinem Namen alle Ehre, der knapp 5 Fuß und 3 Zoll kleine Mann mit dem riesigen Brustkorb und den schwellenden Muskeln besaß den dunkelsten aller möglichen Bässe, er hätte in Richard Wagners Siegfried sofort den Zwerg Alberich singen können. Sein breiter Akzent verriet ebenso wie seine Einsilbigkeit den Wahpekute-Dakota. Für einen Mann von den Wahpekute im äußersten Osten des Dakotalandes war dieses Angebot außerhalb des Dienstweges schon eine festliche Rede, üblicherweise begnügten sich die Angehörigen dieses Stammes mit knappen Handzeichen. Georges Eisenfaust griff hinter sich und holte eine Flasche hervor.
„Dort hinten bleibt der Kaffee schön heiß. Magst du Zucker?“
„Ja, gerne!“
„Dein Glück, Viviane Büffelfrau“, bemerkte Georges Helles Haar. „Der gute Gregory kippt nämlich immer jede Menge Zucker in den Kaffee, er schmeckt dann beinahe wie Sirup. Dafür wird er immer zu dünn!“ Der Kaffee, der jetzt in den Becher floss, war tatsächlich etwas durchsichtig, das Muster am Boden des Blechbechers war noch deutlich zu erkennen. Trotzdem nippte Viviane an dem Getränk, und heiß war es zumindest wirklich. Und süß. Gut, Zucker gab schnell neue Kraft und Konzentration.
=◇=
„Dort links von uns fährt jemand auf dem Trail, Jean-Paul!“ Japues Dubois, der Fahrer des ersten Conestogas wies nach rechts, wo im spitzen Winkel zu ihrem Kurs der südliche Lakota Trail verlief. Der Chef der Bande kam auf den Bock und sah sich um.
„Ich glaube nicht, dass uns der Mann Probleme bereiten wird“, überlegte Montes.
„Er hat ein Maxim-Gewehr auf seinem Trike, das ist ein Militärmodell.“ Pierre benötigte kein Fernglas, um das zu erkennen. „Da ist ein Offizier der RANAC unterwegs.“
„Trotzdem, ein Soldat, auch ein Offizier, hat in Friedenszeiten keine Befugnisse“, erklärte Jean-Paul. „Und er ist nicht einmal in Uniform.“
„Lass mich sehen!“ Germaine zwängte sich ebenfalls nach vorne. „Oh, das wäre ein Häppchen“, urteilte sie. „Der Junge hält bestimmt eine Menge durch. Und Pierre wünscht sich schon lange ein Trike.“
„Nein“, wehrte Montes ab. „Nicht verzetteln. Unsere Spuren sind zu gut zu sehen, und es ist immerhin eine Straße. Da könnte eine Patrouille vorbeikommen. Wir bringen zuerst das Gold in Sicherheit. Keine Sorge, mon petit Chaton, du kommst schon noch auf deine Kosten!“
„Er fährt ziemlich langsam“ überlegte Pierre. „So ein Trike schafft doch sicher um die 50 Meilen! Aber er fährt langsamer als wir, als wolle er hinter uns bleiben.“
„Er wird wohl misstrauisch sein und uns ein wenig beobachten wollen“ meinte Jean-Paul. „Einfach weiterfahren, ganz ruhig. Seht doch, er bleibt stehen.“
„Merde!“, entfuhr es Germaine. „Von dort drüben kommt ein Hummer.“ Der Anführer fuhr herum.
„Teufel, ja, und diese indianischen Flics haben etwas zu melden in dem Gebiet.“
=◇=
„Mögliche Banditen voraus!“ Die Stimme von Samuel Klares Wasser tönte durch den Passagierraum des Hummer.
„Mein Stichwort!“ Der dünne, aber umso länger gebaute Georges Helles Haar erhob sich von seinem Sitz, öffnete eine Lucke in der Decke des gepanzerten Fahrzeuges und schob seinen langen Oberkörper ins Freie. Dann hörten die anderen, wie er den Verschluss des Maxim-Gewehres zurückzog und wieder losließ. Mit den typischen metallischen Scheppern fuhr der Verschlussblock nach vorne und schob dabei die erste Patrone des Munitionsgurts in den Lauf. „Geladen und gesichert!“ meldete Georges. Gleichzeitig schlossen die anderen vier Mounties die Fensteröffnungen mit Metallplatten, sodass nur schmale Schießscharten übrig blieben und luden ihre BARs durch. Viviane folgte ihrem Beispiel und kontrollierte auch noch einmal ihren Revolver. Das hatte sie zwar schon einige Male gemacht, aber sie war eben ein wenig nervös.
„Es wird schon gut gehen!“ beruhigte Gregory Scharfes Auge, und die Schamanin nickte.
„Natürlich. Aber mein Mann Jonathan Wildes Wiesel ist da draußen. Ganz allein!“
Ein flüchtiges Lächeln flog über Gregorys Gesicht. „Wenn er eine Frau wie dich erobert hat, dann ist er ein fähiger Mann. Konzentriere dich auf das Hier und Jetzt!“
Nun musste auch Viviane grinsen. „Klau mir nicht meinen Text, Greogory!“
„Liegt in der Familie!“ Scharfes Auge zuckte mit den Schultern. „Opa war Medizinmann, und er hat es auch ständig gepredigt.“
=◇=
Auf seinem Trike hatte Jonathan die Arretierung des Maxims gelöst und es auf der Zahnstange frei schwenkbar gemacht. 800 Patronen im Kaliber .50×4 warteten jetzt nur noch darauf, Tod und Verderben über die Conestogas ausschütten zu können. Ein kleiner Druck von vielleicht 1 Pound mit dem rechten oder linken Daumen würde reichen, und das Maxim würde losrattern, wenn er den Druck nicht verringerte, beinahe neun Minuten. Und es war unverkennbar, dass die Mündung auf den vordersten Wagen gerichtet war. Auch Georges Helles Haar hielt sein Maxim-Gewehr auf die Conestogas gerichtet, und zähneknirschend gab Jean-Paul Montes das Signal zu halten. Als aus dem Hummer ein Mounty im roten Uniformrock mit den Schulterstücken eines Police Inspector stieg, bastelte der Francocanadier an einem halbwegs überzeugendem Lächeln.
„Mon Capitaine de Gendarmes, was kann ich für Sie tun?“ Samuel Klares Wasser blickte Montes lang an.
„Wir haben gehört, dass im Südosten eine mächtige Rauchsäule zu sehen ist.“ Der PI nahm bedächtig den Hut ab und wischte über das Schweißband. „Haben Sie dazu etwas zu sagen, Mister…?“
„Jaques-Marie Bernardotte, Monsieur“, antwortete Jean-Paul innerlich fluchend. Trotzdem, jetzt musste er die Nerven behalten. Mounties, Grenze, keine Gefahr. „Nun, ja, wir haben es aus der Entfernung gesehen! Aber wir sind nicht hingefahren, um nachzusehen!“
Samuel nickte. „So, so, natürlich! Es ging Sie ja wohl nichts an, oder?“
„Nein, natürlich nicht. Es war übrigens jenseits der Grenze zum Lakota-Gebiet“, spielte Montes seinen Trumpf aus.
„Ach so!“ Wieder nickte Klares Wasser mit dem unschuldigsten Gesicht zwischen Nordpol und Mexico. „Dann brauchen wir wohl nicht hin fahren, um nachzusehen.“
„Das kann ich nicht sagen, Monsieur.“ Jean-Paul antwortete zögernd. „Ich kenne mich mit ihrem Recht ja nicht so gut aus.“
„Natürlich. Entschuldigen Sie, Sir. Das darf ich Sie ja nicht fragen.“ Samuel Klares Wasser wirkte wie ein Idiot, aber er verfolgte eine Strategie. Die Verdächtigen in Sicherheit wiegen und dann – nun ja, was immer nötig war. „Und was treibt Sie und ihre Gesellschaft hierher, Sir?“
„Handel, Mon Capitaine. Wir versuchen, ein wenig französische Ware in den englischen Kolonien und englische Waren nach Canada zu bringen.“
„Aha!“ Samuel Klares Wasser blickte die Wagen zurück und seufzte innerlich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. Die Staubwolke auf der Spur der Wagen konnte nur ein Blinder übersehen. Verstärkung für die Conestogas? Außerdem, bisher hatte er nur Vivianes Wort über das Wakan ihres Gefährten als Beweis für ein eventuelles Problem. Er beschloss, für das erste weiter auf Zeit zu spielen.
=◇=
BILD S126-9
„Dort vorne ist schon der South Lakota Trail, Sheriff!“ Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft deutete nach vorne. „Sie haben ungefähr dort, wo sie den Weg kreuzen sollten, gestoppt.“
James Amos Young nickte. „Warum auch immer, es hilft uns. Waffen schussbereit und ausschwärmen.“ Die insgesamt zehn Männer bildeten eine lange Reihe mit James und Joseph in der Mitte, dann gaben sie vollen Dampf. Und bremsten, als sie die Situation erkannten. Auch Samuel Klares Wasser erkannte Sheriff Young, wie auch die Besatzung des letzten Wagens.
„Es ist dieser verdammte Mormonensheriff“, rief Yves Blanche laut und hob sein Lefaucheux Gewehr. Der Schuss krachte und bohrte ein Loch in den Hut des Sheriffs und ließ ihn weit davonfliegen. Sofort schwangen sich die Sheriffs von ihren Quads und nahmen ihre Gewehre in Anschlag. Samuel Klares Wasser hechtete vorwärts und rollte unter den vordersten Conestoga, wo er sich möglichst flach zu Boden warf. Keine Sekunde zu früh, denn sowohl die Flinten der Banditen als auch die Maxim-Gewehre des Hummers und Jonathans hämmerten los. Eine Kugel traf Wildes Wiesel an der linken Schulter, doch er konnte mit der rechten Hand weiterfeuern. Die Konstruktion des Maxims, bei welcher der Rückstoß durch den Lademechanismus beinahe zur Gänze abgefangen wurde, half ihm dabei enorm. Und seine Ausbildung zum Krieger, in der er gelernt hatte, Schmerzen zu ignorieren.
Die schweren Geschosse mit 0,5 Zoll Durchmesser durchschlugen selbst die massiven Bohlen der Wagenkonstruktion. Keiner im Inneren kam ohne Verletzung davon, viele der Eisenbahnräuber starben bereits in den ersten Minuten des Feuergefechtes. Auch Jean-Paul und Pierre waren unter den Toten. Germaine warf ihre Revolver weg und suchte so gut es ging nach Deckung. Das Feuer aus den Gewehren der Banditen verlosch allmählich, und auch die Maxims schwiegen. Beide Schützen blieben allerdings wachsam. Samuel Klares Wasser kam wieder aus seiner Deckung, und auch die Mormonen näherten sich vorsichtig den Wagen.
„Durchsuchen“, winkte der PI seinen Männern, und mit den Revolvern im Anschlag kletterten die Mounties in den Wagen.
„Dem Himmel sei Dank!“ Eine kleine, zierliche Frau kam aus einem Versteck. Tränen liefen ihr über das Gesicht und zeichneten eine breite Spur in das verschmutzte Gesicht. „Ich habe schon nicht mehr auf Rettung gehofft. Aber ihnen ist es gelungen, diese Banditen zu besiegen! Ich danke ihnen, meine Herren, vielen, vielen Dank.“
„Hmpf!“ Jasper Rollender Donner sah sich wachsam um. Seinem Auge entging nicht, dass einer der Männer von einem Kopfschuss getötet worden war. Von hinten mit einem kleinen Kaliber. Weit kleiner als die .50er der Maxims, und noch immer kleiner .44er der BARs, welche die Mounties benützten. Trotzdem nickte er verständnisvoll. „Komm!“ Er deutete zum Ausgang, und Germaine kletterte zu Boden. Jasper gab Georges Eisenfaust durch die Luke ein Zeichen, und als Germaine an Georges vorbei ging, schnappten die Handfesseln zu.
„Ma’am, ich nehme Sie hiermit unter dem Verdacht des Mordes fest. Die Anklage kann im Zuge der Ermittlungen ausgedehnt werden.“
„Aber warum? Ich habe doch nichts getan“, jammerte Germaine. „Ich war vielleicht nicht immer ein braves Mädchen, aber auf Lakota-Gebiet habe ich nie etwas böses angestellt!“
„Wenn das stimmt, gehörst du uns, Mädchen!“ James Amos Young stand neben Samuel und betrachtete Germaine kopfschüttelnd. „So hübsch, und so verdorben.“
„Was soll ich denn gemacht haben?“, fragte Germaine. „Überfall auf einen Eisenbahnzug, vielfachen Mord und Raub einer Menge Goldes.“
„Es gibt auf Lakota-Gebiet keine Eisenbahn, und sie haben hier keine Rechte, Skelleton Young“, fauchte Germaine wie eine zornige Katze.
„Das ist nur bedingt richtig“, korrigierte Samuel Klares Wasser. „Seit etwa drei Jahren besteht ein gegenseitiges Abkommen mit den Mormon States. Ihre Sheriffs dürfen bei uns tätig werden, und wir Mounties auf ihrem Gebiet. Das hat sich schon bewährt.“
„Also, Miss, ich nehme Sie ebenfalls wegen Mordes und wegen Raubes fest. Ich darf das.“ Germaine sah von einem zum anderen. Langsam begann sie zu verstehen, dass sie dieses Mal verloren hatte. Endgültig. Sie fasste sich an den Hals, der bereits jetzt eng zu werden drohte. Nach dem englischen Recht wartete nach einem Gerichtsverfahren der Galgen auf sie.
„Jonathan!“ Viviane Büffelfrau stürmte an Samuel und Young vorbei. Dann stockte ihr Schritt, sie sah den großen, roten Fleck, der die Weste des Wilden Wiesels an der linken Schulter durchtränkte. Der linke Arm hing kraftlos herab. Auch seine Leggins am linken Bein wiesen einen rasch größer werdenden Blutfleck auf, offenbar hatte ihn auch hier eine Kugel getroffen. Jonathan hatte sich mit bleichem Gesicht wieder in den Sattel seines Trikes sinken lassen, ganz offensichtlich ging es ihm gar nicht gut. Das Gesicht Büffelfrau verhärtete sich, als sie mit einem tiefen Atemzug ihre persönlichen Gefühle verdrängte und zur reinen Schamanin wurde. Sie lief zurück zum Hummer, um ihre Tasche zu holen, dabei nahm sich auch die Flasche mit Gregorys Kaffee mit. Doch zuerst legte sie den Verwundeten zärtlich auf den Boden, flößte ihm einen ihrer Kräutertränke ein und schnitt mit einem scharfen Messer das Leder von den Wunden. Die Kugeln mussten baldmöglichst entfernt, die Verletzungen möglichst rasch gesäubert und desinfiziert werden. Die Medizinmänner der Lakota hatten noch nie von Bakterien oder Viren gehört, aber dass gereinigte Wunden besser heilten und man mit sauberen Werkzeugen und Händen arbeiten sollte, wussten sie noch aus einer Zeit vor den Waiscun. Bald begann die Mixtur der Zauberin zu wirken, Jonathan verdrehte die Augen und schlief tief ein. Viviane schloss seine Lider, um eine Austrocknung seiner Augen zu verhindern, und streute zuerst blutstillendes Pulver in die Wunde am Oberschenkel. Dann arbeitete sie ruhig und effizient mit einem kleinen Skalpell und einer Pinzette aus ihrer Schamanentasche, als sie die Projektile aus seinem Körper entfernte. Zuerst das aus seiner Schulter, vorsichtig, behutsam, damit der Arm wieder beweglich werden würde. Ebenso vorsichtig streute sie ein Pulver aus getrockneten und sorgfältig zu Pulvern verriebenen Kräutern in wie Wunde, spülte mit einer Tinktur die Wundkanäle nach und streute wieder andere Kräuter. Danach nahm sie ihre Schamanentrommel und begann den Weggesang, der sie und Jonathan in eine Trance führen würde. Eine Trance, welche die Heilung vorantreiben würde. Natürlich konnte das keine Wunder vollbringen, und die Wunden würden noch lange Zeit schmerzen. Aber der Heilungsprozess würde zumindest einsetzen und die stärkste Blutung stoppen.
Nachdem sie ihre Zeremonie beendet hatte, trank sie rasch von dem stark gezuckerten Kaffee. Hm, kalt schmeckte dieses Zuckerwasser fast noch besser. Sie dehnte sich und begab sich zu Samuel.
„Gibt es Verwundete, PI?“
Klares Wasser nickte. „Ein paar haben überlebt, sie sind bereits geständig. Wir haben ihre Wunden zugeknüpft und halbwegs versorgt, damit sie sich vor einem Gericht verantworten können.“
Sheriff Young trat dazu. „PI, danke für ihre Hilfe. Aus den Angaben der Überlebenden Banditen kennen wir auch die Rolle, welche diese Germaine Contrail bei dem Eisenbahnraub gespielt hat. Diese Frau ist ein Teufel im Körper eines Engels. Eine Frau, die dem Sterben von Kindern nicht nur gnadenlos zusieht, sondern selbst mit Hand anlegt – es ekelt mich. Das ist ein Monster, keine Frau!“
=◇=
Jonathan Wildes Wiesel hinkte bereits nach wenigen Tagen wieder auf einen Stock gestützt herum. Doch die Steuerung seines Trikes erfolgte in erster Linie mit den Beinen, und die Verwundung war bedauerlicherweise nahe am Kniegelenk gewesen. Sein Bein würde noch einige Wochen steif bandagiert bleiben müssen.
„Wir müssen weiter, um rechtzeitig einige Tage vor der Sommersonnenwende zum Pow-Wow nach Milwaukee und ich kann nicht fahren! Also bleibt uns nur der Trailhound bis Oacoma am Missouri, und dann weiter mit dem Canoe Aeir. Unsere Trikes müssen wohl hier bleiben, bis wir zurück kommen!“
„Es wird uns eine Ehre sein, darauf acht zu geben“, versicherte PI Klares Wasser. „Und was die Fahrt nach Oacoma betrifft, Captain, habe ich schon telegraphiert. Du wirst den Lufthafen mit einem Hummer erreichen!“
„Das – ist sehr aufmerksam, PI“, versetzte Wildes Wiesel dankbar. „Das werden Viviane und ich gerne annehmen.“
„Es ist mir ein Vergnügen, Jonathan“, bekundete Samuel. „Besonders, weil Euch Macgpiya-Iuta in Oacoma treffen möchte!“
„Es wird eine große Ehre für mich kleinen Captain sein, General Andrew Rote Wolke persönlich zu treffen“, versprach Jonathan.
Am nächsten Morgen stiegen der Captain und die Schamanin nach einem herzlichen Abschied in den Fahrgastraum. Vorher hatte ihnen Klares Wasser noch ein Telegramm aus Salt Lake City gezeigt. Germaine Contrail war wirklich wie alle ihre gefangenen Kumpane nach angelsächsischem Recht zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Der Hinrichtungstermin stand allerdings noch nicht fest. Jonathan nahm es ungerührt zur Kenntnis. Er selbst hätte allerdings lieber bis zum Tod gekämpft, statt sich zu ergeben.
Ägäisches Meer
Eine seltsame, unwirkliche Stille lag seit etwa einem Monat über der ganzen Insel Kreta. Es schien beinahe so, als wäre die Zeit in diesem Teil der Welt eingefroren, und die gesamte Insel hielte den Atem an. Nachdem die Kreter die Besatzung der Festung von Herakleion niedergekämpft und zum größten Teil getötet hatten, waren zwei Boten mit einem Kahn losgefahren, um die Griechen in Konstantinopel zu warnen. Man hatte bisher nichts mehr von ihnen gehört oder den kretischen Abgeordneten im türkischen Parlament gehört. Die Menschen gingen zwar weiter ihren Beschäftigungen nach, denn Ziegen, Schafe und Kühe mussten ja gefüttert und gemolken, der Wein ausgeschnitten, Brot gebacken und das Mittagessen in den Ofen geschoben werden. Aber eine Aura des irrealen umgab alles, vor allem das Denken sowohl der Griechen als auch der Türken. Die osmanischen Garnisonen in Souda, dem großen Hafen im Westen der Insel, wo ein beachtlicher Teil der osmanischen Mittelmeerflotte stationiert war, die Besatzungen der Festungen Rethymnon und auf der Insel Elounda verhielten sich absolut ruhig und warteten scheinbar noch auf Befehle von oben. Natürlich waren die Soldaten in erhöhter Alarmbereitschaft, aber kein Offizier befahl einen Gegenangriff, keiner der Kommandanten versuchte den Aufstand der kretischen Bevölkerung mit neuen Geiseln zu beenden. Die türkischen Schiffe verließen wie eh und je ihre Häfen und gingen auf Patrouille, nur jene bewaffneten Küstenboote und kleinen Korvetten, welche der revoltierende Mob in Herakleion gestürmt und mit Hilfe plötzlich im Hafen auftauchender Fischerboote geentert hatte, blieben im Hafen liegen. Im Gegenzug näherte sich auch kein bewaffneter Kreter den osmanischen Bollwerken, um zu versuchen, auch den Rest der Insel zu befreien und zu erobern. Alle Menschen auf der Insel schienen zu warteten, auch wenn sie wohl selbst nicht so genau wussten, worauf eigentlich. Aber irgendwie schien auch jeder damit zufrieden zu sein, nicht von der anderen Seite beschossen zu werden, und so verging ein Tag nach dem anderen.
Die Bucht von Souda auf Kreta war einer der besten und größten Naturhäfen des Mittelmeeres. Und einer der am leichtesten zu verteidigenden. Im Süden die Berge der kretischen Hauptinsel, im Norden die nicht weniger steilen Hänge zur Hochebene der Halbinsel Akrotiri, die sich im Nordosten zu einer hohen, steilen Klippe erhoben. Im Osten lagen die Souda-Inseln in der Einfahrt zur geräumigen Hafenbucht, und am westlichen Ende senkten sich sowohl die nördlichen als auch die südlichen Höhenzüge zu einem Tal mit leichtem Zugang zum Meer. Auf der Halbinsel Akrotiri lag auch der internationale Luftschiffhafen, der außer von den zivilen Luftschiffen der Donaumonarchien und Deutschlands auch regelmäßig sowohl von den osmanischen wie den französischen und englischen zivilen Luftschiffen angesteuert wurde. Dieses Gebiet auf dem Hochland galt allen Ländern Europas als neutraler Boden, und ein pfiffiger portugiesischer Geschäftsmann hatte dort sogar ein luxuriöses, modernes Konferenzhotel gebaut. Mit Verteidigungsanlagen, welche einem starken Fort zur Ehre gereicht hätten und eigenem, schwer bewaffnetem und gut geschultem Schutzpersonal, welches der Besitzer aus allen Ländern rekrutierte. Es hatten dort auf neutralem Boden bereits einige Beratungen zwischen gekrönten Häuptern stattgefunden. Zuletzt zwischen dem Kronprinz Albert Edward von Britannien und dem 19 Jahre alten Zarewitsch Kyril Wladimirowitsch von Russland vor zwei Monaten. Marie Alexandrine Elisabeth Eleonore von Mecklenburg-Schwerin hatte Wladimir Alexandrowitsch bereits 9 Monate nach der Hochzeit im Jänner 1870 einen Sohn geboren.
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Das türkische Staatsschiff, die PEYGAMBERIN KILICI, war trotz des hochtrabenden Namens kein waffenstarrendes, dafür aber umso schwerer gepanzertes und verschwenderisch mit Luxus ausgestattetes Schiff. Die offensive Bewaffnung beschränkte sich auf leichte Maschinengewehre und Mittelartillerie. Die eigentliche Stärke der PEYGAMBERIN KILICI lag eher in der Defensive, denn sie sollte das Leben des Sultans oder seines Vertreters oder Vertrauten auf See schützen. Die schwere Artillerie, welche nötig war, einen Angreifer auf den hohen Passagier auf Abstand zu halten, war auf den drei von Deutschland gebauten Einheitslinienschiffen der Brandenburgklasse zu finden, welche das Staatsschiff derzeit im Verband mit anderen leichten und schweren Kreuzern auf dem Kurs von Konstantinopel nach Süden in einiger Entfernung eskortierten. Das Ziel dieser nicht eben kleinen Flotte war ziemlich offensichtlich Kreta, der Zweck der Fahrt zu diesem Zeitpunkt weniger klar ersichtlich. Auch wenn Abdülmezid seine Bereitschaft zu Verhandlungen über diplomatische Kanäle verbreitet hatte, noch glaubte eigentlich niemand so recht daran. Diese Art von Politik war man vom osmanischen Reich nicht gewöhnt, seine Vorgänger hatten eher eine rigorose Härte an den Tag gelegt.
Mit der PEYGAMBERIN KILICI auf Kollisionskurs befand sich die SPARTA mit ihrer Flotte, allerdings ohne es bisher zu wissen. Die SPARTA war eine besondere Konstruktion, beinahe 300 Meter lang und 40 breit, sowohl auf dem Vorder- wie auf dem Achterdeck eine gedeckte Barbette mit je zwei Kanonen im Kaliber 36 Zentimeter, auf beiden Seiten waren je fünfzehn Kanonen des leichten 10,5 Zentimeter-Kalibers in Kasematten untergebracht. Der Kommandoturm war zweigeteilt und weit zum Bug und zum Heck verlegt worden, dazwischen lag ein Start- und Landedeck für drei leistungsstarke britische Ornithopter, mit denen man feindliche Schiffe aufspüren und im Falle eines Kampfes auch bombardieren konnte. Ein neues, von König selbst erdachtes Konzept, von welchem Admiral Adonis Papaioannistratos noch lange nicht restlos überzeugt war. Er persönlich verließ sich lieber auf die zwei Einheitslinienschiffe und die fünf schweren Panzerkreuzer unter seinem Kommando. Aber der König hatte die SPARTA zum Flaggschiff der griechischen griechischen Flotte ernannt, und so stand der Admiral eben auf der Brücke des Ornithopter-Trägers und beobachtete das an diesem Tag stark bewegte kretische Meer zwischen den Inseln Santorin und Kreta. Es blies, wie es zu dieser Jahreszeit nicht selten vorkam, ein heftiger Sciricco aus Südosten, welcher weiße Schaumkronen auf die Wellenkämme zauberte. Ein Anblick, bei welchem Adonis an die Sage von den Nereiden, also die Töchter des Meeresgottes Nereus denken musste. Die Wolken hingen tief, wie es im Mai im Gegensatz zu den starken Winden eigentlich ziemlich selten vorkam. Die Sonne brach nur ab und zu aus einer kleinen Lücke und zeichnete kräftige Jakobsleitern für die Seefahrer in den Himmel. Eine kleine Glocke schlug an, machte die Brückenoffiziere auf die dem Signal folgende Meldung aufmerksam.
„Schiff ahoi“, tönte es aus dem Sprachrohr vom Peildeck herunter. „Ein Türke, der Silhouette zu urteilen wahrscheinlich die PEYGAMBERIN KILICI!“
„Gefechtsalarm an alle Schiffe, alle Mann auf Station“, befahl der Admiral, und an den Kapitän der SPARTA gewandt bemerkte er noch an. „Die KILICI ist ganz sicher nicht allein unterwegs.“
„Alle Schiffe melden ‚Klar Schiff für Gefecht‘, Admiral“, meldete der Signalmaat.
„Schiffe ahoi! Drei Brandenburg und eine Menge Kreuzer folgen der KILICI“, ertönte es vom Peildeck.
„Nun, Kapitän?“
Kapitän Nikos Katsarakodos nickte. „Ich habe es nie bezweifelt, Admiral. Es wäre ebenso unwahrscheinlich wie ein Alleingang der SPARTA.“
„Wohl wahr“, brummte Adonis und wandte sich an den Signalgast. „Flotte auffächern lassen, Kurs auf den Feind!“ Wieder erklang zuerst das Glöckchen, dann folgte die Meldung des Peilmaates.
„Türke trägt weiße Parlamentärflagge!“
„Mist“, schimpfte Adonis Papaioannistratos und stampfte mit dem Fuß auf. „Akuten Gefechtsalarm aufheben, aber die Leute sollen auf ihren Posten bleiben!“ Dann wandte er sich wieder an Nikos Katsarakodos. „Schade, jetzt hätten wir ein hochrangiges Mitglied des osmanischen Hofes oder gar des Herrscherhauses fangen können. Verdammte Parlamentärflagge.“ Dann rief er dem Signalmaat zu. „Beidrehen, wir eskortieren die türkischen Flotte bis zur Dreimeilenzone.“ Dann, beinahe wie im Selbstgespräch „Vielleicht macht ja dieser vermaledeite Türkei irgend einen Unsinn.“
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„Herr!“ Kapitän Kalil Azizsadee aus der Grenzregion zu Persien trat zum Sultan in den üppig mit Teppichen und Sitzkissen versehenen Salon der PEYGAMBERIN KILICI. Abdülmezid legte den Konstruktionsplan eines Dampfturbinenschiffes zur Seite, den er eben studiert hatte.
„Wir müssen lernen, solche Schiffe selbst herzustellen, Kapitän. Wir besitzen doch alle Bodenschätze, und auch die meisten bekannten Bestandteile des Vaporids sind in unserem Reich zu finden. Wir dürfen unser Geld nicht mehr so zum Fenster hinaus werfen, wir müssen endlich auf eigenen Beinen stehen lernen. Eigene Ingenieure und Techniker ausbilden! Entschuldigen Sie, Kapitän. Sie wollten mir sicher mitteilen, dass Sie eine Flotte gesichtet haben!“
„Ja, Herr. Eine griechische unter der SPARTA. Derzeit laufen sie einen Kurs parallel zu uns.“
„Es war zu erwarten, Kapitän“, beruhigte der Sultan seinen Offizier. „Ich hoffe, alle Schiffe haben die Waffenstillstandflagge gehisst?“
„Selbstverständlich, Herr. Auch die SPARTA mit ihrer Flotte hat jetzt die weiße Fahne aufgezogen.“
„Na bitte“, freute sich Abdülmezid. „Es geht ja auch ohne große Seeschlacht. Wie lange noch bis zur großen Festung?“
„Etwa zwei Stunden, Herr. Das Wetter scheint ohne Niederschlag und stärkeren Orkan durch zu halten!“
„Dann ist es ohnehin Zeit, mich bereit zu machen. Danke, Kapitän!“
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Die große Festung von Herakleion trug ihren Namen durchaus zu Recht. Von einer Seite zur anderen maß die Festung mehr als 800 Meter, 8 mächtige, mit schweren Geschützen bewehrte Bastionen und mehrere Raveline mit Feldartillerie sollten die Angreifer bereits aus der Entfernung dezimieren, und auch der Hafen war durch ein mächtiges Fort verteidigt, das mittels gedeckter Gänge mit der Festung verbunden war. 21 Jahre hatten die Venezianer dieses Bollwerk gegen die Osmanen verteidigt, und diese hatten die Artilleriestellungen noch weiter ausgebaut und befestigt. Die Hafenfestung hatten die Venezianer Rocca di Mare genannt, diesen Namen trug sie auch unter den Türken und den Kretern. Hier, in dieser Festung, hatte Oberst Berenike Kamatakis ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Nun stand sie in der neu geschaffenen Uniform der kretischen Armee und einem Regencape auf der Mauer der Festung und starrte zu dem Staatsschiff des osmanischen Reiches hinüber. Eigentlich war diese Uniform die traditionelle kretische Tracht mit engen, schwarzen Reithosen, hohen Schaftstiefeln, einem schwarzen Hemd und schwarzer Weste, dazu das traditionelle ‚Kefalomandili‘ – wörtlich das Kopftaschentuch, eher ein Netz als ein Tuch zu nennen. Bei der Uniform kam noch für Offiziere eine weiße Bauchschärpe über dem Waffengurt und eine Art Fez dazu, ebenfalls in weiß gehalten, Soldaten und Unteroffiziere trugen beides in blau.
BILD S126-10
Unzählige Gedanken wirbelten beim Anblick der PEYGAMBERIN KILICI durch den Kopf der Frau, nicht alle waren angenehm. Es war gerade vier Wochen her, da sollte sie auf Befehl des Militärgouverneurs mit fünfzig anderen Geiseln gepeitscht und erdrosselt werden, dann kam es zum Aufstand und zur Eroberung der großen Festung. Die Türken hatten erwartet, das ihr Exempel, welches sie statuieren wollten, die Bevölkerung einschüchtern würde, dass die brutale und demütigende Art des Mordes an Frauen die Angst vor dem Terror der Besatzer die Überfälle der Sfakioten auf die osmanischen Soldaten beenden würde. Statt dessen hatte sich der Druck der Masse explosionsartig befreit. Auch in Berenike, der Tochter eines Bäckers und Ehefrau eines Messerschmiedes, erst achtundzwanzig Jahre alt und bis zu dieser Zeit eine ruhige Ehefrau und Mutter, war etwas zerrissen. In diesem Augenblick, als der Aufstand just in dem Moment begann, als man sie zur Exekution führen wollte. Sie hätte nie gedacht, dass sie fähig wäre, einem bewaffneten Mann mit den Zähnen an die Kehle zu gehen. Aber – die nackte Frau, die ihren Henker tötete und mit dessen Waffe vor den Massen herlief und den Angriff auf die Bastionen anführte, war zum Symbol des Widerstands gegen die Osmanen geworden und jetzt ein Oberst der kretischen Armee. Einer derzeit noch sehr unorganisierten, dafür aber umso enthusiastischeren Streitkraft. Berenike gab sich zwar keiner all zu großen Hoffnung hin, denn sollte das osmanische Reich ernsthaft versuchen, Kreta zurück erobern zu wollen, hätten wieder nur die Bewohner der Berge eine Möglichkeit, in Freiheit zu überleben. Doch die PEYGAMBERIN KILICI war allein gekommen, ihre Eskorte war weit entfernt schemenhaft am Horizont zu erkennen und näherte sich nicht weiter. Und, es wehte die Fahne eines Unterhändlers vom Flaggenmast, und die Nachricht, welche soeben herübergeblinkt wurde, bat um eine Unterredung mit den Vertretern der Kreter, hier oder auf der Akrotiri – Halbinsel. Berenike wandte sich an ihren Melder.
„Lass zurückblinken: ‚Wir bestätigen den Erhalt der Nachricht – bitten um Geduld.‘ Lauf los, dann marschierst du zum Ratsvorsitzenden Inoriokakis. Erzähle ihm von der Nachricht, und ich schlage vor, den Sultan in der Festung Rocca a Mare in meinem Konferenzraum zu empfangen. Er sollte sich mit Oberst Eporotakis und fünf Räten in ein Versteck zurück ziehen. Drei Räte und meine Person sollten für Verhandlungen reichen. Ab!“
Gut vor allen Winden geschützt hatte die PEYGAMBERIN KILICI im Hafen von Herakleion an einem Pier angelegt, und Berenike Kamatakis hatte den Sultan zwar mit militärischen Ehren, aber selbstverständlich ohne Kniefall begrüßt und mit seinen beiden Adjutanten in die Festung begleitet.
„Ihr müsst jene Frau sein, die mit blanken Zähnen einen Soldaten angegriffen hat, Frau Oberst“, bemerkte Abdülmezid.
Berenike zuckte nur mit den Schultern. „Ich hätte ohne Probleme darauf verzichten können, Hoheit. Schon wegen der mangelnden Hygiene dieses Soldaten, von allem anderen ganz zu schweigen.“
„Mangelnde Hygiene? Aber…“ der Sultan brach ab.
„Ich zeige Euch gerne die Bäder, sie sind in erbärmlichem Zustand. Aber ob ungewaschene oder gewaschene Besatzer – eine Vergewaltigung ist nie lustig, glaubt es mir. Dazu beständige Gewalt und der laufende Diebstahl über jede Steuer hinaus, die permanenten Schändungen unserer Kirchen. All das haben wir erlebt und lange Zeit erduldet, haben immer wieder versucht, es mit friedlichen Mitteln, in der Kammer in Stambul, zu ändern. Man hat uns ignoriert, wir Inselbewohner wurden immer zum Schweigen gebracht…“
„Ich habe es erfahren, Frau Oberst!“ Abdülmezid verzog schmerzhaft sein Gesicht. „Ich dachte, wenn ich weise und gute Gesetze erlasse, reicht das. um das Leben meiner Untertanen verbessern.“ Er seufzte tief. „Ich habe mich geirrt und nicht daran gedacht, dass meine eigenen Offiziere meine Befehle ignorieren und in den Provinzen die Richter sämtliche Gesetze missachten. Mein Sohn Murad säubert eben das Offizierskorps und die Beamtenschaft von solchen Verbrechern. Es wird also aus vielerlei Gründen nicht mehr vorkommen, dass türkische Soldaten kretische Frauen überfallen und osmanische Beamte Kreter bestehlen.“
„Und auch keine Provinzgouverneure, die Unschuldige und sogar Frauen als Geisel nehmen und töten wollen“, warf Ilios Monatararkis ein.
„Auch das sollte nicht mehr vorkommen“, bestätigte der Sultan. „Ich bin angereist, um der derzeitigen Regierung Kretas persönlich folgenden Vorschlag zu unterbreiten, der in wenigen Minuten auch allen Regierungschefs Europas per Telegraphie zugehen wird. Darf ich?“
„Gerne, Sultan Abdülmezid. Wir hören!“ Dimitris Kyriakis in der schwarzen Robe der griechisch-orthodoxen Popen faltete die Hände.
„Es handelt sich um einen kurzen Vertrag, einfach und ohne große Hintertüren. Bitte, lassen Sie ihn mich komplett vorlesen, wenn ich fertig bin, können wir gerne noch diskutieren. Also, Paragraph 1. Die Insel Kreta wird zu einem konstitutionellen und parlamentarischen Sultanat umgewandelt. Der Sultan ist der Sultan in Konstantinopel. Parlament, Minister und Ministerpräsident werden vom gesamten kretischen Volk, Männern wie Frauen, welche das 18. Lebensjahre erreicht haben, gewählt. Die erste Wahl sollte ehestmöglich stattfinden, bis dahin bleibt die derzeitige provisorische Verwaltung im Amt. Paragraph 2. Die gewählte Regierung Kretas soll schnellstmöglich eine eigene Verfassung verabschieden, bis dahin gilt die Verfassung des osmanischen Reiches. Die Exekution der Gesetze obliegt zuerst der derzeitigen provisorischen und danach der gewählten kretischen Regierung. Paragraph 3. Kreta verpflichtet sich zur Besetzung der vier Marinebasen mit einer adäquaten Anzahl von Soldaten und den Unterhalt derselben, ebenso zur Instandhaltung und Stellung einer Besatzung für die dort stationierten Schiffe. Die Beschaffung von militärischem Material obliegt den Sultan. Die derzeitige Besatzung wird mit Ausnahme einiger Ausbildner im technischen Bereich und eines kommandierenden Admirals bis zur Ausbildung eines eigenen Befehlshabers abgezogen. Paragraph 4. Das Sultanat Kreta verpflichtet sich, an seinen Sultan 20 Prozent der jährlich eingehobenen Steuern abzuführen. 80 Prozent verbleiben für die Verwaltung Kretas. Eine Mindestsumme wird nach einer Volkszählung noch zu verhandeln sein. Paragraph 5. Das Sultanat Kreta und das osmanische Reich sind militärische Verbündete mit gegenseitiger Beistandspflicht. Paragraph 6. Im Sultanat Kreta ist jede Person vor dem Gesetz gleich, unabhängig von Religion, Geschlecht, Abkunft, Vermögen oder sozialer Stellung.“ Abdülmezid legte das Schriftstück auf den Tisch und nahm die Lesebrille ab. Langes Schweigen, beinahe absolute Stille schlug ihm entgegen. „Frau Oberst, meine Herren Revolutionsräte?“
Es war Berenike, als erwache sie aus einer Trance. „Darf ich bitte den Vertragsentwurf sehen?“
Abdülmezid schob diesen schmunzelnd über den Tisch. „Sie wirken überrascht, Frau Oberst!“
„Das wäre die beinahe totale Freiheit Kretas zu einem akzeptablen Preis.“ Dimitris Kyriakis rieb sich das Gesicht.
„Und dieser Vertrag wäre sogar ein guter Grundstock für die Verfassung“, nickte Klios.
„Und das ohne Krieg und Blutvergießen!“ Berenike schloss die Augen. „Ein Ende von Angst und Alptraum.“
„Es wäre ein für beide Seiten erfreuliches Abkommen, Frau Oberst, meine Herren“, bekräftigte Abdülmezid. „Details müssen natürlich noch besprochen werden, ich habe diesen Entwurf mit Absicht möglichst einfach gehalten, denn es geht mir vor allem darum, eine prinzipielle Einigung zu erzielen.“
„Ich glaube, ich kann für den ganzen Rat sprechen, dass wir aufgrund dieses Entwurfs ein Abkommen bekommen können.“ Berenike erhob sich und reichte dem Sultan die Hand, und auch Abdülmezid stand von seinem Sitz auf. Er nahm die Hand der Kreterin und schüttelte sie. Dann beugte die Frau Oberst doch noch das Knie.
„Unter den Umständen dieses Vetrages anerkenne ich Euch als meinen Lehensherrn, Hoheit.“
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Der Kutter von der KORYDALLOS legte von der SPARTA ab und brachte den Boten, der dem Admiral die neuesten Depeschen gebracht hatte, wieder zurück zur Avisokorvette. In seiner Kabine las der Admiral ungläubig die Nachricht von dem Telegramm aus Konstantinopel.
„Dekara“, fluchte Admiral Adonis Papaioannistratos laut los und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann stieg er die Treppe zur Brücke hinauf. „Das war’s, Kapitän. Der Krieg gegen die Türken ist abgesagt, Abdülmezid hat Kreta die Selbständigkeit gewährt. Wenn auch unter seiner Hoheit. Unter diesen Umständen ist es unmöglich für die Völker Europas, sich auf unsere Seite zu stellen, wenn wir die ägäischen Inseln und Makedonien wieder zurück erobern wollen.“
„Diavolos! Ein schlauer Schachzug des Türken“, pflichtete Kapitän Nikos Katsarakodos bei. „Es stimmt, jetzt stünden wir als Aggressor und damit ziemlich allein und ohne Unterstützung da. Da könnten wir uns gleich selbst versenken!“
„Hilft nichts! Signalgast, die Flotte zieht sich noch einmal drei Seemeilen zurück, folgende Koordinaten!“
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Einstmals war die MARIA M. unter dem Namen SMS BERLIN der große Stolz der Deutschen Kaiserlichen Luftmarine gewesen. Das war in der Mitte der fünfziger bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts gewesen, bald nachdem der spätere Graf Novacek 1849 die Substanz Vaporid entdeckt hatte. Die Ingenieure hatten sich damals übertroffen, immer neue Methoden zur Sicherung des Auftriebskörpers von Kriegsluftschiffen zu finden. Bei der BERLIN hatten sie damals ein dünnes Netz aus Aluminium- und Kruppstahldrähten zwischen dem äußeren und dem inneren Rumpf gewebt. Dieses sollte nachgeben und die Wucht eines Kanonenschusses bremsen, und die innere Hülle mit den vielfach unterteilten Gastanks unversehrt bleiben. Selbst mit dieser schweren Panzerung hatte das Luftschiff immer noch die damals noch atemberaubende Geschwindigkeit von beinahe 50 Stundenkilometer erreicht. Auch die Kommando- und Kanonendecks waren damals nicht mit einer schweren, durchgehenden starren Panzerung versehen worden, sondern mit einer flexiblen, leicht mit Bordmittel zu reparierenden. Die homerischen Griechen hatten aus Weidengeflecht und Leder leichte, aber überraschend wirksame Schilde gebaut, wo eine Lage die Wucht eines Pfeiles oder einer Lanze an die nächste weitergab und immer mehr auf ein größeres Areal verteilte. Gebrochene Stäbe waren leicht auszutauschen gewesen. Aus Profilstäben und Drahtgeflecht kopierte der für diese Erfindung in den Grafenstand erhobene Karl Zeppelin die achäische Methode des Verbundstoffes, welche später noch weiter verfeinert werden sollte. Zeppelin hatte während der Konstruktionsphase vor seinem Team folgendermaßen argumentiert: ‚…wir müssen uns klar machen, dass es ziemlich sinnlos ist, einen schwer gepanzerten, vergleichsweise kleinen und schwer zu treffenden Körper unter einen riesigen, ungeschützten Ballon zu hängen, den jeder Idiot mit einer besseren Steinschleuder treffen und so lange perforieren kann, bis der gepanzerte Körper als Altmetall in einem Krater endet…‘.
Als SMS BERLIN war das Luftschiff als Deckung für Truppentransporter und die Absetzung der Truppen gedacht gewesen. Ihre Hauptbewaffnung befand sich daher im unteren Teil des Rumpfes, um Bodenstellungen des Feindes aus der Luft nieder zu kämpfen. Es ist unklar, ob dieses Konzept zum Erfolg geführt hätte, den die BERLIN kam nie in einem Gefecht zum Einsatz. 1871 entwickelte Konrad von Kortwitz den Kristall-Leichtstahl, gemeinsam mit den von Carl Friedrich Werner 1854 erfundenen starken Dampfturbinenmotoren war der Weg frei für echte Flugschiffe. In die Höhe gehoben und angetrieben von verkleideten Ressel-Schrauben mit hohen Umdrehungen. Zwei, vier, manchmal sogar sechs gegenläufige Schrauben hintereinander in einem Rohr, mehrere dieser Rohre in einem Schiff. Erst zu späterer Zeit hatte Frankreich die Idee des Deckungsschiffes wieder aufgenommen und mit moderner Technik die ‚Merde de Balls‘ geschaffen. Die schwerefällige und veraltete SMS BERLIN wurde entwaffnet, noch einige Zeit als fliegender Kran eingesetzt und schließlich an eine Firma verkauft, welche Schürfrechte in Africa und auch verschiedene Werke in Griechenland und der Türkei besaß. So war die MARIA M. über dem Dodekanes schon lange kein ungewohnter Anblick mehr.
Die Inseln Kos und Nisyros waren Teil des Kykladenbogens, einer Reihe nur schlafender, aber trotzdem noch aktiver Vulkane, zu denen unter anderen auch die Inseln Methana, Santorin und Milos gehörten. Es war zwar seit zumindest zweitausend Jahren kein Ausbruch mehr bekannt geworden, doch die kleinen Felsen, welche in der Mitte des Kessels aus dem Wasser ragten, den die Insel Santorin bildete, sprachen ganz deutlich eine andere Sprache. Immer wieder stiegen Rauch und übelriechende Gase empor, und das Wasser rings um diese Steine war oftmals weit wärmer als das Wasser anderswo in dem Dreiviertelkreis, den der bewohnbare Teil der Insel bildete. Die Firma Eurafrica Montan Gesellschaft mit Sitz in Neapel, in deren Besitz die MARIA M. derzeit war, baute auf Kos, Nisyros und dem dazwischen liegenden Inselchen Gyali Bimsstein und vulkanische Puzzolane ab, welche gemeinsam mit gutem Sand und Wasser im richtigen Mischungsverhältnis hervorragenden Beton ergaben. Ein gutes Geschäft für diese Firma, welche mit einer kleinen Luftschiffflotte Spezialisten zwischen ihren Werken transportierte und den permanenten Kontakt zu jenen Minen aufrecht erhielt, welche über keinen Anschluss an ein Telegraphennetz besaßen.
Der südöstliche Teil der Insel Kos bestand aus einer beinahe senkrecht in das Meer abfallenden Steilküste, vor welcher sich bei einem der leichteren Seebeben in den letzten Jahrhunderten immer wieder einige Untiefen gebildet hatten. Schiffe hielten sich lieber in sicherer Entfernung, wenn sie mit dem Kurs auf Bodrum und den dahinter liegenden Golf von Gökova diese Insel passierten. Bei einem dieser vulkanischen Ausbrüche auf der Kykladeninsel vor einigen tausend Jahren war eine große, isolierte Blase aus Gas im geschmolzenen Gestein mit aufgestiegen. Die Lava erkaltete und umgab diesen Gaseinschluss mit hartem Stein, bevor die Blase die Oberfläche gänzlich erreichen und platzen konnte. Es blieb ein perfekter, runder Hohlraum im Gestein zurück. Ein Lavadom. Dann hatte der Druck Jahrhunderte später seitwärts doch noch einen Ausgang gefunden. Ein Teil des Berges war, von Regen und Wind allmählich korrodiert, während eines nahen Erdbebens abgerutscht und hatte eine Steilwand hinterlassen. Ständiger Tidenhub, Wind und Wellen hatten die Außenwand weiter geschwächt, bis der Druck mit Macht den Rest der dünn gewordenen Blasenwand aufriss und eine Verbindung zum Meer herstellte, welches den Hohlraum etwa zur Hälfte mit Wasser füllte. Ein Geologe der Eurafrica hatte die geöffnete Blase entdeckt und für die Anlage eines Hafens empfohlen. Die Firma hatte diese Idee aufgegriffen, am Eingang eine Hafenanlage gebaut und oben eine Anlegestelle für Luftschiffe. Aus den Akten der Firma verschwand jedoch jegliche Notiz über den hinter diesem Hafen liegenden Hohlraum ebenso gründlich wie der Geologe.
Rings um die Anlegestelle war der Tagebau ständig in Arbeit, und über eine Rutsche wurde das Gestein von der Hochebene direkt zu Hafen befördert. Alles ganz öffentlich und für jedermanns Augen zugänglich. Für sehr viel weniger Augen sichtbar waren allerdings die 5 Stahlgiganten aus der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven, alte Breitseitenpanzerschiffe, welche noch mit vier Segelmasten als Bark für den Notfall getakelt waren. Auch diese Schiffe hatte das Kaiserreich irgendwann entwaffnet und günstig verkauft, als das Vaporid eine Notfallbesegelung endgültig obsolet machte und Turmschiffe mit größeren Kalibern und Reichweiten aktuell wurden. Hier, in der großen Höhle von Kos, wurden diese Barken ihrer Masten beraubt und mit modernen Maschinen und Kanonen auf Befehl von Atrá bint Selina, der Um qadasa Bidhara, neu für einen Kampf aus- und mit Hilfe von Gaszellen in dreifachen Rümpfen zu halbwegs brauchbaren Luftschiffen umgerüstet. Ebenso wie die kleineren Kreuzer mit vorher zwei oder drei Masten in diesem unterirdischen Becken. Auch die drei etwas moderneren Großkampfschiffe, deren Verbleib den ehemaligen Besitzern immer noch große Rätsel aufgab, wurden hier für einen neuen Einsatz vorbereitet. Mit Nachbauten der neuesten Technik Nicola Teslas. Die von Marianne Sabič gestohlenen Pläne waren eingetroffen, und obwohl niemand die Grundlagen verstand, waren die Mechaniker gut genug, um die Maschinen nach diesen Vorgaben herzustellen. Es handelte sich bei den modernen Schiffen um das Linienschiff MARIE LOUISE, ehemals k.u.k. Marine, den gedeckten großen Panzerkreuzer YORKSHIRE, ehemals Her Majesty Royal Navy und das Schlachtschiff ŞAFAK, ehemals der Stolz des osmanischen Reiches. Nun waren diese Schiffe von treuen Dienern des Goldenen Frühlings bemannt und warteten auf ihren Einsatz.
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Die GEORGES DANTON, ein Einheitslinienschiff der Kaiserlichen Französischen Marine, war eines der Flaggschiffe der Mittelmeerflotten des Kaiserreiches der Bonapartes. Das schwer gepanzerte, rein maritime Schiff mit 320 Metern Länge und 41,2 Metern Breite, ausgestattet mit fünf Türmen mit je drei 37 Zentimeter Kanonen als Hauptbewaffnung, pflügte allein, ohne Unterstützungseinheiten durch das ägäische Meer. Ein Umstand, der ganz besonders die beinahe 1.200 Männer der Besatzung verwunderte und verwirrte, denn üblicherweise wurden diese großen Schiffe von einer Unzahl kleinerer Einheiten abgeschirmt. Kreuzer und Korvetten übernahmen den Nahkampf gegen angreifende Schiffe, sodass sich die schweren Kanonen in den Türme des Linienschiffs auf den Fernkampf konzentrieren konnten. Dazu kamen üblicherweise auch noch Versorgungseinheiten, leichte Aufklärungsschiffe und ähnliches. Doch vor kurzem hatte ein Aviso-Schiff einen Befehl der Admiralität überbracht, welcher die dritte Mittelmeerflotte ins lybische Meer südlich von Kreta beordert, um dort den osmanischen Schiffen gegenüber Flagge zu zeigen. An die DANTON war jedoch der Befehl ergangen, allein weiter zu fahren, in die östliche Ägäis. Die Besatzung ahnte nicht einmal, dass die GEORGES DANTON doch nicht so ganz allein war…
Die Mittelmeerflotten Frankreichs waren vor allem in den Häfen Marseille, Algier und la Goulette bei Tunis stationiert, der Heimathafen der dritten Flotte mit der GEORGES DANTON war das relativ zentral gelegene la Goulette. Eine von den Franzosen bei der Festung von Karl V an der Einfahrt in den Lac Tunis, den See von Tunis, neu aus dem Boden gestampfte moderne Hafenstadt europäischer Art. Mit dem modernen Tunis im Westen der alten arabischen Stadt und der Medina war der Hafen über eine zehn Kilometer lange Straße und einer Stadteisenbahnbahn verbunden, welche über eine Aufschüttung quer über den See von Tunis führten. Nur ein enger Kanal verband die beiden Hälften des Sees, über welchen sich eine luftig wirkende Stahlbrücke des Architekten Eiffel spannte. Tunis war eine ganz typische europäische Stadt des Dampfzeitalters mit einigen breiten Boulevards. Mit typischen Pariser Straßenlokalen, vor denen man zugegebenermaßen exquisiten Kaffee und hervorragende französische Küche genießen konnte. Alles in dieser modernen Stadt und dem dazu gehörenden Hafen la Goulette atmete französisches Flair, französischen Stil und französische Lebensart. Die wenigen Tunesier arabischer Herkunft, welche es in die Stadt oder den Hafen verschlug, konnten nur den Kopf schütteln, wenn die Franzosen hier in ihren Westen und Sakkos aus viel zu warmen Stoffen in den viel zu sonnigen Gastgärten vor den Lokalen schwitzten und, man konnte es nicht höflicher ausdrücken, auch ganz fürchterlich stanken nach abgestandenem Schweiß stanken. Die Damen rochen zumeist weit weniger streng, sie hatten es auch sonst ein klein wenig besser. Die Stoffe ihrer Mode waren leichter und luftiger, ihre Hüte hatten zum Teil gigantische Krempen und ein Sonnenschirm war in Tunis und la Goulette kein belächeltes Accessoire mehr, sondern eine alltäglich notwendige Waffe gegen Hitze und Sonnenbrand.
Der Kommandant der GEORGES DANTON, Capitaine Noel German war aus dem Languedoc. Ebenso waren Contre-Amiral Jaques Marais, eigentlich der Befehlshaber des ersten Geschwaders der dritten Flotte, der erste Offizier der DANTON, Louis Bromaire, und auch die meisten anderen wichtigen Offiziere aus dieser Gegend gebürtig. Das war natürlich kein Zufall, denn der Admiral der Mittelmeerflotte, der Marquis de Molotaire, hatte penibel genau für diese Zusammensetzung der Offiziere auf dem Flaggschiff gesorgt. Sie alle waren regelmäßige Gäste bei den Sitzungen der Madame de Cartaille gewesen und hatten teilweise schon die Zirkel der Madame Dominique de Fauconid in Montpellier besucht. Mittlerweile waren sie alle treue Anhänger des Goldenen Frühling, in welchem sie die wieder auferstandene Bewegung der Katharer sahen. Pflichterfüllung und enthaltsamer Lebensstil waren den Waldensern seit ihrer Kindheit beigebracht worden. Weder der Papst noch die Inquisition hatten es trotz brutaler Verfolgungen je geschafft, diese Gemeinschaft völlig auszurotten. Es gelang ihnen nur, die Gläubigen in den Untergrund zu treiben. In Carcassone, in Montpellier, Narbonne und Perpignan waren die Lehren und Überlieferungen der ‚Reinen‘, der ‚Freunde Gottes‘ immer noch in den Familien weiter gegeben und weiter tradiert worden. Bis heute, in aller Stille.
Als dann um 1850 Madame Dominique de Fauconid im Alter von knapp zwanzig Jahren aus Alexandria in Montpellier erschien und ihre ersten spiritistischen Sitzungen abhielt, waren die Bogumilen anfangs eher skeptisch der Fremden gegenüber eingestellt gewesen. Doch hatten sie – der Feind meines Feindes ist mein Freund – den antiklerikalen Sitzungen eine Chance gegeben. Dominique war eine intelligente Frau, die 1889 auch noch mit über sechzig Jahren den Zirkel im Montpellier leiten konnte. Sie hatte rasch durchschaut, dass in dieser Gegend andere Auslöser als in den anderen Gegenden angezeigt waren, und sie arbeitete gut.
„Ja, ein Leben in Einfachheit und Askese ist erstrebenswert, wenn der Mensch sich nach Gottes Willen zum Perfectus wandeln will. Aber bevor ein Mensch diesen Weg geht, ehe er sich zum Perfectus oder zur Perfecta weihen lassen kann und soll, muss er die Sünde kennen lernen. Er muss doch wissen, worauf er verzichtet. Und zwar sehenden Auges. Ein Mensch, der nie die süße Sünde des Weingenusses, ein köstliches, opulentes Mahl oder die Freuden des anderen Geschlechts genießen durfte, der wäre ein schlechter Perfectus. Denn auf etwas Unbekanntes, nie Erlebtes zu verzichten ist viel leichter, als ganz bewusst dem bekannten und lieb gewonnenen Genuss zu entsagen. Also sündigt, und lernt zuerst die Sünde kennen, und dann erst, dann, wenn Ihr die Sünde kennt, dann entsagt ihr wieder!“ Es waren natürlich nicht ganz die alten Waldenserregeln, aber sie lagen nahe genug an den überlieferten Werten, um die Jugend der Gegend anzusprechen. Sie durften sich ihre Hörner abstoßen und konnten später immer noch Perfecti werden. Die Älteren unter den Waldensern konnten diesen Theorien nicht wirklich widersprechen, denn etwas ganz Ähnliches hatten ja auch die Ahnen überliefert. Nicht ganz das Gleiche, aber nahe genug daran, die kluge Madame Dominique hatte gut recherchiert. Und wenn auch Frankreich seit dem großen Korsen keine erzwungene Staatsreligion mehr hatte, das Gespenst des wahllos mordenden Vatikans hielt sich hier im Languedoc immer noch hartnäckig. Man ging brav in die Kirche und hörte sich die Predigten des Pfarrers an, doch nachher traf man sich auch Ende des 19. Jahrhunderts noch im kleinen Kreis. Man musste vorsichtig sein, so hatte man es gelernt, so gab man es weiter. Den Jungen reichte es, sie hatten die Nase voll. Und als dann Dominique noch fragte ‚Ist nicht dem im Herzen Reinen alles rein, wie immer aussehen mag? Und ist nicht dem im Inneren Fauligen alles faulig, wie klar es auch scheint‘, da gab es für die Okzitanier kein Halten mehr. Zumindest für die jüngere Generation, welche bereits mit den Lehren der Dame aufgewachsen war. Seit beinahe vierzig Jahren lehrte Madame de Fauconid, und das Languedoc war wieder einmal in Revolutionsstimmung. Es gärte. Und ausgerechnet ein Aquitanier lenkte die Stimmung der aufrührerischen, wilden Okzitanier in eine praktische Richtung. Der Kaufmann Arthur LeFerence riet ihnen, die Marineakademie zu besuchen. Schon einmal waren Ketzer dem französischen Herrscher und dem Papst über das Meer entkommen, die Flotte der Tempelritter mit deren Schatz.
Im Mai 1863 lief in Rochefort das erste nicht von Muskelkraft betriebene Unterseeboot vom Stapel, die PLONGEUR. Sie erreichte mit ihrem Druckluftmotor ganz beachtliche 9 Stundenkilometer. Getaucht. Und immerhin – das waren ganze zwei Stundenkilometer schneller als die mit Handkurbeln betriebenen Hunley-Boote der Royal Navy. Wie diese war auch die PLONGEUR mit einem Sprengkopf an einer langen Stange bewaffnet – ein sogenannter Spierentorpedo. Ein solcher machte den Angriff zwar nicht zu einem echten Himmelfahrts- und Selbstmordkommando, war aber für das Tauchboot oft genug beinahe ebenso gefährlich wie dem eigentlichen Ziel. Die Marine Impériale sah jedoch ein gewisses Potential in der Waffe, und im September 86 lief in Martigue nahe Marseille die GYMNOTE vom Stapel, ein kleiner Zwerg mit zwanzig Metern Länge, aber bereits mit einem 65 PS starken Elektromotor und zwei echten 35-Zentimer Torpedos in einer Außenbordaufhängung ausgerüstet. Mit achtundzwanzig Stundenkilometern getaucht auch gar nicht mehr so langsam, die GYMNOTE war bereits eine wirklich ernst zu nehmende Waffe. 1887 folgte die ANGUILLE, 1888 die CATHUBODUA, bereits an die 50 Meter lang, mit 6 Torpedos in Halterungen außen am Rumpf, Ende 1889 sollte ein noch größeres Schiff, die KARDINAL RICHELLIEU folgen. Bisher wussten nur hochrangige Mitglieder des Admiralsstabes und die hundertfach gesiebten Mannschaften der Boote, je sechs Mann für kleinen und zehn für die CATHUBODUA, von der Existenz einsatzfähiger Tauchboote. Hundertmal gesiebt und auf ihre Loyalität überprüft vom Admiral der Mittelmeerflotte, vom Marquis de Molotaire. Er stammte, wenig überraschend, aus Montpellier, wohin er soeben mit einem Schnellzug unterwegs war. Nicht, um dem Zorn des Kaisers zu entgehen, denn dort würde die Police Militaire zuerst nach ihm suchen. Er wollte nur zu Hause sterben. Noch einmal durch die Straßen seiner Heimat gehen, am Hafen einen Cartagéne trinken. Und dann, der letzte Schritt, der Griff zur Dienstwaffe, Ruhe, Stille für immer.
Weder den Contre-Admiral Jaques Marais noch Capitaine Noel Germain oder Lieutenant de Vaissea Louis Bromaire hatte der Befehl die Flotte zu verlassen überrascht, denn sie hatten ihn bereits erwartet. An Kithira und Santorin vorbei hatte die DANTON Kurs auf die griechische Insel Kos genommen, die drei kleinen Tauchboote begleiteten sie und kamen nur Nachts an die Oberfläche des Mittelmeeres.
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Jetzt näherte sich das schwere Linienschiff der Steilküste im Süden, und der Capitaine befahl, die Maschinen zu stoppen und die Anker zu werfen, danach sollten sich die Mannschaft auf dem Deck versammeln und wie zur Flaggparade aufstellen. Es fehlten bei diesem Appell die meisten Matrosen aus Okzitanien, welche völlig überraschend die von ihnen besetzten Maxim-Gewehre umdrehten und das Feuer auf die angetretenen Kameraden eröffneten. Lieutenant Victor Truffault sprang nach vorn und zog seine Dienstwaffe, doch ein Schuss aus dem Revolver des Capitaine streckte auch ihn nieder. Aus einer Höhle in der Steilküste näherten sich zwei Dampfbarkassen dem Linienschiff und den auftauchenden U-Booten und die DANTON strich die Fahne. Einige Männer aus den Barkassen enterten das riesige Schiff. Capitaine German salutierte dem Anführer.
„Ich bringe wie verabredet die DANTON, Herr!“
„Gut, Capitaine. Dann bringen wir sie einmal in unser Dock. Lotse, Ruder übernehmen.“ Das mächtige Schiff und die geheimen Unterseeboote waren bald verschwunden. 1.500 Männer aus ganz Europa, Africa uns Asien, welche von der MARIA M unauffällig auf die Insel Kos gebracht wurden, machten sich bald mit dem Giganten vertraut. Sie stellten die neue Besatzung im Dienst des goldenen Frühlings.
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Paris
Im 2. Arrondissement von Paris wohnte in der Rue Chabanais 12 nach eigenen Angaben der Maler Henri Toulouse Lautrec. In einem Etablissement mit dem Namen le Chabannais, das von Madame Kelly seit 1878 geführt wurde und in welchem sogar ein gewisser Prinz Albert Edward von Sachsen-Coburg und Gotha häufig zu Gast war. Auch wenn der Kronprinz von Großbritannien seit 1863 mit Victoria von Dänemark verheiratet war, verzichtete der hochgeborene Besucher nie, auf einen Sprung bei Madame Kelly vorbei zu kommen. Oder auch auf mehrere Sprünge. Der vom beleibten Prinzen selbst entworfene Stuhl zur Erfüllung seiner erotischen Phantasien war noch lange in diesem Etablissement zu bewundern. Es ging in diesem Hause sehr egalitär und formlos zu, selbst wenn der Thronfolger zu Gast waren. Die Leibwächter des Prinzen kannten die Stammgäste bereits, ein kurzer Blick reichte zumeist aus, und sie bezogen diskret ihre Stellungen, ohne weiter zu stören. Das le Chabanais war, man konnte es einfach nicht anders nennen, ein Bordell. Um genau zu sein, das Bordell im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Was allerdings nichts daran änderte, dass es eine gültige Meldeadresse war. Und der Maler Toulouse-Lautrec wohnte tatsächlich dort. Die Damen des Hauses waren von groß bis klein, schlank bis üppig, blond, schwarz, rot und brünett. Jeder, aber auch wirklich jeder Besucher fand ein williges Mädchen, welches seinem Geschmack entsprach. Wenn er genug Franc in der Tasche hatte, denn billig war le Chabannais nicht zu nennen.
Das Foyer war kunstvoll einer kahlen und nur spärlich beleuchteten Felsengrotte nachempfunden, die Salons und Zimmer allerdings um so aufwändiger ausgestattet. Im maurischen, japanischen, indischen oder pompejanischen Stil. Es gab Zimmer, in denen man sich wie Ludwig XV fühlen konnte, der von Madame du Bary oder der Pompadur verwöhnt wurde. Entsprechende Kostüme und Perücken inclusive. Oder aber ein Nubier trug Kleopatra zu Cäsar, man konnte ein Sultan werden, der seinen Harem betrat. Besonders beliebt war derzeit die ägyptische Kulisse, wenn der Pharao Nofretete empfing. Die Maskenbälle, welche nicht nur zur Karnevalszeit abgehalten wurden, waren legendär. An diesem Tag war das Haus für ‚Laufkundschaft‘ geschlossen, eine Einladung zu diesen Veranstaltungen war heiß begehrt – und normalerweise nicht gerade billig. Außer man gehörte zu den gefeierten Künstlern wie zum Beispiel Jaques Offenbach, Emile Zola, Paul Cezanne oder auch Guy de Maupassant, dann bekam man sogar an diesen Tagen einen eigenen Salon. Letzterer hatte vor kurzem seinen Roman Pierre et Jean heraus gebracht und lag jetzt auf einer der Chaiselonguen. Sein Kopf war auf dem Schoß einer der Damen gebettet und er betrachtete angelegentlich die Bewegung ihrer Brüste über seinem nach oben gewandten Gesicht.
„Aber natürlich werde ich so oft wie möglich im Restaurant auf dem Eiffelturm speisen, Henri“ plauderte Guy dabei. „Immerhin ist es dann einer der ganz wenigen Plätze, von welchem man den architektonischen Schandfleck nicht sehen muss!“
Der ebenfalls anwesende Edgar Degas lachte. „Er ist ihnen wohl nicht rund genug, Guy. Er erinnert zu sehr an einen Bite und zu wenig an Seins. Mit zwei Kuppeln gefiele ihnen das Bauwerk sicher besser!“
„Ach, Edgar!“ Offenbach ließ sich von einem Mädchen mit Weintrauben füttern. „Auch wenn ich Erotik durchaus schätze, müssen Sie nicht alles sexuell erklären. Manchmal ist ein hässliches Teil einfach nur ein hässliches Teil.“
„Auch wenn es eine technische Großleistung ist“, bemerkte Gaston Leroux, der mit den langen Haaren seiner Mamsell herumspielte. „Besonders, weil Monsieur Eiffel nicht über den Kristall-Leichtstahl der Deutschen und Österreicher verfügt. Nur die Armee und die Flotte wird in Frankreich damit beliefert!“
„Mag sein!“ Paul Cezanne trank einen Schluck Champagner. „Das macht aber den Turm nicht schöner!“
„Ich weiß gar nicht, was Sie alle wollen“, warf Emile Zola ein und tätschelte kurz ein vorbeikommendes Hinterteil. „Die Hauptsache ist doch, das Ding zieht die Menschen zur zehnten Weltausstellung!“
Guy de Maupassant nahm seinen Blick nicht von den bebenden Halbkugeln vor seinen Augen. „Wenn der Turm eher wie die Statue de l’unité, die Einheitsstatue auf Lovell’s Island vor dem Hafen von Boston aussähe, nur ohne diesen zwar für den Erbauer und Statik praktischen, aber wenig ansprechenden Chiton, kämen sicher noch mehr Menschen nach Paris!“
„Scheinbar hat Edgar doch nicht so ganz unrecht“, lachte Zola. „Aber ich sehe darin auch ein gutes Symbol für die Revolution 1789. Ein so toller Ansatz für die Freiheit und die Menschlichkeit, der Schrei, der Kampf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Am Ende waren dann nur noch vor der Guillotine alle gleich, und das einfache Volk hatte nicht mehr als vorher. Nur die Mächtigen hatten gewechselt, und der Terror war schlimmer als vorher. Der einzige, der etwas getan hat, war der dritte Napoleon. Der hat die Boulevards und die neuen Häuser mit den großen Fenstern bauen lassen. Welche sich auch wieder nur die betuchteren Bürger leisten konnten, die Masse ist auch unter den Kaisern wieder arm dran.“
„Vielleicht kommen die Menschen im September ja auch, um unsere neue Kaiserin zu bewundern!“ Offenbach naschte noch eine Weinbeere. „Ich habe gehört, dass Valerie Theresia von Österreich eine verdammt schöne Frau sein soll!“
„Das ist sie tatsächlich!“ Maupassant riss seinen Blick vom Anblick des Busens über seinem Kopf los. „Und die Figur erst!“
„Und ihren Mut darf man nicht vergessen!“ Cezanne ließ sich das Sektglas nochmals an die Lippen halten. „Wenn ich an Marie Antoinette denke…“
„Die neue Kaiserin ist nicht nur weit klüger als die arme Marie, sie wird sich wirklich um die Franzosen, um das kleine Volk kümmern“, meinte Jaques Offenbach. „Man weiß schon, dass sie eine Menge Geld und eine Firma im Gepäck haben wird, die Logement social. Die Leute dieses Unternehmens haben im dreizehnten Arrondissemtent bereits eine große Fläche eingezäunt und vermessen das Gelände genau. Dort sollen billige Arbeiterwohnungen mit elektrischer Beleuchtung, dampfbetriebenen Fahrstühlen und zentralen Heizungen entstehen. 15 bis 20 Stockwerke, auf dem Gelände werden in einigen Häusern mehr als tausend Wohnungen, jede mit rund 80 Quadratmeter Größe entstehen. Und diese Siedlung ist nur ein erstes Geschenk, wenn sie erst Kaiserin geworden ist, sollen noch mehr solcher Orte entstehen!“
„80 Quadratmeter Wohnfläche?“ Edgar Degas lachte auf, während er sich erhob, um sein Glas noch einmal füllen zu lassen und zwischendurch noch eine der Damen im Genick zu küssen, was diese mit lautem Gekicher quittierte. „Elektrisches Licht? Da werden eher wohlhabende Bürger einziehen und die Arbeiter gehen wieder leer aus! Wie immer.“
„Das glaube ich nicht“, widersprach Maupassant und blickte wieder zu den hübschen Brüsten hinauf. „Beuge dich nur ein klein wenig vor, du Hübscheste der Hübschen, und die Engel singen im Chor, was kann man mehr sich wünschen! Entschuldigen Sie die Abschweifung, Monsieurs, aber was wollte ich sagen? Ach ja! Die Vergabe der Wohnungen erfolgt nicht etwa durch französische Beamte, sondern durch Angestellte unserer zukünftigen Kaiserin. Und in Wien wohnen, von ganz wenigen Ausnahmen, wirklich nur Arbeiter in diesen Sozialwohnungen. Das Großbürgertum muss weiterhin selbst für seine Unterkunft sorgen!“
„So wie ich, meine lieben Freunde“, hob Toulouse-Lautrec sein Glas! „Ihr könnt mich ja für unvernünftig halten, aber ich werde nie umziehen. Das könnte ich meiner liebsten Frou-Frou doch gar nicht antun, nicht war, mein kleiner Schatz?“ Die schlanke, beinahe zwei Meter große Frau mit den üppigen Formen sah auf den 152 Zentimeter großen Mann, der auf ihrem Schoß saß, hinunter.
„Natürlich nicht, mon Loup“, wuschelte sie das Haar des Malers.
„Was sage ich!“ Henri zog die Handfläche Frou-Frous an seine Lippen. „Aber natürlich sehe ich durchaus ein, dass dieser soziale Wohnbau eine gute Sache ist. Wenn es funktioniert.“
„Wie gesagt, in Wien funktioniert es recht gut.“ Mit dem Zeigefinger strich Maupassant über die samtige Haut der Frau, in deren Schoß er seinen Kopf gebettet hatte. „Und es gibt eine dampfbetriebene Schienenbahn von den Vorstädten in das Zentrum und die Industriegebiete weit draußen vor der Stadt.“
„Sie wollen jetzt aber nicht, dass aus Paris Wien wird, oder“, monierte Degas.
„Wenn die Bühnen, die Straßen und die Wohnungen elektrisch beleuchtet werden, darf ruhig ein wenig Wien nach Paris kommen“, beschied Toulouse-Lautrec. „Das le Chabanais wird die Dame wohl nicht schließen wollen!“
„Warum sollte sie“, lachte Guy de Maupassant laut. „Meine Freunde, ich sage ihnen, Wien ist nicht so prüde, wie Sie denken. London – nun, Victoria ist wirklich eher körperfeindlich eingestellt und hat die Erotik in den Untergrund vertrieben. Oder nach Paris, wie unser Freund Bertie bestätigen würde, wäre er heute hier. Aber Wien? Ha! Die Prinzessin Valerie ist 23 Jahre alt, aber ob sie wirklich noch Jungfrau ist? Ich bezweifle es! Ich bezweifle es ganz stark. Und ich sage ihnen ganz offen, recht hätte sie, wenn sie ihr Leben und ihre Triebe in vollen Zügen genossen hat!“
„Ach, am Tage ihrer Hochzeit wird sie ihre Jungfräulichkeit schon wieder erlangen, zumindest bis zum Brautlager“, lachte Degas! „Und François Louis kann sich nicht einmal darüber beschweren, er war ja schließlich auch kein Kind von Traurigkeit.“
„Solange die Diskretion gewahrt wird!“ Maupassant erhob sich und zog seine Dame hoch. „Auch unser jetziger Kaiser hat seine Gespielin, und wer weiß, was notre Impératrice macht, wenn er sich mit Colette vergnügt! Wer weiß, ob sie bei Madame Madelaine nur spirituellen Rat sucht?“
„Sie meinen, mon Ami, hier geschieht – oh, diese Bilder in meinem Kopf! Diese Bilder!“ Offenbach schlug mit der Hand lachend gegen seine Stirn. „Sie sind grausam, Guy! Ob ich je wieder an Madame Roxane Solange denken kann, ohne zwei Frauen im erhitzten Spiel zu sehen?“
Der berühmte Romancier lachte. „Was uns recht ist, gilt doch auch für die Kaiserin. Liberté, Fraternité und, in diesem Falle besonders, auch Égalité. Komm jetzt einmal mit, meine Schönheit! Freunde, entschuldigt uns zwei bitte für einige Zeit. Die Natur verlangt ihr Recht ebenso mächtig wie der Geist. Wir parlieren später weiter, zumindest ich weit entspannter als in diesem Momente.“
=◇=
Berlin
„Klara Subowski?“ Atze Friedmann blätterte in seiner Akte.
„Bin icke, Herr Schutzmann“, bestätigte Lattenklara und lümmelte breitbeinig auf ihrem Sessel.
„Jeboren am 31. Mai 1869?“, fragte Atze weiter.
„Kla, hübscher Junge, wenn ma mene Mutta nich anjeschmiert hat“, gestand Klara und spielte mit ihrem Rock, zeigte den Polizisten Friedmann und Jankowsky eine Menge wohlgeformtes Bein.
„Zuletzt jemeldet in dit Friedrichstraße, in die Räume vom joldenen Frühling?“, setzte Atze die Bestätigung der Personalien fort.
„Wat for en Verbrechen“, monierte Klara! „Da wohnt ne Penunzenritze glatt in dem Puff, in dem se anschaffen jeht, und det steht sojar in dit Friedrichstraße, fast de nobelste Adresse von Balin. Schlimm, schlimm. Icke men, is dit en Fall for nen zivilen Bullen?“
„Ick werte det mal als ja“, stellte Manni fest.
„Jut, ja, war icke!“, bequemte sich Klara zu einer Bestätigung.
„Den pack mal aus, Meechen. Wat haste jehört auf der Arbeet.“ Atze nahm den Bleistift und machte sich bereit, die Aussage aufzuschreiben
„Nix hab icke jehört, Herr Polizist. Jar nix“, gab die Klara an.
„Meechen, du musste doch beim Bene breit machen wat mitjehört haben“, insistierte Manni. „In de Ohren wirste ja wohl nüscht stecken jehabt haben.“
„Nö, hab icke nich“ verweigerte Klara jede Zusammenarbeit mit der Polizei. „Also, jesteckt haben die Kerle janz wonanders, aber jehört, Herr Wachtmester, jehört hab icke trotdem nüscht. Icke hab nur die Bene bret un die Ohren of Durchzuch jehalten. Icke will irchendwann enmal ene alte, zufriedene Hure werden, die nur mehr in die Knie jeht, wenn et ihr danach ist und die for det Tachesjeschäft zwei Püppchen hat, die det Jeld nacn Hause bringen. In meinem Metje wirste nich alt, wennste zuviel siehst und hörst. Ne, ne, lieber in det Knast als mit der Bettwäsche ofjehangen zu werden, so wie die Scheffin.“
„Wir können dir beschützen, Lattenklara“, versprach Manni.
Klara setzte sich abrupt aufrecht hin und legte ihre Unterarme auf den Tisch. „Seid Ihr zwei bescheuert oder glaubt Ihr, dat icke komplett doof bin? Die janze Polente von Balin kann mir nich schützen, wenn die in mir ene Bedrohung sehen. Icke sach Euch wat, dat Ding is jroß. Da war dit Kosaken Kathi auch nur en winziches Rädchen. Mann, Mann, Mann, dit is en Wespennest, in dem Ihr da stochert. Ne, Junges, die Klara hat sich for Penunze flach lechen lassen, aber nichts jehört außer ‚schneller‘, ‚fester‘ und ‚jeh man of die Knie, Klene‘. Mehr sach icke nich mehr.“
Atze warf den Stift auf den Block. „Ist det det letzte Wort?“
„Da kannste enen druf lassen!“ Klara lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Wenn icke eure Pissstängel verwöhnen soll, dann könnt Ihr mir rufen, aber sonst ist et verjebliche Liebesmühm dat icke hochkomm. Icke warte in meiner Zelle auf meine Verhandlung vor Jericht. Oder wollt Ihr jetzt gleich wissen, wat icke so drauf hab?“ Sie lächelte und ließ kurz ihre Zungenspitze zwischen den spitzen Lippen sehen.
„Ne, Mädel! Lass man jut sein. Bruno, bring man die Olle in ihren Käfig und bring die mal die Lotte Kärcher!“ Der bullige Schließer des Reviers, in welchem die festgenommenen Damen einsaßen, nahm Lattenklara mit festem Griff am Oberarm.
„Geht klar, Herr Unterkriminalrat. Komm, Kleine.“
Klara zwinkerte den Polizisten frech zu. „Wenn ihrs Euch anders überlecht, dann wisst Ihr ja, wo Ihr mir findet, Jungs. Und icke kanns besser als eure Ollen!“ Dann ließ sie sich abführen.
„Du solltest net so frech sei“, knurrte Bruno Weber. „Außerdem solltest du endlich singe!“ Weber war kein Berliner, sondern kam Schwaben.
„Du auch noch, Bruno? Wat soll icke denn singen, icke weiß doch nüscht. He, ick kann aussachen, dat det Männeken, det bei die Razzia aufjemuckt hat…“
„Der Markgraf Ludovsky?“
„Ach, det war’n richticher Markgraf, und dit in unserm Puff? Nu jut, wennste dit sachst. wird’s wohl sein. Also, det Typ nimmt bei einer Ollen lieber den Hinter- als den Vordereingang, det dünne Bürschchen mit dir Ziechenbärtchen…
„Rechtsanwalt Zimmermann?“
„Kene Ahnung, aber von mir aus, wenn er so heißt, also, icke kann sachen, dat er sich jerne det Ästchen lutschen lässt und dat der Dicke…“
„Der Großindustrielle Hönisch?“
„Na, nach mächtig Kohle hat er ja ausjesehen, also, der tut jerne an unjewaschenen Pissnelken schnobbern. Mehr – ne, mehr wird’s nich. Na ja, da jibt es einen, der…“
„Wer?“
„Woher soll icke det wissen. Mensch, Bruno, wat denkste, for wat die Masken jut war’n? Icke kann dir auch nüscht mehr sachen als den jrünen Jungs in det Zimmerchen!“
„Ach Mädle, du bis do net dumm“, versuchte es Bruno weiter.
„Jenau, die Klara is nich doof“, antwortete sie nickend. „Und eben weil icke nich doof bin, habe icke mir immer nur auf meine Arbeit und sonst nüscht konzentriert. Also, willste en rasches Nümmerchen von mir? Weil, wennste nich willst, dann quatsch mir kene Opern vor, klar?“ Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück, dann schloss Bruno Klara wieder in ihrer Zelle ein und öffnete eine andere.
„Lotte Kärcher! Mitkomme.“ Auch Lotte versuchte der joviale Beamte auszuhorchen, doch abgesehen vom Dialekt erhielt er die gleichen Antworten. Nach einer dieser Antworten, die Lotte allerdings nicht mit dem Mund gab, roch der Gang zu den Zellen noch stundenlang. Sie war lang und donnernd ausgefallen.
Den Abend verbrachte der Schwabe in Berlin gerne in einer Eckkneipe nicht weit vom Revier entfernt. Keine reine Polizistenkneipe, aber sie alle gingen ganz gerne auf eine Weiße mit Schuss oder ein Pils dorthin. Der Wirt servierte auch hervorragende Bockwurst, geräucherten Aal und Bouletten. An diesem Tag kippte Bruno eben seinen Schnaps, als sich jemand neben ihn stellte.
„Die meiste Mädle sind kei Problem“, vertraute Bruno leise seinem Bier an. „Nur die Ilse, die könnt was sage wolle!“
„Besser, wenn nicht.“ Eine schlanke Hand legte eine Münze auf den Tresen, und die Gestalt verschwand wieder, nachdem sie ihren Korn ausgetrunken hatte. In der Tasche seiner Jacke fand Bruno drei Zehn-Mark-Scheine und ein kleines Briefchen. Er wusste auch ohne es zu öffnen, dass es ein feines, leicht grünlich schimmerndes Pulver enthielt. Busu la milele – den Kuss der Ewigkeit aus den tiefsten Wäldern des schwarzen Kontinents.
‚Schad drum‘, dachte Bruno. ‚Die Ilse ist ein hübsches Mädle. Aber wenn sie den Mund net halte kann.‘
=◇=
Unter den Linden war mit Fug und Recht neben der Friedrichstraße die Prachtstraße von Berlin. Vier Reihen Lindenbäume, welche der anderthalb Kilometer langen Straße seit 1647 ihren Namen gaben, trennten die Fahrspuren. Die mittlere Spur war der Dampftram vorbehalten, welche Charlottenburg durch das Brandenburger Tor mit dem Berliner Dom verband. Hier hatten viele der wirklich Reichen Berlins ihre Häuser im Stil der Belle Epoque errichten lassen, Häuser, welche die Stadtpalais vieler alter, adeliger Familien an Größe und Prunk in den Schatten stellten. Auch Ernst August Ritter von Reicherth hatte sich hier ein Haus bauen lassen, welches zwar kleiner als die meisten Industriellenpaläste war, aber schon von außen gemütlicher wirkte. Natürlich war der Hersteller dampfbetriebener Flechettewaffen einigen der üblichen Trends gefolgt, eine große Treppe führte vom Eingangsbereich in die Räume der Familie, im Erdgeschoss waren die Dienstboten zu Hause. Auch über einen großen Ballsaal verfügte dieses Gebäude selbstverständlich, und es war eine gesellschaftliche Verpflichtung, zumindest einen größeren Ball im Jahr abzuhalten.
Der Fabrikant hatte Oberkriminalrat Franz Kaltenegger, der nun schon zum dritten Mal zum Essen eingeladen war, nach dem Dessert in den Rauchsalon gebeten. Wobei die von Ernst August ausgesprochene Bitte eher einem Befehl gleich zu setzen war. Nichtsdestotrotz hatte Reicherth seinem Gast einen Cognac und eine Zigarre angeboten und danach den Butler weg geschickt.
„Wir wollen offen reden, Oberkriminalrat“, hatte der Industrielle begonnen. „Nach allem, wat ick von ihnen jehört habe, wird ihnen dat nicht schwer fallen! Also – meine Annabelle ist ihnen sehr jewochen, und wenn ick Sie ansehe, scheint das auf Jechenseitigkeit zu beruhen! Trotzdem scheinen Sie meine Tochter zu meiden. Also, bitte, erklären Sie sich!“
„Hochwohlgeboren, das ist nicht leicht. Ich bin ein kleiner Beamter, ein Niemand, der außer seinem Gehalt nichts besitzt. Wie soll ich da der Tochter eines Ritter von Reicherth…“
„Ach wat!“, unterbrach Reicherth den Polizisten. „Icke bin auch nich als Ritter auf diese Welt jekommen. Und ick hab jenuch Penunze, dat meine Tochter keinen Mann wechen Jeld heiraten muss. Sie kann sich den Mann leisten, den sie liebt, und ick muss sachen, wat ick von ihnen jehört habe, jefällt mir. Sie haben eine Meinung und stehen dazu, und Sie haben Bismarck die Stirn jeboten. Und Sie sind ein ehrlicher Mann, der Jerechtichkeit über Titel und Rang steht. Also, wat sachen Sie? Ick will jetzt nur eine Antwort hören. Ick höre!“
„Dann bitte ich Hochwohlgeboren, dem Fräulein Tochter den Hof machen zu dürfen!“ Kaltenegger stand stramm wie ein Soldat vor seinem Offizier.
„Jewährt“, bellte Reicherth und goss noch Cognac in die beiden Schwenker. „Und nehmen Sie den Stock aus ihrem Arsch, lassen Sie dat jetzt mit det Hochwohljeboren. Wenn es formell sein soll, reicht Herr Reicherth. Zumindest…“ Reicherth hieb Kaltenegger unter donnerndem Gelächter die rechte Pranke auf die Schulter. „Zumindest, bis die Verlobung über die Bühne jeht und wir zum Herrn Papa kommen. Trinken Sie aus, junger Mann, wir jehen zu die Dame und teilen ihnen die jute Nachricht mit!“
Besagte Damen saßen im kleinen Salon, und während die Gattin des Ritters eben mit einer Patience beschäftigt war, las deren Tochter in einem Buch über den Blutkreislauf und den Herzmuskel.
„Dein Herr Papa ist mit dem Kriminalrat schon lange abwesend!“ Waltraud Frau von Reicherth legte den Kreuzbuben auf die entsprechende zehn und nahm eine weitere Karte vom Talon.
„Oberkriminalrat, cher Maman“, antwortete Annabelle.
„Das, mein Kind, ist mir völlig egal! Ach, die Herz drei. Endlich!“ Rasch legte sie die frei auf den Stapeln liegenden Karten auf die ausgelegte Karte. Waltraud war eine Walküre von Gestalt, groß mit breiten Schultern und massenhaft ‚Holz vor der Hütte‘. Das rote Kleid mit breitem Gürtel verhüllte allerdings das meiste davon, passte aber gut zu den schwarzen Haaren, welche die Dame des Hauses unter Missachtung der derzeitigen Mode relativ kurz und offen trug. „Wenn er die richtige Frage stellt, ist er der Franz, und wenn nicht, ist das Ober im Titel auch egal!“
„Du meinst…“ Annabelle legte ihr Buch weg. „Papa hätte nichts dagegen, wenn…“
„Ne, Froilein, dein Papa hat nüscht dajegen, wenn dir dein Jalan den Hof macht.“ Ernst August hatte mit Kaltenegger den Salon betreten. „Und jetzt lauf, Meechen, dit erste Kuss jebührt dem Herrn Papa, aber dann darfste deinem Verehrer auch nen dicken Schmatz jeben. Und er wird stille halten, stimmt’s, junger Mann?“
Kaltenegger lief rot an, aber nickte. „Froilein Annabelle, wenn Sie mir erlauben, Sie ab und zu…“ Der Polizist konnte nicht weitersprechen, zwei weiche Lippen versiegelten seinen Mund. Ernst August räusperte sich amüsiert.
„Ick muss meiner Holden noch wat zeigen. Seid schön artich, bis wir wieder kommen, Kinder.“
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Mogadischu
Die bereits im 10. Jahrhundert von Arabien aus gegründete Stadt Mogadischu hatte bereits viele Herren gesehen, zumeist Sultane aus Oman und Sansibar, aber auch Portugiesen waren hier bereits Herren gewesen. Seit drei Jahren saßen hier die Italiener und hatten Mogadischu zur Hauptstadt ihrer Kolonie AOI gemacht. In diesen Jahren hatte sich in der Stadt nicht viel geändert, in den Basaren wurde immer noch gehandelt und gefeilscht, was das Zeug hielt, die Männer saßen immer noch bei ihrem Tee mit Minzblättern, die Frauen gingen immer noch verschleiert und verschwiegen dem Herrn und Ehegemahl, dass das dritte oder vierte Kind nicht von ihm selber war. Über der Festung wehte eine neue Fahne, im Hafen waren einige Kais aus Stahlbeton errichtet worden, und die Bordelle hatten seit einigen Monaten Hochkonjunktur. Durch italienische Soldaten. Im Norden der Stadt, mit dem neuen Hafen durch eine breite Straße verbunden, hatte die italienische Armee eine neue Stadt regelrecht aus der Wüste gestampft. Ein Armeelager, noch größer und mächtiger als jene Lager zu den lange vergangenen Zeiten, als die Tritte der römischen Legionen die Welt erbeben ließen. Sechs Divisionen, jede etwa 20.000 Mannschaftsgrade, Unteroffiziere und Offiziere stark, jede unter einem Generale di Divisione. Die über 120.000 Männer kämpfende Truppe unterstanden dem Generale di Corpo d’Armata Salvatore Danelli. Zu diesen Soldaten kam noch der Tross. Köche, Schreiber, Verwaltungsbeamte – insgesamt noch einmal 1.000 Männer.
Nach der Niederlage der von hier aufgebrochenen Armee bei ihrem Überfall auf Abessinien waren die beschädigten Landkreuzer und -Korvetten wieder in das Lager von Mogadischu transportiert worden, die Mechaniker hatten sich sofort an die Arbeit gemacht. Trotzdem waren von den 120 Jupiter-Kreuzern nur noch 72 kampftauglich, und die Verluste unter den Scudi-Korvetten betrugen mehr als 160 von den ursprünglich 480. Die Luftschiffflotte der Invasionsstreitmacht hatte von ihren acht Einheiten ebenfalls eine komplett eingebüßt, bei dem Rückzug hatte das Schiff noch einen Treffer in der Ruderanlage erhalten. Und obwohl die Benadiri, wie die von Somali und Arabern abstammende Bevölkerungsschicht Mogadischus genannt wurde, durchaus keine schlechten Schmiede waren, die Bearbeitung von Leichtstahl ging weit über ihre Möglichkeiten hinaus. Dafür benötigte man eben spezialisierte industrielle Maschinen, welche höchste Temperaturen erzeugen konnten. Diese Maschinen waren selbst in Italien noch eine Rarität.
Italien hatte natürlich auch einen Generalgouverneur ernannt und als zivilen Statthalter für das AOI nach Mogadischu entsandt. Es war der pensionierte Cavaliere Amirale Antonio Cecchi, ein Seeoffizier, welcher bereits einige Male in Africa unterwegs gewesen war und auf dem Weg zum Victoria-See mit seinem Partner Giovanni Chiarini auf Befehl der Königin des Stammes der Gera gefangen genommen wurde. Antonio hatte Glück. Er überlebte die Gefangenschaft und wurde nach einiger Zeit wieder frei gelassen, während sein Partner während der Gefangenschaft starb. Über die Hintergründe der Haft wurde vor allem in Italien sehr viel spekuliert, und natürlich sah man alle Schuld bei der Königin Genne Fa – wer wusste denn schon, was im Kopf dieser, dieser Primitiven, dieser Schwarzen vorging. Leise Stimmen, welche über ungehöriges Benehmen oder gar Übergriffe der beiden Weißen Überlegungen anstellten, wurden entweder schlicht ignoriert oder mit dem Hinweis zum Schweigen gebracht, dass man als Europäer alle Rechte in Africa habe und ‚die da unten‘, die mit der dunklen Haut, doch sowieso gar keine echten Menschen wären und froh sein mussten, nein, stolz darauf, überhaupt wahrgenommen zu werden und den Weißen dienen zu dürfen. In Mogadischu und Somalia hatte sich der Cavaliere mit seiner Einstellung, welche er natürlich immer noch pflegte, keine Freunde unter der dunkelhäutigen Bevölkerung gemacht. Besonders unter dem weiblichen Teil der Bewohner. Nur die hellhäutigeren Benadiri wurden von ihm ein wenig besser behandelt, beinahe wie echte Menschen. Und auch wenn die Somali eine solche Behandlung mehr oder weniger bereits seit der portugiesischen Zeit gewohnt waren, gefallen musste es ihnen deshalb noch lange nicht. Stark genug, um daran etwas zu ändern, waren sie aber nicht. Man konnte es nicht besser beschreiben, Italien war keine freundliche Besatzungsmacht. Nun, nicht ganz so übel und brutal wie die Belgier, aber die Unterschiede waren nur gering. Der Galgen auf dem Hauptplatz Mogadischus wurde jedenfalls nicht leer, beinahe jeden Tag stand zumindest eine Hinrichtung an, zumeist von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Auch die Strafen für kleinere Vergehen oder auch nur zu geringer Arbeitsleistung waren ziemlich brutal und nicht selten sadistisch.
Der Generale di Corpo d’Armata Salvatore Danelli stammte aus Neapel und war üblicherweise ein fröhlicher Mensch, der gerne lachte, trank und speiste, ein Mann, der selten nervös wurde. Selten, denn an diesem Tag war er eher sehr nervös. Der Grund für diese Nervosität legte soeben am Kai des modernen italienischen Hafens an. Die CESARE BORGIA war ein moderner schwerer Kreuzer der italienischen Marine, was an sich noch kein Grund für besondere Aufregung gewesen wäre. Aber er führte am Flaggenmast neben der Trikolore auch noch den Wimpel des königlichen Generalstabes, was bedeutete, dass ein Mitglied desselben an Bord war. Wahrscheinlich Generale Guido Trapare, der Chef des Stabes persönlich. Es war eben auch für einen Generalleutnant nicht angenehm, seinem Vorgesetzten ein Versagen gestehen zu müssen. Und ganz besonders nicht General Trapare, der als rigoros galt und für seine brutale Härte Untergebenen gegenüber bekannt war. Sobald die Vorposten das Schiff und die Flagge gesichtet und über Signallampen nach Mogadischu gemeldet hatten, sandte Salvatore Danelli einen kleinen Dampfkraftwagen zum Hafen los, einen FAR 800. Die Fabbriche Automobile di Roma hatte sich auf kleine, wendige Dampffahrzeuge auch für den zivilen Markt spezialisiert und produzierte für das Militär die Dreiräder der Aufklärungstruppen und auch das Modell 800, das bei Offizieren sehr beliebt war. Inklusive des Fahrers beförderte es vier Personen, erreichte eine Geschwindigkeit von beinahe 100 Stundenkilometern auf einer guten Straße und immerhin 35 bis 40 in der Wüste. Und der 800vm – für versione militare – war auch universell in beinahe jedem anderen Gelände einsetzbar. Hier, im tiefen Süden, war das Fahrzeug mit einem leichten Stoffdach ausgestattet, welches zumindest tagsüber rudimentären Schatten spendete und für den Wüsteneinsatz waren extra breite Räder aufgezogen worden.
BILD S126-12
Guido Trapare kam aus Perugia, dem alten Phersna der Ertrusker, er war ein schmalbrüstiger, nicht sehr hochgewachsener Mann, dessen kahler Kopf mit der scharfen Hakennase und den schmalen Lippen für diesen kleinen Körper überdimensioniert groß erschien. Seine Augen blickten scharf und eiskalt unter den buschigen Brauen hervor, als er in der schwarzgrünen Generaluniform mit dem breitkrempigen federgeschmückten Hut die CESARE BORGIA verließ und auf Salvatore Danelli zuschritt, der die Haken zusammen schlug und salutierte.
„Sie sind hier in Mogadischu und nicht an der Front“, fragte Trapare kurz angebunden den Korpskommandanten.
„Gestern angekommen“, beschied dieser. „Ich wollte noch einmal eine Depesche nach Rom absenden. Wir benötigen Munition, Ersatzteile und Verstärkung. Dazu eine bessere Flugabwehr und mehr Artillerie. Diese Abessinier haben viele gute Luftschiffe aus deutscher Fertigung, mit denen sie unsere Landkreuzer und -Korvetten nach Belieben bombardieren können. Unsere eigenen Luftschiffe werden von britischen Ornithoptern vertrieben, die mit modifizierten Hale-Raketenwerfern ausgestattet sind und teuflisch treffsicher sind. Und ihre Sprengköpfe zerfetzen die Tragzellen unserer Luftschiffe in ungeahntem Ausmaß.“
Trapare nickte ruckartig. „Das ist mir bekannt. Trotzdem sollte es kein Problem sein, dass eine moderne, europäische Armee diese Halbwilden besiegen kann. Auch wenn diese ein paar Spielereien bekommen haben.“
„Sie sind bisher unserer Armee gewachsen, Generale.“ Danelli führte den Chef des Generalstabes zum FAR 800. „Unsere Aufklärung hat uns einen recht guten Überblick über die Festungen an der Grenze verschafft. Die sind sehr geschickt aufgestellt, beinahe, als hätte ein preußischer Militäringenieur diese Verteidigung geplant.“
Der General zögerte und überlegte kurz. „Das könnte auch tatsächlich so sein.“ Er schwang sich auf den Rücksitz und nahm seinen Hut ab. „Ins Hauptquartier!“
„Zu Befehl, Generale!“ Danelli ging um den Wagen herum und setzte sich auf den anderen Sitz. „Fahrer! Losfahren!“
Für die beinahe 300 Kilometer bis zur Frontlinie benötigten die Herren in dem FAR etwa vier Stunden. Eine Straße hatten die Italiener zwar noch nicht bis zur Front gebaut, aber hunderte von tonnenschweren Kettenfahrzeugen hatten den Boden verdichtet und eine gut passierbare Piste in Sichtweite eines kleinen Flüsschens geschaffen.
„Wir haben uns an der Front eingegraben, derzeit ist es dort ziemlich ruhig. Die Abessinier verzichten auf Gegenangriffe und feuern nur, wenn wir die Grenze überschreiten“, berichtete der Korpskommandant. „Dann aber erschreckend effizient. Sie haben dort oben einen großen Zeppelin, wahrscheinlich mit einer Kabelverbindung, damit weisen sie wohl die Steilfeuergeschütze ein, und wir können überhaupt nichts dagegen machen. Mit ihren Ornithoptern haben sie die Hoheit in der Luft, und wir haben keine wirklich schweren Kanonen erhalten. Die 18 Zentimeter der Jupiter reichen nicht aus, bis hinter die feindlichen Linien zu schießen und die Granatwerfer zu erreichen!“
„Sie haben versucht, die Verteidigungsanlagen zu umgehen?“ Der General hatte seinen breitkrempigen Hut der Bersaglieri mit den Hahnenfedern wieder aufgesetzt und starrte zu den Stellungen der Feinde hinüber, welche nun an der Oberfläche verweilten und nicht mehr eingefahren wurden. Die 42 Zentimeter Langrohrgeschütze waren deutlich zu erkennen, ebenso die mittelschweren 10,5 – Schnellfeuerkanonen und die Schießscharten, hinter denen wohl zumindest einige Maxim-Gewehre auf stürmende Infanteristen warten mochten. Die nur wenige Kilometer voneinander entfernten Forts schienen die Forza Italia herauszufordern, die Angreifer verspotten zu wollen.
„Damit gibt es ein erhebliches Problem, Generale. Hier entlang, bitte!“
Salvatore Danelli führte den Gast in seinen Unterstand. „Wie Sie auf dieser Karte sehen können, reichen die Festungen im Norden bis zur Grenze der französischen Kolonie von Dschibuti am Horn von Africa, die französische Grenze zum AOI verläuft in der Nähe von Gori Rit etwa am 48. Längengrad und dem 8. Breitengrad in südöstlicher Richtung bis zur Küste, ungefähr bei Garacad. Wir müssten also französisches Gebiet betreten, und im Gegensatz zu den Briten im ägyptischen Eritrea sind die Franzosen sehr präsent in dieser Kolonie. Wir haben auch keinen Vorwand, französisches Gebiet zu durchqueren. Auf der anderen Seite der Front sitzen die Tedesci in Deutsch-Kenya. Von Hohenzollernhafen in der Bucht von Burgabo nach Nordosten über Baardheere am Fluss Jubba, das sie jetzt Friedrichsburg nennen nach Mandera. Und die Deutschen kennen auch keinen Spaß bei Grenzverletzungen, noch dazu werden sie, falls wir hier angreifen sollten, ganz bestimmt von den Kakaniern am Franz Rudolph- und am Maria Sophia-See unterstützt.“
„Ich dachte immer, die Donaumonarchien hätten keine Kolonien in Africa“, bemerkte General Trapare stirnrunzelnd.
„Es ist auch keine Kolonie, sie haben nur von den dort lebenden Turkana Schürfrechte erworben“, erklärte Salvatore Danelli. „Diese sind zwar keine Untertanen der Monarchien, dürften allerdings davon profitieren, dass die Österreicher dort Schulen bauen werden, welche sie dann auch besuchen dürfen. Wenn sie wollen.“
„Dann sind die Österreicher noch nicht lange dort? Sonst wären ihre Schulen doch schon fertig“, stellte Trapare fest. „Diese dannatamente brava gente mit ihren Schulen überall! Wozu den Wilden Bildung bringen, die kapieren doch ohnehin nur die Peitsche und den Galgen!“
„Diese Verträge und Schürferstädte gibt es tatsächlich noch nicht lange, General. Im Jahr 1887, also vor zwei Jahren, hat Graf Sámuel Teleki von Szék die Seen erreicht und nach seinem Thronfolger und dessen ältester Schwester benannt“, erzählte Danelli. „Vor einem halben Jahr haben sie mit dem Bau eines Luftschiffhafen und, gemeinsam mit den Deutschen, einer Eisenbahnlinie von Hohenzollernhafen nach Mji’Wa‘Mto begonnen. Etwa 700 Kilometer lang muss sie werden.“
„Nun gut, das ist ja jetzt auch egal“, winkte Trapare unwirsch ab. „Wir stehen hier also vor einer 850 Kilometer langen Front, wo alle fünf Kilometer ein großes Fort und jeden Kilometer ein kleines steht. Das macht 170 von den riesigen Gefechtsstellungen! 170, Korpskommandant! Und da sind die kleineren Nester und die Granatwerfer im Hinterland noch nicht mitgerechnet! Warum ist gerade diese Grenze derart stark befestigt? Bei Baylul war nichts dergleichen zu sehen. Und woher kommen die Mittel dafür?“
„Generale, das…“
„Natürlich wissen Sie das nicht, Korpskommandant“, unterbrach der General aufgebracht, zwang sich aber wieder zur Ruhe. „Woher sollten Sie denn auch. Warum haben Sie ihre schwere Artillerie denn nicht eingesetzt?“
„Ich habe keine!“ Danelli hob beide Hände in Schulterhöhe. „Sie ist in Italien geblieben. Als ich den Schiffsraum dafür angefordert habe, bekam ich die Antwort, dass dieser Angriff sowieso nur eine Ablenkung sei, und wir hier vor allem die Truppen des Gegners binden sollten. Und dass ein paar Halbwilde doch wohl auch ohne schwere Kanonen zu besiegen wären. Die größten Kaliber vor Ort sind die 18 Zentimeter der Jupiter. Völlig unzureichend. Ohne schwere Granatwerfer und Mörser hat sich der Angriff hier auf ewige Zeiten fest gelaufen.“
Trapare hatte die Augen weit aufgerissen und starrte Danelli an. „Sie – Sie sind ohne nennenswerte Artillerie los gezogen? Wie sind Sie…“, der General schnappte nach Luft und begann zu stottern, weil der zu viele Fragen gleichzeitig aussprechen wollte. „Warum…“
„Ich habe vor meinem Aufbruch aus Italien fünf Mal an den Generalstab appelliert, Signore Generale“, beschwerte sich der Korpskommandant bitter. „Fünf Mal wurde mein Gesuch um Transportraum vom Stab abgelehnt. Zu teuer, die Truppen und die Kanonen der Jupiter und Scudi müssten für Steinzeitwilde doch reichen. Steinzeitwilde! Diese Abessinier haben teilweise bessere Ausrüstung als wir! Scharfschützengewehre zum Beispiel. Diese haben mir einige Offiziere auf beinahe anderthalb Kilometer aus den FAR geschossen. Mit unseren Gewehren treffen nicht einmal die Bersaglieri auf diese Entfernung.“
„Ich habe nie von solchen Eingaben gehört, Korpskommandant.“ Trapare schüttelte den Kopf. „Kein einziges Mal.“
Der Generale di Corpo d’Armata holte eine Korrespondenzmappe hervor. „Bitte, Signore Generale, die Eingaben, und die Antworten. Und ich wiederhole es noch einmal. Ohne Artillerie werden wir diese harte Nuss nicht knacken. Vielleicht könnte man die Batterien jetzt endlich in Marsch setzen. Sonst – können wir uns gleich nach Mogadischu oder gar nach Italien zurück ziehen.“
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Foz de Cuene
Im Atlantik südlich des Äquators war es im Mai eben Mitte Herbst, die Temperaturen erreichten in den Gewässer vor Luanda und Benguela angenehme 26 bis 28 Grad Celsius während des Tages, Nachts kühlte es manchmal bis knapp unter die 20 Grad-Marke ab. Die Küste entlang waren seit hunderten Jahren portugiesische Stationen und Forts für die Sicherung und Verpflegung der Schiffe auf dem Weg zum Kap der guten Hoffnung und darüber hinaus gebaut worden. Doch moderne Dampfschiffe verschmähten oft den Weg die Küste entlang, wenn sie nicht im Linienverkehr die Städte anliefen. Zumeist waren diese Schiffe kombinierte Fracht- und Passagierschiffe mit begrenztem Luxus und einer Größe von vielleicht zwei- bis dreitausend Bruttoregistertonnen.
Die NAMIB gehörte einer ganz anderen Klasse von Schiffen an. Ihre Länge von 142,6 Metern über alles und ihre Breite von 13,77 Metern ergaben 5008 BRT. 105 Mann Besatzung sorgten für das Wohlergehen von 220 Passagieren der ersten Klasse und die Sicherheit von 800 Fahrgästen in der zweiten. Dazu kamen auch bei diesem Schiff mächtige Cargoräume für Fracht. Die NAMIB fuhr im Liniendienst regelmäßig die 12.000 Kilometer lange Strecke Genua – Algier – Gibraltar – Lagos – Gran Canaria – Cap Verdsche Inseln – Foz de Cunene – Lüderitz – Kapstadt und wieder zurück. Auf offener See erreichte das Schiff eine ganz beachtliche Reisegeschwindigkeit von 24,8 Knoten, welche sie in erster Linie ihren drei in Foz de Cuene gefertigten endothermischen Vaporidkesseln, den Wernerschen Turbinenmotoren und den optimierten Schiffsschrauben mit 8 Blättern verdanke, welche bei der letzten Überholung die alten dreiblätterigen Bronzeschrauben ersetzt hatten. Die NAMIB bestand aus bestem Stahl, welcher aus den eigenen Minen Neuhochadlersteins stammte und auch im Lande verarbeitet wurde. Die elektrisch betriebenen Hochöfen in der Markgrafschaft Oberantersbach arbeiteten in vier Schichten und standen praktisch niemals still, und ein steter Strom bester Stahlplatten bewegte sich den Cunene abwärts, um entweder im Land weiterverarbeitet oder nach Ulm zur weiteren Veredelung in kristallinen Kortwitzstahl verschifft zu werden. Ein Teil der Stahlproduktion wurde auch an das Ausland verkauft und spülte so Geld in die Kassen des Staates Neuhochadlerstein. Und damit auch in die der Donaumonarchien.
Mitte Mai des Jahres 1889 näherte sich die NAMIB dem Hafen von Foz de Cunene, der Hauptstadt des Königreichs Neuhochadlerstein. In der etwas über dreißig Jahre alten Frau an der Reling mit der sportlichen Figur hätte man Wilhelmine, die Gräfin von Perggreith nicht sofort wieder erkannt. Die riesige, auffällige Hornbrille war einer kleinen, viereckigen Fassung aus dünnem Golddraht gewichen, ein Coiffeur hatte sie zu einer neuen Frisur ohne hochgesteckten Knoten, aber mit Seitenscheitel überredet, welche ihr Gesicht runder erscheinen ließ, im Nacken wurde die Haarflut von einer auffälligen Klammer gebändigt. Natürlich war die Nase nicht kleiner geworden, wurde jetzt aber nicht mehr durch die Brille noch mehr betont, das Gesicht wirkte insgesamt weicher und durchaus ansprechend. Andreas von Oberantersbach hatte auf dem Geburtstagsball in Schönbrunn zu Ehren der Prinzessin durchaus recht gehabt, und Wilhelmine hatte es letztendlich auch eingesehen.
Die Besuche bei der Baronesse von Klederwald, von der sie später erfahren hatte, dass sie eigentlich Josephine Hintwitz geheißen hatte, waren bei ihrer Selbstfindung ebenfalls durchaus hilfreich gewesen. Besonders ein Abend, es war Anfangs April gewesen und sollte ihr letzter im Zirkel werden. Es waren keine professionellen Männer anwesend gewesen, nur enge Freunde des Mediums und sechs Damen aus dem Gewerbe. Und alle anwesenden Herren hatten sich der Reihe nach ihres Körpers bedient. Sie hatte alle diese Männer in sich durchaus genossen, jeden einzelnen, dann aber gemerkt, dass der ungezügelte und ausschweifende Hedonismus auf Dauer für sie nicht erfüllend genug war. Sie wollte mehr und beschloss, Wien zu verlassen und irgendwo einfach neu anzufangen. Vielleicht in Africa, in Neuhochadlerstein. Dort waren Techniker und Ingenieure immer gesucht, es war ein Land voller innovativer Ideen und mit florierendem technischem Aufschwung, gefördert von König Emanuel III. Ihr Vater, Ferdinand Graf zu Perggreith, war durchaus derselben Meinung, denn von den Besitzungen allein konnte die Familie schon lange nicht mehr leben. Der ältere Bruder Wilhelmines hatte bereits einen Posten bei der Polizei annehmen müssen und arbeitete als Commissario in Venedig. Sogar ziemlich erfolgreich. Also ermutigte der alte Graf seine Tochter mit dem Hinweis, dass sie zwar kein offiziell abgeschlossenes Hochschulstudium in Ingenieurswesen vorzuweisen hatte, aber viele der Vorlesungen in der Fachhochschule für Technik besucht hatte. Aus purer Neugier. Die Perggreiths verfügten zwar über wenig Mittel, aber immer noch über viele Beziehungen, und so wurde der Rektor der Technischen Universität Wien überredet, eine Prüfungskommission zusammen zu stellen und die junge Dame zu examinieren. Vorurteilsfrei. Sie bestand ihre Examen zwar nicht mit Auszeichnung, aber doch immerhin im oberen positiven Bereich.
Das Aushängeschild der Industrie von Neuhochadlerstein waren die Landwirtschafts- und Erdbewegungsmaschinen der ADMAG, der Africanischen Dampf-Maschinen Aktien Gesellschaft, welche zu einem Drittel in königlichem Besitz war. Selbst die Franzosen Ferdinand de Lesseps und Gustave Eiffel bedienten sich bei ihrem Versuch, durch die Landenge von Panama eine Verbindung vom Atlantik zum Pazifik zu bauen, speziell für diesen Zweck konstruierter gigantischer Maschinen der ADMAG. Wilhelmine hatte sich in Wien bei der Vertretung dieser Firma vorgestellt und ihre Zeugnisse vorgelegt, einige Tage später hatte sie eine Einladung nach Foz de Cunene zu einem persönlichen Gespräch erhalten. Mit einer Fahrkarte 2. Klasse auf der NAMIB. Am 28. April war sie in Wien aufgebrochen, per Bahn nach Genua. Am Abend des 29. hatte sie ihre Kabine bezogen, immerhin 5 Quadratmeter plus Dusche und Toilette. Einfach, aber sauber, das Bett war bequem, das Essen im Speiseraum schmackhaft. Das Promenadendeck der zweiten Klasse war groß genug für sportliche Aktivitäten, und Wilhelmine umrundete das Schiff täglich mehrmals. Allerdings trat genau das ein, vor dem sie ihre Freundin Franziska von Oberantersbach gewarnt hatte. Sie verlor ihre europäische Blässe, was aber in Neuhochadlerstein ohnehin egal war. Dort galt eine gesunde Bräunung des Gesichts und der Hände durchaus als chic.
Wilhelmine betrachtete den sich nähernden Hafen. Foz de Cunene, der ‚Mund des Flusses Cunene‘, lag beiderseits der Mündung, doch unterschiedlicher konnten die Stadtteile kaum sein. Das Nordufer dominierte der älteste Teil, die große ‚Lepoldi-Feste‘, jene Burg, welche Emanuel von Hochadlerstein damals, nachdem er den Fluss gekauft hatte, als ersten Stützpunkt gebaut hatte. Benannt nach dem heiligen Leopold, dem Schutzpatron seiner alten Heimat. Weiter den Fluss hinauf lag die Mittelstadt, in der noch zwischen prächtigen Palästen niedrige Häuser mit zwei oder drei Stockwerken standen. Am südlichen Ufer war das moderne Foz de Cunene entstanden. Zehn, zwölf Etagen waren die Norm, doch dazwischen standen einige Türme mit über zwanzig Stockwerken. Beton, Stahl und Glas waren die Baustoffe der modernen Stadt, Schmuckelemente des Art Deco lockerten die strengen Fassaden auf, die Straßen waren breit und hell. Als die NAMIB den Kai erreichte und festgemacht hatte, verließ die Gräfin zu Perggreith über die Gangway das Schiff und sah sich auf dem Kai um. Vier Schiffe der unterschiedlichsten Reedereien lagen eben vor Anker, wurden be- und entladen, es tönten Kommandos und Flüche in Deutsch, Französisch, Portugiesisch und Englisch durcheinander, es wimmelte von Karren aller Art.
„Sie müssen dort durch die Sperre“, informierte sie Leutnant Andalele von der NAMIB, welcher an der Gangway stand, um den Passagieren zu helfen und die Tickets der an Bord gehenden zu kontrollieren.
„Natürlich, Leutnant. Danke.“ Wilhelmine nickte dem Seeoffizier zu. „Es ist nur – das Bild war einfach überwältigend.“
„Willkommen in Neuhochadlerstein, Gräfin“, grinste der Herero. „Sie werden sich hier sicher schnell eingewöhnen.“
„Das hoffe ich sehr, Leutnant!“ Sie umfasste das Schiff noch einmal mit einem raschen Blick, straffte ihre Haltung und lächelte. „Auf Wiedersehen!“
„Viel Glück, Fräulein!“
Mit raschen Schritten näherte sich Wilhelmine der Einreisstation, wo ein Offizier in weißer Polizeiuniform ihren Pass entgegen nahm.
„Fräulein Wilhelmine zu Perggreith, Sie kommen aus Wien?“
„Ja, Hauptmann.“
„Schön, schön!“ Der Polizeihauptmann wies auf einen Stuhl. „Fräulein zu Perggreith, nachdem ich ihrem Pass entnehme, dass Sie nicht nur einige Zeit als Tourist bleiben möchten, habe ich einige Fragen an Sie zu stellen. Sie wollen sich bei der ADMAG bewerben?“
„Ja, das möchte ich. Ich will einen Neuanfang machen, nachdem – das führte jetzt zu weit. Es soll einfach ein neuer Beginn werden.“
„Nach ihrer Zeit bei der Organisation namens“, der Mann sah in die Akte vor sich. „Goldener Frühling?“
Wilhelmine seufzte. „Nun, ja. Es war – nein, nicht alles, was ich erlebt habe, war für meine Person schlecht. Es hat mir einiges bewiesen, und dafür habe ich die Augen und Ohren anderen Dingen gegenüber verschlossen. Aber ich habe alles, was ich wusste, in Wien bereits Herrn Kommissär Brunner erzählt.“
„Das ist mir bekannt, Fräulein.“ Hauptmann Salomon Blaustern faltete seine Hände über der Akte. „Wir dürfen hier aber nicht nachlässig werden. In Neuhochadlerstein gibt es immerhin einige Dinge, welche für – sagen wir einmal – fehlgeleitete Individuen recht wertvoll sein könnten. Einige Pläne und Methoden nicht nur der ADMAG wären für Firmen, welche Geräte, Maschinen und Fahrzeuge aus konventionellem Stahl herstellen, eine hübsche Summe wert. Ich hoffe, Sie entschuldigen meine direkten Worte.“
„Ich verstehe, Hauptmann Blaustern.“ Wilhelmine senkte den Kopf. „Aber ich fürchte, ich kann ihnen nicht mehr erzählen, als das in ihrer Akte stehende.“
„Sie wissen also nicht mehr als das?“ Salomon hob den Akt und ließ in klatschend auf den Tisch fallen. „Soll ich das wirklich glauben?“
„Das kann…“
„SIE KÖNNEN!“ brüllte Salomon Blaustern unvermittelt los und schlug mit der Hand auf den Hefter. Wilhelmine sah ihm direkt in die Augen.
„Hauptmann, ich weiß nicht, wie viel in ihrer Akte steht, aber ich werde ihnen nichts mehr erzählen. Ich wurde vereidigt, mit niemand über diese Sache zu sprechen. Wenn Sie nähere Informationen benötigen, wenden Sie sich bitte an den Fürst zu Hametten. Ich habe damals vielleicht einen Fehler gemacht, mich mit diesen Leuten vom Frühling einzulassen. Mag sein. Aber, Hauptmann, ich nehme meinen Eid, welchen ich vor Fürst zu Hametten in Vertretung der Donaumonarchien geschworen habe, sehr ernst. Sie können mir vielleicht verbieten, im Land zu bleiben, obwohl ich Bürgerin der Donaumonarchien bin. Sie können mich wahrscheinlich auch verhaften, weil ich in ihren Augen ein Sicherheitsrisiko darstelle! Aber Sie können mich nicht zwingen, meinen Eid zu brechen.“
„Nun gut!“ Der Mann in der Uniform eines Polizeihauptmanns schlug den Schnellhefter wieder auf und blätterte lange darin. Es waren viele Blätter, und er ließ sich Zeit. „Sagen Sie, Fräulein“, begann er nach geraumer Zeit wieder. „Was wollen Sie machen, wenn die ADMAG Sie nicht nimmt?“
Etwa eine Stunde später durfte Wilhelmine die Einreisestation verlassen und sah verschwitzt, aber erleichtert auf den Stempel in ihrem Pass. Sie hatte die Genehmigung zur Einreise, zum dauerhaften Aufenthalt und zum Arbeiten in Neuhochadlerstein erhalten. Vor dem Hafengebäude standen einige Dampftaxen, elegante, leicht wirkende Cabrios mit Stoffdächern, welche den zu manchen Zeiten schier sintflutartigen Regen und die Sonne abhielten, aber im Sommer trotzdem für angenehmeres Klima im Automobil sorgten.
„Taxi, gnä Frau?“ Ein kräftiger Mann, dem einmal jemand die Nase gebrochen haben musste, griff nach ihrem Schrankkoffer, als sie nickte. „In ein Hotel?“ Wilhelmine las das Schild auf der Brust des Mannes.
„Das Neue Imperial bitte, Olberth“
„Gerne, gnä Frau.“ Er hievte den schweren Koffer scheinbar ohne allzu große Mühe auf den Gepäckträger am Heck der Droschke und öffnete den Schlag. Dankbar ließ sich Wilhelmine auf die bequeme Rückbank sinken und genoss ihre Fahrt durch die moderne Stadt. Das Fahrzeug war hervorragend gefedert, die dicken pneumatischen Reifen taten auf dem Straßenbelag aus Beton ihres dazu, dass die Fahrt auf der breiten Straße beinahe lautlos vor sich ging.
Das Neue Imperial war ein modernes Hotel, welches in der Nähe des Hafens Zimmer für jeden Geldbeutel bereit hielt. Verständlicherweise hatte die Firma ADMAG keine prächtige Suite für ihre Kandidatin gebucht, aber es war doch mehr als eine Toilette mit Schlafnische. Das Zimmer Wilhelmines im 18. Stockwerk ging auf die Straße, aber in über fünfzig Meter Höhe drang kaum noch ein Geräusch herauf. Über die Dächer der anderen Gebäude sah konnte man sogar das Meer sehen, auf dem eben ein Schiff nach Norden davon fuhr. Sie versuchte immer noch, ihre Überraschung zu verarbeiten. Dass die Herero an der Rezeption eine weiße Bluse zu einem leichten, blauen Rock getragen hatte, war nicht weiter aufgefallen. Doch während Wilhelmine auf ihren Schlüssel wartete, war eine europäische Frau von der Straße in die Halle gekommen. An den Füßen trug sie leichte, hochhakige Sandalen, bis zum Knie geschürt. Man konnte es leicht erkennen, denn der leichte Rock in den traditionellen Hereromustern war links ziemlich hoch geschlitzt. Auf dem Kopf mit den blonden Haaren thronte ein Strohhut, welcher mit einem bunten Seidenschal geschmückt und mit einer Krempe ausgestattet war, die den Durchmesser eines Kutschenrades aufwies. Zwischen dem Hut und dem Rock war außer einem dünnen Goldkettchen nur sanft gebräunte Haut zu sehen gewesen. Nun erst war es Wilhelmine aufgefallen. Hier trug wirklich jeder, was er wollte, sowohl im Haus als auch auf der Straße. Dort ein Mann nur mit einem kurzen Lendentuch, dort einer in vollem Anzug, der nächste trug ein weißes Hemd zum langen Lendenschurz.
BILD S126-13
„Neu hier?“, hatte die halbnackte Frau Wilhelmine gefragt, die nur nicken konnte.
„Bitte, Gräfin zu Perggreith!“ Die Hotelangestellte legte ihr den Zimmerschlüssel auf die Theke.
„Ich bin Josi“, stellte sich die halbnackte Frau vor. „Also eigentlich Josepha Valentina Helena, Tochter des Herzogs von Mtsinje wa njati. Entschuldigung. Von der Furt der Büffel.“ Josi reichte Wilhelmine, welche schon zu einem Knicks ansetzen wollte, zwanglos die Hand. „Du wirst dich daran gewöhnen. Wir sind hier bis etwa 19. Uhr eher locker in unseren Umgangsformen, danach kommt es ganz auf die Verhältnisse an. Ich würde so in der Aufmachung nie in die Oper gehen, zum Beispiel. Und es empfiehlt sich auch, bei einem Vorstellungsgespräch nicht zu leger zu erscheinen. Aber sonst ist ein blanker Oberkörper bei einer Frau hier nichts, worüber man sich großartig aufregt. Das haben wir von den Herero, den Nama und den Himba gelernt. Man sieht sich, Willi!“ Damit hatte Josepha Valentina ihren Schlüssel genommen und war davon gegangen, verfolgt von den Blicken einiger Männer, welche den Blick nicht von dem zwar verhüllten, aber durch den leichten Stoff doch erkennbaren kokett schwingenden knackigen Po der jungen Dame wenden konnten.
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Abessinien
Nordwestlich der Stadt Gonder lagen einige bewaldete Höhenzüge, von denen aus man die Stadt gut beobachten konnte. Die drei Männer in der Kleidung einfacher abessinischer Landbewohner waren nicht sonderlich auffallend. Sie mochten etwas hellere Hautfarbe als der durchschnittliche Untertan des Negus Negest Yohannes IV haben, aber es gab durchaus auch noch hellhäutigere darunter. Es hätte schon eines sehr aufmerksamen Beobachters bedurft, in den Ausbeulungen der Kleidung moderne Flechettepistolen zu erkennen. Made in Germany, auf geheimnisvollen Wegen in die Hände dieser Männer geraten, welche mit ebenso modernen Gläsern das Treiben in der Stadt beobachteten.
„Merde!“ Das Französische des Mannes war stark arabisch geprägt. „Da hat sich eine kleine Armee versammelt.“
„Wenn jetzt die Trommel kommt, ist sie für den neuen Messias verloren!“ Auch der zweite Mann sprach die französische Sprache mit deutlichem Akzent, man konnte den Spanier leicht erkennen. Der dritte Man hatte ebenfalls einen deutlichen Zungenschlag, allerdings einen original französischen – er war Bretone.
„Sie müssen unsere Agenten hier irgendwie erkannt und überrumpelt haben. Die Leute aus der Gegend erzählen davon, dass vor kurzem hier ein Prozess stattgefunden hat und danach eine Menge Leute, Araber und Europäer, am Galgen gelandet sind. Eine Prinzessin aus Ositira soll die Stadt vor einer Mörderbande gerettet haben, und das passt zu den Fahrzeugen da unten. Die Weiber des kakanischen Herrscherhauses sollen ja recht wehrhaft sein.“
Halef Achmed setzte sein Glas ab. „Vielleicht sollten wir ihr einen Denkzettel verpassen, damit sie von hier verschwindet.“
Roland Monchartes verdrehte die Augen. „Denk doch einmal mit deinem Kopf und nicht mit deinem thueban sulb. Egal, ob sie es überlebt oder nicht, es werden uns ganze Regimenter österreichischer Soldaten und sämtliche Bewohner des Landes im weiten Umkreis suchen. Wie könnten uns irgendwo verstecken oder von hier verschwinden, aber erfahren würden wir höchstens noch, wie sich eine Steinigung anfühlt. Wenn deine Schlange wieder in eine Höhle kriechen will, dann lass ein paar Maria-Theresien-Taler springen, in Gorgora gibt es sicher ein Bayt dieara.“
„Es bringt nichts, hier noch länger zu warten“, bemerkte Paco, der Spanier. „Wir fallen nur auf!“
„Stimmt.“ Der Bretone erhob sich, nahm einen Wanderstab auf und schulterte einen Ranzen. „Wir müssen zusehen, dass die Um qadasa Bidhara von der Situation hier erfährt und wir weiter nach der Trommel Ausschau halten. Ich schlage vor, wir losen. Zwei von uns versuchen ganz offiziell eine Anstellung in der Nähe zu finden, und einer sucht den Treffpunkt mit unserem Luftschiff auf, gibt der Herrin Atrá Bescheid über die hiesigen Zustände und meldet sich dann wieder hier bei den anderen, um dann wieder die neuesten Nachrichten nach Kairo zu senden.“
„Klingt gut!“ Paco Sanchez nahm drei Schwefelhölzer aus der Packung und kürzte eines. Dann hielt er die Hölzer mit den Kopf voran den anderen hin.
„Ich habe das kurze“, verkündete Halef. „Wo wollen wir uns treffen, wenn ich zurück komme?“
„Dort in dieser Ortschaft gibt es ein Gasthaus“, schlug Roland Monchartes vor. „Dort ist es nicht weiter auffällig, Abends ein Hirsebier oder zwei zu trinken!“
„Einverstanden“, stimmte Halef zu. „Dann mache ich mich auf den Weg. Vielleicht kann sie ja noch einmal ein Luftschiff schicken.“
„Nein, auf gar keinen Fall!“ Roland umklammerte den Oberarm des Orientalen mit eisernem Griff. „Da unten sind spezielle Luftschiffabwehrwaffen eingetroffen! Sieh nur noch einmal hin!“
„Ach, des Nachts über die Zitadelle treiben lassen und…“
„Nein!“, unterbrach der Bretone. „Die Österreicher haben Scheinwerfer, die wir mit bloßem Auge nicht richtig sehen können, aber sie haben Filter dafür und sehen auch Nachts jeden Angreifer aus der Luft. Sie würden jede Anfahrt erkennen, glaube es mir!“
„Also gut, ich werde das alles der Herrin Atrá mitteilen.“ Halef machte sich an den Abstieg in Richtung Norden, um dort das Luftschiff seines Ordens aufzusuchen und dem Kapitän eine Nachricht mit auf den Weg zu geben, die anderen gingen nach Westen, um sich eine Arbeit für einige Wochen zu suchen.
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Keiner von den drei Männern hatte während ihrer Unterhaltung nach oben geblickt, und wenn, hätte er das kleine gelb-schwarz gestreifte Ding vielleicht nicht einmal wahrgenommen. Linienschiffleutnant Mathias Szabo und Fregattenleutnant Emil Voglmüller hingegen hatten das Verhalten der Personen sehr wohl bemerkt und mit ihrer neuen Faltkamera der Firma Anschütz einige gelungene Photographien angefertigt. Dank der großen Linsen konnte man sogar einige Details erkennen. Szabo überlegte nicht lange, sondern zog die Wespe hoch und folgte dem einzelnen Mann Richtung Westen.
„Na, do schaugst oba!“ Voglmüller hatte den Feldstecher vor die Augen genommen. „Dos is jo a Giffard DG3. A gonz monderns Ding. Schofft trotzdem kane 25 Knoten. Aber guat vastecken konn mas!“
Szabo verzog das Gesicht. „Die ersten Beobachter sind da. Franzosen oder Belgier? Oder wart, die Spanier und Italiener benutzen ja auch gerne französische Technik.“
„Da ane hot ausgschaugt wie a Araber – do san de Franzosen stark. Oda – Himmehergottszeitenkreziseidene Zpfelhaub’n. Imre, wos is, wann des de deppaten Saupreißen, de deppaten, von dem goidenen Frühling san, von dem’s uns verzählt hobn.“
„Könnte passen. Eine durchmischte Mannschaft, Araber und Europäer. Auf jeden Fall markieren wir die Stelle auf der Karte und fliegen heim. Ob die Sabrina wohl schon unter der Haube ist?“
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Die militärischen Luftschiffe ‚Leichter als Luft‘ unterstanden in den Donaumonarchien wie die Flugschiffe der Marine. Auch die Piloten der Wespen wurden als Marineoffiziere geführt und trugen daher die entsprechende Dienstkleidung. Nach Abessinien hatten sie die leichten Sommeruniformen mitgebracht, weiße, gerade geschnittene Hosen mit blauen Borten und eine bis zur Mitte des Oberschenkel reichende Bluse mit Stehkragen, mit einer Reihe Goldknöpfen verschlossen. Die Schulterstücke dazu waren dunkelblau und zeigten bei Sabrina Kress eine breite und eine schmale, mit einem Ring versehene Borte für ihren Rang als Korvettenkapitän, während der Linienschiffleutnant Vaclav Nemec drei schmale Borten, die der Schulter am nächsten liegend ebenfalls mit einem kleinen Ring versehen trug. Die Uniform der Korvettenkapitän war auf den Leib nach Maß geschneidert und betonte die erfreulichen Formen der sportlichen mittelgroßen Frau, während sich Vaclav mit der Standardausführung begnügte.
Im Moment stand der Linienschiffleutnant nervös in der Messe des Kanonenbootes ROSENHEIM und tauschte irgendwelche Nichtigkeiten mit Fregattenleutnant Istvan Toth aus, während er wartete. Istvan war ein guter Freund Vaclavs und sollte heute sein Trauzeuge sein. Sabrina hatte ihre Idee mit der Hochzeit wirklich umgesetzt und bei der Prinzessin die Erlaubnis erwirkt, an Bord des Schiffes rechtsgültig heiraten zu dürfen. Es war nicht schwer gewesen, der Kommandant des Kanonenbootes war ganz aufgeregt, endlich einmal eine solche Zeremonie abhalten zu dürfen. Dem Rang nach war er Linienschiffleutnant, doch höflicherweise hatte sich die Anrede Kapitänsleutnant für die Kommandanten eigenständiger kleinerer Einheiten wie Kanonenbooten eingebürgert, obwohl es in den Donaumonarchien diesen Rang eigentlich gar nicht gab. Als Zeichen seines eigenen Kommandos durfte er über dem Ring der der obersten Borte einen kleinen goldenen Stern mit sechs Strahlen auf dem Rangabzeichen tragen.
Sabrina ihrerseits saß in einem Muli, welches sie von Gonder zur ROSENHEIM bringen sollte. Josepha Müller, die Zofe Maria Sophias, hatte genügend weiße Blumen auftreiben können, um einen Brautstrauß und einen Kranz flechten zu können, und sogar ein Stück Spitzengewebe für einen Schleier war aufzutreiben gewesen. Auch wenn die Braut schon lange keine Jungfrau mehr war, wie der Bräutigam nur zu genau wusste. Trotzdem gehörte die symbolische Defloration der Braut im Zuge der Vermählung selbst bei Militärtrauungen durchaus zum gerne gepflegten Brauch. Die Baronesse von Oberwinden trug ihre sandfarbene Tropenuniform, Henrietta Jones hatte die enge Matrosenhose angelegt und sich ein passendes ziviles Oberteil in hellblau besorgt. Sabrina hatte die Damen gebeten, ihre Brautjungfern zu sein und Maria Sophia hatte sich bereit erklärt, als Zeugin anwesend zu sein. Vor dem Landesteg der ROSENHEIM hielt das Fahrzeug, und einer den neuen Matrosen aus Abessinien öffnete den Einstieg. Da die abessinische Marine noch keine eigene Uniform besaß, trug er zur österreichischen weißen Montur die typische Kopfbedeckung seiner Heimat. Salutieren konnte er jedenfalls schon ganz ordentlich. Sabrina verließ das Muli, und betrat als erste die Gangway. Auf dem Schiff wurde sie von einem der abessinischen Kadetten und einer vierköpfigen Ehrengarde erwartet. Kadett Salomon Mek’urech’a erwiderte Sabrinas militärischen Gruß, und die Braut fragte, ob sie und die Brautjungfern an Bord kommen dürften. Was sie selbstverständlich durften. Dann gab die Dampfsirene einen langgezogenen Ton von sich, die Schiffsschrauben begannen sich zu drehen und die ROSENHEIM entfernte sich von ihrem Ankerplatz. Somit wurde ‚Kapitänsleutnant‘ Anton Nemecič der absolute Herr an Bord der ROSENHEIM und damit auch berechtigt, die Trauung vorzunehmen.
Die Tür zur Messe öffnete sich, und die verschleierte Braut im großen Dienstanzug schritt am Arm des ersten Offiziers der ROSENHEIM auf die Kapitänstafel zu, wo Vaclav bereits voll Ungeduld wartete. Bräutigam und IO salutierten voreinander, dann legte Karl Moser Sabrinas Rechte auf den linken Arm Vaclavs, und beide wandten sich Anton Nemecič zu.
„Ich fühle mich geehrt, dass Sie sich entschieden haben, auf meinem kleinen Boot zu heiraten. Soweit ich das Brautpaar in den letzten Tagen kennen lernen durfte, haben beide wohl Glück gehabt, einen derart passenden Partner zu finden. Ich werde Sie nun noch einmal fragen, einen nach dem anderen, ob Sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten und unbeeinflusst aus freien Stücken diese Ehe eingehen wollen. Vaclav, wollen Sie die hier anwesende Sabrina nach den Gesetzen und Regeln der Vereinigten Donaumonarchien zur Frau nehmen?“
Vaclav nickte energisch. „Das will ich!“
„Und Sie, Sabrina, möchten Sie den hier anwesenden Vaclav nach den Gesetzen und Regeln der Vereinigten Donaumonarchien zum Manne nehmen?“
Sabrinas Lächeln erhellte den Raum. „Oh ja, und wie ich will!“
Anton Nemecič vollendete das Ritual mit den alten, ehrwürdigen Worten. „Im Namen der Vereinigten Donaumonarchien erkläre ich Euch hiermit zu Mann und Frau.“ Dann fiel er ein wenig aus seiner würdigen Rolle. „Und wir alle wissen, was jetzt kommt! Küss deine Braut, Seemann!“ Vaclav hob den Schleier, und nie vorher hatte seine Sabrina für ihn schöner ausgesehen. Die Welt versank in einem nicht enden wollenden Kuss.
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Wales
Hawk Hall in der Nähe von Barry war eine Mischung verschiedener Stile. Vom ursprünglichen Tudor – Herrenhaus war allerdings nicht mehr viel zu sehen. Trotzdem sah man dem Ensemble seine grundlegende Struktur als Wehrbau durchaus noch an, auch wenn die Fenster größer gemacht wurden und neben den ehemals trutzigen Mauern Bäume standen, welche für jeden leicht zu erklettern waren. Das Herrenhaus stand auf einem Hügel, zum Haupteingang führten zwei breite Treppen hinauf. Der Hügel war im Laufe der Zeit in mehrere Gärten auf einzelnen Terrassenstufen verwandelt worden.
Im großen Speisesaal saßen Doktor John Hamish Watson und Major August Warren Hawk an diesem nebeligen walisischen Maimorgen bei einem opulenten Frühstück. Tee, Nieren, baked Beans, Speck, Ei, Toast, Butter, Marmelade, Porridge, Muscheln, die gesamte Palette der englischen und walisischen Frühstücksküche. Der Major sprach wie so oft wieder einmal über seine Dienstzeit in Indien und Ceylon. Und auch beinahe eben so gerne über die Heldentaten seines Vaters Lester während des Sepoy-Aufstandes, während Watson an den richtigen Stellen nur noch zustimmend brummte und sich mehr auf das Essen als die Worte des Majors konzentrierte.
„Und ich sage ihnen, John, die Tamilen auf Sri Lanka waren weit schlimmer als die Sepoy! Diese Bastarde haben bei ihrem Aufstand Anno 1863 jeden weißen Mann, den sie in die Hände bekommen haben, langsam und voller Genuss umgebracht. Ganz egal, ob der in Uniform oder Zivil unterwegs war. Die Frauen und Kinder haben meistens überlebt, aber bei den Damen – fragen Sie lieber nicht, womit sie ihr eigenes und das Überleben ihrer Kinder bezahlen mussten! Fragen Sie nicht, John!“ Major Hawk schob sich ein Stück Niere in den Mund und kaute zufrieden darauf herum. ‚Wahrscheinlich mit dem Gleichen, das vorher die Weißen mit den tamilischen Mädchen gemacht haben‘, dachte Watson, hütete sich aber, es laut auszusprechen.
„Nun ja“, fuhr August schließlich fort. „Also wir waren damals vor 26 Jahren im Fort Stonebridge stationiert, ich noch als ein blutjunger Lieutenant. Das Kommando über die Festung hatte Colonel Georges Allistair übernommen, ein richtiger Bulle von einem Mann. Hart, aber gerecht. Ein Terrier, der nicht nachgab, bis seine Aufgabe erfüllt war. Die tamilischen Aufständischen hatten uns von allen Seiten eingeschlossen, aber bisher hatten sie sich außer blutigen Nasen nichts geholt. Wir hatten gute Deckungen, und sie keine schwere Artillerie und keine Mörser. Die Tamilen hatten auch noch die alten Enfield Vorderladergewehre, und wir bereits die Snider-Enfield mit den geschlossenen Patronen. Dann ist aber eine neue Einheit aufgetaucht, und dann wurde es auch für uns bitter. Das war das Allistair Tamil Rifles Regiment, also das ehemalige Regiment unseres eigenen Kommandanten, leicht zu erkennen an der Schärpe im Allistair-Tartan und dem Ledersporran über dem Sarong. Warum sie die noch immer trugen, ich habe keine Ahnung. Aber ich sage ihnen, John, das waren die härtesten Kriegshunde auf dem Schlachtfeld und teuflisch gute Schützen. Und dann steht der Oberst neben mir, beobachtet die Typen da drüben und murmelt vor sich her: ‚Gute Jungs! Haben nicht vergessen, was ich ihnen beigebracht habe. Verdammt wackere Kerle!‘ Das werde ich nie vergessen, John. Colonel Georges Allistair lobte den Feind. Nun ja, letztendlich haben wir trotz den Tamil Rifles lange genug durchgehalten, bis ein Entsatzheer kam. Fort Stonebridge wurde nie aufgegeben. Es haben damals mit mir zwar nur noch ein Sergeant und sechs Privates überlebt, aber das Fort, John, das Fort haben wir gehalten. Dafür wurden wir von der Queen persönlich empfangen und… Einen guten Morgen, Diana!“
Die Tür hatte sich geöffnet und die harten Sohlen von Dame Diana Ava Hawks Reitstiefeln klackten über den Steinfußboden, bis sie den dicken Teppich erreichte.
„Guten Morgen, meine Herren!“ Diana war zu den Stiefeln in eine enge, hellbeige Reithose gekleidet, welche ihre Kehrseite auf das prächtigste in Szene setzte, dazu eine weiße Seidenbluse mit Spitzenjabot. John und August erhoben sich, bis ein Diener Diana den Stuhl zurecht gerückt und sie Platz genommen hatte.
„Danke, George. Bitte nur Tee, Toast, Butter und Orangenmarmelade heute. Ich möchte heute noch ausreiten! Der Nebel wird sich sicher bald heben, und dann wird es noch ein schöner, sonniger Tag werden.“
„Ja, das könnte sein!“ August Hawk sah in das Freie. „Für übermorgen habe ich die übrigens die Powells und die Pritchards zur Jagd eingeladen!“
„Das ist schön“, freute sich Diana. „Ich habe Arthur und Hellen schon lange nicht mehr gesehen. Wollen Sie mich heute begleiten, John? Oder du, August?“
„Leider nein, Diana“, August schob eine Gabel voll Bohnen in seinen Mund. „Ich habe etwas zu tun, Schwesterchen. Du wirst mit John vorlieb nehmen müssen.“
„Also, John, wollen Sie mit mir reiten gehen? Ich kann auch eine Picknicktasche einpacken lassen.“
„Aber gerne, Diana. Bitte geben Sie mir Zeit, mich umzukleiden.“ Watson stand auf und verneigte sich leicht, ehe er den Speisesaal verließ.
Der Diener brachte den feurigen Rappen von Dame Diana und einen Rotfuchs für Doktor Watson gesattelt auf den Hof. Diana hatte noch ein Reitjackett in der klassischen roten Farbe der britischen Uniformen angezogen und einen Zylinderhut mit weißem Schleier aufgesetzt, während John schlicht in eine geborgte schwarze Reithose geschlüpft war und dazu eine hellbraune Reitjacke aus fester Wolle trug. Selbstverständlich war auch sein Hemd weiß, und er trug ein dezentes Halstuch. Auf einen Schal um den Hut verzichtete er allerdings. Die Nebel hatte sich tatsächlich verzogen, und das Wetter war genau das richtige für einen Parforce-Ritt. Die beiden Ausflügler hatten auch bald die zum Hof gehörenden Wiesen erreicht. Sie stellten sich in den Steigbügeln auf, um die Pferde zu entlasten und gaben den temperamentvollen Hengsten einfach die Zügel frei. Das reichte, um diese Pferde zum Galopp zu bringen. So jagten sie über die Feldwege, John Hamish Watson immer ein wenig hinter Diana Ava Hawk. So hatte er ungehinderten Ausblick auf die Dame, welche die Galoppsprünge ihres Rappen gekonnt abfederte. Watson bewunderte das reiterische Können von Dame Diana ebenso wie das Spiel ihrer sich abwechselnd an- und entspannenden großen Gesäßmuskeln. Ein wenig zu sehr, mochte es scheinen, jedenfalls sah er den Schatten, der auf seine Stirn zuraste, viel zu spät. John H. Watson stieg mit einem veritablen Rückwärtssalto aus dem Schatten, als sein Kopf mit einem Ast kollidierte. Leider bekam diese Glanzleistung niemand zu Gesicht, denn als sich Diana zu ihrem Begleiter umwandte, lag dieser bereits auf dem Boden, der Fuchs, der noch einige Sprünge weiter gelaufen war, stand neben dem Doktor.
Sofort riss Miss Hawk ihren Rappen auf der Hinterhand herum und galoppierte zurück. Zu ihrer Erleichterung rappelte sich der Doktor bereits wieder auf, ehe sie bei ihm ankam.
„Geht es ihnen gut, John?“, sorgte sich Diana. John arbeitete sich auf die Beine und stützte sich mit der rechten Hand am Baumstamm ab. Mit der Linken rieb er sich die Stirn.
„Es geht so“, brummte er, vorsichtig den Kopf schüttelnd. „Es dürfte sich zumindest um keine Gehirnerschütterung handeln.“
Erleichtert lachte Diana auf. „Warum sind Sie denn abgestiegen, John? Gefällt es ihnen hier so gut?“
„Äh, also, ich – nun ja…“, stotterte Watson etwas verlegen.
„Ach so, Sie haben wohl den dort Ast übersehen“, deutete Hawk nach oben. „Wo hatten Sie bloß ihre Augen, John?“
„Oh, das war, wie soll ich sagen…“
„Auf jeden Fall waren ihre Augen nicht auf den Baum gerichtet, mein lieber Freund“, lachte Diana. „Kommen Sie, steigen Sie wieder auf. Wir wollen noch ein Stück reiten.“ John Hamish schwang sich wieder auf den Fuchs. „Vorwärts, Doktor! Wir wollen zuerst einmal dort zu den Hügel!“ Langsam trabten sie weiter plaudernd wieder an und näherten sich einem bewaldeten Hügel.
„Was halten Sie von dort drüben, John?“ Diana hatte ihr Pferd gezügelt und wies auf den Gipfel des Hügels, wo das kleine Wäldchen mit dichtem Strauchwerk umgeben war. „Von dort hat man einen wunderschönen Ausblick auf das Tal des River Bender.“
John Watson nickte. „Gerne!“ Sie gaben den Pferden wieder die Zügel frei und ritten noch ein Stück den Hang hinauf.
„Dort oben können wir die Decke ausbreiten!“, wies Diana auf einen Pfad, schwang sich aus dem Sattel und nahm eine Decke aus der Satteltasche. „Nehmen Sie doch bitte ihre Taschen mit, John.“ Sie entfaltete die Plane aus dichter Wolle auf dem Boden aus, während Watson seine Satteltaschen daneben stellte. Dann packten sie Teller und Gläser aus. Diana legte das Brot auf und öffnete die mit Klammern verschlossenen Töpfe, während sich John um den Wein kümmerte.
„Ein californischer Rotwein“, bemerkte er. „Ein Glück, dass in den Kolonien guter Wein wächst, sonst wären wir Briten immer noch von anderen Ländern abhängig!“ Dann griff er sich einen Hähnchenschenkel und biss herzhaft hinein.
„Aaaaaahhhhh!“ Diana Hawks Rücken krümmte sich zu einem starken Hohlkreuz, während der unartikulierte Schrei aus ihrer Kehle brach. Ihre Finger krallten sich in den festen Stoff von Watsons hellbrauner Reitjacke, ihre Schenkel pressten sich krampfartig um seine Hüften. Auch John Hamish Watson begann jetzt unkontrolliert zu stöhnen, mit entspannten Muskeln sank er Sekunden später hinab und wälzte sich eben noch zur Seite, ehe er Diana mit seinem gesamten Gewicht belastete. Seine Blicke ruhten bewundernd auf den Formen von Dianas sportgestähltem und doch so weichen und anschmiegsamen Körper, der durch die geöffnete scharlachrote Reitjacke und die ebenfalls nicht mehr zugeknöpfte Bluse seinem Blick und seinen Händen preisgegeben war.
„Nun, John, ich hoffe, ihnen gefallen ihre anatomischen Studien am lebenden Objekt“, neckte Diana ihren Begleiter.
„Durchaus!“ Watson versuchte ein kühles Gesicht zu machen, doch das Funkeln in seinen Augen konnte er nicht unterdrücken. „Der weibliche Körperbau unterscheidet sich doch sehr von dem des Mannes. Gott in all seiner Weisheit sei es gedankt, möchte ich hinzu fügen!“
„Oooh, ja! Dem kann ich nur zustimmen. Was würde wohl Ihr Freund Holmes dazu sagen?“
„Dass Gott sicher nichts damit zu tun hat“, erklang die ruhige Stimme des Detektives. „Ich bin ein großer Anhänger der Lehren Darwins!“
„Holmes!“ Watson fuhr auf. „Wie zum Teufel haben Sie uns gefunden?“
Sherlock Holmes wand sich durch das Gebüsch. „Elementare Deduktion, Watson. Auf Hawk Hall hat man mir gesagt, in welche Richtung Sie losgeritten sind und hat mir ein Pferd geliehen. Dann bin ich dem Fluss gefolgt – so leicht erklärt sich meine Anwesenheit!“
BILD S126-14
„Da haben Sie dann wohl unsere Pferde gesehen und sich gefragt, wo Sie sich verstecken würden, um – nun ja“, mutmaßte Watson.
„Aber nein, mein lieber Doktor. Ich habe mich gefragt, wo sich ein ehrlicher und in der Kunst der Täuschung unerfahrener Mann wie Sie und eine ebenso ehrliche Frau sich wohl für ein wenig Spaß verstecken würden. Ich fürchte, Sie hätten mich nicht gefunden.“
„Das ist…“
„Möchten Sie sich nicht zu uns gesellen, Mister Holmes“, unterbrach Diana Watson.
„Aber gerne, Miss Hawk!“ Holmes machte Anstalten, sich zu setzen.
„Aber Mister Holmes, Sie sind unhöflich“, tadelte Diana Hawks, und der Detektiv erstarrte mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Der Herr hat sich bei der Förmlichkeit seiner Kleidung stets jener der Dame anzupassen!“
„Sie meinen….?“
„Hinunter mit den Panatalones, Mister Holmes!“
=◇=
„Nun, also, Holmes!“ Watson zog den Vorhang zurück und betrachtete die vorbei fliegende Landschaft Südenglands. „Jetzt sind wir auf dem Weg zurück nach London, und niemand kann uns hier in diesem Abteil belauschen. Was haben Sie herausgefunden?“ Sherlock paffte an seiner berühmten Meerschaumpfeife.
„Es ist schwierig, mein lieber Watson. Ich habe mit dem Vorstand der mosaischen Community in London gesprochen. Leider dauerte es einige Zeit, ihn von meinen lauteren Absichten zu überzeugen.“
„Und? Spannen Sie mich doch nicht noch mehr auf die Folter, Holmes!“
„Wir werden die Lösung des Rätsels in ganz Britannien nicht finden, fürchte ich.“ Das Gesicht von Holmes verzog sich beinahe schmerzhaft. „Aber von Angang an. Wie Sie sich erinnern, hatte unser Nachbau aus Eiche eine Ringbreite von 6 und einen Durchmesser von 9 Fuß. Bespannt mit dem Leder von Schweinen.“
„Ich entsinne mich, Holmes“, bestätigte Watson. „Sie sagten bereits, dass diese Materialien fehlerhaft seien.“
„Richtig, Watson. Hier liegt der erste Fehler. Dieser ließe sich leicht beheben, die Zedern des Libanon gibt es ja noch, und Ziegen lassen sich auch auftreiben. Das nächste wird schwieriger. Die Breite des Ringes sollte 6 Fuß betragen und der Durchmesser 6 Ellen. Israelische Maße, die nur in etwa denen unseres Nachbaus entsprechen.“
„Wo liegt dann das Problem, Holmes?“ Watson war einigermaßen ratlos.
„Im Wort etwa, mein lieber Doktor. Leider entspricht der jüdische Fuß nicht genau dem unseren – und nicht einmal die Rabbiner kennen das klassische Maß. Auch die Elle ist nur ungefähr bekannt. Unsere jüdischen Mitbürger rechnen schon so lange mit unseren angelsächsischen Längen und Gewichten, dass sie ihre eigenen vergessen haben. Ärgerlich, wirklich ärgerlich.“
„Oh!“
„Oh ja, Doktor Watson. Und das Schlimmste, das wirklich Allerschlimmste ist, dass liturgische Gesänge nötig sind! Und die sind im Besitz des Stammes Dan“, ärgerte sich Holmes.
„Nun, dann suchen wir doch einen Angehörigen der Daniten“, bemerkte John Hamish Watson.
„Gut gesagt, Doktor. Die Spur des verschollenen Stammes Dan führt nach Abessinien. Nirgendwo anders leben noch Nachfahren dieser Leute!“
Der Arzt und Schriftsteller erschrak. „Verdammt! Ich habe es befürchtet! Wann geht ein Schiff nach Suez?“
„In vier Tagen geht ein Luftschiff von Croyden über Wien nach Kairo. Die Fahrt wird dann etwa anderthalb Tage dauern. Ich habe mir erlaubt, eine Kabine auf der RMAS SYNPHONIE zu buchen. Von Kairo an wird es dann ein wenig schwieriger!“
=◇=
Wien
In einer Sitzung des Rates der Völker am Ende des Monats Mai 1889 sollte ein neues Gesetz zur Krankenversicherung ratifiziert werden. Es sah vor, dass jeder, aber auch wirklich jeder, ob adelig oder bürgerlich, reich oder arm, Mann oder Frau, schwarz oder weiß, jung oder alt in den Monarchien einen bestimmten Prozentsatz seines Einkommens in einen gemeinsamen Topf zahlen musste. Und jede, wirklich jede medizinische Versorgung sollte aus diesem Topf beglichen werden. Für jede Person, auch für die Kinder der Einzahlenden. Zur Zeit des ausgehenden 19. Jahrhundert war das eine wahrhaft revolutionäre Idee, welche zwar viele Anhänger, aber auch nicht wenige Gegner fand. Vor allem viele Großgrundbesitzer und reiche Unternehmer konnten dieser Idee wenig positives abgewinnen. Sie wollten verständlicherweise, dass, wenn schon eine solche Versorgung eingeführt wurde, jeder das Gleiche zahlen sollte.
Die Regierung der Vereinigten Donaumonarchien basierte auf dem Parlament, dem Rat der Völker und dem Ministerrat. Bei den Wahlen zum Parlament wählten die Staatsbürger der Union ab 18. Jahren eine ihnen genehme Partei, welche sodann nach dem Stimmenverhältnis ihre Sitze im Parlament erhielten. Die stärkste Partei erhielt danach vom Kaiser, respektive derzeit von der Regentin, den Auftrag zur Regierungsbildung. Bei der Auswahl der Minister hatte das allerhöchste Haus durchaus ein Mitspracherecht, zumindest insoweit, als es durchaus nicht genehme Kandidaten zurück weisen konnte. Außerdem mussten die Minister zumindest ein Minimum an Fachkompetenz in ihrem Ressort vorweisen können. Das Parlament entschied dann über die von den Ministern eingebrachten Gesetzentwürfe und konnte auch selbst welche zur Beratung vorbringen. Alle neuen Gesetze mussten allerdings auch noch vom Rat der Völker ratifiziert werden. Hier saßen die Vertreter der einzelnen Nationen, welche je nach Land anders gewählt wurden. Zum Beispiel wählten die Bayern jene Personen, welche sie zu vertreten hatten, in einer direkten Personenwahl. So konnte es geschehen, dass zwar in Bayern die Christlich-Konservative Partei die stärkste Kraft war, im Rat der Völker aber vier von den fünf bayrischen Abgeordneten Sozialisten waren. In Madagaskar wählte die Bevölkerung vier seiner Leute ebenfalls direkt, der Delegationsleiter, derzeit Haramano Herzog von Antsinarana, wurde von Königin Rasoherina direkt ernannt.
Selbst mit dem schnellsten Avisoluftschiff war Antananarivo, die Hauptstadt Madagaskars, ganze 8.000 Kilometer, Foz de Cunene in Neuhochadlerstein immer noch 7.300 Kilometer und Whanganui auf der nördlichen der beiden großen Māui-Inseln rund 18.000 Kilometer von Wien entfernt. Beinahe auf der anderen Seite der Erde liegend, war es bis Whanganui eine Strecke, für welche selbst das schnellste Avisoluftschiff im günstigsten Fall etwa 120 Stunden benötigte und sogar Nachrichten, die immerhin bis Port Helene telegraphisch übermittelt werden konnten, immer noch mindestens 100 Stunden auf die Inseln benötigten. Bis Antananarivo benötigte eine Nachricht mindestens 26 Stunden, wieder per Telegramm über Port Helene und via Telegramm nach Juba 17 Stunden nach Foz de Cunene. Sehr theoretische Werte. Zwar lag in Port Helene beinahe immer ein schnelles Avisoluftschiff bereit, aber über eine Strecke von 15.000 Kilometer eine durchschnittliche Geschwindigkeit nahe der Höchstgeschwindigkeit zu halten, war bei einem Gefährt beinahe ohne Gewicht, aber großen Fläche und damit großer Anfälligkeit etwaiger Seiten- oder Gegenwinden gegenüber absolut unmöglich. Den Rekord für die Strecke zwischen Port Helene und Whanganui hielt im Jahr 1889 noch die KKLS SPERBER mit 122 Stunden. Aus diesem Grund unterhielten die Königreiche Madagaskar, Neuhochadlerstein, Māui und auch einige europäische der im Rat vertretenen Länder ständige Vertretungen in Wien. Einen Palast, in welchem ihre Vertreter im Rat der Völker wohnen und arbeiten konnten. Diese Grundstücke in Wien unterstanden der Gerichtsbarkeit des Bundes, nicht der Stadt Wien.
Das Palais Madagaskars lag am Donaukanal, gleich neben der Rossauerkaserne, wo die Thornycrofts der Donaumarine untergebracht waren. Ein Tunnel führte unter der Straße und der Dampfstadtbahn hindurch von der Anlegestelle in der Kaserne zum Donaukanal. Die Paläste des Königreichs Neuhochadlerstein und das Haus von Māui lagen beide an der rechten Wienzeile zwischen der Schleifmühlgasse und der Paniglgasse, Ungarns Vertretung auf dem ‚Dürren Lerchenfeld‘ im ehemaligen Palais Strozzi und die Böhmische in unmittelbarer Nachbarschaft in Sankt Ulrich, beide in der Josefsstadt. Bayern hatte sein Gebäude in der Nähe der Wiener Oper, Ecke Getreidemarkt und Operngasse errichten lassen, gegenüber wurde eben ein Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst, für die Belle Epoque und Art Deco gebaut.
Das Haus der madagassischen Abgeordneten war eine größere Villa im Stil der Belle Epoque und lag in einem großzügig angelegten Garten. Die prächtige Fassade zum Rossauer Kai zeigte in einem von Egon Schiele entworfenen Mosaik einen Kuss zwischen einer androgynen schwarzen und einer ebenso geschlechtlosen weißen Person. Und natürlich jeder Menge Ornamentik und sowohl europäischer als auch afrikanischer glückverheißender Symbolik. Vor dem nischenartig vom Rest der Fassade zurück versetzten Eingang stand eine lebensgroße Statue aus Bronze von Königin Rasoherina. Im klassischen madagassischem Krönungsornat, nicht im europäischen Kleid. Der Busen glänzte, er war bereits etwas blank gerieben, denn er hatte sich unter den Wienern rasch eingebürgert, dass eine kurze Berührung desselben Glück und Erfolg in Herzensangelegenheiten bringen sollte. Die Madegassen hatten nichts dagegen, sie betrachteten diesen Brauch eher als Kompliment. Die Fenster im Erdgeschoss des Gebäudes waren mit starken Gittern versehen, jene des ersten und zweiten Stockwerks mit hochmodernen elektrischen Alarmanlagen versehen. Einmal aktiviert, unterbrach das Öffnen eines Fensterflügels einen Stromkreis, eine Feder, normalerweise von einem Elektromagneten gehalten, entspannte sich, schloss einen anderen Stromkreis und löste damit einen Alarm aus. Ebenso waren natürlich auch die Türen gesichert.
Unter den madagassischen Abgeordneten stach besonders Rahery Rampanarivo heraus. Er war ein hoher Adeliger, ein Loham. Dieser Rang entsprach ziemlich exakt dem eines deutschen oder österreichischen Herzogs, er besaß dazu noch eine einträgliche Graphit- und eine noch einträglichere Nickelmine. Obendrein machte er gute Geschäfte mit Bananen, welche er über eine eigene, ebenfalls Gewinn bringende Schifffahrtsgesellschaft nach Europa brachte. Er hätte mit den Einnahmen aus seinen vielen Geschäften ohne Probleme einer der reichsten Männer Madagaskars sein können.
Der Herzog war auch ein bekennender Katholik. Trotzdem setzte er sich nicht nur für die rechtliche und politische Gleichstellung, sondern auch für die priesterliche Ordination von Frauen ein. Er baute in seinem Herzogtum ein Netz von Armenspeisungen, Armenkrankenhäusern und Obdachlosenheimen auf und bezahlte seine Angestellten auch noch überdurchschnittlich gut. Er war 42 Jahre alt, Gründer und Vorsitzender einer konservativ-sozialistischen Partei, welche die von seinem Heiland gepredigten und die sozialistischen Werte unter einen Hut zu bringen verstand. Rahery war von dunkelschwarzer Hautfarbe, er trug einen krausen Vollbart und hatte auf dem Kopf bereits alle Haare verloren, auf eine Größe von 197 Zentimeter wog er 124 Kilogramm. Sein Gesicht wies markante, aber nicht hässliche Züge auf, die Kräfte in seinen Armen und Händen enorm, der Loham sprach fließend Französisch, Englisch, Portugiesisch und Deutsch. Er hatte eine ebenso dunkle, hochgewachsene, schlanke Frau geheiratet, eine wirkliche Dame. Diese hatte ihm zwei Söhne geschenkt, im Jahr 1889 war einer 21 und der andere 23 Jahre alt.
Vor zwei Jahren war er in den Rat der Völker gewählt worden und hatte eine neue Vorliebe entdeckt. Jene für dicke, weiße Hinterteile, ebenso üppige, helle Busen, blonde Haare und für die ordinäre wiener Gossensprache. In den billigen Bordellen in der Nähe des Naschmarkts war der Madagasse ein häufiger Gast, er mochte den Geruch der nicht immer frisch gewaschenen weiblichen Körper und die hier gebräuchlichen Ausdrücke. Diese Vorlieben hinderten Rahery Rampanarivo jedoch nicht daran, gewissenhaft seinen Aufgaben als Abgeordneter nachzukommen. Er legte seine Ausflüge regelmäßig auf den einzigen Abend, den er sich pro Woche gönnte. Den Freitagabend. An diesen Abenden war allerdings nicht damit zu rechnen, dass er vor den frühen Morgenstunden des Samstags in das Palais Madagaskar zurück kehrte, und er war dann ganz bestimmt nicht nüchtern. Dem Personal waren die Gewohnheiten bestens bekannt, und daher wurde der Alarm für den Nebeneingang, den die Abgeordneten benützten, erst eingeschaltet, wenn der Herzog von Rampanarivo wieder zu Hause war.
Der Mann, welcher in der Türkenstraße herumlungerte, wusste darüber genau Bescheid. Er war zwar das erste Mal hier, aber man hatte ihn bestens informiert. Seine Vorgesetzten hatten an vielen Stellen ihre Informanten, denn auch am Ende des 19. Jahrhundert waren selbst im Vielvölkerstaat Kakanien sowohl der rassische Chauvinismus als auch der Nationalismus noch nicht bei allen Bewohnern der Donaumonarchien passe. Auch wenn der Prozentsatz dieser Personen an der Bevölkerung sehr gering war und durchschnittlich nur zwei bis drei Prozent betrug, waren das bei anderthalb Millionen Wiener immer noch etwa dreißig- bis fünfundvierzig Personen in der Hauptstadt. Ein zwar sehr bedauerlicher, aber kaum zu umgehender und ändernder Zustand. Also konnten seine Auftraggeber dem jungen Mann genau mitteilen, dass sich der Herzog von Rampanarivo sehr wahrscheinlich gerade eben in Mariahilf mit einigen rundlichen Prostituierten vergnügte und daher der Alarm noch nicht aktiviert war. Ein Feuerzeug flackerte auf und zeigte unter der dunklen Schiebermütze ein schlecht rasiertes Gesicht mit einer ziemlich frischen langen Narbe an der rechten Schläfe und am Ohr, die aber offensichtlich nicht von einer scharfen Klinge, sondern eher von etwas wie einem abgebrochenen Flaschenhals stammte und daher wohl keine ehrenhafte Mensur war. Auch seine Nase musste irgendwann einmal durch einen kräftigen Schlag gebrochen geworden sein. Er inhalierte tief den Rauch seiner selbstgedrehten Zigarette. Der blonde Mann trug ein grob gemustertes Sakko aus billiger Wolle, schwarz mit sich kreuzenden Linien in anthrazit. Ein billiges Kleidungsstück, zu hunderten in den Läden der Donaumonarchien verkauft. Auch das Hemd und die Hosen waren billige Massenware, nur die Schuhe waren, auch wenn sie bereits bessere Tage gesehen hatten, von guter Qualität. Besonders die Sohlen.
Jetzt bewegte sich etwas auf der Straße, ein Schatten glitt zum Seiteneingang des madagassischen Palais. Ein dünner, schlanker Mann, dessen Kleidung der des anderen durchaus ähnlich war, huschte durch die Schatten der Straße. Wenn man sein Gesicht gesehen hätte, wäre die lange, dünne Nase zuerst aufgefallen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Zwerg- oder Rehpinscher, oder wie man in Wien manchmal auch wenig schmeichelhaft sagte, einem Rehrattler. Seiner geringen Größe und seines Aussehens trug der Einschleichdieb in der Unterwelt den Namen Zwergrattler. Er war gut in seinem Metier, denn selbst der Mann auf der anderen Straßenseite, der ihn eigentlich erwartete, sah ihn erst, als ganz kurz ein winziger Funke in der Toreinfahrt zu sehen war. Rasch warf Narbengesicht seine Zigarette weg und huschte über die Straße, ein dritter kam von der Straße am Donaukanal zur Tür gehuscht. Dieser Mann war groß und kräftig, bewegte sich aber trotzdem mit einer gewissen geschmeidigen Leichtigkeit. Dieser Mann war in Wien kein Unbekannter, er trat auf dem wiener Heumarkt als Freistilringer auf. Dort trug er den Spitznamen Monsieur Megalo, sein Markenzeichen waren der kahle Kopf und unzählige Tätowierungen. Bisher hatte es der Kraftsportler allerdings nicht in die erste Riege seiner Zunft geschafft, er war einer, der nach dem Willen der Veranstalter immer ziemlich früh ausscheiden musste. Er war für eine große Show einfach nicht talentiert genug, ihm fehlte jenes schauspielerische Talent, jene Bühnenpräsenz, wie sie der derzeitige Liebling des Publikums, das Walross, zeigte. Oder der Maori, der bei den Damen beliebt war, oder der Gorilla, der im Ring den bösen gab und das Publikum herausforderte und regelmäßig für volle Ränge sorgte. Jetzt trug auch Monsieur Megalo ähnliche Kleidung wie der Zwergrattler und Narbengesicht. Beinahe lautlos drangen sie zu dritt in das Gebäude ein.
Im Erdgeschoss herrschte zu dieser Zeit tiefste Stille. Hier lagen die Bureaus der Abgeordneten und ihrer Helferinnen und Helfer, das Archiv, eine gut ausgestattete Küche und ein schöner Ballsaal. An den Wänden der Gänge hingen durchaus erlesene Kunstwerke zeitgenössischer Maler, an der Schmalseite des Flures wachten ein überlebensgroßes Portrait der Königin Ranavalona II und ein ebenso großes der kaiserlichen Regentin über die Besucher. Der Boden war mit roten Kacheln aus Terrakotta belegt, die Wände mit Halbreliefs aus weißem Alabaster und schwarzem Basalt geschmückt. Sie zeigten Szenen aus der madagassischen Geschichte und Mythologie. Der Mann, der das Schloss der Tür mit einem Dietrich geöffnet hatte, verzog angesichts der Bilder angeekelt das Gesicht.
„Primitiv“, flüsterte er. „Und solchene schwarz’n Halbaff‘n, die nicht einmal Hemd und Hos‘n trag‘n, hab’n einen politisch‘n Einfluss, ohne das was hackeln und unsereins hat nix und lebt von der Hand in den Mund. Das ist nicht gerecht!“
„Deswegen sind wir ja hier“, flüsterte der Mann mit dem Narbengesicht eben so leise zurück. „Weiter.“ Leise schlich das Trio über die Treppe in den ersten Stock, verständlicherweise war der Lift für sie Tabu. Das Geräusch hatte ihre Anwesenheit verraten. Das eiserne Gitter des Stiegenaufganges war zierlich, die Steher zeigten abwechselnd einen Mann und eine Frau aus Madagaskar.
„G’schieht den Bimbos ganz recht, dass wir da herin sind“, befand Narbengesicht. „Nicht einmal ein Wachtpost‘n steht da am Seitentürl. Das ist ja eine richtige Einladung.“
„Wieso steht da eigentlich wirklich keiner?“ Der Zwergrattler sah misstrauisch zurück in den düsteren Vorraum.
„Weil der grad beschäftigt ist“, grinste Narbengesicht. „Der schleckt grad die Mimi ab. Eins von die Dienstmadln.“
„Woher willst das wissen?“ Mit großen Augen starrte der Einschleichdieb Narbengesicht an.
„Weil die Mimi eine von uns ist und es drauf anlegt. Und glaub mir, wenn die blank legt, dann musst schon ein Eunuch sein, dass sich nix in der Hos’n rührt.“
In der ersten Etage lagen die Räumlichkeiten der im Haus lebenden Angestellten, welche zumeist ebenfalls aus Madagaskar stammten, der Dienerschaft und des Sicherheitspersonals. Der Aufgang war pompös, immerhin war Madagaskar kein armes Königreich mehr, seit der größte Teil der erwirtschafteten Erträge seit dem Beitritt zu den Donaumonarchien im Land verblieb. Und um die Optik nicht zu stören, lag der Eingang zu den Räumen der ersten Etage hinter einem großen Mosaik, das eine Karte von Madagaskar darstellte. Erst in der zweiten waren die Räumlichkeiten der Ratsmänner und ihrer Familien. Als das Trio an dem Eingang zu den Dienstbotenräumen vorbeiging, kam eine kleine Frau in der üblichen Dienstmädchenuniform daraus hervor und legte ihren Zeigefinger auf die Lippen.
„Hallo Mimi!“ Narbengesicht nickte ihr zu. „Alles in Ordnung?“
„Alles Paletti, Narbengesicht. Der Sambo schlaft jetzt vielleicht eine Stund‘, dann wird er sich nimmer dran erinnern, was los war. Schon gar nicht, mit wem. Helft’s mir und tragt’s ihn runter in seine Log‘, dann wird er glauben, dass alles wia immer war!“
„Wie, wie geht das, dass er gar nix merkt?“, fragte Megalo.
„Mei, in Südamerika gibt’s a Pulverl, absolut sicher“, zuckte das Mädchen mit den Schultern. „Ein bisserl was in sein Präserl, und eine runde halbe Stund‘ später wirkt des Zeug und der Typ büselt weg. Absolut wegtret’n tut er.“
„Und vorher, bevor das Zeug wirkt?“, wunderte sich der Zwergrattler.
„Vorher hab‘ ich mich halt von ihm noch ein wengerl reiten lass’n, Dummerl“, lächelte Mimi lüstern. „Man möcht‘ ja auch sein bisserl Spaß bei der Arbeit haben. Und ich sag dir, der Bimbo hat nicht nur einen großen…“
„Du hast dich wirklich…?“ Megalo machte ein sehr erstauntes Gesicht.
„Ja sicher, warum denn nicht? Und jetzt schaut‘s, dass er in sein Kammerl kommt und dass Ihr weiter macht’s. Sonst muss ich dem Bub’n vielleicht noch einen zweit’n Pariser über sein Ding zieh’n.“
„Recht hast, Mimi“, bestätigte Narbengesicht. „Megalo, schaffst es allein oder brauchst eine Hilf‘?“
„Das mach ich schon!“ Megalo folgte dem Dienstmädchen.
„Pass aber auf, Megalo“, warnte Mimi den Riesen. „Er sollt keine Blessuren hab’n. Die Bimbos soll’n nicht dahinter steig’n, wie da wer reinkommen ist. Vielleicht brauch’n wir den Schmäh ja noch einmal!“
„Na gut“, knurrte Megalo und legte sich den Posten auf die Schulter. „Aber irgendwann häng‘ ich auch ihn auf.“
Nachdem der Wächter wieder in der Wächterloge hinter seinem Schreibtisch saß, schlichen sich die drei Männer in den zweiten Stock. Hier mündete die Treppe in einen breiten Flur, dessen Boden mit einem weichen Teppich ausgelegt war, welcher die Schritte der Anwesenden völlig dämpfte. Die hier Wohnenden sollten nicht gestört werden, wenn einer der Herren seine Wohnung noch einmal verließ, um sich noch einen Akt zu holen. Oder auszugehen, allein oder mit Begleitung. Auch wenn einer der Dienstboten noch einen raschen Imbiss auf ein Zimmer brachte, sollten die anderen Herrschaften nicht gestört werden. Es war hier für die Einbrecher ein weit entspannteres Gehen als auf der Treppe.
„Das hier muss die Tür sein.“ Narbengesicht hatte eine Lageskizze der Etage entfaltet und die Eingänge gezählt. „Da wohnt der Obersambo mit seiner Alten persönlich. Mach auf, Zwergrattler!“ Der Dieb nahm das Schloss kurz in Augenschein, fummelte kurz mit seinem Werkzeug, dann schwang die Tür auf. Lautlos huschten die Männer in die Wohnung, anhand der Skizze fanden sie das Schlafzimmer ohne Probleme, überrumpelten und fesselten die schlafende Familie an Händen und Füßen.
=◇=
„Also, Sambo!“ Sie hatten Haramano, den Herzog von Antsinarana auf einen Stuhl gefesselt und eine Seilschlinge um den Hals gelegt, in der ein kurzer Holzstab steckte. Narbengesicht hatte sich vor ihm aufgebaut. „Jetzt hab’n wir dich. Die Gurg’l dreh’n wir dir Halbaffen ganz langsam zu, als Warnung für alle deine schwarzen Haberer, dass wir uns eure depperten Einmischungen in österreichische Angelegenheiten nimmer g’fallen lass‘n. Es seid’s nicht genug Wert, dass im Rat auch was zum plauschen habt’s, soweit kommt’s noch, dass Ihr Bimbos glaubts, dass soviel zum sag’n wie wir Weißen habts. Und drum hast du jetzt die Schling’n um den Hals.“
„Ja, und deine Alte knöpf’n wir uns auch noch vor. Vielleicht lass’n wir dich auch noch zuschau‘n, wenn wir’s mit ihr machen!“ Der Zwergrattler sabberte bereits ein wenig. „Dazu müss’n wir’s nur mehr ausgwand’ln und ein bisserl anders am Bett festbind’n!“
„Ich helf‘ dir“, sagte Megalo grinsend. „Und wenn die Bimba nicht spurt, kriegt sie halt auch noch ein paar Tetschen vorher. Die Schwarzen soll’n g’fälligst folgen, wenn unsereiner was befehel’n tut, zu was ander‘m sind eh net da. Komm schon, Rattler!“
=◇=
Jean Joseph war der Sohn eines Franzosen und einer Madagassin. Er war groß, schlank und muskulös, sein Gesicht wirkte weich. Wenn er sprach, dann klang es immer so verschlafen, als käme er direkt aus seinem Bett und hätte einzig seine Rückkehr in dasselbe im Sinn. Trotzdem gehörte er zu den besten Sicherheitsoffizieren und hatte viele Systeme selbst eingebaut. Von einigen wussten nur er und sein Kollege Sanamatano Rahavagoro. Als daher ein Lämpchen auf seinem Schreibtisch aufleuchtete, ging er in einen kleinen, geheimen Nebenraum und drückte dort einen Schalter. An der Wand, die aus vielen Lämpchen bestand, flammten einige auf und erloschen wieder, es zeichnete sich ein deutliches Muster ab. Die kleinen Teslabirnen waren über viele Drähte mit den Wohnungen der Ratsmitglieder verbunden und endeten dort in Metallplättchen. Wenn die Diele darüber belastet wurde, schloss sich ein Stromkreis, eine einfache und wirkungsvolle Methode. Die Verteilung und Bewegungen an der Wand sagten Jean genug. Er gab stillen Alarm, zog seine Flechettepistole und lief los. Lautlos betrat er die Wohnung des Herzogs und öffnete vorsichtig die Schlafzimmertür.
Das Narbengesicht hatte seine ganze Aufmerksamkeit auf Madame Antsinarana gerichtet, welche Zwergrattler und Megalo mit gespreizten Armen und Beinen an die Bettpfosten gefesselt hatten. Valisoa war eine zwar zierlich aussehende, aber dennoch keine schwache Frau, und der Zwergrattler würde die nächsten Tage mit einem blauen Auge und einigen anderen Blutergüssen herum laufen müssen. Aber der rohen Körperkraft des Freistilringers war sie schließlich doch unterlegen, welcher eben zwischen den Beinen seines Opfers kniete und noch an seinem Hosenschlitz nestelte. Der Halbfranzose zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde. Seine Pistole war auf Feuerstöße von vier Pfeilen pro Schuss eingestellt, welche durch den dicken Wollstoff der Jacke kaum gebremst, von schräg hinten in den Oberkörper des Bullen eindrangen und sowohl Lungengewebe als auch den Herzmuskel zerfetzten. Ein schneller, plötzlicher Tod, Megalo sank wie eine Marionette mit zerrissenen Schnüren in sich zusammen. Das Visier wanderte weiter, auf den Zwergrattler, der seine Hose in der Zwischenzeit bereits voller Vorfreude und Ungeduld geöffnet und sich entblößt hatte und nun fassungslos auf den toten Kumpan starrte. Wieder fauchte hochkomprimierter Dampf aus der Kartusche und beschleunigte vier Stahlpfeile auf mehr als 600 Meter in der Sekunde. Das Narbengesicht zog reaktionsschnell einen kleinen Revolver aus der Tasche und schaffte es noch, ihn auf Hauptmann Joseph anzuschlagen. Zum Schuss kam er nicht mehr, vier Stifte aus Stahl durchbohrten die Stirn des Mannes, der einmal unter dem Namen Leutnant von Oberfels bekannt gewesen war.
Der Hauptmann zog sein Messer aus der Tasche und befreite zuerst die Herzogin Valisoa von ihren Fesseln, dann wandte er sich an den Herzog und entfernte, während sich die Herzogin rasch einen Morgenmantel überwarf, den Knebel und die Fesseln Haramanos.
„Lebt noch eines von diesen Adala noch?“ Der Delegationsleiter Madagaskars rieb sich die Handgelenke, ehe er in seine Hose schlüpfte.
„Das kleine Rattengesicht hier könnte noch leben, Hoheit!“ Der Hauptmann bohrte seine Schuhspitze in Zwergrattlers Rippen. „Bei dem habe ich den Schuss ziemlich tief angesetzt, wenn ich keine große Ader verletzt habe… Bei den anderen – es erschien mir bei diesen Männern opportun, sie rasch und endgültig an ihren beabsichtigten Handlungen zu hindern!“
„Das sehe ich auch so, Hauptmann“, nickte Haramano. „Ihre Männer sind im Wohnzimmer?“
„Das sind sie, Euer Hoheit!“ Jean hatte gesehen, wie der Wachleutnant kurz durch die Tür geblickt hatte, aber das Schlafgemach nicht betreten hatte. Immerhin hatte sein Vorgesetzter die Lage bereits im Griff.
„Rufen Sie sie herein, und Sie können sich auch wieder umwenden! Die Herzogin ist bereits wieder in Dezenz!“
„Danke Hoheit. Mpamboly, Mpanjono, hereinkommen! Dieses Vieh hier fesseln und in irgendeiner Kammer einsperren. Dann benachrichtigt Ihr Doktor Antrongotra, er soll sehen, ob er noch etwas tun kann. Vielleicht weiß die Ratte ja noch etwas. Und dann telephoniert Ihr mit der Wiener Sicherheitskommission, sie sollen uns einen ihrer Kommissäre herschicken. Der soll dann diese Ratte verhören, wenn ich es mache, überlebt er es vielleicht nicht.“ Nur mit Mühe schaffte es Jean Joseph, Zwergrattler nicht noch einmal in die geöffnete Hose zu treten.
=◇=
Abessinien
Etwa südlich der immer noch menschenleeren Stadt Emfraz lag auf einem Berghang die Sankt Marjam Kirche. Es war ein einfacher kleiner Rundbau mit einem größeren viereckigen Nebengebäude, das als Wohnhaus für den Pater, seine Köchin und als Scheune und Stall gleichermaßen diente. Zu dieser Kirche gehörten auch die umliegenden Wälder, welche sich bis zum Grat des Berges erstreckten und in den Niederungen einige große Kaffeeplantagen. Kaffee war der Hauptexportartikel Abessiniens, die hervorragenden und überall geschätzten Bohnen der Klasse Arabica wurden in die gesamte Welt versandt und brachte jede Menge Devisen in die Kasse des Kaisers von Äthiopien. Sonst waren noch einige Metalle und edle Steine im Boden und den Bergen zu finden, ebenfalls ein erfreuliches Zubrot für die Staatskasse. Besonders der eine, gewaltige Fund, mit dem er die Grenze zur AOI befestigen und von den Briten die Ornithopter kaufen konnte. In aller Stille natürlich, und die Lieferanten und Erbauer gut verteilt, sodass niemand das gesamte Ausmaß des Auftrages erfuhr. Zumindest bis zu jenem Angriff durch Italien, mit welchem die Regierung Abessiniens bereits seit einiger Zeit rechnete. Das noch junge Königreich Italien wollte eben im Reigen der großen europäischen Kolonialreiche mitspielen und sich ebenfalls ein Stück Africa sichern, je größer, desto besser. Und sehr viel mehr als der äußerste Osten Africas, wo die große Wüste bis an den Atlantik reichte, und Äthiopien war eben kaum eine Gegend Africas mehr frei von Europa. Nun ja, in der Sahara gab es noch Land. Aber wer benötigte schon hunderte Quadratmeilen Sand.
Der Agent Siegfried Krause des preußischen Geheimdienstes, der jetzt in der Heimat als Abteilung IIIb firmierte, hatte bei Josephshafen 22 Söldner, 2 Feldwebel und Leutnant Alfred Dengler rekrutiert. Eben lagen die Offiziere über der Stadt in Deckung der Bäume und beobachteten mit ihren Feldstechern die Ebene am Ufer des Tanasee und den Ort Emfraz, der an der markierten Handelsstraße vor dem Eingang zum Pass an der Straße nach Gonder lag.
„Ich hoffe nur, dass die Gerüchte stimmen, die wir überall gehört haben“, knurrte Krause, und Dengler nickte.
„Ich denke schon. Immerhin ist ja Amhara und hier ganz besonders Gonder das jüdische Zentrum Äthiopiens. Und wir haben unterwegs ja auch immer wieder Spuren von einem schweren DLKW gefunden, mit welchem diese Trommel transportiert werden könnte.“
„Aber wo ist sie denn jetzt? Wir müssten sie doch gesehen haben, wenn wir sie überholt hätten. Es gibt doch ab Filakit nur diese eine Straße auf die Hochebene, da können wir doch nicht vorbei gefahren sein.“ Hauptmann Krause war unruhig und dem entsprechend ungeduldig. „Aber auf dieser verdammten Hochebene war keine Spur mehr zu finden. Vielleicht gibt es ja eine Höhle in einem der Nebentäler. Da könnten wir endlos suchen und fänden nichts!“ Wer konnte sagen, wie lange Krause noch lamentiert hätte, aber die in seinen Oberarm gekrallte Rechte seines Leutnants unterbrach ihn abrupt.
„Da kommt ein 680er DLKW aus österreichischer Fertigung an der Steilwand um die Kurve! Mit einer sehr hohen Ladung hinten drauf. Die Höhe und die Länge sind etwa zwei-achtzig, die breite runde zwei Meter. Das könnte der Trommel entsprechen! Und das Frachtgut unter der Plane scheint rund zu sein.“
„Wie? Was? Wo?“ Rasch richtete Krause seinen Feldstecher aus. „Wirklich“, rief er. „Das muss es sein. Die Leute sollen sich bereit machen! Rasch! Wo ist Huber?“
„Hier, Herr Hauptmann!“ Soldat Huber, dessen ganzer Stolz ein Mauser Scharfschützengewehr im Kaliber 7,9 Millimeter mit einem Zielfernrohr der Carl-Zeiss-Werke in Jena war, hob die Hand.
„Machen Sie sich schussfertig, Soldat“, befahl Krause, Konrad Huber nickte, öffnete den Verschluss seines Gewehres und schob eine Patrone hinein, dann schloss und verriegelte sein langes Gewehr wieder.
„Bereit, Hauptmann!“
„Gut so, Soldat“, bestätigte Krause. „Bringen Sie den Wagen zum stehen, wenn er nahe genug ist!“
=◇=
Kaum 2 Kilometer in Richtung Westen, auf der anderen Seite der markierten Straße, erhob sich ein anderer Hügel, welcher von der Straße, welche von Weyna aus am östlichen Ufer des Tanasees die kleinen Fischerdörfer verband, leicht zu erreichen war. Auch auf diesem Hügel lagen fünf Personen, von denen zwei sowohl die Uferstraße als auch den Weg nach Emfraz nicht aus den Augen und den Feldstechern ließen. Lieutenant Pierre-François Blache und sein Major Frederic Peyrot wie auch die drei französischen Soldaten trugen leichte, weite Leinenhosen und luftige Blusen in hellen Naturfarben unter Kapuzenmäntel in der selben Farbe. Ihre Pferde hatten sie an der Westflanke des Hügels angebunden, wo sechs weitere Soldaten Wache hielten, die achtschüssigen Fusil d’Infantrie Lebel Modèle 1886 im Kaliber 8×50 Millimeter schussbereit ‚geladen und entsichert‘.
„Glauben Sie wirklich, dass die Trommel hier versteckt werden soll, Lieutenant?“ Major Peyrot war mehr als misstrauisch. „Ich meine, die müssen doch mindestens ein Monat unterwegs gewesen sein, aber schon am zweiten Tag der Invasion haben die Abessinier den Spaghetti-Fressern den Arsch aufgerissen. Der Afrera-See wäre nur etwas über hundert Kilometer von der Stelle entfernt, wo die Italiener landen wollten. Wäre das nicht viel logischer?“
„Die Gerüchte, die wir gehört haben, sagen alle die Gegend Amhara, also in der Gegend von Gonder“, bestand der Leutnant auf seinem Standpunkt. „Und Amhara ist hier! Der Zeit nach sollte die Trommel bald wieder hier eintreffen.“
„Oder sie sind schon vorbei“, murrte Peyrot.
„Bei einer so großen Trommel können die es nicht schneller geschafft haben!“ Blache setzte das Glas ab und rieb sich die Augen. „Sie werden sehen, Major, bald…“
„Staubwolke auf der Straße, mon Lieutenant“, rief Soldat Dubois. Das Fernglas des Offiziers flog wieder an die Augen.
„Tatsächlich! Und eine runde Struktur ist unter der Plane auch erkennbar. Das könnte wirklich die gesuchte Trommel sein. Was sagen Sie jetzt, Major?“
Peyrot zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall ist die Sache zu untersuchen, mon Lieutenant!“
„Das möchte ich auch meinen, Major. Soldat Roux, fertigmachen!“
„Mon Lieutenant!“ Sebastien Roux klappte das Zweibein seines 7,9 Millimeter Lefaucheux-Gewehres mit verlängertem Lauf aus und lud die Waffe. „Fertig, mon Lieutenant!“
„Also gut! Ich möchte, dass der Wagen steht, egal wie. Major, lassen Sie die anderen Männer schon einmal aufsitzen!
=◇=
Der DLKW 680 der Steyr-Daimler Werke war nicht dazu konzipiert, um irgendwelche Rekorde zu brechen. Die Werner-Dampfturbine war eine unkomplizierte, bewährte, zuverlässige und robuste Konstruktion, welche im Notfall selbst von einem einfachen Dorfschmied repariert werden konnte und trieb den Transporter ohne Zuladung mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern über eine gute Straße. Mit Hilfe des Allradantriebs und der Bodenfreiheit von einem halben Meter schaffte das Fahrzeug auf steinigen und unebenen Pisten beinahe ebenso viel, und dank der ausgeklügelten Federung und der breiten Gummireifen des Engländers Robert William Thomson, die er bereits 1845 patentieren ließ, sogar halbwegs komfortabel. Man konnte dem 5,67 Meter langem Vehikel mit einem Radstand von 3,3 Metern stolze 8 Tonnen aufladen und damit immer noch mit 50 Stundenkilometern in flachem, aber ziemlich unwegsamen Gelände erreichen. Kein Wunder, dass dieser Dampfwagen in vielen Ländern der Welt im Einsatz war, sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich.
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So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass in Abessinien einige der seit 1863 produzierten 680er unterwegs waren, seit 1882 auch noch der Typ 680A, eine in Abessinien unter Lizenz gefertigte Variante mit vergrößerter Bodenfreiheit von 80 Zentimetern, was allerdings einen Raddurchmesser von beinahe zwei Metern bedingte. Daher wurde die Führerkabine etwas weiter nach vorne gerückt, und das ganze Fahrzeug war nun 5,97 Meter lang. Eine gute Variante für ein Gebiet, in welchem die Straßen aus Farbmarkierungen an Schluchtwänden und deren Belag aus den von tausenden Hufen, deren Besitzer von den Händlern seit vielen Jahrtausenden durch diese Berglandschaft Ostafricas getrieben wurden, klein gemahlenen Steinchen bestand. Nur im Westen fiel das Gebirge, in dem auch der Tanasee lag, zu einer fruchtbaren Tiefebene ab. Straßen fand man aber auch dort noch sehr wenige, denn Waren und Personen wurden in Äthiopien immer noch in den meisten Fällen von Pferden oder Eseln transportiert. Diese waren selbstreproduzierend und billig in der Haltung, dazu kam, dass die Wartung der einfachen Karren unkomplizierter als die eines jeden anderen Gefährts war. Es mochte also durchaus noch einige Zeit dauern, bis ein Netz von gut ausgebauten und gepflegten Straßen das Königreich Abessinien durchzog. Auch Eisenbahnen waren in diesem Land nicht so einfach zu bauen. Immerhin war eine Strecke von der Hauptstadt Addis Abeba zum Tanasee geplant und bereits im Bau. Etwa 200 Kilometer Schiene waren bis Gohatsion bereits verlegt und wurden auch halbwegs regelmäßig befahren, an der Brücke über das Tal des blauen Nils, wegen der zu erwartenden Hochwässer eine kühne, hohe Stahlkonstruktion, wurde noch gebaut. Bisher war nur die 318 Kilometer lange Eisenbahnstrecke von Nekemte in die Hauptstadt und danach beinahe 900 Kilometer weiter zur großen Garnison in der Nähe von Godcusbo bereits in regelmäßigem Betrieb. Das Telegraphennetz war allerdings bereits hervorragend ausgebaut, und es gab entlang der Handelswege nicht nur regelmäßig Übernachtungsmöglichkeiten, sondern bei diesen Raststätten auch immer öfter Telegraphenstationen. Auch einige der größeren Farmen im fruchtbaren Westen des Landes gönnten sich bereits einen solchen Nebenanschluss.
An den Steuerhebeln des klassischen DLKW Steyer 680 mit der Fahrgestellnummer SD-OOE-CLW-569 676 391 saß Tulu Abebe. Er war in einem winzigen Dorf mit Namen Ch’amak‘ losgefahren, als sein bewaffneter Wächter auf dem Beifahrersitz ihm das Signal dazu gegeben hatte. Bis Fercaber hatte er eine Escorte aus einigen schwer bewaffneten Reitern und Trike-Fahrern aus Tebre Tabór gehabt. Die äthiopische Gendamerie hielt sehr viel von technischem Fortschritt und rüstete ihre Beamten im Normalfall recht gut aus. In Fercaber war der Polizist dann ausgestiegen, und Tulu Abebe war allein weiter gefahren, in Richtung Emfraz. Die Trikefahrer folgten in gebührendem Abstand und behielten die Staubwolke des 680er immer im Auge. Hoch über dem Ganzen schwebte noch ein kleines, beinahe unsichtbares Gerät und beobachtete wie immer.
Tulu Abebe stammte aus Weyna am Tanasee, wo er die gesamte Familie seiner Ehefrau ausgelöscht hatte. Die Frau erdrosselt, die Schwiegereltern erstochen, und all das nur, um an das Vermögen der wohlhabenden Familie zu kommen. Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt. Zum Tod. In mancher Hinsicht war Abessinien ein fortschrittliches Land, doch von humanem Strafvollzug wollte der Negus Negest einfach nichts hören. Die Strafe sollte möglichst schmerzhaft sein, um andere Täter abzuschrecken und von ihrer Tat abzuhalten. Nicht, dass es funktioniert hätte, aber Abessinien war eine absolutistische Monarchie und das Wort des Herrschers Gesetz. Daher hatte Tulu Abebe auf seine Steinigung gewartet, als ihm ein Angebot gemacht wurde. Es handelte sich um einen einfachen Auftrag, er sollte einfach einen DLKW in Richtung Emfraz steuern. Es könnte sein, dass er dabei erschossen oder auf andere Art ums Leben kam, aber wenn er überlebte, wartete eine Begnadigung auf ihn. Er überlegte nicht lange und nahm das Angebot an. Was auch immer während der Fahrt geschehen mochte, es war unter Garantie weniger schmerzhaft als vielleicht stundenlang mit Steinen beworfen zu werden. Und wer weiß, vielleicht hatte er ja Glück und überlebte? Die voluminöse Fracht auf der Pritsche war ihm völlig egal, er hatte keine Ahnung, was dieses große, runde Ding unter der Plane war. Er dachte nur daran, dass vor ihm vielleicht die Freiheit und hinter ihm der sichere Tod lag, also steuerte er hinter Fercaber den Wagen den Steilhang entlang, der markierten Straße nach Emfranz folgend. Jetzt kam er um die letzte Kurve, sein Ziel lag noch etwas mehr als zwei Kilometer vor ihm. Ein Katzensprung für einen 680er, vielleicht noch eine Viertelstunde, und Tulu wäre ein freier Mann. Er drückte die beiden Hebel, mit denen der Dampfdruck auf die Räder reguliert wurde, gleichmäßig nach vorn, nahm bald rechts, dann wieder links ein wenig Druck zurück, um den Kurven in der Straßenführung zu folgen.
Der letzte Kilometer, er hatte es gleich geschafft, Tulu Abebe jubelte innerlich auf. Vor ihm zerbarst die Windschutzscheibe des DLKW plötzlich in tausend Stücke, die Splitter zerschnitten sein Gesicht, seinen Hals, selbst seine Hände. Tulu fühlte das nicht einmal mehr, denn ehe der Schmerz in seinem Bewusstsein ankam, durchschlug ein 7,9 mm Vollmantelgeschoß die Stirn des Mörders, dessen Hände sofort von den Steuerhebeln glitten. Ein einfacher Federmechanismus, der in jedem Fahrzeug eingebaut war, beförderte die Hebel in die Nullstellung, die Räder blockierten und der Wagen kam mit ausbrechendem Heck quer zur Straße zum Stillstand.
Auf der linken, der westlich gelegenen Straßenseite galoppierten 10 Reiter hinter einem Hügel hervor auf den 680er los, auf der rechten, östlichen, brachen zwei geländegängige Dampffahrzeuge der Gottlieb W. Daimler – Werke in Stuttgart hinter einem anderen Hang hervor und fuhren, eine beachtliche Staubwolke hinter sich herziehend, ebenfalls auf den DLKW zu. Jede der beiden Parteien versuchte, den Dampflaster als erste zu erreichen, die Trophäe zu gewinnen, niemand schien sich die Frage zu stellen, ob er die Beute dann auch behalten, den Besitz verteidigen konnte. Ein sich beinahe gemächlich ausdehnender Feuerball hüllte das Fahrzeug wie aus dem Nichts kommend ein, aus diesem Ball brachen links und rechts je eine lange, schmale Feuerlanze. Grün, rot, orange und blau leuchtend rasten diese heißen Zungen mehrere Meter waagrecht über den Boden dahin und erloschen eben so plötzlich, wie sie aufgetreten waren, während die kugelförmige Flamme immer noch über der Ladefläche strahlte. Die Plane des 680er verglühte, veraschte in Bruchteilen von Sekunden bereits im ersten Feuerball, dann leuchtete ein großes, ringförmiges Gebilde auf der Ladefläche grellweiß brennend auf, überstrahlte die Feuerkugel. Gekrümmte, brennende Holz- und verdrehte Metallstücke von der Bordwand des DLKW wirbelten durch die Luft, von denen eines den Major Peyrot traf und tödlich, ein anderes den Soldat Louis Preslaux schwer verwundet aus dem Sattel warf. Auch andere wurden von Kleinteilen verletzt, wenn auch wesentlich leichter.
Hinter dem DLKW waren 15 Reiter aus einer Schlucht gekommen und spornten ihre Pferde, um mit wehenden Burnussen die Verfolgung aufzunehmen. Doch bereits nach wenigen Galoppsprüngen schleuderte das Fahrzeug und der vorderste Reiter gebot mit erhobener flacher Hand den Halt, während er selbst seinen Fuchs zügelte.
„Stoi“, brüllte Sotnik Radimir Dimitrowitsch Lesrup, dann winkte er zur Seite. „In die Schlucht! Dawai, dawai!“ 14 Reiter des dritten Kosakenregiments Hetman Taras Bulba rissen ihre kleinen Pferde auf der Hinterhand herum, während Radimir den Feldstecher vor die Augen riss. Eben als er durchsah, brachen die Feuerlanzen aus dem 680er, der erfahrene Soldat vertraute dem Halsriemen und ließ das Fernglas einfach fallen, riss sein Pferd herum und trieb es aus dem Stand in Galopp. Nur Sekunden, nachdem er den Spalt erreicht hatte, ging ein Regen brennender Trümmer auf der Ebene nieder.
„O, chert voz’mi“, sandte Soldat Werschnisow ein Stoßgebet zum Himmel. „Was war denn das?“
„Ich fürchte, das war genau das, was wir gesucht haben!“ Der Sotnik wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Wir werden uns noch ein wenig in der Gegend umhören, aber Hoffnung auf Erfolg habe ich keine mehr!“
=◇=
„Formidables Schauspiel!“ Auf der Mauer der Stadt Emfraz nahm Maria Sophia den Feldstecher von den Augen. „Wie hast denn das wieder ang’stellt, Lisi?“
Die junge Baronesse von Oberwinden lachte launig auf. „Ich hab‘ halt jede einzelne Signalraket‘n von der ROSENHEIM plündert, das Pulver mit den farbgebenden Metall‘n mit ein bisserl Magnesium und ein wengerl Ninja-Pulver vermischt, das Ganze gut verdämmt in ein Rohr g’stopft, danach den – na, nennen wir’s halt einmal Trommelkörper – auch mit Magnesiumpulver eing’rieben. Ein paar Wasserschläuch‘ um das Rohr mit dem Schwarzpulver, und dann hat halt eins das andere anzündt.“
„Aber wie hast du das ganze eigentlich gezündet?“ Orville sah fasziniert zu dem immer noch heiß glühenden Ring, welcher nun in sich zusammen sackte und auf der ausgebrannten Ladefläche einen glühenden Haufen bildete und zu Boden tropfte.
„Das willst du gar nicht wissen, Orville“, hielt sich Lisi bedeckt. „Nur so viel – unser Evidenzbureau hat auch im Ausland ein Auge auf verschiedene Erfinder!“
„Aber ein bisserl eng war’s schon, Lisi. Unsere Zeugen hätt’n das Schauspiel fast nicht überlebt!“
Elisabeth funkelte den Kasten mit der Morsetaste vor sich böse an. „Diese blöde drahtlose Zündung hat erst das zweite Mal ang’sprochen! Also, wenn das nicht besser wird, setzt sich das Klumpert nie durch!“
„Jedenfalls hat dein Werk’l ein beeindruckendes Schauspiel g’liefert!“ Die Prinzessin nahm eine Coiba aus der Packung, entzündete ihre Spitze und blies den Rauch behaglich von sich. „Wenn’s jetzt nicht überzeugt sind, dass die Trommel im Arsch ist, dann weiß ich auch nicht weiter.“
„Also, für mich hat es überzeugend gewirkt.“ Carl Friedrich Maerz nahm Maria Sophia den Zigarillo aus der Hand, inhalierte einen kräftigen Zug und reichte ihn zurück.
„Magst einen eigenen?“ Die Prinzessin griff zur Tasche, aber der Autor winkte ab.
„Ich bleibe bei meinen Havanna, danke!“
„Ja, da steh‘n jetzt die Herren und überleg‘n.“ Der Oberst von Inzersmarkt grinste über das ganze Gesicht. „Hoffentlich schieß’n sich die Wappler jetzt nicht gegenseitig über’n Haufen.“
„Ich hoff‘, de Tulu war scho tot, wie das ganze hochgange isch. Auch a Mörder sollt ned unnötig leide“, bemerkte Henrietta und schüttelte sich.
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Pierre-François Blache hatte Glück gehabt. Der französische Lieutenant war dem Bombardement der Trümmer unverletzt entgangen und starrte entgeistert auf immer noch glühenden Ring auf der Ladefläche des völlig zerstörten Lastwagens.
„Oh, merde“, flüsterte er. Dann brach der Ring zusammen, schien sich in brennendes Wasser zu verwandeln und tropfte zu Boden. Blache schlug seine Kapuze zurück. „Das ist – das kann nicht wahr sein!“
Caporal Jean-Pierre Laman zügelte sein Pferd neben dem Offizier. „Mon Lieutenant, der Major ist tot, Soldat Preslaux schwer verwundet, sonst nur relativ leichte Blessuren! Bei den Pferden werden wir zwei erschießen müssen, fürchte ich. Ein paar werden wir wieder einfangen können, aber wenn wir nicht irgendwo neue kaufen können, steht uns ein langer Marsch bevor. Außer, die Leute da drüben nehmen uns mit!“
„Was? Wer?“ Blache schrak auf und folgte dem Wink des Caporal.
○
Aus der Fahrerkabine des vorderen Daimler – DLKW hatte Siegfried Krause das Schauspiel verfolgen können. Ein Trümmerstück hatte die Hälfte des Daches weggerissen, und der deutsche Agent hatte schon geglaubt, den Flügelschlag des Todesengels zu hören. Siegfried verdankte sein Leben der instinktiven Reaktion von Jasper Tütken. Der Friese hatte beide Hebel zurückgerissen und damit den Rückwärtsgang eingelegt. Zuerst hatten die Räder keinen Griff gefunden, doch dann machte der Wagen einen Satz zurück. Eben noch rechtzeitig, sonst wäre das Teil des 680er mitten durch das Führerhaus geflogen und hätte Krause ohne Zweifel enthauptet. Der Agent wusste später nicht, wie lange er wie gelähmt sitzen geblieben war und auf das Bild der Zerstörung starrte. Stimmengewirr weckte ihn aus seiner Erstarrung, wie durch ein Wunder ließ sich die Tür noch öffnen und Siegfried sprang ins Freie.
„Hauptmann, was war das denn?“ Auch Leutnant Alfred Dengler starrte das herabtropfende Feuer fassungslos an.
„Hooptmonn, dort sin een poor Geestolten, de zeechen of uns! Sin det Beeduiners odeer ondeere.“ Der Söldner nannte sich Klaas Lütgen und behauptete von sich, aus Hamburg zu sein. Sein Akzent war allerdings nicht immer stimmig, aber es interessierte in Wirklichkeit niemanden.
„Ich glaubee, dat sind Franzmänee“, widersprach Ludwig Hoffer. Der schwieg sich über seine Herkunft komplett aus.
„Nun gut, wir werden zu ihnen hinüber gehen“, beschloss Krause. „Wachsam bleiben, aber die Gewehrmündungen zeigen zu Boden. Wir wollen sie nicht provozieren. Vielleicht erfahren wir ja etwas von ihnen!“
○
„Sie kommen herüber, mon Lieutenant“, bemerkte Caporal Laman.
„Ich sehe es, Caporal“, bestätigte Blache und schwang sich aus dem Sattel. „Zu Fuß bei mir sammeln.“ Laman sprang ebenfalls zu Boden und setzte seine Trillerpfeife an den Mund. Ein langgezogener Ton erregte die Aufmerksamkeit der französischen Soldaten, eine komplizierte Tonfolge gab das Signal zum sammeln. „Wer sind diese Leute wohl?“ Er starrte den sich nähernden Personen entgegen.
„Wir werden sie fragen. Aber ich vermute, es sind Söldner.“
„Parlez-vous Francais“, fragte Krause, als sich die Anführer gegenüber standen.
„Mais oui. Je suis Lieutenant Blache. Et tu es?“
„Ich bin Siegried Kraus. Hauptmann Kraus.“ Vorsichtig streckte er die rechte Hand aus, die der Franzose ergriff.
„Es-tu Allemand?“
„Und Sie Franzose?“
„Ich verstehe!“ Blache nickte. „Ich nehme an, Sie fragen sich genau wie wir, was hier geschehen ist!“
„Ich denke, so viel ist wohl offensichtlich.“ Beide blickten zum immer noch glühenden 680er.
„Wenn…“
„Ja?“
„Ach, Unsinn. Wie soll das jemand geschafft haben. Es ist doch niemand abgesprungen!“
„Stimmt. Und wie soll eine solche Explosion zu machen sein?“
„Und von wem und warum?“
=◇=
Karlsruhe
Die 28 Jahre alte Frau schloss ihren Koffer. Es war etwas endgültiges in der Bewegung, und tatsächlich war die Wahrscheinlichkeit, dass Sarah Feldwerk je wieder in diesem Zimmer in einem Haus am Rande von Karlsruhe wohnen würde, eher gering einzustufen. Nun, es würde nicht mehr lange dauern, bis der Gepäckträger kam und ihre Effekten abholte. Sie würde mit ihrem Arbeitgeber und dessen Familie nach Potsdam übersiedeln, dieser hatte dort ein sehr gutes Angebot erhalten.
Die Universität Karlsruhe war weder die älteste, noch die berühmteste oder die beste Universität des Deutschen Kaiserreiches. Trotzdem – oder vielleicht sogar deswegen hatte Prof Heinrich Hertz bereits in relativ jungen Jahren eine Professur für Physik angeboten bekommen. Der Wissenschaftler war damals, 1881, erst 24 Jahre alt. Er schlug das Angebot von Kiel aus und war diesem Ruf in den Süden Deutschlands nicht ungern gefolgt, die Universität hatte ihm die Erlaubnis für eigene Experimente gegeben und ihm die Zeit und Räumlichkeiten dafür eingeräumt. Heinrich kam aus keiner armen Familie und richtete sein Labor auf eigene Kosten ein. Auch ein kleines Haus mietete er an und heiratete 1886 Elisabeth Doll, welche ihm ein Jahr später eine Tochter schenkte.
Sarah Feldwerk hatte Heinrich Hertz bereits 1884 eingestellt. Sein Vater war ein guter Freund der Familie Feldwerk gewesen, und deren Tochter Sarah war nur vier Jahre jünger als er. Keine sehr schöne, aber nette und intelligente Frau. Sie hatte ein hageres Gesicht, ihre Lippen waren etwas zu schmal, ihre Nase ein klein wenig zu lang geraten. Die Familie Feldwerk 1875 war nach Österreich gegangen, als sich Liber Feldwerk eine Chance bot, in das Geschäft seines Cousins einzusteigen. Es war für beide Seiten profitabel. Der Cousin hatte Geld und Geschäft geerbt, Liber verstand etwas davon und mehrte das Familienvermögen. Seine heiß geliebte Tochter nutzte die Gunst der Stunde und besuchte die Technische Hochschule in Wien. Eines Tages bewarb sich Fräulein Sarah Feldwerk bei Professor Hertz als Assistentin, ihr Vater hatte ihr ein Schreiben mit der Bitte um positiven Bescheid mit gegeben. Natürlich prüfte Heinrich Hertz zuerst die Eignung des 23 Jahre alten Fräulein Feldwerks. Sarah war klug und hatte das nötige Wissen, also erfüllte Heinrich den Wunsch des Freundes seines Vaters. Sarah wurde im Hertzschen Haushalt in Kost und Lohn genommen und erwies sich im Labor als fähige Hilfe. Heinrich und Sarah sprachen die selbe Sprache, welche ein Außenstehender kaum verstehen konnte.
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Als Heinrich seine Elisabeth heiratete, stand Sarah als erste in der Schar der Gratulanten. Sie freute sich wirklich für ihren Chef, und mit der neuen Frau Hertz verband sie rasch eine tiefe Freundschaft. Als Elisabeth mit Johanna schwanger wurde, fand sie in Sarah eine große Hilfe. In ihrer Freizeit malte Sarah. Zuerst einfache und ausgeschmückte Ornamente im Stil des Fauvismus, dann starke expressionistische Werke mit einem lieblichen fauvistischen Rahmen. Das Thema war immer eine Reise. Die Reise eines Menschen durch die Widrigkeiten eines Lebens, strotzend vor Symbolik. Sie war nicht untalentiert, aber hohe Preise hätten die Bilder wohl nicht erzielt. Dazu waren einiges zu Verstörend in ihrer Symbolik. Sarah war das egal! Ab und an sandte sie ihren Eltern das neueste Werk, welches natürlich zuerst vom Badischen und später vom Deutschen Geheimdienst, der Abteilung III b unauffällig, aber umso genauer unter die Lupe genommen wurde. Ebenso ihre Korrespondenz mit der Familie in Wien. Man konnte doch nicht zulassen, dass technische Grundlagen der Erfindung des Professors irgend jemandem verraten wurden. Die Agenten hatten eine leichte Aufgabe. Sarah ging nicht aus, traf sich mit niemandem, ihre Briefe waren unauffällig und auf den Bildern fanden sich keine Spuren von geheimen Botschaften. Trotzdem hatten Sarahs Informationen über die Fortschritte des Herrn Hertz ihren Weg zu den Spezialisten des Fürsten Hametten gefunden. Denn die Familie Feldwerk arbeitete für das österreichische Evidenzbureau. Es war nur zu leicht, mit Hertzschen Wellen aus einer Entfernung von wenigen Kilometern einen Funken auszulösen. Viel zu leicht. Und manchmal war diese Art der Zündung eben nicht unpraktisch.
Epilog
Mai 1889
Alexandria
Im verborgenen Tempel der `Abna‘ Ruh Allah, der Kinder des Geistes Gottes, sang die Gemeinde unter der Führung von Atrà das Lob ihres Glaubens. Dann sprach Atrà über die Lage des Ordens. „…und so müssen wir uns eingestehen, dass wir in Deutschland, den Donaumonarchien und Britannien herbe Rückschläge hinnehmen mussten. Die Basis unserer Verbindung sind dort leider bekannt und von der Polizei zerstört geworden. Einige unserer Anhänger wurden getötet, andere sind auf der Flucht. In Frankreich und in Spanien ist unser Orden aber immer noch frei, und dort besitzen wir auch noch Einfluss auf die Herrschenden. Der Toussidè ist für uns verloren, doch es gibt noch andere Lager, wo unsere Unterstützer ausgebildet werden können. Die Werften von Kos und Nisiros arbeiten gut und zu den rechten Zeiten wird unsere Flotte bereit stehen, ebenso wie unsere Kampffahrzeuge, welche in der Nähe des Katherinenklosters auf ihre Besatzungen und ihren Einsatz warten. Wir sind nicht besiegt, noch lange nicht. Mit Gottes Hilfe werden wir Jerusalem allen Widrigkeiten zum Trotz doch noch einnehmen, und Yohannes ben Atrà wird vom Tempelberg das Neue Königreich GOTTES verkünden!
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Jerusalem
Das alte Jerusalem, welches innerhalb der Stadtmauer lag, war ein etwas aus den Winkeln geratenes Viereck, das streng in vier Bezirke unterteilt war. Im Nordosten lag das bei weitem größte der Viertel, das muslimische, im Südosten das jüdische. Im Südwesten waren die Armenier zu Hause und im Nordwesten die Christen. Der Tempelberg, dessen oberes Plateau eine Größe von etwa 440 mal 300 Meter betrug, schnitt noch ein großes Stück aus dem jüdischen Viertel, und lange Zeit war es den Juden, Armeniern und Christen bei Strafe verboten gewesen, sich auf diesem Areal aufzuhalten, auf welchem vor langer Zeit der salomonische Tempel mit der verschollenen Bundeslade im Allerheiligsten gestanden hatte. Erst Sultan Abdülmezid hatte in seinem Manifest zur freien Ausübung der Religion bestimmt, das auch Bürger mosaischen Glaubens das Areal betreten und dort ihre Gebete und Rituale abhalten durften. Dafür hatte er sogar den Bau eines eigenen Gebetshauses neben dem Felsendom erlaubt, welches zwar um vieles kleiner als der ursprüngliche Tempel war, aber die gleichen Proportionen aufwies. Dieses Gebot hatte zwar die Imame sowohl in Mekka als auch in Jerusalem heftig empört, welche darin eine Entweihung der Al Aqsa Moschee sahen, doch der Sultan in Konstantinopel setzte seine Bestimmungen auch hier mit blanker Gewalt gegen die ewig gestrigen Fanatiker durch. Der Tempelberg stand nun allen abrahamitischen Religionen offen! Basta! Nur der Felsendom selbst und die große Moschee blieben allen anderen Religionen bislang immer noch verwehrt.
Außerhalb der Altstadt dehnte sich Jerusalem vor allem nach Westen, dem Mittelmeer entgegen aus, nur wenig nach Norden und Süden und so gut wie nicht nach Osten. Vor allem aus der Luft war das zusammenwachsen vieler Gemeinden noch deutlich zu erkennen. Aus der Luft waren auch die mächtigen Bollwerke rund um die Altstadt und die Bunkeranlagen am Stadtrand gut zu erkennen. Um die Altstadt hatte man zuerst eine breite Straße gebaut und nur für Fußgänger und kleine Fahrwerke mit Pressluftantrieb wie sie auch in Kairo zu finden waren, zugänglich gemacht. Darum war auf Geheiß von Abdülmezids Vorgänger zwei starke, moderne Mauern mit Bastionen für schwere Artillerie errichtet worden. Vor allem Mörser und Haubitzen. Zwischen den Mauern war damals eine kleine Armee stationiert gewesen, um sowohl die Christen als auch die Juden ständig daran zu erinnern, dass Aufstände sinnlos waren. Seit 1885 trug diese Armee neue, prächtige Uniformen und bestand aus Angehörigen aller Religionen. Wenn auch die alten osmanischem Truppenteile derzeit noch über die beste Ausbildung verfügten und den anderen Teilen damit deutlich überlegen waren.
Nach Osten wurde die Ausdehnung der Stadt durch jenes Tal behindert, in welchem die Anhänger des mosaischen Glaubens traditionell ihre Toten beerdigten. Dieses Gebiet zur Besiedelung freizugeben hätte eine Flut von Aufständen im ganzen Reich losgetreten, die bisher jeder Sultan gemieden hatte. Vor allem, weil diese Revolten sogar von eher säkularisierten Juden aus aller Welt Unterstützung erfahren hätten. Ein halbwegs vernünftiger Herrscher verzichtet auf unnötige Provokationen. Die Hänge des Tales waren mit mehr oder weniger großen Höhlen, manche natürlichen Ursprungs, manche von den kleineren teilweise mit kleinen Spitzhacken, Hämmern und Meißeln in den Fels geschlagen und mit bloßen Händen freischaufelt. Es galt als Privileg, in diesem heiligen Tal seine letzte Ruhe zu finden. Der Sage nach sollte auch Yeshua ben Miriam hier im Grabe des Josef beigesetzt worden sein. Selina bint Amira von den Awlad Alrabi wusste es genau. Genau dort, wo sie sich nun mit einigen anderen ihres Ordens und einigen Asnan Almasih traf, hatte Josef, der getreue Helfer des Lehrers, den betäubten Yeshua als tot niedergelegt haben. Es war eine der größten Höhlen, und sie sollte einen wichtigen Teil im Vorhaben der Eroberung Jerusalems durch die Asnan Almasih spielen. Schon damals hatten nur wenige Eingeweihte die Geheimnisse der Höhle gekannt. Eines davon war, dass ein auf beiden Seiten gut versteckter Gang von der Grabkammer in das Haus Josefs in der Altstadt führte. Ein Haus, welches seit damals immer einem Anhänger der Awlad Alrabi gehört hatte, der das Versteck stets zu hüten wusste. Ein weiteres Geheimnis war eine lange Grotte, deren Ausgang weit von Jerusalem entfernt lag. Der Höhlenausgang lag nun in einem christlich-orthodoxen Kloster. Einem sehr alten Kloster, einem der ältesten überhaupt. Man sagt, der Prophet Mohammed persönlich habe von diesem Kloster und seiner Uneinnehmbarkeit Kunde erhalten und mit seiner Streitmacht versucht, dieses Kloster zu erobern. Ihm allein sei es gelungen, bis an Tore zu gelangen und Einlass zu erhalten. Nachdem er das Kloster wieder verlassen hatte, soll er der Sage nach den Befehl erlassen haben, dieses Kloster, seine Bewohner und die Pilger dorthin zukünftig nicht zu belästigen. Der Grund für diesen Befehl ist nicht überliefert, doch bisher hatten sich alle Nachkommen des Propheten daran gehalten. Auch die osmanischen Sultane.
Selina war eine hagere Frau, in deren Gesicht schon viele Jahre ihre Spuren hinterlassen hatten. Ihr einst schwarzes Haar war bereits von vielen grauen Strähnen durchzogen, und ihre Finger waren knotig und steif. Ihr Gehirn jedoch funktionierte noch einwandfrei, und die alte Frau bereitete in Jerusalem die Ankunft des Messias der `Abna Ruh Allah vor. Sie war fest davon überzeugt, das Johannes ben Atrà, ihr Enkel, die Welt retten und das neue Königreich GOTTES auf Erden gründen würde. Mit Hilfe der Asnan Almasih.
„Colonel alHassathi, ich nehme an, Ihre Legionen sind einsatzbereit?“, fragte sie den Mann in der Uniform der Asnan.
„Zum Glück ist uns im Tibesti nicht das gleiche widerfahren wie den Kameraden im Toussidè“, rapportierte der kahlköpfige Bulle. „Ich habe nur einige Araber und einen guten Chef d’Legion bei der Suche nach dieser Trommel verloren, und wir haben nichts gefunden.“
„Die Trommel Dans ist zerstört“, informierte Selina die Anwesenden. „Zuerst hat aber die `Amirat nimsawia Mariam Sufya unsere Truppen in Gonder noch überfallen und an ihrer Arbeit gehindert, und nur der Sātān kann sagen, was diese Goja dort zu suchen hatte! Und warum sie sich unbedingt einmischen musste!“
„Vielleicht war sie auch hinter der Trommel her?“, spekulierte Isabella Franzens, eine jener Pilgerinnen aus Kassel, die in ihrer Heimat den Goldenen Frühling kennengelernt und sich ganz den Zielen der Awlad Alrabi verschrieben hatten. Sie verbreiteten die Kunde von der Rückkehr des Befreiers unter der Bevölkerung Jerusalems, unter Juden, Christen und Moslems, und die Botschaft traf bei so manchem auf offene Ohren.
„Sie ist schon bevor die Trommel benützt wurde vom Nil abgereist“, korrigierte Rav-Seren Aaron Anmari von der jüdischen Schutztruppe von Alt- Jerusalem. „Also, ich glaube, dass sie da noch nichts von dem Ereignis wusste!“
„Das ist doch völlig egal“, warf Pierre-Auguste leTraseur ein, der in Paris mit dem Zirkel in Verbindung gekommen war und nun bereits eine höhere Stellung im Orden innehatte. „Wichtig ist der Zeitplan! Am 26. September der christlichen Zeitrechnung beginnt das Jahr 5650 der hebräischen Zeitrechnung. Dann sind drei Mal 600 Jahre um, und wenige später Tage wird Yohannes ben Atrà drei mal sechs Jahre und kann seinen Thron beanspruchen!“
„Geduld“, mahnte Selina. „Wir haben ein Jahr Zeit. Wir müssen auch noch das siebente Schofar des Josua finden. Drei sind in Alexandrien, drei liegen im Kloster St. Katharina unter dem Berg des Moses, das siebente fehlt uns noch. Sucht es, und wir werden siegreich bleiben. Mit oder ohne die Trommel des Stammes Dan. Auch Atrà, meine Tochter, stimmt mit mir überein. Letztendlich wird das Königreich GOTTES wieder in Jerusalem errichtet werden. Und Yohannes wird die Gläubigen erlösen. Bis dahin geduldet Euch und treibt die Vorbereitungen voran.“
„Natürlich, Alsayid!“ Einer nach dem Anderen verabschiedeten sich die Mitglieder des Ordens von Selina, Walidat Atrà.
Die wartete, bis der letzte gegangen war, dann öffnete sie eine versteckte Tür, hinter welcher sechs Männer standen.
„Ich habe es bereits gehört, der Klang unserer Trommel war ein großer Erfolg!“
„Mehr als du dir vorstellen kannst, `Umu saghira“, nickte einer der Männer. „So gut, dass uns niemand entdeckt hat, als wir durch die Wüste verschwunden sind.
„Dann habt Ihr die Trommel gut hierher gebracht?“, vergewisserte sich Selina.
„Das haben wir! Sie steht jetzt geschützt vor Blicken und Wetter auf dem Dach deines Hauses hier in Jerusalem. Die MARIA M. hat uns abgeholt und am Kloster von Saint Catherine abgesetzt.“
„Gut“, freute sich die Großmutter des neuen Messias. „Dann bleibt Ihr hier in der Nähe. Wir können eine kleine Überraschung brauchen, denn schon Niccolò Machiavelli hat davor gewarnt, sich zu sehr auf Söldner zu verlassen! Aber ich möchte doch gerne wissen, was da in der Wüste Abessiniens explodiert ist! Und wie!“
=◇=
Wien
Die Nächte waren Ende Mai in Wien angenehm mild, und die Wiener, ob reich oder arm, bürgerlich oder adelig zog es in die Vororte zum Heurigen, wo man im Gastgarten ein paar Glaserln Wein genießen konnte. Bei Graf Justus von Hochloyben und seinen Freunden waren es einige Gläser mehr und bereits Nacht geworden, als sie ihren Dampffiakern zuwankten. Justus scherte zur Seite aus und näherte sich einem Baum, öffnete die Hose und verringerte in hohem Bogen den Druck auf seine Blase. Aus der Dunkelheit ertönte eine einschmeichelnde Stimme.
„Hallo, fescher Bub. Willst was schön‘s seh’n?“
„Schleich dich“, raunzte Justus ungnädig, beinahe hätte er sich die Schuhe nass gemacht. „Ich zahl‘ doch nichts für eine Straßenhur‘, da bin ich besseres g’wöhnt!“
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„Wer redet denn vom zahl’n?“ fragte die Stimme, und die Besitzerin näherte sich. „Für so einen Feschack wie dich müsst‘ eigentlich ich was zahl’n!“ Sie sah wirklich eher nach einer Dame als nach einer Prostituierten aus, und auch ihre Sprache klang eher nach gehobener Gesellschaft. Fast gegen seinen Willen sah Justus doch genauer hin, als die Frau die Knöpfe ihrer Bluse langsam öffnete. Das Tal ihres Busens zog seinen Blick magnetisch an und lenkten ihn auf ein Schmuckstück, das im Rhythmus ihres Atems aufblinkte. Seine Augen wurden langsam glasig, und er bemerkte den eleganten Zeigefinger kaum, der kurz seine Nasenwurzel berührte.
„Und jetzt steigen wir in deinen Fiaker“, befahl die Fremde. „Dort kannst mir dann ein bisserl was über den ‚Goldenen Frühling‘ und deine Verbindung dazu erzähl’n! Dann gibt’s vielleicht auch ein Leckerli für dich“, sie lachte laut und sinnlich. „Oder vielleicht auch für mich!“
„Ja, selbstverständlich“, antwortete Justus gehorsam mit seltsam unmodulierter Stimme und bot der Dame seinen Arm. Die Spitzen der langen Fangzähne, welche kurz im Laternenschein aufblitzten, als sie lächelte, hatten sie die Freunde von Justus sicher nur eingebildet. Der führte die schöne Frau mit seltsam steifem Gang zu seiner Kutsche.
„Nach Hause, Robert“, befahl der Graf, während er der Fremden in den Verschlag half und danach selbst einstieg. Seine Freunde sahen der Dampfkutsche einigermaßen neidisch nach.
„Dass der Justus immer so ein Glück bei solchene feschen Weiber hat!“, bemerkte Graf August von Tannstatt. „Das würd‘ ich mir auch einmal wünschen!“
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