Prolog:
Der Kampf Gut gegen Böse hat immer und zu allen Zeiten Opfer gefordert, die er gar nicht beabsichtigte. Ein Terraner hätte gesagt: wo gehobelt wird, da fallen auch Späne.
Was immer den Kontrahenten des Ewigen Kampfes in den Weg kam, stellte ein Hindernis dar und musste unter den Kampffolgen entsprechend leiden.
Man musste sowohl Hindernisse als auch Folgen im kosmischen Maßstab sehen, genauso wie der Kampf kosmisch zu betrachten war. Der Kampf tobte überall im Kosmos, und die Fallensysteme beider Fraktionen waren überall aktiv. So kam es, dass auch in der Galaxis Milchstraße Regionen einbezogen wurden in die Schlacht.
Im Weg lag ein unbedeutender Planet namens Erde …
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London, 25. August 1996:
„Komm, um alles in der Welt, Harold, und rette mich! Ich werde noch wahnsinnig!“
Das war wörtlich das gewesen, was mir mein guter Freund John Kerry durch den Telefonhörer entgegen gerufen hatte, bevor die Verbindung abrupt abbrach. Zum Glück war das ziemlich zum Schluss des Gesprächs gewesen, und ebenso glücklich war derzeit ein Sonntag im Spätsommer, Ende August, so dass ich mich ohnehin in mein Arbeitszimmer zurückgezogen hatte, um mich ein wenig von den anstrengenden Reisen der letzten Wochen und den Recherchen insbesondere der vergangenen Woche zu erholen.
Und dann dieser Anruf.
Im ersten Moment hatte ich, als ich Johns Namen hörte, entnervt wieder auflegen wollen, denn unsere Wege hatten sich eigentlich seit über einem Jahr getrennt. Damals waren wir auf einer Feierlichkeit bei der Eröffnung der Avantgarde-Kunsthalle in Berkshire in die Haare geraten, wobei er mir eine Reihe von Unflätigkeiten an den Kopf geworfen hatte. Normalerweise bin ich nicht der Mensch, der so etwas persönlich nimmt, aber das war nicht das erste Mal, und deshalb, vor allen Dingen, weil er das vor allen Leuten tat, hatte ich mich daraufhin von ihm distanziert und auf seine wiederholten Anrufe nur mit kommentarlosem Auflegen reagiert, bis er es schließlich sein ließ, mich zu behelligen.
Aber, wie gesagt, diesmal hatte ich nicht aufgelegt. Das deshalb nicht, weil pure Panik aus seinen Worten sprach, weil seine Stimme gehetzt klang, als ob der leibhaftige Teufel hinter ihm her sei.
Und nun, nach dem abrupten Ende des Telefonats, da war ich fest überzeugt, dass da irgendetwas gewaltig im Argen lag.
Ich hob den Hörer erneut und wählte wieder einmal. Diesmal aktivierte ich Jill, eine Reporterin mit ausgesprochen scharfer Zunge, wie ihre Artikel bewiesen. Wenn John wider Erwarten also wieder ausfallend werden würde, sollte sein Ruf darunter leiden. Andererseits schätzte ich Jill sehr, weil sie eine äußerst aufmerksame Beobachterin war. Sie hatte Psychologie studiert, und das mochte von Nutzen sein, mehr vielleicht als die Beobachtungsgabe eines auf Phantastik abonnierten Schriftstellers mit mäßigem Erfolg.
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Westwood Manor, Surrey, 25. August 1996:
„Was, sagtest du, hat dein Freund gesehen?“
Jill, die am Steuerrad ihres kleinen, hellblauen Toyotas saß, schüttelte ihre blonde Mähne im Fahrtwind, der durch die offenen Fenster strich. Rings um uns flog die gepflegte Parklandschaft von Surrey vorbei. Wir fuhren parallel zum Cobham Park, der sich rechterhand von uns erstreckte. Gleich musste die kleine Steinbrücke über den Mole kommen, direkt dahinter links die Einfahrt zu Westwood Manor, Johns Wohnsitz, in dem seine Ahnen schon seit über zweihundertfünfzig Jahren ansässig waren. Es war ein prächtiges, weitläufiges Haus im Tudorstil, um das man ihn beneiden konnte. Wenn man allerdings erfuhr, wie hoch die Instandhaltungskosten waren, dann war der Neid zumindest meinerseits wie weggeblasen.
„Nashörner“, sagte ich und bemerkte dann gleich darauf unzusammenhängend: „Vorsicht, gleich kommt die Brücke, von der ich dir erzählt habe. Danach musst du scharf links abbiegen.“
„Was?“
Sie nahm den Fuß vom Gaspedal und holperte, langsamer werdend, über die enge Brücke, über die nur ein Fahrzeug fahren konnte. Gottlob konnte man die Gegend gut einsehen. Ich mochte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn man im Nebel hier auf einmal Gegenverkehr hatte.
„Wie – ‚was’?“
„NASHÖRNER? Das ist doch wohl ein schlechter Witz! Wo sollen die hier denn herkommen?“
„Gute Frage“, nickte ich. Wir bogen scharf links in die Kurve ein, die rechts und links von hohen Hecken gesäumt wurde, über die ich nicht einmal würde hinüberblicken können, wenn ich mich auf die Kühlerhaube des Wagens stellte.
Die Bäume in den Gärten rechts und links hinter den Hecken verwandelten den Weg in eine düstere Gasse, aber die Lichtstrahlen, die durch das Blätterdach einfielen, verwandelten den Hohlweg in den Mittelgang einer Kathedrale.
„Welches Haus ist es?“, wollte Jill wissen. Sie fuhr jetzt Schritttempo, damit wir die Einfahrt nicht verfehlten.
„Soweit ich weiß, müssen wir in der ersten Einfahrt hinein … aber um auf deine Frage zurückzukommen: dass er sich einen unpassenden Scherz mit mir erlaubte, das Gefühl hatte ich auch. Aber seine Stimme klang ganz und gar nicht danach, als ob ihm zum Scherzen zumute wäre. Wirklich nicht.“
„Da vorne ist die Einfahrt“, unterbrach mich die Reporterin mit ihrer kräftigen Sopranstimme.
Ein Krachen zerriss unsere Diskussion.
„Was zum Teufel war das?“
„Klang wie ein Schuss“, meinte ich. „Kann natürlich auch ein Knallkörper gewesen sein. Aber dafür ist die Zeit eigentlich reichlich unpassend …“
Und dann passierte ES!
„Vors …!“, schrie ich noch auf.
Wir hatten gerade das steinerne Tor passiert, in dem die schmiedeeisernen, verzierten Tore sperrangelweit offen standen, als aus einer Hecke auf der linken Seite etwas hervorbrach und uns mitten in den Weg lief.
Jill schrie ebenfalls entsetzt und versuchte, auszuweichen. Der Toyota schleuderte nach rechts in die Hecke hinein, aber das hätte nicht ausgereicht. Das Wesen, das uns in den Weg lief, rannte mitten in die Kühlerhaube hinein und hindurch!
Wie ein Spuk und blitzschnell war es wieder verschwunden.
Es hatte die rechte Hecke auch durchquert, und nun wies nichts mehr darauf hin, dass wir überhaupt eine Art von Begegnung gehabt hatten.
Der Toyota, leicht ramponiert und bis zur Hälfte der Motorhaube in der immergrünen Hecke vergraben, war zum Stillstand gekommen. Jill saß mit geweiteten Augen hinter dem Lenkrad und keuchte. Ich spürte auch, wie mein Puls jagte und das Herz wild hämmerte.
‚Reaktion auf das Schockmoment. Erhöhter Adrenalinausstoß’, sagte mein nüchtern-rationaler Verstand, irgendwo weit hinten in meinem Schädel vergraben.
„Allmächtiger! Was … was … war das denn?“
„Offenbar … ein Geist“, murmelte ich.
Schritte hasteten über den hellen Kies auf uns zu. Hinter der leichten Biegung, die der Weg machte, erschien eine Gestalt, die überaus bizarr wirkte. Sie trug Khakikluft und kurze Hosen, Schnürstiefel und knielange Strümpfe, ein Tropenhelm saß auf dem Kopf, und Munitionsgurte überzogen den Oberkörper der Gestalt. In den Händen lag ein monströses Gebilde von Gewehr mit einem enormen Laufdurchmesser.
Die wirren schwarzen Haare wiesen mich darauf hin, dass es sich hierbei um einen merkwürdig veränderte John Kerry handelte, der offenkundig zur Selbsthilfe gegriffen hatte.
Er eilte zu meiner Seite des Wagens und schrie mich an: „Wo ist es hin? Hast du gesehen, wo es hin ist?“
„Ja“, meinte ich verwirrt. „Aber, John, mit diesem Ding wirst du dagegen nichts ausrichten. Es ist ein Geist …“
„Ha! Wenn du wüsstest, was die vorher gemacht haben! Ich habe sie schon ein Stück weit vertrieben, und ich werde sie noch weiter vertreiben …! Du wirst es schon sehen …“
Dann aber lehnte er schnaufend am Wagen und meinte: „Aber ich bin zu alt für diese Art von Jagd. Die Kerle machen mich schier fertig. Es sind zu viele.“
„Wie viele von diesen … Nashörnern … sind es, Mr. Kerry?“, wollte Jill wissen, die sich nun bemerkbar machte. John schien sie vorher nicht gesehen zu haben.
Ich stieg aus, damit Jill auch heraus konnte, aber sie rangierte erst einmal den etwas mitgenommenen Toyota so aus der Hecke heraus, dass sie auf ihrer Seite aussteigen konnte.
„Eh … eh, ich weiß nicht“, gab John zurück, der über ihre Anwesenheit und die Frage sichtlich irritiert war. Er hatte immer schon ein deutlich gestörtes Verhältnis zu Frauen gehabt. Das musste an seiner Mutter gelegen haben, die ihn weiblicher Gesellschaft bis zur Volljährigkeit vorenthielt. So kam es, dass er mit 40 immer noch ledig war.
„Aber mehr als eins.“
„Ja! Natürlich!“ Er fauchte mich regelrecht an, als ich diesen Einwand machte. „Für so dumm solltest du mich nicht halten, Harold! Es mögen zehn oder zwanzig sein, was weiß ich denn, wie viele! Auf einem Haufen zeigen sie sich ja nicht. Aber das wäre auch verheerend. Zwei von ihnen kamen gestern zum Fünfuhrtee in mein Wohnzimmer! Mir ist fast das Herz stehengeblieben, sage ich dir!“
Wir gingen, den Toyota zurücklassend, nachdem Jill die Fensterscheiben hochgekurbelt und den Wagen abgeschlossen hatte, um die Linkskurve herum zum Herrenhaus. Vor dem Gebäude breitete sich ein kunstvoll bearbeiteter Garten mit sehr kurz gestutztem, tiefgrünem Rasen und perfekt beschnittenen Eiben und Buchen aus.
Und dazwischen stand ein Nashorn!
„Aaaah!“, kreischte John, riss die Elefantenbüchse an die Schulter und visierte.
Das Nashorn rannte los. Direkt auf uns zu.
Jill wurde aschfahl, und selbst ich sprang zur Seite.
John aber feuerte auf das Ungetüm, das wirklich gigantisch war. Es war schulterhoch, und das kurze Horn über dem Maul wippte auf und ab, während es immer rascher lief.
Die Kugel hätte den Kopf voll getroffen und zertrümmert, doch noch immer hatte dieses Ungetüm keine Substanz. Dabei sah es so real aus.
Die Kugel durchdrang das Phantom und hieb in einen Buchenstamm. Der ganze Baum schüttelte sich, so heftig war der Aufprall. Auch John taumelte zurück.
Und dann galoppierte das Nashorn mitten durch meinen einstigen Freund hindurch!
Es rannte auf Tuchfühlung an mir vorbei, und diesmal spürte ich einen Luftzug, ob das nun Einbildung war oder nicht.
Aber konnte ein Gespenst einen Luftzug erzeugen?
„Das ist ungeheuerlich!“, murmelte Jill Spencer benommen und ungläubig. „Phantastisch!“
„Beängstigend ist das treffendere Wort“, korrigierte ich sie, nachdem ich mich von dem neuerlichen Schock erholt hatte. Ich entsann mich eines Bekannten, der in Afrika beinahe einmal von einem Nashorn niedergetrampelt worden war, weil er es in der Brunftzeit gereizt hatte. Er hatte damals den Vergleich mit einer Dampframme gebraucht, die ihn fast umgebracht hätte.
Aber noch unheimlicher war es, wenn diese Wesen als Gespenster auftraten.
„Fotoapparat dabei?“
„Natürlich!“, sagte sie fast empört und griff nach ihrer Handtasche.
„Sinnlos“, bemerkte John resigniert, während er die schneeweißen Stufen zur schweren Eichenholztür hinaufstieg. „Das habe ich schon versucht. Zumindest Polaroidfotos sind sinnlos. Wie das bei Geistern eben so ist.“
„Leer?“
„Vollkommen. Mit den Fotos kannst du nichts machen.“
„Das werden wir ja sehen!“
Jill hatte Blut gerochen.
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Wenig später tranken wir in seinem Salon Tee. John hatte, als die Phantome auftauchten, alle Angestellten nach Hause geschickt, um die Bahn frei zu haben und niemanden zu verletzen, wenn er auf diese Ungetüme feuerte. Deshalb musste er nun notgedrungen alles selbst machen, was ihm etwas schwer fiel. Der Tee war beispielsweise entschieden zu stark. Jill goss ihn weg und machte selbst neuen, der dann weitaus besser schmeckte.
„Wann hat das angefangen?“
„Vor vier Tagen“, erzählte John frustriert und hilflos.
So, wie er es darstellte, war es von einem Tag, ja, von einer Stunde auf die nächste gekommen. Plötzlich, während er im Garten herumging, war ihm das erste Nashorn über den Weg gelaufen. Er hatte sich natürlich mordsmäßig erschreckt und war davongelaufen, wobei es ihn niedergetrampelt hätte, weil er natürlich – tollpatschig, wie er war – genau in der Spur des Ungetüms lief. Erst, als es durch ihn hindurchgaloppierte und in einer Hauswand verschwand, konkret: in der Wand seiner Garage, in der sein Rolls-Royce Silver Shadow stand, da hatte er begriffen, dass es sich um ein Gespenst handelte.
„Damals nahm ich an, dass es sich um einen obskuren Zauber handelte. Mein Großvater war in den Zeiten des Empire begeisterter Großwildjäger in Afrika. Von ihm stammen auch die Kleidung und die Waffe. Aber ich begriff nicht, weshalb man mir Jahrzehnte nach Großvaters Tod – er starb 1962 – Geisternashörner auf den Hals hetzen sollte.“
Wir begriffen das auch nicht.
Zuerst schien es nur eins gewesen zu sein. Aber bald richtete sich John einen „Hochsitz“ ein, wie er das nannte: ein Dienstbotenzimmer im 2. Obergeschoss, dicht unter dem Dachfirst, diente ihm dazu, einen Überblick über das Anwesen zu behalten. Dort saß er mit Stift, Block und Fernglas und beobachtete mit Argusaugen die Umgebung.
„Ich nehme an, es sind fünfzehn oder zwanzig“, gab er zu. „Aber ich konnte sie nie alle gleichzeitig im Auge behalten. Sie verstecken sich auch unter den Büschen und Bäumen und manchmal IN den Mauern oder Heckenschatten. Es können genauso gut dreißig oder fünfzig sein.“
„Das ist eine äußerst hohe Dunkelziffer.“
„Was soll ich denn machen, Lady, Ihrer werten Meinung zufolge?“, fauchte er zornig und setzte die Teetasse hart ab, die er eben noch mit beiden Händen gehalten hatte. Der ganze runde Tisch bebte.
Jill lächelte verschmitzt.
Ich ahnte Böses, denn dieses Lächeln kannte ich zur Genüge.
„Ich kenne da jemanden, der die Möglichkeit haben könnte, das ganze Gelände zu beobachten. Und dann können wir dieses Phänomen ja analysieren. Einverstanden? Umso schneller ist wieder ein normales Leben möglich …“
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Westwood Manor, 26. August 1996:
„Normales Leben, ja?“
Johns Stimme schrillte, als der dritte Lkw auf die Kiesauffahrt fuhr und stehen blieb. Aus den beiden anderen Wagen ergoss sich ein Strom von Männern in Overalls, die allerlei Metallkisten und -koffer ins Innere des Hauses schleppten, Kabelrollen mitbrachten und Gestänge hin- und hertrugen.
„Normales Leben soll wieder möglich sein, ja, Lady? Und was wird DAS für ein Tollhaus?“
Ein Mann stieg aus dem dritten Lkw aus. Er war ziemlich korpulent und hatte die Statur eines Bären. Sein kurz geschorenes, rotes Haar erinnerte mich auf frappierende Weise an den Rasen vor dem Haus. Im linken Mundwinkel saß eine immense Pfeife mit gebogenem Henkelstiel, und aromatischer Duft umwehte ihn wie eine beständige Nebelwolke.
„Hi, Süße“, sagte er zu Jill. „Bin ja mal neugierig auf deine hiesigen Sensationen.“
Jill begrüßte ihn mit Handschlag, ohne auf Johns protestierende Worte einzugehen.
„John, das hier ist George. George MacIntosh, der Sensationsmacher von der BBC-Television.“
„Fernsehen?“, kreischte John Kerry entgeistert. „Aber ich habe nicht …“
„Vorsicht, Nashörner!“, rief ich von den Stufen.
Ich hatte sie zuerst gesehen, diesmal waren es gleich drei, die aus den Büschen brachen und quer über den Rasen auf uns zuliefen. Auf uns und das Haus.
George fiel vor Schreck und Unglauben seine Pfeife aus dem Mundwinkel.
Die Techniker ließen alles stehen und liegen und machten, dass sie Deckung fanden. Nur John blieb ungerührt stehen, ebenso Jill.
Einer der Dickhäuter mit der graubraunen Haut rannte auf Tuchfühlung an John vorbei und schleuderte ihn zu Boden!
Dann verschwand das Nashorn im Innern des Hauses wie ein Phantom, das es bislang immer gewesen war.
Jill bückte sich direkt neben John und half ihm auf.
„Ich … ich … habe es gespürt!“, wisperte er zittrig. „Mein GOTT, ich habe es GESPÜRT!“
Im Kies waren deutlich die Eindrücke von vier massiven Hufen zu sehen. Offenkundig wurden die Nashörner allmählich Bestandteil dieser Welt. Wie auch immer das möglich sein mochte. Und woher auch immer sie kommen mochten.
„Na?“, erkundigte sich Jill bei George MacIntosh. „Überzeugt, dass das eine gute Story ist?“
MacIntosh schluckte heftig, und die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück. „Teufel. Teufel auch. Teufel, ja, Jillschatz – und was für ’ne Story! Teufel, Teufel. Noch nie so was gesehen!“
„Chef! Yvonne hat die Tiere im Kasten! Sie hat wirklich keine Schocksekunde“, sagte ein Mann, der aus dem zweiten Wagen sprang. Auf ihn war oben eine Kamera montiert, die sich, von niemandem beobachtet, mitgedreht hatte. Die Kamerafrau im Innern, eine grauhaarige Frau Mitte Dreißig, hatte in dem Moment, in dem alle in Deckung sprangen, die Kamera geschwenkt und die Tiere aufgenommen.
„Ihr werdet kein Glück haben“, murmelte John. „Kein Glück.“
„Na, sehen wir’s uns doch mal an. Wenn das eine Halluzination war, dann aber eine sehr massive“, meinte MacIntosh, der sein Entsetzen nun gänzlich überwunden hatte. „Oder hat irgendwer was anderes gesehen als drei angreifende Nashörner?“
Natürlich nicht.
Kurz darauf spulte Yvonne die Aufzeichnung zurück und spielte sie auf einem Monitor im Wagen 2 wieder ab. Hier drängten sich nun alle, selbst John, obgleich er skeptisch war. Ich guckte nur über Jills Schulter hinweg in den Wagen.
John hatte allerdings Recht.
Wir sehen nur, wie alle in Deckung sprangen. Von den Tieren selbst war nichts zu entdecken.
Bis auf einen Moment. Das war der Augenblick, in dem John umgerannt wurde. Da erschien ein vager, schulterhoher Schemen, dessen vier Füße deutlich zu sehen waren. Alles andere blieb verschwommenes Grau. Und danach war die Erscheinung wieder vollkommen verschwunden.
Genau an dem Punkt verschwand sie von der Bildaufzeichnung, an der die Fußspur endete.
Wir hatten es offenkundig mit Geistern zu tun.
Mit Geistern, die allmählich immer realer wurden.
Wie auch immer das möglich sein mochte …
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Spektralebene 0.2239:
„Noch keine Zustandsänderung, Groon?“
„Keine nennenswerte. Späher Voong hat angegeben, er sei bis in Spektralebene 0.6609 vorgestoßen. Aber das wäre der weiteste Vorstoß bislang überhaupt. Ich bin skeptisch. Er hat keinerlei Beweise.“
Kaoond schnaubte missbilligend in den Nebel.
„Wir müssen also unsere Runden weiterdrehen, bis wir den Feind gefunden haben“, murrte er. „Das gefällt mir nicht.“
„Wem aus dem ruhmreichen Goodoom-Volk gefällt das schon?“, antwortete der Supervisor Suuhling beruhigend. „Wir sitzen eben in der Falle. Wir wussten, dass die Dimensionsbrücken beobachtet werden und meinten, Schnelligkeit würde uns davor bewahren, in eine Falle zu laufen. Dabei sind die Fallen so groß wie ganze Welten, nicht umsonst werden wir vor der Finsternis des Feindes gewarnt, dessen Tücken und Listen unzählig sind.“
Der Boden bebte. Die Herde der Goodoom kam wieder.
Kaoond trat aus dem Zelt und blickte auf die wirbelnde Masse der Goodoom, die das Zelt umrundeten. Sie liefen nicht in konkretem Kreiskurs, sondern quirlten durcheinander, bogen manchmal in Spiralformationen ein, schlugen Haken und machten Schlenker.
Und hoben so das Spektralniveau.
Ein allgemeines Zittern und Knistern ging durch die Masse.
Der Nebel hob sich etwas, und diffuse graue Umrisse wurden erkennbar.
„Wundervoll!“, grollte Kaoond. „Miss das Spektralniveau nach! Wir sind näher herangekommen, nicht wahr?“
Suuhling bestätigte das und maß mit seinen Apparaturen nach. „Die Annäherung ist enorm. Wir befinden uns nun auf der Spektralebene 0.3783. Und wir gleichen uns weiter an. Offenkundig befindet sich der Kristall in diesem Quadranten. Wir nähern uns ihm sehr schnell.“
„So perfide auch der Geist des Finsteren Feindes ist“, triumphierte Kaoond, „so unüberwindlich ist doch unser Kampfesgeist und unser Einfallsreichtum!“
„So sei es“, stimmte der Supervisor zu. Doch insgeheim war er davon überzeugt, dass die Perfidie des Finsteren Feindes erst anfing.
Und er sollte Recht damit behalten …
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Westwood Manor, 26. August 1996:
„Das ist eine irre Story“, meinte Amanda Cassidy, eine dunkelhaarige, schlanke und überaus attraktive Journalistin, als sie das Aufzeichnungsgerät abschaltete, auf der nun die Aussage von John Kerry festgehalten war, wie es zu dieser Geisterinvasion gekommen war. Es war natürlich nur wenig mehr als das, was er Jill und mir schon erzählt hatte.
„Das ist vielleicht tödlich“, schränkte ich ein, „wenn diese Nashörner wirklich real werden.“
„Dann schicke ich sie mit meiner Jagdbüchse alle dorthin, wohin sie gehören – in die Ewigen Jagdgründe nämlich!“, knurrte John ungehalten.
Ein Donnern und Beben im Boden schreckte uns alle auf. Wir saßen im geräumigen Wohnzimmer von John und zuckten zusammen, als wir das hörten. Die Journalisten, Reporter und Kameraleute hatten sich im ganzen Haus verteilt, besonders im Obergeschoss, wo sie die besten Überblicke hatten. Von dort oben kam nun auch der Schrei.
„Allmächtiger! Es sind Hunderte! HUNDERTE!“
Wir sprangen unwillkürlich auf und eilten nach oben. Ich erreichte den Ausguck als zweiter und stierte hinaus.
Ich kam mir wie auf die Serengeti versetzt vor. Eine ganze Legion von Nashörnern donnerte in Formation um das Haus herum, immateriell durch Bäume und Hecken sowie Fahrzeuge laufend.
FAST immateriell!
Metallisches Kreischen und das Zerbersten von Glas machte mir klar, dass sie teilweise schon massive Gegenstände derangierten.
Und dann änderten sie den Kurs und erstürmten das Haus!
Unten kreischte jemand in schierem Entsetzen. Donnern, Klirren, Schreie und erstmals auch seltsam schnaubende Laute der Tiere durchmischten das allgemeine Chaos.
Aber all das dauerte nur vier, fünf Sekunden. Dann war alles wieder still.
Mit zitternden Knien gingen wir wieder hinunter und sahen hier umgestürzte Vitrinen, zertrümmertes, kostbares Porzellan, die Rest der massiven Haustür, die nur noch als Rest in den Angeln hing. Das starke Vollmetallschloss war herausgerissen worden und lag am Ende der Eingangshalle, deren Boden mit den verdrehten, zerborstenen Trümmern von Vitrinen und Türüberresten gepflastert war. Aber bizarrerweise war die hohe Standuhr hinter dem gerade noch zerrissenen Vorhang unbeschädigt.
Dort waren die Nashörner wieder immateriell geworden.
John Kerry hockte in den Trümmern seines Salons und hatte unübersehbar einen Schock erlitten. Der Tisch, an dem wir vor wenigen Minuten noch gesessen hatten, war Kleinholz, ebenso alle Möbel, auf denen wir Platz genommen hatten. John war nur deshalb dem Tod entgangen, weil er zum Fenster gestürmt war. Hinter ihm im Zimmer war alles verwüstet und niedergetrampelt. Fünf Zentimeter vor der Stelle, an der er kauerte, hörten die dunklen Spuren der Trittsiegel auf. Wie die Uhr war er der Vernichtung und dem Tod nur haarscharf entronnen.
„So kann das nicht weitergehen!“, sagte ich entschlossen. Selbst wenn John nicht mehr unbedingt das war, was ich einen Freund nennen wollte, konnte ich doch nicht zusehen, wie eine metaphysische Gefahr ihn umbrachte und seinen Besitz auslöschte.„Ich habe diesmal mehr auf dem Film“, hörte ich Yvonnes Stimme. „Beinahe kann man sie schon als Nashörner erkennen.“
Mir war das alles nicht recht.
John, ziemlich apathisch, weil mit den Nerven am Ende, wurde von Jill und mir in ein noch unbeschädigtes Zimmer im ersten Stock transportiert. Das Erdgeschoss sah schon aus, als habe dort eine Soldateska wochenlang gefeiert. Und diese Leute, die Jill mitgebracht hatte, sahen das offensichtlich alles nur als Medienspektakel an, das sie gut vermarkten konnten.
„Jill“, stellte ich sie zur Rede, als wir wieder ins Erdgeschoss zurückgingen, „was hast du dir dabei gedacht, deine Leute zu holen? Wie sollen sie in diesem Fall helfen?“
Sie lächelte schon eine ganze Weile nicht mehr. Als sie mir nun antwortete, war Jill auch ernster, als ich sie sonst kannte. „Das hier ist eine ernste Sache, Harold. Anfangs war mir das nicht bewusst. Aber inzwischen schon. Wenn meine Kollegen die Aufnahmen ausstrahlen, und das wird schon in etwa anderthalb Stunden der Fall sein, dann alarmieren wir damit möglicherweise Leute, die uns helfen können.“
„Und wer soll das sein?“
„Parapsychologen oder Okkultisten vielleicht …“
Sie wusste es selbst nicht.
Wir hatten alle noch keine Ahnung, was wir mit diesem Filmdokument auslösen sollten.
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Spektralebene 0.5991:
„Wir haben diese Schatten erkannt, Kommandeur!“, sagte der Späher. „Es sind Schergen des Finsteren Feindes. Und sie sind bewaffnet!“
„Bist du sicher, Shoolog?“
„Ja, hoher Kommandeur! Vollkommen! Und dieses nebelhafte Gebäude, um das wir herumlaufen, beinhaltet den Kristall. Da bin ich völlig überzeugt.“
Kaoond brummte zufrieden. Die Niveaus glichen sich immer rascher an, eine Folge der Kristallnähe. Bald würden sie den Kondensationskristall haben, und dann konnten sie vollmassiv auf dieser fremden Welt, in dieser bizarren Zeit und einer fremdartigen Umwelt den Kampf gegen den Finsteren Feind aufnehmen…
„Und es stimmt, dass ihr zuweilen vollmassiv seid?“
„Nur teilweise“, schränkte Shoolog ein. „Die Panzer sind noch nicht zu öffnen, das können wir wohl erst, wenn wir materieller sind. Da scheint es eine direkte Abhängigkeit zu geben. Aber wir können schon Bollwerke der dortigen Welt beschädigen. Die Spektralfaktoren 0.883 und 0.892 haben wir schon erreicht. Da ist dergleichen möglich. Zudem wird es heller. Es scheint sich nicht um eine Scheibenwelt zu handeln.“
„Um was denn sonst?“
„Den Gravitationsvektoren zufolge um eine Welt in Kugelgestalt.“
Kaoond äußerte Zweifel, ebenso Suuhling.
„Dass muss dann schon eine sehr ferne Welt sein, wenn unsere bekannten Naturgesetze nicht mehr gelten. Wir können nicht sagen, was uns dort erwartet“, sagte der Supervisor. „Seid vorsichtig, würde ich vorschlagen.“
„Natürlich sind wir das.“
Aber alle wussten, dass Shoolog den Heldenmut vor die Vorsicht setzte. So war das nun einmal mit den jungen Goodoom.
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Westwood Manor, 26. August 1996:
„… bisher nichts Neues über die Geister-Nashörner von Westwood Manor. Da bei Annäherung Lebensgefahr besteht, ist dringend davon abzuraten, sich in die Nähe dieses Landstriches zu begeben …“
Ich schüttelte den Kopf, als ich das im Fernsehen mit ansah. Es wurden verschwommene Schemen gezeigt, die ein Kamerastativ niedertrampelten und in den Hecken im Garten verschwanden.
„Jill, wenn du ehrlich bist, musst du doch zugeben, dass DAS die Leute geradezu in Scharen herlocken wird. Primär Gaffer.“
„Das ist zu befürchten. Aber ich hoffe, dass die Fachkräfte vorher hier sind.“
Ein Gezeter an der Eingangstür erregte unsere Aufmerksamkeit.
„… mich doch durch! Ich gehöre zum Haushalt! Ich muss wissen, wie es Sir Kerry geht …!“
Ich eilte in den Eingangshallenbereich, wo zwei Fotografen, einen schmalen, hageren Mann festhielten, den ich erkannte. Und auch er erkannte mich sogleich wieder. Ich war ja schon einige Male hier gewesen.
„Sir! Master Lane! Sie müssen mir helfen! Sie wissen, dass ich im Hause angestellt bin. Was um alles in der Welt ist hier passiert?“
„Tja, James, das sind die Nashörner gewesen“, bemerkte ich seufzend. „Lassen Sie ihn los! Er ist der Butler von Mr. Kerry.“
„Nashörner? Ich … hielt das, was im Fernsehen gezeigt wurde, für einen schlechten Scherz, der auf Kosten meines Herrn gemacht wurde“, schwatzte der ältliche, bartlose Butler drauflos, als wir in den erste Stock hinaufsteuerten, in dem John noch immer mit Verwirrung und Schock im Bett lag.
„Leider nicht“, gab ich zu. „Man könnte es für einen schlechten Scherz halten, zugegeben. Aber das ist nicht der Fall, wir haben … aber was, um alles in der Welt, ist DAS denn nun schon wieder?“
Zwei Hubschrauber strichen über das Dach hinweg und landeten hinter dem Haus auf den ausgedehnten Rasenflächen. Auf der Kieszufahrt wurden gleichzeitig die dröhnenden Geräusche von Lastwagen hörbar. Dazu kam Sirenengeheul.
„Das wird wohl das Militär sein, Sir.“
„Das MILITÄR?“, echote ich verständnislos.
James – seinen Nachnamen kannte ich nicht – zuckte mit den Schultern und meinte nur lakonisch: „Sie sind mir von Cobham aus gefolgt. Es wird wohl davon ausgegangen, dass diese … Nashörner eine Gefahr seien. Eine nationale Gefahr, meine ich. Haben die Soldaten hier nicht angerufen?“
„Die Leitung ist unterbrochen, und jeder Versuch der Instandsetzung ist bisher gescheitert“, erklärte ich ein weiteres Geheimnis, das nicht aufzuklären war. Dann ergänzte ich hastig: „Kümmern Sie sich besser um Ihren Herrn. Er liegt im dritten Zimmer links …“
„Aber das ist Miss Perssons Zimmer …!“ James schien ehrlich entsetzt. „Seine Räume sind doch unten …“
„Die sind momentan nicht zu benutzen. Er muss hier oben blieben, das ist besser für seine Sicherheit!“
Dann hastete ich hinunter ins Erdgeschoss. Die Ankunft der Soldaten schien ein weiteres wichtiges Signal zu sein.
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„Zivilisten!“, fauchte der gertenschlanke, steif wie ein Ladestock dastehende Major Anderson, der das Kommando über die dreißig Soldaten hatte, die aus den Lastwagen quollen und das Gelände zu sichern begannen. „Ich glaube, wir müssen hier etwas härter durchgreifen! Und wenn wir wissen, was hier eigentlich läuft, dann werden wir die konkreten Aktionen planen und in die Tat umsetzen. Stewart! Sie suchen sich einen Raum als Kommandozentrum. Am besten im Erdgeschoss.“
„Ja, Sir. Kürzerer Fluchtweg.“
„Und wer immer der Ansicht ist, Sie aufhalten zu müssen, vergeht sich damit gegen die Staatsmacht. Sie werden ihn dann inhaftieren können. Die Vollmacht haben Sie von mir.“
„Ja, Sir!“
Stewart eilte davon, ein drahtiger, kleiner Mann mit einem Wieselgesicht, aber tüchtig und unbedingt loyal.
Wenig später tauchte ein Zivilist aus dem Hausinnern auf, ein Mann in leichtem, kurzärmligem Hemd und leichter Tuchhose, dessen buschiges, braunes Haar und Schnurrbart das lange Gesicht irgendwie aristokratischer aussehen ließ. Er kam direkt auf den Major zu und fragte ohne Umschweife: „Darf ich erfahren, wer Sie, um alles in der Welt, alarmiert hat, hier mit einer ganzen Armee aufzutauchen, Major?“
„Sind Sie der Hausbesitzer?“
„Nein, nur …“
„Dann ist das für Sie unwichtig. Wir tun unsere Pflicht, und Sie als Zivilist halten uns davon ab.“
„Ich bin ein Freund von Mr. Kerry. Sie sind hier genauso Besucher wie ich auch und haben demgegenüber keinerlei Vorrechte“, hielt der leger gekleidete Mann Major Anderson vor.
Anderson knurrte etwas und meinte unwirsch: „Geben Sie vor, besser informiert zu sein als ich?“
„Klinge ich danach?“
„Ja.“
Der Mann lächelte. „Nun, da ich länger hier bin, weiß ich in der Tat etwas mehr als Sie, Major. Mein Name ist übrigens Harold Lane …“
„Kommt mir bekannt vor …“
„Ich bin Schriftsteller.“
„Das erklärt einiges. Ich habe Sie wohl in schlechter Erinnerung. Haben Sie nicht dieses Enthüllungsbuch über die Kaserne in Aldeburgh geschrieben?“
Ich nickte. Das lag nun wahrlich schon fünf Jahre zurück, aber es hatte damals einen ziemlichen Aufstand gegeben, als ich unglaublich brutale und auch hygienisch unhaltbare Zustände in der damaligen Kaserne von Aldeburgh aufgedeckt hatte. Das war mein letztes Buch auf dem journalistischen Sektor gewesen. Danach hatte ich mich phantastischen Stoffen zugewandt, weil mir gewusst war, dass meine Recherchen bei staatlichen Themen fortan massiv behindert worden wären.
Dass ich nun zufällig einem Major über den Weg lief, der meine Publikation von damals kannte und von daher ein Ressentiment gegen mich hatte, war wirklich ein unglücklicher Zufall.
„Ich habe mich aber von politischen und militärischen Fällen längst zurückgezogen“, erklärte ich defensiv. „Sie brauchen also keine Sorge zu haben …“
Eine Stimme unterbrach unseren Disput.
„Harold! HAROLD! Sie kommen wieder! Diesmal greifen sie auf breiter Front das Haus an! Bring dich in Sicherheit!“
Jill. Sie rief aus dem zweiten Stockwerk.
Ich fühlte das Beben des Boden und hörte ein hundertfaches Schnauben und Grunzen. Es hörte sich an, als ob dies ein kollektiver Kampfschrei sei.
„Lane! Was hat das zu bedeuten?“, schrie mir der Major hinterher, denn ich hastete schon wieder die Treppe hinauf ins Innere des Gebäudes.
Ich hielt nur kurz inne und rief hinunter: „Sie tun besser daran, Major, um Ihr Leben zu rennen – die Nashörner kommen!“
Es dauerte nur Momente, bis Anderson mir folgte.
Und ihm auf dem Fuß rasten die gepanzerten Kolosse heran.
Diesmal schienen sie vollständig stabil zu sein.
Tödliche Rammböcke!
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Spektralebene 0.7812:
Die Umgebung war ein seltsames Zwielicht. Immer wieder flackerten eigentümliche Metallfahrzeuge, dazu grüne, poröse Wände und weiß gestaltete Flussbetten ohne Wasser auf, die eigentümlich künstlich aussahen. Dazu dieser gewaltige Klotz von Festung die von Barrikaden nur so wimmelte, wie Voong wusste. Er war schon darinnen gewesen und hatte für Chaos gesorgt. Dennoch schien die Struktur des feindlichen Gebäudes nicht beeinträchtigt zu sein.
Alles war grau in grau.
Keinerlei Farben waren zu erkennen.
Dies war ein Reich des Todes, ein Zwielichtreich von vielen, ein Reich wie das, durch das sie bislang gewandert waren. Fort waren die goldenen Sümpfe von Shuulikuuhr, Ewigkeiten versunken die Absprungbasen auf Daahgiihta, wo noch blaue Wiesen existierten und Weltenbrücken und ungezählte Freuden in den Kralen der Weiblichkeit.
Der Späher der Goodoom war sich nur zu sehr der Tatsache bewusst, dass von einem erfolgreichen Angriff jetzt alles abhing. Er hatte bemerkt, dass der Finstere Feind seine Soldaten massierte. Sie mussten also den Generalangriff beginnen, bevor der Widerstand sich vollständig massierte.
Als der Spektralzähler in seinem Panzer auf 0.8896 umschlug, befahl er den Sturmangriff und hoffte, dass sie lange genug massiv blieben, um die Bastion zu erreichen.
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Westwood Manor, 26. August 1996:
Jill hatte einen Plausch mit einem Kameramann gemacht, der die Installationen am Fenster des Dienstbotenzimmers in letzter Instanz prüfte, als sie die Staubwolke am Rande des Parks auftauchen sah. Als sie genauer hinschaute, standen ihr schier die Haare zu Berge, und sie rief Harold vor dem Haus schnell zu, er solle sich in Sicherheit bringen.
„Larry, halte drauf …!“
„Worauf du dich verlassen kannst, Lady!“, nickte der stämmige Kameramann grinsend. Doch das Grinsen verging ihm, als er die Ausmaße dieser Herde sah, die alle Bäume wie eine Legion von Bulldozern niederriss, alle Hecken in Grund und Boden trampelte und dann die Wagen des Fernsehteams, die aufgestellten Kameras und gleich darauf noch die leicht gepanzerten Fahrzeuge der Soldaten niederrissen. Das Dröhnen und Schmettern zerberstenden Metalls, splitternden und zerplatzenden Glases, das Knattern von Entladungen und das Malmen von zertrümmerndem Gestein der Haustreppen ging ihm durch Mark und Bein.
„Oh Jesus, Allmächtiger …!“, murmelte er ungläubig.
Und sie waren zwei Stockwerke über diesem Inferno!
Sie …?
Larry drehte sich um.
Jill war verschwunden.
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Arthur Westmoreland pirschte durch den geräumigen Keller, dessen Decke aus hohen Gewölben bestand. Teilweise bröckelte der Putz hier ab, Spinnweben woben nahe den Fenstern dichte Netze, die meisten von ihnen waren aber längst tot.
Unter Decken und Laken standen alle möglichen Möbelstücke – der sechsundzwanzigjährige Soldat fragte sich allen Ernstes, wie ein einzelner Mann hier unten die Vielfalt von Räumen durchsuchen und dabei auch noch eventuelle Gegner aufzuspüren in der Lage sein sollte!
Das war schlechterdings unmöglich.
Aber der Major dachte in der Beziehung manchmal zu simpel.
Mit entsicherter Waffe ging Westmoreland vorsichtig weiter, lauschte auf jedes Geräusch und folgte im Allgemeinen der eher fahlen, weil auch spinnwebverhangenen Neonröhrenbeleuchtung.
Es war eine erdrückende Atmosphäre hier unten im Keller, dumpf und muffig, an manchen Stellen deutlich feucht. Man merkte dem Haus hier unten wirklich an, wie alt es war – und dass es nur nach außen repräsentativ gepflegt wurde.
Lange Korridore erstreckten sich hier. Der Keller besaß, wie Westmoreland erschwerend bemerken musste, sogar zwei Stockwerke. Nachdem er die beleuchteten Räume des ersten Kellergeschosses abgesucht hatte, überlegte er, ob er in die unteren auch noch abtauchen sollte. Er zögerte.
Ein Licht dort unten machte ihm die Entscheidung dann leicht. Es war unstet, wie ein Taschenlampenleuchten.
Er fasste seinen Entschluss rasch und stieg so lautlos wie möglich in die Tiefe. Westmoreland wollte den Unbekannten nicht aufscheuchen, sondern bei dem ertappen, was er tat. Etwas Koscheres konnte das kaum sein.
Während er in die Tiefe stieg, setzte über ihm eine unmenschliche Armee zum Sturm an.
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„Das ist das Ende! Mein Gott! Das ist das Ende!“
James, der Butler, fuhr herum, als er den Aufschrei hörte. Sein Herr John Kerry saß senkrecht im Bett. Die Augen waren schockgeweitet und glasig. Seine Gesichtszüge zuckten.
„Sir! Sie dürfen sich nicht so aufregen. Entspannen Sie sich …!“
Aber Kerry umklammerte James´ Unterarme mit stählernem Griff. „James! Sie sind die einzige vertrauenswürdige Person! Dass Sie hier sind angesichts des Weltendes …!“
James fragte sich verzweifelt, ob sein deutlich jüngerer Herr nun angesichts der unfasslichen Geschehnisse gänzlich den Verstand verloren habe. Es sah ganz so aus …
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„Macht eure Kameras scharf, Kumpels! Das ist DIE Story seit Tschernobyl! Allmächtiger, das ist ja unglaublich!“
Der Pilot des Hubschraubers von NBC, der gerade im Anflug auf Westwood Manor war, hatte Mühe, den Kurs zu halten, weil ihn der Anblick dort unten so gefangen nahm.
Die Allee, die längs dem Fluss führte, war eine einzige Staubwolke, in der sich ganze Horden von Nashörnern dem Anwesen näherten. Sie rissen Bäume um, die ihnen im Weg standen, schienen selbst durch Mauern problemlos zu brechen, wie überall zertrümmerte Grundstücksbegrenzungen bewiesen. Massive Metallgitter verbogen sich mit protestierend lautem Geräusch, freilich vergebens.
Von allen Seiten her schienen die Tiere das Anwesen zu stürmen.
„Alex, lass den Hubschrauber nicht abschmieren!“, kam eine Stimme von hinten.
Eine Frauenstimme mischte sich ein: „Und halt die Lage! Sonst reißt uns Atkins den Kopf ab, weil wir keine vernünftigen Bilder senden!“
Alex Davies fragte sich, während er fast unterbewusst diese Forderungen erfüllte, was wohl die armen Teufel dort unten tun mochten, die mitten im Aufmarschgebiet dieser Ungeheuer aus dem Nirgendwo waren.
Für sie musste das der Weltuntergang sein.
ENDE DES ERSTEN TEILS