1.
Der Leitartikel fiel ihm sogleich auf, als er die großen Seiten der Zeitung aufschlug. Mit einiger Verwirrung las Randolph Gast die Schlagzeile halblaut vor.
„Der Krieg ist aus … aber das ist doch gar nicht möglich!“
Er las nervös weiter, während seine linke Hand sich selbständig machte und durch das schüttere graue Haar fuhr. Das Licht der Kunstsonne von Variable XII erleuchtete das Zimmer, in dem er saß und sein Frühstück einnahm, in einer Weise, die so gar nicht zu dieser katastrophalen Schlagzeile passen wollte.
Für den sechsundneunzigjährigen Randolph Gast, der der EVERYTHING-Gesellschaft vorstand, war dies in der Tat eine Schlagzeile, die er frühestens in einigen Jahren hatte sehen wollen, am liebsten nie. Denn die EVERYTHING-Gesellschaft lieferte alles für den Krieg.
Und mit alles war auch wirklich alles gemeint. Bis hin zum Kriegsgrund (was aber kaum jemand ahnte) und bis hin zur Munition, Marschverpflegung, bis hin zu den Soldaten, den Versicherungsleistungen, ja, selbst die Prothesen der Verwundeten stellte die Gesellschaft, um ihren maximalen Profit daraus zu ziehen.
Streng genommen stellte die EVERYTHING-Gesellschaft einen Staat im Staate dar, und nichts und niemand war imstande, ihren Willen zu übergehen. Niemand sollte dazu imstande sein.
„Das ist vollkommen UNMÖGLICH!“, murmelte er wieder, während er die Details überflog, die in der Zeitung standen.
Laut den Angaben, die hier standen, waren die Kampfhandlungen nahe Proxima Centauri eingestellt worden, weil es eine Vermittlung zwischen den Kriegsparteien, also zwischen den Terranern auf der einen Seite und den Coshii auf der anderen Seite gegeben hatte.
Ungeheuerlich. Unmöglich.
Gast lehnte sich mit ungläubigem Kopfschütteln zurück und las den Artikel im Glanz des Kunstsonnenlichts wieder und wieder. Das runde Frühstückszimmer schien sich um ihn zu drehen, und er war froh, dass Amaryllis immer etwas länger schlief. Nicht, dass dieses Flittchen, das ihm sein Sicherheitsdienst gestern Abend von der Straße besorgt hatte, viel von Politik verstand. Aber vielleicht hätte sie doch eine Szene gemacht, aus Angst möglicherweise, weil ihr Vater aus dem Krieg heimkehren würde. Wenn er nicht im Kampf gefallen war.
Der verrunzelte Gast, der gut zwanzig Jahre jünger aussah, als er wirklich war, ballte die Fäuste und zerknautschte die dünne Zeitung. Natürlich bildeten sich die Falten des Spezialpapiers sofort zurück. Das war nötig, damit der Rohstoff vom Verwerter wieder angesaugt, die Farbe ionisch abgelöst und in den Kreislauf zurückgespeist werden konnte. Auf diese Weise sparte man Papier und Farbe gleichermaßen, und deshalb erhielt jeder Haushalt lediglich eine Infozuteilung, die vom Drucker auf den dreifachen Druckbogen aufgedampft wurde.
Unnötig, zu sagen, dass es sich hierbei ebenfalls um ein Lizenzprodukt von EVERYTHING handelte.
„Irgendwer wird dafür bezahlen“, murmelte Gast hasserfüllt.
Es gab also nach all dieser Zeit trotz alledem immer noch einen Feind im Innern, jemanden, den EVERYTHING nicht gefügig gemacht hatte…
Um Randolph Gasts schmale Lippen spielte ein zynisches Grinsen, als er sich an die Nummer erinnerte, die er in solchen Fällen stets gewählt hatte. Er ließ seine Finger über die Sensorfelder seines Armbandtelekoms gleiten …
2.
„Hier ist es, Pater.“
Pater Henri Westford rümpfte nicht einmal mehr die Nase über den Gestank, der auf dem Treppenabsatz herrschte, auf den ihn der bullige Mann geführt hatte. Es war eine der zahlreichen inzwischen fast vollständig leer stehenden, weil unbezahlbaren Wohnburgen. Sie dienten häufig dazu, Obdachlosen und Mittellosen eine Unterkunft zu bieten. Und manche Menschen, wie der bullige Verbrecher, der Westford hierher gebracht hatte, nutzten sie noch zu anderen Dingen.
Der Pater öffnete die rostige Metalltür, die einmal in eine hochsicherheitstraktähnliche Wohneinheit geführt haben musste. Die Wände waren hier drinnen eben sowie draußen im Treppenhaus und fast im ganzen Viertel bedeckt mit obszönen Schmierereien und Graffiti. Im Innenraum, der sich halbrund einem weiten Fenster aus unzerbrechlichem Kunstglas öffnete und einen Blick über die Skyline von Groß-Hollywood eröffnete, war das beherrschende Möbel eine große Schlafstelle, gebaut aus schon ausrangierten, durchgelegenen Matratzen und speckigen Decken.
In ihrem Zentrum hockte das schluchzende Etwas.
„Lassen Sie mich mit ihr allein“, verlangte der Pater.
Der Bullige nickte. „Hey, Mann, glauben Sie mir, ich kann nichts dafür. Ich konnte nicht ahnen …“
„Lassen Sie mich einfach nur mit ihr allein, mehr nicht.“ Sein schmales Gesicht schien noch schmaler zu werden. Er achtete nicht mehr auf den Mann, der höchstwahrscheinlich entgegen seiner Versicherungen dafür verantwortlich zu machen war, dass das Mädchen hier war.
Stattdessen trat der Geistliche in seiner dunklen Soutane an das Bett heran und spürte Entsetzen und Traurigkeit angesichts dieser Atmosphäre der Trostlosigkeit, die vorherrschte. Er setzte sich auf den Bettrand und begann leise mit dem Mädchen zu sprechen.
„Kind … hör mir zu …“
Das Mädchen wühlte sich schluchzend mit dem Oberkörper aus den Kissen und sah ihn mit verweinten Augen an.
Er spürte, wie sich sein Mitleid mit Macht regte. Unter den langen glatten, aber völlig ungepflegten Haaren blickte ihn ein ovales, durchaus reizvolles, aber noch ganz kindliches Antlitz an, das deutlich nicht nur mentalen, sondern auch physischen Schmerz ausstrahlte. Was ihr widerfahren war, das hatte seine Spuren sowohl an Körper als auch an Geist hinterlassen.
„Es tut so weh …“, flüsterte sie mit einer rauhen, aber auf subtile Weise süßen Stimme. „Sind Sie Mediker …? Haben Sie was für mich …?“
„Nicht so, wie du vielleicht denken magst, mein Kind. Ich bin Pater …“
Das Mädchen, höchstens vierzehn Jahre alt, wimmerte. „Sie können mir doch nicht helfen … Sie doch nicht … Sie verstehen gar nichts …“
„Das käme auf einen Versuch an“, murmelte er sanft. „Du hast Wunden an Körper und Geist davongetragen. Die körperlichen obliegen einer anderen Instanz. Aber ich kann etwas für deine Seele tun, die ebenfalls schmerzt. Das Reden wird dir helfen, es dir leichter machen, mit dem zu leben, was geschehen ist.“
Sie schniefte. Aber es schien, als sei ihre Ablehnung, etwas geringer geworden.
„Sag mir deinen Namen“, bat er ruhig.
„Sammy … also eigentlich Samantha. Aber ich find’ den Namen bescheuert …“
Und dann sprudelte die Geschichte unter Tränen aus ihr heraus, als ob er einen Damm gebrochen hätte.
Pater Henry Westford, der in einem Bereich arbeitete, der von EVERYTHING noch nicht völlig kommerzialisiert worden war, hatte Geschichten wie die ihre schon oftmals gehört. Sie war, wie viele Millionen anderer Kinder und besonders Mädchen auch, durch die Ziehung ihres Vaters zum Kriegsdienst in die Armut gestoßen worden. Ihre Mutter arbeitete ganztags, um wenigstens selbst am Leben bleiben zu können, die Kinder wurden in Erziehungsheimen meistenteils mit einem Minimum an Zuwendung bedacht. Und rund um die Uhr von der Propaganda von EVERYTHING berieselt, mit dem Ideal eines unabhängigen, erfolgreichen und individualistischen Einzelgängers konfrontiert.
Wenn dann die Werber kamen, die sich häufig als „Talentsucher“ für den Film oder ähnliches ausgaben, waren viele Teenies nur zu leicht bereit, das Heim zu verlassen, ohne der Mutter was davon zu sagen. Manchmal arbeitete die Anstaltsleitung auch mit den Menschenräubern zusammen.
Die „Geworbenen“ landeten dann fast ausnahmslos in Arbeitskolonnen, wo sie wenig mehr als Sklaven darstellten, beziehungsweise in Bordellen, in denen sie zur Befriedigung jener Menschen dienten, die es sich noch leisten konnten, solche extravaganten Vergnügungen in Anspruch zu nehmen.
An die meisten kamen die kirchlichen Seelenpfleger nicht mehr heran oder erst dann, wenn ihre Seele ausgebrannt war. Was blieb, war die Pflege der Nächstenlieb in den Ghettos, wo Mädchen wie Sammy „gehalten“ wurden, um die Triebe von Arbeitern in dumpfe Sexlust zu kanalisieren.
Das hielt das Volk ruhig.
Und nach den Seelen der missbrauchten Mädchen sah niemand. Warum auch? Solange Krieg war, gab es genug davon. Und niemand dachte hier und jetzt daran, dass dieser Krieg irgendwann mal ein Ende haben würde.
Die Menschen, besonders solche wie Sammy, waren viel zu sehr damit ausgelastet, ihr eigenes Überleben zu organisieren. Meist wurden sie erst darauf aufmerksam, dass das Leben noch mehr umfasste als das reine Überleben, wenn es zu „Betriebsunfällen“ kam. Dann war es jedoch zu spät.
Das Kind Sammys war vier Monate alt gewesen, als die Schwangerschaft unterbrochen wurde. Nur die Nachfrage, wer denn die Mutter sei und ob gut für sie gesorgt würde, hatte den verhärmten Pater auf ihre Spur gebracht. Auf diese Weise konnte man dem perfiden „Nachschubwesen“ von EVERYTHING noch etwas Gutes abgewinnen, wenn auch nur mit einem sehr säuerlichen Nachgeschmack.
Denn es grenzte bereits an Blasphemie, wenn man menschliche Leichname, egal, wie alt die Toten gewesen waren, aus Gründen der Ressourcenschonung als Nahrungsmittelgrundlage heranzog. Dabei wurden natürlich akribische Listen geführt über Krankheiten der Toten und ähnliches, und die Kirchen, die durch die Einführung von Telegottesdiensten eigentlich überflüssig geworden waren, hatten direkten Zugriff darauf.
Aber Pater Westford wusste, dass er selbst weitgehend machtlos war. Die Kirchen waren auf Idealisten angewiesen, und es wurden immer weniger. Das Nachwuchsproblem stellte sich massiv ein, solange der Krieg geführt wurde. Danach konnte es eigentlich nur besser werden. Aber bis dahin waren alle Versuche, den gefallenen Kindern zu helfen, schön gemeint, doch Kraftvergeudung.
Dennoch …
Sein Eid, den Menschen zu helfen, ließ ihm keine andere Wahl. Hätte er sie alle ins Verderben laufen lassen, hätte er seiner Mission nicht mehr nachgehen können, selbst wenn sie dann vielleicht einfacher geworden wäre …
3.
In Krasnojarsk fällt Schnee.
Der Interviewer von WORLD-TV steht vor den Toren eines stahlgrauen lang gestreckten Gebäudekomplexes, der Waffenfabrik von Jaschkin-Industries, dem Konzern, den EVERYTHING vor dem sicheren Konkursgerettet hat. Vor den Werkstoren hat sich eine große Menschenmenge versammelt, Arbeiter der Fabrik. Die Stimmung ist trübe, das liegt aber wohl am Wetter.
„Auf diese Weise sind zweiundzwanzigtausend Arbeitsplätze in der krisengeschüttelten Region gesichert worden. Wir sprechen mit einem der Arbeiter.“
Der Interviewer im weißen Wintermantel und mit Fellmütze hält einem der nachlässig gekleideten Arbeiter in der robusten graubraunen Arbeitskluft sein Mikrofon hin. „Der Konzern EVERYTHING hat Ihre Firma und Ihren Arbeitsplatz gerettet. Was empfinden Sie?“
„Empfinden? Ich kann weiterarbeiten. Geld verdienen. Leben. Das ist alles.“
„Sie sehen nicht sehr zufrieden aus …“
„Arbeit hart. Keine Zeit mehr für Interviews.“
Im Hintergrund schrillt ein Signalton aus den Eingeweiden der Fabrik, die nun wieder ihre Tore öffnet, um die Scharen von Arbeitern einzusaugen. Viele treten die selbstgedrehten, fast ganz aufgerauchten Zigaretten aus und stapfen davon. Auch der Arbeiter, der interviewt worden ist, tut das …
„Wir sehen, dass diese Helden der Arbeit ganz und gar darin aufgehen, am Sieg zu arbeiten. Mit solchen Kämpfern, die all ihre Kraft darin setzen, unsere tapferen Soldaten an der Front im Weltraum zu unterstützen, werden wir früher oder später den Sieg davontragen …“
Die Sendung wird in fünf Milliarden Haushalte weltweit ausgestrahlt und von den Lingua-Modulen in den Videowänden automatisch in die jeweils herrschende Sprache bzw. den Dialekt übersetzt.
Und ein jeder weiß, dass dies Propaganda ist. Denn mit ähnlichen Worten wird der Sieg schon seit Jahren beschworen …
4.
Karl Mantek warf sich zu Boden, als die nächste Offensive kam.
Mit wildem Fauchen schossen Artilleriegranaten über seinen Kopf hinweg und schlugen mehrere hundert Meter hinter ihm in dem Sumpfgebiet auf, das er eben als erster seiner Truppe verlassen hatte.
Dabei war das keineswegs ein Zeichen von Mut. Vielmehr musste man so handeln, um hier zu überleben.
Die Coshii waren hier zuhause, die Menschen keineswegs, und das ließen die Fremden sie unerbittlich spüren. Bei Proxima II handelte es sich um eine Sumpfwelt, die ein bisschen Erinnerungen an die Everglades weckte, doch eben nur Erinnerungen. Und die schwanden sehr rasch, wenn die Coshii und ihre Verbündeten (!) angriffen.
Auf der Erde schienen alle zu glauben, es seien nur die Coshii, gegen die gekämpft wurde, doch die Wahrheit sah anders aus. Sie war weitaus undurchsichtiger.
In dieser schwülwarmen Welt mit dunstigem, fiebrigem Klima, da war man jeden Tag – und das fast die sechsundzwanzig Stunden des Umlaufes um die Sonne – damit beschäftigt, nur zu überleben. Und der Gegner arbeitete eifrig daran, den Menschen, die hier existierten, das Leben noch schwerer zu machen …
Explosionen zerfetzten hinter Karl die seltsamen Symbiose-Bäume, die einen Teil der Gegnerschaft darstellten. Sie wuchsen rund acht Meter hoch, sahen entfernt aus wie eine Kreuzung eines Farnbaumes der grauen Erdvorzeit mit einem Oktopus, und obwohl sie an ihren Platz gebannt waren, erwiesen sie sich doch als tödlich, wenn man sie unterschätzte. Ihre elastischen langen Arme griffen häufig nach Soldaten und zerrten sie in den Morast herunter, in dem sie standen, bis die Terraner ertränkt wurden.
Es war eine perfide Todesart, und Karl Mantek hatte viele Kameraden auf diese Weise sterben sehen.
Die Explosionen, die von den Einschlägen ausgelöst wurden, überschütteten ihn mit grünlicher, lauwarmer Sumpfbrühe und mit Pflanzentrümmern.
Von irgendwoher klangen Schreie in dem graugrünen Dunst auf und verloschen fast ebenso schnell wieder …
‚Teufel auch’, dachte er sich. ‚Das ist die Hölle!’
Und wieder fragte sich der Steirer, warum er sich freiwillig gemeldet hatte. Weil man sich Horrorstories von denen erzählte die gezogen oder gar geholt werden mussten? Weil er daran geglaubt hatte, dass er nur die zehn Monate Kriegsdienst leisten würde, die von jedem gesetzestreuen Bürger verlangt wurden? War es das gewesen?
Nun war er bereits vierzehn Monate und ein paar Tage da, und es sah nicht danach aus, als würde er jemals wieder zurückkehren. Laut den letzten Berichten, die er hörte, bevor sie aus Camp Elias aufbrachen, um die feindlichen Linien zu durchbrechen (der achte Durchbruch innerhalb von zwei Wochen, allesamt vergebens – und unnütz blutig mit mehr als dreihundertvierzig Verschollenen, die man regulär als tot bezeichnete, weil es unmöglich war, Tote auf dieser Sumpfwelt überhaupt zu finden), laut diesen Berichten hatte sich die irdische Raumflotte aus dem System zurückziehen müssen. Das würde natürlich auf der Erde nicht bekannt werden, das wäre einem Eingeständnis der Niederlage gleichgekommen.
Für ihn hier jedoch, der im kniehohen Dreck auf einer kleinen und seltenen Erdinsel lag, hieß das nur: der Generalstab konnte ihnen momentan keine Hilfe zukommen lassen. Damit war er so gut wie tot.
Weshalb kämpften sie hier überhaupt? Diese Welt war völlig unwirtlich, bar aller sinnvollen Rohstoffe, weshalb überließen sie die Welt also nicht einfach den Coshii?
Wenn es sich um eine Prestigeangelegenheit handeln sollte, dann würde ihn der blanke Hass überkommen – sofern er jemals in die Verlegenheit kam, ihn auszudrücken.
Doch vorher würden ihn wohl schon die Coshii bekommen, jene entfernt lemurenhaften Wesen, die in den Symbiosewäldern dieses Planeten lebten und über ein unergründliches Arsenal an verwirrender Hightech verfügten. Er hatte sich immer schon gefragt, wozu die Coshii so etwas entwickelt haben mochten.
Aber diese Frage verschwand angesichts des permanenten Überlebenskampfes aus seinem Verstand und wurde unwichtig. Karl Mantek begann über seine Anzugfunktionen zu checken, ob von seiner Vorstoßtruppe noch jemand überlebt hatte und wo er sich befand. Aus dieser Hölle MUSSTE doch herauszukommen sein …!
5.
„Einer der wichtigsten Aspekte für die Gewinnung von Macht ist das Erzeugen von Abhängigkeiten. Ist derjenige, den man beherrschen möchte, erst einmal davon überzeugt, dass derjenige, der die Macht ausübt, unbedingt notwendig ist, um die Normalität der Lage aufrechtzuerhalten, dann ist der Schlüssel zum Sieg schon gewonnen worden.
Danach muss lediglich dafür gesorgt werden, dass durch geschickte Manipulation der Informationen, die der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden, alle Kräfte kaltgestellt und/oder ausgeschaltet werden können, die gefährliche Konkurrenten sind.
Konsequenterweise ist es auch erforderlich, weitere Gruppen zu instrumentalisieren und in eindeutiger Weise in die herrschende Ideologie einzugliedern. Das spart Kräfte, die anderweitig dringender gebraucht werden.
Am zweckmäßigsten ist das Aufbauen einer Zwangslage, in der sich der Macht‚nehmer’ als Wohltäter und Retter profilieren kann. Es wird empfohlen, einen militärischen Konflikt zu induzieren, der die Funktion eines Katalysators erfüllt.
Ist dieser Konflikt erst einmal installiert, dann wirkt er als Fokus der Kräfte und beschwört einen Ausnahmezustand herauf, in dem alle oppositionellen Kräfte liquidiert werden können …
…
Das Ziel all dieser Operationen ist das uralte Menschheitsspiel: Machterhalt um des Machterhaltswillen. Je länger dieser Zustand andauert, desto weniger Menschen werden sich daran erinnern können, dass es jemals anders war als zurzeit. Politische Regime, die ein Binnenklima herstellen, das keine Alternativen mehr kennt, sind Staat gewordene monotheistische Religionen …
(Das interne Regie-Handbuch des EVERYTHING-Konzerns,
Abschnitt „Unternehmensideologie“, S. 5)
6.
Sie trafen sich wieder einmal an einem konspirativen Ort in dem historischen Reservat Lhasa, wo EVERYTHING einen Erlebnispark mit echten Tibetern eingerichtet hatte.
Die beiden Männer fielen nicht auf. Sie schienen einfache Geschäftsleute zu sein, die sich einen Nachmittag lang hier erholten, beide adrett in dunkelblaue Anzüge gekleidet, mit nichts sagenden Gesichtern und absolut seriös aussehend.
Die Makler des Todes.
Sie betraten, in ein belangloses Gespräch vertieft, das Teehaus, wo sie den traditionell gebutterten Tee bestellten. Um ihn zu vertragen, hatten sie vor dem Treffen bereits ein den Magen beruhigendes Antibiotikum geschluckt. Nichts wäre peinlicher gewesen als eine Indisponiertheit in einer solch prekären Lage.
„Mr. Gerald, Sie sagten also, Sie hätten die undichte Stelle in Ihrer Firma ausfindig gemacht?“, begann schließlich hinter einem Störfeldgenerator, der auf dem Tisch aufgestellt worden war – auch das stellte in der heutigen Zeit, dem 24. Jahrhundert, keine Besonderheit mehr dar, weil alle Geschäftsbesprechungen auf diese Weise gegen Mithörer abgesichert wurden – , das eigentliche Gespräch.
„Korrekt, Mr. Taylor. Es handelte sich um eine Datenlücke auf dem Medienpoint 22, rund zwei Milliarden Kilometer jenseits Pluto. Die Falschmeldung wurde natürlich als Hoffnungsmeldung eines verzweifelten Medienspezialisten hingestellt, was sie letztlich auch war. Wir haben die Fehlerquelle eliminiert.“
Es war dem Mann, der die Identität als „Mr. Gerald“ (das war nicht sein eigener Name, sondern eine Tarnbezeichnung, weil niemand in diesem Metier Klarnamen verwendete, sondern ausschließlich Codenamen) angenommen hatte, völlig gleichgültig, dass er damit meinte, ein Mensch sei umgebracht worden, um die weitere Weltherrschaft von EVERYTHING zu gewährleisten. Aber exakt das war geschehen. Macht war alles, was für ihn zählte.
„Wir hoffen doch sehr, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt. Mein Auftraggeber war recht ungehalten, dass eine solche Fehlermeldung überhaupt die Filter passieren konnte. Er ist der Ansicht, dass es dafür einer ausgefeilten Organisation bedarf …“
„Wir sind nicht ganz so nachlässig, wie Ihr Vorgesetzter vielleicht glaubt. Wenn ich sage, wir haben die Sache unter Kontrolle, dann können Sie mir das glauben. Unsere Gruppe würde niemals eine inkompetente Person für die Verhandlungen hierher schicken …“
„Taylor“ beschloss, diese Frage hintanzustellen und zum eigentlichen Ziel des Treffens zu kommen.
„Kommen wir zum Hauptanliegen“, fuhr er deshalb nickend fort.
Sie zogen beide miteinander kompatible Flüssigrechner hervor, die man aufgrund ihrer Flexibilität problemlos biegen und zurechtfalten konnte. Mit einem Spezialschlüssel des jeweiligen Gegenübers war es möglich, sie in den Aktivmodus hochzufahren und die Informationen darin abzurufen, die noch durch kryptografische Programme speziell codiert waren.
Das erwies sich als notwendig wegen der Brisanz der hier enthaltenen Daten. Der Rechner des irdischen Gesandten gab Speicherdaten ab, die die waffentechnische Ausrüstung der irdischen Militärs durch den EVERYTHING-Konzern abbildeten. Das waren streng geheime Unterlagen, deren Weitergabe Geheimnisverrat darstellte. Auf dieses Vergehen stand die Todesstrafe. Weltweit.
Und doch praktizierte es dieser Mann ungeniert, als gäbe es für ihn keine Gesetze.
Das war sogar richtig. Die Gesetze arbeiteten für ihn und seinesgleichen.
Der zweite Rechner enthielt Daten über die technische Seite der Coshii-Truppen. Jeder irdische Militärbefehlshaber hätte sich dafür die rechte Hand abhacken lassen, um sie zu bekommen.
Im ersten Moment.
Im zweiten Moment wären sie verwirrt gewesen über die verwendeten militärischen Kürzel und Waffentypen. Denn es waren dieselben wie auf der irdischen Seite.
Dafür gab es einen ebenso einfachen wie perfiden Grund: die EVERYTHING-Gesellschaft hatte den Konflikt künstlich geschaffen und forcierte ihn nun maßlos, indem sie beide Seiten hochrüstete.
Einstmals, so wussten aber nur einige wenige eingeweihte Menschen innerhalb der Organisationsebene von EVERYTHING, einstmals waren menschliche Explorationsteams in die Proxima Centauri-Region vorgestoßen, um neue Handelsplätze zu erschließen. Sie entdeckten dabei die Coshii und die anderen symbiotischen Rassen, die schon lange an Degenerationserscheinungen litten und dringend einer Veränderung der Gesellschaft bedurften.
EVERYTHING gab ihnen diese Möglichkeit unter der Bedingung, dass sie den Machtstatus von EVERYTHING auf der Erde stützten. Als das die Generierung von Kriegen notwendig machte, stellten die Coshii, von denen auf der Erde niemand wusste, den Gegner. Und damit die an und für sich friedliebenden Coshii nicht sehr schnell niedergemetzelt wurden, verkaufte EVERYTHING über Strohmänner Waffen an die Coshii, die von der inzwischen nachgewachsenen Kriegerkaste mit Fanatismus gegen die „terranischen Eindringlinge“ angewendet wurden.
Die beiden Männer in Lhasa, der Strohmann der Coshii-Fraktion von EVERYTHING und der Generalbevollmächtigte für EVERYTHING Solar, schlossen relativ rasch und problemlos ihre Verträge ab. Zivilisten und Soldaten mutierten zu reinen, emotionslosen Zahlen, wurden zu „Verlusten“ und „Abschreibungen“.
Sie waren Händler des Todes.
Und die Herrscher ganzer Welten.
EVERYTHING war ein interstellarer Alptraum, der von Wesen geträumt wurde, die keine Möglichkeit des Erwachens besaßen, weil sie von dem Alptraum nicht einmal Kenntnis hatten.
EVERYTHING war überall.
Und überaus erfolgreich.
Randolph Gast würde zufrieden sein …
ENDE
© 1999 / 2026 by Uwe Lammers
Braunschweig, den 6. Februar 1999
Neu formatiert und leicht bearbeitet am 16. Juni 2026 (11 Seiten)