Perry-Rhodan-Fortsetzungsgeschichte von Senex, Fortsetzung von: Zeit genug – eine alternative Atlantiade | Kapitel 1 bis 3

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Kapitel 4: Der kurze Weg zur langen Einsamkeit

Das größte Übel an der heutigen Jugend ist, dass man nicht mehr dazugehört. (Salvador Dali)

August 2084, Solares System, An Bord der VIRIBUS UNITIS

Marie Anne Collard trat unter ihrer Dusche hervor und ließ sich vom heißen Luftstrom trocknen. Wie es ihr zur Gewohnheit geworden war, knetete sie ihre Brust auf der Suche nach kleinen Knötchen, welche das erste Anzeichen eines Mamakarzinoms sein konnten. Sie atmete auf, nicht zu spüren. Sie war vorsichtig geworden, ihre Mutter hatte sich einer Chemotherapie unterziehen müssen, keine großartige Sache mehr im letzten Viertel des 21. Jahrhunderts, aber doch unangenehm. Außerdem bekam man die Therapie nur, wenn das Karzinom auch festgestellt wurde, also ging sie nicht nur regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung, sondern suchte auch aktiv. Nun, wieder eine Woche, in der sie nichts fand und sich beruhigt ihrer Arbeit widmen konnte. Sie lief zu Schrank und holte ihre Unterwäsche hervor, das zarte Höschen, den dünnen BH. Sie genoss das Gefühl von Seide auf der Haut, für sie ein sinnliches Vergnügen. Dann, rasch in die Uniform geschlüpft, einen Hauch von Make-up, Lippenstift, sie war fertig. Sie musste heute nicht erst auf ihren Kalender sehen, sie wusste, wer heute einen Termin hatte. Der Admiral! Der Alte! Atlan! Mit welcher Musik er sie heute wohl überraschen würde?

Es war Klaviermusik, eine Sonate von Händel, angenehm fließend und harmonisch, stimmig und ruhig. Wieder war Atlan ziemlich leger gekleidet und hatte ihr ein Glas Wein angeboten, das sie nicht ausschlug. Sie hatte den Eindruck, als wären ihre Gespräche auch für ihn angenehm, und so entspannte sie sich und lauschte seiner angenehmen Erzählstimme.

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Wie ich ihnen bereits letztens erzählte, hatten wir Fahrten organisiert, um mit den Arkoniden auf Terra in Verbindung zu bleiben und, falls nötig, Hilfe zu bringen. Wir machten daraus ein regelmäßiges Routineprogramm, bei welchem wir auch nach dem Rechten sahen und manchmal auch so etwas wie Richter sein mussten, im großen und ganzen galt ja noch das Lex Arkonis, wenn auch ein wenig den Umständen angepasst. Bei einigen Personen verbrachten wir gerne auch etwas mehr Zeit, um noch zu plaudern und zu entspannen. Crest und Una waren so eine Stelle, und auch die Fram von Datham und Muyghe, bei Sôomaleë sahen wir Anfangs öfter vorbei, dort ging alles hervorragend, daher wurden die Besuche seltener, sie blieben aber natürlich weiterhin auf dem Programm. Aber bei Marba hielten wir uns mehr als gerne auf, Arkuusch war bei jedem Inspektionsflug als kleine Belohnung mit dabei, wenn die Pflicht getan war. Besonders Thalma freundete sich mit dieser ungewöhnlichen Frau an, Marba hatte aber auch etwas so sympathisches, warmes an sich, man fühlte sich einfach wohl bei ihr und erfreute sich einfach ihrer Gesellschaft. Ich persönlich genoss auch ihre eigenwilligen, aber durchaus logischen Theorien.

Dann begannen wir allmählich damit, einige Zeit außerhalb des Bunkers zu verbringen, Urlaub sozusagen, einfach ein paar Tage nicht die üblichen Gesichter um sich sehen. Einfach nur, damit wir keinen Kollaps bekamen. Allmählich begann auch der außerdienstliche Umgangston im Bunker lockerer und freundlicher, weniger verkrampft zu werden, die Standesunterschiede begannen zu verschwimmen. Also, ein wenig zumindest, denn wenn ich auch auf Gebieter und Erhabener sehr deutlich verzichtet hatte, vergessen konnte es eben niemand so schnell. Kleine, aber freundliche Sticheleien schlichen sich ein, besonders Howan zog Sloma mit ihrer steifen Art ein wenig auf, allerdings ohne allzu Übergriffig zu werden. Meist quittierte sie es mit säuerlichem Lächeln, ignorierte es aber im Allgemeinen, bis sie ab und zu verbal gekonnt zurück schlug. Sonst flogen die Scherzworte hin und her, selbst Vallan wagte sich an einige zahme Konter. Jetzt war sogar Zeit für verschiedene Hobbys vorhanden. Oberleutnant Sloma dalWhit etwa begeisterte sich sehr für ausgedehnte Bergwanderungen, Vallan lernte zu tauchen und Inkahar malte, zuerst noch eher begeistert und unbeholfen, doch nach einiger Zeit brachte er ganz passable Gemälde zustande. Ich? Oh, ich hatte Dagor, und natürlich Thalma.

Wir lebten uns also langsam ein, es wurde eine eher gemütliche Routine, aber eben doch Gewohnheit. ‚So lebten sie denn fünfhundert Jahr’. Aus einer alten arkonidische Sage, und etwas übertrieben, denn wir lebten so natürlich keine fünfhundert, aber doch schon vier und etwa ein halbes Jahr. Langsam besserte sich das Wetter im äquatorialen Gürtel, besonders Afrika erlaubte schon ein recht gutes Leben, nur Europa – die Gletscher wuchsen immer noch, die Kälte wurde immer heftiger. Thalma brachte ihre Listen immer noch regelmäßig auf den neuesten Stand, wie es sich für einen gewissenhaften Administrator eben gehört. „Ist Dir eigentlich schon aufgefallen“, Thalma kuschelte sich an mich. „Wir haben sehr viel mehr Frauen, sowohl hier im Bunker als auch auf den Inseln.“ „Haben wir?“ Weniger an diesem Thema als an Thalmas makelloser Haut interessiert, streichelte ich ihre Schulter. „Haben wir.“ Sie holte die Nächste Seite auf ihr Pad. „Wir werden da noch ein Problem bekommen.“ „Tatsächlich“, knabberte ich an ihrem Ohr. „Ja, es immer schlecht, wenn ein Geschlecht überwiegt.“ erklärte sie nachdenklich. „So, so!“ wanderte ich weiter zu ihrem Hals. „JA, Atlan. Es sind schon Heiratsansuchen eingegangen, wo zwei Frauen einen Mann heiraten wollen.“ gestikulierte sie. „Oh, habe ich jetzt Dein Interesse doch noch geweckt?“ Verdammt, hatte sie! Fühlbar geweckt, nicht nur für mich, wie peinlich. „Und zu allem Überfluss haben auch zwei Männer einen Eheantrag gestellt!“ fuhr sie fort. „Oh, jetzt ist Dein Interesse aber rapide erlahmt, Geliebter Gebieter! Fühlbar!“ „Was sollen wir machen?“ fragte ich und setzte mich aufrechter hin. „Nichts, mein Lieber! Es hat nur der oberste zivile Beamte dieser Kolonie – nämlich ich – dem obersten militärischen Befehlshaber und Kristallprinzen – das wärest dann Du – einen besorgniserregenden Umstand zur Kenntnis gebracht, nämlich einen ungesunden Überhang an Frauen!“ sie legte ihr Pad beiseite. „Ich frage mich nur, soll ich die Heiratserlaubnis erteilen oder nicht. Wir wissen Beide, dass es nur eine Formalität ist, rechtliche Absicherung von Hinterbliebenen und so. Trotzdem ist es auch eine wichtige emotionelle und seelische Angelegenheit. Also, legalisieren wir Polygamie oder nicht?“

Wenn man schon über solche Probleme nachdenkt, ist das Leben leicht und angenehm geworden. ‚Wenn Du glaubst, dass alles perfekt läuft, hat der Untergang bereits begonnen‘. ‚Buch Der Acht Zyklen‘. „Willst Du heiraten, Thalma? Ich meine, MICH heiraten?“ Ich unterbrach meine lüsternen Bemühungen, die ich zuvor wieder aufgenommen hatte, meine Frage erntete ein Lächeln. Ein warmes, glückliches Lächeln. „Nein, geliebter Gebieter, erst, wenn die Flotte ganz sicher ausbleibt. Wenn ich heirate, dann keinen Thronfolger von Arkon, sondern nur Atlan. Und jetzt halt den Mund und mach weiter!“ Ich wackelte obszön mit den Augenbrauen. „Hören ist Gehorchen!“ Es waren schöne viereinhalb Jahre, die uns das Schicksal schenkte.

*

„Der Erhabene Admiral und Kristallprinz wird zur MedoStation gebeten!“ Ach Herrin der Unterwelt, diese Protokollprogrammierung war noch immer nicht umprogrammiert. Die MedoStation hatten wir tatsächlich noch kaum gebraucht, und ich konnte mir nicht denken, was geschehen war. Ich lief so schnell ich konnte durch die Gänge und stürmte durch die Tür: „Hier bin ich, was ist los!“ Durch eine Glasscheibe konnte ich Thalma sehen, die sich langsam auf einer Liege aufrichtete und sich langsam hinsetzte. Ich erschrak. Hatte sie immer schon diese dunklen Ringe unter den Augen gehabt? Die Hämatome an den Rippen? Die blauen Lippen? Natürlich nicht, war sie mit einem Roboter kollidiert, woher…?„Los schon, RoboDoc, Rapport!“ Thalma hob matt die Hand. „Ich sag es schon, Geduld.“ Ihr Atem pfiff. „Es ist Kaskarkh. Eine so verdammt seltene Erbkrankheit, dass sie noch nicht einmal bei einem von Millionen ausbricht.“ Thalma musste pausieren und hustete. „Es gibt derzeit genau 27.549 Erkrankte im gesamten arkonidischen Imperium“ rapportierte der RoboDoc. „Haben wir das Heilmittel, stellen wir eines her! Gib die Formel in den Synthetisierer“, rief ich, entsetzt Thalma ansehend. Langsam bildeten sich die Flecken zurück, der Atem ging weniger pfeifend. „Gibt es nicht“, ihre Gestalt straffte sich zusehend. „Zu wenig Forschungsobjekte, die zudem nicht lange genug überleben. Man kann nur die Symptome lindern, bis – man es irgendwann nicht mehr kann. Dann noch zwei, drei Tage – totaler körperlicher Verfall, Tod. Schmerzhafter Tod”. Mein Herz drohte auszusetzen, raste dann, bis sich die Knochenplatten sichtbar bewegten, um dann wieder beinahe still zu stehen. „Wie…?“ „Wie lange? Noch etwa drei Monate. Vielleicht vier bis zur letzten Injektion. Es tut mir leid, mein geliebter Gebieter.“ Mir schwindelte. Drei, Vier Monate? Ich wollte Thalma und mich von der Dienstliste nehmen, sie litt es nicht. Ich wollte bei ihr sein, ihre letzte Zeit so angenehm wie möglich zu machen, doch sie bestand darauf, dass ich zumindest vier Stunden am Tag Dienst machte. Nach einem Monat etwa wurde eine nächste Injektion fällig, sie verfiel von Minute zu Minute mehr. Ich brachte sie zur Krankenstation, der RoboDoc schickte mich hinaus. Ich wollte aufbegehren, bei ihr bleiben, umsonst, ich musste hinaus. In der Klinik hat eben noch nicht einmal ein Kristallprinz etwas zu sagen.

Nervös tigerte ich im Vorraum herum, wartete darauf, dass Thalma fertig wurde. Was dauerte denn solange? Endlich, nach unerträglichem Warten öffnete sich das Schott. „Erhabener, Administrator Thalma ist tot!“ „WAASSS!!!!“ Ich fürchte, dass mein Schrei im ganzen Bunker widerhallte. „Wo ist sie!“ Da war sie, auf einer Krankenliege, Aufgebart, ihre Schönheit künstlich erhalten, doch kalt, reglos, für immer erstarrt. „Erhabener“, die Stimme der nanotronischen MedoEinheit zerriss die Stille. „Es fehlen nach meiner Atomuhr neunzehn Komma einunddreißig Minuten in meinem Speicher, ich wurde deaktiviert. In dieser Zeit wurde der Medikamentenschrank geöffnet und eine Dosis hochgiftiger Substanz entnommen. Den medizinischen Scans zufolge ist dieses Gift im Körper des Administrators!“ ‚Gift war sein, also ihr Ende vor der Zeit‘. Shakespeare, Romeo und Julia. „Es wurde auch eine Tonaufzeichnung gemacht!“ Ich musste schlucken, der Hals war mir zugeschnürt. „Abspielen!“ befahl ich.

„Mein geliebter Gebieter. Es tut mir leid, dass ich diesen Weg für meine letzten Worte wählen muss. Ich bin tot, Atlan, und Du musst leben, auch für mich mit. Du hast eine Verantwortung, versuche ja nicht, ihr zu entfliehen. Für mich ist es aber sinnlos geworden, noch eine und noch eine Injektion zu erhalten und dann doch auf ein schmerzhaftes Ende zu warten. Lieber gehe ich zu meinen Bedingungen, und ich bitte Dich, lass mich gehen. Atlan, ich habe Marba eine Botschaft geschickt, lass sie bitte holen. Und höre auf sie, verstehst Du? Schließ sie nicht aus, lass Dir von ihr helfen. Such Dir eine neue Frau, Atlan, es wird Dir gut tun. Mein liebster Atlan, mein Geliebter Gebieter, wir hatten eine sehr schöne Zeit. Ich habe Dich geliebt, und ich glaube, Du mich auch. Jetzt, ich fühle es schon, kommt das Ende, ich werde schmerzlos und ohne Angst schlafen. Lebe wohl, werde wieder glücklich. Und sei bitte nicht böse auf Deine Thal…!“

Nun fehlen mir einige Minuten in der Erinnerung, ich brach zusammen, versteinerte. Ich meldete Thalmas Tod an den Kontrollraum, befahl einen Gleiter zu Marba, dann schloss ich mich mit der Toten im Krankenzimmer ein. Einige Stunden später, ich kann trotz meines fotographischen Gedächtnisses nicht sagen, wie viele, lud ich die restlichen Bewohner des Bunkers und Marba zum letzten Salut, begleitete die Bahre zur Atomisierung. Dann brachte ich die üblichen Zeremonien wie die Anbringung des Namens an der Tafel, Getränkerunde, Toasts und Beileidsbekundungen hinter mich, ich weiß nicht mehr wie, alles um mich war wie durch eine Wand aus Eis, undeutlich, schemenhaft, schloss mich dann in meiner Kabine ein. Ich wollte allein sein, fühlte mich erstarrt wie Eis. Waren es Stunden, Tage, ich starrte auf immer den gleichen Fleck an der Wand, der Geruch Thalmas lag noch in der Luft. Irgendwann schleppte ich mich zum Interface der Nanotronik, um die Informationen der letzten Tage nachzulesen, mit halbem Interesse. Ich erinnere mich an Tabletts mit Nahrung, habe ich etwas gegessen? Getrunken musste ich etwas haben, schließlich dehydrierte ich nicht. Warum ich den Zellktivator nicht abnahm, darauf verzichtet, mir den Kopf wegzuschießen – ich kann es nicht sagen. Den Zellaktivator hatte ich damals wahrscheinlich vergessen. Ja, das kommt vor, auch bei eidetischem Gedächtnis. In Extremsituationen, und das war ganz sicher so eine. Ich dämmerte dahin, sowohl in meiner Suite als auch in mir selber eingeschlossen. Müde, Antriebslos, mit der Welt fertig!

*

Als ich noch saß zur späten Stund, – Sucht‘ zu heilen meine Wund – In der Menge Daten Lehr – Als ich plötzlich hört ein Pochen – Wie nicht mehr seit langen Wochen – Wochen, die mir menschenleer. Sehr frei nach Edgar Allen Poe, Marie Anne. Aber es war natürlich kein Rabe, der an meine Tür kam, es war Marba dalArkuush. „Darf ich hineinkommen? Thalma hat mich verständigt, dass Du mich brauchen wirst, und sie hatte verdammt recht! Sie kannte Dich gut, Deine Thalma, sehr gut. Und ich weiß nur zu gut, wie Du Dich jetzt fühlst, Atlan. Komm zu mir, lass es raus.“ Dann lag ich in ihren weichen und doch so starken Armen – in mir brachen Dämme, von denen ich nicht wusste, dass es sie gab. Sturzbäche von Tränen kamen aus meinen Augen, nässten ihre Kleidung, nässten meine. Es war mir ebenso unmöglich, etwas zu sagen wie ich es nicht schaffte, meiner Emotionen Herr zu werden. Ich kann nicht sagen, wie lange es dauerte und die Tränen endlich versiegten. „Marba…“ „Schhh!“ sie legte ihren Zeigefinger an meine Lippen. Eine Frau, die einem Kristallprinz, einem Angehörigen des imperialen Hauses den Mund verbietet? Ich ließ es geschehen, ebenso verzichtete ich auf Gegenwehr, als sie mich in die Nasszelle führte, entkleidete und unter die Dusche stellte, warmes Wasser floss über meinen Körper. Warme, weiche Berührung, sie war da, seifte mich ein, wusch meine Haare. Ich konnte nicht umhin, ihre Nacktheit zu bemerken – und sie konnte mein erwachendes Interesse nicht übersehen. Ein flüchtiges Lächeln flog über ihr Gesicht, sie nickte nur… ich kann nur sagen, es war für mich eine völlig neue Erfahrung, passiv zu bleiben und es einfach geschehen zu lassen, dann – Supernovae, Galaxien, Sternnebel!

Und so schaffte es Marba, dass ich wieder leben wollte. Nein Marie Anne, es war nicht der Sex, der mich aus meinem Zustand gebracht hat, nicht nur. Es war ihre Wärme, ihre Ausstrahlung, die meine Panzer um das Herz, die Emotionen überhaupt zum Schmelzen brachten. Der Sex war dann einfach wie das Besiegeln eines Vertrages. Ein Zeichen, wieder unter den Lebenden zu sein, der Abschluss der Katharsis. Sie zog auch nicht auf Dauer bei mir ein, nur solange, bis ich mich gefangen hatte. Sie stellte nie einen Monopolanspruch, und sie erlaubte auch keinen. Ich besuchte sie aber immer wieder – oder manchmal auch sie mich. Dazu schenkte ihr einen schnellen Convertible-Schweber. Mit Autopilot.

Ob ich Thalma geliebt habe? Ja, wahrscheinlich schon. Zumindest habe ich es im Laufe der Zeit gelernt. Ich meine, anfangs war es für mich eine rein körperliche Anziehung, gepaart mit Respekt. Dann wurden wir gute Kameraden mit starkem sexuellem Verlangen und endlich, ja ich glaube, es wurde wirklich Liebe. Aber als es dem Ende zu ging, war Sex noch nicht einmal Ansatzweise in meinen Gedanken. Ich wollte nur bei ihr bleiben! Marba ist ein anderes Kapitel! Gibt es verschiedene Arten von Liebe zwischen Mann und Frau? Marba war sexuell anziehend auf eine ganz andere Weise, ihre Gegenwart verbreitete auf völlig andere Weise ein warmes und – ja, ich glaube das trifft es gut – ein heimeliges Gefühl der Geborgenheit. Es war leicht, sie zu lieben.

Natürlich konnte – und wollte ich auch nicht mehr ewig in meiner Suite bleiben, irgendwann war ich endlich so weit, mich wieder unter den Lebenden blicken zu lassen. Glücklicherweise hielten sich alle mit großartigen Mitleidsbekundungen und langem Geplapper zurück, obwohl zu spüren war, dass auch sie um Thalma ehrlich getrauert hatten. Di gute Thalma hatte es geschafft, bei allen überaus beliebt gewesen zu sein, sie hatte eine Gabe besessen, eine Gabe, auf den Menschen zuzugehen, wie man sie sich nur Wünschen konnte.

Inkahar übergab mir einfach wieder das Kommando, als wäre ich nur kurz abwesend gewesen und erstattete ausführlich Rapport. Dies war geschehen, jene Anweisungen, diese Neuerungen. Unterstützungsflüge, Kontrollen, Rechtssprechung. Hochzeiten, Geburten, er hatte sogar Thalmas bürokratische Listen weiter führen lassen, sie trugen die Zeichnung von Leutnant Sankha dalOlyr. Ich nickte durchaus zufrieden und bat alle in die Messe, um mich für ihre Geduld zu bedanken, die Übernahme meiner Funktionen sozusagen offiziell zu bestätigen und im Kreise meiner Kammeraden einige Gläser zu trinken, um das neuentdeckte Leben zu feiern. Am nächsten Morgen verabschiedete sich Marba, um mit ihrem neuen Gleiter auf ihre eigene Besitzung zurück zu kehren. Und noch immer warteten wir auf die Flotte, die uns holen sollte, auch wenn die Hoffnung allmählich schrumpfte.

Taiilm hatte im Depot einige Gravoracer gefunden. Das sind – stellen Sie sich Motorräder ohne Räder, aber mit einem Flugaggregat vor, und natürlich gibt es dort, wo die Räder wären, eine Art stromlinienförmige Verkleidung. Man flog sie auch ähnlich dem Fahren eines Motorrades, auf Arkon wurden regelmäßig Rennen damit abgehalten, bei denen viele Maschinen zu Bruch gingen. Und viele Fahrer, denn die Renner hatten keine kompletten Schilde und sonstige Sicherheitsvorkehrungen. Trotzdem, es war ein tolles Gefühl, auf so einem Ding zu sitzen, den Feldantrieb richtig hochzudrehen und die Piste entlang zu rasen. Er baute fünf von ihnen um, die Lenkstangen nach hinten gezogen, die Fußrasten nach vorn, sodass ein aufrechtes Sitzen möglich wurde. Aus den Racern wurden so Chopper, und ich gestehe, dass es mir großes Vergnügen bereitete, selbst lange Touren damit zu unternehmen. Im Schutz eines neu eingebauten Kraftfeldes, darauf hatte ich bestanden, durch das Meer aufsteigen, den Beschleunigungsgriff bis zu Anschlag auf größte Energie und den Windschild etwas durchlässig, damit der Flugwind durch das Haar blies. Über den Atlantik, die afrikanische Savanne bis nach Arkuush, zwei, drei Tage später wieder nach Hause. Selbstverständlich stets über MobCom in Verbindung mit dem Bunker, und einer dieser Ausflüge wäre mir beinahe zu Verhängnis geworden.

Ich fegte mit einigen hundert Stundenkilometern über die grüne Savanne der jetzigen Sahara, das Wasser der Seen spritzte in beachtlichen Fontänen hinter mir zur Seite, von Druck und Sog bewegt. Von Marba kommend jauchzte ich in den Flugwind, sang mir die Seele aus dem Leib, ich genoss das Leben wieder in vollen Zügen. Meinen Raumoverall trug ich bis zu Nabel offen, die verspiegelte Sonnenbrille war zwar noch nicht nötig, aber ich sah hervorragend und umwerfend damit aus. Zumindest glaubte ich es, und Marba hatte dem nicht widersprochen. Aber – wann tat sie so etwas denn schon. Das tiefe Brummen des Gravaggregates begleitete mich, untermalte rhythmisch meinen Gesang. Ich stutzte. Wieso rhythmisch? Bei des Kriegsgottes eisernem Gemächt! Die Maschine sollte gleichmäßig brummen, schnurren wie ein zufriedener LoKhaour. Ich verlagerte das Gewicht, drückte den Bug nach unten. Rasend schnell verlor ich an Höhe, gleichzeitig gab ich vorsichtig Energie auf das Verzögerungsfeld, die Maschine verlor ihr Tempo. Die rasante Geschwindigkeit verringerte sich immer mehr, ich kam tiefer, noch etwas langsamer – die Furche, an deren Ende mein Chopper und ich zum liegen kamen, war nur noch etwa vier, vielleicht fünf Meter lang.

Sind Sie schon einmal mit Kopfschmerzen bis zu den Zehen aufgewacht, Marie Anne? Wünschen Sie sich diese Erfahrung bloß nicht. Nach einiger Zeit versuchte ich aufzustehen und konnte mich nicht bewegen. „Nich bwegn!“ Ein zimtfarbenes Gesicht, von wirren, schwarzen Locken umrahmt, schob sich in mein Blickfeld vor die Sonne. „Wartn, bis heil.“ Eine geschnitzte Holzmaske schob sich über ihr Gesicht, ihre Hand, die Hirnschale einer Antilope haltend, kam in mein Blickfeld. Auf der Glut darin glosten unbekannte Kräuter, sie wedelte den Rauch, beim Kopf beginnend, mit einem Flügel in der anderen Hand über meinen Körper. Tief drang der Geruch in meine Nase, in meine Lunge. Langsam verringerte sich der Schmerz, nur ab und zu durchfuhr mich noch ein stechender oder ziehender Schock, fuhr es wie ein energetischer Blitz durch meine Glieder. Rund um uns sah ich hell- und dunkelbraune Frauen und Männer rhythmisch tanzen, immer im Kreis, ich lernte langsam einzelne Personen, einzelne weiß bemalte, schwarze Gesichter zu unterscheiden. Gutturales Singen ohne Worte zu rhythmischem Trommeln – BAMM-bamm-bamm-bamm-BAMM-bamm-bamm-bamm – begleitete die Bewegungen, und die Schamanin wedelte weiter den Rauch über meinen Körper. Schweiß tropfte von ihrem Gesicht, auf ihre Brüste, auf ihre Schenkel. Sie tippte mit dem rechten Mittelfinger an meine Stirn, die Lichter gingen mir aus…

Als ich wieder wach wurde, war es Nacht, der Mond erhellte den Platz, das Feuer war herunter gebrannt. Dann – SIE war da, sie roch nach Schweiß, Kräutern, etwas Unbekanntem, das mich erregte. Stark, sehr stark erregte. Ich fühlte ihre warmen, weichen Glieder, dann war sie über mir, zog meine Hände an ihre vollen Brüste, es war nicht zu beschreiben, total und absolut überwältigend. BAMM-bamm-bamm-bamm… Irgendwo klang wieder die Trommel, synchron zu ihren Bewegungen, oder war es etwa umgekehrt? BAMM-bamm-bamm-bamm-BAMM- BAAMMM — eine fulminante biologische Explosion tief in mir —bam—–bam——–ba….

„Schneehaar von den Sternen sag danke heil Knochen. Obowagasha sag danke Kind. Groß, stark, klug wie Schneehaar!“ Sie stand auf und griff nach ihrem Lendenschurz, als sie sich entfernte, erhaschte ich noch einen Blick auf ihr Gesäß. Genau darüber, direkt am Steißbein, war ein Muttermal zu sehen, eine runde Sonne mit vielen Zacken. Ehe ich wieder einschlief, glaubte ich ein entferntes, belustigtes Lachen zu hören. ‚Der Kristallprinz von Arkon zeugt eine barbarische Dynastie auf einem primitiven Planeten. Und das Zeichen der Legitimation des Anspruchs auf die Krone leitet sich von einem Muttermal über dem Arsch ab. Lach doch, Arkonide, lach doch mit mir…‘ ES? Extrasinn? Dunkelheit….

Eine kühle Morgenbrise weckte mich. Rasch ein Griff zum Zellaktivator, tief durchatmen, der war vorhanden. Sonst… nichts! Ich war splitterfasernackt und mutterseelenallein in weiter Flur. Keine Spur von Obowagasha und ihrem Stamm, kein Lebewesen weit und breit – zumindest auch kein Beutegreifer. Rasch sprang ich auf die Füße, ich fühlte keine Schmerzen mehr, konnte mich frei bewegen, ich sah mich um. Dort, da lag das Wrack meines Choppers, daneben, sauber zusammengelegt, am Ufer eines Sees meine Kleidung, meine komplette restliche Habe. Ich suchte eiligst mein MobCom heraus und rief die Basis. „Admiral?“ in Howans Gesicht begann es zu arbeiten, im Hintergrund sah ich Suuna und Sankha sich umdrehen, ihre Pupillen weiteten sich. Die Lippen Suunas formten ein lautlose ‚wow’. „Haben Herr Admiral seine Schwimmpause genossen?“ Howans Stimme klang bemüht harmlos. Meine Schwimmpause? „Wieso… oh!“ Ich kniff die Augen zusammen. „Weitwinkel?“ „Eher komplette Totale, Admiral.“ Sah ich so etwas wie ein Grinsen um seine Mundwinkel zucken? „Bildschirm?“ flüsterte ich, „Hauptbildschirm, Admiral!“ ein Frosch wuchs in meinem Hals. „Sind alle Admiräle so schwer bewaffnet oder ist das eine spezielle Gonozaleigenschaft?“ die dunkle, rauchige Stimme Suunas klang auf, der Sopran Sankhas antwortete „Muss am Gonozal liegen. Admiral… sollte ich jetzt vielleicht doch nicht sagen, vielleicht kommt ja doch noch ein Arkonschiff!“ Ich resignierte. Immerhin hatte ich selbst schuld, niemand anderer als ich selbst hatte die Lockerung der Umgangsformen gefördert. Vorübergehend natürlich, im normalen Flottendienst wäre selbstverständlich wieder die strenge Disziplin verlangt. „Nachdem jetzt alle wissen, wie Admiral Atlan ohne Hose aussieht, könnte mich vielleicht jemand mit einem Gleiter abholen. Signal anpeilen und los! Taiilm können Sie sagen, dass die Gravos ein Problem hatten. Der Chopper ist nur noch Schrott!“

Der See funkelte einladend im Morgenlicht, und obwohl es für arkonidische Verhältnisse unterweltlich kühl war, beschloss ich, meinen Körper den Fluten anzuvertrauen. Ein wenig schwimmen im kalten Wasser würde meine Synapsen hoffentlich wieder klären, also lief ich los und hechtete ins Wasser, kraulte und durchquerte den See hin und zurück. Dann trank ich vom Zufluss und fühlte mich erfrischt und wach, leider war aber mit mir nun auch mein Hunger munter geworden, mein Magen meldete sich mit unangenehmen Gefühlen. ‚Zu viel Energie verbraucht letzte Nacht!‘ analysierte der Extrasinn hämisch. Leider war ich weder für die Jagd noch für den Fischfang ausgerüstet, ich hatte für den Flug nur meine Gürtelwaffe mit, kein Salz, keine Gewürze – nun ja, wenn Inkahar den schnellen Zweisitzer nahm, konnte ich bequem in der Messe frühstücken.

*

Dieser Unfall ist tatsächlich geschehen, vom Rest habe ich bisher noch niemanden erzählt, Marie Anne. Aber ich bin sicher, nicht nur geträumt zu haben, das Leben geht manchmal ganz seltsame Wege. In einer ganz anderen Zeit, an einem anderen Ort sollte ich ein solches Muttermal wiedersehen, vielleicht erzähle ich noch einmal davon…

Oh, im Bunker wurde ich natürlich untersucht. CT – bleiben wir bei diesem Wort – Blutbild, Drogenscreening, das ganze Programm. Marie Anne, das Ergebnis war: multiple Risse in den fünf Brustplatten, verheilt, ebenso verheilte Trümmerbrüche der linken Hüftknochen. Arme und Beine mehrmals gebrochen. Nur der Schädelknochen und die Wirbelsäule waren unbeschädigt geblieben, ein Lob an die Götter! Alle Brüche waren wieder zusammengewachsen, keine Nachbehandlung nötig. Keine giftigen Substanzen, keine Halluzinogene, nur ein paar harmlose Rauchpartikel in der Lunge. Nun, Marie Anne, erklären Sie das. Ich kann es nicht. Ein nicht unbekannter Quantenphysiker hat einmal gesagt: ‚mit Quantenphysik ist buchstäblich ALLES möglich. Die Frage ist, WANN wir die Grenzenlosigkeit begreifen und unsere selbstgemachten Fesseln abstreifen‘. Das menschliche Gehirn ist manchmal zu Dingen fähig… Vielleicht sollte Mr. Rhodan einen Heiler in seine Mutantentruppe aufnehmen.

Ach liebste Marie Anne. Ich kann nur hoffen, Sie nicht zu sehr geschockt zu haben. Ich glaube nicht, dass ich mein Leben erzählen kann, ohne den Sex weg zu lassen. Er ist ein wichtiger, ein großer und ein prägender Bestandteil meines Lebens, seit das Kindermädchen meinen kleinen Prinzen verwöhnen sollte und wollte. Liebe! Ja, auch das ein wesentlicher Teil eines langen Lebens. Ohne sie hätte ich Jahrhunderte zwar über-, aber nicht gelebt. Marie Anne, ich beschwöre Sie, suchen Sie sich einen Schatz zum lieb haben. Ein Haustier ist kein Ersatz, glauben Sie mir. Aber ich habe auch gelernt, dass man die größte Liebe irgendwann gehen lassen muss, und dass nicht nur der Tod eine Liebe beendet. Aufstehen und weiter. Man findet immer wieder ein Stück vom Glück.

*

„Guten Morgen!“ Oberleutnant Sloma dalWhit betrat gut gelaunt die Messe, eine Woche Urlaub mit Bergwandern in Afrika lag hinter ihr. Irgendwann muss jeder einmal den Bunker verlassen, um nicht völlig den Verstand zu verlieren, der Lagerkoller, Sie verstehen? Sloma hatte die Auszeit scheinbar gut getan, wir alle staunten nur, WIE gut. Sloma? Gute Laune und Lächeln? ‚Wer sind Sie und was haben Sie mit meinem Offizier gemacht‘, ach, keine Ahnung, wer es erfunden hat. Vielleicht die Schweizer?

„Äh”, Vallan starrte mit großen Augen. „Oberleutnant, Sie sind so ganz anders!?“ „Oh, Korporal, Sie haben es bemerkt? Ja, danke der Nachfrage, ich fühle mich tatsächlich wohl!“ Howan drückte sich wie immer direkt aus. „Mädel, wer hat Dir denn den Stecken aus dem Ahhhh! Es geht wohl nicht primär ums herausziehen, und Hintern ist auch falsch. Komm schon, Sloma, sag uns, wer war’s! Wir waren ja schließlich hier, oder war es gar…?“ „Wenn Du schon alles genau wissen musst, es war Häuptling ‚Den der Elefantenbulle um seinen Rüssel beneidet!“ konterte dalWhit. Vhinja dalMrango lächelte versonnen. „Bei den afrikanischen Stämmen gibt es schon ein paar ganz gut gebaute Jungs, ein bisschen Rasiercreme, eine Menge Wasser und ein bis zwei Spritzer Herrenparfum…!“ „Parfum, wozu Parfum? Gerade dieser wilde, herbe, männliche Duft, dieses animalische, zielorientierte, nur auf den augenblicklichen Sex konzentrierte, dieser absolut emotionale, harte, fast brutal ehrliche Ritt, diese rohe, ungebändigte Kraft erregt mich so ungemein.“ Sloma Stimme war dunkel, rauchig und aufreizend geworden, ihre Augen funkelten, ihr Atem ging schwer, ihr Haar hatte sich gelöst und hing in die Stirn. „Nicht dieses verschnörkelte, verspielte, manirierte der meisten modernen arkonidischen Männer.“ Inkahar und Howan schluckten hörbar, während Vallans Ohren blutrot wurden.

„Man muss sich vorstellen“, Inkahar sprach in den Raum, ohne jemand anzusehen. „Seit ich hier aus meinem Schiff gestiegen bin, bewundere ich diesen prächtigen Hintern des Oberleutnants, seine sinnlichen Bewegungen, diese perfekten Rundungen. Bis heute habe ich nicht gewagt, mich dazu zu äußern, des Belästigungsparagraphen wegen.“ „Ich habe es durchaus bemerkt, Major. Ich gestehe, dass ich vorhatte, es nach meinem Urlaub, meiner eigenen Finger Spiel müde, auch zur Kenntnis zu nehmen. Vielleicht wäre es sogar ganz gut gegangen, auch ohne große Liebe?“ Inkahar prallte zurück. „Eigentlich wollte ich jetzt keinen Heiratsantrag stellen!“ „Dann einfach so, Major Inkahar..?“ gurrte Sloma, drehte Inkahar den Rücken zu und bückte sich etwas. Ihre Daumen fuhren unter den elastischen Bund ihrer Uniformhose, schienen nach unten ziehen zu wollen. Nie gesehene Röte überzog Inkahars Gesicht. „Machen Sie ein Ende, Oberleutnant!“ mischte ich mich ein. Ich zeigte mit dem Kinn auf Vallan, der kurz vor dem Herzinfarkt zu stehen schien und hyperventilierte. „So sehr ich die neue Sloma und ihre Scherze zu schätzen weiß, bitte ich Sie in dieser Situation um Zurückhaltung.“ Es entrang sich mir ein Seufzen. „Ich fürchte, wir werde den Knaben aufklären müssen.“ Suuna hob die Hand. „Darf ich das machen, Admiral?“ Stöhnend verbarg ich mein Gesicht in den Händen.

Später bat die jetzt gar nicht mehr steife Sloma um eine Unterredung unter vier Augen. Wir wählten einen Tisch im Aufenthaltsraum, der 3D – Bildschirm im Hintergrund erweckte den Anschein, eine Aussichtsterrasse auf Arkon I zu sein. ‚Heimat, süße Heimat‘, ein Anflug von Heimweh überkam mich. Dort, knapp hinter dem Hügel, die Winterresidenz der Gonozal, nur Augenblicke entfernt, ich könnte zu Fuß durch den Park… ach, Träumerei, Illusion. Ich war gefangen auf dem primitivsten aller Barbarenplaneten. Hoffentlich nicht mehr für lange, wer würde es schon wagen, den Kristallprinz und Thronfolger von Arkon schmählich im Stich zu lassen.

„Admiral?“ dalWhits Stimme riss mich brutal in die Realität zurück, ich seufzte tief, rief mich zur Ordnung. „Entschuldigen Sie, Oberleutnant. Ein Moment der Träumerei. Sie kennen die Gegend?“ Sloma nickte. „Ich war früher, in meiner Kindheit oft hier, mit einem Erzieher. Er wählte diesen Platz wegen der Nähe zum Palast.“ Ein schelmisches Grinsen flog über ihr etwas zu langes, aber nicht hässliches Gesicht. „Wenn er wüsste, dass ich bei einem Gläschen mit dem Thronfolger sitze, er versänke vor Ehrfurcht im Boden. Hätte wohl nicht gedacht, dass ich es so weit bringe.“ Nun war es an ihr, tief zu seufzen. „Es hat mich auch eine Menge gekostet, Oberleutnant zu werden. Meine Eltern waren verarmter Adel, also kein Geld fürs Patent, ich habe es mit eiserner Disziplin geschafft.“ Wieder legte sie eine Pause ein, ich wartete schweigend. Sloma würde schon zum Punkt kommen, und aus eigener Erfahrung wusste ich, dass manchmal etwas ausgesprochen werden musste, etwas, das tief sitzt. Ein neuerlicher tiefer Atemzug. „Sie wissen, es gibt drei Möglichkeiten des Aufstieges. Ein Offizierspatent kaufen, einem hohen Vorgesetzten den Hintern hinhalten und, na ja, sie wissen schon. Ich entschloss mich für den dritten Weg. Für eiserne Disziplin. Dauert länger, ist aber im Endeffekt befriedigender. Nur bin ich jetzt über siebzig, die Hälfte meines Lebens ist vorbei.“ Das hätte ich nicht gedacht, Sloma sah keinen Tag über fünfzig aus. Wieder entstand eine Pause. „Oberleutnant ist auch auf einem solchen Provinzplaneten keine schlechte Karriere, ich hätte sicher den Major noch geschafft. Viel fehlt nicht mehr.“ Eingehend musterte sie das Panorama, ehe sie wieder zu mir sah. „Ich kann nicht behaupten, nie einen Mann in meinem Bett gehabt zu haben. Obwohl mein Gesicht nicht wirklich schön ist, meine Schultern zu breit und meine Titten zwei Nummern zu groß und schwer sind. Meistens war es in ganz in Ordnung, aber so der tolle, der totale Orgasmus war nicht darunter. Ich dachte immer, vielleicht liegt’s an mir.“

„Ich war in Afrika wandern, und da, na ja, ein Stamm schlug am Fuß des Berges sein Lager auf.“ Nervöses Kratzen am Hinterkopf. „Einer machte sich auf, um ebenfalls den Berg zu besteigen.“ Sloma leckte sich die Lippen, kaute an ihrer Unterlippe. „Später habe ich erfahren, es war, nein, ist der Sohn des Schamanen!“ Oha! ‚The only one who ever reach me – was the son of a preacher man – the only boy who ever teach me -was the son of a preacher man‘. Dusty Springfield. 1969. Eine Zeit, in der ich…. später. Viel später.

„Ich nehme an, das war der ganz große, tolle Häuptling ‚Elefantenrüssel‘?“ Sloma dalWhit lachte ihr ungewohntes Lachen. „Sein Name ist N’Gobonawallelle. Und ja, es war – einfach nur überwältigend. Ich habe nie zuvor so etwas erlebt!“ Ich nickte. „Hoffen wir, dass N’Gobonawallelle nicht ‚der mit den vielen Weibern heißt,“ ein kurzer Einwurf eines nicht ganz alten, aber misstrauischen Mannes. Nein, nicht eifersüchtig, dalWhit war als Frau zumindest bis dahin nicht auf meinem Radar gewesen. Vielleicht wäre sie irgendwann einmal, viel später darauf gekommen, aber zuerst hatte Thalma mich blind für weibliche Schönheit gemacht, und dann – na, vielleicht nicht blind, aber ich war ihr ein treuer Partner gewesen. Irgendwie hatte ich zwar Schönheit gesehen, aber sie hatte mich nicht wirklich interessiert. Aber es geht jetzt um Sloma. „Nein”, antwortete sie auf meine misstrauische Bemerkung. „Der Name bedeutet ‚Der mit der weißhaarigen Göttin `rummacht! Den hat er bekommen, als wir in seinem Lager aufgetaucht sind!“ „Sie haben sich als Göttin ausgegeben?“ Sloma schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht! Ich habe ihnen klar gemacht, dass ich auch sterblich bin. Diese Verehrerei und Opferei wäre mir auf die Nerven gegangen. Ich fürchte, sie halten mich jetzt für so eine Art Götterboten!“

Marie Anne, schon die Brüder Strugatzki haben festgestellt: ‚es ist nicht leicht, ein Gott zu sein!‘ und Bharakam sagte: ‚zu viel Verehrung schadet der Verdauung. Götter und Hohepriester benötigen einen eisernen Magen!‘

„Viele Männer halten ihre Frauen für Götterboten. Auch wenn sie manchmal im Dienste der Herrin mit dem Tiefgekühlten sind.“ Wieder entlockte ich ihr ein schallendes Gelächter. „Nun gut, Oberleutnant. Was wollen Sie von mir? Eine Eheerlaubnis?“ DalWhit kratzte sich an der Kehle. „Das ist die Frage, Admiral. Ich weiß es nicht. Überhaupt nicht! Ich habe es mir schon überlegt. Was macht das aus mir, wenn ich mit einem irdischen Primitiven, also, wenn ein solcher….“ Jetzt war es an mir zu lachen, auch wenn Sloma es wahrscheinlich nicht goutierte. „Eine glückliche Frau, wie ich hoffe! Eine sehr glückliche Frau!“ „Aber ein, ein…“ „Denken Sie an Bär, dalWhit. Denken Sie immer an Bär!“ Sloma nickte, trank den Rest aus ihrem Glas und erhob sich. „Ich werde an Bär denken. Aber ich werde noch viel nachdenken müssen, nicht nur über Bär. Vielen Dank, Admiral!“ „Fällt Atlan zu schwer, Sloma?“ „Schon noch, Erha.. Adm… Atlan, immerhin sind Sie, bist Du, ach, keine Ahnung!“ „Guter Anfang“, lachte ich. Nachdem Sloma gegangen war, orderte ich ein weiteres Getränk und versenkte mich wieder in den Anblick des Panoramas. Unbeabsichtigt hörte ich mit, wie Taiilm Suuna sein Leid klagte.

„Ich hatte schon gehofft, eines nicht allzu fernen Tages nach Arkon zu fliegen und mir dann alles anzusehen. Ich fürchte, jetzt werde ich nie dorthin kommen.“ Suuna nahm einen tiefen Schluck von ihrem Bier. „Ist auch nicht anders als hier. Hat Dich Dein Vater nicht an die Konzerne verkauft? Passiert Dir hier nicht!“ „Ja, schon, aber – die Farbe des Himmels, diese riesige, weißglühende Sonne Arkons. Und hier? Alles trüb, mit viel Glück sieht man alle drei Wochen zwei Sonnenstrahlen! Ich hatte es mir so schön vorgestellt. Arkon, kleines Appartement von meiner Rente gekauft, eine Frau mit großen – na Du weißt schon..“ „Brotlaiben?“ Vallans Ausspruch hatte die Runde gemacht. Beide lachten. „Brotlaiben.“ Suunas Stimme klang plötzlich tiefer, rauer. „Im Vergleich zu Hemutag habe ich nur kleine Laibchen, aber…“ Taiilms Antwort kam mit belegter Stimme. „Aber groß genug, Suuna. Gehen wir.“ Das Scharren von zurück geschobenen Stühlen, das Geräusch sich entfernender Schritte, Stille. Ich lächelte still vor mich hin.

Sloma verließ uns drei Wochen später mit einem kleinen Schweber. Lange suchten wir danach, aber der Transponder gab kein Signal, und ohne Ortungsdaten war auch der damals bewohnbare Teil Afrikas ein ziemlich großes Stück Land. Auch wenn wir unsere Suche in der Nähe von Bergen konzentrierten, blieb noch ein riesiges Areal. Einige Zeit später kamen wieder Signale, wir fanden den Gleiter und eine Abschiedsbotschaft. Natürlich eine Zeitschaltuhr. Der Brief lag unter ihrer Uniform, die sie zurück gelassen hatte, nur ihre Wanderstiefel fehlten, sonst war sie scheinbar mit der geltenden Mode des Lendenschurzes gegangen. Die Suche wurde eingestellt, ich fand in letzter Zeit zu viele Abschiedsbriefe, aber zumindest lebte Sloma noch.

‚Atlan, ich habe viel, lange und intensiv nachgedacht. Die Tage und Nächte mit N’Gobonawallelle waren das Schönste, das mir passiert ist. Meine Bitte an Euch alle, lasst mich gehen. Ich werde oft und gerne an meine Kameradschaft mit Euch allen denken, sogar mit Howan, aber nicht zurück kommen. Oberleutnant dalWhit aus!‘ Ich hoffte, und hoffe heute noch, dass sie so glücklich geworden ist, wie sie es sich erhoffte.

*

Ja, meine Liebe, warum sollte ich ihr denn nicht alles Glück der Welt wünschen. Als ich das erste Mal auf Larsaf landete, hätte ich sie entweder in die Arrest- oder die Gummizelle gesteckt, auf jeden Fall wäre die Causa vor einem Disziplinarausschuss gelandet. Nicht, weil sie Sex mit einem Einheimischen hatte, das wäre immer und überall völlig egal gewesen. Der Skandal wäre gewesen, dass sie Gefühle für diesen Mann entwickelte, und natürlich, dass sie so einfach verschwand. Denn genau genommen desertierte Sloma. Aber ‚bei meiner Sohle, das schert mich nicht‘, Shakespeare, Romeo und Julia! ‚Bei meiner Seele, da kommen die Capulets! Bei meiner Sohle..‘ Was sollte ich auch noch machen? Den ganzen Kontinent absuchen? Nach einer Frau, die ganz genau weiß, wie wir vorgehen? Lächerlich. Also stellte ich alle Maßnahmen ein, da konnte ich ihr innerlich genau so gut viel Glück wünschen. Außerdem, ich konnte sie ja verstehen. Ich war wohl nicht mehr ganz der Atlan, der Jahren die Erde betrat.

*

In diesen Zeiten machte ich lange Ausflüge, oft flog ich mit einem neuen Chopper – der alte Bastler Taiilm hatte redundante Systeme eingebaut und das Fliegen dieser Maschinen viel sicherer gemacht – nach Arkuush. Dort stiegen Marba und ich in ihren Flitzer und machten uns aus dem Staub. Flogen einfach irgendwo hin. Auf den großen Doppelkontinent etwa, suchten nach Spuren der Eingeborenenakademie. Spuren fanden wir, Menschen nicht mehr. Wir besuchten im Norden das Canyonland, wo es überraschend warm war, die großen Mesas, die Natural Bridges. Wir sahen das Monument Valley und rasteten auf dem Gipfel des Devil Tower, an einer Stelle, an der ich auch schon Thalma geliebt hatte. Wir lagen auf dem Plateau und blickten in den Sternenhimmel und küssten uns, während Sternschnuppen über uns ihre Spuren zogen. Marba lag weich und warm in meinen Armen, ich knabberte an ihrem Ohr und ging dann tiefer. Später lagen wir schläfrig neben einander. Ja, ich lächle. Ich lächle, weil mir einfällt, das Jahrtausende später ein bestimmter Steven Spielberg genau auf diesem Berg eine Begegnung mit Außerirdischen geschehen ließ. Wenn damals dieses Schiff auf diesem Berg gelandet wäre, ich hätte sonst etwas gegeben. Aber, dem Himmel, dem kamen wir auch ohne Raumschiff ganz schön nahe.

*

„Admiral!?“ Ich legte das Compad beiseite und blickte auf. „Ja, Leutnant dalOlyr?“ Die Unsicherheit in der Stimme Sankhas war – nun ja, befremdlich. „Chef, Technik-Maat Taiilm ist überfällig. Er sollte auf Erkundungsflug sein und hat sich nicht zurück gemeldet.“ Ich war erstaunt, so jung, um mit einer solchen Situation überfordert zu sein, war die Leutnant denn doch nicht. „Dann rufen Sie ihn doch über Com.“ „Verzeihung, Atlan, das habe ich auf allen Frequenzen versucht, der Maat antwortet nicht!“ Nun war mein Interesse geweckt. „Geben Sie die Transponderkennung in die Ortung!“ „Bereits geschehen, Chef. Kein Signal.“ Mein Interesse wuchs, der Extrasinn meldete sich mit einem von Herzen kommenden ‚jetzt trifft gleich irgendeine Fäkalie auf einen Luftumwälzungsrotor‘ – also kurz und salopp gesagt, Scheiße auf einen Ventilator. „Energieortung! Sein Schwebechopper muss doch leicht zu findende Strahlung emittieren.“ „Ich habe schwache Emissionen eines Antigravitationsmotors gefunden!“

…Get you’r Motor running…Head out on the Highway…
…I like smoke and lightning……Heavy metal thunder…
(Steppenwolf)

„Wo?“

„Nördlicher Teil des Doppelkontinents!“

„Kamerasonde ausrichten!“

Eine eiskalte Hochebene, rostroten Sand, aufgewirbelt von einem Schwebechopper in schneller Fahrt…

…Taiilm ohne Helm, alle Schirme deaktiviert, das lange, weisse Haar wie eine Fahne hinter ihm…

…der Kurs auf die große Schlucht, die man später Grand Canyon nennen sollte…

…der Beschleunigungsgriff bis zum Anschlag gedreht…

…das Fahrzeug über den Rand der Schlucht, ein Griff ans Instrumentenbord, der Antigrav wurde abgestellt…

….Taiilm legte den Kopf in den Nacken, schloß die Augen und breitete seine Arme aus. Unerbittlich griff die Schwerkraft nach Mann und Maschine.

…We were born, born to be wild….(ebenfalls Steppenwolf ).

Noch ein letzter Appell, ohne Leichnam. Ein weiterer Name auf der Tafel. Und immer noch kein Schiff von Arkon.

„Wir müssen es Suuna sagen.“ Sankhas Stimme schnitt durch meine Gedanken. „Ja, das müssen wir wohl.“ Als ich mich erheben wollte, fühlten sich meine Glieder schwer wie Blei an. Inkahar stand auf „Soll ich …?“ Ich winkte ab. „Danke, Inkahar, aber – ich bin der leitende Offizier, es ist meine Verantwortung.“ „Atlan, Suuna braucht jetzt einen Freund, keinen obersten Anführer.“ Ich glaube, nein ich befürchte, dass ich ihn nicht sehr freundlich angesehen habe. „Atlan, Du bist mein Freund, aber wann hast Du mit Suuna jemals mehr als fünf Worte außerdienstlich gesprochen?“ Oh – das hatte ich tatsächlich nicht. Trotzdem! „Wollen wir gemeinsam..“ „Wir alle wollen gehen. Vielleicht braucht sie Beistand!“ auch Sankha stand auf, ich nickte.

Suuna öffnete die Tür zu ihrer Suite. Ja, wir bewohnten alle die gleiche Art von Offizierswohnungen. Warum nicht? Wenn wir etwas im Übermaß hatten, dann Platz! Weiter also. Suuna öffnete, sah uns und begann lautlos zu weinen. „Taiilm?“ Wir nickten. Sie ging in ihre Räume und winkte uns hereinkommen. „Er war schon so seltsam, in der letzten Zeit. Ich habe aber geglaubt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis er seine depressive Phase wieder überwunden hat, er hat ja auch die Medikamente genommen. Was ist geschehen? Wie ist es geschehen?“ Sankha nahm Suuna in den Arm, und mit vorsichtigen Worten schilderte ich, was sich zugetragen hatte. Dicke Tränen der Trauer liefen über Suunas Gesicht. Ich hoffte, dass es auch für sie Heilung von der Trauer gab.

*

Nun, meine liebe Marie Anne, es waren insgesamt etwa sieben Jahre seit dem Untergang von Atlantis vergangen. Vier der Arkoniden, die mit mir der Zerstörung im Bunker entgangen, waren tot, eine gegangen. Ich sah eine düstere Zukunft für uns, wenn nicht bald Rettung käme. Und genau das war der ganz große Teil des Problems. Selbst ich hatte die Hoffnung auf eine Arkonflotte bereits aufgegeben. Sieben Jahre! Arkon musste selbst mit der neuen Konverterkanone in ziemlichen Schwierigkeiten stecken. Darum stand wahrscheinlich nicht einmal ein Schiff zur Verfügung, den Kristallprinzen zu retten. Mir stand ewiges Leben bevor, aber ewiges Leben auf dem primitivsten Barbarenplaneten des bekannten Universums. Aber dank Marba DalArkuush hatte ich gelernt, Schönheiten zu erkennen, wo vorher nur Ekel war. Auch die Eingeborenen waren nicht mehr hässlich für mich. Zumindest nicht alle. Obowagasha war es definitiv nicht gewesen, hässlich meine ich. ‚Eine Frau, die einen Mann wieder aufzurichten vermag, ist per Definition schön. Vielleicht hat er es nur nicht gleich bemerkt‘. Robert A. Heinlein, Tagebücher des Lazarus Long.

*

Es hat einige Zeit gedauert, bis Suuna wieder halbwegs auf der Beinen war, und Ich kann es ihr nicht einmal verdenken. Es war mit Taiilm zwar nicht die große Liebe, sagte sie, aber die Schuldgefühle. Mir brauchen Sie nicht zu sagen, dass es Unsinn war. Aber Suuna machte sich Vorwürfe, irgendwie an seinem Zustand Schuld getragen zu haben. Wie auch immer. Vhinja hatte einmal vorgeschlagen, Vallan zu einem ‚Offizier auf Zeit‘ zu ernennen, es sollte den sozialen Alltag erleichtern. Immerhin war der Arme nun der einzige Charge, also ernannte ich ihn zum Fähnrich. Wir waren schon ein toller Haufen. Ein Admiral, sechs Offiziere und keine Subalternen. Zum Glück gab es Roboter, ähnlich den Gefechtsdrohnen, nur ohne Waffenarme, sonst hätte ich mein Bett selbst machen müssen. Soweit ich gehört habe, wurde Vallan doch nicht von Suuna in die Welt des Liebesspiels eingeführt, sondern Vhinja übernahm diese Aufgabe. Marie Anne, Honi soit qui mal y pense. Vhinja dalMrango war Offizier und Edelfrau, sie hätte nie deswegen eine Beförderung vorgeschlagen. Wo denken Sie hin. Wäre auch nicht notwendig gewesen.

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Was soll ich über die nächsten Jahre großartig Berichten. Es stellte sich immer mehr Routine ein, eigentlich blieben wir nur noch der Kommunikation wegen im Bunker. Und weil wir eine Verantwortung den Siedlern gegenüber hatten, die aber benötigten unsere Hilfe immer seltener. Einerseits bekamen sie natürlich Übung in Anbau, Pflege und Ernte, andererseits spielte das Wetter im Süden nicht mehr derart verrückt. Es ließ sich ganz gut an. Auch Tiere wurden, wenn auch nicht gezähmt, so doch gezüchtet, geschlachtet und gegessen. Einen Teil der frischen Nahrungsmittel wurde an den Bunker abgegeben, wir hatten das Steuersystem wieder eingeführt. Es war das dreiundzwanzigste Jahr nach der Zerstörung von Atlantis, die Flotte wurde immer mehr zur entfernten Träumerei.

Vallan wurde zwar von der leisen, aber leidenschaftlichen Vhinja zum Mann gemacht, aber rasch war aus Suuna und Vallan ein Liebespaar geworden, trotz eines erheblichen Altersunterschiedes. Nun, wenn ein alter Tattergreis ein blutjunges Mädchen heiratet, gibt es auch keinen Aufschrei, alte Fürze und junge Schürzen werden als normal betrachtet. Ach, ich hatte zwei Mal eine Frau, die älter als ich war. Ein Kindermädchen und Marba. Danach war es mir unmöglich, eine Frau zu finden, die mehr Jahre als ich vorweisen konnte. Zumindest hat es keine zugegeben. Nun wollten sie eine Eheerlaubnis, was immer die noch Wert sein sollte.

„Suuna, Vallan, wenn ihr heiraten wollt, meine Erlaubnis habt ihr. Ich trage euch als neues Ehepaar ein, der Standesbeamte darf die Braut küssen!“ „Zu spät, Atlan“, antwortete die schlagfertige kleine Schraubzange. „Vor zwanzig Jahren wäre ich für Dich aus der Uniform gesprungen, ehe Du ausgesprochen hättest. Jetzt bin ich eine ehrbare Frau geworden!“ „Ganz neue Töne”, frotzelte Inkahar, und Howan meinte „Ink, wenn sie einen echten Mann gewollt hätte, wäre sie beim Chef oder mir gelandet. Aber sie wollte ja einen jungen Knaben. Wie viele Nächte schafft er denn so?“ Vhinja stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. „Mehr als Du sicher, alter Mann!“ Ach, es war schön, Scherzworte zu hören.

Sie sehen, Marie Anne, Sexualität war etwas ganz natürliches für uns Arkoniden, und wir sprachen auch ganz locker darüber. Es wurde allerdings nach einer Eheschließung eine gewisse Treue erwartet. Oder doch eine vorherige Absprache mit dem Partner. Zumindest ein Mindestmaß an Diskretion. Eigentlich – wenn ich an die ‚göttliche Thora’ denke, schon lange nichts davon wirklich. Ein veraltetes Ideal. Vor der Ehe? Niemand dachte daran, ohne Erfahrungen gemacht zu haben, in die Ehe zu gehen, im Gegenteil, es wurde belächelt, für absonderlich gehalten. Ein höchstmögliche Maß an Experimenten wurde vorausgesetzt. Ich bin sicher, Vallan hatte auch schon bei Sankha… obwohl – eher hatte da Sankha Vallan vernascht. Wie der Junge wohl zum Volksvertreter damals auf Atlantis wurde? Nein, ich wollte ihn nicht fragen. ‚Wer zu viel fragt, kriegt dumme Antwort‘ ist ein Sprichwort, das beinahe alle Kulturen, Arkonabkömmlinge als auch Menschen aller Völker kennen. Zwei Jahre später stellte Vallan uns Taiilm vor, seinen neugeborenen Sohn, Sankha überraschte uns mit der Mitteilung, von Inkahar ein Kind zu erwarten. Eine Tochter, den Untersuchungen nach. Als sie uns den geplanten Namen verriet, musste ich mit den Tränen kämpfen. Das Mädchen sollte Thalma heißen.

*

Ich stützte mich auf den linken Ellenbogen und betrachtete Vhinja. Das Gesicht war noch gerötet und leicht verschwitzt, die Haare zerzaust. Ihr Brustkorb hob und senkte sich noch im schnellen Atem, brachte die kleinen, aber wohlgeformten Brüstchen in anregende Bewegungen. Der flache Bauch, die gerundeten Hüften. Eine Augenweide. Sie öffnete die Augen. „Gefällt Dir, was Du siehst?“ Ich nickte nur. „Sehr!“ Sie schwang ihre langen Beine aus dem Bett und ging zur Nasszelle, präsentierte dabei ebenfalls wohlgerundete, wenn auch größere Formen. In, oder besser an mir regte sich wieder etwas. Dann war sie zurück, setzte sich auf die Bettkante. „Kann ich mit Dir reden, Atlan?“ „Selbstverständlich!“ Da fällt mir Penelope ein, wie sie mir einmal ins Ohr flüsterte: „Weißt Du, warum ich keinen der Freier möchte und auf Odysseus warte? Er ist der Einzige außer Dir, mit dem man danach sprechen kann. Alle anderen sind zweibeinige Tiere, die grunzend und stöhnend ein Ende finden, aufstehen und gehen, die Frau im kalten Bett allein lassend!“ Ach, Penelope…

Aber wir waren bei Vhinja. Was ist so seltsam, dass wir miteinander…? Es war hemmungslose, befriedigende Erotik ohne große Erwartungen. Wir waren mit Begeisterung, aber ohne Bindungsgedanken an die Sache herangegangen, nicht zum ersten Mal. „Atlan?“ „Oh, ja natürlich. Ich war nur gerade abgelenkt von…“ „Nachdem ich Dich kenne, weiß ich, wovon. Könntest Du Deine Aufmerksamkeit von meinem Hintern auf meine Worte verlegen?“ „Höchst ungern!“ meine Hand streichelte ihre weichen, runden Bäckchen. „ATLAN! BITTE!“ Ich zog meine Hand zurück und setzte mich auf. „Danke!“ Sie seufzte tief, mein Blick wurde tiefer gezogen, schnellte gleich wieder zu ihrem Gesicht. „Entschuldige bitte. Du wolltest mit mir sprechen, ich höre jetzt zu!“ Ich schwang meine Beine aus dem Bett, warf einen Bademantel über und goss zwei Gläser Sekt ein. Tief durchatmend unterdrückte ich meine Erregung. Ich persönlich mochte Sekt nicht besonders, aber… nun ja.

„Atlan, Du kennst mich jetzt einige Zeit, und ich brauche Deinen Rat. Ich meine, ich bin knappe fünfzig Jahre!“ mir fiel Marba ein, die eben ihren Fünfundsiebziger gefeiert hatte. Halbzeit hatte sie es genannt. „Ich habe zwar noch einige Zeit, aber – ach, irgendwie hätte ich gerne Kinder. Keine Sorge, ich will Dich nicht zum Vater machen, aber..“ „Aber warum nicht?“ Ich überraschte mich soeben selbst. Ohne nachzudenken war es aus mir geplatzt. Ich hatte nie an Vaterfreuden gedacht, es schien mir immer zu früh. Außerdem, irgendwo hatte mein imperialer Onkel sicher schon eine dynastische Verlobte ausgesucht, irgendwann hätte ich halt meine Pflicht getan. Mein halber Antrag an Thalma war spontan, unüberlegt, aber ehrlich gewesen. Und jetzt? Spontan? Ja! Ehrlich? Auch. Vater? Das Weltall war groß und Arkon war weit. Der Gedanke gefiel mir ausnehmend gut. Vhinja war überrascht, fast so sehr wie ich selbst. „Das – das ist nicht Dein Ernst, Atlan. Ich meine, ich komme aus einer ganz guten, aber nicht wirklich hochrang….“ Ich benutzte eine obszöne Geste, die ich eigentlich gar nicht kennen dürfte – einige Zeit hatte ich mich in den tiefsten Slums einer Bergwerkskolonie versteckt – und eine ebenso vulgäre Floskel. In diesem Moment ‚die Pest auf beide eurer Häuser!‘ Shakespeare. „Hier zählt kein großer Name, Vhinja. Wir sind auf uns gestellt, und sollte ein Wunder geschehen, wird Arkon eine Imperatrice aus kleinem Haus überleben.“ Es kam die bereits halb befürchtete Frage. „Liebst Du mich, Atlan?“ Ich beschloss ehrlich zu sein. „Nein, Vhinja. Ich mag Dich, ich respektiere Dich und ich bin gerne in Deiner Nähe. Aber die große Liebe, wie ich sie bei Thalma verspürt habe, ist es nicht und wird es nicht. Tut mir leid.“ Vhinja lächelte. „Das ist gut, Atlan. Das ist sehr gut. Liebe kommt, Liebe geht. Respekt und Verantwortung bleiben.“ Sie schwang ihre endlosen Beine wieder ins Bett. „Bereit für einen Versuch?“ Ich ließ den Bademantel zu Boden gleiten. „Oh ja, ganz Offensichtlich, Admiral!“

‚Well my temperature’s rising, and my feet left the floor‘ Gimme some lovin‘ von Spencer Davis.

*

Etwa zwei Jahre später hielt ich es für angemessen, Una und Crest wieder einmal einen Besuch abzustatten. Kaffee einkaufen. Also schwang ich mich fröhlich auf meinen Chopper und flog los. Wie immer war der frontale Energieschild auf leicht durchlässig geschalten, es war ein erregendes Gefühl. Ach, einige Hundert Stundenkilometer ohne Schild? Sie sind schneller tot als sie glauben. Besonders ohne Helm. Wozu sollte ich einen aufsetzen, ich hatte den Energieschirm. Nein, ich war nicht klüger geworden.

Crest und Una waren auch allmählich gealtert. Sie mit ihren neunzig war noch ziemlich elastisch, aber Crest hatte die hundert schon überschritten, man sah ihm an, dass er nicht mehr so gelenkig war. Eine Menge Kinder wuselten durch die Räume, ich gestehe, ich verlor mich in Träumereien, bis die älteste Tochter, sie war schon beinahe erwachsen, herein kam, nur mit einem Lendenschurz wie eine Einheimische gekleidet. Noch ein wenig linkisch, das Kind, aber man sah schon die kommende Schönheit durch. Mich durchfuhr es wie ein elektrischer Schlag!

„Una! Ist das Thora?“ Sie lächelte voll Mutterstolz. „Natürlich. Meine älteste Tochter. Sie wird fünfzehn, ich habe länger gebraucht mit dem ersten Kind.“ „Sie ist fast erwachsen! Una, hast Du Dir schon überlegt… – ich meine, die Auswahl an jungen Arkoniden hier ist begrenzt. Genau gesagt, es gibt keinen Einzigen!“

Nein, Marie Anne, ich habe mich, seit ich fünfzehn Jahre alt war, immer für voll entwickelte Frauen mit reifen Formen interessiert. Nie für junge Mädchen. Aber, ich musste an meinen ungeborenen Sohn denken. Der würde einmal vor dem gleichen Problem stehen. Woher eine junge Frau nehmen? Ich begann mir Gedanken zu machen, ob es richtig gewesen war, an Kinder zu denken. Wie? Ach so, ja, Vhinja hatte mir schon stolz das Ergebnis Ihrer medizinischen Untersuchung mitgeteilt. So wie es aussah, würde ich in wenigen Monaten Vater eines Sohnes sein! Wahrscheinlich war ich deshalb ein wenig ‚neben der Spur‘. Übrigens hatte Una anfangs den gleichen Verdacht wie Sie, Marie Anne, aber ich konnte sie vom Gegenteil überzeugen. „Unsere Kinder sind oft im Helferdorf, und ich glaube, Thora hat sich schon in so einen Bengel verknallt. Mgakano heißt er. Eigentlich ein netter Junge, ich fürchte, zu nett! Auch wenn sie sagt, da war noch nichts, das habe ich meiner Mutter auch immer gesagt. Sie hat es wahrscheinlich genau so wenig geglaubt, wie ich es glaube. Sie hatte recht, ich bin sicher, dass ich genauso recht habe. Aber – was soll ich machen? Alle meine Kinder werden irgendwann in den Stamm heiraten müssen!“ „Und die Arkoniden auf den Inseln? Ich könnte einige Kandidaten hierher bringen lassen.“ Una legte schmale Hand auf meine Pranke. „Atlan, das verschiebt das Problem nur um eine oder zwei Generationen. Es ist egal, ob jetzt oder später, und hier kennen sie schon das Umfeld. Lassen wir der Natur ihren Lauf!“ Mein Extrasinn meldete sich zu Wort: ‚höre auf die Worte der Frauen. Alle, die Du kennenlernen durftest, waren viel weiser als Du es je werden wirst!‘ So war es auch.

Als ich mit Crest wenig später das Eingeborenendorf besuchte – sie wollten nur bei Sturm das feste Haus aufsuchen, auch wenn die d’Tsils ihnen Wohnungen angeboten hatten – war ich überrascht. Die Hygiene war vorbildlich, die Töpfe mit den Ausscheidungen der Menschen wurden auf die Felder getragen und dort verteilt. Jeder sprang mehrmals täglich in den nahen See und säuberte sich, zerkaute Pflanzenstängel dienten als Zahnbürste. Marie Anne, so sauber waren die Menschen in den wenigsten Zeiten, die ich erlebt habe. Selbst nach meinen pingeligen arkonidischen Vorstellungen.

Mgakano entpuppte sich tatsächlich als recht netter Knabe. Etwas frühreif vielleicht, aber das war bei diesen Menschen normal, ich hoffte, Una würde ihre Kinder auf frühe Verluste der geliebten Partner vorbereiten. Auch mit den hier herrschenden hygienischen Bedingungen, mit der Möglichkeit, gut und gesund zu essen, war die Lebenserwartung der Erdenmenschen nicht einmal die Hälfte der arkonidischen. Nach einigen Tagen flog ich weiter, nach Arkuush.

Marbas erste Frage, nachdem ich gelandet war? Raten Sie, Marie Anne. Genau, hundert Punkte. Wörtlich: „Wie geht es Vhinja?“ Ich nahm sie erst einmal in die Arme, ehe ich das ganze Repertoire abspulte, von den morgendlichen Befindlichkeiten, den absonderlich Geschmacksverirrungen, den medizinischen Untersuchungen und deren Ergebnissen berichtete. All das, was seit Anbeginn der Zeiten werdende Väter den Freundinnen ihrer Frauen erzählen. Eigentlich erzählen es die Frauen ihren Freundinnen, die Männer stehen daneben und grinsen verlegen, stolz oder nur dümmlich. Nun, Marba hatte keinen Mann, also, keinen, dem sie exklusiv ihre Gunst schenkte, und Vhinja hatte mich allein auf die Piste geschickt, damit ‚sie die hässliche Visage, die zudringlichen Pranken und das lästige Umsorgen‘ eine Weile los sein könnte.

Marie Anne, ich hielt mich strikt an die Etikette. Als Vhinja mich mehr oder weniger aus meinem Bunker warf, teilte ich ihr mit, dass Arkuush in meiner Absicht läge. Ihre Antwort? „Vielleicht bist Du dann weniger nervös. Mir dem Kind und mir ist alles in Ordnung. Ich bin nicht krank, ich bin schwanger!“ Jetzt, meine Liebe, dürfen Sie über den alten, immer spitzen Atlan lachen. Bis zur Landung am Nil hatte ich mich auf Marba gefreut, mir ausgemalt, wie weich und warm sie in meinem Arm wäre, wie ich eine Schicht nach der anderen von ihrem sinnlichen Körper schälen würde. Ich nahm sie, weich und warm in den Arm – und hatte kein Interesse an etwas anderem, als von Vhinja und meinem Sohn, der noch nicht einmal geboren war, zu erzählen. Da stand ein erwachsenes Mannsbild vor einer schönen, erotischen Frau und redet Banalitäten, ohne enge Hosen zu bekommen. Der Extrasinn sagte lapidar: ‚jetzt wirst Du alt, Arkonide!‘

„Atlan?“ Marbas Stimme holte mich aus meiner Versunkenheit. „Ist jemand zu Hause?“ Sie wedelte mit ihrer Hand vor meinem Gesicht. Ich hoffe, mein breites Grinsen hat damals nicht allzu dumm gewirkt. „Ja! Ja, bitte, Marba!“ „Hast Du Dir schon einmal überlegt, dass das Leben im Tiefseesilo nicht wirklich das Wahre ist. Sollten Kinder nicht mehr als drei, vier Wochen im Jahr frische Luft schnuppern können?“ „Aber…“ „Die Kommunikationseinrichtungen lassen sich doch auch hier unterbringen, Platz für so etwas wie einen Kommandoraum habe ich genug, meine Helfer werden sicher bereit sein, wenn es sein muss, anzubauen!“ „Aber…“ „Mit einem Hochleistungs-Gleiter bist Du doch in wenigen Minuten im Silo, falls irgendetwas passiert!“ „Aber…“ „Knapp vor der Geburt kannst Du mit Vhinja ja wieder Deine alten Gemächer beziehen, damit sie gleich bei der MedoStation ist. Verdammt, Atlan sag doch was!“ Frauen! ‚Wenn Frauen sprechen, schweige still, fallendes Wasser hemmst Du eher als der Frauen Will’.‘ Tukhur, der Navigator. „Marba, ich wollte Dir doch sagen, das ich die Idee sehr gut finde, ABER, ich muss erst mit den Anderen sprechen. Ich bin ein Admiral ohne Flotte! Ein Anführer ohne Heer! Ich bin doch schon lange nur ‚Primus Inter Pares‘, wenn ich überhaupt noch Primus bin. Allmählich scheint ja Vhinja das Zepter übernommen zu haben!“ also, natürlich habe ich den Ausspruch nicht in Latein, sondern in Altarkonidisch benutzt.

Ich will es kurz machen. Der Vorschlag fiel auf fruchtbaren Boden, wir packten unsere Siebensachen, einiges an Technikzeug – Suuna war da sehr geschickt – und richteten uns in Arkuush gemütlich ein. Ich beauftragte den Zentralcomputer mit der Fertigung eines Arkoniformen Roboters, der nach Möglichkeit stetig verbessert werden sollte. Die Nanotronik bekam sozusagen eine Forschungsauftrag. Wir packten alles in sieben Lastenschweber, holten dann noch den Highspeed-Flitzer nach. Eigentlich war ich gar nicht unzufrieden. Ich war zwar noch jung, aber ich fühlte mich gut, ich hatte eine Familie, wartete auf mein erstes Kind… eine Idylle. Wenn tatsächlich ein Schiff in den Ortungsbereich kam, oder gar Sprechverbindung aufnahm, könnten wir das überall in Arkuush hören. Howan, der scharfzüngige Zyniker traf sich öfter mit einer Frau. Sie erinnern sich an die Zalitischen Frauen? Eine hat sich für ihn entschieden. Mushjaa. ‚Die Zarthäutige’. Zumindest war das ihr ‚Künstlername’. An ihren richtigen konnte sie sich nicht mehr erinnern, verloren im Drogenrausch. Im aufgezwungenen, wohlgemerkt.

Ab und zu machte ich mir den Spaß, ging in die sogenannte Zentrale und spielte mit den Aufklärungsdrohnen. Ich wollte gar nichts bestimmtes finden, nur so ein wenig in Übung bleiben. Einmal sah ich einen Stamm Eingeborener in einem Lager. Ohne allzu großes Interesse zoomte ich näher, da fiel mir eine weißhaarige Frau auf. Nicht alt und gebrechlich, wie weißes Haar zu dieser Zeit bei Erdenmenschen suggerierte, sondern jung und vital, ich schätzte das Alter auf Mitte zwanzig. Sie lief zu einem nahen Fluss, blieb an seinem Ufer stehen und entledigte sich ihres Lendenschurzes. Langsam watete sie ins Wasser, ich zoomt noch näher heran, auf einen dunklen Fleck über ihrem Po. Ich erblickte ein Muttermal, eine Sonne, wie sie schon gesehen hatte. Die junge Frau wirbelte jählings herum, starrte genau durch die Linse in meine Augen, irgendwie standen wir nun in einer Art telepathischer Verbindung. Es war eine Begrüßung und ein Abschied gleichzeitig, dazu ein Dank für gutes ‚Mojo‘. Die Drohne gab überraschend ihren Geist auf, ich habe die junge Frau nie wieder gefunden. Aber ich wusste jetzt, irgendwo da draußen hatte ich – eine menschliche Tochter, die erfolgreich in den Fußstapfen ihrer Mutter zu gehen schien. ‚I’ve got a black magic woman…. Carlos Santana

Pünktlich wie die Uhr gebar Vhinja nach zehneinhalb Monaten Schwangerschaft den erwarteten Sohn. Wir nannten ihn Tarts. Ach, da fällt mir ein – ich habe aus dem Silo ein 3D von Vhinja und dem kleinen Tarts. Wollen Sie es sehen? Entschuldigen Sie Bitte, ein uralter Mann und ein solches Benehmen, zeigt auch noch Babyfotos herum. Was müssen Sie nur von mir denken, muss ich mich dessen schämen? Ich frage Sie, Marie Anne, von Psychologe zu Psychologin.

Dabei fällt mir ein, dass gegen eine Beziehung zwischen uns Beiden auch spricht, dass Sie allmählich zu viel von mir wissen. Was wäre eine Beziehung ohne Geheimnisse zu Beginn.

*

‚Die Zeit ist langsam für jene, die auf etwas warten, sehr schnell für diese, die ängstlich sind. Lange für den, der jammert, für den Feiernden zu kurz. Für den, der liebt, ist Zeit Ewigkeit.‘ Shakespeare. Ich mag Shakespeare, auch wenn einige seiner Verse von Marlowe stammen. William hat sie jedenfalls genial zusammengestellt. Für mich war die Zeit eine Ewigkeit, obwohl so gar nichts grandioses passierte.

Natürlich konnten wir nicht ständig in einer Hippie – Kommune existieren, das Leben außerhalb gab es ja auch noch, und es brachte Probleme in unsere kleine Heimat. Die Menschen wanderten zumeist, für Jäger und Sammler gab es keine Sesshaftigkeit, sie mussten ihrer Beute hinterher wandern. Ausschließlich in den winzigen Dörfern, die sich um arkonidische Häuser gebildet hatten, blieben die Afrikaner dieser Zeit standorttreu. Als aber zuerst Moklar und danach Owaas d’Wramu starben, zogen langsam die dort ansässigen Menschen weg, die Kinder der d’Wramu wanderten mit. Dass Jäger nicht immer nette Zeitgenossen sind, dürfte auf der Hand liegen…

Es war Frühling, die Sonne wärmte nicht nur unsere Glieder, sondern auch unser Gemüt. Sankhas Thalma und Suunas Taiilm waren etwa zwanzig. Lange sah es so aus, als wären sie sehr an einander interessiert, doch dann überraschte Thalma ihre Mutter, sich einer nomadischen Sippe anschließen zu wollen. „Zumindest für eine große Runde, Mama!“ Reisende, die es wirklich ernst meinen, kann man nicht halten, sie werden einen Weg finden. Also gaben wir der junge Frau die nötigste Überlebensausrüstung und einige gute Ratschläge sowie wohlgemeinte Gebete mit auf den Weg. Suuna war eine erfahrene Frau, sie hatte sicher keine Idiotin großgezogen. Hofften wir, hoffen darf man immer. Taiilm stürzte sich in einige Abenteuer – zu seinem großen Glück hatten die Menschen damals noch eine große sexuelle Freizügigkeit. „Nur gut für das Mojo“. Mojo? Ach, eine magische Energie, die Glück und Pech… haben Sie in Ihrer Jugend Karl May gelesen? Die Medizin seiner Indianer, nur ohne Beutel. In diesem Fall, ohne dass sie eine wirkliche Vorstellung von den genauen Zusammenhängen hatten, gut für den Genpool.

Tarts war achtzehn, ein schlaksiger Junge, der allmählich begann, sich für Mädchen zu interessieren. Sloma Rosheen – nun ja, Vhinjas Mutter trug diesen Namen, also habe ich mich mit ihm, also dem Namen, ausgesöhnt – war sechzehn, und in nicht ferner Zukunft… ach, was soll’s, irgendwann würde sie mich zum Großvater machen. Einerseits war die Vorstellung beglückend, andererseits hatte ich beschlossen, jedem zudringlichen Mann Arme und Beine zu brechen, ehe ich in zwingen wollte, sein eigenes – na, sie wissen schon – zu verzehren. Wie immer – der Mensch macht Pläne, die Götter werfen sie um, es kam nie dazu, dass ich einem Jungen irgend etwas abschnitt. Thora Una war 13, ein süßes Mädchen, dass ihren stolzen Papa, also mir, noch keine Probleme breitete. Nur Freude. Große Freude. Und im Moment genoss ich einfach die warmen Sonnenstrahlen.

„Atlan!“ irgendwoher klang Inkahars Stimme. „Grmmmpfffff!“ „Atlan! Komm schon!“ „Nurnmomentchennoch…“ „ADMIRAL! DEFCON 5!“ Meine Geschwindigkeit, mit er ich ihn erreichte, dürfte nahe einem Teleportsprung gewesen sein. „Rapport!“ Alte Gewohnheiten, lange trainiert, brechen eben immer wieder durch. Inkahar wies auf einen Bildschirm, der die Bilder einer Aufklärungsdrohne zeigte. „Ich wollte eben zu Marba. Du weißt, wie ordentlich es in Ihrer Wohnung ist?“ Ich nickte. Besser als Inkahar. Nun, zumindest länger. „Alles war durchwühlt, Marba nicht da, ich habe die Drohnen gestartet. Sankha habe ich losgeschickt, um im Ort suchen. Mit einer Drohne habe ich Marba gefunden.“ Er wies auf den Schirm. Zwei, drei Männer, ich konnte es nicht genau erkennen, schleppten Marba mit sich, sie waren schon verdammt weit gekommen. Irgendwie hatten sich diese Männer mit den fremden Stammesnarben eingeschlichen und Marba entführt. Warum Marba? Warum keine andere Frauen? Vielleicht… „Die Sirene, Inkahar. Eindringlingsalarm! Wer weiß, wer noch fehlt!“ meine Stimme muss annähernd die Lautstärke der Sirene erreicht haben. Sloma Rosheen! Vhinja! Thora Una! Panik!

Ich unterdrückte meine aufsteigenden Gefühle, hier war kaltes Handeln gefragt, beinahe automatisch begann ich mit einer Dagorübung. Vhinja kam gelaufen, unsere Töchter folgten ihr. In den Händen trug die göttliche Vhinja ihren schweren Kombistrahler, der meine baumelte am Riemen über ihrer Schulter. Brave Mädchen, Sloma hatte einen mittelschweren Desintegrator in Ihrer zarten Hand. Ich selber hatte sie im Gebrauch unterwiesen, mein kleiner Schatz sollte nicht wehrlos sein. Ich WUSSTE, dass außerhalb unserer Gesellschaft eine brutale, harte Welt war, nun war sie auch zu uns herein gekommen. Die nächsten Ankommenden waren Suuna und Sankha, voll ausgerüstet mit Kampfanzug und schwerer Bewaffnung. „Sichern!“ rief ich ihnen zu, Inkahar und ich liefen zu mir nach Hause, wo einige Reserveanzüge und Waffen lagerten. Ebenso bei ihm, übrigens. „Pickup?“ „Pickup!“ wir sprangen in die Fahrerkabine. „Atlan?“ Vhinja sprach über Gefechtsfunk. „Sechs Frauen sind wie Marba offenbar entführt, eine weitere wurde schwer verwundet gefunden, eine andere liegt mit eingeschlagenem Kopf in Ihrer Wohnung. Tot, jede Hilfe zu spät.“

Marie Anne, ich muss hier gestehen, dass ich selten derart wütend war. Auch auf mich, auf uns alle! Wir hatten zu lange Glück gehabt, unsere Wachsamkeit war eingeschlafen. Von einer Gefahr zu wissen, oder sie zu fühlen, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Nun hatten wir – oder besser gesagt neun unserer Frauen – die Rechnung zu bezahlen. Wenn es nach mir ging, sollte es allerdings anders ausgehen, als dieser Stamm dachte. Um das Leben der Entführten machte ich mir wenig Sorgen, wahrscheinlich war es ein Stamm mit zu wenig Frauen, der sich einige rauben wollte. Das, Marie Anne, war in dieser Zeit überhaupt nichts ungewöhnliches. Manchmal wurde irgendeine Art von Tauschhandel abgeschlossen, um neue Frauen zu erhalten, aber Gewalt war häufiger. Trotzdem war es, auch wenn es nicht um Leben und Tod ging – noch nicht – sicher nicht lustig für die Betroffenen. Ein gutes Leben sollte ihnen, wenn es nach ihren Entführern ging, wohl nicht beschert sein. Sklavin und Gebärmaschine ist KEIN gutes Leben, auch wenn die Frauen vieler Sippen nie etwas anderes gewöhnt sind.

„Koordinaten“ forderte ich, und Vhinja, die über die Drohne den Pulk beobachtete, nannte mir den Ort. „Mittlerweile sind noch drei, nein, jetzt vier Gruppen mit unseren Frauen eingetroffen. Es scheint, als gäbe es einen Treffpunkt.“ Ich konnte mir vorstellen, was dort geschehen sollte, drückte den Beschleunigungshebel bis zum Anschlag. Inkahar entsicherte sein Energiegewehr. „Einwände?“ ich schüttelte den Kopf. „Überlebende?“ ich zuckte mit den Schultern. „Wo Cha!“ also so viel OK.

Wir rasten über eine Savanne mit kleinen Wäldchen, und ohne eine funktionierende Zentrale und die Aufklärungsdrohne hätte wir den richtigen Punkt viel zu spät gefunden. Wenn überhaupt. Unsere neun Frauen lagen bereits gefesselt im Gras, von einigen Stammesfrauen bewacht, es schien Streit um die Besitzverhältnisse oder auch nur die Reihenfolge ausgebrochen zu sein. Wir beendeten diesen Streit. Final. Die Frauen des Stammes brachten wir mit, wir konnten sie schlecht einfach in der Wildnis zurück lassen, denn ohne Schutz wäre ihr baldiges Ableben absehbar gewesen. Ich sage ja, die Erde war kein Paradies, aber die Hölle auch nicht. Wir sahen uns allerdings gezwungen, ein nanotronisches Wachsystem zu bauen, das – Suuna sei dank – einige Zeit hervorragend funktionierte. Wir bekamen Warnungen, noch ehe Eindringlinge näher als eine Tagesreise kamen.

*

Zwei Jahre später, an ihrem achtzehnten Geburtstag, bekam Sloma Rosheen ihre Initiationsfeier, was bedeutete, dass sie zur Frau erklärt wurde. Dazu gemacht hat sie sicher schon vorher einer dieser Jünglinge. ‚Lehre mir einer die Jugend kennen, sie wissen nicht, was Recht und Sitte‘. Ein arkonidischer Philosoph, den alle nur ‚Den Weisen‘ nannten. Ein paar hundert Jahre vor meiner Geburt, er musste also wissen, wovon er sprach. Nein, ich wusste nicht, wer der Kerl war. Ich glaube, dass Vhinja und Sloma sich zusammen getan hatten, mir diesen Knaben verheimlichten, um ihn zu schützen. Ich habe meine Pläne doch schon erwähnt, bis zu diesem Tag hatte sich an ihnen nichts geändert. Jetzt war es offiziell, ich hatte nichts mehr zu sagen, was das Privatleben meiner Tochter anging. Zum Glück blieb mir noch Thora Una, noch für ganze WAS? Nur noch drei Jahre? Ach ihr Götter! ‚Wenn die endlos scheinenden Minuten sich zu rasend entschwindenden Jahren sammeln‘. Ein deutscher Philosoph, ich weiß aber nicht, welcher.

Ich nahm mein müßiges Spiel mit den Drohnen wieder auf, lenkte sie dahin, flog dorthin. Im Norden und Süden waren die Gletscher immer noch auf dem Vormarsch, die Menschen zogen sich in wärmere Breitengrade zurück. Man kann sagen, dass jenseits der Alpen für Menschen ohne Schutzausrüstung der sichere Tod lauerte. In Amerika war abzusehen, dass eines Tages riesige Seen entstehen würden, ein Katarakt unvorstellbaren Ausmaßes gischtete trotz eisiger Kälte. Entlang der Südküste Asiens war der Mensch schon weit vorgedrungen, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der kleine Südkontinent besiedelt wurde. Afrika, Australien und Südamerika hatten mehr Glück, waren nicht so kalt wie Eurasien und Nordamerika. Das lag an fehlenden Landmassen rund um die antarktische Landmasse. Hier bildete sich eine Strömung rund um den Kontinent, welche die Kälte in der Polarregion einschloss.

Mit den Inselarkoniden hielten wir losen Kontakt, das Leben dort war nicht leicht, aber große Probleme traten nie auf. Wir mussten keine Hilfe mehr senden, dafür wurden auch keine Steuern mehr erhoben. Ab und zu flog ich auch noch in die Atlantikfestung, wie Sloma Rosheen einmal den Silo genannt hatte. Na ja, sie hat damals ‚Lantifet‘ gesagt. Mir war aber klar, was sie gemeint hat. Vhinja war der Meinung, mit eineinhalb Jahren hätte sie sicher kein vernünftiges Wort sagen wollen, aber ich wusste über meine Tochter besser Bescheid.

Marie Anne, sie ahnen nicht, was ich da alles auf dem Bildschirm von den Drohnen zu sehen bekam. Einmal war ich bereits knapp davor, eine Rettungsmission zusammen zu stellen. Aber, der Reihe nach. Eines Tages hatte ich wieder eine Drohne gestartet und flog den Äquator ab. Etwas erregte meine Aufmerksamkeit, ich zoomte heran. Ein Haufen nackter Frauen und Männer standen sich gegenüber, alle mit langen, dünnen Stäben bewaffnet. Diese Reihe endete an einem Thron, auf dem – eine Arkonidin saß. Wenn Sie nur ebenso nackt wie die anderen gewesen wäre, es hättest mich nicht geschockt! So aber war ihre Scham und die Spitzen ihrer Brüste überaus auffallend und herausfordernd mit Zinnober gefärbt und hervorgehoben.

Auf der anderen Seite endete die Menschengasse in einer Strecke Dornenverhau, an diesen schloss sich eine Glutstrecke an. Ich musste schlucken, die Anordnung war mehr als eindeutig. Am Ende der Strecke standen vierundzwanzig Frauen, alle um die achtzehn. Kurz geschorenen Haare. Auf ein Zeichen liefen zwei von ihnen los, durch die Glut, krochen durch die Dornen und anschließend durch die Menschengasse, wo sie brutal geprügelt wurden. Der schnelleren wurde eine schwere Keule und ein Speer mit Feuersteinspitze überreicht, sie gesellte sich anderen, ähnlich bewaffneter Frauen hinzu. Die andere wurde in eine unbewaffnete Gruppe von Frauen abgeführt. Das nächste Paar lief los… ‚Hier wird eine Elitetruppe geformt‘ meldete sich mein Extrasinn. ‚Brutal und mitleidlos gegen den Feind, brutal und mitleidlos gegen sich selbst!‘

Natürlich, zu jeder Zeit wurden Elitesoldaten unter Schmerzen geschmiedet. SAS, Navy Seal, Special Forces, die arkonidische Eliteinfanterie. Ob Dornen oder ein Schmerzanzug mit schmerzerregenden Sensoren ist eine Frage der Technik, nicht des Ergebnisses. Qual bleibt Qual.

Hier überlegte ich die Rettungsmission, merkte dann aber, dass diese Arkonidin – wie alt mochte sie sein, Fünfzig, Sechzig? – die Schmerzen der Frauen genoss, sich erregen ließ. Marie Anne, sie wollen den Rest wohl nicht hören, ich will ihn nicht erzählen müssen. Ich kenne wenige sexuelle Tabus, wenn ich also Schweigen möchte – glauben Sie einem alten Mann. Ich finde, das bisherige ist schon genug. Dieser Stamm hat, ganz in der Nähe, bis ins 19. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung überlebt. Die letzte Anführerin dieser Amazonengarde, den Agooji im Königreich Dahomey, deren Auswahlverfahren sich seit damals nicht geändert hatte, bekam von einem Amerikaner ein Winchester Repetiergewehr geschenkt. Das ist tatsächlich verbürgt. ‚Was Menschen gutes tun, wird mit ihnen oft begraben, was übles sie getan, überlebt noch viele Jahre‘. Julius Cäsar, die Rede des Brutus. Gewaltig! Shakespeare selbstverständlich. Unsere, meine Denkanstöße für ein besseres Leben wurden immer wieder vergessen. Diese Foltermethoden überlebten Jahrhunderte.

Der größte Teil der Menschheit lebte im Gegensatz zu diesem Stamm – den Urdahomey, wenn Sie so wollen – immer noch nomadisch, immer den Herden nach. Was soll ich Ihnen noch berichten? Die Sturmflut von 51? Wir hatten alle Hände voll zu tun. Vorbei. Der Ausbruch des großen weißen Berges, des Kilimanjaro und die darauf zurück zu führende Missernte 55? Wir mussten wieder auf Nährbrei und eiserne Rationen zurück greifen. Der Orkan 57? Für uns aufregend und gefährlich, langweilig zu schildern, noch langweiliger, es zu hören.

Endlich gelang es 58 der Nanotronik, einen menschenähnlichen Robot zu konstruieren. Es lag an der falschen Haut, die schwierig zu mischen war, und den Pseudomuskeln für die Mimik. Kein Arkonide war vorher auf die Idee gekommen, eine solche Maschine konstruieren zu wollen, rational und rationell hatten Robots zu sein, auf Aussehen wurde kein großer Wert gelegt. Warum ich dann einen in Auftrag gab? Vielleicht, weil ich gelernt hatte, dass ein Gegenüber angenehmer ist als eine körperlose Maschinenstimme. Und weil mich der Anblick des RoboDoc gestört hatte, wenn er Schwangerschaftsuntersuchungen durchführte. Besonders die metallenen Hände müssen für die zarte Haut unten herum mehr als unangenehm gewesen sein. Leider hatte kein Mediziner überlebt. Wir waren auf die Maschinen angewiesen.

Als Vhinja etwa achtundsiebzig war, eröffnete ihr Sloma Rosheen, dass unser erster Enkel unterwegs war. Ach, Tarts hatte sich mit einigen Gleichaltrigen, Frauen wie Männern, aus dem Staub gemacht, er wollte nordwärts wandern, eine neue Siedlung Gründen. Die mit dem tiefgekühlten Arsch möchte wissen, warum. Ich glaube, dass noch nie ein Baby derart verwöhnt wurde, bis knapp vor ihrem Hunderter Vhinja Urgroßmutter wurde. Ich natürlich Urgroßvater. Wie das klingt! Ich war doch noch ein junger – Moment. Verdammt, ich fühlte mich nicht älter als damals, als ich die Erde zum ersten Mal sah.

Marba müsste demnach hundert und etwa fünfundzwanzig(?) sein. Man sah es ihr an, sie war eine alte Frau geworden. Und Vhinja? Waren ihre Hüften immer so breit gewesen? Ihre kleinen, bezaubernden Brüstchen so schlaff? Waren da immer Falten und Fältchen gewesen? Ich verglich sie mit meinen untrüglichen Erinnerungen. Ich erschrak. Im Spiegel sah ich, dass ich mich nicht verändert hatte, sie jedoch schon. Unbemerkt, jeden Tag ein klein wenig, unauffällig. Langsam, unmerklich hatte die Zeit uns eingeholt. Mit einer Ausnahme. Mir! Das Ding auf meiner Brust funktionierte doch tatsächlich!

Marba wurde 136, ehe ihr großes Herz, das uns alle als Familie geliebt hatte, stehen blieb. Inkahar, ebenfalls bereits ein älterer Mann, kam eines Tages nicht mehr von der Jagd zurück, auf die er unbedingt noch gehen wollte. Er hätte sich nicht mit einer Büffelherde anlegen sollen, solche Fehler unterlaufen jedem nur einmal, als junger Mann hätte er es gewusst. Aber der Altersstarrsinn.

Suuna blieb rüstig und vital. Sie nahm sich an ihrem 149. Geburtstag einen Gleiter und verunglückte im Grand Canyon. Unfall? Absicht? Fragen Sie einen Gott ihrer Wahl! Ich weiß, dass sie Vallan eine gute Frau war, mehr nicht. Vhinja wurde etwa 140 Jahre, wir waren also fast 90 Jahre ein Paar. 90 gute Jahre! Ich packte meine Sachen, brachte Vhinjas Leichnam in den Silo. Sie sollte im Reaktor bestattet werden, wie es sich gehörte, ihr Name sollte auf die Tafel. Vallan half mir, dann verabschiedete er sich und kehrte nach Arkuush zurück, um sich um Sankha zu kümmern, lange würde wohl auch sie nicht mehr leben. Sie hatte beschlossen, in Arkuush beerdigt zu werden, Vallan wollte ihr den Wunsch erfüllen. Er reichte mir noch einmal die Hand. „Ich hatte mir das Leben als Kolonist anders vorgestellt. Aber – es war ein gutes Leben, oder?“ „Ein sehr gutes!“ nickte ich. „Alle Gleiter bis auf den, mit dem ich zurück fliege, sind im Dock, Atlan. Leb’ Wohl!“

Ich wanderte durch den leeren Silo. „Ihre Befehle, Erhabener?“ Lange Zeit hatte ich diese Anrede nicht mehr gehört. Ich wandte mich um. „Ich hoffe, bis ich wieder Aufwache, hat die Nanotronik einige Verbesserungen an Dir vorgenommen. Gehört, Nanotronik? Und jetzt, bereite eine Cryoeinheit vor. Weck mich auf, wenn ein Raumschiff geortet wird, ansonsten 5000 Jahre, oder bei Bedarf einer Entscheidung!“ Ich musste nicht lange warten, ein leises Zischen erklang, doch ehe es dunkel um mich würde, vernahm ich noch ein brüllendes Gelächter. „Schlaf gut, Arkonide, bis später! Wenn Du erwachst, wird der Schmerz vergangen sein.“ Dunkelheit!

*

Nun, Marie Anne, das ist die Geschichte meines ersten Aufenthaltes auf dem Planeten Erde. Meine Liebe, ich werde Ihnen gerne noch Erlebnisse aus anderer Zeit erzählen. Aber bitte nicht heute.

Ganz zum Schluss, als ich bei Vhinja saß, klagte ich an ihren Lager „Warum habe ich Die nie gesagt, wie sehr ich Dich Liebe?“ Wollen Sie die Antwort wissen, Marie Anne? Sie hat ganz zart ihre Hand auf meine Lippen gelegt und gesagt: „Aber Du hast es jeden Tag gezeigt und bewiesen, Atlan!“

There’s no time for us

There’s no place for us

What is this thing that builds our dreams

Yet slips away from us?

Who want’s to live forever?

Who want’s to live forever?

Brian May, Queen, ‚who want’s to live forever‘ aus dem Album ‚a kind of miracle‘

Kapitel 5: Pferdejäger

September 2084, An Bord der VIRIBUS UNITIS

Weiches Licht einiger Kerzen tauchte die Kabine des Admiral Atlan in gemütliche Dämmerung, als er die elektrische Beleuchtung aus schaltete. Die leeren Teller hatte der Stewart bereits abgetragen, und die halbvolle Flasche Rotwein aus einem der besten französischen Anbaugebiete zeugte von der fortgeschrittenen Stunde. Atlan hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht und Marie Anne Collard in einen Ohrensessel gekuschelt. Auf ihrem Pad machte sie sich einige Notizen, während die Tonaufnahme jedes Geräusch mitschnitt. „Dann wollen wir einmal sehen, ob der alte Mann eine junge Frau überzeugen kann, dass er mit seinem Helm noch das Deck trifft.“ er nahm noch einen tiefen Schluck von seinem rubinroten Wein. „Es war so etwa 8000 bis 7000 vor der christlichen Zeitrechnung, als mich die Automatik zum ersten Mal weckte.“ begann der Unsterbliche zu erzählen…

○●○

„…aber jeden Tag gezeigt und bewiesen, Atlan. Jeden Tag gezeigt und bewiesen, Atlan. Gezeigt und bewiesen, Atlan. Bewiesen, Atlan! ATLAN!“ Vhinjas Stimme verklang, ihr geliebtes Gesicht verblasste. Im Hintergrund spielte Musik, Hannios fünfte Symphonie, die mit dem Gewitterdonnern. Ich wusste es noch nicht, aber es war mehr als passend. Zufall? Wirklich? Andererseits, was sollte es sonst sein? Ein Gesicht schob sich in mein Gesichtsfeld, und ich krächzte: „Die Verbesserung an dem Robot sind nicht zufriedenstellend, Nanotronik! Wie wird dieses Ding eigentlich identifiziert?“ Verständlich moduliert, allerdings mit den Mundbewegungen dissynchronisiert, klangen die Worte: „Mein Identifikationscode lautet ‚Robotisches Individuell Computergesteuertes Objekt‘, Erhabener Gebieter.“ „Genug! Genug! Dein Codename ist ab sofort ‚Rico‘! Abspeichern!“ „Gespeichert, Gebieter.“ „Gut! Warum bin ich wach?“ „Ein Raumschiff wurde angemessen, Gebieter.“ Ich versuchte mich aufzurichten, doch es misslang kläglich. Selbst wenn winzige elektrische Impulse meine Muskeln während des Schlafes bewegt hatten, war von einer regulären Kontrolle meines Körpers noch lange keine Rede. Diese Phase sollte ich noch oft erleben, all zu oft. Ich hörte die Antwort nicht mehr, vorher schlief wieder ein.

Auch als ich wieder aufwachte, war ich noch nicht ganz frei von Verwirrung. Hatte ich nur geträumt, wer weiß wie lange im Cryoschlaf gelegen zu haben. Käme nicht Vhinja gleich aus der Tür zur Nasszelle, wollten wir nicht nach Arkuush aufbrechen? ‚Bin ich ein Mensch, der träumt, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der träumt, ein Mensch zu sein?‘ Zen! Nein, natürlich kam Vhinja nicht, sie war tot, schon sehr, sehr lange Zeit, das einzige, das es von ihr noch gibt, ist ein Name an der Gedenktafel und meine Erinnerung. Ich griff auf alte Dagorübungen zurück, um die Erinnerungen an ihren Platz zu legen, zwischen gestern und heute Ordnung zu schaffen.

Rico erschien, sobald die Nanotronik mein Erwachen registrierte. „Erhabener! Ich erwarte Eure Befehle!“ Es dauerte einige Zeit, bis meine Stimmbänder wieder so halbwegs funktionierten. „Wie lange geschlafen? Informationen einspielen.“ „Etwas über 3000 Jahre, Erhabener. Hören ist Gehorchen, Gebieter!“

Zuerst wollte ich natürlich Arkuush sehen, was war wohl daraus geworden? Leider war an den alten Koordinaten nicht mehr das geringste zu finden, Arkuush war irgendwann während meines Schlafes untergegangen. Ein wenig stromaufwärts war jedoch eine neue Stadt entstanden, eine Kultur, für die herrschenden Verhältnisse ziemlich, na gut, zumindest halbwegs hochstehend, Hygiene wurde hoch gehalten, den Bewohnern ging es durch reiche Jagdgründe und regelmäßige Getreideernten relativ gut. Die Idee einer Bilderschrift hatte sich entlang des Nils ausgebreitet, bis in das Land weiter im Norden, nach Mesopotamien. Im Zwischenstromland hatten sich erste Stadtstaaten gebildet, regiert – wenn man es so nennen will – von den reichsten Bauern der jeweiligen Umgebung. Aus Asien waren Menschen auf den großen Doppelkontinent gewandert, hatten Land urbar gemacht und sich verbreitet. Ab und zu waren am Nil und im fruchtbaren Halbmond sogar schon Anfänge von Kupferverarbeitung zu sehen. Nur über Rosheen tobten noch Eisstürme, die Sommer waren kühl und nur von kurzer Dauer.

„Wo ist das Schiff?“ artikulierte ich, immer noch krächzend, mit großer Mühe. Das Abbild auf dem Schirm änderte sich, Larsaf III erschien scheinbar aus dem Mondorbit gefilmt. Als Symbol wurde der Schiffsorbit und der Standort markiert. „Was für ein Schiff?“ „Unbekannt, Gebieter.“ „Zoom!“ befahl ich. Eine zylindrische Konstruktion, Länge etwa 60 Meter, Durchmesser etwa 16. Eine ziemlich dicke Zigarre! Beide Enden abgerundet, man konnte die Öffnungen der Triebwerke an Bug und Heck erkennen. Stückpforten, aus denen wohl im Gefecht Geschützkuppeln ausgefahren wurden, waren auf 4 Achsen, 3 hintereinander angebracht. Es wirkte wie die Weiterentwicklung eines alten arkonidischen Kanonenbootes. Nun, ich konnte mir keinen Grund vorstellen, aber vielleicht war Arkon in den letzten Jahrtausenden zur alten Walzenform zurück gekehrt? Kleine Einheiten waren ohnehin nicht in der üblichen Kugelform geplant gewesen. Noch nicht. Vielleicht, wenn ich…? „Können wir Sprechverkehr hören?“

Wir konnten. Meine Erhabenheit lag, eine Dauernadel in der Armvene, auf einer Liege, langsam tröpfelte mein Mittagessen in die Adern, ich lauschte. Was ich hörte, war ein entfernter arkonidischer Dialekt, verschliffen, verzerrt, zerstört, aber immer noch halbwegs verständlich. Trotzdem, keine Arkoniden, sondern eine sich selbst als ‚galaktische Händler‘ bezeichnende Spezies. Der Bildverkehr zwischen einem gelandeten Beiboot und dem Schiff im Orbit zeigte eine arkonoide Art. Groß, muskulös, dass die Sprache primitiv war, habe ich schon erwähnt. Sie war aber auch, ähnlich wie ihre Gestik, vulgär. Vulgärer noch, als ich Howan in Erinnerung hatte. Nun, vielleicht empfanden sie es nicht als schmutzig. 3000 Jahre, ich musste mich erinnern, verändern viel.

Alle diese ‚Springer‘ trugen einen langen, roten Bart und ebenso rote Haare, diese allerdings kurz. Einer trug den Bart zum Zopf geflochten, ein anderer lauter dünne Zöpfchen. Nun, jeder wie er will und kann. Ein Name ließ mich aufhorchen. Cokatze! Bär fiel mir ein, der Kampgefährte aus der Zeit – lange vorbei. Aber dessen Onkel hatte doch Handel betrieben und war nicht mehr aus den Schiffen seiner Familie gekommen. Er wurde Cokatze genannt!

Meine Hand knetete einen elastischen Kunststoffball, um meine Muskeln in Schwung zu bringen, während ich überlegte. Die Gespräche, welche ich belauschte, formten ein Bild. Diese ‚Springer‘ stammten zwar von den Arkoniden ab, waren aber nicht eben gut auf sie zu sprechen, höflich ausgedrückt. Eine Fahrkarte nach Arkon? Wenn ich bezahlen konnte, ja, gut möglich. Es waren immerhin Händler. Aber womit bezahlen? Ich besaß kaum materielle Werte.

Die nächste Frage, die sich stellte, was wollten die Springer? Hier, in diesem System? Es gab, wie ich hören konnte, drei ‚Waren’ auf der Erde. Edelsteine, Edelmetalle und – Sklaven. Raumfahrerbordelle brauchten Nachschub, und die Menschenfrauen waren ganz hübsch geworden. Ein wenig Körperpflege, richtige ‚Appetithäppchen‘, wie die Rotbärte sagten. Die Labore der, wie sie von den Springern genannt wurden, ‚Ara’ benötigten ‚Versuchsmaterial‘, sie zahlten Höchstpreise. Es klang hässlich, und genau so war wohl auch das Leben als Versuchstier. Und trotz aller Automatisierung, es gab immer schmutzige Arbeit für angelernte Lebewesen. Dieses Schiff über meinem Planeten.. JA, Marie Anne, meinem Planeten. Nicht von Arkons Gnaden, hier lebten meine Enkel und Urenkel. Ich musste meine Nachkommenschaft doch beschützen, oder?

Also, das Schiff war natürlich nur ein kleiner Aufklärer, der nach lohnenswerten Welten suchen sollte. Und selbstverständlich gab es nicht den geringsten Zweifel, dass die Erde ein sehr lohnendes Ziel war. Noch hatten sie allerdings ihrem ‚Patriarchen‘ nicht Bescheid gesagt, die sechs Besatzungsmitglieder wollten erst noch ein wenig ‚Sondervergütung’ einstreichen. Ich glaube, sie wollten ihren Chef einfach betrügen, ihn ein wenig, wie man so sagt, übers Ohr hauen. Das schien eine Spezialität der Springer zu sein, mir kam es nicht unrecht. ‚Divide et impera‘. Ein Springer blieb stets als Bordwache zurück, während fünf ihr Werk auf dem Planeten verrichteten. Sechs Mann. Nun, das war keine absolut unbesiegbare Macht, aber auch nicht zu unterschätzen.

Sie hatten eben begonnen, sich im fruchtbaren Land zwischen Mittelmeer und persischem Golf, zwischen Euphrat und Tigris als Götter zu etablieren. ‚Und der Gott des Chaos zeugte mit der Göttin des Nachthimmels gar viel Götter, die auf die Welt kamen und lagen bei den Weibern der Menschen.‘ Nicht meine Diktion, Marie Anne. In Mironikilur ‚waren sie gestiegen vom Himmel mit Feuer, das nicht brannte. Ihre Stimmen brachten den Donner und ihre Hände straften den Unbotmäßigen, den sie zu Asche verbrannten! Gepriesen seien die Herren des Donners‘. Mir persönlich wäre die alte Muttergöttin mit ihren Priesterinnen, wie sie andere Stadtstaaten noch verehrten, sympathischer gewesen, besonders das ‚Bodenpersonal’, aber wer fragt schon einen 3000jährigen Arkoniden?

Bisher brachten sie Arbeitssklaven nach Kappadokien, wo damals immense Goldvorkommen existierten. Selbst heute findet man in dieser Gegend noch sehr viel Gold, wenn auch nicht in derart großen Lagerstätten. Damit teilten sich fünf Männer im planetaren Einsatz noch mehr auf, denn zumindest einer musste in den Bergen immer vor Ort sein. In der Hoffnung auf ein besseres Schicksal würden sich unter den Verschleppten ganz bestimmt Vorarbeiter und Sklaventreiber finden, das war schon immer so.

In Mironikilur wurden Tempeldiener und -dienerinnen nach Schönheit, ‚nach Ebenmaß von Gesicht und Gliedern‘ ausgewählt und einer Schulung unterzogen, um die ‚Sprache des Himmels‘ zu lernen. Man kann sich vorstellen, was zumindest mit den Mädchen sonst noch geschah, immerhin waren die Springer Männer. Männer, die sich einfach nahmen, was ihnen gefiel. Wohl einer der Gründe, warum hier in Mironikilur fast immer vier von ihnen zu finden waren. Das, und das milde Klima natürlich.

‚A blede G’schicht’ insgesamt, wie ein Rabbi einige tausend Jahre später sagen würde. Wenn ich einfach in einen Gleiter stieg und als Arkonide anflog, konnten mir einige Energiestrahlen entgegenkommen. Weder eine angenehme noch eine zielführende Strategie. Also Tarnung, Tarnung und nochmal Tarnung, aber wie sollte ich getarnt in die Nähe Mesopotamiens kommen? Natürlich war zu hoffen, dass ihre Ortungsgeräte stärker ins Weltall horchten und den Planeten vernachlässigten, da die Springer auf der Erde wohl keine Energieemissionen erwarteten. Trotzdem war verdeckter Anmarsch geraten, ich war die Katze auf dem Hundetreffen, durfte nicht im Geringsten auffallen. Also plante ich in langen Konferenzen mit Rico, die Nanotronik erhielt ihre Aufträge zu Herstellung von Kleidung, Ausrüstung, getarnten Waffen. Zwischendurch brachte ich meine erschlafften Muskel wieder in Form.

*

Eine gewisse Erregung hatte von mir Besitz ergriffen. Nach mehr als 3.000 Jahren würde ich wieder den Silo verlassen, die Erde betreten, frische Luft schnuppern können. ‚Im Atem holen sind zweierlei Gnaden, die Luft einholen, sich ihrer entladen. Dieses bedrängt, jenes erfrischt, so wundervoll ist das Leben gemischt.‘ Ja, genau! Goethe, richtig. Mein Haar war schwarz gefärbt, ebenso der spärliche Bart. Nun, im Vergleich zu den Springern war jeder Bart schütter, und einige wenige Menschen hatten auch nicht mehr Bartwuchs als ich. Das erste Mal in meinem Leben, das ich mich über dieses lästige Relikt aus den Anfängen unserer Art freute. Ich holte tief Luft. „Expedition klar bei….“ Ich unterbrach mich. Dieses alte Ritual von Klarmeldungen, Befehlen und Bestätigungen konnte ich mir sparen. Wem wollte ich die Bereitschaft melden? Mir selber? Das Gefühl von Einsamkeit überfiel mich jählings, Tränen schossen mir aus den Augen, die Brust wurde mir eng.

Wissen Sie, was das Beste an einer nanotronischen Person ist? Sie hat kein Zeitgefühl. Oh, sie zählt die Monate, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden und selbst winzigste Bruchteile von Sekunden, wenn es nötig ist, ebenso wie Jahrhunderte und Jahrtausende. Aber ob nun 2 Sekunden oder 2 Tage zwischen dem ersten Teil eines Befehles und dem Ausführungskommando liegen, bemerkt sie nicht. Wenn man fragt, erfährt man , dass es fünf Minuten, zwanzig Sekunden und 574 tausendstel waren, aber das Gefühl für verstreichende Zeit fehlt. So war auch Rico nicht weiter erstaunt, dass ich erst nach geraumer Zeit den Befehl zum Fluten der Schleusenkammer gab. Ach, wenn Sie es wissen wollen, fragen Sie ihn, Marie Anne. Ich war damit beschäftigt, meine Fassung wieder zu erlangen, ich habe nicht auf meine Uhr gesehen. Apropos Uhr! Ich hatte schon früher, in glücklichen Zeiten, angewiesen, Uhren und Kalender diesem Planeten anzupassen. Howan hatte mich darauf gebracht. Was er gesagt hat? Sie werden erröten. „Ich scheiße auf den Frühling auf Arkon, wenn hier der Winter beginnt und es arschkalt ist.“ Er hatte schon immer eine etwas vulgäre Ausdrucksweise.

Also steuerte ich den Gleiter aus der Schleuse. Wie oft hatte ich mir schon vorgenommen, einfach eine Fernsteuerung in unsere, nein, jetzt meine alleinigen Gleiter einbauen zu lassen. Vhinja hatte immer gesagt… ‚Genug! Vhinja ist 3000 Jahre TOT! Du musst nicht immer alten Geschichten hinterher laufen!‘ der Extrasinn rügte mich streng, zurecht wohl. ‚Du musst nach vorne blicken, und Du brauchst Deine Aufmerksamkeit. Sonst kannst Du ganz schnell herausfinden, ob es ein Wiedersehen in einer anderen Welt gibt!‘. Mit neu erwachter Entschlossenheit drückte ich die Taste für die Nahbereichskommunikation. „Rico, Einbau einer Ein-Knopf-Fernbedienung für die Schleuse in allen Fahrzeugen.“ Da, ich hatte endlich den Befehl gegeben. Es wurde Zeit, sich wieder voll und ganz auf die Gegenwart und die Springer zu konzentrieren.

Ähnlich unserer ersten Expedition blieb ich unter Wasser, fuhr aber statt nach West nach Ost. Lange hatte ich überlegt. Der Kurs um das afrikanische Kap und den Euphrat hinauf hätte mich direkt ans Ziel geführt, ohne das Risiko einer Ortung einzugehen. Er hätte aber selbst mit höchster Geschwindigkeit einige Wochen gedauert, auch arkonidische Technik hat ihre Grenzen. Besonders, wenn es um Fortbewegung unter der Wasseroberfläche ging. Mangelnde Erfahrung, nehme ich an, vielleicht sollte die Nanotronik ja einmal ein Unterwasserschiff konstruieren? Jedenfalls, Wochen wollte ich nicht warten, jeden Tag könnten die Springer ihr Extrageschäft abschließen und ihren Patriarchen Covashon benachrichtigen. Sicher hatte die COV XXXII keinen engen Zeitplan, die Erforschung neuer Planeten konnte schon eine Zeit dauern. Trotzdem sollte man auf Nachfrage belegen können, wie man die Zeit verbrachte, welche Arbeit durchgeführt wurde. Mit kleineren Reparaturen am Schiff konnte man die Zeit strecken, aber nicht ewig. So hatte ich beschlossen, die Route über das Mittelmeer und danach über Land zu nehmen. Ein primitiver Wagen mit noch primitiveren Scheibenrädern lag zerlegt auf der Ladefläche, ebenso eine als Vogel getarnte Aufklärungsdrohne, und sogar einen Betäubungsstrahler hatte Rico in der Verkleidung untergebracht. Für mich Lendenschurz, hohe Ledersandalen – gab es ganz vereinzelt schon, Schmuck.

Durch die Wanderung einiger meiner Nachkommen hatten Nilaufwärts und im ‚fruchtbaren Halbmond‘ einige Kulturleistungen aus Arkuush Fuß gefasst. Nicht nur tägliche Waschungen, ja, ich bin fixiert auf Sauberkeit. Hat mir im Laufe der Zeit einige Krankheiten sehr peinlicher Art erspart. Schlagen sie einmal unter ‚venerische Leiden‘, venerisch von Venus…. Ach, Marie Anne, sie kennen… natürlich, den Begriff, aus der Theorie. Ich wollte nichts anderes Andeuten! Ja, ich erlaube mir ein bisschen Grinsen. Ich darf auch mal.

Zu der mustergültigen Hygiene kamen auch Weizenanbau und Bier, die den Weg von Arkuush hierher gefunden hatten. Die Voraussetzung eines sesshaften Lebens und einer beginnenden Zivilisation. Ja, auch das Bier. Bier wird gekocht und sorgfältig aufbewahrt, damit es schmeckt, so trinkt man gesünder, als es bei ungekochtem Wasser der Fall wäre. Damals gab es noch keine Möglichkeit, das Wasser ohne erhitzen Keimfrei zu machen, man hatte auch keine Ahnung von der Notwendigkeit. In Europa sollte Bier einmal die Menschen eines ganzen Kontinents vor dem Aussterben bewahren. Preisen Sie das Bier, vielleicht, nein sicher sogar, hat es Ihre Vorfahren vor dem schwarzen Tod bewahrt!

Genug der Ablenkung. Ich ging in der Gegend des heutigen Haifa an Land. Kein besonderer Grund, er bot sich einfach zufällig eine Bucht an. Sofort machte ich mich auf die Suche nach Zugtieren. Eigentlich boten sich in dieser Gegend zu dieser Zeit nur Wildrinder an, also nahm ich meinen Schockstrahler und ging auf die Jagd, betäubte zwei Büffel, band ihre Läufe zusammen und injizierte ein starkes Beruhigungsmittel. Mit Hilfe von Strafen und Belohnung gelang es mir, innerhalb kurzer Zeit ein Zuggespann auszubilden, eine große Hilfe war dabei natürlich das injizierte Depot, das die Tiere ruhig und halbwegs gehorsam hielt. ‚Atlan, der Kristallprinz als Bändiger der wilden Tiere! Eine arkonidischen Freakshow hätte ein Vermögen für die Nummer bezahlt‘, wieder einmal der Extrasinn. In der Nähe fand ich ein kleines Dörfchen, somit konnte ich Brot bekommen, Getreidesuppe und ein halbwegs gemütliches Lager. Es sollte mich nur eines meiner Messer kosten.

Der Zusammenbau des Wagens kostete mich ein weiteres Messer, dann war der wandernde Krämer bereit. Im Zwischenstromland gab es schon so eine Art Warenverkehr, vor allem auf Flüssen oder dem Rücken von Sklaven. Ich mit meinem Wagen war auffallend reich, so ein hypermodernes Vehikel konnten sich nur wenige leisten, und wenn, so zogen entweder die Besitzer selbst oder – Sklaven. Es wurde wirklich allmählich Zeit, die Menschen Viehzucht zu lehren. Das Risiko, mit meinem Wagen auf zu fallen musste ich leider eingehen, irgendwo musste ich meine Ausrüstung ja verstecken. Nun, warum sollte nicht ein wandernder Krämer kommen, der von den Göttern des Donners vernommen hatte und eine Art Pilgerreise unternahm. Das mit den Zugtieren – irgend jemand konnte doch auf die Idee kommen, warum nicht ich, also, mein Alter Ego.

‚Frühling lässt sein blaues Band – wieder wehen durch die Lüfte – süße wohlbekannte Düfte – Streifen ahnungsvoll das Land‘ Eduard Mörike. Ich verstand ihn, ich fühlte jetzt, Jahrtausende vor ihm, dasselbe. Nein, das ‚blaue Band‘ hätte ich wohl weg gelassen. Aber die Düfte! Es roch frisch nach erwachendem Leben, nach fetter, fruchtbarer Erde. Wenn Sie die Gegend heute betrachten, es kann keinen größeren Gegensatz geben. Jetzt trockene Wüste, Sand, Steine, ab und zu ein Kibbuz. Aber damals, da war frisches Grün auf den Feldern, Sträucher mit gelben, roten und weißen Blüten und Knospen. Howan hätte ‚endlich keine Fürze mehr aus dem tiefgekühlten Arsch‘ gesagt, die kalten Winde waren hier für dieses Jahr vorbei. Eis und Schnee nur eine Erinnerung ganz Alter, deren Eltern davon zu erzählen wussten. Kurz fragte ich mich, warum es gerade in Europa so kalt blieb, dann blickte ich wieder nach vorne. Ich habe es übrigens nie herausbekommen.

Mironikilur kam nach einigen Tagen in Sicht, ich holte den künstlichen Greifvogel hervor und aktivierte ihn. Natürlich wieder ein Risiko, das ich eingehen musste, sowohl die Energieerzeugung als auch die Datenübertragung konnten angemessen und verfolgt werden. Darum war auch meine restliche Ausrüstung, so sie auf Energie basierte, deaktiviert. Vorläufig, so ganz wollte ich auf meine Energiewaffen doch nicht verzichten.

Für die damaligen Verhältnisse war Mironikilur eine ansehnliche Stadt direkt am Fluss gelegen, sogar etwas ähnliches wie eine Stadtmauer war vorhanden. Na, sagen wir mal, ein paar Wälle. Die meisten Häuser waren aus getrockneten Lehmziegeln, mit Stroh gedeckt waren alle, sogar die wenigen, deren Ziegel gebrannt waren. Die Straße war einfach der Platz zwischen den Häusern, doch vor diesen waren oft Lederstücke, mehr oder weniger grob zusammengenäht, gespannt, die wohl im Sommer vor der zu erwartenden brütenden Hitze schützen sollte. Überall standen die Leute herum und plauderten, der Sprache war die Verwandtschaft mit der arkonidischen kaum mehr anzumerken, verschliffen, vereinfacht und falsch betont. Nun, nach 3000 Jahren war auch nichts anderes zu erwarten gewesen. Drohnenübertragungen hatten jedoch Wortschatz und Grammatik an die Nanotronik übermittelt, die dann einen Hypnoselehrgang zusammen gestellt hatte. Ohne diese Schulungsmethode hätte ich sofort aufgeben müssen.

„Dein neues Bier ist ganz hervorragend geraten…“ „…sollten noch eine paar Steinsplitter für eine Sichel…“ „… Stück Brot haben….“ „… die Sonne ist noch gar nicht über diesem Berg aufgegangen“ ich ging langsamer. „Und trotzdem wird’s schon warm. Das warme Jahr kommt früh heuer!“ Anfänge astronomischer, zumindest solarer Beobachtung? Der Versuch, einen primitiven Kalender zu erstellen? Wahrscheinlich nur ein Vorreiter, in den nächsten 40, 50 Jahren vergessen. Ich schlenderte weiter. Um mein Gespann machte ich mir momentan keine großen Sorgen, ich hatte einem Mann den Auftrag gegeben, es zu bewachen. Und, mein Adler hatte meine Habe durchaus im Blickfeld. „… schau Dir diese Sandalen an. Angeber…“ „…schön. Möchtest Du mich heute noch…“ oh, eine steinzeitliche ‚göttliche Thora‘? „…Gemacht! Meine Tochter und Dein Sohn…“ wie alt die Kinder wohl sein möchten, wenn die Väter noch jung waren. Ging mich aber letztlich nichts an. Dort! Ich blieb stehen, ein Töpfer, der mit Hilfe einer rotierenden Scheibe seine Waren herstellte. Eine einfache, mit dem Fuß betriebene Töpferscheibe!

Manchmal musste ich Schmunzeln, manche Gesprächsthemen waren schon älter als die gesamte Menschheit. Wahrscheinlich haben Urarkoniden schon die gleichen Reden geschwungen, die gleichen Dinge thematisiert. „Die Trommeln haben verkündet, heute soll ein Opfer stattfinden!“ „Das Haus der Donnergötter wird riesig!“ Das hatten die Tempel aller Zeiten gemeinsam. Die einzige Ausnahme – das Pantheon in Rom – lag noch in weiter Zukunft. Mit exquisiten Proportionen, nicht zu groß und für alle Götter. Wenn man an solche glaubt. Wo war es denn eigentlich, dieses neue Haus für die Götter? Nun, die Baustelle war nicht zu übersehen, wobei der Platz davor bei weitem größer war. Aber die Proportionen brachten mich auf eine Idee. Ob wohl hinter dieser Fassade das Beiboot lag? Wahrscheinlich! Irgendwo musste es doch stecken, und auch göttliches Gebot war nicht Schutz genug, es einfach so hinzustellen. Unbeaufsichtigt, für jeden zugänglich. Ich lehnte mich an eine Mauer, holte ein Stück Brot aus der Umhängetasche und begann zu essen, ließ den Bau nicht aus den Augen.

„Händler, hast Du vielleicht meine Schwester gesehen?“ ein vierschrötiger, muskulöser Mann stand neben mir. Ich war so auf den Tempel konzentriert gewesen, ich hatte ihn übersehen. „Es tut mir leid, ich habe die ganze Stadt abgesucht. Aber…“ „Ist sie schön?“ unterbrach ich ihn. Er nickte, seine Augen verengten sich misstrauisch. „Sehr schön! Warum?“ „Weil“, ich wies mit den Augen auf den Tempelbau, „man mir sagte, dass die schönsten Frauen für die Götter sind!“

„Das ist Richtig.” der Mann schüttelte traurig den Kopf. „Sie bringen so viele in diesen Bau, und viele werden nie wieder gesehen. Meine Schwester wird wohl ewig verschollen bleiben.“ Ich legte meine Hand auf seine Schulter. „Noch solltest Du die Hoffnung nicht aufgeben, ich habe gehört, heute soll es ein Opfer geben? Vielleicht kannst Du sie sehen.“ „Ja, und vielleicht soll sie auch selbst geopfert werden. Weiß man nie.“ Ich erschrak. Menschenopfer? Das wäre doch ein finanzieller Verlust, wenn man Ware… aber natürlich. Es war in die Zukunft gedacht, wenn der Patriarch käme, konnte man eine eingeschüchterte Stadt vorweisen, die Eroberung der Umgebung als göttlicher Befehl, andere, die man als Opfer anbieten konnte! Perfide, und – das heutige Opfer wohl nicht mehr zu vermeiden. Ich bin kein Gott, und ich war nie einer, trotzdem hasste ich meine Machtlosigkeit. „Vielleicht sollten wir vorher einen Becher Bier besorgen.“ Der Mann nickte. „Besser mehrere. Ich bin Hattaschubarawatta. Sag einfach Watta.“ „Dann ‚Mann mit dem Schädelbrecher’, sag einfach Atlan zu mir.“

Ein Glück, dass Watta tatsächlich wusste, wo wir Bier herbekamen. Er war der Häuptling einer wandernden Sippe Pferdejäger, im Vergleich zu ihren Zeitgenossen, groß gewachsen, muskulös. Heute würde man sie als ‚mediterrane Typen’ bezeichnen, olivfarbene Haut, dunkle Haare. Wir tauschten einen großen Krug Bier gegen einige Nadeln aus Bein, von den Maschinen des Bunkers geschliffen. Eine Kleinigkeit für mich, aber – nun, der Brauer versicherte, dass bis zu meiner Abreise jeden Tag ein solcher Krug für mich bereit stände. Es waren lange, bedrückende Gespräche, die ich mit Watta führte, brachte aber Informationen über die „Götter”!

Am Abend drängte Watta zum Aufbruch, er wollte unbedingt in den Tempel, war davon nicht abzubringen. Ich bat ihn inständig, davon Abstand zu nehmen, aber „Atlan, mein neuer Freund! Ich muss wissen, ob Thuba geopfert wird. Ich muss es einfach wissen.“ Marie Anne, für mich ist ein Menschenopfer das abscheulichste Verbrechen überhaupt, und ich war nicht begeistert, eines mit ansehen zu müssen. Doch, wie gesagt, ich war machtlos. Und vielleicht gelang es mir, zumindest Watta zu retten, ehe er eine große Dummheit machte.

Das Opfer sollte vor dem ‚großen Haus der Götter stattfinden. Eine große Anzahl Stadtbewohner und Fremde hatten sich versammelt, schätzten und plauderten. Dann erklang Donner, die Menge wurde still. Paarweise verließen etwa 16 junge Frauen, bis auf ein Lendentuch unbekleidet, den Tempel, stellten sich in zwischen Reihen auf. Alle hübsch, gut gewachsen, aber mit traurigen Augen. ‚Kein Wunder‘ kommentierte der Extrasinn. „Dort!“ Watta deutete auf eine der Frauen. „Das ist Thuba!“ Ich prägte mir die markanten, unverwechselbaren Züge ein. Vier kräftige Männer führten ein Mädchen, kaum 17, nackt, Hände auf dem Rücken gefesselt, auf den Platz, vier Riesen mit roten Bärten folgten. Das Mädchen wurde in die Knie gezwungen, die Tempeldiener entfernten sich, einer der Hünen hob eine Hand mit einem Impulsstrahler. Der Schuss röhrte, atomisierte das Opfer in Bruchteilen von Sekunden. Ich merkte mir auch seine Züge. Vielleicht war er nicht schlimmer als seine Kameraden, aber irgendwie wurde es soeben zu etwas persönlichem.

Wir nahmen unseren Krug, gingen die Familie Wattas holen und dann zu meinem Wagen, der gebührend bestaunt wurde. Der Abend dauerte noch lange, Watta und die anderen Mitglieder seiner Sippe überraschten mich mit ihrer Intelligenz, und mit der Mitteilung, dass sie zwar an den Tagvater glaubten, und auch an einen Donnergott, aber vier Donnergötter waren drei zu viel. Es musste sich einfach um Schwindler handeln. Dämonen vielleicht? Aber keine Götter. „Und gegen Dämonen kann man doch kämpfen, oder Atlan?“ Ich nickte. Ein Vorteil war auf unserer Seite, wir wussten, wer unsere Feinde waren, und wo sie zu finden waren. An diesem Abend, meine liebe Marie Anne, an diesem Abend entwickelte ich mit Watta und seiner Familie einen Plan, die falschen Götter zu stürzen. Natürlich war ich zuerst ein wenig misstrauisch gewesen, aber seine Gefühle schienen durchaus echt zu wirken. Wir hatten ein paar Zelte aufgeschlagen, ein kleines Feuer entzündet und redeten.

*

„Ich muss die Umgebung von Mironikilur kennenlernen. Wir müssen uns irgendwo verstecken können, wenn wir es schaffen, Thuba tatsächlich zu retten. Ich hoffe, sie will gerettet werden.“ „Warum sollte sie nicht?“ Eine hochgewachsene, schlanke Frau strahlte große Autorität aus und funkelte mich jetzt böse an. „Jede Frau unseres Stammes wird lieber sterben, als unfrei zu bleiben!“ „Bisher hat sie unfrei überlebt“, wandte ich ein. „Ich habe schon oft gesehen, wie Menschen nach anfänglichem Sträuben sich derart unterworfen haben, dass sie sich in diesem Elend sicherer als in Freiheit gefühlt haben!“ „Ich kann’s nicht glauben, Atlan!“ Watta trank einen tiefen Schluck aus seinem Becher. „So weit kann es nicht kommen! Ich kenne meine Schwester. Sie hat noch Hoffnung, dass ich komme, sie zu retten.“ „Ich hoffe es! Ich hoffe es sehr, Watta! Was mich wieder darauf zurückbringt, wir müssen die Gegend erkunden!“ Die große Frau erhob sich. Hemutag, diese Frau war um etwa einen Kopf größer als die Männer ihres Stammes, ich schätzte sie auf beinahe 175 Zentimeter. Die schwarzen Haare waren sauber, wirkten wie eine Wolke um ihr schlankes Gesicht mit der geraden Nase und den vollen Lippen, die zartbraune Haut wirkte ungemein samtig und weich. „Mein Name ist Vetha, ich bin die Schamanin der Sippe. Ich kenne einige Höhlen, drüben in den Hügeln. Ich zeige sie Dir, morgen. Du hilfst meinem Stamm, ich helfe Dir. Frühmorgens, bei Sonnenaufgang gehen wir los!“ „Ich danke Dir, Vetha. Aber, bitte zeige es mir einen Tag später. Morgen”, ich grinste schief. „Morgen muss ich den Händler spielen. Sonst falle ich noch unangenehm auf und die Leute des Dorfes stellen noch die falschen Fragen,“ Sie nickte, hob beide Hände in Schulterhöhe, drehte sich, dass jeder ihre Handflächen sehen konnte. „So sei es. Die Nachtmutter behüte Euren Schlaf, bis uns der Tagvater weckt.“ Mit diesen Worten ging sie.

Watta hieb seine Rechte auf meine Schulter, ich stöhnte laut. „Du hast Glück, Atlan! Vetha ist ein Liebling des Tagvaters, wenn sie auf Deiner Seite ist, haben wir schon halb gewonnen.“ Nun, zumindest musste ich nicht gegen eine sippeninterne Opposition kämpfen, das allein schon steigerte meine Chancen, besonders, da ich die hohe Geistlichkeit auf meiner Seite wusste. Wenn man gegen Priester, egal ob Frau oder Mann, argumentieren muss, hat man schon zur Hälfte verloren. Ich wandte mich an meinen neuen Freund. „Watta, Du musst morgen unauffällig um den Tempel streichen. Schau Dir alles genau an, wer, wann, wo geht. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein. Und rufe die besten Bogenschützen zusammen, über die Deine Sippe verfügt. Vielleicht brauchen wir sie. Morgen mehr, wenn ich ein wenig besser Bescheid weiß.“

Die Sonne war halb aufgegangen, als ich die Schamanin aus ihrem Zelt kommen sah. Das lange, mit allerlei Knochenteilen und Federn verzierte Lederkleid ohne Ärmel zeugte von hervorragender Handwerkskunst, die Nähte waren mit Farbe verziert und wurden sicher immer wieder mit gebranntem und Bier angerührtem Ocker nachgefärbt. Sie hob eine Tonschale mit etwas Glut in die Höhe, verteilte eine Prise getrocknete Kräuter darauf und stimmte einen seltsamen, unter die Haut gehenden Gesang an, der nur aus Vokalen zu bestehen schien. Sie besaß eine tiefe, volle Singstimme, die sich unversehens in die höchsten Lagen erhob und dann wieder auf beinahe Männerstimme senkte, während sie zur Stimmlage passend die Schale hob und senkte. Aus allen Zelten kamen nun die Stammesangehörigen und hielten sowohl ihre Gesichter als auch die Handflächen der Sonne entgegen. „Unser Gruß dem Tagvater! Er soll über unseren Schritten leuchten und uns nicht der Dunkelheit überlassen!“ Sie kam zu mir geschritten, nahm meine Hände und drehte die Handflächen zu sich. Dann legte sie ihre Hände gegen meine, Finger an Finger, verharrte kurz, schritt zum Nächsten, wiederholte die Geste, bis jede Frau und jeder Mann den Morgengruß empfangen hatte.

Gemeinsam mit der Sippe gingen wir nach dem Gebet – ja, ich nenne es so, und selten habe ich ein ehrlicher gemeintes erlebt – zum Fluss, wo wir die Kleider abwarfen und in einer Reihe ins Wasser wateten, um uns, wieder einem Zeremoniell folgend, zu waschen. Eine Zeremonie, gegen die nicht das Geringste einzuwenden war, denn immerhin hielt es Schmutz und Parasiten in Grenzen. Den Gestank nicht ganz so gut, aber ohne parfümierte Seife war eben nicht mehr zu machen.

Nach dem Bad, das ich sehr genoss, rollte ich ein paar Lederdecken aus und legte meine ‚Waren‘ darauf. Knochennadeln, wie schon erwähnt, echtes Bein. Ebenso echt aus Flint und teilweise aus Obsidian waren die Äxte, die ich zu Tausch anbot. Lanzen- und Pfeilspitzen, sogar das eine oder andere Schmuckstück aus Bein, Krallen, Raubtierzähnen und hübschen, rund geschliffenen Bachkieseln bot ich an, alles von den Maschinen meiner Zuflucht hergestellt, falsche Bearbeitungsspuren inklusive. Ich wusste, ‚der Teufel steckt im Detail!‘ oder auf arkonidisch ‚auch ein winziger Schritt kann Dich in eine eiskalte Umarmung führen‘. Sie wissen schon, Herrin, eiskalt, Unterwelt? Trotzdem hatte ich eine Kleinigkeit übersehen, aber davon erzähle ich später. Für meine Waren nahm ich Töpfereierzeugnisse, Leder und Krüge voller Bier in Zahlung. So mancher wird wohl der Überzeugung gewesen sein, er hätte mich kräftig übervorteilt, mag sein, ich war nicht auf einen Gewinn aus diesem Handel angewiesen, die Gespräche waren mir wichtiger und durchaus aufschlussreich. So erfuhr ich, dass etwa alle 10 Tage ein Opfer gebracht wurde. Abwechselnd ein Jüngling und ein Mädchen. Dieses war das dritte gewesen, also hatten die Springer sofort bei ihrer Ankunft angefangen. Etwa 20 Tage, aufwecken, trainieren, planen, Anreise! Ging sich aus! Einer sagte beiläufig, dass die Götter grausam wären, es liebten, wenn Menschen Schmerzen erleiden mussten. Grund konnte er mir keinen sagen, aber – nette Leute waren die Springer sicher nicht. Sadisten? Keine Ahnung. Die ‚Große Mutter’, offenbar eine Fruchtbarkeitsgöttin, mit noch größeren Brüsten als Hemutag, galt im Dorf nichts mehr, der Oberbauer, der sich gerne König nennen ließ, hatte die Donnergötter als oberste Herren deklariert und die Tonstatuetten der Mutter zertreten und zertrümmern lassen. Also, nichts Neues in diesem Punkt. Alle paar Nächte schoss eine Feuersäule in den Himmel, um wenig später wieder in das ‚Haus der Götter‘ zurückkehren. Hm, der Posten im Schiff wurde natürlich regelmäßig abgelöst, aber wie lange die Abstände waren, und wann es das letzte Mal geschehen war, darüber gab es unterschiedliche Angaben. Nun, man kann leider nicht alles haben. Einmal schritten in einiger Entfernung sogar zwei der Springer über den Platz vor der Stadt und betrachteten das Treiben, doch Hemutag sei Dank, ich war wohl nicht zu auffällig. Trotz des Ochsenkarrens, scheinbar war er primitiv genug ausgeführt.

Auch am nächsten Tag folgte nach dem morgendlichen Gesang der Schamanin das rituelle morgendliche Bad, eine Wohltat, sich den Schweiß fortspülen zu können. „Atlan, Du solltest Dir Schilfbündel besorgen und ein Floss binden.“ Vetha kam mit einer Handvoll Stängel auf mich zu gewatet. „Wenn Du nicht nasse Sandalen und auch kein nasses Lendentuch haben möchtest. Aber passe auf, das Schilf macht die Finger wund.“ Selbstverständlich folgte ich ihrem Rat, schnitt mir ein paar Binsen und machte mich an die Arbeit. Bald schon nahm mir allerdings ein kleines Mädchen kopfschüttelnd die Binsen aus den Händen und flocht daraus ein kleines Boot, während die Familien der Sippe mehr oder weniger laut und offen lachten. Wieder ein schmerzhafter Hieb Wattas auf meine Schulter. „Wo Du herkommst, gibt’s nicht viel Wasser, oder? Flechten jedenfalls ist nicht Deine Stärke!“ Eine donnernde Flatulenz unterstrich sein grölendes Lachen.

„Schwimme vor, ich werde auf Dich achtgeben!“ Vetha winkte mich mit belustigtem Gesicht vor. Ich hatte mich ja fein eingeführt. Da hatte ich dieses und jenes Schlaue von mir gegeben, und bei einer einfachen handwerklichen Aufgabe versagte ich völlig. Aber – ‚Kein Handwerk ohne Lehrzeit’. Jean de Bruyére. Ich war eben Admiral, verdammt, kein Korbflechter! Ich lächelte säuerlich, folgte aber ohne Widerspruch der Anweisung, und will auch überhaupt nicht verschweigen, dass Vethas hübsche Oberweite einiges zu meiner Verwirrung beigetragen hatte.

Nebeneinander gingen wir auf der anderen Flussseite in die Grasebene, die hin und wieder von Strauch- und Bauminseln unterbrochen wurde, auf die nicht weit entfernten Hügel zu. Vetha fragte mir über verschiedene Dinge wahre Löcher in den Bauch, ich versuchte meine Antworten so verständlich wie möglich zu halten. Nein, Marie Anne, sie war hochintelligent, aber es fehlte an Kontexten. Erklären Sie jemandem, der keine Ahnung hat, wie ein Diskus zu bauen und zu werfen ist. Äh, rund, so viel Durchmesser… was ist Durchmesser? Wir haben alle einen gemeinsame Wortschatz, eine gemeinsame Vorstellung, einen Kontext, das alles haben wir in der Schule erworben. Ohne dieses müssen Erklärungen notgedrungen sehr einfach ausfallen.

Das Gras, etwa hüfthoch, behinderte das Vorwärtskommen und wir kamen nur langsam vorwärts, während dessen erfuhr ich auch einiges vom Leben der Pferdejäger. So ähnlich muss sich Kevin Costner gefühlt haben, als er ‚der mit dem Wolf tanzt’ gedreht hat, als ich den Film sah, wurde ich fast von der Erinnerung überwältigt. „Ihr badet wirklich jeden Tag?“ Sie wissen, Marie Anne, ich bin Sauberkeitsfanatiker, mich beeindruckte das Ritual. Ja, die haben mich während des Bades und knapp danach durchaus auch beeindruckt, im Moment war mein Interesse jedoch stark zurückgegangen. „Jeden Tag. Manchmal, wenn wir von einer Jagd blutig und schmutzig sind, auch öfter.“ Ich muss gestehen, den Bräuchen dieser Gemeinschaft durchaus einige Sympathie entgegen gebracht zu haben. Zumindest dieser Gesellschaft. „Wie ist denn dieser Brauch entstanden? Kannst Du mir darüber erzählen?“ „Überlieferungen vom Mund der Schamanin zum Ohr der Schamanin. Früher, Atlan, vor so vielen Wintern, dass niemand so weit zählen kann, lebten die Leute hier noch in runden Hütten, die aussahen wie Zelte. Da kamen von Mittag her Leute, die erklärten, wie die Menschen bessere Häuser bauen konnten. Seither sind die Häuser eckig. Die Sage erzählt auch, dass einer der Männer, die von Mittag kamen, ein Mädchen der Ortsleute heiraten wollte. Zuerst aber warf er sie ins Wasser und wusch ihr Dreck und Ungeziefer aus den Haaren.“ Ich nickte, mit dieser Maßnahme voll und ganz einverstanden. Ungefragt erzählte sie weiter.

„Atlan, Du musst wissen, wir waren nicht immer hier zu Hause. Vor vielen, vielen Großmüttern von Großmüttern, wanderten wir viel weiter in der Richtung von Mittag. Es war ein gutes Land, mit vielen Tieren. Wir zogen immer mit unserer Jagdbeute, immer weiter gegen Mitternacht. Da kamen wir an einen großen Fluss, wo es Menschen gab, die schon lange dort wohnten. Sie beteten zu Hemu, die das Leben gibt, und Asch, welche die Toten zu sich nimmt. Die ein gutes Leben führten, tröstete Asch, auf die Bösen setzte sie sich! Ata, der Gott der Sonne, beschützte die Menschen am Tag, Ba, die Mondgöttin des Nachts! So ging es ihnen gut für lange Zeit. Doch dann wurden ihrer zu Viele. Die Herrin von Ousch und die Schamanin fanden, dass einige den Ort verlassen müssten, um anderswo zu leben. Zu dieser Zeit hatte die Schamanin zwei Töchter, eine, die gehen und, eine, die bleiben sollte. So wanderte die Sippe lange, immer entlang des großen Stromes und dann gegen Morgen, bis hierher!“ In mir arbeitete es! Arkuush hat in diesen Menschen zum Teil überlebt, einige der Dinge, welche wir die dort lebenden Menschen gelehrt hatten, waren auf fruchtbaren Boden gefallen, hatten die Zeiten überstanden. ‚Mit Atlan als Tagvater und Marba als Nachtgöttin. Gratulation, weiter kann man nicht befördert werden‘, mein Extrasinn war wieder einmal ironisch. Aber, ach, nicht weiter wichtig.

Noch immer wusste ich nicht, welches der vielen Tiere ein Pferd war. Wie gesagt, schlechter, eigentlich gar kein Kontext. Und dann sah ich Pferde, Vetha zeigte sie mir. In Afrika gab es eine verwandte Form, mit schwarzen Streifen, aber diese hier waren braun mit einem dunklen Mähnenstrich über den Rücken. Mich durchzuckte ein Gedanke. Zähmung! Domestizierung! Diese Tiere mussten hervorragende Reit- und Zugtiere abgeben. Ich hatte ein Luftdruckgewehr und Betäubungspfeile im Gepäck, eine geräuschlose und nicht zu ortende Waffe, ein Versuch konnte jedenfalls nichts schaden. Zuerst aber – die Höhlen, die wirklich weitläufig und labyrinthisch waren. Und ein wenig Jagdbeute konnte auch nicht schaden, ich wollte den Bogen mit den Pfeilen nicht umsonst mitgebracht haben. An einer Stelle lagen eine Menge Steine umher, eine kleine, natürliche Festung bildend, ich leuchtete mit meiner LED-Lampe in alle Winkel, doch, ja, mehr als brauchbar. „Die Höhlen sind gut als Versteck und können recht gut erreicht werden. Gibt es viele, die diese Höhlen kennen?“ Vetha lächelte. „Vier, nein, Fünf Männer, mit denen ich hier war. Sollten ein Kind zeugen, bisher nur einmal Glück gehabt. Aber ich denke,“ sie lächelte versonnen, „nein, ich weiß, dass sie nicht mehr herfinden können.“ Sie riss die Augen weit auf, spreizte ihre Finger zu beiden Seiten ihres Gerichtes. „Großes Geheimnis der Schamanin.“ Sie lachte laut und anhaltend. Oh! Drogen? Hypnose? Wollte ich es wirklich so genau wissen? „Keine Angst, Atlan.“ Sie streichelte meine Wange. „Du kennst den Ort, Du findest den Ort. Ich erlaube es Dir, Du bist beinahe so etwas wie ein Schamane.“ Vielleicht sollte ich mir eine Trommel zulegen, oder zumindest eine kleine Rassel.

Auf dem Rückweg… nein, Marie Anne, ich gehe nicht über etwas hinweg, grinsen nicht so belustigt. Es hat sich in der Höhle zwischen Vetha und mir nichts weiter als das Erzählte ereignet. Noch nicht einmal ein Kuss. Sie müssen nicht ungläubig schauen, es stimmt. Während des Badens war ich noch interessiert gewesen, aber dann – in ihrer Nähe war es erloschen, warum auch immer. Und auf dem Rückweg war ich in tiefen Gedanken, mein Logiksektor arbeitete auf Hochtouren. Vetha musste mich anstoßen, damit ich das Wildschaf sah, unser Abendessen. Als Bogenschütze bin ich allemal besser denn als Floßflechter, in Arkuush hatte ich mit den Jungen und Mädchen trainiert!

*

„Also, ein paar Tage werden wir in die Vorbereitung inves… stecken müssen.“ Wir saßen am abendlichen Feuer, nach einer kurzen Waschung im Fluss, ich entwickelte so etwas wie einen Plan. „Wir wissen nicht, wie die Stadtbewohner reagieren, wenn wir den Tempel ihrer Götter angreifen. Wahrscheinlich werden sie böse.“ Watta kratzte sich den Schädel, eine arkonidisch anmutende Geste. „Warum?“ er rülpste ungehemmt und lange, schlug mit der Faust auf seinen Bauch. „Wir befreien sie von den Dämonen. Sie sollten dankbar sein!“ Ich seufzte. „Es sind ihre Götter, Watta. Menschen mögen es nicht, wenn man ihnen ihre Götter nimmt. Auch wenn sie grausam und böse so wie diese sind. FALLS ich sagen würde, der Tagvater…“ „KEIN WORT GEGEN …Oh!“ Wattas Frau Buan hatte ihm die Hand auf den Schenkel gelegt, Vetha sich erhoben und ihre Hand, mit dem Rücken nach oben, ausgestreckt. „Bleib‘ sitzen!“ gebieterisch, machtvoll trotz des Flüsterns. „In Ordnung, ich hab’s ja verstanden. Trotzdem, ich möchte kein Wort gegen Ata hören, besonders nicht von einem Mann, der ‚Diener des Ata‘ genannt wird.“ Ich krümmte mich innerlich, halb aus Verzweiflung, halb vor Lachen. Jetzt war ich also, dem Namen nach, mein eigener Diener.

„Wir müssen“, nahm ich den Faden wieder auf, „unsere Habseligkeiten in Sicherheit bringen. Am besten, wir laden alles auf meinen Wagen, nachdem ich meine Sachen, die ich brauche, an mich genommen habe, und dann bringen Ushak und Moturuk den Wagen und die Frauen dorthin!“ Ich wies mit dem Stöckchen in meiner Hand auf die Skizze im Lehm. „Dort ist ein Haufen großer Steine, ein Ort, der leicht zu verteidigen sein sollte.“ Kurze, ganz kurze Zeit sollte der Stein sogar Energiewaffen standhalten. Selbstverständlich hoffte ich, die Wahrheit dieser Überlegung nie in der Praxis bestätigt zu sehen. „Vetha kann Euch führen!“

Zweifel schlug mir entgegen. ‚Mann mit dem Schädelbrecher‘ kratzte sich hier, kratzte sich da, hustete, spuckte und fragte endlich „Dein Ernst, Atlan?“ Ich tröstete Ushak und Moturuk, weil sie nicht mitkämpfen sollten, dann setzte ich an, Watta den Vorteil einer Rückzugsmöglichkeit zu erklären. In unerwarteter Weise bekam ich Unterstützung. „Macht, was das Weißhaar sagt!“ Meine Haar fuhr zum Kopf, und Vetha lachte herzhaft. „Nicht dort! Wenn Du wieder als Schwarzhaar gehen möchtest, solltest Du alle Deine Haare färben!“ So heiß, wie sich meine Ohren anfühlten, muss ich verdammt rot geworden sein, ein winziges Detail vergessen, hier ist es, Marie Anne. Von einer primitiven Barbarin in Sekunden durchschaut. „Wir haben alle das weiße Haar gesehen!“ donnerte Watta lachend. „Und ich habe Dein Interesse durchaus wahrgenommen“, schmunzelte Vetha. „Und alle haben gefeh’n, wie Du hin und wieder weg und wieder hin gefaut haft!“ „Ja, kleiner Knabe mit großer Zahnlücke, auch das haben alle gesehen!“ Vetha wuschelte das Haar des Kindes. „Auch wenn niemand versteht, warum er weg geschaut hat! Wo ihm doch offensichtlich gefallen hat.“ „Ihr wisst vom Haarefärben?“ Ablenken, um jeden Preis ablenken. „Wir wissen, dass es Steine gibt, mit denen man zeichnen kann und andere, mit denen man färben kann. Aber warum färbst Du Dein weißes Haar? Hat Dich der Tagvater gesandt, um seine Feinde zu töten? Sind es die Dämonen, die Du zuerst täuschen musst?“ „Ich hoffe, es gelingt mir bei ihnen besser als bei Euch!“ knurrte ich, was wieder Lachsalven hervorrief. „Aber ja, mein weißes Haar könnte die Dämonen warnen, sie könnten erkennen, woher ich komme!“

*

Watta hatte die Tage davor die Behausung der Springer beobachtet, er hatte sich sogar in die erste Vorhalle gewagt, sich dort zu Boden geworfen und scheinbar in stiller Andacht verharrt, während seine scharfen Augen und seine Sinne alles aufnahmen. Dank seines guten Gedächtnisses konnte er mir ganz gute Bilder in den Boden ritzen und mir einen ausreichenden Überblick geben. Ich holte meine verpackte Ausrüstung aus dem Versteck, dann begann rings um uns das Verladen. Nur die Lederzelte sollten zurück bleiben, von einem schnellen Läufer sollte das Feuer am Brennen gehalten werden, bis es für ihn Zeit war, ebenfalls zu verschwinden.

Bedächtig zog ich den Raumanzug über und steckte meine Ausrüstung in die vorgesehenen Taschen, Scheiden und Futterale. Ich hatte mich entschlossen, den Kampfanzug anzulegen, wenn ich gesehen wurde, war es egal, ob ich mit Lendenschurz oder vollem Anzug den Thermoimpulsstrahler hielt, als Feind mit hochtechnisierten Waffen erkannt war ich jedenfalls. Warum also auf den Schutz verzichten. Sie hatten ja auch Schutzanzüge. Vor einem Angriff wollte ich noch ein wenig selbst spionieren, Kundschaften, Informationen besorgen. Watta hatte viel gesehen, einiges aber nicht interpretieren können, ein letzter Blick konnte also nicht schaden.

Vor dem Aufbruch kam Vetha noch einmal zu mir, trat hinter mich und legte ihre Arme um meine Brust. „Du kämpfst auch für meine Sippe, für die Freiheit Thubas.“ sagte sie knapp an meinem Rücken. „Wenn Du in Not bist, werde ich für Dich trommeln. Besiege und töte die bösen Dämonen und komm gesund zurück. Viel Glück!“ dann war auch sie unterwegs zu der ‚Steinfestung’. ‚Immer noch besser als ein Tritt zwischen die Beine‘ kommentierte der Extrasinn, und ich ergänzte ‚Beides probiert, kein Vergleich‘. Wir brachen auf, schlichen möglichst lautlos durch die Straßen und näherten uns langsam bei fast totaler Dunkelheit dem ‚Haus der Götter‘. Dort postierte ich die Bogenschützen und schwebte mit tiefschwarz gefärbtem Anzug in den Tempel. Ich hatte nur wenig Hoffnung, die Tür unauffällig öffnen zu können, aber sie sollten für den Fall der Fälle bereit stehen. Die minimale Ausstrahlung des Antigrav würde hoffentlich nicht auffallen, umso mehr, als hier noch andere moderne Energie verwendet wurde.

Über den Hof, links die Quartiere der Sklaven und Sklavinnen, rechts die weit geräumigeren Behausungen der Springer. Dort standen auch vor jeder der sechs Türen ein Tempelsklave, eine Kette um den Hals, einen Metallspeer in der Hand, es gäbe unbedingt ein lautes Klappern, wenn man sie betäubte. Links begnügten sich die Springer mit zwei Posten, die lange Stäbe mit gemeinen Stacheln und lange Lederpeitschen trugen. Damit, und mit starken Riegeln vor den Türen. Als reine Raumfahrer hatten die Springer auf Fenster verzichtet, die Luftzufuhr erfolgte durch Spalten über den Türen, mit Holz vergittert. Immerhin konnte man sehen, in welchem Raum sich ein Springer aufhielt – zumindest, bis er das Licht löschte. Die Wand mit den Türen zu den Sklavenquartieren war zwar nicht sehr, aber hell genug erleuchtet, um den Wachen ihre Arbeit zu ermöglichen. Sie, also die Mehandor, die Springer, hatten bereits Erfahrung in diesem Geschäft und wenige Fehler gemacht. Trotzdem, zumindest einen von diesen wenigen Fehlern musste ich unbedingt finden! Also schwebte ich lautlos über den Hof, von rechts klang leises Stöhnen und Wimmern, mein Zorn wurde geweckt, doch ich bezwang mich. Noch! Einatmen-ausatmen-einatmen… Dagor! Im Moment konnte ich noch nichts unternehmen, jetzt hieß es, eiskalt zu überlegen und zu handeln, nur keinen Fehler, es gab nur eine Chance. Alles musste sofort richtig gemacht werden.

Habe ich schon erwähnt, dass kein Schlachtplan den ersten Feindkontakt übersteht? Ich erhielt den Beweis, als ich eben hinter dem Beiboot stand, zwei der Springer gingen von der anderen Seite genau darauf zu. Ich überlegte noch, sollte ich gleich angreifen, sofort das Feuer eröffnen? War ich bei einem Angriff, der von den anderen zwei Springern kam, in einer vorteilhaften Lage? Eigentlich aber hatte ich keine Auswahl, wollte ich das Glück nutzen und das Raumschiff entern. Hier bot sich – vielleicht – eine Gelegenheit, an Bord des Aufklärers zu kommen. Der Reflex zwang mich, noch ehe meine Überlegungen abgeschlossen waren, in ein offenes Mannluk und hinter die zweite Sitzreihe, in einen Ausrüstungsschrank. „Jetzt rege Dich nicht auf!“ erklang eine Stimme. „Du löst gefälligst Arfahr in der COV XXXII ab, der soll auch einmal auf seine Kosten kommen. Es werden schon genug Weiber übrig bleiben.“ „Warum kann ich nicht einfach zwei, drei mitnehmen ins Schiff?“ nörgelte eine andere Stimme. „Nein, bei der mit dem Tiefgekühlten! Dann wird wieder etwas übersehen, und der Patriarch … nein! Jetzt setz‘ Deinen faulen Arsch in Bewegung, Arfahr wartet.“ An den Geräuschen konnte ich hören, wie das Luk zu schwang, sich luftdicht versiegelte, das Summen des Gravitationsantriebes wurde lauter, dann setzte mit lautem Dröhnen das Triebwerk ein. Ich war unterwegs ins All, anders zwar, als ich es mir immer vorgestellt hatte, aber doch unterwegs! Nach 3000 Jahren. Mein Herz jubilierte, nur mit einer weiteren Dagorübung konnte ich mich bezähmen.

Ich wartete, bis die Geräuschkulisse mir einen linearen Anflug verriet. Jetzt war wohl die Zeit des Handelns gekommen, war das Boot einmal eingeschleust, kam es nur zu einem Pilotenwechsel. Natürlich hätte ich auf den ursprünglichen Plan zurückgreifen können, aber – so weit verstreut waren die Springer nie wieder, und da hätte ich auch sofort das Feuer eröffnen können, als ich die Beiden das erste Mal gesehen hatte. Durch die rasch geöffnete Tür löste ich den scharf gebündelten Betäubungsstrahler – der sich damals noch nicht so breit fächern ließ wie jene, die Rhodan von Crest erhielt, ohne an Wirkung zu verlieren – aus, verließ mein Versteck und… nun, dieser Springer tötete unter Garantie keine jungen Mädchen mehr. Eigentlich würde er überhaupt niemanden mehr töten. Marie Anne, ich halte überhaupt nichts von der Todesstrafe, sie ist barbarisch und hat keinerlei nachgewiesene Wirkung. Aber ich habe keine Probleme, mir die Hände schmutzig zu machen, wenn es sein muss, direkt und sozusagen in flagranti, sozusagen eine erweiterte Verteidigung. Dieser Verbrecher und seine Kumpane hatten nichts besseres verdient, und ich sagte ja bereits, es wurde dort auf dem Vorplatz des Tempels zu etwas Persönlichem.

Das Boot näherte sich der offenen Schleuse, das Außenschott schloss sich, der Druckausgleich wurde vorgenommen, das Innenschott öffnete sich und der Springer Arfahr blickte in die Kammer. Er muss wohl Verdacht geschöpft haben, eventuell, nein sicher, mein Anzug war ja schwarz, die Springer trugen mattes grau. Er fuhr zusammen und sprang dann beiseite, ich schlug auf den Öffner für das Luk, hechtete aus dem Boot, rollte mich ab und in Deckung. Ein Thermostrahl donnerte in den Schleusenraum, ich erwiderte das Feuer, zwang den Springer in seine Deckung zurück. Stiefel knallten, eilige Schritte entfernten sich, ich sprang auf und lief hinterher. Energieschüsse blitzten, als ich auf Arfahr schoss, kamen aus seiner Richtung zurück. Der Adrenalinspiegel stieg immer höher. Das Gefecht verlagerte sich in Richtung des Kontollraumes, jetzt, jetzt musste der Springer ihn erreicht haben.

Da! Eine Roboterstimme begann rückwärts zu zählen. Ich sprang in Deckung. Rückwärts zählen? ‚Selbstzerstörungsanlage! Bombe! Gefahr!‘ brüllte der Extrasinn. Ich fuhr herum und sprintete zurück in Richtung der Schleuse, hinter mir schlugen die Schotts in die Dichtungen. ‚Bei Deiner Fitness hast Du Glück, dass es nur ein kleines Boot ist!‘ tröstete der Extrasinn. Meine Lungen rasselten, mein Herz raste, die innersekretorischen Drüsen schütteten Endorphin, Adrenalin und was weiß ich noch aus, um mich am Laufen zu halten. Endlich! Ich erreichte die Schleuse, sprang in das Beiboot, schlug auf die Verschlusstaste, hieb den Button für die Startautomatik in den Sockel! ‚Die haben schon, was Du immer einbauen wolltest!‘ der Extrasinn erinnerte mich an Banalitäten. ‚Halt’s Maul‘, knurrte ich mir zurück. Die Automatik pumpte die Luft ab, das Außenschott öffnete sich langsam. Viel zu langsam. Ich beschleunigte, das Boot schoss aus der Schleuse, um Haaresbreite entging ich einer Kollision mit dem Außenschott, dann beschleunigte ich stärker. Hinter mir erglühte das Schiff in atomarem Feuer, verging in einer lautlosen Detonation. Meine Fäuste trommelten auf das Armaturenbrett. Verdammt, verdammt, verdammt! So knapp und doch, vorbei, keine Chance mehr, kein Hyperantrieb. Warum hatte der Narr die Selbstvernichtung aktiviert? So aussichtslos war seine Lage noch lange nicht gewesen. ‚Totmannschalter’ warf der Extrasinn in die Gedanken. Eine Möglichkeit, wenn ich ihn zufälligerweise final, also letal getroffen hatte! Wie auch immer, das Schiff war zerstört, ich blieb gestrandet.

Ich steuerte das Beiboot wieder Richtung Erde, bewunderte den Ausblick auf diesen blau schimmernden Ball. ‚Was treibt Dich nach 3000 Jahren so sehr nach Arkon?‘ fragte der Extrasinn. Ich zuckte gedanklich die Achseln. Ja, was? Eigentlich – nichts. Hatte ich hier nicht alles? War es nicht ein wunderschöner Planet? Weg mit dieser Spinnerei! Später hatte ich noch genug Zeit, jetzt einmal zurück! Vier Springer waren immerhin noch übrig. Dann, überraschend, flogen Funken aus dem Armaturenbrett, Rauch kam aus den Lüftungsschlitzen. Ich drückte den Bug weiter nach unten und drehte den Prallschirm auf volle Leistung. Ich stürzte im freien Fall zu Erde, turnte zum Ausrüstungsschrank und hoffte, mich richtig zu erinnern. Mein vordringliches Problem war Sauerstoff, der allmählich knapp wurde. Ja, Raumanzug, sicher war mein Anzug als Raumanzug verwendbar, aber ohne Helm, in dieser Situation? Genau so viel wert, wie… gar nichts, Marie Anne, gar nichts.

Ja, im Spind war ein Springeranzug! Schnell schlüpfte ich hinein, gleich, so wie ich war, in voller Montur, zog den Magnetverschluss zu und knallte den Helm in die Dichtung und klappte die Sichtscheibe herunter. Die Luftversorgung sprang an, und endlich füllten sich meine Lungen wieder mit klarem, reinem Atemgas. Dass der Anzug im Inneren nicht nur müffelte, sondern ganz erbärmlich stank, konnte meine Dankbarkeit und mein Glücksgefühl nicht wirklich schmälern. Ein Dankgebet zu Hemutag entrang sich meinen Lippen, leises Trommeln erklang in meinen Ohren. Allmählich bremste der Luftwiderstand meinen rasenden Flug, ich hieb auf den Notöffner des Luks. Der Überdruck riss mich in die Atmosphäre, ich aktivierte das Flugaggregat des Anzuges. Dann schlug die Dunkelheit zu.

Wie lange ich schwerelos zwischen Himmel und Erde geschwebt hatte, kann ich nicht sagen, es war mir nie wichtig. Langsam, unendlich langsam krochen wieder Gedanken durch mein Hirn. Der Extrasinn tobte und brüllte ein ums andere mal: ‚wach auf, Atlan! Wach auf, ATLAN!‘ Über(?), unter(?) neben(?) allen anderen Geräuschen hörte ich das dumpfe Wummern von Trommeln, nein, nur von einer Trommel… BAMM bamm bamm bamm BAMM bamm bamm bamm… Ich versuchte mich zu orientieren, langsam fanden erste Lichtstrahlen ihren Weg bis in mein Gehirn, mit dem Erkennen des Gesehenen haperte es allerdings noch sehr. BAMM bamm bamm bamm…. Wo war ich? Wo musste ich hin? Was war mit mir LOS? ‚Sauerstoffmangel, zu rascher Abfall von Adrenalin und anderen Stoffen, Zuckermangel… wo soll ich anfangen? Wo aufhören?‘ mein Extrasinn hielt eine lange Rede. Ich versuchte mich zu konzentrieren, es fiel mir schwer. BAMM bamm bamm bamm…. Funken stoben um mich herum, funkelten, tanzten, glitzerten. Funken oberhalb der Wolkendecke? Egal! Es war so schön. So wunderschön. Ich musste diesen Funken folgen, einfach immer der Funkenwolke nach… BAMM bamm bamm bamm.. BAMM bamm bamm bamm…

„ATLAN! Dem Tagvater sei Dank, Du lebst noch!“ Watta saß neben mir, ich lag in dicke Pelze gehüllt am Feuer bei den Steinen. „Was? Wo?“ krächzte ich. Watta hob meinen Kopf, damit Vetha mit dicke Suppe einflossen konnte. Dankbar schluckte ich, während Watta erzählte.

„Du warst noch nicht lange in dem Haus, da erklang ein furchtbares Geräusch, ein Blitzen und Donnern hob an, ein Feuerschwanz raste in den Himmel. Aber, meine Männer und hielten aus, wir hatten von Dir noch kein Zeichen erhalten. Dann kam ein Bote von Vetha, uns zu holen. Als wir hier her kamen, saß sie am Feuer, trommelte und ‚Kleiner Knabe mit großer Zahnlücke’ schlug ein ums andere Mal ins Feuer, dass die Funken stoben. Dann bist Du vom Himmel geschwebt, hast diese seltsame, sprechende Kugel vom Kopf gerissen und hast, Ata allein weiß wie, dieses seltsame graue und schwarze Leder vom Körper gezogen. Und dann bist Du auf die Nase gefallen, stocksteif einfach vorne über gekippt. Wir haben Dich ans Feuer auf unsere dicksten Felle gelegt, noch mehr Pelze darüber und gewartet. Ich habe schon gedacht, es wäre Dein Ende, aber Vetha hat immer gesagt ‚wartet‘. Sie ist nicht von Deinem Lager gewichen, genau wie ich. Schau, der Tagvater erscheint!“ Vetha entfaltete ihre Glieder. „Watta! Ushak! Helft Atlan auf die Beine! Er braucht jetzt ein Bad im kalten Wasser.“ Sie schleppten mich ins Freie, die Zeremonie des Sonnenaufganges zu begehen, dann halfen sie mir in den Fluss. Ich tauchte unter, die Spinnweben, die mein Denken überlagert hatten, lösten sich auf. Ich hob den Kopf über Wasser, holte tief Luft und begann zu Schwimmen. Wir hatten noch eine schwere Aufgabe vor uns, Thuba war immer noch gefangen, aber ich war zuversichtlich. Und auch glücklich, einfach am Leben zu sein!

Ja, Marie Anne, das war mein erstes Scheitern auf dem Wege zurück zu den Sternen. Per aspera ad Astra würden die Römer einmal sagen, und sie wussten nicht, wie richtig dieser Spruch ist. Ja, ich habe viele und schwere taktische Fehler begangen. Ich war, bin Spacer, kein Marineinfanterist, ich war nicht ausgebildet in der Taktik der Kommandounternehmen. Die Nahkampfausbildung umfasste eben das nötigste, als Raumschiffoffizier ist man selten in persönliche Feuergefechte verwickelt. Mir fehlte sogar die ständige Berieselung durch Action-Filme, die Anfang des 21. Jahrhunderts schon Teenies in der Taktik der Elitetruppen schulte. Aber, ich würde es lernen müssen, Thuba wartete noch auf ihre Befreiung! Ach, die Funken? Keine Ahnung, aber John Glenn hat damals in seiner Mercury-Kapsel, der Friendship 7, etwas ähnliches beobachtet. Oder es war wirklich Sauerstoffmangel, Insulinmangel, zu schneller Abfall des Adrenalin. Was soll es sonst gewesen sein? Vethas Trommeln vielleicht? Nach dem Bad nahm ich mir die ‚sprechende Kugel‘ vor, den Helm. Und ich gab meine Tarnung auf, ich musste mich mit mehr als nur Wasser waschen, aber ich wollte als Arkonide in den Kampf gehen. Warum? Stolz! Eitelkeit! Ich wollte mich einfach nicht mehr verstecken!

*

„Arfahr! Urthor! Was ist los? Verdammt, kann denn keiner mehr ordentlich Meldung machen? Arfahr müsste doch schon längst zurück auf dem Planeten sein, was treiben die da oben?“ Dröhnendes Gelächter einer anderen Stimme. „Vielleicht wollten die Bubis einmal miteinander ein bisschen Spaß haben und sind danach eingeschlafen?“ „So wie Urthor hier unter den Weibern gehaust hat? Ich glaub’s nicht. Den hat man schon zur Arbeit von einer runterprügeln müssen! Da ist was im Busch, ich spür’s in den Knochen. Und dann ist gestern der Feuerschwanz durch die Atmosphäre gezogen. Was ist, wenn ein Meteoritenschwarm die CAV XXXII und das Beiboot getroffen hat?“ „Mal jetzt nicht den Tiefgekühlten Arsch an das Schott! Die CAV hat doch Ortungsgeräte, eine Meteorabwehr, sogar eine automatische, wenn die Wache verpennt! Oder mit etwas anderem beschäftigt ist.“ Bösartiges Lachen erklang. „Oder mit jemand anderem!“ „Verdammte Fäkalie! Was soll’s denn sonst gewesen sein? Eine arkonidische Patrouillenflotte vielleicht?“ Beide brachen in schallendes Gelächter aus, das mich schmerzte. War es denn so unmöglich geworden, dass Arkon für Ruhe und Ordnung sorgte, war die stolze Flotte Arkons nur noch ein Witz für die anderen raumfahrenden Rassen? Die Händler hatten einen Überfall auf die zentrale Registratur erwähnt, hatte dieser die Arkoniden derart schwer getroffen, dass sie sich nicht mehr aus einem selbstgewählten Schneckenhaus wagten?

„Es muss einfach eine technische Panne sein! Aber welche? Hat Urthor vielleicht das Schiff während des Einschleusens gerammt! Dann müsste der Funk immer noch funktionieren!“ „Heilige Scheiße! Wenn wir nur nachsehen könnten!“ „Hat denn keiner an ein mobiles Hypercom gedacht?“ Meine Ohren wuchsen. Ein mobiles Hypercom?“ „Arfahr sollte die letzte Komponente mitbringen, dann hätten wir es aufbauen können!“ Kein mobiles Hypercom, meine Ohren schrumpften wieder auf normale Größe. Aufschlussreiche Gespräche, die, nach einigem Warten und mit Pausen aus dem Helmlautsprecher tönten. Ich dolmetschte die Worte, damit auch Watta und Vetha ein Bild von der Lage bekamen. Vetha faszinierte mich immer mehr. Für die Verhältnisse ihrer Zeit hatte sie viel gelernt, aber der mangelnde Wissenstand der Menschheit bedingte doch ein gewisses Bildungsmanko. Trotzdem hatte sie überraschend schnell erkannt, dass etwas, das für den einen Menschen alltägliche Technik war, für den anderen wie Magie wirken kann, und über Magie wusste sie Bescheid. Zumindest nannte sie es Magie, ich dachte an eine vererbbare Mutation, die Hypnose und vielleicht auch Telepathie, unter Umständen leichte Psychokinese ins Spiel brachte. Aber sie hatte im Prinzip das dritte Clarkesche Gesetz bereits damals erkannt.

Hm? Die drei Clarkeschen Gesetze? Nach Arthur C. Clarke? Also, ‚1. Wenn ein alter Wissenschaftler sagt, etwas ist möglich, hat er wahrscheinlich recht, wenn er sagt, etwas sei unmöglich, sehr wahrscheinlich unrecht! 2. Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist, ein klein wenig über diese hinaus ins Unmögliche vorzustoßen. 3. Fortgeschrittene Technik ist von Magie nicht zu unterscheiden.‘

Zurück zu Vetha. Ich hatte tatsächlich auch einige saublöde, völlig vertrottelte Telepathen und Psychokinetiker gesehen, selbst einige Mollusken auf Garbatha VI sind schwach hypnotisch begabt – und sind dümmer als ein Wartungsschott. Diese Schneckenartigen wurden von alternativen arkonidischen Ärzten gerne in der Medizin eingesetzt, um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu stimulieren. Vetha aber war zu ihren Gaben auch noch mit einem wachen Geist, unbändiger Neugier und einem Körper, der eine Göttin neidisch machen könnte, gesegnet. Manchmal konnte ich meinen Blick kaum von ihr wenden, was hielt mich ab, einfach… „Was machen wir jetzt, Atlan?“ Watta stieß auf, unterbrach meine wollüstigen Phantasien. „Wir können doch nicht ewig hier sitzen und warten.“

„Wir dringen, wenn die Lichter ziemlich ausgelöscht wurden, hier in den Innenhof, linker Hand – das ist die, in der Du den Bogen hältst – sind die Quartiere der Sklavinnen und Sklaven. Hier, zu der Hand, die die Sehne auszieht, ja, Watta, genau die!“ Schon wieder malträtierte der Mann meine arme Schulter und lachte donnernd. „Also, hier stehen sechs Wachen. Sie sehen einander, sie machen Lärm, wenn sie fallen. Zwei Gefahrenpunkte. Hier, rechts, stehen noch einmal zwei Posten. Die konzentrieren sich zwar auf die Sklavenquartiere, werden aber auch Alarm schlagen, wenn sie uns sehen! Wie kommen wir nahe genug, damit wie sie aus dem Wege räumen können?“ „Von oben, Atlan. Schau doch, sie stehen etwas vor dem Rand des Dachs. Und das Dach ist Holz, nicht Reet, wie Du es nennst. Also kein Schilf. Holz kann man doch begehen.“ Die Beobachtungsgabe eines primitiven Barbaren, gepaart mit Denkfähigkeit. Ich war immer wieder überrascht, obschon ich es eigentlich langsam besser wissen müsste! ‚Dumm ist, wer alles glaubt, dümmer noch, wer alles glaubt zu wissen!‘ Lergh, der Denker!

„Hm“, ich überlegte. „Ich könnte natürlich 16 von Euch einzeln auf das Dach tragen und über den Sklaven absetzen. Dann springt ihr gleichzeitig auf ein Zeichen. Einer hält den Speer aufrecht, der andere schlägt zu. Könnte funktionieren. KÖNNTE!“ dämpfte ich den Jubel. „Wenn ihr es schafft, halbwegs gleichzeitig zu springen!“ Hemutag, was gäbe ich für einen Zug Marines! Ausgebildet und bewaffnet, bitte! Sie wissen schon, ‚semper fi’, ‚facit omnia volutas’ ‚numquam retro’ und all das Zeug, das aus normalen Männern furchtlose Idio.. Helden machen soll. „Wo wirst Du stehen, Diener des Tagvaters?“ Auch Vetha beugte sich über die Skizze, die wir rasch in den Lehm des Bodens geritzt hatten. „Hier, wo ich die Türen der Spr…, der Dämonen im Auge behalten kann. Ich habe hier eine Waffe wie die der Dämonen.“ Ich hielt den beidhändigen Impulsstrahler hoch.“ Guhmur legte seine rechte Hand auf seine linke Schulter, dann streckte er sie aus. „Darf ich den Strahl des Ata einmal berühren?“ Warum eigentlich…, warum eigentlich nicht? „Vetha, Watta, Guhmur, kommt einmal mit.“

Mit dem Flugaggregat des meines Anzuges konnte ich ohne Problem eine zweite Person bewegen, also brachte ich die drei Menschen etwa eine Flugstunde nach Norden, wo wir von der Stadt nicht mehr gesehen werden konnten, nahm meine Gürtelwaffe und die es Springers. Erstere drückte ich Guhmur in die Hand, die andere Watta, selbst der kräftige Mann staunte über das Gewicht der Waffe. Die Anordnung der Bedienelemente unterschied sich, wie auch bei dem Beiboot, in keiner Weise von alten arkonidischen. Warum auch? Sowohl die Elemente der Waffen als auch des Bootes waren logisch aufgebaut, also, wenn der Besitzer so ähnlich ist gebaut wie der Erfinder, warum sollte der Aufbau stark geändert werden. Die Springer zogen wuchtige Schalter und Tasten vor, arkonidische waren graziler, aber der grundlegende Aufbau? Kein auffallender Unterschied, mit einer Ausnahme. Springerwaffen waren einiges schwerer. Hoffentlich nicht um genau so viel stärker.

Sie bemerken, worauf ich hinaus will, Marie Anne? Vetha musste zwar einiges an Überzeugungsarbeit leisten, letztendlich verstanden sie aber die Bedienung der Waffen und probierten sie mit Vergnügen aus. „Warum, Atlan, fliegen wir nicht einfach hin und verbrennen die Wachen und die Dämonen?“ Guhmur hatte eine Idee, die ich auch schon hatte – und verwarf. Ich erklärte es ihm. „Es wäre eine gute Idee, wenn die Dämonen in der Nacht allein wären! Aber sie haben immer, oder fast immer, einige Sklavinnen bei sich. Du verstehst? Sie könnten die Frauen töten!“ „Und? Irgendwann müssen wir alle sterben!“ „Und wenn es Thuba ist!“ brüllte Watta aufgebracht. Guhmur schrak zurück, legte seine Rechte auf die Schulter. „Verzeih, Watta, ich wollte nicht… ich wollte nur…“ der Sippenälteste donnerte seine Hand auf Guhmurs Schulter. Er liebte es, das zu tun, egal, bei welchem Mann! „Schon gut! Aber sag so etwas nie wieder! Nicht, wenn’s um Thuba geht!“

„Also, kleine Änderung des Planes. Guhmur und Watta postieren sich hier und hier. Wenn die Wachen fallen – wenn möglich, tötet sie nicht, aber sie müssen schweigen – springen wir hinunter und stürmen die Zimmer, aus denen Licht scheint. Oder aus denen wir etwas hören. Ihr wisst, wie man zielt und schießt – versucht, den Rotbart in dem Zimmer zu treffen!“ Watta schlug mit der Faust auf den Boden. „Ich will hoffen, Guhmur kann ein Weib von einem Mann unterscheiden! Schießen hat er gelernt, hoffentlich trifft er!“ Diesmal schlug einmal ich ihm die Rechte auf die Schulter. „Ich hoffe, Du beherzigst Deinen eigenen Rat, Watta. Kannst Du Mann und Frau unterscheiden?“ Er lachte donnernd, ebenso donnernd verließ eine Flatulenz seinen Darm. Diese Leute taten sich in dieser Hinsicht keinerlei Zwang an, Männer und Frauen. Auch Vetha donnerte einfach drauf los, wenn ihr danach war. Nun, ländlich – sittlich, also entspannte ich mich. „Gehen wir!“ ich erhob mich, die anderen Männer taten es mir gleich. „Ich werde meine Trommeln bereithalten!“ versprach Vetha.

Einzeln trug ich mit dem Transportanzug die Männer auf ihre Posten, wir beobachteten noch eine Zeitlang das Geschehen im Hof. Ich konnte mein Glück kaum glauben, zwei der Springer schickten ihre Mädchen wieder in die Sklavenquartiere, sie wollten scheinbar allein schlafen. Was war mit dem Dritten? Aus dem drangen die Stimmen zweier Männer. Relativ ebenbürtiger Männer! War der vierte Springer vielleicht mit einem Fluganzug von den Mienen Anatoliens gekommen? Konnte ein einzelner Arkonide so viel Glück haben? Ich verrate Ihnen etwas, Marie Anne. Die ersten Wachphasen überlebte ich ausschließlich durch eine Riesenportion Glück. Wenn ich früher mit einer solchen Situation konfrontiert wurde, rief ich über Sprechverbindung den zuständigen Infanterieoffizier und sagte: ‚Major, stellen Sie ein Team zusammen, ich möchte die verdammten Geiseln so unbeschadet wie möglich befreit sehen. Leisten Sie gute Arbeit im Namen des Imperators!‘ Dann lehnte ich mich einfach zurück und wartete auf die Vollzugsmeldung. Dieses Mal würde ich keine Ausführung gemeldet bekommen, außer ich rapportierte mir selber. Ich tauschte mit Watta den Platz, wollte das Zimmer mit den zwei Springern selbst übernehmen.

Der Teil mit dem Springen und Ausschalten der Wachposten gelang überraschend gut. Ich hatte mit einem kleinen Lämpchen drei mal geblinkt, die sechzehn Mann waren ziemlich gleichzeitig gesprungen. Jeder hatte gewusst, was er zu tun hatte, außer einigen leisen Seufzern war nichts zu hören. Wir mit den Energiewaffen warteten noch kurz, die Türen der bewohnten Quartiere im Visier. Nichts, Ruhe, keine Bewegung. Das Murmeln des Gesprächs im Zimmer ganz rechts, lautes Schnarchen aus dem linken, Stille in der Mitte. Dann sprangen Watta und Guhmur, ich schwebte hinunter und wir huschten vor unsere Ziele. Ich hob die Linke, die rechte Hand umklammerte den Griff mit dem Abzug. Ich zeigte fünf, vier, drei, zwei, einen Finger, die Hand fuhr herab, wir stürmten in die Zimmer. Links von mir röhrten zwei Energiewaffen auf, vor mir flog ein Springer herum und griff zum Gürtel. Doch nur ein Mann, mein Laservisier zeichnete einen roten Punkt auf die Stirn des Springers, während in seinem Bett eine Frau laut schrie. Ich erschoss den Piraten, denn etwas anderes war er ja doch nicht, und suchte den Raum nach weiteren Feinden ab. Doch außer einer Sklavin, die man auf eine Weise gefesselt hatte, dass es extrem schmerzhaft sein musste, war niemand im Raum. ‚Sie mögen es, wenn jemand leidet.‘ erinnerte mich mein Extrasinn. Nun, auf diesen hatte es zugetroffen, Hämatome können Romane erzählen. Romane, die ich eigentlich nicht lesen wollte, die aber leider nicht zu übersehen waren. Immer noch klang die Stimme des letzten der galaktischen Händler aus – dem Funkgerät. „Gatschar! Was ist los bei Euch? Was waren das für Schüsse?“

Es war unnötig, noch harmlose Erklärungen geben zu wollen, oder ganz zu schweigen. Die Händler waren skrupellose Verbrecher und gemeine Sadisten, aber sie waren nicht dumm, er würde schnell einige richtige Schlüsse ziehen können, oder doch zumindest nicht weit von der Wahrheit entfernt. Also ging ich zum Gerät. „Ich habe Dich und Deine Kumpane wegen Eurer Morde und Grausamkeiten zum Tod verurteilt“, sagte ich in das Mikrophon. „Du bist der Letzte, und ich werde Dich bekommen, sadistischer Mörder!“ Es entstand eine kurze Pause, dann fragte die Stimme. „Wer zur Herrin mit dem Tiefgekühlten spricht da?“ „Die Stimme Arkons!“ sagte ich ruhig. Zorniges Gelächter war die Antwort. „Ich komm und hol mir Deinen Arsch, Milchbübchen! Warte, wenn Du Mut hast.“ „Ich warte!“ sagte ich nur, mit eiskalter Stimme, mein Schuss zerstörte das Gerät. „WATTA!“ brüllte ich. „Nimm alle und bringe sie zur Steinfestung. Vetha wird wissen, wie sie mit wem zu verfahren hat, ich vertraue ihr. Der letzte Dämon kommt, und er ist gewarnt. Wenn ihr nicht schnell geht, seid ihr tot.“ Watta kam gelaufen und zog seine Schwester am Arm mit sich. „Atlan! Schau! Ich habe Thuba gefunden!“ „Wie schön,“ ich brüllte aufgeregt. „und jetzt setzt gefälligst Eure lahmem Hintern in Bewegung. Schnell!“

Ich sah mich rasch um, wo sollte ich meine Vorbereitungen treffen? Mein Extrasinn begann sofort mit der Planung, der Händler schien einen großen Auftritt zu lieben, wie eigentlich alle Springer, die hier gelandet waren. Endlich entschied ich mich für den Hof, wo gestern noch – unendlich lange, und doch nur 24 Stunden – das Landungsboot gestanden hatte. Dann tippte ich auf der Steuerungsmanschette des Anzuges einige Befehle für die als Vogel getarnte Drohne, vor allem sollte sie mich warnen, wenn Nummer Sechs – ich kannte seinen Namen nicht, er war mir auch ziemlich egal – in die Nähe kam. Ein Fluganzug sollte doch zu orten sein, wenn weit und breit keine andere Energiequelle in Aktion war. Weitere Befehle, ein ganzer Katalog. Dann wartete ich. Die Entfernung war nicht sonderlich groß, zwei, drei Stunden, vielleicht vier. Ja, ich habe übertrieben, als ich Watta und seine Sippe weg schickte. Ich wollte sie aus dem Weg haben, sie hatten Gefangene und – sicher etwas geschwächte – befreite Mädchen bei sich. Langsames Fortkommen, sie sollten aber schon bei Vetha sein, wenn der Showdown begann!

Als ich mit allem fertig war, wartete ich unter dem Dachvorsprung vor den Herrschaftsquartieren. Trank eine Menge Wasser, zwang ein Fladenbrot hinunter, um nicht unterzuckert zu sein. Ein leiser Impuls der Drohne. Geortet, er kam, ich hörte ein leises Rauschen, als der Vogel in Position ging. Grelles Licht erhellte den Tempel. „Komm raus zum spielen, kleines Mädchen! Jetzt sollst Du die Macht der Springer kennen lernen. Bereite Dich schon mal auf extreme Schmerzen vor!“ Wieder dieses zornige Lachen. „Ich steh’ ja eigentlich auf Weiber, aber bei Dir mach ich mal eine Ausnahme! Arkoniden sind sowieso alle halbe Mädels!“

Eine riesige hellgraue Gestalt landete im Bootshof, warf den Helm beiseite und schüttelte das lange, rote Haar. „Wo bist Du, Angst vor einem Mann?“ Langsam trat ich aus dem Schatten. „Einem ganz starken Mann, der sich an wehrlosen kleinen Mädchen vergeht? Kaum!“ stichelte ich. „Einem Feigling, der sich nicht an Männer wagt? Bestimmt nicht!“ Wieder donnerte sein zorniges Lachen über den Hof. „Hier sind wir Götter, Du kleiner Arsch! Hörst Du, Götter!“ er ging auf mich zu. Ein Schritt, zwei Schritte, drei Schritte, jetzt, jetzt war er richtig. Ich hob den Arm, die Drohne simulierte einen Angriffsflug. Er blieb stehen, lachte grollend, hob die Waffe, um die Drohne zu vernichten. „Keine Götter!“ rief ich. „Ihr habt Dämonen gespielt!“ Ich drückte auf den Knopf der Fernbedienung in meiner Hand. Genau unter Nummer Sechs detonierten drei Schockgranaten, rissen den Schutzschirm auf und schleuderten den Springer beiseite. Die Mündung meiner Waffe folgte ihm, röhrte kurz auf, zerstörte das Schirmaggregat völlig. Pech gehabt, ich hatte ein wenig höher gezielt, um ihn sofort zu töten, aber er lebte noch. Die Vernichtung des Generators hatte ihn tödlich und überaus schmerzhaft verwundet, aber er konnte noch reden. „Götter waren wir, sind wir!“ Ich ging zu ihm hin und hielt meine Gürtelwaffe auf seinen Kopf gerichtet. „Nichts seid Ihr! Nicht einmal Barbaren. Ihr seid weniger als nichts!“ Der Schuss brach, ich hatte ihn von seinen Schmerzen erlöst. Bleierne Müdigkeit schlug zu wie ein Schädelbrecher, wie es natürlich ist, wenn die Hochspannung verfliegt, das System des Körpers die Produktion von Hormonen und anderen körpereigenen Aufputschern plötzlich einstellt. Ich riss mich zusammen, es gab noch zu tun. Technik einsammeln, vernichten. Keine Hochenergiewaffen und -geräte sollten in die Hände unwissender Barbaren fallen. Dann flog ich zum Lager, beruhigte die Freunde über meinen Zustand und kroch erst einmal auf mein Lager, ich musste ein klein wenig schlafen.

Die Morgenzeremonie weckte einen halbwegs zufriedenen Arkoniden. Ich hatte zwar keinen Flug nach Hause bekommen, dafür aber Zweifel an meinem Wunsch danach. Ganz toll! Dafür hatte ich eine Bedrohung für meine Nachkommenschaft abgewandt – wie gering die Verwandtschaft mittlerweile auch sein mochte. Vetha könnte von mir abstammen, Watta, alle hier, aber was spielte das nach 5000 Jahren noch für eine Rolle? Einerseits, genetisch, keine besondere, andererseits waren alle Menschen meine Kinder, die ich beschützen musste. War es dann nicht Inzest, wenn ich mit einer der ihren schlafen wollte? Ach was, das morgendliche Bad wartete, danach musste über die Tempeldiener ein Beschluss gefasst werden. Und die Dienerinnen. Es gab und wird immer Opportunisten geben, die mit ihren Sklavenhaltern kollabieren, Frauen ebenso wie Männer. Im 20. Jahrhundert sollte man das Stockholm – Syndrom nennen, ein prominentes Opfer war Patty Hearst, die gemeinsam mit ihren Entführern eine Bank überfiel. Mit einer geladenen Waffe in der Hand. Also wurden die Befreiten befragt, die Kollaborateure ausgemustert. Watta und die anderen Mitglieder seines Stammes waren für eine endgültige Lösung, ich wollte sie vom Gegenteil überzeugen. Während wir noch diskutierten, schlug Guhmur auf Befehl Vethas den ausgewählten Gefangenen die Schädel ein. „Die haben auch Spaß am Quälen gehabt.“ rechtfertigte Vetha ihren Auftrag. „Sie haben Thuba zumindest geschlagen, wenn nicht schlimmeres. Und die hätten den Tempel übernommen und einfach weiter gemacht. Vielleicht hätten sie die Opfer erwürgt oder erschlagen, aber DIE hätten sich weiter als Priester und Herren aufgespielt!“ Habe ich schon erwähnt, dass mich Vethas Verstand faszinierte?

Natürlich hatte sie recht, Marie Anne, aber soll ich ihnen etwas sagen? Der ‚König‘ dieses Haufens von Hütten beschloss, die Muttergöttin endgültig abzuschaffen und statt dessen vier große Götter zu verehren. Eine Göttin wurde weit unten in der göttlichen Hierarchie eingebaut. Und es sollte natürlich weiter geopfert werden. Vier mal im Jahr! Und keine Männer mehr, davor hatte das verdammte Schwein – ich bitte die allesfressenden Paarhufer um Entschuldigung – wahrscheinlich zu große Angst. Diese ‚präventive Hinrichtung‘ hielt also Menschen nicht von dem grausamen Ritual ab. Ich persönlich glaube, es sind alle Götter gute Götter, die als einziges Opfer gute und liebevolle Gedanken verlangen. Und die allerbesten sind jene, für die die schönsten Opfer aus nachdenken und überlegen mit den liebevollen Gedanken vereint bestehen. Solchen Göttern gerecht zu werden ist keine Schande! Wenn man denn Götter haben will…

Ich gestehe, die Hinrichtungen hatten mich etwas erschreckt, mehr noch als die Furzerei und die Rülpserei, aber ich durfte wohl bei allem nicht vergessen, diese Menschen kamen aus einer brutalen und harten Welt, sie waren brutal und hart. Gegen sich, gegen andere. Sie konnten wie große Kinder sein, aber wenn es gegen einen – oder eine – der ihren ging, auch kompromiss- und gnadenlos. Kinder ihrer Zeit eben. Wir standen noch zusammen und besprachen die letzten Ereignisse, Thuba gesellte sich zu uns, Watta stellte mich mit überschwänglichen Worten vor: „Das ist das Weißhaar, dem Du Deine Freiheit verdankst, Thuba! Ohne ihn wärst Du gefangen geblieben, und vielleicht die Sippe schon ausgelöscht. Sogar Vetha hat ihm vertraut! Er ist ein verdammt guter Mann.“ Thuba stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste meine Wange, eine durchaus angenehme Erfahrung. Wenn ich von einem jungen, aber voll erblühten Mädchen mit durchaus beachtlichen, trotz des Lederhemds bemerkbaren Brüsten geküsst werde, ist mir das jedenfalls lieber als vieles andere. Ich horchte in mich hinein. Nichts regte sich. Was zum Tiefgekühlten war mit mir los? Eine schöne Frau, nichts regte sich? Hallo! ‚Du wirst doch nicht alt werden, Arkonide?‘ der Extrasinn zeigte sich ebenso besorgt. ‚Oder hat der Sauerstoffmangel doch schlimmere Nachwirkungen?‘ Watta hieb mir wieder einmal die Rechte auf die Schulter, rülpste anhaltend, ehe er zu mir sagte: „Mach Thuba doch schon glücklich, Dummkopf. Sie strahlt Dich schon genug an, bist Du blind?“ Danach ging er lachend zu seinem Zelt, Thuba schritt auf das meine zu. Vetha stieß mir ihren Ellenbogen in die Seite. „Dein Freund hat recht, worauf wartest Du noch. Du darfst, es ist erlaubt!“ Damit ging auch sie davon, leise eine einfache Melodie summend. Irgendwo hin, ich sah zu meinem Zelt. Thuba kroch auf allen Vieren durch die niedrige Öffnung, die als Einstieg diente, ihr Lendentuch verrutschte dabei ein wenig. Plötzlich hatte ich es mehr als eilig, ihr zu folgen. Sie wissen ja, Marie Anne, ein alter Pennälerspruch sagt: ‚inter pedes virginis beatitudo viri autem esse.. Also, auf ‚virgo‘ bestand und bestehe ich nicht, es darf auch gerne ‚mulier’ sein. Sie haben doch Latein gelernt…

Ein neuer Morgen dämmerte herauf und fand einen etwas erschöpften, aber rundum zufriedenen Atlan, mit einem dunklen Wuschelkopf auf seiner Schulter, sanfte und doch feste Rundungen, die sich an ihn schmiegten – das Leben war doch verdammt schön. Draußen erklang Vethas Stimme, zu bald, viel zu bald. Thuba erwachte und zog mich mit sich ins Freie, wo wir den Tagvater und die Sippe begrüßten, um danach zum Fluss zu gehen. Jeder lächelte mich freundlich an, legte mir die Hand auf die Schulter, viele Frauen küssten mich auf die Wange. Ich hatte die Schwester des obersten Chefs befreit, man zeigte seine Dankbarkeit, ich war einer von ihnen.

Nach dem Bad besuchte ich Vetha und bat auch Watta dazu. Wir hatten noch einiges zu besprechen, meine Idee, die armen befreiten Sklavinnen mit dem Stamm leben zu lassen, ihnen vielleicht auch Männer zu geben, fand guten Anklang. Es gab ohnehin immer zu wenige fruchtbare Frauen, in einigen Monaten könnte es einige rothaarige Kinder geben, nun, es würde niemand stören. Die noch lebenden Tempelsklaven sollten frei gelassen werden, womit der Stamm durchaus einverstanden war. Weniger Anklang fand meine Idee, auch die anatolischen Bergwerksklaven zu befreien. Sie waren kein Teil von Wattas Sippe, sogar Vetha zeigte sich nicht begeistert. Nun, mit ein paar Barbaren würde ich schon allein fertig werden, für mich stand fest, dass ich nicht auf halbem Weg stehen bleiben durfte. Die Idee, Pferde nicht nur zu jagen, wurde mit einem gewissen Widerstreben aufgenommen, die Idee schien zu fremdartig, zu revolutionär, aber hier war es wieder Vetha, die mir half, ihrem Stamm eine neue Idee schmackhaft zu machen. Besonders als sie sagte: „Stellt Euch vor, nie wieder Stunden mit den schweren Lasten auf den Schultern. Und wir könnten viel weiter wandern!“ war ein wenig das Eis gebrochen.

Am nächsten Morgen holte ich also mit der Fernsteuerung den Gleiter zu mir und legte meine Ausrüstung an. Anzug, Waffen, das ganze Equipment eben. Thuba stand, etwas schmollend neben mir. „Ich verstehe nicht, warum Dir die Leute wichtiger sind als ich!“ Ich zog sie an mich. „Es könnte dort noch Waffen und Geräte der Dämonen geben, die nicht für Menschenhand gedacht sind!“ ich machte es mir einfach. „Ata hat mir befohlen, sie zu holen!“ Na ja, ganz gelogen war das ja nicht einmal. Thuba nickte, machte sich frei. „Jetzt verstehe ich!“ damit kroch sie aus dem Zelt. Beherrschung, Atlan, Beherrschung. Nicht jetzt, statt sie wieder zurück zu ziehen, folgte ich ihr. Der Gleiter war in der Nähe gelandet, ich arbeitete kurz die Checklisten ab, Watta kam mit Guhmur. „Ist das da Atas Himmelswagen?“ Ich nickte. „Du fliegst dorthin, wo noch Gefangene der Dämonen sind?“ Wieder ein Nicken. „Wenn es für Dich so wichtig ist, wir kommen mit, wenn Du uns brauchen kannst!“ Ich hielt ihm die Hände entgegen. „Danke!“ sagte ich nur, und Watta nickte. „Thuba hat gesagt, Du musst die Donneräxte der Dämonen zerstören, damit sie kein Unheil anrichten können. Du bist unser Freund, wir helfen Dir.“ Er und Guhmur grinsten plötzlich. „Außerdem kann es nicht schaden, beim Tagvater etwas Tauschware für später zu sammeln! Lass‘ uns gehen.“ Innerlich lächelnd öffnete ich die Tür. „Setzt Euch, und habt keine Angst!“ „Wir haben keine Angst!“ beinahe im Chor gesprochen.

Langsam ließ ich den Gleiter steigen, Watta und sein Freund wurden etwas bleich, blieben aber durchaus beherrscht. „Ist das Mironikilur?“ Watta deutete schräg nach unten. „Und dort, das ist die ‚Festung der Felsen!‘ Und dort – oh! So viel Wasser! Atlan! Schau nur, man sieht gar kein Land mehr! Atlan! Das ist groß, das ist riesig! Ist das… sehe ich die Welt, wie sie ein Vogel sieht?“ Der Mann war völlig aus dem Häuschen. Hm, ich glaubte, nein, ich war sicher. Ich musste die Lüftung höher stellen und die Luft gut filtern. Und bei Gelegenheit gründlich durchlüften!

„Dort!“ Watta hatte eine Spur entdeckt, ich landete und betrachtete sie näher. Tief war hier der Boden eingedrückt, als hätte man noch vor kurzem schwere Lasten auf Rollen bewegt. Ich brachte den Gleiter auf Höhe, entfernte mich, der Spur folgend, wieder etwas von den Bergen. Ja, wie soll ich beschreiben, was wir zu sehen bekamen. Lange Stangenhölzer, verbunden mit grob zugehackten Brettern, darauf verteilt die Ladung. Sklaven trugen Walzen von hinten nach vorne, legten sie vor das ‚Floss’, andere Männer zogen es wieder ein Stück weiter, die nächste Walze und so weiter ad infinitum. Nun – nicht ganz infinitum, wir machten ein Ende. Als der Gleiter erschien, legten die Treiber die Peitschen und Knüppel auf den Boden und knieten hin, während sich alle anderen auf den Bauch legten, wir konnten die Striemen der Schläge, neue und zum Teil verheilte, nur zu deutlich sehen. Ich war wütend. Wütend auf die Springer, aber auch auf die Menschen, die dort standen und den Fremden halfen, ihre eigenen Brüder zu versklaven, zu unterdrücken, auszubeuten und zu quälen!

Ein weiter Weg vom stolzen, arkonidischen Adeligen zum Verteidiger von Menschenrechten, dazu noch von Barbaren? Vielleicht. Ein Widerspruch? Wahrscheinlich. ‚Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust‘ lässt Goethe im ersten Teil den Doktor Faust klagen. Nur? Glücklicher Heinrich Faust! Aber keiner meiner vielen Seelen kann Grausamkeit goutieren. Vielleicht muss man Wenige im Kampf für das Überleben Vieler opfern, aber die Lust am Leid meiner Mitgeschöpfe ist eine psychische Krankheit. Den Springer im Beiboot? Marie Anne, George Bernard Shaw lässt in seinem ‚Cäsar und Cleopatra’ den Rufio fragen: ‚Cäsar, wenn Du einem Löwen gegenüber stehst, der Dich fressen will, hasst Du ihn? Möchtest Du ihn bestrafen, quälen, nur weil er Dich fressen will, wie seine Natur es ihm befiehlt? Nein? Was willst Du tun?‘ Und Cäsar antwortet. ‚Ihn töten, so schnell es mir möglich ist, kalten Herzens, ohne Hass und ohne Rache. Aber töten muss ich ihn, auf dass er nicht mich und andere töte’. Das war‘s, warum ich den Springer tötete. ‚Kalten Herzens, ohne Hass und Rache!‘ Na ja, ein wenig vielleicht doch. Gut, eine Menge Wut! Aber schnell und schmerzlos, wie alle anderen.

Ich landete und wir schritten auf das Floss zu. Rico hatte mir auf meinen Befehl – ‚eitel, allzu eitel‘ (Shakespeare) – die mattschwarze Galauniform eines Admirals mit der Gonozal-Sonne auf der Brust per Drohne gesandt, die ich nun trug, auf die Barbaren musste ich mit dem ganzen Goldgewürm auf der Schulter und dem restlichen glänzenden Schnickschnack wie ein Gott gewirkt haben. Watta hatte große Augen gemacht, und mir dann – ja, schon wieder, schon mehrfach erwähnt, seine Pranke auf die Schulter gehauen. „Atlan, wenn ich Dich jetzt erst kennen lernen würde, ich würde selbst an Deine Göttlichkeit glauben! Aber ein Gott isst nicht, geht nicht hinter einen Busch einen Haufen machen und Thuba spricht von guter, aber nicht göttlicher Bestückung!“ Oh, Hemutag! Offene Worte, war mein Sexualleben schon Ortsgespräch? „Na, ja, das mit den Mädchen und der Bestückung, vielleicht verkleidet sich ein Gott! Aber so schön, wie Du auf die Nase gefallen bist…“ „Schon gut, schon gut, machen wir weiter!“

Also, wir gingen auf die Menschen zu, die Treiber nahmen ihre Waffen und Geräte wieder auf, warteten demütig, aber doch misstrauisch. „Herr, Du bist so anders als unsere Götter! Und doch kommst auch Du vom Himmel, so musst Du einer der Ihren sein!“ Watta pflanzte sich vor dem Sprecher auf. „Elender! In den Staub mit Euch allen vor dem Tagvater! Seht ihr nicht sein Zeichen auf der Brust? Er ist gekommen, um zu strafen die Bösen und lohnen die Gerechten! Gepriesen sei Ata!“ tatsächlich lagen auch schon die Kollaborateure mit dem Gesicht im Staub, Watta blinzelte mir zu und begann, mit Guhmur die Waffen und Peitschen einzusammeln. Ich aktivierte mein Kehlkopfmikrophon und die Mikro-Sensurround-Anlage in meinem Anzug. Meine Stimme wurde verzerrungsfrei um ein vielfaches verstärkt, Infraschalltöne machten meine Worte um so eindringlicher. „Ich bin Ata, der Tagvater! Ich habe getötet die bösen Dämonen und gebrochen ihre Herrschaft! Ich habe zerstampft die falschen Götzen und verstreut ihr Gebein! Wen sie versklavten, ist frei, wen sie erhöhten, ist es nicht mehr! Ihr alle sollt gleich an Rechten und Freiheit sein! Erhebt Euch aus dem Staub und handelt nach Gutdünken!“ Wir vom Fluss stiegen wieder in meinen Gleiter, das Letzte, das wir sahen, war ein sich zusammen ziehender Ring von Menschen, die Treiber im Zentrum. Ja, Marie Anne, ich kann auch fies sein. Ich glaube nicht, dass von den Dienern der Springer einer am Leben blieb. Sonderlich gestört hat es mich nicht. Sie wurden von denen gerichtet, denen sie Schmerz und Qual bereiteten. Warum sollte ich etwas dagegen haben? Es war ihre Entscheidung, hart zu den Arbeitern zu sein, nun, alles bekommt man irgendwann zurück. Auch ich…

Wir folgten der Spur rückwärts bis zur leeren Miene. Alles war verlassen, der letzte Springer hatte alle hochtechnisierten Geräte mit sich genommen, nur noch zerbrochene Steine und viele, viel zu viele flache Gräber zeugten noch von der Gier der Menschen, außerirdischer und erdgeborener, nach Gold und Macht. Wir drehten ab und flogen nach Hause. Zu Thuba.

*

Ich verbrachte einige Tage in den Umarmungen Thubas, so wie auch Watta wieder vermehrt die Nähe Buans suchte und Guhmur sich mit einer der befreiten Sklavinnen zusammen raufte. Marie Anne, glücklicherweise hatten diese Menschen in vielerlei Hinsicht ein entspanntes Naturell. Thuba und die anderen befreiten Tempelmädchen hatten die Demütigungen, die Vergewaltigungen als das genommen, was es war! Nämlich als Gewalt, nicht als Sexualität. Zum Glück, denn so konnten sie danach ein normales Familienleben führen. Sicher schraken alle immer wieder einmal aus Alpträumen auf, aber es war die Angst vor Gewalt, die sie bekämpfen mussten, nicht die Angst vor der intimen Berührung eines Mannes an sich. Nun, irgendwie hat sicher auch Vetha mitgeholfen. Ganz sicher sogar!

Guhmur wurde immer wieder von seinen Freunden (tolle Freunde, aber manche Männer waren immer, sind heute noch so, und ich fürchte, sie werden immer so bleiben) aufgezogen, einen rothaarigen Erstgeborenen großziehen zu müssen, ein Schicksal, das er mit einigen anderen teilen würde. Zum Glück war Guhmur ein starker Charakter, der, wenn auch nicht physisch, so doch im Gedanken, diesen Männern den ‚digitus impuducus’ zeigte. „Was schert es mich, welche Haarfarbe das Kind bekommt. Ich werde mit Hilfe von Ata, Ba und Vetha schon den Dämonen aus dem Kind treiben, falls er zum Vorschein kommt und böse Dinge tut. Wenn nicht – der Stamm kann starke Männer brauchen! Lasten trägt man jedenfalls nicht mit dem Haar!“ ‚Ein weiser Mann, klüger als das Maß seiner Jahre vermuteten lässt!‘ Shakespeare.

‚Doch auch der schönste Müßiggang muss sein Ende finden’, eine arkonidische Weisheit, heute vergessen. Ewig konnte der Stamm nicht von seinen Vorräten leben, außerdem war da auch noch die Sache mit der Domestizierung der Pferde und, so welche zu finden waren, von Wölfen, hier war noch etwas mehr Geduld und Überredungskunst nötig. Auf Arkon hatten wir allerdings mit gezähmten Kleinraubtieren für die Jagd ganz gute Erfahrungen gemacht, und Wölfe boten sich von der Größe an, also gab ich mein Bestes, die Sippe von den Vorteilen einer solchen Partnerschaft zu überzeugen. Die soziale Interaktion eines Rudeltiers sollte bei dieser Spezies überdies helfen, sie zu zähmen. Wenn ein Wolf den Mensch als Rudelführer anerkannte, müsste er auch gehorchen. Eine einfache Theorie, in der Galaxis oft genug bewährt. Also suchte und fand ich einen Wurf junger Wölfe, brachte ein Weibchen und ein Männchen tatsächlich groß. Sie wurden gute Jäger und bescherten dem Stamm eine nächste Generation, die bereits leichter abzurichten war, vielleicht ist an der Theorie mit der Psychogenetik ja irgend etwas dran. Der erste Schritt war getan, der Wolf bei den Stämmen als Jagdpartner etabliert. Natürlich musste ich auch Halsbänder und Leinen nähen, obwohl – ich schnitt zu und zeigte Thuba, was ich mir vorstellte, sie arbeitete mit Nadel und Faden.

Während sich Thuba um meine Wolfswelpen kümmerte, ging ich mit Vetha, Watta und Guhmur auf Pferdejagd, aber anders, als die Drei es gewohnt waren, ich nahm das Luftdruckgewehr mit den Betäubungspfeilen mit. Nein, meine Liebe, mit der Schockwaffe ein Pferd im vollen Galopp zu treffen, bedeutet beinahe zwangsläufig gebrochene Beine. Der plötzliche Sturz ist bei dieser Geschwindigkeit, die diese Tiere entwickeln können, dem Wohl des Pferdes ganz und gar abträglich, wir wollten, also vor allem ich wollte, gesunde Tiere. Es war gar nicht so schwer, ich traf ein Pferd, zuerst lief es unbeeindruckt weiter. Langsam tat das Mittel seine Arbeit, das Tier wurde müde, strauchelte, blieb liegen, es wurde gefesselt, ein Zaum angelegt und eine Laufschlinge um den Hals gelegt. Diese Laufschlinge sollten die Nachfahren dieser Jäger bis zur Perfektion entwickeln und auch den Umgang mit ihr, ich sollte es noch schmerzlich zu spüren bekommen, später. Viel später. Dann injizierte ich noch ein mildes Beruhigungsmittel, das Pferd wurde, wie Karl May es nannte, angehobbelt und per Injektor aufgeweckt. Auf ging es, das nächste zu jagen, des Abends hatten wir zehn ganz prachtvolle Pferde, die allmählich an den Zaum gewöhnt werden sollten.

Ich stand jetzt vor einer schwierigen Frage, der Frage nach dem Sattel. Marie Anne, ein guter Sattel ist ein Kunstwerk, auf den Rücken des Pferdes angepasst, damit er nicht scheuert und drückt. Er erleichtert das Reiten ungemein für den, der oben sitzt und schont das Pferd. Leider hatte ich keine Ahnung von der Sattlerei, und aus nahe liegenden Gründen hatte man auch in den Nanotroniken der Flotte keine Daten darüber gespeichert. Was hätte ein Spacer damit schon angefangen? Vielleicht hatte das eine oder andere Besatzungsmitglied private Aufzeichnungen gehabt, von diesen trennten mich aber einige tausend Jahre, ich war aber auch so ein toller Gott! Ich hielt es für besser, einmal ohne Sattel zu beginnen, wenn die Nanotronik einen Sattel und die Herstellungsschritte berechnet hatte, konnte ich immer noch das Ding einführen. Also, für den Anfang ein weiches Fell und einen breiten Ledergurt.

Es wurde jetzt auch so eine Art Hose nötig, für den Anfang eine Art Leggins, also Beinlinge aus Leder, die an einen Gürtel gebunden wurden, die Scham und das Gesäß bedeckte weiterhin das Lendentuch. Wichtig war der Schnitt der Beinlinge, an der Innenseite der Schenkel durfte weder eine Naht sitzen noch eine Falte entstehen, das Reiten würde sonst zu einer mehr schmerzhaften als lebenserleichternden Neuerung werden. Das nächste Problem, das zu lösen war. Gürtel- und Riemenschließen aus Eisen waren ein ferner Traum. Raseneisenerz war kein Problem, aber ich konnte den Leuten doch keinen Atomschmelzofen schenken. Holzkohle? Kein Stahl, aber zumindest Eisen? Hier, wo Holz ziemlich selten war? Im Norden waren große Wälder, ich hatte sie gesehen, aber hier wollte ich die wenigen Bauminseln nicht vollends zerstören, das Holz konnte besser verwendet werden. Kupfer? Nun, in der Nähe hatten arkonidische Vorkommandos einige, wenn auch nicht sehr große, doch für unsere Zwecke ausreichende Vorkommen gefunden. Ich schaltete das Navi des Gleiters ein und ließ mich von der Bunkernanotronik führen. Lud ein paar Brocken auf und flog wieder zurück, zeigte den Menschen des Stammes Aussehen und Verarbeitung. Es musste für den Anfang reichen, die Dorne mussten eben öfter ersetzt und ausgebessert werden. Nun, sie formten aus dem Kupfer Messer und Äxte, die Schließen schnitzten sie aus Bein, einfache Knebel-und-Schlinge-Verschlüsse. Einfach, billig, wirksam. ‚Da stand ich nun, ich alter Tor, hab‘ mich blamiert wie nie zuvor!‘ ich erlaube mir, den Faust etwas umzudichten, Marie Anne! Ich wusste eben selber nicht viel, musste doch selber erst alles lernen. Die Formeln, die die Nanotronik ausspuckte, sagten mir oft ebenso wenig wie den Barbaren.

Langsam, aber sicher machte die Zähmung der Pferde ebenso Fortschritte wie die Reitkünste meiner Freunde. Und die meinen. Oh, meine Liebe, ich war selber zuvor noch nie geritten! Also, Pferde, oder andere vierbeinige Reittiere. Ja, ich erlaube mir eine leicht vulgäre Anzüglichkeit, warum auch nicht! Die Pferde wurden nicht brutal eingebrochen, von wem denn? Wir hatten keine ‚Rodeoreiter’ mit jahrelangem Training, wenn das Pferd nicht lammfromm stand oder langsam ging, lag der Reiter sehr oft auf der Erde. Es MUSSTE einfach anders gehen! Zu unserem großen Glück gewann Vetha ebenso leicht Einfluss über die Pferde, wie es ihr bei Menschen gelang, so konnte ich die Beruhigungsmittel der neun Stuten und des Hengstes langsam ausschleichen, während wir begannen, die Herde zu vergrößern. Und dabei selber lernten, nicht vom Pferderücken zu fallen.

Buan gedachte die Erfahrungen mit Pferden und Hunden bei anderen Tieren anzuwenden und fing einige Entenküken, fütterte sie groß. Ich erkundigte mich bei der Nanotronik über den Lebenszyklus der Enten, Guhmur hämmerte und schliff eine ganz gute Schere aus Kupfer und Buan beschnitt auf meinen Rat – also eigentlich auf den der Nanotronik – regelmäßig die Flügel der Enten. Die Familie musste ihre Eier nicht mehr mühselig suchen, das Beispiel machte bald Schule. Watta war nicht wenig stolz auf seine Frau, und das durfte er wohl, es war ihre eigene Idee, an Geflügel hatte ich nicht gedacht. Ich hatte für die Zukunft eher an Schafe gedacht. Milch, Wolle und Fleisch – Zukunftsmusik, ein Plan für lange, lange Jahrzehnte. Ich entwarf geflochtene Käfige aus dünnen Zweigen für den Transport, die bei weitem geschickteren Frauen machten erste Versuche, gemeinsam verbesserten wir den Prototyp.

Marie Anne, die folgende Zeit gehört zu meinen schöneren Erinnerungen. Ein Bild wird ewig in meinem Herzen bleiben, um mich daran zu erinnern. Die Sonne ging riesengroß und blutrot unter, Thuba hatte sich nur ein Stück Leder mit einem Schlitz für den Kopf ponchoartig übergeworfen und mit einem Lederriemen gegürtet, das Haar fiel ihr in weichen Wellen bis zur Hüfte. Sie stand zwischen der Sonne und mir, fast ein Schattenriss, eines unserer Pferde stand nicht weit, schaute zu Thuba, die Ohren spielten, die Frau summte eine einfache Melodie. Langsam trottete die Stute näher, senkte den Kopf und ließ sich sanft an der Stirn kraulen. Später standen Pferd und Frau Stirn an Stirn und sie kraulte das Kinn der Stute. Barrada wurde das erste Pferd Thubas, und bis zum Tod der Stute ihr Liebling.

Gefühlsduselei? Vielleicht. Aber darf ein stahlharter Krieger für Recht und Gerechtigkeit, seine Gebieterische Erhabenheit, das Auge und die Hand des Imperators, der Kristallprinz von ‚Der Unsterblichen Götter Gnaden‘, Defensor Patriae und so weiter und so weiter, bla bla bla, nicht auch einmal eine enge Brust bekommen, gerührt sein von der Schönheit des Moments einfacher Zuneigung und beginnender Freundschaft? Leben wir denn nicht dann am intensivsten, ‚Wenn Du zu Augenblicke sagst, verweile doch, du bist so schön’? Ist eine eng werdende Hose männlich und eine eng werdende Kehle unmännlich? Unsinn, ‚ein Jegliches hat seine Zeit, und jedes Vorhaben unter der Sonne seine Stunde‘ empfiehlt sogar der Gott, den die meisten irdischen Menschen mehr oder weniger auf die eine oder andere Art als den ihren bezeichnen. Mit anderen Worten sagen das fast alle anderen Gottheiten auch, Hemutag übrigens fast wörtlich genau so, dem ‚Buch der acht Zyklen‘ nach. Wenn man schon an Gott glaubt, sollte man zumindest eines seiner Gebote achten und befolgen. ‚Liebe Deinen Nächsten, so wie Dich selbst’ wäre einmal ein ganz guter Anfang. Was nützt ein Gott, wenn nicht einmal sein Bodenpersonal seine Gebote achtet. ‚Ein schlechter Chef, der zu selten nach dem Rechten sieht!‘ Buch der acht Zyklen!

Aber – ich sollte mich nicht umsonst so ereifern, ich sollte endlich weiter erzählen. Wo war ich? Ja, Thubas erstes Pferd. Es dauerte kein Monat, und wir beide, also Thuba und ich, galoppierten auf dem Rücken unserer Pferde durch das hohe Gras, jauchzend, lachend, uns gegenseitig zu größerem Tempo anspornend, wie junge Menschen. Natürlich nicht spornend, diese scheußlichen Pferdequälgeräte besaßen wir nicht, auffordernd wäre wohl richtiger. Jahrzehnte fielen von mir ab, ich fühlte mich jung, jünger als – ich weiß nicht wann! Nie, eigentlich! Frei, unbeschwert, als Kind musste ich reifer sein, als ich mich jetzt fühlte! Thuba versuchte sogar schon einige Kunststücke, hing an der Seite des Pferdes und saß gleich wieder auf dem Rücken. Es war eine Lust, so über das Land zu jagen, direkt dem Gegenwind ausgesetzt! Die Schenkel mussten den warmen, atmenden Pferdekörper fest umschließen, um Halt zu besitzen, man wurde beinahe eins mit dem Tier. Schneller, mein Pferd, so lauf doch schneller! Hinter mir – ein Schrei! ‚Es stimmt etwas nicht‘, kreischte der Extrasinn, wie immer völlig Neues feststellend. Barrada jagte ohne Reiterin an mir vorüber, ich hatte schon längst gewendet und raste auf unserer Spur zurück. Ein Tier, ein Bär, fast zweieinhalb Meter groß, stand auf seinen Hinterbeinen über Thuba. Mein Herz zitterte, meine Hand, die den Impulsstrahler aus dem Gürtelholster riss, dagegen nicht.

„THUBA!“ Ich sprang vom Pferd, lief zu ihr. Sie atmete, ich nahm sie in meine Arme, drückte ihren Kopf an meine Schulter. Irgendwann, nach gefühlten Ewigkeiten, drückte sie mich weg. „Atlan! Ich kriege keine Luft! Lass mir Platz zum atmen!“ ihr Blick fiel auf den Bärenkadaver, die Erinnerung kam zurück. Entsetzen malte sich auf ihre Züge, die Augen weiteten sich, der Körper verspannte sich sprung- und laufbereit. Ich hielt sie weiter fest. „Es ist gut. Der Bär tut Dir nichts mehr. Dieser Bär tut niemanden mehr etwas. Alles ist gut.“ Soll ich mich meiner Tränen schämen, soll ich verschweigen, dass der Schreck und das Glück, eine lebende Thuba vorzufinden, mich ebenso wie meine Gefährtin zum Weinen brachten?

*

Laute Hilferufe weckten mich aus dem Schlaf, von einer Minute zur anderen war ich hellwach, griff mir meinen Gurt, den ich hastig umschnallte und einen Schädelbrecher. Ein Stück Holz, auf einer Seite ein bequemer Griff, das andere Ende zu einer schweren Kugel geschnitzt. Oder einer scharfen Kante, wie der meine, hinter dessen Holzverkleidung eine Stahlklinge steckte. Vor dem Zelt erwartete mich eine helle Vollmondnacht, ich orientierte mich kurz. Lärm, Kampfgeräusche von der Pferdeherde her, ich lief los, andere folgten mir bereits. Fünf, sechs Gestalten schlugen auf einen am Boden liegenden ein, der sich kaum mehr bewegte. Ushak! Ich brüllte auf, wollte die Angreifer ablenken. Feiglinge, sie machten sich aus dem Staub, ich schleuderte ihnen den Schädelbrecher nach und verfehlte mein Ziel um einiges! Nun, traf der Wurf nicht, traf der Blaster. Ein, zwei, drei mal, dann fand ich kein Ziel mehr. Selbst in der hellsten Nacht kann im hohen Gras ein Mensch leicht verschwinden.

Ushak war tot, der Schädel eingeschlagen, unweit von ihm fanden wir zwei Pferdekadaver, Diebe und Mörder waren zu unserem Lager gekommen. Wir suchten und fanden ihre Leichen, ein ehemaliger Tempelsklave und zwei Dorfbewohner. Wir setzten uns zusammen….

„Dann wird das wohl der Abschied?“ Wattas Sippe hatte beschlossen, mit den Pferden und ihrer Habe weiter zu ziehen, verständlicher Weise. Die Stadtbewohner mochten uns nicht, die befreiten Tempelsklaven hatten wohl erzählt, wer sie befreit und die Götzen vertrieben hatte, das Zusammenleben wurde immer unersprießlicher. Der Überfall würde wohl nicht der letzte bleiben, auch wenn mein Strahler im Moment wahrscheinlich großen Eindruck gemacht haben dürfte. In der allgemeinen Aufbruchsstimmung hatte ich beschlossen, hier ebenfalls meine Zelte abzubrechen, um in mein unterseeisches Heim zurück zu kehren. Pferde, Wölfe, Enten domestiziert, Anfänge der Kupferbearbeitung. Sechs Springer an ihren Verbrechen gehindert, alles in allem keine schlechte Bilanz für einen Dreitausendjährigen.

Thuba küsste mich noch einmal, ehe sie auf Barrada stieg und langsam davonritt, Watta konnte es nicht unterlassen, noch einmal auch meine Schultern zu schlagen, mich rau zu umarmen und an seine breite Brust zu drücken. „Atlan! Freund, Kampfgenosse…“ er wandte sich ab, es fehlten ihm die Worte. Er sprang auf seinen starkknochigen Hengst und entfernte sich ebenfalls, hier und dort Gepäck auf den Stangenschleifen kontrollierend und mit Nachlässigen zu schimpfen, vielleicht mehr, als sie verdienten. Vetha war die letzte, sie umarmte mich herzlich und – zum ersten Mal küsste sie mich. „Du gehst, wie Du gekommen bist, Diener des Tagvaters. Vetha und der ganze Stamm danken Dir für Deine Gaben. Und mache Dir keine Sorgen, Watta wird auch Deinen Sohn behandeln wie seinen eigenen. Er ist ein guter Mann, ein guter Vater.“ Sie stieg auf ihr Pferd, nahm ihr Saumpferd am Zügel und ritt davon – dem Norden zu.

Ich stand erstarrt, blickte schweigend hinterher, blitzartig schoss es durch meine Gedanken. Was erwartete mich auf dem Grund des Meeres? Rico mit seinem asynchronen Plastikgesicht? Ein dunkles, kaltes Bett ohne Träume? Was hatte ich hier? Thuba! Vetha, Watta und – verdammt! Ein Sohn! „WARTET!“ brüllte ich los! „WARTET! Was meinst Du…“ Vetha zog ihr Saumpferd zu sich, zeigte auf mich und schlug dem Tier auf die Schulter. Die Stute trabte auf mich zu, ich lief ihr entgegen, schwang mich auf den Rücken und galoppierte los, den Zug entlang. Freundliche und freudige Rufe schallten zu mir, ich aber hatte nur ein Ziel im Auge. „Thuba, warte!“ sie zügelte ihr Pferd, wartete auf mich. „Vetha hat es verraten, stimmt’s? Ich will Dich nicht mit einem Sohn fesseln, Du solltest frei bleiben!“

Nun, ich will hier nicht unsere temperamentvolle Unterhaltung lange und breit auswälzen, aber – nun, falls Thuba am Abend des Abschieds noch nicht schwanger war, gab ich mir bis zum Morgen alle Mühe, diesen Umstand zu ändern. Nein, sie war es sicher schon vorher, denn nur acht Monate später kam mein Sohn zur Welt. Atwafar, der Sohn des Tagvaters. Meinen Gleiter sandte ich wieder zur Küste, wo ich ihn unter Wasser vor den Augen der Menschen verborgen parkte.

*

Eines Tages, Atwafar war etwa anderthalb Jahre alt, kehrte Vetha mit einem sehr zufriedenen, strahlenden Gesicht von einem ihrer Ausritte zurück. Darauf angesprochen, lächelte sie nur und streichelte den Hals ihres Pferdes, neun Monate später, auf den Tag, gebar sie Zwillinge. Zwei Mädchen. Drei Wochen später saß sie in meinem Zelt, das ich mit Thuba teilte.

„Du hast gesehen, Atlan? Zwei Mädchen?“ Ich nickte, natürlich war das im Lager niemandem entgangen. Die Feiern zu Ehren von Mutter und Töchter waren lang, laut und mit Strömen von vorsorglich gekochtem Bier verbunden gewesen. In sein Zelt hatte an diesem Abend wohl keiner gefunden. „Eine, die bleibt, eine die geht. Ein Zeichen des Tagvaters.“ Vetha lächelte, sprach weiter. „Beide sind vom Tagvater geküsst, sie haben die Gabe. In drei mal sechs Jahren wird eine den Stamm verlassen müssen.“

Thuba legte den Mittelfinger ihrer rechten Hand auf die Stirn. „So ist es gesagt seit Anbeginn!“ Ich schaute von einer zur anderen „Was ist gesagt von Anbeginn? Welchem Anbeginn?“ Vetha sah mir in die Augen. „Ich habe Dir gesagt, wenn der Stamm zu groß wird, schickt Ata uns ein Zeichen. Ein Teil des Stammes geht dahin, ein Teil geht dorthin. Jeder hat eine Tochter der Schamanin mit, damit der Stamm nie ohne ist.“ „Und wenn es drei Töchter sind? Oder ein Sohn?“ Neugier erwachte in mir. Ändern könnte ich die Sitten der Gemeinschaft nur langsam, und mit Hintergrundwissen. Vetha lachte laut. „Nicht jede Tochter der Schamanin wird vom Tagvater geküsst, Atlan. Söhne niemals!“ erklärte mir Thuba. „Ich habe schon einen Sohn, Atlan. ‚Kleiner Knabe mit großer Zahnlücke‘, er ist aber die meiste Zeit bei Watta, den er glühend verehrt!“ „Ist Watta der Vater des Jungen? Und von wem sind die Zwillinge?“ Wie schon in der Höhle riss Vetha die Augen weit auf, die gespreizten Finger links und rechts ihres Gesichts. „Großes Geheimnis der Schamanin! Für ein Kind braucht man keinen Mann! Nur ein Stückchen, nur kurze Zeit!“ sie schüttete sich aus vor Lachen. Eine für den Mann vielleicht deprimierende, aber richtige Ansicht. „Aber wie wählst…“

„Bist Du eifersüchtig auf diesen Mann, Atlan?“ unterbrach mich Thuba, lüpfte ein wenig ihr kurzes Lederkleidchen. „Bin ich nicht mehr genug für Dich?“ und Vetha streute noch etwas Salz nach. „Ich kann auch später ich einmal kommen, vielleicht solltest Du sie ganz schnell vom Gegenteil überzeugen. Streng Dich ein wenig an…“ Beide Frauen brachen wieder in schallendes Gelächter aus, wahrscheinlich wegen meines Gesichts, das wohl nicht sehr geistreich war. Verdammt! Sitten wie im alten Arkon! So war sie, meine liebe und schöne Thuba, hochschwanger und keck.

„Also gut, keine Frage mehr! Darüber zumindest. Aber vielleicht noch – wie erkennst Du den Kuss des Tagvaters?“ sie zeigte mit der Hand auf ihr Rückenende. „Hier sieht man den Kuss ganz deutlich. Ein Zeichen in Form…“ ich schlug mit der Hand gegen meine Stirn. „Das Muttermal! Natürlich!“ ich verschwieg ihr, wo und wann ich das Zeichen schon gesehen hatte. „Ich danke Dir für Deine Erklärung. Aber ich verstehe nicht, was ich bei der Sache des Weggehens Deiner Tochter zu tun habe!“ „DU hast schon getan, Thuba bekommt noch einen Sohn. Du bist ein kluger und starker Mann, Atlan, Thuba eine geschickte und kluge Frau. Euer Sohn ist der Erwählte, er soll den neuen Stamm in eine bessere Gegend führen!“ Ich schien schon wieder eine Dynastie zu gründen. „Mein Sohn und Deine Tochter?“ Thuba stieß mich in die Seite. „Nicht so, wie Du wieder glaubst. Der Stammesälteste wird die Schamanin nie berühren. Zumindest nicht so! Ata, Du denkst auch nur an das Eine!“ Kein Zweifel, die wohltätige Macht der Sandale, unter der ich stand.

Nun ja, 18 Jahre später, im Frühjahr, die Pflanzen trieben aus, alles war voll erblüht, wurde mein Sohn vom ‚künftigen Mann mit dem Schädelbrecher‘ zum ‚Mann mit dem Schädelbrecher’ des neuen Stammes. Das ganze Lager war in heller Aufregung, alle im Alter von 17 bis 19 Jahre fielen unter das Opfer, das der ‚heilige Frühling’ genannt wurde. Herden wurden zusammengetrieben, und jeder gab etwas, den neuen Stamm so gut wie möglich auszurüsten. Mein Sohn bekam von mir unter anderem eine Kampfaxt aus Arkonstahl, sie sollte ihm nicht nur Glück bringen, eine Säge, Werkzeug für den Alltag! ‚Weizenhalm vom Tagvater geküsst‘ war die ‚Tochter, die gehen muss’, sie und mein Sohn verstanden sich prächtig, auch wenn sie nie ein Paar werden sollten. Vielleicht gerade deshalb. ‚Ruht in der Liebe des Tagvaters’, Vagupargata, war die zweite Tochter Vethas, jeder rief sie Parga, war die ‚Tochter, die bleiben soll’. Die Kinder der Springer, drei männliche und zwei weibliche, waren mittlerweile zu jungen Frauen und Männern herangewachsen. Rothaarig, selbstverständlich. Sie waren mit viel Liebe, aber auch Konsequenz aufgezogen worden, bisher war bei nur einem das unselige Naturell des Vaters ausgebrochen. Nun, entweder lernte er, sich zu beherrschen, oder – man lebt und man lernt. Anderenfalls lebt man nicht lange. Bob Heinlein. Und recht hat er. Einer der Männer und die zwei Mädchen schlossen sich dem ‚heiligen Frühling‘ an, auch wenn sie dafür schon zu alt waren.

Es waren schöne Jahre, die wir, immer den Pferden folgend, nach Norden zogen, aber mit Schaudern dachte ich an das unausweichliche Ende. Es sollte früher als erwartet kommen, nach 34 wunderbaren Jahren war es ein Bär, der mir Thuba nehmen sollte. Sie wurde etwas über 50, immer noch eine schöne Frau, die sich kerzengerade hielt, auch wenn das lange Haar längst ergraut war. Dieses Mal war ich nicht dabei, als sie während des Sammelns von Beeren ihrem Schicksal begegnete, ich konnte ihr nicht helfen. Ich bemerkte es erst, als die anderen Frauen, mit denen sie unterwegs war, laut schreiend ins Lager gerannt kamen, sie hatten Thuba nicht retten können, wie hätten sie auch sollen? Ich machte ihnen keinen Vorwurf, das Leben Neolithikum war eben auch ohne Menschen und Springer stets gefährdet, eine der Frauen wäre gestorben. Thuba hatte sich dem Bären in den Weg gestellt, um die anderen zu retten, in diesem Stamm das Recht und die Pflicht der ältesten Frau in einer Gruppe. Ich trauerte um Thuba, begrub das, was noch zu finden war, der Sitte ihres Volkes gemäß in der Erde, auf der Seite liegend, das Gesicht nach Sonnenaufgang, häufte einen Grabhügel an. Danach machte ich mich gemeinsam mit Watta auf die Suche nach einem großen Krug Bier.

Am nächsten Morgen besuchte mich Parga. Nachdem Vetha eines Nachts vom gesamten Stamm betrauert starb – es blieb ihr Herz einfach stehen – war sie die Schamanin geworden. „Atlan, ich muss mit Dir ganz ernsthaft sprechen.“ Das fing nicht gut an, aber – nun, Parga war intelligent und begabt wie ihre Mutter, und auf eine gewisse Art war sie auch hübsch. Aber sie war kalt, fast so kalt wie der von der Herrin der Unterwelt. Humorlos. Vielleicht auch nur Unsicher und musste das verstecken, sie hatte ziemlich jung Schamanin werden müssen.

„Schau Dich um, Atlan”, bat sie mich. Alle, die mit Dir gegen die Dämonen kämpften, sind alte Männer und Frauen geworden. Nur Du bist jung geblieben. Wieso?“ „Es ist der Fluch eines mächtigen Wesens, er hat mir ewige Jugend geschenkt, aber ich bin sicher, er wird seinen Preis fordern!“ ich sagte es bitter, trauerte noch. Parga nickte verstehend. „Dann bist Du kein Gott? Mutter hat das immer betont!“ „Ich bin kein Gott!“ bestätigte ich. „Dann bitte ich Dich, dass Du Dich entscheidest! Watta ist ein alter Mann geworden, er ist kein starker Anführer mehr. Entweder forderst Du den Schädelbrecher, oder ich bitte Dich, zu gehen. Es wird dann Dein Sohn sein, der Watta zum Kampf fordert! Er hat alle anderen, die in Frage kommen und sich der Herausforderung stellen wollten, besiegt. Er ist jung, stark und klug! Entscheide! Du oder er, einer wird der neue ‚Mann mit dem Schädelbrecher!“ Ich nickte. Verständlich, etwas ähnliches war schon lange fällig. Und ich hatte meinen Sohn gut im Kampf ausgebildet, einige Dagortechniken zum Beispiel. „Ich gehe! Noch heute. Sag meinem Sohn, er hat meine Erlaubnis.“ Sie legte die rechte Hand auf die linke Schulter, ein Ehrenzeichen. „Das ist zwar nicht nötig, aber es wird ihn freuen. Er wird sich von Dir verabschieden wollen.“ „Und er wird mir willkommen sein.“

Nach dem Abschied von meinem Sohn holte ich meinen alten Anzug hervor und gab dem Gleiter das ‚Peil-Mich-An-Und-Komm-Mich-Holen’-Signal. Ein letzter Blick in die Runde, etwa dreißig Familienzelte standen im Kreis um das Große von ‚Mann mit dem Schädelbrecher‘ und dem etwas kleineren der Schamanin. Zwischen diesen Zelten lag das große Feuer, außerhalb der Zelte waren Häute aufgespannt. Weiter draußen die Pferdeherden. Kleine Wäldchen in der endlosen Wiesenlandschaft. Ich seufzte tief, schwang mich in den Gleiter und flog los! Wenige Stunden später starrte ich in Ricos Gesicht, als er mit robotischem Geschick den Injektor bediente. Dann – Dunkelheit umfing mich wieder….

Nun, Marie Anne, so endete mein erster Ausflug, mein erster Kampf um Terra. Der heilige Frühling wurde von den Indoeuropäischen Völkern noch lange gepflegt, die kleinen Grabhügel zu riesigen Kurganen. All das sollte allerdings noch Jahrhunderte zur Entwicklung brauchen, aber bis zu Eisenzeit und auch ein wenig später lassen sich ähnliche Bräuche nachweisen.

Es war schrecklich, es war schön. Und endlich hatte ich eines verstanden. Sam Butler der Jüngere hat es so ausgedrückt: ‚Es ist besser, geliebt und den Geliebten verloren, als nie geliebt zu haben!‘ Ich wusste jetzt, für jede schöne Zeit muss man mit Trauer und Schmerz zahlen, aber die schönen Zeiten sind es wert. Ich würde es wieder zulassen, dass eine Frau mein Herz berührt. Ich würde es genießen in dem Bewusstsein, dass es nicht ewig dauern wird.

Kapitel 6: Isis und Osiris

Atlan hielt ein Schriftstück in die Höhe. „Sie bescheinigen mir volle Dienstfähigkeit, Frau Doktor? Sind die deswegen heute nicht in Uniform gekommen?“ „Auch, Admiral.“ Marie Anne Collard nippte an ihrem Weinglas. „Vor allem aber, weil ich von Ihnen gerne noch mehr hören möchte.“ Der alte Arkonide nahm die Weinflasche und füllte die Gläser nochmals nach. „Nicht, dass ich Ihre Gesellschaft nicht genösse, aber warum?“ Anne Marie erhob sich, drehte sich um und öffnete ihren Rocksaum, zog ihn ein wenig nach unten und die Bluse nach oben. Genau auf ihrem Steißbein zeigte sich dem Blick des Admirals ein Muttermal – eine Sonne mit vielen Strahlen. Auch er erhob sich und berührte das Mal mit zartem Finger. „Ich bin nicht wirklich erstaunt, Marie Anne. Scheinbar geht ihre Blutlinie weit zurück – bis in die Steppe Afrikas und Mesopotamien, mit den Ur-Indoeuropäern zuerst nach Norden, später nach Westen und etwas nach Süden, nach Frankreich.“ Collard ordnete wieder ihre Kleider. „Und nach Arkon, wie mir scheint!“ Atlan lachte. „Und nach Arkon! Wie bei vielen anderen Menschen, wie ich gestehen muss!“ „Nun, Admiral, das ist der Grund, warum ich noch mehr hören möchte.“ Anne Marie setzte sich wieder. „Erfüllen Sie mir meinen Wunsch?“ „Natürlich!“ Atlan setzte sich auf seine Couch, streckte seine langen Beine von sich und begann zu erzählen. „Es war etwa 5.000 der christlichen Zeitrechnung, als mich ein Auftrag des rätselhaften Wesens ES in die Sahara führen sollte, auf die Hochebene, die man heute Gilf el-Kebir nennt…

*

Erste Gedanken schlichen durch mein vernebeltes Gehirn – Wattas dröhnendes Gelächter, Vethas aufgerissene Augen zwischen den Händen, die Finger gespreizt, wenn sie sagte: „Geheimnis der Schamanin!“ Und Thuba! Wie sie durch das hohe Gras galoppierte, jubelnd, jauchzend, lachend, voll jugendlichem Übermut. Jahre später, ihr ergrautes Haar, das in weichen Wellen bis zu Gesäß reichte, ihre stolze Haltung. Filmaufnahmen, vorsorglich von Drohnen aufgenommen. Ich erinnerte mich, wurde mir meiner Person bewusst, erkannte, wer ich war, wo ich war. Etwas an meinem EEG musste der Nanotronik verraten haben, dass ich weit genug erwacht war, die Bilder verblassten, eine Uhr erschien. „Wie lange?“ krächzte ich. „Ungefähr 2500 Jahre, Gebieter!“ Ein menschliches Gesicht erschien in meinem Gesichtsfeld, dunkle Haut, schwarzes Haar, der Körper nicht allzu muskulös, aber doch kräftig wirkend, mit Leggins und Schamtuch bekleidet. „Wer bist Du?“ ein raues Flüstern, mehr brachte ich nicht zustande. „Rico, Erhabener! Vor etwa 1000 Jahren erhielt die Nanotronik der Zuflucht einen Input unbekannter Herkunft, der es ihr erlaubte, sowohl meine Rechen- als auch meine Korrelationsfähigkeiten um mehrere Potenzen zu steigern. Auch mein Körper wurde verbessert, Stahlknochen, die der arkonidischen Anatomie nachempfunden sind, die Gelenke werden durch miniaturisierte Servomotoren bewegt. Darüber befindet sich eine gelartige Substanz, die mit der Konsistenz von Muskelgewebe übereinstimmt, umhüllt von einer Art Kunststoff, in der Beschaffenheit und Struktur mit arkonidischer Haut beinahe vollständig übereinstimmend. „Warum” ich musste pausieren. „Warum wurde ich geweckt?“ „Unbekannt, Erhabener!“ Mir gingen, wie man so schön sagt, wieder die Lichter aus….

„Atlan? Ich weiß, Du kannst mich hören!“ Ich konnte die Stimme hören, aber ich wollte viel lieber noch weiterschlafen. ‚Schlafen, schlafen, vielleicht auch träumen‘. Hamlet, den ich damals natürlich noch nicht kannte, aber das Gefühl sehr wohl. Träumen von Thalma, Vhinja und Thuba. „Atlan! Komm schon, wach auf, Du hast lange genug geschlafen. Zweieinhalbtausend Jahre sollten doch reichen!“ ‚Ja doch‘ räsonierte ich innerlich. ‚Geschlafen schon, aber ohne Träume!‘ „ATLAN!“ Ich öffnete die Augen, nur um sie sofort wieder zu schließen. Dann riss ich sie schnell wieder weit auf. Ich stand auf einer Plattform hoch über einer Stadt, über mir ein überwältigender Sternenhimmel, vor mir Schwärze, tiefer, das absolute Fehlen von Sichtbarem. Nicht einmal ein fensterloser Raum konnte eine derartige Dunkelheit erzeugen, eine komplette quälende Abwesenheit von Licht. Umgeben von einem blendend hellen Halo, saugte der riesige schwarze Fleck Planeten, Sonnen in sich auf, wuchs weiter, schneidend kalter Wind umtoste plötzlich meinen Körper, ließ mich frösteln.

„Was Du beobachtest, Arkonide, ist der Untergang einer Galaxis. Einst hatten die Bewohner dieses Sternennebels große Hoffnungen, Träume von ‚ewigen‘ und großen Reichen, strebten nach großem Erfolg und Reichtum, der sie glücklich machen sollte. Vorbei, Atlan. Das hier ist das Ende jeder lebenden Existenz in einer Galaxis, das Ende der Galaxie selber.“ „Was ist hier denn geschehen?“ fragte ich ziemlich entsetzt. „Was auch in Deiner Galaxie schon seit langem passiert, seit dem Beginn ihrer Existenz. Das schwarze Loch in der Mitte beginnt Materie zu absorbieren, wächst, absorbiert mehr Materie, wächst schneller. Dieser Planet hier lag vom schwarzen Zentrumsloch etwa so weit entfernt wie Larsafs Stern von seinem. Die Bewohner hatten ein Reich erschaffen, das beinahe die gesamte Sterneninsel beherrschte. Lange schon vorbei. Sieh her, dieses Mosaik. Gut erhalten, oder?“ „Das sind Arkonoiden! Sie sehen aus wie wir, oder wie Terraner!“ „Gut erkannt, junger Freund. Sehr gut erkannt! Sie waren durch und durch menschliche Wesen. Einige kleinere Abweichungen nicht gerechnet. Dein Brustkorb besteht aus einem zentralen Brustbein, wovon links und rechts zwei gewölbte Knochenplatten abgehen, die wiederum mit weitern zwei gebogenen Platten mit der Wirbelsäule verbunden sind. Dazwischen Knorpel und dehnbares Gewebe, damit Deine Brust beim Atmen beweglich bleibt. Richtig? Gut, Deine Lebenserwartung beträgt etwa 150 Jahre!“ donnerndes Lachen fiel wie eine Zentnerlast auf meine Schultern. Verdammt, lachte eigentlich jeder? War alles derart lustig? „Ich lache, damit ich nicht weinen muss, Atlan! In einigen Äonen wirst Du mich verstehen.“ Wieder dröhnte das Lachen auf. „Wenn Du lange genug durchhältst! Also, 150 Jahre, falls man das kleine Geschenk nicht rechnet, das ich Dir einmal machte! Die Terraner haben einzelne Rippenbögen, sieben echte, mit dem Sternum verbunden, vier nur zur Hälfte vorhandene. Ohne Unfall und Ähnliches werden sie so um die 55, 60 Jahre, die Spanne wird sicher länger. Diese Menschen erreichten zum Ende hin etwa 700 bis 800 Jahre, trotzdem noch Eintagsfliegen gegen mich, aber”, mädchenhaftes Kichern, das einen Teenager suggerierte, die Haare zurecht zupfend, „wer ist das nicht? Allerding hatten einige schon eine noch längere Lebensspanne in Aussicht.“

Allmählich konnte ich wieder halbwegs klar denken. „Du hast mich geweckt, aber sicher nicht nur, um mir das zu zeigen. Da ist mehr!“ Ich schlug die Arme übereinander, um das letzte Quäntchen Wärme zu speichern. Die Belustigung von ES war beinahe körperlich, na ja, also mit meinem derzeitigen frierenden Pseudokörper, greifbar. Der Wind verschwand, wohlige Wärme kribbelte in meinen Zehen, meinen Fingern, meinem – hmm, meinen Ohren. „Du kannst ja schon denken, Arkonide! Natürlich nicht. Aber warte noch etwas, ich bin noch nicht fertig, ein wenig Hintergrundwissen muss ich Dir noch vermitteln!“

„Als ich sagte, dieser Planet wäre Terra ähnlich, habe ich untertrieben. Dieser Planet ist die Erde! In einem – nennen wir es Paralleluniversum. Die Philosophen Arkons haben bereits an dem Konzept des Multiversums gearbeitet, einige haben durchaus schon Versetzungen in diese Welten angedacht, sie hatten vom Prinzip her durchaus Recht. Es gibt unendlich viele Universen nebeneinander, manche einander bis auf Winzigkeiten gleich, andere mit riesigen Unterschieden. Denk an die Wesen, die Larsaf überfallen haben, ein abweichendes Universum mit anderem Zeitablauf. Es gibt Universen, die immer noch im Zustand vor dem ‚Big Bang‘ verharren…“, ich unterbrach „Kann es nicht geben! Da Raum und Zeit erst durch den Urknall entstanden sind, kann es kein vorher geben! Gegeben haben!“ „Atlan!“ ich konnte direkt sehen, wie ES den Kopf schüttelte – falls ES einen Kopf gehabt hätte, natürlich. „Diese Aussage ist Religion, keine Wissenschaft! Immer wenn Jemand sagt, dass sich eine Frage nicht stellt oder diese Unsinn oder unnötig ist, muss man genau diese Frage stellen und nach einer Antwort graben! Zurück zu meinem Problem, das, wie ich fürchte, auch das Deine wird.“

„Die Bewohner dieser Erde haben das Wandern von einer Parallelwelt zur anderen erforscht, als sie die rasante Ausdehnung des ‚black hole’ im Zentrum der Milchstraße erkannten, und das nicht ohne Erfolg. Sie sind durchaus in der Lage, von einer Welt zur anderen durch die Dimensionen zu wechseln, aber nicht ohne beinahe unberechenbare örtliche und temporäre Versetzung. Nun, ein Durchgang mehrerer Personen bleibt etwa zusammen, auch zeitlich gesehen. Einige dieser Personen sind auf dieser Erde gelandet, andere werden im Laufe der Jahrtausende noch kommen. Andere landeten auf anderen Erden, oder werden noch landen!“ Wieder hallte dieses Lachen durch mein Gehirn. „Das Problem eines anderen Atlan! Oder einer Thalma?“ Feminines Kichern löste das grollende Lachen ab. „Allerdings müssen sie ohne jedes Gepäck reisen, ihre Geräte transportieren ausschließlich organische Materie, und eine Rückkehr ist ausgeschlossen. Atlan, es wäre nicht weiter schlimm, einige fortschrittliche und langlebige Menschen auf der Erde zu haben, sie könnten die Entwicklung um einiges Beschleunigen. Andererseits sind ein paar wirklich unangenehme Zeitgenossen dabei. Dass sie hochmütig und präpotent sind, sollte Dir bekannt vorkommen. ‚Anmaßend wie ein Arkonide’ war im Imperium eine durchaus gängige Floskel, und das nicht zu unrecht. Damit kann, muss die Menschheit aber zurecht kommen. Aber es gibt Grenzen dessen, was einer noch jungen Menschheit zuzumuten ist. Ich bitte Dich, beobachte die Fremden, entscheide Du! Immerhin”, meine Energietrommelfelle wollten bei diesem Gelächter platzen, „Immerhin sind es Deine Kinder! Nein, keine Sorge, nach so langer Zeit kann von Inzest keine Rede sein!“ Lachen und Stimme wurden weiblich, der Tonfall sinnlich. „Ich kenne Dich, Arkonide, und diese Art der Belohnung darfst Du ohne Bedenken genießen. Du wirst zu enge Verwandtschaft erkennen, ich verspreche es Dir!“ Es begann wieder mit der gewohnten Stimme zu sprechen. „Du findest Informationen über die Gestrandeten in Deiner Nanotronik. Rico wird sie Dir zeigen.“ „Warum muss ich entscheiden und gegebenenfalls töten?“ brüllte ich, die Antwort kam ausnahmsweise ohne Gelächter. „Es gibt auch für mich Regeln, an die ich mich halten muss. Du bist mein Arm auf Larsaf! Mach Deine Arbeit gut, mein treuer Paladin!“ „Wann wird das ‚Black hole’ der Milchstraße so weit sein? ES!“ Ich bekam keine Antwort mehr.

*

Westlich des Nils erhebt sich ein fast 16.000 Quadratkilometer großes Hochplateau etwa 300 Meter über die Umgebung. Viele Täler führten das Wasser in das Niltal oder zum Mittelmeer. Wenn Sie auf der Karte suchen, müssen Sie ‚Gilf el-Kebir’ eintippen, Marie Anne. Heute menschenleer, karg, lebensfeindlich, war es, als die Dimensionswanderer eintrafen, noch ein blühendes und bewaldetes Paradies. Mindestens vier Frauen und fünf Männer waren, angeblich hochintelligent, gebildet, aber arrogant eingetroffen und hatten schnell die hier lebenden Stämme unterworfen, ihnen ihre Sitten und die Sprache aufgezwungenen. Ich beobachtete durch meine Drohnen aus der Entfernung, lernte die Sprache, von der Nanotronik aus wenigen Sprachfetzen rekonstruiert, sah einiges, das mir gefiel und vieles, sehr vieles, das mir missfiel. Leider konnte ich aber nicht einmal alle Neuankömmlinge finden, die drei alten Drohnen, die ich noch hatte, fielen gerade im dümmsten Moment aus. Ein unhaltbarer Zustand, die Nanotronik sollte so schnell wie möglich bessere entwerfen. Getarnt natürlich, mit großer Reichweite, neu gebaut, damit die Technik nicht mehr so schnell den Geist aufgab. Ich lernte, plante, und stellte eine Ausrüstung zusammen. Alle Fernbeobachtung war natürlich kein Ersatz für direktes Erleben, hautnahe Beobachtung. Die Nanotronik konstruierte eine künstliche Löwin nach dem Muster Ricos, doch mit einfacherem Gehirn, ohne die neuerdings beachtliche Rechenleistung des – ich musste in ab jetzt wohl einen Androiden statt eines Roboters nennen. Ich nannte die Löwin Sahmmet, nach einer Arkonidin, die ich vor – egal, das Robotertier erinnerte mich eben an sie, auch die junge Dame war damals, zumindest manchmal, durchaus bissig. Hilfreich, aber sehr bissig. Und die Nanotronik konstruierte Horhus, den künstliche Falken, benannt nach einem arkonidischen Raubvogel. Als einzige Energiewaffen wollte ich vorläufig einen Impulsstrahler, versteckt im Griff einer langen Streitaxt, gefertigt aus, als Bronze getarntem, Stahl und einen Schockstrahler im kurzen Wurfbeil mitnehmen. Äxte waren nichts Besonderes an einem Reisenden, und ich wollte auf keinen Fall zu früh auffallen. Die restliche Ausrüstung lag bald in einem Gleiter bereit, gut vor allzu neugierigen Blicken verborgen. Was man halt so braucht, wenn man in einen Kampf zieht. Transportanzug, Waffengürtel, Energiegewehr. Nichts extremes wie Mini-Atomgranaten oder ähnliches. Nach etwa drei Wochen war ich fit genug und bereit für den Aufbruch, ich gedachte unterwegs noch meine Kondition und Kraft zu trainieren, bis ich bereit für einen etwaigen Kampf war. Während des Trainings konnte ich aber schon ein wenig Hintergrundwissen erleben. Ein wenig Euphorie nahm von mir Besitz, ich beschloss in meinem Überschwang, kürzere Phasen des Cryoschlafes einzulegen und zwischendurch öfter einmal auf die Oberfläche zu gehen.

*

Ich jagte den als Boot getarnten Gleiter mit offenem Verdeck in geringster Höhe über die Wellen, das Wasser des Mittelmeeres gischtete in V-förmigen Wellen hinter mir her. Der Fahrtwind blies mir feinsten Nebel aus Salzwasser ins Gesicht, mein Haar wehte hinter mir her – es war reine und pure Lebensfreude, Glück für einen kurzen und doch ewigen Augenblick. Es gibt sie, diese perfekten Momente, sie sind vergänglich und darum so kostbar, viel zu rasch holt uns der Alltag wieder ein. Umso mehr müssen wir auf unsere kurzen Glücksmomente achten und sie genießen, also kein Gedanke an Tod und Schmerz, Elend und Qual. Später würde ich mich darum kümmern, jetzt war ich allein mit mir und dem Meer! ‚Wer kann, soll heute glücklich sein, denn morgen ist uns nichts gewiss!‘. Lorenzo di Medici! Ich hatte mich in die neueste mediterrane Mode, knielanger naturfarbener Kilt aus Rindsleder und hochgeschnürte Sandalen, gekleidet. Mein Aktivator war vergoldet und bildete den Körper zwischen zwei kupfernen, stilisierten Flügeln, die an einem Lederband vor meiner Brust hingen.

Das Land betrat ich im heutigen Libyen, damals mündete ein veritabler Fluss aus grob nordöstlicher Richtung genau dort in den Golf, das Wadi im Steilhang des Gilf ist noch heute zu erkennen, verschwindet aber auf dem Weg zum Meer in der Wüste. Egal, Wasser führt das Wadi nur noch ganz, ganz selten, alle paar Jahre kann es einmal vorkommen, dann aber kommt das Wasser binnen Sekunden wie eine Sturzflut. Ach Marie Anne, es war damals ein so schönes, ein fruchtbares Land. Elefanten, Giraffen, Rinder, alles mögliche Getier tummelte sich dort. Ich stellte den Vortrieb ab und den Antigrav so ein, dass der Gleiter ein zu seinem Aussehen passendes Gewicht bekam, griff zum Paddel und begann mit einem anstrengenden Teil der Reise, ruderte, bald in Schweiß ausbrechend, einem kleines Fischerdorf an der Flussmündung zu. Die Leute dort waren ein mittelgroßer, stämmiger Menschenschlag, im Allgemeinen durchaus attraktiv zu nennen, aber sichtlich geboren für harte Arbeit. Entlang des Flusses hatten sie Weizen und Gemüse angepflanzt, auch hier war also das arkonidische Getreide gut gediehen. Ein Dorf bietet immer eine gute Möglichkeit, Informationen zu sammeln und ich wusste, wie ich bereits erwähnte, schon immer gerne im Vorfeld Bescheid. Der Fluss kam vom Hochplateau herunter, daher fand ich den Ort gut gewählt für eine erste Kontaktaufnahme. Und ein guter Ort, noch ein wenig zu trainieren, meine Muskeln waren noch ein wenig schlaff, Bewegung würde hier Abhilfe schaffen.

Als die Dorfbewohner mich sahen, ging ein lautes Rufen durch das Dorf, die Frauen verschwanden in der größten Hütte, die Männer ergriffen ihre Fischspeere und versammelten sich davor, erwarteten mich offensichtlich kampfbereit. Die knöchernen Speerspitzen sahen schon auf die Entfernung fein geschnitzt und verziert, aber auch scharf und spitz aus, mit gemeinen Widerhaken versehen. Ich hob lieber, ehe mir diese Harpunen um die Ohren flogen und mich verletzen konnten, meine Hände in einer beinahe universellen Geste des Friedens. Sie schienen die Geste zu verstehen, senkten ein kleines wenig die Speere und winkten mir zu, bei ihren Booten, recht kunstvoll geschnitzten Einbäumen, anzulanden. Auch mein Boot glich im Aussehen einem solchen Einbaum, nur hatte ich das meine mit einem Ausleger versehen, um beim Paddeln nicht umzukippen. Mir fehlte eben das Training von Kindesbeinen an, mit einem Einbaum umzugehen, und so lange wollte ich auch nicht mehr warten.

Also, ich folgte der Einladung, zog mein Boot auf den Strand und ging, immer noch mit offenen Händen, auf die Männer zu. „Wo sind Deine Waffen?“ fragte ein Mann, offenbar der Häuptling. Ich deutete auf mein Beil im Gürtel, dann auf mein Boot. „Werde ich sie brauchen, Mann, der im Dorf das Sagen hat?“ Beinahe so etwas wie ein Lächeln huschte über das harte Gesicht. „Mein Name ist Narbengesicht! Wie ist Deiner?“ ein passender Name, quer über das Gesicht hatte er wohl einmal eine beachtliche Wunde gehabt. „Atlan. Ich bin auf einer langen Reise, kann ich rasten bei Euren Dächern?“ Narbengesicht zuckte mit den Schultern, wedelte unbestimmt mit der Hand. „Seltsamer Name! Ich nenne Dich Aha“. Er nannte mich ‚Speer’, was wohl eine Anspielung auf meine Größe und schlanke Gestalt sein sollte. Es gibt schlimmere Spitznamen, Marie Anne, ich wurde einmal sogar… nein, später! „Deine Löwin? Sie gehorcht Dir?“ „Auf Wort und Hand! SAHMMET!“ die Löwin machte einen Satz an Land, raste auf mich zu und stand still mit dem Haupt neben meinem Knie. Das nanotronische Gehirn berechnete die Notwendigkeit, Anzeichen geringer Erregung zu zeigen und ließ den Schwanz der falschen Großkatze schlagen und ihre Ohren spielen. „HORHOS!“ ich hob den lederumhüllten linken Unterarm, der Falke kam geflogen und setzte sich, schlug seine Fänge in das dicke und feste Leder. „Aufpassen!“ befahl ich ihm, dann warf ich ihn wieder, er stieg höher und begann seine Kreise zu ziehen.

„Falke und Löwin! Du bist ein mächtiger Mann! Bist Du friedlich, sei Willkommen, bist Du feindlich, lass uns gleich kämpfen!“ Narbengesicht fasste seinen Speer wieder fester. Nochmals zeigte ich ihm die leeren Hände. „Frieden, Narbengesicht, Frieden. Ich möchte ein Stück Fisch, Brot und einen Schluck Bier. Und Gespräche! Viele Gespräche! Dafür habe ich einige schöne Dinge mit.“ Ich zog einen Dolch aus echter Bronze aus dem Gürtel. Ja, damals gab es hier und da, zumeist zufällig entstanden, Bronze. Ab und zu gelang einem Handwerker dann sogar die Herstellung eines gebrauchsfähigen Gegenstands. Ihr Wert? Wollen Sie eine Yacht, wie sie gekrönte Häupter für Seereisen zur Erholung benützen? Ähnlich teuer wir damals ein Bronzemesser! Als ich Narbengesicht den Dolch mit dem Griff nach vorne hinhielt, wäre er beinahe in die Knie gesunken. „Du bist ein wahrhaft großer und reicher Herr! Befiehl, das Dorf ist Dein.“ Ich legte meine Hände auf seine Schultern. „Eure Freundschaft soll mir reichen!“ Er erwiderte mit strahlendem Gesicht meine Geste. „Freundschaft! Du bist Willkommen! Komm, ich zeige Dir das Dorf!“

Die Häuser des Dorfes, aus Holz gebaut und gedeckt, auf Stelzen stehend, waren entlang des Flussufers gebaut, mit einem kleinen Vorbau bis über das Wasser. Narbengesicht erklärte. „Wenn das Wetter sehr schlecht ist, können wir uns mit Wasser versorgen, ohne in den Sturm zu gehen. Unsere Hütten sind sehr gut gebaut, halten einen Sturm aus!“ Ich bemerkte es, die Pfähle waren dick, tief in den Sand gerammt, die tragende Konstruktion massiv und stabil. „Vielleicht holt der Sturm unsere Boote, aber nicht uns!“ Weiter den Fluss hinauf, ich erwähnte es schon, Weizen- und Gemüsefelder. Eine Art Rettich, Kohl, Melonen. Erstaunlich! „Das Gemüse essen wir zum Fisch, auch einige Beeren, Pilze und diesen Seetang, der dort am Meeresstrand angeschwemmt wird. Das Getreide brauchen wir zum Bier brauen!“ Mit Brot war es hier also nur in flüssigem Zustand zu rechnen, nun, wenn sie die Kunst des Brauens wirklich beherrschten, mir sollte es recht sein. „Dort drüben haben wir ein Wäldchen, aus dem wir unser Bauholz und die Stämme für unsere Boote holen. Manchmal rudern wir auch auf die andere Seite des Flusses, wenn hier die Bäume zu klein sind. Wir müssen sparsam damit umgehen, sie wachsen so langsam!“ Vernünftig, mir gefiel, was ich hörte. „Dort hinten”, er wies ins Landesinnere, „weiden unsere Rinder. Von ihnen bekommen wir Milch und Käse!“

„Und jetzt komm in mein Haus! Es ist das große dort in der Mitte! Eigentlich ist es das ‚Haus der Versammlung‘, aber die Seherin und ich als Häuptling wohnen mit unseren Familien darin.“ Es war tatsächlich ein großes Haus, mit einem Saal in der Mitte, links und rechts wohnten die Seherin und der Häuptling. Der Boden bestand aus Lehm, der auf dem Holz aufgetragen und festgestampft wurde, die Wände aus ebenfalls mit Lehm verputztem Geflecht. Natürlich waren diese Wände ziemlich hellhörig, und so hörte ich aus den Räumen der Seherin lautes Stöhnen. „Die Seherin ist auch unsere Heilerin, Aha! Soeben hat sie eine Frau bei sich, die vor wenigen Tagen den Fluss herunter kam, verletzt und an einen Baumstamm geklammert.“ Ich wurde hellhörig, vielleicht wusste die Frau über die Zustände auf dem Plateau aus erster Hand. Von den alten Drohnen hatte ich kaum Informationen erhalten, nicht genug jedenfalls für eine Planung.

Im Moment war nicht viel zu tun, die Heilerin hatte für Jeden den Eintritt streng verboten, außerdem holte Narbengesicht einen Krug Bier hervor. „Trink!“ forderte er mich auf. Nun, Marie Anne, wenn sie jetzt an Pilsner oder Budweiser Bier denken, dann sind sie völlig falsch. Sogar das amerikanische ‚Bud light‘ schmeckte eher nach Bier als dieses Gebräu. Es war vergorener Weizensaft, der gleichzeitig süß und bitter schmeckte, lauwarm, keine nennenswerte Kohlensäure. Aber stark! Hemutag, das sogenannte Bier fuhr ins Gehirn! Ich beschloss, dem Dorf das Bierbrauen nach Art des Zweistromlandes zu lehren, wie ich sie vor über zweitausend Jahren kennen gelernt hatte. Der Fisch, der über dem Feuer gegart und mit allerlei Grünzeug gereicht wurde, kam mir da gerade recht. Sogar, oder eigentlich besonders der leicht säuerlich und nach Salz schmeckende Seetang.

„Am Anfang gab es Geb, den Gott der Erde, auf dem wir stehen, und über ihm schwebte Nut, die Göttin des Himmels. Und Geb schleuderte seinen Samen himmelwärts und befleckte den Leib Nuts, die darauf sichtbar wurde. Nach langer Zeit zerbarst der Leib Nuts unter Blitz und Donner und Sturm, und sie gebar dem Geb At und Tha, die herrschen sollten über die hundert und noch mehr Kinder des göttlichen Paares Geb und Nut, die vom Himmel auf die Welt kamen. Zuerst lebten sie weit gegen Sonnenuntergang, noch weiter, als das ganz große Wasser ist, noch jenseits davon. Sie waren ein großes und mächtiges Geschlecht! Sie wanderten umher auf der Erde und ihre Söhne legten sich zu den Töchtern der Menschen. So sind wir alle Nachkommen von Geb und Nut! Doch Geb flüsterte seinen Kindern ein, sie wären den Göttern gleich, so hielten sich für größer, als sie waren, für mächtiger, als ihnen die Götter zugestanden hatten. So spaltete sich Nut erneut, und die ‚Strafenden Mächtigen’ kamen über das Geschlecht Gebs. At und Tha retteten auf Geheiß von Nut jene Kinder, die aus dem Leib der Menschen gekommen waren und gaben ihnen den Weizen, um Bier zu brauen!“ Narbengesicht und ich lauschten dem Singsang, mit dem ‚Frau mit den sanften Händen’, die Seherin des Dorfes, die Geschichte der Menschen und ihres Stammes vortrug. ‚Von Sehermund zu Seherohr’, diese Floskel kannte ich ganz ähnlich. Doch die Geschichte war spannend, wenn man davon absah, dass ich schon wieder eine Legendengestalt wurde. Glücklicherweise brachte man mich nicht mit diesem Überwesen aus der Sage in Verbindung.

Noch lange saß ich mit Narbengesicht am Feuer bei Bier und Fisch, bis er dann sagte: „Atlan, Du bist mein Gast. Mein Haus, mein Feuer, mein Lager und meine Frau sind Dein ebenso wie mein! Komm her, ‚Frau mit der Stimme einer Schwalbe’, nimm unseren Gast mit aufs Lager.“ Er stieß mir in die Seite. „Sie mag es, wenn man sie zart berührt! Enttäusche sie nicht!“ Nun, ‚Stimme wie Schwalbe’ war nicht hässlich, ich musste nicht einmal die Augen schließen und an die Größe Arkons denken, als ich mich bemühte, ihr die Freude zu bereiten, die sie auch verdiente.

Morgens warf ich mich in die Fluten des Flusses, erinnerte mich etwas wehmütig an einen anderen Fluss, an Thuba und Vetha, das fröhliche Lachen. ‚Vorbei, man muss nach Vorne blicken!‘ mahnte wiederholt der Extrasinn. Geistig und körperlich erfrischt begann ich mit Dagorübungen, trainierte meinen Körper mit einer Art Schattenboxen. Denken Sie an Thai’Chi, Marie Anne. Bald hatte ich Gesellschaft, auch die Männer des Dorfes machten Übungskämpfe, trainierten bewaffneten und unbewaffneten Kampf. „Aha! Wo ist Dein Speer?“ Narbengesicht blickte erstaunt, als könne er nicht glauben, dass ein Mann keine Wurflanze mit sich führte. Ich hatte tatsächlich keine, nicht einmal an eine solche Waffe gedacht. Es gibt Übungen bei Dagor, bei denen Nahkampfwaffen wie etwa Messer oder auch Keulen benutzt werden, und eine Axt ist in der Handhabung von einer Keule nicht allzu weit entfernt. Aber es gibt keine Übungen mit Stöcken, Speeren und ähnlichem, irgendwie sind diese Waffen auf Arkon in Vergessenheit geraten. Nun ja, ein Schaft war schnell gefunden, und ich benutze eine aus dem Griff gelöste Dolchklinge als Speerspitze, mit Baumharz, Erdpech und Draht fixiert, es verwunderte mich, wie gut diese einfache Befestigung hielt.

Am nächsten Tag war ich bereit, von den Männern des Dorfes den Kampf mit der Lanze zu lernen. Marie Anne, eine Lanze ist nicht nur zum Stechen und Stoßen zu gebrauchen, die ganze Länge des Schaftes kann zum Schlagen und zum Aushebeln des Gegners genutzt werden. Schnelle Griffveränderungen, mal die Waffe mittig, bald nahe des stumpfen Endes fassend, es faszinierte mich, wieviel Möglichkeiten eine solch primitiv anmutende Waffe bot. Und man konnte sie schleudern, meine ersten Wurfübungen fielen aber noch schlimmer aus, als es die Nahkampfübungen vermuten ließen. Die Männer des Dorfes am Strand hatten ihren Spaß, so gelacht hatten sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr. Nun, man lebt und man lernt, andernfalls lebt man nicht lange! Also lernte ich, Nah- und Fernkampf mit der Lanze, lehrte den Nahkampf mit der Keule, während ich darauf wartete, mit Selketh, der Frau vom Oberlauf des Flusses zu sprechen.

Natürlich juckte es mich in den Fingern, selbst mit Antibiotika arkonidischer Produktion in die Heilung einzugreifen, doch ‚sanfte Hände’ hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass kein Mann sich Selketh nähern durfte, ein Verbot, dass bereits auf eine ganz eindeutige Geschichte zu verweisen schien. Also, kein Mann, kein Atlan, aber arkonidische Schmerzmittel und aseptische Bandagen, scharfe Nadeln und ein kleines Messerchen, Desinfektionsmittel, das alles konnte ich zu Verfügung stellen. Dazu einige Unterweisungen in Sauberkeit, bei denen ‚sanfte Hände’ allerdings abwinkte, die kannte sie schon, meine Rezeptur einer einfachen Fett-Asche-Seife nahm sie allerdings sehr gerne an. Mit Begeisterung kochte sie schon bald mit Kräutern versetzte aromatische Seifen, brachte mit leisen und sanften, aber bestimmten Worten den Rest der Dorfbewohner dazu, sich endlich ordentlich damit zu waschen. Das erste Mal seit Menschengedenken, dass zumindest dieses Dorf nicht mehr zum Himmel stank!

Endlich kam der Tag, an dem Selketh an der Hand von ‚sanfte Hände’ die Räumlichkeiten der Heilerin verlassen und sich zu uns ans Feuer setzen konnte. Narbengesicht reichte ihr einen Becher Bier und erklärte: „Es ist eine große Freude unter den Dächern der Fischer, dass unser Gast nun endlich halbwegs gesund genug sein soll, um am Leben im Dorf Anteil zu nehmen und hoffentlich bald auch eine Familie findet!“ Selketh lächelte verhalten, der Schmerz in ihren Augen war unverkennbar. Dann fiel ihr Blick auf mich, sie verharrte. Lange musterte sie mich, ich glaubte zu fühlen, wie ihr Blick tief in meine Seele blickte.

„Du bist anders als der Rest der Dorfbewohner?“ begann die groß gewachsene, schlanke Frau, die Haut wie dunkler Milchkaffe, die Haare eine krause Mähne. Mächtige, schneeweiße Zähne blitzten auf, wenn sie sprach, wie konnten diese Zähne nur ohne moderne Zahnhygiene derart weiß und gepflegt sein? „Ich habe noch nie einen Mann mit weißem Haar gesehen. Aber es geht die Sage, dass früher Männer mit solchen Haare unter uns gelebt haben sollen!“ Ich nickte. „Das stimmt, früher gab es mehr Männer wie ich!“ Wo, wann hatte die Sage ihren Ursprung genommen? Vor mehr als 7000 Jahren? Oder waren von Wattas Sippe einige wieder nach Süden bis hierher gezogen? „Männer die fliegen konnten? Kannst Du fliegen, Aha?“ fragte sie ernst, dann lächelte sie plötzlich kurz. „So wie ein Vogel, wie Dein Falke? Oder sitzt Du in einem fliegenden Ding, wie es die Sage beschreibt. ‚Der Himmel schien in Flammen zu stehen, als eine glühende Kugel erschien. Als sie verschwand, lag ein Gott im Gras, der sehr krank war. Er brachte dem Stamm gutes und mächtiges Mojo‘. Bist Du ein solcher Gott? Bringst Du uns gutes oder schlechtes Mojo?“ „Ich bin kein Gott!“ betonte ich, „aber ich werde versuchen, gutes Mojo zu bringen!“ Wieder musterte mich dieser alles durchdringende Blick lange, bis sie wieder kurz lächelte und nickte. „Kein Gott, dafür aber gutes Mojo? Guter Tausch. Es sind Götter gekommen, die viel schlechtes Mojo verbreiten. Diese Götter sind selber böse, sie tun böse Dinge! Man muss sie vernichten, aber wir sind zu schwach. Kommst Du, um uns beizustehen? Meine Großmutter sagte immer ‚Kind! Wenn der Schmerz und das Leid am größten sind, wenn Du es nicht mehr auszuhalten vermagst, wird ein Retter erscheinen‘. Bist Du ein solcher Retter?“ Was sagt man in einer solchen Situation? „Ich werde versuchen, ein solcher Retter zu sein!“ mehr konnte ich auch nicht versprechen. Wieder dieser endlose Blick in das Innerste meiner selbst. „Findest Du mich schön, Aha?“ das Gespräch schien eine seltsame Wendung zu nehmen. Trotzdem, es war nicht schwer, ehrlich zu sein. „Sehr schön“, stimmte ich zu. „Ich werde Dich begleiten, Aha, und wenn es uns gelungen ist, mein Volk zu retten und zu befreien, wirst Du mir gutes Mojo schenken – und ich Dir!“ Nun, Marie Anne, war ich wohl wieder auf dem Weg des Kriegers unterwegs. Auf Befehl des Überwesens ES, dem ich meine Unsterblichkeit verdankte, sollte ich Menschen aus einem Paralelluniversum suchen und von Bösartigkeiten abhalten. Keine Geräte, die mich aufspüren konnten, die moderne Technik war auf meiner Seite. Trotzdem entschied ich mich, meine Tarnung noch aufrecht zu halten, ich wusste noch lange nicht genug. Allerdings hatte ich eine Verbündete gefunden, die mir das Wichtigste zeigen konnte.

Ich wusste zwar, wo wer wohnte, aber das war natürlich nicht genug, leider war die Fernbeobachtung nicht befriedigend gewesen. Aber jetzt konnten wir an unserem Aufbruch arbeiten, vorher wollte, musste ich mit Selketh noch etwas trainieren und sie ausrüsten. ‚Nur ein gut gerüsteter Verbündeter ist ein guter Verbündeter!‘ Ein Atlanismus!

Ich zögerte unseren Aufbruch noch etwas hinaus, da Selketh noch lange nicht fit genug war. Die letzten Heilungsprozesse mussten noch abgeschlossen sein, und dann die in kürzester Zeit erschlafften Muskeln wieder auf Vordermann gebracht werden. Ein wenig Ausbildung an verschiedenen Waffen war auch nicht verkehrt, Dolch, Axt und, hier trainierten wir Beide etwas Neues, der Speer. Im Werfen der leichten Waffen übertraf sie mich bald, mit dem Bogen brachte sie es beachtliche Leistungen. Wir übten und trainierten zwei Monate, die uns später noch viel helfen sollten. Bei aller Ungeduld, die sowohl Selketh als auch ich empfanden, wir mussten Vernünftig bleiben, niemand war geholfen, wenn die Kavallerie stirbt, ehe sie eingreifen kann. Allein wäre ich früher vielleicht trotzdem sofort aufgebrochen, aber die Verantwortung für die Frau, die mich um jeden Preis begleiten wollte, zwang mich zu dieser Pause. Leider konnte sie mir über die Zustände auf dem Plateau nichts sagen, sie erinnerte sich nur noch an Schmerz und Angst. Große Angst, aber wovor genau, das blieb noch im Dunkel. Endlich war aber dann der Tag der Abfahrt doch gekommen.

*

Es war ein recht emotionaler Abschied von dem Dorf an der Mündung. ‚Schwalbenstimme’ hatte mir im Vertrauen mitgeteilt, dass ‚Sanfte Hände’ ihr die Geburt eines großen Helden vorausgesagt hatte, der aber nicht von mir sein konnte. Ihr Bauch hatte sich gerundet und sagte vierter Monat, nicht zweiter. Nun, Narbengesicht war sicher genauso glücklich mit einem eigenen Sohn wie mit einem von mir. ‚Schwalbenstimme‘ war es auf jeden Fall, obwohl es mir schien, als hätte sie in der Zeit meines ‚Gastrechts’ durchaus nicht gelitten. Ich hatte mir auch redlich Mühe gegeben, den Pflichten, die man als Gast hat, wirklich gerecht zu werden. Dieses Teilen von Bett und Frau, meine liebe Marie Anne, hat nicht nur Sonnenseiten, manchmal muss man sich auch auf eine peinliche Verletzung herausreden, manchmal war die Sitte aber auch, wie dieses Mal, durchaus ersprießlich. ‚Sanfte Hände’ hatte Selketh noch ein letztes Mal untersucht und zeigte sich durchaus zufrieden mit dem Heilerfolg, ein nach Kräutern duftender langer Abschiedskuss war ihr Dank für mein Seifenrezept und einiges an medizinischer Ausrüstung. Die Überraschung, wie lange die Instrumente aus falschem Bein scharf blieben, sollte später noch kommen. Ich meinerseits war gespannt, wie lange dieser Fortschritt bei der Hygiene wohl anhalten würde, waschen war ja nicht wirklich selten zu dieser Zeit, aber Seife wäre eine schöne nächste Stufe der Sauberkeit. Nun, hoffen darf man ja immer!

Selketh und ich schoben mein Boot ins Wasser, sprangen hinein und ruderten flussaufwärts, bis wir außer Sicht waren. Dort legten wir die Paddel beiseite und ich startete den Gleiterantrieb mit geringer Geschwindigkeit, ich hatte versucht, Selketh auf dieses Abenteuer vorzubereiten. Sie hatte nur gelächelt und gesagt „ich hoffe, das ist keine feurige Kugel, die krank macht!“, jetzt allerdings konnte ich sehen, wie sie sich versteifte und leise zitterte. Langsam verging aber auch dieser Anflug von Angst, da nichts gefährliches geschah, und bald konnten wir beide die Fahrt durchaus genießen. Mit dem Antrieb kamen wir natürlich bei weitem schneller vorwärts, dabei achteten wir selbstverständlich stets auf die Umgebung. Nahe an der Mündung war die Strömung nicht sehr ausgeprägt gewesen, die Ufer waren flach, sodass wir trotz des niedrigen Bootes eine gute Rundumsicht hatten. Später rückten die Ufer ein wenig zusammen und wurden zeitweise höher, man musste dann schon stehen, um darüber hinaus zu sehen, dank des Auslegers keine wirklich schwierige Sache, wenn man auch nur über ein durchschnittliches Gleichgewicht verfügte. Die Savanne zeigte sich von ihrer freundlichsten Seite, alles war grün und saftig, einsam stehende Schirmakazien spendeten Schatten, Elefanten und Giraffen teilten sich die Weide mit Wildrindern und Zebras. Ab und zu hörte man das Grollen eines Löwen auf Brautschau, oder das seltsame Geräusch, das aus der Kehle der Geparden kam. Einmal konnten wir auch eine dieser gefleckten Katzen im rasenden Lauf beobachten, es war beinahe ein Wunder, mit welcher Geschwindigkeit das Tier seiner Beute nachlief. Dann wieder klang es wie ein Gewitter, ein Rudel Löwen hatte eine Herde Wildrinder in die Flucht gejagt, die Hufe klangen wie anhaltendes Donnern. Und der Geruch, nach Freiheit, nach Wildnis!

Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichten wir eine Sandinsel, auf der wir unser Lager aufschlagen wollten. Zuerst errichtete ich einen Prallschirm, der groß genug war, um geschützt flussabwärts unsere Notdurft verrichten zu können und danach flussaufwärts das Sonnenöl aus meinen Beständen und den Schweiß von unseren Körpern zu waschen, der sich tagsüber, obwohl wir nicht rudern mussten, angesammelt hatte. Ich gestehe, nach einem Tag in der Sonne war unser Geruch ziemlich streng, hier half nur Wasser und Seife, wir alberten ein wenig herum, bewarfen uns mit Wasser und genossen die kühle Erfrischung nach einem heißen Tag. Die Sonne ging als großer, roter Ball unter, doch bald stand der noch beinahe volle Mond groß und gelb am Himmel, verbreitete zarte Beleuchtung. Einige Zikaden zirpten, und aus größerer Entfernung konnten wir das Gebell einer Hyäne hören, ein Klang, ähnlich dem Lachen eines Menschen.

Unser Abendessen bereiteten wir auf einer kleinen arkonidischen Heizplatte zu, frischer Fisch mit duftenden Kräutern und einer Menge Butter in der Pfanne gebraten, wohlschmeckend, ja, aber ich begann mich nach einem einfachen Stück Brot zu sehnen, Weizen vermahlen, gesäuert und gebacken, nicht zu Bier vergoren. Da hatte ich aus dem Flottensilo großzügig Getreide an die überlebenden arkonidischen Farmarbeiter ausgegeben, damit sie zu Essen hatten, und was machten ihre Nachkommen? Kein Brot, sondern Bier! Und wenn es wenigsten gutes Bier gewesen wäre! Nun, ich hatte einige Ratschläge geben können, in ein paar hundert Jahren hatten sie wahrscheinlich ‚den Bogen raus’, um trinkbares Bräu herzustellen. Hoffentlich!

Nach zwei Monaten hatte ich Fisch schon etwas über, ich sehnte mich auch nach einem guten Stück Fleisch, dem Gesichtsausdruck von Selketh nach zu schließen, schien es ihr ähnlich zu gehen. „Morgen besorgen wir uns Holz und braten ein Stück Fleisch.“ sagte ich. „Es muss doch auch kleinere Tiere hier geben, ein Wildrind wäre zu viel für uns zwei!“ Selketh seufzte, ihre wirklich schönen Brüste zeigten ansprechende Bewegungen, selbst wenn ich sie jeden Tag vor den Augen hatte, ich konnte mich daran nicht satt sehen. „Die gibt es, Aha, im hohen Gras sind sie aber nicht leicht zu finden.“ Ein flüchtiges, schelmisches Lächeln blitzte auf. „Ich habe zwar gesagt, wenn die bösen Götter besiegt sind, aber um einen anderen Geschmack zu spüren…“ Sie beugte sich vor, legte ihre Hand in meinen Nacken und küsste mich lange.

Eine blutrote Sonne stieg riesig über den Horizont, als wir erwachten, beleuchtete mit weichem Licht die morgendliche Szenerie. Ein Leopard hatte seine abendliche Beute in die Krone einer Schirmakazie getragen und bewachte sie nun, ab und zu einen Brocken Fleisch aus dem Kadaver reißend. Nicht weit von uns führte eine alte Elefantenkuh ihre Familie zum Flussufer. Misstrauisch betrachtete die Matriarchin der Herde die beiden seltsamen Zweibeiner, die auf der Insel übernachtet hatten und sich nun aus ihrem Zelt hervorarbeiteten. Laut trompetend stürmten die übrigen Tiere übermütig in den Fluss, zogen Wasser in ihren Rüssel und bespritzten sich selber oder gegenseitig, tranken eine Unmenge. Am anderen Ufer schlich eine Löwin zum Strand und trank, ein prächtiges Tier. Wildbüffel zogen es vor, wieder an einer anderen Stelle die Tränke aufzusuchen. Antilopen erheiterten uns in einiger Entfernung mit ihren ausgelassenen Sprüngen, ein einzelner Elefantenbulle näherte sich der Herde, wurde aber von der Leitkuh mit wilden Attacken und lautem Trompeten vertrieben.

Wir verspeisten unseren letzten gebratenen Fisch, während die Sonne höher kletterte und die Temperatur stieg, bald mussten wir unseren Kopf wieder mit einer Art Hut aus geflochtenem Stroh vor den sengenden Strahlen der Sonne schützen. Vorsorglich verteilten wir auch aus meinem Vorrat an Salben und Cremen einen starken Sonnenschutz auf unseren Körpern, und Selketh betrachtete verwundert ihre Hände. „Meine Haut an den Händen ist so weich geworden, Aha! So zart hat sie sich nicht mehr angefühlt, seit ich ein Kind war!“ Ich verrieb vorsichtig die Creme auf ihrem Rücken, die heilende Nebenwirkung des Sonnenschutzes hatte auch positive Auswirkungen auf das vorhandene Narbengewebe, die Haut wurde langsam wieder glatt und ebenmäßig. Bald würde kein Mal mehr von den Verwundungen zeugen, die von dünnen Stöcken zu stammen schienen. Auch zuckte Selketh nicht mehr zusammen, wenn ihr Rücken berührt wurde, allmählich schien sie ihrer inneren Dämonen Herrin zu werden.

Hinter einer Flussbiegung hörte ich Geräusche von Hufen, das Geschrei von Kühen und das Blöcken von Schafen, dazu menschliches Rufen, also nahm ich das Paddel auf, ehe wir in Sicht kamen, steuerte den Antrieb mit den Füßen. Tatsächlich, eine Herde Rinder und Schafe wurde von einigen Menschen, Frauen, Männern und Kindern, flussabwärts getrieben und durfte eben zum Saufen an das Ufer. Die Männer packten, als sie mich sahen, ihre Speere kampfbereit fester, doch offenbar waren sie vom gleichen Volk wie Selketh, denn ein paar gerufene Worte beruhigten die Viehtreiber, die uns an ihr Ufer ließen.

„Böse Gegend, es ist besser, dort nicht hin zu fahren!“ Wir saßen an einem lustig prasselndem Feuer, einige Wildrinder, die ich mit dem Bogen erlegen konnte, verbreiteten bereits verlockenden Bratenduft. Häuptling ‚Jagender Löwe’ zeigte in die Richtung, aus der er gekommen war. „Zuerst haben die, die sich Götter nennen lassen, nur direkt am Fuße der Berge gejagt. Aber Ahmhun ist unersättlich, er ist bereits in unser Gebiet eingedrungen. Wir haben unsere Herden genommen und sind fort gezogen, andere Stämme unseres Volkes ziehen anderen Flüssen nach.“ „Was ich nicht verstehe”, wunderte ich mich. „Warum kämpft ihr nicht?“ Entsetzen zeigte sich auf den Gesichtern des ganzen Stammes, die Kinder begannen zu weinen. „Wir haben es versucht, Fremder. Aber wir können nicht gegen Elefanten kämpfen, und Ahmhun reitet mit vielen Männern auf solchen Tieren gegen uns.“ Selketh legte mir die Hand zart auf den Unterarm. „Atlan! Ich erinnere mich an etwas! Da war Feuer! Feuer und Lärm! Männer, die auf mich einschlagen! Ich erreiche das Wasser, springe hinein! Dann wache ich bei ‚Sanfte Hände‘ auf!“ „Ja!“ ‚Jagender Löwe’ nickte. „Sie zünden vor einem Überfall die Savanne an und kommen aus dem Rauch, auch das ist eine ihrer Methoden. Auch haben sie solche Waffen wie die, mit der Du die Wildrinder erlegt hast. Sie holen sich Sklaven und töten andere, sie sind grausame Wesen!“ „Alle?“ fragte ich genauer nach. ‚Springende Wiesenantilope’ mischte sich in das Gespräch. „Wir haben nur Ahmhun und Seth gesehen, aber müssen die anderen nicht ebenso böse und grausame Wesen sein, wenn sie uns nicht beschützen?“ Genau diese Frage hatte ich mir auch schon gestellt. Wir sind ebenso für unsere Handlungen wie für unsere Unterlassungen verantwortlich, aber wenn uns etwas unmöglich ist, tragen wir dann Schuld? Eine schwer zu entscheidende Frage, die weisere und klügere Menschen als mich schon lange beschäftigte. Warum hatte mich ES bloß nicht früher geweckt, wieviel Leid hätte vermieden werden können? Trug er Verantwortung oder Schuld? Ich schüttelte meinen Kopf frei, derzeit waren solche Grübeleien nicht wirklich zielführend.

*

Zwei Tage später näherten wir uns, immer noch mit langsamer Fahrt, dem Jagdgebiet der Götter, wie ‚Jagender Löwe‘ es nannte. Ganz in der Nähe hatte das Dorf gelegen, aus dem er stammte, weiter oben und auf der anderen Seite des Flusses Selkeths Dorf. Der Fremde mit dem Namen Ahmhun schien große Begeisterung an der Treibjagd zu empfinden, auf Menschen besonders. Er sandte eine Horde Treiber aus und wartete, auf dem Rücken eines Elefanten sitzend, auf seine Beute, die er mit einem langen Bogen erlegte. Dann lief er, nur mit Schuhen und einem Helm mit Widderhörnern bekleidet, den aufgeschreckten Menschen nach, griff sich eine junge Frau, vergewaltigte und tötete sie, schwang sich wieder auf den Elefanten und machte weiter. Als ‚Jagender Löwe‘ zum ersten Mal darüber sprach, hatte ich es nicht glauben wollen, jetzt sah ich es selber. Ich gestehe, dass es mir heute noch Unbehagen bereitet, auch nur darüber zu sprechen. Als Horhus diese ‚Jagd‘ erkannte und meldete, die Bilder als Hologramm in das Zelt übertrug, fällte ich zumindest über Ahmhun mein Urteil! Glücklicherweise blieb Selketh dieser Anblick erspart, sie nahm eben mit Begeisterung einen erlegten Vogel aus und zerteilte ihn, wir wollten ihn später braten und essen, obwohl mein Appetit soeben ganz gewaltig nachgelassen hatte.

Mittlerweile war das Hochplateau bereits in Sicht, die Ufer des Flusses wurden höher, die Strömung stärker, das alte physikalische Gesetz mit Neigungswinkel des Grundes. Der Weg über den Fluss war mir jetzt nicht mehr sicher genug, ein Boot gegen die Stromschnellen musste einem eventuellen Wachposten doch auffallen. Ich zauderte etwas unentschlossen, sollte ich des Nachts die Steilwand hochschweben, die sich beiderseits des Wadi bis in große Entfernung zog, in der Hoffnung, irgendwo ein Versteck für meinen Gleiter zu finden? Oder sollte ich einen Aufstieg suchen, mich zu Fuß anpirschen? Schließlich zogen wir den Flug mit dem Gleiter vor, nach einer Landung am Rande des Plateaus wollten wir dann ins Innere zu Fuß vordringen. Trotz ihrer Gewöhnung an das ‚Zauberboot’ während der Fahrt den Fluss hinauf hörte ich Selketh schlucken, als der Gleiter an der steilen Wand emporstieg, sie klammerte sich mit weißen Knöcheln an die Bordwand. Als dann der Mond über dem Horizont erschien, wagte sie einen vorsichtigen Blick nach unten. „Oh! Ist das schön!“ entfuhr es ihr, fortgeweht war ihre Angst, und ich konnte nicht widersprechen. Es war schön, wie das fahle Mondlicht vom Fluss reflektiert wurde und ein schimmerndes Band in der Dunkelheit zeigte. In der Ferne war das Lagerfeuer Ahmhuns zu sehen, auf der anderen Seite – ebenfalls ein Feuer. Menschen? War noch ein ‚Gott’ auf der Jagd? Darum musste ich mich später kümmern, jetzt musste ich zuerst ein Versteck für meinen Gleiter finden. „Aha, schau, dort!“ Selketh wies auf ein Loch in der Felswand, nicht weit vom Rand des Plateaus entfernt. Ich nickte und steuerte das falsche Boot darauf zu und zog hydraulisch den Ausleger ein. Starke Scheinwerfer flammten auf und zeigten das Innere der Höhle, welche Gewalten hatten vor endlosen Zeiten diesen riesigen Hohlraum wohl geschaffen? Groß genug war sie ja, günstig gelegen auch, also steuerte ich zufrieden wieder hinaus. ‚Ein gutes Versteck!‘ bestätigte mein Extrasinn. ‚Hier kommt keiner ohne Fluggerät hin, um Dein Geheimnis zu finden‘. Wir legten den restlichen Weg zur Hochebene zurück, luden die Ausrüstung für die nächsten Tage aus und ich befahl der Nanotronik, das Boot in der Höhle zu verstecken. Dann kuschelten wir uns in unsere Pelze und schliefen noch ein wenig.

Morgens beobachtete ich mit Horhus die Umgebung, ließ ihn über die Waldstreifen zwischen angelegten Feldern und Weiden fliegen. Hier befanden wir uns im Gebiet der Neith, die ihren Palast nur wenig nördlich von unserem Landungspunkt direkt an den Abhang bauen ließ, mit einer großen Terrasse über dem Abgrund, inmitten eines ziemlich großen Zedernwaldes. Wir schlichen uns näher an das Gebäude, leise, vorsichtig, ich hielt meine Axt mit dem Strahler feuerbereit. Da! Wir vernahmen Stimmen, vor uns lichtete sich der Wald, wir hatten einen guten Aussichtspunkt gefunden und versteckten uns gerade noch rechtzeitig. Ich sagte es schon, Marie Anne, manchmal ist Erfolg reine Glücksache! Wütend verließ eben ein riesiger Mann den Palast, seine schwarze Mähne war im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er polterte die Stufen hinab, drehte sich auf halber Höhe noch einmal zu der Frau um, die hinter ihm erschienen war. „Zum letzten Mal, Neith! Unterwirf Dich! Bringe mir wie alle anderen die Opfer!“ Das also war Neith. Sie musste etwa so groß wie ich sein, ein wundervolles Ebenmaß der Glieder und Formen, ihr Stoffkleid war so geschnitten, dass die göttlichen Rundungen perfekt zur Geltung kamen. Ich bin vielen, sehr vielen schönen Frauen begegnet, Marie Anne, und ich habe viele geliebt oder einfach nur begehrt, sie mit wechselndem Erfolg versucht zu erobern. Aber selten habe ich eine Frau gesehen wie Neith, die gleichzeitig derart schön war und so unnahbar wirkte.

Die Frau stand oben am Beginn der Treppe und blickte stolz und verächtlich hinab, wischte die Forderung mit einer Handbewegung zur Seite. „Wenn Du Sklaven töten willst, dann ganz sicher nicht meine! Dafür sind sie mir zu schade, Seth, es ist zu mühsam, ständig neue Arbeiter auszubilden!“ Seth entriss einem seiner unten wartenden Männer eine Axt. „Ich kann Dich zwingen, Weib!“ Neiths Haltung wurde, ich konnte es beinahe nicht glauben, dass das möglich war, noch hoheitsvoller! Sie streckte die Hand zu einem ihrer Wachposten aus, winkte mit den Fingern, ergriff den dargereichten Speer und schleuderte ihn. Zwischen den Füßen des Seth bohrte sich die Spitze tief in den Boden, ein meisterlicher Wurf. „Wenn Du jemals wieder in die Nähe meines Palastes kommen solltest, wird einer von uns es nicht überleben, Seth, ich will Dich hier nicht mehr sehen.“ „Du kannst einen Gott nicht töten!“ Seth tobte und brüllte, „Es reicht, wenn ich Dich töten kann!“ antwortete Neith eiskalt. „Isis und Osiris wären auch nicht traurig, wenn ihr wahnsinniger Bruder endlich stirbt!“

„Neith, sei vernünftig!“ bettelte Seth, er hatte die Axt fort geworfen. „Wir müssen doch zusammen halten! Die Eingeborenen dürfen ihre Angst nicht verlieren. Wir müssen einfach regelmäßige Opferungen abhalten. Was liegt schon an drei Sklaven von jedem von uns pro Monat. Es sind genug da! Osiris versteht das auch nicht, er will nur einen im Vierteljahr! Da kann sich keine Gottesfurcht bilden, wenn man so weich ist.“ „Nein!“ Neiths Augen funkelten wütend. „Ich muss nicht gefürchtet werden, meine Menschen sollen mir gerne gehorchen und mir freiwillig dienen. Ich mache ihr erbärmliches Leben besser, dafür danken sie mir, deshalb befolgen sie meine Befehle!“ Seth fiel auf die Knie, weinte beinahe. „Neith, das funktioniert nicht. Wenn wir als Götter herrschen wollen…“ „Dann herrsche ich als Mensch und Frau! Was liegt mir daran, Göttin genannt zu werden!“ Seth sprang wieder auf die Beine. „Dann krepier doch als Mensch und Weib, Du dummes Stück! Ich werde Dich unterwerfen, Dein Gott wird über Dich kommen, Du wirst noch winseln und um Gnade flehen. Anbieten wirst Du mir Deinen Körper, aber ich werde Dich erwürgen wie einen Opfersklaven!“ „Das will ich stark hoffen!“ die Frau streckte ihren Zeigefinger gerade nach oben in die Luft, krümmte ihn dann. „Ich möchte lieber sterben, als mit einem impotenten Mann wie Dir das Lager zu teilen“, spottete sie. „Ich komme wieder!“ brüllte Seth noch, ehe er in seine Sänfte stieg und sich davon tragen ließ.

Nachdenklich sah Neith dem entschwindenden Tross nach, wandte sich um und schrie „Was gafft ihr hier herum! An die Arbeit, los, los! Es gibt kein Korn, keinen Käse und kein Fleisch, wenn ihr hier herumsteht. Also, sputet Euch. Heute Abend wird das Horn zu den Waffen rufen, wir müssen auf der Plattform üben, üben und nochmals üben! Wir müssen bereit sein, wenn Seth seine Drohung wahrmacht!“

„Da ist aber jemand neugierig!“ flüstere es hinter uns, Selketh und ich fuhren herum und rissen die Dolche heraus, lautlos verfluchte ich mich. Ich hatte Sahmmet, die Löwin, zurück gelassen, damit sie das Lager und unsere Ausrüstung bewachte, jetzt hatte ich mich überraschen lassen. Der ungepflegte, magere Mann hob seine leeren Hände, zeigte uns die Handflächen, winkte uns, ihm zu folgen. Er führte uns direkt zu unserem Lager, blieb aber in gebührendem Abstand von der Löwin stehen. Ich beruhigte das nanotronische Tier und packte unsere Vorräte aus, blickte ihn fragend an. Der Mann trank einen großen Schluck Bier, stieß verhalten auf und seufzte. „Das habe ich lange vermisst, Leute. Ihr seid meine besten Freunde, auch wenn Du”, er zeigte auf mich, „ziemlich weit von zu Hause entfernt sein dürftest!“ Ich erschrak nicht wenig. „Warum, wie, wie kommst Du auf die Idee?“ Der Mann lachte. „Freund, die da”, deutete er auf Selketh, „die ist von da, auch wenn irgendetwas – egal, ich komm schon drauf. Aber Du, Mann, alles an Dir brüllt in die Welt, dass Du nicht von diesem Planeten bist. Oder aus dieser Zeit! Oder beides! Auch wenn ich wie alle andern hier, die sich als Götter aufspielen, aus der Klapsmühle komme, blöd bin ich nicht. Waren die kleinen ferngesteuerten Drohnen von Dir?“ Ich musste ein nicht sehr intelligentes Gesicht gemacht haben, denn er lachte leise auf. „Schlechte Konstruktionen, aber ich glaube nicht, dass die anderen eines der Wracks gefunden haben, denn dann wäre der Lärm nicht zu überhören gewesen.“

Ich gab auf, ihm etwas vorspielen zu wollen. „Na schön, ich bin vielleicht nicht von diesem Planeten. Aber ich habe die Pflicht übernommen, die Menschheit zu schützen,“ Plötzlich wirkte sein Gesicht traurig. „Die Menschen haben nie mehr Schutz gebraucht, Du kommst eben zur rechten Zeit. Warte, ich erkläre es Dir gleich. Unsere Welt stand nahe dem Untergang, da haben unsere Wissenschaftler die Möglichkeit gefunden, uns Bewohner zu retten!“ „Parallele Welten?!“ warf ich ein. „Ja, genau! Wie das funktionieren soll, ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich war zuerst ein kleiner Verkäufer mit einer, wie sie mir sagten, krankhaften Neigung. Also kam ich in eine Klinik. Eines Tages kamen die Pfleger, schleppten uns in eine riesige Halle mit diesen Säulen, zwischen denen irgendwelche Energien waberten und sagten, dass wir entweder durchgehen oder sterben müssten. Mir war schon alles egal, ich lief los, landete hier und versteckte mich.“ Er erzählte langsam, mit einfachen Worten. Auch Selketh, die nur bei wenigen Worten nach deren Bedeutung fragen musste, verstand sehr gut.

„Osiris, Isis und Seth kamen als nächste, Hand in Hand, die Geschwister wollten nicht allein gehen. Seth habt ihr gerade gesehen, bipolare Störung plus Borderline Syndrom mit noch einigen Psychosen, er ist der verrückteste von allen. In seinem Gehirn herrscht das totale Chaos, heute ist er umgänglich, ein guter Gesellschafter, fünf Minuten später hält er alle für seine schlimmsten Feinde, rastet aus und möchte alle töten. Osiris ist eine weit mildere Ausgabe, er hat sich zumeist im Griff. Isis? Ich weiß nicht, irgendwie macht sie immer, was Osiris sagt. Obwohl Geschwister, leben sie als Mann und Frau zusammen, sie ist ihm total hörig. Ist das eine psychische Störung oder nur Dummheit? Frag nicht mich, ich bin kein Psychodoc! Neith habt Ihr gesehen, sie ist wirklich arm. Sie ist ständig auf der Suche nach einer Befriedigung, die sie nicht erreichen kann. Sie sehnt sich nach der Berührung durch einen Mann und weiß bereits vorher, dass alles umsonst ist. Einer von den Docs hat einmal etwas von Anorgasmie gesagt. Abgesehen davon ist Neith eine umgängliche Frau, sie behandelt ihre Menschen hart, aber gerecht. Sie straft, aber nach der Bestrafung ist die Sache ausgestanden, sie ist nicht nachtragend und auch nicht unfair. Sie hat den Menschen die Bearbeitung von Baumwolle und das Weben von Stoffen gelehrt, einen kleinen Schmelzofen für eiserne Werkzeuge, Speer- und Pfeilspitzen aufgebaut. Sie hat ihre Leute, sowohl Frauen als auch Männer, im Gebrauch der Lanzen und der Bögen gut ausgebildet, lederne Panzerungen für den Kopf und Oberkörper herstellen lassen und Schilde konstruiert. Neith hasst alle anderen, die mit ihr gekommen sind wegen deren Handlungen, kann aber nichts dagegen machen. Sie hat ihren Palast als Festung angelegt, mit Wasser- und Lebensmittelvorräten, weil sie damit rechnet, dass die anderen sie überfallen wollen. Das haben alle anderen mehr oder weniger auch gemacht, das mit den Burgen. Neith hat sogar Späher ausgesandt, damit sie und die Ihren im Falle eines Angriffs gewarnt sind und rechtzeitig Zuflucht suchen können.“

„Am meisten hasst Neith Ahmhun! Der ist nicht kompliziert, der ist einfach ein sadistischer Vergewaltiger und Mörder, einer, der gerne zusieht, wenn Menschen leiden. Ein Verbrecher, der besser aus der Welt wäre! Anoubis ist das genaue Gegenteil, er glaubt, dass er den Menschen in der Zukunft ein neues und besseres Leben verschaffen kann, indem er ihre Körper konserviert. Also mumifiziert er alle Leichen, derer er habhaft werden kann, damit sie wieder auferstehen können. Ein religiöser Spinner, aber keine Gefahr, außer für sich selber. Bleiben noch Hathaor und Bastith. Beide bezeichnen sich als Künstlerin. Malen, Musik, Tanz, die ganz Palette. Und beide haben sich Seth unterworfen, der regelmäßig kommt und Opfer möchte, machtlose, schwache Frauen. Sie bewohnen gemeinsam einen Palast, man erzählt, Bastiths Verschleiß an jungen und hübschen Männern sei groß, genaueres kann ich auch nicht sagen. So, großer weißhaariger Freund, ich habe Dir alles erzählt, was ich weiß! Und jetzt, wer bist Du?“

Ich stellte zuerst noch eine Frage. „Was ist mit Dir?“ er schlug sich theatralisch auf die Stirn. „Ich hoffte, es nie mehr sagen zu müssen, aber nun ja! Ich bin Cochnis, und ich bin ein Spanner! Zufrieden?“ Ich nickte. „Ich bin Aha, ich komme von Arkon. Du leidest also…“ „Ich leide nicht, Aha! Ich genieße es, Leuten heimlich zuzusehen. Wenn sie sich ausziehen, sich streicheln. Wenn sie Sex haben, zärtlichen Sex. Aber ich mag keine Gewalt, auch dann nicht, wenn ich sie nur sehe. Und die Gewalt wird immer schlimmer auf dieser Hochebene, Aha, die Brutalität und der Blutdurst mancher steigern sich immer mehr. Ich bin auf der Flucht in der Hoffnung, einen Platz zu finden, den diese Möchtegerngötter erst nach meinem Tod finden. Und ich glaube, auch ein Spacer allein wird sie nicht aufhalten, auch nicht mit einer schönen Frau an seiner Seite. Wenn Du nicht irgendwo Verstärkung versteckt hast?“, er schaute mich erwartungsvoll an, mein Kopfschütteln beantwortete seine Hoffnung abschlägig. „Na dann, Leute, ich mache mich auf den Weg! Danke fürs Bier!“ Er wollte sich erheben, ich rief ihn zurück. „Warte noch kurz! Wie hast Du mich erkannt?“ Er tippte auf seine Nase. „Du riechst für mich nicht richtig, Aha. Da gibt es eine falsche Note. Lebt wohl!“ Dieses Mal hinderte ich ihn nicht. Ein Spanner mag unangenehm, peinlich oder auch ekelerregend sein, für ein todwürdiges Verbrechen hielt ich es nicht. ‚Außer Du ertappst ihn auf frischer Tat, wenn er Dir heimlich zusehen will!‘ konsequent eine Sache zu Ende gedacht, wie immer, mein Extrasinn!

„Wollen wir nachsehen, ob wir Neiths Frauen und Männer bei den Übungen beobachten können?“ Selketh sprach beinahe meine eigenen Gedanken aus, also stimmte ich zu. „Ich glaube, mit der Plattform ist die große Terrasse gemeint, die kann man mit der Teleskopbrille gut erkennen.“ Wieder machten wir uns auf den Weg, nahmen dieses Mal allerdings alles mit in die Nähe unseres Postens, damit Sahmmet gleichzeitig uns und unsere Ausrüstung schützen konnte. Noch einmal wäre es wohl kein halber Verbündeter mehr gewesen, der uns überraschen könnte.

Auf der Terrasse waren große Gefäße mit Feuer aufgestellt, die den Platz hervorragend beleuchteten, Neith leitete die Übungen, die sie allesamt selber mitmachte. In ihrem hautengen Gewand, an den Seiten kreuzweise verschnürt, und den stramm sitzenden Hosen machte sie eine geradezu göttliche Figur. Ihre Bewegungen waren in perfekter Harmonie ausgeführt, die Frau musste intensiv Kampfsport betrieben haben, und zwar auf Meisterebene. Sie verstand es auch, die Grundlagen ihren Schülern nahe zu bringen, Speer und Schild, für den Nahkampf eine schwere Keule. Die Bewegungen der Kriegerinnen und Krieger waren hervorragend synchronisiert, hundert Lanzen stachen zugleich nach vor, hundert Schilde schlossen sich zugleich zu einer Mauer. Auch die nachher trainierenden Bogenschützen waren sehr gut, manche sogar hervorragend. Nur mit den Mitteln dieser Zeit wollte ich einer Truppe wie dieser nicht entgegen treten. Musste ich das denn? Wenn der Spanner die Wahrheit gesagt hatte, und warum sollte er nicht, dann wäre Neith durchaus ein Gewinn für diese Welt, zumindest wäre sie kein Schaden! Nun, die Entscheidung hatte noch keine Eile, zuerst wollten wir uns weiter auf dem Plateau umsehen. Wir packten unsere Ausrüstung in Rucksäcke, wobei wir Sahmmet die schwersten Dinge aufluden, und machten uns auf den Weg, am Rande der Hochebene nach Südosten hin. Dort sollte Ahmhun seinen Palast erbaut haben, ich wollte ihn einmal sehen und auskundschaften.

*

Ahmhums Palast strahlte Leid und Dunkelheit aus, zumindest kam es mir so vor, ein Umstand, der durchaus psychologische Ursachen haben mochte. Wer denkt denn schon bei dem Palast eines solchen Verbrechers an wohlige Behaglichkeit? Aus den unteren Stockwerken schien flackerndes Licht, und auf den Wachtürmen war Bewegung zu sehen. „Wie willst Du da hineinkommen?“ unwillkürlich flüsterte Selketh. Ich konnte nicht anders, ich küsste rasch ihre Nasenspitze, sie schlug spielerisch nach mir. „Damit“ flüsterte ich zurück und legte die Tragriemen des Kleinstantigravs um. Wirklich fliegen konnte man damit nicht, aber schweben und langsame Bewegungen. Es kostete viel Zeit, Rekruten den Umgang mit diesem Gerät beizubringen, welches ausschließlich durch Gewichtsverlagerungen zu steuern war. Die Hände frei für die Bewaffnung oder für wissenschaftliche Messgeräte, Sie verstehen, Marie Anne? Nun, zumindest etwas von meiner alten Zeit, das sich jetzt als nützlich erweisen sollte. Als ich das Aggregat einregelte und zu schweben begann, kam Selketh in meine Arme und schlang ihre um mich. „Bevor Du mir entschwebst, kommst Du wieder?“ Ich nahm ihren Kopf zwischen meine Hände und versprach „Ich habe es zumindest ganz fest vor!“ „Dann flieg und kämpfe, Aha!“ sie ergriff meine Handgelenke. „Kämpfe, siege und komm zurück! Ich möchte noch viel gutes Mojo von Dir!“ „Alle wollen nur mein Mojo” brummte ich, „und was bekomme ich für mein Mojo?“ Sie strich mit den Fingerspitzen seitlich ihren Körper entlang. „Reicht das nicht?“ Lachend erhöhte ich die Energiezufuhr und näherte mich schwebend den Palastmauern von der Klippenseite. Es stand wohl kaum zu befürchten, dass nach dieser Seite stark Ausschau gehalten wurde.

Leise schlich ich mich durch die Gemächer, eine kleine LED-Lampe in der einen, die Streitaxt feuerbereit in der rechten Hand. Die Böden raschelten, unter Lederdecken war als Isolation Stroh geschichtet, und es musste regelmäßig erneuert worden sein, denn es roch nicht muffig, wie es faulendes Stroh an sich hatte. Auch das trockene Klima half hier bestimmt nach. Tierschädel und andere Trophäen woben hässliche Schatten an die Wände, die Räume wirkten wie die reinsten Totentempel. Es war überraschend sauber, die Dienerschaft hatte wohl den Befehl, jeden Tag für die Rückkehr des Herrn bereit zu sein. Nun, er könnte auch, wenn er sich am Morgen nach der Jagd, deren Zeuge wir geworden waren, auf den Rückweg gemacht hätte, bald hier eintreffen. Ein breites Bett, ebenfalls mit Fellen belegt, Felle, Felle, Felle wohin man sah! So viel konnte doch ein Mann allein gar nicht geschossen haben, die Gegend um das Plateau musste doch bereits stark überjagt sein!

Nun fiel mir auf, dass wir auf dem Weg hierher kaum Tiere gesehen hatten, nur auf Neiths Gebiet weideten Rinder. Eine Menge Rinder. Wie ich gehört hatte, war sowohl hier als auch im Fischerdorf an der Mündung die Milchwirtschaft im vollen Gange, und sie hatten mich dazu gar nicht gebraucht. Nun, ich habe es schon früher erwähnt, mein Favorit wäre das Schaf geworden, die Wolle wäre noch ein weiterer Bonus gewesen. Allerdings hat Baumwolle auch einige Vorteile, auch wenn das Pflücken die Hände kaputt macht, die Samenkapsel ist hart, spitz und scharf.

Ein Geräusch riss mich aus meinen Überlegungen. Krachend war eine Tür aufgeflogen und gegen die Wand geknallt. Eine Etage unter mir flackerte im Stiegenhaus Licht auf, ich löschte rasch meine Lampe. „Fleisch! Bier! Sofort! Und macht Wasser für ein Bad heiß! Hurtig, habe ich gesagt!“ das Klatschen einer Peitsche auf Fleisch unterstrich die Anweisungen. Schwere Lederstiefel knallten die Treppe hinauf, das Rasseln von Ketten begleitete die Schritte. „Kommt schon, ihr Weiber! Ein wenig Spaß braucht jeder!“ Ich spürte meinen Herzschlag stocken. Er würde doch nicht… ‚Warum nicht?‘ fragte der Extrasinn mit eiskalter Logik. ‚Ob auf der Ebene oder hier in seinem Zimmer, es ist nirgends weniger schlimm!‘ Manches mal hasste ich meinen Logiksektor geradezu, wenn er mich mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontierte. Ich machte mich bereit, die Tatsache, dass Ahmhun nicht nur nach Hause gekommen war, sondern sogar noch Gefangene mitgebracht hatte, veränderte meine Planung. Sie erinnern sich, Marie Anne? Moltke, Schlachtplan, Feindberührung? Aber wäre ich jetzt gegangen, hätte ich zukünftig in keinen Spiegel mehr blicken können.

Er ging in das Zimmer neben mir, ich hatte Glück, sogar ein Durchgang zu meinem Versteck war vorhanden, Licht schimmerte durch die Spalten der Holztür, Metall klirrte, und Frauen schluchzten. Ich wartete nicht lange, auf den Effekt rechnend trat ich die Türflügel mit Kraft auseinander, die krachend aufflog, meine Lampe hatte ich auf höchste Intensität gestellt und so postiert, dass sie mich von hinten beleuchtete. Ahmhun war nur kurz überrascht, der vierschrötige Hüne mit dem kantigen Gesicht wirbelte herum, erkannte einen Bewaffneten und sprang zu seiner Lanze. Kampfbereit machte er Front gegen mich, als ich langsam das Zimmer betrat. Links von uns schrie ein Diener laut auf, ein Tablett klirrte zu Boden, wir ignorierten es.

„Wer zum Teufel bist Du, und was willst Du in meinem Haus!“ er fintierte einen kurzen Stoß, den ich mit Verachtung strafte. Noch war die Entfernung viel zu groß für einen Nahkampf, aber Schritt für Schritt näherte ich mich. „Ich bin Aha, der Beschützer der Menschen!“ intonierte ich, mehr für den Diener gedacht, denn Ahmhun sollte, wenn es nach meinem Willen ging, nichtschluchzten genug leben, um es weiter erzählen zu können. „Du bist angeklagt, Frauen missbraucht und getötet zu haben, Du bist es nicht wert, noch länger Luft zu atmen!“ Tückisch glitzerten seine Augen im aufgedunsenen, verschwitzten und geröteten Gesicht, das von Hass und Irrsinn verzerrt war! „Du bist nicht mein Richter! Ich erkenne keinen Richter über mich an, verstehst Du? Niemand kann mich richten, ich bin der mächtige Ahmhun! Packt den Kerl!“ Ein Energiestrahl aus dem Schaft meiner Axt fuhr donnernd in die Wand neben der Tür. „So ist das also?“ er kniff sie Augen zusammen. „Nicht genug Mut, um es im ehrlichen Kampf zu versuchen?“ Kurz war ich versucht, nach vor zu stürmen und ihn mit der Axt niederzuschlagen, dann entschloss ich mich um. „Ist es mutig von einem Mann, wenn er wehrlose Frauen missbraucht?“ fragte ich mit Verachtung in der Stimme, hob die Axt und schoss einfach einen Energiestrahl durch seinen Kopf.

„Raus!“ brüllte ich die Diener an, die immer noch versteinert in der Tür standen, hob die Axt. „Ich bin Aha, der Beschützer der Menschen, und ich werde dieses Bauwerk des Bösen zerschmettern!“ Sie verstanden schnell, die kleinen Barbaren, machten auf dem Absatz kehrt und rannten, was sie nur konnten, davon, schrien, ein Mächtiger habe den Herrn getötet! Rennt, flieht, rettet euch! Sie machten also genau das, was ich wollte. Für den Moment halbwegs zufrieden gestellt, zog ich meinen Dolch und schaltete die Klinge auf Vibration, mit diesem Messer war es ein leichtes, die Kettenglieder aus kohlenstoffarmem Eisen zu zerschneiden und beide Frauen zu befreien. Schnell schnitt ich noch in zwei der herumliegenden Felle je einen Schlitz und improvisierte so zwei ponchoartige Kleidungsstücke, damit die verängstigten Frauen zumindest notdürftig bekleidet waren, nahm ihre Hände und brachte sie zu Selketh. Leider konnte ich mir aufgrund der Umstände nicht viel Zeit für Erklärungen nehmen, ich zog die Weinenden einfach mit, eine Behandlung, die ihre Ängste noch mehr schüren musste, aber ich musste mich ein wenig beeilen. Als ich sie bei meiner Verbündeten ablieferte und ihr die Lage rasch mit dürren Worten skizierte, nahm sie beide in die Arme, sprach beruhigende Worte, obwohl man merkte, wie nahe sie selbst den Tränen war. Ich schwebte wieder in das Gebäude zurück und inspizierte es von oben bis unten, doch alle hatten die Festung bereits verlassen. Gut so!

Ich begann unten, setzte die Strohböden mit kurzen Feuerstößen aus meinem Beil in Brand, schwebte nach oben, wiederholte mein Werk, in der dritten Etage nahm ich noch meine Lampe an mich, ehe ich Feuer legte. Bald brannte alles lichterloh, der Brand erreichte die Küche, Fett vergrößerte die Hitze noch. Dachziegel zersprangen, die Holzkonstruktion verbrannte in einer Feuersäule, verglühte, brach funkenstiebend in sich zusammen. Nur die Grundmauern blieben rot glühend zurück, einige strategisch platzierte Strahlschüsse zerstörten die Statik, bis der Steinhaufen in sich zusammen brach. Ich war wieder bei Selketh gelandet und betrachtete das Schauspiel mit kaltem Gemüt, während Selketh bei den immer noch weinenden Frauen kauerte. Aha hatte sein erstes Urteil vollstreckt.

*

Ich war zufrieden, Marie Anne. Oder besser, ich war nicht unzufrieden. Es macht mir kein Vergnügen, Richter und Henker zu sein, aber wenn es sein muss, dann bin ich bereit! Die Frauen brachten Selketh und ich mit dem Gleiter noch in dieser Nacht zu Narbengesicht ins Dorf, wo sich ‚Schwalbenstimme‘ ihrer annahm. Sie war eine sehr mütterliche und warmherzige Frau, wir wussten die jungen Frauen in besten Händen. Außerdem war ja auch noch ‚Sanfte Hände‘ mit Rat und Tat zugegen. Etwas vielleicht noch, Amun wurde in Altägypten als Fruchtbarkeits- und Windgott, im Volk in Widdergestalt verehrt. Es scheint irgendwie widersinnig.

Also gut! Wir hatten die jungen Frauen bei Schwalbenstimme abgesetzt und nutzten die Sicherheit des Dorfes, um völlig entspannt zu schlafen, ehe wir uns wieder auf den Weg machten. Die Bewohner des Dorfes waren zwar erstaunt, uns so schnell wieder zu sehen, wir erzählten ihnen einen großen Teil der Wahrheit, die beiden Geretteten würden das fliegende Boot ja sowieso in ihren Erzählungen erwähnen. Also erklärte ich, mein Fürst hätte mir zur Erfüllung meiner Aufgabe das Zauberboot überlassen. Sie staunten gewaltig über ‚Die Sonnenbarke des Re’, wie sie das Boot nannten. Rico hatte nämlich das Sonnenwappen der Gonozal in den Bug gebrannt, bisher hatte es jedoch als einfache Zier gegolten. Nun aber, die Verbindung von Sonnenwappen, Boot und scheinbarer Magie hatte einen neuen Mythos geschaffen, und unsere Freunde waren überzeugt, in mir den Gesandten der Sonne zu sehen. Aber, ich konnte sie überzeugen, dass ich keinesfalls selbst göttlich war, ihre Freundschaft war für mich mehr wert als jede Anbetung. Sie sehen, Marie Anne, ich war bereits kein typischer Arkonide mehr! Ach, ich bemerke eben, ich habe gar nicht erwähnt, wie es mit Cochnis weiter ging. Er wurde ab und zu noch gesehen, sein Name verbreitete sich, als ‚Wanderer’ und ‚Der in alle Zimmer späht’ wurde er bekannt. Später wurde er mit dem Mond gleich gesetzt, irgendwie passend. Ich bin sicher, dem Alten hätte diese Vorstellung gefallen.

*

Wir richteten den Flug so ein, dass wir das Gelf el Khebir, also die Hochebene, die man heute auch die ‚Große Barriere‘ nennt, erst wieder in den Abendstunden erreichten. Lange hatten wir überlegt, sollten wir das Kliff weiter gehen oder in das Innere vordringen? Isis, Osiris und Seth, oder zuerst Basthit und Hathaor? Es hatte beides sein für und sein wider, schließlich aber beschlossen wir, direkt ins Zentrum der hiesigen Macht vorzudringen und den dreifachen Palast von Isis, Osiris und Seth zu besuchen. Ahmhun hatte ich als dringliches Problem empfunden, nachdem ich seine sogenannte ‚Jagd’ über die Augen des Falken miterlebt hatte, Bastith und Hathaor sah ich weniger dringlich als vor allem Seth an, den ich als wirklich Wahnsinnigen betrachtete. Wir schnürten unsere Traglasten, wieder luden wir die schwersten Lasten Sahmmet auf und schlugen uns abseits des Weges durch die Büsche. Auch wenn ich Ahmhun mit thermischen Energiestrahlen getötet und seinen Palast mit der gleichen Waffe niedergebrannt hatte, ein Umstand, der alle Fremden zu denken geben und warnen musste, wollte ich mein unmittelbares Nahen nicht unbedingt an die laute Glocke hängen. Wie? Gut, die große Glocke. Zwar unlogisch, aber idiomatische Redewendungen müssen keiner Logik folgen. Lange Rede, kurzer Sinn, Selketh und ich schritten vorsichtig und möglichst lautlos unserm Ziel zu.

Wie soll ich die Flora und Fauna beschreiben? Es war anders als die Savannen des Tieflandes, es gab weite Baumbestände, zumeist Zedern und Platanen, dazwischen Sträucher und Unterholz, die uns gute Deckung versprachen. Wir hatten das Ende der Regenzeit, es regnete nicht mehr jeden Tag, trotzdem war das Wetter aber immer noch etwas feucht, die Vegetation war noch grün und frisch, Bäume und Gestrüpp strotzten voller Saft. Dadurch kamen wir zwar langsamer, dafür aber desto unsichtbarer und unauffälliger vorwärts, wenn wir einige kleinere Umwege in Kauf nahmen. Tiere waren nur noch sehr wenige zu finden, meistens kleines Getier, manches wahrscheinlich sogar essbar. Allem Anschein nach hatte der mordlustige Ahmhun das meiste größere Wild bereits getötet.

„Göttliche Isis, göttlicher Osiris, göttlicher Seth! Wir bitten Euch, unser Opfer gnädig anzunehmen und uns Eure Huld zu schenken!“ Auf einem Balkon des Palastes saßen eine Frau in der Mitte, links und rechts je ein Mann. Seth, den Mann mit dem Pferdeschwanz kannte ich bereits, Isis hatte ebenfalls schwarzes, vorne gerade über den Augenbrauen, hinten auf Nackenlänge gekürztes Haar. Die gleiche Frisur übrigens, mit der einige Jahrtausende später dem Vernehmen nach eine gewisse Kleopatra Julius Cäsar verführen sollte. Nein, nein, keine Verwandtschaft, Kleopatra war makedonischer, also griechisch-indoeuropäischer Abstammung, da einen Zusammenhang zu sehen, ginge zu weit, viel zu weit. Die Frisur war einfach die nächsten Jahrtausende in Ägypten sehr beliebt, und die fremden Herrscher nach Alexander passten sich den Sitten der Eroberten an. Über diesem Haar trug Isis ein goldenes Diadem mit der verkleinerten Nachbildung einer aufgerichteten Kobra mit geblähtem Halsschild, das Meisterwerk eines begnadeten Künstlers, der winzigste Schuppen in das Metall gestochen hatte. Sie hatte ein halbwegs hübsches, aber leeres Gesicht ohne Ausdruck, mit stumpfen, mehr nach innen als nach außen gerichteten schwarzen Augen. Um den Hals trug sie ein breites, halbmondförmiges Collier aus Gold und Edelsteinen, mit Tierdarstellungen reich verziert, welches ihre großen und schweren Brüste nur halb bedeckte.

Osiris, kein anderer konnte es sein, trug eine hohe Mütze, die seine Haare bedeckte, ähnlich der später in Ägypten getragenen ‚Blauen Krone’, dem Chepresch, allerdings war die seine erdfarben, mit unzähligen kleinen Goldplättchen bestickt, die mir damals unbekannte Symbole formten, später sollte das Mittlere Zeichen in Ägypten ‚Ankh’ genannt werden, die beiden anderen habe ich später nie wieder gesehen. Isis sagte mir später auf meine Frage, dass es einfach die Schriftzeichen waren, die seinen Namen in einer Silbenschrift darstellten. Er besaß zwar ähnlich breite Schultern wie sein Bruder Seth, aber einen weichen, aufgeschwemmten Körper, der entweder auf eine Krankheit und große Mengen an Medikamenten oder einfach zu viel Alkohol schließen ließ. Auch seine Augen wirkten wässrig und irgendwie abwesend, seine Unterlippe hing etwas nach unten und zitterte unkontrolliert. Die Bewegungen von Isis und Osiris wirkten träge, langsam und irgendwie ziel- und planlos, beide Personen schienen etwas desorientiert und betäubt.

Unter dem Balkon im Hof war ein Loch im Boden, mit einer etwa hüfthohen Mauer umgeben, einem Brunnen ähnlich. Massen an Menschen hatten sich versammelt, ein kahlköpfiger Mann, der einen Leinenrock und ein ähnliches, wenn auch viel schmaleres Collier wie jenes der Isis um den Hals trug, intonierte das Gebet, die Masse wiederholte seine Worte. Selketh und ich hatten uns im dichten Blätterdach eines Baums versteckt und so einen guten Ausblick auf das Geschehen. Ein junger Mann wurde, die Hände auf dem Rücken zusammen gebunden, in den Hof geschleppt, Angst verzerrte seine Züge, man zerrte ihn zum Brunnen. „Heilige Götter, dieses unbedeutende Opfer soll unsere Demut zeigen. Wir beugen das Knie vor Euch!“ Die Menge befolgte die Anweisung, kniete betend, die Arme zum Himmel gestreckt, nieder. Als man dem Opfer eine Schlinge um den Hals legte und den Knoten zuzog, bevor es in den Brunnen geworfen werden sollte, griff ich zu meiner Axt mit dem Energiestrahler, mein Gesicht muss sich in grimmiger Wut verzerrt haben, denn Selketh fiel mir in den Arm. „Nicht”, flehte sie mich flüsternd an. „Bitte, vernichte nicht mein Volk!“ Ein lauter Ruf, ein kollektives Seufzen, der Aufprall eines Körpers im Wasser. Es war zu spät, das Opfer vollbracht. Ich flüsterte ebenso leise Selketh ins Ohr. „Ich hätte die falschen Götter getötet! Nicht Dein Volk!“ Was hielt mich ab, es jetzt nachzuholen? Ich kann es nicht sagen, jetzt, wo der junge Mann gestorben war, beobachtete ich einfach weiter und sammelte Informationen, sah zu, wie die Menge sich verlief. Zum Schluss, alle anderen waren bereits wieder gegangen, erhob sich auch diese unheilige Trinität, Isis und Osiris mit unsicheren, Seth mit kraftvollen Bewegungen, sie zogen sich in die Gemächer hinter dem breiten Balkon zurück. Nun wollte ich Isis und Osiris doch noch einen gewissen Zweifel zubilligen, beide hatten, anders als Seth, keine offensichtliche Freude und auch kein Vergnügen an der Opferung gezeigt, und auch die arkonidische Rechtsprechung sieht den Grundsatz ‚im Zweifel für den Angeklagten‘ vor.

Bevor wir uns vergangene Nacht im Dorf zur Ruhe gelegt hatten, war ich in Kontakt mit Rico getreten und hatte ein zweites Schwebegeschirr bei ihm bestellt, es sollten noch genug davon auf Lager sein. Geistig vormerken, immer genug Reserven mitführen. Ich hatte Selketh zwar mit Axt, Dolch und auch einer Lanze ausgestattet, aus bronziertem Stahl, aber nicht mit technischen Mittel wie Strahlern und ähnlichem, mit einem zweiten Schwebegeschirr hätte ich sie schon in Ahmhuns Palast mitnehmen können, allerdings – viel hätte sich letztendlich in dieser Nacht nicht geändert. Trotzdem wollte ich in Zukunft einfach besser vorbereitet sein. Rico startete eine semi-ballistische Transportkapsel, deren Peilsender von Horhus gefunden werden konnte, der sie dann auch zu mir brachte. Wenn ich jetzt beide Geschirre mit den dafür vorgesehenen Karabinern verband, konnte ich Selkeths und meinen Kurs ganz gut steuern, daher war es auch keine Schwierigkeit gewesen, unseren Beobachtungsposten im Baum zu erreichen. In der Baumkrone angekommen, hatte ich die Verbindung gelöst, jetzt klinkte ich uns wieder zusammen, um über den Hof auf den Balkon zu schweben. Lauschen mag ja vielleicht gegen den guten Ton verstoßen, aber im Krieg ist es öfter einmal ganz nützlich, daher bekam ich nun wirklich kein schlechtes Gewissen, als wir auf dem Balkon landeten und große Ohren machten.

„…das nächste Opfer, damit die Wirkung gesteigert wird! Wir dürfen keine großen Pausen machen, wir müssen die Angst dieser Primitiven noch mehr steigern!“ die Stimme Seths klang laut, aber nicht sehr deutlich ins Freie, er schien sich wieder in eine Art Rage zu reden. „Müssen wir wirklich?“ eine müde Männerstimme, ich nahm an, dass es sich um Osiris handelte. „Natürlich“, brüllte Seth! „Diese Primitiven müssen uns fürchten, sonst fallen sie eines Tages über uns her! Du weißt doch, dass wir Niemandem vertrauen dürfen. Wir müssen zuschlagen, bevor sie uns etwas antun! Sie tuscheln schon, diese Sklaven, sie sinnen auf Erhebung, sie wollen uns töten, uns vernichten. Wir müssen die Verschwörungen eliminieren, wir müssen sie unmöglich machen!“ Offensichtlich war Seth wirklich wahnsinnig. Wieder die müde Stimme des Osiris. „Seth, ich möchte diese Opferungen nicht mehr. Ich bin krank, und es betrübt mich, wenn diese armen Menschen sterben müssen.“ „Musst Du Osiris immer quälen, Seth?“ das war wohl Isis, wenn nicht Hathaor oder Bastith in dem Raum waren. Die Stimme klang schwach, ein wenig weinerlich, wehleidig und abgrundtief müde, unbestimmt, verwaschen, abwesend. Beide waren scheinbar keine starken Persönlichkeiten, Seth hatte seine Geschwister offenbar gut im Griff. „Quälen? Wer quält ihn denn, nur er selber! Er ist ein Gott hier, er soll sich wie einer benehmen, der Schwächling! Nur weil er der älteste ist – ah, er neidet mir die Jugend, die Stärke! Er möchte mich zerstören, vernichten, wie alle anderen! Und Du, Isis, Du bist die schlimmste von allen! Du bist es doch, die den Bruder gegen den Bruder hetzt! Aus dem Weg, Osiris, verschwinde!“ „NEIN!“ Isis schrie gellend auf. „Seth, nicht! Osiris! OSIRIS!“

Ich sah zu Selketh, sie zu mir, wir nickten einander zu und stürmten durch den Vorhang, ich hielt die Axt feuerbereit. Mit einem Dolch in der Brust lag Osiris auf dem Boden, die Mütze war von seinem kahlen Kopf gerutscht. Am anderen Ende des Raumes fiel eine Tür zu, dort war Seth wohl gerade aus dem Raum gestürmt. Isis kauerte weinend neben Osiris auf dem Boden, Blut floss aus einer oberflächlichen Wunde an ihrem Oberarm, doch ernsthaft verletzt schien sie nicht zu sein. Wir liefen zu dem Paar, knieten uns ebenfalls neben dem Schwerverletzten, Selkeths Finger schwebten Millimeter über dem Körper des Osiris, dann schüttelte sie den Kopf und wandte sich Isis zu, umarmte die Frau tröstend und redete beruhigend auf sie ein, ich verstand kein Wort, aber den Tonfall kannte ich. Meine Gefährtin hatte leider recht, Osiris konnte von uns nicht mehr gerettet werden, auch wenn er gerade so noch lebte. Das Blut, das aus seinem Mund kam, wirkte schaumig, es war wohl die Lunge perforiert, der Atem pfiff Mitleid erregend. Er winkte mir, wollte noch etwas sagen, ich näherte mein Ohr seinem Mund. „Die Menschen sagen“ gurgelte er, „ein fliegender Mann habe Ahmhun getötet, Du kommst von draußen. Du?“ Ich nickte. „Ich habe Ahmhun getötet!“ bestätigte ich. „Gut“, röchelte Osiris. „Beschütze Isis und die Menschen, sonst hält Seth nichts mehr auf! Ich habe versagt!“ Langsam verwehte sein Atem, Osiris starb in meinen Armen, er umklammerte immer noch meine Hand. „Er ist doch unser Bruder, wie konnte er nur”, Isis schluchzte, ihre Schultern bebten, sie musste öfter einen Satz neu beginnen. „Wie konnte er nur Osiris töten! Er hat doch immer alles gemacht, um Seth und mich zu schützen. Wie ist das nur möglich?“ Selketh packte Isis an den Schultern und hielt sie auf Armeslänge von sich, ließ sie mit der Rechten los und tippte mit dem Mittelfinger auf ihre Stirn, dann legte sie die in sich Zusammensackende vorsichtig lang auf den Boden. „Sie hat einen kranken Kopf!“ konstatierte Selketh, ich starrte sie nur an, wo hatte ich diese Geste schon gesehen? Wann? In welchem Zusammenhang? „Was?“ fragte sie mich, ich schüttelte meinen Kopf frei. „Nichts! Sie ist wahnsinnig?“ Selketh verneinte. „Nur krank, ich mache sie gesund!“ Ihre Hand verharrte nahe der Stirn Isis’s, begann einen seltsamen Gesang. Dann tippte sie wieder auf sie Stirn der Kranken. „Isis wird jetzt schlafen, wenn sie erwacht, wird ihr Geist klar sein!“

„Ist es wahr? Man hat mir gesagt, der erhabene Seth habe die göttliche Mutter Isis und den großen Osiris getötet?“ ein Mann war händeringend in den Raum gekommen und näherte sich Selketh, mich hatte er im Schatten wohl gar nicht gesehen. Die Heilerin sah ihn an, nickte andeutungsweise. „Seth hat Osiris getötet, Isis ist nur verletzt, sie wird wieder gesund.“ „Was sollen wir jetzt nur machen?“ der Mann weinte hemmungslos. „Bringt Früchte für Deine Herrin! Sie wird hungrig und durstig sein, wenn sie erwacht!“ eine vernünftige Anordnung Selkeths, und es war erstaunlich, wie schnell der Diener sich einer neuen Autorität unterstellte, das Selbstbewusstsein und der Wille der Menschen in diesen Palästen war wohl auf das Nachhaltigste gebrochen worden. Ich konnte nur hoffen, dass der Prozess reversibel war, aber sehr groß war diese Hoffnung leider nicht, ich befürchtete das Schlimmste. Der Wusch, für Selkeths Sicherheit zu sorgen und das Bedürfnis, Seth zu verfolgen, kämpften in mir. Ich wusste nicht, was wichtiger war und entschloss mich schließlich für ersteres, auch weil Isis noch lange nicht in Sicherheit war. Dieser Psychopath konnte immer noch zurück kommen, um sein Werk zu vollenden und auch Isis zu töten. Auf leisen Sohlen schlichen Diener mit riesigen Tabletts, gefüllt mit Melonenscheiben, Kaktusfrüchten – wahrscheinlich aus dem Tiefland -, Datteln und Feigen herein und stellten sie vorsichtig auf dem großen Tisch ab. Ich erinnerte mich an die Worte von Cochnis, insgesamt hatte er nicht so Unrecht gehabt. Isis war ihren Geschwistern auf ungesunde Weise untertänig gewesen, und auch bei Seth lag er nicht falsch. Doch Osiris war einfach nur zu schwach gewesen, sich gegen Seth zu behaupten, und von zu vielen Medikamenten beeinträchtigt. Dieses Mal hatte er Mut und Stärke beweisen und seine Schwester-Gattin vor dem Zorn Seths beschützen wollen, das hatte ihn nun leider sein Leben gekostet. Selketh bediente sich an den Obstschalen, und auch ich griff zu. „Wie lange”, wollte ich wissen, „wie lange wird Isis schlafen?“ Mit ratloser Geste breitete sie ihre Arme aus. „Zwei Stunden? Drei? Sie war sehr krank, der Schmerz in ihr sehr, sehr groß. Sie muss erst mit ihren Dämonen kämpfen, bevor sie gesund wird. Sieh nur, wie sie schwitzt und zuckt, sie kämpft, und das dauert. Aha, bitte trage Sorge, dass wir nicht gestört werden, Isis benötigt meine Kraft und Hilfe!“ Während ich es mir auf einem Sessel bequem machte, die Axt feuerbereit auf die Tür gerichtet, sah ich aus dem Augenwinkel, wie Selketh sich auf ein Kissen setzte, ihre Fingerspitzen auf Isis’s Schläfen legte und leise zu summen begann, ein wortloses Lied.

*

Die Tränen der Isis waren getrocknet, ihre Augen wirkten lebendiger als am Tag vorher, sie schien gestraffter und lebendiger. Natürlich trauerte sie noch um Osiris, nahm aber doch mehr als je zuvor am Leben teil, beobachtete aufmerksam und dachte mit. Sogar der Muskeltonus hatte sich gebessert, sie wirkte straffer und Jahre jünger. Vier Stunden hatte die Heilung insgesamt gedauert, danach war sie weinend in einen ruhigen, erholsamen Schlaf gesunken. Von den Dienern, die ich vorsichtig befragte, hatten wir erfahren, dass Seth sofort nach seiner Tat aus dem Palast gestürmt und im Wald verschwunden war, wohin, konnte niemand sagen. Ich warf Horhus in die Luft, damit dieser den Flüchtenden suchen sollte, allerdings hatte ich wenig Hoffnung auf Erfolg. Außerdem wollte ich keine Vorsicht versäumen, daher postierte ich Sahmmet so, dass sie den Eingang zum Palast im Auge behalten konnte. Für meinen Teil rechnete ich fest damit, dass Seth irgendwann wieder aus dem Wald kam, um die Herrschaft über alles hier zu beanspruchen.

„Ich habe mein Leben wie in einem Traum verbracht”, erzählte uns Isis, nachdem sie erwacht war, sie hatte Essen bestellt und einen Boten zu Anoubis gesandt, dem Osiris versprochen hatte, seinem Leichnam einbalsamieren zu dürfen. „Ich kann mich an alles erinnern, früher habe ich aber alles nur wie durch einen dünnen Wasserfilm wahrgenommen, ich konnte mich nie wirklich zu etwas durchringen. Ich habe öfter gegen die Mauern meines Geistes gekämpft, war aber immer schnell wieder in mir selber gefangen. Ich weiß nicht, wie ich es besser ausdrücken soll! Da fällt mir etwas ein!“ Sie klatschte kräftig in die Hände und rief laut „Men Heper!“ Der Oberdiener, der vorher so untröstlich geweint hatte, betrat tief gebückt, den Blick zu Boden gerichtet, das Gemach. „Men Heper, ab sofort möchte ich, dass alle Diener aufrecht durch den Palast gehen, mit erhobenem Haupt. Dieses Kriechen möchte ich nicht mehr sehen, bitte!“ Der Diener richtete seinen Oberkörper gehorsam auf und blickte seine Herrin mit einem Gesicht an, das erstaunter nicht hätte wirken können. „Nächstes, Men Heper, befreie die zur Opferung vorbereiteten Sklaven und schicke sie nach Hause. Rufe alle Diener dieser Häuser zusammen, bewaffne sie und sag ihnen, sobald sie Seth sehen, sollen sie ihn gefangen setzen. Wenn er sich wehrt, darf jede Art von Gewalt angewendet werden. Diese Gewalt soll mit Seth ein Ende haben!“ Men Heper wirkte nicht mehr erstaunt, sondern entsetzt. „Herrin! Wie sollen wir einen Gott in Gefangenschaft bringen?“ „Weil Isis es befiehlt!“ hoheitsvoll hatte sich die Frau aufgerichtet, ihre Augen blitzten, sie strahlte plötzlich Stärke und Würde aus, hatte sich gefangen und zu sich gefunden. „Sobald Seth gefangen ist, soll jede Frau und jeder Mann entscheiden, ob sie oder er mir dienen will, bis dahin fordere ich noch Gehorsam! So will ich es, so soll es geschehen!“ Eine ganz neue Isis stand hier, eine solche hatten die Diener nie zuvor erlebt. „Was ist mit Bastith und Hathaor?“ fragte ich Isis, diese Künstlerinnen durfte ich über die Heilung von Isis nicht vergessen, leider erhielt ich keine informative Antwort. „Aha, ich war nie in ihrem Palast, sie niemals hier. Es tut mir leid!“

*

Das Hologramm, das die Kameraaugen von Horhus einige Tage später übertrug, war beinahe flimmerfrei und zeigte den Palast von Hathaor und Bastith. Isis nahm diese Bilder als selbstverständlich hin, Selketh war, verständlicherweise, zuerst erschrocken, das hatte sich aber schnell wieder gelegt. Immerhin war sie schon öfter Zeuge von meinen so genannten Wundern geworden, angefangen von einem fliegenden Boot bis hin zu einem Riemengeschirr, mit dem sie selbst geschwebt war. Der Palast der Künstlerinnen war, anders als der von Ahmhun oder Neith, nicht primär als Festung, sondern großzügig und lichtdurchflutet angelegt, geometrisch angelegte Gärten mit bunten Zierpflanzen, Teiche, Bäche, kleine Wasserfälle sogar. An einigen Stellen waren Statuen nackter junger Menschen, in Gruppen, teilweise in ‚pikanten’ oder gar eindeutigen Posen aufgestellt, doch dann hatte man Gewächse so um die Statuen gepflanzt und geschnitten, dass man das obszöne nur erraten, aber nie genau sehen konnte. Es war trotz der eindeutigen Posen schön, vielleicht etwas pompös, aber wirklich schön. Erotisch, aber nicht pornografisch. Auch die Diener machten nicht unbedingt einen unglücklichen Eindruck, sie waren nicht nur wohl genährt, man sah auch keine Spur von Misshandlungen, der ganze Palast strahlte Ruhe und Harmoniebedürfnis aus. „Das ist Bastith!“ Isis wies auf eine Frau, die nur mit einem Wickelrock bekleidet, auf ihrer Terrasse saß und einer anderen Frau zusah, die eben an einer Art Harfe zu arbeiten schien. Ihre blonden Haare umgaben das Gesicht wie ein lockiger Wasserfall, die mandelförmigen, ihrem Gesicht eine exotische Schönheit verleihenden Augen waren halb geschlossen, sie nippte ab und zu an einem Becher und streichelte den Oberschenkel des neben ihr mit einem Krug stehenden Diener, sie war der mollige Typ mit großem Busen und breiten Hüften. „Und das ist Hathaor!“ schwarzes Haar, zu einem Knoten hochgesteckt, ebenfalls nach südmediterraner Mode nur in einen Wickelrock gehüllt, das Gesicht etwas herb, doch nicht unsympathisch wirkend, sehr schlank, fast hager, mit nicht sehr ausgeprägten Rundungen.

Ich justierte das Richtmikrophon, nun konnten wir auch hören, was die zwei Frauen sprachen. „Basth, wenn Ahmhun wirklich tot ist, vielleicht ist dieser Vogelmensch auch hinter uns her, vielleicht möchte er auch uns töten!“ Bastith trank einen Schluck. „Ich erwarte es, er wird hierher kommen. Aber, soll ich mich jetzt nur noch angsterfüllt irgendwo verstecken? Wenn er kommt, dann kommt er, da können wir nichts daran ändern! Ich bin es leid, davon zu laufen, mich zu verstecken, ich genieße jetzt jeden Tag, als wäre es mein Letzter. Haben wir die letzten Monate nicht besser gelebt, als all die Zeit vorher unter all den Wahnsinnigen? Auch wenn dieser irre Seth jetzt jeden Monat sogenannte Opfer abholen möchte. Ich wollte, mir würde etwas einfallen, um das zu verhindern!“ Bastiths Hand wanderte höher. „Verdammt, Basth! Hohl Dir schon, was Du brauchst, vielleicht kann man dann fünf Minuten mit Dir reden, ohne dass Du an das Eine denkst!“ Hathaor wirkte leicht genervt, Bastith lachte und zog den Diener zu sich auf das Fell hinab. Es erschloss sich mir nicht ganz, warum man diese Frauen, wie Cochnis gesagt hatte, in die Klapsmühle gesteckt hatte. Konnte man bei Bastith vielleicht den Beobachtungen nach Nymphomanie vermuten, wäre das doch kein Grund, sie in eine Psychiatrische Anstalt zu sperren, es gab schon lange genügend gute Medikamente dagegen. Und wenn nicht, sie war nicht unbedingt eine Gefahr, eine Frau kann die meisten Männer verführen, ganz ohne Zwang und Gewalt. Wenn sie aussieht wie Bastith braucht sie zumeist nur zu fragen, und schon hat sie, was sie will. Natürlich ist eine Diagnose aus der Entfernung immer eine heikle Angelegenheit, das wissen Sie sogar besser als ich, Marie Anne, aber ich hatte bis jetzt nichts Wahnsinniges, nicht einmal sonderlich Unvernünftiges gehört, auch mein Extrasinn war, mit den üblichen Einschränkungen, mit der Diagnose einverstanden.

Hathaors Messer klapperte auf den Boden, die Frau zuckte, krallte ihre Hände in den Haarknoten, Bastith warf den Diener mir überraschender Kraft von sich und stürzte zu ihrer Freundin. Sie ergriff ein Tuch, das neben dem Sessel Hathaors gehangen hatte, schnell verdrehte Bastith dieses, zwang mit hartem Griff die Zähne Hathaors auseinander, zwängte das verdrehte Tuch dazwischen. Vier Diener waren herangestürzt, ergriffen die Gliedmaßen der Unglücklichen, deren Glieder sich in spastischen Krämpfen verzogen, versuchten die Arme und Beine einigermaßen zu fixieren, ohne einen Knochenbruch hervor zu rufen. Sie hatten keine leichte Aufgabe, doch immer mehr Dienerschaft beteiligte sich, offenbar hatten sie schon Erfahrung darin. Ein Anfall? Himmel, welches halbwegs fortschrittliche Volk sperrte Epileptiker in eine Anstalt? ‚Eines, die solch kranke Menschen nicht zur Kenntnis nehmen will und sie vor der Öffentlichkeit versteckt. Wo es eine Schande für die gesamte Familie ist, wenn ein Angehöriger krank wird! Wo nur ‚perfekte‘ Menschen akzeptiert werden.‘ Mein Extrasinn kombinierte. Nun ja, konnte sein, wahrscheinlich war es so. Auf Arkon hatte man Epilepsie mit Medikamenten gut in den Griff bekommen, außer bei der Flotte stand ihnen jede Beschäftigung offen. Es war rührend zu sehen, wie Bastith nun ihre eigenen Bedürfnisse total zurück stellte, um sich ihrer Freundin widmen zu können.

Endlich entspannten sich Hathaors Glieder wieder, sie zog das Tuch aus dem Mund. Ihr Körper war schweißgebadet, das Haar hatte sich gelöst, es musste, wenn die Frau stand, sicher bis zu den Kniekehlen reichen. Bastith winkte einigen Dienern, die mit großen Krügen und Unmengen Tüchern warteten, wusch Hathaor zärtlich das Gesicht, den Oberkörper. „Hallo, Schönheit! Willkommen zurück.“ Erschöpft lehnte Hathaor ihren Kopf an Bastiths Schulter und weinte hemmungslos, während die Blondine ihre Freundin fest umarmte und streichelte. Auch dieser Weinkrampf endete nach einiger Zeit, beide Frauen standen auf und Bastith küsste Hathaor auf den Mund. „Gehe ein wenig in Dein Zimmer, Liebes! Schlaf ein bisschen, dann sieht die Welt gleich wieder ganz anders aus!“ Hathaor nickte und ging, auf zwei Diener gestützt, ins Haus. „Folgt ihr, wenn wider erwarten etwas geschieht, holt mich. Ganz egal, womit ich beschäftigt bin und was ich tue. Und jetzt“, sie winkte einen Diener zu sich, „machen wir weiter, wo wir aufgehört haben.“

Ich wertete meine Beobachtung aus. Beide Frauen waren eher zu bemitleiden, als zu verurteilen. Ich wandte mich an Selketh. „Denkst Du, diesen Frauen kannst Du helfen, wie Du Isis geholfen hast?“ Sie hob die Schultern. „Nach den Bildern kann ich es nicht sagen. Ich muss schon in der Nähe sein, damit ich es fühlen kann.“ „Dann werden wir als nächstes nach Norden ziehen“, dachte ich laut nach, „und den Damen unsere Aufwartung machen! Aber zuerst möchte ich Isis in Sicherheit wissen. Solange Seth noch frei herumläuft, ich traue den Dienern nicht genug Mut zu, ihn wirklich abzuwehren.“ „Sie kann zu mir kommen!“ Anoubis hatte sich zu uns gestellt und alles gesehen. Sein Angebot musste ich jedoch ablehnen. „Auch Deine Diener sind, wie ich fürchte, nicht mutig genug. Vielleicht solltet ihr uns einfach begleiten, mit Sahmmet und Horhus in Verbindung mit unserer Bewaffnung wäre der Schutz Eurer Leben und Gesundheit am leichtesten zu bewerkstelligen. Ich möchte niemand zwingen, aber dringend dazu raten.“ Anoubis war schnell überzeugt, und auch Isis war für diesen Plan leicht zu begeistern.

*

„Bei diesem verdammten Wetter kann man nicht einmal sehen oder hören, wenn sich jemand anschleicht!“ knurrte ich verdrossen, rings um unsere schnell errichteten Zelten goss es in Strömen. Natürlich machte ich nicht ernsthaft Sorgen um unsere Sicherheit, sowohl Horhus als auch Sahmmet waren nicht auf optische Sichtweite angewiesen, sondern zusätzlich noch mit Infrarot-Sensoren ausgestattet, die jede Annäherung bemerken mussten, ich war ganz einfach missmutig.

Etwa sechs Stunden nach unserem Aufbruch hatte es zu nieseln begonnen, Selketh war in die Knie gesunken, hatte die Arme zum Himmel gestreckt, als wolle sie den Regen mit den Händen auffangen und ein Dankgebet gesprochen. „Hohe Göttin Nut, wir bedauern Deinen Schmerz und Dein Leid, doch wir sind dankbar, dass Du uns Deine Tränen schenkst, damit Ra das Gras im Boden des Geb wachsen lassen kann und uns und unserem Vieh Nahrung gibt, das Leben schenkst Du uns, wir danken Dir!“ Ich hatte unterdessen mit Anoubis und einigen Dienern begonnen, unsere Zelte aufzubauen, und nur wenig später hatte sich der Himmel gespalten, als hätte ein Schlachtschiff im Orbit das Feuer auf die Erde eröffnet. Lautes Donnergrollen hatte uns fast taub gemacht, wieder und immer wieder entluden sich die Wolken ihrer elektrischen Energie, grollte der Donner. Seit einer Stunde war das laute Gewitter vorbei, doch andauerndes Rauschen verriet die Stärke des anhaltenden Regens. Die Temperatur war auf gerade einmal 21, vielleicht 22 Grad gesunken, wir wärmten uns an einer kleinen Energiezelle und ich murrte, war komplett unzufrieden mit unserer Situation. Dabei waren wir besser dran als unsere Dienerschaft, die versuchen musste, sich mit kleinen Feuern zu behelfen. Dunkelheit umgab uns, als die Nacht anbrach und das Mondlicht die Wolkendecke nicht durchdringen konnte, nur meine Lampe brachte freundliches Licht in unser Zelt. Isis regte an, dass wir uns in unsere Pelze wickeln sollten, um bis zum Morgen zu schlafen, an eine Fortsetzung unserer Reise war ohnehin nicht zu denken. Ich murrte und brummte noch ein wenig, aber der Vorschlag war wirklich gut, also holten wir unsere Felle hervor, Selketh kuschelte sich eng an mich, so schlief ich dann endlich grummelnd ein.

Als ich erwachte, war es still, kein Geräusch zu vernehmen. Ich sandte einen kurzer Impuls an Falke und Löwe, beide bestätigten unsere Sicherheit. Nun, mich drückte meine Blase, ich musste mir eiligst einen Baum suchen, also kroch ich aus dem Zelt und entfernte mich ein wenig vom Lager. Es gibt eben Regeln für ein sauberes Lager, die einem besser in Fleisch und Blut übergehen sollten, auch wenn es nur eine Rast für eine Nacht war. Die Wolken hatten sich wieder komplett verzogen, Nut, der Sternenhimmel zeigte sich in prachtvoller Schönheit und das fahle Licht des Mondes leuchtete mir. Die schwarzen Silhouetten der in dieser Gegend vorherrschenden Zedern mit ihren kerzengeraden Stämmen umgaben mich, einzig meine Schritte waren zu hören. Da, rechts von mir, ein leises Zirpen, allmählich wurde es heller, die ersten Sterne verblassten, ein erster Vogel erwachte, die Feuchtigkeit des Boden verwandelte sich in leichten Nebel, der die Landschaft mystisch erscheinen ließ. Der Himmel färbte sich tiefviolett, wie meist in dieser Gegend, ehe die Sonne über dem Horizont erscheint. Ich war ins Lager zurückgekehrt, blieb aber im Freien stehen und genoss jene Stimmung, die jeden Tag nur kurz dauert, wenn die Helligkeit das Dunkel ablöst. Selbst alte Raumfahrer können sich dieser Magie selten entziehen, das Erlebnis ist einfach zu schön und trifft mitten ins Herz. Mehr und mehr Vögel stimmten in das Konzert ein, das Lager erwachte zum Leben, immer mehr Männer suchten einen Baum auf, während die Damen halbwegs Gebüsche vorzogen. Wie gesagt, dieser besondere Zauber des Sonnenaufgangs verfliegt immer viel zu schnell, umso kostbarer sind die Momente, die man erleben darf.

Allerdings begann ich mich schmerzhaft nach einer großen Schale heißen Kaffees zu sehnen, doch leider war die Kunst, die Bohnen dieser Pflanze in ein Getränk zu verwandeln, mit den Arkoniden untergegangen. Es sollten noch einige tausend Jahre vergehen, ehe ich wieder in diesen Genuss kam, aber zum Glück verschlief ich einige davon. Ja, Bully, sogar die meisten. Nun, Kräutertee war besser als nichts, und Selketh hatte einige Säcke von ‚Sanfte Hände’ mitbekommen, auch im Haushalt der Isis war darauf nicht verzichtet worden, bald kochte in einem großen Kessel genug Wasser, um uns alle, inklusive der Diener, mit halbwegs anregendem Heißgetränk zu versorgen. Dazu Brot! Frisches, ungesäuertes Fladenbrot mit gelber, fetter Butter dick bestrichen! Marie Anne, sie wissen nicht, welche Köstlichkeit ein Stück Brot darstellt, wenn man längere Zeit darauf verzichten musste. Darüber vergaß ich sogar den Kaffee.

Bumm, bummbumm, Trommelschläge hallten durch den Morgen, Isis, Anoubis und die Diener lauschten gespannt, das Gesicht der Isis zeigte bald Schreck und tiefe Trauer. „Seth ist zurück gekommen und hat den Leichnam von Osiris geschändet, in vier Teile geschnitten und nach jeder noch übrigen Burg einen Teil geschickt, er fordert alle auf, in seinen Palast zu kommen und ihm als Gottkönig zu huldigen. Sonst will er die ‚unbotmäßigen‘ mit Krieg und Kampf überziehen, bis er jeden Widerstand gebrochen hat!“ „Bei Neith wird er sich wohl die Zähne ausbeißen“, knurrte ich, „und dass Anoubis bei uns ist, hat man ihm auch nicht gesagt. Wir sollten uns beeilen, Bastith und Hathaor zu erreichen. Weder der Palast noch die Frauen sind erfolgreich zu verteidigen, sie werden sich unterwerfen müssen. Was bei einem Mann wie Seth leider keine Garantie darstellt.“ Wieder einmal wurde es nichts mit einem gemütlichen, genussvollem Frühstück. Es war direkt Sünde, dieses köstliche Brot so schnell zu verschlingen und mit dem Tee nachzuspülen, aber es zog mich einfach weiter, ich hatte es plötzlich sehr eilig. Zuerst die Pflicht!

Wir erreichten den Palast gegen Abend, im Hintergrund vernahmen wir das immer noch aufgewühlte Meer, wie es donnernd gegen die Klippen schlug. Hier war der Wald beinahe parkähnlich gelichtet, die beiden Frauen liebten ganz offensichtlich die Ästhetik. Auch bei diesem Palast waren die Grundmauern aus Stein errichtet, über denen sich eine hölzerne Konstruktion erhob. Doch wo die Burg des Ahmhun düster und klotzig gewirkt hatte, Neiths Festung stark und sicher, wirkte diese Behausung luftig und irgendwie zart, mit Blumenschmuck und Bemalung. Es war ein schöner Palast, nur Sicherheit vor einem Angriff konnte diese offene Konstruktion leider nicht bieten, nicht einmal, wenn bewaffnete Diener, gute Kämpfer zur Verteidigung bereits gestanden hätten. Leider hatten die Damen nicht einmal diese, das machte sie sympathisch, aber angreifbar.

Die Diener von Bastith und Hathaor hatten unseren Zug natürlich schon aus einiger Entfernung kommen sehen, und auch Isis und Anoubis erkannt. Die beiden Frauen erwarteten uns in einem großen Raum, der Boden mit einfach gewebten, doch weichen Teppichen belegt, wohl Produkte des von Neith eingeführten Webstuhls. Der Tisch in der Mitte war für vier gedeckt, an den Wänden waren Tische und Stühle genug für alle Diener des Hauses und die mit uns gekommenen Dienstboten und Träger. Isis schob Selketh und mich nach vorne, ihr neues Wesen gefiel mir recht gut. „Ich möchte Euch zwei Menschen vorstellen! Dieser Weißhaarige ist Aha, er hat Ahmhun getötet und bestraft, die Frau an seiner Seite ist Selketh, eine Heilerin. Sie hat mich geheilt!“ „Wovon?“ Bastith verschlang mich mit den Augen, Isis grinste freudlos. „Den Namen weiß ich nicht, aber ich kann jetzt für mich denken und entscheiden! Das finde ich eine angenehme Entwicklung!“

„Hm.“ Bastith schritt um mich herum, musterte jeden Zoll meiner Erscheinung, während Hathaor befahl, noch zwei Gedecke und Stühle für den mittleren Tisch zu beschaffen. Vor mir blieb sie stehen, blickte mir tief in die Augen. „Bist Du gekommen, auch uns zu töten, Aha, der Rächer? Dann tu’s gleich, und bitte schnell!“ Hathaor trat neben sie und umarmte Bastith. „Uns!“ sagte sie nur. Ich hielt ihrem Blick stand. „Warum glaubt ihr, den Tod zu verdienen?“ fragte ich leise. Bastith schloss die Augen und flüsterte. „Wir sind nicht der Norm entsprechend. Reicht das nicht?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Euer einziges ‚Verbrechen‘ besteht darin, dass Ihr Seth gegenüber zu schwach wart und ihm seine Opfer überlassen wolltet. Gleichzeitig erkenne ich aber auch Eure Machtlosigkeit an. Ihr behandelt die Menschen halbwegs gut und seid nicht Grausam. Ich erkenne kein todwürdiges Verbrechen wie bei Ahmhun, dem sadistischen Mörder! Oder quälst Du die Männer, denen Du Dich hingibst, oder tötest sie sogar?“ Bastiths Gesicht verzog sich, als hätte sie etwas widerwärtiges gegessen. „Natürlich nicht!“ rief sie. „Der Gedanke ist Ekelerregend! Das ist ja krank… oh! Wir sind wieder am Anfang. Hathaor und ich sind auch krank, also bitte, quäle uns nicht!“ Beide Frauen umarmten und küssten sich, stellten sich dann Hand in Hand, stolz aufgerichtet ihrem vermeintlichen Schicksal. Ich trat ostentativ einen Schritt zurück. „Vielleicht seid Ihr krank, aber Ihr zwei seid nicht gefährlich.“ „ Möglicherweise kann Selketh Euch ebenso heilen wie Isis!“ mischte sich Anoubis, der Harmlose eifrig ein. „In einem neuen Leben, Anoubis? Wirst Du uns einbalsamieren, damit wir eine neue Chance bekommen?“ „Hier und jetzt!“ Selketh trat einen Schritt vor, ihre rechte Hand schwebte, die Fingerspitzen Millimeter entfernt, zuerst vor Hathaors, dann vor Bastiths Gesicht, beide Frauen wichen nicht zurück. „Hathaor kann ich nicht vollständig heilen! Sie wird immer wieder gegen die Dämonen im Gehirn kämpfen müssen, aber nicht so oft und nicht so heftig! Bastith denke ich, wird gesund.“ Hathaors Augen füllten sich mit Tränen. „Dann heilt sie, damit sie mit einem Mann glücklich werden kann!“ Sie riss sich los und wollte davon gehen, Bastith riss sie zurück. „Auf unsere Liebe verzichten? Eher will ich sterben! Tu Dein Werk, Aha!“

Ich muss wohl ganz schön bescheuert geschaut haben, auf jeden Fall fühlte ich mich so. Dass diese Frauen eine innige Liebe verband, war nicht zu übersehen gewesen, schon auf den Übertragungen der Drohne konnte man es erkennen. Dass sie diese Liebe aber als krankhaft und todwürdig betrachteten, sagte einiges über die Gesellschaft, aus der sie kamen. „Bei allen Göttern und Dämonen des Universums!“ brach es aus mir heraus! „Es will doch keiner Eure Liebe zueinander heilen, das wäre nicht nur unmöglich, es wäre ein Verbrechen! Liebe, egal welche, darf man doch nicht zerstören, seid glücklich, macht, was immer Ihr wollt miteinander! Mich schert es nicht, außer dass es mich freut, wenn jemand glücklich sein darf! Es geht um Hathaors Epilepsie und um Bastiths Nymphomanie! Das wollte Selketh heilen, und wenn ihr wollt, dann wird sie es! Dann findet Eure Liebe vielleicht auch endlich körperliche Erfüllung! Also, soll Selketh es versuchen?“ Hathaor sank zuerst kreidebleich kraftlos auf die Knie, dann ohnmächtig zu Boden. Sofort war Selketh bei ihr, legte sie bequemer hin und begann ihr Ritual, besorgt von Bastith und überaus interessiert von Anoubis beobachtet. „Ich muss mir unbedingt Notizen machen!“ flüsterte er aufgeregt. „Das ist ja noch besser als Mumifizierung!“ Isis winkte den Dienern. „Bereitet frischen Fruchtsaft, rührt Honig und rohe Eier hinein, in”, sie sah mich fragend an. Ich hob die Schultern und ergänzte: „Macht den Saft sofort und haltet die Eier bereit. Wir sagen Euch dann Bescheid.“ Natürlich gab es immer noch keinen Kaffee, aber ich ging zu dem gedeckten Tisch, schnitt mir eine Hühnerbrust klein, wickelte sie mit etwas Grünzeug und Käse in ein Fladenbrot und biss genussvoll hinein. Zufrieden kauend überlegte ich meine nächsten Pläne.

Am sinnvollsten erschien es mir, sofort, nachdem Selketh ihr Werk vollendet hatte, zu Neith aufzubrechen. Da Neith über eine richtige Festung verfügte, wo ich hoffte, die Fremden zwischenzeitlich unterbringen zu können, bot diese Lösung für mich die Möglichkeit, aktiv gegen Seth vorzugehen, anstatt ständig passiv zu warten, bis er in Reichweite kam. Ich konnte Bastith und Anoubis von der Wache an Hathaors Genesungslager längere Zeit nicht fort bringen, um mit ihnen diesen Plan zu besprechen, doch endlich musste sie die Dringlichkeit in meiner Stimme überzeugt haben. Die drei Fremden hatten einige Einwände, die vor allem Neiths Reaktionen betrafen, niemand schien der Frau so viel Solidarität zuzutrauen. Nun, ich dachte in diesem Punkt anders. Auf mich hatte die Frau unglücklich gewirkt, aber ihre Einstellung Hilfsbedürftigen gegenüber hatte sie bewiesen, als sie sich weigerte, Seth die verlangten Opfer zu übergeben. Ich rechnete. Wir hatten uns sehr beeilt, die Boten, die Seth ausgesandt hatte, waren etwa einen Tag hinter uns. Die Weigerung, sich zu unterwerfen, konnte erst in zwei, vielleicht drei Tagen bei ihm eintreffen, würde er dann sofort losziehen können. Und, gegen wen zuerst? Wahrscheinlich gegen Neith. ‚Was ist, wenn er von Neiths Weigerung ausgeht und bereits unterwegs zu ihr ist?‘ Hemutag segne den Extrasinn, natürlich! Sofort sandte ich Horhus aus, er sollte den Weg zwischen Neiths Festung der Seths ausspähen. So wirklich rechnete ich zwar nicht damit, dass er schon sehr weit sein konnte, aber Vorsicht war immerhin geboten. Er konnte durchaus bewaffnete Männer bereit stehen haben, nicht sehr wahrscheinlich, aber möglich.

Ich holte meinen Gleiter mittels Fernsteuerung und verfluchte mich innerlich. Warum hatte ich nicht früher daran gedacht und mir die verregnete Nacht im Zelt erspart? ‚Weil Du Camping liebst, genau wie das Abenteuer! Und weil Du bei Selketh Eindruck schinden willst!‘ Sicher wollte ich das, aber die Reise hierher wäre auch mit dem Gleiter Eindrucksvoll genug gewesen. Ich legte also die schlafende Hathaor in den rasch mit Teppichen ausgepolsterte Bootsrumpf, Selketh schwang sich dazu, die Genesung weiter überwachend. Auch Isis, Bastith und Anoubis fanden noch Platz, wenn auch nur auf engstem Raum aneinander gedrängt. Sahmmet erhielt den Befehl, schnellstmöglich auf dem Landweg zu Neiths Burg zu laufen, sich zu verstecken und dort auf weitere Befehle zu warten.

*

Wir näherten uns Neiths Festung von der Klippenseite, ich blendete die Scheinwerfer in voller Stärke kurz auf, damit man uns bemerkte. Es dauerte auch nicht lange, bis die stolze Kriegerin auf der Plattform erschien, gehüllt in das schwarze Dress, mit dem sie die Kampfübungen geleitet hatte. Sie schritt hoheitsvoll über das schwarz-weiße Schachbrettmuster der Terrasse auf den gelandeten Gleiter zu, eine Lanze in beiden Händen. „Habt Ihr es endlich geschafft, Materie zu bewegen und wollt uns nun wieder einfangen und wegsperren? Meinetwegen kommt, diesmal werde ich nicht ergeben mitgehen und in einer Zelle voll Betäubungsmittel dahin dämmern! Ich sehe, ein paar von uns sind schon im Boot, aber mich bekommst Du nicht freiwillig! Lass mich in Ruhe oder bring mich um!“ Ich sprang aus dem Gleiter, half Isis und Hathaor heraus und ging ihr mit erhobenen Händen entgegen.

„Ich komme nicht aus Deiner Heimat, Neith, und ich habe nicht vor, Dich oder irgend jemanden irgendwo hin zu bringen.“ Neith blieb stehen und musterte mich. „Du siehst tatsächlich anders aus. Der ‚Ewige Staat’ würde keinen Albino schicken, er würde ihn zu uns sperren. Du bist Aha, der Ahmhun getötet hat?“ „Der bin ich und das habe ich!“ bestätigte ich. „Nicht schade um die Bestie. Warum bringst Du meine“ sie machte eine abschätzige Bewegung, „Freunde zu mir?“ „Du hast von den Trommeln gehört, was Seth getan hat und was er will?“ Dieses mal war Neiths Verachtung unübersehbar. „Scheinbar ist es ihm nicht gelungen, auch Isis zu ermorden! Ja, ich erwarte seinen Boten morgen zur Mittagstunde, falls er nicht selber kommt. Mit einer bewaffneten Horde, denn allein wagt sich der Feigling sicher nicht mehr in mein Gebiet! Ach, ich soll wohl meine ‚Leidensgenossen‘ bei mir aufnehmen? Meinetwegen, ich lasse Euch Zimmer anweisen. Weil ich Aha zu Dank verpflichtet bin, er hat Ahmhun getötet und die Welt von einem Monster befreit!“

„Kannst Du auch dafür sorgen, dass Hathaor in einen Raum getragen wird?“ bat ich noch. „Macht es”, wandte sie sich an zwei ihrer Diener. „Hat sie wieder einen Anfall? Sie krampft aber nicht!“ Ich zeigte ihr meine leeren Handflächen. „Kann sein, dass Selketh, also die Frau bei ihr, das Leiden mildern kann. Seltener und weniger ausgeprägt sollen die ‚Kämpfe mit den Dämonen in ihrem Kopf’ werden. Und sie hat bei Isis gute Erfolge erzielt, wie Du sehen kannst, jede Verbesserung ist für den Betroffenen ein Segen. Auch Bastith möchte es versuchen. Neiths Blick wurde weich und sehnsüchtig. „Meinst Du, sie kann auch mir…?“ „Wir fragen Sie!“ versprach ich ihr, sie sah mich an, ihr Blick wurde wieder hart und entschlossen. „Komm mit, Aha, wir müssen einiges bereden, Seth wird nicht lange auf sich warten lassen. Ein Schritt nach dem Anderen. Es nützt nichts geheilt zu werden und dann zu sterben! Oder während des Wartens getötet zu werden.“ Dagegen konnte nicht einmal mein Extrasinn Einspruch erheben.

*

Neiths Haus war von Innen betrachtet ein ganz anderes Bauwerk, von Außen waren nur winzige Luftlöcher in den ersten beiden Stockwerken, das Tor im oberen ausgenommen, die einzigen Öffnungen, und dieses Tor war nur durch eine schmale Treppe zu erreichen. Darüber und an den Ecken erhoben sich wuchtige Türme mit Brustwehren, hinter denen Bogenschützen gute Deckung fanden. „Schade, dass der Zedernwald so nahe ist!“ brummte ich, als die Sonne riesig und blutrot, wie beinahe immer in diesen Breiten, im Osten hinter den Zedern aufging und die Festung in jene seltsame Stimmung hüllte, die den Morgenstunden oft eigen ist. Was vor einigen Tagen positiv gewesen war, als Selketh und ich die Burg beobachteten, war nun Seths Vorteil. Neith hob ihre Schultern. „Mir war es wichtiger, Felder und Weiden zu schaffen. Auf die Dauer ist Jagd keine ausreichende Lebensgrundlage für etwas ähnliches wie eine Zivilisation. Zu unsicher. Außerdem dachte ich, Osiris könnte den Psychopathen ein wenig länger zügeln.“ Neith lehnte neben mir an der Brustwehr des mittleren Turmes. „Ich war froh, hier zumindest einige Bäume gefunden zu haben, aus denen ich eine Lasur mit feuerhemmenden Eigenschaften gewinnen konnte. Vor Brandpfeilen sollten wir halbwegs sicher sein.“ Meine Hochachtung vor dieser intelligenten und tüchtigen Frau stieg, sie hatte einiges zu ihrer Verteidigung unternommen.

Innen wirkte das Bauwerk hell und freundlich, weniger wie eine Festung, mehr wie ein Landhaus. Vor den großzügig dimensionierten Fenstern und Türen waren Arkadengänge angelegt, große Tontöpfe enthielten blühende Pflanzen. Wie auch die große Plattform war auch im Hof der Boden im Schachbrettmuster angelegt, die Wände weiß gekalkt, die Fenster- und Türläden aus schräggestellten Holzlamellen waren blau gefärbt, um Insekten fern zu halten. Es funktioniert tatsächlich, Marie Anne. Nicht zu hundert Prozent, aber in den südlichen Ländern ist schon eine Halbierung ein Segen.

In den Räumen standen einfache, aber gemütliche Möbel, mit langhaarigen Teppichen belegt, auf den Fußböden lagen kurz geschorene, alles wurde unternommenen, um die Behausungen wohnlicher zu gestalten. Es war zwar keine liebliche, verspielte Atmosphäre, wie sie bei Bastith und Hathaor geherrscht hatte, aber eine angenehme. Die Menschen befolgten Neiths Befehle, die Dame hatte durchaus Haare auf den Zähnen und konnte hart wie Stahl sein, ihre Anweisungen hatten aber stets Hand und Fuß. Ihre Untergebenen hatten aber auch, wie ich feststellen konnte, durchaus freie Zeit zur Verfügung und fühlten sich von Neith nicht unterdrückt, sondern eher geleitet und beschützt. Eine Frau zeigte mir auf unserer Besichtigungsrunde stolz ihr Heim, die Teppiche hatte sie selbst geknüpft, das abstrakte Muster selbst ersonnen. Auch die Stoffkleidung der Bewohner dieser Burg waren bei diesem Wetter um vieles angenehmer als Leder, obwohl es doch nur ein knielanger Rock war. Auf individuelle Muster der Webereien waren viele Leute besonders stolz, gefärbt wurde mit pflanzlichen und mineralischen Farben, zwar noch etwas blass zumeist, aber ein Anfang war gemacht, Kleidung nicht nur als Schutz, sondern auch als Schmuck zu sehen.

Jeder Untertan der Neith war stolzer Besitzer eines Speeres, eines Schildes und einer Keule, sie waren keine Sklaven, sondern freie Frauen und Männer, die zum Wohle aller arbeiteten und kämpften, aber dafür auch vieles zurück bekamen. Viele waren auch stolz auf den Bogen, den sie besaßen, und ihre Fertigkeit im Umgang mit demselben. Große Mengen an Pfeilen waren in mit Pech wasserdicht gemachten Körben an den Brustwehren gelagert, stets war man auf einen Überfall vorbereitet. Besonders froh war Neith über ihren Brunnen, sie hatte hier einen Tümpel mit Quelle entdeckt und ihre Burg darum konstruiert, große Lagerräume für Nahrungsmittel inklusive. „Leider habe ich nur die Möglichkeit, Fleisch durch Kochsalz haltbar zu machen”, hatte mir Neith erklärt. „Ich bin weder historisch noch biologisch sonderlich gebildet, aber über das Pökeln wusste ich Bescheid. Also war mir auch klar, dass ich im Falle einer Belagerung viel Wasser brauchen würde, Salz mach durstig!“ Sie legte mir die Hand auf die Schulter und drehte mich frontal zu sich selbst, sah mir tief in die Augen. „Du bist anders als jeder Mann, den ich kennen lernen musste, Aha! Vielleicht wäre mit einem Mann wie Dir der Fluch von mir genommen worden. Es sollte nicht sein.“ Sie zeigte ein winziges Lächeln. „Ich sehe, Selketh hat in Deinem Herzen bereits zu viel Platz eingenommen, als dass für mich noch etwas frei wäre. Schade, Aha.“ Sie küsste mich sanft auf die Wangen und ging davon. „Kümmere Dich gut um Selketh!“ rief sie mir noch über die Schulter zu, dann war sie über die Treppe verschwunden und ließ einen leicht verstörten Arkoniden – also mich – zurück.

Als die Sonne knapp vor Mittag stand, hatte Selketh ihre Heilung Hathaors beendet und völlig erschöpft um eine ausgiebige Mahlzeit gebeten, danach ein heißes Bad und ein weiches Bett. Neith ließ gerne alles bereitstellen, dann leisteten wir ihr während des Essens Gesellschaft. Danach entschuldigte sich Selketh, um die Badewanne aufzusuchen. Später holten mich dann einige Diener, die für Nachschub an heißem Wasser gesorgt hatten, ich fand Selketh tief schlafend im Badezuber. Vorsichtig hob ich sie aus dem Wasser und brachte sie in ihr Zimmer, legte sie zärtlich auf das weiche Lager und bedeckte sie mit einem weichen Tuch. Nur einmal erwachte sie halb, murmelte etwas unverständliches, drehte sich auf die Seite und schlief weiter. Ich rückte mir geräuschlos einen Stuhl zurecht und beobachtete lange die Schlafende, die Brust war mir eng, als ich an das unvermeidliche Ende dachte. Wie lange konnte diese Frau meine Wege noch begleiten? Egal, es wäre immer zu kurz. Trotz dieses Wissens spürte ich, wie in mir die Liebe zu dieser Frau erwachte. Nicht Begehren, das hatte ich durchaus empfunden, und empfand es noch. Aber da war noch mehr. Viel mehr! Auch Neith hatte es ganz richtig bemerkt. Und ich überdachte unsere Situation noch einmal im Rückblick. Nun, ich hatte Osiris nicht retten können, war aber entschlossen, es bei den anderen zu schaffen. Wenn Selketh sie alle tatsächlich heilen konnte und der unheilvolle Einfluss Seths wegfiel, sich dafür Neiths Gerechtigkeitswille auch bei den anderen durchsetzte, dann konnten sie meinetwegen am Leben bleiben, bis ihre biologische Uhr ablief. Ich war sicher, dass Rico bereits neue getarnte Drohnen am Start hatte, mit deren Hilfe ich die Aktionen auf dem Plateau überwachen konnte.

Bisher war ich nach Ahmhuns Ende tatsächlich eher Selkeths Bodyguard gewesen, ihr Leibwächter, die tatsächliche Arbeit hat sie geleistet. Egal, Leben zu erhalten und Gesundheit zu spenden war jedenfalls besser, als sie alle auszulöschen und zu töten. Und das war es wohl, warum ich mich in Selketh verliebte, sie war eine dieser Menschen mit den großen Herzen.

Was fragen Sie, Marie Anne? Warum ich bereit war, terranischen Menschen die Opferung eines Mitmenschen nachzusehen und das Gleiche bei fortgeschrittenen Spezies als riesiges Verbrechen empfand? Das ist eine gute Frage, Marie Anne. Zuerst wurden den Göttern Bilder geopfert, man versuchte die gejagten Tiere gnädig zu stimmen und bedanke sich auch, dass sie zum Wohl des Jägers starben. Dann opferte man eine Garbe des Getreides, oder Beeren, die man fand. In einer Kultur in Mesoamerika sogar Gold. Irgendeinem A… – einer Person war wohl aufgefallen, dass einem ‚Priester‘ durch das Opfer Macht verliehen wird, und je höher das Opfer ausfällt, umso größer die Macht über die Masse! Ich glaube nicht, dass damals die Springer oder jetzt die Fremden die allein Verantwortlichen sind, dass Menschen als Opfer getötet wurden, aber sie haben die Morde im Bewusstsein einer unrechten Tat begangen, das ist Mord aus Habsucht. Die primitiven Barbaren mussten dieses Bewusstsein erst entwickeln, darum war ich bereit, weniger streng zu urteilen. Das ist alles.

*

Ich stand auf der Terrasse von Neiths Palast und genoss den Sonnenuntergang von meinem Standort weit über der Savanne. Es herrschte eine hervorragende Weitsicht, die Landschaft wirkte von hier oben betrachtet wie ein grünes, wogendes Meer, das von den dunklen Leibern der Tiere geteilt wurde und sich hinter ihnen wieder schloss. Der glutrote Ball der Sonne berührte den von hier aus flach wirkenden Horizont, eine riesengroße Scheibe, teilweise von Wolkenfetzen verdeckt, sank tiefer und tiefer, bis auch das letzte Stück unter dem Horizont verschwunden war.

Wie erwartet war der Bote Seths gekommen, hatte sein abstoßendes Paket und seine Botschaft überbracht, sie hatte uns nicht überrascht! Komm oder stirb, und von Neith geschickt befragt, hatte der Mann ausgeplaudert, dass niemand mehr auf seine eigene Besitzung zurückkehren sollte. Alle ‚Götter‘ sollten im großen Haus wohnen und von dort die Welt beherrschen. Neith hatte auf meinen Rat fürs Erste auf Zeit gespielt, eine krankheitsbedingte Reiseunfähigkeit Hathaors vorgeschützt und Seth statt dessen in ihren Palast eingeladen, um gemeinsam das Weitere zu besprechen. Mit wohlgesetzten Worten, welche die Möglichkeit einer Unterwerfung nicht ausschlossen.

Auch wenn Seth ein Mörder war, widerstrebte es mir zu diesem Zeitpunkt, ihn einfach zu töten. Ahmhun war ein anderes Kapitel gewesen, ein Sadist ist nicht therapierbar, doch war Seth vielleicht doch noch zu retten? Ich wusste, dass ich viel von Selketh erwartete, aber wenn es bei Isis und Hathaor funktionierte, und wenn auch Bastith und Neith ein normales Leben winkte, warum nicht auch Seth? Ich ging wieder in mein Zimmer und rief die Bilder von Horhus ab, der dem Boten folgte. Nun, da es Nacht wurde, erwartete ich, dass der Mann ein Nachtlager aufschlug, und tatsächlich hatte er bei Anbruch der Dämmerung ein Lager aus einer Lederdecke und zwei Stöcken aufgeschlagen und sich in eine Decke gewickelt. Wahrscheinlich wollte er mit den ersten Sonnenstrahlen wieder aufbrechen, also programmierte ich den Falken auf Weckruf. Sobald der Bote unterwegs war, wollte ich Bescheid wissen, ich wollte unbedingt dabei zusehen, wie die Botschaft Neiths überbracht wurde.

Nach etwa sieben Stunden Tiefschlaf war Selketh erfrischt, aber hungrig erwacht, Neiths Koch hat rasch einige Stücke Rindfleisch gebraten und etwas Gemüse zubereitet, das ganze mit Fladenbrot belegt und dazu einen großen Krug Bier gestellt. Auch Hathaor hatte, von Bastith bewacht, geschlafen, danach hatten sie erkennen können, dass weder Hathaors Persönlichkeit noch die Gefühle für einander angetastet wurden. Hatten sie uns vorher nur der Not gehorchend vertraut, so tauten sie langsam auf und suchten den Kontakt zu uns, aber auch zu Neith, der sie für die Zuflucht durchaus dankbar waren. Die stolze Kriegerin verlor sogar ein wenig von der Verachtung, die sie für die ‚Schwächlinge’ gezeigt hatte. Besonders Isis erwarb sich nach und nach im Laufe des Tages ein wenig ihre Achtung, die neue Persönlichkeit packte an, lieferte Informationen und so manche gute Idee.

Nachdem einer Heilung oftmals ein längerer Schlaf folgte, beschlossen wir, die Versuche von Bastiths und Neiths Behandlungen auf den nächsten Tag zu verschieben. Die Ankunft des Boten in Seths Palast wollten wir alle nicht versäumen, auch Selketh wollte sie beobachten. Eine, wie ich fand, durchaus vernünftige Entscheidung, jedem von uns konnte etwas Wichtiges auffallen, und besonders Neith war eine aufmerksame Beobachterin. Hathaor und Selketh benötigten auch noch ein wenig Ruhe und so verbrachten wir den Tag mit essen, trinken und viel miteinander reden.

Gegen Abend näherte sich der Bote Seths seinem Ziel, der künstliche Falke flog vor und suchte sich, von der Nanotronik gesteuert, einen guten Platz für die Übertragung. Die große Halle des dreifachen Palastes war mit Feuertöpfen gut erhellt, das flackernde Licht erweckte das pompöse Dekor aus geschnitzten Reliefs zu einem unheimlichen Leben. Dieser Wandschmuck zeigte überlebensgroße monströse Gottheiten, die ihre menschlichen Opfer auf mannigfaltige, aber immer grausame Art töteten. Ein blutroter Streifen im ansonsten weißen Boden führte vom Eingang zu einem dreifachen Thron, links und rechts des Weges waren Fackelhalter aufgestellt, das meiste Licht aber fiel auf die drei Personen auf dem Thron, Seth, ihm zur Seite eine große Frau mit harten, kalten Gesichtszügen und stechenden Augen, ihr langes Haar schmückte ein goldenes Diadem, das den Kopf eines Pavians mit aufgerissenem Maul und gebleckten Zähnen zeigte, die Augen waren aus Rubinen. Ihr ebenfalls goldener halbmondförmiger Halsschmuck bedeckte teilweise ihren kleinen Busen, das lange, aber schmale Tuch, das von einem Gürtel um ihre überschlanke Taille fiel, bedeckte zwar ihre Scham, enthüllte jedoch kräftige, durchtrainierte Beine bis hinauf zur Hüfte. Dieser Gürtel bestand aus ineinander verwobenen winzigen goldenen Kettengliedern, eine bewundernswerte Handwerkskunst. Ihre Sandalen aus rot gefärbtem Leder waren mit weißen Nähten und Golddraht verziert. Besonders auffallend an dieser Frau waren ihre überlangen, spitz zugefeilten, blutrot gefärbten Fingernägel. An seiner anderen Seite, ebenso gekleidet, das Diadem mit ausgebreiteten Vogelschwingen verziert – Isis?

Wir schauten uns nach ihr um, sie stand, wie nicht anders zu erwarten, neben uns, jetzt kreidebleich im Gesicht. „Wo- wo kommt Naphthys her?“ stammelte sie, völlig schockiert. „Ich habe sie hier noch nie gesehen!“ „Naphthys?“ fragte Neith, „ich habe den Namen noch nie gehört!“ Die Schultern von Isis sackten nach unten, ihr Kopf fiel nach vorne. „Naphthys”, flüsterte sie, „ist meine Schwester. Meine Zwillingsschwester. Irgendwie hat sie es geschafft, sich uns unbemerkt anzuschließen. Oder hat jemand von Euch eine zweite Isis gesehen?“ Hathaors herbes Gesicht wurde um einiges hübscher, als sie ein kleines Lächeln zeigte. „Ich glaube, es hätte eine Armee ankommen können, Bastith und ich hätten es nicht bemerkt.“ „Mir geht es ähnlich”, gestand Neith grimmig. „Wir waren in den ersten Stunden und Tagen zu sehr beschäftigt, einander aus dem Weg zu gehen, ich habe mich vom Ankunftsort möglichst schnell entfernt. Ich konnte es nicht glauben, dass sie uns keine Wärter mitgeschickt haben.“ Die Augen der Isis verengten sich plötzlich zu Schlitzen. „Sie war bei Osiris, glaube ich. Er hat einmal gesagt, dass ich eben bei ihm war und warum ich noch einmal hinaus gegangen sei. Ich habe mir nur gedacht, er hätte wieder geträumt. Aber jetzt denke ich, sie hat ihn aufgesucht!“ Anoubis kratzte sein unrasiertes Kinn. „Aber warum sollte sie?“ „Sie hat immer von einem Kind gesprochen, und Seth ist unfruchtbar.“ Isis sprach mit einer Stimme, die von weit her klang und von ihrer inneren Verletzung zeugte. „Mit Ahmhun Sex zu haben, endete tödlich, nicht mit einer Schwangerschaft, und Anoubis hätte, wie jeder andere auch, geglaubt, dass ich es wäre. Und er hätte niemals etwas getan, dass Osiris oder jemand anderen kränken könnte.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Du bist ein guter Mensch, Anoubis, vielleicht zu gut für diese Welt.“ „Kennt auch jemand die andere Frau?“ unterbrach ich das Gespräch, Neith tippte mit ihrem Zeigefinger nachdenklich auf ihre Unterlippe. „Ich glaube, sie heißt Pachith, aber mehr kann ich leider nicht sagen.“ Hathaor nickte. „Pachith, ja! Eine unangenehme Person.“

„Ruhe”, Selketh legte ihren Zeigefinger an ihre Lippen, „der Bote kommt!“ Tatsächlich betrat eben der Mann, der bei uns gewesen war, den Erfassungsbereich des Falken und rutschte auf den Knien vor das Trio auf dem Thron, Pachith und Seth hatten bis eben noch ungeniert miteinander geschäkert, Naphthys unbeteiligt mit leeren Augen in die Ferne geblickt. Pachith beleckte ihre Lippen, als der Bote eine Markierung erreichte und die Stirn auf den Boden legte. „Nun?“ „Herrinnen, Herr! Sie alle sind bei Neith versammelt, Hathaor ist krank und kann nicht reisen, aber Neith bietet an, dass sich die heiligen Götter in ihrem Palast versammeln, um eine Übereinkunft zu erreichen!“ Seth beugte sich wütend vor. „Du hast gesagt, ich befehle alle vor mein Angesicht, ihre Huldigung zu empfangen?“ „Ich habe es gesagt, Herr”, stammelte der Unglückliche. „Die Antwort war, dass sie nicht kommen wollen, sondern ich zu ihnen gehen soll?“ wütete Seth, während Pachith den Boten weiter mit den Augen verschlang. „Ihr sagt es, Herr!“ Seth trat dem Boten in die Seite, sodass dieser umfiel und sich schmerzhaft krümmte. „Sie wagen es?“ ein weiterer Tritt, „sie weigern sich?“ wieder trat er zu, Naphthys wandte ihr Gesicht ab, während Pachith intensiv die Szene betrachtete und sich davon ganz offensichtlich erregen ließ. Ein ums andere Mal fuhr ihre Zunge über ihre Lippen, ihr Atem wurde schwer. „Bringt ihn weg!“ brüllte Seth den Wachen zu. „Mir eine solche Antwort zu bringen, verlangt ein Sühneopfer! Morgen, bei Sonnenuntergang! Weg, weg mit ihm, er beleidigt mein Auge!“ ein letztes mal trat er zu, Pachith war zu ihm gekommen und schmiegte sich eng an Seth. „Komm”, flüsterte sie heiser und zog ihn hinter den Dreifachthron, während Naphthys still sitzenblieb und ihr Gesicht in den Händen verbarg. Seth wandte sich noch einmal um. „Sagt Apophis, er soll die Männer fertig machen. Sie sollen gleich nach dem Opfer morgen losmarschieren! Ich möchte diese ungläubigen Verbrecher haben, die sich gegen meinen göttlichen Willen stellen! Sie sollen getilgt werden vom Antlitz der Erde!“

„Kann mir jemand sagen, warum ich nicht einfach losfliege und diesen zwei verdammten Psychopathen das Lebenslicht ausblase?“ knurrte ich entnervt. „Aha!“ Isis schrie auf. „Das kannst Du unmöglich so gemeint haben!“ Bastith wandte sich mit erhobenen Augenbrauen zu mir. „Wir alle hier sind Psychopathen, Aha, willst Du uns doch noch töten?“ Ich sah mich um, vier Frauen und ein Mann sahen mich an. „Ihr seid doch nicht verrückt!“ rief ich aus. „Und keiner von Euch ist eine Gefahr für seine Mitmenschen! Keiner von Euch will einfach aus einer Laune heraus jemanden umbringen!“ „Keiner, außer Dir, Aha.“ Isis legte mir die Hand auf den Arm. „Auch wenn es richtig war, Ahmhun zu töten. Dieser Sadist hat bekommen, was er verdient hat!“ warf Neith ein. Bastith bewegte ihre Hände wie zwei Waagschalen. „Wer trifft die Entscheidung, wer es verdient hat, und wer leben darf. Aha kann der beste Mensch auf Erden sein, aber sollte jemand allein so viel Macht haben?“ Hathaor legte den linken Arm um ihre Taille. „Soll Seth so weitermachen und ungestraft Menschen töten dürfen? Und Pachith scheint ihn eher noch mehr anzustacheln. Wäre es nicht besser, seine Handlungen zu unterbinden, ehe noch mehr Tote auf sein Konto gehen?“ „Ein Präventivschlag?“ Anoubis verzog das Gesicht. „Das ist nicht moralischer als die Handlungen Seths.“ „Glaubt Ihr, mir macht es Spaß, jemandem das Leben zu nehmen?“ fragte ich. „Aber ist es nicht besser, einem den Tod zu bringen und dafür viele zu retten?“ Anoubis hob seine rechte Hand, mit dem Rücken nach unten. „Ist das Töten eines Menschen eine Frage der Mathematik?“ er hob die linke daneben. „Oder eine Frage der Moral?“ „Manchmal eine Frage des Pragmatismus“ knurrte ich, Neith verschränkte ihre Arme unter ihrem Busen. „Ist es moralischer, einen Mord zu verhindern, indem ich den Mörder vorher töte, oder bei einem zuzusehen?“ fragte sie, Isis wies mit ihrer Hand in die Umgebung. „Vielleicht im Augenblick der Tat, Neith, als Nothilfe. Ich kann es nicht sagen, es ist ein Dilemma, für das es keine einfache Lösung gibt. Gäbe es die Möglichkeit, Seth und Pachith unschädlich zu machen, ohne jemand töten zu müssen, wäre es gut.“ Neith ging zu einem Tischchen und goss sich noch einen Becher Bier ein, nahm einen Schluck und verzog angeekelt das Gesicht. „Lauwarm! Wir müssen noch etwas bedenken. Seth hat einem Apophis gesagt, er solle mit den Männern losmarschieren. Was bedeutet, dass Seth bereits eine Streitmacht mobilisiert hatte, ehe er in den Palast zurück gekehrt ist.“ ‚Unwahrscheinlich!‘ brüllte der Extrasinn. ‚Da steckt jemand anderes dahinter! Seth kann nicht derart vorausplanend agieren!‘ Ich sprach diese Berechnung des Logiksektors laut aus. „Jemand benutzt den Wahnsinnigen, um selbst die Macht auszuüben. Seth zu töten, würde keinen Unterschied machen. Derjenige schöbe doch nur die nächste Marionette nach vor.“ Wir diskutierten lange über dieses Thema, aber am Ende fiel die Entscheidung, noch zu warten, was ich schweren Herzens akzeptierte. Ich war ein Soldat, kein Philosoph, der lange über Moral nachdachte, sondern seinem Kodex folgte. Was aber, wenn dieser Kodex zwei einander ausschließende Handlungen verlangte? Früher war es einfacher, ich folgte dem Gesetz Arkons. Doch dieses Gesetz, falls es überhaupt noch irgendwo Geltung hatte, galt hier nicht mehr. ES hatte mich zum Ankläger und Verteidiger, zum Richter und Henker in einer Person gemacht, ich stellte mir die Frage, ob ich dazu überhaupt in der Lage wäre! ‚Wer, wenn nicht Du, käme denn sonst in Frage?‘ Extrem hilfreich, so ein Logiksektor, wenn es um moralische Erwägungen ging.

Rico hatte für mich einen schweren Desintegrator im Schaft einer Lanze untergebracht, sogar mit ausklappbarem Visier, diese lange, gerade Waffe mit einem scharfen und einem stumpfen Ende, deren Handhabung ich im Dorf von Narbengesicht gelernt hatte, eignete sich hervorragend als Tarnung einer Energiewaffe. Eine als Geier getarnte Drohne brachte sie mir am nächsten Morgen, ich übte mich im Umgang der langen, zweihändigen Waffe und verbreiterte mit ihrem Einverständnis den freien Platz vor Neiths Palast. Zwischendurch brachte ich Selketh den Umgang mit dem Schwebegeschirr bei, es bereitete ihr großes Vergnügen, die Welt aus der Sicht eines Vogels zu sehen und drehte schon am Abend ausgelassene Kapriolen in der Luft. Ein klein wenig Freude in diesen Zeiten. Den Geier behielt ich gleich, er sollte hoch oben in der Luft als Wachtposten schweben und jeden warmen Körper in der Größe eines Menschen melden, der sich uns näherte. Der Falke hatte ein brauchbares Versteck im Palast des Seth gefunden, wir beobachteten alles, was im Thronsaal vor sich ging, daher war ich zufrieden, diese Sonde an Ort und Stelle belassen zu können. „Rico hätte auch eine Fledermaus basteln sollen“, brummte ich. „Oder eine Maus, dann könnte ich den Palast erforschen.“

Die von Seth als Sühneopfer bezeichnete Ermordung des Boten sollte am Abend in jenem Hof mit dem Brunnen stattfinden, und wieder war eine große Menschenmenge erschienen, betete nun Seth mit seinen Frauen Naphthys und Pachith an. Den ‚obersten Herrn und Gottkönig‘ Seth, die ‚göttliche Mutter‘ Naphthys und Pachith, die ‚Zerreißerin‘, die ‚Zerstörerin‘. Als das Opfer nackt und gefesselt in den Hof gebracht wurde, bedauerte ich doch, nicht dort anwesend zu sein, um Seth und Pachith unschädlich zu machen. Es juckte mich in den Fingern, aber ich hatte es versprochen, ich hatte mich überreden lassen, noch abzuwarten, bis auch Bastith und Neith ihre Rituale hinter sich gebracht hatten. Besonders Neith, die einzige Person mit Kampferfahrung außer mir, Selketh wollte noch heute Abend mit ihrer Heilzeremonie beginnen. Meine Erfahrung in der Verteidigung einer Burg war zwar eher gering, nun, die Grundzüge der Taktik beherrschte ich, und ich plante einen kleinen psychologischen Trick. Es fehlte dazu noch jeder Hinweis auf die Person, die im Hintergrund die Fäden zog, wir nahmen uns vor, jeden Anwesenden genau zu beobachten. Trotzdem widerstrebte es mir, mich mit der Opferung abzufinden.

Ich hatte halb erwartet, dass der Bote wie das erste Opfer mit einer Schlinge erdrosselt werden sollte, um danach in den Brunnen geworfen zu werden. Leider hatte ich mich geirrt, er wurde stehend an eine Säule gebunden und der Opferpriester zog ein scharfes Messer hervor. Er fuhr mit der Spitze über die Brust des Opfers, über den Bauch, den Unterkörper, Blut trat aus den Schnitten, es zeichnete ein grausames Muster auf der Haut. Noch waren die Verletzungen zwar schmerzhaft, aber oberflächlich, es war jedoch abzusehen, dass der Mann bald tiefer schneiden würde, und das tat er auch. Der Bote wand sich vor Schmerz, Pachith trat näher und musterte das Werk des Priesters, berührte mit spitzen Fingern die Wunden, kostete von dem Blut. Nach einiger Zeit klatschte sie in die Hände, Diener brachten Holz und Reisigbündel, schichteten alles um den bedauernswerten Mann, dann verlangte Seth nach einer Fackel. Langsam näherte er sich dem Scheiterhaufen und stieß dann die Flamme tief in Holz und Reisig, das bald zu brennen begann. Die Schreie wurden von den Akustiksensoren des Falken ebenso übertragen wie das Keuchen von Pachith, das Schluchzen der Naphthys und Seths irres Gelächter. „Zahle für Deine Unfähigkeit! Niemals soll es wieder geschehen, dass mich jemand enttäuscht.“ Er wandte sich an die Versammelten. „Ihr dürft gehen, aber denkt stets daran, was geschieht, wenn man meinen Befehlen trotzt!“

Langsam leerte sich der Hof, schließlich blieben nur Naphthys, Pachith und Seth zurück. „Auch Du solltest mich nicht mehr enttäuschen, meine Gemahlin.“ Er trat an Naphthys heran. „Wir haben uns doch verstanden, oder?“ Naphthys nickte zaghaft, er griff in ihr Haar und zerrte ihren Kopf in den Nacken, damit sie ihm ins Gesicht sehen musste. „Ich habe Dich nicht verstanden, Naphthys!“ Trotz des leisen Tonfalls lag eine massive Drohung in seiner Stimme. „Ich habe Dich verstanden, mein Gottkönig und Herr!“ Schmerz verzerrte ihr Gesicht, sie stieß die Worte hastig unter Tränen hervor. „Ich danke Dir, dass Du mir die Ehre zuteil werden lässt, Deine Gemahlin zu sein und verehre Deine Weitsicht und Weisheit, großer Seth!“ „Vergiss es nicht wieder!“ er ließ das Haar los und stieß sie auf den Thron zurück. „Wenn Pachith das nächste mal nach Dir suchen muss, werde ich nicht mehr so gnädig sein.“ seine Hand schoss wieder vor, krallte sich erneut in Naphthys Haar. „Ich werde Dich nicht mehr enttäuschen und nie mehr verlassen, mein Gottkönig!“ beeilte sie sich zu sagen.

„Na schön”, es wirkte beinahe, als bedauere er die schnelle Unterwerfung, und auch Pachith wirkte enttäuscht, dass der Ausbruch von Gewalt nun vorbei sein sollte, ihr Atem ging immer noch schwer. „Auf die Knie! Erweise mir Deine Ehrerbietung!“ herrschte Seth Naphthys plötzlich an, die sofort von Thron stieg und auf die Knie ging, den Oberkörper zu Boden geneigt. „Bleib so!“ befahl er und trat hinter sie…

Ich schaltete die Übertragung ab, dieses entwürdigende Schauspiel mussten wir nicht miterleben, zumal nicht zu erwarten war, dass noch Wichtiges besprochen wurde. Mich ekelte vor Seth, mehr noch aber vor Pachith. Jetzt war auch klar, warum niemand Naphthys gesehen hatte. Sie hatte sich vor Seth versteckt, und Pachith hatte sie verfolgt, irgendwann in ihre Gewalt bekommen und entweder Seth oder den Mann im Hintergrund benachrichtigt. Beide Frauen wurden dann irgendwo untergebracht, bis jetzt die Zeit gekommen schien, in den Vordergrund zu treten, warum auch immer. Nach dem Tod des Osiris wurden jedenfalls beide Frauen in den Palast gebracht, wo Pachith und Seth nun Naphthys quälten und demütigten. „Vielleicht ist es unmoralisch, Seth und Pachith final unschädlich zu machen“, knurrte ich, „aber niemand kann mir verbieten, es zu wünschen! Und ich sollte zumindest Naphthys aus dem Palast holen.“ Selketh schüttelte den Kopf. „Nicht jetzt, Aha. Bitte! Überstürze nichts. Wie oft hast Du mir gesagt, man muss vorbereitet und planvoll vorgehen.“ Brummend ergab ich mich in mein Schicksal, mit meinen eigenen Worten geschlagen. Na schön, also nach Plan. Ich besorgte mir ein Stück Holzkohle und bat Isis, den Grundriss des dreifachen Palastes auf den Boden des Zimmers zu zeichnen, in dem wir uns trafen. Die Teppiche wurden beiseite geräumt, und Isis begann mit vorsichtigen Hilfslinien, die sie nach und nach wieder löschte, wenn die endgültigen Linien gezogen waren. So entstand ein gar nicht schlechter Gebäudeplan, in den ich mich vertiefte.

*

Am nächsten Morgen vertilgte Selketh Unmengen an Brot und Fleisch, ich wunderte mich, wo diese schlanke Person so viel unterbringen konnte. Hätte ich diese Mengen zu mir genommen, mein Bauch gliche einer Kugel. Sie grinste mich mit fettglänzenden Backen an. „Nach einer Heilung muss ich immer so viel essen. Wirst Du mich noch begehren und lieben, wenn Du mich selbst ernähren musst?“ „Wir schlagen die Verpflegung noch auf den Preis für die Heilung!“ entgegnete ich lächelnd, Frauen waren und sind immer am schönsten für mich, wenn sie zufrieden und fröhlich sind, und Selketh war im Moment beides. Oder hatte ein seniler, alter Arkonide eine verzerrte optische Wahrnehmung, beeinflusst von seinen Gefühlen?

Neith betrat als letzte den Raum, ihr Gesichtsausdruck war ähnlich dem einer Katze, die eben eine Schale Milch getrunken hatte, ihre vorher so kalte Schönheit schien jetzt von innen aus ihr zu leuchten und sanft zu glühen. Sie ging direkt auf Selketh zu und umarmte sie fest. „Im Hause der Neith wird stets in Dankbarkeit der Selketh gedacht werden. Mein Haus ist auch das Deine, solange mein Wille etwas gilt!“, dann setzte sie sich und griff herzhaft zu. Kurz zögerte sie, als sie ringsum unsere lächelnden Gesichter sah. „Was? Ich werde ganz sicher nicht über die letzte Nacht sprechen!“ Nun, das musste sie auch nicht, ihre Mine verriet den Erfolg Selkeths. Bastith legte Hathaor die Hand auf den Unterarm. „Bald!“ flüsterte sie ihr zu, die beiden Frauen küssten sich kurz, aber innig.

*

Von meinem Geier kam ein Signal auf mein Armband, ich rief die Information ab, die als Hologramm eingespielt wurde. Einige hundert Wärmesignaturen waren, zumeist versteckt marschierend, auf dem Weg zu Neiths Burg, die Streitkräfte Seths würden etwa Mittags eintreffen. Wir benachrichtigten die Bewaffneten der Neith, welche sofort ihre Waffen ergriffen und sich bereit machten, den Palast zu verteidigen. Neiths Übungen zahlten sich jetzt aus, es gab nirgendwo Hektik und Panik, alle Posten wurden in wohlgeordneter Eile besetzt. Es gab in der letzten Phase des Methanerkrieges arkonidische Raumschiffe, in denen weniger gut ausgebildete Besatzungen am Werk waren, die im Alarmfall größeres Chaos verursacht hatten, ehe jeder an seinem Platz war, das Herz eines alten Admirals freute sich an der Disziplin und der Ordnung. Natürlich traf auch ich meine Vorbereitungen, Schwebegeschirr, Körperschirm, die beiden Äxte. Rico hatte einen Halsschmuck mit dem Sonnenwappen der Gonozals angefertigt, bisher war er ungebraucht im Gleiter geblieben, jetzt holte ich ihn hervor und legte ihn an. Bis knapp unters Knie geschnürte Schuhe, lederne Manschetten, mit Gold und Steinen verziert, in denen Steuerelemente für die nanotronischen Tiere untergebracht waren. Ich bändigte sogar mein Haar mit einem Haarreifen, der einen Löwenkopf zeigte, dessen Augen aus roten LED-Lampen bestanden, die rhythmisch blinkten. Die miniaturisierte Sorroundanlage hatte schon einmal gute Dienste geleistet, ein wenig Infraschall ist nicht schmerzhaft, aber unangenehm und wirkungsvoll. So ausgerüstet stieg ich zu den anderen auf den Turm über dem Tor und wartete.

Die Männer, aus denen Seths Armee bestand, waren mit schweren Keulen und Schilden bewaffnet, dazu trugen sie spitze Lederhelme mit elastischen Verstrebungen, die einem Hieb gegen den Kopf die Wucht nehmen sollten. Sie waren gar nicht schlecht ausgebildet, ohne Huureth, wie ich die geierförmige, große Drohne genannt hatte und Sahmmet, die ich auf der Treppe zum Eingang postiert hatte, wäre die Truppe unsichtbar geblieben, so gut versteckten sich die Männer am Waldrand. Infrarot-Sensoren haben eben manchmal ihre Vorteile gegenüber den menschlichen Augen, auch wenn ich für mich erstere nicht wollte und will, die übliche optische Ausstattung reicht mir, danke schön. Ich wartete noch ein wenig, bis der Schatten der Sonne den Waldrand erreichte, dann schaltete ich meine Geräte ein und schwebte über die Turmkante, für die Männer Seths musste es wirken, als käme ich direkt aus der Sonne auf sie zu. Von der Sorroundanlage verstärkt klang meine Stimme wie das Donnern eines Gewitters, das stetige Brummen des Infraschallgenerators jenseits der Wahrnehmungsschwelle musste ihre Furcht schüren, vor mir sollten die Krieger mehr Angst empfinden als selbst vor Seth, ich wollte sie jedoch nicht dauerhaft verletzen. „Ich bin Aha! Ich schütze die Schwachen, wehe dem, der Menschen Übles will!“ brüllte die Anlage. „Ich will all jene verbrennen, die sich erdreisten, herrschen und sich Gott nennen zu wollen, oder aber im Namen eines solchen Frevlers Unrecht zu begehen!“, dann richtete ich den Impulsstrahler auf eine gut sichtbare einzeln stehende Zeder und löste den Strahl aus, der vor Saft strotzende Stamm explodierte förmlich. „Bogenschützen, schießt auf ihn!“ tobte eine Stimme im Wald, eine Wolke Pfeile hüllte mich ein, dank des Körperschirmes kam jedoch kein einziges Geschoß auch nur in meine Nähe. „Schießt doch“, lachte ich. „Schießt noch einmal!“ Nach der zweiten Welle von Pfeilen, die selbstverständlich ebenfalls ihr Ziel nicht trafen, flohen die ersten Männer, rissen immer mehr mit sich, bis die Flucht nicht mehr aufzuhalten war. Diese löbliche Entwicklung unterstützte ich nicht nur mit moduliertem Infraschall, sondern auch gelegentlichen Schüssen mit dem Thermostrahler, allerdings immer bemüht, niemanden zu verwunden.

Als Huureth mir über Funk meldete, dass der Rückzug auf voller Breite des Belagerungsringes im Gange war, beeilte ich mich, wieder in den Palast zu kommen und sprang in den Gleiter. Ich wollte Naphthys jetzt endlich holen, ehe es mir irgend jemand wieder ausredete und bevor der Bericht von der Flucht seiner Truppen den Palast des Seth erreichte und er gewarnt wurde. Selketh wollte ebenfalls mitkommen, doch ich bat sie eindringlich, in der Sicherheit von Neiths Palast zu bleiben. Sie war wichtig, im Moment jedenfalls wichtiger als ich für eine positive Entwicklung. Statt ihrer sprang Isis an Bord. „Kein Wort, Aha!“ wehrte sie meinen Einwand hastig ab. „Das ist eine Familiensache!“ Dem konnte ich nicht widersprechen, also nahm ich sie mit, zeigte ihr sogar den Umgang mit der Steuerung.

Ich gab meine Tarnung, die nach dem Überfall auf Neiths Festung sowieso gefallen war, teilweise auf. Ich nahm mir zwar nicht die Zeit, mich in Gala zu werfen, schnallte aber den Gurt mit dem Impulsstrahler um und hing mir den schweren, unverkleideten Desintegrator über die Schulter. Noch ehe der Gleiter zum Stillstand gekommen war, packte Isis die Lanze mit dem getarnten Strahler und sprang zu Boden, richtete die Mündung der Waffe auf das Doppeltor und löste den Schuss aus, das Tor verschwand im üblichen grünen Glitzern. Ich war noch nicht komplett gelandet, da hetzte sie schon wie von den Bestien der Unterwelt gehetzt los und stürmte in den Palast, laut schrie sie Naphthys Namen. Ich nahm meinen Desintegrator in beide Hände und folgte Isis, ihre Voreiligkeit laut verfluchend. Bei einer solchen Aktion ist es stets ein Fehler, sich zu trennen, das sollte doch sogar ein unausgebildeter Laie wissen.

Wir erreichten den großen Thronsaal mit den abscheulichen Wandbildern, eine Frau lag verkrümmt auf dem Boden und bewegte sich kaum, nur ihre Schultern zuckten in heftigem Weinkrampf. Es war Naphthys, die offensichtlich mit ihren Kräften am Ende war! Isis lief zu ihrer Schwester, vernachlässigte jede Vorsicht, hinter einer Säule sprang Seth hervor und zog sie an den Haaren zurück, schleuderte sie zu Boden. „Da ist die verräterische Schlange ja wieder”, tobte er. „Du sollst Deiner Strafe nicht entgehen.“ Er wollte zutreten, doch Isis war nicht mehr die kranke und unsichere Frau von einst. Katzengleich wich sie seinem Fuß aus, rollte zur Seite und sprang auf die Beine. Ich hob den Strahler, doch konnte ich damit nicht sofort in den Kampf eingreifen, Pachith trat hinter einer weiteren Säule hervor in die Schußbahn und schritt mit schwingenden Hüften auf mich zu. Lüstern lächelnd, mit Bewegungen, die sie wohl für unwiderstehlich erotisch fand, bei mir aber nur Verachtung auslösten. Von hinten traf etwas in Kopfhöhe auf meinen Körperschirm, Pachith hatte plötzlich ein Messer in der Hand, mit dem sie auf mich einstechen wollte. Ihr und ihres Komplizen Pech war, dass sie noch nie von den arkonidischen Schutzschirmen gehört hatten, die auch vor solchen Angriffen schützten. Ich schlug ihr in der Aufwärtsbewegung den Kolben meiner Waffe gegen die Kinnlade und setzte sie für die nächste Zeit außer Gefecht, es war mir völlig egal, ob ich damit ihren Kieferknochen brach oder nicht. Dann wandte ich mich wieder Isis und Seth zu, er hatte Isis wieder zu Boden werfen können und ein Kampfbeil ergriffen, mit dem er auf sie zustürmte, die Axt mit beiden Händen schlagbereit erhoben. Isis war neben meine Lanze gefallen, die neben ihrer Funktion als Energiewaffe auch noch eine scharf geschliffene Stahlspitze aufwies. Sie griff danach, ehe ich zum Schuss kam – Seths Herrschaft endete, wie sie begonnen hatte. Gewaltsam, mit einem spitzen, scharfen Gegenstand, er hauchte sein Leben mit einem völlig überraschten Gesichtsausdruck am spitzen Ende meiner Lanze aus. Die Axt schepperte hinter ihm zu Boden, ohne Isis gefährlich geworden zu sein. Hinter mir erklang das hastige Klatschen von Sandalen auf dem Steinboden, als Pachiths Komplize floh.

Isis ließ die Waffe los und stürzte zu ihrer Schwester, um sie in den Arm zu nehmen, ihr tröstende Worte ins Ohr zu flüstern, während ich etwas suchte, um Pachith zu verschnüren. Ich wollte nicht das geringste Risiko eingehen, band ihr Arme und Beine zusammen und legte das vor dem Thron ab, wo sich auch Isis um ihre Schwester kümmerte. „Wir sollten gehen“, sagte ich. „Zumindest diesen Trakt mit den scheußlichen Wandbildern würde ich zu gerne niederbrennen!“ Isis zog ihre Schwester an sich, um ihr bei dem Versuch aufzustehen behilflich zu sein. „Nicht jetzt, Aha. Wir wollen später mit kühlem Kopf entscheiden. Aber gehen wollen wir wirklich, hier kann niemand gesund werden.“

„Ihr wollt wirklich schon gehen?“ Eine tiefe Männerstimme hallte durch den Raum, Naphthys erschauderte beim Klang dieser Stimme und wimmerte lauter. „Ich denke, es wäre angebrachter, noch ein wenig zu bleiben.“ Ich sah mich um, ein großer, breit gebauter Kahlkopf war in den Saal gekommen, etwa fünfzig Bewaffnete verteilten sich an den Wänden. Diesen Mann hatte ich schon gesehen, es war der Oberpriester bei der Opferung gewesen, in dessen Folge Seth Osiris getötet hatte, er hatte auch den armen Boten mit dem Messer verstümmelt, ehe er verbrannt wurde. Ich zuckte mit den Schultern. „Seth ist tot, seine Wünsche nicht mehr von Belang.“ Der Mann lachte. „Seine Wünsche? Es geht um meine Wünsche, Fremder!“ er wurde sarkastisch. „Der göttliche Seth hat diese Ebene verlassen, um gemeinsam mit seinen ebenso göttlichen Ahnen über die Geschicke seines Volkes zu wachen und seine physische Wiedergeburt zu beschützen. Auch wenn jetzt ein anderer auf dem Thron zu sitzen scheint, er ist doch immer bei uns. Pachith wäre eine gute Kandidatin, um die Legitimität meines Machtanspruches zu untermauern, immerhin kennt man sie schon. Und fürchtet sie auch. Mit mir als Gemahl, doch ja, wir werden beide auf unsere Rechnung kommen!“, lachte er hämisch.

Isis ließ ihre Schwester zu Boden gleiten und stellte sich neben mich. „Du hast also Seth aufgestachelt? Und musste Osiris nur sterben, damit Du an Macht gewinnen kannst, Apophis?“ Der machte eine abschätzige Bewegung. „Was liegt schon daran, Dein Osiris war ein Schwächling, ein sentimentaler alter Narr. Er hätte nie zugestimmt, dass Angst und Schrecken regieren, genau wie diese anderen Fremden, die mit Euch gekommen sind. Angst und Schrecken sind aber nötig, damit der Pöbel nicht auf dumme Gedanken kommt und die Herrschenden sicher sein können! Du und Deine Freunde, die jetzt bei Neith und wahrscheinlich schon tot sind, ihr seid viel zu sentimental zum Regieren. Aber es ist bald vorbei, ihr müsst meine Männer übersehen haben, als ihr hierher gekommen seid, sie sind gut im Verstecken ausgebildet! Und jetzt muss ich wohl auch Euren Tod befehlen. Glaub mir, Isis, es ist nicht persönliches. Stirb schnell!“ Ich hob den schweren Desintegrator hoch, noch ehe ich abdrücken konnte, donnerte neben mir eine massive energetische Entladung, ein blendender Lichtstrahl blitzte auf und durchbohrte Apophis Kragen und Brust, ehe er einen Teil der Wandschnitzereien verkohlte und sich in das Holz bohrte. Der Impulsstrahler war auf höchste Intensität eingestellt gewesen, als Isis ihn aus meinem Holster genommen und Apophis damit erschossen hatte, das Loch ging wohl noch durch das Dach, ehe der Strahl seine Energie irgendwo verlor. Sie drehte sich um, ließ die Waffe fallen und ging wieder zu Naphthys, während ich den Impulsstrahler rasch aufhob und Apophis Männer anlächelte. „Wer möchte der Nächste sein?“ fragte ich leise. „Er muss mir nur ein Zeichen geben!“ Irgendwie wollte sich aber keiner von ihnen melden, obwohl ich ganz nett und freundlich fragte. Aber so ist es immer, wenn sich genügend Widerstand regt, verlieren solche Leute rasch den Mut, besonders, wenn der Anführer ausfällt. Sie nahmen ihre Waffen mit und schlichen davon wie geprügelte Hunde, einer nach dem anderen huschten die Männer von Apophis still und verstohlen hinaus und verschwanden im Wald.

„Gehen wir, Aha.“ Isis hatte den Arm ihrer Schwester um ihren Hals gelegt und führte sie aus der Halle. „Und Pachith?“ fragte ich. „Lass sie liegen!“ antwortete Isis ruhig. „Vielleicht überlebt sie, wenn die Diener sie finden, vielleicht auch nicht. Vielleicht verschwindet sie wieder in die Wälder. Egal, für heute haben wir genug Tote gehabt! Binde sie los und dann lass uns bitte endlich gehen. Wenn es Naphthys wieder besser geht, werde ich Osiris Leichenteile sammeln und für ein würdiges Begräbnis sorgen. Später.“ Sie lächelte wehmütig. „Schade, dass er nicht auch gesund und am Leben ist.“ Also ging ich hin und schnitt Pachiths Fesseln durch, während sie mich hasserfüllt anfunkelte. Ihre Backe war schon geschwollen und blutunterlaufen, der Knochen aber wohl nicht gebrochen. Dann nahm ich Naphthys auf die Arme und trug sie zum Gleiter, in den ich die nun völlig apathische, still vor sich hin weinende Frau auf einige Decken legte.

Isis sollte recht behalten, einige der Diener fanden Pachith, ehe sie endgültig fliehen konnte – und sie erinnerten sich sehr gut an ihre Grausamkeiten. Danach wuschen die Menschen auch ihr Blut vom Boden auf und entfernten die Wandbilder, die sie im Hof verbrannten, gemeinsam mit den toten Körpern von Seth, Pachith und Apophis, in Neiths Festung konnten wir es in den Aufzeichnungen des Falken ganz gut erkennen, und ich hatte vollstes Verständnis dafür.

*

Isis und ich flogen zurück zur Festung am Kliff, ohne große Eile, Isis konnte Naphthys Tränen schließlich stillen und ihre Schwester halbwegs beruhigen. Der Körper der bedauernswerten Frau war mit Wunden übersät, doch eine schnelle Überprüfung hatte ergeben, dass sie nur oberflächlicher Natur waren. Eine genaue Untersuchung musste abwarten, denn nachdem sie sich noch völlig geistesabwesend von mir in den Gleiter legen ließ, erschrak Naphthys jetzt wieder bei jedem Versuch, sie anzufassen, nur Berührungen von Isis konnte sie zulassen. Die Verletzungen der Seele waren offensichtlich weitaus gravierender als die körperlichen, Seth hatte ihre Widerstandskraft vollkommen gebrochen. Und doch hatten wir die Hoffnung, dass auch diese seelischen Wunden zu heilen waren, noch nicht aufgegeben.

Auf dem gesamten Flug konnten wir kein einziges menschliches Wesen entdecken, auch nicht, als wir uns unserem Ziel näherten. Die Behauptung von Apophis hatten wir nicht wirklich ernst genommen, wie hätte er eine Nachricht vom Ausgang seines Kriegszuges haben können. Niemand war im Besitz eines Transportmittels, dessen Geschwindigkeit es mit meinem Gleiter aufnehmen konnte. Apophis war ein zwar intelligenter, aber absolut skrupelloser Mensch der Erde gewesen, dem es nur zu leicht gelungen war, den paranoiden und schizophrenen Seth zu manipulieren. Sein Pech war, er hatte die Fremden zwar als mit großem Wissen, aber ohne materielle Machtmittel kennen gelernt, die Möglichkeiten meiner Ausrüstung hatte er noch nicht einmal erahnt.

So fanden wir Neiths Festung wie erwartet unversehrt vor und landeten wieder auf der Plattform mit dem Schachbrettmuster. Die Burgherrin hatte bereits Leute ausgesandt, welche die Umgebung nach den Resten der angreifenden Truppen absuchen sollten. Umsichtig, wie sie war, hatte sie damit gerechnet, dass sich noch jemand versteckt halten könnte, doch diese Späher hatten keine lebende Person mehr gefunden. Nur einen Toten, er trug einen Lederhelm und einen schmalen goldenen Kragen, Isis identifizierte ihn später als Isfeth, einen Vertrauten von Apophis, wahrscheinlich war er der Befehlshaber der geflohenen Truppe gewesen. Wenn er sich den in Panik Fliehenden in den Weg gestellt und sie mit Gewalt zum Angriff zwingen wollte, konnte es schon sein, dass er von den eigenen Leuten erschlagen wurde. Oder es hatte jemand noch eine persönliche Rechnung mit ihm offen gehabt. Egal, ich weinte und weine Menschen, die wie er und Apophis nur ihre eigenen Begierden stillen wollen und dazu über Leichen, Leid und Tränen gehen, keine Tränen nach. Auch er hatte sich das Haar geschoren, trug aber einen mächtigen schwarzen Vollbart. Ich frage mich, warum sich damals die Männer, die religiöse Macht über andere ausüben wollten, stets einen Kahlkopf zulegten.

Als wir nach unserer glücklichen Rückkehr gelandet waren und ich über die Bordwand stieg, stürzte Selketh in meine Arme und küsste mich gierig. „Bald, mein lieber Aha, sehr bald!“ Dann wollte sie nach Naphthys sehen, aber ich hielt sie zurück. „Wir sollten ihr ein Schlaf- und Schmerzmittel geben, dann kümmere ich mich um ihre Wunden. Du, meine Schöne, ruhst Dich aus, und wenn Du das getan hast, wartet Bastith auf Dich, sie ist schon einmal zurück getreten. Außerdem glaube ich, hier sollte zuerst der Körper zumindest halbwegs geheilt und die Schmerzen gestillt werden.“ „Du hast eigentlich recht.“ Selketh musterte Naphthys aus der Entfernung. „Immerhin habe ich die Wirkung Deiner Salben selbst erlebt.“ Also kramte ich die Gleiterapotheke heraus und entnahm ihr einige sterile Binden, Wundsalben mit desinfizierender Wirkung und das Schlafmittel, das Selketh in einen Becher Bier mischte. Isis konnte dann ihre Schwester dazu bringen, das Getränk zu sich zu nehmen, auch wenn Naphthys Hände vor Angst zitterten. ‚Wackerer Apotheker, Dein Trank wirkt rasch’, wenn ich wieder einmal Shakespeare zitieren darf. Bald schlief Naphthys tief und fest, ich machte mich an die Arbeit, säuberte mit Isis Hilfe die Schlafende, cremte ihre Wunden und Hämatome ein und verband sie. Trotz ihrer Betäubung und des starken Schmerzmittels gab es Stellen, deren Berührung der Gequälten ein leises Wimmern entlockten, aber es waren natürlich genau die Stellen, die am meisten eine Behandlung nötig hatten. Bitte, Marie Anne, ersparen Sie sich und mir, die Details schildern zu müssen. Später, als das Adrenalin abgebaut war, saß ich müde und erschöpft, aber nicht unzufrieden vor einem ansehnlichen Mahl und überdachte die Situation. Der Kampf müsste zu Ende sein, zumindest für die nächste Zeit zeichnete sich kein Gegner ab. Jetzt kam es zuerst darauf an, auch Bastith und Naphthys zu heilen, körperlich wie geistig, und dann zu entscheiden, wie das Leben weitergehen sollte.

„Aha!“ ich schüttelte unwillige den Kopf. „Komm schon, Aha, geh ins Bett!“ Widerwillig öffnete ich die Augen, Hathaor stand vor mir und rüttelte leicht an meinen Schultern. „Wenn Du hier sitzen bleibst, krümmst Du Dich morgen vor Schmerz, und Selketh kann noch einen Patienten betreuen. Also geh schon.“ Es kostete mich ein großes Maß an Überwindung, doch endlich hatte ich mich mit Hathaors tatkräftiger Unterstützung schlaftrunken aufgerappelt, suchte mein Zimmer auf und legte mich zu Bett. Später wurde ich dann noch einmal ganz kurz wach, als Selketh sich an meinen Rücken schmiegte, doch bald schlief ich wieder ein.

*

Es hatte lange gedauert, Naphthys seelische Wunden zu heilen, hier wären beinahe selbst Selkeths Fähigkeiten überfordert gewesen. In den anderthalb Tagen zwischen dem Tod des Boten und ihrer Befreiung musste etwas noch Schlimmeres als davor stattgefunden haben, denn zu diesem Zeitpunkt war Naphthys zwar eingeschüchtert und ängstlich gewesen, aber noch nicht derart traumatisiert, irgend etwas hatte ihren Willen und ihre Persönlichkeit völlig zerbrochen. Ich weiß auch nicht, warum die Heilung von Naphthys Seele für Selketh so viel schwieriger war, vielleicht weil man der Schwester von Isis die Wunden mit voller Absicht beigebracht hatte. Die liebevolle Pflege der Isis hatte sich aber schließlich doch ausgewirkt, auch unser aller Verhalten hatten ihr die Angst vor jedem kleinen Schatten wieder genommen, langsam war sie wieder das geworden, was sie verdiente. Eine hübsche, gesunde Frau, die auch lachen konnte und glücklich sein durfte.

Wir waren doch wieder in den dreifachen Palast zurückgekehrt, der nun Isis und Naphthys gehörte, auch Anoubis wollte in Zukunft dort leben und die Stätte, die so viel Grausamkeit gesehen hatte, wieder zu neuem, besseren Leben erwecken. Wir hatten die Teile des Osiris auf dem Plateau zusammen gesucht und verbrannt, sie in einen lebensgroßen Sarkophag aus Holz gegeben. Bastith hatte die Gesichtszüge von Osiris darauf gemalt, dann sollte er im großen Saal aufgebahrt werden.

Dieser Saal hatte seine frühere düstere Stimmung verloren, helle Wände wurden mit Pflanzen- und Tierdarstellungen verziert, Bastith und Hathaor hatten ihr ganzes Können aufgeboten, sie bewiesen uns, dass sie wirkliche Künstlerinnen waren. Auch die Säulen, die man leider nicht austauschen konnte, waren neu bemalt und setzten bunte Akzente, hier waren tanzende Männer und Frauen dargestellt, manchmal auch in recht gewagten Posen. Als ich eines Tages vorbeikam, um den Fortschritt zu betrachten, ihre Gemälde waren wirklich schön, standen die Malerinnen vor einer Säule und kicherten. Ich war neugierig, ging hin und errötete. Bastith und Hathaor hatten Selketh und mich gemalt, und nicht in nur gewagter, sondern eindeutigen Position, dafür aber meine Anatomie etwas, nein, eher stark übertrieben dargestellt. „Hallo, Atlan”, begrüßte mich Bastith und gab mir ein Küsschen auf die rote Wange. Außer Selketh, die mich immer noch Aha, also Speer, nannte, hatten sich die anderen angewöhnt, mich bei meinem wirklichen Namen zu nennen. „Gefällst Du Dir nicht?“ Ich zwang mich zur Ruhe und lächelte zurück. „Ich fürchte, die Wirklichkeit bleibt weit hinter Eurer Phantasie zurück, meine Damen!“ Bastith näherte sich mit übertrieben schwingenden Hüften. „Woher sollten wir es besser wissen? Wir haben die Wahrheit doch nie gesehen!“ „Vielleicht sollte er uns Studien am lebenden Objekt erlauben“, hieb Hathaor in die gleiche Kerbe, riss die Augen übertrieben auf und leckte sich die Lippen. Ich muss gestehen, hier trat ich einen taktischen Rückzug an und entfernte mich, vom lauten Lachen der Frauen verfolgt. Das Bild wurde schließlich wieder übermalt, es war zwar noch gewagt, aber nicht mehr so eindeutig.

Dann kam der Tag, an dem Abschied von Osiris genommen wurde. Wir hatten eine Liege aufgestellt und den Toten in seinem Holzsarkophag darauf gebettet, um die Hülle hatte ich ein Schwebegeschirr geschnallt, sodass Osiris gewichtslos wurde. Es waren alle Diener des großen Hauses versammelt, Isis trat vor und richtete ein paar Worte an die Versammelten, gedachte des von ihr immer noch Geliebten. Dann wandte sie sich speziell an ihre Diener. „Ich habe versprochen, dass, wenn wir frei von der Bedrohung durch Seth sind und in Frieden leben können, die Diener dieses Hauses die freie Wahl haben, ob sie gehen oder bleiben wollen. Dieses Versprechen gedenke ich zu halten. Ab sofort möchte ich niemand halten, der mich, der uns zu verlassen wünscht, er kann auch einen Anteil an den Herden mit sich nehmen, um nicht mit leeren Händen zu gehen.“ Sie trat wieder zurück, das war mein Zeichen. Der Falke schwebte herab und nahm den gewichtslosen Osiris auf, trug ihn aus der Halle. Isis hatte bereits vorher eine Höhle ausgewählt, dorthin flog nun Horhus und legte seine Last ab, vor den Augen der Welt verborgen.

Fünf Monate später brachte Isis mit Selkeths Hilfe das Kind zur Welt, das Osiris noch vor seinem Tod gezeugt hatte. „Ein Sohn, er muss wachsam sein wie der Falke Atlans”, teilte sie uns mit. „Also soll er Horus genannt werden.“ Dies war auch der Abend, an dem ich Selketh das letzte mal mein Mojo spenden durfte, ich erwachte neben einem leeren und kalten Bett. Ich sah mich um, jeder Gegenstand lag an seinem Platz wie immer, nur Selketh war nicht mehr da. Ein seltsames, unruhiges Gefühl beschlich mich, ich fuhr in meine Kleider und machte mich auf die Suche, fand aber nur Neith auf einer Terrasse sitzend. Sie stand auf und hielt mich zurück, als ich wieder gehen wollte. „Bleib, Atlan. Ich muss Dir etwas sagen!“ Ich hob fragend die Augenbrauen, sie stellte sich vor mich und nahm meine Hände in ihre, sah mir tief in die Augen. „Ich soll Dir von Selketh sagen, dass sie es bedauert, aber sie musste gehen. Sie hat eine Tochter von Dir empfangen und wird stets in Liebe an Dich denken, aber sie muss zu ihrem Stamm zurück. Allein! Sie bittet Dich, nicht nach ihr zu suchen. Und ich soll Dir das geben.“ Es war eine wunderschöne Statuette aus schwarzem, polierten Stein, die Selketh in ihrer gesamten Schönheit zeigte. Bastiths Werk. „Danke. Ich habe es befürchtet”, nickte ich traurig. „Irgendwie habe ich immer geahnt, dass dieser Tag kommen wird. Dann – es wird wohl auch für mich Zeit, Abschied zu nehmen.“ Neith senkte den Blick. „Willst Du nicht noch bei uns bleiben? Wir alle sind Dir nicht nur dankbar, wir haben Dich auch gerne um uns.“ Ich schüttelte nur den Kopf. „Meine Aufgabe ist erfüllt, das war das letzte Zeichen. Es ist Zeit für mich zu gehen, ich fühle es, tief in mir zieht es mich in mein Heim! Leider bin auch ich nicht immer Herr über meine Entscheidungen. Sag allen, dass ich mich verabschieden möchte. In einer Stunde, im Saal. Bitte.“

Ich holte aus dem Gleiter die drei Notfallarmbänder mit den Peilsendern, ich gab je einen davon Neith, dem Trio Isis, Naphthys und Anoubis sowie dem Paar Bastith und Hathaor, zeigte ihnen den Notrufknopf. „Innerhalb von etwa einem Monat kann ich bei Euch sein, wenn ihr das Armband tragt, finde ich Euch! Lebt wohl.“ Die Frauen, auch Bastith und Hathaor umarmten und küssten mich zum Abschied, wir alle hatten einige Tränen in den Augen. Dann stieg ich in mein Boot, deaktivierte und verstaute die Tiere und nahm Kurs auf die Azoren.

Rico erwartete mich bereits, ich stellte die Statuette auf einen Tisch, befahl Rico, eine Vitrine dafür herzustellen. Dann nahm ich das Lendentuch ab, zog die Sandalen aus und legte mich auf die bereit gestellte Liege, um auf den Cryoschlaf vorbereitet zu werden. Rico hielt mir den Injektor an den Hals, ein leises zischen ertönte, und allmählich verdunkelte sich mein Gesichtsfeld. Ehe ich ganz weg dämmerte, hörte ich eine entfernte Stimme. „Ich billige Deine Entscheidung und die Entwicklung, Arkonide.“ Hatte ich es wirklich gehört oder mir nur eingebildet. Mitten in diesem Gedanken schlief ich ein…

*

Die Statuette ist übrigens immer noch in meinem Besitz, und es freut mich, dass sie jetzt auch andere Menschen zu Gesicht bekommen werden. Es war das erste, aber bei weitem nicht das letzte Artefakt, das seinen Weg in meine Festung finden sollte. Im Laufe der Zeit verteilten sich immer mehr Erinnerungsstücke in einem bis dahin ungebrauchten Raum. Selketh wurde später in die Reihe der Götter aufgenommen, als Göttin der Heilung und der Magie.

Isis und Naphthys verwalteten ihr Gebiet mit Güte und Verständnis, ihr Volk verehrte sie bald als Mütter – nicht zu Unrecht, denn genau so handelten sie auch. Beide fanden im Laufe ihres langen Lebens immer wieder Partner, auch Naphthys konnte Intimität später wieder zulassen und genießen. Der späteren Sage nach empfing Isis ihren Sohn Horus von Osiris übrigens, als sie in Gestalt eines Falken über dem Leichnam des Osiris schwebte.

Bastith und Hathaor hatten den Menschen etwas sehr Schönes geschenkt, damit meine ich nicht nur ihre wirklich schönen physischen Kunstwerke. Sie hatten Kunst, Musik und Tanz, vorher ein der Religion vorbehaltenes Monopol, in den Alltag der Menschen gebracht und so insgesamt ein wenig mehr an Freude und Fröhlichkeit geschaffen. Bastiths zotige Dichtung ist teilweise erhalten geblieben, bei dem alljährlich zu ihren Ehren in Ägypten abgehaltenen Feiern wurden sie rezitiert, während der Alkohol in Strömen floss. Ich bin sicher, dass neun Monate nach diesen Feiern auch nicht das Kind jeder Frau vom dazugehörigen Ehemann stammte. Ägyptologen streiten das Vorhandensein der Verse zwar manchmal noch ab, beziehungsweise verharmlosen sie, aber ich war dabei, Marie Anne, ich weiß es besser. Die Verse waren mehr als eindeutig.

Anoubis hatte sich bei meiner Ankunft der Auferstehung in einem neuen Leben verschrieben, was ihn allerdings nicht hinderte, auch im Diesseits den Menschen mit gesundheitlichen Problemen helfen zu wollen. Er eröffnete später einen Selketh-Tempel, der eigentlich ein Krankenhaus war, wo hygienischer Standard bei der Versorgung von Wunden groß geschrieben wurde. Die Leitung übertrug er der Schamanin eines in diesem Gebiet sesshaften Stammes, einer gewissen Quebehut. Diese wurde im Laufe der Zeit als seine und Naphthys Tochter betrachtet, eine Ansicht, im übertragenen, im geistigen Sinne vielleicht ihre Berechtigung besitzt, nicht jedoch im biologischen. Dargestellt wird die vergöttlichte Quebehut mit einem Wasserkrug, mit denen sie die Toten wäscht. Nun, ursprünglich wusch sie die Lebenden.

Und letztlich Neith. Die ‚schreckliche Kriegerin‘ war gar nicht so schrecklich. Sie wurde eine zufriedene Frau, die viele Männer glücklich machte, und von ihnen auch Glück geschenkt bekam, sich aber nie fest binden wollte. Neith brachte den Menschen, wie ich schon erwähnte, den Webstuhl und lehrte sie, Farbe in ihr Leben zu bringen. Später verschwand die Buntheit wieder für lange Zeit aus der Kleidung, leider. Man dichtete ihr auch an, Seth den Krokodilgott Sobek geboren zu haben, aber das ist reine Phantasie.

Seltsamerweise hat es auch Apophis zum Gott gebracht, er versucht jeden Abend, Ra zu verschlingen, dargestellt wird er zumeist als Schlange. Er wird von den verschiedensten Göttern immer wieder geschlagen, getötet und vernichtet, steht jedoch immer wieder auf, als der ewige Feind des Guten. Sogar das Würstchen Isfeth hat seinen Platz in der Geschichte gefunden, als Gegensatz zum Maat, zur göttlichen Ordnung, also als Chaos an der Seite von Apophis.

Das war jetzt die Geschichte von Isis und Osiris, Marie Anne, im Laufe der Zeit wurde sie zwar etwas verändert, der Zeitablauf kam durcheinander, aber die Menschen erinnern sich immer noch.

Für mich war das erfreulichste, dass es mir erspart geblieben ist, allzu viel Blut zu vergießen. Der Tod von Ahmhun ist für mich immer noch gerechtfertigt, und ich bin der letzte, der Isis einen Vorwurf bezüglich Seth und Apophis machen möchte. Ich war nur zu bereit, beide selbst zu töten, wäre sie mir nicht zuvor gekommen. Aber Anoubis und die anderen retten zu können, das ist für mich ein sehr schönes Gefühl, umso mehr, als ich die Möglichkeit zu ihrer Heilung zu ihnen begleiten durfte. Heute frage ich mich, ob nicht Selketh bereits von ES ausgewählt war, und ES nur einen Leibwächter und Soldaten zu ihrem Schutz benötigte. Wenn es so war, möchte ich mich nicht beschweren, ich wurde immerhin ausreichend entschädigt. Und ja, Marie Anne, Selketh hatte das gleiche Muttermal wie Sie, an der gleichen Stelle. Eine Tante mit sehr vielen ‚ur’ davor, nehme ich an.

Fortsetzung folgt …

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