Frostnacht
(OT: Midnight Frost)
Von Jennifer Estep
Piper 8035
448 Seiten, TB, 2015 (2. Auflage)
Mythos Academy V
Aus dem Amerikanischen von Vanessa Lamatsch
ISBN 978-3-492-28035-8
Das Böse ist in der Welt, und jedermann im Umfeld der Mythos Academy in North Carolina weiß es … ach, eigentlich weiß es jeder in der magischen Welt. Vor ein paar Monaten ist es der Studentin Gwendolyn Frost gelungen, den legendären Helheim-Dolch zu finden, der das letzte magische Artefakt war, das die Schnitter des Chaos unter ihrer Anführerin Agrona Quinn noch benötigten, um den seit ungezählten Jahrhunderten nach Helheim verbannten Finstergott Loki zurückzuholen. Bei dieser Befreiungsaktion sollte Gwen von den Schnittern geopfert werden, aber sie konnte überleben.
Ebenfalls überstehen konnte sie im letzten Band „Frostglut“ das infame, von den Schnittern in die Welt gesetzte Gerücht, sie selbst sei für Lokis Freisetzung ursächlich verantwortlich und mithin ebenfalls eine seiner Dienerinnen, eben eine Schnitterin des Chaos. Gwen und ihre Freunde konnten erfolgreich ihre diabolische Antagonistin Vivian Holler bekämpfen, die sich an Gwens Statt für die Favoritin der Göttin Nike ausgab. Wobei sie in Wahrheit die Favoritin Lokis ist.
Doch auch wenn all dies an finsteren Plänen vereitelt werden konnte, ebenso, dass die Diener der Finsternis Lokis Seele in den Körper von Gwens spartanischem Freund Logan Quinn überführten, so hatte doch dieser Sieg einen verheerenden Preis – Logan, von Loki kontrolliert, erstach seine geliebte Freundin beinahe mit dem Schwert und konnte von ihr in diesem Akt der Selbstaufopferung von Lokis Bann befreit werden … aber anschließend kehrte er bestürzt und erfüllt von Selbstvorwürfen der Akademie den Rücken, weil er stets fürchtete, wieder unter Lokis Kontrolle geraten zu können und Gwen von neuem Leid zuzufügen oder sie gar zu töten.
Die Beziehung zwischen Gwen und ihm steht also, vorsichtig gesprochen, immer noch unter keinem guten Stern. War anfangs ihre psychometrische Gabe ein Hemmnis, so ist es nun diese für beide Seiten traumatisierende Tat, die sie beide voneinander wirkungsvoll fern hält. Und die arme Gwen leidet darunter wie ein getretenes Tier … glücklicherweise hat sie ihre Freunde, sie ist öffentlich rehabilitiert, hat vor aller Augen gegen die Elite der Schnitter gekämpft und zudem von ihrer Göttin Nike eine weitere Aufgabe erhalten.
Sie soll Artefakte finden, machtvolle magische Artefakte, die sie alle im Kampf gegen Loki und seine Diener dringend brauchen können. Und diese Artefaktjagd erbringt tatsächlich ein erstes Resultat, als Gwen ein offenbar aus robust geflochtenem Seetang erschaffenes Netz entdeckt, das angeblich der nordischen Sturmgöttin Ran gehört haben soll. Doch welche Aufgabe dieses Netz haben soll … sie hat keinen blassen Schimmer. Eine Berührung und der Einsatz von Gwens Psychometrik zeigt ihr einfach immer nur ein sturmbewegtes Meer … tief im Binnenland wirklich ein glorreicher Hinweis darauf, wozu dieses Netz taugen soll. Sie bleibt also ratlos zurück.
Dann ereignet sich ein weiterer Überfall der Schnitter direkt in der Bibliothek der Mythos Academy (also echt, die Sicherheitsvorkehrungen sind, mit Verlaub, unter aller Sau, immer noch – nicht eben sehr glaubwürdig) … und als Gwen den Schnitter stellt, begeht er vor ihren Augen Selbstmord! Der Anschlag auf Gwens Leben ist damit fehlgeschlagen … aber der Bibliothekar Nickamedes, Logans Onkel, nimmt versehentlich das Gift ein und ringt von diesem Moment an mit dem Tode.
Es gelingt glücklicherweise, die Natur des Giftes zu entschlüsseln, aber die Lehrerin Metis, die die stärkste Heilergabe besitzt, findet heraus, dass das Gegenmittel pflanzlicher Natur ist und ausschließlich in Ruinen auf einem Berg oberhalb der Mythos Academy Colorado wächst. Die Pflanze muss dort in einer Vollmondnacht um Mitternacht gepflückt werden, um ihre magische Kraft voll zu entfalten.
Allen ist bewusst, dass das eine Falle ist.
Dennoch weiß Gwen, die es sich ewig vorwerfen würde, wenn Nickamedes im Grunde ihretwegen sterben würde. Und ihr ist klar, dass die Feinde das ebenfalls wissen. Dennoch starten sie also unter Anleitung des Trainers Ajax eine Exkursion zur Mythos Academy Colorado und wollen von dort aus weiter zu den Ruinen. Die Zeit drängt auch deswegen, weil ein Schneesturm droht und sich ihr Zeitfenster immer rascher zu schließen beginnt.
Schon bei der Anreise gerät die Gruppe in einen Hinterhalt von Schnittern des Chaos und muss um ihr Leben kämpfen – das erhärtet die Vermutung, dass das alles ein abgekartetes Spiel ist und sie geradewegs alle ins Messer laufen sollen. Aber wie genau dieser infame Plan aussieht, wie dieses geheimnisvolle, abweisende Mädchen namens Rory Forseti dort hineinpasst und was für eine Rolle die wilden Greifen spielen werden, die auf dem Berg nisten, das kann sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorstellen.
Und schließlich schnappt die Falle gnadenlos zu …
Der fünfte Band der Serie um das Gypsymädchen Gwen Frost dreht die dramaturgische Schraube noch etwas an, zum Teil allerdings – wie ich fand – auf so haarsträubende Weise, dass Gwens anfänglich sehr sympathischer Pazifismus leider vollkommen entwertet wird. Wenn man sich mal vorstellt, dass das unsere Hauptperson, immerhin immer noch ein 17jähriger Teenager munter gleichaltrige Mitstudenten ersticht und sich anschließend darüber nicht mal Gedanken macht, dann ist das schon eine bedenkliche charakterliche Entwicklung. Auch wenn man berücksichtigt, dass die Gegner „natürlich“ böse und mörderisch sind und mit dem Fanatismus von Assassinen oder Selbstmordattentätern auf die „Helden“ der Story losgehen, hätte ich mir doch ein bisschen mehr Reflexion über die Folgen dieser Handlungen durchaus gewünscht. So wird hier an vielen Stellen rücksichtslos gemetzelt, die Schnitter bekommen nahezu durch die Bank keine Gesichter oder Namen, sodass sie austauschbare Strohpuppen werden oder digitale Nobodys in einem Run-, Shoot- and Jump-Spiel … das hat mir die Geschichte dann doch ein wenig verleidet. Es spielt keine Rolle, ob man dafür ein „blutrünstiges Schwert“ wie Vic instrumentalisiert. Von sich aus kann er ja keine Menschen töten, dafür muss Gwen es führen. Immer nachteiliger wirkt sich hier auch aus, dass es keinerlei Chance dafür gibt, die Gegenseite zu betrachten. Augenscheinlich kann man die bösen Handlungen der Schnitter immer nur dann zur Anschauung bringen, wenn sie sich zu selbstmörderischen Attacken hinreißen lassen. Etwas zu simpel, wie ich fand.
Nett, wenn auch nicht wirklich richtig überraschend, kam dann diese Aktion gegenüber den Greifen, wobei man recht schnell erkennen konnte, dass diese Handlung natürlich eine langfristige Konsequenz für die Geschichte haben würde. Das galt auch für die ach so verlockende Hängebrücke und den offenbar obligatorischen Verräter in der Geschichte.
Nein, ich fand schon, dass die Storyline hier etwas schwächelte. So sehr sich die Autorin hier auch bemüht, weiterhin die Konfliktverschärfung in Szene zu setzen, so schwer fällt es ihr offenkundig, „klar Schiff“ mit den Hauptakteuren der Gegenseite zu machen. Das ist augenscheinlich alles für den Schlussband aufgespart.
Interessant war dagegen ein weiterer familiärer Pfad von Gwens Biografie, der durch die Reise zur Mythos Academy Colorado aufgehellt wurde. Wenn man weiß, dass sie später auch drei Bände zu dieser Akademie geschrieben hat, darf man vielleicht gespannt sein, ob es dort dann beizeiten zu einer Wiederbegegnung mit Gwen Frost kommt. Halte ich nicht für undenkbar.
Tatsache ist jedenfalls, dass nun im kommenden finalen Band der Romanserie der Showdown anstehen wird und die Frage geklärt werden muss, ob Gwen tatsächlich, wie beide Konfliktparteien glauben, dazu imstande sein wird, den Gott Loki zu töten. Aber vielleicht läuft ja auch alles ganz anders ab … das hat mit diesem Armband zu tun, über das ich oben geschwiegen habe. Denn auf diesem Berg kommt es ja nicht nur zur Konfrontation mit den Schnittern, sondern auch noch zu einem ganz anderen bemerkenswerten Abenteuer.
Gleichwohl: Das Leseerlebnis war durch die obige Einschränkung leicht eingetrübt. Aber lesenswert fand ich das Buch nach wie vor.
© 2022 by Uwe Lammers
Braunschweig, den 11. Oktober 2022