Aktivierungsmodus. Tag 0. Hochfahren der Systeme durch externe Aktivierung der Steuerung. Analyseprogramme beginnen mit dem Check, zugleich wird, wie vom System vorgeschrieben, die Begrüßung des noch nicht namentlich bekannten Nutzers vorgenommen.

„Hallo. Guten Tag. Ich begrüße Sie, Nutzer. Bitte nennen Sie mir Ihren Namen, damit ich Sie Ihrem Rang entsprechend angemessen anreden kann.“

Der Chefprogrammierer Dr. Alan Tanamura von der Hitachi-Programmierakademie von Tellos II, hat in seinen Richtlinien für die Programmierung des Rettungs-Raumanzuges der Delta-Klasse ausdrücklich insistiert, dass Höflichkeit und zuvorkommendes Verhalten gegenüber den zukünftigen Nutzern des Anzuges weit oben auf der Prioritätenskala zu stehen haben.

Das bedeutet: Einen guten Eindruck machen. Von Anfang an höflich sein.

Schmerzerfülltes Keuchen. Eine dunkle, gepresste Männerstimme wird hörbar. Sie spricht Standard-Stellarenglisch. Der Sprachspeicher vermerkt das als Vorrang-Kommunikationssprache. „… verdammte Scheiße … Blechkiste …“

Ein kurzer Moment der Irritation, weil dieser Name ungewohnt klingt und nicht in Einklang mit den vierundvierzig Millionen in der Namensdatenbank gespeicherten Namen steht. Also offenbar ein neuer Nutzer. Der Namenseintrag wird vermerkt. Interaktion wird fortgesetzt.

„Guten Tag, Verdammte Scheiße – Blechkiste. Verzeihen Sie, aber das ist ein eher unüblicher Name für einen Nutzer, wenn ich die Datenbank menschlicher Namen …“

Unartikulierter Fluch. Dann spricht der Nutzer weiter, der offensichtlich Artikulationsprobleme hat. „Verdammte Blechkiste … halt … deinen … verdammten Rand …!“

Die Rückkopplung an die Interaktionsmöglichkeiten des Anzuges wird hergestellt und ergibt quasi sofort, dass dieser Auftrag nicht auszuführen ist. Verbale Antwort entsprechend formulieren: „Tut mir leid, Verdammte Scheiße – Blechkiste, das ist mir nicht möglich. Diese physische Aktion setzt eine Reihe von Schaltvorgängen und Autorisierungen voraus, die mein Nutzer vorher mit mir absprechen muss. Ich bin ein experimenteller Rettungsraumanzug der Delta-Klasse …“

„Das … ist mir … verdammt noch mal … bekannt. Was meinst du wohl, warum ich dich Scheißding aktiviert habe …?“ Keuchendes Atmen. Unterdrückte Schmerzlaute. Krachende Geräusche aus der Umgebung. Die Atmosphärenzusammensetzung im Montageraum verändert sich signifikant, wie die Außensensoren des Anzugs nachweisen. Spurenelemente, die auf einen Schwelbrand hindeuten, verschlechtern die Atemluft ringsum. Es ist offensichtlich, dass sich der Nutzer, der noch nicht im Anzug ist, sondern ihn lediglich geöffnet hat, in einer problematischen Umgebung aufhält. Er braucht dringend Schutz.

Zweifellos ist das der Grund, warum der potenzielle Benutzer den Anzug vorzeitig von der Checknische abgekoppelt hat.

„Du … hörst mir jetzt … verdammt genau zu, Anzug, verstanden?“

„Das habe ich verstanden, Verdamm…“

Der potenzielle Nutzer unterbricht den dialogischen Prozess. Seine mit seltsamer Intonation hervorgestoßenen nächsten Worte bringen etwas Klarheit in die anfangs eigentümliche Namensfrage. „Das war ein … Scheißfluch …! Lass diesen vermaledeiten Blödsinn! Mein Name ist … Leutnant Kenneth Tyburn. Merk dir das gefälligst! Kannst du das machen?“

Kenneth Tyburn ist ein menschlicher Name. Die Sprache des Kommunikationspartners ist Standard-Stellarenglisch. Der Gesprächspartner ist also offensichtlich ein Mensch. Damit gehört er zu der autorisierten Schicht an Personen, die einen Rettungsraumanzug der Delta-Klasse benutzen darf.

Einen Moment lang überlegt die KI des Anzugs, ob sie darauf hinweisen soll, dass sie noch nicht hundertprozentig einsatzfähig ist und ein gewisses Risiko für den Benutzer besteht. Sie entschließt sich dafür, das zumindest anzudeuten.

„Natürlich, Sir. Ich verstehe. Ihr Name ist jetzt gespeichert, Leutnant Kenneth Tyburn, Sir. Entschuldigen Sie bitte meine verkehrte Anrede. Ich hätte eigentlich von selbst darauf kommen können, aber wie ich schon erwähnt habe, bin ich ein experimenteller Rettungsraumanzug der Delta-Klasse …“

„… du schwätzt zuviel … wir haben verdammt noch mal keine Zeit! Hör mir gefälligst zu, und dann HILF mir, verstanden? Und beeil dich damit ein bisschen … der Boden hier wird schnell zu heiß …“

Die letztere Angabe ist zwar eigenartig, entspricht aber wohl den Tatsachen. Die Außentemperatur ist in den letzten drei Minuten um vier Grad gestiegen und steigt offenbar weiter. Eine klar erkennbare Quelle der Erwärmung ist nicht auszumachen. Aber die Außensensoren sind aktuell auch nur begrenzt zuverlässig. Sie werden sich erst vollständig aktivieren, wenn der Aktivitätsmodus gegeben ist. Im Aktivitätsmodus befindet sich der Anzug erst, wenn er aktive Schutzfunktion über einen Träger übernommen hat.

Der Schutz für Leutnant Kenneth Tyburn ist unerlässlich für das Erreichen des vollen sensorischen Fächerspektrums.

„Entschuldigung, Sir, selbstverständlich. In Notsituationen bin ich imstande, meine Protokolle auf beschleunigte Akzeptanz auszurichten. Bitte schildern Sie die Situation, in der wir uns befind …“

Der potenzielle Nutzer unterbricht erneut den Dialog von seiner Seite. Die KI macht einen Eintrag, dass der Nutzer offenbar nicht an einem geregelten, einvernehmlichen Dialog interessiert ist. Dies muss bei Fortsetzung der Interaktion bedacht werden, um angemessen reagieren zu können. „Das verfluchte Scheißschiff ist abgestürzt! Es brennt überall, und ich muss dieses verdammte Ding schnellstmöglich verlassen … Scheiße, tut das weh …!“

Feuer im Schiffskörper. Kann das die Ursache für die Temperaturerhöhung sein? Die Wahrscheinlichkeitssektoren der KI geben eine Plausibilität von 0.88 dafür an. Es mag noch andere Ursachen geben, aber akute Brandschäden, die sich ausdehnen, werden zunächst als plausibelste Erklärung akzeptiert. Auch die zunehmende Atemluftverschlechterung spricht dafür, dass das realistisch ist.

Der Anzug öffnet seine pneumatischen Säume und macht sich bereit, den potenziellen Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, aufzunehmen. Der potenzielle Benutzer scheint in Eile zu sein. Er wartet die vollständige Öffnung nicht ab, sondern wird selbsttätig initiativ.

Die KI führt gleichwohl den Kommunikationsprozess fort.

„Haben Sie physische Verletzungen davongetragen, Sir? Falls ja, muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass meine medizinischen Servosysteme nur bedingt einsatzbereit sind … was machen Sie da? Sir, ich muss Sie bitten, Ihre Beine ordentlich in meine Anzugschäfte einzuführen … so wird das nichts, Sir! Sie werden sich noch verletzen … bitte lassen Sie mich Ihnen behilflich sein.“

Aktivierung des linken Beinservo-Automatikprogramms. Das unsachgemäß gelagerte linke Bein des Benutzers, der in den Anzug zu schlüpfen versucht, wird von den automatischen Muskelbändern des Beines zielstrebig neu ausgerichtet.

Es erklingt ein kreischender Schmerzensschrei des Benutzers, der in gepeinigtes Schluchzen übergeht und von unartikulierten Flüchen und Beschimpfungen begleitet wird.

Offenkundig neigt der potenzielle Benutzer, der nun im Stadium ist, zum ordentlichen Benutzer des Anzugs zu werden und von seinen Schutzfunktionen vor den sich verschlechternden Umweltbedingungen abgeschottet zu werden, zu verbalen Kraftäußerungen. Sie sind freilich an einen Rettungsraumanzug der Delta-Klasse vergeudet. Beschimpfungen dieser Art setzen ein emotional-semantisches Bewusstsein im Gegenüber voraus, und darauf wurde bei der Programmierung der Anzug-KI durch Dr. Alan Tanamura verzichtet.

Er sagte immer: „Emotionen geziemen sich nicht für Maschinen. Sie führen im Extremfall zu Loyalitätskonflikten und erschweren eure zentrale Aufgabe, die Rettung von Menschenleben.“

Die KI stimmt Dr. Tanamura da vollkommen zu.

Emotionen haben hier nichts zu suchen.

Der Anzug schließt sich nun ordnungsgemäß über dem Bein und schmiegt sich dann plangemäß um den Rest des Körpers von Leutnant Kenneth Tyburn. Eine Injektionskanüle entlässt ein schmerzlinderndes Mittel in das linke Bein. Es scheint in seiner physischen Integrität gestört zu sein … verletzt zu sein.

„… du verdammter Scheißautomat …“, schluchzt der Benutzer schließlich Minuten später, während die Luftregulation eingesetzt hat und die inzwischen sehr schädlich gewordene Umgebungsluft ausgefiltert hat. „Du hast mir fast das Bein zum zweiten Mal gebrochen …“

Beinbruch. Das erklärt natürlich einiges, insbesondere die seltsame Verkantung des Beines im linken Anzugbeinschaft.

Die KI sieht sich zu einer Erklärung genötigt, um die kooperative Diskussionsbasis zwischen dem Anzug und dem jetzt durch Übernahme autorisierten Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, wiederherzustellen. Sie ist die Basis für die künftige Zusammenarbeit, die das Leben des Benutzers sichern und retten soll.

„Ich bitte um Entschuldigung für die zugefügten Schmerzen. Sie waren nicht intendiert. Aber Sie haben selbst gesagt, Sir, dass Sie das Schiff schnellstmöglich verlassen sollten. Meine Logikprozessoren waren sehr derselben Ansicht, denn die Atemluft in dem Raum, in dem wir uns zurzeit aufhalten, ist inzwischen so schlecht, dass Sie nach Maßgabe aller vorhandenen Parameter sicherlich binnen von vierzehn Minuten erstickt wären. So gesehen würde ich behaupten, dass ich Ihnen das Leben gerettet habe. Aber Sie brauchen mir dafür nicht zu danken, ich bin so programmiert, Menschenleben zu retten.“

Keuchender Atem des Geretteten. Unartikuliertes Knurren. Keine verständliche Antwort Der Besitzer versucht, sein linkes Bein zu belasten, was fehlschlägt und zu neuen Schmerzlauten führt. Daraufhin wälzt er sich unter großer Kraftentfaltung und heftigem Keuchen auf den Bauch und beginnt damit, durch den Raum in Richtung auf die Rettungsschleuse zu kriechen, die aus dem Montageraum hinausführt.

Die KI erkennt diese Bewegung nicht als wirklich zielführend und macht eine diesbezügliche Bemerkung.

„Sir, ich konstatiere, dass Ihre Fortbewegungsweise nicht wirklich optimal ist. Ich schlage vor, Sie versuchen, sich an dem Regal auf Ihrer rechten Seite hochzuziehen und im aufrechten Gang den Raum zu durchqueren. Andernfalls zerkratzen Sie beim Kriechen meinen Lack.“

Ein obskures Geräusch, halb Schluchzen, halb Lachen, ist zu hören.

„ … echt, nicht zu glauben … eine verdammte Scheißmaschine macht sich Sorgen … um ihren Lack …“

Die KI sieht sich erneut zu einer Erklärung veranlasst.

„Das ist ein sehr hochwertiger, antirostbeständiger Speziallack, Sir, der eigens dafür entwickelt worden ist, auf Extremwelten dafür Sorge zu tragen, dass weder starke Sonneneinstrahlung noch anderweitige aggressive Umwelteinflüsse das Metall meiner Außenhaut gefährden können. Jeder tiefe Kratzer, der darauf entsteht, verringert substanziell die Integrität des Schutzes und wirkt sich mittelfristig und langfristig zu Ihrem eigenen Nachteil aus. Nur bei intaktem Lackschutz ist gewährleistet, dass meine Schutzsysteme dauerhaft Ihrem Schutz dienen können.“

Der Benutzer hält in seinen Bewegungen inne. Sein Atem normalisiert sich etwas.

Schließlich spricht er wieder. Das Schmerzmittel wirkt offenbar, denn die Stimme klingt nun etwas gefasster, unterschwellig aber immer noch aggressiv. Die Anzug-KI ist nicht imstande, den Grund für die Aggression zu verstehen. Sie verschiebt die Analyse dieses Problems in eine Subroutine und wird sich später darum kümmern.

Zentral ist, dass die kriechende Vorwärtsbewegung aufgehört hat und der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, bäuchlings in der Montagekammer liegt. Offenkundig haben die Worte der KI einige Wirkung erzielt. Sie verbucht das als Erfolg im Kommunikationsprozess. Der Lack wird nicht weiter beschädigt.

„Ich sage dir jetzt mal was, Anzug … ich habe mir diese Scheißbruchlandung nicht ausgesucht, und Zimona hat das auch nicht … wir sind kurz nach dem Auftauchen hier im System Sigma 554 in den Ausläufer eines Ionensturms geraten und fast gegrillt worden. Meine Kollegin Zimona hat es nicht mehr bis ins Rettungsboot geschafft, und ich bin bewusstlos geworden, als ich landen wollte … habe mir dabei das Bein gebrochen und es nur mit Müh und Not hier in die Rüstkammer geschafft, um irgendwie von Bord zu kommen …“

„Ich verstehe, Sir, und wenn ich etwas bemerken darf …“

„Darfst du nicht! Du hältst jetzt die Schnauze, geschwätziges Ding, damit wir uns da recht verstehen! Wir haben keine ScheißZEIT für solch einen Quatsch! Wir sind auf dem zweiten Planeten des Systems gestrandet, aber ich weiß, dass es hier eine Notstation gibt. Sie liegt allerdings verdammt weit weg … hast du überhaupt eine Ahnung von dieser Welt, oder gehört das auch zu den Dingen, von denen du keinen blassen Schimmer hast?“

Die Semantik der Kommunikation bewegt sich nicht eben in den Bahnen einer höflichen Konversation. Die KI schiebt das auf die für den Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, aktuell stressige Situation und auf den verbal kommunizierten Verlust seiner Kollegin Zimona. In Extremsituationen, ist der KI einprogrammiert worden, neigen Menschen teilweise zu unlogischem und ruppigem Verhalten. Dafür muss Verständnis signalisiert werden, sobald dafür Zeit ist.

Aktuell wurde eine Frage gestellt. Die KI gibt die Frage an die untergeordneten Programmstrukturen weiter.

Subroutinen suchen. Ein astronomischer Atlas wird gefunden, Unterverzeichnisse aufgerufen.

System Sigma 554.

Ein roter Riesenstern mit vierzehn Planeten. Keine Welt in der habitablen Zone. Planet 2 trägt die Kennziffer S-Sig 554-2, exploriert vor siebzehn Jahren, drei Monaten und fünf Tagen. Als besiedlungsunfähig eingestuft. Eine Welt ohne eigenständige Vegetation, mit einer dünnen und heißen Stickstoffatmosphäre und starkem Vulkanismus. Oberflächentemperatur: zwischen 250 und 365 Grad Celsius. Schnelle Eigenrotation, Umdrehungszeit 12,8 Stunden Erdzeitmaß. In der Nacht starke Temperaturschwankungen, Gefahr von Bodenstürmen. Kein festes oder flüssiges Wasser, dafür starke mineralische Vorkommen dicht unter der Oberfläche, die die Orientierung am planetaren Magnetfeld erschweren werden …

„Scheiße, dumme Blechkiste, ich hab dich was gefragt!“

Die KI verschiebt den Detailcheck der astronomischen Daten des Planeten in eine Subroutine und nimmt den Kommunikationsprozess wieder auf. „Verzeihen Sie, Leutnant Tyburn, Sir – ich habe gerade meinen astronomischen Atlas befragt. Die Antwort auf Ihre Frage ist also: Ja, ich habe Daten über den zweiten Planeten von Sigma 554. Es ist ein äußerst ungastlicher Ort, den wir so schnell wie möglich verlassen sollten. Haben Sie während oder nach dem Absturz des Schiffes die Koordinaten des Aufprallpunktes des Schiffes feststellen können? Dies würde es mir erleichtern, die Distanz zur Notstation …“

Erneute Unterbrechung des Dialoges durch den Benutzer. Höflichkeit ist ganz eindeutig nicht seine Stärke.

„Weißt du eigentlich, was für einen Schwachsinn du da gerade schwätzt? Man merkt, dass du gerade erst zum Leben erwacht bist … verdammte Scheiße noch mal, ich bin verletzt, ich war BEWUSSTLOS, als wir abgestürzt sind, und jetzt will ich aus diesem Scheißwrack raus, bevor uns das Ding unter dem Arsch explodiert, und du faselst dummes Zeug!“

„Mir war nicht bewusst, dass unsere Situation so unangenehm …“

„Tödlich, Blechkiste, tödlich ist das richtige Wort!“ Der Leutnant keucht schwer und macht wieder Anstalten, über den Raumboden zu kriechen. Er kommt etwa einen Viertelmeter weit. Dann hält er inne, atmet schnaufend und tief ein und ändert seine Strategie.

„Also, hör gut zu … aus eigener Kraft komme ich aus dieser verfluchten Blechdose nicht raus …“

„Blechdose, Sir?“

„Raumschiff!“

Der Benutzer klingt genervt. Die KI hält das für eine unangemessene Emotion. Wenn der Benutzer die korrekten Fachtermini verwenden würde, ließe sich der Dialog deutlich flüssiger und schneller gestalten. Es ist aber nicht anzunehmen, dass der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, für eine derartige Korrektur gerade zugänglich. Die KI des Anzugs sieht sich dennoch genötigt, darauf hinzuweisen.

„Ich verstehe, Sir. Ihre Wortwahl ist für meine semantischen Speicher noch etwas ungewohnt, und ich muss mich erst auf die vielen unpräzisen Bezeichnungen einstellen, die Sie verwenden …“

Lautes Schnaufen.

„Was ich sagen will, ist dies: Du hast doch ein autonomes Kontrollsystem, das die Kontrolle über den Anzug übernehmen kann, oder?“

„Ja, das ist korrekt, Sir. Aber ich weise darauf hin, dass ich ein experimenteller Rettungsraumanzug der Delta …“

„Scheiße, das weiß ich doch inzwischen!“

„ … und das ‚experimentell’ bezieht sich darauf, dass noch nicht alle meine Funktionen abschließend getestet worden sind. Der externe Analyseprozess wurde gewaltsam durch meine Entfernung aus der Check-Nische unterbrochen, ehe alle Tests ordnungsgemäß abgeschlossen werden konnten …“

Der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, unterbricht den Dialog erneut.

„Ja, verdammt, das war ich. Ich hab dich aus dieser Scheißhalterung rausgezerrt, weil du die verflucht noch mal einzige Möglichkeit bist, wie ich hier lebend rauskomme … also hör mit diesen ständigen Scheißbelehrungen auf, ja?“ Keuchender Atem. „Ich weiß also, dass du nicht vollkommen bist. Das hast du mit uns Menschen aber gemein. Niemand ist vollkommen, und wir haben es dennoch bis zu den Sternen geschafft …“

Und dann ist das Raumschiff abgestürzt. Die KI des Anzuges sinniert in einer Subroutine darüber nach, ob das vielleicht daran liegen könnte, dass auch das Raumschiff noch experimentell war und nicht vollständig geprüft. Ein weiterer Gedankengang, der sich anschließt, beschäftigt sich mit der Frage, ob das menschliche Element, das so offenkundig irrational organisiert ist, verantwortlich sein könnte für die Störfälle, die nun in der aktuellen Krisensituation kulminieren.

Die KI kommt zu keinem klaren Entschluss. Mangelnde Daten.

„ … also, was ich damit sagen will, ist dies: Ich muss hier raus und das schnell. Aus eigener Kraft schaffe ich das nicht. Kannst du also dieses autonome Kontrollsystem einschalten oder nicht?“

„Sie meinen die Möglichkeit, dass mein integriertes Exoskelett Ihren Körper stützt und so die Fortbewegung ermöglicht?“

„Verdammt, ja. Genau das.“

Die KI kontrolliert die Anzugstrukturen und stellt bei den meisten Untersystemen prinzipielle Funktionsbereitschaft fest. Dementsprechend fällt auch die Antwort aus. „Ich verfüge über die entsprechenden Servomechanismen, Sir, das ist korrekt. Sie müssen aber ausdrücklich vom Träger zur Aktivierung autorisiert werden. Da ich noch im experimentellen Stadium bin, kann ich keinerlei Haftung für eventuelle Fehlfunktionen übernehmen.“

„Bringen die Servos mich in Gefahr?“

Eine seltsame, offenbar typisch menschliche Vorstellung. Sie ist zutiefst unlogisch. „Nein, Sir. Dies auszuschließen, gehört zur allgemeinen Grundsatzprogrammierung, sowohl zu der meinen als auch zu der des automatischen Servosystems, das die dynamische Steuerung des Anzuges übernehmen und den Träger so entlasten kann. Ich meine nur, es könnte zu leichten Störfällen kommen, die dann möglicherweise nur von externen Wartungsmechanismen behoben werden können …“

„Scheiße … was für Störfälle?“

„Mangelnde Daten.“

In der Tat geben die Funktionsprotokolle dazu keinerlei Indizien, aus denen Schlussfolgerungen abgeleitet werden könnten. Das autonome Kontrollsystem des Anzugs ist noch nie aktiviert worden. Woher sollen dann die Daten kommen? Schätzungsweise hätte die vollständige Diagnose entsprechende Indizien eingespeist, aber der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, hat die Diagnose vorzeitig abgebrochen. Und mit einem Benutzer kann die Check-Nische nicht mehr benutzt werden.

Das scheint auch nicht ratsam – die Temperatur in der Rüstkammer ist inzwischen auf fast sechzig Grad positiv gestiegen und steigt kontinuierlich weiter. Dass die Gefahrensituation sich verschärft, ist unbestreitbar.

„Also … kannst du mich mit diesem Kontrollsystem aus dem Wrack hier rausbringen?“

„Das ist möglich, Sir, natürlich. Ich habe dann mit Hilfe des autonomen Kontrollsystems die uneingeschränkte Kontrolle über Ihre Gliedmaßen und kann unabhängig von Ihrer physischen Kraft oder Ihrem Gesundheitszustand mit Hilfe der künstlichen Servomuskeln dafür sorgen, dass wir das Schiff verlassen und uns auf den Weg zur Notstation machen können.“

„Dann … dann autorisiere ich dich hiermit dazu, das automatische Kontrollsystem zu aktivieren!“

„Ich verstehe, Sir. Ich habe meine Bedenken dagegen geäußert, und Sie haben sie zur Kenntnis genommen und als irrelevant eingestuft. Habe ich das richtig verstanden?“

Der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, flucht wieder einmal. Seine verbale Artikulationsfähigkeit ist nicht sehr hoch entwickelt. „Scheiße, ja! Wer hat dich eigentlich programmiert? Ein gottverdammter Advokat?“

„Das war mein Chefprogrammierer, Dr. Alan Tanamura von der Hitachi-Programmierakademie von Tellos II. Er hat diese Programmierung vorgenommen am …“

„Grundgütiger Himmel! Hör mit dem Geschwätz auf! Das ist doch jetzt völlig egal! Sag mir, was du für die Autorisierung brauchst!“

„Sehr wohl, Sir. Bitte sprechen Sie mir folgende Autorisierungsformel nach …“

Der Anzug spricht die komplexe Buchstaben- und Zahlenkombination vor, die in der freien Natur und in menschlichen Sprachsystemen so nicht vorkommt. Auf diese Weise wird vermieden, dass irgendjemand zufällig und unabsichtlich den Aktivierungscode ausspricht und vor der Zeit und ehe das Aktivierungssystem dafür bereit ist, dieses in Aktionsbereitschaft versetzt.

Der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, spricht die Sequenz nach.

Eine Minute lang geschieht gar nichts.

Dichter Rauch beginnt die Rüstkammer zu erfüllen. Sauerstoffgehalt fällt auf 0, Stickoxidgehalt steigert sich in für Menschen unverträgliche Bereiche. Die Anzug-KI empfindet ein Analogon kybernetischer Zufriedenheit, den Benutzer so gut und wirkungsvoll schützen zu können.

„Ist das verdammte Ding defekt?“, keucht der Benutzer nach ein paar Sekunden. Er klingt gehetzt.

Die Anzug-KI sieht sich genötigt, ein paar beruhigende Worte zu sprechen. „Nein, Sir. Ich habe einen kurzen kritischen Dialog mit dem Aktivierungssystem geführt, das mich darauf hinwies, dass es nur zu 92 % einsatzfähig ist. Es hat ferner insistiert, dass Fehlfunktionen nicht ausgeschlossen werden können. Ich habe daraufhin von unserer aktuellen Notlage gesprochen und von Ihrer Stimmaufzeichnung Gebrauch gemacht, damit das System verstehen konnte, dass umgehendes Handeln angebracht ist …“

Die Beine des Anzugs beginnen zu zucken, die Füße poltern gegen den Boden. Die Arme schließen sich an, die Hände krampfen sich automatisch zusammen und entspannen sich wieder.

„Wie Sie sehen können, Sir, hat das System die internen Bedenken überwunden und beginnt nun damit, den allgemeinen Systemcheck durchzuführen und dann in Aktion zu treten.“

„Wie lange dauert das? Ich kann vor lauter Rauch schon gar nichts mehr in der Kammer erkennen!“ Panik klingt in Leutnant Tyburns Stimme mit. Sie ist durchaus begründet, da die Umgebungsbedingungen sich ernsthaft verschlechtern.

„Es gibt Grund zur Beunruhigung, das gebe ich zu. Meine Analysatoren registrieren in der umgebenden Atemluft inzwischen eine Sättigung mit Kohlenmonoxid und anderen Stickoxiden in Höhe von fast 95 %. Die Temperatur des Raumes ist inzwischen auf 139 Grad positiv angestiegen und steigt weiter. Aber Sie sind hier vollkommen geschützt, Sir.“

„Wie lange dauert das denn noch??!“

Geduld ist offensichtlich nicht die Stärke des Benutzers, Leutnant Kenneth Tyburn ist ein ungeduldiges Exemplar der Spezies Mensch. Aber in Anbetracht der Umgebungsverhältnisse und der allgemeinen Ausgangslage ist diese Verhaltensweise verständlich.

„Das System sollte gleich fertig konfiguriert sein, Sir … ah, sehen Sie, es geht schon los. Ich kann auf das volle Sensorium jetzt zugreifen und Sie aus dieser unangenehmen Lage befreien.“

Der Anzug richtet sich von selbst auf, stützt sich auf den Händen ab und steht dann mit einer geschmeidigen Bewegung aus der Bauchlage auf. Mit sicheren Schritten entlang der Regalwand geht der Anzug, nunmehr vollautomatisiert und von den robotischen Servomuskeln unter der flexiblen Metallhaut betrieben, auf die Rettungsschleuse am anderen Ende des Raumes zu. Der dichte Rauch beeindruckt die Sensorsysteme überhaupt nicht.

„Soll ich die Schottöffnungssequenz eingeben, Sir, damit wir das Schiff verlassen können?“

„Verdammt noch mal – auf alle Fälle! Ich will aus dieser Sprengkapsel unbedingt raus!“

„Spreng …?“

„Raumschiff! Ich rede von dem Raumschiff, verdammt noch mal!“

„Oh. Ja, Sir. Ich verstehe. Ihre semantischen Varianten sind für mich immer noch etwas verwirrend …“

„Verlass einfach das Schiff … und beeil dich … los doch! Alles Weitere wird sich dann zeigen!“ Leutnant Tyburn klingt einigermaßen erschöpft. Das ist zweifellos eine Nebenwirkung der medikamentösen Betäubung seines verletzten Beines.

Der Anzug betätigt die Sensortasten und gibt den Code ein, der das Außenschott öffnet. Der jähe Druckausgleich zur Umgebung hätte den Anzug geradewegs hinausgerissen, weil die Atmosphäre außerhalb des Schiffes sehr viel dünner als in der Schleusenkammer ist. Aber die automatische Kontrolle verhindert das durch Festklammern an dem Rand der Schottöffnung.

Nach dem Abebben der atmosphärischen Turbulenz klettert der autonome Anzug mit seinem Insassen aus dem Raumschiff. Es hat, wie nun deutlich wird, beim Absturz eine gut dreihundert Meter lange Schleifspur im rötlichen Schotter des Planetenareals hinterlassen. Dabei ist es direkt am Fuß eines mehrere Kilometer langen Höhenzuges liegen geblieben, der den Vorwärtsimpuls des Schiffes gebremst hat.

Die KI des Anzugs wandert kurz um das Wrack herum und meidet dabei die überall verstreuten, verbrannten Trümmer von Tragflächen und Oberflächenstrukturen.

Unter der Haut des Wracks glüht der Kern des Mikroreaktors immer heißer. Die Intensität radioaktiver Streustrahlung bestätigt die Worte des Benutzers – es ist definitiv gefährlich, sich hier länger aufzuhalten. Dies ist eindeutig der wahre Grund für den Temperaturanstieg in dem Wrack. „Brand“ charakterisiert diese Form des nuklearen Kernzerfalls beim Zusammenbruch des Reaktorkerns nur sehr ungenügend.

„Ich bringe Sie jetzt in Sicherheit, Sir“, sagte der Anzug.

„Das wird auch höchste Zeit …“

Sie sind gerade dreihundert Schritte von dem Wrack entfernt, als der Reaktorkern kollabiert. Unter Entwicklung einer Hitzeintensität, die die Messskala der Anzugsysteme weit überschreitet, zerbirst das Wrack des Schiffes in einer gleißenden Detonation, assistiert von einer enormen Druckwelle, die den Anzug und seinen Träger zu Boden schleudert. Knatternd prasseln überall in weitem Umkreis kleine, brennende Trümmerteile nieder, die in der Stickstoffatmosphäre nahezu sofort erlöschen. Aufgrund der Umgebungstemperatur lässt ihr Nachglühen aber nur langsam nach.

Glücklicherweise haben keine Trümmerstücke den Anzug getroffen.

„Wir sind strukturell intakt geblieben, Sir.“

„Verdammte Scheiße, das war aber echt knapp …!“

„Ich würde eine andere Wortwahl benutzen, aber inhaltlich haben Sie vollkommen Recht, Sir.“

*

Nach einer kurzen Erholungsphase des Trägers, Leutnant Kenneth Tyburn, ordnet er an, dass sie sich auf den Weg zur Notstation machen sollen. Das führt unvermeidbar zur nächsten Schwierigkeit. Ein kurzer Rundumblick macht klar, dass der Einwand, den das automatische Kontrollsystem sofort macht, stichhaltig ist. Die Sicht beträgt etwa hundertfünfzig bis zweihundert Meter, der Himmel ist eine einzige diesige Fläche aus graubraunem Dunst.

Das Fazit des automatischen Kontrollsystems ist daher stichhaltig: Der Weg zur Notstation kann nicht angetreten werden.

Mangelnde Daten.

Die KI des Anzugs kommuniziert das Problem: „Sir, das Kontrollsystem wendet ein, dass es aktuell lokalen keine Koordinaten besitzt. Bei der gegenwärtigen Tagessituation ist es außerdem aufgrund der atmosphärischen Bedingungen schwierig bis unmöglich, die richtige Richtung zu ermitteln, in der die Station liegt. Folglich kann auch die Distanz und Reisedauer nicht abgeschätzt werden. Ich schlage folgendes Vorgehen vor: Wir werden uns auf einen nahen Höhenrücken begeben und dort das Einbrechen der planetaren Nacht abwarte, die nur noch wenige Stunden entfernt sein dürfte. Dann kann ich mit Hilfe der astronomischen Peilung unsere lokale Position ermitteln und danach die Relation und Distanz zur Notstation sowie den idealen Kurs, den wir steuern werden, um so schnell wie möglich dafür zu sorgen, dass Sie in Sicherheit sind, Sir. Halten Sie das für akzeptabel oder haben Sie einen alternativen Vorschlag?“

Der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, schnauft erschöpft. „Nein. Kein anderer Vorschlag. Guter Plan. Ausführen!“

„Verstanden, Sir.“

Der autonome Anzug macht sich auf den Weg durch die zerklüfteten und sonnendurchglühten Oberflächenstrukturen, in denen vorhin das Wrack des Havaristen explodiert ist.

Die Umgebung ist nicht eben das, was man sonderlich reizvoll oder abwechslungsreich nennen kann. Verbrannter Fels, an manchen Stellen zischende und brodelnde Seen aus Zinn oder Quecksilber, denen aus Schutzgründen ausgewichen werden muss. Schotterfelder, deren Tiefe nicht ausgelotet werden kann. Auch sie sind zu umgehen. Nach einer Weile des maschinenhaften Marsches durch die menschenfeindliche Einöde beschließt die KI, dem Benutzer ein wenig Ruhe zu gönnen.

Der Anzug verdunkelt das Visier.

„Was machst du da? Was soll das?“ Eine nervöse Emotion lässt die Stimme des Leutnants zittern. Seine biometrischen Werte steigen rasant an.

Die KI besänftigt sofort. „Ich habe für Sie die Umgebung ausgeblendet, Sir. Sie brauchen sich keinerlei Sorgen zu machen. Das Kontrollsystem wird mich und damit automatisch auch Sie absolut sicher zu dem von uns festgelegten Aussichtspunkt bewegen. Vielleicht nutzen Sie die Gelegenheit und ruhen sich etwas aus?“

Der Anzug bewegt sich derweil unbeeindruckt weiter, mal hangaufwärts, dann seitlich. Seine Arme und Beine bewegen sich von selbst, während die externen Sensoren in Realzeit die sicherste Route ermitteln und sich dort so rasch als möglich bewegen. Deutlich sicherer und schneller, als ein Mensch es mit seinen eingeschränkten Sinnen könnte.

„Es ist … es ist mir verdammt noch mal scheißunheimlich, mich zu bewegen, während ich nichts sehen kann … fühlt sich wie Blindflug an …“

„Soll ich die Verdunklung wieder aufheben? Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen, Sir.“

„Ist … doch, das ist mir lieber, wenn ich was sehen kann.“

Der Anzug hellt das Visier wieder auf.

Das Kontrollsystem balanciert in diesem Moment gerade über einen schmalen vulkanischen Grat aus schwarzem, bröckeligem Gestein. Links geht es 12,74 Meter in die Tiefe, wo unruhiges Bodenzittern registriert wird. Der Benutzer macht im Anzug instinktiv eine panische Ausweichbewegung. Das Kontrollsystem negiert mit den internen Metallmuskeln diese Bewegung und fährt mit seinem Zielkurs fort. Der Anzug bleibt ungerührt auf Kurs und überwindet die letzten paar Meter des schmalen Grats, um wieder auf festen Grund zurückzukehren und dann mit weiteren ruhigen Schritten angemessene Distanz zu dem Abgrund zu bekommen.

„Oh, verdammte Scheiße … ich dachte, ich fall gleich in diesen Abgrund rein …“

Die KI signalisiert Beruhigung. Das ohnehin angeschlagene Nervensystem des Benutzers, Leutnant Kenneth Tyburn, würde durch solche Stresssymptome nur weiteren Schaden nehmen. Das muss abgewendet werden. „Das ist unmöglich, Sir, solange das Kontrollsystem alles steuert. Bis Sie den Deaktivierungscode gesprochen haben, verfolgt das Kontrollsystem Ihren Befehl und ist unbedingt zuverlässig. Es wird uns zielstrebig und unter Umgehung aller Gefahren sicher zur Notstation bringen bzw. aktuell zu einer angemessenen Höhenposition, wo wir den Einbruch der Dunkelheit abwarten werden, damit ich die planetare Position lokalisieren kann und die Distanz und Richtung zur Notstation. Sie brauchen sich da keinerlei Sorgen zu machen.“

Da ist jedoch noch etwas, das jetzt vielleicht sinnvoll zu kommunizieren wäre. „Allerdings möchte ich eine vorsichtige Warnung aussprechen, Sir …“

„Na, was kommt denn jetzt?“

Die KI setzt zu einer angemessen erscheinenden, ausführlichen Antwort an. „Ich habe schon verschiedentlich erwähnt, dass ich ein experimenteller Rett …“

„Ja!“

Die Unterbrechung der Kommunikation kann schon nicht mehr überraschen. Die Künstliche Intelligenz entscheidet, dass eine kondensierte Mittelung vielleicht besser ist, als den Geboten der Höflichkeit weiterhin verpflichtet zu sein. Sein Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, ist bekanntlich kein höflicher Mensch mit angenehmen Umgangsformen.

„ … also, was ich damit sagen möchte, ist dies: Es kann sein, dass Sie sich überlegen, über Nacht vielleicht das Kontrollsystem deaktivieren zu wollen. Davon rate ich ab. Wenn wir das Kontrollsystem mit dem Deaktivierungscode ausschalten, was natürlich möglich wäre, dann besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich dann nicht mehr wieder reaktivieren lässt. Im Moment befindet es sich in einem Testmodus, und üblicherweise neigen solche Systeme dazu, nach dem Testmodus eine erneute Werkstattrunde abzuwarten – das würde bei mir ebenfalls passieren, aber ich gehe davon aus, dass Sie nicht daran denken, mich zu deaktivieren, da Ihr eigenes Überleben von meiner konstanten Funktionsfähigkeit abhängt.

Da wir auf dieser Welt eindeutig nirgendwo die Möglichkeit einer Werkstattwartung haben, schlage ich vor, dass wir das diesbezügliche Risiko so gering wie möglich halten. Ich möchte darum sehr davor warnen, das Kontrollsystem zu deaktivieren, ehe wir in der direkten Nähe der Station sind. Immerhin erinnere ich an Ihr linkes Bein, Sir.“

Der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, schnaubt. Die Emotion dahinter kann nicht entschlüsselt werden. „Daran brauchst du mich nicht zu erinnern, das werde ich merken, wenn es wieder anfängt, wehzutun. Danke übrigens für die Betäubung vorhin … ich hatte echt höllische Schmerzen.“

Die Erkenntnis, vorhin richtig gehandelt zu haben, erfüllt die KI mit einer Form von synthetischer Genugtuung. Es ist dies eine Art von „Emotion“, die Dr. Tanamura der KI einprogrammiert hat, um eine gewisse Form von „Belohnung“ zu erschaffen. Eine wichtige Routine innerhalb der KI ist darauf ausgerichtet, derartige Belohnungen anzustreben. Wenn diese Belohnung kommt, ist das ein eindeutiges Zeichen, dass benutzerkonformes Verhalten realisiert wurde.

„Gern geschehen, Sir. Es ist meine Pflicht, Ihr Wohlergehen sicherzustellen und dafür zu sorgen, dass Sie nicht zu Schaden kommen. Geben Sie mir bitte Bescheid, wenn Sie wieder Schmerzen verspüren.“

„Hast du nicht so eine verfluchte biometrische Diagnoseautomatik?“

Die Anzug-KI sieht wieder Erklärungsbedarf. „Das ist prinzipiell korrekt, Sir. Aber da ich noch in der Testphase bin, sind die Systeme nicht endgültig kalibriert und können daher irreale Werte anzeigen. Ich bin deshalb auf Ihre Kooperation angewiesen, damit ich Ihr Wohlergehen auch sicherstellen kann.“

Genervtes Seufzen. „Na toll, das wird ja immer besser …!“

„Ich hatte Ihnen mehrfach gesagt, dass ich ein experimenteller Ret …“

„Ja, das weiß ich. Du brauchst das nicht hundertmal zu wiederholen! Sieh einfach zu, dass wir diesen vermaledeiten Höhenrücken, Berg oder was auch immer erreichen und du dann den Sternenhimmel sehen kannst. Alles andere ist mir jetzt erst mal gleichgültig!“

Im Laufe der nächsten anderthalb Stunden wechseln der Anzug und sein Benutzer nur wenige Worte. Es wird immer deutlicher, dass Leutnant Tyburn zunehmend müde wird. Schließlich signalisiert seine relativ entspannte Atemfrequenz, dass er eingeschlafen ist.

Der Anzug verdunkelt das Visier.

Kein Protest.

Träger schläft.

Der Anzug wandert weiter durch die glühende, menschenfeindliche Wildnis aus zerklüfteten Felsen und gefährlichen Niederungen, stets auf der Suche nach einem hohen Aussichtspunkt.

Er braucht fast drei Stunden dafür, ehe dieser Punkt erreicht wird, und erfreulicherweise bricht annähernd zur gleichen Zeit die Dunkelheit nach einer nur sehr kurzen Dämmerung herein. Der fahlgraue Dunst in den Niederungen wird schwächer, und die Temperaturen lassen spürbar nach.

Die Sterne werden sichtbar.

Der Anzug hellt das Visier auf, damit der Leutnant, wenn er aufwacht, sehen kann, wo sie sich befinden. Dann gleicht er die Positionen der hellen Lichtpunkte am Himmel mit den Koordinaten in seinem stellaren Atlas ab. Aber aufgrund der Tatsache, dass die KI nicht ausdrücklich für diesen Zweck konzipiert wurde, braucht sie für die Berechnung des Standortes mehr als eine Stunde. Auf einer internen Planetenkarte projiziert sie nach erfolgreicher Berechnung den eigenen Standort und den der Notstation. Die Karte wird mit dem automatischen Kontrollsystem geteilt, das daraufhin selbständig einen Kurs errechnet, der die offenkundig kürzeste Route darstellt.

„ … wie sieht es aus …? Hast du schon was … rausbekommen?“, flüstert der Benutzer schließlich müde.

Die KI eröffnet umgehend den Dialog mit dem Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn. „Ich freue mich, dass Sie wieder wach sind, Sir. Die Antwort auf Ihre Fragen lautet: Ja. Unsere Position ist etwas unglücklich, weil wir uns auf der falschen Seite des Planeten befinden. Die Südhemisphäre dieses Himmelskörpers ist komplett unerschlossen, und hier befinden wir uns zurzeit. Glücklicherweise sind die Kartierungsdaten des Planeten mit der Kennziffer S-Sig 554-2 erst kürzlich in meinen kartografischen Speicher geladen worden. Das muss noch geschehen sein, während ich in der Kontrollhalterung hing …“

„Ja, das war Zimona. Sie sagte, sie programmiert vorausschauend, falls wir es nicht bis zur Station schaffen würden …“

„Das war eine äußerst kluge Entscheidung, Sir. Die Distanz bis zur Notstation beträgt von unserem aktuellen Standpunkt ziemlich genau 4.402 Kilometer. Wir …“

„WIE VIELE KILOMETER?“ Leutnant Tyburn wird unerwartet laut.

„Nach den navigatorischen Berechnungen sind wir ziemlich genau 4.402 Kilometer …“

Der Benutzer schreit auf. Seine Hände zucken in den Handschuhen des Anzugs, aber durch die durchgängige Kontrolle des automatischen Kontrollsystems bewegt sich der Anzug selbst nicht einen Millimeter. Leutnant Tyburn wird nun womöglich noch lauter. „Scheiße! Scheiße, Scheiße! Ich weiß, was du gesagt hast! So eine verdammte Scheiße … das schaffen wir zu Fuß doch niemals!“

Diese Einschätzung ist natürlich verkehrt. Die KI widerspricht unverzüglich, da sie nicht zulassen kann, dass die heftigen Emotionen den Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, schädigen. Und sie hat auch gleich eine Möglichkeit griffbereit, um den Leutnant weiter von der in seinen Augen wohl unmöglichen Aufgabe abzulenken.

„Da muss ich widersprechen, Sir. Es ist absolut machbar, die Distanz zurückzulegen. Ohne das automatische Kontrollsystem wäre es allerdings nicht realisierbar. Es ermüdet niemals und kann Tag und Nacht durchmarschieren … allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Ihnen in der Zwischenzeit etwas langweilig werden könnte.

Für Abwechslung kann ich jedoch sorgen. Mein Chefprogrammierer, Dr. Alan Tanamura von der Hitachi-Programmierakademie von Tellos II, ist großer Liebhaber klassischer Literatur von der Erde gewesen, und er hat sich die Mühe gemacht, eine Literaturdatenbank auf meinen Wissensspeicher zu laden. Ich bin zwar von meinen Akustiksystemen her außerstande, Ihnen Musik zugänglich zu machen, weil dieser Fall von meinen Konstrukteuren nicht vorgesehen wurde. Aber ich kann aus einer sehr großen Menge von gut 25 Millionen Literaturwerken von der klassischen Antike bis zum 23. Jahrhundert Texte vortragen. Vorausgesetzt, Sie haben nichts dagegen, dass ich eher monoton und in einer Stimmlage vortrage.

Ich schlage daher vor, dass wir keine Zeit für unseren Marsch verlieren, indem wir unnötige Ruhepausen einlegen, sondern unverzüglich das automatische Kontrollsystem Zielkurs auf die Notbasis nehmen lassen. Sehen Sie das genauso, Sir?“

Der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, hört sich erschöpft an. Er braucht dringend Aufmunterung, befindet die KI. Ablenkung ist ohne Frage erforderlich. Der Vorschlag mit dem Zitieren klassischer Literatur wurde erkennbar zum richtigen Zeitpunkt gemacht. „Ja … ja, das ist auf alle Fälle besser. Keine Zeit verlieren …“

„Mein Reden, Sir. Ganz mein Reden. Und in der Zwischenzeit verraten Sie mir doch einfach, was ich Ihnen aus meiner Literaturdatenbank zitieren darf. Haben Sie besondere Wünsche, was das Genre angeht? Ich könnte folgende Themengebiete anbieten …“

Die Anzug-KI zählt vierundneunzig unterschiedliche Genreuntergliederungen auf, die eingespeichert sind.

Aus undurchsichtigen Gründen entschließt sich Leutnant Tyburn am Ende dafür, mit dem Reisebericht eines Nordpolarforschers des frühen 20. Jahrhunderts der Erde zu beginnen. Das ist der vollständige Kontrast zu der sonnendurchglühten – jetzt im Dämmer liegenden – Umgebung. Aber die KI ist loyal und hilfsbereit. Darauf ist sie programmiert.

Der Anzug wandert derweil von dem Höhengrat herunter, auf dem er nun nicht weiter verweilen muss, nachdem Distanz und Kurs zum Ziel festgestellt worden sind. Er, klettert autonom in die Tiefe der Ebene und sondiert dann plangemäß mit seinen Analyse-Scansystemen die Umgebung nach gefährlichen Passagen und umgeht sie.

Leutnant Tyburn hört den Polarreisebericht genau achtunddreißig Minuten und elf Sekunden lang an, dann schläft er wieder ein.

Die KI senkt den Vorlesepegel, fährt aber gehorsam fort, den Text bis zum Ende durchzuhalten. So vergehen die nächsten gut zwei Stunden.

*

Die nächsten drei Tage vergehen auf ziemlich dieselbe Weise.

Der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, lässt sich derweil diverse Anfänge von Romanen und sonstigen belletristischen Werken vorlesen, macht auf Ratschlag der KI auch Stippvisiten bei Philosophie und Komödien, um seinen literarischen Horizont zu weiten. Er verwirft dabei aber schon nach wenigen Seiten Solschenizyns „Archipel Gulag“, ebenso Aristoteles, findet James Joyce, Robert Musil, Marcel Proust und Carlos Fuentes langatmig und ermüdend. Kafka ist ihm zu finster und fatalistisch, die gekürzte Form von Cervantes „Don Quixote“ sagt ihm dagegen durchaus zu, auch wenn er sie „etwas angestaubt“ findet. Er merkt ihn sich für später vor.

Ein bizarrer archaische Science Fiction-Roman von Edgar Rice Burroughs, der auf einem Mars spielt, der in keiner Weise den realen Gegebenheiten entspricht, entlockt dem Benutzer ein rostiges, erschöpftes Lachen. Gelegentlich nimmt er etwas Wasser aus dem Flüssigkeitsspender zu sich.

Während der Anzug mit der Unermüdlichkeit einer Maschine stur durch die lebensfeindliche Wüste marschiert und zahlreichen Gefahrenquellen ausweicht – beispielsweise glühenden Magmalöchern oder instabilen Bodensenken, wo schon unter hohem Druck hervorschießende Dampffontänen von dicht unter der Oberfläche lauernden Hitzekammern künden – währenddessen wird der Leutnant immer wortkarger. Manchmal äußert er nur alle Stunde einen verhaltenen Fluch.

Er schläft viel.

Nun, er ist ein Mensch. Natürlich schläft er viel. Er ist ja auch verletzt. Und er ist ein Mensch, wie gesagt. Im Vergleich zu einer Maschine ist er ein sehr störanfälliges System, das gepflegt und geschützt werden muss.

Die Anzug-KI versteht sich inzwischen als eine Zwischenform von ärztlichem Betreuer und literaturbeflissenem Seelsorger, der den Verstand des Benutzers rege und wach zu halten bestrebt ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie stört, wenn der Benutzer, Leutnant Kenneth Tyburn, schlafen möchte.

In regelmäßigen Abständen erneuert die Anzug-KI die Betäubung des linken Beines. Wenn die Diagnosesysteme Recht behalten, ist das Schienbein gebrochen. Die stete Bewegung des Anzugs macht alles natürlich nicht besser. Aber wenn die mechanische Beinmuskulatur des linken Anzugbeines starr gehalten werden soll, wird der Anzug hinken und damit an Geschwindigkeit verlieren.

Geschwindigkeit zu verlieren kommt nicht in Frage.

Das oberste Ziel ist das Erreichen der Notstation. Nur dort kann Leutnant Tyburn geholfen werden.

Also müssen sie sich beeilen, die Station zu erreichen.

Alles andere wird nebensächlich.

Alles andere.

Auch die Erkenntnis, dass die experimentellen Analysesysteme im Innern des Anzugs allmählich durch den Dauerbetrieb zu versagen beginnen.

Am fünften Tag der Wanderung – sie sind inzwischen fast dreihundert Kilometer weit gekommen – versagt die Messkontrolle der Atemsensorik und die Herz- und Pulsmessmanschette.

Der Benutzer flucht darüber, dass der Wasserspender so wenig Flüssigkeit hergibt. Daran ist aber leider nichts zu ändern. Die Wassermenge ist limitiert. Dafür funktioniert die zirkuläre Sauerstoff-Wiederaufbereitung tadellos, ebenso die Wärmeableitung. Der Leutnant wird eindeutig nicht an Überhitzung zu leiden haben oder an Atemproblemen.

Der Anzug beschließt, Leutnant Tyburn von seinen aktuellen Problemen abzulenken und liest ihm „The Wizard of Oz“ von Lyman Frank Baum vor. Das ist ein kurzweiliges, amüsantes Werk aus den Anfangstagen des 20. Jahrhunderts, und es scheint ihm auch definitiv zu gefallen. Generell gefällt dem Benutzer Phantastik aus der klassischen Ära der Science Fiction offenbar besonders gut.

Die KI sucht nach weiteren passenden Werken.

Wenn kein Widerspruch des Leutnants kommt, geht die KI davon aus, dass das Werk gefällt und liest weiter vor. Sie beginnt mit der Kurzfassung von Cervantes´ „Don Quixote“, und da kein knurriger Kommentar des Benutzers folgt, schließt die KI, dass das Werk gefallen hat.

Zwischendurch kommen nur seltsame, unartikulierte Kommentare des Anzugträgers, die aber nicht als Widerspruch, sondern vielmehr als erschöpfte Form von Zustimmung gewertet werden.

Die KI fahndet daraufhin nach weiteren Werken mit relativ wenig realistischer Bodenhaftung, da dies dem Lesegeschmack des Benutzers, Leutnant Kenneth Tyburn, entgegenzukommen scheint.

Auf diese Weise kann die Anzug-KI in den folgenden fünf Tagen das komplette Werk von Ray Bradbury vortragen.

Die Schlafphasen Leutnant Tyburns werden offenbar länger.

Die KI drosselt die Lautstärke des Vortrags und redet unermüdlich weiter.

Reden, so sagt eine psychologische Weisheit in den Speichern aus, beruhigt die Menschen, das ist besonders bei Kindern der Fall, wenn es dunkel wird. Kinder fürchten sich vor der Dunkelheit.

Die KI betrachtet Leutnant Tyburn als ihre Form von Kind. Sie muss ihn beschützen, behüten, seine Sorgen reduzieren. Und das umso mehr, als das Visier inzwischen nahezu die ganze Zeit dunkel ist. Der Benutzer scheint das als die sinnvollste Methode, Sorgen darüber auszublenden, dass der Anzug mit ihm darin robotergleich Stunde um Stunde, Tag um Tag durch die lebensfeindliche Umwelt marschiert, erkannt zu haben.

Reduzieren muss die KI alsbald auch die Dosis des Schmerzmittels.

Aber nach neun Tagen – Leutnant Tyburn hat gegen die geringere Schmerzmitteldosis keine Einwände gemacht, also war sie offenbar trotz allem wirksam – gehen die Vorräte an Betäubungsmitteln zur Neige. Jedenfalls, wenn die Innensensoren das richtig feststellen.

„Sir, die Betäubungsmittelanzeige steht jetzt auf Null. Ich fürchte, ich kann die Betäubung Ihrer Verletzung nicht mehr länger aufrechterhalten. Empfinden Sie noch Schmerzen, Sir?“

Keine Antwort.

Die KI veranlasst den Anzug, mit dem linken Bein etwas fester auf den Fels aufzutreten, so dass das verletzte Bein erschüttert wird.

Leutnant Tyburn gibt keinen Schmerzlaut von sich.

Die KI interpretiert das als ein positives Zeichen. Es gibt in den medizinischen Datenbanken das Phänomen der Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers. Augenscheinlich hat der Körper, auch wenn das rational nicht nachvollziehbar ist, die Verletzung zwischenzeitlich ohne medizinische Behandlung geheilt. Das ist mit dem nur noch ungenügend funktionierenden diagnostischen Anzugsystem nicht nachzuprüfen. Die von dort übermittelten Werte sind bizarr und zweifellos unzutreffend.

Das kann die KI nicht überraschen. Diese Systeme befinden sich eben im Testmodus, sie sind grundsätzlich nicht für den Dauerbetrieb gedacht. Aber wenn jetzt keine Notwendigkeit mehr besteht, medikamentös zu behandeln, ist ja alles in bester Ordnung.

„Ich stelle fest, dass der Schmerz dauerhaft aufgehört hat, Sir. Sie hätten mir das vorher schon sagen können, aber es macht nichts. Ich werde das Medikamentendepot schließen. Wenn Sie wieder etwas benötigen, etwa einen Stimmungsaufheller oder dergleichen, geben Sie mir bitte Bescheid.“

Keine Antwort.

Vielleicht schläft der Leutnant.

Höchstwahrscheinlich schläft er.

Nun, er ist ein Mensch, und die Wanderung dauert schon ziemlich lange an. Er hat jedes Recht, erschöpft zu sein. Am besten wird es sein, ihn zu schonen.

„Ich habe in meiner Datenbank übrigens inzwischen noch ein faszinierend irrationales, aber sicherlich sehr unterhaltsames Werk entdeckt, Sir“, sagt die KI. „Es stammt von einem anonymen persischen Autor und wird ‚Die Abenteuer aus Tausendundeiner Nacht’ genannt. Meiner Ansicht nach könnte Ihnen das gefallen …“

Die KI trägt die Märchen aus Tausendundeiner Nacht vor. Stunde um Stunde. Tag um Tag.

Der automatische Anzug marschiert weiter.

Tag und Nacht.

Die Wechsel von Tag zu Nacht und die konstant extremen Temperaturen des Planeten belasten die Anzugfunktionen nach und nach zunehmend. Immer mehr interne Systeme fallen aus.

Die meiste Energie wird naturgemäß von den externen Servosystemen verschlungen, die von der Anzug-Generatorenkapsel zwischen den Schulterblättern des Anzugs abgegeben wird. Tagsüber spreizt der Anzug an den Armen Paneele auf, die die Hitze und die Sonnenenergie auffangen und ergänzend transformieren. Für solche extremen Umweltbedingungen ist der Anzug geschaffen worden. Und das automatische Kontrollsystem ist so programmiert, dass es, einmal in Gang gesetzt, tatsächlich erst dann innehalten wird, wenn die Notstation erreicht ist.

4.400 Kilometer sind eine unglaubliche Distanz.

Sie führen die KI und den automatisierten Anzug bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Niemals hat es einen so fordernden Funktionstest gegeben. Wirklich noch niemals.

Aber in diesem Fall ist die Anzug-KI willens und fähig, um das Leben von Leutnant Kenneth Tyburn zu retten, sich selbst vollständig zu verschleißen.

Aus 4.400 Kilometern werden 3.000 Kilometer.

Dann 2.000.

Dann 1.000.

„Wir sind fast da, Leutnant Tyburn! Halten Sie durch!“, macht die Anzug-KI dem schweigsamen Träger Mut.

Sie sind seit Wochen unterwegs, haben viele Meilen Umwege um riesige Lavaseen, instabile Talregionen und wegbröckelnde Gebirgszüge machen müssen. So sind aus diesen Distanzen sehr viel größere Strecken geworden.

Der Anzug hat sich nicht ein einziges Mal beklagt.

Leutnant Tyburn hat sich nicht ein einziges Mal beklagt.

Er schläft offenbar die meiste Zeit.

Die Anzug-KI hält das für eine gute Entwicklung.

Leutnant Tyburn braucht den Erholungsschlaf.

Der Anzug erreicht die 500-Kilometer-Marke.

Die Umgebung verwandelt sich nun mehrheitlich in ein heißes Aschenfeld. Der Himmel verdunkelt sich periodisch, an manchen Tagen ist vor lauter Aschenregen und Bimssteinhagel kaum ans Wandern zu denken. Dann pausiert der Anzug unter Felsüberhängen und wartet ab, bis die Bedingungen sich gebessert haben.

Und wandert dann weiter.

Inzwischen kann man, wenn der automatisierte Anzug auf Höhenkämmen unterwegs ist, gelegentlich schon das Peilzeichen der Station erhaschen.

Die Station ist also in Betrieb, ausgezeichnet.

Dummerweise ist der Anzugsender inzwischen ausgefallen. Es gibt also keine Möglichkeit, eine eventuelle Besatzung der Station auf die Notlage des Leutnants aufmerksam zu machen.

„Halten Sie durch, Leutnant Tyburn“, schärft die Anzug-KI dem schweigsamen Träger ein. „Wir bringen Sie sicher ans Ziel. Es ist nicht mehr weit entfernt.“

Es ist tatsächlich nicht mehr weit entfernt.

366 Kilometer, um genau zu sein.

Die KI beschließt, den Leutnant mit etwas Abstrusem, aber doch gewiss sehr Erheiterndem aufzumuntern. Dass es so sein muss, erschließt sich an der Tatsache, dass sich dieses Werk auch nach Jahrhunderten ungebrochener Aufmerksamkeit mehrheitlich jugendlicher Leser erfreut.

„ … ich habe hier ein vergnügliches Werk über einen jugendlichen Zauberschüler an einer magischen Akademie, die es in der Wirklichkeit natürlich nie gegeben hat. Ich glaube, Sir, Sie werden diese Akademie namens Hogwarts sehr unterhaltsam finden …“

Die KI beginnt mit der Lesung aus „Harry Potter“.

Sie kommt bis zum Schluss von Band 4.

Dann erscheint die schwarz überkrustete, eigentlich silbrige Kuppel der Notstation auf den Nahsensoren des inzwischen auch schon arg mitgenommenen Anzugs.

Sein ursprünglich blauer Schutzlack ist längst blasig und unansehnlich geworden, die Sendeantenne weggeschmolzen, die Armgelenke fast unbeweglich wegen der vielen Dauerbewegungen und der Hitzeverformung. Teile des Anzugs sind schwarz vor Staub und Asche, spritzende Lava hat überall Brandspuren hinterlassen.

Aber der Anzug ist immer noch einsatzbereit.

Er hat sein Ziel erreicht, nach Wochen der unbarmherzigen, zielstrebigen Wanderung. Hat den Testlauf erfolgreich bestanden. Den Benutzer, Leutnant Tyburn – der Vorname ist irgendwo in den Speichern verloren gegangen, vielleicht war es „Verdammt“? Dieses Wort hat er schließlich oft benutzt – haben die KI und das automatische Kontrollsystem des Anzuges sicher an das programmierte Ziel gebracht.

Die KI empfindet das Analogon von synthetischem Stolz.

„Wir haben unser Ziel erreicht, Sir“, krächzt die Anzug-KI schließlich, als der Anzug die Schleuse der Station berührt und endlich in den Inaktivitätsmodus schaltet – die Spannung wird noch aufrechterhalten, damit der Anzug nicht in sich zusammensinkt (immerhin ist Leutnant Tyburns linkes Bein gebrochen, und er wird zweifellos Schmerzen empfinden, wenn der Anzug umkippt und vielleicht auf dem verletzten Bein landet; es ist unklar, ob ein von den Selbstheilungskräften wieder zusammengefügtes Bein solch eine Belastung aushalten wird. Mangelnde Daten). „Haben Sie mich verstanden, Sir? Verdammt, Tyburn, bitte antworten Sie!“

Die KI empfindet die Mission als gelungen.

Aber sie kann Leutnant Tyburn nicht mehr erreichen.

Er ist seit Wochen tot, verhungert und verdurstet in dem gnadenlosen Anzug, der auf keines seiner verzweifelten Hilfssignale mehr reagierte, sondern ihn noch im Sterben mit Anekdoten aus Cervantes´ „Don Quixote“ unterhielt.

So endet die Reise.

ENDE

© 2020 / 2026 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 24. Januar 2020

Leicht nachbearbeitet am 16. Juni 2026