Die Götter der Flusswelt
(OT: Gods of Riverworld)
Von Philip José Farmer
Heyne 4256 (1986)
400 Seiten, TB
Aus dem Amerikanischen von Uwe Anton
ISBN 3-453-31237-6
Der Kampf um die Macht ist vorbei.
Richard Francis Burton und seine Gefährten, unter ihnen Nur-ed Din el-Musafir, Alice Liddell Hargreaves und ein SF-Schriftsteller namens Peter Jairus Frigate, haben es zusammen mit dem letzten noch lebenden Ethiker namens Loga geschafft, den mysteriösen Polturm der Flusswelt der Zeit zu erreichen, von dem diese gesamte künstlich gestaltete Welt gelenkt, geleitet und observiert wird. Selbst die letzte Blockade, die den Proteincomputer beinahe hätte kollabieren lassen, konnten sie umschiffen und sind nun kraft der außerirdischen Technik quasi Götter.
Sie haben es in der Hand, die Flusswelt zu regieren. Sie können wiederbeleben, wen sie wollen. Sie können Erinnerungen manipulieren, die ganzen Leben ihrer Zeitgenossen voyeuristisch nach erregenden oder erniedrigenden Situationen durchsuchen. Und sie können entscheiden, ob jemand bis zum Grundbestandteil seines Wathans, seiner „Seele“, zerstört werden soll oder nicht. Im Prinzip sind sie also allmächtig. Aber tief drinnen sind sie zugleich Menschen geblieben, fehlbar, problemzerrüttet, von wankelmütigen Leidenschaften getrieben.
Einige Wochen nach dem Überwinden der letzten Probleme werden Burton und seine Begleiter plötzlich Zeuge, wie Loga, der Ethiker, ermordet wird. Der Mörder ist nicht zu erkennen, denn er bedient sich der Supertechnik des Turmes, und niemand ist unverdächtig. Der gewaltige Turm der Ethiker, gelenkt von einem seinerseits äußerst manipulierbaren Eiweißcomputer in den Grundfesten des Turmes, ist ein Labyrinth, in dem sich Tausende von Menschen verbergen könnten.
Sind die Gefährten allein im Turm? Hat einer von ihnen womöglich Loga umgebracht? Wenn ja, wie? Wenn nein – wer dann? Und wie kann man ein solches Wesen, das den Computer zu Überwachungszwecken gegen sie verwendet, bekämpfen?
Burton und seine Gefährten schaffen das. Doch dann beginnen die Probleme erst richtig. Einige Kämpfer beleben alte Gefährten wieder. Frauen, Konkubinen und große Vorbilder. Diese beleben ihrerseits Leute wieder. Und binnen allerkürzester Zeit zeigt sich, dass diese Neubelebten schrullige Scherze lieben (einer erweckt beispielsweise den realen Jack the Ripper und seine Opfer wieder!). Die Kontrolle, die die menschlichen „Götter“ der Flusswelt haben, entgleitet ihnen völlig. Und als sie schließlich eine große Party feiern, stellt sich noch etwas weitaus Entsetzlicheres heraus: Sie haben in ihrem Unwissen einen mörderischen Psychopathen wiederbelebt, dessen Ziel es zu sein scheint, alle von ihnen mit unerbittlicher Konsequenz umzubringen. Ein gnadenloser Kampf beginnt …!
Der Abschlussroman des Flusswelt-Zyklus hat eine Menge Schwächen. Die erste, aber nicht unbedingt gravierende, ist der Wechsel des Übersetzers von Ronald M. Hahn zu Uwe Anton. Die Übersetzung verliert dadurch m. E. an Dichte (dies ist mein subjektiver Eindruck, der auch falsch sein kann), die Übersetzer-Kontinuität wird gestört. Dasselbe gilt für den zeitlichen Abstand. Der Roman wurde drei Jahre nach dem letzten Teil publiziert. Auch das ist nicht das entscheidende Manko.
Während die ersten vier Romane am relativ homogenen (fast schon langweilig zu nennenden) Flussufer spielten, verteilt über mehr als 60 Handlungsjahre, wird nun die Geschichte in den zwar großen, aber dennoch arg verengenden Polarturm verlegt, den die Protagonisten während des gesamten Romans nicht ein einziges Mal verlassen. Damit entsteht ein bühnenartiger Kammerspiel-Effekt, der dem Werk meiner Ansicht nach viel an Reiz geraubt hat.
Während bislang Unmengen von Protagonisten, zuweilen historischen Persönlichkeiten, die Seiten bevölkerten und zuweilen witzige oder absurde Dialoge ausfochten, ist es nun so, dass nur ein winziger Protagonistenkern sich in nahezu identischen Räumen verläuft und sich zum Teil psychotisch gegenseitig belauert.
Zweifelsohne hat dieser Roman psychologische Qualitäten. Und ebenso besitzt er einen gewissen Charme, was einige philosophisch-ethische Fragen angeht, die in ihm angerissen werden (etwa über die Grenzen gottgleicher Machtausübung). Sonst aber wird er durchzogen von all den Problemen und Schwächen, die Farmer im gesamten Zyklus verfolgten: relativ monotones Gleichmaß der Umgebung, Stereotypie der Konflikte, manchmal endlose Debatten über recht abgehobene theoretische Probleme und ein fast schon verbissenes Beharren auf einigen wenigen zentralen Personen. Außerdem fehlt ihm, meiner Ansicht nach, in der ersten Hälfte (rund 200 Seiten!) das Konzept für den Roman. Es geht um die Ermordung Logas und die Möglichkeit, den Mörder zu stellen. Das gelingt zwar, aber ohne dass die Fragen, die damit verknüpft sind, gelöst würden.
Dann wird allmählich der Bezug zum Titel sichtbar, die einzelnen Protagonisten kreieren ihre „göttliche“ Wunschwelt und verlieren sich in exzessivem Taumel. Und später schlägt die Situation (wie in früheren Romanen des Zyklus auch) in blutiges, actiongeladenes (und weitgehend sinnloses) Massaker um. Wenn manche Leser schon früher meinten, Farmer habe Seiten schinden müssen, um das Soll zu erfüllen – HIER kann man das voll und ganz glauben. Der Roman hätte gut und gerne 150-200 Seiten weniger haben können, wäre dichter und packender gewesen. So setzt wirklich über Dutzende von Seiten, insbesondere in der ersten Hälfte, langes und großes Gähnen ein.
Ein trauriger Abschluss für eine Serie, die mit so bemerkenswerten Ideen angetreten ist. Schade, dass er sich letztlich in solche Banalitäten verstrickte und darin stecken blieb. Der Roman ist nur mit Abstrichen empfehlenswert. Fans von Farmer und der Flusswelt-Serie könnten ihn zur Pflichtlektüre machen, allen anderen sei er jedoch nicht dringlich ans Herz gelegt.
© 1998 / 2025 by Uwe Lammers
Braunschweig, den 8. Oktober 1998
Leicht bearbeitetes Digitalisat für ANDROMEDA NACHRICHTEN: Braunschweig, den 30. April 2025