Er stand in der Abteilung für Spielwaren im Kaufhaus und sah sich gehetzt um, wohl wissend, dass er wirklich keine Zeit mehr zu verlieren hatte. Ein Orkan an Weihnachtsmusik, belanglosem Geträller, dem Raunen von Käufermassen, dem Quengeln von Kindern, dem Rasseln von Kassenautomaten und vielen anderen Dingen mehr umtoste den durchtrainierten Mann im weißen Mantel.
Weihnachten.
Weihnachten in einem Kaufhaus im Herzen von Boston.
Es war die Hölle schlechthin, und seine Aufgabe war schier unlösbar.
Jetzt, wo er sich im Kaufhaus befand, wurde sein Handeln fast aussichtslos. Er war jetzt eine Rolltreppe hochgestürmt, hatte IHN hier oben verschwinden sehen, sich rücksichtslos durch die Menschenmenge am Fuß der Rolltreppe gewühlt, die Schreie und wütenden Kommentare zur Kenntnis genommen.
ER durfte nicht entkommen! Niemals! Warum war ER auch dazwischen gekommen…?
Sergeant Walt Tyler, dessen trockenem Mantel man ansehen konnte, dass er nicht draußen aus dem Schneegestöber kam, das die Bostoner Innenstadt in ein Winter-Wunderland verwandelte, hastete weiter durch die Abteilung, ständig auf der Suche nach seinem Zielobjekt. Er wich den irritierenden Blicken der Verkäuferinnen in ihren blauen Kleidern aus, die schick und adrett aufgemacht waren und hier die Kundenfragen beantworteten, verzweifelte Last-Minute-Weihnachtsgeschenkkäufer beruhigten und ihnen konstruktive Vorschläge machten. Zwei Mütter mit ihrem Anhang, der höchstens vier, fünf Jahre alt sein mochte, standen an der Kasse und bezahlten gerade. Die Waren steckten, kunstvoll verpackt, in der Ablage, die neben der Kasse stand. Die Verpackungen waren einfach in den Kasten daneben geschoben, in das aktuelle Weihnachtspapier verpackt, das blausilbern war mit roten Bändern und einem Tannenbaum darauf, und wieder herausgegeben worden. Seit 2013 gab es in diesem Kaufhaus diese Automaten, die eine Menge Arbeitszeit einsparten.
Noch immer sah Tyler IHN nicht.
So eine verdammte Scheiße!
Sie hatten keine ZEIT!
ER durfte nicht entkommen!
„Sagen Sie”, keuchte er kurzerhand, an einen Verkäufer in der direkten Nähe gewandt, „haben Sie den Weihnachtsmann gesehen?”
„Den echten?”, grinste der knapp dreißigjährige braunhaarige Mann schelmisch. Er fand die Frage offenbar furchtbar komisch. „Oh nein…”
Tyler packte ihn am Kragen und rückte ihn wütend gegen ein Regal, keiner außer ihm hatte momentan Einblick in diese Regalreihe. Der Angestellte wurde kalkblass und stierte Tyler an, der ihm die Waffe an den Kehlkopf legte, eine lange Kaliberwaffe 9 Millimeter mit Schalldämpfer. Wenn er abdrückte, würde er den Kopf des Mannes zerreißen.
„Sprechen Sie!”, zischte Tyler. „Ich brauche ihn! Ich bin Polizeibeamter!”
Das stimmte zwar so nicht, aber die Wahrheit fiel unter die Top Secret-Bestimmungen des Pentagon, außerdem hatten sie jetzt keine Zeit für Feinheiten. Besonders keine ZEIT!
Der Himmel mochte wissen, wie viel Schaden ER noch anrichtete, wenn Tyler IHN nicht so schnell wie möglich erwischte!
Er schüttelte den schockstarren jungen Mann mit dem jetzt kreidigen Gesicht durch. „Reden Sie schon! Los!“
„Ja… ja…”, stammelte der Angestellte, der nicht zu schreien wagte. Er war körperlich eher schwach und der Anblick der Waffe ließ sein Herz hämmern wie ein Schmiedehammer in einer automatischen Fertigung. Gottverdammte Scheiße, das war eine ECHTE Knarre an seinem Hals! „Bitte… er… er kam kurz hier rein und ging dann weiter zur Puppenabteilung… bitte… Sie… Sie müssen mir glauben…”
Tylers Blick war immer noch gehetzt, sein Gesicht schweißbedeckt. Er sah selbst aus wie ein Geistesgestörter kurz vor dem Amoklauf. Es war gut, dass Tyler sich nicht im Spiegel sehen konnte. Er hätte sich nicht wieder erkannt.
„Okay”, flüsterte er und fügte das nächste Märchen an. Er musste diesem Idioten etwas erzählen, was er VERSTEHEN konnte. Was er GLAUBEN konnte. Die Wahrheit sah anders aus, aber wie gesagt… sie hatten keine ZEIT. Und die Wahrheit war sowieso in diesem Fall etwas, was nie bekannt werden durfte! Wie viel einfacher war es da doch, jemanden als Terroristen zu denunzieren. Und wenn es der Weihnachtsmann war! „Verhalten Sie sich ruhig. Der Mann ist ein Terrorist. Wir können in der Wahl unserer Mittel nicht wählerisch sein.”
„Was… Was hat er vor?”, fragte der Angestellte, den Tyler inzwischen losgelassen hatte. Er begann ihm zu glauben.
„Irgendwas Furchtbares. Ich muss ihn auf jeden Fall vorher erwischen. Bewahren Sie Ruhe! Keine Panik, verstanden? Machen Sie ganz so weiter wie bisher! Ich kümmere mich um den Kerl!”
Tylers schmales Gesicht mit dem buschigen Schnauzbart und dem dichten schwarzen Haar war schweißbedeckt. Lärm umtoste ihn, als er weiterlief, langsam, weil er zu wissen glaubte, dass der Weihnachtsmann meinte, er hätte SEINE Spur verloren. Das war ein Irrtum. Aber alles war ein furchtbarer Irrtum. Alles.
Und nichts davon war vorhersehbar gewesen, absolut gar nichts.
Seine Gedanken irrten kurz in die Vergangenheit zurück, weniger als eine Stunde zurück.

*

Vergangenheit:
Der große, unterirdische Saal war erfüllt von einer Stimmung ernster Erwartung. Flimmernde Schirme an den runden Wänden flackerten dumpf surrend, die Bilder darauf veränderten sich nur unwesentlich, sie stammten von den Innenkameras des über ihnen liegenden Gebäudes und wurden von adrett gekleideten, nüchternen Operatoren mit gelassener Ruhe kontrolliert. Sie zeigten das Innere eines biederen amerikanischen Kaufhauses.
Hunderte von Passanten in dicken Mänteln und Jacken waren zu sehen, die meisten mit Schnee bestäubt, der sich in der Hitze der Kaufhausventilation wie von Zauberhand in feuchte Tröpfchen auflöste und in den Stoff der Kleidung einsickerte. All diese geschäftigen Menschen, die sich da hineindrängten, durch das Schneegestöber auf dem Custer-Place, hinein in das zehnstöckige Kaufhausgebäude mit den zwei Untergeschossen, sie dachten im Grunde genommen nur noch an eins: Weihnachten. Und an das, was damit zusammenhing: Weihnachtsgeschenke. Geschenkkauf in letzter Minute. Für die meisten von ihnen galt wohl mal wieder die Binsenweisheit, dass Weihnachten jedes Jahr seltsam überraschend kam und man nicht darauf vorbereitet war.
Niemand von ihnen hätte irgendeinen Gedanken anderer Art an dieses Kaufhaus vergeudet, der über die üblichen Kaufhausgedanken hinausging, und das war exakt der Grund, warum dieses Gebäude mitten in der Bostoner Innenstadt ausgewählt worden war als Standort für ein geheimes Projekt des Militärs.
Es gab noch ein drittes Kellergeschoss, aber das wusste kaum jemand. Über den normalen Aufzug war es nicht zu erreichen. Wenn man den Personalaufzug im rückwärtigen Bereich des Gebäudes benutzte, so existierte hier ein Button, der auf eine technische Serviceebene hindeutete und nur mit Hilfe eines Spezialschlüssels angesteuert werden konnte. Soweit war alles im Bereich des Normalen. Doch wenn man den Schlüssel drehte und den Button länger als normal drückte, dann fuhr der Lift ein Stockwerk tiefer in den Untergrund. Hinab in eine technische Wunderwelt, die niemals schlief. Für das Personal, das nicht den Kaufhausaufzug verwendete, gab es noch einen verborgenen Speziallift in einem benachbarten Lagerhaus, wo reger Besucherverkehr nicht so stark auffiel.
Männer und Frauen in grünen Uniformen saßen hier unten in dem unterirdischen Komplex, insbesondere in der runden Haupthalle, an großen Schaltpulten, auf denen ganze Myriaden von Lichtern in den verschiedensten Farben glommen, von Weiß über Gelb, Rot, Violettschattierungen, Blau, Grün und Orange. Schalter wurden knackend umgelegt, Sensorschalter mit federleichtem Fingerdruck bedient. Volle Konzentration lag über dem Hauptsaal dieser technischen Ebene, die ganz militärischen Zwecken diente. Ein unvoreingenommener Besucher hätte sich in ein Raumfahrtkontrollzentrum versetzt gefühlt. Eins freilich, von dem die Welt keine Kenntnis besaß und das mit der Raumfahrt rein gar nichts zu tun hatte.
Der Saal, 28 Meter durchmessend und in der Mitte sechs Meter hoch, lag in mattem, indirektem Licht da. Er war ringförmig um ein vertieftes Zentrum gebaut worden, zu dem vier Treppen führten. Dort unten befand sich hinter Abschirmungen aus Sicherheitsglas der Transmitter. Er war das buchstäbliche Herz der Steuerzentrale. Denn hier lag, trotz all der Fehlschläge in den vergangenen Jahrzehnten, ein Forschungszentrum von CERES, einer streng geheimen US-Forschungsbehörde.1
Alle im Raum wussten, dass dies ein großer Tag war, der 21. Dezember 2016. Wenn heute das Experiment glückte, das mehrere Wochen vorbereitet und theoretisch gut durchleuchtet worden war, dann würde der Kongress dem Pentagon und damit auch ihnen, die sie offiziell nicht existierten, weil CERES so streng geheim war, weitere Mittel in Höhe von mindestens 20 Milliarden Dollar bewilligen. Eine Technologie konnte damit gestützt werden, die schon seit einem Jahrzehnt in der Entwicklung war: der Tachyonentransmitter. Die Folgen dieses revolutionären Durchbruchs waren gar nicht zu überschätzen. Er würde buchstäblich die Welt verändern.
Die Physiker, die das Konzept unter strengster Geheimhaltung entwickelt hatten, waren der festen Überzeugung, dass die flächendeckende Anwendung des Tachyonentransmitters das Transportwesen auf eine Weise revolutionieren würde, wie man das bislang nur auf digitalem Weg kannte, seit der Einführung des Internets, das ja auch aus militärischen Wurzeln ursprünglich erwachsen war. Sobald der Transmitter seine aktuellen Kinderkrankheiten überwunden hatte – dafür mussten natürlich noch zahllose weitere Testreihen folgen, die entsprechende Finanzierung erforderten – , dann standen den Planern zunächst auf militärischem Feld, später aber auch in der zivilen Nutzung phantastische Möglichkeiten offen. Es ließ sich beispielsweise vorstellen, so hatten die Planungsszenarien enthüllt, dass kleine Kommandoeinheiten in feindliche Länder einsickerten, einen Empfangstransmitter aufstellten und sich dann mit Hightechwaffen, dem notwendigen Kommunikationsequipment und sonstigen Material versorgen konnten, das direkt aus der Heimatbasis hingesandt wurde. Vieles von der üblichen Logistik wurde hinfällig, nächtliche Versorgungsflüge unter strengsten Sicherheitsregeln konnte man dann entbehren… und vielleicht waren eines Tages auf diese Weise auch ganze Armeeeinheiten von einem Land ins nächste zu verlagern.
Die Möglichkeiten militärischer Interventionen waren buchstäblich atemberaubend. Und wenn man sich das auf das Transportwesen ausgedehnt vorstellte, würde es das Paketwesen, das Speditionswesen und vieles andere grundlegend revolutionieren… nun, vielleicht im 22. Jahrhundert. Denn auf der anderen Seite würde man sicherstellen müssen, dass man das Monopol über diese Technologie behielt. Nur zu leicht ließen sich durch sinistre Subjekte auch Sprengsätze mühelos über Ländergrenzen transportieren, für Rauschgift, Waffen und anderes galt dasselbe.
Aus diesem Grund war strikteste Geheimhaltung in diesem Stadium der Entwicklung notwendig, und alle hier Arbeitenden waren zu absoluter Geheimhaltung verdonnert. In ihren Anstellungsverträgen, die nach ausgiebiger Loyalitätsprüfung und Qualifikationsprüfung unterschrieben worden waren, stand ausdrücklich, dass jede Information, die an Unbefugte weitergegeben wurde, als Akt des Geheimnisverrats betrachtet und entsprechend den militärischen Regularien geahndet werden würde, das bedeutete: mit langjährigen Haftstrafen ohne Bewährungsmöglichkeiten.
„Alles in Ordnung, Walt?”, fragte der grauhaarige General Myrus Richards, der in den Kontrollraum eintrat. Dieser war in halber Höhe des sechs Meter hohen ringförmigen Raumes in die Wand eingelassen. Durch eine breite Panoramascheibe konnte man von hier oben in den Hauptraum hinunterblicken. Dort saßen in zwei konzentrischen Reihen hinter ihren Schaltpulten die technischen Kontrolleure für die Feinsteuerung und Energieversorgung des Transmitterkomplexes. Gespannte Aufmerksamkeit hing über dem Saal. Der automatische Kontrollcheck war, wie die großen grünen Digitalziffern an den Anzeigetafeln signalisierten, fast abgeschlossen. 97 % des Programmcodes waren geprüft.
„Alles in Ordnung”, bestätigte Walt Tyler ruhig. Er war der militärische Verantwortliche für diesen Bereich und speziell für dieses Experiment. Vom rein physikalischen Aspekt verstand der 48jährige, ledige Soldat wenig, der den Dienstgrad eines Sergeanten besaß. Doch Dienstgrade waren hier bei CERES eher unwesentlich, wichtiger waren die praktischen Qualifikationen, und Tyler galt als nüchterner, schnell reagierender, flexibler Militär, für den stets die Sicherheit der gesamten Operation und Operationsbasis den obersten Primat dargestellt hatte. Wenn er seine grauen Augen über das Bedienungspersonal gleiten ließ, erzeugte er bei allen den Wunsch, sofort hundertprozentige Leistung zu bringen, keine Schwäche zu zeigen, kein Zögern. Konzentriertes Arbeiten, so sein Credo, war das Wichtigste überhaupt. Wenn man stets voll konzentriert blieb, konnte man jede Aufgabe bewältigen, wie unmöglich sie auch auf den ersten Blick zu sein schien.
Natürlich hatte Tyler die Dossiers der Physiker gelesen und ihre kurzen Machbarkeitsfazits. Manches las sich für ihn wie Science Fiction, das gab er offen zu… aber wenn die Sachverständigen ebenfalls zugaben, dass in den Berechnungen keine Fehler steckten, dann war es wohl allein eine Frage des technischen Sachverstandes und der eingesetzten finanziellen Mittel, so etwas zu realisieren. Und so war Tyler schließlich hier gelandet, bei der inneren Sicherheit des Projekts CERES. Seit zwei Jahren arbeiteten sie alle auf diesen Tag hin, und jetzt, fand er, war es an der Zeit, dass dem finanziellen Aufwand auch Resultate folgten.
General Richards, im Herzen auch ein Skeptiker, noch mehr als Tyler, sollte stolz auf das sein, was hier geleistet wurde. Tyler hatte das heute früh allen Mitarbeitern, die jetzt die Aktionsschicht fuhren, noch mal extra eingeschärft: Keine Fehler heute, keine unnötigen Risiken! Erst der Testlauf, und erst dann, wenn der erfolgreich war, das Hauptexperiment.
„Wohin schicken wir das Paket des Testlaufs?”
„Nach Nevada, in unsere Basis SIOUX-II”, sagte Tyler nüchtern. Er hatte die Fakten sofort zur Hand und gab schneidig Antwort. „Das sind über zweitausend Kilometer. Wenn wir es schaffen, können wir auch unsere Experimente mit Guam wieder aufnehmen, die im vergangenen Sommer fehlgeschlagen sind. Unsere Eierköpfe wissen immer noch nicht, ob das an meteorologischen Unsicherheiten gelegen hat. Wir hatten damals einige Schwierigkeiten mit Sonnenflares… aber die Rechner haben nach wie vor keine zuverlässigen Prognosen ausgespuckt…”
Richards interessierte sich naturgemäß nicht für solche Details. Er war ein sechzigjähriger Militär, der diese Transmittergeschichte ein wenig betrachtete wie diese alte Fernsehserie „Time Tunnel“. Zeitreisen einerseits oder Objekte durch den „Hyperraum“ zu schicken, das fand er irgendwie ähnlich absurd. Solange er das nicht tatsächlich miterlebt hatte, würde er daran nicht glauben können. Und an die Wolkenschlösser, die sich manche Theoretiker hier zusammenphantasierten, nun, an die vermochte er sowieso nicht recht zu glauben.
Er hatte sich dazu entschlossen, nach außen kühl und nüchtern zu bleiben, um das Personal seine „Ungläubigkeit“ nicht spüren zu lassen. Das konnte sich nachteilig auf die Motivation auswirken. Unprofessionell wäre es in jedem Fall gewesen. „Welche Gewichtsstufe wird gewählt?”
„Wir fangen mit zweitausend Gramm an. Dann steigern wir uns.”
„Okay, Walt, dann würde ich sagen, legen Sie mal los.“
Tyler sah, dass die grünen Checkziffern auf 100 Prozent umschlugen. Ein dezenter Gong, der überall an den Arbeitsplätzen zu hören war, informierte die versammelten Techniker und das wissenschaftliche Personal darüber, dass es jetzt ernst wurde.
Walt Tyler aktivierte ein Mikro. „Earl, der General hat grünes Licht gegeben. Wir können jetzt mit dem Testlauf beginnen.“
„Roger, Walt. Wir fangen an“, gab Earl Dexter zurück, der im vorderen Ring der Pulte nahe der Transmitterplattform stand. Er trug, wie alle vom technischen Stab, einen hellgrauen Overall mit antistatischen Stiefeln. Der baumlange schwarze Techniker Dexter gab der kleinen Gruppe Experten direkt an der Plattform einen Wink, wie er verabredet worden war.
Sogleich wurde die erste Ladung auf die Plattform des kugelförmigen Transmitters gebracht. Darüber wölbte sich eine Halbkugel, die von einer Vielzahl von Energieübertragungskabeln umgeben war und wie eine technische Qualle wirkte, die kopfüber im Raum „schwamm“. Der Eindruck war frappierend und wurde durch die Lichtverhältnisse hervorgerufen, insbesondere durch die Tatsache, dass die Hochenergiekabel von Glasfaserummantelungen umgeben wurden, in denen glitzernde Quanteneffekte aufflammen würden, sobald der Energiefluss inert war. Im Extremfall konnte dieser Prototyp des Tachyonentransmitters sogar zwei Menschen aufnehmen, aber daran war zunächst noch nicht gedacht worden. Es gab strikte Anordnungen, zunächst nur mit unbelebter Materie zu arbeiten, folglich enthielten die „Pakete“ auch lediglich technische Materialien, die in der Gegenstation anschließend auf ihre Funktionsfähigkeit hin untersucht werden würden.
Tyler fand das völlig begreiflich. Zum einen: was nützte ein Transmitter, der nur dafür gut war, schrottreife Dinge von einem Ort zum anderen zu bewegen? Zum anderen kannte man das Medium, durch das die Objekte geschickt werden sollten, lediglich theoretisch… es gab zwar Gerüchte über ein so genanntes „Philadelphia-Experiment“ während des Zweiten Weltkriegs, aber was auch immer damals geschehen sein mochte, mehr als gruselige und effekthascherische Propaganda war darüber bis heute nicht an die Öffentlichkeit gedrungen. Klar schien nur zu sein: wenn das ein Vorläufer der CERES-Experimente gewesen war, so mussten doch die Effekte auf lebende Wesen, die solchen Feldern ausgesetzt gewesen waren, wenigstens… beunruhigend und ungesund gewesen sein. Ein guter Grund, vom Transmittieren lebender Rekruten besser noch Abstand zu nehmen. Diese Art von Experiment war eben alles andere als ungefährlich.
Der von Dexter initiierte Countdown lief ab, eine Minute, nachdem sich das Expertenpersonal hinter die innere Abschirmung zurückgezogen hatte. Flimmernd nahm der Transmitter seine Arbeit auf. Gleißender, knisternder Feuerschein hüllte die Kugel des Transmitters ein, und glühendes Stroboskoplicht erfüllte die Zentrale – ein Effekt wie aus einem Science Fiction-Film made in Hollywood. Die Blendfilter wirkten jedoch ganz hervorragend. Unschädlich prallte die Strahlung daran ab, die Operatoren wurden nicht eine Sekunde lang irritiert oder aus dem Konzept gebracht. Die Messinstrumente zeigten das Erreichen der kritischen Menge an.
Im nächsten Moment, alle Techniker waren schweißgebadet, war das grelle Licht verschwunden.
„Mengenanzeige Transmitter null”, meldete eine rotblonde Technikerin am Kontrollhauptpult neben Tyler und dem General. Echter Unglauben schwang in ihrer Stimme mit. Sie hatte zum ersten Mal an einem realen Versuch des Tachyonensenders mitgearbeitet.
Es hatte geklappt.
Sie hatten es tatsächlich geschafft! Vermutlich jedenfalls…
„Roger, Susan”, nickte Earl Dexter von seinem Standort aus. „Charles, versuchen Sie jetzt, SIOUX-II zu erreichen.”
„Sieht gut aus”, meinte Tyler zum General, der sich gesetzt hatte. Dem leitenden Sicherheitsoffizier war unwillkürlich warm geworden. Er kam sich vor, als sei sein Kragen der Uniform zu eng.
Verdammt noch mal, dieses Science Fiction-Ding funktionierte tatsächlich! Da hatten sie gerade zwei Kilogramm technisches Material über mehr als zweitausend Kilometer verschickt! Vielleicht hatten diese verfluchten Eierköpfe tatsächlich einmal das Ei des Kolumbus gefunden…!
Auch General Richards´ Gesicht war schweißbedeckt. Er sah einigermaßen sprachlos aus und hatte mit diesem prompten Erfolg offenbar ebenso wenig gerechnet.
„Unglaublich”, murmelte er nur.
Unten im großen Saal brachen keine Euphorie und kein Jubel aus. Das waren alles Profis… aber auf den Detailbildschirmen konnte man schon grinsende Gesichter und vor Freude funkelnde Augen erkennen. Es war unübersehbar, dass sie alle genau wussten: hier wurde heute Geschichte geschrieben! In ein paar Jahrzehnten würde es vielleicht heißen, dass exakt hier die Zukunft der Menschheit verändert worden war.
Und sie waren dabei!
Ach, es fiel so schwer, professionell kühl und ruhig zu bleiben! So schwer!
Eine laute Stimme erklang über die Lautsprecher in der Halle und im Kontrollraum darüber: „HIER SIOUX-II. HIER SIOUX-II! WARE EMPFANGEN. WIEDERHOLE: WARE EMPFANGEN: SPEZIFIKATIONEN GEHEN IN ORDNUNG. NACH ERSTEM AUGENSCHEIN KEINE BEEINTRÄCHTIGUNG! PAKET WIRD DEN WISSENSCHAFTLERN FÜR DIE FEINDIAGNOSE ÜBERGEBEN.”
„Dann können wir ja gleich den zweiten Versuch anhängen, was?”, fragte Dexter über den Funkkanal. Er klang sehr eifrig und konnte seine Aufregung nur mühsam kaschieren. Die Frage ging sowohl an SIOUX-II als auch an den General und Tyler. Beide konnten ihn bestens verstehen.
„KEINE EINWÄNDE VON UNS AUS”, gab SIOUX-II zu.
Alle dachten, dass nun nichts mehr schief gehen konnte. Der General nickte, als Tyler ihn fragend anschaute.
„Keine Einwände von hier aus“, sagte der Sicherheitschef dann mit mühsam ruhiger Stimme. Ihm war nur zu bewusst, dass sie gerade das Tor zur Zukunft aufgestoßen hatten. Sie machten jetzt Geschichte! Wer sollte da wohl ungerührt bleiben können? „Wir können weitermachen. Grünes Licht für den Hauptversuch. Nehmt die nächste Masse, das 10000-Gramm-Paket. Mal sehen, wie es damit steht.”
Dexter war sicher, dass es keinerlei Probleme geben konnte. Und es sah ja in der Tat ganz so aus. Die Zukunft hatte begonnen, nicht wahr? Jetzt ging es nur noch um die Feinjustierung, das Austesten von Grenzen.
Alles sah gut aus…

*

„So ein gottverdammter Irrtum”, fluchte Tyler, seine Waffe unter dem weißen Mantel verbergend, der auch seine grüne Armeekluft verdeckte. Viel zu warm, zumal deshalb, weil er in ständiger gehetzter Bewegung war und das Kaufhaus sowieso albern überheizt wurde. Dennoch war diese Tarnung zwingend erforderlich, er konnte kaum in seiner Dienstuniform durch die Gänge rasen… die Aufmerksamkeit würde Schrecken erzeugen, Panik, und dann war sowieso alles verloren.
So aber würde man ihn noch eine ganze Weile lang für einen normalen Besucher des Kaufhauses halten, vielleicht für jemanden, der eine dringende Verabredung hatte und keine Manieren, der deshalb so hetzte.
Aber das war Sergeant Walt Tyler wirklich ganz gleich. Auch, dass die Tarnung gleich vielleicht nicht mehr überzeugend sein mochte…
Er wünschte sich verzweifelt, sie hätten mehr ZEIT!
Aber die Zeit arbeitete klar gegen sie.
Er hoffte, dass der General den Rest unter Kontrolle behielt. Wenn der Rest des Projekts auch noch entglitt, wurde die Lage vollends unhaltbar.
Die allgegenwärtige Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern trieb seinen Stresspegel hoch. Gottverdammt, am liebsten hätte er ein Magazin in diese Scheißlautsprecher geballert, damit dieses Gejaule aufhörte! Grässlich! Tyler begann zu ahnen, dass er für den Rest seines Lebens keine Weihnachtsmusik mehr würde hören können, ohne Alpträume von Weihnachtsmännern zu haben, die Amok liefen…
Er hätte so etwas nie für möglich gehalten und kämpfte seine hochkochende Aggression nieder.
Da – die Puppenabteilung. Erster Stock, glücklicherweise. So hatte Tyler IHM den Weg nach draußen verbaut, wenigstens ein kleiner Trost. Aber das war nicht wirklich hilfreich, wenn man sich vorstellte, was dieser Mistkerl auch hier drinnen anrichten konnte.
Dennoch – verdammt noch mal, wenn ER den Weg zur Plaza einschlug, wäre nun wirklich alles verloren gewesen…
Der durchtrainierte, glücklicherweise sportliche Tyler eilte mit wachsamen Seitenblicken durch den Gang, an dessen Seiten Dutzende verschiedenster Figuren standen. Futuristische Weltraumkämpfer, Menschen mit überproportionierten Muskeln, in barbarenartiger Kluft, gewaltige und auch kleinere Teddybären, Imitationen aller Art von Fernsehhelden und – natürlich – unvermeidlichen Weihnachtsmännern.
Diese Abteilung, das spürte Tyler automatisch, war gefährlich. Sein Gegner hatte sie nicht ohne Grund gewählt. Dies hier war ein Ort, an dem ER sich auskannte. Tyler befand sich auf unbekanntem Boden, obwohl er dieses Kaufhaus eigentlich wie seine Westentasche kennen musste.
Teufel auch, er hatte sich nie so ums Kaufhaus gekümmert, wie es vielleicht nötig gewesen wäre. Warum auch? Das Management war von der Personalstelle des Pentagon solide geprüft worden, das waren verantwortliche, loyale Staatsbürger, alle zur Geheimhaltung verdonnert. Das ganze Kaufhaus selbst war ja letzten Endes nur Kulisse gewesen für CERES. In der Zwischenzeit hatten diese Mistkerle hier oben allerdings renoviert. Es waren neue Wände eingezogen, Stände aufgebaut, Regale aufgestellt worden und auch sonst eine Menge verändert. Tyler erkannte buchstäblich nur noch kleine Teile wieder.
Er verfluchte diesen vermaledeiten Rummel um Weihnachten. Das waren Wochen des kollektiven Wahnsinns, das konnte man nicht mehr anders nennen. Da reagierten die Menschen einfach nicht mehr normal…
Plötzlich tauchte hinter einer Stellwand der Weihnachtsmann auf, unverwechselbar in seinem roten Mantel mit dem weißen buschigen Rand. Unter der Kapuze wippte, kurz zu sehen, als er den Kopf drehte, der lange weiße Bart.
Tyler reagierte sofort. Er hob die Waffe und schoss gnadenlos.
Der Schalldämpfer schluckte das Geräusch der Pulverexplosion, das Geschoss wurde aber nur unwesentlich langsamer. Das 9-Millimeter-Geschoss hieb zwischen die Schulterblätter des Weihnachtsmannes und warf ihn nach vorne, als sei er jählings von einem wuchtigen Pferdetritt getroffen worden. Unter dem immensen Gewicht zerbarst ein gläserner Stelltisch und Tausende von Scherben ergossen sich klirrend auf den Boden. Kleine, handlange Modellpuppen, die eine Reiterin darstellten, polterten zu Boden. Der Lärm ging in der Weihnachtsmusik, die gerade glücklicherweise zu einem Crescendo ansetzte, unter, und niemand war zugegen, der den Zwischenfall gesehen hätte.
Man musste auch Glück haben!
Der Sergeant hastete zu dem Getroffenen und drehte ihn mit dem Fuß auf den Rücken. Das musste einfach sein, so gefährlich das Anfassen auch sein mochte… er brauchte einfach die Gewissheit.
Gebrochene Augen starrten ihn an. Der Weihnachtsmann war tot, eindeutig. Daran hatte Walt Tyler nicht gezweifelt, er war ein sicherer, routinierter Schütze. Aber obwohl er einen weißen Bart trug, der sich jetzt unter Tylers Griff löste, erkannte er, dass es nicht DER Weihnachtsmann gewesen war. Dieser hier war viel zu jung.
„Scheiße!”, flüsterte Tyler.
Er stand auf und starrte auf einmal in den Lauf einer Waffe.

*

Vergangenheit:
Der Weihnachtsmann hieß Fred Eaton.
Er war fünfundsechzig Jahre alt und war als junger GI in den letzten Monaten des Vietnamkriegs schwer verletzt worden. Dennoch hatte er darauf bestanden, nicht entlassen zu werden. Das Innenministerium hatte ihn als Aufseher in dem Kaufhaus eingestellt, er war quasi ein zweiter Hausmeister geworden. Er hinkte hin und wieder, und schneller laufen konnte er nicht mehr, nur mehr gehen. Er besaß auch ein Invalidenzertifikat, aber seine karge Rente reichte hinten und vorne nicht aus. Deshalb war der eher behäbige, schwerfällige und auch recht übergewichtige Eaton eigentlich in jeder Abteilung ein Klotz am Bein. Nur bei CERES nicht.
CERES hatte anhand seiner als vertraulich klassifizierten Personalakte rasch erkannt, was für eine brillante Auffassungsgabe Eaton besaß. Er hatte in Vietnam eine Falle des Vietcongs erkannt und seine Gruppe gewarnt. Die verspätete Explosion einer Mine hatte ihn dennoch zum Krüppel gemacht und seine ursprünglich geplante Sportlerkarriere brüsk für immer beendet. Eaton sank sozial ab, weil seine Kriegsbehinderung – ungeachtet der Antidiskriminierungsgesetze – ein ernstes Einstellungshindernis für Firmen in der Heimat war. Auf juristisch leider nicht anfechtbare Weise wurde er in allen wirklich bedeutsamen Bewerbungsverfahren aussortiert und bekam schließlich nur noch die drittklassigen, meist befristeten und schlecht bezahlten Tätigkeiten.
Dennoch, und das fiel dann wirklich in seiner Vita auf, resignierte Eaton nicht oder ergab sich dem Suff, wie so viele andere, die in seine Lage gerieten. Er hatte, eine wahre Kämpfernatur, niemals die Hoffnung aufgegeben, sich wieder hochzuarbeiten, doch noch etwas zu werden. Und zwanzig Jahre nach dem Quittieren des Militärdienstes geriet seine Personalakte zusammen mit gelegentlich eingereichten Bewerbungsunterlagen bei militärischen Stellen schließlich an die Personalsonderstelle, die sicherheitsrelevantes Personal für die CERES-Projekte rekrutierte.
Eaton wurde in die engere Wahl genommen und entpuppte sich im anspruchsvollen Bewerbungsverfahren als ein immer noch sehr raffinierter Beobachter mit hellwachem Verstand, selbst wenn sein Körper ihn allmählich merklich im Stich ließ. CERES heuerte ihn dann also an, damit er im Kaufhaus umherging und als eher unverfänglich erscheinender, subalterner Mitarbeiter des Betreibers eventuelle Agenten entlarvte, die sehr selten doch durch die Tarnung schauten und merkten, dass hier etwas vor sich ging, was über ein reines Kaufhausmanagement hinausging.
Es zeigte sich, dass auf Fred Eaton Verlass war. Selbst Tyler, der solche Komplimente selten machte, neigte dazu, ihn als brillant zu bezeichnen, geradezu einen zweiten Sherlock Holmes. Vier Agenten verschiedener Interessenverbände erkannte Eaton als solche. Hinzu kamen dann noch elf Diebe und zwei Brandstifter, und das innerhalb von nur zwei Jahren. Und ohne, dass er selbst direkt in Erscheinung trat. Die Verhaftungen ließ er stets vom Sicherheitspersonal ausführen.
Eaton war nicht der Typ, der sich gern im Rampenlicht sah. Aus dem Alter, in dem man solche Allüren und derartigen Geltungsdrang entwickelte, war er nun wirklich heraus, wie er nicht müde wurde, zu betonen. Er empfand seine Tätigkeit als recht angenehm und körperlich nicht allzu belastend, und es freute ihn, endlich gescheit bezahlt zu werden und dabei auch dem Staat noch dienen zu können. Fred Eaton galt als rundum bescheidener, humorvoller und kontaktfreudiger alter Mann, der ihnen hier allen fehlen würde, wenn er in absehbarer Zeit genug verdient hatte, um eine angenehme Pension zu beziehen.
Zu Weihnachten verkleidete sich der allein lebende Eaton dann außerdem in einen Weihnachtsmann und wanderte mit seinem Sack an milden Gaben durch das Kaufhaus. Er war der Freudenbringer und das machte ihn immer ganz glücklich.
Natürlich ließ er auch seine Arbeitskollegen unter Tage nicht aus, sondern er fuhr in seiner Weihnachtsmannkluft hinunter und brachte ihnen ebenfalls Geschenke, ein paar eingepackte Bücher, auf den individuellen Geschmack abgestellt, Süßigkeiten, Parfüm und ähnliches. Natürlich war das alles von der Personalabteilung von CERES besorgt und geprüft worden, die ihre Leute sehr genau kennen musste. Selbst zu Weihnachten und bei den milden Gaben mussten die Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden.
So fuhr Eaton auch diesmal durch den Lift in die Kelleretagen hinunter und von dort durch den Speziallift, der den meisten gar nicht bekannt war, noch einmal zehn Meter tiefer, bis er in der Vorhalle ankam, in der zwei MP-Polizisten Wache schoben. Als sie den rundlichen Weihnachtsmann sahen, wie er mit seinem langen roten, weiß gesäumten Mantel, dem wallenden weißen Bart und Haar – das war allerdings nur eine Perücke – , da wussten sie natürlich alle, wen sie vor sich hatten. Jeder vom Personal kannte Fred Eaton, und er kannte sie ebenfalls alle mit Namen.
„Grüß dich, Gevatter”, sagte einer der beiden, ein baumlanger Neger, der seine Füße auf dem chromblitzenden Schreibtisch liegen hatte, die Dienstwaffe aber immer in Griffweite. Er blickte nur kurz von den Sicherheitsmonitoren auf, aber nirgendwo war etwas zu sehen. Was auch? Die waren doch alle im Hauptkontrollraum, das Experiment würde gleich anfangen. Hier draußen war buchstäblich tote Hose. „Was ist es denn heute?”
„Bestimmt Potenzpillen, Ed”, kicherte sein weißer Kollege.
„Frohes Fest”, wünschte Fred Eaton prustend und reichte den beiden die gekennzeichneten Päckchen. Er kannte diese Frotzeleien der beiden zur Genüge und nahm sie locker. Sie waren doch schließlich alle Soldatenkollegen, auch wenn Simmons so jung war, dass er sein Kind hätte sein können. „Sind die anderen auch alle da?”
„Sogar der General. Geh am besten erst in den Zentralraum. Dort erwarten sie dich sicherlich.” Soviel Zeit bis zum Experiment würde bestimmt noch sein. Und selbst wenn der Feuerzauber losging… die Wissenschaftler sagten, da könnte gar nichts passieren, es gab schließlich für den Notfall automatische Abschaltsequenzen. Und Eaton kannte sich so gut aus, dass er von sich aus sicherlich keine Probleme erzeugen würde. Und auf Befehle hörte er sowieso – alte Soldatentradition. Wer das einmal verinnerlicht hatte, der vergaß das nie.
Fred Eaton wandte sich zu dem Gang, der genau gegenüber der Lifttür lag. Hier ging er zehn Meter hinein in den Gang und dann die zwanzig Stufen rechts nach oben. Er hatte sich entschieden, Edwards Worten lieber nicht zu folgen. Erst die hohen Tiere beschenken, das war strategisch besser.
Eaton kam an die Sicherheitstür zur Kontrollraumempore. Hier zischte eine Tür auf, nachdem er seine Hand auf das ID-Feld gelegt hatte, das seine Handlinien nachkontrollierte, die im Gegensatz zu den Fingerabdrücken nicht so identisch nachgemacht werden konnten.
Zischend fuhr das Schott auf und er ging hinein, grüßte die Männer und Frauen und reichte ihnen nach einem Händedruck die Geschenke. Sie befanden sich nummeriert in kleinen Innentaschen des Beutels, und Eaton wusste genau, wem er welches aushändigen musste. Wenn er oben im Kaufhaus kleine Kinder beschenkte, nahmen sie regelmäßig an, er müsse über irgendwelche hellseherischen Gaben verfügen, wenn er jetzt exakt das passende Geschenk aus dem Beutel zog… dabei war das alles nur gute Planung. Wie bei Zauberkünstlern etwa, die in der Regel auch nicht über so etwas wie magische Fähigkeiten verfügten.
„Frohes Fest!“, spulte der Weihnachtsmann seinen traditionellen Spruch ab und reichte Tyler und dem General zuallererst ihre kleinen Geschenkpäckchen.
„Frohes Fest”, wurde auch ihm gewünscht.
„Gehen Sie noch nicht in den Zentralraum, Fred. Das Experiment…”
„Lassen Sie ihn ruhig, General”, meinte Tyler gelassen. Er sah eher kein Problem, auch nicht für die Konzentration der Wissenschaftler und das technische Personal. „Sie halten sich außerhalb der Gefahrenzone und stören den Dienstbetrieb nicht, okay? Dann kann gar nichts schief gehen.”
„Alles klar, Mister Tyler”, nickte der Weihnachtsmann und begab sich wieder nach unten, wandte sich nach rechts und trat durch eine identische Tür in den Hauptschaltraum. Und damit fing alles an.

*

„Sie sind ein Mörder!”, sagte der Kaufhausdetektiv zitternd, der vor Tyler stand. „Halten Sie die Hände vom Körper weg und lassen Sie die Waffe fallen…”
„Hören Sie…”, setzte Tyler langsam an. Diese Scheiße hatte ihm jetzt echt noch gefehlt zum Glück!
„Nichts höre ich!”, keuchte der Detektiv, ein beleibter Mann, einen Kopf kleiner als Tyler und wesentlich weniger durchtrainiert. „Nun machen Sie schon…”
Der Sergeant befand sich schon in wirbelnder Bewegung. Sein linker Fuß schnellte hoch, zertrümmerte das Handgelenk des Detektivs und wirbelte seine Waffe durch die Luft. Bevor der aufschreiende, dicke Mann sah, wohin seine Waffe fiel, schickte ihn Tylers Handkante in das Land der Träume.
Er konnte und durfte sich nicht aufhalten lassen!
Er hatte eine verdammte Mission! Dieser Idiot würde noch froh sein, wenn er die Gefahr ausschaltete, die dieser Weihnachtsmann darstellte. Er rettete ihm den verfluchten Ignorantenarsch!
Hastig rannte Tyler weiter.
Als er an einem Lift vorbeikam, sah er, dass er aufglitt und ein hoch gewachsener Mann in grüner Uniform heraustrat, aber über dieser grünen Uniform war ein roter Mantel mit weißem Saum zu erkennen, das Gesicht zur Hälfte verdeckt von einem weißen Vollbart…
Tyler schoss wieder.
Der Weihnachtsmann wurde von den Beinen gerissen und prallte mit dem Genick gegen die Liftwand. Irgendwo gellte ein Schrei auf. Tyler kümmerte sich nicht darum, sondern riss den Bart weg. Ein dunkles Gesicht starrte ihn an.
Edward Simmons, der Vorzimmerwachmann des unterirdischen Komplexes! Also war es wahr!
Die Lage unten geriet außer Kontrolle!
„Mein Gott!”, flüsterte er ungläubig. „Das gibt’s doch gar nicht! So etwas KANN es doch gar nicht geben!”

*

Vergangenheit:
„Frohes Fest”, wünschte Fred Eaton den Männern und Frauen im mehrfachen Ring der Kontrollpulte. Einige blickten auf und nickten, hoben die Hände und grinsten ihn an, dann mussten sie sich wieder ihren Kontrollen widmen, denn der Hauptversuch trat in das entscheidende Stadium. Der Countdown zählte herunter, die Spannung stieg wieder an.
Zwischen den Wänden des Transmitters funkelte es gleißend hell. Auch Fred Eaton hatte bei Eintritt in den Hauptsaal eine Schutzbrille ausgehändigt bekommen, damit er nicht durch die Lichteffekte geblendet wurde. Nun ging der Weihnachtsmann, in seiner rotweißen Kluft archaisch und anachronistisch wirkend, langsam durch die Reihen der Kontrollpulte und verteilte seine Gaben. Er schwitzte in der Kluft nicht wenig – es war inzwischen doch recht warm in dem Saal, aufgeheizt von Dutzenden Menschenkörpern und den zahllosen Maschinen. Eaton bemühte sich deshalb, so rasch als möglich seinen Dienstauftrag zu erledigen und die Technikerinnen und Techniker an den Pulten zugleich möglichst wenig zu stören.
Er war weitgehend darauf konzentriert und hörte die Stimmen ringsum, ohne sich um den Fortgang des Experiments zu bekümmern. Dann sah er aus den Augenwinkeln, dass das grelle Leuchten erlosch.
Der Transmissionsprozess war abgeschlossen.
Die Masseanzeigen für den Transmitter waren wieder auf Null gefallen. Das Testmaterial war verschickt worden, ebenso problemlos wie beim ersten Mal.
„SIOUX-II, wie sieht es aus? Ist die Ladung angekommen?”, fragte der Leiter Dexter über die Fernverbindung nach Nevada.
Ein seltsames Knistern und Knacken war in der Leitung. Es klang, als wären da Interferenzen vorhanden. Aber da durften keine sein…
Die Techniker hoben alarmiert die Köpfe und merkten, dass irgendetwas nicht so lief, wie es sollte. Fred Eaton nahm diesen Moment der Erstarrung wahr und teilte mit freundlichen Weihnachtsgrüßen weiter seine Päckchen aus. Dass die Beschenkten jetzt höchstens abwesend etwas als Erwiderung murmelten, nahm der Weihnachtsmann einfach so hin. Er wollte eigentlich nur noch wieder aus der Hitze heraus…
Und dann ging alles schief, grässlich schnell und dramatisch.
IRGENDETWAS antwortete aus dem interdimensionalen Medium, durch das sie die Experimentwaren schickten. Aber WAS? Zu einer solchen Störung hatten die Physiker bislang nichts gesagt, bei keinem Testlauf war so ein Zwischenfall passiert.
„Ich kann Sie nicht verstehen!”, sagte Dexter wieder in seinem energischen Bemühen um eine verständliche Antwort der Empfangsstation. „Bitte wiederholen Sie. Bitte wieder… aaarrgghh…”
Ein fauchender Lichtblitz schoss aus dem Funkpult und traf Dexter in die Brust. Es schien auch weniger ein Lichtblitz zu sein als eine Form von mörderischem Energiestrahl. Er riss den schwarzen Cheftechniker vom Boden hoch, als sei er auf einmal gewichtslos, warf ihn wuchtig meterweit zurück an die Wand. Als er schlaff herabrutschte und wie ein Haufen Abfall liegen blieb, hinterließ er eine rote feuchte Spur an der Wand.
Eine Alarmsirene heulte los.
„Eaton!”, brüllte irgendwer über den Lautsprecher. „Verlassen Sie sofort die Gefahrenzone!“
Walt Tyler hatte sofort begriffen, dass der der alte Soldat am gefährdetsten war. Neben Dexter, der ebenfalls neben seinem Pult gestanden hatte, war er die mit Abstand größte Person. Die anderen Techniker konnten sich hinter ihre Pulte ducken, was sie jetzt auch taten.
Eaton reagierte völlig verkehrt.
Der Weihnachtsmann richtete sich auf und schaute sich irritiert um. Er hatte das Geschehen eben nicht mitbekommen.
„Was ist denn…?”, fragte er verdutzt und irritiert.
Auf zahlreichen Bildschirmen flimmerten auf einmal die Datenketten, wirbelten durcheinander und wurden schwarz.
„Wir haben hier Energiewerte auf den Scannern, die kann es gar nicht geben… es ist, als würde uns der ganze Kram wieder entgegen geworfen…”, stammelte die Operatorin Susan Hadley fassungslos. „Wir…”
Im Kugelfeld des Transmitters entstand mit einem geradezu monströsen Dröhnen ein wilder Feuerball, einem auf der Stelle tobenden Kugelblitz nicht unähnlich. Alle Techniker warfen sich sofort zu Boden, nur Eaton, der Probleme mit seinen Beinen hatte und wusste, dass es ihm schwer fallen würde, wieder aufzustehen, zögerte damit, ihrem Beispiel zu folgen.
Das Zögern beendete sein Leben!
Der Feuerball aus der explodierenden Transmittersphäre traf Eaton voll. Unter normalen Umständen hätte er auf der Stelle tot sein müssen, geröstet in den ungeheuerlichen Energien… aber zum Entsetzen der versammelten Forscher, Techniker und Militärs sah die Realität vollkommen anders aus.
Fred Eaton stand mitten in dem Feuerball und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Blaue und weiße Energiezungen loderten über seinen Weihnachtsmannmantel, der weiße, lange Bart sträubte sich, als stünde er unter Hochspannung, und diejenigen Frauen und Männer in Eatons direkter Nähe sahen ungläubig, wie der Weihnachtsmann tatsächlich den Kontakt mit dem Boden verlor und mehrere Fuß weit emporstieg, die Arme und Beine zuckend wie unter ständigen Krämpfen.
Was sie hier sahen, war einfach unmöglich. Es gab keine physikalische Theorie, die solche Effekte erklären konnte, jedenfalls keine, die jemand jetzt zur Hand gehabt hätte.
Fred Eaton wurde der Gegenpol zu Energien aus dem Hyperraum oder jenem anderen Medium, durch das CERES seine Transite durchführte, und diese Energie veränderte den alten Soldaten auf unvorstellbare Weise.
Er brach nicht zusammen!
Er verbrannte auch nicht!
Rein äußerlich passierte mit Fred Eaton gar nichts. Er sank nach einigen Sekunden wieder zurück auf den Boden, von dem ihn der Feuerball etwas angehoben hatte… und dann ging er einfach los.
Wie ein Roboter.
Alle in der Umgebung starrten den Weihnachtsmann konsterniert an, der seinen Geschenksack einfach achtlos liegengelassen hatte. Das hätte Eaton niemals getan… aber offensichtlich war er nicht mehr Herr seiner Sinne. Irgendetwas Unbegreifliches war mit ihm geschehen, und solange nicht klar war, was das zu bedeuten hatte, musste er unbedingt vor Ort bleiben.
„Halten Sie ihn auf!”, rief General Richards, während schon jemand den medizinischen Dienst auf der Notfallfrequenz alarmierte. „Eaton ist nicht mehr normal!”
„Haltet Eaton auf!”, schrie Tyler durch die Lautsprecher hinab. „Er darf den Raum nicht verlassen, ehe er untersucht worden ist!“
Beherzte Männer liefen los, um den Weihnachtsmann aufzuhalten, der unaufhaltsam in Richtung Eingangsschott stampfte. Aber die Veränderung mit dem Weihnachtsmann Eaton war deutlich weiter gehend, als sich das jemand vorgestellt hatte. Das war nicht mehr der alte, invalide Mann, den sie alle als betulichen, klugen Kontrolleur oben aus dem Kaufhaus kannten oder als jovialen, ironischen Weihnachtsmann. Der sonst eher mäßig kräftige Fred Eaton war von einer Kraft erfüllt, die ihn selbst einem Boxchampion überlegen machte, und das stellten die Männer rasch fest, die sich ihm in den Weg stellten. Wer ihn nämlich nun festhielt, um Tylers Befehl zu entsprechen, der wurde kurzerhand von Eatons Schlägen von den Beinen gefegt und zuweilen meterweit durch die Luft geschleudert, um regungslos liegen zu bleiben.
Fassungslos starrten die Männer und Frauen aus dem Beobachtungsraum hinunter.
„Was ist mit ihm los?”, fragte der General, der dem alten Eaton nie so viel Kraft zugetraut hatte.
„Eaton ist mit Energie aufgeladen. Mit einer Form, die wir nicht kennen. Wir wissen nicht, woher sie kam und was für Wirkungen sie hat. Wir müssen ihn aber um jeden Preis aufhalten. Und wenn wir ihn niederschießen!”
Tyler hatte es hektisch hervorgestoßen. Sein Gesicht bedeckte sich mit Schweiß. Jetzt geriet die Sache irgendwie außer Kontrolle. Er hasste es, wenn die Dinge aus den Gleisen liefen. Dann musste schnellstens improvisiert werden.
Susan schrie auf. „Sergeant! Sir! Sehen Sie doch! Mein Gott, was ist denn das?”
Sie hasteten zu dem Schirm, an dem die junge Frau saß. Eines von Eatons Opfern richtete sich gerade taumelnd wieder auf. Und war von einem flimmernden Schimmer umgeben. Langsam bildete sich um den jungen Mann, der auf einem Kontrollschirm zu sehen war, wie eine Aureole, noch durchsichtig, aber immer materieller werdend… ein roter Mantel und weißer, wallender Bart.
„Ein Transformationssyndrom”, murmelte Tyler entsetzt. Das konnte doch alles gar nicht mehr wahr sein! Sein Gesicht wurde bleich, Kälte rann sein Rückgrat herab. Was um alles in der Welt hatten sie ausgelöst? Was war jetzt passiert?
Er starrte auf das Bild der Verwüstung unter sich und sah mit steigendem Schrecken, dass immer mehr Menschen sich dort unten verwandelten. Alle, die irgendwie in Kontakt mit dem Weihnachtsmann geraten waren, standen benommen da, wie Schlafwandler, während sie von der wabernden Aureole eingehüllt wurden, die sie, offenbar aus sich selbst heraus, in direkte Kopien des Weihnachtsmannes verwandelte, komplett mit Kutte und Bart. Das Geschlecht spielte offensichtlich keine Rolle. Der Prozess nivellierte jede Individualität.
Er begriff, ohne den Prozess an sich zu verstehen. „Eaton! Mein Gott, es ist Eaton! Jeder, den er anfasst, verwandelt sich in einen Weihnachtsmann! Es wäre fast komisch, wenn es nicht so entsetzlich wäre. Vielleicht wird jeder von ihnen zu einer perfekten Kopie Eatons! Wir dürfen ihn nicht anfassen!“
Er fasste einen raschen Entschluss, weil er merkte, dass General Richards noch erkennbar unter Schock stand. Er würde zu zögernd reagieren, und sie hatten jetzt keine Sekunde mehr zu verlieren. „Halten Sie alle hier unten auf, die von ihm berührt worden sind. General, ich werde versuchen, ihn zu stoppen.”
„Wie denn?”, fragte der grauhaarige Militär erschüttert.
Tyler riss seinen Mantel aus dem Schrank und schnallte sich rasch ein Schulterhalfter für eine Neun-Millimeter-Waffe um, auf die er routiniert den Schalldämpfer aufschraubte. Für alle Fälle steckte er sich Reservemagazine in die Uniformtaschen. Das befand sich hier alles im Sicherheitsschrank für Notfälle.
„Hiermit”, sagte er hohl, und er hasste sich dafür. Tyler wusste genau, dass es die reine Wahrheit war, wenn Militärs konstatierten, ein Konflikt sei bereits verloren, wenn man gezwungen wäre, Waffen abzufeuern. Aber es gab eben auch Situationen, in denen man auf Waffengewalt nicht verzichten konnte. Das hier war eine solche Situation. Eaton musste aufgehalten werden, ehe er weiteres Chaos anrichten konnte. Nicht auszudenken, was er auslösen mochte, wenn er oben ins Kaufhaus gelangte – und das war ohne Frage sein Ziel. „Es gibt keinen anderen Weg, ihn zu erledigen, ohne ihn anzufassen.”
Und dann machte er sich auf dem Weg.
Der Wettlauf mit der Zeit begann…

*

Tyler stand erschüttert an der Rolltreppe und starrte nach unten.
„Nein”, flüsterte er. „Nein, nein, nein, nein…”
Unten in der Abteilung für Schallplatten lagen ein halbes Dutzend junger Menschen. Junge Männer und Mädchen. Einige von ihnen trugen bereits rote Mäntel, bei anderen bildeten sich gerade weiße Bärte und nahmen vollstoffliche Form an.
Entsetzt sah Tyler den General, ebenfalls in Weihnachtsmannkluft, durch Regalreihen gehen und den Menschen die Hände schütteln. Die Operatorin Susan Hadley, in ihrem Weihnachtsmannkostüm mit Bart kaum wieder zu erkennen, wanderte einige Meter von ihm entfernt über ein Rollband nach oben, um weiteren arglosen Besuchern des Kaufhauses tödliche Weihnachtsgrüße zu übermitteln.
Verkäuferinnen trugen rote Weihnachtsmäntel und falsche Bärte.
Er schloss erschüttert die Augen und hörte gleich darauf die Stimme hinter sich.
„Frohes Fest, Sir.”
Der Sergeant wirbelte herum und feuerte instinktiv. Der Weihnachtsmann, der vorher ein Jugendlicher von neunzehn Jahren gewesen war, flog zurück und überschlug sich auf dem Boden. Aus einem Café innerhalb des Kaufhauses tauchten zwei weitere Weihnachtsmänner auf, kamen auf ihn zu. Von einer Kasse kam noch einer. Hinter ihm auf der Rolltreppe schickten sich vier Weihnachtsmannkinder an, ihn zu erreichen. Und immer murmelten sie monoton den einen Satz.
„Frohes Fest.”
„Frohes Fest!”
„Frohes Fest!”
Er begriff voller Entsetzen, dass er sich getäuscht hatte.
Eaton war nicht das Problem, jedenfalls nicht das alleinige. Und sein Tod würde nichts zum Besseren wenden. Es war vermutlich eher der Transmitter – er hatte einen dimensionalen Durchgang ins Irgendwo geöffnet, und das Tor dorthin stand noch immer offen. Physiker würden das vielleicht besser erklären können… aber wahrscheinlich drang diese Energie nun in Wellen hindurch und löste das Transformationssyndrom aus. Anders ließ sich nicht erklären, warum selbst Personen metamorphierten, die Fred Eaton nie berührt hatte.
Er hatte keine Ahnung, ob diese Energie irgendwann erschöpft sein würde. Ob sich dieses Tor in fremde Dimensionen jemals wieder schloss. Aber Kugeln konnten dagegen nichts ausrichten, davon musste man ausgehen.
Der Kampf war vorbei.
Tyler ließ seine Waffe fallen.
Es war sinnlos. Es war völlig sinnlos.
Weihnachtsmänner reckten ihm ihre Hände entgegen. Zum Klang der unentwegten, gnadenlosen Weihnachtsmusik, die Frohsinn und gute Laune verbreitete, während das Metamorphchaos ringsum sich uferlos ausbreitete, schüttelte Tyler willenlos die angebotenen Hände und blieb stumm. Stumm vor Entsetzen und nie gekanntem Fatalismus.
Bis er dann auch seine eigene Verwandlung spürte… und der Drang in ihm unwiderstehlich zum Leben erwachte, anderen Menschen sagen zu müssen, wie wunderbar es doch war, dass Weihnachten war. Allen anderen Menschen.
„Frohes Fest”, murmelte der Weihnachtsmann Tyler, gekleidet in seinen roten, weiß gesäumten Mantel, der nicht von dieser Welt war, künstlich gealtert durch den schlohweißen, langen Bart, und gemeinsam mit einer Legion weiterer Weihnachtsmänner in der Gestalt Fred Eatons verließ auch er das Kaufhaus, um die Menschheit zu bekehren…

ENDE

© 1991 by Uwe Lammers
Gifhorn, den 16. Juni 1991
E-Book-Version: Braunschweig, den 3. April – 29. Juli 2014