DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Herausforderungen“
„Captain Needa“, sagte ich, „was ist geschehen?“
„Kurz nach ihrer beider Abreise nach Pelagon trafen die ersten Schiffe mit Hilfslieferungen hier ein.“
Needa wirkte verärgert. Da ich nicht glaubte, dass ihn die Tatsache störte, dass Achillea geholfen wurde, musste es einen anderen Grund dafür geben.
„Gibt es ein Problem mit diesen Hilfslieferungen?“, fragte ich.
„Diese Leute machen, was sie wollen. Wir weisen ihnen Koordinaten zu, damit die Güter, die sie geladen haben, dorthin gelangen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Das ignorieren viele von ihnen und fliegen statt dessen Lanriess an, wohin aber schon ausreichend Lebensmittel geliefert wurden. Übrigens funktioniert dort inzwischen die Elektrizitäts- und Wasserversorgung wieder, die Krankenhäuser haben den Betrieb wieder aufgenommen und die Behörden gehen ihren Aufgaben nach.
„Gut“, sagte ich.
„Ich werde mich nach Lanriess begeben und ich mich mit einigen Verwaltungsbeamten treffen, es gibt noch viel vorzubereiten“, sagte Lady Bathos.
Bathos wollte eine neue Regierung bilden und je schneller sie das tat, umso besser.
„Tun Sie das“, sagte ich deshalb.
Ich wandte mich an Captain Needa.
„Ich begleite Lady Bathos hinunter“, sagte ich. „Ich werde mir dort diese wilden Hilfslieferungen einmal genauer ansehen.“
Needa nickte.
„Aber denken Sie daran, rechtzeitig wieder zurück zu sein.“
„Haben Sie Lord Vader zwischenzeitlich erreicht?“, fragte ich.
Needa schüttelte den Kopf.
„Nein, wir konnten immer noch keine Verbindung zur Executor oder den anderen Schiffen herstellen.“
„Das ist ja ein Riesending“, staunte Venka, was ihm einen tadelnden Blick von Admiral Ozzel einbrachte. Bei der Anomalie, die die Executor angemessen hatte, handelte es sich tatsächlich um die gesuchte zentrale Sammelstation für die Sonnenkollektoren.
Vader ließ dem jungen Mann die Bemerkung unkommentiert durchgehen. Der dunkle Lord war von einem Ende der Galaxis zum anderen gereist, war sich aber sicher, niemals etwas Vergleichbares gesehen zu haben.
Wer waren die Erbauer der Station?
Wo waren sie jetzt? Das System schien unbewohnt …
Wann war die Station erbaut worden?
Warum war sie auf einmal wieder aktiv geworden?
Vader traf eine Entscheidung.
Es gab nur eine Methode, das herauszufinden. Er musste hinübergehen und nach Informationen suchen …
„Sie machen sich Sorgen?“, fragte Lady Bathos. „Um Lord Vader?“
Ich fühlte mich ertappt. Lady Bathos war eine vorzügliche Beobachterin, alleine der Versuch der Leugnung wäre von vorne herein zum Scheitern verurteilt.
„Das ist richtig“, sagte ich deshalb. „Lord Vader ist mit nur drei Schiffen nach LW-1753 aufgebrochen. Wenn der Energiestrahl und der EMP einen halben Planeten in dieser Entfernung verwüsten und die Elektronik ausschalten konnten, dann sind auch seine Schiffe nicht sicher.“
Lady Bathos zögerte.
„Sie fühlen sich Lord Vader … verbunden?“
Ein Wort, das vielerlei bedeuten konnte.
„Als ich Lord Vader kennenlernte, erkannte er in mir das Potential, das man als sein persönlicher Adjutant benötigt“, wich ich aus, doch Lady Bathos war eine hartnäckige Fragerin.
„Sie scheinen sehr vertraut mit ihm zu sein?“
Ich war mir zwar nicht ganz sicher, wie Vader das sah, würde hier aber auf gar keinen Fall zugeben, dass wir mehr als nur eine Arbeitsbeziehung hatten.
„Das lässt sich bei dieser Art von Aufgabenstellung auf Dauer nicht vermeiden.“
Diese Auskunft schien ihr endlich zu genügen. In Wahrheit war es aber so, dass ich, als wir uns zusammengetan hatten, akzeptieren musste, dass Vader als Krieger lebte, er die gefährlichen Sachen machte und dabei immer die Gefahr bestand, dass er irgendwann einmal getötet werden würde …
„Das Energieniveau in der Station steigt stetig“, sagte der Techniker.
„Das heißt?“, fragte Piett.
„Das heißt dass sie sich demnächst erneut entladen wird.
Piett warf einen Blick auf die Sensordaten. Sehr geschickt gemacht, in der Tat. Und Lord Vader war mit ein paar Sturmtrupplern gerade unterwegs, um die Station zu untersuchen.
Piett wandte sich an einen der Operatoren von ComScan:
„Informieren Sie Lord Vader!“
Lady Bathos und ich ließen uns von Balasch Elint nach Lanriess hinunterfliegen. Dort war es bereits später Abend und die Sonne versank gerade hinter dem Horizont. Bathos wurde schon von einigen Verwaltungsbeamten erwartet, die wiederum von ein paar Sicherheitsleuten flankiert wurden.
Ich hielt mich mit den Einzelheiten achilleanischer Politik und Regierungsbildung gar nicht erst auf, sondern ließ mich von Captain Elint begleiten, um mir persönlich ein Bild über die Lage und über die „wilden“ Hilfslieferungen zu machen.
So sehr Hilfen immer noch benötigt wurden – es gab trotzdem nichts Schlimmeres in einer solchen Notlage, als die falschen Hilfsgüter zu erhalten …
Der dunkle Lord ließ sich von der Macht leiten, während er die verlassenen Korridore der zentralen Sammelstation durchmaß.
Die Sturmtruppler, die ihn begleiteten, gehörten der 501. Legion an und sicherten seinen Weg. Notwendig wäre das nicht gewesen, aber Elitetruppen musste man ab und an ihren Willen lassen …
Vader hatte seit seiner Zeit als Padawan im Jedi-Orden viele Orte in dieser Galaxis besucht. Aber bisher war ihm eine Architektur wie die der Station noch nicht untergekommen, die filigrane, verspielte Ausgestaltung passte zu nichts, was er während republikanischer oder auch imperialer Zeit jemals gesehen hatte.
Das Gefühl der Dringlichkeit verstärkte sich, als ihm ein Sturmtruppen-Captain in den Weg trat und Meldung machte:
„Sir, die Executor meldet, dass das Energieniveau der Station stetig steigt!“
Captain Elint führte einige Gespräche mit dem ComLink und bat schließlich bei einer der Behörden um Amtshilfe, die uns in Form eines geliehenen Speeders gewährt wurde.
„Es ist nicht zu fassen“, empörte er sich. „Sie haben gerade ein Dutzend Container entdeckt, die als Hilfsgüter deklariert sind, die aber nur hochgiftige Chemikalien enthalten!“
„Jemand entsorgt seinen Giftmüll im Zuge einer Hilfslieferung?“
„Ja“, sagte der Captain, „dieses Zeug ist nicht nur hochgiftig, sondern auch instabil. Ich kann nur hoffen, dass sie es, gerade angesichts dieser Katastrophe, noch rechtzeitig entsorgt bekommen.“
Ich konnte die Empörung Elints gut verstehen – die Notwendigkeit, sich um den Giftmüll zu kümmern, würde Kräfte binden, die anderweitig dringend gebraucht wurden …
Vader erhöhte das Tempo, mit dem er die Korridore der Station durchmaß, so dass die ihn begleitendenden Sturmtruppler anfangen mussten zu rennen, um mit ihm Schritt zu halten.
Die Sorge trieb ihn an. Was ging hier vor sich?
Die Station war offensichtlich ein Überbleibsel einer längt vergangenen Zivilisation, die gelernt hatte, die gesamte Energie ihres Sterns zu nutzen.
Doch war sie wirklich über all die Zeit aktiv gewesen?
Oder hatte jemand sie hier vorgefunden und setzte sie nun für seine Zwecke ein?
Er musste die Zentrale finden und die Station abschalten. Vielleicht enthielten die Computer Antworten auf seine Fragen …
Die Lagerhalle mit Hilfsgütern, die Elint mir zeigen wollte, lag in der Nähe einer Amüsiermeile, mir fielen die vielen jungen Leute auf, die in offensichtlicher Feierlaune von Lokal zu Lokal zogen.
Das schien mir nicht angemessen angesichts einer Katastrophe, die fünf Milliarden Menschen das Leben gekostet hatte und die sich vor noch nicht einmal ganz einer Woche ereignet hatte.
„Das ist ein weiteres Problem“, sagte Elint, dem mein befremdeter Blick auffiel. „Viele der Hilfslieferungen werden von jungen Leuten begleitet, wie wir sie hier sehen. Sie kommen hierher, lassen unsere Leute ihre Frachter ausladen, machen ein paar Beweisholos für zuhause gebliebene Freunde und Verwandte oder lassen sich bestätigen, dass sie sich hier an einer Gnadenmission beteiligt haben und gehen anschließend feiern, als wäre hier nichts geschehen!“
„Führen Sie eine Suche in den benachbarten Sektionen durch“, bestimmte Vader.
Die Sturmtruppler schwärmten aus und durchsuchten weitere Räume, die sich an die Zentrale anschlossen.
Vader ignorierte die Sturmtruppler, die zu seinem Schutz zurückgeblieben waren und ging langsam an Arbeitsstationen und Konsolen vorüber, die autark und voll automatisiert arbeiteten.
Vor einer der Arbeitsstationen blieb er stehen und lauschte in die Macht.
Mit ein paar Handgriffen und der Hilfe der Macht öffnete er die Konsole und hob ein Bündel Kabel heraus.
Vader starrte das Bündel an und riss es kurz entschlossen heraus.
Die Lichter begannen zu flackern und stabilisierten sich wieder.
Vader wartete.
Eine Sekunde.
Zwei Sekunden.
Dann wechselte das Licht in einen dunklen, unheilvollen Rotton und eine Computerstimme begann, etwas anzusagen.
Kriff.
Er hatte gerade die Selbstzerstörungssequenz ausgelöst …
Balasch Elint und ich stiegen vor der Lagerhalle aus dem Speeder, die der Patrouillenboot-Captain mir zeigen wollte. Inzwischen war eine milde Sommernacht heraufgezogen und man hörte in der Ferne die wummernden Bässe von Tanzmusik und das Gelächter der Feiernden.
Wir betraten die Lagerhalle und ließen die allzu fröhliche Geräuschkulisse hinter uns.
„Sehen Sie sich das an!“, sagte Elint. „Zelte, Decken und Kleidung. Wir haben ausdrücklich kommuniziert, dass wir vor allem Lebensmittel, Medikamente und elektronische Ersatzteile benötigen …“
„Von woher kommen diese Lieferungen?“, fragte ich.
„Teilweise vom Aargau Medical Observer Corps“, erklärte Elint. „Diese Organisation ist dafür bekannt, grundsätzlich Decken, Zelte und Geräte zur Wasseraufbereitung zu schicken. Wobei wir letztere tatsächlich gut gebrauchen können.“
Es gab noch mehr als genug Städte, in denen die Energieversorgung noch nicht wieder funktionierte und in denen es deshalb noch kein sauberes Wasser gab.
„Und teilweise“, fuhr Elint fort und deutete auf eine Szene, die sich in einiger Entfernung abspielte und an der einige achilleanische Beamte und eine schmale junge Frau in weißer Kleidung beteiligt waren, „von ihr!“
Entgegen der Darstellung in vielen HoloVids explodierte etwas Großes vom Kaliber dieser antiken Station nicht innerhalb von Sekunden.
Die Konstrukteure ließen für gewöhnlich ausreichend Zeit, damit die Besatzung ihre Arbeitsplätze oder Quartiere geordnet verlassen und Rettungskapseln oder Shuttles aufsuchen konnte.
Nichtsdestotrotz führte Vader die Sturmtruppler sofort und auf dem kürzesten Weg aus der Station.
Bedauerlicherweise verhinderte die Selbstzerstörung, sich eingehender mit den Computern oder sonstigen eventuell vorhandenen Aufzeichnungen zu beschäftigen, Informationen über die Erbauer der Station oder diejenigen, die sie erneut in Betrieb genommen hatten, würden für immer verloren gehen.
Andererseits würde mit der Vernichtung der Station auch die Gefahr, die von ihr für ihre Umgebung ausging, dauerhaft eliminiert werden …
„Was geht hier vor sich?“, fragte ich und mischte mich auf diese Weise in die Diskussion zwischen der weißgekleideten jungen Frau und den achilleanischen Beamten ein.
„Und Sie sind?“, sagte sie und musterte mich kühl und von oben herab, was gar nicht so einfach war, da sie mir nicht einmal bis zur Schulter reichte.
„Mein Name ist Kilian“, sagte ich. „Ich leite die Hilfs- und Rettungsmission auf Achillea.“
„Sie leiten diese Mission?“, entgegnete sie spitz.
„Ich bin der persönliche Adjutant von Lord Vader und er hat mich mit dieser Mission betraut.“
Sie stutzte. Irgendetwas schien gerade nicht in ihr Weltbild zu passen.
„Und Sie sind?“, fragte ich.
„Ich bin Prinzessin Leia Organa von Alderaan“, entgegnete sie.
Prinzessin Leia war mir damals kein Begriff und Alderaan ein Planet, auf dem man maximal seinen Urlaub verbringen konnte.
„Also?“, fragte ich, „Was geht hier vor sich?“
„Sie will eine weitere Lieferung Decken, Zelte und Kleidung bringen“, warf einer der Beamten ein. „Davon benötigen wir aber nichts mehr. Wenn sie wenigstens ein paar mobile Wasseraufbereitungsanlagen mitgebracht hätte …“
Ich wandte mich an die Prinzessin.
„Bitte verstehen Sie, dass diese Dinge im Moment nicht gebraucht werden, sie aber gleichzeitig Lager- und Transportkapazitäten binden, die wir anderweitig dringend benötigen.“
Die junge Frau schnaubte empört und wollte wiedersprechen.
„Seien Sie still!“, fuhr ich sie an, bevor ich mich an die Beamten richtete: „Schafft sie weg!“
„Ich messe mehrere sehr schwache Signale an“, sagte der Techniker. „Vermutlich getarnte Schiffe.“
„Das ist jetzt unwichtig“, sagte Admiral Ozzel. „Bereiten Sie den Sprung in den Hyperraum vor und folgen sie der Stalker und der Devastator.“
„Kommando zurück“, befahl Vader, der gerade auf der Brücke der Executor eingetroffen war.
Grundsätzlich war es keine schlechte Idee, vor der in Bälde erwarteten Explosion der zentralen Sammelstation in den Hyperraum zu fliehen.
„Aber Sir“, wandte Ozzel ein, „wir wissen nicht, ob die Schilde der Executor der Explosion standhalten werden.“
Vader lauschte in die Macht.
„Sie werden standhalten.“
Er hatte selbst an der Konstruktion dieses Schiffes mitgearbeitet und wusste, was es aushielt. Es hatte seinen Grund, warum die Executor das mit Abstand teuerste Schiff ihrer Baureihe war.
„Wenn die Schockwelle auf die getarnten Schiffe trifft, werden uns die Interferenzen ihren genauen Standort verraten“, sagte der dunkle Lord. „Feuern Sie dann mit allen, was wir haben, solange, bis sie bedingungslos kapitulieren oder vollständig vernichtet sind!“
Ich kehrte noch vor Mitternacht zur Avenger zurück. Zuvor hatte ich dafür gesorgt, dass die vorlaute Prinzessin mitsamt ihrer Entourage Achillea verließ. Ich kann weder die Macht nutzen noch die Zukunft sehen. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich mir damit einen Feind fürs Leben geschaffen hatte …
Captain Needa erwartete mich bereits im Hangar und das bedeutete, dass irgendetwas Unerwartetes geschehen war.
„Was ist passiert?“, fragte ich, kaum dass ich den Hangar betreten hatte.
„Wir haben eine Nachricht aus Lanriess erhalten“, sagte Needa. „Lady Bathos wird dort als Geisel gehalten.“
„Was?!“, fragte ich.
„Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste.“
Was könnte noch schlimmer sein?
„Der Imperator hat sich gerade eben gemeldet und will Lord Vader sprechen …“
Ich betrat die Sendeplattform des HoloNet-Emitters mit gemischten Gefühlen. Vader war immer noch nicht zu erreichen, was der Imperator wohl wollte? Sobald sich das überlebensgroße Hologramm des Imperators vor mir aufbaute, kniete ich nieder.
„Mein Imperator.“
Palpatine sah auf mich hernieder.
„Wo ist Lord Vader? Ich spüre eine große Erschütterung in der Macht …“
DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Auseinandersetzungen“
Eine große Erschütterung in der Macht? War Vader in Gefahr? Es war nicht ungewöhnlich, dass Schiffe zeitweilig nicht erreichbar waren, aber die Executor war nun schon zu lange überfällig.
„Lord Vader ist nach LW-1753 aufgebrochen, um der Ursache für die Katastrophe auf Achillea nachzuspüren“, sagte ich. „Wir haben den Kontakt zu ihm seither verloren.“
Der Imperator sagte nichts und das Schweigen begann sich zu dehnen. Ich wagte einen Vorstoß.
„Mein Imperator, glaubt Ihr, dass Lord Vader … etwas zugestoßen ist?“
Der Imperator schwieg lange und ich begann mich unter seinen ungnädigen Blicken unwohl zu fühlen. Noch unwohler als sonst, hieß das.
„Nein“, sagte er schließlich, „nein, das denke ich nicht.“
Erleichterung durchströmte mich, bekam aber sofort einen Dämpfer.
„Wenn Lord Vader nach LW-1753 aufgebrochen ist, wer leitet dann den Einsatz auf Achillea?“
Ähm …
Der Imperator beugte sich vor.
„Nun?“
„Lord Vader hat mir das Kommando über diesen Einsatz übertragen“, antwortete ich.
Palpatine schien überrascht, schwieg eine Weile.
„Und wie gedenkt Ihr, das Problem zu lösen?“
„Ich habe bereits eine Lösung gefunden, mein Imperator“, entgegnete ich.
„Ist das so?“, fragte er.
„Ich habe in Abstimmung mit der Restregierung Achilleas Ersatzteile, Lebensmittel und Medikamente angefordert“, sagte ich, aber scheinbar war das Verhör noch nicht zu Ende.
„Das war aber noch nicht alles, nicht wahr?“, lockte Palpatine.
„Bis diese Lieferungen eintreffen, habe ich zur Überbrückung die Lebensmittel an Bord unserer Schiffe auf Achillea verteilen lassen.“
Dem schloss sich ein langes, lastendes Schweigen an. Dann plötzlich gab Palpatine ein heiseres, gackerndes Lachen von sich.
„Ich wollte Euch töten lassen“, sagte er amüsiert, „irgendwann demnächst. Damit Lord Vader sich wieder an die Ausschließlichkeit seiner Verpflichtungen mir gegenüber besinnt. Aber ich muss Lord Vader Recht geben: Ihr habt einen gewissen Unterhaltungswert und dürft deshalb weiterleben.“ Palpatine mache eine Pause. „Vorläufig.“
„Plötzlicher massiver Energieanstieg in der Station!“, rief der Sensortechniker. „Explosion steht unmittelbar bevor!“
„Drehen Sie das Schiff um neunzig Grad und geben Sie alle Energie auf die vorderen Bugschilde“, befahl Captain Piett.
Mit Abschluss der Drehbewegung zeigte nur noch die „Nase“ der Executor auf die Station, so dass das Schiff eine verhältnismäßig geringe Angriffsfläche bot.
Eine Schockwelle des erwarteten Ausmaßes war für die Executor mit ihren enorm starken Schilden und ihrer gut geschulten, eingespielten Crew nicht wirklich eine Gefahr, aber trotzdem betete Piett zu allen ihm bekannten und unbekannten Göttern, dass die Reaktoren des Schiffes genügend Energie bereitstellen würden …
Endlich war das Gespräch mit dem Imperator zu Ende. Nicht nur, dass er mich mit dem Tod bedroht, sondern dass er mir gleichzeitig subtil zu verstehen gegeben hatte, dass ich für Vader nicht mehr als ein Spielzeug war.
Andererseits: Palpatine hatte schon einmal versucht, uns auseinanderzudividieren, indem er mir ein schleichendes Gift ins Ohr geträufelt, den Zweifel gesät hatte. Nicht mit mir, wir sind hier ja nicht in einem billigen Groschenroman …
„Hat der Imperator neue Befehle für uns?“, fragte Needa.
„Hm?“
Der Captain wiederholte seine Frage.
„Nein“, sagte ich, „er wollte lediglich über den Einsatz informiert werden.“
Andererseits hatte Palpatine die mir von Vader übertragene Kommandogewalt nicht in Frage gestellt oder sie mir gar entzogen. Ich verdrängte alle Gedanken an den Imperator und an Vader und konzentrierte mich auf unsere unmittelbaren Probleme.
„Sie sagten, dass Lady Bathos in Lanriess als Geisel gehalten wird?“
Die Explosion der zentralen Sammelstation war spektakulär anzusehen, doch die Schockwelle fiel geringer aus als erwartet.
„Hyperraumfunk wieder online!“, rief der Funktechniker.
Es war also doch die Station gewesen, die die Hyperraumkommunikation blockiert hatte …
„Ortung!“, rief der Sensortechniker. „Sieben Kontakte auf 263° horizontal, 207° vertikal, Entfernung 7,6 Lichtsekunden!“
Tarnvorrichtungen lenkten elektromagnetische Wellen so um die von ihnen verborgenen Objekte herum, dass diese weitgehend unsichtbar für biologische Augen und elektronische Ortungssysteme wurden. Nichtsdestotrotz waren diese Objekte immer noch da und erzeugten Interferenzen, wenn sie beispielsweise von einer Schockwelle getroffen wurden.
„Zielerfassung!“, rief der Offizier an der Waffenkonsole. „Bereit zum Feuern!“
Piett runzelte die Stirn. Der dunkle Lord hatte zwar befohlen, zu feuern ohne die Kontakte vorher anzurufen, aber …
„Sir, sollen wir das wirklich tun?“, fragte er.
Vader hielt inne und fixierte den Blick des Captains. Piett bereute, überhaupt etwas gesagt zu haben und trat die Flucht nach vorne an.
„Wir wissen doch gar nicht, mit wem wir es zu tun haben!“
„Hier draußen ist etwas und das ist uns nicht wohlgesonnen“, sagte Vader.
Darüber hinaus galt Anschleichen im Tarnmodus und das Vermeiden jeglicher Kommunikation überall in der Galaxis als feindlicher Akt …
„Sothos“, zischte Lady Bathos, „Ihr seid ein Idiot!“
Sothos zog den Kopf ein und nickte betreten.
„Ja, Tante.“
Sein schöner Plan, die Macht mithilfe einiger höherstehender Beamten an sich zu reißen, war grandios gescheitert. Wieder einmal … Warum nur hatte er nicht auf Mella gehört?
Zunächst war alles gutgegangen: er hatte Kontakt mit den richtigen Leuten aufgenommen und sie hatten Pläne ausgearbeitet, um Lady Bathos auszuschalten und ein neues Regierungssystem zu installieren.
Dankenswerter Weise war die Adjutantin Lord Vaders zusammen mit dem Captain, der Lady Bathos hierhergebracht hatte, irgendwo anders hingegangen, denn sonst wäre der ganze Plan schon an diesen Punkt gescheitert. Wer würde sich schon mit jemanden anlegen, der für Lord Vader arbeitete?
Sothos schauderte.
Wie es wohl war, für dieses Monster zu arbeiten?
Ja, und dann war alles aus dem Ruder gelaufen: die Verschwörer hatten nicht nur Lady Bathos, sondern auch ihn festgenommen und ihnen beiden Handschellen angelegt.
Jetzt saßen sie am Boden und wurden von ein paar nervösen Sicherheitsleuten bewacht. Denn irgendjemand hatte es sich anders überlegt und die planetaren Sicherheitskräfte informiert, die jetzt das Gebäude umstellt hatten …
„Schilde auf vierzig Prozent und weiter fallend!“, meldete Captain Pellaeon und sah besorgt zu Admiral Thrawn, der, völlig unbeeindruckt von dem massiven Dauerfeuer, welches die Executor auf sein Geschwader warf, an den Sichtluken der Schimäre stand.
„Die Schilde der Feuerblüte und der Kriegsbraut sind nur noch bei zehn Prozent. Sie werden sich bald enttarnen müssen, um ihre Schilde weiter aufrechtzuerhalten.“
Dem Captain der Schimäre war selbstverständlich völlig klar, dass Thrawn das ebenfalls wusste.
Was Pellaeon hingegen nicht klar war, was der Großadmiral mit dieser Aktion bezweckte.
Sie hatten gehofft, dieses Geheimprojekt zu finden, über das vereinzelt Gerüchte kursierten. Gefunden hatten eine antike Dysonsphäre und die dazugehörige zentrale Sammelstation, die – aus welchem Grund auch immer – die Katastrophe auf Achillea verursacht hatte.
„Sir?“, fragte Pellaeon.
Es wäre vielleicht doch besser gewesen, sich dem Oberkommandierenden zu zeigen. Oder sich rechtzeitig zurückzuziehen …
Thrawn wandte sich Pellaeon zu.
„Wir warten noch.“
„Lassen Sie Lady Bathos frei und kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!“, rief Andrasch Cadriaan in das altertümliche Megafon, mit dem er versuchte, den Kontakt zu den Umstürzlern herzustellen.
Das Gebäude, in dem ein paar hochrangige Beamte gerade eben einen Staatsstreich versuchten, war inzwischen nicht nur von achilleanischen Sicherheitskräften, sondern auch von imperialen Sturmtruppen umstellt. Wie immer die Sache ausging: hier würde niemand entkommen.
Ich hatte es mir nicht nehmen lassen, an dem Einsatz beobachtend teilzunehmen.
Needa wiederum hatte mich erst dann gehen lassen, als ich eine Rüstung der imperialen Armee anlegte. Er wollte Vader nicht erklären müssen, warum ich von einem Querschläger getötet worden war …
Schließlich fielen die Schilde der Feuerblüte und der Kriegsbraut auf unter fünf Prozent und die Kapitäne waren gezwungen, die Tarnung aufzugeben, um die verbliebene Energie den Schildemittern zuzuleiten, wenn sie nicht vernichtet werden wollten.
Leidenschaftslos beobachtete Thrawn, wie die Executor das Feuer auf die beiden Schiffe noch einmal intensivierte. Beide Schiffe waren klein, schnell und besonders gut für Atmosphäreneinsätze geeignet. Dafür waren weder ihre Panzerung noch ihre Schilde besonders stark.
Ein letztes Aufflackern und die Schilde der Feuerblüte versagten.
„Der Captain der Feuerblüte meldet massiven Beschuss“, sagte Captain Pellaeon. „Sie werden dem nicht mehr lange standhalten können.“
Thrawn schwieg.
Dann erloschen auch die Schilde der Kriegsbraut mit einem fahlen Schimmern.
„Sir?“, fragte Pellaeon.
Hatte der Großadmiral ihn überhaupt gehört?
„Unsere eigenen Schilde sind nur noch bei fünfundzwanzig Prozent.“
Thrawn wandte sich seinen Captain zu.
„Schalten Sie die Tarnvorrichtung ab und senden Sie eine Nachricht an die Executor, dass wir bedingungslos kapitulieren.“
„Sir, die Kontakte enttarnen sich und erklären ihre bedingungslose Kapitulation“, sagte Captain Piett.
Er sah auf sein PAD.
„Wir empfangen Transpondersignale von der Schimäre und anderer Sternenzerstörer. Es handelt sich um das persönliche Geschwader von Admiral Thrawn!“
„Feuer einstellen!“, befahl Vader.
„Schicken Sie eine Nachricht an die Schimäre, dass ich die persönliche Entschuldigung von Admiral Thrawn erwarte.“
Die Verschwörer verlangten Straffreiheit und ein schnelles Schiff. Andrasch Cadriaan, froh darum, dass die Sache noch einmal so glimpflich abgegangen war, stimmte dem zu. Ich beobachtete, wie Lady Bathos das Verwaltungsgebäude hoch aufgerichtet und als freie Frau verließ.
„Wer ist der Kerl, der sich darum bemüht, unauffällig hinter ihr herzuschleichen?“, fragte ich.
„Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber das muss Sothos sein“, sagte Andrasch. „Unseren Quellen nach hat er den Staatsstreich initiiert, aber die Verschwörer wollten ihn dann wohl doch nicht mit dabei haben. Nicht einmal als Gallionsfigur.“
„Wollen Sie die Verschwörer tatsächlich gehen lassen?“, fragte ich. „Diese Leute können immer noch andere in ihrem Sinne beeinflussen, wenn sie auf freiem Fuß bleiben.“
Andrasch hob hilflos die Schultern.
„Ich habe mein Wort gegeben.“
„Gut“, sagte ich, „Aber das Imperium hat das nicht …“
Admiral Thrawn röchelte und wand sich am Boden zu Füssen des dunklen Lords in dem vergeblichen Versuch, Luft in seine Lungen zu ziehen.
„Ich nehme Ihre Entschuldigung zur Kenntnis, Großadmiral“, sagte Vader und entließ Thrawn aus seinem Würgegriff.
„Wagen Sie es nicht noch einmal, mir hinterher zu spionieren. Tun Sie es dennoch, wird auch die Protektion durch den Imperator Sie nicht vor mir bewahren!“
Andrasch Cadriaan und ich sahen der startenden Yacht hinterher, die wir den Verschwörern organisiert hatten. Der junge Mann grinste und reichte mir ein PAD.
„Hier die Daten der Yacht“, sagte er.
Ich hob meinen ComLink an die Lippen und rief die Avenger.
„Needa hier“, meldete sich der Captain.
„Captain Needa“, sagte ich, „ich übermittle Ihnen gleich die Kennung und den Transpondercode einer Yacht, die gerade von der Oberfläche gestartet ist. Stoppen Sie sie, verhaften Sie die Passagiere und überstellen Sie diese anschließend den achilleanischen Sicherheitsbehörden.“
Gilad Pellaeon stand an den Sichtluken der Schimäre und blickte dem Hyperraumwirbel entgegen. Er hatte nicht geglaubt, den Großadmiral noch einmal lebend zu sehen, als dieser sich verabschiedet und sich zur Executor hatte hinüberfliegen lassen, um sich bei Lord Vader zu entschuldigen. Nur zu häufig kehrte man bei diesen „Entschuldigungen“ im Leichensack zurück.
Obwohl, in den letzten Jahren schien es besser geworden zu sein mit dem Oberkommandierenden …
Gegenüber der Crew projizierte Pellaeon nach wie vor das Bild des selbstbewussten, unerschütterlichen Captains. Aber in den letzten Tagen hatte dieses Bild Risse bekommen.
Eine Geheimwaffe, so mächtig, dass eine ganze Flotte Sternenzerstörer dagegen machtlos war?
Die Andeutung, dass der Großadmiral zumindest einen Zuträger unter den Mannschaften der Todesschwadron hatte?
Was hatte Thrawn – abgesehen von dem Offensichtlichen – wirklich herausfinden wollen, als er befohlen hatte, im Tarnmodus nach LW-1753 zu springen und die Aktionen Lord Vaders heimlich zu beobachten?
Seine Schiffe von der Executor solange beschießen zu lassen, bis die Feuerblüte und die Kriegsbraut Schäden aufwiesen, die einen Aufenthalt in den Kuat-Werften notwendig machten?
Bisher waren die Machtspiele der oberen Zirkel weit weg von Pellaeon gewesen.
Jetzt hatte er einen Einblick erlangt und was er sah, gefiel ihm nicht.
Irgendetwas in ihm fing an zu zweifeln.
An dem Chiss und seiner obskuren Herkunft irgendwo in den unbekannten Regionen.
Und am Imperium …
„Bitte, ich muss mit Lady Bathos sprechen!“, bettelte die mittelalte Frau in konservativer Geschäftskleidung und ergriff den Sturmtruppler, der das Verwaltungsgebäude bewachte, am Arm.
Der schüttelte sie grob ab, seine Kameraden gingen erkennbar in Bereitschaft.
„Verschwinden Sie oder ich lasse Sie verhaften!“
Ich bekam den Vorfall zufällig mit und näherte mich dem Kontrollpunkt.
„Wer sind Sie?“, fragte ich.
„Ich bin Mella, die … eh, Partnerin von Sothos Cadriaan“, sagte sie.
Sothos‘ Freundin, die erfolgreiche Geschäftsfrau.
„Was wollen Sie von Lady Bathos?“
„Bitte, lassen Sie mich mit Lady Bathos sprechen“, flehte sie, „Ich will nicht, dass sie Sothos zu irgendeiner schrecklichen Strafe verurteilen lässt, er ist kein wirklich schlechter Mensch!“
„Was für schreckliche Strafen hat denn ein verhältnismäßig liberales System wie der Tapani-Sektor?“, fragte ich, leicht amüsiert.
„Bitte!“, bettelte sie.
Naja. Was sollte es schaden?
Ich winkte zwei Sturmtrupplern, damit sie mich und Mella begleiteten.
„Also gut“, stimmte ich zu. „Aber keine Szene vor Lady Bathos, ist das klar?“
Stunden später traf ich auf der Avenger ein.
Das zu dieser Stunde, mitten in der Nacht, Captain Needa im Hangar auf mich wartete, deutete darauf hin, dass es keine guten Neuigkeiten gab.
„Lord Vader …“, begann Needa.
Eine eisige Hand schien nach meinem Herzen zu greifen und ich meinte zu schwanken. War Vader doch etwas zugestoßen?
„… hat sich gemeldet. Sie werden morgen gegen 1100 hier eintreffen.“
„Gut“, sagte ich und Erleichterung durchströmte mich.
Dann hielt Needa mir sein PAD hin.
„Das da läuft seit ein paar Stunden auf allen Untergrundkanälen und auch ein paar kleinere HoloNet-Sender haben es aufgegriffen.“
Ich nahm das PAD und las die Schlagzeilen:
IMPERIALE WILLKÜR!
GALAKTISCHE KATASTROPHE AUF ACHILLIA IM TAPANI-SEKTOR!
IMPERIUM BEHINDERT HILFSORGANISATIONEN!
VOLLSTÄNDIGER BERICHT!
INTERVIEW MIT PRINZESSIN LEIA ORGANA!
DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Konsequenzen“
„Das ist doch nicht zu fassen!“, schimpfte ich, als ich fünf verschiedene Berichte ebenso vieler HoloNet-Sender über die Katastrophe auf Achillea gesehen hatte.
Das Schlimme daran war ja nicht, dass sie die Unwahrheit behaupteten. Sondern dass sie nur über einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit berichteten und den Rest gar nicht erst erwähnten, so dass für das durchschnittliche Publikum der Eindruck entstand, dass Hilfsorganisationen vom Imperium der Zutritt zu den hilfsbedürftigen Bürgern Achilleas aus purer Boshaftigkeit verwehrt wurde.
Intelligenteren Zuschauern würde vielleicht auffallen, dass Stellungnahmen achilleanischer Behörden und der Imperialen Sternenflotte vollständig fehlten und dass auch nur über die Hilfsorganisation Prinzessin Leias berichtet wurde sowie jegliche Angabe möglicher Gründe dafür (= das Liefern ungeeigneter Hilfsgüter).
„Wir können das ISB einschalten, dass sie diesen Sendern die Lizenz entziehen“; schlug Captain Needa vor.
„Aber das nützt doch nichts mehr“, entgegnete ich. „Der Schaden ist bereits angerichtet. Man wird immer dem glauben, der zuerst und lauter schreit. Wenn es dann an Beweise und Gründe geht, hat die Öffentlichkeit sich doch schon längst anderen Skandalen zugewandt.“
Außerdem waren die meisten dieser Sender, die darüber berichtet hatten, Piraten- oder Untergrundsender, so dass nicht einmal das ISB unmittelbar Zugriff auf sie hatte.
„Aber wir können die Sache doch nicht einfach auf sich beruhen lassen“, wandte Needa ein.
Das konnten wir nicht. Und ich hatte da auch schon eine Idee …
„Frau Nermani“, sagte ich und ignorierte dabei die Tatsache, dass wir uns nach galaktischer Standardzeit irgendwann während der frühen Morgenstunden befanden, „Ich habe da etwas berichtenswertes für die HoloNetNews. Falls Sie also Interesse haben …“
Ich kannte Nermani vom ersten Einsatz der Todesschwadron. Die bekannte HoloNet-Reporterin und ihr Kameramann Spence waren damals mit an Bord gewesen und hatten eine Reportage-Serie über das Leben an Bord eines Sternenzerstörers aufgenommen. Ich selbst war damals nur knapp Nermanis Plänen einer Reportage über mich und mein Aufgabengebiet entkommen, später hatte ich ihr Material über die Machenschaften der United Fruit & Vegetables Company auf Shili zukommen lassen.
Nermani wäre ideal. Sie war mir persönlich bekannt und mir wohlgesonnen, darüber hinaus hatte sie einige Skandale aufgedeckt und berichtete hin und wieder regierungskritisch (innerhalb vernünftiger Grenzen, verstand sich).
Einem detaillierten Bericht von ihr würde deshalb wohl auch eher geglaubt werden, als Verlautbarungen des Flottenhauptquartiers oder den Behauptungen obskurer Kanäle, die auf den Kernwelten niemand kannte.
„Um was geht es?“, fragte sie und ihr anfangs etwas trüber Blick hellte sich auf.
„Um die Katastrophe auf Achillea“, sagte ich. „Seit ein paar Stunden sind Meldungen online, dass die Imperiale Sternenflotte Hilfsorganisationen den Zutritt verwehrt.“
„Und das stimmt nicht?“, fragte sie.
„Doch, das stimmt“, sagte ich. „Und ist trotzdem völlig falsch.“
Nermanis Interesse war geweckt. Eben eine echte Vollblutjournalistin …
„Lord Vader“, grüßte ich und verbeugte mich, „ich freue mich Euch wohlbehalten wiederzusehen.“
„Lord Vader“, schloss sich Captain Needa an und verbeugte sich ebenfalls.
Vader war tatsächlich fast pünktlich um 1100 eingetroffen und wir hatten uns sogleich mit einer Fähre zur Executor hinüberbringen lassen.
Vader saß in seinem Büro, gewandet im vollen Ornat, und erwartete unseren Bericht.
Ich setzte mich.
Needa blieb stehen.
Vor ein paar Tagen war mir der Gedanke, den größten Teil der Lebensmittel an Bord unserer Schiffe an die notleidende Bevölkerung Achilleas zu verteilen, geradezu brillant erschienen. Jetzt sah ich die Sache nicht mehr ganz so optimistisch. Was würde Vader wohl dazu sagen? Es gab nur eine Methode, das herauszufinden …
„Der Energiestrahl hat Cadriell vollkommen zerstört“, begann ich. „Als größeres Problem erwies sich jedoch der elektromagnetische Puls. Unmittelbar danach funktionierte zunächst nichts mehr und man hat uns darüber informiert, dass die angeforderten Hilfslieferungen teilweise erst in Wochen eintreffen würden.“
Ich machte eine Pause.
„Und deshalb habe ich angeordnet, statt dessen die Lebensmittel an Bord unserer Schiffe als Hilfslieferungen einzusetzen.“
Vaders Körpersprache zeigte eine bemerkenswerte Mischung aus Überraschung und Stolz.
„Gut“, sagte er. „Was haben die Kapitäne unserer Schiffe dazu gesagt?“
„Sie haben sich heftig, aber erfolglos dagegen gesträubt.“
„Stimmt das?“, fragte Vader an Needa gewandt.
„Ja, Sir“, sagte Needa zackig.
Trotzdem schien irgendetwas Vader zu irritieren, denn er starrte Needa unverwandt an.
„Sir?“, fragte der Captain, jetzt leicht nervös.
„Setzen Sie sich endlich“, sagte Vader. „Wir sind hier in meinem privaten Büro und nicht auf einer Parade!“
Wir berichteten Vader minutiös von allen Vorgängen: wie wir die wenigen achilleanischen Patrouillenschiffe zusammen mit unseren Shuttles eingesetzt und unbeschädigt gebliebene private Yachten vorübergehend requiriert hatten, Pelagons unmäßige Forderungen und wie ich den Hohen Lord zum Einlenken gebracht hatte, die wilden Hilfslieferungen und mein Zusammentreffen mit Prinzessin Leia …
„Es war unklug, die Prinzessin auf diese Weise entfernen zu lassen“, sagte Vader. „Sie ist die offizielle Führerin der Opposition im Imperialen Senat und wird Gründe finden, die Sternenflotte in einem ungünstigen Licht erscheinen zu lassen.“
„Ich glaube, das hat sie bereits getan“, murmelte ich. „Es kommt schon auf ein paar Piratensendern und kleineren HoloNet-Kanälen. Die Prinzessin spricht in Interviews viel von angeblicher Willkür und wie das böse Galaktische Imperium Hilfslieferungen behindert.“
Ich gab Needa einen Wink und der Captain reichte Vader das PAD.
Trotz der Maske sah man fast das Stirnrunzeln, nachdem Vader sich die Aufzeichnungen angesehen hatte.
Der Imperiale Senat war eine Schwatzbude zur Unterhaltung des gehobenen Bürgertums und kaschierte teilweise gekonnt die Tatsache, dass das Imperium eine Mischung aus absolutistischer Monarchie und Militärdiktatur war. Ganz so machtlos, wie ich bisher gedacht hatte, war er aber offenbar doch nicht.
„Eure Vorschläge für die Lösung des Problems?“, fragte Vader.
„Ich habe bereits Kontakt zu Frau Nermani aufgenommen“, sagte ich. „Sie ist auf Reportagen spezialisiert und hat bereits einige Skandale aufgedeckt.“
„Eine gute Wahl“, sagte Vader.
Als ob ich besonders viele Berichterstatter und HoloNet-Leute kennen würde …
„Ach ja“, sagte ich, „und dann gab es noch eine Verschwörung einiger Verwaltungsbeamter, um Lady Bathos aus der Regierung Achilleas zu entfernen.“
„Ihr habt aber hoffentlich Achillea nicht annektiert?“, fragte Vader.
„Das habe ich nicht“, sagte ich. „Hätte ich gesollt?“ Es war nicht immer einfach festzustellen, ob Vader Witze machte …
Als ich Achillea verlassen hatte, ging ich mit dem Gefühl, etwas zu einem guten Abschluss gebracht zu haben.
Zunächst hatte es ja nicht so ausgesehen: Lady Bathos war alt und hatte bei der Katastrophe fast ihre gesamte Familie verloren. Ihre einzig überlebenden Verwandten waren Andrasch und Sothos, der eine meiner Meinung nach ebenso ungeeignet für eine Nachfolge wie der andere, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Dass mir Sothos Freundin Mella über den Weg gelaufen war und ich ihren inständigen Bitten, zu Lady Bathos vorgelassen zu werden, entsprochen hatte, erwies sich nachträglich als Glücksfall.
Nach einigem hin und her einigten sie sich nämlich darauf, dass Andrasch die Regierung übernehmen sollte, Lady Bathos und Mella den in regierungstechnischen wie wirtschaftlichen Belangen völlig unerfahrenen Andrasch unauffällig aus dem Hintergrund beraten und Sothos, dieser verhinderte Schauspieler und Gelegenheitsrevoluzzer, die diplomatische Vertretung nach außen übernehmen sollte.
Und einen schönen Schauprozess für die Verschwörer, die man selbstverständlich anschließend aus ihren Ämtern entfernen würde.
Ende gut, alles gut.
Wenn man das so sagen kann im Angesicht einer Katastrophe, die fast fünf Milliarden Menschen das Leben gekostet hatte.
„Der Imperator wollte Euch sprechen“, sagte ich, nachdem Needa gegangen war.
„Warum sagt Ihr mir das erst jetzt?“, dröhnte Vader.
Wenn der Imperator rief, dann sprang Vader …
„Ich hatte im Laufe des Gesprächs den Eindruck, dass nicht Ihr das wirkliche Ziel seines Anrufes wart.“
„Was sagte er?“
„Er sprach von einer großen Erschütterung der Macht. Danach wollte er wissen, wo Ihr seid und über unseren Einsatz informiert werden.“
Vader schwieg länger.
„Da draußen ist etwas und das war uns nicht wohlgesonnen.“
Verschiedene Machtnutzer nahmen die Macht unterschiedlich wahr, abhängig von ihren Standpunkten und Absichten, das galt ebenso für Gefahren und Bedrohungslagen.
„Was habt Ihr dort gefunden?“, fragte ich.
„Eine antike Dyson-Sphäre“, antwortete Vader. „So alt, dass sie vielleicht schon seit vor der Gründung der Alten Republik existiert hat.“
„Ähnliche Vorfälle wie auf Achillea scheint es bisher aber nicht gegeben haben“, wandte ich ein.
„Vielleicht“, sagte Vader. „Vielleicht auch nicht. Die Galaxis ist voll von Artefakten längst vergangener Zivilisationen.“
„Artefakte von vor der Alten Republik?“, fragte ich.
Ich studierte Alte Geschichte und die begann vor ungefähr fünfundzwanzigtausend Jahren. Alles andere wurde unter Archaische Geschichte subsummiert, niemand wusste, wie weit diese Zeit zurückreichte, Überbleibsel gab es kaum.
„Es existieren sehr viel ältere Artefakte. Die Jedi haben nach ihnen gesucht. Konnten sie die Fundstücke nicht ihrem Orden zuordnen, so haben sie sie vernichtet.“
Vader schwieg eine Weile.
„Jetzt lässt der Imperator nach weiteren Artefakten suchen.“
„Da ist aber bestimmt viel nützliches Wissen verloren gegangen“, wandte ich ein.
Oder gefährliches Wissen, das besser für alle Zeiten unentdeckt blieb …
Dann fiel mir noch etwas ein.
„Admiral Thrawn muss einen Mann innerhalb der Todesschwadron haben, der ihn informiert. Er wusste, dass wir die Lebensmittel an Bord verteilen wollten und hat gleich mehrere Schiffe mitgebracht. Kommuniziert hatten wir das nicht.“
„Alle Großadmirale und ihre zivilen Pendants haben Spione, die sie informieren“, sagte Vader.
Oh? Wenn das so war, dann hatte Vader bestimmt ebenfalls Spione, als Oberkommandierender und Stellvertreter des Imperators vermutlich überall …
Ich nickte.
„Vielleicht war Thrawn dieses Etwas, das Euch nicht wohlgesonnen war?“
„Nein“, sagte Vader. „Der Großadmiral geht Gerüchten über Projekt Himmelsenergie nach und hat wohl gehofft, es im LW-1753-System zu finden.“
Ich dachte nach. Wenn Thrawn glaubte, dass die Katastrophe auf Achillea in Wahrheit ein Unfall war, das dem Projekt Himmelsenergie geschuldet war (zu dem Vader mir ausdrücklich verboten hatten, Recherchen anzustellen), dann …
„Dann ist dieses Geheimprojekt ein Waffensystem, das ganze Welten verheeren kann!“
„Es ist noch viel schlimmer“, sagte Vader.
Noch viel schlimmer?
„Diese Waffe kann einen Planeten vollständig vernichten.“
Ich sagte erst einmal gar nichts.
Warum sollte man so etwas bauen?
„Über einen Planeten, den man zerstört, kann man nicht mehr herrschen“, sagte ich.
„Sith herrschen durch Furcht“, sagte Vader. „Und Furcht soll die lokalen Systeme gefügig halten.“
„Ihr hört Euch an wie ein Mann, der sich selbst von seinen eigenen Worten überzeugen will.“
„Dieses Waffensystem ist ein technologisches Schreckgepenst. Großmoff Tarkin hat von der Notwendigkeit gesprochen, es zwei- oder dreimal zu Abschreckungs- und Demonstrationszwecken einzusetzen.“
Ich wusste, dass Vader widerständige oder aufsässige Regierungen aus dem Amt entfernte (= die Verantwortlichen tötete) und Rebellionen mithilfe der 501. Legion brutal niederschlug. Chirurgische Präzisionsarbeit verglichen mit den Möglichkeiten dieses Waffensystems.
„Da war doch noch mehr, bei dem Gespräch mit dem Imperator?“, fragte Vader und bewies damit, wie gut er mich inzwischen kannte.
„Er hat mich mit dem Tod bedroht“, sagte ich. „Damit Ihr Euch wieder der Ausschließlichkeit Eurer Verpflichtungen ihm gegenüber besinnt.“
Vader hatte sich in seine Meditationskammer zurückgezogen und bemühte sich, seine innere Ruhe wiederzufinden.
Was sollte er Kilian sagen?
Er war fast froh darum gewesen, dass ComScan diese Reporterin angekündigt hatte. Natürlich würde er Kilian beschützen, wo es nur ging. Es hatte seinen Grund, warum er sie bisher der Galaxis noch nicht als seine Frau vorgestellt hatte und konnte nur hoffen, dass Kilian das verstand.
Aber trotzdem konnte er sie nicht vor allem bewahren. Sollte Palpatine tatsächlich ihren Tod beschließen, waren seine Handlungsoptionen bestenfalls begrenzt.
Sith töteten manchmal ihre Schüler, wenn sie nicht den Erwartungen entsprachen, diese aber durch eine fortgeschrittene Ausbildung bereits viel zu gefährlich geworden waren, um sie noch am Leben zu lassen.
Viel häufiger töteten Schüler ihre Meister. Aus Machtgier oder weil der Alte nicht rechtzeitig freiwillig zurücktrat.
Jetzt aber entwickelte Vader eine neue Theorie: weil sie es verdient hatten …
Während ich auf Nermani wartete, brütete ich über die Todesdrohung des Imperators und über dieses Waffensystem, das er heimlich bauen ließ.
Es solle Wohlverhalten erzwingen.
Aber heiligte der Zweck wirklich jedes Mittel?
Gewiss nicht.
Aber ich selbst hatte Machtmittel eingesetzt, um meine Ziele zu erreichen.
Hätte ich Captain Alima wirklich feuern lassen (wenn auch nur auf den Palast des Hohen Lords), wenn Pelagon nicht auf mein Ansinnen eingegangen wäre?
Wer Drohungen aussprach, musste fähig und in der Lage sein, sie auch umzusetzen, sonst war es vorbei mit der Glaubwürdigkeit.
Der Hohe Lord hatte sich bluffen lassen.
Was, wenn nicht?
Die Ankunft von Nermani und Spence enthob mich weiterer Überlegungen.
„Frau Nermani“, grüßte ich fast ein wenig überschwänglich. „Spence.“ „Ich lasse Ihnen beiden den Kontakt zur neuen achilleanischen Regierung her“, sagte ich. „Vielleicht finden Sie noch weitere Themen, über die Sie berichten können.“
Zunehmend irritiert beobachtete ich, wie Spence eine kleine Kameradrohne sowie eine Handkamera bereit machte und Nermani sich bequem in einem meiner Bürostühle zurechtsetzte.
„Was soll das werden?“, fragte ich misstrauisch.
„Ich will ein Interview mit Lord Vaders persönlichem Adjutanten“, sagte Nermani. „Danach berichte ich über alles, was Sie wollen.“
Ich reagierte gereizt.
„Das kommt gar nicht in Frage. Davon abgesehen sollen Sie nicht berichten, was ich will, sondern Sie sollen die Wahrheit berichten.“
Spence grinste unverschämt und Nermani schenkte mir ihr bestes Profilächeln.
„Es freut mich zu hören, dass Sie das so sehen. Trotzdem: Erst ein Interview mit dem persönlichen Adjutanten des zweiten Mannes im Staate. Dann berichte ich. Sogar die Wahrheit, wenn Sie das wollen.“
Nermani legte eine Kunstpause ein, um mir die Gelegenheit zum Nachdenken zu geben.
„Deal?“
Ich gab ein unartikuliertes, verärgertes Geräusch von mir. Was blieb mir auch anderes übrig?
“Also gut”, sagte ich, “Deal …”
Wilfried Czenek
10. Juli 2026 — 16:33
Der guten Rosalinda werden doch nicht etwa erste Zweifel am System eines starken Mannes an der Spitze eines Staates unter dem Mäntelchen von angeblicher Sicherheit und versprochener Ordnung kommen?
Wie immer gut geschrieben, war ein Vergnügen zu lesen.
Liebe Grüße
Senex
P.S. Hat das Imperium oder hat es nicht Hilfslieferungen blockiert?
Rosalinda Kilian
10. Juli 2026 — 23:19
Tja. Ein jedes politisches System hat seine Vor- und Nachteile. Aber noch versucht Rosalinda, sich vor der Verantwortung zu drücken, die mit großer Macht einhergeht. Vader hat da weniger Skrupel …
Das mit den Hilfslieferungen erklärt sich in Kapitel 54 und 55, die beim Hochladen irgendwie verloren gegangen sind. Sie wurden inzwischen wieder gefunden und Ace hat sie nachträglich hochgeladen … 🙂
Liebe Grüße
Rosalinda Kilian