Science Fiction-Story von Uwe Lammers

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„Sie wollen doch nicht ernsthaft, dass ich diesen … diesen Verrückten interviewe!“

Alan Ladock starrte fassungslos auf seinen Vorgesetzten, der direkt vor seinem Arbeitsplatz stand und grinsend die breiten, fleischigen Hände auf den Metallschreibtisch stemmte. Ladock war ein drahtiger, knapp eins achtzig großer Reporter, dunkelblond und allgemein als Mann für Unmögliches bekannt. Der gut dreißig Jahre alte, gewiefte Journalist beherrschte eine Vielzahl raffinierter Tricks, um seine Gesprächspartner an Punkte zu bringen, zu denen diese eigentlich gar nicht wollten. Manchmal schaffte Ladock sogar, diesen Leuten einzureden, das Eingehen auf diese Themen sei ihre eigene Idee gewesen. Die meisten begriffen gar nicht, wie das ging.

Doch, er galt als gewiefter und mit allen Wassern gewaschener Journalist. Ladock hatte einen Ruf.

„Natürlich will ich das, mein Sohn“, dröhnte Herbert P. Aswells Stimme in Ladocks Ohren. Aswell war ein Riese, mindestens zwei Meter zehn groß, gebaut wie ein Sumoringer, mit einem stampfenden Gang, der schaukelnd war und der dem Reporter immer wieder die Frage abverlangte, wie er eigentlich jemals eine Frau gefunden hatte. Er hatte jedoch eine, und bei einem Fest hatte Ladock sie auch einmal gesehen, im Vergleich zu ihrem Mann ein dünnes Püppchen. Aber so war es oft.

„Natürlich will ich das“, wiederholte er. „Wir suchen noch einen Aufmacher für die neue Jubiläumsausgabe, Sie wissen schon, sechzig Jahre Erste Mondlandung. Ich bin sicher, das streitet er auch ab!“

„Dieser verrückte Kerl streitet alles ab!“ Alan Ladock lehnte sich etwas zurück. Die Nähe seines Chefs, der angesichts seines gut aussehenden Anzugs und der infernalischen Hitze stark schwitzte, wirkte erdrückend auf den Reporter. Aswell selbst merkte das schon gar nicht mehr. Er war der Chef … „Alles, er glaubt nicht an die Marsmissionen, nicht an Atomkraftwerke, an Autos, an die Satellitenkommunikation, an Tiefseekolonien, an einfach gar nichts. Der Kerl ist irre, zu nichts zu gebrauchen! Was soll uns ein Interview mit ihm überhaupt bringen?“

Herbert P. Aswell lachte dröhnend. Ganz offensichtlich war er schon wenigstens zehn Schritte weiter und hatte sich diese gesamte Sache bestens durchdacht. Seine nächsten Worte bewiesen das schlagend: „Ha, den setzen wir auf die Titelseite. Titel: SECHZIG JAHRE FORTSCHRITT. BERICHT ÜBER DEN RÜCKSCHRITTLICHSTEN MENSCHEN DER WELT.“

Aswell lachte erneut, begeistert von seinem Geistesblitz, und zögernd fiel Ladock ein. Wenn das so aussah, hörte sich der Auftrag schon deutlich interessanter an. Informationen für einen solchen Beitrag zu bekommen, das klang nicht mehr ganz so aberwitzig wie eben. Denn dass er diese Statements bekommen würde, nach denen Aswell verlangte, konnte als sicher vorausgesetzt werden. Und vielleicht … na ja, vielleicht machte es ja sogar Spaß?

„Gut, Chef, ich mach’s“, entschied er sich. „Wie lang soll der Bericht werden?“

„Nach eigenem Gutdünken, aber nicht länger als vierzig Zeilen. Verfassen Sie ihn so, dass er beliebig zu kürzen ist.“

„In Ordnung“, nickte der Reporter. Allmählich freundete er sich mit diesem Gedanken an. Nun ja, dachte er ein weiteres Mal … ja, vielleicht machte dieser Verriss ja sogar Spaß … und anstecken konnte man sich dabei gewiss nicht. Wahnsinn war eben nicht ansteckend. Aber für Leitartikel ließ er sich gut verwenden.

*

Ladock fuhr mit dem Lift eine Stunde später, als er sich gut präpariert hatte, ins Erdgeschoss der hundertvier Stockwerke hohen Nachrichtenzentrale des EAST COAST NEWS NETWORK im Herzen von Boston. Das war sein Arbeitgeber, ein gewaltiger Medienkonzern, der aus den Medienfusionen der 90er Jahre hervorgegangen war und inzwischen über Zeitungen, Magazine, Rundfunksender, Fernsehsendeanstalten und angeschlossene Zulieferbetriebe und Industriezweige herrschte. Außerdem hielt der Konzern Anteile an der landesweiten Telekommunikation und hatte Verbindungen zur Raumfahrtindustrie, zur Satellitenfertigung und dergleichen. Man verdiente hier gut, wenn auch der Stresslevel hoch war und viele Redakteure und Journalisten nach wenigen Jahren ausgebrannt waren … aber solange man wie Ladock Leistung brachte, dachte man daran einfach nicht. Keine Zeit, keine Zeit.

Im Erdgeschoss angekommen, begab sich der dynamische Reporter per Rohrbahn zu den außerhalb der Stadt angelegten Autosilos. Man hatte 1993 endlich erkannt, dass die Verkehrskonzepte, die man bislang verfolgt hatte, einen gründlichen Auswuchs fehlerhafter Planung darstellten und nicht geeignet waren, die zunehmenden Verkehrsströme wirkungsvoll zu kanalisieren. Es waren deshalb seither Pendlerverkehrslinien eingerichtet worden, die die öffentlichen Nahverkehrsnetze auf einen Standard verbesserten, der noch wenige Jahre zuvor als utopisch galt. Die Autos wurden inzwischen sämtlich außerhalb der Städte geparkt.

Unnötig zu sagen, dass dadurch die Lebensqualität in den Ballungszentren an der Ostküste der USA erheblich gesteigert werden konnte. Unglaublich überfüllt waren sie freilich auch heute noch. Die Übervölkerung der Erde stellte nach wie vor ein dramatisches Problem dar. Leider nicht ganz so einfach zu beheben wie der Verkehrsinfarkt.

Mit der Turbobahn für besonders eilige Beförderungen gelangte Ladock binnen von nur vierzehn Minuten in die Randzonen der Stadt. Natürlich presste ihn der Andruck ordentlich in die Polster, aber daran hatte er sich schon lange gewöhnt.

Und das alles nur wegen eines Irren, überlegte bei der kurzen Reise an den Stadtrand kopfschüttelnd. So ein Schwachsinn! Nun, auf der einen Seite … auf der anderen versprach das Interview aber auch ganz vergnüglich zu werden.

Nach dem Einlaufen des Zuges in den Zielbahnhof schwang sich der Reporter auf einen wartenden Glider und drückte die Tastenkombination für den Wartehangar 34, wo sein Fahrzeug wartete. Wirklich, die moderne Technik war schon famos. Gar kein Vergleich mehr zu den primitiven Verkehrsverhältnissen im 20. Jahrhundert mit den Verkehrsstaus, dem Smog, den Tankproblemen und was es da nicht noch alles für Schwierigkeiten gegeben hatte. Heute war das alles – na ja, weitgehend – wirklich nur noch blasse Erinnerung an die technologische Steinzeit. Sie lebten in modernen Zeiten.

Wenn man nicht Barbarossa hieß, musste man einschränken.

Der Knallkopf hielt das ja alles für Halluzinationen. Jedenfalls, wenn man den Pressemeldungen Glauben schenken wollte, die Ladock sich angeschaut hatte. Barbarossa galt als wirklich versponnener, wirrer Kopf. Wirr, aber harmlos. Deshalb war er wohl auch noch nicht in eine Anstalt eingewiesen worden, wo er sicherlich besser aufgehoben gewesen wäre.

Hangar 34 stellte einen lang gestreckten Hallenkomplex dar, vierzig Meter unter der Erde. Hier hinein führten vierundzwanzig Highways, die schließlich den Transfer von pendelnden Menschen in verschiedenste Nachbarstädte, ja, sogar benachbarte Bundesstaaten ermöglichten. Es gab auch Überlandrohrbahnen, aber an den meisten wurde noch gearbeitet. Die technologische Revolution funktionierte eben nicht von heute auf morgen, und die Erde war halt ein ziemlich ausgedehnter Planet (von den schmalen Finanzen mal ganz zu schweigen, die eine Menge moderner Infrastrukturprojekte wirkungsvoll verlangsamten).

Sechs Meter hoch, neun Meter breit und mehr als zweihundertfünfzig Meter lang, diese Dimensionen besaß der unterirdische Hangar, in dem insgesamt sechzig Fahrzeuge Platz fanden. Das klang zwar nach wenig Kapazität, aber schließlich mussten die Fahrzeuge auch navigiert und dirigiert werden, und weiterhin wurde hier in den Hallen auch stets ein Rundcheck durchgeführt und die Maschinen komplett versorgt. Das gewährleistete rundum Sicherheit. So etwas wie Werkstätten oder Reparaturbetriebe, die früher an den Landstraßen gelegen hatten, waren durch die moderne Technik mit den Hangarhallen fusioniert worden. Besser ging es gar nicht. Kurze Wege für Reparaturen, voll motiviertes Wartungspersonal, das flexibel von Hangar zu Hangar reisen konnte, wo eben gerade Arbeit anfiel …

Als Alan Ladock zur Box kam, in der sein Fahrzeug gestanden hatte, fand er es nicht mehr und schaute etwas frustriert drein. Seine positiven Gedanken wegen der technischen Innovation im Verkehrswesen bekamen erste Trübungen. Finster sah er sich um.

„Es war schadhaft und wurde entfernt“, erklärte ihm ein Arbeiter aus einer Nachbarbox, der hier einen anderen Wagen pflegte. „Nehmen Sie die Nummer 45, die ist gerade fertig gewartet und nicht belegt.“

Seufzend fand sich der Reporter damit ab und bestieg den Wagen in Box 45. Das war zu seinem Entzücken ein schneller, roter Wagen, der ausgesprochen gut aussah und sich auch noch prächtig fahren ließ. Sein kurzfristiger Verdruss verschwand sofort. Dieses Leihsystem war natürlich auch eine tolle Sache. Man nahm einen Wagen aus dem öffentlichen Hangar, der gerade frei war, und man ließ ihn gegebenenfalls in einem benachbarten Hangar wieder zurück. Die zurückgelegten Meilen wurden dann vom Spesenkonto abgerechnet, das er bei der Redaktion unterhielt.

Endgültig vergangen waren die Zeiten, in denen jeder Trottel geglaubt hatte, unbedingt ein eigenes Auto besitzen zu müssen. Die meiste Zeit über standen die Dinger sowieso nur draußen herum, vergeudeten Parkplatzfläche, wurden vielleicht von Vandalen beschädigt, von Dieben geklaut, bei Unfällen Dritter lädiert … und was das alles kostete, von den Steuern ganz zu schweigen. Die reinste Geldverbrennung! Heutzutage galt ein solcher Gedanke als absurd.

‚Verdammt gut, dass wir moderne Zeiten haben’, dachte Alan Ladock grinsend. ‚Das ist wirklich verdammt gut! Möchte um keinen Preis der Welt in diesem rückständigen zwanzigsten Jahrhundert leben. Da wäre ich ja verrückt geworden!’

Er ließ den neuen, rasanten Wagen auf den Mittelweg hinausgleiten und beschleunigte dann, bis er zur Auffahrt kam, über die er schließlich den Schoß der Erde verließ und nun auf dem Highway nach Westen brauste, ins Landesinnere hinein.

*

Eine Stunde später erreichte Alan Ladock bereits sein Ziel, deutlich schneller als mit dem alten Fahrzeug. Das Ding hier war eindeutig eine enorme Verbesserung. Direkt voraus lag sein Reiseziel.

Eingebettet in weite, farbenprächtige Feldlandschaften, auf denen riesenhafte Erntemaschinen arbeiteten, existierte ein aus der Landschaft herausragender Berg, in dessen Ostflanke sich ein ausgedehntes Höhlensystem befand. Hier wohnte der Eremit, der sich nach einer Sagengestalt benannt hatte. Er nannte den Berg Kyffhäuser, was immer das bedeuten sollte, und sich selbst ließ er mit dem nicht minder bizarren Namen Barbarossa ansprechen. Aber die Umgebung von verrückten Menschen war eben oftmals nicht weniger verrückt. Barbarossas obskure Heimstatt bewies das wirklich exemplarisch.

Der Berg war, wie Ladock aus allen möglichen Berichten von Konkurrenzsendern und Fernsehfeatures wusste, dicht mit Kiefern und leichtem Unterholz bewachsen, aber es gab hier zumindest einen Pfad, der hinauf zum eigentlichen Heim des Eremiten führte. Weiter oben gab es allerdings keinen Platz für einen Wagen. So musste er ihn schweren Herzens und etwas frustriert unten am Fuß des Berges zurücklassen und die letzten paar Dutzend Meter Weges zu Fuß zurücklegen. Bei der Affenhitze würde er durchgeschwitzt sein, ehe er oben war.

Ach, für einen Artikel musste man schon noch ein wenig leiden können. Wenn er ihn nachher fertig hatte, konnte er sich ja in der Kantine der Redaktion wieder eine solide Mahlzeit und ein kaltes Bier gönnen. Die Redaktion erlaubte solche kleinen Boni schon, wenn solide Arbeit geleistet wurde.

Nachdem Ladock also den Wagen gesichert hatte, damit er nicht wegrollen konnte – natürlich konnte von normal angelegtem Parkplatz hier auch keine Rede sein, er befand sich halt fast in der reinen Natur, wo dieser schrullige Eremit lebte – , stieg er mühselig und bald etwas schnaufend den Berg hinauf. Der Pfad wand sich durchs Unterholz, aber er war oft begangen, man sah es. Deshalb kam der Reporter relativ rasch zur Höhle des Einsiedlers Barbarossa, der hier oben einen eigenen Garten angelegt hatte und eine eigene Kleinviehzucht, was weiter seinen Status als Geisteskranker hervorhob.

Zurück zur Natur und solch ein Schwachsinn. Sein Wahnsinn erstreckte sich natürlich auch auf industrielle Nahrungsmittel und dergleichen. Barbarossa befand sich in strikter Feindschaft mit der gesamten Welt, und er wurde vermutlich nur deshalb geduldet, weil er halt so ein offensichtlich spleeniger Spinner war, den man allein zur Erheiterung noch brauchte.

Ein bisschen wie die antiken Hofnarren, schätzte Ladock und unterdrückte mühsam ein Grinsen. Mann, er musste sich mal ein bisschen zusammenreißen. Wenn er zu humorig dreinschaute, warf der Kerl ihn vielleicht sofort wieder hochkant raus … dann würde er die älteren Artikel der Konkurrenz aufwändig durcharbeiten müssen, um Informationen zu finden. Es wäre gewiss lustiger, wenn sich dieser Trottel selbst zum Idioten machte.

Also, brav und seriös auftreten!

Ladock nahm sich allerdings fest vor, diese Kuriosa wie die Kleinviehzucht und den eigenen Garten nachher angemessen in seinem Bericht zu erwähnen. Welcher alberne Komiker bewirtschaftete denn heutzutage noch einen eigenen Garten? Woher sollte man überhaupt die ZEIT dafür nehmen? So ein Unsinn. Kein Wunder, dass dieser Barbarossa keiner geregelten Arbeit nachging. Beide Dinge ließen sich ja gar nicht miteinander vereinbaren …

„Hallo! Barbarossa! Sind Sie da?“, rief er. „Mein Name ist Ladock, ich komme von ECNN …“

Ladock war echt froh, dass er vorhin noch von der Redaktion aus angerufen hatte. Telefonisch erreichen konnte man diesen Einsiedler. Das war so ziemlich die einzige Konzession an die Moderne, die er zuließ. Und Barbarossa tat das auch nur aus reinem Selbstschutz. Er pflegte zu sagen, dass ihn anderenfalls die Reporter zu den unmöglichsten Zeiten „überfallen“ würden, wenn er seiner Inspiration nachging, beispielsweise. Oder wenn er meditierte. Und es sei tatsächlich schon vorgekommen, dass Journalisten, die ihn nicht vorfanden, kurzerhand einen Krankentransport gerufen hätten … Barbarossa hätte ja irgendwo in seiner Wildnis des Wohnberges verunglückt sein können, nicht wahr?

Ach, solchen Riesenaufruhr brauchte er nicht. Deshalb gab der Einsiedler dann nach und ließ eine einzige Telefonleitung hierher legen, damit man ihn erreichen konnte. Er klang dabei aber, älteren Presseberichten zufolge, ganz so, als erweise er dem „uninformierten Volk“ einen huldvollen Dienst und gestatte das gleichsam – und das, wo er doch selbst auf Kosten der Allgemeinheit lebte.

Völlig versponnen und ausgehakt, eindeutig.

‚Mann, die Regierung ist echt kulant zu dem Kerl’, sinnierte Ladock, während er ratlos dastand und auf Antwort wartete. ‚Das kann man gar nicht verstehen. Und er ist so ein stumpfer Ignorant, der kapiert überhaupt nicht, wie gut er’s hat. Undankbarer Trottel.’

Glücklicherweise war heute gleich ein Termin frei gewesen, als Ladock sich danach erkundigte … nun, Glück musste man halt auch manchmal haben, wenn man am informatorischen Puls der Zeit horchte. Das war ein Privileg, dessen man sich würdig zu erweisen hatte.

Alan Ladock bereute jedenfalls keine Sekunde, dass er das Handwerk des Journalisten ergriffen hatte. Das war ganz seine Welt.

Er wiederholte seinen Ruf, als er keine Antwort bekam.

Eine ganze Weile lag Schweigen über der so archaischen Landschaft zwischen den hohen Nadelbäumen, dann hörte Ladock aus der Höhle, einem runden Loch in der Felswand neben den Tierställen dumpf eine Antwort. „Kommen Sie herein. Ich kreiere gerade ein neues Kunstwerk!“

Na, das klang doch schon sehr viel versprechend.

Ladock beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen.

*

Der Reporter stellte fest, dass man sich nicht bücken musste, um in die Höhle zu gelangen. Auch die Beleuchtung durch rußende Fackeln reichte hin, um das Innere der Grotte erkennen zu können. Alan Ladocks Augen weiteten sich ungläubig, als er erkannte, was hier drinnen vor sich ging. Die glatt polierten Wände des Höhleninnenraums, der sich schlauchartig in dämmrigere Tiefen erstreckte, waren mit Bildern bedeckt. Sie machten ihn für ein paar Augenblicke sprachlos. Ladock musterte die farbenprächtigen, naturalistisch gehaltenen Darstellungen.

Es war faszinierend und verrückt zugleich: Direkt links neben dem Eingang schlängelte sich beispielsweise ein Rieseninsekt über die Wand, grüngrau gefärbt, mit einem Menschen als Reiter auf dem Chitinrücken, der das Insekt mit einer Art Zügel gängelte. Die Kreatur hatte einige Ähnlichkeit mit einer utopisch vergrößerten Küchenschabe oder etwas Vergleichbarem. Direkt daneben befand sich ein Feld an der Wand, über das diagonal eine Art großer Skorpion krabbelte, allerdings alptraumhaft vergrößert, an beiden Seiten große Säcke mit frisch gemähten Ähren, die er mit seinen Scheren abschnitt und gleich einsammelte.

Benommen ging der Reporter weiter ins Höhleninnere. Er starrte ungläubig auf immer weitere Monster insektoider Herkunft, die an den Wänden abgebildet waren. Nach wenigen Metern gelangte er in einen hohen Hallenraum, in dem Tropfsteine von der Decke wuchsen. Der Saal an sich war aber schon sehr lange Zeit völlig trocken. Überall auf den Wänden befanden sich ungeheuerliche weitere Darstellungen von monströsen Rieseninsekten, die in bizarrer Verbindung mit der menschlichen Kultur standen.

Und ja … irgendwo dort in diesem Pandämonium stand ein hölzernes Gerüst, auf dem ein rüstiger alter Mann in weißem, farbbespritztem Kittel kniete und gerade seine letzten Pinselstriche an einem weiteren Kunstwerk anbrachte. Es zeigte ein Schiff, das auf fatale Weise einer römischen Galeere ähnelte … und sie wurde von drei riesenhaften Kraken gezogen.

Grundgütiger Himmel!

Der Mann war wirklich total verrückt! Kein Zweifel!

„Ahem … Kunstwerk nennen Sie das?“, fragte Ladock zweifelnd.

Er hatte unmerklich das Mikrofon eingeschaltet, das mit dem Bandgerät in seiner Westentasche verbunden war. Somit nahm er alles auf Band auf, was sie sagten.

Der Alte mit dem großen, krummen Körper und dem dichten weißen Haar, das ihn aussehen ließ wie einen Propheten der Antike, ließ sein Kunstwerk trocknen und kletterte über eine breite Holzleiter herab, die aussah, als habe er sie selbst angefertigt. Das traute Ladock ihm ohne weiteres zu.

„Womit kann ich Ihnen dienen, junger Mann?“ Barbarossa bekümmerte die Frage offenbar überhaupt gar nicht. Er schien derlei Zweifel gewöhnt zu sein. „Ich habe nicht sehr viel Zeit übrig … sehen Sie, die Westwand braucht noch ein weiteres Bild. Aber es tut ganz gut, mal zwischendrin durchzuatmen und die Farbdünste aus dem Kopf zu bekommen.“

„Nun“, steuerte Alan Ladock gleich aufs Ziel zu, nachdem er sich kurz vorgestellt hatte, „es ist allgemein bekannt, dass Sie einigen Errungenschaften der modernen Welt skeptisch gegenüberstehen, Mister Barbarossa…“

„Nennen Sie mich ruhig nur Barbarossa oder Sir“, fiel ihm der Alte ins Wort. „Aber verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.“

Der Reporter nickte. Schrulliger Typ, aber zumindest nicht völlig abweisend. Mal sehen, wie lange das anhielt. „Ja, Sir. Wie Sie vielleicht wissen, jährt sich am 21. Juli dieses Jahres, also in knapp zwei Wochen, die Mondlandung zum sechzigsten Male.“

„Mondlandung! Pfft! Alles Hirngespinste!“, brauste der weißhaarige Mann zornig auf. Seine schwarzen Augen blitzten kampfeslustig im zuckenden Licht der Fackeln, und seine Miene bekam etwas Zorniges… er glich mehr denn je einem Propheten des Alten Testaments. „Und Sie wollen von mir jetzt also die Meinung zu diesem Hirngespinst hören, sehe ich das richtig, ja?“

„Eh … ja, Sir“, stimmte der Reporter zu. Er merkte, dass seine Redegewandtheit bei diesem zornigen, verrückten Mann nahezu völlig verpuffte. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren, zu ruckartig reagierte er, zu sehr war er in seinen Wahn verrannt.

„Sie tun mir leid, junger Mann“, sagte Barbarossa kopfschüttelnd. „Sie sind der festen Ansicht, dass am 21. Juli 1969 Menschen auf dem Mond landeten, ja?“

„Neil Armstrong und Edward Aldrin, ja“, stimmte Ladock zu. Es kam ihm verblüffend vor, dass jemand allen Ernstes an solchen weltbewegenden Tatsachen zweifeln konnte. Jedermann auf der Welt hatte inzwischen diese Aufnahmen gesehen, die historischen Tonprotokolle gehört. Es klang lächerlich, dass irgendwer das in Abrede stellte. „Sicherlich. Die ganze Welt hat die Bilder gesehen.“

„Alles Humbug“, korrigierte der Alte sofort scharf. „Das, was Sie Zivilisation nennen, ist nichts weiter als eine bunte Kulisse, ein Märchenhintergrund, erzwungen durch Drogen und Tyrannei.“

„Tyrannei?“, stieß der Reporter verdutzt hervor. Was meinte denn der Mann damit?

„Oh ja, Tyrannei, ganz recht! Sehen Sie, kommen Sie! Hier!“ Er zerrte Ladock mit erstaunlicher Kraft mit sich, bis sie vor einem Bild zu stehen kamen, das eine Stadt zeigte, die wie von Termiten erbaut aussah, ockergelb, seltsam verschlungen und erfüllt von Röhren, die die Gebäude kreuz und quer und vor allen Dingen unterirdisch verbanden. Die untersten Stockwerke waren monströsen Wesen vorbehalten, die durch einen Querschnitt durch eins der Häuser sichtbar wurden. Gar nicht mal ungeschickt gezeichnet, wie Ladock zugeben musste.

Das Motiv an sich blieb allerdings gewöhnungsbedürftig, und das wurde noch schlimmer, als er genauer hinsah. Diese Wesen in den untersten Stockwerken der Gebäude … schaurig! Riesenhafte, aufgeblähte schwarze Spinnenwesen, im Maßstab garantiert zwanzigmal so groß wie ein ausgewachsener Mensch. Sie lagen in riesenhaften Domen unter der Erde und gebaren in endloser Folge Nachwuchs.

„Hier, diese Kreaturen beherrschen die Erde! Millionen von ihnen! Sie haben die Gabe der Illusion, erzeugen perfekte Illusionen, und die Menschen merken nicht, in was für einem Schreckensreich sie existieren!“

„Das ist doch verrückt!“, stieß der junge Mann hervor und vergaß angesichts dieses grassierenden Irrsinns seine Zurückhaltung. Ladock beging den Fehler, Barbarossa mit Logik kommen zu wollen. Diese Brutkammern in den Kellern der Hochhäuser hatten in seinen Augen einen klaren, unleugbaren Schönheitsfehler. „Sehen Sie, wenn das Wirklichkeit wäre und es in den Kellergeschossen diese … diese Brutkammern geben würde, dann gäbe es doch wohl keine Lifts.“

Barbarossa hatte, wie jeder überzeugte Wahnsinnige, natürlich sofort eine Antwort parat. Seine Wahnwelt war gut durchdacht. „Doch, die gibt es, aber sie werden von Muskelkraft gezogen. Sie funktionieren nach dem Prinzip des Flaschenzuges, und mehr als hundert Menschen sind erforderlich für solche Glanzleistungen. Die Tyrannen übermitteln ihnen stets mittels Telepathie, in welchem Stockwerk sie zu stoppen haben. Aber es gibt keine wirklich großen Lastenaufzüge in kleinen Gebäuden, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen?“

„Das wäre ja auch unsinnig“, wandte er etwas irritiert ein. „In kleinen Gebäuden ist nicht genügend Platz …“

„… für die menschlichen Sklaven, richtig!“

„Für die Waren, die einen solchen Aufzug rechtfertigen würden.“

Der Alte schien enttäuscht. Aber nur einen Moment lang. So schnell gab er sich nicht geschlagen. „Hören Sie, es gibt überall Beispiele. Sehen Sie hier.“

Er deutete auf eine lang gestreckte Anlage, die ebenfalls im Aufriss dargestellt war. Es war ein Autodepot gleich dem, das er vor Stundenfrist mit seinem Wagen verlassen hatte. Aber auch sie war von Barbarossa gründlich pervertiert und grotesk verwandelt. Es gab in seiner Darstellung nämlich lange Metallrinnen am Boden vor den einzelnen Boxen. Die waren mit einem grünlichen Schleim gefüllt, den große, gepanzerte Käferwesen schlürften. Sie standen in den Boxen und schienen ein Äquivalent zu den Fahrzeugen zu sein.

„Sehen Sie! Alle Menschen reiten auf solchen Ungeheuern! Sie wurden speziell von den Herrschern gezüchtet für diese Aufgaben! Ist das nicht schrecklich?“

Der Reporter schüttelte den Kopf. Das war ja wirklich unglaublich. Ladock bedauerte, dass er keine Kamera mitgenommen hatte. Ein illustrierter Bericht dieses Wahnsinns wäre bei den Lesern sicherlich noch sehr viel besser angekommen. „Ich kann es Ihnen nicht glauben, Sir. Diese Wesen können auf der Erde gar nicht existieren, weil der Sauerstoffgehalt viel zu niedrig ist.“

„Ich weiß nicht genau, wie es sich verhält, ich bin kein Biologe, aber es wurden Genmanipulationen vorgenommen.“ Der Alte wurde sichtlich ärgerlicher und führte ihn zum nächsten Bild. „Sehen Sie hier! Das ist das, was Sie Flugzeuge nennen!“

Riesenhafte, libellenartige Kreaturen befanden sich in einem Hangar, und unter ihrem Bauch wurden große Gondeln geschnallt, mit denen sie Passagiere beförderten. Ganz so, als handele es sich um bizarre, alptraumhafte und lebendige Zeppeline!

Es war nur noch bizarr, fast zum Schreien komisch. Und der alte Mann wirkte verzweifelt ernsthaft, er wollte den Reporter UNBEDINGT davon überzeugen, dass er im Solde von fremden, unmenschlichen Kreaturen stand, die ihm nur Böses wollten.

„Das Gewicht von dreihundert Menschen und deren Gepäck …“, wandte er ein.

„Genmanipulation … Superkräfte …“, brabbelte der Alte.

Alan Ladock fragte nun ganz direkt: „Und wie haben diese Tyrannen das mit der Mondlandung gemacht? Und mit den Marsexpeditionen, den Sonden zu den fernen Sternen? Den ganzen Bildern?“

„Alles Betrug, Gedankenverdreherei, Hypnose, was weiß ich“, fauchte der Alte erbost. Seine Hände öffneten und schlossen sich krampfartig, sein Gesicht war in zuckende Bewegung geraten, und er gestikulierte heftig. „Hören Sie, junger Mann! Diese Kreaturen können so gut wie alles! Sie haben verheerende chemische Waffen …“

„Die sind doch durch internationale Konventionen geächtet!“

„Ha! Nur in Ihrer Phantasie!“, widersprach der Eremit stürmisch. „Was meinen Sie, warum es in China und Afrika so große Katastrophen gibt? Ich weiß zwar nicht, wie viel davon der Realität entspricht, aber das, was man davon behauptet, dass es sich dabei nämlich um Dürrekatastrophen handelt, das ist nicht wahr! Diese unglückseligen Menschen werden mit biologischen oder chemischen Kampfmitteln vernichtet, damit Platz ist für die insektoiden Herrscher. Irgendwann werden sie die Erde komplett übernommen haben!“

Man musste es ihm lassen, er hatte seinem Wahnsinn entsprechend eine rege Phantasie entwickelt und konnte für fast alle Dinge eine für ihn plausibel klingende Erklärung finden.

„Und die Atomkraft?“

Barbarossa hatte auch dafür eine Antwort, aber jetzt hob er allmählich wirklich ab: „Alles Humbug, sofern es sich nicht um Atomwaffen handelt. Das sind aber in Wirklichkeit Antimateriebomben. In Hiroshima und Nagasaki befanden sich die Zentralen abtrünniger Insektenstämme, die damit ausgelöscht wurden.“

„Und in Deutschland wohl auch, was?“ Was für ein unglaubliches Garn! Da blieb einem Zuhörer ja die Spucke weg. Demnächst erzählte Barbarossa wohl auch noch, die Cäsaren seien Insekten gewesen …

„Ja, natürlich. Aber da war die Invasion schon erfolgreicher. Da wurde der ‚konventionelle’ Krieg getestet, und fast nur menschliches Material wurde verheizt. Lediglich die Befehlshaber wie Montgomery, Rommel, Churchill, Stalin, Hitler und so, das waren Insektenführer. Ich glaube fast“, flüsterte er gleich darauf, als sei das eine Geheiminformation, die man auf keinen Fall belauschen durfte, „die Nazi-Insekten wollten das Matriarchat abschaffen und mussten deshalb liquidiert werden.“

Der totale Wahnsinn. Aber alles war auf Band. Und es ging noch weiter.

„Wozu machen die das?“, hakte Ladock nach, der nun wieder seine Fassade kühler Zurückhaltung wahren konnte. Das war auch nötig. Halte den Redner am Plappern und zeige ihm bloß nicht, für wie versponnen du ihn hältst. Zu leicht konnte das dann in Frust oder Gewalt umschlagen …

„Die Täuschung mit dem Weltraum und so?“

Der Reporter nickte.

Barbarossas Gesicht wurde von einem grimmigen Lächeln verzogen, das allerdings nicht sehr glücklich wirkte. „Oh, das ist ganz einfach. Momentan beträgt die menschliche Bevölkerung noch mehr als zwei Milliarden, die Chitinherrscher kommen von Sklavenkräften noch nicht so ganz los. Informierte Sklaven neigen eben dazu, eine Revolution vom Zaun zu brechen. Jemand, der gar nicht weiß, dass er versklavt ist, hat auch kein Interesse daran, befreit zu werden.“

„Klingt logisch“, musste Alan Ladock gestehen. Zwei Milliarden Menschen … über die Bevölkerungsentwicklung war Barbarossa definitiv auch nicht mehr auf dem neuesten Stand. Zum Schein ging er auf das Argument des Künstlers näher ein. „Aber ich stelle mir das höchst schwer vor, eine hochtechnisierte Kultur zu versklaven, ohne dass das bemerkt wird …“

„Junger Mann“, flüsterte der Alte. „Vergessen Sie nie: diese Monster haben telepathische Kräfte. Die können Ihnen vorgaukeln, vor Ihnen sei eine Stadt, und da ist an Stelle dessen ein Meer. Sie würden nicht einmal merken, dass Sie ertrinken, wenn Sie unter mentaler Kontrolle stünden! Diese Monster können so gut wie alles! Und glauben Sie nicht, dass sie uns versklavt haben, als wir schon die Dampfmaschine entwickelt hatten. Sie sitzen schon länger auf der Erde, sehr viel länger, glauben Sie mir! Nostradamus war der erste von ihnen, glaube ich. Wenigstens seit dem 16. Jahrhundert existieren sie bereits hier, und sie sind in erster Linie in unwegsamen Gegenden von Afrika und Südamerika gelandet. Die Zeichnungen von Nazca, die bis heute keiner entschlüsseln konnte, entstammen auch ihrer Kultur.“

„Nazca?“, fragte Ladock verdutzt. Dieser Gedankengang war für ihn nicht recht nachvollziehbar. „Was soll das denn sein? Nie gehört.“

Barbarossa blinzelte überrascht. Mit diesem Einwand schien er nicht gerechnet zu haben. „Nun, das ist … eine Hochebene in den Anden …“

Alan Ladock hatte nun wirklich Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. In Geografie war Barbarossa offenbar nicht ganz so gut wie im Phantasieren von Wahnvorstellungen. Eine Hochebene in den Anden! Das war natürlich ein guter Scherz. In den Anden gab es keine Hochebenen, dort war noch aktiver Vulkanismus angesagt, und die gesamte Region der Anden war unbewohnbar, jedes Kind lernte das schon in der Schule. Bis auf einige Küstenstädte wie Rio de Janeiro und Maracaibo war der gesamte Kontinent menschenleer. Da konnte Barbarossa natürlich das Blaue vom Himmel herunter lügen, nachprüfen konnte man das ohne Lebensgefahr sicherlich nicht.

Der Reporter sah ihn nun skeptisch an.

„Sie glauben mir nicht“, stellte der alte Mann bitter fest.

„Es … fällt mir zumindest schwer, muss ich gestehen“, gab er offen zu. Freilich war dieses Verständnis nur geheuchelt. Er glaubte diesem verrückten Schrat kein Wort. Das war doch alles wirres Zeug. Barbarossa gehörte wirklich in eine Anstalt, jeder Leser würde das so sehen. „Sehen Sie, wenn es so ist, wie Sie sagen … warum haben diese unheimlichen Herrscher Sie denn dann nicht längst beseitigt? Wo Sie doch die Wahrheit kennen?“

Barbarossa trabte in der Höhle im Kreis und sagte nach einer Weile dumpf und unerwartet fatalistisch: „Ach, das ist doch ganz einfach – die Insektenfürsten wissen genau, dass man mich einfach für verrückt erklären würde. Zweifellos werden Sie genau dasselbe tun. Jeder Ihrer stumpfsinnigen Kollegen hat das getan! Deswegen habe ich mich schon hierher zurückgezogen …“

Der Reporter nickte begreifend. Sein Urteil stand fest, aber das versuchte er natürlich, nicht zu zeigen. „Nun … ich werde versuchen, Sie so vernünftig als möglich darzustellen, aber sieben Milliarden Menschen denken nun eben anders als Sie. Die Menschen trauen am ehesten ihren Augen, wissen Sie?“

„Ja, ja. Und die Augen des Menschen sind die am differenziertesten entwickelten Sehorgane der gesamten Biologie, ich weiß. Gut, gehen Sie nur. Es tut mir leid für Sie, dass ich Sie nicht überzeugen konnte. Denn ich HABE Recht!“

„Natürlich“, stimmte der Reporter besänftigend zu. „Ich denke, ich möchte Ihre Zeit damit nicht länger beanspruchen. Ich habe hinreichend Informationen für meinen Artikel bekommen. Vielen Dank noch einmal dafür, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben, Barbarossa …“

Sie schüttelten einander noch die Hände, dann ging Ladock wieder den Pfad hinunter.

Zweifellos, überlegte er sich, musste er eine Menge aus dem Manuskript streichen. Der Mann war senil und eindeutig geistesgestört, aber ansonsten offensichtlich harmlos. Wie er mit solchen Antworten und eher hirnrissiger Phantasterei allerdings vierzig Zeilen zusammenbekommen sollte, war ihm ein Rätsel. Ach, es wäre wirklich besser gewesen, er hätte einen Fotoapparat mitgenommen und ein paar Bilder gemacht.

„Na, dafür ist’s jetzt auch zu spät. Noch einmal tue ich mir diese Reise nicht an“, sagte er. Die Rückfahrt würde anstrengend genug sein. Lange Reisen waren immer eine verdammte Strapaze. Und sie dauerten so lange.

Er würde sich einfach ein bisschen was aus den Fingern saugen … das sollte schon klappen. Barbarossa konnte ihn ja verklagen, wenn er sich ungerecht dargestellt fand. Aber Ladock nahm zuversichtlich an, dass Barbarossa die Zeitung gar nicht erst eines Blickes würdigte. Also konnte er vermutlich schreiben, was er wollte.

Bestens.

Alan Ladock erreichte den Waldsaum und schnürte hier sein Reittier los, stieg auf den gekrümmten schwarzen Chitinrücken des Riesenkäfers und ließ ihn lostraben.

Epilog

Barbarossa sah dem jungen Mann nach, solange er zwischen den Bäumen noch zu sehen war, und er schüttelte den Kopf.

Er war so dumm, so grenzenlos dumm und eingebildet. Aber das hatte Barbarossa natürlich erwartet. Das war immer schon so gewesen, seit er sich hier niedergelassen hatte. Diese blasierten Dummköpfe kamen her, heuchelten Verständnis und schrieben dann gehässige Artikel über ihn, machten sich über ihn lustig, den Einsiedler, der nicht an den Fortschritt glaubte. Das schien ihnen ein Gedanke zu sein, der einfach zu idiotisch war, als dass man ihn für bare Münze nehmen konnte. Leute, die heute noch glaubten, dass die Erde eine Scheibe war oder die nicht an Mondflug, Atomenergie, Düsenjets und dergleichen glaubten, die waren erstens in der Minderzahl, zweitens aber … Ein helles Piepen erklang aus der Höhle.

Hastig unterbrach Barbarossa seine schweifenden Gedanken und eilte in den Höhlenraum mit den Wandbildern. Durch einen weiteren Röhrengang gelangte ins Innere einer völlig anders aussehenden Halle, wo die Wände mit Kunststoffpaneelen und Metallflächen bedeckt wurden. Hier war eine metallene Scheibe aufgestellt, die rotschwarz oszillierte.

Nach Ausstoßen eines leisen Infraschallpfiffes tauchte darauf ein Bild auf. Ein breiter Insektenkopf mit drei schwarzen, halb hervorgewölbten Facettenaugen, die in rechten Winkeln zueinander angeordnet waren, beherrschte das Bild. Ein Bündel gespaltener Antennen vervollständigte die Ansicht des unbeschreiblich fremdartigen Wesens, das Alan Ladock zweifellos in Panik versetzt hätte … nun, oder wohl eher nicht. Er hätte es gar nicht wahrgenommen.

„Späher üKIIL“, sagte die Insektenkreatur auf dem Schirm. „Wie sieht die Lage aus? Wir haben erfahren, der Menschling ist gerade wieder gegangen.“

„Er ist bis ins tiefste Mark seines Kortex noch voll Ablehnung gegen meine Visionen, er hält mich für völlig verrückt, Sachwalter üFIIR“, gab üKIIL/Barbarossa zu, der im Grunde genommen wie eine Kopie des Gegenübers aussah. Nur für Menschen wirkte er wie ein versponnener, weißhaariger Greis mit wirren Ansichten. Es war leicht, diese primitiven Wesen zu blenden. „Es droht definitiv keine Gefahr. Er glaubt noch immer, in einem Gefährt namens ‚Auto’ zu sitzen, das mittels der Verbrennung aromatischer Kohlenwasserstoffverbindungen angetrieben wird. Und nach Veröffentlichung des Berichts wird sich diese Ansicht nur noch festigen. Es gibt keine Schwierigkeiten mit den Menschen.“

Er schwenkte thematisch um. Nachdem er seine Aufgabe pflichtgemäß erfüllt hatte, stand ihm auch ein Informationsschub zu. „Wie sieht es bei euch aus?“

Sein Sachwalter nickte ihm freundlich mit den Antennen zu, ein Zeichen seiner Zufriedenheit. „Südamerika und Afrika sind zu 98 Prozent wieder aufgeforstet, die Verdopplung des Sauerstoffgehaltes zur besseren Nutzung unserer Arbeitstiere läuft bereits, aber es wird wohl noch neunzig bis hundertzwanzig Sonnenumläufe dauern, bis die gravierenden Folgen spürbar werden. Bis dahin brauchen wir noch menschliche Sklaven. Wir werden also die Lüge bis auf weiteres aufrechterhalten müssen.“

„Das dürfte kein Problem sein“, meinte üKIIL. „Unsere Losung gilt also weiter.“

„Alles Lüge!“

„Alles Lüge!“, erwiderte Barbarossa und schaltete dann den Schirm aus.

Keiner der Menschlinge würde das jemals glauben.

Warum auch? Er sah doch, dass es alles ganz anders war.

ENDE

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