„Franz!“

Der Schrei hallte hell und einsam über das Feld. Dunstige Schwaden waberten darüber, über den unebenen Boden, Regen fiel aus dem düsteren Himmel, durchnässte den jungen Mann, der taumelnd seinen Weg suchte und nicht fand. Donnerschläge ließen Himmel und Erde erdröhnen, flammende Blitze in blutigem Rot spalteten das Firmament und enthüllten das Feld Augenblicke voller endlosem Entsetzen den ungläubigen Blicken, dann versank es wieder im Halbschatten einer fremdartigen, lebensfeindlichen Welt.

Der blonde Mann stolperte und brach in die Knie, seine Hände versanken beim Sturz ellenbogentief in Schlamm und eisigem Wasser. Keuchend rang er nach Luft.

Nichtbegreifen hüllte ihn ein wie eine Wolke des Vergessens, die ihn wieder freigelassen hatte.

„Franz…?“, stöhnte er. Seine Kehle war auf einmal wund und heiser, als habe er stundenlang nach seinem Kameraden geschrieen. „Franz, wo um alles in der Welt…?“

Er war doch noch vor Minuten, vor Augenblicken, über die Wiese bei Allendorf mit ihm gegangen, scherzend und disputierend. Und dann war er auf einmal übermütig davongelaufen, und Franz hatte ihn einzuholen versucht.

Und dann…? Was war dann gewesen? Warum war er auf einmal aus dem freundlichen, lauen Maienabend in eine solche Schreckenswelt versetzt worden?

Hans Clausen konnte nicht begreifen, was hier geschehen war. Er sah im Licht des nächsten Blitzes an sich herab und entdeckte die Uniform. Noch tieferes Nichtbegreifen erfasste ihn.

Er war Soldat!

Soldat? Aber… es herrschte doch Frieden! Ihr Kaiser konnte doch keinen Krieg beginnen! Und die umgebenden Mächte wagten es nicht, einen Krieg gegen ein mächtiges Deutschland anzufangen!

Und dieses grässliche Feld hier!

Eine zerwühlte Ebene, die sich unter dem Götterdämmerungshimmel von Horizont zu Horizont zu erstrecken schien, hier und da von Hügeln unterbrochen, die seltsam unfertig, fremdartig aussahen, wie von Menschen geschaffen in großer Eile. Überall waren Löcher zu sehen, gleich Einschlagkratern himmlischer Geschütze…

Hans rappelte sich wieder auf, stapfte weiter und übersah im Zwielicht einen Krater. Er stürzte schwer hinab und stieß gegen etwas Weiches…!

Grauenerfüllt drehte er sich herum, und im Licht eines hellen Sterns, der wie ein Komet über das Firmament geisterte, blickte er in das wächserne, zerschmetterte Gesicht eines Toten. Er trug die Uniform der französischen Truppen…!

„Großer Gott!“, schrie der junge Deutsche und sprang auf.

In diesem Moment wurde er gewahr, dass rings um ihn helle Feuerblitze zu lodern begannen. Donnerhall warf ihn nieder. Ein entsetzliches Hämmern erfüllte die Luft, brachte jedes Molekül zum Beben und zum Erzittern. Überall stiegen Feuerfontänen in die Luft, nervenzermürbendes Krachen und Bersten wollte ihm die Trommelfelle zertrümmern.

Es stank auf einmal auch. Er nahm Gerüche wahr, furchtbare Gerüche. Es war, als sei diese Empfindung zuvor völlig verloren gewesen. Es stank förmlich nach Kordit, nach Pulver, schwelender Kleidung, nach verschmortem Fleisch und Blut. Es war so ein infernalischer Eindruck, dass Hans das dringende Bedürfnis verspürte, sich zu erbrechen.

Verwirrt stellte er jedoch fest, dass er nur ein leeres Würgen zustande brachte, gerade so, als habe er sich schon wieder und wieder erbrochen.

Und nun schmeckte er auch den bitteren, galligen Geschmack im Rachen, wie er nach dem Erbrechen üblich war. Es war widerwärtig, aber der Anblick des Schlachtfeldes ringsum ließ ihn diese Empfindung vergessen.

Überall auf dem Abschnitt des Schlachtfeldes vor ihm lagen Leichen. Es mussten Dutzende sein. Sie trugen deutsche wie französische Uniformen und waren kaum zu unterscheiden, so mit Schlamm und Blut waren sie besudelt, die der Regen aber teilweise von ihnen schon abgewaschen hatte.

Bei einigen hätte er besser nicht genauer hingesehen, doch dafür war es zu spät. So sah Hans die klaffenden Wunden, die zerschmetterten Gliedmaßen, die aufgerissenen Rümpfe, gespaltenen Schädel, die in Agonie verzerrten Gesichter derjenigen, die nicht sofort tot gewesen waren, sondern elend im Schmutz verreckt und verendet waren, vergessen von ihren Kameraden, die den Angriff überlebt hatten.

Es war ein Anblick, wie er ihn sich in seinen schrecklichsten Alpträumen nicht hätte ausmalen können. Schon von daher schloss er die Möglichkeit, dass er träumte, von vornherein aus. Das hier war entschieden zu ungeheuerlich, als dass das ein probater Ausweg gewesen wäre.

Doch welch grauenvoller Krieg war dies hier, in dem eine vielleicht einstmals blühende Landschaft wie von monströsen Maulwürfen mit einem Netzwerk von Gräben und hölzern verstärkten Bollwerken versehen worden war, in dem dieser Landstrich so völlig jeden Lebens entvölkert und wieder und wieder von Granatfeuer umgepflügt worden sein konnte? Das war kein Krieg, wie er ihn kannte. Nichts hatte bislang jemals solch ein Bild vollkommener Verheerung hervorrufen können.

„Allmächtiger Heiland….“, krächzte er. „Wo BIN ich hier nur? WANN bin ich? Und… WARUM?“

„Die verdammten Franzmänner wollen also Krieg haben!“, sagte der drahtige, hoch aufgeschossene Franz mit dem hochmütigen Lächeln auf den Lippen, das für ihn so charakteristisch war. „Na, warum denn nicht? Schließlich hat Seine Majestät, der Kaiser, selbst gesagt, er kenne nun keine Parteien mehr, sondern vielmehr nur noch Deutsche! Alle halten zusammen gegen dieses Franzosenpack! Keine Frage, wir werden siegen, wie wir schon 1871 gesiegt haben! Und damals standen nicht alle deutschen Fürsten fest zu Preußen…!“

„Aber ist diese Krise denn gar nicht anders zu beheben…?“, hatte Hans gefragt.

„Na, na, Hans, mal nicht kneifen! Bist doch kein Duckmäuser noch ein Defätist, was? Das wär’ ja noch schöner! Komm schon“, meinte Franz und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Wirst schon sehen, wenn sich die ganze Jahrgangsstufe freiwillig zum Einsatz meldet, dann wirst du deine Meinung ändern.“

Und er hatte sie geändert. Er war seit drei Jahren am Humboldt-Gymnasium zusammen mit den anderen gewesen, mit Fritze Julisch, dem rundlichen Fabrikantensohn, mit Ekkehart von der Tauber, dem verarmten Adeligen, der dennoch ein tadelloses Benehmen an den Tag legte, als würde er dereinst den Familiensitz erben, in dem längst schon andere Leute wohnten, Unternehmer…

Da war Karl-Gustav Parlin, dort Franz Bernstein… nein, da konnte er doch einfach nicht zurückstehen, wenn sich alle beim Militär geschlossen bewarben, weil die Soldaten an der Front dringend Nachschub brauchten, sowohl an Nahrung als auch an Waffen, Neuigkeiten und besonders an motivierten Kriegern.

Verdun rief…!

„Verdun…!“

Die Festung der Franzosen, an der sie sich seit Monaten in einem erbitterten Stellungskrieg festgefressen hatten und kaum einen Meter vorwärts kamen, ohne anderswo oder an derselben Stelle gleichermaßen oder sogar noch stärker an Boden zu verlieren.

„Aber, bei Gott… warum wusste ich all das nicht mehr?“ Er starrte an sich herab und griff sich an den Kopf.

Ein glühendes Eisen schien sich in seinem Hinterkopf zu regen.

Aufschreiend knickte er ein und drückte seinen glühenden, von tosenden Schmerzen erfüllten Kopf gegen die nasskalte Erde. Tränen des Schmerzes vermischten sich mit dem Regen, rannen ihm über das Gesicht. Hans riss schluchzend den Mund auf, aber ein aufkommender Sturmwind fegte ihm die Laute von den Lippen, für einen Betrachter hätte es geschienen, als sei er ein Pantomime…

Es dauerte endlose Momente, bis er, während er noch zwischen Leichen kniete, wieder ein Nachlassen des Schmerzes fühlte. Keuchend blieb er knien und fühlte, wie die Nässe und Kälte in ihm hinaufkroch.

Der Deutsche hob den Kopf und starrte auf einen nahen Hügel, der sich plötzlich wie ein Maulwurfshügel öffnete und Soldaten entließ, die gleich einer Ameisenarmee umherwimmelten und nach vorne stürmten, einem links gelegenen, imaginären Ziel entgegen, das sie durch den Regen und den aufkommenden Nebeldunst doch gar nicht erkennen konnten.

Es gab eigentlich nur eine Erklärung für diesen Angriff: sie mussten ihr Gebiet hier sehr gut kennen und schon viele dieser Angriffe durchgeführt und dabei zweifellos auch viele Soldaten verloren haben. Einige von denen vielleicht, die jetzt hier lagen und vor sich hinmoderten und womöglich so bald gar nicht geborgen werden konnten.

Hans Clausen hatte die Uniformen in dem Blitzgewitter, das von schweren Geschützen hinter der Front herrührte, wie er auf einmal wieder wusste, nicht erkennen können. Diese Entdeckung der Artillerie… es war so, als lege jeder Blick in die entsetzliche Umgebung in ihm gleich der Kelle eines Archäologen ein wertvolles uraltes Mosaik beziehungsweise Erinnerungen frei, die vorher aus unklaren Gründen verschüttet gewesen waren. Das Kanonenfeuer erschütterte die Luft, gleichsam parallel zum Bodenangriff. Und da Hans die Uniformfarben nicht hatte erkennen können, hielt er nicht direkt auf die Stellung zu, immerhin hätte es ja sein können, dass es sich um eine französische Stellung handelte. Dann wäre er in den sicheren Tod gelaufen.

Ein Schatten bewegte sich in der Dämmerung über das Schlachtfeld…

Eine schreckliche Ahnung befiel auf einmal den jungen Deutschen. Er hastete den vorwärtsstürmenden Soldaten hinterher und erkannte, dass sie deutsche Uniformen trugen. Deutsche Michel im Sturm. Wie auf den Postkarten an die Heimatadressen…

„Ihr lauft in den Tod!“, schrie er.

Aber der Sturm, der aufkam, erstickte seine Worte.

Es war ein Sturm aus Eisen und Feuer, ein grässliches Gehämmer des stählernen Verderbens!

„Die größte Gefahr“, sagte der hoch gewachsene Offizier mit der Pickelhaube und der dunklen, sauber gebügelten Uniform in dem düsteren Unterstand, in dem die Soldaten dicht gedrängt den Kartentisch umstanden, „sind diese Maschinengewehr-Stellungen, die die Franzmänner neuerdings aufgebaut haben. Hier, hier und hier sind die drei bekannten Stellungen in unserem Frontabschnitt. Wir haben Weisung von der Obersten Heeresleitung, um 3 Uhr morgens anzugreifen, ein frontaler Sturm wird einem Teil unserer Truppe die Gelegenheit geben, durchzubrechen, in einer Zangenbewegung die Nester zu umschließen und sie zu erobern. Dann wird das Feuer dieser Stellungen direkt auf die französischen Linien gerichtet. Wir mögen vielleicht einen hohen Blutzoll zahlen, aber wir haben tatkräftige Unterstützung durch unsere Artillerie. Seid unbesorgt, der Sieg ist unser…“

Das schoss Hans Clausen blitzartig durch den Kopf. Und auch, dass das DIESER Morgen gewesen war. Irgendetwas war entsetzlich fehlgeschlagen. Aber er hatte keine Möglichkeit, weiterzudenken, weil das Feuer der französischen Maschinengewehre regelrechte Löcher in die Reihen der angreifenden deutschen Soldaten riss.

Die Luft war erfüllt von Schreien, von den Schreien, die anfeuern sollten, von solchen, die von Verletzten kamen und von Sterbenden. Schreie des Unglaubens, des Schmerzes und der Wut und des Hasses…

Die schattenhafte Gestalt ging gemächlich zwischen den sich mit Wasser und Blut füllenden Gräben und Kratern entlang, direkt auf Hans Clausen zu, der von der Gestalt in seinem Rücken nichts ahnte…

Die Schreie, die hin- und herzuckenden Gestalten, die grotesk im Hagel der Geschosse zu tanzen schienen, während diese sie in Stücke rissen und blutige Fetzen aus den „aufrechten Soldaten“ machten, das infernalische Dröhnen der Geschütze und der erbarmungslosen Waffen… all das ließ in Hans´ Verstand blitzartig einen weiteren Teil der jüngsten Erinnerung aufbrechen.

Den schrecklichsten.

„Wennde mich frachst, een Mistwedder“, knurrte ein magerer Soldat direkt neben Hans. Sie saßen zusammen wie mehr als fünfzig andere blutjunge Soldaten auch, die hier ihren ersten Ernstfalleinsatz zu absolvieren hatten, in einem finsteren, mit Holzbohlen abgestützten Graben, an dem überall das Wasser herablief. Es tropfte vom Helm, durchnässte die Kleidung, ließ sie alle zittern und frösteln. Franz unterhielt sich halblaut mit Fritze Julisch und meinte gerade, dass er gewiss von diesem Einsatz eine handfeste Erkältung mitbringen würde…

Der Regen hatte vor einer halben Stunde angefangen. Er war kalt und dünn, aber stetig. Das Schlachtfeld würde eine einzige Schlammgrube sein, ein schmieriges, gefährliches Terrain, denn der Boden war braun und lehmig, soviel hatte Hans am gestrigen Nachmittag, als sie in dieser Alptraumlandschaft angekommen waren und das Wetter ein wenig besser gewesen war, noch mitbekommen.

Ein Bote hastete auf einmal durch den Graben und rief allen halblaut zu, dass es gleich soweit sei.

Der Offizier stand mit gezücktem Säbel an einem der Ausstiege des Grabens, wo in die Wand Holzstufen eingelassen worden waren. Die Stacheldrahtverhaue oben auf der Krümmung des Erdwalls, der mit Sandsäcken verstärkt worden war, schimmerten feucht.

Als der Offizier den Säbel hochriss und schrie: „Für unseren Kaiser, Gott und das Vaterland!“, da stürmten sie alle vor, und auch er, Hans, wurde vom Begeisterungstaumel einfach mitgerissen. In solch einem Kampf, als Teil einer solch machtvollen Woge, da konnte er eigentlich gar nicht verlieren. SIE konnten nicht verlieren! Es war, als würden die Franzosen gegen eine Welle schlagen und sie dennoch nicht verletzen können!

Sie stürzten voran, und dann donnerten die Kanonen los. Leuchtgranaten stiegen auf und beleuchteten alles taghell in einem gleißenden, unwirklichen Licht, das harte Schatten warf und auch die gestürzten Toten des letzten und vorletzten Sturmes beschien.

Und dann kam das französische Gegenfeuer…!

Hans Clausen knickte in den Knien ein, schrie erbärmlich auf. „Nein! Oh nein! Mein Gott! Nein!“

Die Erinnerung.

DIESE ERINNERUNG!

Warum kam sie jetzt wieder? Weshalb gerade jetzt?

Die Gestalt hinter Clausen kristallisierte sich langsam aus den Regenschwaden und dem Nebeldunst heraus. Es war eine fast völlig schwarze Wesenheit, die einen langen, wallenden Mantel zu tragen schien, der überall Löcher aufwies, als hätten die Motten der Zeit daran genagt und ihn zerlumpen lassen. Dennoch sah der Wanderer nicht heruntergekommen aus, eine grausige Art von Machtaura schien ihn zu umgeben. Und immer näher kam er dem knienden, von Schmerz erfüllten Clausen…

Diese Erinnerung war schrecklich, sie war so entsetzlich, dass er alles, was zuvor gewesen war, unter dem Einfluss dieses Schocks vergessen hatte. Das begriff Hans nun, dem das klatschnasse Haar ins Gesicht hing.

Aber er konnte diese Bilder, die vor seinem geistigen Auge nun erstanden, nicht mehr verdrängen. Nun nicht mehr, wo sie sich wiederholten…

Sich mit Schreien anfeuernd und Mut machend, stürmten sie mit vorgereckten Sturmgewehren und daran befestigten Bajonetten für den Nahkampf über verschlammte Hügel, durch Senken, in denen verrenkte Leichen lagen und teilweise schon vermoderten, auf die feindliche Stellung zu. Links und rechts und vor und hinter ihnen explodierten Artilleriegranaten. Aber nur zwei, drei Kämpfer wurden hochgeschleudert und verschwanden aus Hans´ Blickfeld.

Der Rest rannte in einer weit gefächerten Reihe weiter, um ein möglichst geringes Ziel zu bieten, die meisten duckten sich. Das waren aber diejenigen, die schon einen Sturm mitgemacht hatten.

Hans´ gesamte Klasse rannte blindlings geradeaus, und er gerade ebenso.

Und dann schlugen die Feinde zu.

Sie liefen mitten auf einen Hügel zu, auf einen von hier aus fast unsichtbaren Graben.

Und auf einmal dröhnte das Maschinengewehr der Franzosen los.

Hans sah grauenerfüllt, wie Ekkehart von der Tauber zusammenzuckte, wie neben seinem Rückgrat rechts und links in Hüfthöhe Fontänen aus dem Anzugstoff auszubrechen schienen, gleich Fontänen eines blasenden Wales. Der verarmte Adelige taumelte rückwärts, ungläubiges Staunen in seinen weit aufgerissenen Augen… die im nächsten Moment in einer Wolke verschwanden, die keine Wolke war.

Hans brach zusammen, übergab sich. Ein sengender Schmerz traf ihn am Hinterkopf, während er noch aus den Augenwinkeln mitbekam, wie Fritze Julisch sich überschlug und Karl-Gustavs linker Arm sich auf grotesk-makabre Weise selbstständig machte.

Dann erlosch alles Denken in ihm…

…und er kam erst wieder zu sich, als er auf dem Schlachtfeld ohne Erinnerung umhertaumelte.

Erschüttert starrte er auf das Schlachtfeld, das sich jetzt vor ihm ausbreitete. Überall lagen die vertrauensseligen, glücklich Siegenden, die ihrem Begeisterungstaumel verfallen und so einer grausamen Selbsttäuschung erlegen waren. Nun erlagen sie hier stattdessen im stetig stärker werdenden Regen ihren Verletzungen, nichts begreifend und verständnislos, immer noch gefangen in dem festen Glauben, dies müsse doch einfach ein unvorstellbar grausamer Alptraum sein, der gleich enden müsse: niemand DÜRFE solche Qualen und Schmerzen erleiden…!

Von all jenen Kämpfern, die sich siegreich geglaubt hatten, hatte nicht einer das Schlachtfeld verlassen. Sie lagen alle hier, niedergemäht und verstümmelt, verblutend und verendend…

Hans kroch näher und drehte einen jungen, blonden Soldaten, dem ein Geschoss den Helm weggerissen hatte – nebst dem gesamten Hinterkopf! – auf den Rücken.

Sprachlos starrte er in den Spiegel seines eigenen Gesichts.

Ungläubig und nicht verstehend schüttelte er den Kopf.

Nein, hämmerte er sich ein. Das ist nur ein Alptraum. So etwas KANN es nicht geben. Ich kann nicht tot sein. Wenn ich sterbe, komme ich in den Himmel, ich geistere nicht über diese Schlachtfelder. Spüre ich nicht die Kälte? Höre ich nicht Geräusche? Rieche ich nicht? Fühle ich nicht? Das kann doch kein Toter…

Oh doch…

Hans wirbelte im Hocken herum, erleichtert, die Leiche mit den blauen, gebrochenen Augen nicht länger ansehen zu müssen – SEINE Leiche! Aber dann war er kein bisschen mehr erleichtert.

Denn er sah die hoch gewachsene Gestalt in dem dunklen Mantel und konnte nicht erkennen, um wen es sich handelte. Nur dass dieser Mann hier einen langen, knorrigen Hirtenstab und eine Art Lampe trug. Er musste weithin auf dem Schlachtfeld sichtbar sein, und eigentlich mussten ihn die Kugeln nur so umschwirren…

Kugeln können nur euresgleichen töten. Gegen Götterboten sind sie machtlos. Völlig machtlos. Mich sieht niemand hier. Du bist einer der wenigen, die mich hier und jetzt erkennen können. Und das kannst du auch nur deines Zustandes wegen…

„Aber ich BIN nicht tot!“, schrie der junge Deutsche entsetzt. Er wich stolpernd zurück. „ICH BIN NOCH AM LEBEN!“

Er taumelte nach hinten über einen Leichnam, den er übersehen hatte, und er schlug lang hin. Beim Aufprall fühlte er keine Schmerzen mehr, alles schien wattig umhüllt zu werden, seine Empfindungen wurden immer vager. Die Welt ringsum veränderte sich.

Mit schwindender Kraft stemmte er sich wieder auf die Knie und blickte auf das kalte, tote Gesicht desjenigen, über den er gestolpert war.

‚Franz’, hauchte sein Geist, aber die Zunge war so träge, dass sie keinen Laut mehr hervorbrachte.

Er sah das rot umrandete, blutige Loch über dem Kehlkopf, sah den unnatürlichen Winkel, in dem der Kopf abgeknickt war… und er begriff.

Kälte stach wie mit gläsernen Dolchen auf ihn ein, durchdrang ihn bis aufs Mark der Knochen. Besonders schlimm war diese jähe Kälte in seinem Hinterkopf, wo er intuitiv die tiefe, schreckliche Wunde wusste, mit der man nicht mehr länger leben konnte… und mit der er absurderweise dennoch lebte…

Komm…

Das Licht, das der Alte trug, dessen knorrige Hände und Unterarme sich ihm nun entgegenstreckten, funkelte heller. Es verhieß Wärme, Geborgenheit. Eine innige, fast lustvolle Sehnsucht erfasste Hans Clausen und kämpfte verzweifelt gegen sein Entsetzen an, gegen das Grauen, das von dieser finsteren Gestalt ausging, die den sicheren Tod verkörperte.

Komm…

„Was hältst du vom Tod?“

„Hans, was soll diese närrische Frage?“ Franz lächelte überheblich, während er zu einem neuen tiefen Schluck aus dem gläsernen Bierkrug ansetzte, der einen Zinndeckel hatte. „Bist du religiös?“

„Ich glaube eher an die Lehren von Feuerbach und seinen Mitstreitern als an die Kirche“, versetzte Hans heftig. „Aber manches Mal, da kommen mir doch Zweifel. Deshalb – wie ist es mit dir? Hast du auch solche Anwandlungen?“

„Der Tod ist die physische Liquidierung des Körpers“, dozierte Franz überzeugt. „Wenn die Gehirnelektrizität erlischt, ist es vorbei. Mit dem Versuch, elektrischen Strom zu induzieren, kann man vielleicht einen Menschen kurzfristig wiederbeleben, aber nicht mehr nach längerer Zeit, weil da dann einfach nichts mehr ist. Wir leben bis zum Ende, und wenn es kommt, dann kommt es eben. Danach ist nur noch das ewige Vergessen. Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Mystizistischer Unfug…!“

‚Mystizistischer Unfug?’, dachte Hans, als er wie betäubt schwankte zwischen planlosem, panischem Davonstürzen und dem Hinübergehen zu der dunklen Gestalt.

Komm, Hans Clausen. Sieh in das Licht…!

In der diffus erkennbaren Lichtquelle erschien auf einmal ein lachendes Gesicht!

„Franz…“, lallte er schwerfällig. „Trugbilder… das sind… Trugbilder…“

Das Licht schien sich zu drehen, und bei jeder Drehung zeigte es neue Gesichter. Alte und junge. Bärtige, Brillen tragende, lange, schmale, aufgedunsene, magere Gesichter. Kindergesichter. Greisengesichter. Männer. Frauen. Alle Altersstufen und alle Nationen waren hier vertreten. Und immer blitzte das Licht auf, und das vorherige Gesicht löste sich in Nichts auf.

Alles kommt zu mir. Alles folgt meinem Ruf, sagte der zeitlose Mann, das zeitlose Wesen, von dem nicht einmal sicher war, dass es ein Mensch war. Vermutlich jedenfalls war er es nicht.

Die Helligkeit, die nun aus dem Licht flammte und gloste, hätte auf dem gesamten Schlachtfeld gesehen werden müssen, so sehr glich sie mehr einem Leuchtfeuer als irgendetwas sonst.

Aber niemand kam.

Und diese Helligkeit wurde immer erstrebens- und begehrenswerter…!

Hans Clausen gab seinen Widerstand auf. Kälte und Nässe setzten ihm zu, schienen ihn gefrieren und erstarren lassen zu wollen. Wimmernd fragte er, kaum hörbar: „Wie… wird es… DRÜBEN sein? Bitte… sagt es mir!“

Das Wesen mit der Lampe, das nun einer Gestalt mit väterlichen Zügen glich, einer Art Leichenvater, kam langsam näher, und während die Leuchtaureole den Körper des gefallenen Soldaten allmählich einhüllte, murmelte er fast bedauernd:

Ich bin lediglich der Hüter der Schwelle, Hans Clausen. Ich bin einer von vielen. Und nie wird es mir vergönnt sein, einen Blick auf das Reich zu werfen, in das du jetzt eingehst, nicht im Guten und nicht im Schlechten. Würde ich so etwas wie Neid kennen, ich wäre gewiss neidisch auf dich und deinesgleichen, die ihr euch ausruhen könnt. Aber wer weiß, vielleicht ist dieser Übergang nicht das Ende, so, wie für eine Raupe der Kokon nicht das Ende, sondern ein neuer Beginn ist. Du wirst es erfahren.

Hans Clausen fühlte die Wärme des Lichtes, das in einen reinen Glanz überging, wie er ihn sich niemals hatte vorstellen können. Ein gleißender Lichterorkan, in dem sich Stimmen und orchestrale Musik mischten, die aus dem Nirgendwo kam.

Und dann fühlte er, wie ihn etwas trennte, davonwirbelte, wie die Trübsal und die Bitternis hinter ihm blieb. Wie sich Wohlbefinden und inniges Behagen in ihm ausbreitete.

Und dann kam…

…etwas Wunderbares.

ENDE

© by Uwe Lammers

Gifhorn, den 29./30. November 1993

Abschrift: Braunschweig, 27./28. September 2014

(10 Seiten Skript)