Ich möchte ja nichts sagen, aber ist es eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, dass die Dritte Macht – und damit auch das Solare Imperium – bereits mit einer Menge Verbrechen anfangen? Also – eigentlich damit gegründet werden. Bereits im allerersten Roman sind das:
Befehlsverweigerung.
Fahnenflucht.
Diebstahl eines Fahrzeuges.
Entführung.
Illegaler Grenzübertritt.
Landfriedensbruch.
Widerstand gegen die legitimen Vertreter eines Landes auf deren eigenem Territorium.
Ja, ich weiß schon.
Das alles war zur Rettung der Erde nötig!
Manchmal rechtfertigt der Zweck nun einmal die Mittel.
Wo gehobelt wird, fallen auch Späne.
Man kann kein Omelette machen, ohne ein paar Eier zu zerschlagen.
Und man kann wohl kein Sternenreich gründen, ohne jemandem auf die Zehen zu steigen.
Verständlich, besonders dann, wenn die besten Grundstücke bereits einen Besitzer haben. Nun ja, mit Kolonialismus kennen sich die Menschen ja bestens aus.
Aber zurück zu den Gründungszeiten der Dritten Macht. Gehen wir doch einmal ins Detail.
Die sieben Verbrechen:
Befehlsverweigerung.
Perry Rhodan ist Risikopilot der US-Space Force im Rang eines Major. Mit an Bord sind Captain Reginald Bull, Captain Clark Flipper und Leutnant Eric Manoli. Warum es Captain heißt und nicht Hauptmann – na ja, Captain klingt halt cooler. Nach mehr, als es ist. Warum man die anderen Ränge nicht auch angliziert hat, wird wohl nicht mehr herauszufinden sein.
Egal.
Perry ist also Major. Sein Chef Lesly Pounder ist ein Drei-Sterne-General, auch Generalleutnant oder Lieutenant General genannt. Ein Stabsoffizier also. Die Befehlskette dürfte also ganz klar sein. Pounder hat mehr Lametta und kann daher Rhodan Befehle erteilen.
Nun kann natürlich ein Offizier unter besonderen Umständen den Befehl seines Vorgesetzten verweigern. Etwa wenn der Befehl gegen das Gesetz des Landes oder das Reglement der Einheit verstößt.
Allerdings dürfte die Landung eines amerikanischen Raumfahrzeuges auf amerikanischem Boden sowohl dem Gesetz als auch dem Reglement der US-Space Force entsprechen. Wenn er es trotzdem ohne guten Grund – wie etwa ein Schaden am Fahrzeug – tut, dann ist das glatte Befehlsverweigerung.
Die Rettung eines Alien vor der CIA (oder Abteilung IIIb) mag zwar ein ehrenwerter Grund sein, wird aber vom Gesetz kaum als guter Grund oder als strafmildernd anerkannt werden.
Fahnenflucht
Das geht in diesem Fall mit der Befehlsverweigerung Hand in Hand.
Selbstverständlich darf und kann ein Offizier jederzeit seinen Abschied einreichen – außer er steht gerade eben in einem Gefecht.
Robert E. Lee hat am Beginn der Sezession seinen Abschied als Oberst der US-Kavallerie genommen und wurde General der Konföderierten. Bis zu seinem lapidaren Brief an den Präsidenten – „Sir, ich habe die Ehre, Ihnen mein Ausscheiden aus dem Dienst anzuzeigen“ – hat er allerdings seine Befehle befolgt.
Aber Rhodan hat einfach seine Rangabzeichen abgenommen. Das ist kein Abschied, das ist keine Kündigung, das ist nichts.
In dem Moment, in dem er seine berechnete Bahn verlassen hatte, war er ‚unerlaubt Abwesend‘.
Also – desertiert.
Fahnenflüchtig.
Die Absicht, aus der Armee – oder in diesem Fall der Space Force – auszutreten, reicht nicht. Man muss diese Absicht auch einem Vorgesetzten kommunizieren, und zwar bevor man sich absetzt.
Auch wieder – von einem Alien, das gerettet werden soll, steht wahrscheinlich nichts in den Dienstvorschriften. Wenn dort Außerirdische erwähnt werden sollten – ein sehr extremer Konjunktiv – dann sicher nicht, dass ein Soldat sie außer Landes bringen soll. Die Wissenschaftler und der Heimatschutz freuen sich bestimmt schon drauf, eines in die Finger zu bekommen.
Fahrzeugdiebstahl
Der kleine Major hat der Space Force und damit dem amerikanischen Steuerzahler ein millionenschweres Raumfahrzeug geklaut.
Was heißt hier, er hat es wieder zurück geben? Auch ein Jugendlicher, der ein Auto für eine Spritztour in der Absicht stiehlt, es später wieder zurück zu geben, macht sich des Diebstahls schuldig. Und ich denke, dass das teuerste Auto billiger als die STARDUST ist.
Perry, der Langfinger. Na ja, es ist trotzdem nur ein kleines Kavaliersdelikt im Vergleich zum nächsten Verbrechen.
Entführung
Hat oder hat Perry Rhodan nicht Captain Clark Geoffrey Flipper gegen dessen ausdrücklichen Willen in die Gobi verschleppt? Das nennt man im Volksmund eben Entführung.
Also Freiheitsberaubung, egal, wie es juristisch korrekt genannt wird.
Beweisführung abgeschlossen.
Entführung ist immer und überall ein Verbrechen, unter Umständen sogar ein Kapitalverbrechen. Nämlich wenn der Entführte zu Schaden kommt.
Das Löschen der Erinnerung würde ich jetzt schon als solchen Schaden bezeichnen, und im Endeffekt stirbt Clark G. Flipper auch noch daran.
Okay, daran sind auch die Geheimdienste nicht unschuldig, aber ohne die Entführung wäre Captain Flipper nicht gestorben.
Aber was soll‘s. Manchmal muss man halt auch jemanden für das große Ganze opfern.
Illegaler Grenzübertritt und Landfriedensbruch sind dagegen richtige Bagatellen. Kleinigkeiten. Das Tüpfelchen auf dem i.
Und seine Kämpfe gegen die chinesische Armee?
Man sieht, bereits die Gründung der dritten Macht erfolgt durch sieben Verbrechen.
Später kommt noch Börsenbetrug dazu. Die dritte Macht gewinnt Milliarden – aber diese Milliarden haben andere verloren.
Wahrscheinlich, wie es so üblich ist, die kleineren Anleger.
Tja, Pech gehabt.
Sternenreich – hobeln – Eier zerschlagen.
Das Problem ist, dass tatsächlich einige richtige Entscheidungen dabei waren. Hätte Rhodan Crest in die USA gebracht, wäre der Arkonide nicht geheilt und zum Lehrer der Menschheit geworden, sondern einer hochnotpeinlichen Befragung durch die Geheimdienste unterzogen worden. Und wer denkt, dass das irgendwie nach Folter klingt, der hat Recht.
Na schön – Daumenschrauben und Streckbank vielleicht nicht mehr, aber ich denke, dass am Ende Crest ein körperliches und seelisches Wrack gewesen wäre.
Bis er an seiner Leukämie gestorben wäre.
Die Reaktion der anderen Mächte – hätten sie davon erfahren – wäre wohl unbedeutend gewesen, denn die Frage ist, ob Thora nur den amerikanischen Kontinent oder gleich die ganze Erde sterilisiert hätte, um Crest zu rächen.
So oder so, der Mensch hätte die Aktion wahrscheinlich nicht überlebt.
Scheinbar heiligt der Zweck manchmal doch die Mittel.
Hat also Perry Rhodan vom pragmatischen Standpunkt richtig gehandelt? Ganz bestimmt.
Vom moralischen gesehen? Vielleicht.
Vom gesetzlichen? Auf keinen Fall.
⭐️
Kommen wir jetzt aber zum eigentlichen Thema. Der Artikel heißt ja nicht umsonst im Untertitel ‚im Gleichschritt in die Zukunft‚.
Die ‚gemäßigte‘ Militärdiktatur
Nach der Gründung ist die dritte Macht laut ‚Perrypedia‘ eine gemäßigte Militärdiktatur.
Was soll ich mir denn darunter vorstellen? Ist das vielleicht wie „ein bisschen schwanger“?
Fangen wir doch einmal mit der Bedeutung der Worte an:
Wir wissen alle, was eine Diktatur ist. Einer hat das Sagen, und alle anderen dürfen genau das machen, was dieser Eine befiehlt.
Ursprünglich war diese Herrschaft eines ‚Consul sine Collega‘ von den Römern als Einrichtung in Notzeiten gedacht, nämlich wenn die gewählten Konsuln den Karren – zum Beispiel während eines Krieges – in den Sand gesetzt hatten. Nach sechs Monaten gab er das Amt wieder ab und kehrte zu seiner üblichen Beschäftigung zurück. Was Patrizier halt so im allgemeinen machen.
Nun, bei Cornelius Lucius Sulla wurden es drei Jahre – der hatte allerdings nicht auf den Senat gewartet, sondern sich gleich selber zum Diktator ernannt.
Für die Römer war das also ein Amt wie jedes andere. Und für den Mann, der dazu ernannt wurde, zumeist keine reine Freude, sondern eher ein schwarzer Peter.
Aber ja nu, einer muss halt die Karre halt wieder aus dem Dreck ziehen. Nichts dagegen einzuwenden, wenn man den Typ nachher auch wieder los wird.
Und da beginnt die Crux mit den modernen Diktatoren, die wollen unbedingt auf ihrem Thron sitzen bleiben. Mit allen Mitteln.
Sie haben keine ‚Virtes‘, keine Bürgertugenden mehr, sondern nur noch Machtgier.
Okay, es soll jetzt aber kein Artikel über das Imperium Romanum werden, sondern es geht um die Tertia Potentia. Die Dritte Macht.
Kann mir eigentlich jemand sagen, warum gerade DRITTE Macht? Es gab doch schon DREI Machtblöcke – wobei Europa inklusive Großbritannien wohl zwischen den USA und der Sowjetunion aufgeteilt und als eigenständiges Gebilde nicht mehr existent war.
Eigentlich seltsam – bei einer deutschen Serie.
Eine ESA-Mission? Perry Rhodan ein Brite, Reginald Bull(e) ein Deutscher, Eric Manoli Italiener, und aus Clark Flipper wäre der Franzose Lucien Faché geworden?
Nun ja, eine Chance verpasst. Auch bei NEO.
Zurück zum eigentlichen Thema.
Militärdiktatur ist es dann, wenn der Chef ein Offizier ist und seine Macht auf das Militär stützt, das eine Veränderung des Status quo verhindert. Natürlich sind dann auch die Ministerposten von Offizieren und guten Freunden des Diktators besetzt.
Das alles trifft auf die Dritte Macht komplett zu. Der Chef ist ein Offizier, und sonst gibt es praktisch nur Militär und Roboter in Galacto City.
Zumindest habe ich nichts von Zivilisten gelesen. Na ja, vielleicht ein paar Ehefrauen, aber in den frühen Sechzigern des 20. Jahrhunderts zählten Frauen leider noch nicht sehr viel. Kinder, Küche, Kirche, das war so ziemlich alles, was man der holden Weiblichkeit im allgemeinen Rollenbild zugestand.
Wobei – gab es so etwas eine Kirche und einen Priester egal welcher Konfession überhaupt in Galacto City?
Also ich würde sagen, die Dritte Macht erfüllte alle Voraussetzungen und war daher durchaus eine Militärdiktatur. Soweit, so gut.
Nur das Wort gemäßigt macht mir Kopfzerbrechen.
Ist es vielleicht, weil Rhodan nur Major und kein General war?
Oder weil es gar keine Zivilisten gab?
Was ist eine gemäßigte Diktatur?
Es gibt keine gemäßigte Diktatur. Wenn Einer allein alle Entscheidungen trifft und alle gehorchen (müssen), dann ist das eine Diktatur. Auch ohne Lager und Folter.
Ich möchte hier noch einmal in Erinnerung rufen, dass eine Diktatur in der Form, wie sie von den Römern lange gehandhabt wurde, nicht per se etwas Schlechtes sein muss. Wenn man den Diktator auch wieder loswerden kann.
Es gibt also gemäßigte Diktatoren. Aber eine gemäßigte Diktatur? Nein, gibt es nicht.
Aber gut, gehen wir weiter. Mit überlegener Technologie und entsprechend schwerer Artillerie sowie List, Tücke und einem betrügerischen Börsenmanöver steht endlich die Keimzelle der geplanten Weltherrschaft.
Entschuldigung – der vereinten Erde natürlich.
Daran ist jetzt prinzipiell nichts auszusetzen – es fragt sich nur, welche Rechte haben die einzelnen Counties, Provinzen, Mitgliedstaaten und Planeten? Ist es eine Konföderation, die man im schlimmsten Fall auch wieder verlassen kann, oder sind es gleichgeschaltete Gaue, die in einen Einheitsstaat geprügelt werden und nichts mehr zu sagen haben, weil da oben einer sitzt, der die ganze Macht an sich gerissen hat.
Wir werden später (vielleicht in einem eigenen Artikel) noch darüber reden müssen – wir sind jetzt immer noch bei dieser kleinen, aber mächtigen Militärdiktatur am Ufer des Goshun-Sees.
Irgendwie überzeugt Rhodan auf der Venus eine Positronik – also ein fortgeschrittenes Rechenzentrum – davon, dass er in Zukunft der rechtmäßige Besitzer einer großen Basis auf dem Dschungelplaneten Venus ist.
Ja, ich weiß, die Venus ist keine vor Leben strotzende Welt mit warmem Dschungel und großen Meeren, sondern eine heiße Hölle aus giftigen Gasen. 1961 war man sich da noch nicht so sicher, und als man es dann endlich war, hatte sich die Dschungelwelt bei Perry Rhodan bereits etabliert.
Die Serie soll ja auch kein astrophysikalisches Lehrbuch sein, sondern unterhalten.
Sonst hätte man schon das Planetensystem von Arkon ganz anders anlegen müssen.
Ich zitiere einmal aus der Perrypedia:
Spektralklasse: A8V (hellgelbe Sonne) – etwas später in weiß geändert
Oberflächentemperatur: 8.200 Grad Kelvin
Durchmesser: 2,5 Millionen Kilometer
Masse: 51,1 Sonnenmassen
Bei dieser Masse und Temperatur wäre der Beginn der habitablen Zone 100 Astronomische Einheiten von der Sonne entfernt. Das ist noch weit hinter dem Kuiper-Gürtel, und sie würde bis in die Oortsche Wolke reichen. Dann würde das Jahr am inneren Rand der Zone knapp über 183 Erdenjahre dauern.
Ein Klacks.
Ein kleines Interludium:
E. E. ‚Doc‘ Smith hatte 1928 eine Serie um das Raumschiff Skylark begonnen. Hier fliegen die Helden noch einfach los und erreichen ohne zusätzliche Hilfsmittel die Überlichtgeschwindigkeit – die noch nicht als Konstante allgemein bekannt war.
Nur drei Jahre später kamen die Lensmen des gleichen Autoren auf den Markt – und hier war bereits ein ‚trägheitsloser‚ Antrieb nötig, um zwischen den Sternen zu reisen.
Das Wissen verändert sich eben.
1961 war der Personal Computer noch ein ferner Traum. Es gab zwar schon Versuche mit Relais und Röhren – aber der 1961 bei der NASA benützte IBM nahm trotz Transistoren und Halbleitertechnologie immer noch einen ziemlich großen und voll klimatisierten Raum in Anspruch, als Speicher dienten mehrere große Tonbandrollen.
Die älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch. ¼ Zoll (6,35 cm) breit, ein Durchmesser von rund 30 Zentimeter oder mehr…
Kein Wunder, dass selbst eine große arkonidische Positronik einem heutigen Smart- oder I-Phone nicht wirklich das Wasser reichen kann.
Okay, der Robotregent auf Arkon vielleicht schon.
Noch.
Aber zumindest hatte er bereits visuelle und akustische Ausgabe – das Venusgehirn spuckte noch eine Art Magnetstreifen aus.
Bildschirm? Nope!
Ende des Interludiums
Wir waren beim Venusgehirn.
Hier ist es einmal nicht Perry Rhodan der große Held im Alleingang, hier muss Crest kräftig mithelfen, damit Rhodan das Gehirn benutzen darf. Perry schließt sich dann mehrere Tage mit Koffern voller aufbereiteter Daten im Kontrollraum ein. Von der Benützung eines Scanners ist dabei nicht die Rede.
Tippt Perry Rhodan etwa alles manuell ein? Das würde allerdings die Zeitspanne erklären.
Und das Ergebnis?
Der Angriff auf die Erde läuft bereits, der Generalalarm wird ausgerufen und alles, was den Weltraum erreichen kann, starten. Als dann jede Suche nach einem Angreifer erfolglos bleibt, erklärt Crest, dass damit auch gemeint sein kann, dass erst Vorbereitungen laufen könnten. Wenig beruhigend.
Damit kommen wir zum nächsten Höhepunkt.
Ortungsalarm!
Nur 26 Lichtjahre von Sol entfernt werden multiple Transitionen angemessen, und Perry Rhodan beschließt, mit der Kaulquappe GOOD HOPE einmal nachzusehen.
Das erste Mal, dass er alles auf eine Karte setzt. Falls er mit der GOOD HOPE nicht zurück kommt, ist die Dritte Macht den Mächten der Erde ziemlich schutzlos ausgeliefert.
Die paar selbst gebastelten Knallfrösche und die kleine Roboterarmee, die er zurück lässt, würden im Verein mit dem Hypnoblock, den Rhodan seinem Vertreter Freyt verpasst, diesen Staat nicht lange schützen.
Aber er muss!
Er hat niemanden, dem er wirklich vertraut. Vielleicht noch Bully – aber warum nimmt er ihn dann mit und lässt ihn nicht anstelle von Freyt zu Hause auf die Dritte Macht aufpassen?
Vielleicht hat er ja Angst, dass Reginald auf der Erde von einem Fettnäpfchen ins nächste springt.
Und er, er selbst muss immer vorne mit dabei sein. Er, der starke Mann an der Spitze.
Der einzig fähige Pater Patriae.
Das Alphamännchen schlechthin. Der Obermacho.
Der rote Baron, Captain America und Reed Richards in einer Person.
Was mich jetzt noch einmal zu den vier von der STARDUST zurück bringt. Also, Perry Rhodan kennen wir jetzt ja, das ist der Supermann der Serie.
Eric Manoli ist Arzt – und das macht er ganz gut. Natürlich stellt sich die Frage, warum bei einem Flug zum Mond unbedingt ein Arzt mit dabei sein muss – aber vielleicht hat er ja eine Zusatzausbildung, von der man nicht so ausführlich spricht. Egal, er ist ruhig und kompetent.
Aber was ist mit Bully? Captain Reginald Bull? Also, ich habe manchmal das Gefühl, dass er in den Romanen von Zeit zu Zeit ein wenig tollpatschig wirkt. Nicht ganz helle. Ein tapsiger Bär.
Ist es vorstellbar, dass die NASA – also, in diesem Rahmen die Space Force – einen solchen Mann ins All schickt?
Aber der ‚schlimmste’ ist Clark Flipper. Welcher Idiot schickt einen Mann, dessen Frau drei Monate vor der Geburt seines Kindes ist, auf eine solche Mission? Besser gesagt, auf irgend eine Mission. Dass ein solcher Mann im Notfall dann vielleicht nicht mehr ganz klar denken kann, liegt doch auf der Hand. Also, wer ist dafür verantwortlich? Und warum?
In der Realität wurde Thomas „Ken“ Mattingly von der Teilnahme am Flug von Apollo 13 ausgeschlossen, weil der Reservepilot an Röteln erkrankt war und man feststellen musste, dass Mattingly nicht gegen diese Krankheit immun war.
Tschüss Ken, hallo Jack Swigert.
Also, die echte NASA lässt einen Mann nicht starten, weil er vielleicht irgendwann einmal Röteln bekommen könnte, aber die Space Force schickt einen Mann ins All, der mit seinen Gedanken ausschließlich bei seiner schwangeren Frau ist? Lieutenant General Ponder wird als fähiger Offizier beschrieben, und der setzt Flipper in dieser Lage in das Mondschiff? Warum nicht Freyt, Deringhouse oder Nyssen? Wollte da jemand die Mission vorsätzlich gefährden oder war da irgend jemand einfach nur ein ausgemachter Idiot?
Geändert hätte es allerdings nichts, denn Perry Rhodan hatte sein ‚Absetzmanöver‘ ja sehr gut geplant.
Zurück zur Ortung im Wega-System.
Perry glaubt also, alle Entscheidungen selbst treffen zu müssen, er ist halt der einzig wirklich Fähige in der Dritten Macht.
Also schnappt sich der große Held die GOOD HOPE, Thora, Crest, zwei Luft-Raumjäger, fünfzig getreue Kosmonauten, dazu noch eine Handvoll Mutanten und fliegt los.
Er landet mitten in eine Raumschlacht.
Im Wega-System schlägt er sich im Verlauf dieser Schlacht auf die Seite der (humanoiden) Ferronen gegen die (reptiloiden) Topsider. Die Topsider haben ein paar hundert Schiffe in die Schlacht geschickt, aber Perry der Große räumt mit einem 60-Meter-Beiboot unter ihnen auf.
Ich habe schon an anderer Stelle erwähnt, dass ich die Topsider-Kreuzer für keine wirklich gelungene Konstruktion halte – und das hat nichts mit der Bleistift-und-Kugel-Form zu tun. Aber dass sie so extrem schlecht sind…?
Ich meine, stellen wir uns doch einmal vor – eine moderne Korvette der Braunschweig-Klasse (Ich habe es extra gegoogelt – diese deutsche Konstruktion gehört zu den modernsten dieses Planeten) gegen eine Flotte aus dem WKII. Sagen wir einmal, die amerikanische Flotte bei Midway. Oder eine der Flotten aus dem WKI bei Skagerrak.
Ich weiß ja nicht, wie viele Raketen so eine Korvette an Bord hat, aber wie lange würde sie sich wohl halten? Auch wenn sie zusätzlich noch ein wenig Unterstützung durch einige hölzerne Segelschiffe erhält? Sagen wir – die englische Flotte unter Nelson. Also – zehn, zwanzig oder vielleicht dreißig Minuten?
Dann taucht plötzlich ein richtiges arkonidisches Schlachtschiff mit 800 Meter Durchmesser auf dem Schauplatz auf, leider aber in den falschen Händen. Hier hilft selbst das strategisch-taktische Genie des Fliegerasses Perry Rhodan wenig. Die GOOD HOPE wird so ganz nebenbei in einen Haufen Schrott verwandelt.
Aber keine Sorge, mit Hilfe der Mutanten kann Perry Rhodan den Topsidern den Giganten wieder abnehmen und behält ihn.
Na schön. Er ist und bleibt eben ein militärisches Genie. Auf Dauer unbesiegbar.
Was bei der ganzen Sache so nebenbei vorkommt: Perry Rhodan möchte eine Echse nackt sehen.
Na ja, gut, warum auch nicht? Kenne Deine Feinde.
Honi soit qui mal y pense.
Der große Machismo
Allerdings frage ich mich, warum er dabei Thora und die weiblichen Mutanten aus dem Raum schickt.
Was denkt er sich dabei? Dass die Frauen – ja, was denn? Peinlich berührt sein könnten? Erregt? Irgend etwas anderes?
Hallo! Topsider sind Echsen! Intelligente Echsen, aber Echsen.
Aber das wirklich Seltsamste an dieser Sache ist, dass Thora ohne Widerrede tatsächlich den Raum verlässt. Da hat die Frau eine ArkSuumia-Ausbildung, mit Extrasinn, Logiksektor und allem drum und dran. Sie hat es zur militärischen Kommandantin eines Raumschiffes gebracht und ist daher ganz bestimmt nicht ungebildet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie die Biologie der intelligenten Spezies unter Arkons Herrschaft kennt – und Topsid ist immer noch Teil des Ark’Tussan, als sie auf der Erde strandet. Darüber hinaus ist sie stolz und fühlt sich den Menschen ganz allgemein überlegen. Sie hält sich für etwas Besseres als die kleinen Barbaren von der Erde. Und diese Frau soll jetzt ohne den geringsten Protest den Raum verlassen, nur weil eine Echse die Hose hinunter lassen muss?
Ich denke eher, sie hätte Rhodan das arkonidische Äquivalent zum Digitus impudicus gezeigt. Bei den Griechen etwa ist es ein hochgereckter Daumen mit der Bemerkung κάτσε πάνω του (kátse páno tou – setz dich drauf). Ob Thora das ‚Götz-Zitat‘ bereits kannte, ist unsicher, aber irgend etwas in der Richtung kennen die Arkoniden sicher auch.
Der erste Perry Rhodan erschien 1961. Zu dieser Zeit ist die Frauenbewegung schon stark genug geworden, dass die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau in der Verfassung steht. Frauen dürfen wählen, arbeiten, ein eigenes Konto eröffnen, den Führerschein machen und einiges mehr, alles, ohne ihren Ehemann um Erlaubnis zu fragen. Der Patriarch, welcher der alleinige Herr im Haus ist, war damals also bereits vom Podest gestoßen – allerdings nicht in der Trivialliteratur. Da blieb die Welt noch in Ordnung, und es gilt weiter das Bibelwort: Das Weib sei dem Manne untertan.
Irgendwie scheinen die Autoren in den 40er und 50er Jahren stecken geblieben zu sein.
Ich habe natürlich die Gnade der späten Geburt. Als Jahrgang 1959 erlebte ich in meiner Jugend die bereits halbwegs von den Fesseln befreite Frau, die sich nichts mehr verbieten lassen wollte. Wenige Jahre später standen in Griechenland große Schilder an den Stränden, dass Frau doch bitte nicht das Oberteil des Bikinis ausziehen solle, man sei in einem christlichen Land – selbst gesehen.
Das war oft ein gewisses Problem – manche Frauen besaßen einfach keines mehr…
Das Witzige ist, dass damals eigentlich niemand mehr wirklich hinsah, genau so wenig wie man es auf den FKK-Stränden macht.
Aber egal, das und die neu erwachte Prüderie sind hier nicht das Thema, zurück zu Perry Rhodan.
Warum die Autoren glauben wollen, dass eine intelligente Frau wie Thora dieses Spiel mitmacht, ist mir ein Rätsel.
Ebenso verhält es sich mit den Mutantinnen. Andauernd kommen die ‚schwachen Frauen‚ in Gefahren, aus denen sie starke, behaarte Machos mit dem Strahler in der Faust retten müssen. Später kommen auch noch Frauen anderer Völker wie etwa die Akonin Auris von Las-Toór dazu.
Und wenig überraschend – vorwiegend von Terranern, die wohl die fähigsten, besten, stärksten und so weiter Männer sind. Das Geschenk an das Universum schlechthin.
Ich habe mich immer gefragt, warum Frauen nicht selber zum Strahler greifen…
Aber – wir sind ja immer noch im Wega-System.
Perry Rhodan knöpft den Topsidern also das Schlachtschiff ab und vertreibt damit die Echsen. Mit 40 Männern und ein paar Mutanten.
Die angewandte Taktik ist sogar einleuchtend.
Transitionen mit minimalster Entfernungseinstellung – aus allen Rohren feuern – mit einem Sprung wieder verschwinden, bevor der Feind das Feuer entgegnen kann. Energiestrahlen sind eben auch nur lichtschnell, also klassisches hit and run. Natürlich etwas schmerzhaft für die Besatzung, aber ziemlich erfolgreich.
Und die spätere STARDUST II ist ja wirklich ein echtes Schlachtschiff, kein bewaffnetes Forschungsschiff wie das auf dem Mond zerstörte
Schlachtschiff. Also, mir fallen da irgendwie immer die ARIZONA und die YAMATO ein, aber die sind klein im Vergleich zur STARDUST. Die YAMATO als größtes Schlachtschiff hat 263 Meter Länge, die GERALD R. FORD als größter Flugzeugträger misst 337 Meter und hat eine Besatzung von 4.539 Personen.
Es ist also klar, dass bei einem Schiff wie der STARDUST II auf Dauer 40 Personen nicht ausreichen werden, um sie wirklich zu betreiben. Perrypedia spricht von 300 Männern plus 180 für die Kaulquappen. Von Frauen wurde damals nicht gesprochen, aber man hat mir gesagt, dass in den Silberbänden steht, dass auch Frauen an Bord der STARDUST II gehen. Aber ganz ehrlich, abgesehen von Thora und den Mutantinnen – wie viele Frauen kommen denn in den ersten 49 Bänden NAMENTLICH vor?
Die Rallas zählt nicht, die ist eine Illusion von ES.
Ach ja, Mildred Orsons und Felicitas Kergonnen.
ELF TAGE?
Aber ganz egal, ob jetzt eine rein männliche oder eine gemischte Besatzung an Bord geht, es stellt sich eine Frage.
WOHER nimmt Perry Rhodan die Leute?
Für ein arkonidisches Schlachtschiff wird man wohl keine ungelernten Schmier- und Pulveraffen benötigen, sondern hervorragend ausgebildete Spezialisten.
Und nur mit Hypnoschulung kommt man da nicht aus, da ist ständiges Üben angesagt. Drill, Drill, Drill, bis er zum Hals herauskommt. Um ein Auto bedienen zu können, braucht man keine Hypnoschulung, aber die richtige Reaktion zur richtigen Zeit – da braucht man Praxis.
Und Veranlagung.
Wie also wählt Perry Rhodan die Leute aus?
Wie kann ich mit das vorstellen? Geht er zu seinem ehemaligen Chef und sagt: „Hello, Mister President, ich brauche mal ein paar U-Bootfahrer. Offiziere und Mannschaften.“ Und Richard Nixon (er war in realitas 1971 Präsident der USA) sagt dann wohl: „Klar, Perry, bediene dich nur. Nimm dir, was du brauchst.“
Und jetzt die Kernfrage: wie sieht es psychisch mit den Anwärtern aus? Wie verhindere ich einen Saboteur?
Das Problem ist, dass die dritte Macht immer noch Personalmangel hat, und Rhodan gar nicht damit rechnen konnte, diese Leute so schnell zu brauchen.
Also – Auswahl, Hypnoschulung, Training, alles in 11 Tagen. In nur ELF Tagen!
In elf Tagen sind noch nicht einmal alle nötigen Dokumente ausgefüllt! Hier verlassen wir die Science Fiction völlig und driften in pure Fantasy ab.
Fangen wir einmal mit der Auswahl an. Die Granden der Dritten Macht wälzen Akten – wahrscheinlich ein paar tausend. Nimmt er nur Amerikaner, oder sind auch ein paar Europäer dabei? Russen und Asiaten wird er damals wohl noch nicht in Betracht gezogen haben, und auf dem Staatsgebiet in der Gobi – also, so viele dürften da wohl noch nicht gelebt haben. Zwischen Mondflug und und Wega dürften meiner Schätzung nach minimal fünf und maximal zwanzig Jahre liegen.
Okay, damit ist Richard Nixon vom Hacken, da sind wir näher an Ford, Carter oder Reagan.
Wie sind eigentlich die bürokratischen Hürden bei der Einwanderung in die Dritte Macht?
Wer will in diese Diktatur eigentlich einwandern. Und – ja, ich bin da etwas lästig – welche Frau sollte das Bedürfnis haben, in dieses Macho-Paradies zu gehen?
Also Perry, John Marshall und Bully reden mit tausenden Männern und wählen irgendwie 480 aus.
Eintausend Gespräche! Nehmen wir nur fünf Minuten pro Sitzung, sind das 5.000 Minuten.
Das sind dreieinhalb Tage, wenn die Helden keine Pause machen.
Ich möchte nicht penibel sein, aber hallo! Das geht sich doch nie aus. Unmöglich!
Also, wo nimmt Perry Rhodan die Besatzung für die STARDUST II her?
Was nun folgt, ist die Jagd nach dem ewigen Leben. Wir alle wissen, wie es weitergeht. Die Dritte Macht expandiert, die Russen besetzen die Venus und zwingt das russische Expeditionskops durch das Abschneiden von Nachschub dazu, die ersten Siedler auf der Venus zu werden.
In diesem Abschnitt wird Thora sehr ambivalent geschildert, aber nie als erwachsene Frau. Sie benimmt sich eher wie ein trotziges Kind, nicht wie eine starke Raumschiffkommandantin, die sie sein sollte.
Irgendwann klaut sie einen ‚Zerstörer‘ und fliegt zur Venus, wo sie prompt den Soldaten in die Hände fällt. Und wieder ist sie das hilflose Opfer.
Na schön – 40er, 50er Jahre, auch wenn es in den 60ern geschrieben wurde. Aber am Ende ist die Erde unter dem wohltätigen Zepters vereint. Der große Chef hat die Erde übernommen und regiert – natürlich mit sanfter Hand und Wohle der Menschheit.
Was nichts daran ändert, dass es immer noch eine lupenreine Diktatur ist. Wie das mit der Wahl des ersten Administrators ist – da möchte ich jetzt nicht näher darauf eingehen.