Neelis Träneni
Eine Legende aus dem Archipel
Erzählt von Uwe Lammers
Einleitung:
Der Archipel ist voll von Legenden um die Göttin Neeli, die allgemein als einer der wesentlichen Ursprünge für Fruchtbarkeit der Natur gesehen wird, worin besonders die menschliche Natur inbegriffen wird.ii Die Neeli-Legenden werden vornehmlich von Frauen oder jenen Männern weitererzählt, die zu Berufsgruppen zählen, die stark mit Fruchtbarkeit und ihrem Gegenteil, dem Tod, in Kontakt kommen. Es kann also nicht verblüffen, dass Seeleute und besonders Fischer viele Neeli-Legenden kennen.
Doch auch Frauen, die in traditionellen Archipelfamilien aufwachsen, tradieren solche Mythen und geben sie an ihre Töchter weiter. Eine dieser Frauen war Anya Tvallachiii, die bei einem Segelmanöver vor der Insel Nushaygooniv einen schrecklichen Tod findet. Ihre Tochter Gladys Tvallachv wird Jahre später als junge Frau Opfer einer mörderischen Adelsintrige, der sie gerade noch mit heiler Haut entkommen kann.
Annähernd nackt findet sie am Strand der Insel Shulraayvi Zuflucht bei zwei Fischern, dem graubärtigen Roydranvii und seinem jungen Sohn Farango.viii Um hier vor den Häschern aus dem feindlichen Xhaibech-Clanix sicher zu sein, spielt Gladys die Rolle der Sklavin Yalanax, und die beiden Männer bedienen sich bald – auch sehr zu ihrem eigenen Vergnügen – ihres Körpers auf sinnlichste Weise. Gladys verliebt sich dabei unsterblich in Farango.
Als jedoch herauskommt, dass die Fischer sie nach dem Auftauchen und Verschwinden der Xhaibech-Jäger durchaus nicht ziehen lassen möchten, sondern sie stattdessen ihre Sklavinnenrolle lebenslang weiter„spielen“ soll, da ergreift das verschreckte Mädchen schließlich ganz nackt die Flucht und verirrt sich ins Innere von Shulraay, wo Gladys einen Nervenzusammenbruch erleidet. Während sie hier mit dem ungerechten Schicksal hadert, erwacht in ihr die Erinnerung an eine alte Legende, mit der ihre Mutter die Geheimnisse der Welt zu erklären suchte, als Gladys noch ein kleines Mädchen war …
Insel Shulraay, Invashin-Archipel, irgendwann im Herbst 682 Archipelzeitrechnung:
Als bald darauf der Morgen graute, knurrte Gladys´ Magen unweigerlich, der sich natürlich auf die reguläre Morgenmahlzeit gefreut hatte, die er nun nicht bekommen würde. Daran war bis auf weiteres nichts zu ändern.
Die junge Adelige hatte längst aufgehört, immer mal wieder zwischendurch zu weinen und inzwischen fünf Buchten hinter sich gebracht, die alle schrecklich gleich aussahen. Natürlich, die Vegetation reichte mal mehr, mal weniger dicht ans Ufer, in einer sichelförmigen Bucht war der Sand reichlich gesprenkelt gewesen von großen Blöcken, die zum großen Teil im Sand versunken waren und um deren Ränder sich tückische Strömungen gebildet hatten. Hier war Gladys Tvallach dann notwendig auf den Sandstrand zurückgewichen und hatte hier eifrig ihre Fußspuren ausgelöscht.
Jetzt jedoch bot sich ihr bei Sonnenaufgang ein zauberisches, ganz anderes Bild, das sie vorübergehend von ihrem Seelenkummer entband: zu ihrer Linken glitzerte das Meer, das aussah, als wäre es von flüssigem Kupfer bedeckt. Die rote Sonnenscheibe tauchte feurig aus dem Meer auf, und der Himmelswagen des Sonnengottes Laraykosxi würde nun seinen täglichen, wilden Ritt über das Firmament beginnen. Der Anblick ließ ihr Herz wilder und stärker pochen, als sie es jemals für möglich gehalten hätte.
Zu Gladys´ Rechten jedoch floss ein Strom wie aus Blut und Feuer aus dichtem Gehölz direkt ins Meer. Wenigstens hatte es auf den ersten Blick diesen Anschein. Erst ein Moment der Reflexion erschloss, dass es lediglich das blutrote Licht der aufgehenden Sonne war, die alle Wasserflächen in flüssiges Feuer verwandelte, so auch jenen Fluss, der hier ins Meer mündete.
Erwachende Vögel begannen in den Wipfeln der Bäume zu krähen und zu keckern, und ein milder Meerwind bauschte die schweren, staubbedeckten grünen Wedel der Pflanzen. Es wurde wirklich wieder Zeit für einen Regenguss. Der Tag versprach jedoch heiß zu werden, der Himmel zeigte nicht eine einzige Wolke … nun, wie es hier auf Shulraays Küstenseite eben normal war.
Gladys, die sich ihrer empfindsamen Nacktheit sehr bewusst war, blieb einen langen Moment stehen und betrachtete aufmerksam die Landschaft ringsum … insgeheim hielt sie Ausschau nach Zeichen menschlichen Lebens, nach Wegen, Gebäuden, Rauchsäulen, die Feuerstellen ankündigten – doch nichts weit und breit signalisierte auch nur im Mindesten, dass hier Menschen lebten.
Es gab kein Dorf, keinen Anleger, kein Boot auf dem Wasser, keine gefällten Bäume.
Nichts.
Jedenfalls nicht hier.
Sie stand in ihrer knusperbraunen, geschmeidigen Nacktheit einfach nur da und erschauerte. Jetzt erst kam Gladys allmählich zu Bewusstsein, was sie eigentlich getan hatte.
„Meine Güte“, flüsterte sie hilflos.
Das kleine Tier namens Furcht knabberte wieder an ihrem Herzen, und sie überlegte wie schon so oft seit dem Beginn ihrer Flucht, ob es vernünftig war, das zu tun, was sie tat. Eine durchweg sinnlose Frage.
Sie hatte nicht genug nachgedacht. Sie hatte überhaupt gar nicht nachgedacht, sondern rein spontan, reflexhaft gehandelt. Und nun war es für eine Umkehr zu spät.
„Gott, wenn ich das nicht tue, weiß ich doch ganz genau, was meine Zukunft ist!“, sagte Gladys leise, aber sehr energisch, und sie meinte damit ihre Flucht, nicht eine eventuelle Rückkehr, nach der sich zwar ihr Herz sehnte, der Verstand jedoch fürchtete. „Farango möchte, dass ich so bleibe, wie ich bin – NACKT! Und zwar möchte er es, solange ich in der Bucht bei ihnen lebe … da er mein Kleid verbrannt hat und auch Roydran behauptet, ich sei doch jetzt die … die SKLAVIN YALANA …, deshalb werde ich … nicht … nie … nie …“
Sie brach schlagartig ab und presste die Lippen fest aufeinander, um zu verhindern, dass sich ihrer Kehle ein Schluchzen entrang. Ein Schluchzen des Unglaubens. Des Schreckens. Die Fassung, die sie mühsam gewahrt hatte, erwies sich als ungemein fragil und brach gerade wieder ein.
Der Gedanke, den sie sich anschickte, auszusprechen und ihn doch nicht aussprechen konnte, war zu ungeheuerlich, zu groß, zu unfassbar, als dass er formulierbar gewesen wäre. Die Konsequenzen dessen, was Farango und Roydran angedeutet hatten … das wäre das Ende ihres früheren Lebens. Für immer!
Für immer!
Gladys Tvallach dachte an ihren süßen, kühnen, wunderbaren Liebhaber Farango. Und an seine ruhige, beherrschte Art, mit der er … sie … einfach so … ja … versklavt hätte!
Versklavt!
Was sie nicht über die bebenden, hilflos zitternden Lippen brachte, breitete sich in Gladys´ Verstand unweigerlich und unaufhaltsam aus, und es war eine entsetzliche Erkenntnis.
‚Ich wäre sein … und Roydrans … NACKTES EIGENTUM gewesen!’, erschauerte sie. Für eine Weile wäre das ja sicherlich erregend gewesen … ach, es WAR erregend gewesen … aber wenn sich Gladys vorstellte, dies für den Rest ihres Lebens sein zu müssen, wenn es nach den Fischern ging … einfach für immer … also, das war unerträglich, undenkbar, ganz unmöglich!
Wenn sie zurückging, würde Farango warten und genau das tun.
Sie unterwerfen.
Versklaven.
Ganz gewiss würde er auch über ihre Flucht wütend sein und … und … entsprechende Möglichkeiten der Bestrafung und Züchtigung finden. Die nächsten Wochen würden nicht angenehm sein, ganz sicher nicht. Gladys erbebte und schniefte unter der bloßen Vorstellung, was Farango sich vielleicht würde einfallen lassen.
Gütiger Laraykos, heilige Neelixii, sie hatte doch mitbekommen, wie schrecklich nachtragend er sein konnte, wenn er verletzt war … die Geschichte mit den Xhaibech war noch zu frisch, um vergessen zu sein.xiii Und nun, gerade, wo sie sich beide wieder wunderschön ausgesöhnt hatten und ausgelassen miteinander umgingen …, da … da … lief sie WEG? Ließ ihn im Stich? Verriet ihn?
Wie sollte Farango da nicht beleidigt sein?
Er würde ihr überhaupt nicht zuhören, wenn er sie zu fassen bekam, ahnte Gladys fröstelnd. Es würde ihn nicht interessieren, dass sie fortgelaufen war, um nicht für den Rest ihres Lebens nackte Sklavin zu sein … allein Zorn würde dann seinen Verstand regieren, seine Reaktionen ihr gegenüber dominieren.
Nein, besser nicht dran denken! Besser nicht dran denken!!!
Und zweifellos würden die beiden Fischer dann Maßnahmen treffen, um eine erneute Flucht wirksam zu verhindern.
Grässlich!
„Ich kann … nicht … zurück“, brachte das nackte Mädchen schließlich erstickt hervor. Diese Erkenntnis war so absolut und peinigend, dass Gladys meinte, auf der Stelle verrückt werden zu müssen. Es wäre vielleicht eine Wohltat gewesen, das zu tun … aber es gab auch noch Aufgaben für sie in der nahen Zukunft. Wichtige, dringende Aufgaben, um die Verhältnisse auf Nushaygoon wieder ins Lot zu bringen, wie auch immer.
Doch der Gedanke, dass eine Rückkehr zu Farango ganz ausgeschlossen sein würde, dass sie nie wieder seine Zärtlichkeiten würde spüren können, nie wieder sein warmes, schelmisches Lachen hören würde … ach, all das war wie ein brennender Dorn in Gladys´ Herzen, tat so weh, dass sie tatsächlich meinte, verrückt zu werden, wenn sie sich nicht irgendwie ablenkte.
Sie musste an etwas anderes denken. Sie MUSSTE einfach!
Ohne großes Nachdenken beschloss Gladys spontan, zu ihrer Rechten dem Flusslauf zu folgen, der aus dem Landesinneren strömte. Gewiss, dort gab es vermutlich nicht sehr viel, was es zu entdecken galt und ganz bestimmt keine Städte, aber das war Gladys momentan gleichgültig.
Nachdem sie erst einmal ihre Schritte in Richtung des Flussufers gelenkt hatte, wurde Gladys recht schnell klar, warum ihr Unterbewusstsein diesen Weg gewählt hatte: Sie wusste schließlich ihren geliebten, jungen, ungestümen Farango direkt auf ihren Fersen, und sie mochte sich nicht vorstellen, was er mit ihr anstellte, wenn er ihre Spuren fand. Am besten konnte man Spuren aber im Wasser verschwinden lassen.
Außerdem, aber der Gedanke kam der nackten Adeligen erst deutlich später zu Bewusstsein, außerdem nahm sie intuitiv an, dass Farango eher der Küste folgen würde. Er war doch ein Fischer, nicht wahr? Und sie hatte all die Monate an der Küste gelebt … was lag also näher, als sich entlang des vergleichsweise leicht begehbaren Strandes zu bewegen?
Die Überlegung, sie könne dem Fluss stromaufwärts gefolgt sein, würde ihm wohl auch erst mit einiger Verspätung kommen, wiewohl Farango gewiss nicht dumm zu nennen war. Und dann war er vermutlich nicht imstande, ihr zu folgen – es gab ein Gartengrundstück zu bewässern, nicht wahr? Während Gladys selbst Zeit im Übermaß hatte, sobald sie erst mal ihre Verfolger hinter sich gelassen wusste, unfähig, ihr zu folgen, mussten die Fischer sich um ihr Anwesen kümmern. Das begrenzte natürlich die Möglichkeiten, ihrer habhaft zu werden.
Seltsamerweise hatte der Gedanke etwas Beunruhigendes, und das, obgleich Gladys Tvallach doch ganz genau wusste, wie wütend Farango sein würde, wenn er sie erwischte! Es konnte doch nicht angehen, dass sie sich Sorgen darum machte, dass der junge Fischer sie NICHT erwischte! Das hörte sich wirklich sehr verschroben an!
Ach, sie war wohl schon ein bisschen verrückt.
Aber hieß es nicht immer, Frauen seien wesentlich irrationaler als Männer? So sagte man es wenigstens in Dhonbar: Männer galten als die Pragmatiker, die kühl und entschlossen planten und handelten, stürmische Tatmenschen und ruhige Theoretiker … und Frauen folgten den Launen und Leidenschaften ihres Herzens, waren (so hieß es) flatterhaft, unbeständig und stets ein Ausbund an Unvernunft und Narretei.
Nun, auf junge Mädchen traf das sicherlich zu, gestand sich Gladys bereitwillig ein. Aber so jung war sie ja nun auch nicht mehr. Und schmeichelhaft hörte es sich auch nicht an, solche Urteile über die eigene Seele zu fällen …
Das nackte Mädchen watete also entschlossen, wenn auch noch ziellos im knietiefen, kühlen Flusswasser in den Waldsaum hinein, stromaufwärts. Hier war es angenehm kühl, aber der Boden erwies sich an manchen Stellen als ziemlich unsicher. Wackelige, flache Steine lagen auf dem Grund, Wasserpflanzen erschwerten ebenso wie Schatten den Blick auf den Stromboden, und Gladys kam deshalb weitaus langsamer vorwärts, als sie eigentlich gehofft hatte.
Mühsam balancierte Gladys im strömenden, unangenehm drückenden Nass und tastete sich vorsichtig vorwärts. Die unerwartete Strömung verlangsamte ihren Vormarsch, erst recht natürlich, weil sie gelegentlich stehen blieb und sich furchtsam umschaute und bang wünschte, dass nicht plötzlich in Sichtweite Farango erschien. Dann würde natürlich jede Fortsetzung der Flucht vergebens sein, denn wenn er seine „flüchtige Sklavin Yalana“ erspähte, würde er sie mühelos einholen …
Doch er ließ sich nicht ausmachen.
Nun, dachte sich das Mädchen, halb erleichtert, halb von einem unidentifizierbaren Gefühl erfüllt, das beinahe Bedauern (!) sein mochte, so verrückt das klang, das war durchaus erleichternd. Es war noch immer früh am Morgen, und wahrscheinlich war Farango einfach wieder eingeschlummert. Jetzt gerade suchten Roydran und er vielleicht schon in der verkehrten Richtung. Dennoch mochte es noch Stunden dauern, bis Farango, der flinkfüßige Fischersohn, hier auftauchte und nach ihr Ausschau hielt.
Es gab also eigentlich gar keinen Grund, nervös zu sein oder sich Sorgen zu machen. Gladys tat das natürlich dennoch. Wie gesagt, sie war eine junge Frau, und in ihrer Brust war die Irrationalität eben daheim.
Durch diese Ablenkungen geschah es jedenfalls, dass Gladys auf ihrem Weg zwischen den baumgesäumten Ufern des Flusses stromaufwärts einige Male bis zum Busen versank und nur mit Mühe verhindern konnte, umgerissen und Richtung Küste gespült zu werden. Dabei musste sie sich dann wirklich sehr zusammenreißen, nicht laute Überraschungsrufe auszustoßen. Bei einem solchen „Einbrechen“ verlor sie, hastig Halt suchend, den bisher so hilfreichen Palmwedel, der rasch aufs offene Meer hinausgetrieben wurde.
Nun, dann würde sie sich wohl einen neuen besorgen müssen, resümierte Gladys, in Gedanken seufzend. Es gab jetzt wirklich Wichtigeres.
Sobald die Adelige außer Sichtweite der Anhöhe war und der Strand hinter der Biegung des Stromes verschwunden war, getraute sich Gladys, in etwas flacheres Wasser zu waten, so dass sie, wenn der Grund wieder schlüpfrig wurde, herabhängende Zweige von Büschen und Bäumen am Ufer erhaschen konnte, um sich festzuhalten. Hier am Rand floss das Wasser immer noch so schnell, dass sich keine Sandbänke gebildet hatten. Das Flussbett bestand im Wesentlichen aus feinem Kies und größeren Steinen, an geschützten Stellen wogten Tang oder ähnliche blatthafte Wasserpflanzen.
Seufzend wanderte Gladys geraume Zeit weiter flussaufwärts und kam schließlich an eine felsige und schattige Stelle, wo sie mühelos an Land steigen konnte. Hier gab es felsige, wie glatt poliert wirkende Steinpfannen, die bei Hochwasser oder dann, wenn nach starken Gewittern der Fluss anschwoll, gewiss vom Wasser abgeschmirgelt und bedeckt wurden. Nun trank Gladys erst einmal ausgiebig und begann sich dann endlich etwas auszuruhen und kurze Zeit später nach essbaren Früchten umzusehen …
Sie fand aber nicht viel Ruhe.
Es waren weniger die ungewöhnlich zahlreichen Vogelrufe ringsum, die Gladys beunruhigten, auch nicht das kräftige Rauschen des Windes in den Wipfeln der hohen, grünen Bäume, die dicht ineinander verfilzt und mit efeuartigen Rankenpflanzen, Lianen und allerlei hohen Büschen zu einer schieren grünen Wand zusammengewachsen waren. Niemand würde sie hier so schnell entdecken, und im Grunde genommen hätte die Adelige sich ganz entspannt zurücklehnen und ausruhen können. Die schmerzenden Füße hätten es Gladys ganz gewiss gedankt.
Doch wie gesagt – die Ruhe stellte sich nicht ein.
Viel mehr plagte sie ihr Gewissen.
Nun endlich wurde ihr nämlich klar, was eigentlich gerade geschah. Und während ihr das klar wurde, tauchten Gladys Tvallachs Gedanken in die Vergangenheit ab, in ihre Kindheit auf der Insel Nushaygoon, und diese Entdeckung rührte ihr Herz.
Gladys hockte, die Knie angezogen und die Hände um die Unterschenkel gelegt, auf dem Felsvorsprung und starrte ins Leere, auf die im wechselhaften, flackernden Sprenkellicht glitzernden Wogen des steten, ruhelosen Wassers, das aus dem Innern von Shulraay in ewigem Takt dem durstigen Ozean entgegenströmte.
Einmal vor langer Zeit hatte sie, entsann sie sich, von ihrer Mutter die Legende gehört, warum die Flüsse immer zum Meer strömten, und obwohl es schon ewige Zeiten her war und sie noch ein unreifes Mädchen gewesen war, als sie das hörte, klang ihr die Stimme von Anya Tvallach wieder im Ohr, als sei es gestern gewesen.
Auf einmal war es wie gestern.
„Und weißt du, Liebes, warum die Flüsse alle ins Meer fließen?“
„Tun sie das?“, hatte die kleine Gladys Tvallach gefragt, in dem viel zu großen weißen Bett liegend, das nach dem Wunsch ihrer Mutter einst viel besser zu ihr passen würde (in der Tat schlief Gladys in diesem Bett bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem die Clanregentin Saphira sie wecken ließ …)xiv. Ihr war nicht klar, dass sie in dem weißen Schlummerkleid mit ihren großen, schwarzen Augen und dem glatten, schwarzen Haar einen wunderschönen Anblick bot.
„Ja, das tun sie“, antwortete Anya Tvallach mit einem feinsinnigen Lächeln. „Und sie können gar nicht anders.“
„Das Wasser fließt aus den Bergen“, vermutete das Mädchen, das vielleicht neun oder zehn Jahre alt war. Es war ja nicht dumm und wurde schon unterrichtet. „Also fließt es bergab. Das geht doch gar nicht anders.“
„Der Volksmund kennt einen anderen Grund dafür, und dieser Grund wird dort geglaubt, wo man von Physik keine Ahnung hat. Magst du ihn hören?“
Und Gladys Tvallach war zwar ein junges, wohlerzogenes Adelsmädchen, doch wie alle Mädchen im Archipel hörte sie für ihr Leben gern Geschichten!xv Die Frage ihrer Mutter hatte also mehr rhetorischen Charakter.
„Oh ja! Ja!“
„Also“, berichtete Anya Tvallach mit leiser Stimme und feinsinnigem Lächeln, „es geht die Legende um, dass vor langer, sehr langer Zeit die Göttin Neeli, als sie die Untreue ihres heißblütigen Gemahls Laraykos wieder einmal Leid war – du weißt ja, dass er zahlreiche Affären mit Menschenfrauen hatte, und keine Frau erträgt das allzu lange, schon gar keine Göttin – also, vor langer Zeit begab sich die Göttin Neeli deshalb wieder einmal auf die Archipelwelt und wollte hier nichts als ihre Ruhe haben.xvi Ihr Gemahl konnte ihr, sagen wir mal so, in diesem Moment gestohlen bleiben.“
Gladys kicherte verschämt.
Manchmal konnte ihre Mutter sehr burschikos sein und äußerst unverblümt. Dann merkte man ihr an, dass sie aus dem Archipel stammte und nicht aus einer der Adelsfamilien … ihre Mutter Anya LEBTE einfach richtig, wusste wunderbare (meist ziemlich unzüchtige) Legenden zu erzählen, etwa über diesen amourösen Helden Vandeccaxvii, und statt gesittet und getragen ihre Legenden vorzutragen, neigte Anya Tvallach dann und wann zu einer recht flapsigen Redeweise.
Sie seufzte. „Du weißt ja in groben Zügen, was passierte, als Neeli auf der Insel Anneyoo Zuflucht suchte, nicht wahr?“xviii
„Oh ja!“, erschauerte die junge Gladys.
Sicherlich, sie hatte nicht genau erfahren, was damals auf der Insel Anneyoo, die es ja tatsächlich im Archipel gab, was alles noch viel gruseliger machte, geschehen sein mochte. Aber die Natur war im Angesicht der vegetativen Göttin Neeli schier verrückt geworden und hatte sich ihrer schlicht bemächtigt und eine unklare Zeitspanne lang als Geisel gehalten, so lange, bis Laraykos selbst sie fand und wieder befreite. Das war jedenfalls jene Version, die ihr bekannt war.
Und nun floh Neeli wieder auf die Archipelwelt? Das musste doch eine Katastrophe geben! Gladys gab das leise, flüsternd fast, zu bedenken.
Ihre Mutter lächelte und schüttelte den Kopf. „Neeli hatte natürlich aus den damaligen Ereignissen gelernt, Schatz … sie ist ja keine dumme Göttin, nicht wahr? Und weil sie genau wusste, wie sehr sie auf die belebte Natur wirkte, suchte sie sich deshalb eine Insel aus, deren Herz von zerklüfteten Bergen bedeckt war. Hier, in der ganz abgeschiedenen, feindseligen Umwelt, fand sie Ruhe. Und hier existierte keinerlei Vegetation und kein einziges Tier.“
„Aber … also … das war doch sicher nicht sehr angenehm“, sagte das Kind unsicher. Es kam Gladys sehr unrealistisch vor, dass jemand sich solch eine unwirtliche Gegend aussuchen würde, um sich zurückzuziehen, und wenn die Person die Göttin Neeli selbst war. „Ich meine … hatte sie denn nicht mal ein Kissen mit, auf dem sie sich zur Ruhe betten konnte? Oder eine Decke?“
„Nein. Neeli rollte sich dann einfach, wenn sie müde wurde, in einer Kuhle mit warmem Sand zusammen und schlummerte … du darfst nicht vergessen, Gladys, dass sie eine Erdgöttin ist, und es ist ihr nicht so wichtig, dass sie sehr bequem liegt. Du denkst immer von ihr wie von einer jungen Adeligen, einer Person wie mir oder Tante Saphira … das ist natürlich falsch …“
Anya Tvallach schmunzelte und fuhr mit ihrer Erzählung fort: „Aber genau darin fand sich erneut ein Problem, insofern hast du ganz den richtigen Punkt gefunden … die Göttin Neeli verfügte nun einmal über eine animalische, leidenschaftliche Anziehungskraft, jene wunderbare, unwiderstehliche Kraft, mit der sie normalerweise ihren Gemahl eine jede Nacht zu sich zieht und ihn verführt … und diese Anziehungskraft zeigte sich nun von neuem, als sie direkt am Tag nach ihrer Flucht dadurch erwachte, weil ihre Füße nass wurden.“
„Oh?“ Gladys war helle Aufmerksamkeit.
Hatte es nicht geheißen, Neelis Mulde sei trocken und sandig gewesen? Wieso war es da auf einmal nass? Hatte es nächtens vielleicht geregnet …? Handelte es sich um Laraykos´ Tränen, weil er seiner verschollenen Geliebten hinterher trauerte …?
Indes, es verhielt sich ganz anders.
„Ja, sie hatte sich eine behagliche Mulde ausgesucht, um zu schlummern, und sie hatte sich eigens davon überzeugt, dass diese Mulde die ganze Nacht trocken bleiben würde. Nun aber lief sie voll Wasser, und zwar recht rasch. Das war umso verblüffender, als sonst ringsum alles trocken war und es mithin keineswegs geregnet haben konnte. Das hätte die Göttin, die einen leichten Schlaf besaß, ja wohl auch zeitig mitbekommen, nicht wahr? Siehst du!
Neeli erklomm also ziemlich überrascht den felsigen Rand und blieb hier ratlos sitzen, während sie beobachtete, wie sich ihre Schlafstatt mit Wasser füllte, mit süßem, schmackhaftem Wasser. Das bemerkte sie, als sie ihren Durst darin löschte. Und dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Stimme hörte …“
„Stimme? Was für eine Stimme?“ Das Mädchen starrte seine Mutter ratlos und aufgeregt an.
Jetzt wurde es tatsächlich sehr interessant.
„Tja, das hat sich Neeli natürlich auch gefragt. Und wie du weißt, gebietet sie ja über die Natur … aus dieser Machtvollkommenheit befahl sie nun der Stimme, zu erscheinen und ihre Natur preiszugeben. Denn wie du dir denken kannst, Liebes, ist die Göttin nichts weniger abgeneigt als körperlosen Stimmen, die sie aus dem Nirgendwo necken. Auch du schaust ja den Leuten, die mit dir reden, am liebsten ins Gesicht.
Und so gehorchte die Natur natürlich Neelis verärgertem Befehl: Auf diese Weise schäumte das Wasser in dem neuen, überraschend entstandenen Teich, und eine Gestalt, ganz aus Wasser gebildet, entstand vor den verblüfften Augen der Fruchtbarkeitsgöttin Neeli …“
„Ein Quellgeist?“, staunte Gladys, die sofort verstand, was das bedeutete.xix
„Du hast gut im Mythologieunterricht aufgepasst, meine Liebe. Ganz ausgezeichnet … ja, es war ein Quellgeist. Und wie es bei diesen Wesen der Fall ist, besaß es natürlich keinen Namen.
Danach befragt, was es hier suche, wand sich das aus Wasser bestehende Wesen, das die Gestalt einer schönen, jungen Frau angenommen hatte, Neeli nicht unähnlich. Es habe, versicherte es treuherzig, während es tief im Untergrund dahinströmte, das unruhige Atmen der Göttin vernommen, ihren Zorn und ihre hilflose Verärgerung über die Situation gespürt und daraufhin die ganze Nacht hindurch beharrlich daran gearbeitet, ans Licht zu gelangen, um sie, die Göttin Neeli, doch auf andere Gedanken bringen zu können. Sie solle nicht mehr unruhig oder unglücklich sein. Wenn es ihm oder ihr, also dem Quellgeist, gegeben sei, dies zu tun, dann werde er Neeli gern auf andere Gedanken bringen.“
Gladys Tvallach seufzte selbst. Ach, war dieses Wesen romantisch! Diese ganze Legende war romantisch!
„Das erste, was der Quellgeist natürlich anbot, war ein Bad in der neu entstandenen Quelle, und er versicherte der Göttin hoch und heilig, seine kühlen Fluten seien mühelos imstande, ihren Schwermut fortzuspülen, so weit fort, dass er nie zurückkehren werde … dies war zwar etwas übertrieben, aber Neeli fand ihn interessant und fühlte sich in der Tat etwas verschwitzt. So stieg sie also in die Quelle und badete.“
Gladys’ Mutter schwieg einen langen Moment.
Und noch einen.
Das Mädchen fühlte, dass nun eigenes Nachdenken gefordert wurde, und ihr kam ein beunruhigender Gedanke, den sie zögernd aussprach: „Aber ihre göttlichen Kräfte …“
„Ah, siehst du, das Problem beginnt dir schon klar zu werden“, nickte Anya Tvallach nachdenklich. Dies war offenkundig ganz die richtige Art von Antwort gewesen. „Ja, das war ein Teil der Schwierigkeit, aber gar nicht mal der entscheidende. Viel schlimmer war etwas anderes. Natürlich übertrug Neeli mit dem Bad unweigerlich magische Kräfte auf den Quellgeist, da hast du ganz Recht … doch es geschah noch etwas anderes. Das Wasser, das aus der Quelle abströmte, sickerte in den Untergrund. Du weißt ja, Schatz, dass es unterirdische Flüsse gibt, die oft miteinander in Verbindung stehen … und wie du dir sicherlich denken kannst, gibt es nicht nur einen Quellgeist …“
„…sondern für jede Quelle einen! Und vielleicht für jeden unterirdischen Strom!“, begriff das Mädchen schlagartig. Gladys schwante Böses, indes fand sie noch nicht die passenden Worte, das zu artikulieren. „Aber das heißt ja …“
„…das heißt, meine Liebe, dass die anderen Quellgeister auf einmal erfuhren, wie sehr die Göttin Neeli einen von ihnen klar bevorzugte. Einen Quellgeist zudem, der sich offenkundig unlauterer Methoden bedient hatte, um sich bei der Göttin Neeli einzuschmeicheln. Er hatte nämlich einfach so das ihm von der Natur zugewiesene felsige unterirdische Strombett verlassen und sich ein neues gegraben. Und die Göttin belohnte ihn auch noch für diese Unredlichkeit!
‚Also, was er kann und darf, das können wir auch!’, meinten daraufhin die anderen Quellgeister der großen Insel. ‚Warum soll er allein die ganze Schönheit der Göttin Neeli kennen lernen und von ihrem magischen Glanz profitieren? Wir zeigen ihr, dass wir auch befähigt sind, und sie wird sehen, dass sie von einem ganz kleinen, bedeutungslosen Charmeur umgarnt worden ist …’“
„Oh nein!“, rief Gladys entsetzt aus.
Anya Tvallach nickte betrübt und fuhr sehr eindringlich fort: „Oh doch, Schatz … die Quellgeister sind machtvolle Wesen, wie du weißt, und die Gewalt des Wassers ist durchweg verstörend und nicht zu bändigen, wenn sie einmal entfesselt ist. Ungebändigte Flüsse reißen Böschungen weg, stürzen Bäume um, spülen ganze Ortschaften zu Tal, wenn sie wollen … und auf einmal waren alle Quellgeister und mit ihnen natürlich die Wassermassen, die nun mal ihr Lebenselement sind, auf dem Weg nach oben, genau dorthin, wo die Göttin Neeli sich befand …“
Anya Tvallach erzitterte und sah, dass ihre Tochter genau dasselbe empfand. Sie senkte ihre Stimme bis in eine unheilvoll klingende Tonlage und sprach weiter, derweil über Gladys’ Schultern sich unweigerlich eine Gänsehaut ausbreitete und Schauer das Kind schüttelten.
„So also kam es, dass nur wenige Stunden nach dem Bad der Göttin in der Quelle der Boden anfing zu beben, und binnen kürzester Zeit zerbarsten die Felsen ringsum, die Berge spalteten sich, und mächtige Ströme klarsten, frischen Quellwassers schossen aus den Tiefen der Erde empor, gekrönt von den glitzernden Gestalten der Quellgeister, die aus der Gischt der Wogen gebildet wurden. Sie waren natürlich gekommen, der Göttin Neeli zu huldigen und ihr ihre Dienste anzubieten, doch mit sich führten sie eine mächtige Lawine aus Schlamm, Geröll und Gestein, und in dem Toben der entfesselten Elemente gingen all ihre Jubelrufe und Huldigungsgesten schonungslos unter.
Das kleine, schmale Tal, in dem die Göttin geruht und danach gebadet hatte, wurde unter den Wogen aus Schutt und Wasser begraben, doch Neeli selbst war längst gewahr geworden, dass ihre Gegenwart in diesem sonst so unproblematischen Teil der Welt ernste Gefahren heraufbeschwor, und so half alles Betteln und Flehen des ersten Quellgeistes nichts … die Göttin eilte auf ihren flinken Füßen schneller als der Wind zu Tal und in Richtung der Küste …“
„Oh!“, seufzte das Mädchen, als es zu begreifen begann.
„Und ich sage dir, die ganze entfesselte Flut der Gebirgswässer folgte Neeli zu Tal, immer weiter, sie riss die Natur nieder, zermalmte die Wälder, die nahe der Küste gewachsen waren. Sie spülte fruchtbare Wiesen rücksichtslos fort und hinterließ nur Geröll und Schlamm. Flüsse traten über ihre Ufer, und selbst die Regenwolken änderten ihren Kurs und regneten auf Geheiß der Quellgeister über den Flüssen ab, die die Göttin talwärts verfolgten und stärkten sie immer weiter …“
„Oje!“, rief Gladys erschrocken aus. „Bitte, konnte sie denn nicht anhalten und ihnen Einhalt gebieten?“
Anya schüttelte den Kopf. „Nein, Gladys, das war ganz unmöglich. Es wäre so gewesen, als würdest du versuchen, einen von Yantacanaarasxx Stürmen mit den Händen aufzuhalten. Mädchen mit Sturmblut soll so etwas in Maßen gelingenxxi, aber sonst ist jedermann und jede Frau dem Wüten der Elemente schutzlos ausgeliefert. So geschah es auch bei der Göttin Neeli… sie war zwar geschwinder als die Flüsse selbst, doch musste sie, nunmehr im Wasser direkt vor der Insel schwimmend, gewärtigen, dass die Fluten aus den Gebirgen immerzu weiter und weiter hinaus ins Meer drängten, um sie zu erreichen. Und sie musste erkennen, dass das ganze idyllische Antlitz des Küstensaums sich in eine Trümmerwüste verwandelt hatte, in der rein gar nichts mehr am Leben war.
Als sie dies erkannte, da begann sie, voller Gram bitterliche Tränen zu vergießen. Und wie das mit Tränen so ist, Gladys, waren sie voller Salz und ungenießbar …“
„Aber das Meer war doch auch …“
„Salzig? Ja, Schatz … doch zu jener Zeit, von der wir hier sprechen, konnten Menschen durchaus auch das Wasser des Meeres trinken, und die Fische der Flüsse vermochten es damals noch, wenn die Quellgeister ihnen zu sehr mit Schabernack zusetzten, einfach ins Meer zu flüchten und sich hier aufzuhalten, bis die Quellgeister sie schließlich darum anbettelten, doch zurückzukehren.
Doch an jenem Tag, an dem die Göttin Neeli untröstlich auf den Korallenriffen vor der Küste der verwüsteten Insel saß und bitterlich schluchzte, dass ihr breite Tränenströme ins Meer rannen, da wurde das Wasser so salzig und ungenießbar, dass die Fische vor ihr flüchteten … und dies ließ die Göttin nur noch mehr schluchzen, musste sie doch glauben, dass alle Welt sich von ihr abgewandt hatte und ihr nur noch Schlimmes wünschte.
Du erinnerst dich“, sagte Anya Tvallach, „wie das war, aus welchem Grund sie diese menschenverlassene Insel erst aufsuchte: ihr Gemahl, der geliebte Laraykos, hatte sie schmählich betrogen. Mit anderen, menschlichen Frauen betrogen, die ihm doch eigentlich so gar nichts bieten konnten. Sie selbst hatte sich in die felsige Einsamkeit der Insel geflüchtet und war hier von einem Quellgeist aufgestört worden, der ihr Labung ihrer verwundeten Seele versprach und dies anfangs auch durchaus realisierte … und nun kamen all die anderen Quellgeister und zerstörten die pflanzliche und tierische Schöpfung, und das alles geschah allein ihretwegen! Wäre sie nicht hierher gekommen, wäre das alles nicht passiert …“
„Du meine Güte!“, murmelte Gladys, wie erschlagen zwischen ihren Decken und Kissen liegend. Ihr war ganz flau. Sie hatte solches Mitleid mit der armen Göttin. Ach, diese Quellgeister waren aber auch wirklich zu dämlich! „Und sie konnte nicht mit ihnen reden? Gar nicht?“
„Gar nicht“, bedauerte ihre Mutter kopfschüttelnd, und sie sah so trübsinnig drein, als wäre sie einst dabei gewesen, als all das geschah. Das ging Gladys noch mehr zu Herzen, und sie harrte bang aus in der Hoffnung, dass das alles doch bitte, bitte besser werden würde! „Das Tosen und Toben der entfesselten Ströme machte das völlig unmöglich. Es gingen Gewitter nieder, und Blitze schossen vom Himmel, als ob Yantacanaara sich über diese Verwüstung freuen würde … was übrigens nicht völlig ausgeschlossen ist. Nein, die Göttin Neeli konnte sich nicht verständlich machen. Ihr blieben allein die Tränen.“
Und diese Tränen waren es auch, die alles änderten.
Denn der Gott Laraykos, der nun einmal, wie es heißt, das Klagen und Schluchzen jeder Menschenfrau hört und ihre Herzensnöte begreift, vernahm so auch das Jammern, das bitterliche Geschluchze seiner schon längst vermissten Gattin Neeli. Damals, als sie auf Anneyoo war und zur Geisel der Natur wurde, hatte er sie nicht hören können, weil sie ja auch durchaus Wonne verspürtexxii, und die erotische Wonne einer Frau war Neelis Lebenselixier … anders aber war es mit dem Schluchzen aus Seelenqual.
Und, erklärte Anya Tvallach nun, die dem himmlischen Laraykos ein schlechtes Gewissen gab, wie es sich in einer solchen Situation schickte, dem Sonnengott tat natürlich schon sehr leid, wie leicht er sich hatte von den Archipelmädchen verlocken lassen, wo ihm doch eigentlich ganz klar hätte sein müssen, dass keine Frau es mit der Wildheit und Schönheit, von der urwüchsigen Leidenschaft und inbrünstigen Liebe ganz zu schweigen, mit seiner hinreißenden Gemahlin, der Göttin Neeli aufnehmen konnte. Hätte es einen Wettbewerb zwischen allen menschlichen Frauen und der Göttin gegeben, so hätte die Siegerin von Anfang an festgestanden: die himmlische, unvergleichliche Neeli natürlich!
„So kam denn Laraykos mit erbarmungsloser Wucht über die Insel und die verheerte Natur, und seine Präsenz vertrieb strahlend und unwiderstehlich die dichten, schwarzen Regenwolken, die über der Stätte der Zerstörung trieben. Yantacanaaras Windgeister, die beflissen und begeistert für die Gewitterwolken gesorgt hatten, ergriffen hastig die Flucht, denn sie wussten nur zu gut, dass sie gegen den Sonnengott selbst nichts auszurichten verstanden … und dies hatten sie auch gar nicht vor. Für sie war solche Zerstörung nichts als … nun, als ein Zeitvertreib, weißt du, Gladys?“
„Zeitvertreib?“ Sie schaute entsetzt und konnte es einfach nicht fassen.
Sie hatte schon einmal in ihrem Leben ein wirklich starkes Tropengewitter erlebt und damals die halbe Nacht schluchzend vor Grauen an der Brust ihrer Mutter zugebracht, felsenfest davon überzeugt, die Götter seien nun darauf aus, die Schöpfung zu ertränken und mit Blitz und Donner einzuebnen, obwohl sie selbst doch wirklich überhaupt gar nichts getan hatte. Ach, daran erinnerte sich das Adelsmädchen aber höchst ungern. Das würde Gladys wohl nie, niemals vergessen können, so furchtbar war es gewesen!
Das, was auf dieser namenlosen Insel tobte, stellte sie sich notwendig noch viel, viel schlimmer vor …
Und das sollte nichts als ein ZEITVERTREIB sein?
Schreckliche Vorstellung! Da fehlten ihr völlig die Worte.xxiii
„Ja, mein Schatz. Wir dürfen nie vergessen, dass dies keine Menschen sind, nicht einmal menschenähnliche Wesen. Sie denken und fühlen so ganz anders als wir“, gab ihre Mutter ihr zu verstehen.
Und nach einer kurzen Pause, die Gladys für die Beruhigung dringend nötig hatte, fuhr Anya Tvallach dann fort, die Geschichte beendend: „Aber nun war Laraykos endlich da, vertrieb das Unwetter, zerriss die finsteren Wolken über dem Eiland, und schließlich stieg er persönlich aus dem strahlenden Himmel herab auf die Korallenbank, auf der seine Gattin so bitterlich weinend niedergesunken war. Er nahm sie in die Arme und besänftigte sie auf der Stelle, und Neeli, der das alles, was geschehen war, schrecklich leid tat, drückte sich einfach nur an ihn. Sie fühlte sich so glücklich, dass er nun hier bei ihr war und sie tröstete, und all ihre Eifersucht war schnell verflogen.
Doch dann …“, murmelte die Adelige, und ihre Stimme klang ein wenig drohender, der Lage angemessen, und Gladys lauschte von Furcht erfüllt, was denn wohl noch geschehen könne, wo alles ein so gutes Ende zu nehmen schien, „dann, mein Schatz, blickte Laraykos über Neelis schöne Schultern hinweg Richtung Land, und er sah die zahllosen Ströme, die sich noch immer aus dem Landesinnern ergossen, nun aber von einem Wall salzigen Wassers – du weißt, es waren Neelis göttliche Tränen – daran gehindert wurden, weiter ins Meer hinausströmen zu können … und er war erfüllt von heißem Zorn auf die zügellosen Quellgeister und rief sie bei ihren geheimen Namen, damit sie alle erschienen. Nicht einer konnte sich diesem göttlichen Befehl verweigern …“
Gladys klammerte sich an Anyas Hand fest und vergaß vor Nervosität fast zu atmen. Laraykos konnte in seiner Wut genauso erschreckend sein wie Yantacanaara, das durfte man niemals vergessen!
Ach, sie hatte doch so sehr gehofft, es gäbe ein schönes Ende! Und nun dies!
Anya murmelte mit dunkler Stimmlage: „Er sagte zornig: ‚Kinder des tiefen Wassers … ihr habt euch vergessen, und ihr habt euren Platz verlassen, den ich euch angewiesen habe, als ich die Welt erschuf! Ich weiß, warum ihr das tatet, doch ich sage euch, ihr habt Unrecht damit begangen. Ein Unrecht, das ihr sühnen werdet!’
Und die Quellgeister, du kannst es dir gut denken, Liebling, sie begannen nun furchtsam zu betteln und zu flehen, denn sie wussten natürlich, dass Laraykos die Macht besaß, ihre Ströme in der Glut der Sonnenhitze einfach so dahinschwinden zu lassen, was im Sommer oft genug geschieht, wenn die Bachbetten trocken fallen und die Tiere in den Schatten des Waldes flüchten, um nicht völlig austrocknen zu müssen … und sie bettelten und flehten erbärmlich, alle durcheinander, ganz verzweifelt und ratlos … doch da sie alle durcheinander sprachen und keine Einigkeit mehr bestand – wenn sie denn je da gewesen war – , da war es für den Himmelsgott ein Leichtes, ihnen das Wort zu verbieten und sein göttliches Gebot auszusprechen. Ein Gebot, dem sie niemals, solange es die Welt geben würde, zuwider handeln konnten.“
„Und … und … was sagte er?“, flüsterte das Mädchen, als Anya Tvallach eine lange, ach, eine zu lange Schweigepause einlegte. Gladys war ganz kribbelig, weil sie sich nicht vorstellen konnte, was Laraykos wohl gesagt hatte. „Oh, bitte, sag mir doch … was befahl er?“
Irgendwo in ihrem Herzen, entdeckte sie mit Befremden, regte sich doch tatsächlich Mitleid mit den Quellgeistern, obwohl sie so üble Gesellen waren! Sie kamen ihr ein bisschen wie ungezogene kleine Kinder vor, die noch nicht wussten, dass es auch für sie Regeln gab, an die sie sich zu halten hatten. Sie wussten es halt einfach nicht besser. Diese Quellgeister, vielleicht war es mit ihnen ähnlich …?
Gladys verstand sich nicht mehr so ganz. Sie konnte doch nicht von diesen schrecklichen Verwüstungen absehen, die diese Kerle angerichtet hatten. Mit solchen Wesen DURFTE man eigentlich kein Mitleid haben, oder …?
Sie war ganz durcheinander, aber eins war völlig klar: sie musste das Ende der Geschichte dringend erfahren.
„Der Sonnengott Laraykos, der leidenschaftliche Gemahl und Gebieter der Göttin Neeli“, sagte die Adelige von Nushaygoon mit dunkler gefärbter Stimme, „er sprach folgendermaßen: ‚In dem begreiflichen Wunsch, um die Gunst meiner geliebten Neeli zu buhlen und eure Macht zu vergrößern, habt ihr eure Position in der Welt verlassen, und dies ist etwas, das zu tun ich euch für alle Zeit untersagen werde. Ich weise euch vielmehr eine neue Position zu und eine neue Aufgabe!
Ihr wolltet meiner geliebten Gattin habhaft werden, um einen unstatthaften Anteil an ihren göttlichen Kräften zu erlangen … und das braucht ihr gar nicht zu bestreiten! Leugnen ist zwecklos! …doch ich sage euch, ruhelos wird euer Weg in Zukunft sein, ruhelos und ohne rechtes Ziel. Ihr werdet von nun an in flachen und weniger flachen Betten an der Oberfläche der Landflächen strömen, in Bächen und Flüssen, die allesamt in Quellen entspringen. Eure Quellen werdet ihr nicht mehr verlassen dürfen, und wenn ich euch dabei ertappe, werde ich jene Stelle der Insel für alle Zeit ausbrennen, und ihr werdet das Licht des Tages, mein Licht, niemals wieder sehen …’“
„Oh!“, flüsterte Gladys erschrocken.
Entsetzt über die Härte des Gottes Laraykos, der sonst viel freundlicher war. Ihr Herz klopfte schmerzhaft hart und schnell, und das Mädchen hätte nicht genau zu sagen gewusst, warum eigentlich. Sie konnte es nicht am schnellen Lauf hindern.
Aber Anya Tvallach war noch nicht am Ende ihrer Geschichte.
„Dies alles sagte er und noch mehr: ‚Ihr habt zudem die bitteren, salzigen Tränen meiner Gattin Neeli strömen lassen und das Meer ist salzig geworden ihretwegen … und euretwegen! Darum wird es eure ewige Sühne sein, diese Tränen reinzuwaschen. Immerzu, bis ans Ende der Tage dieser Welt, werdet ihr von mir dazu verurteilt, aus eurem kühlen Felsengrund zum Meer zu strömen, und es ist mir ganz gleich, wie viel von eurem Wasser auf diesem Weg verdunstet und verfliegt. Auf diesem Weg zum Meer werdet ihr allen Pflanzen und Tieren als Labsal dienen, die ihr am heutigen Tag so rücksichtslos vernichtet habt.
Überall auf der Archipelwelt werde ich die Quellgeister für euer Vergehen hier büßen lassen. Alle werden die nämliche Arbeit von heute an tun müssen, selbst wenn sie bis dahin alle nur still und unscheinbar unter der Oberfläche geflossen seid. Ihr werdet hervorsprudeln und dem Menschen ein Labsal sein, seine Äcker bewässern und den Wäldern die Wurzelfüße umspülen.
Es wird keinen Einwand gegen diese Bestrafung geben. Was ihr heute getan habt, war ein todwürdiges Verbrechen, wie es kein schlimmeres gibt … also kehrt in eure Quellen zurück und lasst eure Wasser strömen, wie ich es euch befohlen habe. Von heute und für alle Zeit!’
Und als die Quellgeister mit ihrem Gejammer angesichts dieser harten Bestrafung verstummten, leise wurden und gedemütigt und dann ängstlich in ihre Quellen zurückschlichen, wie Seefahrer erschöpft aus einem beinahe tödlichen Sturm mit verwüstetem Schiff und zerfetzten Segeln die Heimreise antreten, als die Quellgeister also heimkehrten, um fortan den göttlichen Befehl des Laraykos zu erfüllen, da wurde es endlich stiller in der Bucht … und siehe, meine Liebe, schließlich wandte sich der Blick des Laraykos zu seiner Gemahlin hinab, und er wurde gewahr, dass sie mit dem Weinen aufgehört hatte und ihn mühsam anlächelte.
Oh ja, sie lächelte!
Denn sie fühlte sich dankbar, weil Neeli begriffen hatte, dass sein gerechter Zorn und seine Befehle nun eine neue Ordnung der Welt geschaffen hatten … fortan würde das Wasser, das bislang geheimnisvoll in den Tiefen geströmt war, für Mensch, Tier und Pflanze verfügbar sein, und die unberechenbaren Ströme des Gebirgswassers mussten von jetzt ab stets zu Tal strömen, hinab ins Meer, um hier das Salz zu mildern, das von Neelis Tränen stammte … und wenn du nun denkst, dass dieses wenige Salz doch ganz schnell ausgewaschen sein müsste, so musst du nur heute mal einen Schluck Meerwasser trinken, um zu wissen, dass du dich irrst. Das Wasser des Meeres ist noch immer salzig, und das wird es wohl noch so lange sein, wie Menschen über den Archipel segeln. Die Göttin Neeli ist nun einmal eine Göttin, und es kann wirklich niemand sagen, wie lange sie damals so bitterlich geschluchzt hat …“
Gladys schaute staunend und dankbar zu ihrer Mutter auf. So hätte sie es sich niemals vorstellen können. Es war toll, solch eine Geschichte zu hören, die auf diese schlichte und doch ergreifende Weise die Welt erklärte. „Und so … so kam es also, dass die Flüsse ins Meer strömten?“
„Ja.“
„Und … und seit jenem Tag ist das Meer also salzig, sagen die Leute?“
Ihre Mutter nickte gelassen. „Ja, das wird so berichtet. Seit jener Zeit, die lange, lange zurückliegt, sind die Fische des Meeres und der Landflüsse deutlich voneinander geschieden. Du wirst es sehen, wenn du versucht, eine Forelle im Meerwasser auszusetzen … sie wird schnell kränkeln und dahinsterben. Allein jene Fische, die stark genug waren, konnten das Salz von Neelis Tränen überstehen, und daran, wie viele es heute wieder sind, nahezu unerschöpflich viele, siehst du, wie lange das alles her sein muss.“
Anya Tvallach lächelte und ergänzte: „So erzählt man sich die Geschichte.“
Das Mädchen lag still und überlegte eine Weile. Zaghaft regte sich in Gladys´ klugen Kopf ein Widerspruch, aber sie konnte ihn nur vorsichtig formulieren. „Aber … also … Hochwasser gibt es doch immer wieder … das wäre doch eigentlich unmöglich, nicht wahr …?“
„Nein, Gladys … du kennst doch Yantacanaara, den Wetterlenker, und du weißt, dass er und Neeli und Laraykos in ständigem Widerstreit stehen, was die Herrschaft über die Welt angeht“, korrigierte ihre Mutter sanft.
Sie genoss es offenkundig, diesen Widerspruch zu erläutern, der augenfällig war.
Der Yainaar, der wasserreiche Strom, an dem Dhonbar lag, trat wirklich alle paar Jahre über die Ufer und überflutete die Felder vieler Bauern, die dann während der Überschwemmungszeit von den Clans verpflegt wurden und dafür an Gebäuden zu arbeiten hatten.
Kein Wunder also, dass Gladys sich denken musste, es gäbe da eine Plausibilitätslücke. Aber so einfach waren Archipellegenden halt nicht.
Anya Tvallach ergänzte nun: „Yantacanaara ist stets ein herrschsüchtiger Gesell, leidenschaftlich, wild und unbezähmbar … außer vielleicht von Mädchen, die über Sturmblut verfügen, wenn man so etwas glaubt … Und da die Quellgeister die natürlichen Verbündeten des Yantacanaara sind, kommt es auch oft vor, dass sie gegen die harschen Befehle des Laraykos aufbegehren. Yantacanaara hilft ihnen dann dabei, sagen die einfachen Leute, und er schickt ihnen reichlichen Regen und immer mehr Regen, so dass die Quellgeister stark und stärker werden … aber wie du auch weißt, währen solche Unwetter nie allzu lange. Die Sonne bricht schließlich wieder durch und der Sonnengott trägt den Sieg davon …“
Ja, so war das damals gewesen, als sie noch jung und naiv war und an Götter in solch einer Weise glaubte. Inzwischen wusste Gladys viel mehr über die Natur und war nicht mehr so leicht zu beeindrucken.
Jedenfalls nahm sie das an.
Aber half ihr das in irgendeiner Weise?
Gladys hob den Kopf, als die Gedanken an diese alte Legende wieder zu auszudünnen begannen, doch sie entdeckte zugleich mit gelinder Bestürzung, dass sie auf diesem gottverlassenen Felsvorsprung am Flussrand saß und nun – seit wann auch immer – bitterlich weinte. Sie musste einfach, als ihr diese Geschichte wieder einfiel, jählings in Tränen ausgebrochen sein, ganz so wie einst die Göttin Neeli der Legende, und sie konnte damit jetzt einfach nicht wieder aufhören. Vielmehr rannen ihr die Tränen über so munter und endlos die Wangen, als säße sie unter dem Wasservorhang eines kleinen Wasserfalls, und die tiefen Schluchzer erschütterten ihren schmalen Körper schmerzhaft so sehr, als wolle sie sich die Seele aus dem Leib heulen.
Gütiger Laraykos, tat das weh!
Ach, und es war niemand da, der sie gleich dem Gott Laraykos fürsorglich in die Arme nehmen und trösten konnte … niemand …
Und das schmerzte noch mehr.
Es schmerzte deshalb mehr, weil die Erinnerung in Gladys’ Herzen heranwuchs und tiefe Wurzeln schlug, die sich nicht entfernen ließen.
Ach, und diese Erinnerung tat vielleicht weh!
Die Erinnerung …?
„Geh … weg!“, brachte Gladys erstickt hervor, mühsam zwischen Schluchzern die Luft einsaugend, als sei sie am Ertrinken. Denn … es war nicht das schöne, ebenmäßige Antlitz ihrer Mutter Anya Tvallach, das sich ihr aufdrängte …
Es war das von Farango.
Sie sah das Gesicht, dieses schöne, liebenswerte, bronzehäutige Gesicht ihres heißblütigen Liebhabers Farango, das Tränenschwall auf Tränenschwall aus ihrem Innern hervorlockte und ihren Körper in schmerzhaften Schluchzern schüttelte, als stünde der Fischersohn ihr direkt gegenüber.
Sie spürte zugleich, und das war noch peinigender, dass es voller Vorwurf war.
„Bitte … geh weg …!“
Aber wollte sie das wirklich? Wollte sie es nicht?
Würde Gladys denn nicht, sobald Farango hier ankam, sie in dieser hilflosen Pose tränenüberströmt vorfand und sie sanft umarmte, wie immer in seinen Armen ganz fügsam werden und einfach so dahinschmelzen, sich auf völlig natürliche Weise in die sanfte und doch zugleich wilde, leidenschaftliche Sklavin Yalana zurückverwandeln, alles tun, was er wünschte? Und würde sie sich dabei auch noch wunderbar fühlen?
Gladys Tvallach leugnete verzweifelt und hartnäckig diese unwillkommenen Emotionen, die derart peinigend waren. Doch zugleich wusste sie auf furchtbar eindeutige Weise, dass sie der Tatsache nicht ausweichen konnte.
Genau so verhielt es sich.
Farango hatte ihr Herz gefangen, wie es der Legende nach der böse Ahnengeist Cynnwesho mit den Seelen der bedauernswerten Verstorbenen tat, deren er habhaft werden konnte …xxiv und Gladys würde Farango ganz sicher nicht vergessen können, wie sehr er sie auch immer erniedrigt und unterworfen hatte.
Sie liebte ihn …xxv
ENDE
© 2009 / 2025 by Uwe Lammers
i Bei der Geschichte handelt es sich um einen Auszug aus dem Roman „Eine Adelige auf der Flucht“ (2000-2010), konkret um die Seiten 486-505.
ii Mehr zur Göttin Neeli kann man beizeiten in der Story „Neeli auf Anneyoo“ (2002) erfahren.
iii Anya Tvallach ist die Mutter von Gladys, die eingeheiratete Regentin in den Tvallach-Clan der Stadt Dhonbar auf der Insel Nushaygoon und Gemahlin von Avoshin Tvallach. Sie entstammt einer Archipelfamilie, und von ihr haben Gladys, Miriam und Shareena Tvallach, ihre Töchter, die dunkle Hautfarbe und das glänzende, schwarze Haar. Anya sieht Gladys zudem so ähnlich, dass sie auf der Straße oft verwechselt wurden. A. stirbt mit ihrem Mann Avoshin bei einem Schiffsunglück im Sommer des Jahres 677 vor Nushaygoon.
iv Eine der großen Inseln im Invashin-Archipel, die südlich von Coorin-Yaan liegt und stark von den Sitten und Gebräuchen des Südkontinents beeinflusst wird. Auf N. leben unter anderem die rivalisierenden Clans der Tvallach und der Xhaibech, welche im Jahre 682 gegeneinander antreten, als es um die Entscheidung geht, ob der Tvallach-Clan weiter bestehen kann oder nicht. Dabei erweisen sich die Xhaibech als die Skrupelloseren und Erfolgreicheren und setzen sich im Kampf durch. Bis auf Gladys Tvallach, der die Flucht gelingt, werden alle Tvallach getötet oder versklavt. Die Güter der Tvallach fallen an die Xhaibech oder ihre Verbündeten.
v Gladys Tvallach ist die 22jährige, leidenschaftliche Hauptperson des Romans „Eine Adelige auf der Flucht“, eine Tochter von Anya und Avoshin Tvallach, die ein personell sehr ausgedünntes Adelsgeschlecht in der Stadt Dhonbar auf der Archipelinsel Nushaygoon leiten. Nachdem Anya und Avoshin bei dem Segelunfall umgekommen sind, übernimmt Avoshins Mutter, die Clanregentin Saphira, das Ruder in der Familie. Ihr Wunsch, den Familiennamen zu erhalten – es gibt nur weibliche Nachkommen! – führt zum Konflikt mit der Familie Xhaibech und schließlich im Jahre 682 zur Auslöschung der männlichen Familienmitglieder und zur Versklavung der weiblichen. Gladys, die dunkelmähnige, bronzehäutige älteste Tochter Anyas, kann als einzige der sofortigen Unterwerfung entgehen und wird ans Ufer der Insel Shulraay gespült. Hier schlüpft sie in die Rolle der „Sklavin Yalana“, die für Arbeit und Sex da ist, was ihr nach einer Gewöhnungsphase besonders sexuell sehr gefällt, und sie kann selbst bei der Konfrontation mit den Xhaibech-Häschern nicht enttarnt werden. Die Fischer Roydran und Farango wollen sie aber nun als nackte Sklavin Yalana bei sich behalten, was nach einer Weile zu ihrer ziellosen Flucht ins Inselinnere führt. Das weitere Schicksal von Gladys wird im Roman (in Teil 4) entwickelt.
vi Eine dünn besiedelte Insel inmitten des Invashin-Archipels, die heutzutage (682 Archipelzeitrechnung) durch trockenes Binnenklima und sehr bescheidenen Lebensstandard auffällt. Hier leben die Fischer Roydran und Farango, und hierhin flüchtet Gladys Tvallach von Nushaygoon aus. Hier erklärt sich das Adelsmädchen durch sanften Druck als „Sklavin Yalana“ und lebt hier weiterhin bis zu ihrer Flucht.
vii Roydran ist der etwa 45jährige weißbärtige Fischer, der mit seinem jungen Sohn Farango an einem abgelegenen Strand der Insel Shulraay einen kleinen Garten sei eigen nennt, außerdem ein Boot und einige Gebäude, in denen er bescheiden lebt. Schon lange wünscht er sich, dass für Farangos Seelenheil eine Frau zu finden ist, weiß aber, dass ihr Lebenswandel kein Mädchen von Shulraay attraktiv sein dürfte. Daher ist er ganz begeistert, als Gladys Tvallach an ihre Ufer gespült wird und Zuflucht sucht. In dem Plan, sie unter dem Tarnmantel der „Sklavin Yalana“ bei sich wohnen zu lassen, sieht Roydran begreiflicherweise eine elegante Lösung all ihrer Probleme, und bis zu Gladys´ Flucht behält er Recht. Bis dahin profitiert er erotisch auch sehr von seiner neuen Rolle als „Yalanas Herr“, dem sie natürlich zu Willen sein muss und es – nach einer gewissen Gewöhnungszeit – auch durchaus gern ist.
viii Farango ist der sechzehnjährige, drahtige und sinnliche Fischersohn Roydrans, der sofort, als Gladys Tvallach in ihren nassen und zerrissenen Sachen über den Strand zu ihrer Hütte wankt, in glühender Leidenschaft zu ihr entflammt. Als Gladys einwilligt, die Sklavin der Fischer zu spielen, kann der in der Liebe ganz unerfahrene Farango seinen Leidenschaften keinen Zügel mehr anlegen und schläft mit der erschöpften Adeligen. Seine humorvolle, freche Art und Weise hat zur Folge, dass Gladys den Sex schnell als wunderschöne Ablenkung zu der Arbeit ansieht, die ihre Arbeit und ihre neue „Rolle“ auszeichnet. Ein unsympathischer, aber verständlicher Zug an Farango ist seine Besitz ergreifende Attitüde und seine Eifersucht. Ansonsten erweist er sich als sehr ausdauernder, einfallsreicher und feinfühliger Liebhaber, der Gladys´ Herz ganz unweigerlich erobert.
ix Die „Bösen“ in dem Roman „Eine Adelige auf der Flucht“, zugleich der siegreiche der beiden Clans auf der Invashin-Insel Nushaygoon, der im Konflikt mit dem personell ausgedünnten Tvallach-Clan die Vorherrschaft an sich reißt und die Hauptperson der Geschichte, das 22jährige Adelsmädchen Gladys Tvallach, heimatlos macht und verfolgt. Dass Gladys den Häschern nachher entkommen kann, hat sie allein ihrem neuen „Image“ als Sklavin Yalana zu verdanken. Das ist aber auch ihr künftiges Schicksal auf der Insel Shulraay.
x Gladys Tvallachs Sklavinnenname, den ihr ihr neuer „Herr“, der Fischersohn Farango auf der Insel Shulraay gibt. Angeblich gibt es eine Legende, in der eine Nixe namens Yalana eine Hauptrolle spielt und Sex mit einem ganzen Schwarm von Fischen hat, daraus aber letzten Endes gestärkt hervorgeht. Gladys findet sowohl die Legende äußerst erregend als auch die sich daraus ergebenden Implikationen. Als sie jedoch nach dem Wegsegeln der Xhaibech-Häscher für immer die nackte Sklavin Yalana sein soll, ergreift sie die Flucht.
xi Auch im Invashin-Archipel gilt unter den Angehörigen des einfachen Volkes die Liebesreligion des Sonnengottes Laraykos und seiner göttlichen Gemahlin, der Pflanzenwelt-Göttin Neeli. Zwei Jahrhunderte später wird diese Religion insbesondere von der Archipelmetropole Asmaar-Len ausstrahlen. Vgl. hierzu beizeiten die Romane „Christinas Schicksal“ (1999/2000), „Rhondas Weg“ (2000/2001) und „Rhondas Reifejahre“ (2002-2010).
xii Die göttliche Gemahlin des Sonnengottes Laraykos, Regentin des Liebeskultes im Archipel, die insbesondere im Liebesleben der Frauen immerzu gegenwärtig ist, da Sex als göttlicher Liebesdienst und Verehrung der Neeli begriffen wird. Der Legende zufolge ist sie einst auf einer namenlosen Insel aus einer Schotenpflanze gewachsen und hat den Sonnengott Laraykos dabei so bezaubert, dass er sie unverzüglich zu seiner Gemahlin machen musste und seither Nacht für Nacht nicht von ihr lassen kann. Der Mythologie zufolge hat Neeli mit Laraykos drei Töchter, nämlich Ansiina, Tiyaani und Shareena. Vgl. hierzu beizeiten auch die Romane „Rhondas Weg“ und „Rhondas Reifejahre“, außerdem die Story „Shareena und das Mädchen mit dem Zauberhaar“ (2001) sowie das Fragment „Shareena in Gefangenschaft“ (2002, 2008).
xiii Damit spielt Gladys auf die Tatsache an, dass sie, als die Xhaibech-Häscher landeten und die Fischer nach geflohenen Tvallach-Adeligen befragten, von „Yalanas“ Gegenwart so erregt wurden, dass der Fischer Roydran ihr befahl, sich den Matrosen hinzugeben, was sie auch gehorsam, wenn auch schaudernd tat. Farango war daraufhin tagelang schrecklich eifersüchtig, was das Klima zwischen den drei Personen gründlich vergiftete. Diese Krise ist gerade erst überwunden worden.
xiv Vgl. dazu beizeiten den Anfang des Romans „Eine Adelige auf der Flucht“. Die Clanregentin Saphira wird später für ihre Fluchthilfe von den siegreichen Xhaibech hingerichtet.
xv Beispielhaft kann man das in den Rhonda-Romanen nachlesen, wo es viele junge Mädchen gibt, die ganz versessen darauf sind, durch das Lauschen von Legenden die Tristesse ihres Alltags für eine Weile zu vergessen. Das Erlernen, wie man Geschichten – mehrheitlich erotische Legenden – erzählt, gehört zum Curriculum angehender Liebesdienerinnen in allen Bordellen Asmaar-Lens. Inwieweit die späteren Dirnen, die sich als gläubige und gehorsame Dienerinnen der Göttin Neeli betrachten, diese Kenntnisse nachher auch anwenden, wenn sie mit ihren Freiern schlafen, ist bislang noch ungeklärt.
xvi Vgl. hierzu beizeiten beispielhaft die Geschichte „Neeli auf Anneyoo“.
xvii Es gibt vermutlich zahllose Legenden über den Helden Vandecca. Zum ersten Mal erwähnt wird er in dem Roman „Christinas Schicksal“, 1999/2000. Weitere Erwähnungen sind in den Romanen „Rhondas Weg“, 2000/2001, „Rhondas Reifejahre“ und „Abenteuer im Archipel“ (begonnen 2001) zu finden. Außerdem existieren schon mehrere ausgearbeitete Vandecca-Geschichten: „Vandecca und der Dämon“, 2003, und „Vandecca und die Goldschuppennixe“, 2006. In Zukunft werden noch weitere Vandecca-Legenden niedergeschrieben werden.
xviii Vgl. beizeiten die Story „Neeli auf Anneyoo“. Hier lässt sich nachlesen, was die kleine Gladys noch nicht wissen durfte – die Geschichte ist tatsächlich nicht jugendfrei.
xix Quellgeister sind erdverbundene Wesenheiten, die in der Vorstellung der sehr naturnahen Archipelbewohner völlig normal vorkommen. Sie personifizieren viele Naturgewalten automatisch. So, wie der Sonnengott Laraykos für den Lauf der Sonne zuständig ist, so sendet der Windgott Yantacanaara Regenwolken und Stürme, im Meer soll es – der Vorstellung der Archipelbewohner nach – zahllose untermeerische Völker und Gottheiten geben, Riffgötter und dergleichen, ebenso fürchten sie die Existenz von Waldgeistern, was ökologisch sinnvoll ist und Raubbau an den Wäldern wirksam verhindert. Indes verhindert eine solch reduzierte Wahrnehmung der Umwelt natürlich auch vielerlei Fortschritt. Deutlich ablesen kann man das etwa in dem im Entstehen begriffenen Roman „Verlorene Herzen“ (begonnen 2004). Zu den Quellgeistern vgl. besonders die Story „Rhonda und die Legende von Sinaaya und der Geisterlagune“, 2008 (in BWA bereits publiziert).
xx Yantacanaara ist der gefürchtete Sturmlenker im Archipel, den man angeblich so gut wie überhaupt nicht milde stimmen kann. Es gibt Menschen, die der festen Überzeugung sind, Yantacanaara mache sich eine Freude daraus, Menschen umzubringen. Beispielhaft kann man das Toben des Wetterlenkers in dem Unwetter mitbekommen, das sich am 5. Rheeb 871 über der Archipelmetropole Asmaar-Len austobt. Vgl. dazu beizeiten den Roman „Rhondas Weg“.
xxi Sturmblut ist eine vermutete Eigenschaft, die manche Frauen auf unklare Weise erben sollen, wie Yantacanaara-Priester nicht müde werden, zu behaupten. Als die exilierte Prinzessin Christina von Zhiongar im Jahre 881 die Insel Nooresh besucht, konstatiert einer der Yantacanaara-Priester bei ihr Sturmblut. Trägerinnen von S. gelten als Personen, die Unheil nahezu magisch anziehen, insbesondere Stürme, die sie selbst zu überleben pflegen, wobei aber nahezu ihre gesamte Umwelt zugrunde geht. Vgl. hierzu beizeiten die Romane „Christinas Schicksal“ und „Abenteuer im Archipel“ (begonnen 2001).
xxii Vgl. hierzu beizeiten die Story „Neeli auf Anneyoo“.
xxiii So würde es allen Mädchen gehen, die beispielsweise den Sturm am 5. Rheeb 871 in Asmaar-Len miterlebt haben und solche Worte vernähmen. Vgl. dazu beizeiten Roman „Rhondas Reifejahre“.
xxiv Vgl. zu Cynnwesho ebenfalls beizeiten den Roman „Rhondas Reifejahre“.
xxv Den weiteren Fortgang der Geschichte erfährt man beizeiten bei der Lektüre des Romans „Eine Adelige auf der Flucht“.