DIE GALAKTISCHE KATASTROPHE:
„Konsequenzen“



„Das ist doch nicht zu fassen!“, schimpfte ich, als ich fünf verschiedene Berichte ebenso vieler HoloNet-Sender über die Katastrophe auf Achillea gesehen hatte.
Das Schlimme daran war ja nicht, dass sie die Unwahrheit behaupteten. Sondern dass sie nur über einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit berichteten und den Rest gar nicht erst erwähnten, so dass für das durchschnittliche Publikum der Eindruck entstand, dass Hilfsorganisationen vom Imperium der Zutritt zu den hilfsbedürftigen Bürgern Achilleas aus purer Boshaftigkeit verwehrt wurde.
Intelligenteren Zuschauern würde vielleicht auffallen, dass Stellungnahmen achilleanischer Behörden und der Imperialen Sternenflotte vollständig fehlten und dass auch nur über die Hilfsorganisation Prinzessin Leias berichtet wurde sowie jegliche Angabe möglicher Gründe dafür (= das Liefern ungeeigneter Hilfsgüter).
„Wir können das ISB einschalten, dass sie diesen Sendern die Lizenz entziehen“; schlug Captain Needa vor.
„Aber das nützt doch nichts mehr“, entgegnete ich. „Der Schaden ist bereits angerichtet. Man wird immer dem glauben, der zuerst und lauter schreit. Wenn es dann an Beweise und Gründe geht, hat die Öffentlichkeit sich doch schon längst anderen Skandalen zugewandt.“
Außerdem waren die meisten dieser Sender, die darüber berichtet hatten, Piraten- oder Untergrundsender, so dass nicht einmal das ISB unmittelbar Zugriff auf sie hatte.
„Aber wir können die Sache doch nicht einfach auf sich beruhen lassen“, wandte Needa ein.
Das konnten wir nicht. Und ich hatte da auch schon eine Idee …

„Frau Nermani“, sagte ich und ignorierte dabei die Tatsache, dass wir uns nach galaktischer Standardzeit irgendwann während der frühen Morgenstunden befanden, „Ich habe da etwas berichtenswertes für die HoloNetNews. Falls Sie also Interesse haben …“
Ich kannte Nermani vom ersten Einsatz der Todesschwadron. Die bekannte HoloNet-Reporterin und ihr Kameramann Spence waren damals mit an Bord gewesen und hatten eine Reportage-Serie über das Leben an Bord eines Sternenzerstörers aufgenommen. Ich selbst war damals nur knapp Nermanis Plänen einer Reportage über mich und mein Aufgabengebiet entkommen, später hatte ich ihr Material über die Machenschaften der United Fruit & Vegetables Company auf Shili zukommen lassen.
Nermani wäre ideal. Sie war mir persönlich bekannt und mir wohlgesonnen, darüber hinaus hatte sie einige Skandale aufgedeckt und berichtete hin und wieder regierungskritisch (innerhalb vernünftiger Grenzen, verstand sich).
Einem detaillierten Bericht von ihr würde deshalb wohl auch eher geglaubt werden, als Verlautbarungen des Flottenhauptquartiers oder den Behauptungen obskurer Kanäle, die auf den Kernwelten niemand kannte.
„Um was geht es?“, fragte sie und ihr anfangs etwas trüber Blick hellte sich auf.
„Um die Katastrophe auf Achillea“, sagte ich. „Seit ein paar Stunden sind Meldungen online, dass die Imperiale Sternenflotte Hilfsorganisationen den Zutritt verwehrt.“
„Und das stimmt nicht?“, fragte sie.
„Doch, das stimmt“, sagte ich. „Und ist trotzdem völlig falsch.“
Nermanis Interesse war geweckt. Eben eine echte Vollblutjournalistin …

„Lord Vader“, grüßte ich und verbeugte mich, „ich freue mich Euch wohlbehalten wiederzusehen.“
„Lord Vader“, schloss sich Captain Needa an und verbeugte sich ebenfalls.
Vader war tatsächlich fast pünktlich um 1100 eingetroffen und wir hatten uns sogleich mit einer Fähre zur Executor hinüberbringen lassen.
Vader saß in seinem Büro, gewandet im vollen Ornat, und erwartete unseren Bericht.
Ich setzte mich.
Needa blieb stehen.
Vor ein paar Tagen war mir der Gedanke, den größten Teil der Lebensmittel an Bord unserer Schiffe an die notleidende Bevölkerung Achilleas zu verteilen, geradezu brillant erschienen. Jetzt sah ich die Sache nicht mehr ganz so optimistisch. Was würde Vader wohl dazu sagen? Es gab nur eine Methode, das herauszufinden …
„Der Energiestrahl hat Cadriell vollkommen zerstört“, begann ich. „Als größeres Problem erwies sich jedoch der elektromagnetische Puls. Unmittelbar danach funktionierte zunächst nichts mehr und man hat uns darüber informiert, dass die angeforderten Hilfslieferungen teilweise erst in Wochen eintreffen würden.“
Ich machte eine Pause.
„Und deshalb habe ich angeordnet, statt dessen die Lebensmittel an Bord unserer Schiffe als Hilfslieferungen einzusetzen.“
Vaders Körpersprache zeigte eine bemerkenswerte Mischung aus Überraschung und Stolz.
„Gut“, sagte er. „Was haben die Kapitäne unserer Schiffe dazu gesagt?“
„Sie haben sich heftig, aber erfolglos dagegen gesträubt.“
„Stimmt das?“, fragte Vader an Needa gewandt.
„Ja, Sir“, sagte Needa zackig.
Trotzdem schien irgendetwas Vader zu irritieren, denn er starrte Needa unverwandt an.
„Sir?“, fragte der Captain, jetzt leicht nervös.
„Setzen Sie sich endlich“, sagte Vader. „Wir sind hier in meinem privaten Büro und nicht auf einer Parade!“

Wir berichteten Vader minutiös von allen Vorgängen: wie wir die wenigen achilleanischen Patrouillenschiffe zusammen mit unseren Shuttles eingesetzt und unbeschädigt gebliebene private Yachten vorübergehend requiriert hatten, Pelagons unmäßige Forderungen und wie ich den Hohen Lord zum Einlenken gebracht hatte, die wilden Hilfslieferungen und mein Zusammentreffen mit Prinzessin Leia …
„Es war unklug, die Prinzessin auf diese Weise entfernen zu lassen“, sagte Vader. „Sie ist die offizielle Führerin der Opposition im Imperialen Senat und wird Gründe finden, die Sternenflotte in einem ungünstigen Licht erscheinen zu lassen.“
„Ich glaube, das hat sie bereits getan“, murmelte ich. „Es kommt schon auf ein paar Piratensendern und kleineren HoloNet-Kanälen. Die Prinzessin spricht in Interviews viel von angeblicher Willkür und wie das böse Galaktische Imperium Hilfslieferungen behindert.“
Ich gab Needa einen Wink und der Captain reichte Vader das PAD.
Trotz der Maske sah man fast das Stirnrunzeln, nachdem Vader sich die Aufzeichnungen angesehen hatte.
Der Imperiale Senat war eine Schwatzbude zur Unterhaltung des gehobenen Bürgertums und kaschierte teilweise gekonnt die Tatsache, dass das Imperium eine Mischung aus absolutistischer Monarchie und Militärdiktatur war. Ganz so machtlos, wie ich bisher gedacht hatte, war er aber offenbar doch nicht.
„Eure Vorschläge für die Lösung des Problems?“, fragte Vader.
„Ich habe bereits Kontakt zu Frau Nermani aufgenommen“, sagte ich. „Sie ist auf Reportagen spezialisiert und hat bereits einige Skandale aufgedeckt.“
„Eine gute Wahl“, sagte Vader.
Als ob ich besonders viele Berichterstatter und HoloNet-Leute kennen würde …
„Ach ja“, sagte ich, „und dann gab es noch eine Verschwörung einiger Verwaltungsbeamter, um Lady Bathos aus der Regierung Achilleas zu entfernen.“
„Ihr habt aber hoffentlich Achillea nicht annektiert?“, fragte Vader.
„Das habe ich nicht“, sagte ich. „Hätte ich gesollt?“ Es war nicht immer einfach festzustellen, ob Vader Witze machte …

Als ich Achillea verlassen hatte, ging ich mit dem Gefühl, etwas zu einem guten Abschluss gebracht zu haben.
Zunächst hatte es ja nicht so ausgesehen: Lady Bathos war alt und hatte bei der Katastrophe fast ihre gesamte Familie verloren. Ihre einzig überlebenden Verwandten waren Andrasch und Sothos, der eine meiner Meinung nach ebenso ungeeignet für eine Nachfolge wie der andere, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Dass mir Sothos Freundin Mella über den Weg gelaufen war und ich ihren inständigen Bitten, zu Lady Bathos vorgelassen zu werden, entsprochen hatte, erwies sich nachträglich als Glücksfall.
Nach einigem hin und her einigten sie sich nämlich darauf, dass Andrasch die Regierung übernehmen sollte, Lady Bathos und Mella den in regierungstechnischen wie wirtschaftlichen Belangen völlig unerfahrenen Andrasch unauffällig aus dem Hintergrund beraten und Sothos, dieser verhinderte Schauspieler und Gelegenheitsrevoluzzer, die diplomatische Vertretung nach außen übernehmen sollte.
Und einen schönen Schauprozess für die Verschwörer, die man selbstverständlich anschließend aus ihren Ämtern entfernen würde.
Ende gut, alles gut.
Wenn man das so sagen kann im Angesicht einer Katastrophe, die fast fünf Milliarden Menschen das Leben gekostet hatte.

„Der Imperator wollte Euch sprechen“, sagte ich, nachdem Needa gegangen war.
„Warum sagt Ihr mir das erst jetzt?“, dröhnte Vader.
Wenn der Imperator rief, dann sprang Vader …
„Ich hatte im Laufe des Gesprächs den Eindruck, dass nicht Ihr das wirkliche Ziel seines Anrufes wart.“
„Was sagte er?“
„Er sprach von einer großen Erschütterung der Macht. Danach wollte er wissen, wo Ihr seid und über unseren Einsatz informiert werden.“
Vader schwieg länger.
„Da draußen ist etwas und das war uns nicht wohlgesonnen.“
Verschiedene Machtnutzer nahmen die Macht unterschiedlich wahr, abhängig von ihren Standpunkten und Absichten, das galt ebenso für Gefahren und Bedrohungslagen.
„Was habt Ihr dort gefunden?“, fragte ich.
„Eine antike Dyson-Sphäre“, antwortete Vader. „So alt, dass sie vielleicht schon seit vor der Gründung der Alten Republik existiert hat.“
„Ähnliche Vorfälle wie auf Achillea scheint es bisher aber nicht gegeben haben“, wandte ich ein.
„Vielleicht“, sagte Vader. „Vielleicht auch nicht. Die Galaxis ist voll von Artefakten längst vergangener Zivilisationen.“
„Artefakte von vor der Alten Republik?“, fragte ich.
Ich studierte Alte Geschichte und die begann vor ungefähr fünfundzwanzigtausend Jahren. Alles andere wurde unter Archaische Geschichte subsummiert, niemand wusste, wie weit diese Zeit zurückreichte, Überbleibsel gab es kaum.
„Es existieren sehr viel ältere Artefakte. Die Jedi haben nach ihnen gesucht. Konnten sie die Fundstücke nicht ihrem Orden zuordnen, so haben sie sie vernichtet.“
Vader schwieg eine Weile.
„Jetzt lässt der Imperator nach weiteren Artefakten suchen.“
„Da ist aber bestimmt viel nützliches Wissen verloren gegangen“, wandte ich ein.
Oder gefährliches Wissen, das besser für alle Zeiten unentdeckt blieb …
Dann fiel mir noch etwas ein.
„Admiral Thrawn muss einen Mann innerhalb der Todesschwadron haben, der ihn informiert. Er wusste, dass wir die Lebensmittel an Bord verteilen wollten und hat gleich mehrere Schiffe mitgebracht. Kommuniziert hatten wir das nicht.“
„Alle Großadmirale und ihre zivilen Pendants haben Spione, die sie informieren“, sagte Vader.
Oh? Wenn das so war, dann hatte Vader bestimmt ebenfalls Spione, als Oberkommandierender und Stellvertreter des Imperators vermutlich überall …
Ich nickte.
„Vielleicht war Thrawn dieses Etwas, das Euch nicht wohlgesonnen war?“
„Nein“, sagte Vader. „Der Großadmiral geht Gerüchten über Projekt Himmelsenergie nach und hat wohl gehofft, es im LW-1753-System zu finden.“
Ich dachte nach. Wenn Thrawn glaubte, dass die Katastrophe auf Achillea in Wahrheit ein Unfall war, das dem Projekt Himmelsenergie geschuldet war (zu dem Vader mir ausdrücklich verboten hatten, Recherchen anzustellen), dann …
„Dann ist dieses Geheimprojekt ein Waffensystem, das ganze Welten verheeren kann!“
„Es ist noch viel schlimmer“, sagte Vader.
Noch viel schlimmer?
„Diese Waffe kann einen Planeten vollständig vernichten.“
Ich sagte erst einmal gar nichts.
Warum sollte man so etwas bauen?
„Über einen Planeten, den man zerstört, kann man nicht mehr herrschen“, sagte ich.
„Sith herrschen durch Furcht“, sagte Vader. „Und Furcht soll die lokalen Systeme gefügig halten.“
„Ihr hört Euch an wie ein Mann, der sich selbst von seinen eigenen Worten überzeugen will.“
„Dieses Waffensystem ist ein technologisches Schreckgepenst. Großmoff Tarkin hat von der Notwendigkeit gesprochen, es zwei- oder dreimal zu Abschreckungs- und Demonstrationszwecken einzusetzen.“
Ich wusste, dass Vader widerständige oder aufsässige Regierungen aus dem Amt entfernte (= die Verantwortlichen tötete) und Rebellionen mithilfe der 501. Legion brutal niederschlug. Chirurgische Präzisionsarbeit verglichen mit den Möglichkeiten dieses Waffensystems.
„Da war doch noch mehr, bei dem Gespräch mit dem Imperator?“, fragte Vader und bewies damit, wie gut er mich inzwischen kannte.
„Er hat mich mit dem Tod bedroht“, sagte ich. „Damit Ihr Euch wieder der Ausschließlichkeit Eurer Verpflichtungen ihm gegenüber besinnt.“

Vader hatte sich in seine Meditationskammer zurückgezogen und bemühte sich, seine innere Ruhe wiederzufinden.
Was sollte er Kilian sagen?
Er war fast froh darum gewesen, dass ComScan diese Reporterin angekündigt hatte. Natürlich würde er Kilian beschützen, wo es nur ging. Es hatte seinen Grund, warum er sie bisher der Galaxis noch nicht als seine Frau vorgestellt hatte und konnte nur hoffen, dass Kilian das verstand.
Aber trotzdem konnte er sie nicht vor allem bewahren. Sollte Palpatine tatsächlich ihren Tod beschließen, waren seine Handlungsoptionen bestenfalls begrenzt.
Sith töteten manchmal ihre Schüler, wenn sie nicht den Erwartungen entsprachen, diese aber durch eine fortgeschrittene Ausbildung bereits viel zu gefährlich geworden waren, um sie noch am Leben zu lassen.
Viel häufiger töteten Schüler ihre Meister. Aus Machtgier oder weil der Alte nicht rechtzeitig freiwillig zurücktrat.
Jetzt aber entwickelte Vader eine neue Theorie: weil sie es verdient hatten …


Während ich auf Nermani wartete, brütete ich über die Todesdrohung des Imperators und über dieses Waffensystem, das er heimlich bauen ließ.
Es solle Wohlverhalten erzwingen.
Aber heiligte der Zweck wirklich jedes Mittel?
Gewiss nicht.
Aber ich selbst hatte Machtmittel eingesetzt, um meine Ziele zu erreichen.
Hätte ich Captain Alima wirklich feuern lassen (wenn auch nur auf den Palast des Hohen Lords), wenn Pelagon nicht auf mein Ansinnen eingegangen wäre?
Wer Drohungen aussprach, musste fähig und in der Lage sein, sie auch umzusetzen, sonst war es vorbei mit der Glaubwürdigkeit.
Der Hohe Lord hatte sich bluffen lassen.
Was, wenn nicht?
Die Ankunft von Nermani und Spence enthob mich weiterer Überlegungen.
„Frau Nermani“, grüßte ich fast ein wenig überschwänglich. „Spence.“ „Ich lasse Ihnen beiden den Kontakt zur neuen achilleanischen Regierung her“, sagte ich. „Vielleicht finden Sie noch weitere Themen, über die Sie berichten können.“
Zunehmend irritiert beobachtete ich, wie Spence eine kleine Kameradrohne sowie eine Handkamera bereit machte und Nermani sich bequem in einem meiner Bürostühle zurechtsetzte.
„Was soll das werden?“, fragte ich misstrauisch.
„Ich will ein Interview mit Lord Vaders persönlichem Adjutanten“, sagte Nermani. „Danach berichte ich über alles, was Sie wollen.“
Ich reagierte gereizt.
„Das kommt gar nicht in Frage. Davon abgesehen sollen Sie nicht berichten, was ich will, sondern Sie sollen die Wahrheit berichten.“
Spence grinste unverschämt und Nermani schenkte mir ihr bestes Profilächeln.
„Es freut mich zu hören, dass Sie das so sehen. Trotzdem: Erst ein Interview mit dem persönlichen Adjutanten des zweiten Mannes im Staate. Dann berichte ich. Sogar die Wahrheit, wenn Sie das wollen.“
Nermani legte eine Kunstpause ein, um mir die Gelegenheit zum Nachdenken zu geben.
„Deal?“
Ich gab ein unartikuliertes, verärgertes Geräusch von mir. Was blieb mir auch anderes übrig?
“Also gut”, sagte ich, “Deal …”