Todesjäger
(OT: Deathhunter)
von Ian Watson
Heyne 4206, 1985
224 Seiten, TB
ISBN 3-453-31180-9
Aus dem Amerikanischen von Walter Brumm
Die Welt ist ein anderer Ort geworden nach dem sowjetisch-chinesischen Krieg. Eine Milliarde Opfer des nuklearen Holocaust bewirkten eine dramatische Wandlung der menschlichen Mentalität zum Besseren – Gewalt wurde generell geächtet, Kriege abgeschafft, Waffen sind verpönt und für die Generation von heute fast unbegreifliche Anachronismen.
Eine neue Ethik hat zeitgleich Einzug gehalten im Denken der Menschen. Die schockartige Erkenntnis des brutalen, sinnlosen und jähen Tötens intelligenter Wesen führte zu einem anderen, sensibleren Umgang mit dem Phänomen des Todes. Der Tod war, wie ein Redner im Buch treffend sagt, „etwas, das uns nicht betraf, nur die anderen. Wir machten sie zu Fremden, die nichts mit uns zu tun hatten. Wir verdrängten den Tod aus unserem Bewusstsein, über unsere persönliche Grenze hinaus in feindliches Territorium. Und als das geschehen war, sahen wir in Fremden, in Ausländern, nur den Tod. Wir phantasierten von einem Leben nach dem Tode, sogar von Wiederauferstehung, aber niemals dachten wir an unser eigenes Sterben, das diesem Leben ein Ende setzt…“
Ja, so war die Welt, bevor Todeshäuser wie in Egremont geschaffen wurden. Orte, an denen unheilbar Kranke oder Lebensverdrossene sowie sieche Alte gehen konnten und ihnen Verständnis und Betreuung gegeben wurde. Das – und der „gute Tod“. Durch einen verständnisvollen „Führer“ auf den Tod vorbereitet, dem sie zustimmten und sich durch ihren „Führer“ verabreichen ließen, wonach sie in Krematorien verbrannt wurden, parfümiert mit Sandelholzaroma.
Jim Todhunter, ein „Führer“ aus dem Todeshaus in Gracchus, wird ins Gebirge verbannt, ins Haus von Egremont, wobei zunächst unklar bleibt, warum das alles geschieht. Todhunter kommt in jenem Moment in der friedlichen Gemeinde Egremont an, wo der weltberühmte Dichter Norman Harper seinen Abschied geben will, garniert mit zahlreichen Reden, und danach wird er sich, so ist es geplant, der Obhut seiner „Führerin“ Alice Huron anvertrauen und aus dieser Welt scheiden.
Leider hat das Schicksal anderes für ihn vorgesehen – Jim Todhunter wird bei der Ehrung Zeuge eines unbegreiflichen Verbrechens. Ein alter Mann springt auf und erschießt den Dichter, offensichtlich ohne Motiv. Danach läßt er sich ohne Widerstand verhaften und wegführen.
Nathan Weinberger, so der Name des Attentäters, ist ein todkranker, an Krebs leidender Insasse des Todeshauses von Egremont, und auf abenteuerliche Weise hat er offenkundig alle Bediensteten bisher über seine Wahnideen hinweggetäuscht. Jim Todhunter macht mit ihnen zwangsläufig Bekanntschaft, als man ihn beauftragt, zum „Führer“ Weinbergers zu werden. Er soll den krebskranken Mann dazu bringen, seine Taten zu bereuen und öffentlich einzugestehen, damit er dann „in Seelenruhe“ aus dem Leben scheiden kann. Zur Not könne er dafür auch sogar Weinbergers Waffe bekommen, um die Sache „zu Ende zu bringen“.
Abenteuerlich? Oh ja, aber das ist nur ein kleiner Teil des Problems.
An eine reuevolle Rückführung des Attentäters ist auch aus anderen Gründen kaum zu denken. Weinberger frönt nämlich offenkundig einer Wahnidee, für die er seine Unterkunft, insbesondere sein Bett, in ein vergittertes, mit Spiegeln umgebenes Laboratorium verwandelt hat. Der Polizeichef von Egremont hält das für eine Art von sexistischem Spielzeug, gedacht als Menagerie für einen „virtuellen Harem“. Er versteht überhaupt nichts.
Als Todhunter und Weinberger sich etwas näher kommen, erklärt der Kranke auch diese Apparatur, und die dahinterstehende Theorie klingt völlig wahnsinnig: Weinberger ist davon überzeugt, dass der Tod kein natürliches Phänomen, sondern vielmehr ein Wesen aus einer fremden Dimension ist. Wenn man es einfangen kann, und nichts Geringeres schwebt ihm vor, dann kann man den Tod entmachten, gleichsam unsterblich werden.
Dies ist eine absurde Idee in einer gänzlich säkularisierten Welt, in der man die Existenz einer Seele für irreal hält, für eine Art von Zwangsvorstellung, um die Angst vor dem Tod wirksam zu bekämpfen. Jeder andere „Führer“ würde sie instinktiv vollkommen ablehnen – aber nicht Jim Todhunter, der einst als Kind ertrank und dann kurz danach wiederbelebt wurde. Denn er hat das „strahlende Licht“ des Jenseits verheißungsvoll gesehen, und als er sich auf Weinbergers „Wahnidee“ einläßt, lernt er auch die Erscheinungsform des Todes und jene Welt kennen, in der er regiert … und das alles ist erst der Anfang.
Dieser Roman ist keine leichte Kost.
Als ich ihn mir 1997 antiquarisch kaufte, war mir das noch nicht bewußt, ich wollte einfach nur einen weiteren Watson-Roman besitzen, da ich den Autor schon damals schätzte.1 Mit dem Lesen mußte ich dann bis 2007 warten. Man braucht nur wenige Seiten, um die Zumutungen zu begreifen, die Watson insbesondere deutschen Lesern auflädt: Eine Welt, in der Euthanasie (!) konstitutiver Bestandteil der Welt ist, in der Menschen, die andere Menschen vom Leben „erlösen“, als „Führer“ (!) bezeichnet werden. Direkt angeschlossene Krematorien (!)…
Wer da als geschichtsbewußter deutscher Leser nicht automatisch gruselnd an die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, an Auschwitz-Birkenau und an die T4-Stelle am Berliner Tiergarten denkt, sollte diese Geschichtslücke besser rasch schließen. Dies ist allerdings, das soll ausdrücklich betont werden, KEIN Grund dafür, die Lektüre dieses Buches abzubrechen, ganz im Gegenteil. Es macht vielmehr sehr sensibel für das raffinierte, strukturierte Geflecht von Ian Watsons Werk. Er wagt sich mit voller Absicht in das Minenfeld von Sterbehilfe, Todesreflexion, Psychologie, Philosophie und Ethik hinein.
Wenn wir heutzutage über die Diskussionen nachdenken, die in den späten 90er Jahren und den frühen Jahren des dritten Jahrtausends nach Christi über die Hospizbewegung, Sterbehilfe, die Grenzen der medizinischen Eide und dergleichen mehr geführt wurden (sie sind noch längst nicht ausgeräumt), so erscheint uns der 1981 von Watson geschriebene Roman als ein Vorreiter dieser Diskussionen, als durchweg prophetischer Autor.
Sein Buch ist infolgedessen zwar spannungsarm, aber äußerst intensiv mit Reflexionen und philosophisch-psychologischen Gedankengängen angereichert. Und es hat mehrere doppelte Böden. Es sei nur an wenigen Beispielen deutlich gemacht. Der implizite Bezug auf die Nazis ist absolut beabsichtigt und erfüllt einen bestimmten Zweck, der aber erst sehr spät zu Tage tritt.
Dann ist es interessant, mit ein wenig Hintergrundwissen Namen in diesem Buch zu analysieren. Man nehme etwa das Haus „Gracchus“, aus dem Todhunter, die Hauptperson, gekommen ist. Das Wort geht zurück auf das Adelsgeschlecht der Gracchen in der römischen Antike, speziell auf die beiden Quästoren Tiberius Sempronius Gracchus und seinen Bruder Gaius Sempronius Gracchus. Erst genannter trat im zweiten Jahrhundert vor Christus für eine Landreform ein und damit für energische gesellschaftliche Veränderungen. Er konnte sie aber nicht umsetzen, sondern fand einen gewaltsamen Tod. Sein Bruder trat die Nachfolge dieser Ideale an und wandte sich gleichsam ebenfalls gegen die herrschende Ordnung.
Und in der Tat: Jim Todhunter, der aus „Gracchus“ kommt, bringt erhebliche Unruhe in die Gesellschaft von Egremont, untergräbt bestehende Strukturen und gefährdet ihre Stabilität. Über das Ende dieser Geschichte soll hier nichts ausgesagt werden, außer, dass sie definitiv zu überraschen versteht.
Heutzutage würde ein solcher Roman vermutlich die Lektorate der Verlage nicht mehr passieren. Denn obgleich in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts wohl mehr Gewalt und Tod täglich stattfindet, sind doch die Fragen nach dem Tod, nach dem Jenseits und dem Umgang mit Siechen, Todkranken und ihren Gebrechen dennoch etwas, was geflissentlich ausgeklammert und ignoriert wird. Folgerichtig ist das Werk zu provokant, zu direkt, zu „düster“, wie man gerne von unbequemen Büchern behauptet. Wie hieß es doch so passend? „Der Tod war etwas, das uns nicht betraf, nur die anderen. Wir machten sie zu Fremden, die nichts mit uns zu tun hatten. Wir verdrängten den Tod aus unserem Bewußtsein, über unsere persönliche Grenze hinaus…“
Ich denke, dieses Buch ist in mancherlei Hinsicht philosophisch gerade heute wieder aktuell. Diese Aktualität beweist seine Qualität mehr, als es jeder reißerische Text auf dem Umschlag könnte. Wer neugierig geworden ist, sollte es sich besorgen. Man kann davon lernen.
Nachtrag vom Mai 2026: Ich musste an dieses Buch gerade jetzt denken, wo Ian Watson hoch betagt gerade diese Welt verlassen hat und jene Gefilde bereist, über die er vor über 40 Jahren bereits geschrieben hat. Mag man das Phänomen des Todes sehen, wie man möchte, mag man an ein Nachleben nach dem Erlöschen der physischen Existenz glauben oder nicht … ich bin immer noch der Ansicht, dass der obige Roman zentrale Nerven der menschlichen Existenz trifft. Weil, auch neunzehn Jahre, nachdem ich ihn gelesen und rezensiert habe, die zentralen Punkte immer noch zutreffen:
Der Tod ist nach wie vor ein Tabuthema für weite Kreise der Bevölkerung. Es gibt nach wie vor Ärzte, die der absurden Auffassung sind, der Tod sei eine „Krankheit“, die man irgendwie mit medizinischem Fortschritt „überwinden“ bzw. „besiegen“ könne.
Ich halte das für einen fundamentalen Irrtum. Der Tod gehört zum Leben essenziell dazu, und der Satz, dass alles, was geboren wird, notwendig sterben wird, weil das nun einmal der Lauf der Dinge ist, ist meines Erachtens nicht wegzudiskutieren. Alle Versuche, auch literarischer Natur wie in dem obigen Fall, das Phänomen auf phantastische Weise rationalisieren oder ausmanövrieren zu wollen, führen letzten Endes zu Ergebnissen, die man als ernüchternd verstehen sollte.
Das Erzählen über das Mysterium des Todes und das, was – wahrscheinlich – danach kommt, bleibt notwendig eine Spekulation, weil sich dies alles diesseits der ultimativen Grenze abspielt. Die andere Seite bleibt eine black box. Aber wer sich diesem Thema gern mal jenseits dogmatischer Denkverbote annähern möchte, ist mit diesem Roman auf einer sehr guten Fährte. Und das weiß vermutlich inzwischen niemand besser als Ian Watson selbst, der uns einen entscheidenden Schritt voraus ist.
Irgendwann werden wir ihn unvermeidlich einholen.
© 2007 / 2026 by Uwe Lammers
Braunschweig, 19. Mai 2007
Nachbearbeitet am 12. Mai 2026
1 Ich las von Watson bislang drei Werke: „Tschechows Reise“ (Januar 1988), „Zur anderen Seite des Mondes“ (März 1992) und „Die Fliegen der Erinnerung“ (Januar 1994). Letztgenanntes Buch wurde im Fanzine New Worlds 25 im August 1995 und im BWA 489 im Juni 2024 rezensiert.