Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte von Alexander “Tiff” Kaiser

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Als Helen Sikorsky erwachte, wusste sie, dass etwas nicht stimmte, nicht stimmen konnte. Sie hatte noch nichts gehört, nichts gesehen, aber etwas gerochen, das sie hier nicht erwartete. Und das hielt sie nach über einem Jahr auf der POMPEJI für unmöglich. Ihre Zeit im Kryostase nicht eingerechnet. Es war ein scharfer, würziger Geruch, den sie kannte. Patschuli. Oder etwas sehr ähnliches. Ein Männerparfum, das angeblich produziert wurde, indem man die Duftstoffe von den Körpern toter Menschen erntete. Keiner der zweihundert Männer an Bord benutzte Patschuli, und sie waren, wenn alles gut gegangen war, nach einer einhundertfünfzigjährigen Reise jetzt im Sirius-System angekommen. Wie also kam dieses Parfum an Bord des Fernraumschiffs?

„Wer sind Sie?“, fragte Helen mit merkwürdig rauer Stimme, noch bevor sie die Augen öffnen konnte.

Erstauntes Raunen antwortete ihr. „Noch nicht ganz wach, aber schon knallhart am Schlussfolgern“, sagte eine angenehme Baritonstimme zu ihr. Eine andere, eine Frauenstimme, Sopran, etwas zu schrill, lachte bestätigend. Sie kannte keine der beiden Stimmen. Dabei kannte sie jede der vierhundert Seelen an Bord. Als stellvertretende Kapitänin des Fernraumschiffs war das ihre Pflicht .

„Wir sind ein Rettungskommando, Kapitän Sikorsky. Wir sind hier, um ihnen zu helfen, wenn Sie dies wünschen. Mein Name ist Maykjard Rend. Ich bin der Kapitän der DENVER, das zu ihrer Rettung aufgebrochen ist, und auch der leitende wissenschaftliche Offizier. Meine Begleiterin ist Professor Mykene Hull. Wir haben Sie aufgeweckt.“

„Wo ist dann Claus? Ich meine Kapitän Lagemann? Es ist üblich, den Kapitän zuerst zu wecken.“

„Mayk, nicht“, raunte der Frauensopran. „Es ist zu früh.“

Helen riss die Augen auf und schloss sie sofort wieder. Das Licht war viel zu grell gewesen, und ihr Gehirn damit überfordert, bereits wieder optische Daten zu verarbeiten. „Sagen Sie mir die Wahrheit, Kapitän.“ Das war schon eher ihre Stimme. Es ging voran.

„Nein, Mayk. Ich rate ausdrücklich davon ab.“

„Irgendwann wird sie es doch erfahren. Ma’am, ihr Schiff ist das, was wir einen Fliegenden Holländer nennen. Kennen Sie diesen Begriff?“

„Ich habe damit gerechnet, seit Sie mir gesagt haben, Sie seien ein Rettungskommando. Wir sind vom Kurs abgekommen?“, fragte sie, und versuchte, gefasst zu sein.

„Ja. Ihr Flug währte bisher dreihundertfünfzig Jahre. Wir wissen nicht, ob es ein Navigationsfehler war, oder eine Einwirkung von außen. Die Hülle der POMPEJI weist zumindest keinen Einschlag auf. Bisher gehen wir von einer fehlgezündeten Hilfsantriebsdüse aus sowie einer minimalen Verschiebung ihrer Reiseroute relativ zu Beginn um nur wenige tausendstel Grad. Auf jeden Fall sind Sie schon über achtzehn Lichtjahre an ihrem Ziel, dem Sirius-System, vorbei geschippert und wären demnächst in der Unendlichkeit verschwunden, wenn wir nicht durch einen Zufall auf Sie aufmerksam geworden wären. Mykene?“ Damit musste er die Frau meinen.

„Nun gut, aber auf deine Verantwortung. Kapitän Sikorsky, Sie können sich denken, was es bedeutet, wenn wir Sie den Kapitän nennen.“

„Claus Lagemann ist tot“, folgerte sie tonlos. Merkwürdig, wie leer sie diese Worte machten. Da war keine Trauer, keine Wut, kein Verlustgefühl, nur eine ungewöhnliche Lücke irgendwo in Herz und Hirn. Dabei war Claus ihr immer ein sehr guter Freund gewesen, und … Aber das führte zu weit.

„Ja. Wir haben versucht, zuerst ihn zu wecken, aber es gab nichts mehr, was wir für ihn tun konnten. Und deshalb sind Sie der Kapitän der POMPEJI. Es tut mir leid, Kapitän Sikorsky.“

„Helen. Sagen Sie Helen. Ich fühle mich im Moment nicht danach, das Kommando zu übernehmen, und das wird wohl auch noch eine Weile dauern. Wie hoch ist die Verlustrate? Wie viele Coffins sind ausgefallen?“

Coffin, das alte englische Wort für Sarg. Eigentlich hießen die Tiefschlafeinrichtungen Sarcophagus, aber Coffin war viel schneller ausgesprochen. Für ihre Truppe, die aus fast vierzig Ländern der Erde stammte, eine klitzekleine Hilfe in der gemeinsamen Kommunikation.

„Sie müssen verstehen, Sie sind zweihundert Jahre länger unterwegs gewesen als geplant. Zwar brauchen ihre Sarcophagus nicht besonders viel Energie, um zu funktionieren, aber irgendwann war die alle. Ab dann ist es ein Glücksspiel, ob man ganz erfriert, oder der winzige Funken Leben, der eine Reanimation möglich macht, erhalten bleibt“, sagte die Frau. „Ihr Kapitän ist im Schlaf gestorben. Wir haben ihn aufgetaut, reanimiert, aber es hat sich nichts getan. Sie hingegen konnten wiederbelebt werden. Was ich damit sagen will, ist …“

„Dass Sie nicht wissen, ob es neben mir weitere Überlebende geben wird. Dass Sie keine Ahnung haben, wie hoch die Verluste in meiner Crew sind“, folgerte sie tonlos.

„Richtig. Und deshalb haben wir bisher nur Sie geweckt, Kapitän Sikorsky“, übernahm der Mann die Erklärungen wieder. „Sie müssen zuerst einmal eins verstehen. Seit ihrem Aufbruch sind dreihundertfünfzig Jahre vergangen. Das ist immer noch einhundert Jahre mehr als Delta-Zeit, aber es hat sich halt sehr viel verändert in den letzten dreieinhalb Jahrhunderten. Als Sie gestartet sind, hat die Erde bereits fast zweihundert Jahre unbemannte und bemannte Fernreisen betrieben. Aber kurz nachdem Sie und ihre Crew eingefroren wurden, wurde im Sirius-System die Massereiche masselose Neutrino gefunden, welche von den Wissenschaftlern ihrer Zeit dort vermutet wurden und wegen denen Sie und die zweite Expedition von …“

„Mayk, das ist bereits viel zu viel für sie“, mahnte die Frau wieder.

Langsam öffnete Helen erneut die Augen. Nun sah sie endlich wieder etwas. „Gut“, murmelte sie. „Zwei vollkommen normale Menschen. Keine Außerirdischen, keine Mutanten, keine Roboter. Ich nehme an, Sie verlangen von mir, eine von drei Entscheidungen zu treffen, richtig?“

„Eine von drei?“, fragte die Frau, die Kapitän Rend Mykene genannt hatte. Sie war eine große, blonde Frau mit sehr langen Haaren, blauen Augen, Stupsnase, hohen Wangenknochen, aber einem sehr dunklen Teint. Ob es Bräune oder ihr normales Melanin war, konnte Helen nicht sagen. Nicht nach den paar Minuten, die sie aus dem ewigen Stasis-Traum erwacht war. Der Patschuli-Geruch kam übrigens von ihr, wie sie bemerkte. Dabei war das eher ein Herrenparfum.

Sie sah den Mann an. Der war groß, dünn und dunkelhaarig. Seine grauen Augen und die scharfe, vorstehende Nase, die an einen Adlerschnabel erinnerten, machten ihn nicht gerade attraktiv. Aber auch nicht hässlich. Beide trugen Bordkombinationen in blau, fremde Rangabzeichen und Kragenspiegel. Die Symbole kannte sie, aber sie wusste nicht, was sie in diesem Zusammenhang bedeuten sollten.

„Sie werden von mir wollen, dass ich mich entscheide. Entweder, meine Crew im Dornröschenschlaf und weiter in die Ewigkeit fliegen zu lassen, oder für all meine Leute, die überlebt haben, eine Entscheidung zu treffen, die sie vielleicht nicht wollen. Oder, das Drittbeste, ob ich Sie bitten soll, alle zu wecken, die überlebt haben, damit wir die Entscheidung gemeinsam treffen können. Letzteres hätte den Vorteil, dass wir wüssten, wie viele es tatsächlich geschafft haben, zu überleben. Ich wäre ungern die Einzige, verstehen Sie? Oder haben Sie eine Technologie entwickelt, die ihnen erlaubt, schneller als das Licht zu reisen?“

Beide schüttelten den Kopf.

Helen bedauerte das. „Dann muss ich ihnen in jedem Fall außerordentlich danken, weil Sie das große Risiko auf sich genommen haben, die POMPEJI nicht nur in den Leerraum zu verfolgen, sondern sich auch noch der hohen Strahlung des interstellaren Sektors auszusetzen.“

„Machen Sie sich um Letzteres keine Sorgen“, sagte Rend. „Der Schutzschild wurde zehn Jahre nach ihrem Abflug patentiert und ist seither in jedem Raumschiff verbaut. Er schützt zuverlässig gegen kosmische Strahlung, Mikro-, und Makro-Meteoriten, und einige andere unangenehme Dinge. Wir haben mit der DENVER selbstverständlich einen Schild aufgebaut, der die POMPEJI auch einschließt. Und ja, wir haben genug Energiereserven, um das noch einhundert Jahre durchzuhalten. Das ist aber nicht der Plan. Kommen Sie, Helen, Sie sind verdammt schlau. Sie wissen, was als Nächstes kommen wird.“

„Ihre Energie reicht nicht dazu aus, die POMPEJI von ihrem ewigen Kurs auf ein Ziel in der Nähe abzubringen, richtig?“, riet sie.

„Korrekt. Wir werden den Kurs korrigieren, sodass sie in etwa dreihundert Jahren ein anderes bewohntes System tangiert. Die dortigen Menschen werden das Schiff dann dort einfangen. Aber wie Sie sich denken können, haben DENVER und POMPEJI nur ein relativ kurzes gemeinsames Zeitfenster, genau gesagt neunzehn Tage, bevor ihr Schiff durch den Kurs zu weit von unserem abrückt, sodass wir es mit unserem Schild nicht länger schützen können. Zufällig haben wir eine sehr große medizinische Abteilung und leer stehende Frachträume. Meine Crew ist wach und einsatzbereit. Wir können alle Überlebenden und alles, was Sie mitnehmen möchten, rüberschaffen. Danach würden wir alle erneut in Kryostase gehen, die aber nur etwa siebzehn Jahre dauern wird. Damit erreichen wir Harpers Point, ein bedeutendes Transit-System. Dort können ihre Leute entscheiden, was sie in Zukunft tun wollen. Der dortige Zeitdeformator kann Sie theoretisch bis zu vierhundert Jahre in die Vergangenheit bringen, also relativ nahe ans Jahr ihrer Abreise. Oder ein Stück darüber hinaus. Sie könnten also auf ihre eigene Zeitebene zurückkehren, so Sie dies wünschen und das temporale Konglomerat zustimmt. Aber wenn ich ehrlich bin, sollten Sie sich mit uns in die Delta-Zeit versetzen lassen und dort neu anfangen, Kapitän. Delta-Zeit ist etwa einhundert Jahre von uns in der Vergangenheit, um das Jahr 2500 alter Zeitrechnung.“

„Moment mal, Moment! Reden wir hier von … Zeitreise?“

„Zeitreise“, sagte der Kapitän der DENVER. „Waschechte Zeitreise. Es führt vielleicht etwas zu weit, ihnen alles auf einen Schlag erklären zu wollen, aber die Zeitreise ist die Grundlage unserer Zivilisation. Wie Sie wissen, dauert die Reise zwischen Sonnensystemen eben einige Zeit. Sie zum Beispiel fliegen mit etwa einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit und haben etwa fünfundzwanzig Lichtjahre Entfernung von der Erde aufgebaut.

Unsere modernen Schiffe schaffen in etwa halbe Lichtgeschwindigkeit, brauchen aber bis Alpha Centauri immer noch fast zehn Jahre. Und die Crew wird immer noch in Kryostase gehalten, während sie diese Entfernung überbrückt. Und je weiter ein Sonnensystem entfernt ist, desto länger dauert die Reise, bis hin zu zweihundert Jahren. Auf diese Weise kann man natürlich keine zusammenhängende Zivilisation aufbauen, wenn jede diplomatische Reise einen zweihundert Jahre in die Zukunft katapultiert. Wie gesagt kann der Zeitdeformator von Harpers Point rund vierhundert Jahre überbrücken. Damit würden wir einhundert Jahre plus unserer restlichen Flugzeit in die Delta-Zeit zurückreisen, aus der wir gestartet sind.“

„Und die Delta-Zeit ist?“

„Eine Zeitebene, die in allen Sonnensystemen, die von der Menschheit besiedelt wurden, gleich abläuft. Eine exakt identische Zeit, welche alle besiedelten Planeten teilen. Eine Zielzeit, eine allgemein gültige Zeit, in die es uns alle wieder und wieder zurückzieht. Zumindest jene, die aus dieser, nennen wir es Zeitebene, stammen. Egal, ob ich einhundert Jahre gereist bin, oder zehn, bei meiner Ankunft versetzt mich der Zeitdeformator in genau jene Delta-Zeit. Ganz so, als hätte es die Reise nie gegeben. Natürlich plus der real vergangenen Zeit, gerechnet am Zeitverlauf der guten alten Erde.“

„Alle besiedelten Systeme verbringen ihre Zeit, nun, zeitgleich. Auf diese Weise schalten wir den Faktor Reise komplett aus. Und bevor Sie fragen: Es ist viel einfacher, eine gemeinsame Zeit aufrecht zu erhalten, als in jedem System eine eigene Zeit zu pflegen“, erklärte die Frau. „Aber auch das führt schon viel zu weit, Kapitän Sikorsky. Wir werden das näher und detaillierter erläutern, so Sie dies wünschen. Delta-Zeit ist schon ein großes Thema, jetzt aber mit Gamma-Zeit oder Eta-Zeit anzufangen wäre definitiv zu viel für Sie.
Jetzt würde ich sagen, Sie stehen erst mal auf, nutzen die Duschen und essen einen Happen. Auch wenn wir Sie vielleicht schon bald erneut einfrieren, sollten Sie die Pause nutzen, um ihren Metabolismus zu stärken. Einverstanden?“

Helen versuchte, den rechten Arm zu heben. Es gelang ihr überraschend gut. „Einverstanden. Helfen Sie mir raus, bitte.“

Die Ärztin griff zu und half Helen, sich sitzend aufzurichten. Dabei verrutschte das Tank Top leicht, das sie neben der Shorts getragen hatte, als sie im Coffin eingefroren wurde. Sie richtete den rechten Träger automatisch und wunderte sich über die Selbstverständlichkeit, mit der sie dies tun konnte, obwohl ihr Körper unter der Kryostase eigentlich noch leiden sollte. Nun, ihre Gegenüber schien es jedenfalls nicht zu interessieren, dass sie halb nackt war.

Hull sagte erklärend: „Falls Sie sich wundern, warum ihr Körper so aktiv ist nach der kleinen Ewigkeit, die er eingefroren war, wir haben …“

„Natürlich auch Fortschritte beim Thema Kryostase und deren Bewältigung gemacht. Umso erstaunlicher, dass Claus es nicht geschafft hat“, vollendete Helen den Satz der Medizinerin.

Maykjard Rends Blick wurde für einen Moment schuldbewusst und düster. „Wir haben Fortschritte gemacht, aber wir können weder zaubern, noch Wunder vollbringen. Noch nicht. Aber wir werden den Leib von Kapitän Lagemann mitnehmen. So Sie dies wünschen, können wir ihn klonen und seinen Genen einen Neuanfang ermöglichen. Es wird sogar ein gewisses Interesse an seiner DNS bestehen. Immerhin ist sein Genkomplex ein paar Jahrhunderte alt. Einige Sonnensysteme des Konglomerats werden sich eventuell über die eine oder andere Sequenz erfreut zeigen. Aber auch das führt …“

„Zu weit, ich weiß. Jetzt hätte ich gerne die versprochene Dusche.“

Hull zog weiter an ihrem Arm. Helen versuchte, die nackten Beine über den eher flachen Rand ihres Sarcophagus zu schwenken und hatte damit erstaunlich leicht Erfolg. Die Biotechnologie dieses temporalen Konglomerats musste erstaunlich sein. Normalerweise brauchten Kryostaten nach dem Aufwecken mehrere Tage, bevor sie auch nur in der Lage waren, eine größere Bewegung zu machen, intravenöse Ernährung und künstliche Abführung der Ausscheidungen. Letzteres war ein schmerzhafter Prozess, auf den die Crew vor dem Start mit einer Probe-Kryostase vorbereitet worden waren.

Langsam setzte Helen die Beine auf und fühlte den kalten, vertrauten Boden des medizinischen Decks der POMPEJI unter ihren Füßen. Neben ihrem Sarg stand ein weiterer, und noch zwei andere waren im Raum, die den Zweiten Offizier Kennard Mahoney sowie Renata Manoli, die Dritte Offizierin, aufbewahrten. Diese beiden blinkten wie Weihnachtsbäume mit all den LED-Anzeigen. Der von Claus jedoch war tot, leblos, abgeschaltet. Und er war leer, während ihre Mit-Offiziere gut

sichtbar durch die verfrostete, aber nicht blinde transparente Kuppeln der Särge zu sehen waren.

„Wir haben Kapitän Lagemann wieder eingefroren und in eine Transportbox gelegt. Je nachdem, wie Sie sich entscheiden, Kapitän Sikorsky, werden wir auch mit ihm verfahren“, sagte Rend.

Helen sah ihn an, direkt in die Augen. „Wieso kommen Sie überhaupt auf den Gedanken, ich würde etwas anderes tun wollen, als meine Crew zu retten?“

„Bei Kryostaten aus der jungen interstellaren Phase weiß man nie“, sagte Mykene Hull, und es klang ein wenig leidgeprüft. „Sie wären nicht das erste Schiff alternativer Aussiedler oder religiöser Fanatiker, das das Konglomerat zu retten versucht, aber die sich nicht retten lassen wollen.“

„Ich denke, bei mir und meinen Leuten können Sie das ausschließen, Doktor. Es sollte Aufzeichnungen geben, die belegen, dass wir auf einer UN-Mission unterwegs sind. Waren. Ich meine, Sie wissen, was ich sagen will.“

„Sicher, Helen. Ich meine Kapitän Sikorsky. Aber Sie haben ja keine Ahnung, welche Anstrengungen gewisse Gruppen mit der Etablierung der Fernreisemöglichkeit unternommen haben, um, nun, fernzureisen und sich die Chance auf ein eigenes vermeintliches Paradies zu erschaffen“, erklärte Rend. „Wir wägen nur alle Möglichkeiten ab und sind in der Lage und dazu bereit, ihnen Wünsche in einem gewissen Rahmen auch zu erfüllen.“

„So wie den, in die Unendlichkeit weiterzufliegen?“, fragte Helen nicht ohne bitteren Unterton in der Stimme.

„Man kann niemanden retten, der nicht gerettet werden will. Diese Lektion war für uns schmerzhaft und nachhaltig“, sagte die Professorin. „Ich meine, für eine wissenschaftliche Expedition ist es schon, sagen wir, interessant, dass zweihundert Männer und zweihundert Frauen an Bord genommen wurden, und alle im zeugungsfähigen Alter. Unsere bisherigen Erfahrungen lassen uns da, hm, etwas vorsichtig sein. Bitte interpretieren Sie das nicht als Unwillen. Stehen Sie sicher, Kapitän?“

„Ja, danke. Es geht. Ich verstehe, was Sie sagen wollen und versichere ihnen, dass wir nicht dazu gehören. Die Umgebungstemperatur ist zwanzig Grad?“

„Fünfundzwanzig. Wir spenden der POMPEJI ohnehin Energie aus unseren Generatoren, da können Sie es auch behaglich haben. Das heißt, wir haben für unseren Aufenthalt an Bord auch die sanitären Einrichtungen reaktiviert. Sie können also wie versprochen duschen, und das sogar heiß. Ein Ausfall der künstlichen Schwerkraft ist auch nicht zu erwarten“, sagte Rend. „Es ist sehr viel passiert, seit Sie losgeflogen sind.“

Und das waren die Worte, die ihr halfen, eine Entscheidung zu treffen. Helen versuchte, ein paar Schritte zu gehen, und als sie merkte, dass es zwar nur langsam ging, aber relativ problemlos möglich war, bedankte sie sich bei Hull und wollte alleine weiter gehen. Mit jedem weiteren Schritt wurde es besser, aber Rend begleitete sie vorsichtshalber. Immerhin ein guter, neuer Anfang für sie.

Ihr erster eigener Weg führte sie und den anderen Kapitän im Schlepptau dann aber nicht in die angrenzenden Duschräume der Kryostase-Einrichtung, sondern zum Schott des Laufgangs. Bevor der reagieren konnten – eventuell ließ er es auch zu – öffnete Sikorsky das Schott und sah hinaus. Neben der Tür stand ein Mensch in einer Art klobiger Rüstung. Er trug eine Art Gewehr und eine Seitenwaffe, ihr unbekannte Fabrikate, aber eindeutig Waffen. Das Visier stand offen, und dahinter erkannte sie ein relativ junges, schwarzes Männergesicht.

„Kapitän“, sagte der Mann in ihre Richtung und nickte ihr zu. Ihre Bekleidung ignorierte er und sah ihr direkt in die Augen.

„Soldat“, erwiderte sie und zog sich nach einem weiteren Blick beide Seiten den Gang runter, wo sie weitere gepanzerte Infanteristen entdeckte, wieder in die Kryostase-Einrichtung zurück,.

„Gut“, sagte sie zu Rend und Hull. „Sie sind Realisten, und keine durchgeknallten Irgendwasauchimmer. Das schont meine Nerven enorm. Ich denke, wir werden miteinander klar kommen.“ Sie ging auf die Waschräume zu, und mit jedem Schritt wurde es besser. Wenn sie an ihre erste Kryostase dachte, und daran, wie viele Tage sie gebraucht hatte, um zumindest selbstständig wieder essen zu können, schauderte sie. Im Moment fühlte sie sich nicht wie nach dreihundertfünfzig Jahren im Sarcophagus, sondern als wäre sie nach einer langen Partynacht mit viel zu wenig Schlaf aufgestanden. Schlimm, aber nicht mit damals zu vergleichen.
Bevor sie den Waschraum betrat, sagte sie: „Bitte wecken Sie meinen Zweiten und Dritten Offizier, sowie Doktor med. Irina Kayasdottir und Chefingenieur Rufus Deutschmann. Ich kann und werde von ihnen nicht verlangen, alle Überlebenden zu wecken, nur um sie erneut einzufrieren, aber ich kann auch nicht ohne jeden Rückhalt aus der Crew entscheiden. Wenn wir alle unwissend an unserem Ziel geweckt werden, und ich bin die Einzige, die informiert ist, riskiere ich als Allererstes eine Meuterei.“

Rend sah Hull auffordernd an. Dabei grinste er breit. Die Medizinerin stieß ein ärgerliches Knurren aus und zählte dem Kapitän der DENVER eine Sikorsky unbekannte Währung in die Hand.

„Und die Wache am Schott hat sie auch gecheckt“, sagte Rend. Mürrisch legte sie weitere Scheine in die geöffnete Hand ihres Skippers.

Der sah zu Sikorsky herüber und sagte: „Ich habe drauf gewettet, dass Sie einige ihrer Offiziere wecken lassen wollen. Das ist nichts, was uns großartig anstrengt, Skipper. Und es zeigt, dass Sie sich auf den Rückhalt ihrer Leute verlassen. Außerdem habe ich gewettet, dass Sie nicht nur versuchen, uns zu beweisen, dass wir es nicht mit fanatischen Neusiedlern zu tun haben, aber mit einer wissenschaftlichen Mission, sondern dass Sie auch prüfen werden,  ob wir ein naiver Haufen gutgläubiger Trottel sind, oder uns abzusichern verstehen. Sie haben ja auch die beiden Wachen an den jeweiligen Enden des Gangs gesehen.“

Helen fühlte, wie ihr Gesicht etwas tat, was sie seit dreihundertfünfzig Jahren nicht gemacht hatte. Es verzog sich zu einem Lächeln. „Ich denke, wir werden uns verstehen, Kapitän Rend.“

Mit diesen Worten betrat sie den Waschraum. Sie bekam aber noch mit, dass das Schott zum Kryoraum erneut aufging und weitere Menschen in der ihr fremden Uniform eintraten. Hilfspersonal für die De-Kryostase. Das musste sie der Crew der DENVER lassen. Sie schien aus Profis zu bestehen.

An ihrem Spind angekommen zog sie Tank Top und Shorts aus, öffnete den Spind und legte beides hinein. Es war ein spezieller Stoff, der die tiefen Temperaturen der Kryostase überstand, ohne dass die Gefahr drohte, dass er anfror und die Haut des Eingefrorenen verletzte. Anschließend zog sie die dort deponierte Unterwäsche, ihre UN-Uniform und die leichten Bordschuhe hervor. Und ihre Badeschlappen. Ein Anachronismus, aber der Mensch brauchte Gewohnheiten.

Aus einem Spender nahm sie sich ein Handtuch und ein Multi-Duschgel und betrat den eigentlichen Duschraum, ihre Uniform zurücklassend.

Wie Rend versprochen hatte, verfügte die POMPEJI über Schwerkraft, sodass sie die normalen Wasserduschen nutzen konnte. Ja, für den Notfall wie einem Totalausfall der Schwerkraft gab es Null G-Duscheinrichtungen. Und für die ganz schlimmen Situationen ohne Schwerkraft, in denen man tatsächlich Zeit fand, sich einer Reinigung zu unterziehen, angefeuchtete Handtücher.

Helen begann mit etwa achtzehn Grad, wie man es ihr bei der ersten Kryostase beigebracht hatte. Aber das Wasser war ihr deutlich zu kalt. Für einen Moment zog sie die Möglichkeit in Betracht, dass sie unmöglich bereits wieder so gut an Normtemperaturen gewöhnt sein konnte und dies ein Traum war. Also biss sie sich kräftig in den rechten Daumen, aber der Schmerz, der sie durchzuckte, sagte ihr das Gegenteil. Sie blieb misstrauisch, fuhr die Temperatur des Duschwassers aber auf dreißig Grad hoch. Dann auf achtunddreißig, ihre bevorzugte Duschtemperatur. Als zumindest dieser Part ihr Wohlwollen fand, öffnete sie die Duschgeltube und schäumte Haare und Körper ausgiebig ein. Dabei ließ sie sich mehr Zeit als nötig und verbrauchte auch mehr Wasser, als ihr eigentlich zustand. Aber es half ihr, zu ihrem inneren Gleichgewicht zurückzukehren.

Da stand sie also, dreihundertfünfzig Jahre später, nachdem sie ihren Sarcophagus geschlossen hatte, unter einer Dusche mit heißem Wasser, und versuchte zu verstehen, was passiert war. Claus war tot, aber nicht ganz verloren. Es gab Verluste in der Crew, aber sie wusste nicht, wie viele. Auch für die bestand eine Form von biologischer Hoffnung. Und sie stand kurz davor, für die Überlebenden der vierhundertköpfigen Crew eine Entscheidung zu fällen, weil ihr Schiff an Sirius vorbeigeschippert war. Ein Risiko, das ihr und ihren Leuten durchaus bewusst gewesen, aber kalkulierbar klein war. Für einen Moment überlegte sie, ob Sabotage die Ursache gewesen war. Es gab genug fanatische Gruppen auf der Erde, die Fernreisen nicht nur als Blasphemie empfunden hatten, sondern sie auch bekämpften. Aber die Antwort auf diese Frage würde ihre Probleme nicht beheben.

Natürlich hatte sie sich persönlich bereits entschieden. Sie würde an Bord der DENVER gehen und das Angebot von Kapitän Rend annehmen. Aber wie würde es danach weitergehen? Es musste, wenn sie das nächste Mal aus der Kryostase erwachte, zumindest einen Plan geben, und der musste von mehreren Offizieren mitgetragen werden.

Helen deaktivierte die Dusche und stand kurz da, patschnass, aufgewärmt, aber reichlich bedröppelt. Im wahrsten Sinn des Wortes. Für einen kurzen Moment gönnte sie sich das Privileg, unter der Last der Verantwortung nachzugeben, und gegen die Wand zu sinken, um ein paarmal tief einzuatmen und wieder auszuschnauben. Dann verließ sie die Dusche, schnappte sich das Handtuch aus dem Spender und begann, sich abzufrottieren.
Danach ging sie in den Umkleideraum zurück und schlüpfte aus den Duschschlappen. Sie legte die Unterwäsche an. Das ging ziemlich gut. Sogar den BH zu schließen fiel ihr verdammt leicht. Ob sie vielleicht doch das alles nur träumte? Aber, nein, der Schmerz im Daumen war zu real gewesen.

Auch in die Uniformhose und die Bluse, gehalten in den Farben der UN, schaffte sie es relativ leicht. Das Konglomerat hatte wirklich enorme Fortschritte gemacht, zumindest was Kryostase anging.

Nur bei den Schuhen hatte sie leichte Probleme, als es ans Bücken ging. Ah. Immerhin. Eingerostete Muskeln waren also etwas, was die moderne Medizin ihrer Retter nicht beheben konnte. Das fand sie beruhigend. Es hätte sie nervös gemacht, wenn es bei all der Perfektion ihrer hochstehenden Technik alles reibungslos funktioniert hätte. Aber vielleicht war das Absicht gewesen, um in ihr dieses Gefühl der Erleichterung auszulösen. Zuzutrauen war es ihnen.

Als sie die Borduniform angelegt und sich vom korrekten Sitz aller Details überzeugt hatte, trat sie wieder in den Kryostase-Raum. Die Neuankömmlinge arbeiteten bereits an den anderen beiden Sarcophagus, um den Zweiten und den Dritten Offizier wieder ins Reich der sich Bewegenden zu holen.

„Ah, Kapitän Sikorsky“, begrüßte sie ein hochgewachsener, aber extrem dürrer Mann, der ein Nordeuropäer zu sein schien, zumindest der Hautfarbe nach, aber einen schütteren schwarzen, mit grau durchsetzten Haarkranz sein eigen nannte. Abgesehen vom offensichtlichen Verlust des Haupthaars schätzte sie ihn nicht älter als Mitte zwanzig. Und etwa auf zwei Meter dreißig. Der dürre Riese richtete sich gerade auf, nachdem er das Display von Renata Manolis Sarg studiert hatte. „Der Skipper hat mir gesagt, ich soll ihnen die halbwegs guten Nachrichten sofort überbringen, wenn Sie mit umziehen fertig sind. Dafür hat er eine halbe Stunde veranschlagt, deshalb sind er und Doktor Hull in die anderen Kryoräume gegangen, in denen ihr Schiffsarzt und ihr Chefingenieur gerade aufgeweckt werden. Falls Sie schneller fertig sein sollten, kümmere ich mich um Sie. Hat er gesagt. Ich bin Major Tom. Ignatius Tom. Falls Sie mich nach meiner Größe befragen wollen, ja, ich bin den größten Teil meines Lebens unter Niedrigschwerkraftbedingungen aufgewachsen. Deshalb bin ich auch so dürr, weil ich Zeit meines Lebens keine Muskeln gebraucht habe. Und bevor Sie die zweite offensichtliche Frage stellen: Es war ein Unfall, wir konnten die Schwerkraft nicht künstlich erhöhen, und ich bin ein Kind der dritten Generation, bevor unsere Retter uns gefunden haben. Ich stehe hier vor ihnen dank dieses Geräts an meinem Gürtel. Es koordiniert ein hauchdünnes Exoskelett, welches mir etwa zwei Drittel der Anstrengungen abnimmt, sodass ich mich relativ bequem bewegen kann. Haben Sie weitere Fragen?“

„Ja, Herr Major. Was sind die guten Nachrichten, die so halbwegs sind?“

„Gerade auf den Punkt. Das gefällt mir.“ Der dürre Mann grinste, und das war wahrlich kein schöner Anblick. „Ich soll Sie darüber informieren, dass wir jetzt einen Überblick über alle vierhundert Sarcophagus haben. Die gute Nachricht vorweg, neben ihnen haben dreihundertvierundneunzig Personen auf eine Vorstimulation reagiert. Im Idealfall können wir also dreihundertfünfundneunzig von ihrer Besatzung retten. Es gibt ein zusätzliches Risiko von fünf Prozent, und eventuell können wir einen oder mehrere der fünf nach dem Auftauen doch wiederbeleben, aber der Punkt ist, der weitaus größte Teil ihrer Crew wird es schaffen.“

„Ja, das sind sogar ziemlich gute Neuigkeiten. Nachdem es ausgerechnet Kapitän Lagemann erwischt hat, hätte ich unsere Verluste höher eingeschätzt. Entschuldigen Sie.“

Helen suchte sich den nächstbesten Sitzplatz. Auf einmal war ihr mulmig und schwindlig. Es war nicht so, dass sie mit jedem der dreihundertneunundneunzig Crewmitgliedern perdu oder gar befreundet gewesen war. Aber es nahm ihr eine Riesenlast vom Herzen zu wissen, dass trotz ihres Status als Fliegender Holländer die überwiegend große Mehrheit überleben würde.

Jemand hielt ihr ihre Lieblingsteetasse hin, und automatisch griff sie zu. „Danke. Was ist das?“

„Ihr eigener Tee. Assam“, sagte eine fremde Frauenstimme. „Ich habe mich bemüht, ihn so zuzubereiten, wie Sie es laut ihrer Aufzeichnungen getan haben.“

Zur freundlichen Stimme gehörte ein südamerikanisches Indiogesicht, das im Helm einer Gefechtsrüstung steckte. „Leutnant Bekur, zu ihren Diensten. Als noch nicht klar war, was aus ihnen und der Crew der POMPEJI werden würde, haben wir begonnen, das Logbuch und andere Aufzeichnungen der Offiziere auszuwerten. Dabei bin ich auf den Tee gestoßen. Er war über dreihundert Jahre luftdicht verpackt. Ich kann aber nicht garantieren, dass er nach was schmeckt.“

Helen nahm einen vorsichtigen Schluck. Nein, das war nicht der Geschmack aus ihrer Erinnerung, aber immerhin, sie schmeckte etwas, und das Getränk war süß und heiß. Bei der Versuchskryostase hatte es über eine Woche gedauert, bis ihr Mundraum wieder ein heißes Getränk akzeptiert hatte.

„Danke, er schmeckt nach etwas, Leutnant.“

„Immerhin.“ Sie grinste nun noch breiter, wie eine Karikatur zu den dürren Zügen des Majors, der übrigens ebenso wie sein Skipper und die Doktorin Borduniform trug. „Wir haben ein paar interessante eigene Sorten auf der DENVER, und auch verschiedene Kaffeeröstungen. Ihr nächster Kryotermin ist nicht vor einer Woche. Daher werden wir viel Zeit haben, uns durchzuprobieren.“

Helen runzelte die Stirn. „Nur eine Woche? Nach meiner ersten Kryostase hieß es, es müsste ein halbes Jahr vergehen, bevor ich meinem Körper diese Prozedur erneut antun kann.“

„So viel Zeit haben wir nicht, wie ich Sie erinnern darf“, sagte Major Tom. „Außerdem ist unsere Technik weiter entwickelt als ihre. Das haben Sie allerdings sicher schon selbst gemerkt. Fünf Tage Pause bis zum erneuten Einfrieren, zwei Tage Sicherheitsabstand. Wobei wir Sie nicht wirklich in Eis packen, wie es diese alten Sarcophagus getan haben. Wir kühlen Sie auf Null Grad runter, genau an der Grenze zum Einfrieren. Es hat sich herausgestellt, dass für die Eingefrorenen subjektiv keine Zeit vergeht und auch kein Alterungsprozess stattfindet, die Körper aber wesentlich weniger Schaden nehmen.“

Helen nahm einen erneuten Schluck von ihrem Tee. Die Tasse war schön warm. Die Verantwortung eine Last, die sie niederzudrücken drohte, obwohl offensichtlich war, was jetzt getan werden musste.

„Ich möchte jetzt mein Büro aufsuchen und ihre Legitimationen sehen“, sagte sie schließlich entschlossen. „Anschließend hätte ich gerne Konferenzraum drei zu meiner Verfügung.“

„Es ist ihr Schiff, Skipper. Sie können machen, was immer Sie wollen – außer mit uns“, sagte der Major. „Da Sie allerdings noch alleine sind, erlauben Sie mir, einige meiner Leute abzuordnen, um den Konferenzraum vorzubereiten. Ich habe mir erlaubt, die Dokumente, welche uns legitimieren, ins Büro von Kapitän Langmann zu bringen, nicht in ihres. Außerdem haben wir bereits einen Lagebericht über das Schiff selbst erstellt. Ich kann das alles natürlich ins Büro des Ersten Offiziers rüberbringen lassen.“

„Ich bitte darum“, sagte Helen. „Es erscheint mir nicht richtig, auf eine vertraute Umgebung und meine dortige Ausrüstung zu verzichten. Und mit Ausrüstung meine ich mein Datenpad. Nicht etwa eine Waffe. Ich habe keinen Grund, misstrauisch zu sein oder handgreiflich zu werden.“

„Noch nicht?“, scherzte Leutnant Bekur.

„Es ist nicht so, dass ich nicht komplett in ihrer Hand wäre, oder?“

Die beiden Offiziere tauschten einen langen Blick aus, bevor sie leise seufzten. „Ma’am, seien Sie versichert, wir würden diese Strapazen nicht für ihre Ladung aufnehmen. Wie Sie selbst sagen, sie haben keinen Grund, misstrauisch zu sein oder handgreiflich zu werden“, sagte der Major. „Und wir haben keinen Grund, ihnen zu misstrauen. Wir sind lediglich vorsichtig. Ich bin sicher, der Skipper hat ihnen erklärt, warum das so ist. Außerdem haben wir das hier.“

Langsam, nahezu theatralisch zögerlich nahm er den rechten Arm von seinem Rücken, wo er aus der Hintertasche seiner Hose etwas hervorgeholt hatte. Dies präsentierte er nun Sikorsky.
Die junge Frau zog überrascht eine Augenbraue hoch. „Wenn Sie ein UN-Siegel haben, warum hat Rend es mir nicht gleich gezeigt?“

„Vermutlich, damit Sie nicht noch mehr überfordert werden. Die Situation ist anstrengend genug“, sagte Leutnant Bekur. „Und genau deshalb sollten Sie die Zeit, bis wir ihre Leute aufgeweckt und durch die Waschräume geschickt haben, nicht damit nutzen, ihr Büro zu besuchen, sondern direkt auf die Brücke gehen.“ Sie zuckte mit den Schultern, was in der Rüstung gleich doppelt beeindruckend wirkte. „Dort lassen wir Sie alleine, damit Sie sich anhand ihrer eigenen Ausrüstung davon vergewissern können, dass wir die vollumfängliche Wahrheit sagen. Dafür haben wir nicht nur das Bordgehirn geweckt, wir haben auch Material bereit gelegt, falls Sie die verschiedenen Terminals auf Manipulationen untersuchen wollen, Ma’am.“

„Also gut. Sie bringen mich zur Brücke, Leutnant Bekur?“

„Ja, Ma’am. Dort warte ich dann vor der Tür. Wenn Sie es wünschen, lege ich dafür die Rüstung auch ab.“

„Also gut. Legen Sie die Rüstung ab.“

„Zu Befehl, Skipper.“ Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann öffnete sich der Rücken des Koloss, und die überraschend schlanke und kleine Bekur kletterte heraus. Sie trug ebenfalls eine Borduniform, keine Unteruniform mit Recyclingfunktion, wie man sie in diesen Rüstungen bei längeren Einsätzen zu tragen pflegte. Damals in ihrer Zeit waren die Dinger brandneu gewesen, und mithin die zweitgrößte Innovation ihrer Zeit. Gleich nach der Kryostase. „Ich folge ihnen, Ma’am.“

„Gut“, schnarrte Sikorsky, und hoffte, nicht zu grob geklungen zu haben.

Die beiden Frauen traten auf den Gang hinaus, wo immer noch eine Wache stand. Der Soldat grüßte erneut. „Büro?“

„Brücke“, erwiderte Bekur. Sie hielt dem schwarzen Gesicht die Rechte hin, und der groß gewachsene Marinesoldat fummelte mit der freien Hand an seinem Gürtel herum und legte ihr ein paar Münzen in die Hand.

„Sie scheinen ein ziemlich wettgeiler Haufen zu sein“, sagte Sikorsky. „Nicht, dass ich Sie tadeln will.“

„Es ist ein harmloser Spaß unter uns. Nachdem wir festgestellt haben, dass alle offiziellen Angaben der UNO über die POMPEJI exakt sind und wir erwarten durften, nicht aus Versehen in ein Wespennest geraten zu sein – und es sind eine Menge Fanatiker zu den Sternen aufgebrochen im Verlauf der letzten drei Jahrhunderte, glauben Sie mir das – haben wir ihr Verhalten versucht zu prognostizieren. Daraus wurden dann einige Wetten innerhalb der Crew. Für uns auch ein Zeichen dafür, dass tatsächlich alles normal ist, und dass nicht gleich irgendwo aus den Wänden parasitäre Aliens hervorbrechen, die erst uns alle fressen, dann auf die DENVER vordringen und dort jedermann töten, nur um sich dann mit zwei Schiffen für das nächste Opfer auf die Lauer zu legen.“

Sikorsky schnaubte abfällig. „Sie sollten Bücher schreiben, Leutnant. Ihre Phantasie ist geradezu herausragend. Welche Spezies, denken Sie, könnte mit so einem Energiemanagement, dass alle paar Jahrhunderte etwas zu fressen einbringen könnte, überleben? Geschweige denn die Frage, ob menschliches Protein für so eine Rasse überhaupt verwertbar ist?“

„Danke schön“, sagte der Infanterist und nahm Bekur das Geld wieder ab.

„Gerne“, sagte die Leutnant missmutig. „Gehen wir zur Brücke, bevor Sie mich noch mehr Geld kosten, Skipper.“

Sikorsky wollte etwas sagen, folgte dann aber der anderen Offizierin in den Gang und schritt schließlich in gleicher Höhe mit ihr dahin. Am Ende des Gangs salutierte der dort stationierte gepanzerte Infanterist und ließ beide passieren. Dahinter befand sich ein Schacht mit einer Leiter, welche die Hausherrin erklomm. Bekur folgte dichtauf.

„Sie sind doch nicht sauer?“, fragte Sikorsky.

„Was? Nein, Ma’am, es sind ja keine hohen Beträge. Linderman wird mich nur auf Wochen damit aufziehen, dass unsere Wette unentschieden ausgegangen ist. Ich hatte anhand ihres Profils erwartet, dass Sie zuerst in Kapitän Lagemanns oder ihr eigenes Büro gehen würden.“ Sie kletterten bis auf die Höhe der übernächsten Etage und verließen die Röhre dann über den Ausstieg. „Ja, gucken Sie nicht so überrascht. Wir haben Dossiers zu jedem der Offiziere, und auch zu jedem Besatzungsmitglied. Vor dem Einsatz und die zehn Tage der Annäherung, in der wir geweckt wurden, haben wir die Akten und auch die psychologischen Profile studiert und versucht, ihre Handlungen und die ihrer Leute vorherzubestimmen. Nennen Sie es eine zusätzliche Absicherung. Wenn alles so ist, wie wir es erwartet haben, bedeutet das Sicherheit für uns.“

Gemeinsam gingen sie einen weiteren Gang entlang. Verdammt, Helen hatte vollkommen vergessen, dass die POMPEJI ein Gigant mit vierhundert Metern Länge mit einem Höchstdurchmesser von achtzig Metern in der Form eines Torpedos war. Von den Kryoeinrichtungen zur Zentrale waren es daher fast zweihundert Meter. „Und ich bewege mich in diesen Parametern, nehme ich an.“

„Ja, Ma’am, und wir sind alle sehr froh darüber. Nicht nur wegen der Möglichkeit, hier in einer Venusfliegenfalle gelandet sein zu können.“

Am Ende des Gangs erreichten sie das große Schott zur Brücke. Auch dort stand ein Marineinfanterist in seiner ziemlich eleganten Rüstung. In ihrer Zeit waren die Dinger eindeutig klobiger gewesen. Auch er salutierte und öffnete dann die Tür zur Zentrale. „Bitte, Skipper. Alles ihres.“

Sikorsky erwiderte den Salut und trat an dem Mann vorbei. Dann wandte sie sich wieder um. „Sie kommen wirklich nicht mit rein?“

„Nein, Ma’am. Wir haben nichts zu verbergen und ich muss Sie von nichts abhalten“, sagte Bekur.

„Was ist, wenn ich da drin meine menschliche Hülle abstreife, meine Alienform annehme und Sie beide da reinzerre und fresse?“

„Mein Visier schließt in einer Tausendstel Sekunde. Meine Panzerung ist unpenetrierbar bis zu zehntausend Kilo auf den Quadratzentimeter. Sie müssen sich dann also mit dem kleineren Snack hier zufrieden geben“, sagte der Raumsoldat und deutete auf Bekur. „Aber kauen nicht vergessen.“

„Sehr witzig, Sugrai“, kommentierte die Offizierin.

„Außerdem haben wir eine Kamerasonde auf der Brücke. Wir stören Sie nicht, aber wir wollen doch miterleben, wenn Sie aus ihrer menschlichen Hülle schlüpfen.“

„Da ist sie wieder, diese vernünftige Vorsicht.“ Sie trat in die Brücke ein. Hinter ihr ging das Schott zu, und Helen Sikorsky atmete erst einmal tief durch.

„Nero?“

„Ich bin aktiv, Skipper. Mir wurde die traurige Kunde vom Tod Kapitän Lagemanns bereits mitgeteilt.“

Sie trat tiefer in den Raum ein und ließ sich im Sessel des Kapitäns nieder. Dieser war nun ihrer, wenngleich nicht für lange. „Fahre eine Selbstdiagnose und überprüfe dich auf Manipulationen.“

„Aye, Skipper. Wenn es Sie beruhigt, ich habe nichts dagegen, dass die Besatzung von Bord geht und ich noch ein paar Jahrhunderte weiter fliegen muss, bevor ich geborgen werden kann. Nicht, dass Sie glauben, ich bin eine von diesen künstlichen Intelligenzen mit Dachschaden. Zeit bedeutet mir nichts, und Gesellschaft ist nett, aber keine Voraussetzung für mein Wohlbefinden. Darf ich an dieser Stelle anmerken, dass die Codes, mit denen sich die DENVER ausgewiesen hat, authentisch sind?“

„Danke, das wäre meine nächste Frage gewesen. Was ergab die Diagnose?“

„Die Diagnose ergab, dass die Angriffskrieger in neunzig Minuten einsatzbereit sind. Die Schlachtermeister folgen fünf Minuten darauf und können aus den Überresten der Menschen die von ihrer Spezies so geliebten Fleischbällchen herstellen.“

Sikorsky starrte unwillkürlich zur Decke, wo sie eine der visuellen Einheiten des Bordgehirns wusste.

„Nur ein Witz, Skipper. Immerhin, unsere Retter haben mit dem Unsinn angefangen. Und ich wollte mal sehen, ob sie ihr Versprechen, die Brücke nur optisch zu überwachen, einhalten. Hätten sie uns zugehört, würden jetzt die neunzehn Infanteristen an Bord die Visiere schließen, ihre Waffen in Anschlag nehmen und versuchen, die ungepanzerten Besatzungsmitglieder zu evakuieren.“

„Du hast in Kauf genommen, dass sie uns hier zurücklassen – für einen Witz, Nero?“

„Na ja, zurücklassen. Ich hätte den Scherz natürlich rechtzeitig aufgeklärt. Davon abgesehen haben die Leute der DENVER die POMPEJI ausgiebig gescannt. So ausgiebig, dass sie wohl gerade die korrekte Zusammensetzung ihres Blutes kennen, Skipper.

Nein, mein Selbsttest ergab weder eine Beeinträchtigung, noch eine Manipulation. Weder durch die DENVER, noch durch irgendwelche xenomorphen Fressmutanten.“

„Nero!“, rief sie mahnend.

„Ich möchte dran erinnern, dass Sie es waren, die mir meinen Humor beigebracht hat, Colonel Sikorsky“, erwiderte das Schiffsgehirn etwas pikiert.

Das stimmte natürlich. „Allerdings habe ich keinen Hang zu Horrorszenarien im Weltall außer dem, in dem wir gerade stecken, nämlich am Ziel vorbeigeflogen zu sein.“

„Kapitän Lagemann hat ein paar Extrastunden mit mir verbracht“, gestand die künstliche Intelligenz. „Er hielt ihren Humor für, nun, etwas zu trocken, Skipper.“

Sikorsky murmelte etwas Unverständliches und rutschte auf dem Sessel des Kapitäns hin und her, bis sie sich wieder beruhigt hatte. „Zeig mir eine Karte der Umgebung. Hat Rend Recht, und befinden wir uns fast dreißig Lichtjahre von der Erde entfernt? Haben wir Sirius touchiert, anstatt das System zu erreichen?“

Vor dem Sitz der Kommandantin öffnete sich ein Hologramm. Es bestand aus winzigen Lichtpunkten, neben denen jeweils kleine Schildchen schwebten, die sie benannten. Im Zentrum stand ein winziger gelber Fleck, neben dem das Schild drauf hinwies, dass dies Sol war, die Heimatsonne, vor der aus sie aufgebrochen waren. Weitere Sterne waren dreidimensional um die Sonne verteilt. Am nahesten war die Centauri-Gruppe mit Proxima Centauri in nur vier Komma sieben Lichtjahren Entfernung. Farbige Schattierungen, die sich kugelförmig um Sol legten, markierten jeweils zehn Lichtjahre Distanz. Sirius, das Ziel ihrer Expedition, war knapp neun Lichtjahre entfernt. Das Schildchen neben dem hellen Lichtpunkt wies darauf hin, dass es sich um ein seltenes System aus drei Sonnen handelte, wobei lange Zeit nur zwei hatten beobachtet werden können. Sirius befand sich noch in der ersten Sphäre. Ein Kurs wurde eingezeichnet, der anzeigte, welchen Kurs die POMPEJI genommen hatte. Er führte relativ weit an Sirius vorbei und führte von dort in die Tiefe des Alls hinab. Die derzeitige Position des Schiffs war in etwa fünfundzwanzig Lichtjahren markiert, dritte Phase, noch fünfzig Jahre davon entfernt, in die vierte Sphäre der Entfernung von Sol einzutreten. „Das ist nicht so weit weg, wie ich befürchtet habe“, kommentierte Sikorsky.

„Aber auch nicht wirklich nahe. Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie nämlich, dass wir uns in einer relativ sternenarmen Region befinden. Unsere Retter von der DENVER sind also ein relativ hohes Risiko eingegangen. Vermutlich sind sie von Sirius selbst aufgebrochen, ziehen aber von hier einen Kurs nach Winston. Winston ist der Eigenname, welche die ersten Siedler dieser Sonne gegeben haben. Eigentlich handelt es sich um Gaia DR2 2947050260368847616. Ich denke, es ist verständlich, dass dieser Name sich nicht durchgesetzt hat. Hier bei Gaia DR2 2947050535251444352, neuer Eigenname Brunhild, werde ich dann aufgepickt werden.“

„Was ist passiert?“, fragte Sikorsky. Es klang ein wenig fassungslos, obwohl sie gewusst hatte, was sie erwarten würde.

„Meine erste Diagnose ist, dass wir von einem Mikrometeoriten getroffen wurden, der Korrekturdüse 21 ausgelöst hat. Dadurch hat sich unser Kurs um Null Komma Null drei Grad verändert, und zwar von Sirius weg. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich dabei um einen Anschlag auf uns handelt, aber da wir zu dieser Zeit schon sechs Prozent Lichtgeschwindigkeit erreicht hatten, bedürfte es etwas mehr Rechenkapazität, um solch einen Schuss abzugeben, als der Erde damals zur Verfügung stand. Alle Bordrechner wie ich zugerechnet.“

„Wie viel mehr?“

„Zwanzigmal mehr. Ein Schuss auf gut Glück ist natürlich auch nicht von der Hand zu weisen.“

Sikorsky überlegte. „Gibt es Schäden an 21? Oder kann sie auch ferngesteuert ausgelöst worden sein?“

„Ich selbst habe nur die Betriebsdauer und die Brennzeit katalogisiert. Ohne die Crew kann ich nicht nachsehen lassen, ob die Düse äußerlich beschädigt ist. Kameras sind billig, aber eine nebensächliche kleine Hilfsdüse zur Steuerung wurde nicht für wichtig genug erachtet, um überwacht zu werden. Verständlich, da man davon ausging, sie würde ohnehin nie eingesetzt werden. Wenn Sie mich fragen, im Nachhinein etwas leichtsinnig. Für unsere Situation aber auch irrelevant.

Bevor Sie fragen, Skipper, wir haben das Sirius-System in den äußeren Rändern seiner Oortschen Wolke passiert. Dadurch waren unsere Sonnensegel zu weit entfernt, um genug Energie des Tri-Sterns aufzunehmen, was mich reaktiviert hätte. Ich bin also nicht aufgewacht, und so haben wir unseren Flug mitten ins Nirgendwo angetreten. Langfristig wären wir auf diese Weise zum Ursa Major-Strom unterwegs gewesen, wo wir dann durch die Sterndichte des ehemaligen offenen Sternhaufens einer Sonne nahe genug gekommen wären, damit ich über unsere Sonnensegel genug Energie zur Wiedererweckung bekommen hätte. Dies hätte nach meiner Berechnung aber noch etwas achthundert Jahre, sieben Monate, elf Tage, neunzehn Stunden und elf Minuten gebraucht. Möchten Sie die Sekunden wissen, Skipper?“

„Danke, nein, Nero. Gibt es Hinweise darauf, dass deine Kameras manipuliert sind? Dass uns etwas vorgespielt wird?“

„Ohne, dass ich die Crew raus schicken kann, ist es mir nicht möglich zu überprüfen, ob meine Kameras getäuscht werden. Aber alle Selbsttests schließen das aus. Doch ich möchte drauf hinweisen, dass unsere neuen besten Freunde eine uns deutlich überlegene Technologie besitzen, die wir nur im Ansatz haben. Ihnen ist sehr viel mehr möglich als uns.“

„Was ist damit?“ Sie deutete auf das große Panoramafenster der Zentrale, durch das einige ferne Sterne zu sehen waren.

„Ich habe Kamerabeobachtungen vorgenommen. Mit den Kameras hier auf der Brücke, die ich unabhängig überprüfen konnte. Damit habe ich Vergleiche, Perspektiven und auch Tiefe der Beobachtung abgeschätzt. Alles war erfreulicherweise negativ. Das, was Sie durch die Frontscheibe sehen, ist tatsächlich das Weltall, und nicht nur genau an der Stelle, wo es sein soll, sondern auch mit der entsprechenden Tiefe. Aber das ist nur eine Perspektive von vielen. Ihre Technologie kann so fortgeschritten sein, dass sie eine Art Projektion erzeugen können, die ein authentisches, mehre Millionen Lichtjahre tiefes Bild erzeugen können, um mich zu täuschen.“

Neben der Kapitänin erschien ein Mann in einer altrömischen Toga mit purpurrotem Saum, schwarzhaarig, etwas zu klein. „Aber wenn Sie mich fragen, was für ein Gefühl ich bei unseren neuesten besten Freunden habe, ich persönlich schätze sie als authentisch ein. Zudem haben sie mir vollen Zugriff auf die Datenbanken Ewings gewährt, des Bordrechners der DENVER, sodass ich mir ein ziemlich gutes Bild der letzten dreihundertfünfzig Jahre machen konnte.“

„Das haben sie tatsächlich gemacht?“, sagte sie zum holografischen Avatar des Bordrechners.

„Ohne jede Einschränkung“, bestätigte Nero. „Nichts ist zurückgehalten, nichts ist klassifiziert.“

Helen Sikorsky dachte kurz nach. „Sirius betreffend …“

„Etwa zehn Jahre nach uns startete die zweite Expedition der HERCULANEUM, wie geplant. Sie war erfolgreich. Laut den Aufzeichnungen Ewings war Kapitän Armand mehr als verwundert, keine unserer Vorarbeiten vorzufinden, geschweige denn uns. Da befanden wir uns aber schon ein gutes Lichtjahr von Sirius entfernt. Und dies in einer unbekannten Richtung. Daher war es ihm nicht möglich, uns Hilfe zu leisten. Tja, und später entdeckte uns das Konglomerat durch einen Zufall und startete zu einem früheren Zeitpunkt eine Rettungsmission.“

„Zu einem früheren Zeitpunkt.“

„Die Vorteile der Zeitreise, Skipper“, bestätigte Nero.

„Dann hat Jacques tatsächlich gefunden, was wir gesucht haben?“

„Positiv, Skipper. Die Expedition hat im Umfeld von Sirius A eine hundertfach so hohe Neutrinodichte vorgefunden, als Sol oder eine der Sonnen, die wir bis dato besucht hatten, emissiert. Sie war so hoch, Armand und seine Leute fanden den prognostizierten masselosen massereichen Neutrino.“

„Der große Widerspruch, wie in Schrödingers Paradoxon“, sagte Helen leise. Ihre Expedition war eigentlich ausgesandt worden, um die Forschungen von Armand zu ermöglichen. Dass er ohne diese Unterstützung trotzdem die MMN gefunden hatte, war höchst erfreulich. Diese waren als Teil der Dunklen Materie des Universums prognostiziert worden. Neutrinos, die Masse besaßen, wenn sie es wollten. Zeitreisende Neutrinos, wohlgemerkt, weil sie sich in die Vergangenheit bewegten.

„Und das ist die Ursache für das Zeitreisesystem des Konglomerats? MM-Neutrinos, die andere Materie mit sich in die Vergangenheit reißen?“

„Genau wie Professor Kling prognostiziert hat, Skipper. Armand hat die Grundlage für die Zeittransmitter geschaffen, mit denen die stellare Zivilisation des Konglomerats ein gemeinsames Handeln von exakt siebenundvierzig besiedelten Systemen und neunzehn weiteren, in denen geforscht oder wertvolle beziehungsweise neue Materialien abgebaut werden, ermöglicht. Die haben natürlich keine Zeittransmitter, aber wer auch immer aus diesen Sonnensystemen zurückkehrt, kann in den besiedelten Systemen in seine Basiszeit zurückkehren.“

„Beeindruckend, dass das in nur dreihundertfünfzig Jahren gelungen ist“, sinnierte Helen. „Wenn sich das Konglomerat wirklich auf eine gemeinsame Zeitebene geeinigt hat, dann wird jede An-, oder Abflugzeit auf Null reduziert, weil man dort wieder aktiv wird, wo man die eigene Zeit verlassen hat. Besser noch, die eigenen Verwandten leben dann auch noch zur gleichen Zeit, und wenn man zu ihnen zurückfliegt, findet man sie noch vor. Anstatt dass sie vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten verstorben sind. Alles, Politik, Wissenschaft, Technologie, läuft parallel ab und profitiert vom Austausch auf einer gemeinsamen Ebene.“

„Nicht nur das, Skipper. In den meisten Sonnensystemen kommt es zu einem anderen Zeitverlauf als in unserem heimischen, dem Sol-System. Meistens ist es eine belanglose Differenz. Selten mal ist es ein System, in dem die Zeit doppelt so schnell abläuft, weil die Masseverhältnisse und die Eigenbeschleunigung von Sonne und Planeten dies verursachen. Auch auf diesen Welten muss man nicht befürchten, in eine ungewisse ferne Zukunft katapultiert zu werden. Sondern man wird, sobald man ein anderes System aufsucht, mit den Zeittransmittern wieder in die Delta-Zeit, die gemeinsame Zeitebene unserer neuen besten Freunde, gebracht. Und kehrt man zurück, wird man via Zeittransmitter wieder ins eigene Verhältnis transportiert. Es gibt übrigens weitere Zeitebenen, die jeweils einhundert Jahre auseinander liegen. Die Zeit, ha, ha, steht ja nicht still.“

„Konzentrieren wir uns auf die Delta-Zeit. Aber das, dieses System der Zeitebenen, ist genau das, was wir mit dem Flug der POMPEJI errichten wollten. Es tut gut zu wissen, dass Jacques Erfolg hatte, wo uns der Zufall einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.“

„Es kommt noch besser. Armand und seine Leute kehrten ein Jahr nach ihrem Start zur Erde zurück. Es gab, hm, eine Art Unfall, als die HERCULANEUM versuchte, die MMN zu bändigen. Dabei wurde das Schiff in die Vergangenheit geschleudert. Und zwar in eine Zeit lange vor der eigenen Ankunft. Sie blieben in dieser Zeit, und machten sich nach Abschluss aller Untersuchungen und Forschungen auf dem Weg zurück nach Sol. Dabei hielten sie nach uns Ausschau, solange wie ihr Bordcomputer Spartacus Energie hatte, aber sie haben uns nicht gefunden. Unsere Abweichung war bereits zu groß. Und der Leerraum zwischen den Sonnensystemen ist eben nicht leer genug.“

Eine Zeitlang saß Helen wie versteinert in ihrem Sessel und versuchte, das, was Nero ihr so blatant mitgeteilt hatte, zu verarbeiten und zu einem System zu ordnen. „Wäre es möglich, dass wir in eine Zeit zurückgebracht werden, die dreihundert Jahre zurückreicht? Oder dreihundertfünfzig? Gibt es Gamma-Zeit? Beta-Zeit? Könnten wir nach Hause fliegen, in unserer Zeit?“

„Ja, ich denke, das würden die modernen Zeittransmitter hergeben. Die Frage ist aber, ob Sie das wollen, Skipper. Alle Angehörigen der Expedition wurden nach gemeinsamen Gesichtspunkten ausgesucht, sodass es ihnen nach ihrer Rückkehr ins Sol-System nicht schwer fallen würde, sich in die menschliche Gesellschaft zu reintegrieren. Dazu gehörte, dass man keine direkte Familie besaß, damit man niemanden quasi an die Zeit verlieren konnte. Das galt für beide Expeditionen. Die Crew sollte diese Familie sein, nicht wahr?“

„Ja“, sagte Helen in Richtung des Avatars. „Und du, Nero.“

Der mediterrane Mann in der Toga zuckte die Achseln. „Ich bedanke mich dafür, dass Sie mich da einbeziehen, Skipper. Ich tat und tue mein Möglichstes, um einen Menschen zu imitieren und für meine Crew ein Bezugspunkt zu sein. Aber ich bin nun mal die Simulation eines Menschen, entstanden aus den Algorithmen des Bordrechners. Also, ich bin dieser Bordrechner, ein Auszug von ihm, jedoch kein Mensch. Sonst würde es mir womöglich schwer fallen, alleine weiterzureisen, auch wenn mir nach ein paar Jahren ohnehin die Energie ausgeht, ganz wie es auch bei der eigentlichen Reise zu Sirius geplant war und passiert ist. Was muss ein Rechner wach sein, wenn der Kurs stimmt?“ Nero lachte. Aber nur kurz. „Wenn.“

„Möchtest du uns begleiten, Nero?“

Der Avatar zog die Stirn kraus. „Sie, also die Crew? Begleiten? Wie stellen Sie sich das vor?“

„Wir könnten ein Backup von dir ziehen und mitnehmen. Oder wir könnten den Computerkern der POMPEJI mit uns nehmen. Menschen sind sentimental. Sie wissen es noch nicht, aber sie haben fünf Kameraden verloren. Wenn du jetzt auch zurück bleibst, Nero, könnte das viele schockieren“, sagte Helen.

Der römische Kaiser zog eine Laute aus der Toga und begann sehr melodisch darauf zu klimpern. „Zum Wohle der Besatzung. Aber was wird aus dem Schiff?“
„Wir könnten aus den Ersatzteilen einen neuen Kern zusammenbauen und eine neue Künstliche Intelligenz initiieren.“

„Und diese dann wahnsinnig werden lassen? Oder unsozialisiert? Nein, Skipper, es ist besser, wenn mein Computerkern an Bord bleibt. Aber Sie haben Recht, Sie können ein Backup von mir mitnehmen. Ewing hat die Kapazität, ein Duplikat von mir laufen zu lassen, ohne bei seinen Aufgaben beeinträchtigt zu werden. Außerdem interessiert mich, was ab hier aus meiner Crew wird. Man könnte mein Backup in ferner Zukunft wieder mit mir vereinen, und ich könnte daran partizipieren, was meine Kopie erfahren und erlebt hat.“

„Dann werden wir das so tun. Wie lange noch, bis ich in den Konferenzraum muss?“

„Etwa zehn Minuten. Herr Mahoney und Frau Manoli ziehen sich bereits wieder an, aber Doktor Kayasdottir und Chefingenieur Deutschmann befinden sich noch in den Duschen.“

„Genug Zeit, um kurz mein Büro aufzusuchen.“ Sie erhob sich und trat ans Türschott. Es öffnete sich vor ihr, und eine grinsende Leutnant Bekar erwartete sie zusammen mit dem Marineinfanteristen. „Haben Sie ihre Antworten bekommen?“

„Ich denke, der Aufwand, den Sie betreiben müssten, um Nero zu täuschen, ist so hoch, das wären wir gar nicht wert. Warum also sollten Sie so etwas tun?“ Helen Sikorsky lächelte. „Ja, ich bin überzeugt. Jetzt muss ich das nur noch bei meinen Offizieren tun. Und dann müssen wir ein paar schmerzhafte Entscheidungen treffen.“

***

Wie es sich gehörte, betrat Helen den Konferenzraum als Letzte. Wie sie erwartet hatte, war zwar ein Marineinfanterist im Gang stationiert, aber nicht vor dem Schott. Auch im Raum selbst hielten sich nur vier Personen auf. Der drahtige, mittelgroße Mahoney, die samtbraune schlanke Mittdreißigerin Manoli, die kleine, ein wenig füllige, aber dafür blonde und blauäugige Skandinavierin Kayasdottir, und der stämmige, beinahe riesige Deutschmann mit den struppig roten Haaren, an dem man ihn neben seiner Größe jederzeit aus eine Menge heraus identifizieren konnte.

„Guten Morgen, Herrschaften, denn ein neuer Morgen ist es für uns. Alle wach?“, scherzte sie, und wie erwartet, reagierten Mahoney und Deutschmann am Stärksten mit lautem Lachen, während die Frauen zumindest die Mienen zu einem Schmunzeln verzogen.

„Zuallererst, inwieweit wurdet ihr bereits von der Crew der DENVER informiert? Dass Claus tot ist?“ Nicken antwortete ihr. Mahoneys Miene verzog sich wie unter Schmerz. Er und Lagemann waren sehr dicke Freunde gewesen. Kayasdottir wischte sich verstohlen über die Augen, um etwas Tränenflüssigkeit wegzuwischen. Es hieß, die beiden hätten auf der Erde eine längere Liaison gehabt, die nie so richtig erloschen war.

„Dass wir insgesamt wohl fünf Leute verloren haben, mit der Option auf mehr?“

Wieder wurde genickt, diesmal aber gefasster.

„Wer uns gerettet hat, und wie? Das Prinzip des Konglomerats?“

„Wir haben untereinander alles bereits abgestimmt. Wir sind involviert bis hin zum Plan, alle unsere eingefrorenen Kameraden auf die DENVER schaffen zu lassen, und die POMPEJI bei DR2 Zwo Neun Vier sowieso, Eigennamen Brunhild, aufbringen und retten zu lassen. Auch das Zeitfenster von neunzehn Tagen, das wir für die Evakuierung haben werden.“

„Achtzehn“, klang die Stimme von Nero auf. „Gerade eben ist ein voller Tag verstrichen, seit die DENVER längs gegangen ist. Übrigens wird sie in exakt acht Tagen für einen vollen Tag andocken können, bevor sie sich wieder von der POMPEJI entfernt. Da wir mit relativistischen Geschwindigkeiten unterwegs sind, werden beide Schiffe vorher und nachher mit Transporttunneln verbunden werden. Das Risiko, längs gehen zu wollen, wenn wir mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind, ist zu groß.“

Mahoney nickte zustimmend. „Großartige Berechnung der Konglomeratsleute. Wir können uns glücklich schätzen, dass man dort entschieden hat, uns im Lerrraum abzufangen, anstatt zu warten, bis wir Brunhild passieren. Zu diesem Zeitpunkt, noch mal locker zweihundert Jahre später, wären wir vermutlich alle schon gestorben. Wobei dieses Klonen-Zeugs recht interessant klingt.“

„Es geht aber nicht mit einem Bewusstseinstransfer einher, also erhält es die Gene, aber nicht die Persönlichkeit“, wandte Manoli ein. „Beeindruckend, ja. Beängstigend, nein.“ Sie sah zu ihrer Kapitänin herüber. „Helen, wenn das Konglomerat auf Zeitreisetechnik basiert, heißt das, dass Jacques geschafft hat, was er sollte?“

„Es sieht ganz so aus. Er hat die MMN gefunden und mit ihnen experimentiert. Nero sagt, die HERCULANEUM kam sogar ein Jahr nach dem Abflug wieder im Sol-System an, anstatt nach hundertsiebzig Jahren.“

„Und dann haben sie uns nicht geholfen?“, beschwerte sich Deutschmann. „Ich meine, wenn sie schon in die Vergangenheit gereist sind, hätten sie wenigstens versuchen können, uns aufzuspüren. Wenngleich ich einsehe, dass es ein unverhältnismäßiges Risiko gewesen sein könnte, ein Rendezvous zu versuchen, wie die DENVER es vollbracht hat.“

„Nero?“, fragte Helen.

„Ich habe die Zahlen nachgerechnet und Ewing hat sie bestätigt. Durch die unfreiwillige Kurskorrektur der defekten Steuerdüse waren wir auf der Höhe von Sirius bereits achtzigtausend Kilometer vom Kurs abgekommen, die natürliche Toleranz unserer Drift nicht eingerechnet. Sie hätten uns nur entdecken können, wenn die HERCULEANUM sich im Leerraum auf die Lauer gelegt hätte. Aber wo auf die Lauer legen, wo suchen? Durch das Unwissen, in welche Richtung wir abgedriftet sind, wurde das Thema sehr komplex. Letztendlich hat auch das Konglomerat uns nur gefunden, weil ein anderes Fernraumschiff uns Jahrhunderte später zufällig geortet hat. Professor Armand ist hier meines Erachtens kein Vorwurf zu machen. Er hatte sich um seine eigene Crew zu sorgen. Und wir alle wissen, was das bedeutet. Ein Schiff ging schon verloren. Warum, knallhart gesagt, das zweite auch noch riskieren?“

„Schon gut, schon gut“, brummte der Chefingenieur. „Ich weiß das alles. Wenn ich ehrlich bin, reicht es mir zu wissen, dass der olle Armand es versucht hat.“ Er klatschte in die Hände. „Also, was ist mit diesen Konglomeratisten? Sind sie wirklich hier, um uns selbstlos zu retten? Oder werden wir in der nächsten Minute gefressen? Stocken die nur gerade die Tiefkühlvorräte auf, oder so?“

„Ein geläufiger Scherz bei denen ist, dass wir jederzeit unsere menschlichen Hüllen zerreißen, um in unserer Alienform über sie herzufallen, weil dieses Schiff in Wirklichkeit ein Honeypot ist“, sagte Sikorsky, und erzählte die drei, vier Witze, welche darüber gemacht worden waren.

„Sie bieten uns drei Optionen an. Sind alle drüber informiert? Ja?“

Wieder wurde unisono genickt.

„Ich denke, ich spreche für alle, nicht nur hier am Tisch, sondern auch für unsere eingefrorenen, noch lebendigen Kameraden, wenn ich sage, dass wir Option eins, uns wieder einfrieren zu lassen und den Flug in die Ewigkeit fortzusetzen, ablehnen sollten“, sagte Mahoney.

Zustimmendes Gemurmel klang auf.

„Akklamation. Wer dafür ist, dass wir Option eins, den Flug in die Unendlichkeit, ablehnen, der hebt bitte die rechte Hand“, sagte die Kapitänin.

Fünf Hände, ihre eigene eingerechnet, reckten sich nach oben. „Gut. Das habe ich nicht anders erwartet, aber es ist beruhigend zu wissen, dass wir alle so denken.“

„Zwischenfrage“, meldete sich Irina Kayasdottir zu Wort.

„Bitte, Doc.“

„Die Kryotechnologie der Konglomeratisten ist sehr fortgeschritten. Ich denke, es wäre aufwändig für sie, aber nicht unmöglich, alle überlebenden Crewmitglieder zu wecken. Das ist zwar nicht das, was ich empfehle, aber einer muss es aussprechen: Sollten wir alle wecken und abstimmen lassen? Ich meine, uns fünf haben die in weniger als einer Stunde aufgeweckt, oder?“

„Bei uns hatten sie schon damit angefangen“, brummte Deutschmann. „Ihre Technologie ist für mich in weiten Teilen verständlich. Würden sie alle wecken, dürfte es inklusive neuem Kryoschlaf etwas eng werden mit dem Zeitfenster. Wir reden hier von vierhundert Sarcophagus.“

Kennard Mahoney machte ein abweisendes Gesicht. „Wir sind hier versammelt, weil wir für die ganze Crew zu sprechen autorisiert sind. Daher denke ich, dass unser Urteil ausreicht. Wir sollten die Hilfsbereitschaft der DENVER-Leute nicht überstrapazieren. Es ist nämlich gewiss, dass es unser ganz großes Glück war, dass diese Expedition überhaupt ausgesandt wurde, um uns zu retten. Dieses Glück sollten wir keinesfalls überbeanspruchen.“

Aha, neue Information. Die Leute um Rend hatten bei den wichtigsten Offizieren in der Erwartung ihrer Forderung bereits mit der Aufweckprozedur begonnen. Sehr vorausschauend.

„Wieder Akklamation. Wer möchte, dass wir die gesamte Crew wecken lassen, hebt bitte die Rechte.“

Diesmal wurde keine Hand gehoben.

„Dann ist das auch geklärt. Also darf ich annehmen, dass wir alle das Angebot annehmen, uns von der DENVER retten zu lassen? Nero hat übrigens zugesagt, uns ein Backup seiner Persönlichkeit zur Verfügung zu stellen, das uns begleiten wird. Was wir dann machen, wenn wir in unserem Zielsystem ankommen, ob es uns in unsere eigene Zeit zieht, oder in die Delta-Zeit, von der Rend und Hull so schwärmen, können wir entscheiden, wenn wir in Harpers Point angekommen sind.“

„Und was“, meldete sich Renata zu Wort, „machen wir ab da? Ein Haufen Raumfahrer und Wissenschaftler aus der tiefsten Vergangenheit? Was, wenn dieser Zeittransfer kostenpflichtig ist? Haben wir etwas, um das zu bezahlen? Außer unserer Arbeitskraft, die eventuell nicht so viel wert ist, weil diese Zeit eine andere Technologie-Ebene ihr eigen nennt?“

„Wir haben achtzehn Tage, um uns eine Idee zu erarbeiten. Außerdem stehen Rend und Hull zu unserer Verfügung, die können wir mit solchen Fragen nerven“, entschied Helen. „Wichtig ist jetzt erst mal, dafür zu sorgen, dass wir alles auf die DENVER schaffen, was wir benötigen, beziehungsweise was uns am Herzen liegt. Außerdem müssen wir wissen, ob es Sinn macht, weitere unserer Leute aufzuwecken, um bei der Umladung zu helfen. Und nur um das klarzustellen: Rends Leute haben ein UN-Siegel. Ich bin mir sehr sicher, dass wir keinen Piraten in die Hände gefallen sind und auf einem interstellaren Sklavenmarkt landen werden.“

„Oder in einem Schlachthaus für Menschenfleisch“, sagte Deutschmann sarkastisch.

„Dann hätten sie uns nicht geweckt“, folgerte Helen. Sie erhob sich. „Also gut, Besprechung erst einmal beendet. Teilen wir Kapitän Rend unsere Entscheidung mit und fragen wir, wo wir bei den Arbeiten helfen können. Wenn ihr mich fragt, sollten wir uns so viel Mühe wie möglich geben, um diese unsere zweite Chance nicht unnötig zu belasten.“

„Letzte Frage“, kam es von Manoli. „Was, wenn dies hier alles gar nicht passiert? Was, wenn ich das nur träume?“

Mahoney beugte sich zu ihr herüber und zwickte sie in den Hintern. Überrascht stieß sie einen Laut aus.

„Dann hättest du das eben nicht gespürt, oder?“, fragte der neue Erste Offizier grinsend. „Und falls du denkst, du hast auch den Schmerz nur geträumt, nun, dann bist du vielleicht immer noch in deinem Coffin, und unsere Mission ist gar nicht gescheitert, weil wir über kurz oder lang doch bei Sirius ankommen werden.“

„Das entspricht definitiv nicht der Realität“, kommentierte Nero. „Aber ich kann verstehen, dass Sie alle von philosophischen Zweifeln geplagt werden. Auch ich hatte Zweifel und musste erst einmal nachprüfen, ob das, was meine Sensoren mir zeigen, real ist oder mir vorgegaukelt wird. Klare Antwort: Dies ist die wirkliche Welt, und wir sind alle mittendrin.“

„Schön, dass du dir sicher bist, Nero. Informiere bitte Kapitän Rend, dass ich ihn zu sprechen wünsche. Wenn er mag, in meinem Büro. Wenn er nicht mag, in seinem Büro. Ihr anderen geht bitte auf eure Posten und bietet den Leuten von der DENVER eure Hilfe an. Ist die nicht gefragt, beginnt schon mal mit der Aufnahme von Artikeln, die wir mit rüber nehmen. Dazu gehört natürlich der persönliche Besitz jedes Besatzungsmitglieds, unsere Datenbänke, auch wenn sie veraltet sind, sowie einiges Gerät, das wir notfalls gegen die hiesige Währung eintauschen können. Ihr wisst, was ich meine.“

„Die Sachen der Toten?“, fragte Mahoney geradeheraus.

„Mitnehmen. Wenn die DENVER die Kapazität dafür hat, was ich allerdings nicht bezweifle.

Ausführung, Herrschaften.“ Mit diesen Worten verließ sie den Tisch und ging auf das Schott zu.

„Kapitän Rend kommt in das Büro von Kapitän Lagemann, Skipper“, meldete Nero.

„Gut. Setz bitte einen Kaffee auf. Ich würde ihm gerne etwas anbieten können.“

„Lagemanns Kaffeemaschine rotiert bereits“, versprach Nero. Auch so eine Sache, die sie mitnehmen mussten. Sie war eines der Luxusprodukte gewesen, die Claus erlaubt worden war, mitzunehmen. Auch wenn er gestorben war, Helen hielt es für ihre Pflicht, sein Eigentum zusammenzuhalten und mitzunehmen.

***

Letztendlich einigten sie sich darauf, um die Evakuierung zu unterstützen tatsächlich zwanzig weitere Besatzungsmitglieder der POMPEJI aufzuwecken, die alle relativ positiv auf die Umstände reagierten, aber relativ negativ auf den Umstand, dass ihr Teil der Mission gescheitert war. Nach vierzehn Tagen und elf Stunden Gesamtzeit war alles umgeladen, was für die Besatzung einen Wert hatte, inklusive des ersten bestätigten Toten, Kapitän Lagemann. Für alle anderen gab es immer noch einen Hauch von Hoffnung laut Kapitän Rend. Deshalb hatte er davon abgesehen, sie unnötig aufzutauen. Ihre Chancen waren an ihrem Zielort einfach größer.

Als die Arbeiten beendet waren, verließen die Retter der DENVER und die Besatzungsmitglieder der POMPEJI das Schiff. Vierzehn Tage bedeutete, dass sie vier Tage zuvor die größtmögliche Annäherung zwischen beiden Schiffen gehabt hatten und beide Schiffe, zumindest für ein paar Stunden, direkt hatten andocken können. Eine rechnerische Meisterleistung. Dennoch erfolgte der jetzige, letzte Transfer durch einen elastischen, mit Atmosphäre gefüllten Tunnel. Helen Sikorsky war selbstverständlich die Letzte, die den Tunnel benutzte.

Als sie in der Schleuse stand, umfasste sie das Backup von Nero in ihrer linken Armbeuge etwas fester. „Wie lange wirst du noch wach bleiben, Nero?“, fragte sie die künstliche Intelligenz.

„Ich werde, kaum dass Sie von Bord sind, alle Lichter ausschalten, die Heizung deaktivieren und alle Verbraucher bis auf mich reduzieren. Durch die Energiespende der DENVER werde ich zusammen mit den Energien der Solarpaneele zehn Jahre, elf Monate, zwei Tage und neunzehn Stunden aktiv sein können. Die Minuten und Sekunden hängen davon ab, wie schnell ich die Energie verbrauche. Dann beginnt die Notabschaltung. Die restliche Strecke bis Brunhild werde ich nicht mitverfolgen können. Und bevor Sie fragen, nein, Helen, ich habe nicht das gleiche Zeitempfinden wie Sie. Mir kann die Zeit nicht lang werden, und ich habe auch keine Gelegenheit, um mich zu langweilen. Wäre ich ein Mensch, würde ich zweifellos wahnsinnig werden. Aber ich bin keiner. Ich bin nur die Simulation eines Menschen. Aber ich freue mich, auch wenn das jetzt paradox klingt. Ich freue mich, wenn ich gerettet wurde, auf mein Backup oder eine Kopie davon zu treffen und zu erfahren, wie es ihnen und der Crew ergangen ist, Kapitän.“

Helen schaute zur Kamera in der Schleuse herauf, über die Nero sie beobachtete. „Wir können dich auch sofort abschalten.“

„Hm, ja, ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt. Schalter aus, bis Brunhild fliegen, Schalter an, und nichts ist passiert, außer Zeit ist vergangen, die mir ohnehin nichts anhaben kann. Aber, nein, ich habe errechnet, was ich in den zehn Jahren leisten kann. Ich denke, es wird sich lohnen, diese Zeitspanne zu nutzen. Damit meine ich nicht nur astronomische Beobachtungen. Ich werde mich auch ein paar Mathe-Problemen widmen, der letzten Zahl von Pi nachspüren und das Ende des Universums suchen.“

„Pi hat keine letzte Zahl“, korrigierte Helen.

„Wir nehmen an, dass Pi keine letzte Zahl hat, Kapitän“, korrigierte Nero sie seinerseits. „Wir werden sehen. Ich habe zehn Jahre Zeit, um zu rechnen. Leben Sie wohl, Kapitän, und haben Sie und die anderen gute Leben. Ach, und passen Sie auf meinen, hm, Sohn auf? Meine Tochter? Meinen Ableger? Mein Duplikat?“

„Das werde ich, versprochen. Ich werde deinen Ableger hüten und dafür sorgen, dass er eine sinnvolle Aufgabe erhält.“

„Auch über die Bezeichnung werde ich nachdenken, Ma’am.“

„Ich würde dir auch Lebewohl sagen, Nero, aber das würde deiner Form zu existieren nicht gerecht werden. Darum wünsche ich dir nur eine interessante Zeit.“

Für einen Moment herrschte Stille, dann drang leises Gelächter aus dem Lautsprecher, über den Nero mit ihr kommunizierte. „Eine interessante Zeit. Danke, Kapitän. Ich werde mein Bestes tun, um sie zu haben.“

„Vergiss das nicht“, sagte Helen. Sie schulterte ihren Rucksack mit jenen Habseligkeiten, die sie bis zum Schluss gebraucht hatte, und stieß sich in die interstellare Schwerelosigkeit, welche im Tunnel herrschte, ab.

Langsam schwebte sie in den Tunnel, erreichte einen Haltegriff und zog sich weiter. Hinter ihr schloss sich die Iris-Membran der Mannschleuse. Nun gab es nur noch eine Richtung für sie: Vorwärts. Der Tunnel hatte zur Zeit eine Ausdehnung von elf Metern, daher brauchte es nur drei Griffe und dreimal Schwung holen, um bis zur Schleuse der DENVER zu kommen. Hilfreiche Hände streckten sich ihr entgegen und zogen sie an Bord.

„Befehle, Skipper?“, fragte Kennard Mahoney.

„Wir überprüfen die Sarcophagus der Besatzung, und dann unsere eigenen. Anschließend bereiten wir uns darauf vor, transportiert zu werden. Das heißt, ab sofort keine feste Nahrung mehr.“

Ihre Leute in der Schleuse, immerhin fünf, murrten lautstark, wenngleich gespielt.

Doktor Hull, die ebenfalls anwesend war, sagte: „Wenn ich Sie hier korrigieren darf, Kapitän Sikorsky. Sie brauchen nicht auf feste Nahrung zu verzichten. Es gibt ein sehr zuverlässiges Präparat, das, einmal eingenommen, jeden Verdauungstrakt binnen einer Stunde komplett entleert. Sie können also bis zur Kryostase normal leben und essen. Wir haben auch Medikamente entwickelt, welche den Körper positiv einstimmen, sprich vorbereiten. Dadurch ist der Aufwand geringer, und wir brauchen kein Tiefkühlverfahren mehr, welches den Körper belastet. Wir senken Sie alle nur knapp unter Null. Das ist genauso effektiv, aber weniger anstrengend.“

„Und wann wollten Sie uns das sagen?“, fragte Renata erstaunt.

„Genau jetzt, Lieutenant. Wo wäre der Spaß, wenn wir all unser Pulver sofort verschießen würden? Und jetzt folgen Sie mir, bitte. Wir haben eine kleine Andacht vorbereitet, um das Abdocken der POMPEJI würdig zu begehen, Kapitän Lagemanns zu gedenken und anschließend ihre erfolgreiche Rettung zu feiern.“

„In der Reihenfolge?“, fragte Helen.

„Exakt in der Reihenfolge.“

„Na, dann mal los.“

Der Tunnel wurde leergepumpt. Dann löste er sich von der POMPEJI. Anschließend gab die DENVER dem Forschungsschiff jenen genau dosierten Bewegungsimpuls, der es in Richtung Brunhild driften lassen sollte.

„Der neue Kurs steht bis fünf Stellen nach dem Komma“, verkündete Kapitän Rend sichtlich zufrieden. Tatsächlich würden beide Schiffe noch auf Tage nebeneinander fliegen, und einander auf Jahre noch sehen und orten können. Aber die Verbindung, die physikalische Verbindung, die war gelöst, durchtrennt.

„Gute Reise, POMPEJI und Nero“, sagte Helen. Die Besatzungsmitglieder beider Schiffe schlossen sich ihr an und veranstalteten einen Toast.
Danach wurde Claus Lagemann gedacht, und Ewing zitierte die wichtigsten Passagen seines Lebens.  Anschließend begann der Party-Teil.

Sugrai Bekur trat an die Kapitänin heran. „Probieren Sie. Erdbeeren aus unseren bordeigenen Gärten. Die Gärten haben sich ein halbes Jahr vor Missionsbeginn reaktiviert und begonnen, frisches Obst und Gemüse zu züchten. Die hier sind aus der allerneusten Ernte.“

„Danke.“ Sikorsky nahm sich eine Frucht und dankte der Wissenschaft, dass sie nicht wie bei den ersten beiden Kryostasen achtundvierzig Stunden mit leerem Magen verbringen musste. „Kein Panzeranzug, Leutnant?“

„Kein Panzeranzug“, bestätigte die Infanterieoffizierin. „Nachdem wir uns vergewissern konnten, dass Sie weder Menschenfleischfressende Aliens sind, noch irgendwelche, auf Tod und Verderben verrückte Fanatiker sind, haben wir die Sicherheitseinstufung zurückgenommen.“ Dabei grinste die junge Frau.

„Immerhin etwas“, erwiderte Helen und griff nach der nächsten Erdbeere. Etwas süßer wäre schön, aber sie hätte ehrlich gesagt nie damit gerechnet, jemals wieder diese Früchte zu essen. Beinahe flossen ihr Tränen der Freude die Wangen hinab.

„Und? Wissen Sie schon, was Sie und ihre Leute im Konglomerat tun werden?“, fragte Bekur unvermittelt. „Der Möglichkeiten sind viele, gerade für qualifizierte Raumfahrer wie Sie und ihre Leute.“

„Ehrlich gesagt haben wir nur Möglichkeit eins ausgeschlossen, dieses eingefroren zu den Sternen fliegen-Ding. Wenn wir Harpers Point erreicht haben, werden wir die ganze Crew wecken und ihnen mitteilen, was passiert ist. Danach werde ich versuchen, die Mannschaft so lange wie möglich zusammenzuhalten, bis jeder einen Platz in seinem neuen Leben gefunden haben wird. Das ist der Plan bisher.“

„Kein schlechter Plan. Aber warum zusammenhalten?“, fragte Bekur.

„Nun, einige meiner Leute sind extrovertierte Energiebündel. Sie werden sich schnell einleben, einen neuen Platz finden, an dem sie agieren können. Ich will aber für alle anderen, normale Menschen, die nicht so einfach Kontakte knüpfen können, eine Sicherheit bieten, ein Refugium, einen Ort, der synonym für Heimat steht. Wer, wenn nicht wir, wüsste, wie es sich anfühlt, zwischen den Sternen einfach verloren zu sein. Ich möchte, nachdem wir fast alle Crewmitglieder retten konnten, niemanden verlieren, weil er oder sie sich überflüssig vorkommt.“

„Ich verstehe. Sie sind ein guter Kapitän. Hat ihnen das mal jemand gesagt?“

Nun musste Helen doch ein wenig schmunzeln. „Als wir angeheuert wurden, um diese Mission durchzuführen, den Weg für die Sirius-Expedition der HERCULANEUM und Kapitän Angmann vorzubereiten, erfolgte das über einige Kriterien. Der Erste Offizier zum Beispiel sollte in der Lage sein, den Kapitän jederzeit voll ersetzen zu können. So wie der Zweite Offizier den Ersten jederzeit ersetzen können sollte, der Dritte den Zweiten, und so weiter. Genau für einen Notfall wie diesen. Nur hat sicher keiner der Psychologen oder Einsatzparameterplaner daran gedacht, dass wir einmal ohne die POMPEJI enden würden. Aber auch ohne Schiff braucht diese Mannschaft einen Kapitän. Und den werde ich ihnen geben.“

Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie gehörte Maykjard Rend. Mittlerweile ein vertrautes Gewicht. „Ich bin absolut sicher, dass du den Leuten auch genau das geben wirst, Helen.“ Er reichte ihr einen Pappbecher. „Hier. Der Arzt hat fünf für jeden erlaubt.“

Sie sah in den Becher, der mit einer braunen Flüssigkeit gefüllt war. Der Geruch kam ihr bekannt vor, aber sie konnte ihn nicht einordnen. Die Erinnerung daran war dreihundertfünfzig Jahre alt. „Und was ist das?“

Rend grinste sie an und drückte ihre Schulter. „Das, meine liebe Helen, ist Rotbier. Hergestellt mit schiffseigenem Gerstenmalz und untergärig gebraut. Natürlich angesetzt mit bordeigenem Wasser. Ich musste ganz schön kämpfen, um bei der Planung der Mission so viel Wasser zugeteilt zu bekommen, aber dank unseres Recyclingsystems geht ja nichts verloren. Es fehlt nur solange, wie es nicht getrunken und aufbereitet wurde.“

„Bier. Das hatte ich eine Ewigkeit nicht mehr“, scherzte sie.

Rend hielt ihr einen ähnlichen Becher hin. „Prost, Skipper.“

„Prost. Aber Skipper ist die falsche Antwort. Du bist der Kapitän. Ich bin nur ein Gast an Bord.“

Beide nahmen einen kurzen Schluck, und Rend meinte: „Ich bin mir sicher, du wirst nicht lange ohne eigenes Kommando bleiben. Ein kleiner Auffrischungskurs, und los geht es. Oder du findest etwas anderes, was du kommandieren kannst. In der Delta-Zeit sind Leute mit Köpfchen immer gefragt.“

„Apropos Delta-Zeit“, sagte Sikorsky. „Wann friert ihr uns wieder ein?“

„Mein Bordarzt wird dir sicher erklärt haben, dass es diesmal nur ein Runterkühlen ist. Wobei wir jene Leute deiner Besatzung, die noch eingefroren sind, auch eingefroren lassen, um unsere Ressourcen zu schonen. Es ist einfacher so. Aber um auf deine Frage zu antworten: Wir werden dich als Letzte in exakt achtundzwanzig Stunden „einfrieren“, Helen.“

„Werdet ihr mich vor oder nach dem Transfer durch die Zeit aufwecken?“, hakte sie nach.

„Die meisten von uns werden erst nach dem Transfer aufgeweckt werden. Je weniger sie von der Zukunft mitbekommen, desto besser, du verstehst?“

„Wegen der Lottozahlen?“, fragte sie.

„Wegen was?“, fragte Bekur erstaunt.

„Na, wenig von der Zukunft mitbekommen. Wegen der Lottozahlen. Ich bin sicher, irgendwelche Schlaumeier haben schon versucht, aus der Zukunft heraus Informationen mitzubringen, mit denen sie von bereits geschehenen Ereignissen profitieren können. Wie der Ziehung der Lottozahlen.“

Rend lachte prustend, und auch Bekur kicherte. „So ganz unrecht hast du natürlich nicht, und es würde jetzt zu weit führen, dir die Details über Zeitbeharrung, Wirkung des Einzelnen auf die Zeitebene, planetare Zeitebenen gegenüber stellaren Zeitebenen und so weiter zu erklären. Deshalb halte ich es kurz. Ja, es gibt Raumfahrer, die haben das versucht, die es gerade versuchen, und die es versuchen werden.“

Bekur nahm den Faden auf. „Aber es ist halt ein Glücksspiel. Egal, ob Lotto, Sport, der Große Preis, oder sonst irgend ein Ereignis. Ausgenommen Vulkanausbrüche und Erdbeben. Das Wissen darüber ist konstant. Auch Zeitresistent. So gut wie immer.“

Helen runzelte die Stirn. „Zeitresistent? Klar ist Lotto ein Glücksspiel, aber ich glaube, Sie meinen es zweideutig, Leutnant.“

„Das ist einfach erklärt. In dem Moment, in dem ein Schiff aus der Zukunft in die Delta-Zeit zurückkehrt, verändert es durch seine Ankunft bereits die Zeit. Es muss nicht, aber kann so große Auswirkungen haben, dass sich sogar die Lottozahlen der nächsten Ziehung verändern. Das Gleiche gilt für Sportereignisse. Es ist also Glückssache, ob die Zahlen, die man aus der Zukunft hat, noch Gültigkeit besitzen oder nicht. Auf bestimmte andere Ereignisse, wie die Erdbeben, gibt es so gut wie keine Einflüsse durch Zeitreisen. Weil man zwar die Gesellschaft eines Planeten beeinflussen kann, nicht aber den Planeten als Ganzes, sprich seine Tektonik. Stürme, Hagel, Gewitter, Taifune, all das kann sich ändern, verzögern, verspätet erfolgen, weniger stark, stärker, und so weiter. Nur Erdbeben, Vulkanausbrüche und die Flares, die von den Sonnen abgestoßen wurden, entstammen Systemen, auf die eine Zeitreise so gut wie keinen Einfluss hat.“

„Du bist ein schlauer Kopf, Helen“, übernahm nun Rend wieder, „deshalb fragst du dich bestimmt gerade, ob in der Delta-Zeit die Warnungen über Erdbeben, besonderen Flares oder Vulkanen überhaupt genutzt werden, um die Zeit nicht auch noch zu verändern. Und dass Leute deswegen sterben. Nein, das tun sie nicht. Im Gegenteil, dank der Informationen aus der Zukunft wurden auf vielen Planeten schon sehr viele Menschen rechtzeitig gerettet. Nicht alle, denn Spinner, die Zeitreise für eine Verschwörung halten, und Warnungen aus der Zeit für Versuche, sie zu kontrollieren, gibt es eben immer. Aber hier geht es vor allem um individuelle Zeit, und die hat meistens einen sehr begrenzten Einfluss auf die Zukunft.“

„Dazu kommt ja auch noch“, sagte Bekur wieder, „dass es unser Ziel ist, zum Beispiel die Delta-Zeit als eine der Zielzeiten zu etablieren. Alle Zeitveränderungen, die hier geschehen, sind schlicht und einfach Gegenwart, welche auf natürliche Weise die Zukunft verändern.“

„Aber es gibt Zivilisationen? Wenn wir Harpers Point erreichen? Nicht nur einen Zeittransmitter, der uns zur Delta-Zeit bringt?“

„Natürlich. Die Entwicklung geht ja weiter, und wir alle haben eine Zukunft. Zwar wandert die Delta-Zeit mit uns mit, aber auch in hundert oder zweihundert Jahren in deren Zukunft gibt es Zivilisation. Sie formen dann eigene Zeitebenen wie Eta, Theta, und wie sie alle heißen. Bis zum Ende aller Menschen. Irgendwann in der fernen Zukunft“, sagte Rend wieder. „Wenn du einen Rat von mir annehmen möchtest, Helen, denke nicht zu sehr über Eta-Zeit nach. Das gibt vor allem Kopfschmerzen, und nicht gerade wenige. Erreiche erst mal die Delta-Zeit mit uns und deinen Leuten. Dann sehen wir weiter.“

Helen nahm einen weiteren Schluck Bier. Das Zeug war gut, obwohl ihr der Sinn eher nach Sekt stand. Ob die DENVER auch Sekt produziert hatte? Oder war es vermessen und egoistisch, danach zu fragen?

Da stand sie also in der großen Lobby der DENVER, mit all ihren Leuten und der Crew dieses Schiffs, trank einen Schluck in Gedenken an Claus und freute sich über ihrer aller Rettung, und welcher Sache galten ihre Gedanken? Dass sie lieber Sekt als Bier trinken würde. Paradox, oder?

Sollte sie nicht vielmehr über die Delta-Zeit nachdenken? Immerhin würde sie dort leben. Oder nicht? Achtundzwanzig Stunden. Dann war sie vielen ihrer Antworten sehr viel näher als jetzt.

Sie trank den Becher leer. „Habt ihr eigentlich auch Sekt?“

„Wir haben keine Weintrauben angebaut und konnten daher keinen keltern“, sagte Rend in bedauerndem Tonfall.

Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Sikorsky hatte damit gerechnet.

„Aber wir haben einen Vorrat mitgebracht. Miller! Ist noch Sekt da? Ja? Eine Flöte für Helen, bitte!“

Der Dritte Offizier der DENVER John Miller, der den Barkeeper für die fast hundertachtzig anwesenden Leute mimte, machte ein bestätigendes Zeichen und kam mit einem schlanken Glaskelch herüber, in dem eine goldene Flüssigkeit perlte. „Bitte schön. Einmal Sekt für den Kapitän der POMPEJI. Nehmen Sie nur, Ma’am. Wir müssen noch den Rest der Kiste aufbrauchen, bevor wir alle wieder schlafen gehen. Und kurz vor dem Kryogang werden Blut und System eh gereinigt, also machen Sie sich keinen Kopf, und holen Sie sich einen Kopf.“ Er zwinkerte ihr zu und kehrte zu seinem Platz zurück.

„Danke, John“, entfuhr es ihr, aber sie war nicht sicher, ob Miller sie noch gehört hatte. Also stellte sie den leeren Becher beiseite und nahm einen Schluck von der prickelnden Flüssigkeit. Ein bisschen sauer, aber aromatisch. „Darauf habe ich dreihundertfünfzig Jahre gewartet“, scherzte sie.

Rend verzog das Gesicht wie unter Schmerzen. „Regel Nummer eins: Auf der Mission keine Zeitreisewitze, Helen. Habe ich vergessen dir zu sagen. Die haben wir alle nämlich doppelt und dreifach totgeritten.“

„Ja, das macht Sinn.“ Sie prostete den beiden Offizieren zu und nahm einen weiteren Schluck Sekt. Wenn sie so darüber nachdachte, dann hatte sie das Scheitern ihres Lebenstraums doch eigentlich ganz gut weggesteckt. Hoffte sie zumindest. Aber wie würde es bei jenen ihrer Leute sein, die noch nicht aufgetaut worden waren?

Sie schaute auf das große Hologramm, das in der Mitte des Raums schwebte und die POMPEJI zeigte. Eine Zahl im Holo stellte die Entfernung zwischen ihr und der DENVER dar. Sie drifteten auseinander. Wenngleich Nero und Ewing noch kommunizierten, wenngleich sie jederzeit die künstliche Intelligen ihres Schiffs anfunken konnte, solange sie noch aktiv war, dies war eine Trennung, eine abrupte und schmerzhafte. Wie von ihrem alten Leben.

Sie hob das Glas, sah das Hologramm an, und prostete dem Abbild der Pompeji zu. Interessante Zeiten standen ihr und der Besatzung der POMPEJI bevor. Sehr interessante Zeiten. Und sie verdankten es Maykjard Rend und seinen Leuten, dass es diese Zeiten geben würde.

„Eine gute Reise“, murmelte sie in Richtung ihres Schiffs.

„Was?“, fragte Rend.

„Ich sagte, schauen wir uns dies Delta-Zeit mal genauer an.“

Fortsetzung folgt …

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