Juni 2085

System Tschava

Lub Plaub

Am dreizehnten Tag der miangischen Expedition zum vierten Planeten des Systems Tschava kletterte die Besatzung der POBTAXHA in das Cockpit des Orbitalteiles und schnallte sich fest. Major Tus Heev kontrollierte die Bilder des vierten Planeten, dem sich die POBTAXHA mit geringer Geschwindigkeit näherte, auf den Heckbildschirmen und im Periskop.

Hervorragend im Kurs, und die zeitliche Berechnung dürfte auch in Ordnung sein“, teilte er seiner Besatzung mit. „Bisher war unser Flug ein Erfolg!“

Endlich wieder Boden unter den Füßen und Steine zum untersuchen!“ jammerte Loja Bosom. „Ich habe mich schon wie unnötiger Ballast gefühlt! Ein hübsches, aber völlig unnötiges Anhängsel!“

Ich weiß gar nicht, worüber du dich beschwerst!“ bemerkte Kub Phabej. „Immerhin haben Deine Bilder nach Daja die höchste Quote, also etliche Dekaunzen hast du dir doch schon an diesem Flug verdient!“

Nun ja, bisher bin ich nicht schlecht ausgestiegen!“ gab Loja zu. „Aber derart auf seinen Körper reduziert zu werden ist nicht immer angenehm! Wozu habe ich eigentlich studiert?“

Stimmt“, mischte sich Daja Sibseg ein. „Auch wenn sich die Bilder und die Stunde Liveübertragung aus der Kabine pro Tag finanziell durchaus lohnen, wie ich zugeben möchte. Ich frage mich, was die Leute an meinen Narben so aufregend finden?“

Tus Neeg lachte und legte die Hände gewölbt auf seine Brust. „Ich denke nicht, dass die Männer von Deinen Narben so fasziniert sind, Daja!“ meinte er.

Aber sonst…“ begann Daja, doch Neeg unterbrach sie.

Stell‘ Dein Licht nicht unter den Scheffel, Daja. Du bist eine verdammt schöne Frau mit einer göttlichen Figur. Soll ich ins Detail gehen?“

Lieber nicht!“ unterbrach Tus Heev. „Es wird Zeit, Sprechverbindung aufzunehmen. Leutnant Kub Phabej?“

Klar, Chef!“ Der Leutnant legte einen Schalter um, lauschte kurz und meldete dann: „Bereit, Major. Sie sind auf Sendung!“

Auf den miangischen Fernsehern sah man, falls der Kanal von TVKM eingeschaltet war, die POBTAXHA von außen, aufgenommen von einer Kamera, die an einem langen Teleskoparm befestigt war. Üblicherweise war dieser Arm für etwaige Arbeiten an der Außenhülle und zum Einholen der Landefähre gedacht, falls diese ein Problem mit dem Andocken bekommen sollte. Aber TVKM hatte ein hübsches Sümmchen geboten, also war der Arm mit einer Kamera ausgestattet worden, die nun ihre Bilder in die Zimmer der meisten Mianger übertrug, denn selbstverständlich wollten die meisten Bürger der Konföderation live dabei sein, wenn die Expedition Erfolg hatte und endlich Lub Plaub erreichte.

Hier ist wieder Madria Khand von TVKM. Meine Damen und Herren, wir dürfen nun gemeinsam miterleben, wie die Helden der Konföderation Miango in die zweite der entscheidenden Phasen ihrer Mission kommen, das Einschwenken in den Orbit um Lub Plaub. Die erste Prüfung nach dem geglückten Start war selbstverständlich die Kurskorrektur zur Halbzeit, und das Einleiten der Verzögerung. Beides ist hervorragend gelungen, und die POBTAXHA ist zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort angekommen. Ein großes Lob und Danke an die sonst unsichtbaren und nie erwähnten Mitarbeiter dieser Expedition, den Mathematikern, Ingenieuren, Konstrukteuren und auch Mechanikern, die zwar nie Lub Mor verlassen werden, ohne die jedoch dieser Flug nie zustande gekommen wäre. TVKM plant eine mehrteilige Dokumentation, um auch diese Frauen und Männer zu ehren und ihnen mit einer Prämie von fünf Dekaunzen unabhängig von ihrer Stellung den Dank Miangos auszudrücken. Schalten sie TVKM ein, wenn wir die Serie ‚Versteckte Helden der Konföderation‘ zeigen. Und nun einige Produktinformationen unserer Sponsoren, damit wir auch weiter für sie am Ball bleiben können! Wir kommen wieder nach einer kleinen Pause, sie sehen Madria Khand von TVKM, wenn sie es bei uns nicht sehen, ist es nie geschehen.“ Madria lehnte sich zurück und schloss die Augen für einen Moment. Dann warf sie einen Blick auf ihre handschriftlichen Karten und die Kursprojektion auf ihrem Schirm, die Visagistin puderte noch einmal ihr Gesicht nach und frischte die blutrote Farbe ihrer Lippen auf.

Danke, Dynaja“, rief sie der rasch wieder von der Bühne eilenden Frau nach, dann konzentrierte sie sich wieder auf die Kamera. Der Regieassistent hob zwei Finger, einen, riss die geballte Faust herab und Madria Khand moderierte weiter.

Noch nie haben es Menschen unseres Planeten geschafft, so weit zu kommen, um den vierten Planeten unseres Sonnensystems mit direktem, unbewaffnetem Blick zu erforschen. Soeben gibt der Kommandant Major Heev bekannt, dass alle Vorbereitungen getroffen sind. Natürlich hat immer noch der Rechner der POBTAXHA das Kommando, weil einfach die Elektronik bei weitem genauer zum richtigen, zum genau vorausberechneten Zeitpunkt eine Schaltung durchführen kann. Im Notfall werden selbstverständlich Major Heev und Hauptmann Dolpin ihr Bestes geben, um nach Gefühl den Kurs zu korrigieren. Und beide sind ausgezeichnete Piloten, denen man die Lösung eines solchen Problems schon zutrauen kann. Mit der Erfindung von Doktor Ikum, dem Plasmaantrieb, und der im Volksmund so genannten Atombatterie ist es möglich, länger zu manövrieren und trotzdem noch nach Hause zu kommen. Die Zeiten, in der mit jedem Tropfen Treibstoff gegeizt werden musste, sind nun, dank dieser bahnbrechenden Erfindung, endgültig vorbei!“

Hinter Madria wurde wenige Sekunden ein Firmenlogo über einer schnittigen Karosserie mit vier Rädern eingeblendet. „Die Firma HQM hat bereits eine Lizenz der Atombatterie erworben und möchte noch in diesem Jahr den TEMPO 8042 auf den Markt bringen. Vorbestellungen sind über das Onlineformular unter natnet-hqm*vorbestellungprof bereits jetzt möglich. Sichern sie sich heute schon das Mobil von morgen.“ Das Logo und das Fahrzeug verschwanden wieder vom Bildschirm und Madria sprach wieder über die Mission zum vierten Planeten.

Aber auch wenn beinahe unbegrenzt zur Verfügung steht, wird natürlich weiter eisern Energie gespart, so wird der größte Teil der Landung im Gleitflug erfolgen. Der Grund ist natürlich, dass man bei folgenden Missionen mehr Fracht einkalkulieren möchte, um eine möglichst autarke Kolonie auf Lub Plaub in der kürzest möglichen Zeit zu etablieren. Jetzt aber müsste es jeden Moment so weit sein…, ja, hier ist der Brennschluss. Die POBTAXHA fliegt nur noch von ihrem eigenen Schwung getrieben und müsste jeden Moment eine Meldung absetzen. Ich schalte den Major auf Lautsprecher, damit sie zu Hause den Moment der Ankunft mit seinen Worten vernehmen können!“

Das Bild des Raumschiffes schrumpfte zusammen und teilte sich nun den Bildschirm mit dem Piloten Tus Heev. Man hörte noch einige Male ein leises Fauchen, jedes Mal blickte der Major auf seine Instrumente. Dann blickte er lächelnd direkt in die Kamera.

Die POBTAXHA ist programmgemäß in der Umlaufbahn eingetroffen und umkreist nun Lub Plaub. Unser Kurs ist gut, wir können nun einen geeigneten Landungsort suchen. Es stehen durch die Auswertung der Sonden drei Möglichkeiten zur Auswahl, wir werden alle noch einmal genau in Augenschein nehmen und uns dann entscheiden.“

Major Tus Heev wurde wieder durch Madria Khand ersetzt. „Meine Damen und Herren, wir zeigen Ihnen nun noch einmal einige Informationen unserer Sponsoren und melden uns nach einer kurzen Pause wieder. Das war Madria Khand von TVKM, wenn sie es bei uns nicht sehen, ist es nie geschehen!“

Während ein professionelles Modell mit blitzenden Zähnen das neuste Mittel für prächtige Büschel an den spitzen Ohren anpries und ein anderes dafür warb, dass mit ihrem Produkt ganz bestimmt kein schlechter Geruch nach Schweiß auftrat, atmete Madria tief durch.

Bei allen Göttern, es ist geschafft“, seufzte sie.

Noch sind sie nicht gelandet und sicher zurück gekehrt!“ warf der Produktionsleiter ein, Madria machte eine zustimmende Geste.

Stimmt schon. Aber sie sind weiter als alle vor ihnen. Hoffen wir, dass es weiter so gut geht!“

*

Also, diese Ebene sieht sehr gut aus!“ Daja Sibseg deutete auf eine Luftaufnahme. „Dieses grasähnliche Pflanzengeflecht sorgt für einen guten Zusammenhalt des Bodens, das Landeshuttle sollte dort sicher aufsetzen können. Der von der Zentrale bevorzugte Landeplatz auf der Felsebene ist unbrauchbar geworden, da dürfte eine seismische Erschütterung stattgefunden haben. Die beiden neuen Spalten – nun, es könnte sich unter Umständen ausgehen, aber es wäre ohne den massiven Einsatz der Gegenschubtriebwerke wirklich Millimeterarbeit. Auf einem Flugzeugträger zu landen wäre einfach dagegen.“

Tus Heev blätterte durch die Aufnahmen. „Und was ist mit Punkt C?“ Jetzt hatte er gefunden, was er suchte. „Eine Wasserung und dann auf den Strand. Wäre doch auch eine Möglichkeit!“

Na ja, du bist der Pilot, Chef.“ Leutnant Sibseg legte die Aufnahmen aller Punkte nebeneinander. „Wenn du es vorziehst, auf dem Wasser aufzusetzen, dann ist das selbstverständlich deine Entscheidung!“

Aber du bist nicht begeistert davon“, bemerkte Ntses Dolpin. „Es geht mich nichts an, ich fliege ja nicht mit hinunter, aber warum eigentlich?“

Daja machte eine unbestimmte Geste. „Es ist mehr ein Gefühl, eine Ahnung. Als Raumflugkörper kann die POBTAXHA natürlich auch im Wasser agieren, und die Plasmabrenner funktionieren unter Wasser genau so gut wie im All und in der Luft. Es macht nur so ein Flattern in der Magengegend. Wahrscheinlich weil ich auf einem Schiff von den Flammen eingeschlossen war.“

Also, wenn einer meiner Leute ein ungutes Gefühl hat, und es steht eine andere, beinahe gleichwertige Option zur Verfügung, die alle akzeptieren können, dann nehme ich diese“, sagte der Major. „Also, wir nehmen Punkt B. Ein Fluss liegt in der Nähe, die Küste auch, es gibt Wachstum, dort wäre ganz gut eine Kolonie zu errichten. Welche Temperatur ist denn gerade?“

55 Grad Ktum. Also etwa so warm wie in den gemäßigten Zonen zu Hause im Frühjahr. Allerdings ist dort unten Sommer, im Winter wird es wohl richtig kalt da unten!“

Dann sollten uns die Herren einen hübschen Pelzmantel besorgen!“ Oberleutnant Loja Bosom legte ihren Zeigefinger unter das Kinn von Leutnant Phabej. „Wir Damen sollen doch nicht frieren, oder?“

Die Biologin Tauba Quabloj grinste. „Ich habe nichts gegen einen hübschen Pelz, wenn er nur schön warm hält! Wenn Loja den ihren von Kub bekommt, musst du mir meinen erlegen, Chef!“

Mal sehen!“ brummte Tus Heev. „Also, einigen wir uns auf Landeplatz B. Kub, gib das bitte der Zentrale durch. Dann acht Stunden Ruhe für alle, und damit meine ich wirklich Ruhe. Die Spanner müssen diesen Abend auf ihre Liveshow verzichten. Morgen wird Madria Khand uns wieder präsentieren, da wollen wir doch frisch und ausgeruht aussehen, oder etwa nicht?“

*

Das Abstiegsteam zwängte sich in die Pilotenkanzel des Landemoduls, stets medienwirksam von der Kamera ganz vorne im Instrumentenpult beobachtet und in Szene gesetzt. Zuerst schnallte sich Major Tus Heev im Pilotensitz fest, als Copilot diente Daja Sibseg, welche von ihrem Platz auch die Ortungsschirme und die Waffenkontrolle übernahm. Dahinter saß die Planetologin und Marineinfanteristin Oberleutnant Loja Bosom, neben ihr am Funkgerät und der technischen Konsole Kub Phabej. Die dritte Reihe nahmen die Biologin Tauba Quabloj und der Marineinfanterist Tsov Manee ein. Sechs Personen, so hatte es Tus Heev bestimmt, er wollte einen der Soldaten dabei haben. Nur so zur Sicherheit wollte Tus Heev einen zweiten bei den Infanteristen ausgebildeten Mann bei sich haben, vor allem deshalb, weil allgemein bekannt war, dass die altgedienten Unteroffiziere der Marineinfanterie die besten Instinkte hatten, vor, während und nach der Feindberührung.

Infanteristen waren in der Anfangsphase der Kriegsführung höchst spezialisierte Experten im Umgang mit ihren schweren Schilden, Lanzen, Schwertern oder Äxten. Erst lange Zeit nach der Domestizierung von Zug- und Reittieren verloren sie langsam an Bedeutung und wurden dann später mit der Verbreitung von langen Spießen und Bögen wieder wichtiger. Ein guter Bogenschütze benötigte viel Ausbildung und noch mehr Übung, Pikeniere aber mussten nur diszipliniert genug sein, die Lanzen gleichzeitig zu heben und dann Stand zu halten. Nach der Einführung von Feuerwaffen wurde der einfache Landsknecht immer mehr zum Kanonenfutter, die beste Ausbildung bekamen die anderen Waffengattungen, die Kavalleristen und Artilleristen. Dann kamen die besseren Gewehre, welche den Kampf aus einer Deckung heraus erlaubten, mehrschüssige Repetiergewehre, Selbstlader und schließlich die modernen Kampfanzüge mit im Helm eingebauten Kommunikationseinrichtungen, Ortungsgeräten, Feuerleitgeräten, Vergrößerungsvisieren und vielen anderen Hilfsmitteln zum Einsatz, und plötzlich war der Infanterist wieder ein geachteter Spezialist auf seinem Gebiet. Einer, den der Major bei sich haben wollte.

Sibseg las ihrem Kommandanten die Checkliste des Landemoduls vor. Auch wenn, oder vielleicht auch gerade weil der Major ein erfahrener Flieger war, bestand er darauf, wirklich jeden Punkt auch wirklich auf dem Blatt abzuhaken.

Flaps?“ las Sibseg.

Auf meiner Seite kommen sie raus!“ sagte Tus Heev nach einem Blick in den Spiegel.

Auch bei mir! Check!“ hakte Daja ab. „Slats?“

Fahren aus!“

Auch auf meiner Seite. Check! Seitenruder?“

Schlägt aus!“

Ich sehe es auch. Check! Höhenruder?“

Abwärts – aufwärts. Reagiert!“

Bestätige, auch auf meiner Seite. Check! Trimmflächen?“

Reagieren!“

Ja, auch bei mir. Check! Fahrwerk?“

Laut Anzeige in Ordnung!“

Check, Hydraulik, Check, Künstlicher Horizont, Check, Höhenmesser, Check, Check, Check!“ Die Liste der überprüften Komponenten wurde länger, bis Daja Sibseg endlich vorlas.

Starten der Magnetfelder!“

Magnetfelder sind an!“

Vorheizen des Plasmas in der Vorkammer!“

Läuft, erreicht Nominalwert!“ Dann, zuletzt der Appell, der Tradition nach ‚von unten nach oben‘.

Unteroffizier Manee?“

Anwesend, angeschnallt!“ meldete der.

Leutnant Quabloj?“

Anwesend, angeschnallt!“

Leutnant Phabej?“

Anwesend, angeschnallt!“

Oberleutnant Bosom?“

Ich bin da, Gurt angelegt!“

Kommandant, melde Passagiere vollständig anwesend und zum Start angeschnallt, ebenso Copilotin Sibseg.“

Sehr gut, Leutnant!“ Der Major überprüfte noch einmal seine Hosenträgergurte. „Kommandant festgeschnallt. Leutnant Phabej, melden sie Hatano und natürlich Madria Khand von TVKM, die Landefähre ist startbereit.“

Hatano bestätigt!“ sagte Kub Phabej.

Dann lächelt alle und winkt den Zusehern zu Hause noch einmal freundlich zu, Leute“, befahl Major Heev. „Achtung POBTAXHA, Klammern lösen in drei, zwo, eins, lösen!“ Von vier Seiten hallten metallene Geräusche durch die Zelle des Landers, vorsichtig gab der Pilot minimalen Schub auf die Manövertriebwerke. Langsam löste sich das Atmosphärenmodul vom Orbiter, kam frei und rollte um die Längsachse, um die speziell isolierte und hitzebeständige Unterseite zum Planeten hin auszurichten. Dann zischte Gas aus den Düsen an der Vorderseite der großen trapezförmigen Flügel und verzögerten den Flug, die Schwerkraft von Lub Plaub zog immer stärker werdend an dem Shuttle und zwang das Gebilde nach unten, von der Kamera am Arbeitsarm verfolgt und von Madria Khand begleitet.

Erreichen erste Ausläufer der Atmosphäre!“, sprach Heev laut und deutlich in sein Comset, der Flug wurde spürbar unruhiger und ruckeliger. Der Pilot musste allmählich mit dem Steuerhorn kämpfen, welches der unruhig werdende Abstieg seinen Händen entreißen wollte. Die Unterseite des Rumpfes und der Tragflächen verfärbten sich zuerst in dunkel glühendes rot, das jedoch rasch heller wurde. Dann wirkte sich die aerodynamische Bremsung aus, der Pilot senkte die Nase und kurvte, den Angaben seiner Copilotin folgend, in den Landekurs ein.

Wir sind im perfekten Anflug. POBTAXHA, wie sehen die Werte der abgeworfenen Sonde im Zielgebiet aus?“, fragte Sibseg im Mutterschiff nach. „Leichter Wind aus West! Wolkenloser Himmel“, meldete Nuva Ntses, die jetzt für Ortungen und Datenauswertung zuständig war.

Wie schön, dann können wir ohne Kurve landen!“ freute sich Tus Heev.

Auf dem Boden hörte ein mittelgroßes, dicht behaartes Säugetier, welches aufrecht auf zwei Beinen ging, einen gewaltigen Knall und danach ein seltsames Donnern am Himmel und sah neugierig zu der seltsamen, schnurgeraden Wolke auf, die es noch nie vorher gesehen hatte. Dann fasste es seinen Knüppel fester und konzentrierte es sich wieder auf seine Beute. Es sah die Landefähre nicht direkt und wusste auch nicht, dass seine Spezies nun nie die Chance bekommen sollte, selbst das Feuer zu zähmen, das Rad zu erfinden, Häuser zu bauen oder zu den Sternen zu fliegen. Die Tage dieser Art waren gezählt, eine stärkere, klügere war auf Lub Plaub eingetroffen und würde die einheimische, eben erwachte Intelligenz entweder verdrängen oder assimilieren. So war eben der Lauf der Welten.

Die Konstrukteure hatten bei der Planung der Landefähre auf Räder verzichtet, denn es war ohnehin nicht mit einer ebenen Landebahn zu rechnen gewesen. Also wurden jetzt auf robusten, starken Teleskopbeinen befestigte, breite Gleitkufen ausgefahren.

Noch ein wenig, noch ein kleines Stück!“ murmelt Tus Heev.

Höhe 5.000, Tempo 160“, meldete Daja Sibseg.

Na schön.“ Tus Heev war voll konzentriert und überschlug die Werte im Kopf. „Achtung, Gegenschub zwei Sekunden, halbes G!“

Bereit Gegenschub, zwei Sekunden, halbes G“, meldete Sibseg.

AUSFÜHRUNG“, rief Heev, und kurz drängte die Verzögerung die Astronauten gegen die Haltegurte.

Höhe 500, Tempo 30!“, meldete Sibseg.

Dann wollen wir einmal die Nase ein klein wenig nach oben nehmen“, brummte Heev und zog das Steuerjoch an sich, zögernd, aber doch willig hob die Fähre ihre Nase und verzögerte durch den Luftwiderstand die rasante Geschwindigkeit noch mehr.

Höhe 30, Tempo 10!“

Gut, gut. Komm schon, Baby, gleich ist es geschafft. Halt noch durch“, beschwor Heev sein Fluggerät.

Höhe drei, Geschwindigkeit fünf“, kam wieder Siebsegs Meldung.

Gegenschub bei Kontakt“, befahl Heev, einem Ritual folgend, denn Sibsegs Hand lag bereits auf dem entsprechenden Hebel.

Gegenschub bei Kontakt“, bestätigte sie. „Höhe zwei, Geschwindigkeit zwei, noch im guten Bereich. Höhe eins, Geschwindigkeit nähert sich unterem Limit! Höhe ein Halb, ein Viertel, Kontakt in drei – zwei – eins – Kontakt, Gegenschub!“ Wieder fühlten die Besatzungsmitglieder des Shuttles, wie die Gurte sich kurz strafften und sie in den Sesseln hielten, dann kam die Fähre dampfend zum Stillstand. Dieser Nebel stammte von der Feuchtigkeit auf dem Gras, welche vom heißen Unterteil der Fähre verdampft wurde und nun in dichten Schwaden nach oben trieb. In der Stille, die im Inneren der Fähre herrschte, war das Knacken der sich abkühlenden Zelle überdeutlich zu hören, doch die erfahrenen Ohren des Kommandanten erkannten, dass die Geräusche im erwarteten Bereich lagen und keine Katastrophe ankündigten. Major Tus Heev nahm die Hände von der Steuerung und winkte in die installierte Kamera, dann drehte er sich um.

Alle wohlauf?“ fragte er, und fünf Zeigefinger reckten sich ihm entgegen. „Leutnant Kub Phabej, ins Logbuch, mit Datum und Uhrzeit! Bodenkontrolle Hatano, Expedition POBTAXHA meldet erfolgreiche Landung auf Lub Plaub und erhebt Anspruch auf den Kontinent Bhing am Äquator des genannten Planeten im Namen der Konföderation Miango!“ Am Morgen nach der Landung kamen die wenigsten Bewohner der Konföderation Miango pünktlich und ausgeschlafen zur Arbeit, und das Fotoarchiv auf der Webseite von TVKM erlebte einen neuen Run. Aber auch der Ratsvorsitzende der Volksdemokratien Kobo stieß im kleinen Kreis auf die glückliche Landung an.

Gemini Kappa

An Bord der PHILIP K. DICK

Das große Radioteleskop auf der Rückseite des Mondes hatte seit geraumer Zeit seltsame Geräusche aufgezeichnet, welche aus der Richtung des Sternbildes der Zwillinge kamen. Die Astronomen waren nur durch einen Zufall darüber gestolpert, denn auf dieser Hyperband – Frequenz war eigentlich kein natürliches Radiosignal zu erwarten gewesen. Pflichtbewusst hatten sie ihre Entdeckung sofort der Firmenzentrale gemeldet und diese seltsamen Signale auch selbst weiter beobachtet. Sie häuften sich in einem Gebiet von zehn Sonnensystemen der Klassen A, F, und G, welche im alten terranischen Sternkatalog noch nicht verzeichnet waren und im Mittel etwas mehr als 900 Lichtjahre von der Erde entfernt lagen. Sie wurden unter Gemini Kappa neo, gefolgt von der Spektralklasse und einer laufenden Nummer registriert, der Cluster als Gesamtheit wurde von den Wissenschaftlern Canterville genannt. Wegen der ‚Gespensterechos‘. Die Hyperphysiker des Area 51 nahmen sich des Phänomens mit Begeisterung an und klassifizierten es bald als künstlichen Ursprunges. Nachdem die gleiche Signatur immer in mehreren Sprüngen von drei hundertstel Sekunden Differenz mehrere Male hintereinander jeweils ein Lichtjahr voneinander entfernt auftrat, lag die Vermutung einer Art Hyperraumantriebes nahe. Die eiligst befragten drei Arkoniden wussten über diesen Sektor aber leider überhaupt nicht Bescheid, ihres Wissens hatte es zumindest offiziell nie eine arkonidische Expedition in diese Gegend verschlagen.

Perry Rhodan betraute einen der neuesten sechshundert Meter durchmessenden Schlachtkreuzer, die GCC BC 056, die PHILIP K. DICK, unter Captain Gregory Walsingham, mit der näheren Erforschung und wenn möglich der Lösung des Rätsels von Canterville. An Bord waren auch eine handverlesene Schar von Wissenschaftlern aller möglichen Zweige sowie die Telepathin Ishy Matsu, der Teleporter Tako Kakuta und zusätzliche vier Kompanien motorisierte Raumlandeinfanterie zur eventuellen Unterstützung anwesend. Außerdem war die PHILIP K. DICK noch zusätzlich mit modernster Ortungs- und Kommunikations-Technologien aller Art ausgestattet worden und erst einmal in das System Gemini Kappa gesprungen, 150 Lichtjahre von der Erde entfernt. Um dort erneut nicht nur, aber vor allem auf den Hyperwellenfrequenzen, welche das Interesse der Wissenschaftler erregt hatten, zu orten, während eine mitgeführte Korvette die Planeten untersuchte. Den vierten nannte der Kommandant Dagobah, ein nicht unpassender Name für die extreme Sumpfhölle.

Dieser Zacken hier ist ganz charakteristisch, Captain.“ Der Hyperphysiker Doktor Chen WuLing zeigte auf eine Reihe von Zacken auf einem Bildschirm und legte einige andere Reihen darunter. „Sehen sie nur, jedes identische Paar ist exakt drei hundertstel Sekunden und ganz genau 0,99831 Lichtjahre voneinander getrennt, und es sind maximal annähernd achtzig Lichtjahre, also achtzig Sprünge in einer annähernd geraden Linie. Und alle Ortungen finden hier in diesem Cluster statt, den wir Canterville genannt haben. Wenn sie mich fragen, da ist jemand zu Hause. Und dieser Jemand besitzt mindestens 200 überlichtschnelle Raumschiffe, die in den letzten Tagen unterwegs waren. Das mag nicht viel im Vergleich zum Großen Imperium sein, aber auch nicht wenige für ein derart kleines Gebiet.“ Major Walsingham sah sich die Muster ganz genau an.

Sie sind tatsächlich immer identisch, Captain“, bestätigte Doktor Jean Thureaux. „Aber das kann auch andere Ursachen haben. Allerdings ist WuLings Theorie derzeit die wahrscheinlichste.“

Welche anderen Ursachen könnten sie vorschlagen, Doktor Thureaux?“ fragte die zierliche Japanerin Ishi Matsu.

Derzeit keine, Special Officer Matsu“, antwortete die Frankokanadierin. „Was nicht bedeutet, dass es sie nicht gibt!“

Oh!“ entfuhr es Tako Kakuta. „Die sokratische Schule. Ich weiß, dass ich eigentlich nichts weiß. Nicht wissen ist ungleich nicht sein!“

Natürlich, Special Officer Kakuta“, nickte Jean Thureaux. „Man muss sich immer seiner eigenen Fehlbarkeit bewusst und offen für neue Erkenntnisse bleiben.“

Feine Theorie und sehr philosophisch“, knurrte Captain Walsingham. „Bringt uns aber im Moment keinen Schritt weiter. Was schlagen sie also vor zu tun?“

Nachsehen natürlich!“ riefen beide Wissenschaftler unisono.

Wir können nur Neues erfahren, wenn wir auch hinsehen!“ ergänzte Jean Thureaux, und Chen WuLing setzte hinzu:

Wir sollten nachsehen, ob wirklich jemand zu Hause ist, sei er potentieller Verbündeter oder Feind!“

Oder beides – falls wirklich jemand oder etwas da ist!“ bemerkte Thureaux.

Was wir nur mit einem Erkundungsflug feststellen können!“ beendete Chen.

Na, wenigstens in dem Punkt sind sich alle einig“, brummte der Kommandant. „Pi Kay!“

Ja, Captain Walsingham?“ Ein sanfter Bariton erklang von der Decke. „Meine Empfehlung an den XO, ich möchte um 0900 alle Mannschaften auf Manöverposition haben und losfliegen.“

Aye, Sir. Commander Burmeestar bestätigt, Kommandant.“

Danke, Pi Kay. Also gut, schauen wir nach, ob jemand die Tür aufmacht!“

*

Captain Gregory Walsingham war Brite, genauer gesagt, Engländer. Seine Abstammung führte er gerne zurück auf jenen Geheimdienstchef Sir Francis Walsingham, welcher Elisabeth I. so gute Dienste geleistet hatte. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass selbst Christopher ‚Kit‘ Marlowe, einer der größten Dichter dieser Epoche, für ihn gearbeitet hatte und dass der Tod des Autoren eigentlich nicht nur eine einfache Kneipenschlägerei gewesen war, sondern ein feiger Mordanschlag, von feindlichen Agenten ausgeführt. Wie auch immer, Marlowe war tot, die jungfräuliche Königin blieb am Leben und gegen alle Feinde siegreich, und beides war eigentlich nur noch von historischem Interesse. Ob der Captain nun tatsächlich von jenem Mann abstammte, dessen Agenten ganz Europa ausspähten oder nicht, jedenfalls war Gregory ein Pitbull, der, wenn er sich in eine Sache verbissen hatte, nicht mehr losließ. So auch in diesem Fall. Er hatte den Beginn einer Spur gefunden und würde nicht mehr loslassen, bis er am anderen Ende angelangt war. Allerdings war er ein verantwortungsvoller Mann, der keine sinnlosen Risiken einging. Daher suchte er einen unauffälligen Stern der G – Klasse am Rand des Clusters, um dort noch nähere Informationen zu sammeln. Damit man ihn nicht zu schnell ortete, kam er etwas außerhalb des Systems aus dem Transit und flog, auf allen Frequenzen lauschend, nur langsam in das Innere. Und seine Geduld wurde belohnt, er hörte zahlreiche Kommunikationen mit. Eine davon war besonders interessant, da sich einer der Teilnehmer ziemlich weit von der Hauptquelle der Funksignale entfernt befand. Die Bildschirmauflösung und das Seitenverhältnis der gesendeten Bilder war schnell entschlüsselt, und so erlebte man auf der PHILIPP K. die Landung der POBTAXHA beinahe hautnah, live und ungeschnitten mit.

Eine tolle Leistung!“ bemerkte Tako Kakuta.

So muss sich der Chef damals auf dem Mars gefühlt haben“, ergänzte Ishi. „Wir haben in der damaligen Asiatischen Föderation kaum etwas davon mitgekommen, außer dass die STARDUST unsere Expedition glatt überholt hat.“

Und dass der Genosse Vorsitzende das lange vertuschen wollte“, erinnerte sich Tako. „Letztendlich musste er aber doch den Hut nehmen. Crest und Thora hätten noch Schauspieler sein können, aber die Angriffe auf die STARDUST, der Energieschirm, unter dem sie lag und die GOOD HOPE waren einfach zu viele Beweise!“

Ihre Reminiszenzen in allen Ehren.“ Major Walsingham konnte eine gewisse Ungeduld kaum mehr überspielen, doch er durfte ihr einfach nicht nachgeben. Noch nicht. „Aber dieser Raumhüpfer zwischen zwei Planeten zeichnet keine achtzig Lichtjahre lange Spur in die interstellaren Gebiete. Da muss noch mehr sein, viel mehr. Holy shit, jetzt habe ich zwei Projekte, um die ich mich kümmern muss! Lieutenant Landsdottir! Übergeben sie bitte das Ruder an Leutnant Veeti Viljelijä, nehmen sie sich zwei Fähnriche und machen sie die Jet 003 bereit. Außerdem bitte ich die Special Officers Matsu und Kakuta, sich an dieser Aufklärungsmission zu beteiligen. Wir steuern einmal den Asteroidengürtel an und verstecken uns da, und dann raus mit der 003!“ Mit einem Umweg, um außerhalb der Radarstationen der Miangos zu bleiben, steuerte der Finne, welcher Annika abgelöst hatte, die PHILIPP K. in den Asteroidengürtel, um sich in dessen Deckung näher an den vierten Planeten heran zu pirschen. Dann schickte Gregory Walsingham Ishi Marschall und Tako Kakuta mit der Space Jet 003 unter Oberleutnant Annika Larsdottir, seiner besten Pilotin, zur Erkundung los.

Die GCC Space Jet PHILIP K. DICK – 003, oder wie die offizielle Abkürzung lautete SJ PKD mit der laufenden Nummer 003, war annähernd diskusförmig mit einem Durchmesser von 30 Metern und einer Höhe von 18, damit war sie doppelt so hoch wie das Starlight-Modell. Ihre 18 Düsenöffnungen im Ringwulst gaben dem kleinen Schiffchen eine ganz beachtliche Beschleunigung und Manövrierfähigkeit. Wesentlich langsamer, aber dafür ohne die verräterischen Emissionen und die grellen, über einige Lichtminuten visuell wahrnehmbaren Leuchterscheinungen war der ebenfalls eingebaute Gravitationsfeldantrieb. Der Wurmlochgenerator war für einzelne Sprünge bis zu 200 Lichtjahren ausgelegt, die maximale Reichweite betrug stolze 500.000 Lichtjahre. Die Bewaffnung war, anders als bei den arkonidischen Leka-Discs, im breiteren Ringwulst untergebracht, in neun von der Zentrale ferngelenkten Geschützkanzeln. Drei mit überschweren Thermokanonen, drei mit ebenso schweren Desintegratoren und drei mit starken Narkose- und Hypnostrahlern. Üblicherweise bestand die Besatzung aus vier Mann, sechs Personen konnten zusätzlich mitgenommen werden, die Boote waren mit 10 nicht sehr großen, aber doch ausreichenden Kabinen ausgestattet. Im Laderaum mit der Hauptschleuse fanden außerdem noch zwei Flugpanzer vom Typ Skorpion Platz.

Annika flog die Space Jet mit leichter Hand, Fähnrich Leonid Pawlowitsch Fermer hatte die Ortung übernommen und Fähnrich Magdalena Manomi saß an der Waffenkonsole. Rasch näherte sich die 003 dem vierten Planeten, stets darauf bedacht, nicht vorzeitig von der Besatzung des Orbiters bemerkt zu werden, welcher über dem Landegebiet in stationärer Umlaufbahn blieb. Kurzfristig benützte sie während des Anfluges auch das Korpuskulartriebwerke, während sie die Deckung des Planeten für die Annäherung auszunützen. Lub Plaub verfügte über drei winzige Monde, und Annika landete unbemerkt auf dem Innersten, der bald den Orbitalteil der POBTAXHA einholen würde. Ishi Matsu begann mit ihrer Arbeit, die Fähigkeiten der starken Telepathin erkundeten den Geist der vier Miangos, und langsam konnte mit Hilfe der abgehörten Gespräche und der dazu gehörenden Gedanken eine Hypnolehrgangs-Compactcard hergestellt werden.

Während der Captain auf die Rückkehr der Mutanten wartete, blieben seine Ortungsgeräte nicht untätig. Jeder Asteroidengürtel birgt seine Gefahren, auch wenn die nennenswerten Gesteinsbrocken weniger dicht aneinander liegen, als es in Romanen und Filmen oft gezeigt wird. Die Gravitationskräfte hätten in diesem Fall schon dafür gesorgt, dass aus den Zwergplaneten bald größere würden, welche immer mehr und mehr Schutt ansammelten und zum richtigen Planeten gewachsen wären. Kollisionen zwischen größeren Brocken kamen kaum vor, und das Bild, dass es in einem solchen Feld ähnlich wie auf einem Billardtisch zuginge, könnte falscher nicht sein. Die Brocken liegen weit auseinander und begegnen sich höchst selten. Trotzdem war für Nachlässigkeit kein Platz auf einem Raumschiff, denn manchmal trifft mitten im Nirgendwo der einzige Stein in einer Lichtjahre weiten Umgebung genau zu dem Zeitpunkt an einem Ort ein, wo gerade ein Raumschiff vorbeikommt. Zufall? Schicksal? Einfach Pech? Die Hand einer Göttin oder eines Gottes? Oder einfach die Macht der Statistik, nach der alles, das vorkommen kann, auch irgendwann eintrifft? Ganz egal, was es auch ist, kein Raumschiffkommandant, der seiner fünf – in seltenen Fällen auch sechs oder im Falle der Klimbuter sogar sieben – Sinne mächtig ist, wird außerhalb des Docks die Ortung vernachlässigen. Außerdem, so groß die Leistung der Miangos auch war, eine Erklärung für die angemessenen Transtationswellen war dieser interplanetare Flug denn doch nicht. Und die Ortung der PHILIPP K. sprach auch bald nicht nur auf die POBTAXHA an, sondern auch auf seltsame konische Schiffe mit einer Art Feldantrieb, und Gregory Walsingham sammelte für das Erste weiter Fakten.

*

Das Wesen war für menschliche Begriffe ein Monster. Das hatte nichts mit den beiden dicken, elefantenartigen Säulenbeinen zu tun, welche den Körper, der wie ein Ei geformt war, trugen, auch nicht mit den vier Tentakeln, die in Greifhänden mit je drei Fingern endeten. Die großen, schwarzen Facettenaugen in dem dreieckigen Kopf waren fremdartig, die Mandibeln des Mutaraners gefährlich, aber alles in allem nicht monströs. Es war der Charakter des Wesens, der den Renegaten und seine Kumpane zu Monstern werden ließ. Skrupellos und ohne Mitleid nahmen sie das Leid vieler Intelligenzwesen in Kauf, nur um sich persönlich zu bereichern.

Das Schiff der Renegaten war wie ein Kegel mit abgerundeter Spitze geformt, an der Basis 200 Meter durchmessend, 170 hoch, und es flog durch den Asteroidengürtel, meistens auf der Jagd nach einem der seltenen Metalle oder Kristalle, welche bei den Aufkäufern ihrer Heimatwelten Höchstpreise erzielten. Auf dem Schwarzmarkt, denn genau genommen dürfte hier in diesem System niemand schürfen, das Konzil der Fünf-Planeten-Liga hatte die Bewohner des dritten Planeten bereits als Kandidaten für eine spätere Mitgliedschaft eingestuft – falls sie ohne Einmischung lange genug überlebten. Das Überleben bis zur interplanetaren Raumfahrt war der ultimative Eignungstest für den Beitritt zur Liga, also wurde das System zum Sperrgebiet erklärt. Trotzdem schafften es Gesetzlose immer wieder, unbemerkt sowohl auf dem dritten als auch dem vierten Planeten zu landen und nicht nur Bodenschätze zu erbeuten, sondern sogar Einheimische zu entführen, die dann als Sklaven in den Bergwerken auf den Asteroiden schuften mussten. Diese überlebten die Arbeit nie lange, denn die Hauptbeute, nach der sie zu suchen gezwungen wurden, war ein hoch radioaktives Material, welches von der Liga zur Energiegewinnung verwendet und massenhaft benötigt wurde. Kein Konzern fragte nach der Herkunft, wenn nur geliefert wurde, die wohlmeinenden Ratsherren und ihre Gesetze wurden einfach ignoriert. Man brauchte die Energie, also musste mehr und mehr des Materials herangeschafft werden, ganz egal woher.

An dem Asteroiden, den das von dem Mutaraner gesteuerte Raumschiff der Renegaten anflog, war auf den ersten Blick nichts auffälliges zu erkennen. Erst auf einen Funkimpuls öffnete sich ein hervorragend getarntes Schleusenschott, durch welches der Pilot in einer Schleusenkammer landete. Das Schott schloss sich wieder und Luft strömte mit immer lauter werdendem Tosen in die Kammer, deren Boden sich senkte und nach unten fuhr. Mit einem dumpfen Knall prallte die Liftplatte in die Vertiefung am Hangarboden, das Schiff schwebte auf seine Parkposition, während der Lift wieder nach oben fuhr und die Landekammer verschloss. Das Abbild einer grell geschminkten, hellhäutigen Humanoiden mit kurzem, schwarzen Haar, großen, dreieckigen Ohren, welche wie bei einer Katze hoch am Kopf angesetzt waren und eiskalten Augen wurde auf dem Kommunikationsbildschirm sichtbar.

Gute Beute, Mon?“ fragte die Wyva, und die Mandibeln des Mutaraners arbeiteten, während er antwortete.

Gute Beute, Kommandantin. Rund 800 Arbeiter für die Minen, als Schiffskatastrophe getarnt. Die Schwachen haben wir gleich vor Ort gelassen, wie immer.“

Gut!“ freute sich die Kommandantin der Basis. „Wir sind schon etwas knapp an Bergwerksarbeitern. Entlade die Beute gleich, dann können sie morgen schon arbeiten!“

*

Muig Sasar kam aus den Volksdemokratien Kobo und war mit seiner Frau auf einer Kreuzfahrt in den Norden des Planeten gewesen, als der Kegel plötzlich vor dem Bug erschienen war. Niemand an Bord konnte sich mehr bewegen, von dem Gebilde war eine leuchtende Brücke zu dem Kreuzfahrtschiff entstanden und einige dieser Wesen, die sich, wie Muig später erfuhr, Mutaraner nannten, waren an Bord gekommen und hatten die größten und stärksten von ihnen mit Halsringen ausgestattet. Dann hatten sie den Ausgewählten befohlen, über die Brücke auf das Raumschiff zu wechseln, schmerzhafte Elektroschocks durch die Halsringe hatten diese Befehle rigoros unterstrichen. So hatte er seine geliebte Frau verlassen und war auf das unbekannte Raumschiff gegangen. Seither saß er mit seinen Mitgefangenen auf dem Boden des Frachtraumes und fragte sich voll Angst, welches Schicksal ihm wohl bevorstehen mochte und wie es seiner geliebten Frau wohl gehen mochte, die auf der JUNGFRAU DES NORDENS zurück bleiben musste. Vielleicht war es eine Gnade des Schicksals, dass niemand von den Gefangenen gesehen hatte, wie gleich, nachdem sich die Schotts hinter dem Letzten geschlossen hatten, ein greller Lichtstrahl ein großes Loch in die Bordwand riss und das Schiff mit den über tausend Zurückgelassenen im eisigen Ozean versank.

Nun öffneten sich die Schotts des Laderaums erneut, über Lautsprecher wurden die künftigen Minenarbeiter aufgefordert, das Schiff zu verlassen und zu ihren neuen Quartieren geleitet. Jedes Zögern zog empfindliche Strafen über die Halsreifen nach sich. Muig sah, wie sie von einer Frau mit Dreiecksohren und einem Mann mit Hornwülsten begleitet wurden, welche über eine Fernbedienung die Strafen verteilten, und auch die bewaffneten Mutaraner waren nicht zu übersehen. Munfa Trinth, eine große, kräftige Frau in der Ausgangsuniform eines Oberleutnant der Marineinfanterie der Volksdemokratien Kobo griff einen der Posten an, sie wollte sich nicht kampflos ihrem Schicksal beugen. Umsonst. Wahnsinniger Schmerz aus dem Halsring machte jeden weiteren Versuch sinnlos, bald ging sie widerstandslos ebenso wie alle anderen ihrer Zukunft als Minensklave entgegen. Vorbei an Zellen, welche aus einfachen Gitterwänden bestanden, belegt mit Männern und Frauen, zum Skelett abgemagert, und mit stark behaarten, stämmigen, aber kleineren Wesen mit runderen Ohren. Bekleidet waren sie alle nur noch mit Lumpen, die Haare und Zähne waren teilweise bereits ausgefallen, sie wanden sich in Krämpfen, hervorgerufen von der Strahlenkrankheit, dem Tod häufig näher als dem Leben. Es war offensichtlich, dass keine dieser Personen noch oft in die Mine einfahren konnten, sie hofften auf nichts mehr, sie würden sterben, von der Hand ihrer Ausbeuter. Und den Neuankömmlingen wurde klar, wie ihre Zukunft aussehen würde. Krank, gequält und ausgebeutet, weggeworfen wie Schlachtvieh für den Profit ihrer Sklaventreiber!

*

In ihrem Büro schob die Kommandantin AsæMůg dem Mutaraner MonFyr ein dickes Bündel Geldscheine über den Tisch.

Gute Arbeit!“ sagte sie noch einmal. „Wie üblich, tausend pro Kopf!“ Der Mutaraner strich das Blutgeld mit einer Zufriedenheit anzeigenden Geste ein.

Es ist immer ein Vergnügen, mit euch Geschäfte zu machen, Kommandantin Asæ!“

Das beruht auf Gegenseitigkeit, Kapitän Mon. Bringen sie mir nur weiter genügend Arbeitskräfte!“

Ich habe gehört, vom dritten Planeten hat es ein Hüpfer auf den vierten geschafft. Wenn die Liga das erfährt – dann können wir hier dicht machen und ein neues System suchen.“ Der Mutaraner zeigte ein wenig Sorge, doch AsæMůg winkte ab.

Noch sind sie nicht zurückgekehrt, noch hat der hohe Rat der Liga keine Ahnung von dieser Landung, und die nächste Überprüfung durch die Akademie ist erst in fünf, sechs Jahren fällig. Noch länger, wenn unser Vertreter beim Konzil gute Arbeit leistet. Kümmere nicht darum und überlass die Sache mir.“

MonFyr zeigte eine beschwichtigende Fingerstellung. „Trotzdem, wenn durch Zufall …“

Selbst wenn wir von hier weg müssen, ich habe schon ein System im Auge“, beruhigte die Wyva. „Wieder ein G-Stern, den hat aber noch nicht einmal die Liga bis jetzt auf dem Schirm. Wir müssen nur dafür sorgen, dass sich die politischen Blöcke auf jenem Planeten weiter feindlich gegenüber stehen, vielleicht noch ein wenig für eine heiße Phase sorgen. Danach haben wir leichtes Spiel, Arbeiter gleich Kompanieweise zu ergattern!“ Die Wyva lachte heiser und bösartig. „Dann heißt es eben ‚auf dem Schlachtfeld vermisst‘ – wer soll genauer suchen, wenn nur noch Asche und angeschmolzene Erkennungsmarken zu finden sind?“

Gemini Kappa neo G5

Oberleutnant Kel Al legte seinen König der Drachen auf die drei Karten in der Tischmitte. „Damit gehören die restlichen Stiche alle mir, Freunde. Das Solo dürfte ich gewonnen haben!“ Seine Mitspieler warfen ihre Karten auf den Tisch.

Du hast geradezu unverschämtes Glück, Kel!“ rief Oberleutnant Pal Em frustriert. Gleich darauf sammelte er die 78 Karten ein und mischte erneut. Kel Al erhob sich, nahm sein Glas und blickte während dessen durch die Aussichtsluke des getauchten Flugzeugträgers auf die langsam vorbeiziehende Unterwasserwelt. Seit drei Jahren gehörte er jetzt zu den Geistern der GAA, der geheimen Alien Abwehr. Vor drei Jahren hatte sein neues Leben im Verborgenen begonnen…

Er hatte seinen zweistrahligen Kampfjet mit anderthalbfacher Schallgeschwindigkeit über den blauen Himmel seiner Heimatwelt Sa’anaë gejagt. Ein langer Streifen kondensierender Feuchtigkeit hatte seinen Kurs für Beobachter am Boden nachgezeichnet. Wenn jemand zufällig nach oben geblickt hätte, wäre Kel Als Flug kein Geheimnis gewesen. Die Menschen Sa’anaës waren an solche Muster jedoch seit langer Zeit gewöhnt, Personen und Fracht wurden schon seit hundert Jahren durch die Luft transportiert, und das hinterließ nun einmal diese Spuren. Kal El blickte nach unten auf das Schachbrettmuster der Felder, die Ackergrenzen waren als schnurgerade Linien zu erkennen gewesen, dunkelgrüne Felder mit Knollengemüse wechselten sich mit goldgelben Getreidefeldern und bunten Gemüsegebieten ab. Obstbäume bildeten genau ausgerichtete Reihen in den Plantagen, ebenso die Sträucher der begehrten Weinnuss. Überall herrschten rechte Winkel, nur ganz selten durchbrach ein schräger Pfad die exakt angelegten Nutzflächen der Agrarindustrie. Eine Stadt rund um eine moderne Sauerstoffanlage kam in Sicht. Hier wurde der Kohlenstoff aus der Luft gefiltert und der Sauerstoff wieder freigesetzt, der entzogene Kohlenstoff wurde dehydriert, gepresst und geformt, um dann gelagert zu werden. Wissenschaftler des ganzen Planeten arbeiteten an einer Methode, daraus wieder günstigen Treibstoff zu gewinnen.

Früher einmal, so wussten die Bewohner Sa’anaës aus den Geschichtsbüchern, viel früher hatten Pflanzen für genug Sauerstoff gesorgt. Aber in dem Ausmaß, in welchem die Menschen immer mehr Forst- und Landschaftsschutzgebiete für die Landwirtschaft und die urbanen Gebiete abholzten, reichten die Nutzpflanzen bald nicht mehr aus, um genug Sauerstoff zum Überleben zu produzieren. Also suchten die Wissenschaftler neue Möglichkeiten, zuerst mit Plankton- und Algentanks und billigen, das Sonnenlicht im photoaktiven Spektrum imitierenden LED-Strahlern. Damit schaffte es die Wissenschaft, die Sa’anaër vorläufig vor dem Erstickungstod zu bewahren, bis noch effizientere Methoden hinzu kamen. Phytoplankton und Algen wurden allerdings immer noch in großem Stil gezüchtet, denn sie stellten einen nicht unbeträchtlichen Teil der Nahrung dar. Leider mussten viele Familien trotzdem ihre Heimat verlassen, die Welt erwärmte sich, die Pole schmolzen, die Tropen wurden beinahe unbewohnbar. Dafür entstand neues Land an den Polen, von den einzelnen Nationen heiß umstrittene und umkämpfte Territorien. Zum Glück für die Bewohner wurden die Kriege mit konventionellen Waffen geführt, alle Weltmächte schreckten noch vor dem Einsatz von Nuklearwaffen zurück.

Kel Al hatte regelmäßig an der Grenze zwischen dem Pakt von Ki’aane, seiner Heimat, und dem Nordpakt patrouilliert, er kannte diese Gegend wie die Taschen seiner Überlebensausrüstung. Hmm, etwas stimmte nicht. Musste nicht der Ib’iban jetzt langsam in Sicht kommen? Seit Jahren flog er auf seiner Seite nach Nordwesten und sein Gegenstück auf seiner Seite nach Südosten. Bisher waren sie sich pünktlich wie die Uhr begegnet, ein präzises Ritual, beide Piloten wussten, ohne ein Wort zu wechseln, dass alles in Ordnung war. Heute fehlte sein Widerpart, war das ein Anzeichen eines feindlichen Aufmarsches? Er drückte den Sprechknopf seines Funkgerätes.

Patrouille Blau 8. Ib’iban nicht gesichtet. Wiederhole – nein korrigiere!“ Kel Al hatte immer aufgeregter von dem, was er sah, berichtet. „Ib’iban in Kampf mit einem seltsamen Flugobjekt verwickelt. Optisch wie ein relativ flacher Kegel wirkend, der Größe des Ib’bian nach zu schließen ist die Grundlfäche 50 Meter im Durchmesser, die Höhe etwa 35. Erbitte Startbereitschaft für Alarmstaffel! Achtung, Objekt erzielt direkten Treffer an Ib’iban. Ib’iban explodiert, fremdes Objekt beschleunigt direkt nach oben. Bemerke Raketenspur VON OBEN! Verdammt, das fremde Objekt ist explodiert! Wiederhole, das fremde Objekt ist explodiert!“

Welcher Idiot quasselt da auf einer offiziellen Luftwaffenfrequenz?“ donnerte die Stimme von Oberst Wel Ed im Kopfhörer des Piloten. „Oberleutnant Kel Al, bemerken sie etwas von einem Funker in ihrer Nähe? Irgendein Idiot faselt etwas von UFOs, wenn ich den erwische, dann kann sich der Betreffende warm anziehen. Sergeant, löschen sie den Unsinn, die Patrouille Blau 8 meldet ‚keine besonderen Vorkommnisse‘, so wie immer. Gute Landung, Oberleutnant.“

Von der Landung weg hatte man Oberleutnant Kel Al verhaftet und in eine Klinik gebracht. Er wurde weggeschlossen und immer wieder zu dem Vorfall befragt, behauptet, dass er entweder lüge oder verrückt sei, und er solle doch diese Wahnvorstellung endlich vergessen. Doch Kel Al war bisher stur bei seiner Geschichte geblieben, immer wieder erzählte er von diesem UFO. Was er nicht wusste, er wurde vom Kommandanten der GAA, Oberst Bis Ed, scharf beobachtet, der auch seine Dienstakte aufmerksam studiert hatte.

Der Mann hat Mut, zu seiner Geschichte zu stehen“, hatte Oberst Ed notiert. „Er ist ein guter Pilot und Beobachter, und er ist allein stehend. Also wird es nicht auffallen, wenn er verschwindet. Ich will ihn.“ Und so war eines Tages die Tür zum Zimmer Kel Als aufgegangen und der Oberst hatte ihn besucht.

Sie sagen also, sie hätten ein UFO gesehen?“, hatte Oberst Ed das Gespräch eröffnet.

Ich wüsste nicht, was es sonst gewesen sein könnte“, hatte Kel geknurrt. „Auf jeden Fall war es weder Sumpfgas noch ein Wetterballon, und ich glaube nicht, dass wir so ein Ding in unserem Arsenal haben.“

Wer, wir?“ fragte der Oberst.

Na, wir Ki’aaner natürlich“, antwortete Kel, dann fuhr er herum. „Ihr Akzent – sie sind kein Ki’aaner. Sie sind Åý’Boëer!“

Stimmt!“ bestätigte der Oberst. „Sie haben genau zwei Möglichkeiten vor sich. Entweder sie kommen mit mir und arbeiten für mich, um diese Aliens zu bekämpfen. Oder sie werden dieses Zimmer nie wieder verlassen. Ihre Entscheidung!“

Ich bin also doch nicht verrückt und es gibt Außerplanetarier?“, fragte Kel Al nach. Der Oberst zeigte die Handflächen.

Es gibt sie, und wir kämpfen gegen sie!“, antwortete er lapidar. „Ki’aaber, Åý’Boëer, Leute vom Nordpakt und Zïd’Kåaner gemeinsam. Wir sind von allen Regierungen beauftragt, eine geheime, internationale Truppe zur Verteidigung unseres Planeten nach außen zu bilden. Wollen sie Teil dieser Truppe werden?“

Warum sagen wir den Menschen nichts davon?“, hatte der Pilot noch gefragt.

Weil wir nicht wissen, ob die Alien nicht unsere Nachrichten und Fernsehsendungen abhören“, hatte Oberst Bis erklärt. „Bisher weiß der Feind noch nicht, dass er einer ständig stärker werdenden organisierten Macht gegenüber steht. Und bis wir über die Fremden mehr wissen, dürfen sie keinen zu großen Verdacht schöpfen. Darum auch das Säbelrasseln unserer Regierungen, das dann doch wieder im Sande versiegt. Also, sind sie dabei?“ Kel Al hatte zugestimmt und mit dem Oberst die Nervenklinik so schnell es ging wieder verlassen.

Er war erstaunt gewesen, als er von den technischen Möglichkeiten dieser geheimen Abwehrtruppe erfuhr. Bisher hatte die Öffentlichkeit von mehr oder minder erfolgreichen Flügen eines wiederverwendbaren Raumflugkörpers in den Planetenorbit erfahren, und dass jede der Nationen und ihre Verbündeten an Raumstationen arbeiteten, die Missionen zu den beiden Monden sollten jedoch kläglich gescheitert sein. Nun erfuhr Kel Al von den Stationen auf den Trabanten, auf welchen Abfangjäger stationiert waren, von tauchfähigen Flugzeugträgern und Plasmatriebwerken, mit denen die schweren Luft- Raumjäger auch unter Wasser gestartet werden konnten. Von schweren Transportflugzeugen, die senkrecht landen und starten konnten und mit denen man die Mondbasen in wenigen Stunden erreichen konnte, von geheimen Basen tief unter den Felsen der Kontinente, mit getarnten Toren, hinter denen Flugabwehrpanzer warteten. Und er erfuhr mehr vom Feind, von den Leuten, die kamen, um Menschen und bestimmte seltene Elemente zu rauben. Und er erfuhr, dass es immer noch nötig war, nicht jeden Kampf aufnehmen zu dürfen, weil man den Feind nicht auf die Gespenster aufmerksam machen durfte. Noch nicht, aber die GAA sollte und wollte bald soweit sein, den Kampf aufzunehmen. Sehr bald.

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System Můal, Planet Wobatå

HanLom war ein alter, männlicher Wobater und erst seit kurzer Zeit Vorsitzender des Konzils der Fünf-Planeten-Liga. Wobater waren vom Körperbau und dem Gesicht den terranischen Menschen sehr ähnlich, der einzige signifikante Unterschied bestand in den kleinen Hornwülsten an den beiden Seiten der Stirn, die an kurze Hörner erinnerten und den Augen, deren Pupille sich bei Lichteinfall zu einem waagrechten Schlitz verengte. Sein Haar trug er nach Sitte seines Volkes lang, von den Wangen hing sein voller Bart, der das kräftige Kinn frei ließ, bis zur Brust hinab.

Wir müssen gegen diese Renegaten härter durchgreifen“, ereiferte sich der Pufyrer YkoSam und umklammerte die Armlehnen seines Sessels in mühsam gezügelter Aufregung, seine große, schlanke Gestalt schien vor Energie zu vibrieren, als er los ließ und seine prächtige Löwenmähne mit den Fingern zurückkämmte. „Es geht nicht an, dass unsere Energie aus dubiosen Quellen kommt!“

PobGur sprang auf und ging mit langen Schritten auf und ab, dabei bleckte der Noakor sein Gebiss mit den ausgeprägten Eckzähnen. „Ohne das Stellarium kann weder unsere Wirtschaft noch unsere Raumfahrt weiter funktionieren. Wie brauchen dieses Element ganz einfach!“

Um jeden Preis?“ fragte die Wyva YmaPoni und legte die Fingerspitzen aneinander.

Natürlich!“ rief PobGur heftig gestikulierend. „Die fünf Planeten liefern einfach nicht genug des Elements, wir müssen auch anderswo schürfen. Seien wir doch froh, dass wir Mitbürger haben, welche diese Strapazen in fernen Systemen auf sich nehmen!“

Auch in solchen, die von Intelligenzwesen bewohnt werden?“, hakte YmaPoni nach, während ihre großen, dreieckigen Katzenohren zuckten.

Wenn es nicht anders geht, muss auch dort in den Asteroiden geschürft werden. Die Bewohner müssen dann halt auch anderswo nach neuen Vorkommen suchen, wenn sie den entsprechenden technologischen Stand erreichen“, verteidigte der Noakor die Wirtschaftstreibenden.

Ich habe gehört, dass nicht nur in den Asteroiden geschürft wird, sondern auch auf Planeten!“ Der Mutaraner JolPotur klickte mit seinen Mandibeln, während er sprach. „Schlimmer noch, sie entführen einige dort lebende Planetarier, um sie dann als Sklaven in den Minen einzusetzen!“

Unsinn!“ wiegelte PobGur ab. „Unsere Patrouillen würden so etwas doch entdecken und ahnden. Auch die Asteroidenbasen müssten etwas orten, wenn Ligaschiffe einem solchen Planeten nahe kämen!“

Das denke ich auch!“ warf HanLom ein. „Solche Raubzüge könnten doch nicht lange unbemerkt bleiben!“

Natürlich nicht!“ bekräftigte PobGur. „Solche Verdächtigungen sind unhaltbar und eine Beleidigung für unsere industrie- uns wirtschaftstreibenden Mitbürger! Nur weil sie erfolgreich sind, muss doch nichts Ungesetzliches im Spiel sein!“

*

Seit der Fund des Elements Stellarium, einer hoch radioaktiven Substanz in den Lavaschichten einiger Planeten, und dem Einsatz des Elements in miniaturisierten Meilern benutzte man Plasmatriebwerke für die planetare Fliegerei ebenso wie für den Schiffs- und Individualverkehr. Auch der interplanetare Raumflug wurde damit ermöglicht, doch damit selbst die nähesten Sterne zu erreichen, hätte eine Reise über lange Jahre bedeutet. Die Mutaraner, unter denen es einige natürliche Teleporter gab, fanden eine Lösung für dieses Problem, eine Art künstliche Teleportation, welche Sprünge in entmaterialisiertem Zustand und Rematerialisation im Zielgebiet von ungefähr einem Lichtjahr Reichweite hervorbrachte. Nach achtzig solcher Teleportationen musste das Aggregat etwas länger als einen Tag ruhen und sich regenerieren, warum hatte man nie ganz genau herausgefunden. Aber es war sehr wahrscheinlich, dass es an der künstlich in der Retorte gezüchteten organischen Komponente der Maschine lag, welche eine Zellenballung in den Gehirnen von Teleportern imitierte. Bald kamen die Mutaraner, etwa 180 Zentimeter große intelligente Insekten in das nahe ihrer eigenen Sonne gelegenen System der Wyver, humanoide Säugetiere mit Katzenohren, im Durchschnitt um die 165 Zentimeter groß, welche eben ihr System erforschten und besiedelten. Auch sie hatten Stellarium gefunden und nutzen es für die interplanetare Raumfahrt, doch die künstliche Teleportation hatten sie noch nicht erfunden.

Beide Spezies waren zwar von der Natur mit einer gewissen Aggressivität ausgestattet, denn ohne eine solche wären sie nicht an die Spitze der Nahrungskette gekommen, aber sie sahen mehr Sinn in einem Bündnis als im Krieg und gründeten die erste Liga. Auch die Noakor, im Schnitt nur etwa 140 Zentimeter große, dafür aber um so breiter gebaute Sauroide, schlossen sich der Vereinigung an, nachdem sie entdeckt wurden. Die Pufyrer mit ihren Löwenmähnen und die Wobater mit den Stirnwülsten kannten zu der Zeit, als ihre Planeten entdeckt wurden, die Raumfahrt noch nicht. Daher beschlossen die Verantwortlichen der Liga, sich auf die Beobachtung dieser Völker zu beschränken und erst, wenn sie die interplanetare Raumfahrt beherrschten, ohne sich selbst auszulöschen, an sie heran zu treten und ihnen die Mitgliedschaft in der Liga anzubieten. Beide Arten bestanden diesen ultimativen Test, und einige Völker im Bereich der Liga standen bereits als potentielle Mitglieder unter Beobachtung. Vorausgesetzt selbstverständlich, sie bestanden den Test und erlernten die interplanetare Raumfahrt, ohne sich selbst zu Vernichten.

*

Der Zerstörer der Ligaflotte MUGAÝAË unter der Wyva IlůTum war ein Kegel mit abgerundeter Spitze, die breiteste Stelle lag circa 30 Meter über der Basis, dort maß das Schiff ein wenig mehr 500 Meter im Durchmesser, die gesamte Höhe betrug etwas über 350 Meter. Vom Kommunikationsbildschirm in ihrem privaten Zimmer blickten der Kommandantin die Ratsmitglieder YmaPoni und JolPotur entgegen.

Wir haben keine Beweise, dass etwas illegales vor sich geht!“, sagte der Mutaraner eben. „Aber es sind so kleine Unregelmäßigkeiten, winzige Steine, die nicht wirklich passen wollen.“

Es handelt sich mehr um Gerüchte!“ ergänzte YmaPoni. „Wir haben nichts Greifbares, außer einem unbehaglichen Gefühl. Ihre Patrouille führt sie in diese Gegend, bitte halten sie noch mehr als sonst die Augen offen.“

Ich verstehe!“ antwortete Kapitän IlůTum nachdenklich. „Ich könnte zum Beispiel auch einmal in das Innere eines Systems vordringen, um die Entwicklung dort zu untersuchen. Wenn ich einen entsprechenden Befehl zum Beispiel von der soziologischen Fakultät der Akademie erhalte, ginge das ganz unauffällig!“

Gute Idee, Kapitän!“ bemerkte JolPotur. „Ich besorge Ihnen einen solchen Auftrag.“

IlůTum betrachtete die Besatzung der Brücke. Ein Zerstörer war noch kein sehr großes Schiff, sie kannte jedes Mitglied der aus 160 Personen bestehenden Besatzung persönlich und hatte ihnen bereits mehrmals ihr Leben anvertraut. Und jetzt kamen YmaPoni und JolPotur mit einem geheimen Auftrag, den sie für den Anfang noch nicht einmal ihrer Mannschaft mitteilen durfte.

Kapitän?“ Leutnant YbàBok war eine Wyfa wie ihre Kommandantin, nur noch etwas kleiner und drahtiger. „Die soziologische Fakultät bittet Euch, in jenes System, das die Einheimischen Tschava nennen, einzufliegen und die Entwicklung der letzten Jahre zu erforschen, insbesondere ihre Fähigkeit, den vierten oder zweiten Planeten zu erreichen.“

Ilů drehte bestätigend die Hand mit ausgestreckten Fingern. „Na, schön, eine kleine Abwechslung im Alltagstrott. Bestätigen sie den Empfang und tragen Sie den Befehl ins Logbuch ein, Leutnant, mit Datum und Urzeit. Ist dann alles klar zum Ablegen?“

Alles klar Kapitän!“ beeilte sich Ybà zu bestätigen. „Starterlaubnis in fünf Minuten!“

Dann, Leutnant, beginnen sie“, winkte die Kapitänin, und die Leutnant zuckte erfreut mit den Ohren. Es galt als eine große Ehre, die rituellen Worte bei einem Start sprechen zu dürfen.

Achtung!“ rief sie laut. „Das Schiff der Liga MUGAÝAË hat sich startbereit erklärt. Gibt es unter den Anwesenden jemand, der einen Grund vorbringen kann, den Start zu verschieben, dann spreche er jetzt!“ Fünf Sekunden verlangte das Gesetz schweigendes Warten, dann setzte Ybà fort. „Schleusentunnel und Magnetanker lösen.“ Vielfache metallisch hallende Schläge wurden durch die Rumpfstruktur im Schiff hörbar und machten allen klar, dass die Verbindungen zur Orbitalstation im Umlauf um Wobatå nicht mehr bestanden und der Zerstörer endgültig ein eigenes, in sich geschlossenes System bildete, bis sie wieder andockte. „Schiff frei!“ meldete Ybà ihrer Kapitänin.

Gut Leutnant“, lobte diese. „Ruder, Kurs auf Tschava. Benachrichtigen sie mich, wenn der erste Sprung kurz bevor steht. Bis dahin bin ich in meinem Raum. Oberleutnant IpœMûp, sie haben die Brücke!“

System Tschava

Seit zwei Wochen war die PHILIP K. DICK bereits in ihrem Versteck im Asteroidengürtel und beobachtete die Expedition der POBTAXHA. Major Tus Heev fuhr mir seinem Mobil hierhin und dorthin, funkte Daten zur Heimat und erforschte den Planeten. Eines Tages meldete er seinen Aufbruch von der Oberfläche, und die Besatzung der PHILIP K. verfolgte den Aufstieg des Landemoduls mit beinahe ebenso großer Spannung wie die Zuseher in der Konföderation Miango. Eine unbemannte Drohne im Miniaturformat, welche die DICK in der Nähe der POBTAXHA gelandet hatte, zeigte den Terranern in HD3D die Zündung der Plasmatriebwerke, die breiten Kufen des Landegestells glitten immer schneller werdend über die feuchte Wiese und hinterließen tiefe Spuren, dann erhob sich das Gerät elegant vom Boden und strebte dem Weltall zu. Die Zuseher in der Konföderation mussten sich mit den Aufnahmen der Cockpitkamera begnügen, Madria Khand von TVKM hatte wieder einige ihrer großen Stunden, als sie den Start des Landemoduls von Lub Plaub moderierte, und einige Millionen Personen nicht nur in der Konföderation Miango, sondern auch in Kobo und sogar an Bord eines terranischen Schlachtkreuers drückten den tapferen Männern und Frauen die sprichwörtlichen Daumen und wünschten den Astronauten alles Gute und viel Glück.

Hier Ortung! Bewegtes Objekt zeichnet! Großer Konusraumer!“ Die Stimme von Konrad Federstein durchschnitt die Stille auf der Brücke der PHILIP K. DICK, der Kopf von Captain Walsingham fuhr herum.

Wo?“ rief er und drückte den Ohrknopf seines Comsets tiefer in den Gehörgang, als könnte er damit die Antwort besser verstehen.

Backbord dreizehn, hoch vierundzwanzig, Kurs auf den vierten Planeten“, meldete der deutsche Ortungsoffizier und markierte den entsprechenden Punkt auf dem Bildschirm.

Ruder, Verfolgungskurs!“ rief Gregory. „Feldantrieb! Wollen doch mal sehen, was der Typ vorhat!“

*

AsæMůg starrte auf den Bildschirm ihres Raumschiffes, deutlich war dort das Orbitalmodul der POBTAXHA zu erkennen. Die Expedition drohte erfolgreich zu sein, und das wollte die Wyva ganz einfach nicht zulassen. So lange hatte sie erwartet und gehofft, die Expedition würde von selbst scheitern, doch nein, diese Barbaren hatte alle Schwierigkeiten gemeistert. Dann also ein Scheitern der POBTAXHA durch einen wohlgezieltem Schuss während des Anfluges des Landers an das Orbitalmodul. Dann, wenn die Aufmerksamkeit aller auf das Rendezvousmanöver gerichtet war, kein Funkspruch nach Hatano, ein bedauernswerter Unfall in einem kritischen Moment. Zu lukrativ war die Ausbeutung der Stellariumminen, zu günstig lagen gleich zwei Planeten, von denen man Arbeitskräfte holen konnte, es war ein perfekt gelegenes System. Also musste diese Expedition der Primitiven scheitern, sonst nähme die Liga bald Kontakt mit den Bewohnern des dritten Planeten auf. Eine gelungene Expedition konnten selbst die den Renegaten wohlwollendsten Beobachter der Liga nicht mehr ignorieren. Auch wenn AsæMůg noch so viel zu zahlen bereit war, spätestens in drei Jahren käme eine Patrouille mit Akademieauftrag, und dann könnten die Beobachter ihr Schweigen nicht erklären. Nein, es war besser, diese Expedition unauffällig scheitern zu lassen, die Raumfahrtprogramme aller Staaten des dritten Planeten zurück zu werfen. Und AsæMůg war sich nicht zu schade, ihre manikürten Hände im Notfall auch selbst schmutzig zu machen, wenn es nur genug Profit brachte. Das Raumschiff der Renegaten war ein Zerstörer der Ligaflotte, ein Konus, etwas mehr als 500 Meter an der Basis durchmessend und leicht über 350 hoch, ein voll bewaffnetes und ausgerüstetes Kriegsschiff, welches auf unbekannten, dunklen Umwegen hier gelandet war. Genügend Geld in den richtigen Händen konnte fast überall im Universum so ziemlich alles beschaffen, und hinter AsæMůg standen reiche und mächtige Firmen, die sie und ihre Leute gut dafür bezahlten, dass die Hände der Besitzer zumindest vor den Gesetzen sauber blieben. Bei einer Entdeckung könnte man die Verantwortung auf AsæMůg abwälzen und immer behaupten, man habe nicht gewusst, wie das nötige Stellarium abgebaut wurde. Vielleicht würde man im Notfall auch noch einen Angestellten des mittleren Managements den Behörden ausliefern, welcher diesen bedauerlichen Fehler begangen hatte! Die Wyva grinste vor sich hin, all das war ihr immer bewusst gewesen, sie hatte sich für ihre Arbeit wirklich sehr gut bezahlen lassen, und sie hatte vor, noch mehr zu kassieren. Diese primitiven Tölpel würden nicht zwischen dem Gold und ihr stehen, ein paar Leichen mehr machten auch keinen Unterschied mehr. Schade nur die Verschwendung von Arbeitskraft, aber Mon würde schon neue Sklaven heran schaffen. Wie immer. Als sich von unten die Landefähre dem Orbitalmodul näherte, machte sich der Zerstörer auf Befehl der Wyva AsæMůg feuerbereit. Ein leuchtendes Fadenkreuz wurde auf dem Bildschirm eingeblendet, und langsam wanderte die POBTAXHA in sein Zentrum.

FEUER!“

ALARM!“ In der gleichen Sekunde, in der AsæMůg ihren Befehl gab, schrie der Wobater LægBýtt an den Ortungsgeräten seine Warnung, der Waffenoffizier reagierte durch diesen Schrei den Bruchteil einer Sekunde zu spät, der Energiestrahl streifte nur die Unterseite der POBTAXHA! „Zerstörer der Ligaflotte im Anflug!“

*

Der Zerstörer MUGAÝAË der Ligaflotte begab sich mit einer letzten Transition in das System Tschava. Die Positronik hatte die Ausführung übertragen bekommen, und die erfahrenen Besatzungsmitglieder aus den verschiedenen Völkern der Liga ritten die unangenehmen Nebeneffekte der rasch hintereinander folgenden künstlichen Teleportationen mit stoischer Gelassenheit ab. Natürlich gab es Personen in allen fünf Völkern, welche sich an die Schmerzen und die wenige Bruchteile einer Sekunde dauernde Orientierungslosigkeit überhaupt nicht gewöhnen konnten und nach einer Rematerialisation sogar minutenlang außer Gefecht gesetzt waren oder bewusstlos wurden. Diese Personen hatten aber verständlicherweise nicht die geringste Chance, als Brückenoffizier an Bord eines Kriegsschiffes der Liga ihren Dienst zu absolvieren, wenn eine solche Person unbedingt in den Weltraum wollte, dann vielleicht als Koch oder ähnliches. Die Transitenergie sandte hyperschnelle Schockwellen in das All, doch kaum war die MUGÝAË wieder verstofflicht, donnerte die Stimme des Orters, eines Mutaraners, durch die Brücke.

Ortung zeichnet fremde Objekte. Eine primitive Plasmarakete auf Kollisionskurs mit einem Gebilde im Orbit des vierten Planeten, ein Zerstörer der Liga ohne Kennung im Anflug auf den Orbiter, ein großes unbekanntes Kugelgebilde hinter dem Zerstörer. Achtung, Zerstörer eröffnet Feuer auf den Orbiter.“

Alarm!“, schrie IlůTum! „Schilde hoch, Waffen bereit!“ Schrille Geräusche zwangen die Besatzungsmitglieder der MUGAÝAË auf ihre Stationen.

Einen Warnschuss in den Schirm des unbekannten Zerstörers!“ schrie die Wyva. „Verdammte Renegatenbande!“

*

Da kommt aus dem Asteroidengürtel etwas auf uns zu!“ rief Tus Neeg.

Was? Alarm, klar Schiff zum Gefecht!“ Der Hauptmann ging kein Risiko ein, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, was auf die POBTAXHA zukam. „Wer soll denn hier und jetzt kommen, die Koboer können doch noch nicht …“ Nuva Tses hatte sofort die Raketenartillerie klar gemacht.

Feuerbereit!“ meldete sie.

Das sind keine Koboer!“ stellte Hma Neev ruhig fest. „Das ist etwas ganz Unbekanntes!“

Wenn schon.“ knurrte Nuva. „Eine Salve, Chef?“

Tus Heev hatte über die offene Leitung alles mitbekommen. „Wir beeilen uns! Wehrt euch!“ rief er, Nuva legte die Hand auf den Feuerknopf und hob fragend eine Augenbraue. Beinahe gleichzeitig raste ein Energiestrahl ganz dicht an dem Landeschiff vorbei, so nahe, dass der Bodenteil rot zu glühen begann. Ein Funkenregen überschüttete die Astronauten, als die Leitungen von der Energie des Treffers überladen wurden, der außer Licht und Hitze auch eine Menge elektrischer Energie zu übertragen schien. Die Temperatur im Inneren der POBTAXHA stieg rapide an, Rauch quoll aus den Lüftungsgittern, Tus Neeg hieb auf den Schalter für die Triebwerksmagnetfelder, und die Offizierin an den Raketenwerfern zögerte nicht länger. Vier Raketen schossen, lange Feuerschweife hinter sich herziehend, dem Feind entgegen, während an Bord der POBTAXHA das lange trainierte und organisierte Chaos des Katastrophenfalles ausbrach.

*

AsæMůgs Kegelschiff, welches die POBTAXHA beschossen hatte, neigte sich zur Seite und ergriff mit höchster Beschleunigung die Flucht, in den Energieschirmen verglühten die Sprengköpfe der konföderierten Sprengköpfe. Der Warnschuss des Zerstörers brachte die Schirme nur kurz zum Leuchten. Die Wyva lachte gallig auf.

SO weit seid ihr primitiven Trottel noch lange nicht, dass ihr mir gefährlich werden könnt. Rückzug! Und die Leute auf diesem verdammten Zerstörer sollen sich doch zuerst einmal im System umsehen, ob sie etwas finden können. Wenn sie dann wieder abgezogen sind, übersiedeln wir eben doch.“

Hinter uns!“ schrie der Wobater an den Ortungsgeräten laut auf. „Eine große, unbekannte Kugel, wahrscheinlich ein Raumschiff!“

Die Kommandantin sprang auf. „Was? Wo ist es?“ Eine schnelle Schaltung brachte die PHILIP K. DICK auf den Bildschirm des Renegatenzerstörers, und AsæMůg sank das Blut aus dem Kopf. Ein dünner Lichtfinger sprang von der Kugel zu den Schirmen ihres Schiffes, die augenblicklich zusammenbrachen, ein irgendwie weich wirkendes, blasslila Energiefeld umhüllte das Schiff, dessen Besatzung von einem Augenblick zum anderen das Bewusstsein verloren. Das Traktorfeld, mit dem das Kugelschiff den Zerstörer wieder heranholte, konnten sie nicht mehr sehen.

*

Hauptmann! Wir empfangen Funksignale!“ Nuva hatte das Funkgerät wieder in Ordnung gebracht.

Sagen sie dem Major …!“ rief Ntses, ohne sich umzudrehen.

Nicht vom Major, Hauptmann! Sehen sie doch selbst!“ Der Hauptmann drehte sich langsam um. Nuva Ntses war eine hervorragende Offizierin, wenn sie ein direktes Eingreifen ihres Vorgesetzten für nötig hielt, kam der Spruch entweder vom Konus oder der Kugel. ‚Und beide sehen wahrscheinlich aus wie wir und sprechen auch noch perfektes Miangisch!‘ dachte er ironisch bei sich. Nun, das Wesen auf dem Kommunikationsbildschirm sah tatsächlich den Miangern ähnlich, es war nur bei weitem breiter gebaut, die Ohren seltsam rund und unbehaart, obwohl es nicht alt wirkte.

Mein Name ist Captain Gregory Walsingham vom Planet Erde, und ich kommandiere das Raumschiff PHILIP K. DICK. Benötigen sie Hilfe?“ Dolpin umklammerte die Lehne des Sessels, hinter dem er stand.

Haben sie uns nicht gerade beschossen, oder war das nur ein nettes Hallo?“, fragte er ein wenig unwirsch. Das Wesen Gregory Walsingham zeigte seine Handflächen.

Wir haben nicht auf sie gefeuert, Hauptmann Dolpin, aber wir holen den Verantwortlichen gerade heran!“

Wenn ich mich einmischen darf?“ Das Bild auf dem Monitor teilte sich und ein Wesen mit für die Augen des Miangers sehr stark ausgeprägten weiblichen Formen und großen, dreieckigen Ohren erschien neben dem Gregory – Wesen. „Ich bin Kapitän IlůTum vom Ligazerstörer MUGAÝAË. Darf ich fragen, was sie hier machen?“

Nun, Kapitän, zuerst können sie mir erklären, warum dieses Schiff in meinem Traktorfeld, das dem ihren wie ein Zwilling gleicht, auf diesen primitiven Orbiter, der ganz offensichtlich in dieses System gehört, gefeuert hat?“ Walsinghams Stimme war allmählich lauter geworden, Ntses Dolpin musste schlucken. Primitiver Orbiter, der Stolz der Technik vom Lub Mor. Nun ja, im Vergleich zu Raumschiffen, welche offensichtlich Lichtjahre überwinden konnten, war die POBTAXHA tatsächlich primitiv. Er überwand seinen Stolz, als wieder ein Schwall übelriechenden Rauches aus der Klimaanlage kam und ihn zum Husten brachte.

Unsere Sauerstoffanlage ist wohl etwas beschädigt“, bekannte er, und brachte seine Lage wieder in Erinnerung. „Aber ich wüsste nicht, wie sie einen Anschluss herstellen können, um uns zu versorgen!“

Keine Sorge!“ versprach Walsingham. „Wenn Kapitän IlůTum die Rettung erlaubt?“

Natürlich!“ die Frau drehte ihre Hand mit gespreizten Fingern einige Male im Handgelenk. „Wir werden später noch mit einander sprechen, wenn die Gefahr für die Personen von Lub Mor vorbei ist!“

Traktorstrahl, aber vorsichtig!“ befahl Major Walsingham, dann bemerkte die Besatzung der POBTAXHA eine leichte Beschleunigung, ein Schott öffnete sich und langsam wurde der Orbiter in einen großen Hangar gezogen, ebenso, wie sie jetzt sahen, das Landeteil unter Major Tus Heev. „Bitte warten Sie noch ein wenig“, sagte Walsingham über die Funkanlage, während Schaum über beide Schiffe sprühte und wieder weggespült wurde. „Jetzt können sie ihre Luken öffnen und aussteigen, die Atmosphäre wird ihnen zusagen. Ihre Waffen bitte ich sie allerdings in ihren Schiffen zu lassen.“

Die Besatzungsmitglieder der POBTAXHA hatten sich bedrückt begrüßt, so war das Wiedersehen nicht geplant gewesen. Major Tus Heev hatte gesehen, wie das kegelförmige Schiff das Orbitalmodul angegriffen hatte und dann den Schuss der PHILIP K. DICK gesehen, auch, wie sich der Kegel plötzlich wieder näherte, nachdem er bereits auf der Flucht gewesen war. Jetzt führte er seine Mannschaft durch die Gänge einer für seine Verhältnisse riesigen Kugel und folgte dabei einem blauen Punkt, der vor ihm durch die Gänge schwebte. Dann standen sich Menschen und Mianger endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Es waren keine gravierenden Unterschiede im Aussehen zu bemerken. Die Mianger waren an die zwei Meter groß und sehr schlank, ohne aber so dürr und zerbrechlich wie die galaktischen Mediziner zu wirken, sondern durchaus muskulös aussehend. Sie hatten helle Haut, etwas langgezogene, aber ansonst menschliche Gesichtszüge, welche leicht zu unterscheiden waren, und große, spitze Ohren, an deren Spitzen kleine, seidige Pinselchen zu sehen waren. Die Formen der Frauen waren aus menschlicher Sicht eher bescheiden ausgefallen, sogar die zierliche Ishi Matsu wirkte für miangische Augen etwas drall. Die Formen von Doktor Jean Thureaux waren für die Mianger eher die einer übertriebenen Sexbombe in einem Trickfilm, obgleich ihre Figur für menschliche Anschauungen eher durchschnittlich wirkte. Der etwas stämmige Gregory Walsingham war mehr als doppelt so breit wie der bei den Miangern als athletisch und bullig geltende Unteroffizier Tsov Manee, und die sogar bei den Miangern als zart geltende Biologin Tauba Quabloj hatte auf ihre 197 Zentimeter Größe einen Taillenumfang von etwa 41 Zentimeter, welchen der Major mit beiden Daumen und Zeigefingern locker umfassen hätte können, wenn er es darauf angelegt hätte.

Der Kommandant der PHILIP K. DICK brach als erster das Schweigen. „Willkommen an Bord unseres Schiffes, Major, meine Damen und Herren“, sagte er, indem er einen Schritt vortrat und wie schon einmal die offenen Handflächen zeigte. „Ich muss gestehen, wir kennen sie alle von den Übertragungen nach Lub Mor.“ Tus Heev machte ebenfalls einen Schritt nach vor und spreizte die Finger beider Hände.

Da sind sie im Vorteil, Captain. Wir wissen nichts über sie! Trotzdem danke ich für die netten Worte.“ Walsingham wies auf seine Begleitung. „Wenn ich vorstellen darf? Special Officer Ishi Matsu, Doktor Jean Thureaux, Doktor Maria Mgabao, Special Officer Tako Kakuta, Professor Chen WuLing! Doktor Mgabao ist Ärztin, wenn sie medizinische Hilfe benötigen, steht sie mit ihrem Team gerne zu ihrer Verfügung.“ Heev warf Dolpin einen Blick zu, der eine unbestimmte Geste machte.

Wir danken für das Angebot, aber wir haben derzeit nicht viel zur Bezahlung anzubieten. Wenn sie keine Naturalbezahlung akzeptieren, könnte ich, könnten wir nur noch Schuldscheine ausstellen!“

Naturalbezahlung?“ Walsinghams Braue hob sich. „Ich hoffe doch nicht, dass damit …“ Ishi flüsterte ihm ein kurzes Wort zu. „Oh!“ machte er dann. „OH! Das wird, das wird beides nicht nötig sein, denke ich. Bitte seien sie meine Gäste.“

Aber…“ Heev sah sich um. „Aber, das ist doch der Preis der Freiheit. Schulden müssen bezahlt werden, und es gibt kein Mittagessen umsonst“, zitierte er eine stehende Redewendung in der Föderation Miango.

An Bord der DICK schon!“ brummte Walsingham und zeigte auf ein Buffet, auf dem verschiedenste Speisen und Getränke angerichtet waren. „Ich werde meine Gäste nicht verhungern lassen, und ich werde die Notlage meiner Mitmenschen nicht für persönliche Vorteile ausnützen!“

So etwas behaupten die Koboer auch oft!“ warf Nuva Ntses ein.

Aber die Kobos sind ja auch nicht so frei wie wir“, merkte Tus Neeg, der dritte Pilot, an, während Unteroffizier Hma Neev misstrauisch fragte: „Seid ihr etwa Koboisten?“

Weder Koboisten noch Kommunisten“, warf Jean Thureaux ein. „Vielleicht wäre Sozialkapitalisten tatsächlich eine brauchbare Wortschöpfung, um unser System zu beschreiben!“

Bei uns hat die Freiheit des Individuums einen hohen Stellenwert!“ erklärte Ishi den Besuchern. „Trotzdem wird es als eine Tugend angesehen, wenn derjenige, der viel besitzt, demjenigen, der Bedürftig ist, seine Hilfe anbietet, wenn er in der Lage dazu ist. Das ist so etwas wie eine Gutschrift auf dem Konto des Karmas, des Schicksals, oder wie auch immer man es nennen will, damit man selber auch Hilfe erhält, wenn man in Not gerät! Es gab und gibt allerdings leider auch bei uns immer noch Personen, die anderen eine rasche Hilfe verweigern und einzig auf das eigene Wohl bedacht waren und sind, aber seit einiger Zeit werden sie wieder weniger. Dafür ist bei uns die Bezahlung mit Dienstleistungen eher selten, wir bezahlen aber manchmal für diese Dienste. Aber bitte, essen und trinken Sie. Wir werden uns schon einigen.“

Tus Heev machte eine zustimmende Geste. „Danke, Special Officer Matsu. Verhandeln wir später, wenn wir mehr von einander wissen.“ Captain Gregory Woolsingham schnippte mit den Fingern, eine Geste, welche bei den Miangern Ratlosigkeit hervorrief.

Da fällt mir ein – wir haben ja noch Kapitän IlůTum in der Leitung!“

Eine alte Redensart in unserer Heimat“, flüsterte Ishi Tus Heev zu. Der ‚nickte‘, anschaulich genug waren die Worte gewesen. „Kapitän, gesellen sie sich doch bitte zumindest virtuell zu uns und erklären sie einmal, was da los ist!“

Die Besatzung der POBTAXHA prallte zurück, als IlůTum auf der anderen Seite des Buffets plötzlich zu materialisieren schien.

Das ist nur ein Hologramm“, erklärte die Telepathin Ishi Matsu.

Ohne Untersuchung kann ich nur spekulieren, Major!“ Die Wyva sah von einem zum anderen. „Ich bin von der Akademie der Liga der fünf Welten beauftragt worden, eine Überprüfung der soziologischen und technologischen Fortschritte in diesem System vorzunehmen. Wenn ein Volk die interplanetare Raumfahrt erreicht hat, ohne sich zu zerstören, bietet die Liga zumeist einen Beitritt an. Damit bekommt dieses Volk auch den Zutritt zur interstellaren Raumfahrt. Auf einigen Asteroiden sind Beobachter stationiert, welche eigentlich den Start und den Verlauf dieser Expedition Miangos melden sollten, als ersten Schritt der Völker Lub Mors zur Raumfahrt. Da werden einige Köpfe rollen, das verspreche ich ihnen, ich vermute hier ganz stark Korruption. Und noch andere Verstöße gegen Ligarecht.“

Auf einen Beitrittskandidaten zu feuern macht in meinen Augen nur Sinn, wenn dadurch eben jener Beitritt verhindert werden soll. Dann gibt es etwas Wertvolles hier in diesem System, das irgend jemand ganz stark will!“

Wieder machte IlůTum die Handbewegung mit gespreizten Finger, wohl das Äquivalent zum menschlichen Nicken. „Stellarium, Major. Ein seltenes, stark radioaktives Element, das wir ganz dringend und in nicht geringen Mengen für saubere Energiegewinnung benötigen. Manche Renegaten schrecken vor nichts zurück, um ihre Quellen zu erhalten. Auch nicht vor Mord!“

Ich verstehe!“ nickte Walsingham versonnen. „Haben sie es schon einmal mit Antimaterie versucht?“

Antimaterie?“ IlůTums Körper spannte sich aufgeregt. „Haben sie eine Möglichkeit gefunden, Antimaterie und im weiteren sogar Energie daraus herzustellen? Saubere Energie, ohne ständig neue Planeten und Asteroiden auf der ewigen Suche nach radioaktivem Material auszubeuten?“

Das haben wir!“ antwortete Walsingham.

Das wird das Konzil, oder doch zumindest einige Mitglieder freuen.“ IlůTum massierte gedankenverloren ihr linkes Ohr. „Aber einige andere werden alles unternehmen, diese Methode zu unterdrücken, um weiter eine Menge Geld mit Stellarium zu verdienen. Ich möchte ihnen zur Vorsicht raten, und so viel größer als mein Zerstörer ist ihr Schiff ja nun auch wieder nicht.“

Groß genug!“ meinte Walsingham leichthin. „Und jetzt möchte ich ein Enterkommando auf dieses Schiff in meinem Traktorfeld entsenden. Wenn sie so freundlich wären, uns mit dem Öffnungsmechanismus vertraut zu machen?“

Diese Personen sind immerhin Bürger der Liga und genießen einige Rechte“, warf eine Stimme an Bord der MUGAÝAË ein.

Entschuldigen sie, ich möchte ihnen allen Oberleutnant IpœMûp vorstellen, meine Stellvertreterin an Bord.“ IlůTum zog eine weitere Wyva in den Erfassungsbereich der Kamera. „Sie hat natürlich recht. Andererseits hat die Besatzung ein Raumschiff dieses Systems angegriffen. Übrigens, wie hindern sie diesen Zerstörer derzeit an der Flucht. Eine Art Fesselfeld, nehme ich an?“

Ganz richtig!“ nickte Walsingham. „Und eine gebührende Portion Narkosestrahlen!“

Also sind die Wesen an Bord bewusstlos!“ folgerte IpœMûp. „Dann, um alle rechtlichen Probleme zu vermeiden, schlage ich vor, dass die Besatzung des Zerstörers von einem gleich starken Team aus Miangern, Terranern und Soldaten der Liga verhaftet und nach Lub Plaub verbracht wird, wobei Terraner und Ligisten den gesetzlichen Vertretern der Konföderation Miango behilflich sind, in deren Hoheitsgebiet wir uns derzeit befinden. Der Zerstörer, dessen Namen wir nicht kennen, wird deaktiviert in einen Orbit um Lub Plaub gebracht, bis unsere Verhandlungen abgeschlossen sind.“

Oberleutnant IpœMûp war graduierte Juristin, ehe sie den Ruf der unendlichen Weiten verspürte“, informierte IpœMûp. „Ich denke, diese Regelung ist durchaus gerecht?“

Ich sende einen Transporter“, zeigte sich der Terraner einverstanden. „Mit wie vielen Personen müssen wir etwa rechnen?“

Nun, üblich sind einhundertsechzig Besatzungsmitglieder bei einem Zerstörer dieser Größenordnung. Aber da sind siebzig Marineinfanteristen dabei. Platz finden etwa zweihundert.“

Also den Shuttlebus mit zweihundert Sitzen. Dazu sende ich zwei flugfähige Panzer mit, und ein Minishuttle zum Transport von Major Tus Heev und seiner Mannschaft! Einverstanden, Major?“

Ich fürchte, ich werde einen Piloten brauchen“, sagte Tus Heev leise. „Ich habe keine Ahnung von den Instrumenten ihres Fluggerätes.“

Das werden sie ganz schnell lernen, Major. Das und noch mehr, denke ich. Gehen sie mit Doktor Mgabao und lassen sie sich untersuchen, dann holen sie ihre Bewaffnung aus der POBTAXHA, das blaue Licht führt sie zuerst zu ihrem Schiff und dann in Hangar acht. Ihr Transporter wird dort auf sie warten. Kapitän, in einer Stunde? Wenn die Ärztin länger benötigt, melde ich mich.“

Es wird permanent auf dieser Frequenz jemand bereit sein, ihnen zu antworten. Ich bereite in der Zwischenzeit zwei Jäger, einen Truppentransporter und zehn Infanteristen vor!“

*

Die Laservisiere, die auf dem Waffen der Ligastreitkräfte montiert waren, zeichneten grüne Punkt überall dorthin, wo ihre klobigen Waffen hinzeigten und wo auch die knapp unter einem Millimeter durchmessenden und von starken Elektromagneten angetriebenen Flechettes einschlagen würden, sobald der Schütze den Abzug betätigte. Trotz des kleinen Kalibers besaßen diese Waffen großes Zerstörungspotential, wenn der Abzug bei der Einstellung ‚Dauerfeuer‘ gedrückt blieb, setzte die Waffe zwanzig Nadeln in der Sekunde frei, welche mit großer Beschleunigung und Genauigkeit ihr Ziel trafen. Die Einstellung, welche IlůTum befohlen hatte, war ein Feuerstoß von drei Pfeilen, offenbar legte sie Wert darauf, Gefangene zu machen. Nicht unbedingt unversehrt, aber lebend. Nach einem gründlichen Verhör, so hatte sie klar gemacht, wäre ihr egal, was die Mianger mit wem anstellten. Zuvor aber wollte sie Informationen. Zu diesen grünen Punkten gesellten sich die roten der miangischen Visiere, diese waren auf noch klobiger wirkenden Handfeuerwaffen montiert, welche auf der Basis miniaturisierter Raketen arbeiteten. Nur die Punkte auf den terranischen Betäubungsstrahlern waren nicht für jeden sichtbar, sondern nur für das abgestimmte HUD in den Helmvisieren der Benutzer.

Die Soldaten der Liga hatten die Schleusen bedient und dann den Miangern den Vortritt gelassen, immerhin waren sie nur zur Unterstützung anwesend. Durch Zurufe wurden die dreißig Personen zur Brücke dirigiert, auf welcher sich ein Dutzend verschiedener Wesen aufhielt. Wie die Infanteristen des Ligazerstörers bestätigten, stammten alle von einem der fünf Planeten, aus denen sich die Liga derzeit zusammen setzte. Die einstellbaren Fesseln der Ligasoldaten legten sich klickend um die entsprechenden Handgelenke, dann wurde der Antrieb herunter gefahren und alle Systeme mit Ausnahme der Lebenserhaltung abgestellt. Gemeinsam wurde die immer noch bewusstlose Brückenbesatzung zum Shuttle gebracht und dort gesichert, die bewaffneten Piloten kannten ihr Handwerk und würden dafür sorgen, dass kein Gefangener entkam. Vorerst mussten eventuelle Krämpfe oder sonstige Anfälle eben warten, bis ein Arzt der Liga eine Diagnose stellen konnte, die Wachen waren nicht bereit, auch nur das geringste Risiko einzugehen. Danach wurden von 10 Teams aus je drei Personen alle Räume durchsucht, bis der namenlose Zerstörer wirklich leer war.

Während dieser Zeit hatten die Roboter der PHILIP K. DICK mit dem Einverständnis der Mianger, welche auch die Kommunikationsgeräte der PHILIP K. gerne für einen Bericht an ihre Vorgesetzten nutzten, einige Baracken als Behausung für die Gefangenen und auch für deren Wächter auf Lub Plaub aufgestellt, mit einigen Bequemlichkeiten für alle Seiten. Besonders die Mianger genossen die erste heiße Dusche seit langem, für sie ein lange entbehrter Luxus. Auch die Sauna wurde von den Personen aller drei Schiffe gerne benutzt, und hier war zu bemerken, dass es mehr Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen gab als Unterschiede, mehr Verbindendes als Trennendes. IlůTum sandte ein überlichtschnelles Beiboot zu ihrer Basis, um nicht nur die Akademie zu verständigen, sondern auch YmaPoni und JolPotur zu verständigen. Auch Captain Walsingham erstattete Bericht, allerdings per Wurmlochkommunikation und nicht mit einem Kurier.

Während des Verhöres von AsæMůg erbleichte Ishi Matsu einmal und drängte auf eine Unterbrechung. Posten brachten die Wyva wieder in das von Robotern umstellte Lager, währen die Japanerin tonlos von den Asteroidenminen und den entführten Sklaven berichtete.

Dann hatten YmaPoni und JolPotur also doch recht!“ IlůTum akzeptierte die telepathische Begabung Ishis ohne Schwierigkeiten, und auch die Mianger sahen darin kein Problem.

Nicht einmal Kobos sollten dieses Schicksal erleiden“, sagte Daja Sibseg. „Ich habe denen einige unschöne Narben zu verdanken, und wenn es noch einmal zum Krieg kommen sollte, würde ich jederzeit wieder gegen sie kämpfen. Aber Sklaven in einer radioaktiven Hölle, Leute, das ist nicht richtig! Da müssen wir etwas machen.“

Was denn?“ Major Tus Heev trommelte mit den Finger auf dem Tisch. „Wir müssen doch froh sein, wenn wir wieder nach Hause kommen!“

Oh, das ist das kleinste Problem.“ IlůTum zog die Nase kraus, als hätte sie einen unangenehmen Geruch wahr genommen. „Wir müssen doch ohnehin die Renegaten arretieren. Wenn sie uns dabei unterstützen wollen? Ihr Sold besteht aus einem Flug nach Lub Mor, wir können sie und die Geretteten ja schlecht irgendwo abladen. Und unsere Regierung würde ohnehin bald Verbindung mit ihren Staaten aufnehmen.“

Sehe ich das richtig, dass wir dann auch Koboisten in eine Weltregierung aufnehmen müssten?“, fragte Unteroffizier Hma Neev unglücklich. „Dann verlieren wir doch unsere Freiheit!“

Tus Heev zauste ihre Ohrpinsel. „Aber wir erhalten die Möglichkeit, noch viel weiter hinaus zu den Sternen zu fliegen, Hma. Sehr viel weiter als jetzt. Und dann wird es an uns liegen, wie wir unsere Kultur bewahren und gleichzeitig die der Liga und der Terraner respektieren!“

Das ist ein Wort“, rief Walsingham. „Wilkommen im Klub, Freunde.“

Wir sollten uns jetzt nur noch um die Kleinigkeit der Befreiung der Lub Morer und wahrscheinlich auch anderer Wesen kümmern“, warf IlůTum ein. „Ich stelle ein Team zusammen!“

Wir werden uns gerne beteiligen“, rief Captain Walsingham. „Unsere Kampfroboter können ganz leicht mit Betäubungsstrahlern ausgerüstet werden. Wir haben es mit einer Geiselsituation zu tun, also empfiehlt sich der Einsatz nonletaler Waffen.“

*

Willkommen, meine Damen und Herren, hier ist wieder TVKM, mein Name ist Madria Khand. Heute ist das wohl bedeutendste Ereignis der Geschichte unseres Heimatplaneten Lub Mor. Denn heute hat nicht nur die Konföderation Miango mit den Volksdemokratien Kobo endgültig Frieden geschlossen, sondern heute betreten jene Wesen, welche sowohl unsere Helden der POBTAXHA gerettet als auch viele unserer Mitbürger aus allen drei großen Blöcken aus ihrer Sklaverei befreiten, in welcher sie von Fremden gehalten wurden. Ich bitte sie jetzt schon, nicht zu erschrecken, meine lieben Mitbürger, denn die Wesen aus den Weiten des Weltalls sehen nicht so aus wie wir. Teilweise sind sie uns ähnlich, doch gibt es unter ihnen auch Insekten und Saurierartige. Ja, meine Damen und Herren, intelligente Insekten und intelligente Echsen, im Denken aber nicht so sehr unterschiedlich dem unseren. Fünf dieser Völker bilden eine Liga, deren Vertreter bereits mit Vertretern unserer Länder gesprochen haben, und man hat uns die Mitgliedschaft in dieser Liga angeboten. Damit, meine Damen und Herren, damit öffnet sich für die Menschen auf Lub Mor tatsächlich die Tür in ein kosmisches Zeitalter. Auch das sechste bei der Rettung unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen beteiligte Volk, das sich Terraner nennt, ist an friedlichem Handel interessiert. Nun, meine Damen und Herren, ich glaube fest daran, dass unsere Völker einer guten Zukunft entgegen gehen! Freuen sie sich mit mir daran! Auf dem Flughafen hat sich schon eine riesige Menge eingefunden, um bei der Ankunft des ersten interstellaren Raumschiffes auf Lub Mor anwesend zu sein. Die Staatschefs unserer Völker sind bereits eingetroffen, und jetzt pünktlich, wie angekündigt, schwebt diese gigantische Kugel majestätisch vom Himmel. Man hat mir erklärt, dass dieses Kunststück mit Hilfe eines Antigravitationsfeldes und eines sogenannten Feldantriebes gelingt, näheres müssen wohl unsere Ingenieure erst lernen. Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis unsere eigenen Schiffe zu den Sternen fliegen können, doch wir werden es lernen und unseren Platz in der Galaxis einnehmen, neben unseren neuen Freunden!“

Juli 2085

Errai II

Feldlager der kaiserlichen Infanterie

Leutnant Ansalô Pïiler von der vierten Kompanie des 225 Regimentes der Infanterie des Kaisers von Beongaë wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Seit mehr als zwei Monaten herrschte bereits Waffenstillstand auf den Schlachtfeldern des ganzen Planeten, nicht ganz freiwillig zwar, aber das störte den noch jungen Offizier wenig. Er war durchaus damit zufrieden, dass auf ihn und seine Männer wenigsten derzeit nicht geschossen wurde, dass die stetige Kanonade zumindest bis auf weiteres aufgehört hatte und endlich für längere Zeit so etwas wie Ruhe in den Schützengräben eingekehrt war. Erholsame, heilende, entspannende Ruhe ohne die ewigen Schüsse und das Geschrei der Verwundeten und Sterbenden. Ohne die Gefechtsfeldbeleuchtung jede Nacht, gleißend helle Magnesiumfackeln, die an Fallschirmen langsam zur Erde schwebten. Wenn es nach ihm ginge, könnte aus dieser Situation gerne ein Dauerzustand werden. Oder besser noch, auf unbestimmte Zeit auf Heimaturlaub gehen und dort bleiben und friedlich arbeiten, bis er das Pensionsalter erreichte, mit Paaraleë ein paar Kinder in die Welt setzen und nie wieder etwas vom Krieg hören. Leider wusste Leutnant Pïiler nicht, dass er diesen Gedanken mit vielen seiner Kameraden teilte, die Angst vor dem Ruf als Verräter und Feigling stak allen noch zu tief im Denken. Er trat aus seinem Zelt, um die Latrine aufzusuchen, und nur langsam registrierten seine Sinne, dass über Nacht beinahe kniehohe Pflanzen mit gelben Blüten gewachsen waren. Kopfschüttelnd blieb er verwundert stehen und betrachtete die Blumen, hielt sein Gesicht in das seltsam weich anmutende Licht an diesem Morgen. Ein Gefühl war da auf einmal in seiner Brust, ein Sehnen, ein Drängen, ein Ziehen, dass er nicht wirklich einordnen konnte.

Aber bevor er diesem Gefühl nachging, musste er noch rasch etwas Flüssigkeit vom Vortag los werden, das war jetzt im Moment der mächtigste und naheliegendste Drang. Er betrat das Latrinenzelt, öffnete die Hose, um sein Wasser abzuschlagen und begriff endlich die Situation, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schuppen in seinem Intimbereich waren über Nacht sehr viel weicher geworden und würden sich in den nächsten Tagen komplett zurück bilden, der Körper bereitete sich auf eine Paarung vor. Monate zu früh, und ohne die Pheromone seiner Frau wahrnehmen zu können, die in der kaiserlichen Hauptstadt war. Die zweite Sonne war offenbar nahe genug gekommen, die Erzählungen der Alten stimmten also, das war die goldene Zeit, schon von der Farbe des Lichtes her. Auch Paaraleës Schuppen wären jetzt schon in Veränderung, so wie bei allen Menschen des Planeten, es war an der Zeit, sofort nach Hause zu gehen, die nächsten 15 Jahre würde niemand auf dem Planeten Miïmïën kämpfen. Arbeiten ja, natürlich, aber niemand würde sich viele Kilometer von zu Hause entfernen und schon gar nicht mit einer Waffe in der Hand. Der junge Mann sah noch einige Zeit verträumt in die Ferne, doch dann trat er entschlossen nach draußen, wo schon einige Männer unterwegs nach Hause waren, zu Fuß zur Bahnstrecke, auf einem gefundenen Pferdewagen auf den schlammigen Straßen, die Fahrer der Kettenfahrzeuge ließen Männer aufsteigen, die in die gleiche Stadt wollten – oder auch in eine Stadt in der Nähe der Route. Diesen Massen schlossen sich immer mehr und mehr Soldaten an, die alle einem Ziel weit hinter der Front zustrebten. Kein Feldgendarm würde sich dieser Flut in den Weg stellen, kein einziger. Denn sie alle wurden Teil dieser Welle, die sich mit unaufhaltsamer Macht von der Front weg bewegte. Es überkam Offiziere, Unteroffiziere und Chargen ebenso unerbittlich wie die gemeinen Soldaten. Neben Ansalô hupte ein motorisiertes Fahrzeug, am Steuer saß sein alter Freund, noch von der Schule her, Leutnant Diweët Miih-Gyă und ein weiterer Leutnant, der ebenfalls aus der Hauptstadt stammte.

Spring auf, Ansalô!“ rief Diweët Miih-Gyă ihm zu, und der ließ sich nicht zweimal bitten.

Fahr uns nach Hause, Diweët!“ flüsterte Pïiler, und Miih-Gyă antwortete:

Nichts anderes habe ich vor, alter Freund! Nichts anderes!“ Der Wagen fuhr los, der fernen Hauptstadt entgegen, zu Paaraleë, zu Treliæë und Mulgawaë.

Flugfeld der königlichen Luftwaffe

Hauptmann Gulg-ge Mïil saß in seinem Feldstuhl und las die Zeitung. Von der Zumutung eines aufgezwungenen Waffenstillstands war da zu lesen, von einer Erpressung durch Fremde, von der Gefangennahme des Königs durch eine unbekannte Macht, eine Schande für die Heimat, welche irgendwann Rache erforderte, und dass weiterhin höchste Wachsamkeit die Pflicht jedes Mannes war. Gulg-ge paffte seine Pfeife, die auszugehen drohte, wieder in Glut und brummte zustimmend. Wachsamkeit war immer gut. Er sah hinüber zu seiner Byeôl mit den drei übereinander liegenden Flügeln, und bemerkte, wie Pflanzen wie im Zeitraffer wuchsen und sich plötzlich goldgelbe Blüten öffneten, ein nie zuvor erahntes Gefühl engte seine Brust ein, er erhob sich kurz entschlossen von seinem Feldstuhl, ging wie ferngesteuert zu seinem Flugzeug, kletterte in die Kanzel und startete den Motor. Leicht wie eine Feder hob die wendige Maschine ab, doch statt wie üblich Kurs auf die Front zu nehmen, folgte der Hauptmann seinem Instinkt und flog in die andere Richtung, wo die zarte Ragunuï mit den smaragdgrünen Schuppen auf ihn warten würde. Auch für den Hauptmann war der Krieg zuerst einmal zu Ende, zumindest für die nächsten 15 Jahre.

Nördlicher Ozean, an Bord der MORGENSTERN

Der Rudergast des imperialen Schlachtschiffs MORGENSTERN, Maat erster Klasse Můůt-Gul Hoëgh, beobachtete konzentriert den Kompass und die Umgebung. Sein Befehl lautete, die Position so gut wie möglich zu halten und auf weitere Anweisungen zu warten. Die gleichen Befehle, die auch die Kapitänin vom Admiral erhalten hatte, und der wiederum vom Flottenkommando Nord. Am Horizont waren Rauchwolken zu sehen, dort wartete wohl eine kaiserliche Flotte ebenso darauf, den Angriffsbefehl zu erhalten, doch die letzten Befehle waren eine Art Waffenstillstand gewesen, und der Admiral hielt sich eisern daran. Die Kapitänin trat unvermutet von hinten an den Steuermaat heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Heimatkurs“, flüsterte sie ihm zu, und ohne zu überlegen drehte der Maat das Steuerruder.

Heimatkurs“, bestätigte er heiser. War die Hand seiner Kommandantin immer schon so heiß auf seiner Haut gewesen? „Heimatkurs liegt an!“ meldete er wenig später, und nach der Wachablöse verließ er verwirrter denn je die Brücke. Die MORGENSTERN dampfte weiter ihrem Heimathafen zu, als die Kapitänin den abgelösten Steuergast zu sich in die Kajüte rief und ihm die Uniform auszog. Sowohl ihre als auch seine Schuppen waren bereits sehr stark zurückgebildet, an den wichtigen Stellen waren sie komplett verschwunden. Sie hatten Glück, als Paar auf dem gleichen Schiff zu dienen, und so konnten sie bereits ihren tiefsten Instinkten folgen, während die MORGENSTERN die seltsam goldene See durchfuhr.

Im Orbit um Errai II

Die 600 Meter durchmessende HMSS GOLDEN HIND umkreiste Errai II, jenen Planeten, der von seinen Bewohnern Miïmiën genannt wurde, auf einer stationären Umlaufbahn. Ihr Kommandant Sir Charles Saint Clair sah ungläubig auf die Bilder, welche von den Sonden übertragen wurden. Eine allumfassende Wanderung hatte eingesetzt, von allen Fronten wanderten oder fuhren die Soldaten in die Städte, ließen die Schützengräben leer und die schweren Geschütze unbewacht zurück.

Was zum Teufel geht da vor?“, entfuhr es Sir Charles und er schaltete durch sämtliche Drohnenübertragungen. Überall dasselbe, leere Gräben, verwaiste Geschütze, überall Soldaten auf dem Weg nach Hause, und auf dem gesamten Planeten waren praktisch über Nacht diese goldgelben Blüten aus dem Boden gesprossen. Sofort ordnete er eine umfassende chemische Analyse an, sicherheitshalber sollten die Wissenschaftler Schutzanzüge tragen. Der Kommandant der HIND hatte oft genug gelesen, was Keime, Sporen, Bakterien oder Viren, welche in ein Schiff eindrangen, auslösen konnten. Also befahl er Schutzanzüge, Dekontamination und äußerste Vorsicht, dann holte er die Staatsoberhäupter wieder in dem durch Prallschirme in drei Teile getrennten Konferenzraum zusammen, welcher sonst als Offiziersmesse fungierte.

Wie es aussieht, müssen sie jetzt allein Krieg führen. Alle Soldaten gehen nach Hause! ALLE!“

In fünfzehn Jahren werden sie wiederkommen, und dann wehe unseren Feinden“, knurrte General Yainagh von den kaiserlichen Streitkräften, und der königliche General Prïimin schrie zurück.

Ihr Kriegstreiber werdet eure Strafe bekommen! Unsere Armee wird…“

Ruhe!“, brüllte Kaiser Pôyi-Ge und König Quyardar ergänzte.

Noch sind wir die Oberbefehlshaber der Armeen unserer Länder! Und bisher hören wir immer nur von unseren Offizieren, der Feind wolle uns überfallen!“

Der König aber versichert, er wolle uns gar nicht zerstören, sondern dachte, der Krieg ginge von uns aus und umgekehrt“, sprach der Kaiser.

Jetzt frage ich mich, ob es nicht unsere eigenen Offiziere sind, welche den Krieg unbedingt weiterführen wollen, um selbst ihre Macht zu erhalten!“

Was für ein perfider Plan“, Konsulin Pïngjaha schüttelte sich, und Konsul Wyingh ergänzte:

Wir werden unseren Generalstab gründlich untersuchen müssen, ob dort nicht ähnliche Tendenzen zu finden sind.“

Da bin ich mir sogar sicher!“ knurrte Pïngjaha. „Irgendwie müssen wir das Militär entmachten!“

General Prïimin lachte nur höhnisch. „Mit welcher Armee wollt ihr das machen? WIR Generäle befehligen die Armeen! Der Kampf wird ewig weitergehen, egal, wessen Hintern den Thron warmhält! Ein Feind findet sich doch immer, und wir Generäle bleiben an der Macht, was auch immer der Monarch glaubt.“

Uns befehligt ihr Offiziere von Miïmiën nicht“, berichtigte Sir Charles und hieb mit der rechten Faust auf den Tisch. „Ich bin durchaus bereit, den rechtmäßigen Regierungen meine Hilfe anzubieten, und wenn ich extra ein Gefängnis bauen und jeden einzelnen idiotischen General persönlich in Einzelhaft bringen muss, damit dieser verdammte Krieg endlich ein Ende findet!“

Unsere Kameraden sind vorgewarnt! Sie werden nicht so leicht in Gefangenschaft gehen wie wir“, forderte General Yainagh den Kommandanten der GOLDEN HIND heraus, und der bewies, dass er ein echter sportlicher und britischer Gentleman war.

Wollen wir wetten?“ fragte er, freundlich lächelnd.

System Morghay

Ghi’eën umkreiste als der vierte von sechs Planeten einen blauweißen Stern der Spektralklasse F, der innerste Planet war eine Gluthölle mit Ozeanen aus geschmolzenem Metall, auf dem Basalt und andere von Vulkangasen aufgeschäumte Steine schwammen und dunkelrot glühten. Auf dem Zweiten herrschte die ewige Düsternis einer schweren Wolkendecke aus verschiedensten giftigen Gasen über einer Suppe aus Molekülen, in denen nur einige wenige angepasste Mikroben ihr kümmerliches Dasein fristen konnten. Der dritte Planet drehte sich sehr langsam um seine Achse, weshalb sich seine Tagseite stark erwärmte und die Nachtseite ebenso sehr abkühlte. Die Folgen waren heftige Stürme des Morgens und des Abends, welche sogar die ansonst permanente starke Wolkendecke hin und wieder aufzureißen vermochten. Fast ununterbrochen ergossen sich Regenmassen über den aufgewühlten Ozean und den wenigen kleinen Inseln, nur tief unter der Wasseroberfläche begann sich soeben mehrzelliges Leben zu entwickeln. Leben, dass den beinahe lichtlosen Verhältnissen der Tiefsee angepasst war und doch das Potential hatte, irgendwann einmal, in vielen Millionen Jahren, das Land zu erobern, wenn der Planet sich endlich etwas beruhigt hatte. Eine Entwicklung, wie es das Leben auf dem vierten Planeten bereits vor Äonen geschafft hatte und Ghi’eën nun in großer Artenvielfalt bewohnte. Selbst intelligentes Leben gab es auf dem Planeten, humanoide Säugetiere, die bis auf nur wenige Unterschiede dem terranischen Homo sapiens sehr ähnlich sahen. Die Knochen wiesen allerdings eine wesentlich größere Dichte auf und die Muskeln waren erheblich stärker. Beides war der sehr viel höheren Schwerkraft im Vergleich zur irdischen Gravitation geschuldet, auf Ghi’eën herrschten 2,4 G. Frauen wie Männer hatten breite, kantige Kiefer, der Kopf war in Höhe der Kinnlinie breiter als in Augenhöhe, der Hals kurz und breit. Außerdem waren beide Geschlechter gleich haarlos an Kopf und Körper, wenn man von den langen Wimpern und den Augenbrauen absah, doch trotz ihres etwas kantig anmutenden Aussehens waren die Ghi’eëner im Durchschnitt ebenso intelligent wie etwa Terraner, Arkoniden oder Springer, Ssossri oder Topsider. Ihre Hautfarbe konnte von dunklem Schokoladenbraun bis zum tiefsten Schwarz variieren, die Augen waren zumeist blau oder grün. Für die Ghi’eëner hatte das kosmische Zeitalter bereits begonnen, wenn auch erst vor relativ kurzer Zeit.

Die weißblaue Sonne strahlte heiß vom stahlblauen Himmel über dem Kosmodrom von Maikatur, nur vereinzelt zeigten sich winzige, weiße Wölkchen. Kaiserwetter nannte man dieses Bild anderswo im Universum. Die mehrstufige Rakete mit der im Vergleich winzigen bemannten Raumfähre ragte am Startgerüst empor, welches inmitten einer unfruchtbaren Wüste aufgebaut war. Auch das nahe Städtchen, mühsam über kilometerlange Pipelines mit Wasser und über sandige Pisten mit den zum Leben nötigen Dingen versorgt, diente nur dem einen Zweck, das Raumfahrtprogramm des mächtigen Völkerbundes von Taroccanien voranzutreiben und in nicht allzu ferner Zukunft Bewohner des Bundes zum nahen Trabanten des Planeten zu entsenden. Für den jetzt angesetzten Start stand aber erst einmal der Ausbau der Orbitalstation auf dem Programm, die EINHEIT war als Basiszelle für eine spätere, große Station in die Umlaufbahn gebracht worden, die als ‚Umsteigestation‘ für Mondreisen gedacht war. Schon war ein weiteres Modul in eine im Verhältnis zum ersten Modul nahe Umlaufbahn gebracht worden, die achtköpfige Besatzung des jetzt wartenden Shuttles sollte das Modul mit der Basis verbinden. Weitere Module warteten nur noch darauf, in den Orbit gebracht und ebenfalls montiert zu werden, und auch die Zahl der Zubringer sollte erhöht werden, es waren einige bereits im Bau, ebenso die Trägerraketen, deren erste Stufe in sechs einzelnen Teilen um den riesigen Zusatztank der Zweiten angebracht war.

Sowohl der Bund von Taroccanien als auch ihre Konkurrenten, die Vereinigung von Nordmagrem, hatten bereits Erfolge bei der Installation von Kommunikationssatelliten gefeiert, jede der beiden Mächte hatte bereits einige interkontinentale Fernseh- und Telefonstationen im Orbit, hier funktionierte trotz aller sonstigen Differenzen in der Politik auch die Zusammenarbeit der Blöcke. Sowohl Television- als auch Telekommunikationsfrequenzen wurden international abgestimmt, und auch die Computer waren über Satellit bereits seit langem weltweit verbunden. Doch erst, als die Raketentriebwerke durch viele Starts bewiesen hatten, dass sie sicher funktionierten, hatte man die ersten transatmosphärischen Hopser mit wiederverwendbaren Shuttles versucht, zuerst unbemannt, dann, immer zuversichtlicher werdend, hatte man die ersten Menschen in die Kapseln gesetzt. Von Anfang an hatte man auf mehrfach zu verwendende Flugkörper Wert gelegt, denn eine Person in den Raum zu befördern und dafür eine Menge Material zu verschwenden lag nicht im Charakter der Menschen von Ghi’eën. Sie waren nicht knauserig, wenn es um die Verbesserung der Lebensbedingungen von Lebewesen ging, aber sparsam mit Ressourcen.

Einst, so sagten die Aufzeichnungen, war das anders gewesen, man hatte viele Bodenschätze wie fossile Brennstoffe und Metalle ebenso vergeudet wie Menschenleben, sich riesige Autos, Schiffe und Flugzeuge geleistet, ganz so, als gäbe es keine nächste Generation. Dann hatte ein fürchterlicher konventioneller Krieg gewütet, der keinen Sieger, aber Milliarden Verlierer kannte. Der Krieg rannte sich tot, das Erdöl, mit welchem die Panzer und Flugzeuge betrieben wurden, hatte man sinnlos in die Luft geblasen und für Angriffe verschwendet, die nur wenige Meter Gewinn brachten, welche bald wieder verloren wurden. Die Zivilbevölkerung lernte zuerst in Bunkern zu wohnen, bis auch die Bomber aus Mangel an Treibstoff eines Tages ausblieben, allerdings erst nachdem sie von vielen Städten nur noch Ruinen übrig gelassen hatten. Die Überlebenden dachten heute anders. Sie gingen sparsam mit den Resten um, welche die Verschwender hinterlassen hatten, nachdem vor allem die Frauen in den Städten des Hinterlandes weltweit eine Revolte gegen die herrschenden Eliten losgebrochen und die Kriegsführung übernommen hatten. Rasch hatten die Damen der Schöpfung die größte Bedrohung für ihren Nachwuchs lokalisiert und mitleidslos ausgeschaltet, um danach mit den Überlebenden der anderen Länder Frieden zu schließen und Unionen zu gründen, die letztendlich zu den beiden heute existierenden Blöcken wuchsen. Im Jahre 2085 terranischer Zeitrechnung regierten Frauen und ein großes Bedürfnis nach Sicherheit den Planeten, daher hatte man sich trotz aller Unterschiede in der politischen Meinung auf friedliche Koexistenz geeinigt, und es ging alles immer nur einen Schritt nach dem anderen vor sich. Heute waren Raketenstarts sichere Angelegenheiten, die unteren Stufen pendelten an Fallschirmen wieder zu Boden und wurden wieder verwendet, auch wenn Metall im Überfluss vorhanden war. Man musste ja nur altes Kriegsgerät wieder einschmelzen. Treibstoff war das größte Problem gewesen, doch mit der Zeit hatte man Ersatzstoffe für das verbrannte Erdöl gefunden und wurde wieder mobiler.

Rampe räumen! Rampe räumen!“, hallte es aus großen Lautsprechern über das Areal, und jeder, der sich noch in der Umgebung des Startgerüstes aufhielt, eilte nun in die Bunker, ehe diese geschlossen wurden und begab sich durch die geschützten, unterirdischen Gänge in das Startzentrum.

Alle Systeme bereit, Zündung“, hallte es über das Gelände, die Schotts der Fluchtwege schlossen sich, unter der Rakete entstanden erste Wolken von Abgasen, als die Triebwerke ihre Arbeit aufnahmen.

Weiterhin alles gut, Schub in fünf … vier … drei … zwei … eins … Schub!“ Unter lautem, grollendem Donnern erhob sich das Gefährt langsam von der Rampe und strebte ins All!

Start geglückt!“ meldeten die Lautsprecher.

Im Inneren des Shuttels fühlten die acht Besatzungsmitglieder das Vibrieren der Zelle unter den Gewalten der Schubtriebwerke, das Donnern dröhnte in ihren Ohren und der Andruck presste sie in ihre Andruckliegen. Dann, plötzlich, von einer Sekunde zu anderen herrschte Stille, absolute Ruhe, kein Gewicht lastete mehr auf den Frauen und Männern. Rasch überflog der Kommandant die Anzeigen, obwohl die Telemetrie in der Bodenstation ohnehin die gleichen Daten anzeigte. Trotzdem wartete man in Maikatur auf den Bericht aus dem Shuttle, gleichzeitig ein Zeichen, dass die Besatzung einsatzbereit blieb.

Flight Controll, alle Systeme in Ordnung, wiederhole in Ordnung. Bereit zur Zündung der zweiten Stufe!“ meldete Major Bheri Odheen der Zentrale.

Bestätigen Bereitschaft!“ kam die Stimme der Flugdirektors aus den Kopfhörern der Besatzung. „Zündung der zweiten Stufe in vier … drei … zwei … eins … Zündung!“ Wieder legte sich der Elefant auf die acht Personen, die Ohren klingelten von dem Dröhnen der Triebwerke, der eben noch dunkelblaue Himmel wurde schwarz, Sterne erschienen vor den Frontscheiben. Viel länger als die Booster der ersten Stufe arbeiteten die Düsen des Shuttles, Liter um Liter saugten die gierigen Triebwerke flüssigen Treib- und Sauerstoff aus dem gigantischen Reservetank und trieben den Orbiter in eine Umlaufbahn, die das Schiff in ein Rendezvous mit der ersten Wohnzelle der Raumstation ‚EINHEIT‘ bringen sollte.

Sobald die Triebwerke schwiegen, legte der stellvertretende Kommandant Edschald Oxēy einen Schalter um und hielt seine Pranke prüfen vor ein Gitter.

Ventilation läuft“, meldete er. Odeik Nüsseýn sah aus dem Fenster auf die vorwiegend blau-weiß gemusterte Kugel in jener Richtung, die sie übereinstimmend als unten bezeichneten.

Ihr könnt mich sentimental nennen, aber dieser Anblick berührt mich noch immer!“

Hört euch das Baby an“, spöttelte Edschald. „Ist gerade erst zum zweiten Mal im Raum und redet wie ein alter Hase!“

So wie du, Edschald?“, brummte Bheri Odheen. „Ich verstehe Odeik, mich packt es auch immer noch, und es ist mein vierter Flug!“

Na ja“, wiegelte Edschald ab. „Mir drückt es ja auch noch immer ein Tränchen ins Auge“, gab er dann zu. Eiriin Keinik starrte mit offenem Mund.

Wer bei diesem Anblick nicht ein klein wenig demütig wird, hat kein Herz in der Brust“, flüsterte sie ergriffen.

Ich verstehe das nur zu gut!“ Spezialistin Eriśsa Enkling kontrollierte rasch die Anzeigen aus dem Frachtraum, es schien alles soweit in Ordnung zu sein.

Seht nur!“ Äduna Livin zeigte auf den Horizont. „Gleich geht die Sonne unter!“

Oh, Göttin, seht nur, ist das schön“, hauchte Enebill Bowers, als die Lichter der Städte und Überlandstraßen wie ein zartes Gespinst sichtbar wurde. „So zerbrechlich und zart, und wir glauben, dass wir die Herrscher der über alles sind! Wir sollten unser Leben viel mehr genießen und es nicht als selbstverständlich hin nehmen.“

*

Wohnmodul eins der EINHEIT in Sicht!“ meldete Bheri Odheen über sein Headset an die Flugkontrolle. Noch einige Korrekturen mit den Steuerdüsen, dann dockte das Shuttle an. „Beginne jetzt Kursangleichung mit Modul zwei!“ Auf dem Ortungsschirm blinkte ein Punkt, der Peilsender des zweiten Teils der Station funktionierte einwandfrei. Vorsichtig beschleunigte Major Odheen das Shuttle mit dem angedockten Modul und driftete auf die höhere Bahn und holte das zweite Modul ein. Eriśsa Enkling fuhr den Greifarm aus, während Odheen langsam den Kurs anglich.

Kontakt!“ meldete Enkling, und dann: „Der Fisch hängt am Haken!“

Sehr gut! Dann hol ihn ein“, befahl der Missionskommandant, und Eriśsa spielte an den Kontrollen wie ein Virtuose, bis beide Module fest miteinander verankert waren.

Sechs Stunden Pause, dann wollen wir eins und zwei verschweißen!“ befahl Major Odheen. „Gute Nacht allerseits!“

Opuchi Xi

An Bord der PORTO

Die PORTO hatte den Mond des vierten Planeten angeflogen und sich dort einen halbwegs gut getarnten Platz in einer Spalte im Gestein gesucht. Nur eine Sonde lag oben im Staub und übertrug den Funk- und Fernsehverkehr zu der Neuronik, die eben versuchte, die Sendungen zu decodieren, welche sie von dem Planeten auffing. Kleine Fortschritte waren durchaus bereits zu verzeichnen, man sollte bald zu einer Verständigung in der Lage sein. Während man darauf wartete, lud Isabella Esteves den Planetologen Oliver Franke ein, sich den versprochenen Fado anzuhören. Etwas anderes gab derzeit sowieso nicht zu unternehmen.

Mísia, die Neuronik, hauchte den Schluchzer am Ende des traurigen Fado von Mísia, der portugiesischen Sängerin aus dem 20. Jahrhundert, und Isabella Esteves nippte an ihrem ausgezeichneten Portwein. Ein Tawney Tordiz von Burmester 2056. Ein besonders guter Jahrgang, nach dreißig Jahren im Eichenfass in Flaschen abgefüllt. Weich, die Süße verbunden mit dem herben Geschmack des Eichenfasses und der pikanten Note des Weinbrandes, mit welchem der Wein veredelt worden war, zusammengefasst zu einem einzigartigen Geschmackserlebnis. Ein kleiner Happen Weißbrot mit Ziegenkäse oder luftgetrocknetem Schinken, vielleicht auch in Weinessig und Olivenöl eingelegte Meeresfrüchte zum knabbern, die Portugiesin wusste das Leben zu genießen und teilte dieses Erlebnis gerne mit ihrem Gast, dem Planetologen Oliver Franke. Den exquisiten Wein verdankte sie ihren Eltern in der Heimat, die mit der Familie Burmester, welche die gleichnamige Portweinherstellung in der alten Hafenstadt Porto betrieb, verwandt war und so Zugang zu wirklich edlen Tropfen hatten, von denen sie auch Isabella einige Flaschen abgaben. Sie fanden, ihre Tochter sollte auch auf ihren weiten Raumreisen ihre Heimat nie vergessen. Und so genehmigte sich Isabella ab und zu ein Gläschen und bot auch schon einmal eines an, wenn sie das Gefühl hatte, ihr Gast konnte das Angebotene in angemessener Weise schätzen. Bei Oliver hatte sie dieses Gefühl. Der Professor vom Max-Planck-Institut war aus Frankfurt gebürtig, hatte sich aber bereits beinahe überall in der Welt herumgetrieben. Er war zwar noch jung, noch keine 40 Jahre alt, galt aber trotzdem bereits als Legende, als jemand, der eine Gesteinsschicht nur ansehen musste, um Alter und Herkunft zu erkennen. Nun, so gut war er zwar nicht ganz, aber beinahe. Berühren musste er das Material schon noch. Man munkelte, sein Urgroßvater hätte einmal in einem dieser alten Atomreaktoren gearbeitet, welche heute schon lange stillgelegt waren, und er hätte einen Störfall miterlebt, der zu seltsamen Effekten bei seinem Sohn, Olivers Vater, geführt haben sollte. Jakob Franke sollte angeblich nur durch Berührung eines Gegenstandes die Geschichte von Menschen erfahren haben, die das Ding vorher gehalten hatten. Psychometrie nannten es die Forscher, welche Jakob untersuchten, doch sie zogen unverrichteter Dinge wieder ab.

Ich mach mich doch weder zum Versuchskarnickel noch zum Affen für diese Deppen!“, hatte er erklärt, als seine Frau Elisabeth ihn fragte, warum er so getan hätte, als funktioniere seine Gabe nicht. Nun sah es aus, als hätte auch Oliver diese Begabung, und doch funktionierten auch bei ihm die üblichen Tests nicht.

Ich muss meinem Paps recht geben“, sagte er nur immer. „Ich bin einfach ein guter Gesteinskundler und Ende Gelände, Schicht im Schacht, aus die Maus. Avanti Dilettanti, tschüss mit ü und Ciau mit au. Sollen sie sich doch einen anderen Hampelmann suchen!“

Jetzt saß er mit Isabella Esteves in deren Kabine und lauschte einer lange verstorbenen Sängerin, welche den alten portugiesischen Gesang – eben den Fado – damals, am Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts entstaubt, praktisch neu erfunden und so wieder zu neuem Leben erweckt und weit über die Grenzen Portugals erneut bekannt gemacht hatte. Der Fado war wie die Portugiesen und der Portwein, welcher unter Hitze mit Weinbrand veredelt und dann langsam im Fass gereift wurde. Eine Mischung, die mehr geworden war, als nur eine Summe von Teilen, etwas ganz Eigenes und Eigenständiges, so sahen die Portugiesen auch den Fado und sich selbst, und sie waren stolz darauf.

Oliver seufzte im Nachklang des Liedes tief auf und öffnete langsam die Augen.

Ich habe kein Wort verstanden“, bekannte er. „Ich beherrsche leider kein Portugiesisch. Aber der tiefe Schmerz in ihrer Stimme, wenn Mísia dieses Lied singt, berührt mich tief im Innern!“

Isabella stellte ihr Glas ab und wischte sich die Feuchtigkeit vom Gesicht. „Ich weiß“, sagte sie. „Mísia konnte einfach alle Gefühle erwecken, die sie wollte. Obwohl – der Fado ist ja nie heiter! Aber immer schön.“ Auch Oliver nippte noch einmal an seinem Glas und stellte es dann ab.

Ich danke ihnen, Isabella. Es war ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Ein wirklich schöner Abend.“ Er erhob sich, um zu gehen.

Das war es, Oliver. Es ist schön, ein solches Erlebnis teilen zu können. Nächstes Mal vielleicht etwas fröhlicheres, bei einem Gläschen Rosé?“ Auch sie stand jetzt auf und begleitete ihn zur Tür.

Gerne, es würde mich freuen!“

Dann, gute Nacht, Oliver“, sagte sie und küsste ihn zart auf die Wange.

Auch Ihnen, Isabella!“

*

Auf dem Zentralen Bildschirm beobachtete die Besatzung der PORTO, wie die Besatzung des Shuttles die zwei Module der künftigen Raumstation parallel ausrichtete. Jedes Modul war eine Röhre mit einer Länge von zwölf Metern und einem Durchmesser von fünf Metern, an vier Seiten waren je zwei Verbindungsstutzen angebracht, hier sollte später, nach dem verschweißen der Wechsel der Besatzungsmitglieder von einer Röhre zur anderen stattfinden. Dazwischen sollten Sicherheitsschotts montiert werden, auf zweien dieser Stutzen waren diese Schotts mit ihren Rahmen bereits montiert, nun wurde das zweite Modul langsam näher gebracht, mit Hilfe von Tauen und Ösen genau ausgerichtet und erst einmal provisorisch mit einigen Schweißpunkten fixiert. Danach wurde sowohl innen als auch außen die endgültige Naht gezogen, um später dann geglättet und poliert zu werden.

Die Röhren erbebten während des Schweißvorganges völlig überraschend mehrere Male, und auf der PORTO konnte man erkennen, wie mehrere Meteoriten einschlugen und eine der Tragflächen und das Leitwerk des Shuttles völlig zerstörten und auch die Module der Station nicht verschonten. In der Station selbst zuckte Odek Nüsseýn zurück, als vor ihm das Metall aufplatzte und eine Vibration verriet, dass ein Stück Materie auch hinter ihm aufgeprallt war. Als er nachsah, fand er es auch, ein Gesteinsbrocken steckte zur Hälfte in der Rückwand des eben erst mit den anderen Teil verbundenen Moduls.

Göttin, war das knapp!“ entfuhr es ihm, und schon hörte er die Stimme von Major Odheen.

Der Reihe nach melden. Jemand verletzt?“

Edschald Oxēy meldete sich als erster. „Oxēy hier, alles in Ordnung, Chef!“

Bei mir auch, Major. Eiriin Keinik!“

Hier Eriśsa Enkling, alle Werte in der Norm!“

Enebill Bowers meldet sich wohlauf und unverletzt, Chef!“

Ich bin Äduna Livin, und ich melde keine Probleme!“

Bei mir war es knapp. Nüsseýn hier, und ich habe einen der Meteoriten gefunden. Beinahe hätte er mich gehabt.“

Glückwunsch. Orcun. Wohlauf.“

Na gut!“ Bheri Odheen atmete etwas auf. „Zurück ins Shuttle!“ Draußen sahen sie dann erst, was die Meteoritentreffer angerichtet hatten.

Ich fürchte, mit diesem Ding kommen wir nicht mehr nach Hause!“ Eiriins Stimme klang belegt, soeben hatte sie ihr Todesurteil zugestellt bekommen und akzeptiert, traurig, aber auch mit stolzer Ruhe.

Wir werden Maikatur informieren.“ Auch Odheen klang resigniert. Er wusste, weder Taroccanien noch Nordmagrem konnten noch rechtzeitig eine Rettungsmission in Gang bringen. Noch ehe der Start einer Versorgungseinheit erfolgen könnte, würden die begrenzten Sauerstoffvorräte des Shuttles zu Ende gegangen sein. Eine vielleicht, vielleicht zwei Personen könnten vielleicht lange genug überleben, aber nicht alle acht, dafür war das Shuttle einfach nicht gedacht.

Sinnlos! Meinen Sauerstoff könnt ihr haben. Orcun Ende!“ meldete sich die schweigsame Spezialistin plötzlich, dann sah Enebill, wie sie das Ventil der Sauerstoffanlage schloss und die Verriegelung des Helmes öffnete. Die Frontscheibe des Helmes färbte sich rötlich, während aus dem Halsteil des Anzuges eine kleine Wolke puffte und verschwand. Enebill griff nach dem Sicherungsseil und nahm den Versorgungskanister von Orcus Rücken.

Major?“

Sie war eine gute Frau und ein stolzer Mensch. Gib ihr einen Bewegungsimpuls nach draußen, es würde ihr gefallen, die letzte weite Reise in diese Richtung anzutreten. Möge die Göttin sie beschützen!“

Möge die Göttin sie beschützen“, murmelten auch die anderen sechs, dann stieß Enebill die Leiche von sich, damit sie aus dem System treiben konnte.

Dort!“ rief Eríssa Enkling und wies in Richtung Mond. „Was ist das für ein grelles Licht?“

Da kommt etwas auf uns zu“, schrie Edschald Oxēy. „Und wir können uns nicht einmal wehren.“ Sekunden später wollte er es auch gar nicht mehr. Ohne Emotionen merkten die sieben überlebenden Taroccaner, wie sie zu einer Kugel gezogen wurden, in der sich eine Öffnung bildete. Dann waren sie in einem hell erleuchteten Schleusenraum, tosende Geräusche verrieten den Druckausgleich, und die Taroccaner nahmen die Helme ab. Eine halbe Stunde verspürten sie den Drang, zuerst einzelne Worte auszusprechen, später ganze Sätze. Dann hörte dieser Drang wieder auf, und von der Decke kam eine weibliche Stimme.

Bitte legen sie ihre Raumanzüge ab und folgen sie dem blauen Punkt. Der Kapitän wird sie in der Messe willkommen heißen.“ Nun konnten sie wieder staunen, aber bei all ihrer Verwunderung zögerten sie nicht lange, aus den klobigen Raumanzügen zu schlüpfen und in den einfachen Kombinationen der Aufforderung Folge zu leisten. Sie hatten ohnehin nicht mehr viel zu verlieren und lebten bereits einen unverhofften Bonus, dachten sie.

Sie sehen ein wenig aus wie Ringer“, sagte Korvettenkapitän Isabella Esteves zu Professor Belleneuve. „Breite Schultern, dicker Hals, stark ausgeprägte Muskulatur. Eins-achtzig bis eins-neunzig groß! Wo die hin schlagen, wächst kein Gras mehr!“

Zwei Komma vier G, meine liebe CO“, antwortete der Wissenschaftler. „Aber sonst wirken sie ziemlich menschlich.“

Jaques Yves de Forgeron pfiff plötzlich. „Génial! Magnifique! Diese Frau ist göttlich!“ Dann öffnete sich die Tür zur Messe und die Ghi’eëner traten ein, beide Seiten musterten sich eine Zeit lang, dann trat Isabella Esteves vor und hob die Hände mit den Handflächen nach vorne in Schulterhöhe.

Entschuldigen sie die unkonventionelle Weise des Kennenlernens, aber wir wollten keinen zweiten Selbstmord zulassen. Ich bin Isabella Esteves und die Kommandantin dieses Schiffes. Willkommen an Bord der PORTO.“

Ich bin Major Bheri Odheen und war Kommandant dieses Wracks, das einmal ein modernes Shuttle war. Woher kommen sie und was machen sie hier?“

Der junge Mann gefällt mir“, übernahm Professor Belleneuve das Gespräch. „Offen und direkt heraus. Also wir kommen von einem Planeten namens Terra, nur 57 unserer Lichtjahre, für ihre langen Jahre wären das etwa 30, von hier entfernt und wollten einfach wissenschaftliche Forschung betreiben. Dabei hörten wir ihren Funkkontakt und versuchten, die Sprache zu erlernen.“

Das ist ja ganz vorzüglich gelungen!“ warf Eiriin Kainik ein.

Hypnoschulung!“ zuckte Ines mit den Schultern. „Keine große Sache. Die schwierigere Frage ist, was machen wir mit ihnen. Moralisch gesehen haben wir nur eine Möglichkeit, wir bringen sie auf den Planeten zurück. Aber das WIE bereitet mir noch Kopfzerbrechen.“

Lassen sie den jungen Mann mit seinen Vorgesetzten sprechen, mit einer Einladung an beide Regierungschefs zu einer Aussprache“, schlug der Professor vor. „Wir wollen doch nicht, dass ein Krieg um unser Wissens entbrennt.“

Lassen sie uns später ausführlich darüber sprechen.“ Isabella winkte ab. „Wir haben eine Mahlzeit und Quartiere für sie, damit sie duschen und danach den Schock verarbeiten können. Ein Besuch in der medizinischen Abteilung wird auch nicht schaden. Ich bitte unsere Gäste um ein wenig Geduld. Ich verspreche ihnen, sie werden ihre Heimat wiedersehen!“

*

Die Beleuchtung auf der Brücke der PORTO war gedämpft, und Isabella Esteves hatte die Alpha-Wache dieses Mal selbst übernommen. Sie musste nachdenken, da konnte sie ihrer Besatzung eben so gut ihren Schlaf gönnen. Die Beinstütze ihres Sessels war hochgeklappt, sodass sie halb lag, halb saß, über die Lautsprecher klang Siobhan O’Correys grandiose Interpretation von Crest teMorfs ‚Reise zum Mittelpunkt von Thanthur Lok‘ auf der Harfe. Ein leises Zischen und Licht vom Gang verriet ihr, dass sich die Tür zur Brücke geöffnet hatte. Als sie sich umdrehte, sah sie die stämmige Silhouette von Major Odheen in der Öffnung.

Kommen sie schon herein, Major, und suchen sie sich einen Sessel aus.“ Isabella setzte sich etwas gerader. „Ich habe gerade an sie gedacht“, gestand sie. „An sie und ihre Besatzung.“ Odheen drehte den Stuhl des Navigators herum und setzte sich.

Eine schöne Musik“, bemerkte er. „Aus ihrer Heimat?“

Teilweise!“ Isabella nippte an ihrem Kaffee. „Wollen sie auch einen? Ein koffeinhaltiges Heißgetränk, sehr beliebt bei uns.“

Bitte! Und wieso teilweise?“ Esteves erhob sich und trat an die Kaffeemaschine, leises Zischen erklang und der Duft von frischem Kaffee erfüllte den kleinen Raum. „Danke für diesen Luxus, Miss Starlight“, sagte sie mehr zu sich selbst, als sie Bheri die Tasse reichte.

Welchen Luxus meinen sie?“ Odheen hatte die Worte gehört und wollte etwas über die Fremden lernen. „Den Luxus einer echten Kaffeemaschine statt des früher üblichen Pulverkaffees. Der Hersteller dieses Schiffes hat diese so genannte Espressomaschine zur Standardausrüstung auf der Brücke gemacht. Schmeckt der Kaffee oder sollte er süßer sein?“

Nein, so ist er perfekt.“ Bheri nippte noch einmal, die zarte Tasse verschwand beinahe in seiner Pranke. „Ich mag einen etwas bitteren Geschmack ganz gerne! Und wie war das mit dem teilweise, also wegen der Musik?“

Isabella lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Die Harfenistin, also die Musikerin kommt von Irland, dieses Land gehört zu einem Staatenverbund auf Terra, der Europäischen Union. Ich komme aus einem Land namens Portugal, das ebenso in dieser Union ist. Der Komponist stammt aus einem weit entfernten Sternhaufen, den wir M13 nennen. Mísia, bitte Darstellung von Morghai, Sol und M13 in der Milchstraße, dann langsam auf den Orionarm zoomen. Hier ist Arkon, Bheri, hier ist Sol und das hier ist deine Sonne Morghai.“

Interessant!“ der Major musterte die Sternenkarte. „Ihr wisst über Arkon Bescheid, das unendlich weit von eurer Sonne entfernt ist, aber ihr erforscht jetzt erst eure unmittelbare Nachbarschaft? Wieso?“

Esteves lachte. „Weil die Arkoniden zu uns gekommen sind, als wir politisch und technisch ungefähr auf eurem Niveau waren. Aber wir hatten Glück, Perry Rhodan fand die havarierten Arkoniden, sagte sich von der Regierung seiner Heimat los, die das Monopol an dieser Technologie gerne gehabt hätte, gründete eine neutrale Macht und setzte diese Technik ein, um einen drohenden Atomkrieg auf Terra zu verhindern. Dann führte er uns langsam zu den Sternen, und jetzt sind wir hier.“

Also begann alles mit einem Deserteur?“, fragte Bheri.

Mit einem Idealisten, dem die ganze Menschheit wichtig war!“ berichtigte Isabella. „Und er hat seinen Abschied genommen.“

Die riesigen, breiten Hände des Taroccaners spielten mit dem Tässchen. „Wir werden ordentliche Becher benötigen, wenn es einmal Ghi’eëner an Bord von Schiffen der Starlight Enterprises gibt“, bemerkte Isabella en passant.

Was, wie?“ Bheri Odheen war erstaunt. „Wie sollte das denn gehen?“

So wie bei der Erde.“ Isabella lächelte. „Ihr werdet lernen, diese Technik zu beherrschen und euren Platz in der Galaxis einnehmen. Wir sind keine Kolonialmächte mehr, Bheri, wir unterdrücken niemanden und wir zwingen niemanden etwas auf. Aber wir sind bereit, Handel zu treiben, dann werden Ghi’eëner die Technik erlernen wollen und auf fremden Planeten an die Hochschulen und Universitäten gehen, Abenteurer werden Posten auf Schiffen anstreben und die entsprechenden Akademien besuchen wollen, in wenigen Generationen steht ihr neben uns da draußen und betrachtet es als ganz normal!“

Bheri Odheen starrte immer noch den Bildschirm an, der in der kartographischen Animation den Orionarm von oben zeigte. „Kann ich den normalen Sternenhimmel sehen?“, fragte er leise.

Misia, bitte visuelle Darstellung der Umgebung“, sagte Isabella, und schon schien sich der Bildschirm in ein Fenster zu verwandeln.

Ghi’eën ist so schön, und trotzdem zieht es mich da hinaus. Verstehen sie das, Isabella? Natürlich, sonst wären sie nicht hier! Wer ist eigentlich diese Mísia und wo steckt sie?“

Mísia, würdest du unseren Gast bitte aufklären?“

Gerne, Korvettenkapitän Esteves. Major, ich bin das neurologisch vernetzte picotronische Computergehirn dieses Schiffes. Ich bin zuständig für alle Routinen wie Lebenserhaltung und Vorratshaltung, ich bin in der Lage, die Steuerung zu übernehmen und die PORTO auf dem schnellsten Weg nach Hause zu bringen, falls die Mannschaft selbst nicht mehr in der Lage dazu ist. Wenn sie etwas benötigen, fragen sie mich einfach. Zumindest kann ich ihnen verraten, wo sie hin gehen müssen.“

Ein intelligenter Computer?“, wunderte sich Bheri.

Nicht nur, Mísia ist eine wirkliche, wenn auch künstliche Person“, berichtigte Isabella.

Oh!“ Bheri Odheen wandte sich wieder zu seiner Gesprächspartnerin um, der Blick seiner gletscherblauen Augen in dem tiefschwarzen Gesicht war scheinbar immer noch in weite Fernen gerichtet und fokussierte sich erst langsam wieder auf das Gesicht der Terranerin. „Ihr Planet muss sich von unserem unterscheiden, oder hat es andere Gründe, warum hier weniger als die halbe Schwerkraft meiner Heimat herrscht?“, folgerte der Taroccaner.

Nein, ihre Welt ist tatsächlich größer und schwerer, wir sind diese Schwerkraftverhältnisse gewöhnt. Für uns hat ihre Welt, wenn wir dies hier als eine Einheit betrachten, wir sagen ‚G‘ dazu, herrschen auf ihrer Welt 2,4 G.“

Der Eingang öffnete sich wieder, und die Besatzung der Beta-Schicht traf ein. „Oh, es ist ja schon acht Uhr. Kommen sie, Bheri, ab in die Koje“, forderte Isabella den Taroccaner auf und erhob sich auch selbst. „XO, sie haben die Brücke!“

Danke Isabella!“ Bheri Odheen begleitetete die Kommandantin hinaus, die auf dem Weg ihren Haarknoten löste und die Frisur ausschüttelte. „Oh, das ist keine Haube?“ fragte Odheen.

Nein, Bheri, das ist mein Haar!“ lachte Isabella. „Ihr kennt wohl so etwas nicht?“

Nein, außer Augenbrauen und Wimpern sind wir ohne – Behaarung!“ erklärte der Taroccaner.

Ach, am gesamten Körper?“, hakte Isabella nach, Odheen bestätigte.

Am gesamten Körper kein einziges Haar. Na ja, also normalerweise. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, aber ab und zu gibt es bei Frauen einen leichten Flaum am Kopf. Nicht zu vergleichen mit dieser Menge. Darf ich?“

Natürlich“, erlaubte Isabella Bheri, dass er durch ihre Haare strich. „Männer können bei uns am ganzen Körper Haare haben“, erzählte sie weiter. „Bei Frauen konzentrieren sich die Körperhaare zumeist unter den Armen, im Intimbereich und in geringerem Ausmaß an Armen und Beinen. Allerdings gilt es bei Frauen als nicht ästhetisch, daher rasieren sich fast alle Frauen zumindest die Extremitäten, die meisten unter den Armen und manche auch im Schambereich.“

Sie auch, Isabella?“ fragte Odheen, sie lachte.

Nur unter den Armen, Bheri. Oh, sehe ich da ein interessiertes Funkeln in ihren Augen, Herr Major?“, neckte sie ihn.

Ich bin ein gesunder Mann, Isabella“, antwortete der Major. „Und sie sind zwar etwas zierlich und sehr klein, aber eine schöne Frau. Selbstverständlich bin ich interessiert, aber nie gegen den Willen der betreffenden Frau!“

Nun, schlafen sie einmal, Bheri“, entgegnete Isabella lächelnd. „Später werden wir einmal weiter sehen!“

August 2085

Großes Imperium, System YBH-235/99

Thanthur Lok, M 13, war ein Kugelsternhaufen, der von der Erde aus gesehen im Sternbild des Herkules lag. Umgelegt auf eine räumliche Beschreibung ‚über‘ der Spirale der Milchstraße und in Richtung Zentrum der Galaxis, welches – selbstverständlich auch von einem Standpunkt auf der Erde ausgehend – grob ausgedrückt weit hinter dem entferntesten Stern des Sternbildes Schütze lag. Vom Zentrum Thanthur Loks gesehen lag Miridan in jenem dem Mittelpunkt der Milchstraße zugewandten Südteils des Sternhaufens, dort war auch der blaue Ultragigant ‚Imperators Wacht‘, ein Dunkelnebel aus kosmischem Staub und eine winzige Sternenballung, bestehend aus 25 Sternen, die meisten rote und braune Zwerge, alle bereits in den letzten Jahrtausenden ihres Lebens. Es gab allerdings auch sechs gelbe und orangegelbe Sterne der Hauptreihe darunter, einer der gelben war die Urheimat der Chrk’Ochkror, welche die anderen fünf im Laufe der Zeit besiedelt hatten und nach weiteren heißen Sumpfgebieten suchten. Sie fühlten sich in Umgebungen wohl, welche sowohl für die mantiden als auch für die humanoiden Miridaner zu heiß und zu feucht waren. Es ist allerdings einigermaßen erstaunlich, dass diese kleine, aber nicht zu übersehbare Ansammlung von Sternen, welche in geringer Entfernung zu Thanthur Lok etwas außerhalb der Kugelsternhaufens lag, nie von einer offiziellen arkonidischen Expedition besucht wurde. Zumindest gab es in der zentralen Registratur keinen Hinweis darauf, und auch die Chrk’Ochkror waren bis zur Erklärung der Miridaner zur unabhängigen Republik selbst dem Neurogenten völlig unbekannt. Eine Sage der Sauroiden erzählt zwar von einem mächtigen Beschützer, dieser kann allerdings mit Fug und Recht zu den unrealistischen Mythen gezählt werden. Obwohl – warum sollten die Abkömmlinge von Sauriern ein warmblütiges, humanoides, gottähnliches Wesen erdenken? Wie auch immer, Miridan und Imperators Wacht waren die süd-mittig gelegene Grenze des Imperiums gewesen. Südlich der Ballung der Chrk’Ochkror lagen nur noch Eden und die geheime Station des Usurpators Orbanaschol, die Sonne Edens kaum zu erkennen vor dem Hintergrund des Orionarmes der Milchstraße.

Ebenfalls am mittwärtigen Rand des Kugelsternhaufens, von Miridan aus gesehen jedoch sehr weit nördlich der Republik, lag nur wenige Lichtjahre außerhalb des Sternhaufens M13 das System YBH-235/99. Es handelte sich um ein Doppelsternsystem, dessen beide Komponenten je ein Stern der terranischen Spektralklasse Y waren, welche um ein gemeinsames Zentrum kreisten. Der wärmere der beiden wies eine Oberflächentemperatur von etwa 400 Grad Kelvin, also etwas mehr als 125 Grad Celsius auf, der kühlere knappe 300 Grad Kelvin. Kein Wunder, dass die wärmebedürftigen Arkoniden in jener Zeit, als sie noch aktiv waren und vor allem auch einen etwas deftigen Humor besaßen, die Zwillingssterne als die eisigen Pobacken der Herrin der Unterwelt bezeichneten und auch ihre imaginäre eiskalte ‚Hölle‘ dort draußen ansiedelten. Jenseits der Pobacken lagen dann nur noch unendlich weit entfernte Galaxien, welche mit freiem Auge kaum oder gar nicht sichtbar waren.

Das System selbst war an sich komplett wertlos. Auf keinem der drei noch vorhandenen Planeten war noch etwas von Wert in signifikanten Mengen zu finden, und so hatten die Arkoniden nur einige automatische Beobachtungssonden hinterlassen, die in dem von den Arkoniden als extrem unwahrscheinlich angesehenen Fall, dass sich im Leerraum nördlich von Thanthur Lok doch einmal etwas tun sollte, die Aufgabe hatten, eine Alarmmeldung abzusetzen. Jahrtausende blieb es erwartungsgemäß still im Leerraum, nur einige Asteroidenschürfer versuchten, doch noch genug Material zu finden, um eine positive Bilanz zu erzielen. Meistens vergebens, doch der eine oder andere fand genug, um wieder einige Zeit seine Expeditionen weiter führen zu können. Dann fingen die Basen eine Hypersignatur auf, ganz ähnlich der einer Transitation durch ein Wurmloch. Genau 51,428 Tontas später kam der zweite Impuls, und ab diesem wurden alle Signale pünktlich alle 51,428 Tontas gemessen. Sofort meldeten die Automaten ihrer Programmierung folgend diese Ortungen nach Arkon, und unverzüglich wurden einige der damals noch aktiven und neugierigen Wissenschaftler abkommandiert, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Unter Zuhilfenahme anderer rasch aufgebauter Ortungsbasen im mittwärtigen Nordsektor wurden Standort und Entfernung des Phänomens bestimmt, es kam aus dem absolut leeren Nichts und war noch einige Millionen Lichtjahre entfernt. Die freigesetzten Energien mussten jedoch extrem gigantisch sein, um eine Ortung der Durchgänge über diese große Entfernung zu ermöglichen, ein riesiger Körper von zumindest Planetenmasse oder viele, sehr viele kleinere. Die Entfernung war noch viel zu groß, um eine Expedition zu entsenden, die das Rätsel lösen hätte können, selbst die besten Raumschiffe hätten die Entfernung nicht zu überwinden vermocht, also verschob man diese Option auf später. Mit jedem Jahr kamen die Signale näher und näher, die Jahrhunderte und Jahrtausende flossen dahin, die Arkoniden wurden müde und träge, ihre Neugier galt nur noch dem Simulationsspielen und manchmal noch Essen, Trinken und selbstverständlich dem Sex – so lange sie nicht in Anstrengung ausartete. Die Neuronik übernahm das Große Imperium, mittlerweile war das Signal auf wenige Lichtjahrtausende näher gekommen, regelmäßig alle 51,428 Tontas, also fast 73 Stunden, rückte das Signal 800 Lichtjahre näher, 96.000 Lichtjahre in einen terranischen Jahr. Im August 2085 wurde die dem Neurogenten programmierte kritische Entfernung von 8.000 Lichtjahren zur Grenze von M13 unterschritten, der Arkon beherrschende Supercomputer begann damit, eine Expedition zur Erforschung des Phänomens auszurüsten. Bei der Größe und/oder Menge der ankommenden Objekte gebot die Logik der alten Arkoniden dem Rechner, eine entsprechend große Streitmacht zumindest vorbereitet zu haben, und so wurden zu 5 Schlachtschiffen mit 800 Meter Durchmesser und 20 Schlachtkreuzern mit 500 Metern noch 150 schwere und 300 leichte Kreuzer aufgeboten, dem Unbekannten mit fabrikneuen Transittriebwerken entgegen zu fliegen, welche bislang noch keinen Sprung absolviert hatten und so über die volle Reichweite von 500.000 Lichtjahren verfügten. Man musste nur noch eine entsprechende Gravitationsquelle in der Nähe des Phänomens finden. Im Orbit um Arkon III versammelte er zudem fünf gleich große Flotten, denen jedoch noch je einer der ersten Ultragiganten einer neuen Serie beigefügt wurde. Fünf Giganten der arkonidischen Galaxisklasse mit einem Durchmesser der Kugelhülle von einem Dran – also 1.470 Metern. Übermächtige Gegner, mit denen man sich nicht gerne anlegte. Normalerweise.

Im Leerraum nördlich von Thanthur Lok.

Unter‘ den mächtigen Gebilden, welche wie flache Trichter aussahen, war das beeindruckende Bild einer Spiralgalaxie. Deutlich waren die beiden breiten Hauptarme und noch einige schmale, leuchtende Nebenarme dazwischen zu erkennen, die dunklen Wolken aus dichtem Staub und sogar das zentrale schwarze Loch, das selbst den Blick des Betrachters einzusaugen und in die Ewigkeit zu ziehen schien. Die Gegend, aus welcher die Gebilde kamen, war stockdunkel, kein leuchtender Stern, kein freundliches Sonnensystem, nur hier und da ein winziges Wasserstoffatom, erst einige Millionen Parsec entfernt waren einige schwach leuchtende Galaxien in der lichtlosen Unendlichkeit zu erkennen. In Flugrichtung aber füllte bereits ein kugelförmiger Sternhaufen mit einigen hunderttausenden Sternen der verschiedensten Spektralklassen die Bildschirme in den gigantischen Schiffen. Vom Trichterstil mit einer Höhe von etwa 1.000 Kilometer Höhe und einem Durchmesser von 300 Kilometern an der Basis und 600 am oberen Ende, wo er in die ‚Schale‘ überging, die sich die nächsten 500 Kilometer Höhe immer weiter verbreiterte, bis am ‚oberen‘ Rand jedes dieser Gebilde ungefähr 2.600 Kilometer durchmaß, etwas weniger als ein Fünftel des Durchmessers eines Planeten wie Arkon oder die Erde, strahlten diese beweglichen Habitate eine undefinierbare Bedrohung aus, wirkten diese Gebilde für menschliche Wesen unheimlich, ein großes Unheil verkündend.

Milliarden von Lebewesen fanden in einem dieser Habitate bequem Platz, und Milliarden waren auch an Bord dieser wandernden Welten, welche mehr Platz und mehr Bewohner als viele Planeten aufwiesen. Kleine, nur etwa einen halben Meter große Ibits der Arbeiterkaste mit ihren verschiedenen, für spezielle Aufgaben gezüchteten Händen an langen, kräftigen Tentakeln und ihren kugelförmigen, völlig haarlosen Köpfen auf birnenförmigen Körpern wuselten auf ihren vier Bewegungstentakeln zwischen den Beinen der fast zwei Meter großen kriegerischen Gops hindurch, die mit ihren dreieckigen Köpfen, welche riesige Augen und winzige Mündern aufwiesen, über breiten Schultern und schlanken Taillen auf langen, kräftigen Beinen in ihren Exoskeletten machtbewusst und stolz durch die Gänge einer beinahe komplett technisierten Umgebung schritten. Nur wenige Decks waren mit Grünflächen ausgestattet, und jene waren dem Adel vorbehalten, den riesigen, eierproduzierenden Regiken und den Brenns, der wissenschaftlich und strategisch denkenden ‚männlichen‘ Gehirnkaste. Fleischzellen wurde zumeist in den Retorten gezüchtet, nur die Adeligen bekamen echtes, natürlich aufgewachsenes Eiweiß zu essen, manchmal auch das von Ibits. Pflanzliche Nahrung wurde für den Adel auf den Grünflächen geerntet, während Soldaten und Arbeiter mit den Produkten der großen Algentanks gespeist wurden, welche auch den notwendigen Sauerstoff produzierten.

Seit vielen Jahrtausenden waren die Schiffe der Tanaæina unterwegs gewesen, seit sie den letzten Planeten in einer fernen Galaxis ausgebeutet und zerstört hatten, um einer neuen Königin ein neues Schiff bauen zu können. Seither mussten neue Königinnen mit ihren Müttern um ein Revier kämpfen – auf Leben und Tod. Es konnte immer nur eine Königin pro Schiff geben, nur eine Mutter von Ibits, Gops und Brenns gleichermaßen. Sie legte die Eier, welche von den Brenns nachher außerhalb ihres Körpers befruchtet werden mussten, um heranwachsen zu können. Wenn man die verschiedenen Kasten betrachtete, hätte man nicht geglaubt, dass sie alle den gleichen Eiern entschlüpften, doch ein biologischer Zufallsgenerator wählte aus, was einem Ei entschlüpfte – arbeitender Ibit, kämpfender Gop oder denkender Brenn. Wobei auch hier durchaus Unterschiede vorkamen, auf zehn der üblichen Ibits oder Gops schlüpfte immer ein Koordinator, der klüger und stärker als seine Untergebenen war. Diese Koordinatoren wurden nicht ernannt, sondern bereits mit diesen verbesserten Fähigkeiten geboren, man erkannte sie daran, dass sie von Anfang an größer und von dunklerer Farbe waren. Manchmal geschah es, dass ein neuer Brenn schlüpfte, und sehr selten, aber doch ab und zu geschah es auch, dass eine neue Regik aus einem Ei schlüpfte. Wenn es Rohstoffe für ein neues Schiff gab, übersiedelte die neue Regik mit all jenen des Volkes, die im gleichen Jahr geboren wurden, dorthin und gründete ein eigenes Volk. War aus irgendeinem Grund kein neues Schiff verfügbar, machte sich die neue Königin auf den Weg und suchte die Alte, forderte sie zum finalen Duell. Manchmal auch, wenn zwar ein Schiff zur Verfügung stünde, aber die neue Königin das Alter und die Schwäche ihrer Mutter fühlte, sie konnte das Volk nicht ohne starke, fruchtbare Mutter hinterlassen.

Jahrtausende lebten die Tanaæina so, seit sie die Raumfahrt entdeckt hatten. Gnadenlos, nur dem eigenen Volk verpflichtet, hatten sie eine Spur der Verwüstung durch ihre Heimatgalaxis gezogen. Technisch überlegene Wesen hatten sie aus der Galaxis, von welcher sie stammten, vertrieben, um die gnadenlosen Verwüstungen durch dieses Volk endlich ein für alle Mal zu beenden. 28 Habitate waren nach den Kämpfen noch übrig geblieben und aufgebrochen, doch die Jahrtausende hatten ihren Tribut gefordert. Ein Habitat war während eines königlichen Zweikampfes explodiert, bei einem war der Wurmlochgenerator durch gebrannt, bei zweien hatte die Energieversorgung versagt. Dezimiert, aber immer noch stark, näherten sie sich einer anderen Sterneninsel. Alle 73 terranische Stunden transitierten sie 800 Lichtjahre ihrem Ziel näher, zehn mal Monat, 120 Mal in Jahr, jedes Jahr näherten sie sich um 96.000 Lichtjahre dem Kugelsternhaufen, den die Bewohner Thanthur Lok und die Terraner M13 nannten. Beharrlich, stetig und unaufhaltsam näherte sich das Verderben der Milchstraße. Sprung auf Sprung, regelmäßig und präzise wie der Ausschlag eines Pendels näherten sich 24 dieser Riesenbauten M13. Nur noch 6.000 Lichtjahre bis M13, die Transite blieben plötzlich aus, und der Neurogent startete die 523. Flotte!

August 2085

Thanthur Lok, Sektor mittwärts-nord, äußerster Bereich

System ZAS-491/32, Vombars Stern

Der nach Admiral Vombar benannte Stern der F – Klasse lag auf jener Seite des Kugelsternhaufens M13, welche in die Richtung Zentrum der Milchstraße wies, hoch ‚oben‘ im Norden‚ wenn man die Milchstraße als ‚unten‘ und Süden betrachtete. Er besaß ein System von nur acht Planeten, von denen der dritte, Martåë, für Arkoniden durchaus angenehme Verhältnisse aufwies. Die Winter waren in den gemäßigten Zonen angenehm warm und die Sommer nicht allzu heiß, am etwas schwülen Äquator gediehen nicht nur seltene orchideenartige Blumen, welche sich bei den Adeligen von Arkon I großer Beliebtheit erfreuten, sondern auch eine Mutation der Weinrebe, welche einen bittersüßen Dessertwein von neongrüner Farbe lieferte. Ein Getränk, das im gesamten Imperium bekannt und beliebt war. Da diese Mutation nur hier wuchs, das Imperium aber aus einigen Tausend bewohnten Planeten bestand, konnte der Preis einer Flasche dieses Weines durchaus als gehoben bezeichnet werden. Falls man, wie man es den terranischen Briten gerne nachsagte, zu Understatements neigte. Jedenfalls war der Wein sicher kein Alltagsgetränk, und selbst der Imperator zeichnete nur wenige Gäste mit der Ehre aus, ein kleines Glas davon angeboten zu bekommen. Einige wenige, um genau zu sein drei Flaschen hatten sogar schon den Weg auf die Erde gefunden, wo auf einer Auktion für eine Flasche ein Preis von mehreren Millionen Dollar erzielt werden konnte. Sotheby’s hielt den Namen der Käufer auf deren Wunsch streng geheim, doch Gerüchte sprachen von einer Adresse in Manhattan, andere verorteten als Zielort der Sendung Palermo – oder zumindest ein sizilianisches Anwesen. Wie auch immer, der Verbleib aller drei Flaschen war und bleibt immer noch ein streng gehütetes Geheimnis. Es kamen natürlich Fälschungen auf den interstellaren Markt, doch bisher konnte noch niemand die Experten und ihre Geräte täuschen. Nicht einmal auf der Erde.

Eine besondere Attraktion Martåës war auch, wie bei einigen anderen Randwelten dieses Sektors, der Nachthimmel in den Frühjahr- und Herbstmonaten, wenn die eine Seite des Himmels die volle Sternenpracht eines dichten Sternhaufens und die andere das beinahe absolute Nichts zeigte, mit einer klar erkennbaren Grenzlinie. Besonders an den Tagen der Äquinoktien, wenn beide Seiten gleich groß waren und die Grenze zwischen Licht und Dunkelheit in gerader Linie durch den Nord- beziehungsweise Südpunkt des Himmels ging, reisten selbsternannte Pseudoschamanen und Möchte-gerne-Esoteriker aus ganz Thanthur Lok für diese spezielle Nacht, diese Stunde an, um ihre seltsamen Rituale abzuhalten. Die ernst zu nehmenden Priester der echten Naturreligionen hatten nur Kopfschütteln dafür übrig, sie wussten, wie sie ihre spirituelle Energie auch mitten im Weltall aktivieren konnten, ohne riesiges Feuer, ohne seltsame Gewänder, und ohne große Zeremonien. Aber selbstverständlich sagte niemand auf Martåë auch nur ein Wort gegen die Rituale der Besucher, denn immerhin galt im Imperium die Freiheit des Glaubens. In jenen Monaten, wo es Sommer auf der Nordhalbkugel Martåës war, erhellte kein einziger Stern den Nachthimmel, die fernen Galaxien waren mit freiem Auge von der Planetenoberfläche aus nicht zu erkennen. Auch das war ein Erlebnis für Touristen aus dem ganzen Imperium, aber die Hauptsaisonen waren doch jene Zeiten, wenn der Kontrast von einer Hälfte des Himmels zur anderen am Auffälligsten zu erkennen war. Außerdem hielten die meisten Besucher den Anblick eines total leeren Himmels für etwas deprimierend, und so verzeichneten die Beherbergungsbetriebe in dieser Jahreszeit einen erheblichen Rückgang der Nächtigungen. Nur wenige Exzentriker und solche, die gerne dafür gehalten werden wollten, besuchten in diesen Monaten Martåë. So wie etwa der Lyriker Angrol toKolpor von Arkon I. In seiner berühmten ‚Ode an die lange Nacht‘ beschrieb er in 753 dreizeiligen Versen die Einsamkeit des sternenlosen Himmels von Martåë, und es geht das Gerücht, dass schon so mancher Arkonide nach der Lektüre dieser Zeilen seinem Leben ein Ende setzte. Manche ergänzten diese Erzählung mit der Bemerkung, dass sie wahrscheinlich die pure Langeweile während des Lesens in den Freitod getrieben hätte.

*

System ZAS-359/33

Die VOM’ZUKAOS war ein kombiniertes Passagier- Post- und Frachtschiff. In ihrem kugelförmigen Rumpf mit 700 Metern Durchmesser fanden 800 Passagiere Platz, mit Personal und Besatzung waren beinahe 1.250 Personen an Bord. Sie befuhr eine konstante Route bis in die Nähe des Zentrums des Mitte-Nordsektors und wieder zurück zu einigen der Randwelten, brachte Urlauber nach Martåë und wieder retour zur Hauptwelt, von wo aus sie dann ihren Heimflug antreten konnten. Eine Runde dauerte ungefähr fünfzehn Wochen, ohne lange Aufenthalte. Etwa vier Stunden hatten die Passagiere Zeit für einen Landgang, die Zeit reichte bei vielen Planeten nicht einmal aus, mit dem Shuttle die Oberfläche zu erreichen, denn auch im Großen Imperium der Arkoniden ging immer mehr Verkehr über einen der Monde oder eine entsprechende Orbitalstation. Landungen direkt auf der Planetenoberfläche waren selten geworden, auch der Neurogent legte vielen seiner Entscheidungen bereits ökologische Parameter zu Grunde. Daher lohnte ein Landgang bei dieser Art von Schiff nicht mehr, höchstens ein kleiner Rundflug, während die Besatzung das übliche Ritual abspulte. Aus- und Einstieg der Passagiere, Fracht ent- und beladen, Postsäcke abgeben und entgegen nehmen, danach heulten auch schon wieder die Sirenen, welche die Nachzügler riefen und dann donnerten die Triebwerke los, beschleunigten das Raumschiff und brachten die VOM’ZUKAOS zum nächsten Sprungpunkt, es er erfolgte der Transit durch ein Wurmloch, dann wieder verzögern, landen, das Spiel begann erneut.

Die Kabinen an Bord verfügten zwar alle über Dusche und Toilette, waren aber zumeist winzig. Eine übliche Doppelkabine maß vielleicht drei mal drei Meter, darin stand das Doppelbett zwei mal zwei Meter mit einer Ablage am Kopfteil, ein winziger Tisch und ein Stuhl, der Schrank war eingebaut. Die Luxuskabinen waren etwas größer, beinahe 12 Quadratmeter, dazu kam die Nasszelle. Auf richtigen Kreuzfahrtschiffen war deutlich mehr Platz vorhanden, und sie lagen auch lange genug im Hafen, um einen Landgang zu vielen Sehenswürdigkeiten zu erlauben. Zumeist mit einer geführten Tour in einem Shuttle mit einem geschulten Guide. Trotzdem war auch die VOM’ZUKAOS oft ausgebucht, denn sie bot den Flug zum Rand von Thanthur Lok um einiges günstiger als die reinen Passagierschiffe an.

Stegys Rub war eine typische Henida, groß, schlank, die weiblichen Formen nicht überaus stark ausgeprägt, aber doch vorhanden. Ihre Haut hatte die Farbe von poliertem Kupfer und das Haar glänzte wie gesponnenes Gold. An Bord der VOM’ZUKAOS versah sie ihren Dienst als erster Navigationsoffizier und vertrat die meiste Zeit über den Kapitän auf der Brücke, welcher sich von den Strapazen des allabendliche stattfindenden Kapitänsdinners erholen musste. Stegys war glücklich verheiratet, Molam kam wie Stegys von Henid, war ebenfalls an Bord und diente als erster Deckoffizier. Um 0400 Bordzeit herrschte noch Ruhe in den Gängen der Passagierdecks, die Stewards bereiteten das Frühstücksbuffet vor und polierten noch einmal einige Metallteile. Schon verbreitete sich der Duft von frischem Kaffee und warmem Backwerk in der Nähe des Speisesaales mit dem riesigen Klarstahlfenster. Der Rudergänger hatte nach dem Start um 0320 mit dem Feldantrieb die Lage des Schiffes so gelegt, dass durch dieses Fenster die ganze funkende Pracht von M13 in der Richtung, aus der das Schiff kam und die öde Leere in Flugrichtung gleichzeitig zu sehen waren, sobald das Schiff aus dem Transit kam, der für 0700 geplant war. Da die arkonidischen Passagen durch die Wurmlöcher immer noch je nach Individuum von mehr oder weniger starken Schmerzen begleitet waren, verzichtete die Gesellschaft nach Möglichkeit auf nächtliche Durchgänge, um den Passagieren eine ungestörte Nachtruhe zu gönnen. Um 0440 trafen die ersten Frühaufsteher im Speisesaal ein und machten sich über das Buffet her, schaufelte Delikatessen auf ihre Teller, die sie manchmal noch halb voll wieder abservieren ließen. Stewards in hellgrauen Uniformen mit weißen Kragen und violetten Ärmelstreifen servierten Tee oder Kaffee, das frisch gebackene Brot wurde regelmäßig nachgefüllt. Molam Rub dirigierte die ihm unterstehende Mannschaft mit sparsamen Gesten, wanderte stets lächelnd und gute Laune verbreitend durch den Speisesaal, fragte hier ein älteres Ehepaar nach dem Befinden, richtete dort ein paar nette Worte an zwei Verliebte auf Hochzeitsreise oder mahnte ein paar übermütige Kinder, die anderen Gäste nicht umzurennen. Pünktlich um 0675 Bordzeit nahmen die Triebwerke der VOM’ZUKAOS ihre Arbeit mit lautem Dröhnen auf und trieben das Schiff noch weiter aus dem System, in welchem die Nachtruhe abgehalten worden war, dem berechneten Transitpunkt zu, beschleunigten die VOM’ZUKAOS auf die für den Sprung günstigste Geschwindigkeit. Vor dem Bug bildete sich das den Veteranen des interstellaren Reisen bereits bekannte kugelförmige Transitfeld aus und brachte die VOM’ZUKAOS in das System von Vombars Stern.

Molam überwachte um die Zeit, in welcher der Transit statt fand, gerade die Aufräumarbeiten nach dem Frühstück und die ersten Vorbereitungen für das Mittagessen, welches pünktlich um 1000 stattfinden sollte, sein Blick fiel knapp nach dem Sprung durch das Fenster auf ein seltenes Phänomen. Der Transit einer ganzen Flotte blieb nicht ohne Lichterscheinungen, es sah aus, als zöge wenige Lichtminuten ein heftiges Gewitter vorüber. Erschreckt zuckte er zusammen, als ein schrilles Pfeifen durch das Schiff gellte und die höchste Alarmstufe ausrief, während gleichzeitig das nach dem Transit zu einem leisen Brummen zurück gegangene Geräusch der Energiemeiler spontan wieder zu einem lauten Donnern anschwoll und die Korpuskulartriebwerke mit vollem Seitenschub das Schiff aus seinem Kurs drängten.

Kapitän bitte sofort auf die Brücke“, schepperte Stegys Stimme aus den Lautsprechern. „Ich wiederhole, Kapitän sofort auf die Brücke!“ Der war über diesen Ruf alles andere als erfreut. Er hatte, wie schon sehr oft zuvor, beim Dinner am vorigen Abend einige Gläser zu viel abbekommen, aber anders konnte man als reinblütiger Arkonide von Adel diese Kolonistenabkömmlinge am Kapitänstisch doch einfach nicht ertragen. Mehr als einmal fragte er sich, ob die Bezahlung diese Anstrengung wert sei, aber was sollte er schon anderes machen? Und jetzt gab diese dumme Kuh von Kolonistin auch noch Alarm, störte seine wertvolle Ruhe, es war skandalös! Er konnte sich bei diesem Routineflug ins System von Vombar absolut keinen Grund vorstellen, der einen Alarm oder gar Volllast auf die Triebwerke gerechtfertigt hätte. Entsprechend wütend machte er sich auf den kurzen Weg von seiner Kabine zur Brücke und betrat zornig schimpfend die Zentrale.

*

System Vombars Stern

Es war Nachmittag in der planetaren Hauptstadt von Martåë, und Administrator Hens daAriga hatte sich nach einer opulenten Mahlzeit und einigen Gläsern Weines zur Ruhe begeben, die Diener, welche sich zumeist aus den hier geborenen Kolinialarkoniden rekrutierten, machten ihre Arbeit möglichst leise, denn der Administrator war selbst an seinen besten Tagen kein angenehmer Dienstherr. Das schrille Gellen der Alarmsirenen auf dem Dach der Ortungsstation zerriss die beschauliche Ruhe auf den Straßen der Hauptstadt und in den vielen Hotels, deren Gäste meistens erst am Abend aktiv wurden. Akustiksensoren auf anderen Dächern nahmen den Klang der Signale auf und aktivierten, wie es vor vielen hunderten Jahren geplant gewesen war, weitere Sirenen in der Hauptstadt, Funksignale alarmierten andere Städte und Dörfer rund um den Planeten. Seit langer Zeit hatten die akustischen Alarmlautsprecher bis auf seltene Systemüberprüfungen geschwiegen, die Martåëer mussten erst überlegen, was dieses spezielle Signal zu bedeuten hatte. RAUMALARM! Die Bevölkerung schwieg, wartete auf weitere Informationen. Dann, über Rundfunk, Trivid und Lautsprecher die Nachricht! Drei unbekannte, nicht angemeldete Objekte ohne Kennung waren am Rande des Systems aus einem Wurmloch gekommen und hielten Kurs auf Martåë. Drei Scheiben, zehn Kilometer durchmessend und zwei Kilometer hoch näherten sich dem Planeten.

Der eingeborene Ortungsspezialist hatte nicht nur den Alarm aktiviert und die Ortungsergebnisse sofort an die Nachrichtenagenturen und über die Lautsprecheranlage weiter gegeben, ohne auf Anweisungen des Administrators zu warten, sondern schaltete auch noch das Gefahrenprotokoll zu und öffnete eine direkte Verbindung über Hyperkom nach Arkon III, über welche er sämtliche ermittelte Daten dem Neurogenten direkt übersandte, noch ehe der zuständige Offizier eintraf. Auf dem Raumhafen hoben sich bereits die ersten Kreuzer der Heimatflotte in den Himmel, und so manchem in der Besatzung wurde Angst und Bange, als die Größe der ankommenden Objekte bekannt wurden. Die Schlachtschiffe des Imperiums maßen gerade einmal 800 Meter, also nicht einmal ein Zehntel der Größe des wahrscheinlichen Gegners. Und von diesen Schlachtschiffen besaß Martåë gerade eines, dazu vierzig schwere und sechzig leichte Kreuzer, die paar Raum-Luft-Jäger waren kaum der Rede wert, man war auf echte Kriegshandlungen nicht im Geringsten vorbereitet. Die Heimatflotte war ein Relikt aus früheren Tagen, in denen die noch aktiven Arkoniden in jedem Sektorenabschnitt in Thanthur Lok eine kleine, schnelle Einsatzflotte stationiert hatten, aber seit Jahrhunderten war sie nicht mehr modernisiert und ausgerüstet worden. Als die Nachricht den Neurogent erreichte, leitete dieser die Flotte, welche ursprünglich den Leerraum anfliegen sollte, sofort um und setzte die fünf Flotten um die Schlachtschiffe der Galaxisklasse mit ihren annähernd anderthalb Kilometer Durchmesser in den äußeren Sektor Mitte-Nord in Marsch.

Die Martåer waren ein aktiver Menschenschlag, die ihren Ahnen von Arkon noch sehr ähnlich sahen. Und auch wenn niemand mit ernsthaften Kampfhandlungen hier im System gerechnet hatte, wurde die Ausbildung der Besatzungen auf einem hohen Stand gehalten. Eine Frage der Ehre, fanden die Martåër, wenn schon, dann ordentlich. Also überwanden sie ihre Furcht und die Flotte nahm in der klassischen Defensivformation Kurs auf den Gegner.

Bei allen Raumteufeln, sind die Dinger riesig“, stöhnte Dammea Onghomar, hielt aber unbeirrbar den leichten Kreuzer 32 an seinem Platz in der Formation.

Damit solltest du dich doch auskennen! Du stehst doch auf riesige Dinger“, witzelte Koman Humopas anzüglich.

Das tut sie wohl“, frotzelte Maloa Ghunartani zurück. „Wahrscheinlich warst du deshalb nie in ihrem Bett. Zu kleine …!“

Achtung, Feind schleust kleinere Einheiten aus“, unterbrach Koman, an den Schmalseiten der Scheiben, die bereits verzögerten, öffneten sich gigantische Schleusentore und gaben Dutzende von sichelförmigen, von einer Spitze zur anderen 500 Meter großen Kampfschiffen frei, welche mit der ‚Schneide‘ voran flogen und in deren Mitte eine kantige Verdickung nach vorne ragten. Kampfschiffe, welche zuerst noch ungebremst auf Martåë zurasten und mit einem Feuersturm durch die Linie der wenigen Verteidiger brachen. Die Besatzung der alten 32 sah den Feuerschlag nicht einmal, bevor er durch die Schilde brach und den Kreuzer einfach zur Seite fegte.

Erst knapp vor dem Erreichen des Planeten verzögerten die Sichelschiffe mit unglaublichen Werten, danach nahmen sie die wenigen Verteidigungsstellungen auf dem Planeten selbst unter Feuer und schalteten diese mit beinahe mathematischer Präzision aus. Die großen Scheiben zerstörten im Vorbeiflug so wie nebenher noch die kümmerlichen Reste der Heimatflotte und schwenkten in eine Umlaufbahn ein, in der sie ein Dreieck mit direkten Sichtlinien bildeten. Dann nahmen sie die kleineren Kampfschiffe wieder an Bord und begannen, den Planeten aus dem Orbit ganz genau zu sondieren.

Nur wenig später öffnete sich am Rande des Systems eine Kugellinse und entließ einen siebenhundert Meter durchmessenden Kugelraumer, Sekunden danach blitzte nicht weit davon entfernt ein wahres Transitgewitter auf, als die 523. Flotte mit 475 Schiffen im System materialisierte und sofort Kurs auf Martåë nahm. Gleichzeitig funkte das Flaggschiff auf der Frequenz, welche auf jedem arkonidischen Schiff stets empfangsbereit zu sein hatte, jenes Signal, das unbewaffnete zivile Schiffe zum sofortigen Verlassen des Systems aufforderte. Stegys Rub leistete dieser Aufforderung auch sofort Folge, anstatt den Flug zu verzögern feuerten die Triebwerke in einem seitwärtigen Vektor und zwangen das Raumschiff in eine weite Kurve, während die Neuronik bereits einen Fluchtsprung berechnete, die Alarmsirene pfiff und der Kommandant zur Brücke gerufen wurde. Während der Flucht zeichneten die Ortungsgeräte der VOM’ZUKAOS die Schlacht der Arkonflotte mit den Angreifern auf.

Die arkonidischen Schiffe griffen in geschlossenen Formationen an, mit den schweren Einheiten in der Mitte, der Feuersturm, den sie entfachten, hätte ausgereicht, einen kleinen Planeten zu atomisieren. Anfangs verzeichneten die schweren Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer auch durchaus einige Erfolge gegen die kleineren sichelförmigen Kampfschiffe, die sofort wieder ihre Mutterschiffe verließen und sich auf die arkonidische Flotte stürzten. Sie reduzierten deren Anzahl ganz erheblich, bis eines der Trägerschiffe in die Schlacht eingriff und seine überschweren Geschütze zum Einsatz brachte. Dem konzentrierten Feuer dieser Kanonen fiel ein arkonidisches Schiff nach dem anderen zum Opfer, während deren Salven an den Schirmen der Scheiben beinahe wirkungslos verpufften. Arkonidische Kreuzer und Sichelschiffe lieferten sich noch Gefechte, bei denen auch so mancher Angreifer dem nanotronisch synchronisierten Feuer mehrerer Kreuzer zum Opfer fiel, aber die Scheiben zerstörten manches Mal eine ganze Gruppe mit einer Salve. Letztendlich war die Schlacht für die arkonidische Flotte verloren, ohne den Aggressoren wirklich gefährlich werden zu können. Mit der Furchtlosigkeit seelenloser Maschinen kämpfte die Flotte bis zum letzten Schiff, von den Ortungsgeräten der VOM’ZUKAOS aufgezeichnet, die sofort darauf in den Transit ging und beinahe hundert Lichtjahre zwischen sich und den Feind brachte.

Von der Wut des Kapitäns Nober enGryt war nichts mehr übrig geblieben. Als er die Brücke betrat und ihm Stegys Rub Meldung erstattete, wich zuerst die Farbe aus seinem Gesicht und er schwankte, als wolle er zusammen brechen. Dann jedoch brach das Blut seiner Vorfahren durch die dekadente Hülle und er befahl mit fester Stimme, die nichts von seinem üblichen, etwas weinerlichen Tonfall mehr hatte, den Sprung so lange wie möglich hinaus zu zögern, um zumindest noch einige wichtige Ortungsergebnisse zu ermitteln. Ergebnisse, welche dann sofort nach dem Transit an den Neurogenten übertragen werden sollten. So wurde die Besatzung der VOM’ZUKAOS Zeuge des Unterganges einer ganzen arkonidischen Flotte, 475 modernste Kriegsschiffe wurden in etwas weniger als einer Stunde vernichtet.

Die Ortungsstation auf Vombar VIII funkte noch einige Zeit Daten über die Aktivitäten auf Martåë, so etwa die Landung mehrerer Landungsboote und offensichtlich montanistische Arbeiten, bewacht von gepanzerten Fahrzeugen, bis ein Sichelschiff die Station anflog und mit einem gezielten Schuss zerstörte. Mehrere Sonden, die der Neurogent zur Beobachtung aussandte, konnten vor ihrer Vernichtung noch feststellen, dass auf allen Planeten und Asteroiden des Systems Vombar nach Metallen und ähnlichem geschürft wurde, welche zu einem gigantischen Trichter verarbeitet wurden, der in der Umlaufbahn des völlig verwüsteten dritten Planeten entstand. Auf diesem ehemals paradiesischen Planet lebte nichts mehr, außer den Ibits und den ihre Arbeit beschützenden Gobs.

Oktober 2085

Solares System, Luna

General Pounder Spaceforce Base

Die Lichter in dem großen Konferenzraum flammten auf, nur das Hologramm einer wachsenden, trichterförmigen Gitterstruktur schwebte weiter über dem großen Tisch.

Diese Schlacht war vor etwa zwei Monaten, meine Damen und Herren“, klang Tana Starlights Stimme in die bedrückte Stille. „Wir haben gedacht, die Flotten des Neurogenten wären eine Bedrohung, aber das…“ Sie wies auf den Trichter. „Das hier ist bei weitem schlimmer! 24 dieser trichterförmigen Strukturen sind im Leerraum vor M13 angemessen worden. Der Trichter hat oben einen Durchmesser von 2.600 Kilometern. Kein Fehler, mit Stiel ist das Gebilde 1.500 Kilometer hoch. Ich wiederhole, es handelt sich wirklich um Kilometer, nicht um Meter. Etwas mehr als 1.600 Meilen, wenn ihnen das veraltete System lieber ist. Diese Trägerschiffe, die für den Überfall benutzt wurden, sind knappe zehn Kilometer oder etwas über 6 Meilen groß, und sie haben gesehen, wie stark sie sind. Die Berechnungen, welche übrigens an Bord der OLYMPOS akribisch kontrolliert wurden, zeigen eine Durchschlagskraft der Trägerschiffe, die selbst unseren großen Schlachtschiffen durchaus zum Problem werden können. Zwei synchrone Treffer, und wir können das Schiff auf die Verlustliste setzen. Wenn die Trichterschiffe entsprechend stärker bewaffnet sind, dann – ich hoffe, sie lassen uns viel Zeit, um eine gigantische Flotte aufzustellen. Der Neurogent hat Miridan sofortige Einstellung der Kämpfe und die Unabhängigkeit angeboten, wenn die Republik ihn im Kampf gegen die Fremden unterstützt. Er hat den Sippen der Überschweren überaus großzügige Verträge unterbreitet. Er hat mir, also Starlight Enterprises, diese Informationen mit der Bitte um Unterstützung übersandt und eine mehr als lukrative Summe allein für die Verbesserungen in der Energieversorgung geboten. Und Unsummen für verbesserte Waffensysteme. Ich war der Meinung, ihnen diese Entwicklung in M13 nicht vorenthalten zu dürfen.“

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten trug Tana Starlight dieses Mal keine provokante Kleidung, sondern eine einfache rauchblaue Borduniform, die Haare, derzeit in ihrer natürlichen Farbe weiß, zu einem kurzen, praktischen Pagenkopf geschnitten.

Wie exakt sind diese Angaben?“, fragte Rhodan. „Und können wir ihnen glauben?“ Victoria Rhodan zuckte mit den Schultern.

Alle arkonidischen Kriegsschiffe sind aus der Umgebung der Republik Miridan verschwunden, und unsere Spezialisten haben keine Anzeichen für Manipulationen am Filmmaterial erkennen können. Was aber an sich nichts bedeuten muss. Ich habe einen Versuchsballon gestartet und ein Schiff auf seiner früher übliche Route nach Zalit geschickt, wir hatten keine Probleme. Die ZEPHYR ist dann weiter durch den zentralen Raum von Thanthur Lok in den Mitte-Nordsektor vorgedrungen, ohne aufgehalten zu, werden, die Fernortung hat diesen im Bau befindlichen Trichter bestätigt. Wenn es ein Täuschungsmanöver ist, dann ein gut vorbereitetes.“

Ich kann es mir nicht vorstellen!“ Crest legte in einer zutiefst menschlichen Geste die Fingerspitzen aneinander und lehnte sich zurück. „Auch wenn der Neurogent durchaus als KP zu betrachten ist, vielleicht sogar als mehrere Sektoren, die jeweils eigene Intelligenz besitzen und gemeinsam an einer Lösung arbeiten, so fehlte bisher allen KPs, mit denen ich sprechen und arbeiten konnte, eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Sie können schweigen, aber es fehlt die Falschheit, die Verlogenheit. Ja, wenn die Gefahr beseitigt ist, könnte er wieder zu einer Bedrohung für die Freiheit der Menschen werden. Er wird aber auch auf Buchstabe und Minute einen Vertrag, dem er zugestimmt hat, einhalten.“

Reginald Bull verschränkte mit verkniffenem Gesicht die Arme vor der Brust. „Ich nehme an, sie werden dem Neurogenten moderne Technik verkaufen wollen?“

Ein tiefer Seufzer entrang sich Victorias Brust. „Wahrscheinlich schon. Bessere Antimateriemeiler, die Schirme etwas verstärkt und die Waffenwirkung verbessern. Das sollte die Kraft der arkonidische Flotte um etwa zwanzig Prozent steigern und den Vormarsch der Fremden zumindest etwas verlangsamen. In der Zwischenzeit müssen wir unsere Streitkräfte nach allen Kräften verstärken. Mit den neuen Kompaktkonvertern von Angel Kleinschmid bringen wir in den Schiffen der VIRIBUS UNITIS-Klasse insgesamt sechs Konverterkanonen mit voller Schlagkraft unter, je eine in den Poltürmen und vier im Ringwulst, ohne dass die Schirme leiden.“

Dann können wir ja losschlagen“, rief Julian Tifflor aufgeregt. „Die drei Schiffe der Märtessenklasse von Starlight, die VIRIBUS, die GCC bringt fünf dieser Schiffe zusammen, das macht neun schwere und einige normale Schlachtschiffe, welche schon mit je zwei Kanonen ausgerüstet sind. Also drei für jede dieser Scheiben, drei Breitseiten von je fünf Konverterkanonen müssten reichen, auch diese Scheiben zu vernichten!“ „

Vielleicht! Und was dann?“ Perry Rhodan ging mit den Händen auf dem Rücken verschränkt auf und ab. „An diesen Trichterschiffen könnten wir uns die Zähne ausbeißen. Schon eines davon könnte dieser Angriffsflotte gefährlich werden, und wer weiß schon, wie viele von diesen Scheiben an Bord sind. Dann stehen wir ohne strategische Reserve da! Tana hat recht, wir müssen zuerst alle Schiffe mit den neuen Kompaktkonvertern und den Konverterkanonen ausrüsten, dann können wir uns einen Angriff überlegen.“

Stimmt, Mister Rhodan“, Tana Starlight lehnte sich zurück. „Auch der Neurogent hat berechnet, dass ein derzeitiger Angriff nicht zielführend wäre, zuerst muss er seine Kräfte sammeln und einige Flotten produzieren.“

Es schmerzt mich, ein arkonidisches System solchen Aggressoren zu überlassen, aber es stimmt. Wir müssen uns zuerst eine Reserve schaffen.“ Thora trommelte mit ihren spitzen Fingernägeln auf der Tischplatte. „Ich fürchte nur, es wird nicht das einzige System bleiben.“

Auch wenn wir den Neurogenten jetzt stärken, bleibt die terranische Flotte noch einige Schritte voraus. Reginald hat den Reintegrator, in dem die OLYMPOS entstanden ist, wieder angeworfen. Das Ergebnis möchte ich ihnen nun zeigen. Wenn sie mir bitte an Bord meiner Station folgen wollen, mit dem neuinstallierten Tor sind es nur die wenige Schritte bis Area 51, und dann sind wir auch schon beinahe da.“

Auf dem Weg erzählte Victoria beiläufig weiter. „Ich habe auch die Liga besucht und dort mit den Wyvas und den Mutaranern gesprochen.“ Rhodan runzelte die Stirn und holte Luft. „Keine Sorge, Mister Rhodan. Ich werde der GCC nicht das Geschäft verderben. Antimaterie ist eine gute Methode, den Renegaten der Liga das Handwerk zu legen. Eine sehr gute, denn ihre wichtigste Ware fällt weg, wenn Antimaterie billigere Energie liefert. Nein, ich bin hinter dem Teleportantrieb her gewesen!“

Wozu“, rätselte Perry Rhodan. „Schon die normale Wurmlochtechnologie ohne ihre Zusätze ist dem Teleportantrieb an Reichweite haushoch überlegen!“

Hm!“ Victoria grinste ihren Vater an. „Er ist ziemlich klein und billig herzustellen, besonders, wenn man kein ganzes Lichtjahr auf einen Schlag überwinden will. Außerdem war das Problem der Liga vor allem die Energieversorgung. Sechs Lichtmonate kostet etwas mehr als ein Drittel der Energie und einen wesentlich kleineren Antrieb, als es das Aggregat für ein ganzes Lichtjahr ist. Der Teleportantrieb könnte ein Fluchtweg nicht nur, aber auch für einen Jäger sein, der dann von einer ganz anderen Seite wieder auftauchen und angreifen kann. Da reichen doch schon zehn oder zwanzig Lichtminuten, außerdem sind Entfernung und Zielpunkt ausschließlich vom Steuerimpuls abhängig, nicht von Flugrichtung und Geschwindigkeit vor dem Sprung. Es ist also sogar möglich, aus dem Stand zu springen. Ordentlich programmiert kann ein ganzes Geschwader in Formation gleichzeitig hin- und dann synchron wieder zurück springen!“ Dann beugte sie sich zu Perry Rhodans Ohr. „Und stell dir einen Sprengkopf vor, der aus einer Entfernung von 20 Lichtminuten entmaterialisiert abgefeuert wird. Ein wenig Antimaterie, die Fesselfelder fallen aus, und KABUMM!“, flüsterte sie ihm leise zu.

Rhodan blieb abrupt stehen. „Im Ernst?“ fragte er fassungslos. Seine Tochter hob kurz die Augenbrauen.

Vielleicht. Fragen sie in ein paar Monaten wieder, Mister Rhodan“, sagte sie wieder in normaler Lautstärke. „Wollen wir weiter gehen?“

System Reggys Stern,

An Bord der OLYMPOS

Nach einem kurzen Probeflug von insgesamt fünf Monaten zu einigen interessanten Sonnensystemen war die OLYMPOS wieder in das System von Reggys System zurückgekehrt, in dem Reginald Meunier mit seiner schwangeren Frau an Bord der MARIE JEANNE DU BARRY zurückgeblieben war, um seine neueste Idee zu verwirklichen. Als die OLYMPOS dann vor wenigen Tagen eingetroffen war, konnte Tana sowohl ihre Enkelin Claudine in den Arm nehmen, als auch Reginalds Werk begutachten. Sie war beeindruckt gewesen, Reginald hatte ganze Arbeit geleistet, sein Werk schwebte nun ganz in der Nähe der Station. Tana Starlight brachte ihre Gäste zuerst in bequemen Hotelzimmern unter, dann lud sie die in ihre Identität eingeweihten Personen zu einer Mahlzeit in das ‚Chez Catherine‘ von Maurice in der obersten Etage des zentralen Liftes ein.

Ich habe es die prophezeit, Perry, und hier ist es auch schon, das Kind von Marie France und Reginald.“ Thora hatte ihre Urenkelin auf den Arm genommen, sie hatte das kleine Mädchen sogleich in ihr Herz geschlossen.

Perry Rhodan stöhnte leise. „Uropa, das klingt ja so, als wäre ich schon ein alter Mann!“

Du bist ein alter Mann“, warf Bully ein. „Du siehst nur nicht so aus!“

Auch du, mein Sohn?“, deklamierte Perry, und Christian erwiderte trocken:

Noch nicht, aber wir üben ja auch noch!“ Heiteres Gelächter belohnte den kleinen Scherz, dann wurde Rhodan ernst.

Was hast du ausgetüftelt, Reginald?“

PERRY!“ Thora trat ihren Mann auf die Zehen. „Da stehen diese köstlichen Speisen vor ihm, ein edler Tropfen, seine erste Urenkelin strahlt in an …“, vertraute sie mit erhobenem Blick verzweifelt einem höheren Wesen an.

ERSTE?“, rief nun Perry Rhodan, und Thora lachte.

Wart’s nur ab! Also, iss, trink und dann kannst du fragen.“

Ach, Oma. Zeigen kann ich es ja schon einmal, ich bin einigermaßen stolz darauf. Dort draußen, das erste Schiff der NEITH-Klasse, die HATHOR!“

Atlan schloss die Augen. Neith! Die schöne Frau, mit der er einige hundert Menschen vom Gilf elKebir zum Nil gebracht und damit den Grundstock zur ägyptischen Zivilisation gelegt hatte. Seine Lehrmeisterin in vielen, vor allem in Liebesdingen. Ein warmes Gefühl der Zuneigung den Menschen an diesem Tisch gegenüber überkam den alten Arkoniden. Er hatte einmal im kleinen Kreis von dieser Frau geschwärmt, und nun benannte die Tochter eines seiner besten Freunde eine ganze Schiffsklasse nach ihr. Er öffnete die Augen wieder und sah zu der Raumkugel hinüber. Von der sichtbaren Nordhalbkugel der HATHOR blinzelte ein Bild der schönen Namensgeberin herüber, über ihrem Haupt das Gehörn einer Kuh mit der Sonnenscheibe dazwischen und einem Was-Stab mit der gegabelten Spitze in den Händen, zwischen den Zinken strahlten Funken.

Darum hast Du mich so nach ihrem Aussehen gefragt?“ Atlan lächelte versonnen. „Dein Künstler hat gut gearbeitet, das Gesicht ist nicht schlecht getroffen. Bei der Figur hat er allerdings ein klein wenig übertrieben, und das Gewand – aber das Bild ist gut! Welche Unterschiede zur Mätressen-Klasse gibt es?“

Nun ja“, begann Reginald Meunier trocken. „Wir haben die Zelle ein wenig vergrößert, die Triebwerke verbessert, die Kompaktkonverter eingebaut, die Hangare eine Spur vergrößert, die Schilde verstärkt und etwas mehr an Bewaffnung untergebracht.“ Reginald schob einen Bissen des ausgezeichneten Bœuf a la mode in den Mund und kaute zufrieden.

Um wie viel vergrößert, verbessert und verstärkt?“, insistierte Perry Rhodan, und Atlan grinste.

Wie ich deinen Enkel kenne, ganz ordentlich. Fünfzehnhundert, Reginald?“

Der nickte. „Beinahe richtig. Ohne Ringwulst 1.600 Meter. Dieser Wulst ist 250 Meter hoch und 200 von der Kugelzelle abstehend. Acht Konverterkanonen im Ringwulst, in den Decks 225 Meter von den Polen entfernt, jeweils ein Ring mit vier, und je eine in den beiden Polkuppeln, insgesamt also 18 Konverterkanonen, mit einer maximalen Breitseite auf ein Ziel von 13. In der nördlichen Kuppel zudem je zwei zweihundertfünfzig Zentimeter Impuls- und Desintegratorkanonen, in der südlichen zwei Thermokanonen und zwei Desintegratoren gleichen Kalibers, im Ringwulst sind noch acht Türme, in jedem je eine Thermo-, eine Desintegrator- und eine Impulsvariante dieser großkalibrigen Geschütze. Dazu noch zwei Kanonendecks, eines 150 Meter und eines 425 Meter von den Polen entfernt mit der üblichen Mischung aus mittleren und leichten Schnellfeuerkanonen zur Abwehr kleiner, schneller Angreifer, und mit den Narkose- und Hypnostrahlern. Acht Hangars in der Nordhalbkugel für insgesamt 16 Fregatten der neuen 80 – Meter – Klasse, in der südlichen für 24 Korvetten. Dazu noch 60 von den kleinen Patrouillenbooten und 500 Jäger der verschiedensten Typen, derzeit in erster Linie Drohnen. Katapultstart für 10 Jagdmaschinen gleichzeitig. 80 Schützenpanzer, 40 Schwebetanks vom Typ Skorpion, bequemer Platz für 300 Infanteristen. Fünffacher Schutzschirm! Habe ich etwas ausgelassen? Ach ja, der Teleportgenerator reicht für ein halbes Lichtjahr. Wenn wir einmal ganz schnell türmen müssen“, grinste Reginald.

Die Besatzungsstärke?“ fragte Perry Rhodan, ein wenig fassungslos.

Also 500 Piloten“, zählte Reginald auf. „Je Fregatte 20 Personen, pro Korvette 15, Wissenschaftler, Ärzte, Infanteristen, Techniker, Monteure, Köche, sonstiges Hilfspersonal, alles inklusive etwa zweitausend Personen. Ich habe 2.300 Einzelkabinen mit einer halbwegs komfortablen Größe von 20 Quadratmetern und 600 doppelt so große Doppelkabinen eingeplant, damit man einige Reserveleute und vielleicht auch Paare an Bord nehmen kann. Dazu noch 50 Suiten mit zwei Zimmern, pro Suite 60 Quadratmeter. Für die Offiziere und falls auch einmal Gäste an Bord der HATHOR genommen werden müssen, oder Special Officers des Mutantencorps. Selbstverständlich verfügen alle Unterkünfte, auch die kleinen, über eine eigene Dusche und Toilette. Mit an Bord sind ein großes Schwimmbad, Sauna, einige Speisesäle mit unterschiedlichen Küchen, Bars, Fitnessstudios und ähnliche Kleinigkeiten. Einige Aussichtskuppeln mit direktem Blick und so. Ich hoffe, das reicht, damit sich die Besatzung wohl fühlt.“

Und wo nimmst du so schnell die zweitausend Leute her, Kleines?“, runzelte Thora die Stirn.

Zum größten Teil von der FARNESE“, antwortete Victoria, ihr Blick schweifte in die Ferne. „Ghomas eingespieltes Team. Hemghat sandte mir einiges an Personal, einige Topsider sind zu Abenteuern bereit und überglücklich, eine Fregatte oder eine Korvette fliegen zu dürfen. Auch aus der Liga gab es Bewerber für einen Posten bei Starlights, letztere müssen aber einmal auf die Academy. Die Bedienung arkonidisch-terranischer Technik muss ihnen erst in Fleisch und Blut übergehen. Besonders für nicht kosmonautisch ausgebildetes Personal hatte ich mehr als genügend Bewerbungen, da brauchte ich nur noch auswählen. Bei den Infanteristen stellen einige wieder die Kh’entha’hour, eine ganze Kompanie Bhekonidinnen hat sich gemeldet, du weißt ja, was für Adrenalinjunkies das sind, dazu einige Ssossri und Topsider. Sogar einige Raumferronen haben sich schon gemeldet, vor allem kosmonautische Offiziere, damit kann ich dann die restlichen Fregatten und Korvetten besetzen.“ Victoria lachte launisch auf. „Sie wissen nur noch nicht, was für ein Schiff sie erwartet, in der Ausschreibung war nur von einem Schlachtschiff die Rede!“

Und wo ist die NEITH, die der Klasse ihren Namen gibt?“ fragte Atlan gespannt.

Nun ja.“ Victoria malte mit dem Fuß ihres langstieligen Weinglases Kreise auf die Tischplatte. „Ich habe ein gutes Angebot für ein Schiff der VIRIBUS-Klasse. Möchtest Du in etwa vier Monaten tauschen, die VIRIBUS UNITIS gegen eine NEITH, wenn du möchtest mit Umbauten nach deinem Wunsch. Paps gebe ich die Pläne, damit kann er sich die Schiffe der NEITH-Klasse selber bauen.“ Einmal mehr lachte sie ihren Vater an. „Ich wette, für das erste Schiff schwebt dir bereits der Name LIBERTY vor!“

Perry Rhodan lachte dieses Mal zurück. „Nicht ganz. Eigentlich wollte ich es INTREPID nennen.“ Er schob den Chip mit den Plänen zurück. „Nächstes Monat, wenn es fertig wird. Nur habe ich keine Fregatten an Bord, sondern 48 Korvetten. Auch wir haben die letzte Zeit nicht nur geschlafen, junge Dame!“

Nach ‚the Tough old Lady‘ benannt!“ Victoria nickte lächelnd. „Das ist ein angemessener Name für ein gutes Schiff!“ Sie hob ihr Glas. „Auf die Menschen, wie immer sie aussehen mögen.“

November 2085

System Morghay, Ghi’eën

Auf dem Gelände der europäischen Botschaft zwischen den beiden großen Blöcken Taroccanien und Nordmagrem auf dem Planeten Ghi’eën bereitete ihre Mannschaft die Korvette PORTO auf den Start vor. Die Verhandlungen mit den Regierungsvertretern beider Mächte waren erstaunlich problemlos verlaufen, beide Präsidentinnen hatten den Handelsverträgen nach einigen Veränderungen zugestimmt und sich rasch auf den Ort der Botschaft geeinigt. Dieses Gebiet war bereits seit langem neutraler Boden im Niemandsland zwischen den Grenzen, hier waren schon viele Verträge zwischen den beiden Staaten geschlossen worden. Nach der Rettung der Astronauten waren rund fünf Monate vergangen, und ein behelfsmäßiger Bau beherbergte bereits einige offizielle Vertreter der Europäischen Union und der Vereinten Nationen unter für Menschen der Erde angenehmen Schwerkraftverhältnissen.

Isabella Esteves saß auf der Brücke und lauschte, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, mit halbem Ohr den Starvorbereitungen. Ihre Mission war unterbrochen, die Wissenschaftler auf Ghi’eën willkommen und kamen mit Feuereifer ihren Professionen nach. Auf diesem Flug sollte sie unter anderem einige Ghi’eëner zur Erde bringen, denn einige hatten sich auf verschiedenen Raumfahrtakademien beworben und diese hatten einige dieser Bewerbungen akzeptiert. Während der Reise sollten die Bewerber bereits eine grundlegende Hypnoschulung erfahren, so etwa die arkonidische Sprache und einige Hintergrundinformationen über die Erde, Arkon und die Verhältnisse in dieser Gegend der Galaxis betreffend.

Damit ihr nicht in Ohnmacht fallt, wenn ihr einen Sauroiden zu Gesicht bekommt“, hatte Isabella zu Bheri gesagt und seine breite, völlig haarlose Brust gestreichelt. „Oder noch schlimmer, ihr könntet ihm vielleicht noch etwas antun! Die wir kennen, leben alle unter erdähnlichen Gravitationsverhältnissen.“ Bheri hatte mit ihrem Haar gespielt, das ihn immer noch faszinierte.

Hältst du mich denn für einen solchen Barbaren?“, fragte er und hob die Augenbrauen.

Oh ja“, hatte sie ihn geneckt. „Ich werde die barbarische, brutale Kraft deiner … Muskeln vermissen, wenn du zur OLYMPOS aufbrichst.“

Er hatte obszön gegrinst. „Und ich deine … Löckchen! Schade, dass ich nicht hier unter dir – also unter deinem Kommando – meine Ausbildung erhalten kann.“

Zuerst mindestens ein Jahr Hypnoschulung in der Theorie der Überlichtschnellen Raumfahrt und Grundausbildung.“ Sie küsste seine Nasenspitze. „Oh ja, mach genau so weiter, hör nicht auf. Und selbstverständlich psychologische Tests. Alles vorgeschrieben. Früher musste man noch viel länger auf einer Akademie bleiben, jetzt lernt man vieles in der Praxis.“

Aber gleich ein Vertrag für zehn Jahre“, beschwerte sich Bheri. „Na, gut, nur irdische Jahre, aber trotzdem. Eine lange Zeit!“

Du solltest stolz sein. Tana Starlight nimmt nicht jeden!“ Sie schwang ein Bein über ihn. „Lass uns die Zeit, die uns noch bleibt, doch sinnvoller nutzen als mit jammern, mein großer Barbar!“

Und jetzt, während die Startvorbereitungen liefen, lagen die drei Taroccaner und drei Nordmagremer auf den Liegen der Hypnoschulung und erhielten ihre erste Injektion Naniten als Vorbereitung auf die Schulung.

CO, klar Schiff zum Start!“ meldete Antonio Rantocci.

Dann bringen sie uns ins All, XO. Heimatkurs“, befahl Isabella. Alles in allem war es doch ein recht guter und erfolgreicher Erstkontakt gewesen.

Thanthur Lok, Sektor spinwärts-süd, mittlerer Bereich

System BKT- 381/31, Planet Ende der Träume

Es war das System eines alten, roten Zwerges, dessen zweiter Planet früher multiple und teilweise sehr komplexe Lebensformen beherbergt hatte. Jetzt war dieser Planet aber nur noch eine eisige, lebensfeindliche Steinkugel, auf der noch einige Ruinen der früheren Bewohnern in den luftleeren Himmel ragten und von der Hoffnung und den Träumen einer Zivilisation und deren unerbittlichem Ende zeugten. Schon als die Arkoniden M13 kolonisierten, fanden sie diese Situation genau so vor und in einer stillen Minute wurde ihnen klar, dass sie hier auch vor ihrer eigenen Zukunft standen. Kapitän Torok maAnlaan schnitt damals mit seinen Schiffsgeschützen ein stilisiertes Monument in einen Berghang, das an die unausweichliche Vergänglichkeit jedes Lebens erinnern sollte. Sowohl der damalige Imperator als auch der Rat akzeptierten und billigten nachträglich das Vorgehen des Kapitäns, das Monument wurde offiziell anerkannt und der Planet als überkonfessionelle Andachtsstätte registriert. Hierher kamen eine lange Zeit hindurch verfeindete arkonidische Familien, um ohne Kampf und Blutvergießen zu verhandeln, und selbst unter den Mehandor galt dieses System als ein beinahe heiliges, in welchem alle Feindschaften zwischen den Sippen bis zum Verlassen der Bahn des äußersten Planeten zu schweigen hatten. Das abfeuern, ja schon das ziehen einer Waffe oder ein gefangen setzen eines Anwesenden hatte die Ächtung der gesamten Sippe zur Folge, ähnlich dem Bruch eines abgeschlossenen Vertrages. Die Oberfläche des inneren Planeten, der nie ein Paradies gewesen war, hatten starke Ausbrüche, so genannte ‚Flares‘, später völlig verbrannt, und weiter draußen im All waren nur noch einige Zwergplaneten und als äußerster Rand ein Gasriese zu finden. Dieser riesige Planet war mit nicht ganz 12 Mal der Masse des solaren Jupiters nur beinahe groß genug, um zum braunen Zwerg zu werden, doch vereinzelte Kernfusionen fanden bereits statt und überzogen die dunkle Oberfläche mit einem seltsamen Muster an Irrlichtern.

In der Nähe dieses Gasriesen kam ein kleines, scheibenförmiges Raumschiff aus dem kugelförmigen Transitfeld einer Wurmlochverbindung und jagte, mit hohen Werten verzögernd, auf den zweiten Planeten zu. Unaufhörlich tasteten hochwertige Ortungsgeräte das All nach Auffälligkeiten und eventuellen Resten energetischer Signaturen ab, und erst, als tatsächlich nichts zu finden war, schwenkte die PB-HAT 01 in den Orbit. Die Bodenschleuse öffnete sich, und eine Nachrichtenkapsel mit noch deaktiviertem Funkpeiler wurde ausgesetzt.

Tana Starlight ruft den Neurogenten von Arkon“, ging das Rufsignal durch die überlichtschnelle Kommunikationsanlage.

Ich höre!“ Eine sorgfältig modulierte Baritonstimme kam aus den Lautsprechern, die Arkoniden hatten ihrem Computer ein durchaus angenehmes Timbre verliehen. Auf dem Bildschirm entstand das Symbol der Tiga Ranton, die drei Planeten Arkons, welches der Neurogent als sein optisches Siegel verwendete.

Ich bin mit deinem Angebot einverstanden, Neurogent“, bekundete Tana. „Ich habe die Pläne für die verbesserten Antimateriemeiler, Schirme und Thermogeschütze dort hinterlegt, von wo ich dich anrufe. Die Bezahlung der Lizenzgebühren erfolgt wie angeboten teils als Gutschriften auf die Handelsbank der Springer, teils als Gutschriften auf die Zentralbank Arkons und teilweise in Waren, lieferbar in die Niederlassungen meiner Firma in Thanthur Lok. Meine Angestellten, meine Familie und ich selbst sind, solange wir gegen kein arkonidisches Gesetz verstoßen, vor jeder Verfolgung sicher und wir dürfen uns in Thanthur Lok frei bewegen und unseren legalen Geschäften nachgehen!“

So habe ich es vorgeschlagen, Tana Starlight!“

Ich bekomme unverzüglich alle neuen Informationen über die Invasoren?“, verlangte sie.

Ich habe die Notwendigkeit für einen solchen Schritt mit 98,59 Prozent berechnet. Ich erhalte im Gegenzug alle ihre Erkenntnisse über den Feind“, forderte die Maschine ihrerseits.

Einverstanden! Wie lange gilt diese Zusicherung unserer absoluten Freiheit?“, fragte Tana.

Machen Sie einen Vorschlag!“ bat der Neurogent, Starlight überlegte. ‚Ewig‘ war eine unsinnige Forderung an eine Maschine, auch dem intelligentesten Rechner sollte, nein musste man klare Zahlen nennen, um später nicht enttäuscht zu werden.

Minimum fünf Jahre nach einer Benachrichtigung an mich oder meinen Erben persönlich über das Ende unserer Handelsbeziehung.“

Einverstanden, Tana Starlight. Sie sind im System BKT-182/73?“

Bestätigt!“

Übertragen sie ihr Gesicht zur späteren Identifizierung!“ Starlight schaltete und erschien nun in der Erfassung der Maschine.

Ihr Bild wurde gespeichert, Tana Starlight. Ich entsende ein Schiff zur Bergung der Pläne!“

Sie werden leicht zu finden sein!“ versprach sie, aktivierte mit einem Funkimpuls den Peiler und beschleunigte ihr kleines Boot aus dem System. Das bald darauf eintreffende Robotschiff bemerkte nur das Verschwinden eines Ortungsimpulses, Tana Starlight hatte nicht vor, alle ihre Geheimnisse zu verkaufen.

Einige Lichtjahre entfernt wartete ein mächtiges Schlachtschiff auf das kleine Boot. Die 1.600 Meter durchmessende TSS BS 004 HATHOR öffnete eine kleinere Schleuse, und Victoria steuerte das Boot gekonnt zu seinem Liegeplatz. Christian, Leslie und Crest erwarteten sie bereits in der Schleusenkammer, als sie den Zentrallift der PB-HAT 01 ausfuhr und die Scheibe verließ.

Es ist erledigt und alles ist gut gegangen“, beruhigte Tana ihren Mann, ihre Freundin und den Onkel. „Aber ich bin dabei ganz schön ins Schwitzen gekommen!“ Sie küsste Christian kurz, aber innig. „Hathor? Bitte eine Verbindung zu Ghoma!“ Das Hologramm der großen Mehandor erschien vor Tana in der Luft. „Es geht los, Ghoma. Bring die HATHOR bitte in die Nähe von Vombars Stern.“

Natürlich, Tana. Sonst noch irgendwelche Befehle?“, fragte die rothaarige große Frau nach.

Lass uns doch bitte für die unbekannten Wesen noch unsichtbar bleiben!“

Ghoma lachte auf. „Wird gemacht. Ghoma aus!“

Victoria grinste und zauste ihr eigenes Haar. „Jetzt möchte ich eine Dusche und ein wenig Trost und Zuspruch von meinem lieben Ehemann. Wir sehen uns später!“

Leslie sah den beiden nach. „Trost und Zuspruch könnte ich jetzt auch brauchen. Warum müssen wir den Teufeln unbedingt direkt vor die Hufe springen?“, jammerte sie, nicht so ganz ernst. „Ich bin für die Etappe geboren, nicht für einen Einsatz direkt an der Front!“

Arme Leslie!“ tröstete Crest. „Darf ich dir meine Schulter zum Anlehnen anbieten?“

Wird dann Ghoma nicht eifersüchtig?“, fragte sie mit warnend erhobenem Zeigefinger.

Kaum“, lachte der Arkonide. „Es war nur ein Mal, es war zumindest für mich sehr schön, hat sich aber nie wiederholt. Wir hatten unsere Freude, aber ein Paar sind wir nie geworden!“ Er zuckte mit den Schultern, eine Geste, die er schon lange von den Menschen übernommen hatte. „Was immer Thora von ihrem alten Onkel zu wissen glaubt, manchmal ist er auch zu solchen Eskapaden und dem einen oder anderen One-Night-Stand aufgelegt.“

Gut zu wissen, alter Onkel!“ Leslie wackelte mit den Augenbrauen. „Dann tröste mich doch einmal!“

Nur ein Mal?“ hakte Crest nach, und Leslie streckte ihm nicht ganz Ladylike die Zunge heraus.

Na schön!“ seufzte Crest. „Es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein.“ Während die HATHOR ihrem Sprungpunkt zustrebte, brachte der Arkonide Leslie in seine Kabine…

Crest betrachtete das entspannt lächelnde Gesicht von Leslie Myers auf seinem Kissen und fragte sich, warum er das Gesicht früher immer ein wenig langweilig gefunden hatte. Die Frau war zwar keine ausgesprochene Schönheit, aber eigentlich doch sehr anziehend. Sie hatte auch keine ausladenden Formen wie zum Beispiel Ghoma, sie war nicht groß, ein klein wenig mollig und doch war sie von den Haar- bis zu den Zehenspitzen pure Sinnlichkeit und Erotik. Er genoss ihren Anblick, bis sie wieder die Augen öffnete.

Für einen alten Onkel bist du noch ziemlich fit, Arkonide!“ bemerkte sie, zufrieden lächelnd.

Vitamine, Sport – und natürlich ein Zellaktivator“, bemerkte er und wackelte mit den Augenbrauen.

Hm, natürlich. Genau das wird es sein“, nickte sie.

Und, bist du jetzt getröstet?“ fragte Crest leise.

Ein wenig schon!“ murmelte Leslie.

Mehr?“ Er streichelte ihre Wange zärtlich mit dem Zeigefinger, Leslie riss die Augen auf.

Bist du sicher, dass du Arkonide bist? Aber ja, nur zu gerne!“

Ganz sicher!“ flüsterte er noch gegen ihre Lippen, ehe er sie wieder küsste, an sich zog und sie noch einmal tröstete.

System Reggys Stern

Auf der Olympos

Die Unterkünfte der Kadetten auf der OLYMPOS waren im Deck Hongkong untergebracht, alle mit dem für Starlight Enterprises selbstverständlich gewordenen Luxus mit Einzelbelegung, eigener Nasszelle und mit 18 Quadratmetern auch nicht allzu klein ausgefallen. Im Zentrum der Starlight Space Academy war der große Speise- und Versammlungsraum, wo auch die neuen Kadetten vom Leiter der Anstalt, Colonel Bruce Doughall begrüßt wurden. Bheri Odheen hatte sich auf dem Flug mit Shobia Deeterut aus Nordmagrem und einem großen, untersetzten und gemütlichen Terraner aus Europa, Nils Olafson, angefreundet, der Exobiologie studieren wollte. Hier nun sah er, dass mit anderen Schiffen noch mehr Kadetten eingetroffen waren. Eine humanoide Frau mit plüschigem Fell, auch im Gesicht und auf den Handrücken, sie hatte sich als ŮtuGhan vorgestellt. Zwei Wobater mit ihren kleinen Hörnern, MukPol und WenLop mit Namen, die Wyvas AmœPeg und YjûSag, den Mutaraner HolKom, eine große, sehr schlanke Frau von Lub Mor mit Namen Daja Sibseg, einige Saurierwesen ohne Schwanz, die man Ssossri nannte und solche mit Schwanz, die Topsider. Der ehemalige Major hatte die Namen gar nicht alle behalten können, so schnell folgten die Vorstellungen einander.

Setzen!“ bellte der Adjutant des Colonel in das Mikrophon und die Lautsprecher verstärkten die Stimme, damit sie das Stimmengewirr übertönen konnte. Ruhe kehrte ein, als jeder sich einen Stuhl nahm und an einen großen, U-förmigen Tisch Platz nahm.

Meine Damen und Herren Kadetten. Der heutige Tag bringt auch für mich etwas Neues. Üblicherweise sitzen dort, wo sie jetzt sind, ausschließlich eine Horde Jugendlicher, heute habe ich es zudem mit mehreren Menschen zu tun, die bereits bewiesen haben, dass sie mit beiden Beinen im Leben stehen. Diese Kadetten fragen sich wahrscheinlich, was sie hier sollen. Die Antwort ist ganz einfach. Sie müssen lernen, ihrem Nachbarn ihr Leben anzuvertrauen, ob er spitze oder runde Ohren hat, Schuppen, Chitinpanzer oder Haut. Und er muss lernen, dass er ihnen vertrauen kann. Instinktiv, restlos, ohne langes Überlegen. Dazu natürlich Simulatortraining und jede Menge Hypnoschulungen in der Theorie modernster Technologie und diversen kosmonautischen Disziplinen!“ Der Colonel erlaubte sich ein sparsames Lächeln. „Sie haben zu Hause schon jahrelang für ihre Missionen gelernt, und jetzt beginnt alles wieder von vorne. Und glauben sie mir, es wird schwieriger, weit schwieriger, als es jetzt scheint. Wir werden sie Stress ohne Ende aussetzen, wir werden sie provozieren und provozieren und dabei bis zum Umfallen testen. Am Ende wird es sich weisen, ob und wann sie den Anforderungen gerecht werden und das Offizierspatent der Starlight Academy erhalten. Noch kurz eines. Hier werden Mädchen und Jungs nicht getrennt, wir halten sie alle für reif genug, Verantwortungsvoll mit diesem Umstand und dieser Freiheit umzugehen. Der erste Lehrgang noch heute Nachmittag wird eine Orientierung die Station betreffend sein, in ihrer dienstfreien Zeit steht ihnen selbstverständlich der gesamte öffentliche Raum der OLYMPOS zur Verfügung, aber ich habe eine Bitte an die älteren Kadetten. Gehen sie den jugendlichen Kameraden mit gutem Beispiel voran und halten sie sich an den Zapfenstreich um Mitternacht. Danke. Und nun wünsche ich ihnen noch viel Erfolg.“

Ihr zwei seht aus wie Terraner, nur mit sehr ausgeprägten Muskeln!“ erklang es hinter den beiden Ghi’eënern. „Allerdings seid ihr keine Jugendlichen mehr, also denke ich, ihr kommt wie wir nicht von Terra!“ ŮtuGhan und Daja Sibseg hatten sich zu ihnen gesellt.

Es tut mir leid“, entschuldigte sich Daja. „Ich bin sicher, wir haben einander schon vorgestellt, aber bei der Menge an Eindrücken…! Also, ich bin Daja Sibseg von Planeten Lub Mor, ŮtuGhan stammt von Pufyr. Wir haben in der Hypnoschulung von der terranischen Sitte des Händedrucks gelernt. Auf gute Kameradschaft?“

Gerne!“ Bheri ergriff zuerst die Hand der fast zwei Meter großen Daja, dann die von ŮtuGhan. Er fühlte das plüschige Fell auf dem Handrücken und strich mehrere Male mit dem Daumen darüber. „Entschuldige bitte, deine Hand fühlte sich nur so weich und angenehm an!“ Rasch ließ er die Hand los.

Kein Problem“, lachte ŮtuGhan.

Ich denke, wir sollten schon über Abweichungen und Gemeinsamkeiten Bescheid wissen“, warf Sibseg ein. „Schon wegen eventueller Erstversorgung bei Verletzungen.“

Das finde ich eine gute Idee!“ Die Stimme klang etwas zischend, und als sie sich umwandten, stand einer der Sauroiden mit grünen Schuppen vor ihnen. Jetzt war Bheri für die Hypnoschulung dankbar, denn der Ssossri sah einer der gefährlichen Raubechsen seiner Heimat sehr ähnlich. Nur, dass diese Zehengänger mit einem langen Schwanz waren, während die Ssossri zu Sohlengängern mit stark ausgeprägtem Gluteus maximus geworden waren.

Mein Name ist Assasagha vom Planeten Ssossri.“ Shobia Deeterut betrachtete die Federn am Kopf des Sauroiden.

Du bist eine Frau, wenn die Hypnoschulung richtig war!“ bemerkte sie.

Das ist richtig!“ Assasagha stellte ihre weißen Kopffedern auf. „Und wenn meine Informationen stimmen, du auch. Und auch ŮtuGhan, habe ich mir das richtig gemerkt? Danke. Und du auch?“, wandte sie sich an die Lub Mora. „Daja, und es ist richtig, auch ich bin weiblich!“

Hervorragend!“ freute sich die Ssossri. „Ich gestehe, es fällt mir immer noch nicht leicht, die sichtbaren Attribute zu deuten, mit denen ihr euch unterscheidet.“

Ich habe gehört, manchmal fällt das sogar Menschen selber schwer!“ Auf seinen Säulenbeinen war der Mutaraner HolKom herangetreten und klickte belustigt mit den Mandibeln, während ein Gerät die Schwingungen seiner Fühler in hörbare Worte verwandelte.

Und wie erkennt ihr Mutaraner das andere Geschlecht?“ fragte Bheri interessiert.

An den Pheromonen, wenn es so weit ist. Zu jeder anderen Zeit ist das Geschlecht völlig irrelevant. Die ständige Bereitschaft der Homoniden zur Paarung, der dann doch kein Nachwuchs entspringt, und die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen den Geschlechtern im Alltag wird uns Mutaranern stets ein Rätsel bleiben!“

Überall im Saal fanden sich Grüppchen neuer Kadetten, um sich kennen zu lernen und mit einander zu plaudern. Bheri hatte den Kaffeespender entdeckt und entschuldigte sich, er hatte bereits eine gewisse Vorliebe für dieses Getränk entwickelt. Gleich daneben gab es auch die Möglichkeit, heißen oder gekühlten Tee, Fruchtsaft oder einfach Wasser mit oder ohne Kohlensäure zu erhalten. Eine der Wyvas zapfte soeben ein Glas Eistee und drehte sich um, als sie Bheri hörte.

Hallo, ich bin AmœPeg!“

Freut mich. Mein Name ist Bheri Odheen!“ Er stellte eine Tasse unter die Tülle und drückte auf den Knopf für Espresso. AmœPeg lehnte sich an einen der Tische und musterte Odheen.

Deiner Bewegung nach kommst Du von einem sehr schweren Planeten!“ sprach sie ihn schließlich an.

Oh ja, mehr als doppelt so viel, wie es hier eingestellt ist!“ Er wies auf seinen Gürtel. „Mikrograv!“ Die Wyva drehte sich ein Stück und zeigte auf das gleiche Gerät.

Eins Komma sechs nach diesem Standard, der hier gilt. Ich bin froh über diese Mikrogravs, früher konnte ich meine gewohnte Schwerkraft an Bord eines Schiffes nur in meiner Kabine einstellen. In der Liga ist auf gemischten Schiffen, wieder nach dem hiesigem Standard gemessen, eins Komma eins üblich. Da muss man ganz schön trainieren, um keinen Muskelschwund zu bekommen!“

Man sieht dir die Muskeln gar nicht so an!“ Bheri musterte die nur 167 Zentimeter große Wyva. „Du wirkst eher schlank und zierlich!“

Nicht solche Pakete wie du?“ lachte AmœPeg laut und schnippte mit dem Zeigefinger gegen seinen Bizeps. „Nein, irgendwie sind unsere Muskeln ein klein wenig anders aufgebaut als die der anderen Menschen. Unsere genetische Verwandtschaft mit den Terranern beträgt aber immer noch knappe 99,96 Prozent!“

Wir von Ghi’eën weisen 99,97 Prozent gleiche DNA im Vergleich zu den Terranern auf“, erklärte Bheri. „Aber wir sind zu 99,98 Prozent verwandt mit den Arkoniden!“

Was bedeutet“, überlegte AmœPeg laut „dass alle warmblütigen Säuger hier in diesem Raum genetisch kompatibel wären. Das kann doch kein Zufall sein!“

Wahrscheinlich nicht!“ Nils Olafson hatte sich zu ihnen gesellt. „Schon die Arkoniden haben die Theorie aufgestellt, dass alle, oder doch die meisten, warmblütigen Hominiden von einer Urspezies abstammen. Selbst Atlan hat bereits davon gehört, die These ist also schon sehr alt. Mich würden auch noch genetische Vergleiche zwischen Topsidern und Ssossri interessieren!“

Gibt es, mein terranischer Kamerad!“ Ein Topsider war zu der Gruppe getreten. „Ich bin Chrrok Schrrkh, und wie man unschwer sieht, bin ich Topsider. Also, nach der Entdeckung der Ssossri war die Mannschaft der ACHASSA mit der Untersuchung einverstanden, und auch die Genetik unserer neuen Kameraden da drüben hat man untersucht. Topsidisches Vergleichsmaterial war genügend vorhanden, und wir waren selbstverständlich mit einer vergleichenden Untersuchung einverstanden. Die Verwandtschaft beträgt, wenn man vorsichtig rechnet, etwa 99,92 Prozent. Das ist schon eine nahe Verwandtschaft, auch wenn wir visuell ganz anders aussehen.“

Nun“, AmœPeg wies auf ihre Ohren. „Sehe ich vielleicht wie eine Terranerin aus? Und trotzdem sind wir eng verwandt“

Nebensächlichkeiten“, beschied Nils. „Die meisten Organe sind identisch und sitzen an beinahe der gleichen Stelle.“

Die gleiche Ernährung“, sagte der Topsider.

Die meisten chemischen Substanzen haben zumindest sehr ähnliche Wirkung auf uns Hominide“, fuhr Nils fort.

Die gleiche Anzahl Milchdrüsen und mehr oder weniger die gleichen Fettpölsterchen um diese“, ergänzte Chrrok. „Da gibt es mehr Unterschiede bei verschiedenen Personen innerhalb einer einzelnen Subspezies der Gattung Hominiden als zwischen den Spezies selbst!“

Nicht zu vergessen die Geschlechtsorgane. Hundertprozentige Übereinstimmung in Form und durchschnittlicher Größe, an den gleichen Stellen platziert“, komplettierte Nils noch. „Nur die Kh’entha’hour sind eine ganz andere Entwicklung! Hier beträgt die Verwandtschaft aber auch nur knappe 90 Prozent.“

Na schön!“ AmœPeg trank noch einen Schluck. „Jetzt möchte ich nur zu gerne wissen, wie die Menschheit in ein paar hundert Jahren aussehen wird. Schade, dass ich das nicht mehr sehen werde!“

Wer weiß?“, lachte Nils Olafson. „Vielleicht geht es schneller als gedacht!“

Und, wie sieht es jetzt mit Ssossri und Topsidern aus?“ fragte Bheri interessiert. „Könnten die miteinander Nachwuchs produzieren?“

Theoretisch durchaus möglich!“ antwortete Chrrok. „Technisch nicht ganz einfach, könnte aber funktionieren. Vor allem wäre es eine Frage des richtigen Timings! Wenn dann die richtigen Pheromone dazu kommen – also, biologisch durchaus denkbar.“

Dezember 2086

Thanthur Lok, Sektor mittwärts-nord, äußerster Bereich

Zwei Lichtjahre vor System ZAS-491/32, Vombars Stern

Auf der Brücke der HATHOR herrschte Ruhe und im Bereich der wissenschaftlichen Abteilung stark gedämpftes Licht, nur die einprogrammierten zirpenden Geräusche der Picotronic, welche Aufmerksamkeit für ein Zwischenergebnis forderten oder damit einfach ‚Berechnung läuft noch‘ signalisierten, durchbrachen die Stille. Ein steter Strom an Informationen floss von einer Sonde, welche mit eingeschaltetem Sprungdämpfer nach Vombar gesprungen war, zum zentralen Rechner der HATHOR.

Noch keine Reaktion der Fremden?“, fragte Tana schließlich. Ghoma hatte seit ihrer Zugehörigkeit zu Starlight Enterprises viele terranische Gesten übernommen, nun schüttelte sie ihre rote Mähne.

Nichts! Entweder haben sie die Sonde noch nicht bemerkt, oder sie ignorieren sie einfach!“

Die arkonidischen Sonden haben sie doch auch vernichtet“, wandte Christian ein.

Feldantrieb! Langsam noch näher heran gehen“, befahl Victoria.

Wir sind jetzt in der Entfernung, in welcher die Fremden die arkonidischen Sonden zerstört haben!“ bemerkte Leslie. „Jetzt sind wir näher!“

Weiter wie bisher!“ Victoria starrte auf den Schirm mit der Sondenübertragung. Innerhalb der Gitterstruktur des gigantischen Trichters wurden ebenfalls noch als Gitter ausgeformte Decks gezogen.

Dafür, dass sie ohne Reintegrator arbeiten, sind sie verdammt schnell!“ Crest hatte bereits seit geraumer Zeit einige, wenn auch harmlose, Kraftworte in seinen Sprachschatz aufgenommen.

Wir nähern uns der Bahn des äußersten Planeten“, meldete die Drohnenpilotin Patrizia Werner.

Antrieb aus!“ kommandierte Victoria. „Lassen sie das Ding treiben, dann hält man die Drohne vielleicht…“ Ein Sichelschiff tauchte auf dem Bildschirm auf, der noch einmal grell aufleuchtete und dann einfach eine blaue Fläche zeigte, auf der in weiß die Worte ‚Verbindung verloren‘ zu lesen waren.

Vielleicht auch nicht“, knurrte Christian. „Aber immerhin, wir sind weiter als jede arkonidische Sonde vorher gekommen.“

Na gut!“ Victoria streckte ihren Rücken. „Patrizia, machen sie ein wenig Pause. Essen, trinken, Augen entspannen. Wir Eierköpfe überlegen uns in der Zwischenzeit eine neue Strategie!“

*

Riskieren wir noch einen Anflug und bleiben dabei außerhalb der Umlaufbahn des äußersten Planeten? Vorher scheint man uns ignoriert oder nicht wahrgenommen zu haben.“ Crest rekapitulierte noch einmal die Ereignisse und stellte eine Frage, die sie sich wohl alle schon gestellt hatten.

Was, wenn sie jetzt vorgewarnt sind und die Sonde früher bemerken?“ fragte Leslie. „Gut, wir sind dann nicht schlechter daran als jetzt, aber der Gegner weiß dann genau, dass jemand einen nicht zu ortenden Transit vollbringt.“

Das Leben ist riskant. Wenn wir nichts riskieren, gewinnen wir auch nichts.“ Victoria ging nervös auf und ab. „Aber wieviel und wann! Hey, ihr seid meine Berater, jetzt beratet mich doch!“

Dann würde ich sagen, wir schicken noch eine Sonde.“ Christian rieb sich das Kinn. „In vielleicht einer Stunde oder zwei. Dieses Mal lassen wir die Sonde nicht über die äußerste Bahn driften, sondern halten vorher. Mal sehen, was dann passiert!“

Also gut. Wenn alle einverstanden sind, probieren wir es so aus. Auf jeden Fall zuerst einmal zwei Stunden Pause.“

*

Wieder war das Licht in der wissenschaftlichen Station stark gedämpft, um die leuchtenden Anzeigen noch besser erkennbar zu machen. Am Ende des 21. Jahrhunderts benutzte man zwar schon lange keine physischen Zeiger mehr, aber bei den meisten Instrumenten war das Display immer noch kreisförmig mit einem gut sichtbaren, virtuellen Zeiger und in einen grünen, gelben und roten Bereich eingeteilt. Diese Methode war schneller mit einem Blick zu erfassen und zu verarbeiten als reine digitale Zahlenangaben, bei denen man erst überlegen musste, wieviel Spielraum bis zum ‚Anschlag‘ noch blieb. Derzeit lagen alle Werte der magnetisch ausgeworfenen Drohne im grünen Bereich, sie beschleunigte jetzt und näherte sich ihrem Sprungpunkt.

Achtung, Transit wird initiiert … jetzt“, meldete Patrizia Werner, die Siegerin der diesjährigen Wettbewerbe des Computerspieles ‚Arkons Quest‘ an Bord der OLYMPOS. Das Bild auf dem Schirm wechselte, die Feldlinsen übertrugen hervorragend scharfe Bilder.

Verzögerung und Kurswechsel mit Feldantrieb beginnt!“ Hochkonzentriert steuerte die junge Frau ihren Flugkörper, der aus nicht viel mehr als einem Wurmlochgenerator, einem Feldantrieb und jeder Menge Sensoren bestand. Eine Kugel, die aussah wie der erste Satellit der Erde, der Sputnik, und gerade sechs Meter Durchmesser hatte. Der Feldantrieb war eine Weiterentwicklung des Antigravitationsantriebes aus den Werkstätten der GCC und erlaubte die Fortbewegung ohne die ‚heißen‘ und schon allein visuell leicht zu ortenden Korpuskulartriebwerke. Leider betrug derzeit die maximale Beschleunigung nur etwa fünf Kilometer im Sekundenquadrat. Völlig ausreichend für interplanetaren Verkehr, aber es dauerte damit endlos, die für den Transit durch ein Transportfeld nötige Geschwindigkeit zu erreichen. Aber manchmal musste man sich die Zeit eben nehmen und geduldig sein.

Seit den ersten arkonidischen Sonden fliegen diese Sichelschiffe ständig Patrouille!“ bemerkte Christian. Dutzende Lichtpunkte flammten immer wieder auf und markierten die Wege der Patrouillenschiffe, sie waren durch den gesamten Raum des Systems unterwegs.

Keine auftreffenden Ortungsstrahlen!“ meldete Patrizia.

Soweit waren wir schon!“ knurrte Ghoma. „Noch geht alles gut.“

Sie fliegen ein Zufallsmuster“, bemerkte Leslie. „Oder kann jemand ein System in den Bewegungen feststellen!“

Hathor, bitte berechnen, ob den Bewegungen ein mathematisches Muster zu Grunde liegt“, befahl Victoria. „Aber ich glaube, du hast recht. Es ist ziemlich wirr!“

Es gibt immer so etwas wie eine Ordnung, ein System. Selbst im scheinbaren Chaos“, wiedersprach Christian. „Man muss sich nur einen Ameisenhaufen ansehen. Was zuerst wie das absolute Chaos aussieht, gibt bei näherer Betrachtung durchaus einen Sinn.“

Nun ja“, räumte Leslie ein. „Das ist schon richtig. Und auch ein Zufallsgenerator ist nicht wirklich zufällig. Aber es wirkt, als wollten unsere Freunde ein möglichst unberechenbares Muster fliegen.“

Dem stimme ich voll umfänglich zu!“ gestand Christian. „Es soll wohl ein unbemerktes Eindringen in das System weiter erschweren!“

Ghoma betrachtete das auf einem Nebenbildschirm erscheinende Muster der Sichelschiffe. „Das einzelne Schiff ist tatsächlich nahezu unberechenbar. Aber insgesamt scheint sich doch so etwas wie ein System abzuzeichnen!“

Ja, sie fliegen alle zwischen den Bahnen des siebenten und des achten Planeten“ bemerkte Crest. „Verständlich, weiter Innen kann sich kein Feind mehr aufhalten.“

Und sie schirmen damit die Scheiben recht effektiv gegen einen konventionellen Feuerüberfall ab“, gab Patrizia zu bedenken. „Sogar ein Feuerschlag mit unseren überschweren Energiewaffen hätte mehr Chancen, ein Patrouillenschiff zu treffen statt des Mutterschiffes!“

Ich denke, diese Methode könnten wir auch zu unserem Vorteil nützen“, überlegte Victoria. „Mit dem Teleportantrieb in die Nähe der Scheiben, ein Feuerschlag und wieder weg, ehe die Scheiben angreifen können.“

Riskant, Tana“, Ghoma stützte sich auf die Lehne von Patrizias Stuhl. „Vorher sollten wir den Umgang mit diesem Antrieb perfektionieren. Diese Scheiben sind verdammt nahe an der planetaren Masse, und um alle auszuschalten, benötigen wir mindestens zwei Schiffe für einen ordentlichen Schlag, der alle drei gleichzeitig trifft. Besser noch drei oder mehr!“

Natürlich“, nickte Victoria. „Ich möchte das ganze außerdem noch genau berechnet wissen. Ein Gespräch mit Thora, Atlan, Perry Rhodan und Reginald Bull kann auch nicht schaden, die haben schon bewiesen, dass sie gute Strategen und hervorragende Taktiker sind.“

Dafür bin ich sehr dankbar“, meinte Ghoma. „Wir haben zwar bereits die meisten Posten auf der HATHOR besetzen können, aber ein perfekt eingespieltes Team ist die Besatzung noch lange nicht. Vor allem die Fregatten- und Korvettenbesatzungen könnten noch Training brauchen. Unser Flightboss rauft sich schon die Mähne aus!“

Dann bringt sie auf Vordermann“, befahl Victoria. „Ich gebe dir und Egnitha völlig freie Hand. Und wenn ein Fall hoffnungslos ist, suchen wir jemand, der es kann und schicken den Betreffenden noch einmal auf die Academy. Starlight Enterprises ist immer noch ein profitorientiertes Unternehmen, daher können wir es uns nicht leisten, eine wirklich große Kampfflotte zu unterhalten. Und bei einer kleinen Flotte muss die Qualität dann eben einfach perfekt sein und die Quantität ersetzen! Ewig wird der Raumschiffmarkt ja nicht so boomen wie jetzt!“

Wir liefern aber auch wesentlich bessere Schiffe zu unschlagbaren Preisen“, bemerkte Leslie. „Und dank des Reintegrators bei weitem schneller!“

Da wir schon dabei sind, ein anderes Thema zu besprechen! Reginald hat vorher eine Nachricht geschickt“, warf Christian ein. „Jetzt, wo wir alle Freunde sind, kann er ja die arkonidischen Relaisstationen benutzen. Ich habe sie decodiert und auf deinen Schreibtisch gelegt.“

Und was will er? Ist etwas geschehen? Probleme mit Claudine?“, sorgte sich Victoria.

Oh, nichts dergleichen!“ beruhigte Christian. „Es ist nur, ein überschwerer Mehandor namens Talamon möchte ein neues Flaggschiff. Eigentlich zwei. Ein großes Kampfschiff, eine Walze mit stufig erhöhten Aufbauten für die schweren Geschütztürme, er hat in der Republik Miridan die ARKONS WIEDERKEHR gesehen und möchte ein ähnliches, es muss nicht ganz so groß sein, dafür aber mit mehr Beschleunigung. Und es soll kantiger und bedrohlicher wirken. Die Länge umgerechnet etwas über 1.000 Meter, Reginald ist schon am Konstruieren. Und ein Wohnschiff, eine bewegliche Station, natürlich auch Walzenform, aber wirklich groß und mit allem Luxus, starke Schilde und eher die mittelschweren und leichten Abwehrwaffen, dafür darf es schon etwas träger sein. Eine Basis eben.“

Was wissen wir über Talamon?“, wollte Victoria wissen.

Hat einen guten Ruf!“ Ghoma erinnerte sich. „Steht selbstverständlich wie jeder Mehandor zu seinem Wort und ist insgesamt ein fairer Geschäftspartner. Er kämpft und verhandelt natürlich mit harten Bandagen, immerhin ist er ein Überschwerer, aber er kämpft nicht schmutzig! Und arbeitet seit einigen Jahren vorwiegend für Arkon“

Na schön!“ überlegte Victoria. „Warum eigentlich nicht? Wenn der Preis stimmt, werden wir liefern.“

Solares System

Luna, Pounder Space Academy

Der ehemalige Major der miangischen Luftwaffe und jetzige Raumkadett der GCC Tus Heev stand auf einem der Promenadendecks und betrachtete die kleine, weißblaue Kugel am schwarzen Himmel. Die Erde erinnerte ihn, vom Weltall gesehen, stark an seine Heimat Lub Mor. Die wenigen Unterschiede in Atmosphäre und Schwerkraft fielen kaum ins Gewicht, die Spur mehr Sauerstoff in der Erdatmosphäre hatte nur eine angenehme, belebende Wirkung.

Seit zwei Monaten der terranischen Zeitrechnung war er hier auf der Akademie und hatte sich ganz gut eingelebt. Zu Beginn hatten ihn die vielen Unterschiede bei den terranischen Menschen gewundert, und als er den ersten grünhäutigen, rothaarigen Mehandor mit 156 Zentimeter Größe und einer Schulterbreite von beinahe 160 gesehen hatte, war er zuerst erschrocken. Besonders, als dieser in dröhnendes Gelächter ausgebrochen war und sich vor Vergnügen auf die massigen Schenkel geklopft hatte, dass Tus gedacht hatte, man könne es bis Lub Mor hören. Ohne technische Hilfsmittel.

Bei allen Raumteufeln!“ hatte Taphkor gejapst. „Wir gäben ein hübsches Gespann ab, Brüderchen. Du erkennst die Gefahr bei deiner Länge und Rundumsicht drei Tage vorher, und ich mach‘ sie dann alle!“ Der erwachsene, erfahrene Tus Heev und der Teenager Taphkor gaben überraschenderweise tatsächlich ein gutes Team ab, das sich gut ergänzte und in der Teamwertung durchaus positiv auffiel. Mittlerweile verband auch eine tiefe Freundschaft die beiden ungleichen Männer, auch wenn sie sich erst zwei Monate kannten. Sogar mit der Frau aus den Volksdemokratien Kobo, die hier eine Ausbildung absolvierte, verband ihn mittlerweile eine vorsichtige Annäherung, auch wenn ihm das kobanische System immer noch etwas radikal erschien. Doch mit der sozialen Marktwirtschaft, wie sie von der GCC und einigen Staaten praktiziert wurde, konnte nach anfänglichem Zögern etwas anfangen, und auch Apija Kabarkana akzeptierte einige der Prämissen dieser Wirtschaftsform.

Der Umgang mit Echiassem, dem Ssossri, war ihm anfänglich etwas schwer gefallen, denn Raubechsen hatte er auf Lub Plaub als gefährliche Bedrohung seiner Expedition kennen gelernt. Aber – nach zwei Monaten hatten sich auch diese Probleme so gut wie gelöst, und auch wenn sie keine engen Freunde wurden, so respektierten sich die beiden so unterschiedlichen Wesen zumindest und begannen zumindest Vertrauen zueinander aufzubauen. Er blickte auf die Uhr und gab sich einen Ruck. Simulatortraining stand auf dem Plan, und Tus Heev setzte seine langen Beine in Bewegung und beeilte sich. Er wollte unbedingt wieder da hinaus, und einzige Weg führte derzeit über eine der bereits bestehenden Space Academies. Da half alles nichts, der Major war wieder Kadett! Und es gefiel ihm sogar ein wenig, denn er lernte hier in einem Monat mehr, als er zu Hause zu träumen gewagt hätte. Und auch sonst bot die Mondstation der GCC durchaus einige Annehmlichkeiten, man konnte auch als Kadett hier gut leben und sich durchaus amüsieren! Zum Beispiel mit Yvonne le Paroëne.

System Reggys Stern

Auf der OLYMPOS

Daja Sibseg saß auf einer Liege und hatte ihre Uniform abgelegt, wie man es ihr beim Eintritt in den Raum gesagt hatte. Nach einiger Zeit kam zur anderen Tür schwungvoll ein kleiner, bulliger Mann in weißem Mantel in den Raum geeilt, warf ein Stethoskop auf den Tisch und blickte auf seinen Rechner.

Sind sie Daja Sibseg, junge Dame?“, fragte er kurz angebunden.

Die bin ich“, stimmte Daja zu.

Sehr gut. Mein Name Doktor der Medizin Lennard Chapell. Ich sehe hier, sie haben einmal großflächige Verbrennungen davon getragen. Darf ich mir ihre Schulter einmal ansehen?“ Er stand auf und trat näher.

Natürlich!“ Sie neigte den Kopf zur Seite.

Nein, nein!“ Er rückte ihren Kopf mit überraschend zarten Händen wieder in die gerade Position. „Ganz locker lassen!“ Seine Hände tasteten über die Narben. „Bitte sagen sie mir ganz ehrlich, ob es irgendwo weh tut.“

Nicht jetzt, Doktor. Aber manchmal zieht es ganz unangenehm am Hals und am Arm, und manchmal verkrampft sich auch der Bizeps“, gestand Daja.

Mhm!“ Er drückte mit den Fingerspitzen gegen ihre Rippen, wo ebenfalls Narben waren. „Atmungsprobleme?“, fragte er weiter.

Nein, damit und mit meinem Herz ist alles in Ordnung.“

Gut. Wir werden trotzdem einmal ein Belastungs-EKG und einen Lungenfunktionstest machen. Nur zur Sicherheit. Darf ich kurz ihren Busen berühren?“ Daja stimmte zu, und mit klinischer Sachlichkeit hob er die Rundung ihrer kleinen, linken Brust hoch. „Hier unterhalb in der Brustfalte befindet sich auch Narbengewebe, es ist ein Wunder, dass der Rest nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen wurde. Da hatten sie noch Glück im Unglück, junge Dame.“ Er holte sein Stethoskop vom Tisch und trat hinter sie. Dann fühlte sie das kühle Metall auf ihrem Rücken und es begann das vertraute Ritual der medizinischen Untersuchung. „Bitte setzen sie sich auf diesen Stuhl dort für eine gynäkologische Untersuchung. Ist es ihnen lieber, wenn ich eine Ärztin dafür hole?“

Aber nein, Doktor!“ Sibseg setzte sich wie befohlen und ließ sich die Beine in die Halterungen legen. Dann zog der Arzt sterile Handschuhe über und erledigte rasch und professionell seine Arbeit, machte noch einen Abstrich und half Daja wieder vom Untersuchungsstuhl. „Sie können ihre Uniform wieder anziehen. Die Tests können wir morgen genauer besprechen, aber nach meiner Meinung sind sie gesund. Bis auf ihre Narben. Da sollten wir etwas unternehmen, dann wird auch der Bizeps weniger krampfen!“

Sibseg machte eine zustimmende Geste. „Ich spare schon seit einiger Zeit für eine Hauttransplantation, aber es ist ein großes Gebiet, daher wird die Operation langwierig und teuer! Besonders die Rehabilitation nachher!“

Keine Transplantation!“ wehrte Doktor Chapell ab. „Ich dachte an eine Hautregeneration. Ich möchte ehrlich zu ihnen sein, diese Methode hat bei Terranern und Arkoniden gut angeschlagen, aber wir haben keine Ahnung, wie es bei anderen Menschen aussieht. Allerdings ist die Genetik ähnlich genug, um Hoffnung zu haben!“ Er blickte wieder auf seinen Bildschirm. „Wir könnten die Geräte während ihrer Hypnoschulungen anlegen, dann verlieren sie keine Zeit!“

Doktor, ich weiß nicht, ob ich das bezahlen kann“, gab Sibseg zu. „Wieviel kostet denn eine solche Kur?“

Junge Dame!“ Der Arzt baute aus seinen Fingern ein Dach. „Sie sind jetzt Angestellte der Starlight Enterprises, zwar noch in Ausbildung, aber mit einem Vertrag. Damit haben sie das Anrecht auf die bestmögliche medizinische Versorgung, das hat unsere Chefin von Anfang an klar gestellt. Wer für Tana Starlight arbeitet, muss ziemlich hohen Anforderungen gerecht werden, aber die Bezahlung und die sonstigen Leistungen sind entsprechend. Wollen sie es einmal probieren? Mehr, als dass nichts geschieht, kann eigentlich nicht passieren!“

Dann tun sie es, bitte! Ich danke ihnen, Doktor! Ich danke ihnen sehr!“

Schon gut!“ wehrte der Arzt ab. „Möchten sie eine empfängnisverhütende Depotinjektion? Ich kann ihnen welche mit der Wirkung von einem Monat, sechs Monaten oder einem Jahr anbieten.“ Daja überlegte nur kurz. Noch hatte sie keine Absichten, aber man konnte nicht wissen, wem sie noch begegnete, und nie vorsichtig genug sein.

Dann bitte gleich für ein Jahr, bitte!“

Chapell füllte den Injektor. „Kluge Entscheidung. Machen sie bitte den Arm frei!“ Er setzte das Gerät an und mit leisem Fauchen entlud der Injektor mit Hilfe von Pressluft seinen Inhalt in Dajas Oberarmmuskel. Dann legte er das Gerät in den Autoklaven und sah auf den Monitor. „Schicken sie bitte Shobia Deeterut herein, sie soll sich ausziehen und auf der Liege Platz nehmen. Auf Wiedersehen, Kadett Sibseg!“ Er stand auf, schnappte sein Stethoskop vom Tisch und eilte wieder in das Nebenzimmer, wo schon der nächste Kadett auf ihn wartete.

*

Es war Abend auf dem Strip des obersten Decks der OLYMPOS, die Lokale hatten Hochbetrieb und auf dem Strand waren wieder eine Menge Musikanten unterwegs. Der Klang einer karibischen Steeldrum-Band lockte mit ihren heißen Beats eine Gruppe junger Kadetten an.

Oh Mann, schaut euch das einmal an!“ entfuhr es Bob Wickerson aus Milwaukee in Wisconsin. „Das ist ja das Paradies!“ Einige Leute tanzten zu den stimulierenden Rhythmen, aber besonders auffällig war eine dunkle Schönheit, welche die Arme seitwärts vom Körper weg gestreckt hatte, ihr Busen unter dem kurzen Shirt zeichnete sinnverwirrende Muster, wenn sie Schultern und Oberkörper nach der Musik bewegte, die Pobacken in der extrem kurz abgeschnittenen Jean bewegten sich verführerisch, während sie tanzte. Die weißen Zähne leuchteten in dem dunklen Gesicht, sie lachte immer wieder glücklich auf, diese Frau hatte den Reggae wirklich im Blut. Bob musste einen Schluck aus seiner Bierflasche nehmen, sein Mund war staubtrocken geworden.

Oh ja!“ stimmte Konrad Binder aus Hamburg zu. „Die Frau hat aber auch wirklich alles, was einen Mann glücklich machen kann!“

Wollen wir uns ihr vorstellen?“ fragte Charles Wong aus Shanghai. „Vielleicht kann ja einer von uns bei ihr landen!“

Keine Chance, Kameraden!“ Olaf Veelander stammte aus Stavanger in Norwegen und hatte die Frau ebenfalls bewundert, er hatte aber auch ihre Blicke gesehen, die einem jungen Mann mit weißem Haar galten, der an der Bar saß, neben ihm auf einem Hocker ein paar Damenschuhe. „Die Lady ist bereits vergeben an den Herren dort an der Bar. Seht euch die Blicke an, die sie wechseln, da passt ihr sicher nicht dazwischen!“

Dann wollen wir zumindest die Vorstellung genießen, so lange sie dauert!“ befand Konrad.

Und später gibt noch eine Menge anderer hübscher Mädchen hier“, stimmte Charles zu. „Auch solche ohne Begleitung!“ Bob verschlang die schöne Frau noch einmal mit seinem Blick, dann nahm er noch einen Schluck.

Schade. Aber Olav hat recht. Gehen wir!“ Sie warfen ihre leeren Bierflaschen in einen Glascontainer zur Wiederverwertung, gingen zur Bar und bestellten eine Cuba Libre. Das Musikstück war zu Ende, die schöne Frau lief zu ihrem Begleiter und warf die Arme um seinen Hals!

Lass uns gehen, Reginald!“ sagte sie zu ihm. „Claudine braucht ihr Abendessen, und eine halbe Stunde allein mit einem Babysitter reicht für ein viermonatiges Kind vollauf! Auch wenn Yvettes Pierre gleich alt mit unserer Tochter ist.“

Einverstanden, Marie France.“ Er nahm sie in die Arme und küsste sie. „Aber es war schön, wieder einmal ein wenig ausgelassen zu sein,“ sagte sie, während sie in ihre Schuhe schlüpfte. „Danke dafür. Ich bin so weit!“ Reginald nickte dem Barbetreiber zu und schrieb etwas in die Luft, der nickte und winkte zurück. Dann verließ er mit der karibischen Frau die Bar, während die Steeldrums ein Stück von Bob Marley intonierten.

Ohne den Gesang von Bob Marley ist es nicht das selbe“, sagte Reginald zu seiner Frau, während er in den Lift stieg. „Aber schön, dass Raoul uns gesagt hat, wann er mit seiner Band auftritt!“

Upps, da wären wir schön ins Fettnäpfchen getreten.“ Charles zog die Stirn kraus. „Ausgerechnet die Frau vom Juniorchef anzubaggern wäre nicht gut angekommen!“

Keine Sorge!“ Der Barmann stellte die Getränke vor die Kadetten. „Solange ihr ein ‚nein‘ von einer Frau als solches akzeptiert, ist er nicht böse. Sie trägt ja kein Brandzeichen oder so, also nimmt er Versuche, sie anzusprechen, auch nicht übel. Auch wenn jemand mit ihr tanzen will und sie es auch möchte, hat er nichts dagegen. Aber er wird verdammt sauer, wenn jemand zudringlich wird, nicht nur bei seiner Frau. Also, solange ein Mädchen ja sagt, nur zu. Sobald sie nein sagt, macht euch vom Acker!“

Ah, danke.“ Bob nahm ein kleines Schlückchen. „Aber ist das nicht eigentlich selbstverständlich?“

Hier an Bord schon“, meinte der Barkeeper. „Aber was ich auf der Erde schon erlebt habe – fragt lieber nicht!“ Er seufzte. „Manche Männer halten sich immer noch für ein Geschenk der Götter an die Frauen. Na, zum Glück kann Matta solch kranke Neigungen erkennen und siebt solche Bewerber aus, noch ehe sie die richtige Station betreten!“

Um so besser“, brummte Olav. „Ich möchte niemand diskriminieren, aber wenn wir als Team arbeiten wollen, können wir niemand brauchen, der sich aus welchen eingebildeten Gründen auch immer für besser als seinen Nachbarn hält.“

Außer natürlich, er ist wirklich besser!“ Bob polierte seine Fingernägel an der Brust und musterte sie dann stolz, Konrad schubste ihn.

Träum weiter, Kleiner!“ neckte er Bob und sah von seinen kaum kleineren Kameraden herab.

Jungs“, sagte der Barmann. „Hier habt ihr noch einen Tipp von mir, frei und gratis. Üblicherweise treffen sich die Paare hier an dieser Seite der Bar, die Singles dort drüben. Aber erinnert euch immer, nein ist nein und nicht mach weiter.“

Alles klar, danke!“ Olaf reichte seinen Ausweis über die Theke. „Die Runde geht bitte auf meine Rechnung. Plus zehn Prozent!“

Geht klar, Admiral, danke!“ Der Keeper reichte eine Quittung über den Tresen. „Und viel Spaß noch, Jungs!“

Gypsy hieß in Wirklichkeit Andrea, aber ihre schwarzen Haare und die Vorliebe für große Kreolen hatte ihr diesen Spitznamen eingetragen. Derzeit ließ sie sich einfach von der Musik tragen und rollte lasziv die Hüften, genoss die Vorstellung, dabei von einigen jungen Männern beobachtet zu werden. Dann sah sie die vier Kadetten näher kommen.

Hey Georgie, schau mal“, machte sie ihre Freundin aufmerksam.

Hübsche Jungs“, rief die große Blondine zurück. „Hey Mini! Dort drüben!“ Minerva Hopkins rollte ihr Becken noch mehr und winkte zu den Kadetten!

Kommt doch her, Leute!“ Das wiederum ließen sich die Kadetten nicht zwei Mal sagen.

Hi, ich bin Konrad“, stellte sich der Blondschopf Andrea vor. Die beugte sich vor.

Und mich nennt man Gypsy!“ Sie schlang ihre Arme um seinen Hals. „Komm und tanz mit mir, Kadett!“

Georgie packte Charles Wong am Arm. „Komm zu mir, mein Hübscher! Ich bin Georgie!“

Charly!“ rief der Sinoterraner zurück. „Herzlich gerne, schöne Frau!“

Mini schnappte sich Bob, und Olaf ging zum Tresen. Er bestellte noch einen Cuba Libre und nippte daran.

Hi“ sagte eine helle Stimme hinter ihm. „Ist neben dir noch frei?“

Klar!“ Olaf drehte sich um, ein hübsches, dunkelhäutiges Mädchen stand vor ihm, beinahe hätte sich der Europäer an seinem Drink verschluckt.

Entschuldigung. Ich bin Olaf. Bitte, nimm Platz!“

Danke. Ich bin Jacky.“ Sie setzte sich und bestellte einen Cocktail.

Du tanzt nicht?“, fragte sie lächelnd.

Ich bin Norweger“, erklärte er ihr todernst. „Wir sind steif, humorlos, knochentrocken und kaltblütig wie die Fische, also völlig ungeeignet für diese spezielle Art von Musik!“

Das ist schade, aber vielleicht kann man an dem einen oder anderen noch etwas ändern“, lachte Jaqueline.

An dem einen oder anderen vielleicht“, antwortete er lächelnd.

Na dann, Skål, wie man bei euch sagt!“ Sie hielt ihm ihr Glas entgegen, er stieß mit seinem dagegen.

Santé!“

Jänner 2086

System Reggys Stern

Auf der OLYMPOS

Militärische Strukturen haben ein großes Problem, sie fördern eher Gehorsam und das blinde Vertrauen auf Regeln und lineares Denken, dabei zerstören sie nur zu oft kreative Denkansätze und eigenständiges Handeln. Tana Starlight hatte einiges gelesen, und so kam ihr die Idee von Admiral Heinlein durchaus brauchbar vor. Auf ihrer Space Academy führte sie daher ein neues Seminar ein: Metaphysik, die Kunst des kreativen Zweifelns. Es war einer der wenigen Lehrgänge, in denen so etwas wie ein Hörsaal zum Einsatz kam, denn das Seminar wurde als Diskutierrunde abgehalten. Franz Pachler hatte seinen Spaß, alles nur erdenkliche anzuzweifeln und die Kadetten über das für und das wider einer Theorie debattieren zu lassen.

Einstein hat gesagt, nichts ist schneller als das Licht“, argumentierte Charly Wong eben. „Masse und Trägheit steigen mit der Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit stark an und sind bei Erreichen derselben unendlich, also kann man, seiner Meinung nach, nicht darüber hinaus beschleunigen. Soweit hat sich seine Theorie sogar bewiesen, wir haben – zumindest bisher – noch keine Technik gefunden, die es kann. Dann aber hat man – zumindest als mathematisches Konzept – überlichtschnelle Teilchen gefunden, die Tachyonen. Also, müsste es nicht doch möglich sein, überlichtschnelle Raumfahrt ohne Wurmloch- oder Teleportantrieb zu betreiben!“

Firlefanz!“ warf Konrad ein. „Tachyonen sind nicht besser als Esoterik! Es gibt keinen Beweis für ihre Existenz!“

Da habe ich nur einen Einwand!“ Daja Sibseg hob einen Zeigefinger. „Vor einem halben irdischen Jahr hätte niemand auf Lub Mor, meiner Heimatwelt, ein Wurmloch nachweisen können. Gab es jetzt bis dahin keine Wurmlöcher? Und wenn vorher diese Möglichkeit zu reisen nicht existent war, wie konnte die PHILIP K. DICK uns dann erreichen, wenn es gar nicht möglich war, durch diesen Transit zu fliegen?“

Das ist etwas ganz anderes“, ereiferte sich Ricardo Samtana aus Barcelona. „Ich meine, ein Wurmloch lässt sich anmessen und nachweisen!“

Wir konnten das auch nicht!“ entgegnete Shobia Deeterut sanft. „Trotzdem kam die PORTO zu uns. Also, für uns gab es überlichtschnelle Raumfahrt und Wurmlöcher nur als mathematisches Konzept, aber nicht in der Realität. Vielleicht haben wir nur noch nicht die richtigen Instrumente, um Tachyonen festzustellen!“

Äh…“

Sag jetzt nichts über rückständige Technologien, Konrad“, warf Bob ein. „Ich glaube, das macht es unseren Kameraden nur leichter, ein für uns bereits als nicht anzweifelbar geltendes Konzept doch wieder anzuzweifeln. Sie haben immerhin den unumstößlichen Beweis, dass es mehr gibt, als sie vorher gedacht hatten!“

Vor nur hundert Jahren wären wir noch glücklich über die Technik gewesen, die auf Ghi’eën normal ist, von Lub Mor ganz zu schweigen“, ergänzte Olav.

Ich wollte doch nur meine zumindest teilweise Niederlage eingestehen!“ Konrad hob die Hände zu einer Friedensgeste. „Ich glaube zwar immer noch nicht an Tachyonen, kann aber deren Nichtexistenz nicht beweisen. Das Argument mit der noch fehlenden Messtechnik hat was für sich!“

Ich möchte nur die Frage stellen, inwieweit das wichtig ist“, meldete sich der Wobater WenLop zu Wort. „Wir haben den Teleportantrieb und jetzt auch die Wurmlochgeneratoren. Wozu sollten wir uns eigentlich den Kopf über Tachyonen und ähnliches den Kopf zerbrechen?“

YjûSag, die Wyva übernahm die Antwort. „Stell dir vor, jemand kann einen Sprengkopf mit einer Art Tachyonenantrieb überlichtschnell ins Ziel bringen. Da lohnt es sich schon, zumindest eine Möglichkeit zur rechtzeitigen Ortung zu finden. Außerdem wäre das auch für die eigene Seite ein strategischer und taktischer Vorteil, wären solche Geräte in unserem Besitz.“

Oh! Daran habe ich nicht gedacht!“ räumte WenLop ein.

Das ist das Problem bei Männern!“ merkte AmœPeg mit dem wyvischen Äquivalent zu einem Zwinkern an. „Sie sehen den Krieg immer irgendwie wie einen Sport und sorgen dafür, dass der Feind am nächsten Tag zurück schlagen kann, und wir Frauen können dann nachher wieder den Müll wegräumen.“ Leises Lachen belohnte den kleinen Seitenhieb, dann wurden die Kadetten wieder ernst.

Abgesehen davon möchte ich bemerken, dass es vielleicht keine Tachyonen gibt, sehr wohl aber überlichtschnelle und sogar hyperlichtschnelle Wellen“, warf Ghor Chamgh ein und zuckte mit dem muskulösen Schwanz. „Oder womit, denkt ihr, funktionieren überlichtschnelle Ortungsgeräte? Ein Mathematiker meines Volkes hat sogar einmal die Theorie der Nullzeitwelle aufgestellt. Damit müsste man ein Geschehen in dem Moment zu sehen bekommen, in dem es wirklich passiert.“

Warum nicht gleich retrograde Teilchen, mit denen man ein Geschehen vorhersagen kann?“ spöttelte Jimmy Groote aus Pretoria.

Das ist als philosophisches Konzept hervorragend, und vielleicht lohnt es sich sogar, danach zu forschen“, überlegte Ghor. „Aber ich gestehe, dass ich mit dieser Vorstellung Probleme habe. Außerdem besteht zwischen Welle und Teilchen noch ein kleiner Unterschied!“

Licht ist beides!“ warf Bob Wickerson ein.

Und Licht ist eben nur – lichtschnell!“ konterte Jimmy. „Ich will jetzt gar nicht die Möglichkeit der Existenz eines über- hyper- oder gar nullzeitschnellen Teilchens abstreiten! Aber wirklich in meinen Kopf will es nicht. Aber, vor hundert Jahren war unser Antrieb eine Gedankenspielerei von Utopisten, heute ist er normal.“

Nun, ich sehe, ihr habt eine Vorstellung, worauf es ankommt“, griff Pachler in die Diskussion ein. „Es ist durchaus in Ordnung, konservative Meinungen zu haben und auch zu vertreten, aber es ist immer wichtig, die Möglichkeit eines Irrtums einzusehen. ‚Ich weiß es nicht‘ ist eine gute Antwort, zumindest ist sie ehrlich. Diese Station hier ist entstanden, weil Tana Starlight und die Leute um sie alles immer wieder in Zweifel gezogen haben. Sie haben nicht gesagt ‚das geht nicht anders‘, sondern sie haben gesagt ‚da gibt es mehr als das, was wir bereits kennen‘! Robert A. Heinlein hat einmal gesagt: ‚Höre immer auf den Rat von Experten. Sie sagen dir, was nicht geht und warum es nicht funktionieren kann. Wenn du das weißt, mach dich an die Arbeit!‘ Arthur C. Clarke hat das Gesetz geprägt: ‚Wenn ein alter Wissenschaftler sagt, dass etwas neues möglich ist, hat er wahrscheinlich recht. Wenn er sagt, dass es unmöglich ist, zumeist unrecht. Also, Leute, damit entlasse ich euch für heute. Bis in einer Woche!“

Bheri packte nachdenklich sein Pad in die Schutztasche. Dieses Seminar machte ihm wirklich Spaß, auch wenn einige seiner Überzeugungen schwer angeschlagen wurden. Er fühlte, wie er sich veränderte, wie einige seiner Ansichten einem Wandel unterzogen wurden, etwa dem politischen System seiner Heimat gegenüber. Er hatte, wie anfänglich auch Daja Sibseg, immer die Nichteinmischung des Staates in die Wirtschaft verteidigt, gegen staatliche Pensions- und Krankenversicherung argumentiert. Doch jetzt war er nicht mehr sicher. Die Haut Sibsegs begann tatsächlich sich zu regenerieren, überglücklich hatte sie die noch sehr blasse neue Haut an ihrem Hals allen gezeigt und trug nun in der Freizeit nicht mehr nur hochgeschlossene Kleidung. Zu Hause hätte sie sich eine derartige Regeneration nie leisten können, falls sie überhaupt verfügbar gewesen wäre. Und Shobia war ja auch ganz anders, als er sich eine Nordmagrema immer vorgestellt hatte.

Hallo, Bheri!“ ŮtuGhan war hinter ihn getreten. „Hast du Lust, mit mir noch auf ein Getränk zu gehen?“

Natürlich!“ stimmte Bheri zu.

Bheri, ich muss dich etwas fragen“, begann sie auf dem Weg. „Habe ich dich irgendwie beleidigt? Seit unserem ersten Händedruck hast du jede Berührung peinlichst vermieden, ja du bist regelrecht zurück gezuckt. Warum?“

Bheri seufzte. „Das ist nicht so leicht zu erklären. Es ist mir peinlich, aber ich fand das Gefühl, als ich deine Hand mit diesen plüschigen Härchen berührt habe, so – wie soll ich sagen – ganz einfach schön. Und jetzt habe ich Angst, dass du das irgendwie – abartig findest!“

Ich halte euch beide für abartig“, klang hinter ihnen die Stimme AmœPegs auf, beide fuhren herum. Die Wyva wies mit ihrem Zeigefinger von einem zum anderen, die andere Hand in jener Pose, welche jede Frau im Universum automatisch annimmt, in die Hüfte gestemmt. „Alle Götter in der verdammten Galaxis, da merkt ein Blinder ohne Prothese, was zwischen euch ist, und ihr zickt so total blöd herum! Los, los, nehmt euch schon in den Arm, und küsst euch doch endlich. Nicht nur auf die Birne, du hirnloser Bulle, sondern ordentlich!“ Es konnte keinen Zweifel geben, AmœPeg hatte sich bereits einige Redewendungen zu eigen gemacht. „Du stehst neuerdings auf Haare, na und? Andere stehen auf große oder kleine Brüste, andere auf Hintern, auf kurze Haare, auf lange Haare, manche sogar auf einen Partner mit Brille oder Tätowierung. Frauen lieben manchmal Frauen, und Männer auch schon mal Männer. Ist doch alles völlig egal und normal, warum also solltest jetzt du plötzlich abnormal sein. Nur weil es dir gefällt, eine Frau mit Fell auf der Haut zu streicheln?“

Vielleicht erlebst du doch den Beginn einer neuen Menschheit noch mit, Amœ!“ grinste Nils Olafson. „Von der Genetik ginge es ja!“

ŮtuGhan warf den Kopf in den Nacken und hakte sich bei Bheri unter. „Ich glaube, wir machen jetzt einen schönen, langen Spaziergang und reden über einiges“, forderte sie ihn auf, und Bheri ging beinahe wie im Traum mit.

Gerne!“ flüsterte er heiser. „Sehr gerne!“

Hoffentlich redet ihr nicht nur!“ rief Amœ noch hinterher, jetzt beide Fäuste in die Seiten gestemmt!

*

Sie gehen davon aus, dass die Konverterkanone auch bei den Schirmen der Fremden volle Durchschlagskraft entwickeln kann?“ Perry Rhodan siezte seine Tochter wieder, denn es waren einige Personen anwesend, für welche die Identität seiner Tochter noch im Geheimen lag und auch noch bleiben sollte.

Zumindest in der höchsten Einstellung hoffe ich doch, dass wir einigen Schaden erzielen können“, antwortete Tana. „Aber sicher, so ganz zu 100 Prozent sicher bin ich mir selbstverständlich auch nicht. Irgendwann müssen wir uns aber dem Gegner stellen, aber natürlich nicht heute oder morgen. Dazu müssen die Fluchtantriebe erst in alle unsere Schiffe eingebaut werden, die NEITH muss fertig gestellt werden und die Besatzungen ordentlich trainiert. Besonders der synchrone Sprung ins System, die sofortige Feuereröffnung und der wieder synchron erfolgende Fluchtsprung müssen gemeinsam geübt werden.“

Stan Lee Johnson beugte sich vor. „Miss Starlight, wollen sie wirklich ein solches Risiko eingehen? Wir werden ihnen keine große Rückendeckung geben können, auch wenn sie dankenswerterweise die Schiffe der ITC auf den neuesten Stand gebracht haben. Aber es sind, mit der Ausnahme unseres Schiffe der VIRIBUS-Klasse, der USS MISSOURI, doch nur bewaffnete Handelskreuzer!“

Tana zögerte mit der Antwort. „Ich dachte zwar an ein Ablenkungsmanöver, aber nicht von der ITC. Der Neurogent fliegt eine Attacke, und dann stoßen wir vor. Der Fluchtsprung wäre dann auch von diesen Aktionen der Arkonschiffe energetisch überlagert. Hoffentlich! Ja, es ist ein enorm großes Risiko! Aber wie gesagt, einmal werden wir es wagen müssen. Außer es fällt einer der Damen oder einem der Herren hier ein besserer Plan ein. Ich lausche gespannt, denn deshalb habe ich sie ja auf die OLYMPOS gebeten! Aber ich denke, das gemeinsame Training für synchronisierte Abläufe kann auf jeden Fall nicht schaden. Ah, Smokebeard, kommen sie nur.“

Mir gefällt der Plan!“ bemerkte Julian Tifflor, während Smokebeard Murphy die Speisen verteilte. „Er ist einfach und unkompliziert! Das sind gute Pläne, bei denen wenig schief laufen kann!“

Alles kann schief gehen!“ Admiral Ambrosio Tratatori, Kommandant der europäischen Raumflotte, gestikulierte mit raschen Handbewegungen, ganz nach Art seiner neapolitanischen Vorfahren. „Die Waffen können wirkungslos bleiben, der Teleportantrieb kann gestört werden, wir wissen nichts von den technischen Möglichkeiten der Fremden. Aber ich stimme zu, dass wir nicht ewig warten und planen können. Jede militärische Aktion birgt nun einmal die Gefahr des Scheiterns in sich!“

Kono Killikioauewa warf ihre Haare zurück. „Theoretisch müsste die Konverterkanone tatsächlich die bekannten 1.200 Meter großen Löcher in den Rumpf machen, dafür haben wir ja die beiden Modulationen. Das heißt, mittlerweile sind vier Einstellungen möglich. Aber der Rumpf dieser Scheiben ist ganze zehn Kilometer im Durchmesser und zwei hoch! Das heißt, wir brauchen schon einige Treffer, bis das Ding wirklich außer Gefecht ist. Die Breitseite einer NEITH sind 13 Konverterkanonen, also, von wirklicher Zerstörung ist hier noch lange keine Rede. Mit den anderen Geschützen könnte man noch einmal nachlegen, zumindest kurzfristig sollten ja die Schilde nach dem Feuerüberfall geschwächt sein. Trotzdem, wir wissen nicht, welche Reserven in den Dingern noch schlummern, aber einen Versuchsballon müssen wir irgendwann schon starten. Kann man auf den arkonidischen Aufzeichnungen sehen, wo die überschweren Geschützbatterien der Scheiben sind?“

Kann man!“ knurrte Bully. „Ziemlich genau in der Mitte!“

Das müsste dann das erste Ziel des Feuerschlags sein!“ kommentierte Ghoma. „Wir sollten uns nur nicht darauf verlassen, dass es die einzige Bewaffnung ist. Nur, weil noch keine anderen Waffen eingesetzt wurden, müssen sie nicht unbedingt fehlen.“

Ambrosio Tratatori fuchtelte wieder ein wenig mit den Händen. „Wie ist es mit den Sichelschiffen. Gibt es Messdaten über die Kampfkraft?“ Ein Hologramm erschien über dem Tisch und zeigte ein solches Kampfschiff.

Wie sie sehen können, ist der hintere Rand ein perfekter Halbkreis mit einem Radius von 253,186 Metern“, rekapitulierte Leslie und ließ einige Stellen, über die sie sprach, hell aufleuchten. „Die Höhe an der dicksten Stelle am ‚Rücken‘ der Sichel ist exakt 104,753 Meter, an den Spitzen und der Vorderseite nur 21,93. Dieser Vorbau in der Mitte der Sichelschneide hat einen trapezförmigen Querschnitt, die Unterseite 114,6 Meter, die obere 91, Höhe ebenso 104,753 Meter wie der Rücken und die Länge 197,1 Meter. Die Energiegeschütze sitzen hier, hier, und einige sehr große hier unter dem Mittelteil. Ihre Manövrierfähigkeit ist enorm, die Kampfkraft etwas weniger schlimm, etwa vergleichbar mit einem schweren Kreuzer von 200 Metern der Arkonflotte – oder einem der neuen 100 Meter Kreuzer der GCC, ohne die Konverterkanone gerechnet. Daher unsere Hoffnung, das die Unbekannten auch nur mit Wasser kochen und nicht unschlagbar sind. Die schweren Geschützbatterien im Zentrum der Scheiben sind, wie wir im Video sehen konnten, auch nicht immer so perfekt treffsicher. Darum ist meine Einschätzung, dass der Kampf hart sein wird, aber nicht von vornherein chancenlos ist.“

Wenn wir es schaffen, den Schirm zu knacken, könnten wir versuchen, einen Torpedo mit einer Arkonbombe los zu schicken“, überlegte Admiral Ma Djien-Si von Asiatischen Föderation. „Wenn ich die Funktionsweise richtig verstanden habe, wird der Besatzung zwar Zeit für eine Evakuierung bleiben, aber das Scheibenschiff wird völlig zerstört. Beides könnte uns ein wenig Zeit verschaffen. Im System von Vombars Stern lebt ohnehin kein Arkonide mehr, und auch die Flora und Fauna ist ausgelöscht. Vielleicht habe ich eine altmodische Einstellung, aber ich halte nicht viel davon, einen solchen barbarischen Feind mit Samthandschuhen anzugreifen. Die Jagdgeschwader der AF sind auf jeden Fall bereit, ihren Teil bei zu tragen, wenn es hilft!“

Danke, Admiral. Vielleicht komme ich auf das Angebot zurück.“ Atlan strich sich das lange, weiße Haar zurück. „500 Jagdmaschinen wollen besetzt werden. Und auch die Gefechtsdrohnen.“

Wenn es hilft, wir Russen haben einige Leute vorsorglich ausgebildet, an einer alten, billigen Korvette.“ General Sergej Pawlowitsch Wolkow lehnte sich vor. „Ich kann keine Raumschiffe schicken, aber Russland hat Personal! Spricht sogar die arkonidische Sprache!“

Auch das wird helfen“, bedankte sich der UNO-Admiral.

Vielleicht könnte uns Starlight Enterprises schon einmal vorab zwei oder drei der modernen Fregatten der NEITH zur Verfügung stellen, damit wir auch einmal darauf trainieren können?“, fragte der Russe.

Können wir!“ nickte Tana Starlight und Reginald Meunier machte eine Notiz.

All das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein!“ Reginald Bull verschränkte die Arme vor der Brust. „All das hilft uns, die derzeit vorhandenen Raumschiffe zu besetzen, manche davon am untersten, gerade noch einsatzfähigen Limit. Und da haben wir schon verdammt junge Kadetten ins kalte Wasser geworfen, ganz nach dem Motto ‚lern schwimmen oder geh unter‘. Unsere Reserven sind ziemlich ausgeschöpft, vielleicht dass in ein, zwei Jahren wieder genug Besatzungsmitglieder nachgewachsen sind, aber die halbwegs erfahrenen Offiziere sind schon jetzt sehr ausgedünnt. Nachdem der Neurogent mit Miridan Frieden geschlossen hat, sollten wir vielleicht Mike Freyt und Agatha Nyssen zurück beordern, da haben wir eine ziemlich gute Mannschaft, vor allem ein erfahrenes Offizierscorps am Start. In der Zwischenzeit konnte ja auch die miridanische Werft auf neue, verbesserte Modelle umgestellt werden, also werden ihre Schiffe auch in Zukunft den arkonidischen mehr als ebenbürtig sein.“

Gute Idee, Bully!“ Rhodan musste kurz grinsen. „The Rod wird sich freuen, dass sie noch gebraucht wird!“

Freyt weniger“, warf Thora ein. „Mit Admiral Kya Anach scheint es ihm ernst zu sein.“

Dann soll er mit der BRIGADA in der Republik bleiben.“ Perry Rhodan winkte ab. „Er wird dort sicher eine Besatzung rekrutieren können, und ich schicke einen Raumer, um die anderen zu holen. Bully hat recht, unsere Decke wird dünn. Sehr dünn. Aber wir können natürlich niemand zwingen, wieder zurück zu kehren, immerhin sind die Leute nicht einmal mehr Personal einer irdischen Einheit! Wer in der Republik Miridan eine neue Heimat gefunden hat, wird dort hoffentlich glücklich und zufrieden. Aber ich hoffe, einige werden wieder nach Hause kommen!“

Ganz sicher!“ General Wolkow breitete seine Hände aus. „Mütterchen Russland bleibt Mütterchen Russland! Die meisten werden sich freuen, wieder daheim zu sein!“

Sir Georg Homestad, der zweite Earl von New Worchestershire, einem Teil des Saturnmondes Iapetus, spielte mit seinem I-Pen. „Ich muss gestehen, die Royal Navy ist zu schwach, um wirklich eine Rolle zu spielen. Die HMSS HOOD und die HMSS ARK ROYAL werden zwar eben aufgerüstet, wofür ich mich herzlich bedanken möchte, ebenso, dass die HIND bereits einen Werfttermin hat. Sir Charles wird allerdings noch ein wenig mit Mïimiën beschäftigt sein. Dort herrscht jetzt einmal Frieden, für 15 planetare Jahre, also 18 terranische, aber er möchte dafür sorgen, dass es diesmal auch bleibt.“

Benötigen sie noch weitere Hilfe, Sir George?“, fragte Victoria gerade heraus. „Ich meine, über die Verbesserung der Schiffe hinaus. Starlight Enterprises ist zwar profitorientiert, aber die Sicherheit der Erde und der Menschheit sind mir ein sehr großes Anliegen. Sie können jederzeit bei uns anfragen, außer es geht um Personal!“

Sir Georg verbeugte sich. „Ihre Königliche Hoheit, Queen Margareth Diana, hat mich gebeten, der Starlight Enterprises und besonders Miss Tana Starlight zu danken und Verhandlungen über den Ankauf eines Schlachtschiffes der VIRIBUS-Klasse aufzunehmen. Hier ist allerdings nicht der richtige Ort und Zeitpunkt, darüber zu sprechen.“

In Ordnung!“ Mit diesen Worten ergriff Tana Starlight ihr Foldpad und blätterte kurz. „Einer ihrer Adjutanten kann die Unterlagen gleich Mister Fandafhur unter der Adresse geben, die ich ihnen jetzt zusende. Sollen unsere Subalternen den Deal aushandeln, während wir hier weiter beraten.“

Zu freundlich, Ma’am.“ Sir George winkte einem seiner Männer. „Ansonsten hat die ehemals stolze königliche Marine nicht viel zu bieten! Es ging alles so schnell!“

Viel zu schnell“, stimmte Wolkow zu. „Gestern noch hatten wir keine Ahnung von außerirdischen Lebensformen und heute sind wir hier in unserem Spiralarm die technisch am weitest fortgeschrittene Zivilisation, die anderen den Weg zu den Sternen zumindest erleichtert, und manchmal sogar erst ermöglicht. Jetzt sollen wir praktisch über Nacht eine Flotte aufstellen, die es nicht nur mit dem Großen Imperium aufnehmen soll, sondern auch noch mit einem Gegner, bei welchem dem Neurogenten das Blechherz in das Stahlhöschen rutscht!“ Leises Lachen lockerte die Stimmung ein wenig. „Wer hätte das vor sechzig Jahren gedacht? Ich selber wäre schon lange tot, ohne die moderne Medizin.“

Gopkar Sektor, First

New Saint Louis

Eine frische Tasse Kaffee in beiden Händen stand Major Rick Kenda vom TBI am großen Fenster ihres Appartements im 221 Stock des Signal Tower, dem Wahrzeichen von New Saint Louis. Die Klarstahlfläche reichte vom Fußboden bis zur Decke und bot einen grandiosen Anblick, gerade vor ihr lag die große Wasserfläche des Lake Manchester, aus welchem zu ihrer linken Hand der Big Man River entsprang und sich nach Süden seinen Weg gebahnt hatte, dem fernen Ozean zu. Hinter dem See erhoben sich die mit grünem Wald dicht bewachsenen Wood Hill Ridges, hinter diesen waren die weißen Spitzen der High Peaks zu sehen, auf denen selbst jetzt im Sommer auf der Nordhalbkugel Firsts stets Schnee lag. Rechter Hand, an der Mündung des Perry Creeks lag der Shuttlehafen mit den großen Lagerhäusern und am diesseitigen Ufer, nur durch einen Park vom Signal Tower getrennt, der Manchester Yacht Club. Obwohl die Sonne eben erst aufging und die schneebedeckten Gipfel rötlich färbte, waren schon eine große Menge bunter Segel auf dem See zu sehen, heute war Finale der Riversail-Regatta. Man erwartet die ersten Segelboote, die vom Ozean den Big Man heraufgesegelt kamen, zu Ehren des Gründungstages. Der zwar nicht in den Jänner fiel, aber jetzt war im Norden von First die beste Zeit zum segeln. Da musste man eben flexibler denken! Rick Kenda war das völlig egal, solange sich die Menschen an die Regeln der VN hielten, konnten sie tun und lassen, was sie wollten. Wenn sie gegen die lokalen Gesetze verstießen, welche auf den Menschenrechten basierten und von der UN abgesegnet waren, dann kam das SLPD, die Polizei von New Saint Louis ins Spiel.

Captain Ian Moss kam aus der Dusche, rubbelte sein Haar trocken und betrachtete Richardas Rückansicht. Den graziösen Hals, die schlanke und doch kraftvolle Figur mit der schmalen Taille, die kleinen, aber hübschen runden Bäckchen, die endlos scheinenden Beine, das Licht aus dem Badezimmer malte zarte Muster auf ihre dunkelbraune Haut, wenn sie ihre Arme bewegte, um einen Schluck Kaffee zu nehmen. Vor acht Monaten war er ihr nach First nachgereist und hatte seine neue Stelle als Kommandant eines der zehn Bezirksreviere in New Saint Louis angetreten. Acht Monate, die er mit Richarda unter einem Dach lebte, scheinbar gab es wirklich eine Zukunft für sie beide. Er trat hinter sie und umfing sie hinten, legte seine breiten Hände auf ihren Bauch, entspannt lehnte sie sich gegen ihn und genoss seine Nähe.

Dieser Ausblick ist immer wieder grandios, oder?“ Ian legte sein Kinn auf Richardas Schulter, Richarda war beinahe ebenso groß wie er.

Oh ja!“ stimmte er zu, blickte auf den See und stutzte kurz, dann erinnerte er sich. „Ach ja, heute ist der Finaltag der ersten Regatta auf First. Ich bin neugierig, wie viele heute stockbesoffen in der Ausnüchterung landen!“

Du hältst nicht viel von den Leuten aus dem Yachtklub?“ Richarda lehnte seinen Kopf gegen seinen.

Ich halte mehr von den arbeitenden Menschen!“ antwortete Ian, den Blick in die Ferne, seine Aufmerksamkeit auf seine Hände gerichtet. „Gut ein Drittel hat von Papi und Mami eine Fahrkarte hierher bekommen, und die kommen auch weiter für den Unterhalt ihrer Ableger auf. Dafür sind die hoffnungslosen Sprösslinge weit, weit weg von zu Hause und können der Familie keine Schande mehr machen, wenn sie ins Kittchen kommen!“

Hier werden sie doch auch festgenommen!?“ Halb Frage, halb Feststellung.

Aber es erfährt zu Hause niemand. Glaubst du, einer von dieser Schicht der Reichen und Mächtigen interessiert sich großartig für Nachrichten aus den Kolonien?“ Er senkte den Kopf und küsste Rick auf die Schulter. „Wir müssen achtgeben, dass es mit uns Terranern nicht wie bei den Arkoniden wird. Mit dem Dünkel des Geburtsplaneten meine ich.“ Richarda erschauderte und genoss Ians Liebkosungen.

Habt ihr den Schmuggler?“, fragte Ian zwischen zwei Küssen. „Damit sich die Überstunden auch gelohnt haben!“

Wir haben ihn, Ian!“ antwortete sie leise. „Die nächsten drei Tage und das Wochenende habe ich frei! Möchtest du Frühstück?“

Nach dir“, hauchte er auf ihre Schulter und ließ seine Hände wandern.

Das könnte dauern“, lachte sie auf und drehte sich zwischen Armen um. „Zuerst möchte ich etwas Süßes zu Naschen. Hast du einen Vorschlag?“

Ich glaube, den habe ich!“

*

Nur mit einer Schürze bekleidet briet eine mit dem Verlauf des Morgens durchaus zufriedene Richarda Kenda Speck in ihrer kleinen Küche, um ihn dann mit Küchenpapier vom überschüssigen Fett zu befreien. Ian beobachtete sie, glücklich lächelnd, und nippte an seinem Kaffee.

Übrigens, Akiri und Sam haben beschlossen, zusammen zu ziehen!“ erzählte sie den neuesten Klatsch aus dem privaten Umfeld und der TBI-Zentrale.

Typisch Sam“, erwiderte Ian. „Zuerst kommt er nicht in die Gänge, obwohl Akiri schon fast einen Striptease aufs Parkett legt, und dann geht es ihm gar nicht schnell genug!“

Sam war immer ein wenig unsicher, wegen seiner Figur“, erklärte Rick. „Als wir Kollegen wurden, hat er mir einiges erzählt, und da hat er nie damit gerechnet, dass ausgerechnet eine Powerfrau wie Akiri auf ihn abfährt!“ Sie schlug vier Eier in die Pfanne und zeigte mit der Küchenspachtel auf ihn. „Reichen dir zwei Eier, um wieder zu Kräften zu kommen?“

Wir haben ja auch noch Marmelade, das schaffe ich schon“, grinste Ian. „Akiri ist schon so eine Megapearl. So klein sie auch ist, es steckt eine wahnsinnige Energie in ihr!“ Rick nahm ihre Schürze ab und stellte die Teller auf den Tisch, er tastete nach seiner Gabel, den Blick unverwandt auf sie gerichtet.

Was? Habe ich mich bekleckert?“, fragte sie und sah an sich hinab.

Hast du nicht“, grinste er. „Ich sehe dich nur gerne an!“

Oh!“ Rick nahm die Schultern zurück. „Dann schau nur genau hin! Guten Appetit!“

Voga IV, Zalit

Ausbildungslager III

Der hagere Mann mit dem wölfisch wirkenden Grinsen starrte in den dunkelblauen, wolkenlosen Himmel mit der roten, großen Sonne. So hoch im Norden war Zalit selbst im Sommer ziemlich kalt, der Wind pfiff über die steinige, wasserlose Wüste und machte die Kälte noch schneidender, doch dem Mann schien es nicht auszumachen. Er hatte heute sein Patent zum Offiziersanwärter erhalten und durfte zum nächsten Lehrgang antreten.

Dhomàs Rodaan war überrascht gewesen, als man den Rekruten tatsächlich beibrachte, ein Raumschiff zu fliegen. Eigentlich war er überzeugt gewesen, nur als Staffage ausgebildet zu werden, damit jemand an Bord der Robotschiffe war. Viele der Neuroniken in den arkonidischen Schiffen hatten nicht gut auf den Abzug ihrer Besatzungen reagiert. Und da der Neurogent eben ‚nur‘ eine Maschine war, bildete er neue Mannschaften aus, statt auf die alten zurück zu greifen. Von denen durchaus ein paar hier im Lager waren, wie er gehört hatte, sie wollten wieder in der Flotte ihren Dienst absolvieren. Bei den Prüfungen hatte er sehr gut abgeschnitten, die Prüfmaschine war überrascht gewesen, dass ein Halbarkonide aus dem Nirgendwo überhaupt solche Werte erreichen konnte.

Hey, Halbarkonide! Was starrst du so in den Himmel?“ Die raue Stimme von Limmern Tragoom klang hinter Dhomàs auf.

Damit ich dein blödes Gesicht nicht sehen muss, Nichtarkonide!“ versetzte Rodaan mit unbeteiligter Stimme.

Wenn ich so schwächlich und dürr wie du wäre, würde ich einen ordentlichen Mann auch nicht sehen wollen“, lachte Limmern dröhnend, der Mehandor hatte bei einem riskanten Geschäft alles, auch sein Schiff und seine Ehre verloren und hatte sich bereits selbst töten wollen, als ihn ein Robotkommando aufgriff und in das Ausbildungslager III brachte. Nun wollte er nicht mehr sterben, sondern seinen Dienst ableisten und danach versuchen, wieder auf die geschäftlichen Beine zu kommen, seine Ehre wieder herzustellen.

Du möchtest wohl gerne wieder einmal fliegen, Dummerchen“, spielte Dhomàs auf einige Judowürfe an, mit denen er sich von Anfang an Respekt verschafft hatte.

Klar!“ Limmern stellte sich neben Rodaan und wies auf den Schlachtkreuzer. „Am liebsten mit so einem Schätzchen! Du nicht?“

Doch“, seufzte der weißblonde Mann. „Dafür sind wir schließlich hier!“ „Nimm!“ Der Mehandor reichte Rodaan eine Flasche, der einen ordentlichen Schluck nahm.

Danke!“

Auch Tragoom trank noch einmal und rülpste laut. „Komm wieder mit hinein“, forderte der Dhomas auf. „Es ist verdammt kalt hier draußen!“

Hast du schon gehört, Dhomàs?“ Die Bekhonidin Sebeini winkte ihn zu der Gruppe der vorherigen ersten Kompanie. „Im Sektor mittwärts-nord hat es einen Angriff auf das Kristallimperium gegeben. Die Planeten vom Vombars Stern sind verwüstet und zerstört, es gibt keine Überlebende. Die 523. Flotte ist restlos vernichtet, innerhalb einer Stunde. 5 Tussan, 20 Fusuf, 150 schwere und 300 leichte Kreuzer! 475 moderne Schiffe! Zum Glück nur Roboter an Bord, aber was muss das für ein Feind sein?“

Mittwärts-nord?“ fragte Rodaan ungläubig. „Da ist doch Milionen Parsek nichts! Was soll von dort kommen?“

Gerüchte sprechen von drei Scheiben, fast 7 Tran im Durchmesser und eins Komma drei hoch.“

Unsinn!“ kommentierte Limmern lachend. „Wie sollen denn solche Gebilde bewegt werden. Oder gar in den Transit gehen!“

Ich melde mich morgen für eine Aufklärungsmission“, rief Yrsäley laut. „Das wäre ein toller Spaß!“

Du könntest dabei drauf gehen“, mahnte Afragh Minkutrek, ein Bewohner von Ophome IV, natürlich ein Abkömmling von Arkoniden.

Sonst wäre es doch nur halb so lustig“, erklärte Yrsäley. „Wenn es nicht gefährlich ist, ist es witzlos! Auf die Gefahr!“ Sie hob ihre Trinkflasche. Zu ihrem größten Bedauern erfuhr sie am nächsten Tag, dass kein Bedarf an ihrem Angebot bestand. Dafür fand sie sich im Simulatortraining als Kommandantin eines Schlachtschiffs wieder und sollte mit ihrer Mannschaft, die aus ihren Kameraden gebildet wurde, sichelförmige Schiffe bekämpfen.

Der Kommandant des Lagers, Has’athor Vallan toAtzmar beobachtete die ‚Kampfhandlungen‘ auf einem Bildschirm sowohl von der Perspektive der Kamera an der Decke der simulierten Brücke aus als auch von einer Sicht außerhalb des Raumschiffes. Später würde er sich die Statistiken und taktischen Manöver noch einmal aus größerer Entfernung ansehen, ebenso die Besatzungsmitglieder im Detail, und am Ende der Lehrgänge wüsste er über die Begabungen jedes einzelnen Offiziersanwärters Bescheid. Ein paar allerdings stachen jetzt schon hervor. Die Bekhonidinnen Yrsäley und Sebeini, der Halbarkonide Dhomàs Rodaan und, wenig überraschend, der Mehandor Limmern Tragoom. Einmal mehr wünschte er sich reine Arkoniden an ihre Stelle, aber er wusste auch, dass er das wohl nicht mehr erleben würde.