Ein Einhorn für Karina

Die Geschichte einer Traumfreundschaft

Teil 2

4. Eis auf dem Mühlenteich

Die Exkursion am Wochenende des dritten Advent begann plangemäß. Krohnstieg wartete mit einer Droschke vor der Schule auf Karina, fuhr mit ihr zu ihrem Haus, wo sie ihre Schultasche ab und ihr Gepäck einlud. Sebastian stieg zu, mit seinem üblichen grimmigen Gesichtsausdruck, die Droschke brachte sie zum Bahnhof.

Die Zugfahrt dauerte etwas über eine Stunde, dann trafen sie in Eilenbach ein. Offenbar hatte Krohnstieg ihr Kommen bereits telegraphisch avisiert; der Bahnhofswirt wies sie ohne weitere Fragen in ihre Zimmer, wo sie ihr Gepäck abstellen konnten.

„Wie weit ist es nun zu Ihrer Mühle?“, erkundigte sich Krohnstieg.

Karina war beinahe erstaunt, daß er das nicht auch schon im Vorfeld eruiert hatte, irgendwie schien er sonst alles über sie zu wissen. Was seinem gesteigerten Interesse an ihrer Person geschuldet sein mochte. Sie stellte fest, daß es ihr nicht unangenehm war. Wer – mit Ausnahme ihrer Eltern – hatte sie seit ihrer Kindheit jemals wieder so wichtig genommen?

„Eine halbe Stunde Fußweg.“

„Dann schaffen wir es doch bis zum Dunkelwerden noch, einen ersten Blick darauf zu werfen. Wenn Sie einverstanden sind.“

„Natürlich. Dafür sind wir schließlich hergekommen.“

Sie machten sich auf den Weg. Es lag noch ein wenig von dem Schnee, der jüngst gefallen war, vor allem aber war es frostig kalt. In den Fahrspuren eines Fuhrwerks, das hier vermutlich Holz aus dem Wald abtransportiert hatte, zeichneten sich einzelne zugefrorene Pfützen ab. Es knirschte beim Gehen unter den Füßen. Der blätterlose, starr stehende Wald wirkte wie verzaubert – oder eher verwunschen.

„Das ist der obere Mühlenteich“, erklärte Karina und zeigte auf eine ausgedehnte, an den Rändern zugefrorene Fläche.

„Und das da ist Ihr Gebäude?“ Krohnstieg wies auf ein Backsteinhaus mit rotem Ziegeldach.

„Richtig. Rechts ist das Wehr, dann kommt das Mühlrad, dahinter der untere Teich.“

Im Näherkommen bemerkten sie, daß zwei Fensterscheiben gesprungen waren, auf dem Dach hatten sich ein paar junge Bäume angesiedelt, auch die Laderampe neben der Haustür, von der aus man früher die Bretter verladen hatte, trug Spuren von Vegetation. Vom Wehr her hörte man ein regelmäßiges Plätschern. Sie traten an die Mauer und sahen, daß es nicht richtig geschlossen oder undicht geworden war und sich ein stetes Rinnsal auf das Mühlrad ergoß, das sich aber nicht bewegte. Dafür war der Strom wohl zu schwach; er spiegelte nur den Zulauf des oberen Teiches wider, der hier wieder abfloß. Um die Mühle zu betreiben, hatte man das Wasser damals aufstauen müssen. Außerdem mochte die Mechanik des Antriebs verrottet sein und das Rad ließ sich gar nicht mehr bewegen.

„Hm.“ Krohnstieg nickte sachkundig. „Können wir hinein?“

„Wenn der Schlüssel noch sperrt.“ Karina steckte den mitgebrachten großen Schlüssel ins Türschloß und versuchte ihn zu drehen, aber es ging sehr schwer. Wortlos schob Sebastian sie beiseite und faßte zu. Mit einem Knirschen öffnete sich die Tür. Drinnen war es so eisig wie draußen, nur dunkler. Der Tag neigte sich, und die vor den Fenstern wuchernden Büsche taten ein Übriges. Wo die Fenster gesprungen waren, war etwas Schnee hereingeweht, aber ansonsten schien das Haus noch intakt zu sein; feuchte Stellen, die auf ein undichtes Dach hindeuteten, gab es nicht. Neben dem Kamin lag noch ein Stapel Holzscheite. Sebastian bückte sich und spähte von unten in den Abzug. „Er is frei. Mer hätt no‘ heiz’n könn“, stellte er fest.

„Scheint ja noch ganz gut erhalten zu sein.“ Krohnstieg lächelte. „Aber das Zimmer beim Bahnhofswirt ziehe ich doch vor.“ Er blickte um sich. „Wo geht es zur Sägerei?“

„Da hinunter.“

Karina verspürte eine gewisse Hemmung, die Treppe zu betreten. Als Kind hatte sie nie in die Werkstatt gedurft. In ihrer kindlichen Phantasie hatte sie sich immer ein kompliziertes Räderwerk mit scharfen Zähnen ausgemalt, die sofort beim Eintreten nach ihr greifen und sie zerfetzen würden.

Die Stiege knarrte – was ein gutes Zeichen war, denn morsches Holz knarrte nicht. Der Zustand der Sägerei erwies sich als weniger hoffnungsvoll. Durch den permanenten Kontakt mit dem Wasser hatte die Königswelle der Mühle gelitten und war verrottet. Das Rad würde sich wohl nie wieder drehen. Der lederne Antriebsriemen des Sägegatters lag lose am Boden und war verschimmelt. Hier würde sie sicherlich kein Zahnrad mehr beißen. Trotzdem schwebte immer noch das Gefühl einer namenlosen Drohung über diesem Raum, das sie mühsam niederkämpfen mußte. Der Vater war hier verunglückt…

„Den Antrieb müßte man allerdings komplett erneuern“, bestätigte gerade der Ingenieur. Er blickte Sebastian an. „Aber mal ehrlich, Herr Schuchert, lohnt sich das? Wir leben im Zeitalter der Elektrizität. Ich würde das Mühlrad ausbauen, die Öffnung zumauern und die Sägerei komplett auf elektrischen Antrieb umstellen. Sie könnten einen modernen Betrieb daraus machen.“

„Ah. Und kost fast nix, ja?“, polterte Sebastian.

„Zugegeben, eine gewisse Investition wäre natürlich unvermeidlich. Sie könnten einen Kredit aufnehmen…“

„Sonst no was?“

„Tja. Ich weiß natürlich nicht, was der Schmuck wert ist, den Ihre Frau Mutter Ihnen hinterlassen hat.“

„Mutters Schmuck verkaufen?“, warf Karina zweifelnd ein. Ja, Sebastian war immer dafür gewesen. Und sie selbst würde das wenigste davon je tragen. Aber der Mutter waren die ‚Klunker’, wie jener sie abfällig bezeichnet hatte, wert und wichtig gewesen, das fühlte sich einfach nicht recht an.

„Fräulein Karina.“ Krohnstieg hob die Augenbrauen, als ob ihn das überraschte. „Sie sind doch eine moderne junge Frau. Legen Sie noch großen Wert auf Schmuck aus dem vorigen Jahrhundert?“

„Mutter legte zumindest Wert darauf. Jedenfalls will es überlegt sein.“ Obwohl sie eben eigentlich dasselbe gedacht hatte.

„Sie können natürlich das ganze Objekt hier zu verkaufen versuchen. Aber im momentanen Zustand, fürchte ich, werden Sie nicht viel dafür bekommen.“

„Und Ihnen entgeht das Honorar, das Sie für Ihre Mitwirkung bei der Sanierung in Rechnung stellen könnten, richtig?“, fragte Karina lächelnd.

„Wie Sie mich doch durchschauen“, gab er mit einem ironischen Augenzwinkern zurück. „Aber im Ernst. Ich lebe schließlich davon.“ Er legte eine Pause ein und schien nachzudenken.

„Ich mache Ihnen ein Angebot“, fuhr er schließlich fort. „Der Kostenvoranschlag für die Sanierung ist frei. Die Beratung bei der Durchführung stelle ich in Rechnung. Wenn Sie stattdessen verkaufen wollen, besorge ich Ihnen einen Käufer und es fällt eine Maklergebühr an. So unterstütze ich Sie bei dem einen oder anderen und komme auf jeden Fall auf meine Kosten. Wenn Sie mögen, lasse ich auch noch Ihren Schmuck bei einem Juwelier meines Vertrauens schätzen. Dann wissen Sie, woran Sie sind und können sich immer noch entscheiden, ob Sie sich davon trennen mögen oder nicht.“

„Das hört sich vernünftig an“, gestand Karina zu, „was meinst, Sebastian?“

„Daß d‘ mi überhaupt fragst. Aber is recht.“

Sie atmete tief durch. Ihr Bruder war einverstanden. Das war einen roten Strich im Kalender wert.

„S‘ wird dunkel“, stellte Sebastian fest. „Wenn mer no en Rückweg findn wolln…“

„Sie haben recht, Herr Schuchert. Lassen Sie uns ins Gasthaus zurückkehren. Morgen kommen wir noch einmal her, damit ich in Ruhe und bei Tageslicht den Sanierungsbedarf erfassen kann.“

*

„Warum sind Sie denn so schweigsam, Fräulein Karina?“, erkundigte sich später Krohnstieg, als sie beim Bahnhofswirt ihr Abendessen einnahmen.

„Oh, bin ich?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, ich hänge gerade meinen Erinnerungen nach. Das Wiedersehen mit der Stätte meiner Kindheit hat wohl mehr Emotionen in mir aufgeweckt, als ich es erwartet hatte.“

„Sind es wenigstens schöne Erinnerungen?“

Bis auf diesen einen großen dunklen Klumpen, dachte sie, den sie vorhin geradezu körperlich gespürt hatte. „Ja. Eigentlich ja. Nicht wahr, Sebastian?“

Ihr Bruder nickte. „Scho. Heil war’s d‘ Welt. Bis auf, des i immer auf mei klane Schwester hab achtgem müssn.“ Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf sein sonst meist so finsteres Gesicht.

„Wir haben im Wald Verstecken gespielt. Sebastian fand, daß das Kinderkram sei, aber er hat mitgemacht. Und im Sommer hat er mir im Mühlenteich das Schwimmen beigebracht – und im Winter, wenn der Teich zugefroren war, das Schlittschuhlaufen.“

„Sie müssen eine glückliche Kindheit gehabt haben.“

„Ja, so nennt man das wohl. Schrecklich war nur der Abschied; Vaters Tod, dann der plötzliche Umzug in die Stadt.“

Krohnstieg nickte verständnisvoll. Danach brachte Sebastian das Gespräch auf die mögliche Modernisierung der Sägerei, auf die Elektrifizierung des Antriebs, auf die Frage, ob ein zentraler Motor mit Riemenübertragung der Kraft auf die einzelnen Werkzeuge sinnvoller sei, oder die Ausstattung der verschiedenen Maschinen mit einzelnen Motoren, auf die Kosten für einen Stromanschluß, den das Haus in seiner abgelegenen Lage bislang überhaupt nicht hatte…

Karina merkte, daß sie schläfrig wurde. Nachdem der Wirt das Geschirr abgeräumt hatte, entschuldigte sie sich und ging zu Bett. Wie lange ihr Bruder noch mit Krohnstieg diskutierte, bekam sie nicht mehr mit.

Nach dem Frühstück am folgenden Morgen packten sie ihre Sachen ein, damit sie nachmittags nur noch ihre Koffer abholen mußten. Sie zahlten ihre Rechnung und machten sich zeitig auf den Weg zur Mühle.

Während Sebastian den Ingenieur herumführte, der eifrig mit Bleistift und Notizbuch die Daten des Gebäudes und der Werkstatt aufnahm, ließ Karina die beiden allein und unternahm einen Spaziergang im Wald, an die geheimnisvollen Orte, die einmal eine Rolle für sie gespielt hatten. Sie hatte ihnen eigene Namen gegeben, damals, als sie noch ihre kindliche Phantasie besessen hatte. Die Zwergenhöhle. Den Orakelstein. Die Drachenburg. Sie fielen ihr alle wieder ein, und die meisten gab es sogar immer noch, wenn auch ihr Zauber verflogen war. Ein Erdloch, ein Felsen, ein Wall. Den Schicksalsbaum fand sie nicht mehr, da war durch Holzeinschlag eine Lichtung entstanden. In Gedanken versunken kehrte sie zur Sägemühle zurück.

Du mußt das Wehr schließen, Hermann, fielen ihr die Worte ihrer Mutter ein, die sie – schon im Fieberwahn – gesprochen hatte. Sie hatte ihr versichert, das Wehr sei zu. Wenn man es recht bedachte, hatte sie gelogen. Das Wehr war nicht zu. Jedenfalls nicht richtig. Plötzlich verspürte sie das irrationale Bedürfnis, ihre Worte, nur als Beruhigung für die phantasierende Mutter gedacht, nachträglich zu rechtfertigen. Sie trat an die Mauer, unter der hindurch der Wasserlauf vom oberen zum unteren Teich führte, und betrachtete die Kurbel, mit der der Schieber betätigt wurde. Der Mechanismus war aus Eisen. Verrostet, natürlich, aber zumindest nicht verrottet wie das hölzerne Mühlrad. Konnte man ihn noch bewegen? Schon für den Hausschlüssel, erinnerte sie sich an gestern, hatte ihre Kraft nicht gereicht. Sie probierte es trotzdem. Nach rechts, wußte sie, hob man den Schieber an, nach links senkte man ihn herunter. Sie versuchte also nach links zu drehen. Natürlich bewegte sich nichts – oder doch? Vielleicht, wenn sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Kurbel stemmte…?

Plötzlich gab die Kurbel nach. Karina verlor das Gleichgewicht, suchte Halt am hölzernen Geländer. Im Gegensatz zur Kurbel war es morsch und brach. Da sie aber ihr Gewicht bereits dem Geländer anvertraut hatte, konnte sie nicht mehr zurück; sie beobachtete sich mit einer Mischung aus Staunen und Erschrecken dabei, wie sie über die Kante taumelte und dann in den Unterlauf stürzte.

Es ging nicht tief hinunter, vielleicht anderthalb Meter, dann klatschte sie ins eiskalte Wasser. Die wirbelnde Bewegung des kleinen Katarakts hatte an dieser Stelle das Zufrieren verhindert, aber die Strömung nahm sie mit, ohne daß sie sich dagegen wehren konnte, und trieb sie unter die Eisfläche.

Karina begriff mit einer seltsamen Verzögerung, in welcher tödlichen Situation sie sich befand. Die Kälte des Wasser war schmerzhaft schneidend und ließ ihre Muskeln verkrampfen. Panik stieg in ihr auf. Aus dieser Lage konnte sie sich nicht mehr befreien, sie würde gnadenlos ertrinken.

Dann setzte sich für einen Moment ihr mathematisch-analytischer Verstand durch und sagte ihr, daß sie zwar nicht gegen die Strömung zurückschwimmen konnte, daß der Teich aber nur am Rand zugefroren war, so daß sie mit Glück bis zum offenen Wasser in der Mitte des Gewässers getrieben werden konnte. Sie hätte es durch Schwimmbewegungen unterstützen müssen, aber sie spürte schon ihre Gliedmaßen nicht mehr und war nicht mehr dazu imstande. Und selbst wenn ich das freie Wasser erreiche – dann ertrinke ich nicht, sondern erfriere, erkannte sie. Ob sie es erreichte, bekam sie nicht mehr mit.

*

Die Sonne flutete den entlaubten Wald mit einem kalten, weißen Glanz, Eiskristalle glitzerten an den kahlen Ästen und brachen die Strahlen, so daß hier und da einzelne farbige Juwelen aufblitzten.

Etwas raschelte. Ein Reh? Karina wandte sich in Richtung des Geräusches um. Das Tier war größer, als das Knacken des gefrorenen Farns es hatte vermuten lassen, so daß sie leicht zusammenzuckte, als sie es erblickte. Groß, leuchtend weiß, ein silbernes Horn auf der Stirn. Das Einhorn schnaubte. Und auf seinem Rücken…

„Hallo, Fräulein Schuchert.“

„Alexandra?“

Die Reiterin nickte lächelnd und lenkte mit einer sachten Bewegung ihr Tier näher. Sie trug ein weißes Kleid mit Spitzeneinsatz und einen weißen Umhang. Eine um den Hals gelegte Stola mit verwirrendem Muster trug den winterlichen Temperaturen Rechnung. Es war unzweifelhaft ihre Schülerin Alexandra, und sie war es doch wieder nicht. Das Gesicht wirkte nicht abwesend, wie sonst zumeist, sondern wach und ganz im Hier und Jetzt. Die breiten Lippen hatten plötzlich etwas Sinnliches. Die Haare, offen und zerzaust, schienen in einen Sturm geraten zu sein; sie hatten gerade dadurch etwas unbezähmbar Wildes an sich. Und ihre Figur – üppig, ja, aber nicht plump. Eher wohlgeformt. Für eine Elfe wirkte sie zu massig, aber mit Brünne und Schwert hätte sie eine überzeugende Walküre abgegeben, und zwar eine ausgesprochen attraktive. Jedenfalls kam sie einem überirdischen Fabelwesen zweifellos näher als einer sterblichen Kreatur, genau wie ihr Reittier.

„Hast du Lust auf einen kleinen Ausritt?“, fragte das Mädchen.

„Ausritt?“

Alexandra pfiff. Durch das Unterholz brach etwas Weißes, das sich als ein zweites Einhorn herausstellte. „Das ist Hurricane“, stellte Alexandra den Neuankömmling vor. „Ich habe ihn für dich mitgebracht. Steig auf.“

So selten Einhörner sein mochten, jetzt traten sie schon in Scharen auf, dachte Karina amüsiert und wunderte sich ein wenig über die Selbstverständlichkeit, mit der sie dies registrierte. „Er ist nicht gesattelt“, bemerkte sie.

„Einhörner reitet man niemals mit Sattel und Zaumzeug.“

Hurricane kniete sich nieder, so daß sie bequem aufsitzen konnte. Dann erhob er sich wieder. Karina dachte, ihr müsse jetzt schwindelig werden, zumal sie noch nie geritten war, aber sie fühlte sich nur leicht. Sie hielt sich wie selbstverständlich an der wallenden Mähne des Tieres fest, preßte ihre Schenkel gegen den Leib und fühlt sich total sicher, als habe sie nie etwas anderes getan.

„Wohin reiten wir?“

„Ich zeig dir etwas von meiner Welt“, schlug Alexandra vor. Karina ging auf, daß das Mädchen in vollständigen Sätzen sprach und in keiner Weise behindert wirkte. Wer bist du, und was hast du mit Alexandra gemacht, lag ihr auf der Zunge, aber die Situation war zu märchenhaft, um sie mit dieser Frage zu entzaubern.

Alexandra trieb ihr Einhorn – Taifun hieß es, erinnerte sich Karina – zu einem leichten Galopp an, und Hurricane schloß sich ihm unaufgefordert an. Der Wald blieb zurück. Es fühlte sich ein bißchen wie Fliegen an, obwohl das Fabeltier den Boden nicht verließ. Sie ritten entlang einer Meeresküste durch eine südländische Landschaft und erreichten eine Stadt. Alexandra steuerte ein großes Gebäude an, mit einer von Säulen umrahmten Eingangshalle. Sie stiegen ab, und Alexandra führte sie hinein. Sie kamen in einen großen Saal mit Regalen an den Wänden, in denen Schriftrollen lagen.

„Wo sind wir?“, fragte Karina beeindruckt.

„In der Bibliothek von Alexandria. Oder in dem, was ihr in meiner Welt entspricht.“ Alexandra lachte. „Nein, die Stadt ist nicht nach mir benannt.“ Sie nahm eine der Schriften heraus und entrollte das Pergament. Karina erkannte eine Szenerie, die sie an die Darstellung von Weltkarten in Jugendbüchern erinnern wollte. Man sah Umrisse von Ländern, in die kleine Figuren gezeichnet waren, welche die dort lebenden Menschen und Tiere oder die dort zu findenden Baudenkmäler darstellten. Aber es waren irgendwie keine Zeichnungen, sie waren wie naturgetreue Miniaturen, die selbst lebten, sich bewegten, wanderten. Schiffe fuhren über das Meer. Kanonen donnerten auf Schlachtfeldern, Reitersoldaten schwangen ihre Säbel.

Alexandra legte die Schriftrolle wieder an ihren Platz und nahm eine andere zur Hand. Forscher betraten neue Länder, kämpften sich durch Urwälder oder Wüsten, sammelten Pflanzen, ordneten sie, Astronomen richteten ihre Teleskope auf die Sterne. Handwerker setzten Schiffe und Uhrwerke zusammen. Antike Mathematiker zeichneten geometrische Konstruktionen in den Sand.

Karina begriff, daß hier auf unbeschreibliche Weise die ganze Historie, Naturwissenschaft und Geographie der Welt zur Verfügung stand. Sie ahnte, daß Alexandra hier hineinsah, wenn sie im Unterricht so wirkte, als starre sie in die Luft. Das alles war einfach nur faszinierend.

„Wie gefällt dir das?“, fragte Alexandra.

„Verwirrend“, gab Karina zu. „Und wundervoll.“

„Ja“, sagte Alexandra. „Zumindest weitgehend.“ Sie führte Karina in einen Gang, an dessen Ende ein schwarzer Vorhang hing, der sich wie in einem Windzug bewegte.

„Was ist das?“, fragte Karina.

„In den Schriften dahinter liegt der Teil meiner Welt, den ich niemandem zeige“, erklärte Alexandra mit ernster Stimme. „Nicht einmal meinen besten Freunden. Und nicht einmal mir selbst.“

„Deinen besten Freunden“, wiederholte Karina nachdenklich. „Gehöre ich denn zu deinen Freunden, daß du mir das alles zeigst?“

„Natürlich. Du bist meine Lieblingslehrerin. Schon vergessen? Und deine Welt ist hier auch verzeichnet.“

„Meine?“

„Es gibt auch für dich einen Raum. Dort hinten.“

„Oh.“

„Keine Sorge“, lachte Alexandra. „Deine Welt ist so bunt wie meine, nur anders. Sogar bunter als du denkst. Ich glaube, wir passen ganz gut zusammen.“

„Heißt das, du weißt alles über mich?“ Sie dachte an den Ingenieur, bei dem sie nicht genau wußte, ob ihr das unangenehm war. Bei Alexandra störte es sie erstaunlicherweise überhaupt nicht.

„Nein. Auch in deiner Bibliothek weht am Ende so ein schwarzer Vorhang. Hinter den kann ich nicht blicken. Aber was ich sehen kann…“ Sie seufzte.

„Was?“

„Ich muß dir jetzt weh tun. Gerade weil du meine Freundin bist. Dieser Ingenieur Krohnstieg. Er spielt in deiner Welt eine Rolle. Ich glaube, du könntest dich in ihn verlieben.“

„Wäre das schlimm?“

„Er meint es nicht ehrlich mit dir. Ich möchte dich vor ihm warnen.“

Karina erinnerte sich, daß Alexandra eine solche Andeutung auch neulich im Unterricht gemacht hatte. Aber war das möglich? Dieser Mensch tat doch alles, um sie und ihren Bruder zu unterstützen. Und daß er daran etwas verdienen wollte – nun, das war schließlich sein Beruf. Sie nickte. „Ich werde achtgeben.“

„Das hoffe ich. Ich versuche es zwar, aber ich kann nicht immer auf dich aufpassen.“ Sie machte eine Pause und schien nachzudenken. „Es wird Zeit umzukehren.“

„Eine Frage noch. Wenn das hier alles dir zur Verfügung steht – warum ist die Alexandra in der Schule dann so wortkarg?“

„Seit Jian-Sing mich unterrichtet hat, bin ich in dieser Welt zuhause. Hier bin ich glücklich. Meistens. In der anderen hingegen sind meine Eltern gestorben. Zu der muß ich mich seitdem zwingen. Da ist alles so schrecklich – flach. Da kann ich höchstens mit Professor Gutzeit diskutieren, hier dagegen mit Konfuzius oder Archimedes. Dafür habe ich einen Preis bezahlt.“

Karina nickte. Mußte sie selbst sich nicht auch manchmal zwingen? Aber zumindest hatte es bei ihr nicht so dramatische Auswirkungen wie bei diesem Mädchen, das ist mehreren Welten lebte. „Weiß das eigentlich deine Schwester Franziska?“

„Teilweise. Manches sage ich ihr nicht. Und deswegen möchte ich dich auch bitten, ihr nicht zu erzählen, was du jetzt gleich sehen wirst.“

„Was sehe ich gleich?“

„Erschrick bitte nicht.“ Alexandra wendete ihr Einhorn und ließ es – soweit in dieser vieldimensionalen Welt so etwas wie eine Richtung existieren konnte – den Weg, den sie gekommen waren, zurück traben. Nein, nach kurzem war es nicht mehr der gleiche Weg. Keine Küstenstraße am Meer. Eher ein Teich. Und aus den Wolken – waren das Wolken? – fiel plötzlich ein Schatten auf sie herunter. Ein langer, gewundener, geflügelter Schatten.

„Jü“, rief Alexandra. „Ich brauche dich jetzt.“

Als ob es nichts wäre, schwang sich das Mädchen vom Rücken des Einhorns hinüber auf den Drachen.

Zugleich schien der Zauber, der Karina bislang auf dem Rücken Hurricanes gehalten hatte, zu versagen. Sie hatte das Gefühl zu stürzen.

*

Ich bin ertrunken, erkannte Karina. Unsinn. Wäre ich ertrunken, könnte ich jetzt nicht mehr denken, daß ich ertrunken bin. Jedenfalls trieb sie im Wasser. Sie ruderte mit den Armen, um sich zu drehen und zu orientieren. Der untere Mühlenteich, natürlich. Da hinein war sie gerade eben gestürzt. Aber das Wasser hätte eiskalt sein müssen. Der Teich müßte an den Rändern zugefroren sein. Wie es aussah, war er das auch. Aber hier, wo sie schwamm, hatte das Wasser eine sommerliche Temperatur, und zwischen ihr und dem nächstgelegenen Ufer gab es auch kein Eis. Nebel lag über dem Wasser.

Karina vergeudete keine Zeit damit, sich zu wundern, sondern begann in Richtung des Ufers zu schwimmen. Bald faßten ihr Hände in den schlammigen Grund, sie richtete sich auf und watete an Land. Die Luft allerdings war eisig. Die nassen Kleider kühlten im Nu aus und drohten sie zu einem Eiszapfen erstarren zu lassen. Sie begann zu laufen, während die Kälte in sie hineinkroch. „Sebastian!“

Ihr Bruder und der Ingenieur hatten offenbar nichts von ihrem Unfall bemerkt und keinen Versuch unternommen, sie zu retten. Mit den Zähnen klappernd erreichte sie das Mühlengebäude, drückte die Tür auf, wankte ins Innere. „Ssse – bbbas – ttian!“

„Mein Gott, Karina, was hest g’macht?“ Ihr Bruder starrte sie fassungslos an, ebenso übrigens wie Krohnstieg.

„In’n Teich g’falln bin i“, stieß sie hervor. Auf die Mundart achtete sie in diesem Augenblick nicht.

„Jessas!“ Immerhin schaltete Sebastian sehr schnell. „Los, Du mußt raus aus’d nass’n Klamottn. I geb dir mei Mantel. Sonst holst dir an Lumplfieber.“ Er wandte sich an den Ingenieur. „Und Sie, stehn’s hier net rum wie an Ölgötz, rennens zum Bahnhofswirt und holn’s die Sach’n von d‘ Karina. Die wo se gestern ang’habt het. Die sin no trockn.“

Anscheinend etwas überrascht steckte Krohnstieg seinen Notizblock ein, setzte sich dann aber doch in Bewegung und trabte den Weg entlang in Richtung der Ortschaft. Sebastian pellte seine bibbernde Schwester aus der nassen Kleidung und hängte ihr seinen Mantel um. Dann warf er Holz von dem Vorrat in den Kamin und entzündete es.

Karina nieste. Wenn sie nichts Schlimmeres als eine Erkältung davongetragen hatte, wollte sie dankbar sein. Sie war in das eisige Wasser des Mühlenteichs gefallen. Sie war von der Strömung des Mühlbachs unter das Eis getrieben worden. Sie hätte eigentlich tot sein müssen. Aber dann war sie plötzlich in warmem Wasser zu sich gekommen und hatte ans Ufer waten können. Eine logische Erklärung gab es dafür eigentlich nicht. Jedenfalls nicht, wenn man nicht ein Wunder in die Kategorie der logischen Erklärungen mit aufnehmen wollte.

Sie rückte näher ans prasselnde Feuer und kauerte sich unter dem Mantel zusammen, um ihr bißchen Körperwärme beisammen zu halten. Ganz allmählich drang die Glut des Kamins zu ihr durch. Ihre Nase begann zu laufen. „Hast du ein Schnupftuch für mich?“

Sebastian reichte ihr eines. „Wie is’n des passiert?“

Sie erklärte es ihm.

„Du bist ja narrisch! Und i hett denkt, mei Schwester wär nu alt gnug, des i nimmer auf sie achtgem müßt.“

Achtgeben. Wer hatte ihr etwas von achtgeben erzählt? Es kam ihr vor, als ob sie irgendwo zwischen Leben und Tod eine merkwürdige Vision gehabt hätte.

*

Die Nacht auf Montag schlief sie unruhig und wälzte sich in wirren Träumen hin und her. Etwas verfolgte sie. Die Sägemühle. Der Treibriemen. Plötzlich wußte sie es. Sie war in der Sägerei gewesen, verbotenerweise. Da war eine Naht, mit groben Stichen genäht. Der Zwirn löste sich, war auf einer Seite ausgefranst. Sie mußte es dem Vater sagen. Aber dann hätte er gewußt, daß sie in der Werkstatt gewesen war. Sie fürchtete sich vor dem Donnerwetter. Tausendmal habe ich dir gesagt, du sollst nicht…

Karina schreckte auf. Die Nase lief, Kopfschmerz bohrte sich in ihren Schädel. Mitten in der Nacht stand sie auf, kochte sich einen Kamillentee und inhalierte den heißen Dampf, was ihr Leiden ein wenig linderte. Einen Glühwein versagte sie sich, weil sie am nächsten Tag unterrichten mußte. Am Sonntagabend hätte sie eigentlich noch ihren Unterricht vorbereiten wollen, aber daran war unter diesen Umständen nicht zu denken gewesen.

Während sie zwischen Wachen und Schlafen neben dem Dampfbad in ihrem Mathematikbuch blätterte, zogen Fetzen von Visionen wie im Fieber an ihr vorbei. Krohnstieg hatte sich, nachdem er ihr ihre trockenen Sachen in die Mühle gebracht hatte, mit rührender Besorgnis um sie gekümmert. Er hatte ihr Gepäck getragen, ihr in der Bahnhofswirtschaft noch einen heißen Tee besorgt, ehe sie in den Zug stiegen, hatte auf der Fahrt Temperatur und Puls gefühlt, am Bahnhof die Droschke bezahlt, die Sebastian und sie nach Hause gebracht hatte. Und ihr geraten, am Montag daheim zu bleiben. Sie hatte nicht widersprochen, aber es war klar, daß ihr das nur Ärger und Vorwürfe seitens des Schulleiters eingetragen hätte. Nein, sie mußte es durchstehen.

Warum nur kam es ihr vor, als ob sie die ganze Fürsorge des Herrn Ingenieur mit Argwohn betrachtete? Sie bedeutete ihm ganz offenbar sehr viel, und sie mißtraute ihm plötzlich. Das war undankbar und ungehörig. Und doch. Da war etwas gewesen, das sie vor ihm gewarnt hatte.

Die Visitenkarte vielleicht. Dreiseehausen. Ein Ort, der im Atlas unauffindbar war. Was andererseits für ein kleines Dorf nicht ungewöhnlich war. Was sollte sie davon halten? War das der Anhaltspunkt für ihr Mißtrauen gewesen? Absurd. Die Augen fielen ihr zu, und sie landete mit der Nase im Kamillentee. Verdammt. Ebensogut konnte sie wieder ins Bett gehen. Wahrscheinlich würde sie verschlafen. Hoffentlich kam dann Sebastian auf die Idee, sie zu wecken.

Natürlich hatte er sie zu spät geweckt. Unter Verzicht auf Wäsche und Frühstück hatte sie ihre Tram mit knapper Not erreicht. Sie ergatterte einen Sitzplatz und blätterte während der Fahrt noch einmal das Mathematikbuch auf. Kurz vor den Weihnachtsferien war noch eine Klassenarbeit in der Zehnten zu schreiben. Körperberechnung. Die Kugel stand noch aus. Sie rekapitulierte den Archimedischen Beweis für das Halbkugelvolumen, den sie ihrer Klasse präsentieren mußte. Ob Alexandra wieder eine Abkürzung finden würde? Und wieso drängte sich jetzt der Gedanke auf, Alexandra sei bei Archimedes in die Schule gegangen? Aber das Mädchen war und blieb wunderlich, da konnte man schon einmal auf einen solchen Gedanken verfallen.

Daß die Lehrerin hochgradig erkältet war, konnte den Mädchen natürlich nicht verborgen bleiben; die verquollenen Augen, das ständige Schniefen, das stets griffbereite Schnupftuch sprachen eine deutliche Sprache.

„Was haben Sie denn angestellt, Fräulein Schuchert?“, erkundigte sich Simone teilnahmsvoll.

„Das wollt ihr nicht wissen“, erklärte Karina kategorisch. „Und jetzt zur Sache. Uns fehlen noch die Formeln für das Volumen und die Oberfläche einer Kugel. Die Herleitung ist etwas trickreich, deswegen führe ich sie euch – Hatschi! – einfach vor. Hört bitte zu, konzentriert euch, schreibt bitte vorerst nichts mit.“ Sie schneuzte sich.

„Gesundheit!“

Die Gefahr war immer groß, daß jemand in der Sorge, etwas zu verpassen, eifrig das Tafelbild ins Heft übertrug und dabei den eigentlichen Grundgedanken verpaßte. Na, Alexandra wird bestimmt nichts mitschreiben, dachte sie. Sie begann, den zum Beweis gehörigen Zylinder mit einbeschriebenem Kegel zu skizzieren. Nein, Alexandra schrieb nichts mit. Jedenfalls nicht ins Heft. Nur in die Luft. „Hab’s raus.“

Die Mitschülerinnen kicherten. Das durfte doch nicht wahr sein. Aber es war zu befürchten gewesen. „Laß mich bitte trotzdem den Beweis führen, ja? Ich fürchte, deiner ist für die anderen zu genial.“

Alexandra zog einen Schmollmund und ließ Karina gewähren. Zylinder, Kegel, Schnittfläche, Kreisring, Prinzip von Cavalieri. Endlich stand die Formel an der Tafel.

„Geht einfacher“, murmelte Alexandra.

„Und zwar?“, lächelte Karina.

Alexandras Hände formten den Zylinder, den Kegel, dann eine Halbkugel. „Mittelwert“, sagte sie. „Zwischen dem und dem.“

Karina rechnete im Kopf nach und stellte zu ihrer Verblüffung fest, daß es stimmte. „Aber“, gab sie zu bedenken, „das wäre nur eine Abschätzung, kein eigentlicher Beweis.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Deins auch nicht.“

„Warum nicht?“

„Treppe.“ Alexandra zeichnete ein stufiges Gebilde aus den Cavalierischen Scheiben in die Luft. „Nicht glatt.“

Sie hatte ja so recht. Der Übergang zu gedachten unendlich dünnen Scheiben blieb, solange keine Integralrechnung zur Verfügung stand, nur eine Plausibilitätsbetrachtung ohne wirkliche Beweiskraft. Aus irgendeinem Grunde hatte Karina plötzlich ein Bild vor Augen, wie Alexandra diesen Punkt mit Archimedes und Riemann diskutierte. Sie seufzte entsagungsvoll, verspürte ein erneutes Kribbeln in der Nase, und nieste heftig.

*

Wenige Tage vor Weihnachten stand abermals Ingenieur Krohnstieg vor der Tür. „Ich wollte mich verabschieden, Fräulein Karina, und Ihnen ein schönes Weihnachtsfest wünschen. Und Ihnen dieses kleine Präsent überreichen.“ Ein flaches Päckchen war in Seidenpapier eingeschlagen und mit einer blauen Schleife verschnürt. Er lächelte. „Aber öffnen Sie es bitte erst zu Weihnachten.“

„Danke“, machte sie, wiederum sehr überrascht. „Aber wieso verabschieden?“

„Meine Arbeiten hier sind erledigt. Ich reise ab.“

Sebastian hatte bemerkt, daß Besuch da war und näherte sich von hinten. Den letzten Satz hatte er offenbar mitbekommen. „Was soll des haaßen, erledigt? Und d‘ Kalkulation fer d‘ Kostn?“

„Ist leider noch nicht fertig.“ Er zuckte bedauernd mit den Schultern. „Ich habe noch nicht alle Angebote der verschiedenen Gewerke vorliegen. Aber ich schicke sie Ihnen zu, sobald ich alles beisammen habe.“

„Ja – und denn?“

„Dann nehmen Sie mit mir Kontakt auf, je nachdem, wie Sie sich entschieden haben. Ich bin ja nicht aus der Welt. Ihr Fräulein Schwester hat meine Adresse.“

„Ah – so.“

„Dann bleibt uns also erst einmal nur, Ihnen ein schönes Christfest zu wünschen“, stellte Karina fest. „Jedenfalls vielen herzlichen Dank für alle Mühe, die Sie sich mit uns gegeben haben.“ Verlegen blickte sie auf das Päckchen. „Ich kann mich jetzt gar nicht revanchieren. Darauf war ich nicht vorbereitet. Aber wenn wir uns wiedersehen…“

„Lassen Sie nur. Also, in diesem Sinne. Herr Sebastian, Fräulein Karina.“ Er bedachte Sebastian mit einem Händedruck und Karina mit einem Handkuß. Dann setzte er seinen Hut auf und wandte sich zum Gehen.

Karina wollte eben die Haustür hinter ihm schließen, da blieb er abrupt stehen, drehte sich um und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Wie dumm von mir! Das hätte ich fast völlig vergessen!“

Karina hob fragend die Augenbrauen. „Vergessen?“

„Aber sicher. Ich hatte Ihnen noch etwas versprochen.“

„Was, um Himmels Willen, hatten Sie uns versprochen?“

„Ich hatte Ihnen doch angeboten, Ihren Schmuck bei einem Juwelier schätzen zu lassen. Das hatte ich jetzt völlig aus den Augen verloren. Wie machen wir denn das jetzt…?“

„Zur Not lassen wir es einfach bleiben“, schlug Karina vor.

„Nein, nein. Was man versprochen hat, muß man doch halten.“ Der Ingenieur wirkte geradezu verzweifelt. „Wissen Sie was? Mein Zug geht ja erst morgen mittag. Ich könnte morgen früh noch die Sachen zum Juwelier bringen und ihm erklären, worum es geht. Lassen Sie ihm eine oder zwei Wochen Zeit, und um Silvester herum können Sie die Sachen dann zusammen mit der Expertise bei ihm abholen. Ist das ein Vorschlag?“

„Zu welchem Juwelier würden Sie sie denn bringen?“ Eine Spur von Mißtrauen, für das sie sich sofort schämte, stieg in Karina auf. Alexandra hatte sie vor diesem Mann gewarnt. Aus welchem Grund auch immer, vielleicht auch nur aus Eifersucht. Aber konnte sie ihm wirklich den Schmuck anvertrauen?

„Gebrüder Stein in der Kaiserallee.“ Krohnstieg legte den Kopf schräg. Offenbar spürte er ihr Mißtrauen – wie peinlich. „Das ist eine renommierte und alteingesessene Firma. Passen Sie auf, wir machen es so: Ihr Herr Bruder begleitet mich dorthin. Er erhält eine Bescheinigung, daß er die Sachen zur Schätzung abgeliefert hat und bekommt sie dann gegen Vorlage der Quittung nach dem Fest wieder ausgehändigt. Die Kosten für die Expertise übernehme ich, das hatte ich Ihnen ja zugesagt.“

Karina seufzte nachdenklich, konnte aber an dem Vorschlag nichts Bedenkliches entdecken. Die Firma Stein war ja wirklich über jeden Zweifel erhaben. Und wenn Sebastian den Ingenieur begleitete…

„Ich finde, das ist in Ordnung, nicht wahr Sebastian?“

„Scho recht. In d’r Früh kommt no en Schranktür in’d Leimzwing‘, hernach kann i ohnehin erstma nix mach’n.“

„Na, sehen Sie.“ Krohnstieg wirkte erleichtert. „Genau so werden wir es machen.“

5. Der Schmuck der Mutter

Der Tag vor den Weihnachtsferien war zugleich der Tag, an dem Karina in ihrer Zehnten die Arbeit über die Kreis- und Kugelberechnung korrigiert zurückgab. Alexandra hatte nicht die schlechteste Note erzielt, aber doch nur schwach befriedigend. Ihre Lösungen waren, wie immer, richtig – die Dokumentation des Lösungsweges hingegen so erbärmlich, daß die Lehrerin sich auch beim äußersten Wohlwollen nicht zur einer besseren Note hatte entschließen können. Andere Schülerinnen hatten durchaus weniger geleistet. Sei es, daß sie keinen brauchbaren Ansatz gefunden hatten, sei es, daß sie sich verrechnet hatten.

Die letzte Aufgabe hatte von einem – idealisiert kugelförmigen – Apfel gehandelt, der durch vier Schnitte in acht Stücke zerteilt und vom Kerngehäuse befreit werden sollte. Der Apfel sollte zwölf Zentimeter durchmessen, das Kernhaus sechs. Die Frage lautete letztlich, um welchen Faktor sich dadurch die sichtbare Oberfläche vergrößerte. Von den Schülerinnen, die einen Ansatz gefunden hatten, hatten fast alle die einzelnen entstehenden Schnittflächen berechnet und aufsummiert, um sie mit der ursprünglichen Oberfläche zu vergleichen. Und die meisten hatten sich dabei verrechnet oder Teilflächen übersehen. Nur Simone hatte die Rechnung erfolgreich bis zum Ende gebracht, und Julias Rechnung war zumindest korrekt bis zu der Stelle, an der sie wegen Zeitmangel hatte abbrechen müssen. Alexandra hatte nur die Lösung angegeben: 275 Prozent. Was richtig war. Gerechnet hatte sie wie immer im Kopf.

Beim der Besprechung der Lösungen wagte Karina es, ihre Problemschülerin nach dem Lösungsweg zu fragen.

„Radius egal“, erklärte Alexandra. Sie formte mit den Händen eine große Kugel, gefolgt von einer kleinen. „Vier und eins.“ Dann deutete sie einen Kreisring an, der wohl eine Schnittfläche symbolisieren sollte. „Eins ohne ein Viertel.“ Eine Handbewegung zerteilte den unsichtbaren Körper in der Luft durch vier Schnitte. „Mal acht. Also elf. Zu vier.“

„So ist es“, bestätigte Karina. „Schade, daß du nicht wenigstens das aufgeschrieben hast.“

„Und für normale Menschen zum Mitschreiben?“ ,erkundigte sich Pauline.

„Alexandra hat erkannt, daß für ein reines Flächenverhältnis weder der Radius noch Pi eine Rolle spielen, sie kürzen sich heraus. Ich werde es euch jetzt aber mit r und Pi an die Tafel schreiben, damit ihr die Formeln wiedererkennt…“

Karina entwickelte Alexandras Lösung an der Tafel, kürzte erst am Schluß, was es zu kürzen gab, und endete mit der Erkenntnis, daß elf zu vier tatsächlich 275 Prozent ergab.

„Wir haben noch eine Viertelstunde, und es ist die letzte Stunde vor den Ferien. Erzählen Sie uns noch eine Geschichte?“, bat Simone als Klassensprecherin.

Karina lächelte verständnisvoll. Das war Tradition, seit sie diese Klasse unterrichtete. „Na schön. Packt eure Hefte ein, ich erzähle euch die Geschichte von der blauen Rose:

Einstmals gab es im chinesischen Reich eine Prinzessin, die keine Lust hatte zu heiraten. Ihr Vater, der Kaiser, drängte sie dazu, weil das Volk schon murrte und sich böse Gerüchte ausbreiteten. Außerdem mußte ja der Fortbestand der Dynastie gesichert sein. So gestand die Prinzessin schließlich zu, sie werde heiraten – aber nur jemanden, der ihr eine blaue Rose bringen könne. Dann soll es so sein, sagte der Vater, das Wort der Prinzessin ist Gesetz.

Die Nachricht von der unerfüllbaren Bedingung verscheuchte die meisten potentiellen Freier, bis auf drei: Einen Kriegsherrn, einen Kaufmann und einen Gelehrten. Alle drei versprachen, eine blaue Rose zu besorgen, und zogen davon.

Der Kriegsherr mobilisierte seine Armee und marschierte in ein Nachbarland ein. Er eroberte die Hauptstadt und setzte die Familie des Herrschers gefangen. Als Lösegeld verlangte er eine blaue Rose. Niemand konnte den Wunsch erfüllen, aber der bedrängte König nahm aus seiner Schatzkammer einen blauen Edelstein und ließ ihm von einem Edelsteinschleifer die Form einer Rose geben. Der Kriegsherr, überzeugt, daß eine bessere blaue Rose nicht zu bekommen war, gab sich zufrieden und rückte mit seinem Heer ab.

Zurück im Kaiserpalast präsentierte er der Prinzessin den Stein in Gestalt einer blauen Rose. Die Prinzessin aber zeigte sich ungehalten: das sei nur ein Edelstein, davon habe sie Kisten voll. Der Kriegsherr wurde in Ungnade entlassen.

Der Kaufmann ließ seine Beziehungen spielen und erkundigte sich bei allen seinen Handelspartnern, ob nicht einem von ihnen eine blaue Rose begegnet sei. Fast alle mußten ihn enttäuschen. Der letzte wußte zumindest von einem Porzellanmaler, der Vasen mit Blumen bemalte, er könne sicherlich auch eine blaue Rose malen. Also ließ der Kaufmann von dem Maler für teures Geld eine Vase mit einer blauen Rose dekorieren. Die brachte er die Prinzessin. Eine wunderschöne Vase, sagte diese. Sollte ich je eine blaue Rose bekommen, so werde ich sie in diese Vase stellen. Aber die Rose fehlt noch. So zog auch der Kaufmann enttäuscht von dannen.

Der Gelehrte wälzte Bücher aller Wissenschaften und stieß endlich auf ein Elixier, mit dem man eine Blume blau färben konnte. Also besorgte er sich die erforderlichen Ingredienzien, mischte das Elixier, und tatsächlich gelang es ihm, eine weiße Rose damit blau zu färben. Stolz auf seinen Erfolg eilte er zum kaiserlichen Palast und präsentierte die Rose. Die Prinzessin war überaus entzückt und stellte die Rose in die Vase, die der Kaufmann ihr gebracht hatte. Angelockt von der Farbe und dem Duft, flatterte ein Schmetterling durch das offene Fenster herein und ließ sich auf der Rose nieder. Kaum aber hatte er von ihrem Nektar probiert, fiel er tot zu Boden. Das Elixier hatte ihn vergiftet. Lug und Trug, zeterte da die Prinzessin, warf die Vase nach dem Gelehrten und jagte ihn hinaus.

Oh, Vater, klagte sie hinterher, was habe ich getan. Meine Bedingung war unerfüllbar. Vielleicht sollte ich doch eine einfachere stellen. Der Kaiser aber schüttelte den Kopf: Unglück über unsere Dynastie, sagte er. Du kannst keine andere Bedingung mehr stellen, denn das Wort der Prinzessin ist Gesetz.

So ging die Prinzessin in den Garten und weinte bitterlich. Auf einmal hörte sie, von jenseits der Mauer, den Klang einer Laute und eine wunderschöne Stimme, die dazu sang. Rasch stellte sie eine Leiter, die der Gärtner vergessen hatte, an die Mauer, kletterte hoch und blickte über die Mauerkrone. Draußen musizierte ein wunderschöner Jüngling, in den sie sich sofort verliebte. Als jener bemerkte, daß die Prinzessin auf ihn herunterblickte, erschrak er, aber sie redete ihm gut zu, er möge bleiben, seine Melodie sei so faszinierend und passe so gut zu ihrer traurigen Stimmung.

Da gestand der Musikant, er habe ursprünglich auch um die Prinzessin freien wollen, aber die unerfüllbare Bedingung habe ihn nun in die Traurigkeit gestürzt. Beflügelt von ihrer Liebe, hatte die Prinzessin aber eine Idee: Komm morgen in den Palast und bring eine Rose mit. Die Farbe ist völlig egal. Dann sehen wir weiter.

Und so geschah es. Der Musikant erschien am nächsten Tag, in der Hand eine weiße Rose, und verlangte zur Prinzessin vorgelassen zu werden. Man führte ihn herein, und sobald die Prinzessin ihn erblickte, rannte sie auf ihn zu und rief: Oh, welch eine wundervolle blaue Rose!

Die Mitglieder des Hofstaates sahen sich irritiert an. Aber keiner wagte es, zu widersprechen. Denn das Wort der Prinzessin war Gesetz. Und wenn sie sagte, das sei eine blaue Rose, dann war das eine blaue Rose.

So wurde der Musikant ihr Gemahl. Die Prinzessin aber ließ den Garten mit lauter weißen Rosen bepflanzen, und immer, wenn sie mit Ihrem Liebsten in den Garten spazierte, sagte sie, laß uns in unseren blauen Garten gehen. Und so lebten sie glücklich bis an ihr seliges Ende.“

Auf den Punkt genau schellte es zum Stundenende. Karina verabschiedete ihre Schülerinnen und wünschte ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Erst als alle gegangen waren, begriff Karina, welche eigentliche Weisheit in der Geschichte steckte.

Vor der Tür des Klassenzimmers wartete Alexandra. Karina hob erstaunt eine Augenbraue. „Nanu. Du bist noch hier?“

„Dein Bruder“, sagte Alexandra.

„Mein Bruder? Was ist mit meinem Bruder?“

„Falscher Anzug.“ Damit wandte sich Alexandra zum Gehen. Ein paar Schritte weiter wartete ihre Freundin Julia auf sie; Hand in Hand trotteten sie davon.

Karina sah ihnen verständnislos nach. Im Mathematikunterricht hatte sie sich ja an Alexandras kryptische Äußerungen gewöhnt und wußte sie zumeist zu deuten. Aber das hier? Das Orakel von Delphi war nichts dagegen.

*

Es war das erste Weihnachtsfest ohne die Mutter. Den Christbaum hatten sie in den letzten Jahren immer oben in Augustes Zimmer aufgestellt, da sie nicht die Treppe herunterkommen konnte. Das wollten sie sich diesmal nicht antun. In dem Zimmer erinnerte noch alles an die Verstorbene; sie hatten es noch nicht fertiggebracht, es auszuräumen, obwohl Doktor Welcker ihnen geraten hatte, das sei das beste, um über den Verlust hinwegzukommen. Im neuen Jahr vielleicht.

In Anbetracht der in den vergangenen Monaten angefallenen außerplanmäßigen Kosten fiel Karinas – und Sebastians – Weihnachtsfest ohnehin etwas bescheiden aus. Ein gutes Essen, ja, aber aus preiswerten Zutaten. Also kein Braten. Der Christbaum war krumm gewachsen, dafür hatte Sebastian ihn kostenlos bekommen können. Dekoriert war er mit bemalten Nüssen und Strohsternen.

An Wachskerzen hatten sie gespart, genau ein Dutzend, das sie auf zweimal sechs einteilten. Die Geschenke – wir müssen uns ja nichts schenken, hatte Sebastian vorgeschlagen. Aber dann hatte er seiner Schwester doch das Bücherregal gebaut, um das sie ihn schon lange Zeit vorher gebeten hatte. Für ihn hatte sie einen neuartigen faltbaren Maßstab für seine Werkstatt besorgt, der zwei Meter maß, sich aber auf zwanzig Zentimeter zusammenklappen ließ. Die kindliche Begeisterung, mit der er ihn immer wieder auf und zu faltete, ließ vermuten, daß er ihm gefiel.

Erst nachdem sie von der Christmette zurück waren, fiel ihm ein:

„Karina! Der Inschinör het dir do no was g’schenkt. Des hett mer fast vergess’n.“

„Richtig. Na, da bin ich ja mal gespannt.“ Sie holte das Päckchen, das Krohnstieg ihr zum Abschied überreicht hatte, und knotete geduldig das Geschenkband auf, weil es zum Zerschneiden zu schade war. Aus dem Papier wickelte sie eine flache Schachtel mit der Aufschrift ‚QUESTION DU LAPIN’. Dabei lag eine Karte mit einem Weihnachtsmotiv, mit einer Notiz des Ingenieurs:

Verehrtes Fräulein Karina. Erlauben Sie mir dieses kleine Präsent für Sie und Ihren Herrn Bruder. Es handelt sich um ein Geduldsspiel, das Ihnen die Zeit vertreiben kann und – da es nicht ganz einfach ist – vielleicht auch hilft, den Umgang mit den Frustrationen Ihres Lebens zu üben. Mit vorzüglichen Grüßen, ganz der Ihre, Ephraim Krohnstieg.

„Wie originell“, bemerkte Karina.

„Des is Franzeesch“, stellte Sebastian fest.

„Was du nicht sagst. Mein Französisch ist auch nicht so doll, aber es soll wohl Hasenrätsel bedeuten. Da ist ja auch ein Hase abgebildet.“ In der Tat zeigte der Karton die Zeichnung eines Hasen, mit Anzug, Stock und Zylinderhut, der ein achteckiges Plättchen präsentierte, in welchem wiederum der Umriß eines kauernden Hasen zu erkennen war.

„Mach’s halt emal auf.“

Gute Idee. Sie öffneten die Schachtel. Drinnen lagen fünf achteckige Scheiben aus Karton, in die verschiedene Silhouetten geschnitten waren, ein Pferdekopf, eine griechische Vase, ein Katzenkopf, eine Glockenblume und eine Schildkröte. „De Haas fehlt.“

„Stimmt.“ Das Plättchen mit dem Hasen, das auf dem Karton abgebildet war, gab es nicht. „Merkwürdig.“

„Gibts ka Instrukschion?“

„Doch. Hier auf der Rückseite.“ Karina hatte die Schachtel gewendet und las, mit sicherlich grauenvollem Akzent: „Trouver la silhouette dun lapin en superposant les 5 plaques.“ Wobei sie die ‚fünf’ auf deutsch aussprach.

„Ah – un uf deutsch?“

„Na ja, sinngemäß soll es wohl bedeuteten, daß man die fünf Plättchen so aufeinanderlegen soll, daß die Silhouette des Hasen entsteht.“

Sebastian schob die fünf Scheiben übereinander. „Des is ka Haas.“

Karina lächelte. „Da sie achteckig sind, kann man sie in acht verschiedenen Stellungen übereinander legen. Das geht nicht mal so eben nebenbei. Deswegen nennt man es ja auch Zeitvertreib.“

Sebastian begann die Scheiben zu drehen und neue Kombinationen zu probieren. Erfolglos.

„Da jede Scheibe acht Stellungen hat und es fünf Scheiben sind, gibt es acht hoch fünf Möglichkeiten“, dozierte Karina. „Nun ja, eigentlich nur acht hoch vier; wie die erste Scheibe liegt, ist im Grunde egal, der Hase ist dann am Ende nur womöglich gedreht.“

„Achte hoch viere. Des is acht ma acht ma acht ma acht. Acht ma acht ist vierensechz’g. Ma acht…“, begann Sebastian zu rechnen.

„Fünfhundertzwölf“, half Karina aus.

„Ma acht?“ Sebastian wollte einen Stift nehmen und schriftlich rechnen.

„Warte. Fünfhundert mal acht ist viertausend. Zwölf mal acht ist sechsundneunzig. Zusammen…“

„Viertausn’ensechsaneunz’g“, ergänzte Sebastian.

„Das wird eine lange Nacht“, grinste Karina. „Wenn du ohne Pause acht Stellungen pro Minute durchprobierst, dauert es 512 Minuten, das sind reichlich acht Stunden. Und man muß sich merken, welche Stellungen man schon hatte. Also am besten systematisch.“

„Aba nimmer heut“, erklärte Sebastian kategorisch.

„Hast recht. Also gehn wir ins Bett. Gute Nacht.“

*

Während Karina die freien Tage nach Weihnachten nutzte, um das letzte Kapitel Mathematik für die Zehnte – es handelte sich um Trigonometrie – vorzubereiten und über die Prüfungsvorbereitung nachzudenken, spielte Sebastian mit dem Hasenpuzzle weiter, wenn er nicht gerade einige kleine Arbeiten in der Schreinerei erledigte. Karina hatte ihm erklärt, wie man die Stellungen am besten systematisch durchging, nämlich indem man jede Stellung jeder Karte mit einer Ziffer von Null bis Sieben markierte und dann durch Drehen der Kärtchen von 0000 bis 7777 zählte – also eigentlich im Achtersystem, aber für Sebastian reichte es, daß er im gewohnten Zehnersystem zählte und alle Zahlen ausließ, die eine Acht oder Neun enthielten.

Dem Juwelier sollte Karina noch etwas Zeit geben, hatte Krohnstieg gesagt. Vielleicht kamen ja gerade in der Weihnachtszeit besonders viele begüterte Herren in seinen Laden, um ein Weihnachtsgeschenk für ihre Frau Gemahlin auszusuchen. Jedenfalls stellte sie sich das so vor – eigene Erfahrungen mit Juweliergeschäften konnte sie nicht vorweisen.

Es war der dreißigste Dezember, als Sebastian ihr stolz die Lösung des Puzzles präsentierte. Die Kärtchen lagen übereinander, und wenn man hindurchsah, erschien der Umriß des Hasen. „Aber sag mir nicht, wie du sie dazu gedreht hast, ich will es irgendwann noch selbst probieren“, bat sie.

„Wenn’d meinst.“ Sebastian nickte. „Denkst, mer sollt’n ma bei’d Gebrüd’r Stein na d‘ Klunker frag’n?“

„Könnten wir machen. Heute ist ein normaler Werktag, da werden sie geöffnet haben. Also gehen wir heute nachmittag hin.“

„Geh allein“, winkte Sebastian ab.

„Warum? Du warst schon da, mich kennen sie in dem Laden ja gar nicht. Meinst nicht, es wär besser, wenn du auch dabei wärst?“

„Na ja, eigntlich kennt’r mi a net.“

Karina blickte verdutzt zu ihrem Bruder auf. „Wieso das denn? Ich dachte, du wärst mit Herrn von Krohnstieg zusammen dort gewesen?“

„War i ja. Aber denn het er sagt, an mei Arbeitssachn, die wo i ang’habt het, könnt wer Anstoß nehm in dem feine Laden. Also is er allein nei und i heb drauß’n wart. Er is denn mit’n Beleg wiedakumm un hetn mer in’d Hand drückt.“

„Ach so? Das hattest du gar nicht erzählt.“

„War ja net so wichtig.“ Sebastian zuckte mit den Schultern.

Karina beschlich das ungute Gefühl, daß das eventuell doch wichtig gewesen sein könnte. Alexandras sibyllinische Äußerung, Sebastian habe die falschen Sachen angehabt, kam ihr in den Sinn. Es blieb ihr zwar unerklärlich, wie das Mädchen davon hatte wissen können, aber Fakt war, daß es den Tatsachen entsprach.

Am frühen Nachmittag betraten sie also, nun doch gemeinsam, das Juweliergeschäft der Gebrüder Stein. Es sah darin noch viel edler aus, als Karina es sich vorgestellt hatte. Samt und Glas, Vitrinen mit funkelnden Steinen und glänzendem Gold. Und ein sehr erlesen gekleideter Verkäufer hinter dem Ladentresen, der Sebastians Aufzug in der Tat mit einem – nun ja – Blick stummer Verachtung bedachte, um es vorsichtig auszudrücken.

Konsequenterweise wandte er sich dann auch an Karina. „Grüß Gott, gnädige Frau. Was kann ich für sie tun?“

Sie legte die Quittung auf den Tresen. „Wir haben vor den Feiertagen bei Ihnen diesen Schmuck abgegeben, um den Wert schätzen zu lassen. Ich wollte fragen, ob Sie damit schon fertig sind.“

Der Mann studierte den Beleg. „Hm. Warten Sie. Ich lasse nachsehen.“ Er wandte sich an die Verkäuferin, die weiter hinten stand. „Lena, schauen Sie doch mal nach, ob das hier erledigt ist. Das muß mein Bruder angenommen haben, das ist seine Unterschrift.“

Der Mann vor ihnen war also demnach einer der Brüder Stein. Die Dame namens Lena verschwand durch einen Vorhang in einem nach hinten hinaus gelegenen Nebenraum. Nach wenigen Minuten kam sie mit einem Tablett, das mit Samt ausgeschlagen war, zurück. „Wir haben nur das hier.“

Auf dem Tablett lag eine einzelne Perlenkette, daruntergesteckt ein Briefkuvert mit dem Namenszug des Ladens.

Karina runzelte die Stirn. „Das ist alles? Und wo ist der Rest?“ Sie wies auf die Liste von Schmuckstücken, die auf der Quittung aufgeführt waren, wobei sie in sich aufsteigende Hitze bemerkte. Hier lief etwas ganz und gar schief.

„Etwas anderes haben wir offenbar nicht bekommen“, erklärte Herr Stein.

„Aber hier steht doch…“

„Warten Sie, ich hole meinen Bruder.“ Er ging nun seinerseits nach hinten. Dann kamen sie zu zweit zurück.

„Gnädige Frau“, begann nun der andere Stein, „mein Bruder erklärte mir gerade, daß dieser Schmuck nicht vollständig sei. Ich erinnere mich, daß ein Herr ihn vor den Feiertagen hier vorgelegt hat, aber es war nur diese Perlenkette, nichts sonst.“

„Die Dame verweist darauf, auf der Quittung stehe eine ganze Liste“, warf der andere ein und schob seinem Bruder den Beleg hin.

Jener seufzte. „Das haben wir gleich. Wir haben ja eine Durchschrift der Quittung.“ Er zog unter dem Ladentisch einen Aktenordner hervor und blätterte ihn auf. „Hier, sehen Sie. Es wurde lediglich der Empfang dieser einen Kette quittiert. Ich sage das äußerst ungern, aber Ihre Quittung ist offenbar nachträglich manipuliert worden.“

„Aber…“ Karina wollte protestieren, aber im Grunde hatte sie schon begriffen, daß sie verloren hatte.

„Das ist übrigens auch nicht meine Schrift“, setzte Stein nach. „Zweifellos geschickt nachgeahmt, aber hier zum Beispiel bei ‚Medaillon’ erkennt man es deutlich, ich schreibe das ‚M’ ganz anders. Bitte, hier!“ Damit schlug er einen anderen der abgehefteten Belege auf, um zu beweisen, wie der Buchstabe ‚M’ in seiner Schrift auszusehen pflegte. Der Unterschied war wirklich unleugbar.

„Dein glumpata Herr Inschinör het uns b’schiss’n, da Sauhund!“, polterte Sebastian lautstark los.

„Mäßigen Sie sich bitte, mein Herr“, mahnte Stein. Karina aber stand plötzlich der ganze fein eingefädelte Betrug vor Augen. Krohnstieg war nichts als ein Verbrecher. Er hatte sich nur in ihr Vertrauen geschlichen, um sich ihres Schmucks zu bemächtigen. Sie hatte ihm ja selbst davon erzählt, damals beim Essen. Dann hatte er Sebastian mit Hinweis auf seine unpassende Kleidung ausmanövriert, hatte nur die Perlenkette zur Schätzung vorgelegt und dafür eine Quittung ausgestellt bekommen. Den Rest des Schmucks hatte er nachträglich auf den Beleg geschrieben und ihn dann wohl in seinem Koffer verschwinden lassen. Wenn er einen Koffer dabei gehabt hatte, war das nicht einmal aufgefallen, er war ja angeblich auf dem Weg zur Bahn und im Begriffe abzureisen. Sogar die Schrift des Juweliers hatte er zu fälschen versucht – hatte aber natürlich nur die Buchstaben imitieren können, die in den wenigen Worten vorkamen, und ein ‚M’ war nicht dabei gewesen.

Karina faßte sich. „Es tut mir leid, Herr Stein. Wir sind offenbar betrogen worden. Ein Mensch unseres Vertrauens hat den Schmuck hergebracht, aber er muß alles bis auf diese Kette eingesteckt und dann den Beleg gefälscht haben. Ich bin, ehrlich gesagt, ratlos. Aber Sie trifft sicherlich kein Vorwurf.“

„Ja“, erinnerte sich nun Stein. „Ein vornehmer Herr mit einem Oberlippenbart. Er trug einen Ulster und einen Hut. Nachdem er diese Kette abgeliefert hatte, fragte er noch, ob er hier die Toilette benutzen dürfe.“

„Un da het er indem d‘ List g’fälscht, derweil i draußn wart het – dermit des i net dere Augn mit mein Arbeitszeug beleidign tu!“, fügte Sebastian grimmig hinzu.

Die Steins übergingen den erneuten Ausbruch taktvoll. „Wir können Ihnen nur anraten, mit Ihrer Geschichte zur Polizei zu gehen.“

Karina nickte. Daß die Polizei ihr helfen konnte, bezweifelte sie. Krohnstieg hatte reichlich über eine Woche Zeit gehabt, sich in aller Ruhe aus dem Staub zu machen und konnte inzwischen überall sein. Das Geduldsspiel kann Ihnen helfen, den Umgang mit den Frustrationen Ihres Lebens zu üben, fiel ihr ein. Sie hatte das Gefühl, daß dieser Lump sie mit dem Weihnachtsgeschenk gezielt hatte verhöhnen wollen. Unfaßbar! Und dabei hatte er so tadellose Umgangsformen besessen, und sie hätte sich tatsächlich beinahe in ihn verguckt gehabt. Etwas in ihr wollte sogar jetzt noch glauben, das alles sei nur ein Irrtum, der sich im nächsten Moment aufklären müsse. Aber es war kein Irrtum. Krohnstieg hatte sie übers Ohr gehauen, eiskalt.

„Darf ich die Perlenkette dann wenigstens mitnehmen?“

Stein zog das Kuvert unter dem Schmuckstück heraus und öffnete es. „Den Wert hatte ich auf 150 Mark taxiert. Für die Schätzung bekomme ich dann noch drei Mark fünfundzwanzig.“

Sie schluckte trocken. Hatte sie nach alledem tatsächlich erwartet, Krohnstieg habe die Taxe bezahlt? Er müßte ja absolut dämlich gewesen sein! Das teuerste Weihnachtsgeschenk meines Lebens, dachte Karina wütend. Und bezahlte.

Und du Vollidiot hast dich von ihm reinlegen lassen, lag ihr auf der Zunge, sobald sie wieder auf der Straße standen. Sie holte Luft, um es Sebastian ins Gesicht zu schreien, aber dann schluckte sie es tapfer hinunter. Matthäus 7, Vers 5: ‚Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.’ Sie selbst war doch dem Charme dieses Halunken erlegen, wie wollte sie da ihrem Bruder Vorwürfe machen?

*

Letztlich hatten sie sich dann doch entschieden, auf die Polizei zu gehen, obwohl Karina keinen Sinn darin sah.

Sie wurden an eine Abteilung im Polizeipräsidium verwiesen. Der Inspektor – zumindest vermutete sie, daß er einer war, sie kannte sich da nicht aus – trug an seiner dunkelblauen Uniform eine beeindruckende Anzahl silberner Blechsterne und war mit einem dekorativen Moustache geschmückt. Seine Statur konnte man als die eines Athleten bezeichnen, vielleicht trieb er Kraftsport. Sein Haar war auffällig blond und durch eine Naturkrause ausgezeichnet. Er stellte sich mit dem Namen Ziegler vor und bot ihnen, nachdem er erfahren hatte, worum es ging, sogar einen – allerdings recht unbequemen – Sitzplatz an. Dann lauschte er aufmerksam Karinas Schilderung, die Sebastian nur gelegentlich mit eingeworfenen Verwünschungen unterbrach.

Schließlich endete Karinas Bericht, und Ziegler legte Bleistift und Stenogrammblock beiseite. „Zunächst einmal bin ich Ihnen dankbar, daß Sie die Sache zur Anzeige bringen. Die Erfahrung lehrt, daß solche Betrugsfälle von den Betroffenen meist gar nicht angezeigt werden, weil es ihnen peinlich ist.“

„Mir ist es auch peinlich, daß ich diesem Menschen aufgesessen bin, das können Sie mir glauben.“ Irgendwie fühlte sie sich sogar beschmutzt, weil er in ihre Gefühlswelt eingedrungen war. Aber das mußte sie nicht zu Protokoll geben.

„Aber was uns nicht angezeigt wird, können wir nicht verfolgen. Haben Sie eine Liste der gestohlenen Gegenstände?“

„Aber ja. Er besaß ja die Frechheit, sie alle auf die Quittung zu schreiben. Hier.“ Sie reichte ihm den nutzlosen Beleg. „Alles bis auf die Perlenkette. Die ist noch da.“

„Nun“, meinte der Polizist, „hätte er das nicht getan, wäre Ihnen der Betrug ja gleich aufgefallen. Es war also durchaus ein nachvollziehbarer Teil seines Plans. Zumal er auch die Schrift des Juweliers nicht ungeschickt gefälscht hat. Die nächste Frage muß logischerweise lauten: Können Sie den Täter beschreiben?“

„Eigentlich schon. Schlank, schwarzhaarig. Braune Augen. Etwas größer als ich. Um die vierzig Jahre alt. Er trägt ein Oberlippenbärtchen. Gediegene Kleidung: dunkler Gehrock, etwas hellere Hose. Eine Taschenuhr an der Weste. Ach ja, und er trägt einen Seidenschal.“

„Sie haben eine gute Beobachtungsgabe, Fräulein…“

„Schuchert.“

„Richtig, Fräulein Schuchert. Dummerweise lassen sich die meisten Merkmale, die Sie geschildert haben, problemlos verändern. Selbst das Bärtchen könnte er abrasieren. Es bleibt als zuverlässige Beschreibung nur die schlanke Statur, die Augenfarbe, das ungefähre Alter und die Körpergröße.“

„Mer hen’d Kartn mit dere Adress“, warf Sebastian ein.

„Oh“, machte der Inspektor. „Haben Sie sie da?“

„Leider nein, die liegt zuhause. Ephraim von Krohnstieg, stand da. Beratender Ingenieur, Dreiseehausen, Am Hofacker. Die Hausnummer erinnere ich jetzt nicht.“

„Siebene wars“, half Sebastian aus.

„Ich habe versucht herauszubekommen, wo dieses Dreiseehausen liegt, aber ich habe es in keiner Karte gefunden“, erklärte Karina. „Nach allem vermute ich, daß die Adresse falsch ist.“

„Ja, vermutlich“, gestand der Inspektor zu. „Aber das alles erinnert mich an einen anderen Fall aus dem vergangenen Sommer. Da wurde auch eine junge Dame von einem überaus sympathischen Herrn umgarnt, bis er sie um ihr – nicht unerhebliches – Vermögen gebracht hatte. Wenn Sie etwas Geduld haben, werde ich mir die Akte aus dem Archiv besorgen.“

„Die Geduld haben wir dann auch noch.“ Karina lächelte schmerzlich und dachte an das Geduldsspiel. Sie überbrückte die Wartezeit, indem sie sich in der Amtsstube des Inspektors umsah. Ein junger Mann mit deutlich weniger Sternen saß am Fenster an einer Schreibmaschine und nahm von ihnen keine Notiz. Auf dem Schreibtisch gab es sogar einen Telephonapparat. Ein Aktenschrank mit Rolltür stand in einer Ecke; der Rest der Wand war fast vollständig mit einer überdimensionalen Landkarte ausgefüllt, in der einige Stecknadeln als Markierungen steckten. Wenn Dreiseehausen auf dieser Karte nicht zu finden war, dann vermutlich nirgends, dachte sie. An der Wand tickte eine Uhr. Die Schreibmaschine klapperte. Ein Geruch von Bohnerwachs und Ruß lag in der Luft; letzterer rührte wohl von dem Kohlenofen her, der in einer Ecke stand, eine Kohlenschütte daneben.

Die Dielen knarrten, als Inspektor Ziegler kaum zehn Minuten später mit einem Hefter zurückkam. „Da haben wir’s. Sogar mit Visitenkarte. Ephraim von Krohnstieg. Beratender Architekt. Angeblich wohnhaft in Eiderhessenau. Einem Ort übrigens, den es auch nicht gibt. Die Personenbeschreibung kommt ebenfalls hin.“ Er seufzte. „Aber wir haben ihn nicht erwischt. Die Beschreibung paßt ja auch auf Tausende.“

Er blätterte in der Akte und mußte lachen. „Seine Angebetete hatte ihn sogar um eine Photographie gebeten, aber er hat sie mit immer neuen Ausreden vertröstet. Bis er weg war. Und das Geld auch. Übrigens war er im Wartezimmer eines Arztes mit ihr ins Gespräch gekommen. Rein zufällig. Wie bei Ihnen in der Tram.“

„Bled hätt er sein müssn, an Photo fern Steckbrief dazulassn“, bemerkte Sebastian.

„Sie sagen es. Aber sein Vorgehen bekommt ein Muster. Er guckt sich seine Opfer an unverfänglichen Orten aus, und wenn er den Eindruck hat, es könne sich lohnen, beginnt er mit ihnen ganz zwanglos eine Unterhaltung. Es entwickelt sich eine Bekanntschaft, und wenn er schließlich das Vertrauen des Opfers gewonnen hat, schlägt er zu.“

„Was könnte ihn auf die Idee gebracht haben, daß es sich bei mir lohnen würde?“

„Tja.“ Ziegler breitete die Arme aus. „Trugen Sie vielleicht eines dieser Schmuckstücke?“

„Stimmt. Die Kette mit dem Rubinkreuz.“

„Das wird es wohl gewesen sein. Und den Rest haben Sie ihm dann ja freiwillig offenbart, nachdem er Sie zum Souper eingeladen hatte.“

„Ich könnte mich ohrfeigen.“

„Bitte nicht, junges Fräulein. Das tut immer so weh. Jedenfalls scheint er die gleiche Masche immer wieder zu probieren, also werden wir ihn eines Tages zu fassen bekommen.“

„Eines Tages ist nicht sehr trostreich“, stellte Karina fest. „Was werden Sie also tun? Eine neue Akte anlegen?“

„Ja“, nickte Ziegler, „das auch. Aber ich werde den Herrn per Steckbrief zur Fahndung ausschreiben lassen. Vielleicht meldet sich daraufhin ja noch ein anderes Opfer, das eine genauere Beschreibung liefern kann. Bis dahin…“

„Schon klar. Bis dahin gehe ich nach Hause, gucke in den Spiegel und schimpfe mein Spiegelbild eine dumme Gans.“

„Sie scheinen es wenigstens mit Humor zu nehmen.“

„Ja. Bis ich ihn treffe. Dann bringe ich ihn um.“

„Wofür ich Sie dann leider ins Gefängnis stecken müßte“, meinte der Inspektor. „Auch wenn ich Sie durchaus verstehe, lassen Sie es lieber bleiben. Mein ist die Rache, spricht der Herr. Sie hören von uns, wenn sich etwas Neues ergibt.“

Karina erhob sich. „Den Satz hatte ich befürchtet.“

Der Inspektor grinste gequält und reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgendwie erschien er ihr um Größenordnungen sympathischer, als es der falsche Ingenieur jemals gewesen war.

*

Sie begannen noch am Altjahrsabend, das Zimmer der verstorbenen Mutter auszuräumen. Ihre sämtliche Kleidung, die Karina ohnehin nicht gepaßt hätte, kam in die Wäsche und sollte hinterher der Kirche für karitative Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Das Bett zerlegte Sebastian in seine Bestandteile und führte es dem Materiallager seiner Werkstatt zu. Tisch und Stühle wanderten hinunter in die erste Etage. Der leere Schrank blieb, wurde aber an eine andere Stelle gerückt. Als letztes fegte Karina das Zimmer gründlich aus und beseitigte in den Ecken die Spinnweben.

Am Neujahrstag besuchten sie die Heilige Messe, setzten dann aber, des Feiertags ungeachtet, ihre Arbeit fort. Karinas Schreibtisch und Bücherregal kamen nach oben, ebenso wie ihr Bett. Sie konnte sich hier ihr eigenes Zimmer einrichten und den bis dato im ersten Stock belegten Platz freigeben. Dafür konnte Sebastian mit seinem Kontor in den ersten Stock ziehen und so mehr Raum in der Werkstatt gewinnen.

Einem unausgesprochenen Einverständnis folgend, erwähnten sie beide den Namen Krohnstieg kein einziges Mal. Gegen Abend des ersten Jänner hatte Karina tatsächlich kurzzeitig das Gefühl, das alte Jahr abgeschüttelt zu haben wie den Staub, den sie am Ende aus dem Besen geklopft hatte.

„Un was mach mer damit?“ Sebastian warf die Schachtel mit dem Hasenpuzzle auf den Tisch. „I hätt net übel Lust, es nacha im Ofen fers Feuermachn zu nehm.“

Karina betrachtete das Andenken an den falschen Ingenieur, das ihnen verblieben war, mit gemischten Gefühlen. Ein Danäergeschenk, ohne Zweifel. Aber feindliche Krieger würden ihm nicht mehr entsteigen; der Feldzug war bereits verloren. Und der unsichtbare Hase konnte nichts dafür, er stammte der Beschriftung nach sogar aus Frankreich und war als Geduldsspiel konzipiert. Als Verhöhnung war er nur durch Krohnstieg mißbraucht worden, so daß ihm eigentlich eher Mitgefühl gebührte, derart zweckentfremdet worden zu sein. Sie schüttelte den Kopf. „Das Ding bleibt am Leben. Es ist nicht schuld an dem Betrug, und ich wollte es noch lösen.“

„Aber s’wird uns allweil an den Haderlump erinnern.“

„Das wird die Perlenkette, die mir verblieben ist, auch tun. Und die werfe ich ja auch nicht deswegen weg.“

„Ja, wenns des so siechst…“

Ob sie es wirklich so sah, war ihr selbst nicht klar. Der Hausputz mochte ihren Kopf geklärt haben, aber der Stachel saß in der Seele. Sie hatten den Schmuck der Mutter verloren. Durch ihre Gutgläubigkeit. Da tröstete es nur wenig, daß andere Frauen auch schon auf den Betrüger hereingefallen waren.

Mein ist die Rache, spricht der Herr. Und doch hätte sie den Kopf des Lumpen am liebsten auf einem silbernen Tablett gesehen, wie Salome das Haupt des Johannes.

Karina erschrak vor ihren eigenen Gedanken. So etwas hätte sie sich früher nie zu denken getraut. Die ganze Geschichte hatte etwas in ihr verändert. Sie hatte sich ihr Leben lang weggeduckt, in der festen Überzeugung, alle anderen seien bedeutender als sie, besser als sie. Wenn ihr Schulleiter sie abkanzelte, kroch sie in sich zusammen und wußte ganz bestimmt, daß er recht hatte und sie selbst unrecht. Auch zu Krohnstieg – oder wie immer sein Name in Wahrheit lautete – hatte sie im Grunde gläubig aufgesehen und sich daran berauscht, daß so ein eleganter Herr einem Mauerblümchen wie ihr seine Aufmerksamkeit schenkte. Aber er war nicht besser als sie, im Gegenteil. Er hatte ihre Naivität mißbraucht. Es war an der Zeit, den krummen Rücken gerade zu machen.

Dann fiel ihr ein, daß ihr das bereits einmal gelungen war, neulich bei der Konfrontation mit von Brunner. Sie hatte erschrocken neben sich selbst gestanden und nicht gewußt, wer ihr die Worte in den Mund legte, mit denen sie ihn in die Defensive gedrängt hatte. Unter den Augen ihres Schulleiters. Karina war sich nicht sicher, ob ihr die Änderung ihrer Persönlichkeit gefiel. Aber so wie sie war, gefiel sie sich nicht mehr. Oder sie hatte sich eigentlich nie so gefallen, aber jetzt war es ihr endlich bewußt geworden.

„Was überlegst?“, erkundigte sich ihr Bruder.

„Daß ich mir endlich gefallen möchte.“

„Hä?“

*

Die Weihnachtsferien endeten mit dem Epiphaniastag. Rechte Freude hatte Karina an den restlichen Ferien verständlicherweise nicht mehr gehabt, aber sie hatte die Zeit immerhin mit Unterrichts- und Prüfungsvorbereitung gefüllt. Die Aufgaben für die Abschlußarbeit in der Zehnten würden vom Ministerium gestellt werden; das war vielleicht sogar gut so, weil es ihr die Versuchung ersparte, die Aufgabenstellung an das Ausdrucksvermögen ihrer Problemschülerin anzupassen. Alexandra würde da hindurch müssen. Dennoch überlegte Karina hin und her, wie sie es ihr irgendwie erleichtern konnte.

Wie auch immer dem sein mochte, mit der ersten Stunde nach den Ferien begann sie mit dem letzten Thema, der Trigonometrie. Die Seitenverhältnisse im rechtwinkligen Dreieck, die von der Größe der Winkel abhingen, führten zu den Winkelfunktionen Sinus, Kosinus, Tangens und Kotangens. Nach Klärung der ersten Begriffe forderte Karina ihre Klasse auf, einen Viertelkreis von zehn Zentimeter Radius zu schlagen, in ihn Dreiecke einzuzeichnen und dabei den Winkel am Mittelpunkt in Schritten von fünfzehn Grad zu steigern, wobei jeweils die Katheten auszumessen waren. Das Verhältnis zur Hypotenuse, die ja zehn Zentimeter betrug, war dann leicht zu berechnen und ergab den Sinus beziehungsweise den Kosinus des Winkels. Auf diese Weise sollten die Schülerinnen eine – wenn auch grobe – Tabelle dieser Funktionen erstellen.

Über Alexandras Schulter zu schauen traute sie sich fast nicht. Sie würde ein leeres Blatt sehen, denn die Schülerin starrte wie üblich nur in die Luft. Nicht daß sie einen Viertelkreis zeichnete. Karina war sich nicht einmal sicher, ob Alexandra eigentlich einen Zirkel besaß.

Um so überraschter war sie, als das Mädchen plötzlich zu schreiben begann. Vorsichtig reckte Karina den Hals um zu sehen, was da entstand. Es war eine Liste der Winkel von null bis neunzig Grad. Schön. Und nun? Ohne Lineal? In der Luft? Sie wußte, daß in Alexandras Vorstellung die ganze Euklidische Geometrie Platz hatte. Sie benötigte kein Lineal für eine Gerade und keinen Zirkel für einen Kreis. Sie dachte die Figur in die Luft, und da sah sie das platonische Ideal der Geraden und des Kreises. Aber hatte in dieser Welt der Ideen so etwas grob Materielles wie ein Zentimetermaß überhaupt eine Entsprechung? Konnte Alexandra in der Luft die Länge von Strecken abmessen? Das ging über Euklid entschieden hinaus…

Während die anderen Mädchen getreulich ihr Lineal an die gezeichnete Figur anlegten und die Meßwerte notierten, entstand bei Alexandra plötzlich eine zweite und dritte Spalte, die eine füllte sich von oben nach unten und parallel dazu die andere von unten nach oben mit Zahlen. Woraus Karina ersah, daß Alexandra auf jeden Fall bereits die Spiegelbildlichkeit der beiden Funktionen erkannt hatte, ohne daß dies bisher thematisiert worden war.

Karina schritt eine Runde in ihrer Klasse ab, um die Arbeit der anderen zu kontrollieren, griff hier und da korrigierend ein, wo eine Schülerin wieder einmal auf die falsche Skala des Winkelmessers geraten war, und kehrte dann zu Alexandras Platz zurück.

Die Tabelle war fertig. Auf zwei Nachkommastellen genau standen da die korrekten Werte. Nein, einer stimmte nicht. Der Sinus von fünfzehn Grad betrug 0,26; bei Alexandra stand 0,25. Der Fehler wiederholte sich beim Kosinus von 75 Grad. Bei allen anderen Schülerinnen hätte Karina das als Zeichenungenauigkeit durchgehen lassen, aber Alexandra hatte keine Zeichnung.

Karina deutete auf den falschen Wert. „Wie hast du den bekommen?“

Alexandra zeigte ihr hilfloses Grinsen. „Hälfte“, preßte sie hervor und wies auf den Wert bei 30 Grad.

Karina, in der Deutung von Alexandras Stenogrammen inzwischen einigermaßen erfahren, versuchte die Antwort für sich zu interpretieren. Alexandra hatte demnach ihren gedachten Kreisbogen wohl durch eine gedachte Gerade ersetzt, so daß sie aus dem Sinus bei 30 Grad, der tatsächlich 0,5 betrug, auf den Sinus beim halben Winkel geschlossen hatte, indem sie die 0,5 halbiert hatte. Was als Näherung durchaus legitim war, denn die Sinusfunktion verlief bei kleinen Winkeln nahezu linear.

Den Sinus von 75 Grad konnte man allerdings auf diese Weise nicht bekommen. Und der stimmte sogar auf zwei Stellen genau. „Und den?“

Alexandra malte etwas in die Luft, das wie ein schmales Dreieck aussah. „Pythagoras.“

Darüber mußte Karina eine ganze Weile nachdenken, ehe sie es zu begreifen meinte. Offenbar hatte Alexandra bereits erkannt, daß die beiden Funktionen über den Satz von Pythagoras miteinander verbunden waren. Dann konnte sie aus dem genäherten Kosinus für 75 Grad, der ja bei ihr 0,25 betrug, den zugehörigen Sinus berechnen. Wenn sie im Kopf die Wurzel aus – Moment – aus 0,9375 herausbekam. Offenbar hatte sie sie herausbekommen, denn das Ergebnis stimmte.

Karina machte die Probe aufs Exempel. „Und wie hast du die Wurzel berechnet?“

„Andersrum. Zweites Binom.“

„Aha“, machte Karina ohne es verstanden zu haben. Jedenfalls war klar, daß auch in Alexandras Ideenhimmel keine Zentimetermaße existierten. Sie hatte alle Werte berechnet. Im Kopf.

Inzwischen hatten die anderen ihre Zeichnungen und Messungen vollendet. Hinten im Buch findet ihr eine Tabelle dieser Funktionen, schlagt sie bitte einmal auf und kontrolliert daran die Genauigkeit eurer Messungen, lag ihr auf der Zunge. Auf dem Weg zum Lehrerpult sah sie, daß Alexandra weitere Zahlen in die Zwischenräume ihrer Tabelle quetschte. Das durfte nicht wahr sein, sie berechnete jetzt aus purer Langeweile die Werte in Fünferschritten. Sie ließ sie gewähren. Vermutlich hätte das Mädchen, hätte man ihm nur genug Zeit gegeben, die Tabellen auch noch mit einer Schrittweite von einem Grad im Kopf berechnet.

*

Sankt Pauli Bekehr ist der Winter halb hin und halb her, besagte die Bauernregel. Sankt Pauli Bekehrung war außerdem der Geburtstag der Mutter. Was den Winter betraf, so hatte es am Vortag geschneit, und jetzt war es kalt und sonnig geworden.

„Ich geh Mutters Grab besuchen“, sagte Karina zu ihrem Bruder. „Kommst mit?“

Sebastian legte den Hobel aus der Hand und blickte zum Fenster, durch das man das schneebedeckte und in der Sonne weiß strahlende Dach von gegenüber erkennen konnte. Er brummte etwas, das wohl eine Zustimmung sein sollte, und griff nach seinem Mantel.

Auf dem Weg zum Friedhof begann er zum ungezählten Male, die Wenns und Abers zu diskutieren, die mit ihrer unglückseligen Bekanntschaft mit dem falschen Ingenieur verbunden waren. Wenn du dich in der Tram nicht hättest anquatschen lassen. Wenn du mit ihm nicht essen gegangen wärst. Wenn du ihm nicht von dem Schmuck erzählt hättest.

Karina seufzte. „Nun gib endlich Ruh. Hätte war gestern. Jetzt ist es passiert und ich bereue es unendlich, aber ich kann es nicht mehr ändern.“

„Wenn wenstans d‘ Adress g’stimmt hätt.“

„Sehr witzig. Ein Lump wie der wird grad seine richtige Adresse dalassen!“

„Und mit alldem willst d‘ Mutta unt’r d‘ Augn tret’n…“

Karina warf einen Blick zum strahlend blauen Himmel hinauf. „Wenn sie von da oben herabschaut, weiß sie’s längst.“

„Freili.“ Sebastian zuckte mit den Schultern. Die Vorwürfe waren ihm offenbar fürs erste ausgegangen, und außerdem sollte ihm klar sein, daß er an dem ganzen Debakel nicht völlig unschuldig war.

Sie erreichten das Grab. Karina legte das kleine Gesteck aus Tannengrün ab, das sie mitgebracht hatten. „Alles Gute zum Geburtstag, Mutter“, murmelte sie, während ihr eine Träne über die Wange kullerte.

Schräg gegenüber der Grabstelle stand eine verschneite Bank. Sebastian stellte fest, daß der Pulverschnee ziemlich trocken war und sich leicht wegschieben ließ. Er räumte die Sitzfläche frei und setzte sich. Dann begann er, mit seinem üblichen griesgrämigen Gesicht, ein Loch in das gegenüberliegende Gebüsch zu starren.

Karina verzichtete darauf, sich zu erkundigen, worüber er nachdenke, und setzte sich wortlos neben ihn. In der Sonne war es so warm, daß sie sogar ihren Schal ein wenig lockern mußte. Sie schloß die Augen und gab sich dem irritierenden Farbenspiel hin, das das grelle Licht durch die Lider hindurch erzeugte. Wenn da nur nicht dieser verdammte Schmuck … Hortet keine Schätze auf Erden, wo sie gestohlen werden und der Rost und die Motten sie fressen, spricht der Herr. Er hatte ja so recht. Sie dachte an den Regenbogen, den Auguste ihr nach der Beerdigung geschickt hatte, und ein Gefühl von Frieden überkam sie.

„Hallo, Fräulein Schuchert.“ Alexandra ließ sich vom Rücken des Einhorns gleiten und lächelte Karina an. Die andere Alexandra. Die schöne Alexandra. „Darf ich mich zu dir setzen?“

Aber da sitzt doch schon Sebastian, dachte Karina, aber als sie zur Seite sah, war der Platz neben ihr leer. Sie wies mit einer Handbewegung neben sich. „Bitte. Wo kommst du denn jetzt her?“

„Was meinst du mit: woher? In meiner Welt kann ich überall sein.“

„Du hast es gut.“

„Trauerst du noch um deine Mutter?“

„Ein bißchen.“

„Ja. Ich trauere auch noch um meine Eltern, weißt du?“

„Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

„Was soll’s? Ich habe ja davon angefangen.“ Alexandra ergriff Karinas Hand und drückte sie. Nach einer ganzen Weile setzte sie hinzu: „Trauerst du noch um deinen Schmuck?“

„Ja, verdammt.“

„Mehr als um deine Mutter?“, erkundigte sich Alexandra mit einem spöttischen Lächeln.

„In Ordnung, das saß“, gestand Karina ein.

„Aber was das betrifft, kann ich dir vielleicht helfen.“

„Du? Mir? Woher weißt du überhaupt von dem Schmuck?“

„Vielleicht kann ich Gedanken lesen? Vielleicht bin ich eine Fee?“

„Und wer bist du wirklich?“

„Deine häßliche, pummelige, behinderte Schülerin. Schon vergessen?“

Sie mußte wohl wirklich Gedanken lesen können. Karina schämte sich in Grund und Boden, obwohl sie in Alexandra längst nicht mehr das häßliche Entlein sah, als das sie ihr zu Beginn erschienen war.

Alexandra lachte. „Sieh mal da.“ Sie zeigte mit dem Finger in den blauen Himmel. Dort erschienen plötzlich Buchstaben, die das Wort DREISEEHAUSEN formten.

Karina runzelte die Stirn. „Wie machst du das?“

„Das weißt du doch. Ich denke die Buchstaben in die Luft, wie du es immer nennst. Und weil du jetzt in meiner Welt bist, kannst du sie sehen.“

Die Buchstaben verschoben sich gegeneinander und bildeten nun das Wort EIDERHESSENAU. „Ist dir aufgefallen, daß beide nicht existierenden Orte aus den gleichen Buchstaben gebildet werden?“

„Ehrlich gesagt, nein.“

„Ich hatte dich vor ihm gewarnt. Er hält sich für raffiniert. Er bildet sich sogar ein, daß niemand sein Buchstabenspiel durchschaut. Aber er irrt sich.“

„Aber was nützt mir das, wenn ich seine komischen Buchstaben…?“

„Wie viele Orte gibt es mit diesen Buchstaben? Es ist eine Frage der Kombination. Dreizehn Buchstaben lassen sich in 13 mal 12 mal 11 mal 10 und so weiter Reihenfolgen bringen. Bei den vier ‚E’ ist die Reihenfolge aber egal, bei den zwei ‚S’ auch. Trotzdem bleiben rund 129 Millionen Kombinationen.“

Karina lachte humorlos. „Soll mich das trösten?“ Sie dachte an das Hasenpuzzle, das erheblich weniger Möglichkeiten hatte – und daran, daß der falsche Ingenieur ihr jetzt schon wieder so ein Puzzle bescherte, wenn auch indirekt.

„Ich vermute, daß der Ort, in dem er wirklich wohnt, aus genau diesen Buchstaben gebildet wird.“

„129 Millionen Kombinationen, ja?“ Das Hasenpuzzle hätte Alexandra vermutlich in fünf Minuten gelöst gehabt. Aber bei diesem mußte wohl auch sie an die Grenze stoßen.

„Aber nicht viele sinnvolle. Damit kannst du deinem Inspektor Ziegler vielleicht einen wertvollen Tip geben. Und noch etwas.“

„Was denn?“

„Ach, ich bringe es dir morgen in die Schule mit. Du bist noch nicht so weit, daß du es von hier mitnehmen könntest. Bis dann.“ Damit erhob sich Alexandra, stieg auf ihr Einhorn und ritt davon.

Ich bin noch nicht so weit, daß ich es mitnehmen könnte? dachte Karina. Was in aller Welt hatte sie damit gemeint? Oder mußte es jetzt heißen: Was in allen beiden Welten?

„Karina! Bist eing’schlafn?“ Sebastian stieß sie von der Seite an. „S’wird kalt. Laß uns heimgehn.“

Tatsächlich war die Sonne weitergewandert, und der Schatten eines Baumes fiel auf die Bank, wodurch sofort wieder die Kälte des Wintertages spürbar wurde. Karina zog ihren Schal um sich und stand auf. „Hast recht.“

*

Bring’s gleich hinter dich, Karina. Am Morgen paßte sie den Direktor noch vor dem Unterricht ab. „Haben Sie einen Augenblick Zeit für mich, Herr Doktor Hartriegel?“ Der Allgewaltige blickte sie etwas irritiert an. Er empfand es wohl nicht als üblich, von Lehrkräften um ein Gespräch gebeten zu werden. Normalerweise war er es, der seine Untergebenen zu sich zitierte. Vorzugsweise, wenn er etwas zu beanstanden hatte.

„Minute“, bestätigte er ungeduldig, die Hand an der Klinke seines Büros. Sie hereinzubitten, fiel ihm nicht ein.

„Es geht um meine Schülerin, Alexandra Jarowicz.“

„Und?“

„Sie wissen, daß sie eine Sprachbehinderung hat und sich nicht richtig ausdrücken kann. Ich wollte darum bitten, ob sie bei den bevorstehenden Prüfungsarbeiten einen Nachteilsausgleich bekommen kann.“

„Einen was?“

„Nachteilsausgleich. Ich dachte daran, für sie die Anforderungen bei der schriftlichen Ausarbeitung der Lösungen zu senken.“

Jetzt hatte sie den Bogen überspannt, das fühlte sie ganz deutlich. Der Schulleiter betrachtete sie mit geweiteten Augen, als ob sie eine Irre sei. Dann streckte er den Hals vor, als könne er sie dadurch besser erkennen. „Senken? Unmöglich! Erwarte Gerechtigkeit, Kollegin. Prüfung muß gerecht sein.“

Ein Zitat von Thomas von Aquin kam ihr in den Sinn: Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit. „Herr Doktor Hartriegel, ist es gerecht, wenn man von einer Schnecke und einem Hasen beim Wettlauf die gleiche Leistung erwartet?“

Er seufzte, zweifellos angesichts ihrer Impertinenz. „Unterrichten keine Schnecken. Gehören an Hilfsschule.“ Er wandte ihr den Rücken zu, öffnete seine Tür und verschwand in seinem Amtszimmer.

Gescheitert, erkannte Karina. Sie konnte ihm das Problem nicht verständlich machen – oder er war außerstande, es zu verstehen. Doktor Hartriegel war ein korrekter Beamter, und wenn die Prüfungsordnung eine solche Erleichterung im Examen nicht vorsah, wäre er der letzte, der von den Buchstaben der Vorschriften abwich. Immerhin hatte sie den Mut besessen, es wenigstens zu versuchen. Für sie war das nicht selbstverständlich.

Der Zeichenunterricht in der Zehnten war für Karina eher erholsam. Ihre Schülerinnen hatten zwar durchaus unterschiedliches Talent, aber sie erlernten zumindest die Techniken, also das reine Handwerk. Künstlerin konnte nicht jede sein. Eigentlich, dachte Karina, wäre es schön, wenn das auch für Mathematik gälte. Wenn mathematisch talentlose Schülerinnen wenigstens das Handwerk lernen könnten. Nach all ihrer Erfahrung ging das leider nicht. Und bei Alexandra war es genau umgekehrt; sie besaß das Talent, aber sie schwebte über dem Handwerk wie ein Engel über den Niederungen der Erde.

Gegen Ende der Stunde, als alle ihre Skizzen in den Zeichenmappen verstauten, zog jene Alexandra ein weißes Blatt daraus hervor. Sie sah ihre Lehrerin an. „Für dich.“

Ein leeres Blatt? Nein, sie schob es ihr nur mit der Rückseite nach oben zu. Als Karina es mit fragendem Gesichtsausdruck ergriff, fiel ihr Blick für einen Moment auf die Vorderseite. Sie erschrak und klappte das Blatt schnell wieder nach unten. „Wie…?“

„War versprochen“, sagte Alexandra.

Karina nickte fahrig und spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals pochte. Sie wartete, bis ihre Schülerinnen gegangen waren. Julia blieb wie gewohnt in der Tür stehen, um auf ihre Freundin zu warten. In der Gewißheit, daß sie von da aus nicht sehen konnte, was auf dem Zeichenbogen war, hob Karina ihn vorsichtig wieder an. Von Krohnstieg blickte sie an, lebensecht und in der vollen Schönheit seines häßlichen Charakters mit Bleistift portraitiert. Karinas Blick war einfach nur fassungslos.

Ganz allmählich ging ihr auf, daß Alexandra diesen Menschen einmal kurz gesehen hatte, während er vor der Schule auf sie gewartet hatte. Das hatte ihr offenbar gereicht, um aus dem Gedächtnis ein perfektes Portrait von ihm zu zeichnen. Was sollte sie nun damit? Es sich an die Wand hängen? Nein, verdammt. Warum arbeitete ihr Verstand eigentlich so träge? Vermutlich war es der Schock, ihn so unverhofft wiederzusehen. Nicht an ihre Wand gehörte das Bild. Sondern an alle Wände der Stadt. Sie hatte jetzt ein Fahndungsbild für den Steckbrief in der Hand!

„Danke“, stammelte sie.

Alexandra grinste, als könne sie nicht bis drei zählen, stopfte ihre Zeichenmappe in die abgewetzte Schultasche und schlurfte hinaus.

Zurück blieb Karina mit dem Portrait. Sie überlegte, wieso Alexandra gesagt hatte, sie habe es ihr versprochen. Von dem Portrait war nie die Rede gewesen – auch wenn Alexandra sie ja in der Tat schon damals vor diesem Menschen gewarnt und also wohl Böses geahnt hatte. Ein weiteres Rätsel. Wie konnte das Mädchen mit einem einzigen Blick auf Krohnstieg gewußt haben, daß er ein Lump war? Was für Fähigkeiten besaß dieses Mädchen, die über das mathematische und das Zeichentalent offenbar weit hinausgingen? Konnte es damit zusammenhängen, daß sie ein – mehr oder weniger imaginäres – Einhorn besaß? Karina schüttelte den Kopf und konnte sich auf alles keinen Reim machen.

*

Im Polizeipräsidium traf sie nur den jungen Mann, der neulich so inbrünstig auf der Schreibmaschine getippt hatte. „Ist der Herr Inspektor Ziegler zu sprechen?“

„Leider nein. Der hatte Frühschicht und ist gerade vor einer halben Stunde gegangen. Kann ich etwas ausrichten?“

Sie hätte ihm jetzt die Zeichnung in die Hand drücken können, und er hätte sie sicherlich gewissenhaft bei der nächsten Gelegenheit an seinen Vorgesetzten weitergeleitet. Aber es fühlte sich irgendwie falsch an. Außerdem kam es ihr so vor, als sei da neben dem Bild noch etwas anderes gewesen, aber es fiel ihr nicht ein. „Ich habe eine neue, wichtige Information zu dem Fall, den ich neulich angezeigt habe. Die würde ich ihm lieber persönlich vortragen.“

„Dann müßten Sie morgens wiederkommen; er hat die ganze Woche Frühschicht.“

„Morgens bin ich in der Schule, da geht es nicht.“

„Nächste Woche hat er wieder spät.“ Dem Beamten war anzusehen, daß er mit dieser Auskunft selbst nicht glücklich war. Eine wichtige Information sollte besser nicht eine Woche warten müssen. „Wissen Sie was, Fräulein? Ich bin zwar nicht sicher, ob ich Ihnen das jetzt sagen darf – aber – der Herr Inspektor Ziegler geht nach dem Dienst meist drüben ins Kaffeehaus. Vielleicht treffen Sie ihn da.“ Er zeigte aus dem Fenster. „Sehen Sie? Das da mit den roten Vorhängen.“

„Vielen Dank. Vielen herzlichen Dank.“

„Gerne. Auch wenn er mir vielleicht den Kopf abreißt, daß ich ihm seine Arbeit in den Feierabend nachschicke.“ So wie er dabei aussah, befürchtete er das wohl eher nicht.

Karina verließ das Polizeipräsidium und steuerte das Kaffeehaus mit den roten Vorhängen an. Es gab auch eine rote Markise, die wohl im Sommer zur Überdachung der Terrasse diente, jetzt im Winter aber eingerollt war. ‚Kaffeehaus Bitter’ stand an die Scheiben gemalt. Was hoffentlich nicht für den Kaffee galt. ‚Kaffeehaus Süß’ hätte sich bestimmt besser gemacht, dachte sie unmotiviert.

Sie betrat das Geschäft; eine Glocke klingelte, als sie die Tür öffnete und schloß. Es roch ein wenig nach Kaffee, ein wenig nach Torte und ein wenig nach Zigarrenrauch. „Grüß Gott. Sie wünschen, gnädige Frau?“

Die Bedienung, das Kleid farblich passend zur Gardine und mit weißer Schürze und Spitzenhaube, stand hinter einem Tresen und sortierte Kuchen auf Platten. „Grüß Gott. Eigentlich suche ich jemanden.“ Indem sie es sagte, schweifte ihr Blick über die anwesenden Gäste, aber den Inspektor konnte sie nicht finden.

„Vielleicht kann ich helfen?“

„Ich suche den Inspektor Ziegler, drüben von der Polizei. Man sagte mir, daß er nach dem Dienst…“

„Ah, der Herr Inspektor. Ja, gehen Sie da durch den Türbogen, er sitzt auf seinem Stammplatz in der Stube hinten.“

Karina bedankte sich, faßte entschlossen die Mappe mit der Zeichnung fester und durchquerte den bezeichneten Durchgang zur Hinterstube. Der Zigarrenrauch war hier etwas dichter als vorn, aber die Sichtweite genügte noch, um den Gesuchten zu erspähen, vor sich eine Tasse und einen Teller mit einem halb verzehrten Stück Torte, daneben eine Tageszeitung, die er offenbar studierte. Etwas früh für Torte, dachte Karina; ging er mittags nicht nach Hause zum Essen? Wohl ein Junggeselle. Dann fiel ihr ein, daß die Privatangelegenheiten des Inspektors sie nun wirklich nichts angingen.

Vorsichtig trat sie an den Tisch. „Herr Inspektor?“, sprach sie ihn zaghaft an.

Er hob zunächst seinen Blick von der Zeitung und dann hob er auch noch die Augenbrauen. „Fräulein Schuchert…?“ Immerhin erinnerte er sich an ihren Namen. „Sind Sie zufällig hier hereingeschneit, oder gibt es etwas so wichtiges, daß Sie mich in meinen Feierabend verfolgen?“

Ihr war nicht klar, ob das nun Verärgerung bedeutete oder nicht. „Letzteres“, gestand sie.

„Dann nehmen Sie doch Platz. Trinken Sie einen Kaffee mit mir und berichten Sie in aller Ruhe.“ Er erhob die Stimme und rief nach der Kellnerin.

„Ich war eigentlich nicht wegen eines Kaffees … Wie Sie wissen, habe ich gerade jüngst einen Haufen Geld eingebüßt … und …“

„…können sich keinen Kaffee leisten? Unsinn, ich lade Sie natürlich ein. Was trinken Sie? Einen Kaffee Melange?“ Als sie nicht widersprach, gab er die Bestellung an die Serviererin weiter.

Karina drückte sich auf den Stuhl dem Inspektor gegenüber. Sehr provisorisch, auf der Stuhlkante sitzend. Es fiel ihr selbst auf, aber sie kam nicht dagegen an. Es fühlte sich nun einmal an wie: ich geh auch gleich wieder.

„Entspannen!“, riet ihr Ziegler. „So ist’s besser. Und dann erzählen Sie doch mal.“

Karina gönnte sich noch einen tiefen Atemzug, dann legte sie ihre Mappe auf den Tisch. „Sehen Sie, es ist so…“

„Kann ich da mal ein wenig Platz haben?“ Das war die Kellnerin mit dem Kaffee. Karina nahm ihre Mappe also gleich wieder in die Hand, während die Tasse vor ihr placiert wurde. Sie lächelte verlegen.

Ziegler stellte kurz entschlossen den Aschenbecher auf den unbesetzten Nebentisch und schob seinen Kuchenteller an dessen Platz. „Bitte.“

Karina legte die Mappe wieder hin. „Also, kurz gesagt, ich habe jetzt ein Bild des Mannes, der uns betrogen hat.“

„Oh“, machte der Inspektor. „Wie kommen Sie denn dazu?“

Sie zog die Zeichnung aus der Mappe. „Ich habe eine Schülerin in meiner Klasse, die eine sehr gute Zeichnerin ist. Sie hat diesen Krohnstieg einmal gesehen und mir ein Portrait von ihm gezeichnet.“

Ziegler betrachtete das Bild. „Und – ist er einigermaßen gut getroffen?“

„Ziemlich perfekt. Das ist der Lump, wie er leibt und lebt.“

„Das könnte uns in der Tat ein großes Stück weiterbringen. Glückwunsch zu einer solchen Schülerin, kann ich nur sagen.“

„Ja, mit der hat es schon eine besondere Bewandtnis. Aber das gehört nicht hierher.“

Ziegler zeigte auf den unteren Rand der Zeichnung. „Und was ist das hier?“

„Oh. Das war mir gar nicht aufgefallen.“ Wie es schien, hatte Alexandra dort, ganz fein mit Bleistift, die beiden geheimnisvollen Ortsnamen notiert: DREISEEHAUSEN und EIDERHESSENAU. Erstaunlich, wenn man bedachte, wie wenig sie normalerweise schrieb – und wie unangespitzt ihre Stifte sonst waren. Und sie hatte die Lettern paarweise verbunden.

„Das sind diese Orte, von denen es den einen ebensowenig gibt wie den anderen. Sie bestehen offenkundig aus exakt den gleichen Buchstaben!“, rief Ziegler aus.

„Aber was bedeutet das?“

„Vielleicht hat er sich einen Spaß daraus gemacht, seinen echten Wohnsitz auf diese Weise zu verschlüsseln?“

„Er muß zumindest einen merkwürdigen Humor haben. Er hat mir zu Weihnachten, als er längst mit dem Schmuck über alle Berge war, noch ein Puzzle als Geschenk zukommen lassen. Mit einer Notiz dabei, ich könne daran den Umgang mit Frustrationen üben.“ Karina probierte ihren Kaffee Melange und fand, daß er jedenfalls nicht bitter schmeckte.

„Ein reizender Zeitgenosse.“

„Mich reizt er vor allem zur Wut“, gestand Karina.

„Verständlich. Aber eine höchst unchristliche Einstellung. Wie heißt es doch? Wenn dir einer den Rock nimmt, so laß ihm auch noch den Mantel. Steht in der Bergpredigt, glaube ich.“

Karina betrachtete ihr Gegenüber höchst irritiert. „Wie können Sie aber mit dieser Einstellung Polizist sein?“

Ziegler schmunzelte. „Betrachten Sie es als eine Art Nächstenliebe. Ein Ganove, der mit seinen Untaten ungehindert durchkommt, wird keinen Weg zur Buße finden.“ Er trank von seinem Kaffee. „Also, lassen Sie mir das Bild hier und ich werde dafür sorgen, daß es auf den Steckbrief kommt. Einverstanden?“

„Natürlich. Deswegen war ich ja gekommen.“

„Stimmt. Aber Sie haben mir natürlich auch beim Kaffee Gesellschaft geleistet.“

„Ich bedanke mich für die Einladung.“

„Gerne.“ Ziegler nickte. „Und was die Buchstaben und den Ortsnamen betrifft, mit diesem Puzzle werde ich meinen jungen Kollegen betrauen. Als Dank dafür, daß er mir Klienten ins Kaffeehaus nachschickt.“

Sie war sich sicher, daß sie den jungen Mann mit keinem Wort verraten hatte. Es mußte wohl Zieglers kriminalistische Kombinationsgabe gewesen sein, die ihn von selbst hatte darauf verfallen lassen. „Seien Sie nicht zu streng mit ihm. Er hat es gut mit mir gemeint.“

„Mit mir vielleicht auch?“ Ziegler breitete in einer Geste der Unschuld die Arme aus.

*

Die letzte Klassenarbeit vor dem Examen prüfte noch einmal den kompletten Stoff ab, der in der Abschlußprüfung verlangt werden konnte; quadratische Gleichungen, Gleichungssysteme, Pythagoras, Körper, Trigonometrie. Alexandra hatte, wie gewohnt, ihr unsichtbares Einhorn mitgebracht. Sie schrieb wenig und guckte meistens in die Luft. Wo sich, für Normalsterbliche unsichtbar wie das Einhorn, ihre Lösungswege ausbreiteten. Ihr Arbeitsheft enthielt am Ende einige unzusammenhängende Notizen sowie eine Zeichnung, die sie dreimal durchgestrichen und wiederholt hatte, ohne daß sich etwas wesentliches daran geändert hätte. Karina begriff bei der Korrektur, daß die Zeichnung von Anfang an richtig gewesen war und das Mädchen vermutlich nur darunter gelitten hatte, seine perfekte geistige Konstruktion nur so unvollkommen zu Papier bringen zu können. Die Lösungen waren alle richtig, die Zeichnung konnte Karina einem der Lösungswege zuordnen, die übrigen Notizen blieben kryptisch. Die Lehrerin schaffte es, unter Aufbietung allen verfügbaren Wohlwollens auf ‚ausreichend’ zu befinden.

Nach der Rückgabe der korrigierten Arbeit behielt Karina ihre Problemschülerin noch da. „Alexandra, du hast alles richtig gelöst, aber ich konnte mit deinen Notizen fast nichts anfangen. Deshalb hast du nur eine Vier.“

Alexandra setzte ihr hilflos-blödes Grinsen auf. Die Lehrerin hatte gelernt, darüber hinwegzusehen und es nicht mehr als Ausdruck geistiger Minderbemittelung zu verstehen.

„Im Examen könnte ich dir nicht einmal eine Vier dafür geben. Da gibt es klare Vorgaben, welcher Lösungsteil wieviel Punkte wert ist. Und wenn diese Teile in deiner Arbeit nicht zu sehen sind, darf ich die Punkte nicht geben. Dabei möchte ich so gern, daß du die Prüfung bestehst. Ich weiß ja, daß du alles kannst.“ Sie ließ verzweifelt die Arme sinken. „Was kann ich nur für dich tun? Wie schaffen wir das, daß du in der Arbeit deinen Lösungsweg aufschreibst?“

„Helfen“, sagte Alexandra.

„Ich kann dir in der Prüfungsarbeit nicht helfen. Von mir aus können wir uns nachmittags zusammensetzen und wir üben das Aufschreiben von Lösungen. Aber mehr fällt mir nicht ein.“

Alexandra schüttelte den Kopf. „Keine Worte.“

„Was meinst du damit?“ Während sie die Frage aussprach, wurde es ihr klar. „Du findest keine passenden Worte, um deine Lösung zu dokumentieren, obwohl sie dir klar ist, richtig?“

Das Mädchen nickte.

„Aber die Rechnung kannst du doch aufschreiben. Dazu brauchst du keine Worte.“ Nein, das stimmte nicht. Zahlenrechnungen führte sie im Kopf durch nach Methoden, die von denen im Lehrbuch deutlich abwichen; neulich hatte sie die komplette Sinustabelle im Kopf berechnet. Und bei allgemeinen Rechnungen mit Buchstaben als Platzhaltern dachte sie in derart abstrakten Symbolen, daß sie niemand verstanden hätte, selbst wenn es ihr gelungen wäre sie aufzuschreiben. Karina erinnerte sich noch an die chinesischen Schriftzeichen, die sie – nicht nur einmal – in Alexandras Heft gefunden hatte. Entsprechungen von ‚hier’, ‚da’, ‚das’ und ‚das andere’, die in Alexandras Geist farbig aufleuchteten, ohne daß es eine Chance gegeben hätte, sie zu Papier zu bringen. Sie seufzte. „Was mache ich nur mit dir?“

Beinahe hätte sie ihr bedauernd über die Haare gestrichen. Welch ein Genie, eingesperrt in einem unvollkommenen Körper.

„Einhorn.“

„Ich weiß zwar nicht, wie es gehen soll, aber ich hoffe, du hast recht.“

Als Alexandra den Klassenraum verließ, sah Karina ihr sehr nachdenklich hinterher. Dieses Einhorn. Was hatte es mit diesem Einhorn auf sich? Wie real konnte so ein Phantasiegespinst sein? Immerhin bildete sie sich ein, es selbst einmal gesehen zu haben, damals nach der Beerdigung der Mutter. Und – war da nicht noch etwas gewesen? Irgend etwas nicht faßbares, das ihr immer wieder entglitt?

6. Die Wegelagerer

Daß der Steckbrief alle Wände der Stadt zierte, wäre eine Übertreibung gewesen, jedenfalls viel weniger Wände, als Karina es sich insgeheim gewünscht hätte. Aber er hing aus, und zumindest ein Exemplar hatte sie auf dem Postamt selbst gesehen, mit dem von Alexandra gezeichneten Bild. Der Text war sehr – man konnte sagen: einfühlsam formuliert.

Gesucht: Ephraim von Krohnstieg (eventuell auch unter anderen Namen bekannt). Tritt z.B. als Architekt oder Ingenieur auf. Die Justiz wünscht ihn in einer – ihn selbst betreffenden – dringenden Angelegenheit zu sprechen. Zweckdienliche Hinweise auf seinen derzeitigen Aufenthaltsort oder auch auf frühere Auftritte des Gesuchten nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Auf Wunsch auch diskrete Behandlung.

Karina glaubte nicht, daß Inspektor Ziegler persönlich für das Abfassen von Steckbriefen zuständig war, aber die Formulierung klang, als ob sie von ihm stammen konnte. Wie auch immer, jedenfalls schien sich in der Sache etwas zu bewegen. Ob das aber ihren Schmuck zurückbringen würde, blieb fraglich. Selbst wenn man Krohnstieg zu fassen bekam, den Schmuck würde er inzwischen zu Geld gemacht haben. Jedenfalls wies sie ihren Bruder darauf hin, daß der Steckbrief nun aushänge.

„Den Lumpn solln’s häng, net dera Zettl“, grollte Sebastian.

„Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn“, erinnerte sich Karina an ein klassisches Zitat.

„Mir san ka Nemberger.“

„Jedenfalls haben wir noch die Mühle, die kann man uns nicht klauen. Vielleicht sollten wir uns nun doch einmal darum bemühen, sie zu verkaufen.“

„Ah. V’leicht treffst ja jetz in der Tram an Makler. Noch so an windigen Betrüger wie dein Herrn Inschinör! Aber des sag i dir…“, ereiferte sich ihr Bruder.

„Ist gut, Sebastian. Ich habe dazugelernt.“

„No da bin i aba g’spannt.“

Sie besänftigte ihn durch Auftragen des Abendessens. Er schimpfte zwar mit vollem Mund noch etwas weiter, aber es blieb zum Glück unverständlich.

Nach dem Abräumen und Spülen zog sich Karina ins Obergeschoß zurück, das ihr nun allein gehörte. Sie brauchte Übungsaufgaben für die Zehnte. Sie konnte nicht die ganze Zeit über nur an Alexandra denken. Die anderen Mädchen hatten ein Recht darauf, daß sie sie optimal auf das Examen vorbereitete. Die letzte Klassenarbeit hatte gezeigt, bei wem welche Schwachpunkte lagen, jetzt mußte sie gemeinsam mit ihren Schülerinnen daran arbeiten.

Die Hausglocke schellte. Vermutlich ein Kunde für Sebastian. Auf jeden Fall war er dichter dran, sie würde jetzt deswegen nicht hinunterlaufen. Sie hörte Schritte auf der Stiege. „Der Inspekter fer di“, verkündete ihr Bruder.

Der Inspektor? Ziegler? Der kam zu ihr? Das mußte ja dringend sein. Zusammen mit Sebastian trat er auch schon ein. „Entschuldigen Sie die abendliche Störung, Fräulein Schuchert, Herr Schuchert.“

„Schon recht. Ich mach grad Unterrichtsvorbereitung.“ Vielleicht war es auch nur die Retourkutsche dafür, daß sie ihn neulich beim Kaffee gestört hatte. „Darf ich Ihnen etwas zu Trinken anbieten?“

„Nur keine Umstände. Ich hätte Ihnen geschrieben, aber ich war gerade in der Gegend, da dachte ich, ich kann auch gleich persönlich kommen. Es gibt Neuigkeiten.“

„Hams dera Lump derwischt?“, fragte Sebastian.

„Leider noch nicht. Aber auf den Steckbrief hin hat sich eine weitere Dame auf der Polizei gemeldet, die von dem sauberen Herrn ebenfalls abkassiert worden ist. Sein Aussehen scheint er demnach nicht sonderlich verändert zu haben, sie hat ihn eindeutig auf der Zeichnung erkannt.“

„Scheee!“, jubelte Sebastian sarkastisch, „s’gibt also no mehr so dumme Gäns wie mei Schwesta!“

Ziegler betrachtete ihn tadelnd mit erhobenen Augenbrauen. „Das ist nicht fair, Herr Schuchert, daß sie es auf ihre Schwester schieben. Wenn ich mich recht an Ihre Aussage erinnere, die Sie zu Protokoll gegeben haben, dann sind auch Sie seinen Tricks zum Opfer gefallen.“

„Pff!“, machte Sebastian.

Karina verspürte eine gewisse Dankbarkeit, daß der Inspektor sie in Schutz nahm. „Und hat die Aussage der Dame Sie weitergebracht?“

„Ja, das ist es eben. Sie hatte noch seine Visitenkarte. Sie hatten wohl recht, er hat auch hier wieder die gleichen Buchstaben zu einem Phantasienamen kombiniert. Das muß etwas bedeuten.“

„Und hat Ihr Kollege nun die Buchstaben schon zu dem richtigen Ort zusammengebastelt?“

„In unserem Regierungsbezirk gibt es keinen passenden Ort. Und in den anderen – wissen Sie, wie viele Dörfer es gibt? Und wir sind ja nicht einmal sicher, ob es nicht vielleicht im Ausland liegt.“

„Also abwarten“, folgerte Karina. Sebastian murmelte etwas unverständliches, das nach einem Fluch klang.

„Wir geben die Hoffnung nicht auf“, versicherte Ziegler.

„Ach, Herr Inspektor – ich weiß, es ist doof, aber nun frag ich Sie mal. Können Sie uns einen Grundstücksmakler empfehlen? Zu unserem Erbe gehörte ja auch noch ein Grundstück. Wenn der Schmuck nun verloren sein sollte, müßten wir das wohl verkaufen.“ Sie lächelte verlegen. „Und wir möchten nicht wieder an einen Betrüger geraten.“

„Dafür bin ich leider nicht der richtige Ansprechpartner, Fräulein Schuchert. Aber ich höre mich um.“

„Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen.“

Ziegler verabschiedete sich, und Sebastian brachte ihn hinunter zur Tür. Sie hörte, wie er die Tür abschloß. Sie dachte, ihr Bruder würde nun in seine Wohnung zurückkehren, aber er kam noch einmal die Treppe hoch. „Scheinst em ja sehr am Herzn z‘ liegn, den Herrn Inspekter. Kommt extra daher, um dir’n Rapport zu gem.“

„Uns“, korrigierte Karina. Aber sie hatte durchaus den Eindruck, ihr Bruder könnte recht haben.

*

An ihrer Unterrichtsvorbereitung saß sie bis spät in die Nacht, obwohl das Arbeiten bei Gaslicht ihre Augen anstrengte. Entsprechend unausgeschlafen war sie am nächsten Tag. Den Unterricht überstand sie mehr schlecht als recht. Als sie ihre Klasse schließlich nach Hause entlassen hatte, blieb sie noch am Lehrerpult sitzen, mit entsetzlich trägen Gedanken über das Mißverhältnis einiger ihrer Schülerinnen zum Bogenmaß nachdenkend. Im Gegensatz zu Winkelgraden war das für manche zu abstrakt. Natürlich nicht für Alexandra, die dachte ein paar Striche in die Luft und wußte, was sie zu rechnen hatte. Aber es gab eben nicht nur Alexandra.

Karinas Augen mußten zugefallen sein; sie schreckte hoch, als jemand sie ansprach. „Fräulein Schuchert?“

„Alexandra! Warum bist du…?“ Sie mußte die Frage nicht mehr aussprechen. Das war die andere Alexandra. Sie trug das weiße Kleid unter dem Umhang, hatte aber einen Waffengürtel mit einem Schwert um ihre Hüfte geschnallt. Und sie hatte ihr Einhorn dabei. Es wirkte erschreckend unwirklich, wie das Fabelwesen einfach so im Klassenraum stand, als wäre das völlig selbstverständlich. „Ich träume“, stellte sie fest.

Alexandra zuckte mit den Schultern. „Woher willst du wissen, daß du nicht träumst, wenn du denkst, daß du nicht träumst? Für mich ist das hier realer als die Welt, die du siehst, wenn du glaubst, daß du wach bist. Kommst du mit auf eine Expedition? Wir haben etwas vor.“

„Was haben wir vor und warum weiß ich davon nichts?“, gab sie etwas amüsiert zurück. Tatsächlich. Sie konnte über sich selbst lächeln.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Lach nicht. Das ist ernst. Wir wollen den Schlupfwinkel deines falschen Ingenieurs aufspüren und versuchen, deinen Schmuck zu retten.“

Karina erhob sich und folgte ihrer Schülerin, die ihr Einhorn zur Tür geleitete. Draußen stand ein weiteres Exemplar dieser seltenen Gattung. „Hurricane kennst du ja schon. Nimm die Waffen und steig auf.“

Waffen? Was denn für Waffen? Was war das eigentlich für ein absurder Traum? Aber Alexandra meinte es ernst. An der Mauer lehnten zwei Schilde und ein weiterer Waffengürtel mit einem Schwert in der Scheide. Die Schilde zeigten als Wappen einen Einhornkopf, der gut und gerne von Alexandra persönlich gezeichnet sein konnte.

„Hör mal, Alexandra, du magst das ja alles normal finden, aber wir ziehen doch nicht in den Krieg. Außerdem kann ich nicht mit einem Schwert umgehen.“

„Nicht? Ich denke schon, daß du es kannst. Als kleines Mädchen konntest du es jedenfalls.“

Karina runzelte die Stirn. „Als kleines Mädchen?“

„Erinnere dich daran, wie du damals hinter der Mühle im Wald gespielt hast. Bist du nicht gegen Hexen und Zauberer angetreten?“

Tatsächlich stieg die Erinnerung in Karina allmählich wieder hoch. Ja, damals war sie eine Heldin gewesen. In ihrer Phantasie.

„Na also“, bekräftigte Alexandra. „Beruhige dich also damit, daß du jetzt träumst. Nimm das Schwert und den Schild, und dann fechten wir einen Übungskampf aus.“

„Ich soll…?“

„Na los. Du kannst es.“ Das Mädchen griff sich einen Schild. Jetzt sah sie wirklich aus wie die Walküre, die sie neulich schon in ihr erkannt zu haben glaubte. Karina seufzte und ergriff die Waffen. Und, verdammt, sie lagen ihr so gewohnt in der Hand wie Lineal und Winkelmesser. „Bereit?“

Karina nickte. Was würde eigentlich passieren, wenn jetzt der Hausmeister oder die Putzfrau vorbeikamen … Alexandras Attacke erfolgte heftig und plötzlich. Karina wehrte den Schwerthieb mit dem Schild ab, es schepperte vernehmlich. Dann griff sie ihrerseits an, trieb Alexandra ein Stück weit zurück.

„Ja! Gut so!“ Das Mädchen warf seinen Schild weg und packte das Schwert mit beiden Händen. „Und jetzt paß auf!“

Mit einer Behendigkeit, die in Alexandras realem Körper niemals hätte stecken können, drang sie auf sie ein, bis Karina merkte, daß ihr Schild sie eher behinderte als ihr half. Sie warf ihn ebenfalls fort. Die Klingen der Schwerter klirrten aufeinander. Eine Weile lang tanzten sie kunstvoll umeinander und parierten gegenseitig ihre Hiebe, dann drang Alexandra plötzlich durch Karinas Deckung durch und stieß ihre Schwertspitze gegen deren Kehle. Der Stoß stoppte zwei Zentimeter vor Karinas Halsgrube. Das Mädchen senkte die Waffe und steckte sie in die Scheide. „Das wär’s jetzt gewesen. Aber du hast dich gut gehalten.“

Karina faßte nach ihrem Hals und schluckte. „Wie schön, daß du kein Feind bist.“

„Ich denke, es wäre dir nichts passiert. In deiner Realität wärst du vermutlich einfach nur aufgewacht.“

„Vermutlich?“

Alexandra verzog den Mund zu einem ganz zarten Lächeln. „Ich hab’s nie ausprobiert. Davon abgesehen ist unser Gegner ohnehin kein geübter Schwertkämpfer. Er bevorzugt die hinterhältigen Waffen, wie du weißt. Fallgruben, Gifttränke und dergleichen. Steig auf, ich denke, du bist jetzt bereit.“

„Bin ich das?“ Nun, jedenfalls so bereit wie man in einem bescheuerten Traum wie diesem sein konnte. Soviel stand fest, sie konnte tatsächlich mit einem Schwert umgehen. Sie hatte es seit Kindertagen nicht verlernt. Sie nickte. „Doch, ich denke schon.“ Wieso hatte sie eigentlich plötzlich ihren Mantel an; hing der nicht in der Garderobe?

Sie bestiegen ihre Einhörner und lenkten sie aus dem Burghof. Die Zugbrücke war heruntergelassen; das Holz dröhnte dumpf, als sie darüber hinweg galoppierten.

*

Der Weg führte erst über ein verschneites Feld, dann durch einen ebenso verschneiten Wald. Kannte sie die Gegend? Und hätten sie nicht zumindest erst noch eine Stadt durchqueren müssen? Es ist ein Traum, erinnerte sich Karina. Um so erstaunter war sie, als sie nun doch die Landschaft erkannte. Ging es da nicht zu ihrer Wassermühle? „Was machen wir hier?“

Alexandra lachte. „Jemanden abholen.“

Plötzlich war das Rauschen von Flügeln zu hören, und ein Schatten fiel auf sie. Karina wandte den Blick nach oben. Ein Lindwurm! Ein leibhaftiger Lindwurm flog über ihnen. Ich müßte jetzt erschrecken, dachte Karina, aber der Schreck wollte sich nicht einstellen. Das ist Jü, erkannte sie, Alexandras Drache. Vor dem mußte sie nicht erschrecken. Jü öffnete das Maul und stieß einen kurzen Feuerschwall aus. „Ja, mir geht es auch gut“, rief Alexandra, „schön, daß du da bist.“ Sie wandte sich an Karina. „Er hat auf mich gewartet; ich hatte ihm den Mühlenteich als Treffpunkt gesagt, weil er den kannte. Hier hast du ihn kennengelernt, erinnerst du dich?“

Karina dachte kurz nach, dann fiel es ihr wieder ein. „Ja. Als wir durch deine Welt geritten sind, war er plötzlich da. Wie eben.“

„Er liebt es, sich im Sturzflug aus den Wolken fallen zu lassen. Es fühlt sich echt riesig an, wenn ich dabei auf ihm reite.“

Vermutlich deutlich spannender als auf dem Jahrmarkt in der Schiffsschaukel, dachte Karina, die es als Kind zwei oder dreimal probiert hatte, und ihr war jedesmal schlecht geworden. Wie schön, daß sie sich wenigstens auf dem Rücken des Einhorns sicher fühlte. „Für mich wäre das nichts.“

„Jü hat übrigens inzwischen eine ungefähre Vorstellung, wohin dein falscher Ingenieur geflohen ist. Ich hatte ihn gebeten, nach ihm Ausschau zu halten.“ Alexandra wandte sich an den Drachen. „Jü, führ uns.“

Der Lindwurm antwortete mit einem kurzen Flammenstoß und flog ihnen voraus. „Ihm nach!“

Der Ritt auf einem Einhorn brachte sie schneller voran als auf einem normalen Pferd. Wieder fühlte es sich an wie Fliegen. Karina fand das inzwischen ganz normal, immerhin flog Jü auch, und sie mußten ihm ja folgen. Dann konnte sie seinen Sturzflug aus den Wolken mit eigenen Augen beobachten, und es sah wirklich atemberaubend aus. Er landete, faltete seine Flügel zusammen und verharrte vor einer Wegegabelung. Die Einhörner schlossen zu ihm auf. „Links oder rechts, das ist die Frage“, erkannte Alexandra. „Hier ist Jü leider aus seinem Traum gefallen.“

„Wir könnten uns trennen“, schlug Karina zögernd vor, obwohl ihr bei dem Gedanken überhaupt nicht wohl war, sich in dieser Welt ohne Alexandra zurechtfinden zu müssen.

„Wir könnten fragen“, hielt das Mädchen dagegen. „Wir folgen dem einen Weg, bis wir jemanden treffen, der uns Auskunft geben kann.“

Die Idee, hier jemanden zu treffen, war Karina noch gar nicht gekommen. Aber es stimmte natürlich. Vorhin waren sie an ein paar Holzfällern vorbeigeritten, dann hatten sie aus der Ferne ein Schlittengespann bemerkt. Diese Welt war zweifellos bewohnt.

„Also los. Links oder rechts?“

An der Gabelung stand sogar ein Wegweiser, aber die eine Inschrift sagte ihr so wenig wie die andere. Karina zuckte mit den Schultern. Ihr war nur zu klar, daß sie sich vor der Verantwortung fürchtete, die sie mit einer Entscheidung übernahm.

„Du weißt, daß Buridans Esel zwischen zwei Heuhaufen verhungert ist, weil er sich nicht entscheiden konnte?“, lachte Alexandra. „Rechts!“

Sie wählten also den rechten Weg. Diesmal verfielen ihre Fabeltiere in einen gemächlicheren Trab, und der Drache, der ihnen nun nicht weiter als Führer dienen konnte, erhob sich wieder in die Luft und folgte ihnen in einiger Entfernung.

Schon von weitem hörten sie das helle Klingen eines Schmiedehammers. Aus der Esse der Hütte stieg Rauch auf, ein Tor stand halb offen. Drinnen flackerte der Schein des Schmiedefeuers. Sie stiegen ab und traten in die Werkstatt ein. Ein ‚Grüß Gott’ blieb Karina irgendwie auf halbem Wege stecken, es fühlte sich falsch an. Alexandra schien eher den richtigen Ton zu treffen: „Seid uns gegrüßt, Meister des glühenden Eisens.“

Der Schmied war ein breitschultriger Mann und erinnerte Karina an Inspektor Ziegler. Er trug die in seinem Beruf übliche Lederschürze und hieb mit einem Hammer auf ein rotglühendes Stück Metall ein. Er fuhr damit fort, bis die Glut nachließ, dann schob er es mit einer Zange ins Schmiedefeuer und betätigte den Blasebalg.

„Zum Gruße, ihr edlen Frauen. Wieland der Jüngere, zu Euren Diensten.“

Alexandra legte eine Hand vor die Brust und deutete eine Verneigung an. „Mein Name ist Lexa von Dinas Brân, meine Begleiterin heißt Karina.“

Wieland musterte Karina aufmerksam. „Haben wir uns nicht schon einmal gesehen?“

„Ich wüßte nicht…“ erwiderte sie verwundert und überlegte zugleich, was ‚Dinas Brân’ wohl bedeutete.

Er schüttelte den Kopf. „Es kann auch nicht stimmen. Es muß Jahre her sein seit damals. Ihr müßtet die ewige Jugend besitzen, wenn Ihr das gewesen wäret. Nun, sei’s drum. Was ist euer Begehr? Neue Beschläge für eure…“ Sein Blick fiel durch das Tor auf die beiden Einhörner, und er unterbrach sich. „Ach nein“, stellte er fest, „Ihr reitet ja diese Sorte; die braucht keine Hufeisen. Wie also kann ich Euch zu Diensten sein? Die Schwerter schärfen?“

Alexandra schüttelte den Kopf. „Für heute nur eine Auskunft, wenn’s beliebt. Habt ihr diesen Mann hier vorbeikommen sehen?“ Sie zog von wo auch immer aus ihrem Kleid ein Pergament, entrollte es und zeigte es dem Handwerker. Karina wunderte sich überhaupt nicht, daß es das Portrait Krohnstiegs war.

Der Schmied wendete das Eisen im Feuer. „Hm. Na ja. Könnte ein Jugendbildnis von ihm sein. Legt mich nicht fest auf Tag und Stunde, aber mir ist, als wäre einer, der ungefähr so aussah, vor etwa vier Wochen bei mir gewesen. An seinem Wagen war etwas gebrochen, das ich richten sollte.“

„Ist Euch an ihm noch etwas besonderes aufgefallen?“, hakte Alexandra nach. Karina war einigermaßen froh, daß ihre Schülerin, im realen Leben so wortkarg, in dieser Welt das Reden übernommen hatte. „Womit zum Exempel hat er Euch entlohnt?“

„Jetzt, da Ihr es sagt: Ja, merkwürdig; er gab mir eine goldene Fibel. Mit Schmuckstein, offenbar für eine edle Dame gearbeitet.“

„Und habt Ihr diese vielleicht noch?“

„Ja. Ich wußte noch nichts damit anzufangen.“

„Und würdet Ihr sie uns zeigen?“ Das Ansinnen schien ihm wohl etwas ungewöhnlich, man sah Zweifel in seinem Gesicht. Alexandra setzte also hinzu: „Meine Begleiterin wurde bestohlen, und es kann sein, daß das Schmuckstück zu der Beute gehört.“

„Das ist schändlich. Das ist verwerflich. Aber ich kann das Eisen nicht erkalten lassen. Wenn Ihr Euch also etwas gedulden mögt, ich werde die Fibel holen, sobald ich hiermit fertig bin.“

„Laßt euch nicht drängen, Meister des klingenden Hammers. Macht Euer Werkstück in Ruhe fertig, wir werden inzwischen unsere Tiere am Bach tränken.“

*

Karina folgte Alexandra nach draußen. „Eine Fibel?“, fragte sie. „Zu Mutters Schmuck gehörte keine Fibel.“

„Das kann keine gewöhnliche Fibel sein. Mit einem Schmuckstein, hat er gesagt. Ich könnte mir vorstellen, daß es das ist, was du eine Brosche nennen würdest, nur kennt der gute Schmied diesen Begriff wohl gar nicht. Bedenke, daß er ein Grobschmied ist und kein Kunsthandwerker.“

„Schön. Wir werden ja sehen. Was aber machen wir, wenn diese sogenannte Fibel wirklich ein Stück aus dem gestohlenen Schmuck ist? Er hat sie sich durch ehrliche Arbeit verdient, wir müßten sie ihm lassen.“

„Aber vielleicht können wir sie ihm abkaufen“, schlug das Mädchen vor.

„Abkaufen? Von welchem Geld? Ich wüßte nicht einmal, was für eine Währung hier gültig ist.

„Oh, das sollte nicht das Problem sein, Fräulein Schuchert, du wirst sehen.“

„Du könntest Karina zu mir sagen. Zumindest in dieser Welt.“

Alexandra grinste. „Einverstanden.“ Inzwischen waren sie zu ihren Einhörnern zurückgekehrt und führten sie zum Fluß. Dort, ein wenig hinter einer Baumgruppe verborgen, wartete auch Jü auf sie. Karina fiel ein, wie wenig sich der Schmied über die Fabeltiere gewundert hatte. Und ebenso wenig über die Bewaffnung seiner Besucherinnen. Das schien in dieser Welt normal zu sein. Ob er dann wohl auch einen Lindwurm mit einem Schulterzucken hingenommen hätte?

Taifun und Hurricane beugten sich über das Wasser um zu trinken. Karina bemerkte, daß sie sich in der Wasseroberfläche spiegelten. Wie war das? Sagte man nicht, Geister hätten kein Spiegelbild? Also konnten die Einhörner keine Geister sein? Welch eine Logik!

Alexandra flüsterte Jü etwas ins Ohr. Oder dorthin, wo man bei einem Drachen das Ohr vermuten würde. Daraufhin schüttelte er sich, und einige seiner silbrig glänzenden Schuppen fielen herunter. „Ich kann ihn zwar nicht bis auf die Haut entblößen“, sagte Alexandra, „aber ein paar Schuppen kann er schon entbehren. Außerdem wachsen sie nach.“ Sie begann sie aufzusammeln, und Karina begriff, daß es echtes Silber war. Mit dem man wohl durchaus den Schmied bezahlen konnte.

„Dann laß uns zurückgehen, ich höre den Hammer nicht mehr, er dürfte fertig sein.“

„Können wir die Einhörner hier einfach zurücklassen?“, fragte Karina zweifelnd. Wie schlecht die Welt sein konnte, hatte sie erfahren. „Nicht, daß sie uns gestohlen werden.“

Alexandra lächelte. Es war immer wieder ein Erlebnis für Karina, an dieser anderen Alexandra ein fröhliches Lächeln zu beobachten, das das Mädchen auf der gegenüber liegenden Seite der Wirklichkeit nie zustande brachte.

„So leicht kommt ein Einhorn nicht abhanden. Ein Einhorn ordnet sich nur einer Jungfrau unter und sonst niemandem.“ Sie grinste. „Und Jungfrauen stehlen keine Einhörner.“ Karina spürte, wie sie rot anlief.

Sie kehrten zur Werkstatt zurück. Der Hammer war tatsächlich verstummt, der Meister war mit seinem Werkstück fertig. Eben tauchte er es zum Abschrecken in einen Wasserbottich. Es zischte, Dampf stieg auf. „Nun, Meister des Feuers und des Wassers?“

Er legte das Eisen beiseite und verneigte sich. „Entschuldigt eine Frage, edle Damen. Wenn die Fibel nun also tatsächlich zum Raubgut gehören sollte…“

„Macht Euch keine Sorgen, Meister Wieland.“ Alexandra ließ ein paar Silbermünzen von einer Hand in die andere klimpern. „Wir können Euch entschädigen.“

„Ich eile.“ Er eilte tatsächlich, verschwand in einer kleinen Kammer neben der Schmiedewerkstatt, in der er vermutlich wohnte, und kam zurück, das Schmuckstück ehrfurchtsvoll auf der schwieligen Handfläche tragend. „Hier ist es.“

Alexandra sah Karina an. „Und?“

Diese nickte heftig. „Ja. Es ist Mutters Brosche.“

„Ihr habt es gehört, Meister des ehrlichen Handwerks. Würdet Ihr dieses Schmuckstück der rechtmäßigen Besitzerin zurückerstatten? Dafür gehört Euch diese Handvoll Silber.“

„Selbstverständlich, edle Damen.“ Er verneigte sich tief. Ob das Silber den Wert der Brosche wirklich aufwog, war eher zweitrangig. Aber mit dem Silber konnte er zweifellos mehr anfangen als mit einem Schmuckstück, das sich nur schlecht als Zahlungsmittel einsetzen ließ.

„Dann gilt der Handel.“ Alexandra schüttete die Münzen in seine Hand und erhielt die Brosche. Sie öffnete die Schließe und steckte sie an Karinas Kleid fest. „Hat sich dieser Mensch vielleicht auch noch über sein Ziel geäußert?“

„Leider nicht sehr genau, edle Damen. Er sagte nur, er wolle gen Westen.“

„Immerhin. Wir danken Euch.“ Alexandra verneigte sich ebenso wie vorhin zur Begrüßung, eine Hand an die Brust gelegt. Diesmal tat Karina es ihr nach. Sie kam sich irgendwie komisch dabei vor.

„Möget Ihr den ehrlosen Lumpen erwischen und seiner gerechten Strafe zuführen!“

„Wir arbeiten dran“, murmelte Alexandra, aber so leise, daß der Schmied es wohl nicht verstehen konnte.

Sie verließen die Hütte und wanderten hinunter zum Bach. „Ob es eine gute Idee ist, wenn ich die Brosche trage?“, überlegte Karina. „Wenn ich aufwache, wird sie verschwunden sein. Ich konnte noch nie etwas aus einem Traum in die Wirklichkeit mitnehmen. Das Bild neulich mußtest du mir schließlich auch in die Schule mitbringen.“

„Inzwischen bist du vielleicht etwas weiter. Ich denke, wir probieren es.“ Sie schwang sich auf ihr Einhorn. Es war faszinierend, wie das Tier jedesmal den Wunsch seiner Reiterin zu ahnen schien und sich wie selbstverständlich zum Aufsitzen hinkniete. „Also gen Westen.“

*

Der Weg führte sie durch ein Dorf, das keinen erkennbaren Namen trug, dafür aber immerhin ein Wirtshaus besaß, ‚Zum Ochsen’. „Wir machen Halt, essen etwas und holen Erkundigungen ein“, schlug Alexandra vor.

Karina war einverstanden. Was auch sonst? Ihre Schülerin war hier unbestritten die Führerin, an die sie sich halten mußte. Als sie absaßen, umringten sie ein paar Kinder und bestaunten die Einhörner. Wenigstens jemand, der sich darüber wundert, dachte Karina. „Dürfen wir sie streicheln?“

„Ja, aber zart!“, nickte Alexandra. „Wie heißt du?“

„Gundel.“

Gundel mußte sich recken, um Taifuns Hals zu erreichen und zu liebkosen. Alexandras Einhorn wandte den Kopf, blickte Gundel mit seinen ausdrucksvollen Augen an und blinzelte mit den langen Wimpern. „Süß“, hauchte Gundel.

Gundel könnte jetzt mit dem Einhorn auf und davon gehen, während wir im Wirtshaus sitzen, dachte Karina. „Nein“, sagte Alexandra leise, „das wird sie nicht.“

Woher wußte Alexandra eigentlich, was sie gerade gedacht hatte? Konnte sie tatsächlich Gedanken lesen, wie sie neulich mehr oder weniger scherzhaft angedeutet hatte? Aber wenn ja, dann würde sie auch wissen, ob Gundel unlautere Absichten hatte. Und warum beunruhigte sie der Gedanke eigentlich gar nicht, daß das Mädchen in ihren Kopf gucken konnte? Weil ich ihm vertraue, erkannte Karina. Außerdem war es ja nur ein Traum. Alexandra lächelte wissend, sagte aber nichts.

Am Himmel kreiste ein kleiner silberner Reflex. Jü wird ein Auge auf die Einhörner haben, dachte Karina.

Sie betraten die Wirtsstube. „Seid gegrüßt!“

Die Köpfe einiger Gäste, dem Aussehen nach vielleicht Landarbeiter, wenn auch recht heruntergekommene, wandten sich ihnen zu. Karina fühlte sich unangenehm examiniert. Ihre Begleiterin erwiderte die Blicke furchtlos und provozierend lange. Dann legte sie ein wenig den Kopf schräg und griff mit der Hand an den Knauf ihres Schwertes. „Ist es hier nicht üblich, einen Gruß zu erwidern?“

Eiliges Gemurmel holte das Versäumte nach. Der Wirt trat herzu, eine Küchenschürze vor dem Bauch. „Gruß, die Damen. Was steht zu Diensten?“

„Eine heiße Suppe wäre nicht schlecht. Es ist kalt draußen.“

„Sehr gern.“

„Und Heu für unsere Tiere.“ Sie wies mit einer Geste nach draußen. „Ach ja, und eine Frage: Wie heißt diese Ortschaft?“

„Wrst.“ Ob die Antwort ein Fluch oder ein Ortsname sein sollte, war nicht ganz klar. Sie nahmen es mal als den Ortsnamen. Der Wirt eilte in die Küche, Alexandra und Karina nahmen an einem freien Tisch Platz und hängten Schilde und Waffengürtel über die Stuhllehnen.

Die Suppe wurde erstaunlich schnell serviert. „Es möge Euch bekommen.“

„Danke.“ Die Suppe dampfte nicht. Karina probierte einen Löffel voll und stellte fest, daß sie sich unter einer heißen Suppe etwas anderes vorgestellt hatte. Diese hier war lauwarm. War es nun schicklich, das zu reklamieren, oder…?

Alexandra lehnte sich zurück und legte die Handflächen links und rechts der Schüssel auf die Tischplatte. „Herr Wirt, von wann ist diese Suppe?“

„Von heute“, beteuerte er diensteifrig.

„Ich glaube Euch aufs Wort. Wäre sie von gestern, wäre sie ganz kalt. Und wenn Ihr sie nicht in den Haaren haben möchtet, nehmt Ihr sie ganz schnell wieder mit und wärmt sie auf.“ Sie unterstrich ihre Worte mit einem nervösen Trommeln der Finger auf der Tischplatte. Der Wirt räumte die Schüsseln wieder ab.

„Ich hätte mich nicht getraut, Streit anzufangen“, gestand Karina flüsternd. „Wir sind fremd hier.“

„Ich dachte, du wolltest diese Haltung ablegen“, entgegnete ihre Schülerin. „Hast du dich nicht dein ganzes Leben lang geduckt? Und wolltest du dir nicht endlich selbst ins Gesicht sehen können?“

Karina nickte. Ja, das wollte sie.

„Dann laß dir nichts gefallen. Was denkst du, warum ich mit dir hier auf dieser Expedition bin? Du hast Unrecht erlitten, und ich will dir Recht verschaffen. Das geht nicht, indem man sich verkriecht.“

„Warum tust du das?“

Alexandra sah sie ernst an. „Da drüben – in deiner Realität – bist du die, die mich versteht. Die sich für mich einsetzt. Meine Lieblingslehrerin eben.“

Karina schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich glaube, in dieser Welt bist du meine Lehrerin.“

Der Wirt erschien, diesmal mit zwei dampfenden Tellern. Karina betrachtete es mit Wohlwollen und steuerte, wohl zum erstenmal auf dieser Expedition, einen einigermaßen zusammenhängenden Satz bei:

„Na also. Geht doch!“

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Alexandras Grinsen. „Na also. Geht doch!“, flüsterte diese.

Während sie zu essen begannen, löste sich die Gesellschaft vom Nebentisch auf und steuerte die Tür an. Alexandra hob den Kopf und folgte den Leuten mit einem Blick aus verengten Augen. Wie es schien, erinnerte das die Männer an das Gebot der Höflichkeit. „Einen schönen Tag noch, die Damen“, sagte einer, wenn auch mit etwas giftigem Unterton.

Alexandra lächelte huldvoll. „Gott befohlen.“

„Haben wir uns jetzt gerade Feinde gemacht?“, erkundigte sich Karina leise.

„Nein“, gab Alexandra ebenso leise zurück. „Das waren sie vorher schon.“

Von draußen erklang ein Wiehern, dann ein dumpfer Schlag, ein Schrei und ein Fluch. „Was war das?“ Karina wollte aufspringen.

„Bleib sitzen und iß in Ruhe zuende, sonst wird es nur wieder kalt“, empfahl das Mädchen. „Jemand hat sich an Taifun herangewagt und einen gewaltigen Tritt bekommen. Kein Grund zur Besorgnis.“

„Wenn du das sagst.“

*

Als der Wirt die leeren Schüsseln abräumte, zog Alexandra ein paar Silbermünzen hervor. Irgendwo mußte es in diesem Kleid eine Tasche geben, eine ziemlich geräumige sogar, denn es folgte auch noch das gerollte Pergament. Aber es war ja ein Traum.

„Meister der wohltemperierten Suppe“, begann Alexandra und schob ihm zwei Münzen zu, „was das Trinkgeld betrifft, so bin ich im Zweifel, ob Ihr es Euch bis hier verdient habt. Aber das könntet Ihr durch Beantworten einer Frage vielleicht noch nachbessern.“

„Einer Frage?“

„Ja.“ Sie entrollte das Pergament und legte zwei weitere Münzen auf den Tisch, behielt aber einen Finger darauf. „Kennt Ihr diesen Mann?“

Das Gesicht des Wirts sprach dafür, daß er den Abgebildeten kannte. Alexandra erleichterte es ihm mit einer weiteren Münze. „Ja“, gestand der Wirt schließlich zu. „Er wohnt jenseits des Flusses. In der Nessauer Heide. Vielleicht zehn Meilen von hier.“

„Kennt Ihr auch seinen Namen?“

„Was wollt Ihr von ihm?“, erkundigte der Mann sich vorsichtig.

„Wir würden ihn gern in einer ihn selbst betreffenden Angelegenheit sprechen“, erklärte Karina, indem sie den Text des Steckbriefes zitierte. „Ich sage Euch jetzt einen Namen, und Ihr braucht nur noch mit ja oder nein zu antworten: Krohnstieg.“

Der Wirt nickte. „Graf Krohnstieg, ja. Ephraim Viktor Krohnstieg. Ich sehe ihn manchmal, aber der Herr Graf verkehrt nicht mit unsereinem.“

Ephraim von Krohnstieg? Oder EPHRAIM V. KROHNSTIEG, dachte Karina an die Aufschrift der Visitenkarte. Der Kerl mußte nur seinen Vornamen Viktor so abkürzen, daß er den Eindruck eines Adelstitels erweckte. „Na, das war doch jetzt mal eine hilfreiche Auskunft. Wir danken Euch. – Was denkt Ihr, Fräulein Lexa, hat er sich sein Trinkgeld verdient?“ Alexandra nickte und schob ihm die restlichen Silbermünzen hin.

„Habt Dank, edle Damen.“ Er strich das Geld vom Tisch in seine Hand, seine Verneigung blieb allerdings etwas sparsam.

„Gehabt Euch wohl, Meister der kalten Küche. Eure Suppe hat dann ja doch noch ganz gut geschmeckt.“ Sie erhoben sich, legten Ihre Waffen an und verließen das Wirtshaus.

„Zehn Meilen also“, wiederholte Karina, während sie zu ihren Einhörnern gingen. Offenbar waren sie versorgt worden, da lag ein Rest Heu, und Hurricane kaute noch.

„Ich erwarte nicht, daß wir da jetzt einfach hingehen und den Schmuck abholen“, stellte ihre Begleiterin fest. „Ab hier wird es schwierig. Aber das wußten wir vorher, nicht wahr?“

Karina gestand sich ein, daß sie von dieser Unternehmung so überrascht worden war, daß sie sich über den Umfang der möglichen Schwierigkeiten gar keine Gedanken gemacht hatte. Aber das Mädchen hatte sicherlich recht.

Der Weg führte durch einen Nadelwald. Einen von denen, die man vor lauter Bäumen nicht sah, mit dichtem Unterholz aus Stechpalmen. Das Licht nahm merklich ab. Plötzlich wurden beide Einhörner langsamer, ohne daß jemand sie dazu aufgefordert hatte. „Gefahr“, wisperte Alexandra und legte die Hand ans Schwert. Karina hatte keine Ahnung, woran sie das festmachte, griff aber sicherheitshalber ebenfalls nach ihrer Waffe.

„Halt und keinen Schritt weiter!“, rief eine herrische Stimme. Aus der Deckung der Sträucher traten fünf Männer hervor, jeder mit einem Bogen bewaffnet. Fünf Pfeilspitzen zielten auf die beiden Frauen, denen nichts anderes übrig blieb, als ihre Tiere zum Stehen zu bringen. Merkwürdig. Hatte sie nicht eben diese Gesichter vorhin noch in der Wirtsstube gesehen?

Das Wiedererkennen war beidseitig und zweifellos geplant. „Sind das nicht die beiden Edeldamen, die so großen Wert auf eine heiße Suppe legen?“ Der Sprecher wandte sich an seine Begleiter. „Diese da hat wertvollen Schmuck am Kleid und sicher auch noch anderswo. Und jene hat eine Menge Geld in der Tasche. Veit und Rupert, holt euch die Sachen. Wenn die edlen Fräulein sie bitte herausgeben würden?“

Karina wagte nicht, sich zu rühren. Wie gewonnen, so zerronnen, überlegte sie im Hinblick auf die Brosche. Allerdings würden diese Wegelagerer enttäuscht sein, denn weiteren Schmuck trug sie nicht an sich.

Alexandra griff in die Tasche und warf ein paar Silberstücke in Richtung der Räuber auf den Boden. Jene hatten sich zwar gut genug im Griff, um sich nicht sofort voller Gier darauf zu stürzen, waren aber für einen Moment abgelenkt. Was dann geschah, ging so schnell, daß Karina es überhaupt nicht verarbeiten konnte. Es war eine Sache von weniger als einer Sekunde, da war Alexandra vom Rücken des Einhorns gesprungen, hatte ihr Schwert in der Hand und den Schild nach vorn gerissen.

Die Gegner, vielleicht nur vor Schreck, ließen die Sehnen ihrer Bogen los und schossen mehr oder weniger gezielt ihre Pfeile ab. Zwei davon prallten vom Schild ab, die drei anderen schlug Alexandra in widernatürlicher Schnelligkeit mit dem Schwert aus der Luft. Hinter einem Schild verstecken konnten die Männer sich nicht, aber zwei schafften es, noch einen neuen Pfeil auf die Sehne zu legen. Zum Zielen reichte es nicht mehr, dann war die Walküre bei ihnen und spaltete mit einem Schwerthieb das Holz der Bogen. Die anderen drei begannen zu rennen und brachen auf der Flucht prasselnd durchs Unterholz. Zwei waren noch da und betrachteten mit geweiteten Augen Alexandras Klinge.

Karinas Herz stieg aus der Hose wieder nach oben. Schlimmstenfalls wache ich auf, erinnerte sie sich. Sie ließ sich von ihrem Einhorn gleiten, trat mit gezogener Waffe dazu und stellte fest: „Es ist schön, Leute zu treffen, die vernünftig genug sind um zu wissen, wann sie verloren haben. Ihr zwei sammelt jetzt unser Geld zusammen und bringt es wieder her. Danach dürft ihr euch den anderen anschließen.“

Einer machte einen Ausfallschritt und wollte sofort die Flucht ergreifen. Karinas Klinge an seinem Hals stoppte die Bewegung. „Na, na! Bitte die Reihenfolge einhalten! Erst unser Geld, dann der Rückzug.“

Murrend, aber ohne weiteren Widerstand gehorchten die beiden.

Als die beiden Frauen mit ihren Einhörnern wieder allein auf dem Weg standen, auf dem sie überfallen worden waren, die Waffen noch in der Hand, weil sie dem Frieden nicht trauten, neigte Alexandra ihren Kopf zu ihrer Lehrerin. „Du kommst ja allmählich richtig aus dir heraus.“

„Man soll nicht sagen, daß ich zu alt bin, um noch etwas zu lernen. Aber ich glaube, ich hätte lieber etwas anderes gelernt als…“ – sie betrachtete nachdenklich ihr Schwert – „…als eine Klinge an die Kehle anderer Leute zu halten.“

„Weißt du, wieviel Tote ich in meinem Leben schon gesehen habe?“

„Ich weiß nur das bißchen, das deine Schwester Franziska mir erzählt hat. Und mehr möchte ich auch gar nicht wissen.“

„Ich auch nicht. Deswegen habe ich es hinter dem schwarzen Vorhang verborgen, den du einmal gesehen hast. Aber es ist da, und ich werde es nicht los.“

„Das tut mir leid, Alexandra.“

„Schon gut. Ich wünschte mir nur, jemand wie du wäre dabei, wenn ich den Vorhang aufziehe.“

„Oder jemand wie deine Freundin Julia?“

„Das ist nicht das gleiche. Sie hat weniger Erfahrung als du. Und sie hat Angst vor Drachen.“ Alexandra atmete tief. „Laß uns weiter. Diese Dinge gehören nicht hierher.“

Sie steckten ihre Schwerter weg und bestiegen die Einhörner. „Immer noch nach Westen. Über einen Fluß, hat der Wirt gesagt. Es sollte mich wundern, wenn das ohne Schwierigkeiten ginge. Die Wegelagerer von eben sind noch nicht besiegt.“

„Meinst du, sie lauern uns noch einmal auf?“

„Ich rechne fest damit. Diese Sorte sieht nie ein, wann sie verloren hat.“

„Und wie können wir sie dann loswerden?“, fragte Karina.

„Wenn du nachdenkst, kommst du allein auf die Antwort.“

„Sie gefällt mir aber nicht.“

„Nein“, stellte Alexandra fest, „mir auch nicht.“ Sie drückte die Fersen sanft in die Seite ihres Tieres, das sich daraufhin in Trab setzte. „Also auf!“

*

Sie erreichten das Ende des Waldes unbehelligt. Da das Ziel nun in absehbarer Entfernung zu liegen schien, verzichteten sie auch darauf, ihre Tiere zum Galopp anzutreiben, sie hätten dann womöglich etwas entscheidendes übersehen können. So ritten sie in leichtem Trab durch die verschneiten Felder. Hier und da flog ein Schwarm Krähen auf, als sie sie passierten.

Karina genoß das Gefühl, auf dem Einhorn dahinzuschweben, spürte die Bewegung der mächtigen Muskeln des Fabelwesens unter sich, das sich mit einem leichten Schenkeldruck oder Berühren des Halses beherrschen ließ. Nein, dachte sie, beherrschen ist falsch. Hurricane ordnete sich freiwillig unter. Ein Geschöpf wie dieses würde sich niemals beherrschen lassen, es wäre geradezu ein Sakrileg, das zu verlangen. Ihre Gedanken glitten ab. Alexandra hatte von dem schwarzen Vorhang gesprochen, hinter dem sie etwas verbarg, das sie nicht sehen wollte. Und sie selbst? Seit damals, als sie zum erstenmal mit dem Mädchen ausgeritten war, wußte sie, daß auch sie ein solch finsteres Geheimnis in sich barg – dem sie sich doch eines Tages würde stellen müssen.

Eine Reihe von kahlen Bäumen und Büschen zeichnete sich ab, quer durch die Landschaft. Karina erkannte nach einer Weile, daß jene das Ufer des Flusses säumten, der ihnen angekündigt worden war. Wellen kräuselten sich auf der Oberfläche, zugefroren war er nicht. Eine Brücke war nirgends zu sehen, aber am gegenüberliegenden Ufer stand eine Hütte, und davor lag ein Boot an einem Steg vertäut.

„Wie es aussieht, müssen wir mit einer Fähre übersetzen“, stellte Alexandra fest. „Da vorn ist der diesseitige Anleger.“

Sie stieg ab, ging zum Ufer hinab und betrat den Steg. Dann legte sie die Hände zu einem Trichter vor den Mund. „Fährmann, hol über!“ Mit ausladender Geste winkte sie mit ihrem Schild.

Karina trat neben sie und beobachtete, ob sich drüben etwas rührte.

„Wie breit mag der Fluß sein?“

Alexandra lächelte spöttisch. „Man könnte jetzt eine Strecke am Ufer abstecken, von den Endpunkten aus die Hütte anpeilen und den Sinussatz anwenden.“

Mit einem Gefühl des Schauderns bemerkte Karina, wie sich für einen Moment farbige Linien am Ufer und quer über den Fluß abzeichneten, in der Luft einige ebenso gefärbte Hieroglyphen aufleuchteten und wieder verschwanden. „Ich schätze, es sind hundertzwanzig Meter“, stellte Alexandra fest. Sie hatte offenbar die geometrische Konstruktion in die Landschaft gedacht. Es war wieder in gewisser Weise erschreckend, welche Fähigkeiten in diesem Mädchen steckten.

Aus der Hütte auf der anderen Seite trat jetzt eine mit einem Umhang und einer Pelzkappe vermummte Gestalt, warf zwei Riemen ins Boot, stieg ein und machte es vom Steg los. „Unsere Fähre kommt.“

„Ja“, sagte Alexandra. „Und Fährleute sind eine eigene Spezies. Wir sollten aufpassen.“

„Dafür haben wir die Herren Schnapphähne aus dem Wald ja wohl abgeschüttelt.“

Alexandra hob eine Augenbraue und schien sich in dem Punkt nicht sicher zu sein. Sie sagte aber nichts weiter dazu. Sie verfolgten, wie sich das Fährboot dem diesseitigen Steg näherte. Dann stieß es rumpelnd dagegen. „Einen guten Tag, die Damen“, grüßte der Fährmann mit rauher Stimme, während er ein Tau an einem Pfosten belegte. Jetzt konnte man erkennen, daß auch sein Umhang, wie die Mütze, aus Pelz gemacht war; Biber, wie es aussah. Er hatte ein grobes Gesicht und Hände wie Schaufeln, und Karina drängte sich der Gedanke auf, daß er die Biber dafür selbst erschlagen und gegerbt hatte.

„Seid gegrüßt, Meister der Wellen und Strömungen“, lächelte Alexandra und deutete eine Verbeugung an, in der gewohnten Weise eine Hand vor die Brust legend. „Karina und Lexa von Dinas Brân sind unsere Namen. Wir begehren, übergesetzt zu werden.“

„Was auch sonst“, knurrte der Fährmann. Er wies den Hang hoch zu den beiden dort wartenden Einhörnern. „Mit diesen – äh – Tieren, vermute ich.“

„Ja, genau mit diesen – äh – Tieren. Es sind übrigens Einhörner.“

„Ja, natürlich.“ Sein Blick war undefinierbar. „Das Boot ist zu klein für alle. Ich muß zweimal fahren.“

„Dann ist das wohl so. Zwei Silberstücke je Fahrt?“

„Einverstanden.“ Er streckte die Hand aus.

„Ihr kennt die Regel, Meister des Flusses“, erinnerte ihn Alexandra.

Daraufhin zog er die Hand mit einem Knurren wieder zurück.

Sie kehrten zu ihren Reittieren zurück, um sie zu holen. „Welche Regel?“, flüsterte Karina.

„Man bezahlt den Fährmann erst nach der Überfahrt. Alles andere bringt ihn nur auf dumme Gedanken. Ich denke, Taifun und ich lassen uns zuerst übersetzen. Sollte er bei der zweiten Fahrt von dir Geld fordern, kannst du ihn darauf verweisen, daß ich den Beutel habe.“

Karina dachte an das alte Logikrätsel von dem Wolf, der Ziege und dem Kohlkopf, die über einen Fluß gebracht werden sollten, mußte aber zugeben, daß diese Art von Logik hier nicht anwendbar war. Sie stimmte zu.

Im Gegensatz zu dem sprichwörtlichen Esel, der einen Fluß nicht ohne Brücke überquerte, hatte Taifun keine Probleme damit, das Boot zu besteigen. Karina sah zu, wie der Fährmann ablegte, den Kahn schräg gegen die Strömung wandte und zu rudern begann. Eine silbrige Spur zeichnete sich ins Wasser. Es war – trotz allem – ein überaus friedliches Bild.

Drüben stieg Alexandra aus, Taifun folgte ihr. Dann schien sich eine Diskussion zwischen ihr und dem Fährmann zu entspinnen. Vielleicht verlangte er die erste Rate des Fährgeldes, Karina konnte auf die Entfernung nichts verstehen. Plötzlich wieherte hinter ihr Hurricane. Sie fuhr herum. Fünf inzwischen wohlbekannte Gestalten kamen nebeneinander, die Breite des Weges ausfüllend, zum Ufer herunter gestiefelt. Da das Flußbett tiefer lag als die übrige Landschaft, hatte sie sie bis zum letzten Augenblick weder kommen hören noch sehen können.

„Ach“, sagte der mittlere. „So sieht man sich wieder.“

Karina erinnerte sich daran, daß sie bewaffnet war, und riß ihr Schwert heraus. Allerdings fühlte sie sich einem Kampf gegen fünf Männer nicht gewachsen, auch wenn diese nur mit Knüppeln aufwarten konnten. „Verzieht euch!“, stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

„Nicht doch! Vorhin im Wald hätten wir uns mit deinem Schmuck zufrieden gegeben. So billig kommst du jetzt nicht mehr davon. Ich denke, deine Freundin mit der flinken Klinge wird gern einen Haufen Lösegeld für dich bezahlen. Packt sie!“

Es gelang ihr, mit dem Schwert wenigstens einen der Holzprügel abzuwehren, aber viele Hunde sind des Hasen Tod, und viele Knüppel überwinden eine einsame Kämpferin. Einer entwand ihr das Schwert. Hurricane mischte sich ein, trat nach hinten aus und schickte zwei Männer zu Boden. Blieben immer noch drei, die Karina festhielten und als Schutzschild gegen das wütend schnaubende Einhorn verwendeten, das zwar drohend sein Horn senkte, aber nicht angreifen konnte.

Die beiden anderen rafften sich wieder vom Boden auf und droschen nun mit ihren Knüppeln auf Hurricane ein, wobei sie sich hüteten, noch einmal in die Reichweite der Hinterhufe zu kommen. Die Schläge, die das Tier abbekam, schmerzten Karina so intensiv, als bekäme sie sie selbst. „Aufhören“, schrie sie. „Ihr bekommt alles, was ihr wollt!“

„Sag dem Vieh, es soll Ruhe geben.“

„Hurricane! Schluß! Wir ergeben uns!“, stieß sie hervor. Das Einhorn verstand sie offenbar und hörte auf zu toben.

„Na also, geht doch. Fesselt sie und bringt sie zum Wagen.“

*

Nachdem man ihr die Hände auf dem Rücken gebunden hatte, wurde sie an den Oberarmen gepackt und den Hang hinauf geführt. Sie verzichtete auf Widerstand, weil das ihre Lage nicht verbessert hätte. Auf Alexandras Hilfe konnte sie wohl nicht rechnen. Ihre Begleiterin war auf der anderen Seite des Flusses immer noch mit dem Fährmann beschäftigt, und der müßte sie erst wieder übersetzen. Der Augenblick war strategisch gut abgepaßt, die Bande konnte sicher sein, daß sie es mit Karina allein zu tun hatte.

Oben auf dem Weg stand ein Fuhrwerk, mit dem man wohl zu anderer Jahreszeit von den Feldern die Ernte einfuhr. Jetzt war der Wagen leer bis auf ein paar Strohballen. Karina mußte aufsteigen und sich auf die Ladefläche zwischen die anderen setzen.

Einer der Männer hatte ihr Schwert und ihren Schild aufgelesen und warf beides ebenfalls auf den Wagen. Jetzt schwang er sich auf den Kutschbock und trieb das Pferd an. Schwankend und holpernd setzte der Karren sich in Bewegung. Der Weg war uneben, der Wagen besaß keine Federung, und folglich fühlte sich Karina durchgeschüttelt und hin und her geworfen wie ein Sack Kartoffeln. Der Ritt auf Hurricane war jedenfalls um ein Erhebliches sanfter. Hurricane! Wo war eigentlich ihr Einhorn geblieben? Sie wandte den Blick und bemerkte, daß das Tier dem Wagen in einigem Abstand folgte. Von den Männern einfangen hatte es sich nicht lassen.

Eine ungemütliche viertel oder halbe Stunde verging, dann kam eine Gruppe von Gebäuden in Sicht, wohl ein Gehöft. Wohnhaus, Stall und Scheune standen um einen Hof herum, auf dem ziemlich lieblos Schnee geräumt worden war, nur einige Wege waren frei. Der Wagen hielt, Karina wurde heruntergezerrt und zu dem Stall gebracht. Es roch nach Kuh. Die bekam sie allerdings nicht zu sehen; der Weg führte in eine Kammer, in der ein paar verrostete Geräte aufbewahrt waren. Einer löste ihre Fesseln, allerdings nur, um sie gleich darauf wieder festzubinden, diesmal an einem der Pfosten, die das Dach trugen. Sie meinte, es war der, den der Anführer vorhin Veit genannt hatte. Die Tür wurde zugeworfen, von außen ein quietschender Riegel vorgelegt. Sie war allein in der Dunkelheit.

Der biblische Samson, so erinnerte sie sich spontan, hatte in einer ähnlichen Lage den Pfosten umgerissen und das Dach zum Einsturz gebracht. Dazu fühlte sie sich körperlich nicht in der Lage. Und außerdem war Samson dann, zusammen mit allen anderen, vom Dach erschlagen worden.

Es war kalt. Nachdem ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte sie Risse und Ritzen in Wänden und Türen, durch die etwas Licht und viel eisiger Wind hindurchdrang. Im Freien war ihr das gar nicht so aufgefallen. Karina lauschte, da sie nichts anderes tun konnte, auf die Geräusche des Hofes. Ab und an ließ sich eine Kuh mit Falsettstimme hören: ‚Mjiuuh’. Dann klirrte Metall. In der Ferne meinte sie ein Wiehern zu hören, das von Hurricane stammen konnte. Oder auch nicht.

Irgendwann, als sie ihre gefesselten Hände vor Kälte kaum noch spüren konnte, quietschte der Riegel und die Tür wurde geöffnet. Der Anführer der Bande, der sich bislang noch nicht vorgestellt hatte, trat in die Kammer. Er hängte eine Laterne, in der ein Talglicht brannte, an einen Haken. „So, Jungfer Karina, dann wollen wir zum Geschäftlichen kommen.“

Ihren Namen kannte er also, vermutlich hatte er ihn vorhin in der Wirtsstube erlauscht. Sollte sie nun den seinen von ihm fordern? Sie war immer ein zurückhaltender Mensch gewesen, der Konfrontationen lieber vermied. Aber wenn sie sich zu schüchtern zeigte, würde das ihre Verhandlungsposition schwächen. Noch konnte er sich vermutlich kein Bild von ihr machen. Vorhin am Fluß hatte sie sich immerhin mit dem Schwert verteidigt; und auch wenn sie unterlegen war, konnte das keinen mutlosen Eindruck gemacht haben. Sie beschloß, dieses Bild aufrecht zu erhalten.

„Meinen Namen kennt Ihr also. Und wie lautet der Eure?“

Er stieß ein kurzes Lachen aus. „Mein Name tut nichts zur Sache.“

„Dann werde ich Euch Meidhan nennen. Als Abkürzung für Meister des heimtückischen Angriffs. Um welche Geschäfte sollte es sich handeln?“

„Der übliche Tauschhandel. Euer Leben gegen ein Lösegeld. Ich habe hier Schreibzeug mitgebracht, Ihr werdet jetzt einen kleinen Brief an Eure Freundin verfassen, der geeignet ist, bei ihr – hm, sagen wir zweihundert Golddukaten locker zu machen.“

„Wollt Ihr ihn nicht selbst schreiben, Herr Meidhan? Ich fürchte, mir sind da gewissermaßen die Hände gebunden.“

Er lachte. „Humor hat sie tatsächlich auch. Ich werde Euch zu diesem Behufe losbinden. Versucht nicht zu fliehen, meine Leute stehen draußen vor der Tür.“

Er legte Papier und Feder auf einen Balken, dann löste er ihre Fesseln. Karina rieb ihre erstarrten Hände und hauchte hinein, um sie wieder zum Leben zu erwecken. „Wenn die Tinte so gefroren ist wie meine Hände…“

„Keine Sorge. Hier, und nun schreibt!“

Warum schrieb er seine Forderung nicht selbst auf? Vielleicht konnte er gar nicht schreiben. Dann würde er auch nicht kontrollieren können, was sie schrieb. Sie tauchte die Feder in die Tinte. Es war eine schlechte Qualität, oder es lag an der Kälte; sie fühlte sich zäh an wie Teer und hinterließ als erstes einen großen Tropfen auf ihrem Ärmel. Einen langen Text würde sie schon allein aus diesen Gründen nicht zustande bringen.

An Lexa. Bin in Gewalt der 5 Räuber, die wir kennen. Wollen 200 Dukaten Lösegeld. Ein Hof, etwa 2 Meilen nach Nordwest. Im Stall. Karina.

„Fertig?“, erkundigte sich Meidhan. Sie nickte. Er riß ihr das Papier weg und wedelte damit zum Trocknen in der Luft. „Rupert!“, rief er.

Der Mann betrat die Kammer. „Hier. Was hat sie geschrieben?“

Verdammt. Rupert konnte also lesen. Er überflog das Schreiben. „Schön“, meinte er, „alles drin. Aber sollte sie die Lage unseres Hofes verraten?“

Meidhan stieß einen Fluch aus und schlug Karina ins Gesicht. „Verräterin!“

Karina tastete mit der Zunge über die Zähne, ob noch alle da waren. Einer fehlte ohnehin. „Sie muß doch wissen, wohin sie das Geld bringen soll, werter Herr Meidhan.“

„Das ist nicht dein Problem.“ Er wandte sich an den, der Rupert hieß. „Schmier Tinte über den Teil, daß er nicht zu lesen ist. Und du, Armin, reitest mit dem Wisch zum Fluß. Ihre Freundin wird dort sicherlich irgendwo herumlungern. Ich denke nicht, daß sie ohne sie weitergereist ist. Am besten wäre es, du bringst das Geld gleich mit.“

„Wovon träumt Ihr nachts?“, warf Karina ein.

„Und du hältst das Maul!“, herrschte Meidhan sie an. „Hände hinter den Pfosten. Ich muß dich wieder festmachen.“

„Allmählich gewöhne ich mich daran. Aber nicht daran, daß Ihr mich plötzlich mit ‚du’ ansprecht, als sei ich minderwertig.“

„Dann wünscht Euch, hochwohlgeborene Jungfer Karina, daß Eure Freundin rasch zahlt, sonst ist Euer Leben nämlich wirklich nichts mehr wert“, erklärte Meidhan zuckersüß, während er die Stricke festzog.

*

Die Dämmerung zog allmählich auf, ehe Armin zurückkehrte. Karina hörte den Hufschlag seines Pferdes auf dem Pflaster des Hofes. Er gab sich keine Mühe, seine Stimme zu dämpfen, als er seinem Anführer Bericht erstattete. „Ich habe sie nicht gefunden. Sie muß wirklich allein weitergezogen sein.“

„War ihr Reittier irgendwo zu sehen?“

„Nein, auch nicht. Nur dieses aggressive Vieh von Jungfer Karina drückt sich immer noch im Birkenhain herum.“

„Vergiß es. Das kriegen wir nicht.“ Der Riegel quietschte, die Tür der Kammer wurde aufgerissen. „Deine Freundin ist nicht da. Wohin wollte sie weiter?“, kam Meidhan sofort zur Sache.

Jetzt wurde es Karina doch etwas sehr mulmig zumute. Bis hierher hatte sie die vage Hoffnung gehegt, Alexandra würde etwas einfallen, um sie hier herauszuholen. Aber wenn sie gar nicht gewartet hatte? Eigentlich unmöglich, sie vertraute dem Mädchen. Es würde sie nicht im Stich lassen. Aber Armin hatte keinen Grund gehabt zu lügen.

„Jenseits des Flusses gibt es einen Ephraim Krohnstieg, den wir besuchen wollten“, gestand sie ein.

„So“, meinte Meidhan. „Der Graf. Ja, warum auch nicht. Hey, wenn ihr mit dem bekannt seid, sollten wir nochmal über die Höhe des Lösegeldes nachdenken; der hat Geld.“

Aha. Auch sie kannten also Krohnstieg, der in dieser Welt wohl wirklich ein Graf sein mochte. „Armin, du machst dich gleich noch einmal auf den Weg. Läßt dich über den Fluß setzen und reitest zu dem Grafen Krohnstieg in die Nessauer Heide. Und gib mal den Wisch. Wir machen aus der Zweihundert eine Achthundert.“

Ich bin im Wert gestiegen, erkannte Karina. Weil ich mit dem Grafen Krohnstieg bekannt bin. Allerdings beruhte dessen Reichtum unter anderem auf dem, was er ihr drüben in der anderen Welt – in der realen? Sie war sich nicht mehr so sicher – abgegaunert hatte. Das würde er auch in dieser Welt nicht ausgerechnet für ihren Kopf wieder hergeben.

Wenn es doch nur eine Möglichkeit gäbe, diese Stricke von den Händen loszuwerden. Durch Zerren zog sie vermutlich den Knoten nur noch fester. Sie versuchte, die Hände so zu verrenken, daß sie vielleicht mit den Fingern den Knoten erreichte. Nach Kurzem gab sie auf. Ihre Finger waren inzwischen so gefühllos, daß sie selbst dann nichts hätte ausrichten können. Sie hätte versuchen sollen, diesen Meidhan zu überwältigen, solange sie losgebunden war. Aber dafür war es jetzt zu spät. Wieso hatte sie sich überhaupt darauf eingelassen, Alexandra in dieses Abenteuer zu folgen? Und wollte sie jetzt etwa anfangen, dem Mädchen Vorwürfe zu machen? Wenn ich hier umkomme, wache ich auf, tröstete sie sich. – Vermutlich.

Lautes Stimmengewirr erklang plötzlich von draußen. Schreie, Flüche. „Weg da!“ und „Hierher!“ und „Macht doch was!“ Was ging da vor? Ein heftiges Fauchen erklang, ein heißer Wind fuhr durch die Ritzen der Tür. Es roch verbrannt. Eine bekrallte Klaue griff um die Tür und riß sie im nächsten Moment aus den Angeln. Rauch vernebelte die Sicht. Durch die Schwaden hindurch erschien eine Walküre; Alexandra, mit gezogenem Schwert.

„Karina! Endlich!“ Das Mädchen gab sich nicht lange mit dem Knoten der Fesseln ab, es schlug die Stricke mit der Klinge durch. „Raus hier, gleich brennt alles!“

Sie griff nach Karinas Arm und zog sie mit sich ins Freie. Vor dem Stall war Jü gelandet und hielt mit seinem Feueratem die Räuber in Schach. Einer warf mit einer Mistforke nach dem Drachen, aber die Zinken prallten klirrend von dessen silbernen Schuppen ab. Jü wandte den mächtigen Kopf, spie Feuer und setzte den Angreifer in Brand. Der rannte schreiend und mit brennender Kleidung davon und fand keinen anderen Ausweg, als sich in die Jauchegrube zu stürzen, um sie zu löschen.

„Im Stall sind noch Tiere!“, rief Karina, als sie sah, wie aus dem Stallgebäude Flammen hoch züngelten. Sie sah nicht ein, daß das Vieh, das nichts dafür konnte, zu Schaden kam.

„Keine Sorge. Das Pferd steht da drüben, und die eine und einzige Kuh ist schon geflüchtet. Die Landwirtschaft war offenbar nur Tarnung der Räuberhöhle.“ Sie wandte sich an die Männer. „Letzte Warnung, und auch nur, weil ich heute meinen großzügigen Tag habe! Eure nächste Begegnung mit mir ist endgültig.“

Die anderen waren furchterfüllt bis zum Hauptgebäude zurückgewichen, bis auf den einen, der in der Jauchegrube gegen das Ertrinken kämpfte. Alexandra wies mit der Schwertspitze in seine Richtung. „Los, zieht euren Kumpanen da raus! Und versucht meinetwegen, das Feuer zu löschen.“

Sie steckte die Waffe ein und schwang sich auf Jüs Rücken. „Kommst du? Deine Waffen liegen da drüben.“

Karina begriff, daß das ihr galt. Sie sollte auf den Lindwurm steigen? Der fliegen konnte? Sie schalt sich innerlich einen Angsthasen, aber sie kam nicht dagegen an. Alexandra mußte ihren inneren Kampf bemerkt haben. „Wir leihen uns mal euer Pferd aus. Wir lassen es im Birkenhain zurück.“

Ob ihr überhaupt jemand zuhörte, war nicht klar, und es war auch egal. Sie nickte Karina zu. „Reite zum Hain, da wartet Hurricane auf dich. Und dann ab zur Fähre. Ich glaube, der Fährmann möchte längst Feierabend machen. Ich habe ihm schon Nachtzuschlag zugesagt, damit er noch auf dich wartet.“

Jü erhob sich unter kräftigen Flügelschlägen mit Alexandra in den grauen Himmel. Karina bestieg das Pferd der Räuber, mußte erkennen, daß es sich wesentlich sperriger anstellte als ein Einhorn, bekam es dann aber doch in Bewegung gesetzt. Am Hain wechselte sie auf ihr getreulich wartendes Fabeltier, nach wenigen Minuten hatte sie die Fähre erreicht.

Der Fährmann hatte sich tief in seinen Umhang aus Biberfell verkrochen und rieb sich die Arme. „Wißt Ihr, wie kalt das ist? Mir frieren die Hände ab.“

„Stellt Euch vor, mir auch. Und Eure waren nicht stundenlang auf dem Rücken gefesselt. Also, laßt uns keine Zeit verlieren, damit Ihr an Euren warmen Ofen kommt.“

„Dann haltet keine Reden, sondern steigt ein.“

Karinas Einhorn betrat den Kahn wesentlich zögernder als vorhin Taifun. Sie mußte ihm gut zureden, und es stellte sich breitbeinig hin, als erwarte es, ins Wasser zu fallen. Endlich konnte Karina ihm folgen. Das Boot wurde losgemacht, der Schiffer legte sich in die Riemen. Am Himmel verdichtete sich das Grau. „Es wird neuen Schnee geben“, knurrte der Mann und deutete mit dem Kopf nach oben.

Karina nickte. Sie würden den Wohnsitz des sogenannten Grafen ohnehin nicht mehr vor der Dunkelheit erreichen, und nun wahrscheinlich auch noch im Schneetreiben. Auf der anderen Seite erwartete sie Alexandra mit Taifun. Von Jü war nichts mehr zu sehen. Ihre Begleiterin entlohnte den Fährmann, und Karina stellte beiläufig fest, daß der ursprünglich vereinbarte Betrag von zweimal zwei Silberstücken inzwischen durch den Nachtzuschlag erheblich angewachsen war. Sie enthielt sich eines Kommentars; in gewisser Weise war sie dafür verantwortlich, weil sie sich hatte von den Räubern überwältigen lassen. Die ersten Schneeflocken fielen.