(OT: What Could Possible Go Wrong?

(The Chronicles of St. Mary’s Book 6))

Blanvalet 6314, 2022

512 Seiten, TB

Übersetzt von Marianne Schmidt

ISBN 978-3-7341-6314-2

Nachdem die Historikerin Madeleine „Max“ Maxwell ein wirklich übles Jahr hinter sich hat am St. Mary’s Institut für Historische Forschung, wobei sie beinahe beim Großen Brand von London in den Flammen geröstet wurde, von einem Dach stürzte und in Florenz nur knapp einer Steinigung entging, die ihr Knie ruiniert hat, soll sie einen Gang zurückschalten. Der Direktor Dr. Edward Bairstow hat deshalb veranlasst, dass ihr Kollege Tim Peterson ihre Stelle als Leiterin der Historischen Abteilung übernimmt. Sie hingegen übernimmt seine Stelle als Ausbilder für die neuen Rekruten … und von denen hat sie dann gleich einen ganzen Schwarm, mit dem sie sich herumschlagen muss.

So lernt der Leser eine Reihe neuer Namen kennen: Mr. Atherton etwa. Laurence Hoyle (der sie ständig an jemanden erinnert, der ihr nicht einfällt – als es ihr schließlich einfällt, ist es für jedes Ausweichen zu spät). Miss Lingoss mit wildem Irokesenschnitt. Celia North, die scheinbar von vorn bis hinten perfekte Rekrutin, und dann ist da noch die kleine, scheue Elizabeth Sykes.

Da ist Abenteuer bereits programmiert – und das hat nicht nur damit zu tun, dass Max die Lehrpläne grundlegend umstrukturieren möchte. Sie erinnert sich an die eigene Ausbildungszeit (Band 1 der Reihe), wo sie erst ganz zum Schluss der Ausbildung die ersten Zeitreisen mit den Pods unternehmen durfte. Diesmal sollen die „Frischlinge“ während ihrer Ausbildungszeit schon „Zeitluft“ schnuppern dürfen. Bei einfachen Aufträgen, wie sie ausdrücklich betont.

Nun, seien wir ehrlich: Da Max die Ausbilderin ist und sie wie ein Magnet Unglücke förmlich anzieht, kann man auch hier davon ausgehen und wird nicht enttäuscht. Dabei erweist es sich als vollkommen unbedeutend, dass Max auf den letzten Metern des vorherigen Romans den Techniker Leon Farrell geheiratet hat, mit dem sie ja schon seit Band 1 diverse stürmische erotische Intermezzi verbanden.

Die erste Mission – die mich gleich wieder frohlocken ließ – führt die Jungforscher zurück ins alte Ägypten. Konkret: Ins Tal der Könige am Ende der 18. Dynastie, kurz nach dem Tod von Tutanchamun. Ein äußerst geschäftiger Ort, der beinahe dazu führt, dass mehrere Teilnehmer ums Leben kommen.

Kaum sind sie zurück, erfolgt im Garten von St. Mary’s eine Explosion, in die auch die Auszubildenden verwickelt sind. Aber inwiefern die Jagd nach einer Ratte (!) einen Riesenkrater in den Boden zu sprengen versteht, das muss man selbst nachlesen. Das gilt auch für die unglaubliche Geschichte mit dem Sarg und dem explodierenden Schwein, die man weiter hinten ungläubig nachlesen kann.

Die nächste Mission geht in vermeintlich weniger gefährliches Terrain – ins Pleistozän, rund 50.000 Jahre weit zurück. Ziel: Beobachtung (!) der frühen Menschen und des möglichen Zusammenlebens zwischen Neandertalern und frühen Homo sapiens. Das erweist sich als noch abenteuerlicher, weil sie es dabei unter anderem mit Mammuten und Säbelzahntigern zu tun bekommen und einmal mehr um ihr Leben rennen müssen. Nur gut, dass sich Max den Spitznamen „Maxwell, die Mammutmörderin“ dann doch nicht verdienen muss. Warum nicht? Tja, nachlesen!

Nachdem auch dieses Abenteuer überstanden ist, soll es dann doch in sonnigere Gefilde gehen. Max wählt, ganz Althistorikerin, einen erneuten „ruhigen Job“. Anfangs geht alles gut – sie erreichen den Golf von Tarent, wo Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, seinen Lebensabend verbringt. Aber kaum werden sie seiner ansichtig, geht alles schief. Wieso, zum Teufel, flucht Herodot (!!) auf Englisch mit Liverpooler Akzent? Und warum, zur Hölle, begrüßt er sie fast resignierend mit „Ihr seid von St. Mary’s, was?“! Und dann beginnt das Chaos auch schon munter zu toben, was letztlich dazu führt, dass beinahe ein Kind in einem Brunnen ertrinkt und ein Gebäude abgefackelt wird …

Das nächste Abenteuer wird noch einen Tuck arger. Um den Rekruten zu zeigen, wie hart das Historikerdasein auch sein kann, das eben in Nichteinmischung besteht und in ruhiger Beobachtung auch heftigster Dramen, wählt Max den 30. Mai 1431. Der Schauplatz ist Rouen – und die Verbrennung von Johanna von Orleans. Hier stellen sie nicht nur zu ihrer Beunruhigung fest, dass die Siegergeschichte munter Verharmlosung betrieben hat und sie auf das, was sie vorfinden, nicht adäquat vorbereitet sind … einer aus dem Team dreht auch durch und öffnet die Podtür. Bei diesem Abenteuer müssen alle Beteiligten auf schreckliche Weise lernen, dass Historiker nicht unsterblich sind, wenn sie dem Verlauf der Geschichte ins Handwerk pfuschen wollen. Und zu allem Verdruss sind da auch noch die Leute von der Zeitpolizei.

Und als wäre das noch nicht schlimm genug, kommt es schließlich auch noch zu einer Entführung von Max und ihrer Historiker-Adeptengruppe – mitten hinein in die entscheidende Schlacht zwischen den Häusern Lancaster und Tudor am 22. August 1485. Und damit ist gemeint: mitten in die Schlacht hinein, ein einziges blutiges Gemetzel …

Nein, definitiv – Langeweile sieht anders aus. Es wird NIE langweilig mit Madeleine Maxwell, und dabei ist es wirklich gleichgültig, ob es sich um unberechenbare Rekruten handelt, Mary das Mammut, Katzen, die in Wärmepfannen transportiert werden, Zeitflüchtigen, die sich für historische Größen ausgeben oder es um Verräterjagd im St. Mary’s geht. Schweigen wir mal von den ganzen zwischenmenschlichen Kabbeleien und Desastern.

Die Zahl an unbeschreiblich komischen Stellen kann man auch in diesem Roman kaum zählen. Ich führe mal wieder ein paar Appetizer auf, die mich zeitweise aus dem Gepruste und Gekicher kaum herauskommen ließen.

Beispielsweise hier: „Ich dachte daran, wie Markham mir mal erzählt hatte, wie er hier angefangen hatte. Damals hatten sie noch die altmodischen Stiefel benutzt, und der einzige Weg, wie man sie weich und biegsam bekommen konnte, bestand darin, rückwärts mit einem Laster darüberzufahren. Was wiederum, so hatte er mich informiert, zu einigen Unannehmlichkeiten mit der früheren Außenwand des Hawking-Hangars geführt hatte …“

Oder: „‚Also. Nur um das klarzustellen: Ihr seid in einem Land mit ungefähr drei Zentimeter Niederschlag pro Jahr auf halbem Weg den Berg hoch beinahe ertrunken?’ Ich ließ mir ihre Bemerkung durch den Kopf gehen. Ja, eine ziemlich zutreffende Feststellung …“

Oder: „Vermutlich war Helen so mit Nikotinpflastern beklebt, dass sie zu schwer war, um schneller zu laufen.“

Oder: „‚Bashford, ich schwöre Ihnen, wenn Sie nicht auf der Stelle damit aufhören, herumzutigern, dann werde ich Ihnen den Kopf abreißen, Ihnen in den offenen Hals greifen und Ihre Eingeweide rausreißen.’

Es ist ja schön und gut, wenn immer behauptet wird, dass Rauchen der eigenen Gesundheit schaden kann, aber damit aufzuhören, schadet wohl der Gesundheit aller anderen …“

Oder: „‚Natürlich nicht’, antwortete ich mit dem traditionellen Optimismus der Ausbilder. ‚Zehn Minuten nach Beginn der Mission werden wir alle draufgegangen sein.’“

Oder: „Dieter ist der größte Mann in St. Mary’s. Vermutlich im ganzen Land. Er versperrt das Licht, wo auch immer er hingeht. Manchmal ist es so, als hätte man eine tragbare Sonnenfinsternis dabei …“

Und einen noch: „‚Du zitterst doch wie Espenlaub.’

North starrte ihn an: ‚Wie was?’

‚Wie das Laub einer Espe. Das ist ein Baum.’

‚Meinen Sie nicht vielleicht eher eine Esche?’

‚Man macht Särge aus Eschen’, mischte sich Sykes hilfsbereit ein.

Markham drehte sich zu ihr um. ‚Nein, macht man nicht. Die macht man aus Kiefern.’“

Oje, ich höre schon euer Dauerkichern und habe ein Einsehen. Aber das ist wirklich nur ein sehr kleiner Teil der unglaublich humorvollen Bemerkungen aus unterschiedlichsten Bereichen des Romans, der wieder mal höchst lesenswert ausgefallen ist.

Allerdings haben an manchen Stellen offensichtlich entweder bei der Verfasserin oder beim Lektorat bzw. der Übersetzung die Leute nicht recht aufgepasst. So verpflanzt Taylor unschönerweise Eukalyptusbäume ins Römische Reich … dummerweise war damals Australien, wo die Bäume herkommen, noch gar nicht entdeckt. Sie wollte wohl etwas Abwechslung in Pinien und Korkeichen und dergleichen bringen, aber Eukalyptus hat da echt nichts verloren. An einer anderen Stelle (diesmal klar der Übersetzerin zuzuordnen) wird vom „Hund von Baskerville“ geschwätzt. Und wieder einmal wird ahnungslosen Lesern vermittelt, Baskerville sei ein Ort statt eine Adelsfamilie. Holmesianer wissen das natürlich und ärgern sich (wie ich) stets, wenn der Titel von Arthur Conan Doyle falsch wiedergegeben wird. Ach ja, und dann war da noch die eine Stelle, wo irgendwer mal wieder die alte, längst widerlegte Lemminglegende ins Rennen schickte, die – wie Donald Trumps blödsinnige Behauptung von der „gestohlenen Wahl“ (die ihm nie gehört hat, also auch nicht gestohlen werden konnte; er ist einfach ein schlechter Verlierer, was man bis heute merkt) – dadurch nicht wahrer wird, wenn man sie ständig wiederholt.

Die großartigen, farbenprächtigen und in der Regel ziemlich chaotisch verlaufenden Zeitmissionen im Kontext mit Taylors trockenem Humor und der nach wie vor überwiegend guten Übersetzung überdecken gelegentliche Schwächen mühelos. Ich gebe zwar zu, dass ich nach Max´ und Leons Hochzeit am Ende des vergangenen Bandes schon ein kleines bisschen mehr an Eheleben der beiden für sie gewünscht hätte, aber da werden die Leser durchaus enttäuscht. Der Rest jedoch ist mehr als hinreichend für ein äußerst vergnügliches, mehrere Tage währendes Lesevergnügen!

© 2025 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 18. April 2025