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Wien
Montag, 7. September 1903
3 Uhr morgens
Sie war ganz plötzlich da, stand wie hingezaubert in meiner Schreibstube im Amt und brachte einen nicht unbeträchtlichen Glanz in die trockene, bürokratische Ausstrahlung meines Bureaus. Lange schwarze Locken wallten um ein zartes Antlitz, der Blick aus ihren hellgrünen Augen bohrte sich lockend und irgendwie verlangend zugleich in meinen. Bekleidet war sie mit einer leichten, weißen Bluse und einem halblangen, schwarzen Rock, dazu trug sie hochhakige elegante Stiefelchen zum Knöpfen.
Nichts wirklich Ungewöhnliches, zumindest bisher.

Doch dann knöpfte sie überraschend ganz langsam ihre Bluse auf, unter der sie völlig unbekleidet war. Mein Mund wurde trocken, mein Herz begann zu rasen, ich schnappte nach Luft. Trotzdem konnte ich meine Augen einfach nicht mehr von ihren prallen, perfekten Formen wenden, als sie die Bluse einfach zur Seite warf und aus ihrem Rock stieg, mir ihr schwarz behaartes Delta enthüllend. Mit einem lasziven, wissenden Lächeln auf den vollen Lippen und schwingenden Hüften ging sie um den schweren Schreibtisch, kam näher zu mir, drehte meinen Drehsessel von Thonet um 90 Grad und beugte sich zu mir vor. Ein Hauch von Duft überlagerte mit einem Mal den profanen Geruch von Tinte und Papier. Ein wenig herb, aber angenehm – Sandelholz und Kräuter vielleicht. Ohne weitere Umstände knöpfte sie einfach meine Hose auf, in diesem Moment stand nicht nur mein Verstand still…
„ROBERT!“, klang ein lauter Ruf durch meine von Eros leicht verwirrten Sinne. Ich krallte meine Hände in die schwarze Lockenpracht, doch sie verschwand ebenso wie die Trägerin derselben und meine Amtsstube in Dunkelheit. Noch einmal, dieses Mal noch lauter, drang ein Ruf an mein Ohr.
„ROBERT!“ Unwillig gestand ich mir ein, gerade geträumt zu haben und mich in meiner Wohnung zu befinden. In meinem eigenen Bett.
Allein.
„WACHEN SIE DOCH ENDLICH AUF, ROBERT“, bestätigte die nun nicht mehr nur lauter, sondern auch allmählich durchdringend werdende Stimme meinen Verdacht, denn ich erkannte sie jetzt. Sie gehörte Magissa Samantha Sorkány, Giateá tis Mageías – auf gut deutsch: Doktorin der Magie.
Die magische Universität benützt lieber griechische Begriffe statt lateinischer, was ich durchaus nachvollziehen konnte. Denken Sie nur an die Inquisition.
Samantha war seit einigen Wochen meine neue forensische Magierin. Bei der Art von Verbrechen, mit denen ich es üblicherweise zu tun bekomme, komme ich ohne jemand wie sie einfach nicht weiter.
Vielleicht sollte ich ganz kurz auf meine eigene Person eingehen. Ich bin Amtsrat Major Robert Heinrich Baron Geiger, ein Beamter bei der österreich-bayrischen Polizei. Jawohl, ein ‚Kieberer‘, ein ‚Kettenhund‘, ein ‚G’schmierter‘, obwohl ich noch nie auch nur einen Heller Bestechungsgeld angenommen habe. Aber so ist eben das goldene Wiener Herz, geht immer davon aus, dass – na, ja, eben. ‚Vorteilsannahme im Amt‘, wie man es im offiziellen Amtsjargon nannte. Geschmiert im Volksmund. Und oft wahrscheinlich nicht einmal zu Unrecht, wie man hört. Ja, schon gut, ich mach‘ schon weiter.
Um es ganz genau zu sagen, bin ich in Wien leitender Sonderermittler im BAMUSP. Also im Bureau zur Aufklärung Magischer Untaten zum Schaden von Personen. Ja, das ist die Hokuspokus-Brigade, das Abrakadabra-Dezernat oder das Simsalabim-Kommissariat. Wenn ein Verbrechen begangen wird, bei welchem der Verdacht im Raum steht, dass Magie im Spiel ist, werden wir gerufen.
Oder wenn ein Magier selbst das Opfer ist – meist ist dann der Täter im selben Umfeld zu suchen.
Wer außer einem anderen Hexer würde sich denn mit einem Magier anlegen wollen? Das war immerhin eine riskante Sache, bei der man schon mal geröstete Ei… – also verbrannte Haut und weit Schlimmeres riskierte.
Obwohl manchmal auch ein Zauberer einem Mord oder Totschlag eines Nichtmagiers zum Opfer fallen kann. Wenn der Täter sehr schlau oder sehr jähzornig und der Magus völlig arglos ist. Oder abgelenkt.
Auf jeden Fall, bei dieser Ermittlereinheit war ich beim nichtmagischen Teil und der – nun ja, der leitende Beamte eben. Wenn’s um Magie geht, vertraut die Staatsanwaltschaft anderen Magiern nicht so ganz, Sie wissen schon, Krähe, Auge, aushacken!? Und nur weil die Leute Magie beherrschen, bedeutet das noch nicht, dass sie keine Verbrechen begehen können. Ich könnte da Geschichten erzählen – nun, jedenfalls, wenn es an Verbrechen im Zusammenhang mit Zauberei geht, dann sind Leute wie ich gefragt. Leute, die nicht sehr viel von Magie verstehen. Und wenn ich sage ‚nicht sehr viel‘, dann meine ich das auch. Ich kann ein paar kommerzielle Zauberutensilien benützen, alles andere geht, wie bei den meisten, weit über meinen Horizont.
Bevor ich Samantha noch weiter reizte, öffnete ich lieber meine Augen und sah sie an. Oder richtiger gesagt, ihr dreidimensionales Abbild, welches über meiner nur anderthalb Zentimeter flachen Taschenuhr schwebte. Eigentlich über der 12 Millimeter durchmessenden Kristallkugel, welche das Herz der Uhr bildete und von der Ganggenauigkeit des Uhrwerks bis hin zur Kommunikation mit anderen Besitzern einer solchen Kugel alles bewerkstelligte.
Ja, in meiner Uhr steckte eine dieser neuen, herrlich kleinen Kommunikationskugeln, die man in die Tasche stecken konnte. Die damals noch gar nicht offiziell im Magieshop erhältlich waren und danach ein mittleres Vermögen kosteten. Eine, die noch weit mehr Funktionen hatte als die alten, acht Zentimeter großen Kugeln, welche um die Jahrhundertwende üblicherweise Verwendung fanden. Ein Geschenk des Vorgängers Samanthas, dem gerichtlich beeidigten Gerichtshexer Istvan Nagy, der seinerzeit an der Miniaturisierung mitgearbeitet hatte. Bevor er in Pension ging.

Nun, das Gesicht der Person über der Kugel sah dem aus meinem Traum durchaus ähnlich, aber das schwarze Haar war zu einem praktischen, aber wenig hübschen Knoten aufgesteckt. Der Blick war auch nicht ganz so verlangend, sondern eher analytisch. Eigentlich sogar ganz eindeutig analytisch und kein bisschen erotisch. Und auch das Lächeln aus meinem Traum war weit anziehender als die zwar freundliche, aber eher kühle Mimik des Originals. Ganz abgesehen davon, dass es kaum vorstellbar war, dass eine verdammt intelligente und effiziente Frau wie Magissa Sarkány auf Wäsche unter ihrem mitternachtsblauen Kasack mit dem goldenen Pentagramm auf der linken Brustseite verzichten könnte.
Von gestutztem Schamhaar unter dem strengen Rock, der ebenfalls in sehr dunklem Blau gehalten war, ganz zu schweigen. Das alles passte einfach so gar nicht zu meiner stets kontrollierten Kollegin, die ganz bestimmt eher ihre magischen Formeln und die Wissenschaft im Kopf hatte als profane, körperliche Vergnügungen. Aber – zum Teufel, hübsch anzusehen war sie schon.
„Wie spät isses?“, nuschelte ich, noch immer nicht ganz wach.
„Bin ich vielleicht die Auskunft?“, fragte sie schnippisch zurück, dann, nach einem leisen Murmeln im Hintergrund: „Entaxi – in Ordnung!“ Ich habe doch schon erwähnt, dass die Sprache der Magie Griechisch ist? „Es ist acht nach drei! Wir haben einen Mordfall!“
Ich kratze noch ausgiebig meine Kopfhaut. „Wieso kugl‘n denn dann Sie eigentlich mich an?“ Drei Uhr morgens! Mein Gehirn arbeitete noch mit Verzögerung, sonst hätte ich es mir vielleicht denken können. So aber sagte sie es mir, und das machte mich mit einem Schlag hellwach. Nun ja, zumindest ein wenig wacher.
„Der Mord geschah in der Magiki Scholi, nur zwei Etagen unter meinem Labor.“
„WAS?“ Ich konnte es kaum glauben, schwang aber trotzdem meine Beine aus dem Bett und erhob mich. „In der Magischen Fakultät von der Leopoldina?“
Samanthas Blick wanderte etwas an mir hinab, ihr Lächeln wurde irgendwie – süffisant? Jedenfalls hatte ich ganz vergessen, dass sie mich ebenfalls sehen konnte, und zwar in aller Pracht und Herrlichkeit. Das Blut schoss mir ins Gesicht und brachte es zum Glühen.
„Es tut mir leid, dass ich einen offensichtlich – amüsanten Traum unterbrochen habe“, bekundete sie ihr Bedauern, und ich konnte nicht erkennen, wie ernst sie es wirklich meinte.
„Mord? Leopoldina?“, erinnerte ich sie, eine Decke vor die strategische Stelle ziehend. Auch wenn es eigentlich schon viel zu spät war.
Die Alma Mater Leopoldina ist übrigens die Universität von Wien, gegründet von Leopold, dem Ehemann von Königin Agnes I. der Vernünftigen aus dem Haus Babenberg, das ja bekanntlich noch heute über Österreich-Bayern regiert.
„Dáskalos – also ein Professor nach Ihrem Verständnis – Elias Koglmeyer ist tot. Man hat in seinem Labor einen lauten Knall gehört und mich sofort verständigt. Ich habe die Tür, welche von innen verschlossen war, aufbrechen lassen und kurz nachgesehen, ehe ich Sie angekugelt habe. Der Dáskalos ist tatsächlich tot.“
„Sie hab’n g‘sagt, die Tür war von innen verschlossen?“
„Zuerst wollte ich eine magische Sonde durch das Schlüsselloch in das Labor senden. Das ging nicht, also habe ich mir zumindest das Hindernis angesehen, ehe wir die Tür mit Gewalt öffneten. Es war ein passender Schlüssel, von innen angesteckt – also ja, ich gehe davon aus, dass auch von dort zugesperrt wurde.“
„Naheliegend“, grummelte ich widerwillig ihre Ansicht bestätigend, und starrte überall hin, nur nicht auf sie. Samanthas Augen verengten sich, zwischen ihren Augenbrauen erschien eine steile Falte, während sie mich prüfend musterte.
„Na schön“, nickte sie schließlich. „Ich gehe stark davon aus, dass Sie derzeit unter einem starken Hormonandrang aufgrund eines erotischen Traumes, verbunden mit einem eklatanten Mangel an Koffein leiden. Springen Sie unter eine kalte Dusche, trinken Sie einen starken Kaffee, schlüpfen Sie in einen Anzug und kommen Sie her. Bis Sie hier sind, sollten Sie ja wohl wieder klar denken können!“
Ich ersparte mir eine Antwort, sondern strich nur einmal über die Uhr, und Samantha verschwand. Eine kalte Dusche half zuerst einmal, diese derzeit eher lästige Erektion los zu werden, und gleichzeitig vertrieb sie die Nebel aus meinem Gehirn. Als nächstes ging ich zur Kaffeemaschine.
Auch so eine Erfindung aus den Laboren der magischen Fakultät. Wasser in den Tank und Kaffee in ein Sieb, gut miteinander verschrauben und einen Knopf drücken. Ein Strahl hochkonzentrierter Magie verwandelte das Wasser im Bruchteil einer Sekunde zu heißem Dampf, der den einzigen Ausweg im Sieb mit dem Kaffee fand und in der oberen Kugel zu herrlichem Mokka kondensierte. Eine Minute etwa, und man konnte die Köstlichkeit genießen. Allerdings – eine Aufladung mit Energie für vielleicht vier Tassen kostete einen ganzen Gulden, dann musste man eine neue Kapsel mit gespeicherter Magie einsetzen.
Ein horrender Preis, den sich nur verteufelt reiche Leute leisten konnten.
Oder ich, denn wenn meine Kapseln leer waren, gab es einige Leute im magischen Institut, welche mir wieder einige aufgeladene schenken würden. Ich benutzte die Maschine dennoch eher selten, die übliche Methode mit der Gasflamme auf dem Herd funktionierte doch auch, wenn sie auch länger dauerte. Wozu also kostbare magische Energie verschwenden?
Jetzt sollte man annehmen, dass es keinen Markt für solche überteuerten Geräte gab, aber doch, gab es. Jeder, der es sich auch nur halbwegs leisten konnte, kaufte es und bediente es auf Partys sogar selber. Nun – das war nicht meine Welt, ich wurde selten zu solchen Veranstaltungen geladen.
Warum?
Nun ja, Baron ist nicht gleich Baron. Als Uropa damals geadelt wurde, bekam er den Titel. Baronie für seine Einkünfte bekam er keine dazu, seither sind die Geigers eben adelige, aber arme Diener der Königinnen. Und als Beamter und Polizist konnte ich schon gar nicht reich werden. Nicht auf ehrliche Art und Weise.
Trotzdem genoss ich meinen Mokka jetzt ohne schlechtes Gewissen und entfernte danach die leere Magiekapsel, um sie durch eine neue zu ersetzen. Zum Glück konnte ich endlich auch wieder in meine Hosen schlüpfen, die Mode setzte bei Männern gerade wieder einmal auf sehr enge Beinkleider in Schwarz, Grau oder dunklem Blau, einem farblich dazu passendem Sakko, einem Hemd in einer kontrastierenden Farbe und einer hellen Weste.
Meine Auswahl war nicht eben riesig. Ich hasste es einfach, vor dem Schrank zu stehen und lange Überlegungen anzustellen, welches Hemd zu welchem Anzug zu welcher Weste. Daher besaß ich auch nur dunkelgraue Anzüge mit burgunderfarbigen oder rostroten Hemden und hellgrauen Westen. Damit konnte man eigentlich nichts falsch machen und sich überall sehen lassen. Außer natürlich, man mischte die Stoffe.
Egal – ich möchte Sie nicht langweilen, denn das Einzige, das langweiliger als Mode sein kann, ist darüber zu reden.
Um diese Uhrzeit fuhr noch nicht einmal in Wien eine Pferdetram, also lief ich los, über die Landstraßer Hauptstraße stadteinwärts. Irgendwo musste doch hoffentlich auch um etwas vor vier Uhr morgens noch ein Fiaker unterwegs sein.
Ha, da waren sie ja, die zwei Lampen, an einem schwankenden, kastenförmigen Körper befestigt, davor zwei Pferde. Und ich hatte noch mehr Glück, der Kutscher bemerkte mich sogar, als ich ihm winkte.
„N’Abend, Euer Gnaden. Wo woll’n wir denn hin?“
„Zur Magiki Scholi der Leopoldina“, beschied ich, leicht außer Atem, während ich in den Verschlag kletterte.

„Alsdann, fahr’n wir, Euer Gnaden!“ Der Kutscher schnalzte mit der Peitsche, die Pferde zogen an und ich ließ mich in die gepolsterten Lederkissen der Rückbank sinken. Während der Fahrt hörte ich mit, wie der archimedische Entfernungsmesser bei jeder Umdrehung des Hinterrades über einen recht einfachen Mechanismus den Preis bestimmte.
Nun, mir konnte es egal sein, von mir würde der Fiaker nur einen unterschriebenen Transportschein erhalten, mit welchem ich ihm die verlangte Summe bestätigte. Und diesen Betrag konnte er dann an der Kasse jeder Dienststelle der österreichischen Gendarmerie geltend machen, man würde ihm das Geld dann umgehend und unbürokratisch auszahlen.
Ein recht gut funktionierendes System, denn nicht immer hatte ein Polizist genug Geld für eine Fahrt eingesteckt und musste dringend einen bestimmten Ort aufsuchen. Auch nachts, ohne Möglichkeit, die Tram zu benutzen.
Die Magische Fakultät war in der Nähe der alten Mölkerbastei untergebracht, in einem ganz modernen Bau aus roten Ziegeln. Wien war seit der letzten Türkenbelagerung 1683 sehr viel größer geworden, die Vorstädte waren zusammengewachsen.
Die neue Stadtmauer weiter draußen bestand jetzt allerdings beinahe nur noch aus Magie. Ich habe sie mir einmal genauer angesehen, als mich der Dienst dorthin führte. Eine etwa dreistöckige Konstruktion, auf der Krone fährt eine dampfbetriebene Eisenbahn rund um Wien.
In beide Richtungen.
Jetzt, in Friedenszeiten, gehört sie zum öffentlichen Nahverkehr, im Kriegsfall transportiert sie die Soldaten und ihre schweren Waffen aus den Kasernen zu ihren Stellungen und sorgt für Nachschub. Daher sind ja auch die Kasernen alle an der Stadtmauer gebaut.
☆
Das Labor des Dáskalos war irgendwie typisch für die Lehrer des Instituts. Nicht sehr groß und voller Bücher, Glaskolben, Räucherbecken und ähnlichem Zeug. Genau so hatte auch Istvans Stube ausgesehen und gerochen, wenn ich ihn hier aufgesucht hatte. Und wie er – und Samantha – trug auch das Opfer den dunkelblauen Kasack der Magier mit dem goldenen Pentagramm des Meistermagiers auf der Brust. Ich ging zuerst einmal um den Schreibtisch, hinter dem der Tote saß, betrachtete ihn von allen Seiten. Wartete auf eine Eingebung, eine Nachricht meines sonst recht guten Instinkts.
Nichts, dem Haufen Ganglien in meinem Schädel war es wohl doch noch etwas zu früh. Trotz des Kaffees. Also ging ich näher. Irgend etwas kam mir trotz meines Zustandes seltsam vor.
„Woran ist er denn g‘storben?“, wandte ich mich an Samantha.
„An einem winzigen Loch in seiner Brust, das kerzengerade von knapp oberhalb seiner linken Brustwarze bis etwa zu seiner hinteren Herzwand verläuft.“ Sie trat neben mich und hielt mir den linken Zeigefinger auf meinen Brustmuskeln. Lange, schlanke Hände, am Mittelfinger ein recht auffälliger Ring, ein breiter, goldener Armreif, in dem die Sternbilder des Zodiacs mit kleinen Edelsteinsplittern, welche an den Stellen der Sterne in das Metall gesetzt waren, blitzte unter ihrem Ärmel hervor. Ein Hauch ihres Parfums stieg in meine Nase – Sandelholz -Kräuter. Ein Bild schoss durch meinen Kopf, eine Menge Blut in die andere Richtung. Himmel, Herrgott, Sakrament! Ich musste mich wirklich besser zu beherrschen lernen. „Etwa hier ist was auch immer eingetreten, und hier…“ Sie legte den Zeigefinger der Rechten auf meinen Rücken. „Etwa – hier wäre es wieder ausgetreten.“

„Wie winzig?“, bohrte ich sofort nach.
Sie zog den Kasack der Leiche beiseite und zeigte mir die Wunde. „Bei der verringerten Elastizität der Haut eines Mannes seines Alters – ein Millimeter, vielleicht ein und ein Viertel. Mehr ganz sicher nicht.“
„Ein Strahl aus purer, magischer Energie?“
„Das könnte durchaus zum Erscheinungsbild passen“, gab sie zu.
Ich griff an meine Hüfte. „Ein Blitzwerfer vielleicht, so wie meiner?“
„Hm!“ Sie überlegte kurz, nickte dann. „Nicht unmöglich.“
Ich ging noch näher heran und berührte die Wunde vorsichtig mit den Fingerspitzen. „Also, mir fällt nichts ander‘s ein, außer vielleicht noch einem Dämon. Für jede Art von mir bekannter Waffe ist das Loch dann doch zu klein! Was könnt‘s denn sonst noch g‘wesen sein?“
„Ein hocherhitzter, weißglühender Draht aus einem unbekannten, sehr festen Material?“ Ihre Stimme klang ruhig und beherrscht wie immer, als sie die Möglichkeiten aufzählte. „Ein Dämon wäre natürlich nicht unmöglich, aber ich kenne keinen aus dem Pandämonium des Franciscus Valdensus, der auf diese Art tötet. Was aber auch bedeuten könnte, dass ein neuer Dämon sein Unwesen triebe. Das wäre allerdings der Erste seit einigen hundert Jahren.“
„Das woll“n wir doch nicht hoff‘n.“ Unwillkürlich griff ich zu meinem Amulett gegen böse Teufel, Dämonen und Zaubersprüche. Manchmal braucht man so einen Schutz beim Abrakadabra-Dezernat nun einmal, und selbstverständlich wurde er regelmäßig energetisch aufgeladen.
Auf Staatskosten. Zuerst von meinem Partner Istvan, und jetzt war es Samanthas Aufgabe.
„Wer hat denn eigentlich diesen ominösen Knall g‘hört?“, wollte ich noch wissen.
„Ein Hausdiener.“ Samantha reichte mir einen Zettel. „Hier sind Name und Adresse. Er wollte Dáskala Ildiko Kertész einige Kräuter aus dem Lager bringen, und ihr Labor ist gleich dort hinten am Ende des Flures. Er hörte es knallen, trommelte an die Tür und lief dann los, um die Prýtiania Horvath zu informieren. Diese verständigte mich und da wir dachten, der Dáskalos könnte noch am Leben sein, haben wir die Tür mit Gewalt geöffnet. Selbstverständlich nachdem ich zuerst erfolglos eine magische Sonde einführen wollte.“
„Diese Tür schließt ja ziemlich dicht ab?“ Ich ging hinüber und schloss sie, befühlte den Türstock aus massiver steirischer Eiche.
„Selbstverständlich! Das muss sie auch, es können bei magischen Experimenten und Beschwörungen immer wieder unvorhergesehene Ereignisse vorkommen. Üble Gerüche sind oft noch das Harmloseste.“
Ich nickte und wandte mich wieder um. Es half alles nichts, jetzt kam ein immer wieder gehasster, aber unausweichlicher Moment, nämlich der Anblick eines Wundkanals. Rohes, zerstörtes Fleisch, geronnenes Blut. Ekelerregend und hässlich. Innerlich seufzte ich tief und wappnete mich gegen den kommenden Anblick.
„Zeigen Sie‘s mir, bitte“, verlangte ich.
Sie nickte kurz. „Selbstverständlich, Robert.“ Sie hielt ihre rechte Hand mit der Handfläche nach oben. Daumen, Zeige- und Mittelfinger berührten sich kurz, Samantha murmelte ein mir nicht verständliches Wort. Als sich ihre Finger wieder trennten, schwebte ein winziger, greller Lichtpunkt im Raum, und über ihrer Kristallkugel, welche sie wohl vorher schon benutzt hatte, entstand das Abbild des Labors. Inklusive Samantha und mir.
„Bereit?“, fragte sie mich ruhig. Ich war ganz und gar nicht bereit, aber das würde ich wohl nie sein. Trotzdem nickte ich ihr tief Luft holend zu.
„Bereit!“
Der Lichtpunkt wanderte über den Tisch und drang in die Wunde des toten Dáskalos ein.
Es sah weit weniger schlimm aus, als ich es befürchtet hatte. Der Wundkanal war kreisrund und völlig glatt, beinahe wie poliert. Und trocken. Staubtrocken.
„Also, ein Blitzwerfer war es nicht“, stellte Samantha kühl fest. „Das Gewebe wäre zerrissener, nicht so glatt wie hier!“
„Ich nehm‘ an, er ist woanders um- und dann hierher gebracht worden“, überlegte ich, während ich das Bild betrachtete.
„Warum?“, fragte Samantha ungerührt, das Bild wackelte kein bisschen.
„Nun, da ist doch kein Blut zum sehen, der Wundkanal völlig trocken, und Sie hab‘n g‘sagt, der Kanal geht praktisch bis zum Herz‘n durch“, zählte ich an den Fingern ab. „Also – wo ist das Blut? Ergo – er ist nicht da g‘storben!“
„Im Allgemeinen würde ich hierbei zustimmen, selbst eine so kleine Wunde müsste einen gewissen Blutverlust zur Folge haben.“ Wieder erschien eine allerliebste kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen. „Allerdings nur, wenn das Gewebe nicht sofort versiegelt worden wäre.“
Das war – nun ja, logisch. Aber… „Wozu ihm denn noch das Loch in die Brust stanz‘n, wenn er doch eh schon tot war?“, stellte ich die Frage in den Raum. Ich bin nicht dumm, ich wusste, dass die Antwort auf diese Frage kein Gerichtshexer aus den Ärmeln zaubern konnte. Auch Magie hat eben so ihre Grenzen. Trotzdem bekam ich eine Antwort, sogar eine zutreffende.
„Wenn der Angriff, der die Wunde herbeigeführt hat, mit enormer Hitze und entsprechender kinetischer Wucht geführt wurde, koaguliert das Blut in den Kapillaren augenblicklich“, erklärte Samantha mit klinischer Kälte. „Die Wundränder sind dann verödet, es fließt kein Tropfen mehr aus dem Körper. Egal, ob das Herz im letzten Moment noch geschlagen hat oder nicht.“
„Ein versiegelter Wundkanal also“, hakte ich sofort nach und strich mir über das Kinn. „Wie ein heißes Messer, das durch Butter fährt.“
„Etwa so, nur weit präziser als jedes Skalpell und hochenergetisch.“ Aus der Wunde brach ein Lichtstrahl, der den Winkel demonstrieren sollte. In meinem Kopf griffen einige Zahnräder ineinander.
„Das erklärert auch, warum wir hier keine Spritzspur‘n hab‘n. Hmm…“ Ich ging um die Leiche herum, mein Gedächtnis arbeitete weiter. „Aber woher wiss‘n wir, dass das eine Eintrittswund’n darstellt? Was, wenn der Kanal von innen nach auß‘n…? Ach nein, das würde ja heißen – was ist denn?“
Samantha hatte also doch Emotionen, eben war sie ein wenig blass um die Nase geworden.
„Szent Szar!“, fluchte sie in ihrer Muttersprache ungarisch. Zu Deutsch ‚Heilige Scheiße‘. Nun – ja, es gibt tatsächlich viele Ungarn in den verschiedenen magischen Berufen. Es scheint nun einmal Völker zu geben, die mehr Magie im Blut haben als andere. Die Ungarn und die Iren zum Beispiel gehören eindeutig dazu, aber die Iren dienen nun einmal eher den anglo-normannischen Königen des Hauses Plantagenet. Und die Ungarn natürlich den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches und auch den verschiedenen Fürsten. Wir hier in Wien haben das Glück, an der Leopoldina einen der führenden Lehrstühle in angewandter Magie im kontinentalen Europa zu beheimaten. „Das würde bedeuten, jemand hat Master O’Lochlaines Teleportformel gemeistert! Das wäre zwar eine wissenschaftliche Sensation. Aber diese Macht in der Hand eines Mörders – Robert, da läuft es mir eiskalt über den Rücken!“
Ich muss Samantha nach ihrem Gefühlsausbruch ziemlich verständnislos angesehen haben, denn sie beeilte sich mit ihrer Erklärung. „Ein berühmter und sehr fähiger irischer Gerichtshexer namens Sean O’Lochlaine hat eine Formel berechnet, mit welcher er kleine Gegenstände direkt von hier nach dort transportieren konnte!“
„Ich dacht‘, das kann jeder Hexer?“ Jetzt war ganz bestimmt eine Falte auf meiner Stirn erschienen. „Oder beinah‘ jeder. Immerhin, deswegen schweb‘n doch die ganze Zeit ihre Tasch‘n oder Rucksäck‘ mit den verschiedenen magischen Instrument“n hinter ihnen her! Und die Zustellung von Eilfracht funktioniert doch auch mit einem solchen Zauber!“
„Aber ganz und gar nicht“, widersprach sie vehement. „Das mit den Taschen und der Post ist doch bloß ein ganz einfacher, beständiger Verkleinerungszauber, ein wenig Levitationsmagie und ein Telekinetiktrick. Die Tasche oder das Frachtgut bleiben währenddessen beständig völlig materiell. Die Lochlaine-Formel könnte den Anwender jedoch dazu befähigen, das zu transportierende Objekt an einer Stelle immateriell werden zu lassen und es an anderer Stelle wieder zu materialisieren. Natürlich mit der üblichen Einschränkung, unter der alle Zauber höherer Ordnung leiden.“
„Fließendes Wasser?“
„Fließendes Wasser“, nickte Samantha bestätigend.
Die Crux bei den wirklich mächtigen und komplizierten Zaubern ist, dass sie über eine gewisse Menge offenes, sich bewegendes Wasser nicht funktionieren. Jenseits der Donau wäre ich mit der Kristallkugel, welche Istvan mir geschenkt hatte, nicht erreichbar gewesen. Der Wienfluss war da kein Problem. Klein genug. Auch die ganzen Kanäle und unterirdischen Flüsse im Stadtgebiet störten nicht. Mit einem Kugelbesitzer im 140 Kilometer entfernten Graz konnte ich problemlos sprechen, aber für Gebiete von Wiens Transdanubien bräuchte ich einen Kurier. Oder besser, hätte ich gebraucht, wenn die fast zwanzig Meter breite Zugbrücke, die bei Sankt Rupert über die Donau führte, hochgehoben gewesen wäre.
„Und nur, damit ich‘s richtig versteh‘ – ich hab‘ hier zum Beispiel ein Ei…“
„Derzeit wäre das für alle noch viel zu groß“, unterbrach sie mich heftig gestikulierend. „Eine Stecknadel, vielleicht. Der Rekord liegt derzeit bei einer Briefkapsel, wie man sie einer Taube an das Bein bindet.“
„Na schön“, beschwichtigte ich. „Also eine Briefkaps‘l. Das Ding liegt hier, verschwindet und taucht dort drüben wieder auf?“
„So in etwa“, nickte Samantha kurz. „Aber man müsste sehr, sehr viel Energie einsetzen. Zu viel, um von den meisten von uns eingesetzt werden zu können. Deshalb gibt es nur sehr wenige Personen, die sich damit überhaupt beschäftigen!“
„Sie scheinen zu diesen Magoi zu gehören?“, vermutete ich nach dieser Bemerkung.
„Aber nein, eigentlich gar nicht“, winkte sie ab. „Aber Dáskalos Rubinowitz hat mir einmal etwas darüber erzählt. Es war wirklich sehr faszinierend!“
„Dann sollt‘ ich mich mit dem Herrn darüber näher unterhalten“, überlegte ich laut, und Samantha nickte.
„Das fände ich durchaus angebracht“, gab sie mir recht. „Während ich bis zum Ende der Untersuchung den Umgang mit ihm meiden werde. Was schade ist, denn er ist ein hervorragender Denker. Sehr inspirierend und auch wirklich erregend! Aber er gehört nun einmal zum Kreis der Verdächtigen.“
Mittlerweile hatte die magische Sonde die Rückwand des Herzens des verstorbenen Elias Koglmeyer erreicht. Viel hatte die Begutachtung ja leider nicht gebracht, aber das wusste man vorher ja nie. Es gab schon Fälle, in denen hier ein deutlicher Hinweis zu finden gewesen war.
„Danke, ich denk‘, ich habe hier genug gesehen. Können Sie irgendwie feststellen, ob er ausgeblutet ist oder er ohne groß‘n Blutverlust verschied‘n ist?“
„Kein Problem.“ Sie nahm eine kleine Wünschelrute aus Kupfer aus ihrer Tasche und bewegte sie über den toten Körper. Ich hatte das bei meinem pensionierten Gerichtshexer bereits einige Male gesehen, aber damals wie heute konnte ich der sich manchmal von oben nach unten und manchmal von links nach rechts bewegenden Spitze keine Informationen entlocken.
Nun, bei Istvan gegen Ende manchmal doch, als er begann, seine Fragen leise vor sich hin zu murmeln. Die Spitze hinauf ja, plus, mehr, die Spitze seitwärts nein, minus, weniger. Einfach, wenn man die Fragen hörte. Unmöglich, wenn man nur zusah. Und Magissa Sorkány hatte mit ihren fünfundzwanzig Jahren noch nicht die Gewohnheit, bei der Benutzung der Wünschelrute ihre Fragen vor sich hin zu murmeln.
Nun ja, vielleicht später, so mit fünfzig, sechzig, würde sie auch damit beginnen. Für jetzt lieferte sie mir jedenfalls ein Ergebnis. Kein oder nur minimaler Blutverlust des von uns Gegangenen. Das meiste von dem roten Zeug war noch in der Leiche drin.
Nun gut. Oder nicht gut, denn das bedeutete jetzt fürs Erste noch genau gar nichts. Er konnte immer noch anderswo gestorben und hierher transportiert worden sein.
„Kannt‘n Sie den Elias Koglmeyer eigentlich?“, fragte ich Samantha nebenbei, immerhin waren die beiden Kollegen an derselben Fakultät. Das, was wir Kieberer halt so das berufliche Umfeld nannten. Manchmal überschnitt es sich auch mit dem privaten und/oder dem sozialen. Und damit war es für unsereins immer interessant.
„Wir – waren Kollegen.“ Ich horchte auf, und ich war sicher, dass meine Augenbraue nach oben rutschte. Zumindest die rechte. Das Zögern in ihrer Antwort war nicht zu überhören gewesen, und hatte sich nicht ein Hauch eisiger Kälte, über die beherrschte professionelle Kühle hinausgehend, dazu eine Prise Ablehnung in die Stimme der Zauberin geschlichen?
Ja, eindeutig. Genug, um die Rädchen der Rechenmaschine in meinem Kopf anzuwerfen. Istvan hatte schon immer gesagt, ich sei vielleicht nicht der Allerhellste, aber ziemlich nahe dran – zumindest auf meine Instinkte konnte ich mich ziemlich gut verlassen. Immer. Oder – sagen wir fast immer. Auf jeden Fall übernahm mein Mundwerk ungefragt das Kommando.
„Wunderknabe oder Protegé von einem ganz Großen?“, platzte ich heraus.
„Eher Letzteres“, zuckte Samantha anerkennend grinsend mit den Schultern, ihre Augen blieben jedoch weiterhin ohne Wärme. „Nein, das ist nicht ganz richtig. Er war schon ein ganz guter Zauberer, mit jeder Menge magischer Kraft. Aber er war auch ein strenger Pedant, ohne Esprit, ohne Phantasie, ohne Neugier. Einer, der auf dem i-Tüpfelchen herumritt. Er hatte nicht die geringste Intuition, er war einfach ein Sprücheklopfer, das aber par excellence. Damit wäre er sicher ein guter Priester geworden, aber noch lange kein wirklich guter Wissenschaftler. Jedoch der Stadtgraf von Passau…“ Mit einer Geste wischte Samantha alles weg, ihr Gesichtsausdruck besagte, dass sie von besagtem Herrn auch nicht sonderlich viel hielt.
„Wie war Koglmeyer denn eigentlich?“ Endlich einmal konnte ich solche Fragen stellen, ohne mit einer großen Bandbreite von ausweichenden Reaktionen konfrontiert zu werden.
Regel Nummer eins im Alltag eines Ermittlers: jeder Zeuge belügt dich. Und als Kieberer muss man herausfinden, was die Unwahrheit ist und warum sie erzählt wird. Die Leute haben Angst, mit dem Mord oder dem Opfer in Verbindung gebracht zu werden. Oder sie haben ein Gspusi, ein Verhältnis, von dem die Gattin nichts erfahren soll. Vielleicht auch der Göttergatte. Oder sonst irgend etwas, das sogar manchmal nur ein wenig peinlich, aber nicht verboten ist. Trotzdem belügen sie lieber den ermittelnden Beamten, aber meine Kollegin wusste, warum ich fragte.
Samantha zog die Stupsnase ganz allerliebst ein wenig kraus. „Er war Gottes ganz großes Geschenk an die Frauenwelt der Universität“, erzählte sie. „Zumindest seiner Meinung nach. Aber beim Lehrkörper konnte er nicht landen, also versuchte er es bei Studentinnen. Zumindest bei den oberen Semestern, wenn er es bei den unter 18-Jährigen versuchen wollte, hätte ihm auch der Herzog von Ostbayern oder die Königin von Österreich-Bayern nicht mehr helfen können. Er wäre einfach von der Leopoldina geflogen.“
„Ach, wollt‘ er Sie vielleicht auch verführen?“ Samantha musste meine Verwunderung gehört haben, sie musterte mich mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Genau das wird doch bei meiner vorherigen Aussage impliziert. Er hat es bei allen versucht, selbst bei Prýtiania – das bedeutet…“
„In etwa Rektor“, warf ich ein. Ein wenig hatte ich in den letzten Jahren schon gelernt.
„Korrekt. Also, er versuchte es auch bei Prýtiania Enikö Horvath. Ich weiß, sie sieht nicht nach den 90 Jahren aus, die sie bereits gelebt hat, höchstens nach 50. Aber es wissen doch alle ihr wahres Alter. Allerdings würde ich es nicht verführen nennen, es war eher das Aufdrängen einer unerwünschten Nähe!“
„Er scheint ein wahrer Sympathieträger g‘wesen zu sein!“, warf ich ein. „An Verdächtig‘n wird‘s wohl nicht mangeln.“
„Ich glaube nicht. Manchmal hatte ich schon selber einige Ideen. Aber ich habe mich stets zurück gehalten. Noch nicht einmal der kleinste Schmerzzauber, nur eine einfache, physische, aber recht kräftige Ohrfeige. Als er ein ‚Nein‘ einfach in ein ‚Vielleicht‘ uminterpretierte.“ Nun – DAS glaubte ich sofort. Auf jeden Fall, es wurde jetzt Zeit für eine magische Rekonstruktion der Ereignisse. Samantha hatte bereits alle forensischen Spuren gesichert und gut mit einem magischen Siegel geschützt in ihrer Tasche verwahrt. Das war wichtig, denn der folgende Zauber würde alle Spuren total kontaminieren. Darum wartete man damit verständlicherweise bis zum Schluss. Ich nickte der Hexe zu.
Sie hatte nur auf dieses Nicken gewartet und nahm jetzt aus der hinter ihr schwebenden mitternachtsblauen, mit magischen Symbolen verzierten Tasche eine Räucherschale, ein Stück Holzkohle und einige Kräuter. Danach hielt sie ihren Zeigefinger an die Holzkohle und schnippte mit Daumen und Mittelfinger, ein Funke sprang von ihrem Finger zur Kohle über. Deren Oberfläche begann zu knistern, Funken stoben auf, und auf der glatten Oberfläche erschien eine rot glühende Stelle. Eine Prise Kräuter darüber gestreut, und es entwickelte sich Rauch. Viel Rauch, sehr viel mehr, als man von den paar Kräutern erwartet hätte.
Ich für meinen Teil kannte das Prozedere bereits und zog mich freiwillig in den Gang zurück. Von dort sah ich immer noch genug, und bevor der Zauber ablief, würde mich Samantha ohnehin verständigen. Im Moment jedoch verwirbelte sie mit einem dünnen Stäbchen die aufsteigende Rauchsäule, während sie einmal darum herum schritt. Dann hing eine sich immer weiter ausdehnende spiralige Wolke in dem Labor. Samantha eilte, den Rock gerafft, mit langen Schritten ebenfalls aus dem Raum. Dabei sah ich ihre wohlgeformten, langen Beine, ich musste das Bild aus meinem Traum gewaltsam aus meinem Gedächtnis verbannen. Diese Gedanken waren unpassend, prinzipiell und besonders jetzt. Ihre Tasche folgte ihr dabei auf dem Fuß, und als sie ebenfalls aus dem Raum war, schloss Samantha rasch die Tür. Ein gedämpftes und trotzdem lautes Geräusch ertönte im Zimmer, und meine Haare und Härchen stellten sich kurz auf, Ameisen schienen unter meiner Haut in alle Richtungen zu laufen.

Auch nach gefühlten hundert Fällen ist es für mich immer noch nicht wirklich zu beschreiben. Egal, auf jeden Fall zeigte es an, dass der Zauber seine Arbeit verrichtete und aus den feinsten magischen Partikeln den Zeitraum der letzten zwölf Stunden rekonstruierte. Es gab auch einen Zauber für 48 Stunden und einen für eine ganze Woche. Istvan hatte den ganz langen einmal bei einem unserer spektakulärsten Fälle angewandt – es hätte ihn damals fast das Leben gekostet. Zauber dieser Art sind nun einmal sehr energieaufwändig. Nicht zu ändern.
Egal, nachdem man am Abend den Dáskalos noch lebend gesehen hatte, würde der Zwölf-Stunden-Zauber ja wohl reichen. Nach dem Geräusch behielt ich meine Taschenuhr im Auge, beobachtete, wie der Zeiger exakt Sekunde um Sekunde weitertickte. Der erhobene Finger Samanthas wackelte im selben Takt – also entweder hatte sie eine genaue Uhr im Kopf oder sie hatte irgendeinen schnellen Zauberspruch angewandt, während sie zur Tür lief und welcher ihr nun die vergehende Zeit angab. Nachdem wir eine Minute abgewartet hatten, öffneten wir wieder die Tür. Was ich da jetzt über Samanthas Schulter sah, war ganz und gar nicht das, was ich erwartet hatte. Im Zentrum des Raumes hing eine genau geometrische Kugel aus Rauch.
Ihre rechte Hand schoss mit gespreizten Fingern nach oben vor mein Gesicht. „Keinen Schritt weiter“, blaffte sie mich mit heiserer Stimme an.
„Was ist das denn?“, fragte ich ungeduldig.
Sie drehte sich zu mir um und sah mir in die Augen. „Ein nicht funktionierender Zauber“, erklärte sie mit ruhiger Stimme.
„Aber…“
„Moment!“ Wieder hob sie die Hand, dieses Mal mit gestrecktem Zeigefinger, schnitt meine Frage mit dieser Geste ab. Dann schloss sie die Augen und dachte nach. Man hörte direkt, wie in ihrem Gehirn die einzelnen Rädchen ratterten.
„Vielleicht…“
„WAS?“ Unwillig unterbrach Samantha ihre Überlegungen. Hallo? Fräulein Eisblock zeigte plötzlich derart starke Gefühle? Ich musste wohl ein wenig meine Einschätzung revidieren. Sie fing sich aber rasch wieder. „‘Tschuldigung, Robert.“
Jetzt war es an mir, einfach abzuwinken. „Schon gut. Ich wollt‘ nur sagen, dass ich vielleicht mit Dáskalos Rubinowitz sprechen sollt‘, während sie hier beschäftigt sind.“
„Eine hervorragende Idee, Baron. Zimmer 7-63.“ Ihr langer, gepflegter Zeigefinger mit dem sorgfältig manikürten Fingernagel wies nach links. Ich wunderte mich kurz. Diese Frau trug keinerlei Make-up, wirkte immer zwar überaus kompetent, aber eben auch ein wenig hausbacken und hatte doch knallrot lackierte Fingernägel. Da soll ein kleiner Beamter wie ich die Frauen verstehen. Besonders die Hexen. „Dort sind die Paternoster.“
Ich nickte, sah kurz auf meine Uhr. Knapp vor 6 Uhr. Kurzes Überlegen. Es war immer noch sehr zeitig an diesem Tag.
„Ob er überhaupt schon da ist?“
Samanthas Hand fuhr über ihr Armband, für einen Augenblick wurde ihr Gesichtsausdruck abwesend. „Ist er“, sagte sie schließlich.“
„Wie ist er denn so?“
Ein Lächeln strahlte kurz auf. „Der klügste Mensch, den ich bisher kennen gelernt habe“, bekannte sie. „Er erkennt sofort Fehler in einer Formel, und er hat für die Weiterentwicklung der Magie immenses geleistet. Die kleine Kristallkugel in ihrer Westentasche geht auf seine Formeln zurück. Er versucht auch, die Lochlaine-Formel praktikabel zu machen. Ich muss gestehen, sein Geist erregt und inspiriert mich.“
„Ein starker Magier?“, vermutete ich und wurde enttäuscht.
„Gar kein Magier“, erklärte Samantha. „Ein reiner Theoretiker.“
„Ein Nicht-Magier, der den Magiern erklärt, wie sie ihre Arbeit zu tun hab‘n?“ Pure Skepsis musste aus meiner Stimme geklungen haben. Welcher Konzertpianist würde sich wohl von einer absolut unmusikalischen Person sein Handwerk erklären lassen?
„Aber ja!“, bekräftigte sie. „Der Mann hat genau null magisches Potential, ist aber einfach genial! Mit ihm zu sprechen hat für mich etwas – total emotionales. Die Gespräche mit ihm können mich total erregen!“ Hm, seltsame Wortwahl, aber Samantha war Ungarin. Sie hatte erst spät Deutsch gelernt – obwohl ihr Akzent nur noch ein kleiner, aparter Anflug war. Trotzdem nickte ich.
„Dann – also, wenn man für diese Lochlaine-Formel so viel magische Energie braucht, und er keine Kräfte hat, dann g‘hört er doch nicht zum Kreis der Verdächtig‘n. Das heißt, Sie können ihn weiterhin treff‘n. Auch privat!“
„Er könnte sein Wissen verkauft haben, Robert“, erklärte sie mir. „Ich glaube es zwar nicht, werde mich aber strikt an die allgemeine Dienstvorschrift halten. Sonst sind Beweise, die von ihm kommen, nicht verwertbar.“ Da konnte ich nicht widersprechen und wandte mich ab.
„Nun gut, Samantha, dann überlasse ich diesen – nicht funktionierenden Zauber Ihr‘n fähig‘n Händ‘n. Ihren Gedank‘n. Oder ihrer Magie, wie auch immer sie an das Rätsel herangeh‘n woll‘n.“
„Ich melde mich bei Ihnen“, versprach Samantha noch, dann versank sie wieder in ihren Gedanken.
☆
Ich ging in die Richtung, in welche sie gezeigt hatte. Zum Paternoster, einem ständig umlaufender Lift. So einen wie in der Magiki Scholi gab es in ganz Wien nicht. Einige, vor allem öffentliche Gebäude besitzen einen mit Dampfantrieb, doch hier in der Magischen Fakultät lief das Ding mit überschüssiger magischer Energie.
Ja, Sie haben ganz richtig gehört. Also, ganz vereinfacht ausgedrückt, setzt jeder Zauber Energie frei. Selbstverständlich, sonst geschähe ja auch gar nichts. Aber jetzt ist es so, dass eben nur ein Teil der Energie für den gewünschten – oder auch einen ungeplanten und überraschenden – Effekt benützt wird, der Rest ist magischer Abfall. Wie die Wärme bei einer Gaslampe. Licht ist der gewünschte Effekt, Wärme der Abfall. Und genau das wurde hier benützt, um den Paternoster zu betreiben.
Deshalb arbeiteten die klügsten Köpfe des Institutes beständig daran, die Zauberformeln konzentrierter zu gestalten. Mehr Leistung, weniger Aufwand. Samantha hätte mir ihren Anruf auch gleich in den Schädel projizieren können, und meine Antworten auf dem gleichen Weg empfangen. Allerdings mit dem Tausendfachen an energetischem Aufwand, immerhin war ich mehr als zweieinhalb Kilometer vom Institut entfernt gewesen. Luftlinie. Ich dachte lieber nicht genauer darüber nach, es überkam mich nur ein leises Frösteln, wenn ich daran dachte, dass sie dann meinen Traum… und mich überlief auch immer wieder ein Schaudern, wenn ich mich einem solchen Gerät anvertrauen musste.
Nicht, dass ich etwas gegen den Fortschritt an sich hätte, aber manchmal kam ich mir schon ein wenig überrollt vor.
Ob es wohl den Leuten jeder Generation so ging? Als Agnes die Streitbare, die erste Herzogin von Österreich-Bayern damals schwor, sie übergäbe die Herzogtümer, die sie von ihrem Vater Heinrich Jasomirgott geerbt hatte und sich selbst nur jenem Mann, der sie in einem Turnier besiegen könnte, war es unter den Adeligen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation wahrscheinlich auch ein Schock gewesen. Den Termin hatte Agnes damals auch schon bereit – mit Erlaubnis des Kaisers Friedrich Barbarossa exakt ein Jahr nach dem Eid. Bis dahin würde sie die Geschäfte einfach weiter führen. Nun ja, nachdem sich alle Fürsten einmal gegenseitig in einer Unzahl von Turnieren verdroschen hatten – sie mussten sich doch einigen, wer die vakanten Herzogtümer und die Frau bekam, denn das Turnier bei Wien wäre doch nur eine pro-forma-Angelegenheit – blieben fünf Kandidaten übrig. Keiner von ihnen schaffte es, die unkonventionell kämpfende Agnes auf dem Feld vor den Toren Wiens – dort, wo jetzt die Schottenkirche steht – aus dem Sattel zu stoßen. Kaiser Friedrich hob darauf hin das Salische Recht für Österreich-Bayern auf und setzte sie als Herzogin aus eignem Recht ein. Falls ihre jüngere Schwester seinen Sohn heiraten würde und ihre Erbansprüche auf Österreich-Bayern behielte. Theodora war einverstanden, die Linie von Agnes herrschte weiter und Österreich-Bayern ist mit den Herzoginnen und später Königinnen aus dem Haus Babenberg nicht schlecht gefahren.
Aber ich schweife schon wieder ab. Entschuldigen Sie bitte.
Im siebenten Stock verließ ich den Paternoster und sah mich um. Da ich davon ausging, dass alle Etagen gleich aufgebaut waren, hielt ich mich fürs Erste rechts.
Ein Irrtum, wie ich feststellen musste. Dort, wo ich Raum 63 vermutet hatte, war das Auditorium, der Lehrsaal XXXIX. Ich sah mich um, ach dort war ja 60, da konnte ich nicht weit sein. 61, ja ganz sicher, nur weiter. Der Flur endete ohne eine weitere Tür. Ich muss wohl ziemlich belämmert ausgesehen haben.
„Wos suachen’s denn, gnä‘ Herr?“ Eine Frau in einem Arbeitskittel, auf einen Wischmopp gestützt, musterte mich eindringlich. „Einlåss in de Hörsäl is erst uma ochte.“ Ich übersetzte den doch sehr breiten wiener Dialekt kurz im Gedanken. Einlass in die Hörsäle erst acht Uhr.
„Ich such‘ Raum 63!“
„Ah so“, machte die Parkettkosmetikerin, eine noch ziemlich junge Frau. Nun ja, auch solche Karrieren begannen manchmal früh. Von irgend etwas müssen die Leute leben, und gute Arbeit ist immer selten zu finden. Und fordert eine gewisse Bildung, die sich wieder nur Eltern mit gewissem finanziellen Polster leisten konnten. Mit der Schulbildung der öffentlichen – also, da wurde man Handwerker oder vielleicht noch Verkäufer. Mit viel Glück. Denn auch wenn jeder studieren durfte, wenn die Grundschulen mit positiven Noten abgeschlossen wurden, so kostete ein Studium doch auch Geld. Viel Geld. Nicht so sehr an Gebühren, jeder konnte alle Vorlesungen besuchen, aber damit war es ja nicht getan. Dazu musste man noch essen, wohnen, sich kleiden – diese ganzen Grundbedürfnisse eben. Und natürlich Bücher und sonstiges Material. Es war nicht leicht für jemand aus den Volk, zu akademischen Ehren zu kommen. Die Reinigungsfachkraft musterte mich noch einmal prüfend, und kurz hatte ich das Gefühl, mein Inneres würde nach außen gestülpt. Jetzt verstand ich – eine Studentin mit Sondervertrag. Sprich, sie arbeitete für das Institut, auch niedere Arbeiten, dafür erhielt sie die Kost, Logis und Lehrmittel. Keine seltene Sache, wenn man halbwegs begabt war. „62, 63, 64 und 65 san auf da ondan Seit!“
„Auf der ander‘n Seite?“
„Sag i ja. Durt, beim Stiagnhaus miassn’s de Bruck’n nehman! Oba passen’s auf, da Bod’n is no noss!“ Nachdem ich der jungen Frau eine kleine Aufmerksamkeit zukommen lassen hatte, kehrte ich um. Tatsächlich war neben dem Treppenhaus eine Art Brücke in einen Parallel verlaufenden Gang, in welchem ich dann auch die besagten Türen fand. Die Dame mochte einen sehr heftigen Dialekt sprechen, aber sie hatte mich zumindest auf den richtigen Weg gebracht. Ich klopfte an die halb geöffnete Tür und wurde von einem fröhlichen „Nur herein!“ begrüßt.
Es erwartete mich eine Überraschung, denn Chaim Rubinowitz war anders, als ich gedacht hatte. Er war mittelgroß und schlank. Schlaksig. Schwarze Haare, blaue Augen, und jung. Sehr jung, ich schätzte ihn auf gerade mal fünfundzwanzig. Wenn ich großzügig sein wollte.
„Dáskalos Chaim Rubinowitz?“ fragte ich ein klein wenig unsicher. Ja verdammt, wäre ich ihm im Flur begegnet, hätte ich ihn glatt für einen Studenten gehalten. Der Junge ließ das Schriftstück sinken, in welchem er gerade gelesen hatte, die blauen Augen fokussierten sich auf mich.
„Der bin ich!“
Ich holte meine Dienstmarke aus der Tasche und zeigte sie ihm. „Robert Geiger, BAMUSP. Hätt’ns kurz Zeit?“
„BAMUSP? Ist das …?“
„Das Abrakadabra-Dezernat, ja. Wir untersuch‘n…“

Rubinowitz winkte ab. „Weiß schon. Also hat jemand einen Kollegen von mir liquidiert, oder ein Kollege hat jemand umgebracht. Dürfen Sie mir sagen, wer wen?“
„Es wurde einer Ihrer Kollegen getötet, Dáskalos Rubinowitz.“ Ich tat so, also suchte ich in meinem Notizblock nach dem Namen. Zeit schinden, dem anderen Gelegenheit zum Nachdenken geben. Vielleicht wird das Gegenüber ja nervös, macht einen Fehler, plappert irgend etwas verwertbares. Dieses Mal nicht. „Einen Dáskalos Elias Koglmeyer.“
„Hat sich also eine der Studentinnen einmal gewehrt und zu fest zugeschlagen! Ich würde auf Notwehr plädieren. Der Mann war – ehrlich gesagt, er war ein Ekel. Niemand, der einen Rock trug, war vor ihm und seinen sexuellen Übergriffen sicher. Ich werde ihm keine Träne nachweinen. Ganz sicher nicht. Wissen Sie schon wer ihm den Hals umgedreht hat?“
„Es ist schon ein bisserl komplizierter, Dáskalos. Was können’s mir über die…“, wieder blätterte ich im Notizbuch. „Die Lochlaine-Formel erzähl‘n?“
„Eine ganze Menge. Bitte nehmen Sie doch Platz.“ Der Dáskalos wies auf einen Stuhl und ging zu seinem Bücherregal, nahm ein kleines, in rotes Leder gebundenes Buch heraus und strich beinahe zärtlich über den Einband, ehe er es vor mich hinlegte. „Das ist er, der heilige Gral der Magie. Ich studiere ihn schon seit sehr langer Zeit.“ Ich musste wohl unwillkürlich eine Braue gehoben haben. „Sie scheinen erstaunt zu sein, Baron Geiger?“
„Das bin ich wirklich“, gestand ich. „Sie sagt‘n eben, sie studier‘n die Formel schon lang‘. Magissa Sorkány hat mir erklärt, sie hätt‘n genau null magisches Talent, es reiche nicht einmal zu Verwendung von kompliziertern magisch‘n Geräten. Eine Kapsel-Kaffeemaschine oder eine Kristallkugel dürft‘n bei dieser Beschreibung wohl die Grenze sein.“
„Ein Stasisschrank zur Aufbewahrung meiner Lebensmittel und ein Schnellgarer funktionieren auch noch, Baron“, lachte Rubinowitz. „Diese Dinge haben ja auch alle einen integrierten Akkumulator für magische Energie. Wo liegt das Problem?“
„Sie seh‘n aus, als wären’s maximal 25. Also 25 Jahre alt. Grundschule bis 18, dann Studium, auch wenn es nur Theorie wär‘, dauert noch einmal zumindest vier Jahr‘, wenn Sie gut sind. Macht 22 Jahre. Also studieren Sie die Formel seit maximal drei Jahren, keine sehr lange Zeit nach meinem Verständnis.“
„Nach meinem auch nicht“, bemerkte der Dáskalos trocken, dann grinste er beinahe verlegen. „Sehen Sie, Baron, ich machte eine Zulassungsprüfung für das Gymnasium mit acht, und mit dreizehn legte ich die Abschlussprüfungen ab und machte meine Matura. Zwei Jahre später fiel mir ein Buch meines Bruders in die Hände, der damals hier studierte und legte meinen Finger auf eine Stelle, wo er bei der Rekonstruktion der van Helsing-Konstante einen Fehler gemacht hatte. Damit wäre sein ganzer Zauber geplatzt. Jedenfalls, am nächsten Tag stand ich vor Prýtianios Mandelbaum, der mir einige Fragen stellte. Danach war ich Student der theoretischen Magie mit Forschungsauftrag.“
„Student mit Forschungsauftrag?“ Ich war erstaunt. „Sonst heißt‘s doch Professor mit Auftrag.“
„Nun ja, bei mir damals nicht. Vor etwa drei Jahren hat Magissa Enikö Horvath das Amt als Prýtiania übernommen, und seither unterrichte ich die theoretischen Grundlagen der Magie und bin Dáskalos ehrenhalber. Und seit acht Jahren beschäftige ich mich mit Lochlaines Teleportzauber. Aber mehr als ein winziger Gegenstand ist immer noch nicht möglich. Auch für einen sehr starken Mágos.“
„Eine Briefkapsel für Brieftauben“, seufzte ich.
„Das trifft es ziemlich genau“, bestätigte er trocken. „Alles darüber hinaus benötigt viel zu viel Energie.“
Ich überlegte. „Und einen Akkumulator wie bei den Geräten, nur größer?“
„Nein, ich fürchte, dass für diese Energiemengen die Speicher nicht groß genug gebaut werden können. Und diese Geräte sind so konstruiert, dass eine kurze Energieaufladung lange gespeichert und langsam über einen längeren Zeitraum kontinuierlich wieder abgegeben wird. Für den Teleportzauber müssten wir den umgekehrten Weg gehen. Was zwar durchaus ein Teil meiner Forschung ist, aber bisher…“ er breitete bedauernd die Hände auseinander. „Típota! Nichts!“
„Und die Akkus von den Kaffeemaschinen und meinem Blitzwerfer?“, bohrte ich nach.
Rubinowitz grinste mich an. „Herr Amtsrat, was die Energiekapseln für die Kaffeemaschinen angeht, haben Sie, fürchte ich, eine falsche Vorstellung von Geschwindigkeit. Dort benötigen Sie die Kraft und Hitze immerhin mehrere Sekunden, für die Lochlaine-Formel den Bruchteil dieser Zeit. Der Energiestoß dürfte nur auf weniger als eine hundertstel Sekunde konzentriert und stärker als die Energie von tausenden solcher Kapseln sein. Was ihren Blitzwerfer angeht, so funktioniert der völlig anders. Hier wird mit der…“
„Stopp!“, wehrte ich mit erhobenen Händen ab. „Ich versteh’s eh nicht!“
„Ganz vereinfacht ausgedrückt, der Blitzwerfer beinhaltet acht verzögerte Zaubersprüche, welche ihr bewusster Wille freisetzen kann“, erklärte der Professor. „Das hat mit einer Batterie oder einem Akku für magische Kräfte nur wenig zu tun. Aber ja, ich habe auch in dieser Richtung Überlegungen angestellt.“
„Dann bleibt halt so eine Briefkapsel bis auf weiter‘s das größte Objekt, das man transportieren kann. Auf welche Entfernung funktioniert das Ding, also der Zauber denn?“
„Das ist völlig irrelevant. Nach der Formel Master O’Lochlaines muss der Magier das Ziel genau lokalisieren können, also praktisch auf Sichtweite. Aber mit unseren Kommunikationskugeln – wenn in China eine Kristallkugel oder deren Äquivalent aktiv ist und man den Raum sehen kann, liegt die Kapsel genau dort, wo der Magier sie haben möchte. Der Energieaufwand und die Genauigkeit wären die gleiche, als wollte jemand die Kapsel von einem Ende des Tisches zum anderen transportieren.“ Wieder machte Rubinowitz diese entschuldigende Handbewegung. „Ich wollte, ich könnte es Ihnen demonstrieren.“
„Schon gut, Dáskalos“, winkte ich ab. „Gibt‘s denn irgendwelche Nebeneffekte, wenn der Zauber wirkt?“
„Nun ja, theoretisch schon. Auf der einen Seite strömt Luft in ein plötzlich entstehendes Vakuum, man hört also schon so etwas wie ein zischendes Puffen. Nicht allzu laut, das Volumen des leeren Raumes ist ja nicht groß. Auf der anderen Seite könnte es lauter werden. Dort verdrängt der Körper Materie, auch wenn es nur Luft ist. Außerdem sucht die Transportenergie einen Ausweg, es sollte also durchaus zu einem lauten Knall kommen.“
„Ach!“ Meine Aufmerksamkeit war durchaus wieder erweckt. Ein Knall, so etwas hatte doch der Hausdiener gehört. Nun, mit dem würde ich erst Abends sprechen können, Samantha hatte ihn mit einem Schlafzauber in sein Bett geschickt. Damit er sein Trauma aufarbeiten konnte. Nun ja, nach dem Fall mit durchgeknallten Armeemagos hatte Istvan mir den gleichen Zauber angedeihen lassen, ein gutes Herz hatte meine forensische Hexe also zumindest. Und ich konnte ihr blind vertrauen. Sie konnte meinen Fragen ausweichen, schweigen, mir sagen, dass es mich nichts anginge – aber belügen konnte sie mich nicht. Dafür sorgte ein Zauber. Die mächtigsten fünf Gerichtsmagoi – man spricht es wie -magi aus – belegten den angehenden Forensiker mit einem Fluch, einem starken Bann, der es ihm unmöglich machte, seinem Ermittler – oder einem Gericht – etwas anderes als die Wahrheit zu sagen. Und natürlich war meine erste Frage heute morgen gewesen: „Haben’s ihn mittelbar oder unmittelbar umbracht?“ Und sie hatte mit dem für ihren Berufsstand typischen Spruch geantwortet.
„Soweit mir bewusst ist, nein, habe ich nicht!“
Also gut, ich hatte wieder eine Witterung. Da fiel mir noch etwas auf.
„Sie hab‘n g‘sagt, die Energie sucht einen Ausweg. Wie äußert sich das denn?“, bohrte ich nach.
„Extreme Hitze auf einem sehr eng begrenzten Raum!“
„Kann man berechnen, wie begrenzt?“, wollte ich jetzt ganz genau wissen.
„Natürlich. Etwa einen Punkt um den Körper herum.“
„Hm, der Punkt sind runde 0,2 Millimeter. Also würde eine Nadel mit 4 Punkt Durchmesser ein Loch von etwa 6 Punkt machen, das wär‘ etwa ein Millimeter.“ Eine Schwäche von mir, ich konnte die alten, aber im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation immer noch gebräuchlichen Einheiten wie Punkt, Linie, Zoll, Faust und Fuß umrechnen, sie mir aber nicht wirklich vorstellen. Moderne Schulbildung eben, meiner Mutter war es noch umgekehrt ergangen.
„Nun, ja!“, bestätigte Chaim. „Darum sollte man bei der Wiederverstofflichung zumindest einen halben Millimeter Abstand zu anderen Gegenständen halten.“ Ich machte mir eine geistige Notiz. ‚Samantha fragen, ob sie so etwas wie eine Nadel oder andere Metallteile gefunden hatte. Oder… „Geht‘s auch mit Holz oder sonst einem Gegenstand?“, formulierte mein Mund die Frage schneller, als mein Gehirn den Gedanken zu Ende gebracht hatte.
„Aber selbstverständlich! Es macht keinen Unterschied, was Sie transportieren wollen!“ Vermerk, nicht nur Metallsplitter, sondern auch organische Verbindungen suchen lassen. Oder Flüssigkeiten, die nicht vorhanden sein durften. Wenn der Zauber eingesetzt hatte, während sich der Dáskalos in seinen Sessel hatte fallen lassen, könnte das vielleicht die Länge der Wunde erklären. Oder? Geistige Notiz. Feststellen, wie lange so ein Energieausbruch dauerte und wie lange es dauerte, wenn sich ein Mensch hinsetzte. Eine gute Aufgabe für die kluge Samantha, sie würde einen Weg finden, die Zeiten genau genug zu messen. Ich dachte, mich hier auf meine Hexe verlassen zu können.
„Wie viele Personen an dieser Fakultät wär’n denn in der Lage, diesen Zauber einzusetzen. So vom energetischen Potential her?“, befragte ich den ‚Professor ehrenhalber‘ weiter.
„Sieben, Baron Geiger. Aber wie gesagt, die Entfernung…“
„…spielt keine Rolle“, unterbrach ich Chaim Rubinowitz. „Aber ich kann ja nicht einfach in China mit meinen Ermittlungen anfangen. Und üblicherweise ist ein Mörder ja auch eher im näher‘n Umfeld des Opfers zu suchen. Da spielt das Motiv eine Rolle, warum sollt‘ denn ein chinesischer Magus einen Dáskalos der Wiener Universität töt‘n wollen?“
„Vielleicht, weil besagter Dáskalos die Tochter des chinesischen Magus, welche an der Leopoldina als Studentin immatrikuliert ist, entehrt hat?“, fragte Chaim.
„Hat er das?“, hakte ich nach.
„Ich weiß es nicht“, bekannte Chaim Rubinowitz. „Aber es sind Gerüchte im Umlauf. Nein, nicht chinesisch! Japanisch! Die Gerüchte sprachen von einer japanischen Studentin! Aber ob es wirklich zu einer Belästigung kam oder der Vater der jungen Dame wirklich ein Majishan oder Kamibeschwörer ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen.“
„Na gut“, seufzte ich. „Dann werd‘ ich eben mit besagter Dame auch reden müss’n.“
Der Fall wurde immer komplizierter. Wie immer, wenn Magier mit im Spiel sind, darum gibt es ja Beamte wie mich. Beamte, die sich im Alltag langweilen würden und die bei allem schimpfen und fluchen dieses Spiel liebten.
☆
-2-
Roberts Schritte verhallten nach und nach, und ich wandte mich wieder dem Labor Koglmeyers zu. Ich spürte direkt, wie meine bis jetzt mühsam aufrecht erhaltene Maske der Beherrschung bröckelte. Fühlte direkt die tiefe, senkrechte Falte zwischen meinen Augenbrauen entstehen. Bei allen verfluchten Teufeln des Dämonomicon, wie konnte dieser an sich einfache Rekonstruktionszauber nur schief gegangen sein? Diesen Spruch erlernen die Studenten doch bereits im ersten Semester ihres Studiums. Auch wenn Dáskalos Smetana damals nicht müde wurde, uns auf die Notwendigkeit der Exaktheit bei der Beschwörung hinzuweisen.
⊙
„Meine werten Kolleginnen und Kollegen“, hatte das kleine, gebückte Männchen mit seiner schrillen Stimme, welche trotzdem bis zur hintersten Ecke des Ausbildungslabors gedrungen war, mit großem Eifer doziert. „Sie glauben vielleicht, dass dieser einfache Zauber gar nicht schief gehen kann! Sie ärgern sich, weil von ihnen immer und immer wieder verlangt wird, ihn durchzuführen. Und doch – gerade weil er so einfach ist, neigt man zur Nachlässigkeit. Fräulein Meszarośa, darf ich bitten, der Versuchsraum gehört ganz ihnen!“
Nora Meszarośa hatte sich durch die stufig angeordneten Labortische geschlängelt, an denen wir jeweils zu zweit saßen. Insgesamt 22 Studenten der magischen Künste, die meisten von uns waren gerade einmal 16, 17 Jahre alt. Nora kam aus Ungarn, so wie ich und die meisten anderen von uns, sie war aber bereits etwas älter, schon Mitte der zwanziger. Nora kam aus einfachen Verhältnissen und hatte zuerst arbeiten und sich ein wenig Geld zusammen sparen müssen, um sich jetzt das Studium leisten zu können. Budapest bot damals nur Kurse bis zum Archários, also zum Novizen an, für den Titel eines echten Magos respektive einer Magissa musste man schon nach Wien gehen. Auch wenn auf der Magiki Scholi in Wien sowohl im Lehrkörper als auch unter den Studenten beinahe 50 Prozent Ungarn gab.
Damals hatte ich die bereits erwachsene Nóra mit ihren ausgeprägten Formen beneidet, mit meinen knappen 16 war erst ein Anflug von Busen vorhanden gewesen. Nun, bis heute habe ich Nóra diesbezüglich nicht eingeholt, auch wenn ich mit meiner Figur nicht mehr unzufrieden sein muss.
Und es auch nicht bin.

Wie auch immer, Nóra entzündete im gläsernen Demonstrationsraum die Kohle, welche bereits vorbereitet war und warf die entsprechenden Kräuter darauf. Dann verwirbelte sie den Rauch und eilte hinaus. Ein Blitz leuchtete auf, und wir spürten und hörten alle die unbeschreiblichen Nebenwirkungen des Zaubers. Die Rauchpartikel wurden gegen die Glaswände des Versuchsraumes geschleudert und unsichtbar. Soweit, so erwartet. Ebenso, wie wir alle nun erwarteten, dass wir eine Zeit nicht viel zu sehen bekommen würden, als Nóra wieder den Glaskasten betrat und mit dem rechten Zeigefinger über ihrem Kopf waagerechte Kreise in die Luft zu zeichnen begann. Der übliche Zauber begann mit den Hologrammen der Begebenheiten, welche sich zwölf Stunden vorher abgespielt hatten, und die ersten Personen sollten erst Stunden später erscheinen. Und auch der schnelle Vorlauf hatte seine eigenen Regeln, selbst damit würde es noch einige Zeit dauern, bis etwas geschah. Wahrscheinlich die Putzfrau, welche morgens ihre Runde machte. Auch Dáskalos Smetana erwartete wohl derzeit noch keine Reaktion, denn er schritt wieder zum Lesepult und rckte seinen Kneifer zurecht, wohl um noch einige Erklärungen abzugeben, ehe etwas in dem Versuchsraum geschehen würde. Doch als Nóra den fünften und letzten Kreis beendet hatte, schwebten viele Rauchpartikel zum Tisch in der Mitte des Raumes und ballten sich dort zu einem Körper zusammen. Oder besser gesagt – zu zwei Körpern in voller Aktion. Auch wenn es an Farbe fehlte, an Deutlichkeit ließ die Darstellung keinen Platz mehr für Phantasie. Dem alten Smetana musste an unseren Reaktionen etwas aufgefallen sein, denn der drehte sich um. Sein Kneifer, den der zum lesen benötigte, fiel aus seiner Hand zu Boden und zersplitterte.
„Das ist doch der Assistent Gruber“, rief eine Stimme von hinten hervor.
„Und die blonde Szöke vom fünften Semester“, tönte es von der anderen Seite. „Oh Mann, seht Euch nur diese grandiosen Ti…“
„Kollege Lauber“, unterbrach der Dáskalos herumfahrend meinen Kommilitonen mit kaum gebremster Wut in der Stimme. „Wir werden hier Zeugen einer Szene, welche ohnehin schon sehr peinlich ist. Sie müssen jetzt nicht auch noch unangemessene Bemerkungen dazu machen!“ Dann schnellte er wieder zu dem Raum mit den gläsernen Wänden zurück, wo sich das Paar eben trennte. Sein Finger stach in die Richtung der Darstellung, ein greller Lichtbogen sprang hinüber und zerstörte das Bild. Eine graue, perfekte Kugel aus rotierendem Rauch entstand, ähnlich jener vor mir.
⊙
Damals hatte Dáskalos Smetana, wie ich später erfahren hatte, einen bestimmten Aufhebungszauber zur Anwendung gebracht – aber ein solcher funktionierte eigentlich nur, wenn bereits eine andere Beschwörung wirkte. Man konnte ihn nicht sozusagen prophylaktisch im Vorhinein anwenden.
Es gab natürlich Zaubersprüche, mit welchen man die Anwendung von Magie an einem bestimmten Ort für eine bestimmte Zeit verhindern konnte, aber um die Rauchpartikel des noch vor dem Start der Rekonstruktion in der Mitte des Raumes zu konzentrieren, müsste dieser Zauber älter als 12 Stunden sein. Meinen Spruch hatte ich um etwa 6 Uhr initiiert, also musste der Antizauber vor 18 Uhr stattgefunden haben. Um 20 Uhr hatte man Koglmeyer noch gesehen. Dáskala Karin Kleiber, welche angewandte Alchemie unterrichtete, war wieder einmal in den Genuss einer nicht einmal zweideutigen Anspielung auf ihr Hinterteil gekommen, als er die Tür zu seinem Labor öffnete und hinein ging. Mit einer roten Wange, denn die Hand Karins war schneller gewesen, als er die Tür schließen konnte. Vielleicht hatte er sich aber auch eingeredet, dass sie endlich seinen aufdringlichen Avancen nachgeben würde, aber Karin hatte schon immer einen guten Geschmack besessen, was Männer betraf. Und sie hatte es durchaus nicht nötig, sich mit einem wie dem Toten abzugeben. Trotz einer gewissen Fülligkeit hatte es ihr nie an Verehrern gefehlt.
Wie auch immer, um 20 Uhr, ein paar Minuten auf oder ab, betrat das von keiner Frau beweinte Opfer sein Labor. Kurz vor 3 Uhr hörte der Hausdiener das Geräusch. Ich rief mir noch einmal die Untersuchung der Leiche ins Gedächtnis. Der Zustand war entsprechend dem eines frisch Verstorbenen. Aber konnte ich wirklich sagen, ob er zehn Minuten oder drei, vier Stunden vorher verschieden war? Nein, vier Stunden vorher nicht, das hätte ich bemerkt. Aber drei? Ich war Magissa, Meisterhexe, mit forensischer Zusatzausbildung, aber meine Göttlichkeit beschränkte sich – zumindest den mir bekannten Männern zufolge – auf nur wenige Körperteile. Das Gehirn gehörte bislang noch nicht dazu, auch wenn ich mich einer ungewöhnlich hohen Intelligenz, eines beinahe perfekten Merkvermögens und einer recht hohen magischen Kraft rühmen darf.
Eine kurze Erklärung. Magissa bedeutet soviel wie Doktor der Magie, und der Grund, warum ich ohne Lehrauftrag mein eigenes Labor im Gebäude der Uni habe, erklärt sich aus dem Umstand, dass die Leopoldina eine staatliche Institution ist und als solche die ebenfalls staatlichen Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden unterstützt. Die Einrichtung eines Labors war und ist nicht gerade billig, die Bibliothek benötigte ebenfalls eine ganze Menge Platz, und wenn man einen Experten benötigte, fand man den am ehesten hier. Auch Privatgelehrte konnten hier Räumlichkeiten mieten, um ihrer Leidenschaft zu frönen und ihrer Neugier nachzugeben. Und manche dieser Gelehrten haben auch ganz schön etwas auf dem Kasten. Ab und zu kann eine externe Konsultation recht hilfreich sein. Und die Prýtiania, also die Rektorin Horvath ist eine gute Gastgeberin. Will sagen, mein Labor wäre groß genug, um mehrere Fälle gleichzeitig zu bearbeiten. Was ich als forensische Gerichtshexe auch manchmal mache, auch bei Verbrechen ohne Magie. Es ist nur so, dass Fälle für Robert Baron Geiger nach den Statuten meines Vertrages auf jeden Fall Vorrang haben. Immer und jederzeit.
Ich hoffte, er würde mich einmal wirklich als den Nachfolger von Istvan Nagy akzeptieren. Nicht, dass er mich schlecht behandelte, aber ich fühlte in ihm eine gewisse Zurückhaltung.
Nun ja, wir waren noch kein wirklich eingespieltes Team, das musste erst noch kommen. Dann würde er sich mir auch öffnen, denn in aller Bescheidenheit, eine bessere Hexe oder einen besseren Hexer als mich würde er nicht bekommen.
Noch einmal auf Anfang – 20:00 Uhr. Koglmeyer war noch unter den Lebenden, dafür gab es genügend Zeugen. Irgendwann vor 18 Uhr hatte jemand einen Vermeidungszauber über das Büro verhängt.
Hatte jemand den Mord eiskalt so weit im voraus geplant?
Oder hatte Koglmeyer den Zauber selbst angewandt, aber warum? Nun, vielleicht hatte er etwas vorgehabt, das später nicht von einer Rekonstruktions-Beschwörung gezeigt werden sollte?
Traute ich dem Kollegen etwas illegales zu? Jederzeit. Die Frage war eher, was ich ihm nicht zutraute. Aber – ich bin da voreingenommen, ich hatte ihn selbst schon kräftig ohrfeigen müssen. Und ihm mit dem Richter drohen, denn ein Übergriff auf einen österreichisch-bayrischen Staatsbediensteten, vulgo auch Beamter genannt, war wirklich keine Lappalie. Das konnte so einen billigen Wald- und Wiesenmagus schon die Karriere kosten, Markgraf von Passau als Gönner hin oder her.
Ich möchte hier noch anmerken, dass ich – wie die meisten Magoi – absolut nichts gegen Sex einzuwenden habe. Ganz im Gegenteil. Ich genieße ihn wie eine Flasche guten Weines oder ein köstliches Mahl.
Aber genau das ist es ja!
Wer würde denn schon, wenn er die Wahl hat, einen Sauerampfer aus Gumpoldskirchen oder einen hantigen Brünner-Straßler trinken, wenn er statt dessen einen guten Muskateller oder einen hervorragenden Tokajer haben könnte? Und das hat jetzt gar nichts mit Lokalpatriotismus zu tun, ich habe schon einmal einem Kellner eine Flasche Tokajer nachgeworfen, weil dieses Lokal nur aufgezuckerten Müll zu überhöhten Preisen verkaufen wollte. So leicht lasse ich mich von einem Etikett nicht hereinlegen. Oh nein. Und deshalb habe ich auch Koglmeyer eine deutliche Abfuhr erteilt.
Jeder potentielle Unterrock in der Universität war bereits von Koglmeyer mit anzüglichen Bemerkungen angebraten worden – soweit ich gehört hatte. Aber ich musste jetzt ehrlich sein – außer meiner Abneigung hatte ich nichts handfestes gegen ihn in der Hand. Es gab nicht den geringsten Beweis, dass er jemals Gewalt angewendet hätte – noch nicht einmal gerüchteweise! Und wäre nicht etwas durchgesickert, selbst wenn es nie zu einer Untersuchung gekommen war? Prýtiania Horvath wäre jedem noch so kleinem Anschein von Vergewaltigung doch sofort nachgegangen, und selbst wenn Koglmeyer das Protege des Herzogs von Bayern gewesen wäre, Enikö hätte sich nicht von einer Untersuchung abhalten lassen.
Und ich wäre als beeidete forensische Gerichtshexe in diese Untersuchung ziemlich sicher involviert gewesen. Es gab zwar immer ein erstes Mal, aber dass ein Mann von einem widerlichen Schleimer ohne Zwischenstufe zum gewalttätigen Vergewaltiger wurde? Kaum vorstellbar.
Aber Moment!
Was, wenn er seine gewalttätigen Phantasien bisher außerhalb des Campus ausgelebt hätte? Woher sollten wir dann etwas erfahren? Wer denkt schon bei einer Vergewaltigung primär an einen Magos?
Und wenn seine Untaten gar nichts mit Gewalt und Sex zu tun hatten? Wenn er – wie schwer vorstellbar es auch immer war – in diesem Fall wirklich das Opfer war? Die Bezeichnung ‚unschuldig‚ für diese Person wollte noch nicht einmal mit Nachdruck in meine Gedanken.
Also gut, auch schuldige Opfer eines Verbrechens haben Gerechtigkeit verdient. Niemand darf ohne Not getötet werden, und diese Not ist nur bei unmittelbarer Gefahr für Leib, Leben und Seele einer Person gegeben. Etwas schwammig, aber im Endeffekt Sache der Ankläger und Richter, die Länge einer Haftstrafe oder einen Freispruch zu erwirken. Meine Aufgabe war nur, den Grad der etwaigen Gefährdung abzuschätzen. Ohne Vorurteile. Ja, das ging, ein magischer Bann zwang mich auf jeden Fall zur Ehrlichkeit, egal, auf welcher Seite meine Sympathien standen.
Also, noch einmal zurück auf Anfang. Verdammt! Verdammt, Verdammt! Da blieb immer noch das Zeitfenster zwischen dem Aussprechen des Vermeidungs-Zaubers und dem letzten lebendigen Auftritt Koglmeyers. Das brachte mich zu Karin. Karin Kleiber, welche unseren Toten vor seinem Tod noch gesehen und ins Gesicht geschlagen hatte. Weil er gesagt hatte, sie hätte zwar einen Arsch wie ein Postross, aber er würde sie trotzdem gerne einmal in denselben – weiter war er nicht gekommen, und eine aufgeplatzte Lippe in Koglmeyers Gesicht passte zu Karins Schilderung.
Was brachte einen Mann, oder seltener auch eine Frau, eigentlich dazu, sich derart mies zu benehmen? Ja, schon gut, das Testosteron, das die Alchemisten im Blut gefunden hatten, machte Männer häufig spitzer als eine Lanzenspitze der königlichen Leibwache – aber das war doch keine Entschuldigung. Nein bedeutet einfach nein! Ich war auch schon einmal abgeblitzt, und mit Janoś war ich trotzdem immer noch recht gut befreundet. Als Kollegen.
Meine Kommunikations-Uhr summte. Eine Textnachricht von Robert, wie lange ein Wundkanal wäre, wenn die hypothetische Briefkapsel in einem fallenden Körper matrialisiert wäre. Diese Antwort war einfach, ich musste nicht einmal lange überlegen. Wie weit kann sich ein Körper im Hundertstel eines Wimpernschlages schon bewegen. Wenn er nicht gerade von der Spitze eines Turmes gefallen war – vielleicht einen Punkt. Eher weniger. Und er war ziemlich sicher nicht von einem Turm in die Tiefe gestoßen worden – oder gesprungen, denn dann sähen seine Knochen anders aus. Und wozu dann noch der Aufwand mit dem Transportzauber? Das alles ergab doch überhaupt keinen Sinn.
Außerdem sollte ich nach Metall und organischen Substanzen in der Wunde suchen. Nun gut. Metall hatte ich keines gefunden, das war mein erster Gedanke gewesen. Organische Substanzen? Natürlich. Jede Menge. Fleisch und Blut, wenn auch geronnenes.
Andere?
Hm. Ein Bolzen aus Holz vielleicht?
Ich griff zu meiner Wünschelrute und holte meine Probensammlung aus dem Verkleinerungssack. Wenn man mit einer Wünschelrute etwas suchte, war es empfehlenswert, eine möglichst ähnliche Vergleichsprobe zur Verfügung zu haben. Ich nahm also eine Phiole mit Splittern verschieder Hölzer in meine linke Hand und fuhr mit der Spitze der Rute über die Wunde. Nichts. Nicht der kleinste Splitter. Allerdings war das nein nicht eindeutig. Verbranntes Holz? Ein Stück Kohle. Nein, aber – ASCHE?
Hastig drehte ich an der Lynette meiner Uhr, um Robert die Ergebnisse meiner Untersuchung zukommen zu lassen. Die große Energie eines Transportzaubers konnte die Veraschung erklären. Und dann bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit einem Phantom hinterher gejagt war. Wie sollte denn ein Zauber den Vermeidungsbann durchdringen? Die Lochlaine-Formel war völlig vom Tisch. Oder doch nicht? Hatte der Bann nur eine verlangsamende Wirkung? Ich wollte, ich hätte Daskalos Alfred Fischer fragen können. Aber so musste ich mich wohl oder übel durch einige Folianten arbeiten.
Mittlerweile waren auch die normalen Polizisten an Ort und Stelle und hatten den Platz vor der Tür des Tatortes großräumig abgesperrt. Es blieb nur noch ein schmaler Durchgang übrig, es würde unangenehm eng werden, wenn die Leopoldina ihre Pforten für den alltäglichen studentischen Alltag öffnete und einige Schüler ihren Professor besuchen wollten. Oder in eines der Lehrlabore.
Ich schickte also einen der Polizisten eine Etage tiefer, er sollte den Studenten nahe legen, für verschiedene Räume lieber eine andere Treppe zu nehmen. Dann machte ich mich auf in die Bibliothek. Fünf Etagen mit dem Paternoster nach unten, und dann durch eine magisch gesicherte Tür weiter in die tieferen Katakomben. Endlose Gänge mit allen bisher veröffentlichten Büchern zum Thema Magie, und täglich sandten uns Schwesterinstitute auf der ganzen Welt neue Bände zu. So, wie auch wir unsere Forschungsergebnisse mit anderen teilten.
Die Türen zu den einzelnen Etagen der Bibliothek mussten extra gesichert sein, denn man konnte einem Erstsemester natürlich keine Zauber für fertig studierte Magoi in die Hand geben, Zauber, welche ein viel besseres feinmagisches Denken zur genauen Kontrolle erforderten. Und natürlich trieben sich in den Katakomben jede Menge Geistwesen herum.
Die meisten waren harmlos, manche sogar sehr hilfsbereit. Zum Beispiel jene Bibliothekswesen, welche dem Besucher für ein paar gute Worte nur zu gerne das gesuchte Buch besorgten und es danach auch wieder wegräumten. Oder die kleinen Putzteufel, welche den Staub in der Bibliothek entfernten und natürlich Lichtgeister, welche für die Beleuchtung sorgten. Andere gingen den Hexen und Hexern lieber aus dem Weg, und manchen sollte man selbst lieber aus dem Weg gehen, wenn man nicht gut genug ausgebildet war.
Einer der dienstbaren Geister hatte mit das Buch von Master Lochlaine in die Lesestube gebracht, und ich suchte das später hinzu gefügte Stichwort-Register. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, ohne eine Antwort auf meine Fragen zu finden. Nichts an diesem Fall ergab auch nur die Spur eines Sinnes. Außer natürlich, dass Elias Koglmeyer tot war.
Es mochte moralisch verwerflich und verboten sein, aber es machte Sinn, dass jemand die Universität, die Stadt Wien, Österreich-Bayern und die Welt von diesem Abschaum befreit hatte. Aber wie? Und wann?
Das würde dann natürlich zum wer führen, aber – nein, das alles passte hinten und vorne nicht. Der Anti-Magie-Zauber, welcher schon vor der Tat ausgesprochen worden war. Er musste es sein, denn sonst hätte mein Rekonstruktions-Zauber gewirkt. Aber wenn – wie war dann der Mord geschehen? Ich bin beileibe nicht dumm, aber mir wollte keine physische Methode einfallen, welche eine solche Wunde hervorrufen würde. Also musste Magie im Spiel sein – und genau das war unmöglich. Ich musste irgendwie meinen Kopf wieder klar bekommen. Möglichst schnell, es pressierte ein wenig.
Eine zarte Hand berührte meinen Nacken, und ich hörte eine leise Stimme, die in mein Ohr flüsterte.
„Ich bin hier!“
„Und ich bin nicht interessiert“, wehrte ich ab. Derzeit konnte ich keine Ablenkung gebrauchen, auch nicht von einem Lustdämon. Besonders nicht von einem solchen Wesen.
„Aber warum denn nicht?“, flüsterte die Stimme verführerisch nun in das andere Ohr.
„Ich habe einfach jetzt keine Zeit“, entgegnete ich. Diese Inkubi und Sukkubi waren manchmal schon lästig. Und immer hartnäckig.

„Aber du hast mich doch gerufen“, hauchte der Inkubus, dieses Mal auf meinen Nacken, ich fühlte Hände, welche über meine Hüften strichen und weiter nach oben glitten. Mein Körper reagierte mit leisem erschauern, die Härchen im Nacken stellten sich auf. „Sonst wäre ich ja nicht hier.“ Das stimmte schon, die Lustdämonen kamen nur, wenn man sie rief. Auch wenn man es manchmal nicht absichtlich machte, und sie kamen bei weitem nicht immer. So mancher Student hatte die Bibliothek enttäuscht wieder verlassen, wenn er in der Hoffnung auf ein erotisches Abenteuer die Bibliothek aufgesucht hatte. Wenn sie aber einmal da waren, gaben sie auch nicht so schnell wieder auf.
„Ich muss arbeiten“, wehrte ich mich noch halbherzig, dann fühlte ich plötzlich eine Hand, welche mich an meiner empfindlichsten Stelle berührte und Schauder durch meinen ganzen Körper jagte. Jetzt gab ich meine Gegenwehr auf, der Inkubus drehte meinen Stuhl um und zeigte sich mir. Warum hatte er denn bloß die Gestalt von Robert angenommen? Nicht, dass ich den Baron hässlich gefunden hätte, aber… ich gab den fordernden Händen des Lustdämons endlich nach und öffnete meine Schenkel für ihn.
Ein Inkubus hatte im Vergleich zu einem Mann zwei große, nicht zu verachtende Vorteile. Er wusste genau, wie man es wollte, und er hatte große Ausdauer. Er begann zärtlich und langsam, um sich allmählich zu steigern.
Und dann hämmerten
mir die rhythmisch
heran rollenden
Wellen der Lust
auch die letzten
rationalen Gedanken
aus dem Gehirn.
Ich dachte nicht mehr, ich konnte nur noch fühlen.
🌟🌟🌟
Langsam tauchte ich aus den Tiefen multipler Orgasmen wieder in die Realität ein.
Ich habe keine Ahnung, warum die Kirche diese Wesen aus einer anderen Welt in Bausch und Bogen derart – nun ja, dämonisiert. Es ist schon richtig, dass es einige fiese Typen unter diesen körperlosen und halbkörperlichen Spezies gab und noch immer gibt. Solche, die mit großer Freude Schaden anrichteten, sowohl an Körper, Seele und Geist von Menschen als an der Umwelt. Die Freude an Schmerzen, Qualen und Tod fanden. Wer die beschwor, wurde zu Recht streng bestraft. Aber Inkubi und Sukkubi waren doch harmlos. Manchmal ein wenig lästig, aber harmlos. Sie ‚lebten‘ ausschließlich, um den Menschen Lust und Freude zu bereiten. Nun ja, vielleicht war es ja gerade das, was die Kirche störte. Wussten Sie, dass für die Kirche endlos und drei Tage nur eine einzige Position während des Beischlafs erlaubt war? Mann oben, Frau unten. Warum? Angeblich wollte es Gott so, aber ich habe nie herausgefunden, warum. Aber ich verstehe viel an den mosaisch-christlich-moslemischen Glaubensrichtungen nicht. Ich halte mich lieber an die Wissenschaft, ein Zauber ist ein Zauber mit logischem, berechenbaren Wirkungen, und ein Kilogramm Rindfleisch ergibt eine gute Suppe. Da gibt es kein ‚glauben‘, hier zählen Fakten. Richtig harte Fakten.
Plötzlich kam mir eine Idee.
Es ging halt nichts über ein paar kräftige Orgasmen, um die ewigen Dauerschleifen im Gehirn zu durchbrechen und wieder klar denken zu können. Mein Unterbewusstsein hatte recht gehabt, diesen dienstbaren Geist zu rufen.
Ich sprang auf und griff zur Kugeluhr. Die Lustdämonen hatten noch einen dritten, nicht zu unterschätzenden Vorteil. Sie brachten die Frisur und die Kleidung nicht in Unordnung, ich war also durchaus vorzeigbar.
☆
-3-
Das Commissionsgebäude, also das Gebäude Wiener Stadtpolizei innerer Bezirk liegt neben der alten Mölkerbastei, gleich gegenüber der magischen Fakultät. Im Gegensatz zu dieser ist es jedoch ein ziemlich neuer Bau, nachdem der alte schon etwas in die Jahre gekommen war. Etwas sehr in die Jahre gekommen, denn immerhin stand er seit der Gotik mit nur mäßigen Veränderungen.
Königin Gertrud IV, die Moderne, hatte dann den Bau eines völlig neuen Hauses und den anschließenden Abriss des alten Hauses, das noch in der Nähe des Domes zu Sankt Stefan gestanden hatte, angeordnet. Mir gefiel dieses neue Gebäude, welches zwar mit Reliefs und Mosaiken geschmückt war, im Inneren jedoch klar und strukturiert durchgeplant war. Zwei Flügel, je fünf Etagen, jede Abteilung hatte ein eigenes Stockwerk innerhalb eines Flügels. Und jede Abteilung hatte eine eigene Farbe, welche an den Wänden und dem Mobiliar dominierte. Mord hatte die zweite Etage in beiden Flügeln. Verständlich, denn sie bearbeiteten jeden Fall, in dem eine Leiche vorkam. Wenn die Leiche nicht gerade ein Magier oder offensichtlich Magie im Spiel war. Dann kam meine Abteilung ins Spiel. Nordflügel, dritte Etage, mitternachtsblau, BAMUSP.
Ich betrat das Haus durch den Haupteingang, der zwischen den Beinen einer Statue der Göttin Justitia, also der Gerechtigkeit, lag. Strahlendes weiß war hier im Foyer die dominierende Farbe, beiderseits hatte die Staatsanwaltschaft ihren Sitz. Blutrote Wände in den Gängen, eine Erinnerung an die alten Blutgerichte, welche heute aber eigentlich nicht mehr vorkamen. Seit Königin Margarethe III, der Großmutter unserer derzeitigen Monarchin Margarethe IV, war die Todesstrafe zwar nicht abgeschafft, aber ausgesetzt. Komplett.
Nun, beinahe.
Bei Hochverrat nicht wirklich, aber das letzte Urteil in einem solchen Fall lag schon einige Zeit zurück. Hundertfünfzig, hundertsechzig Jahre etwa.
Mein erster Weg im Haus führte mich zum Kaffeespender, den man im Foyer bei einer Gruppe von Stühlen und niedrigen Tischen aufgestellt hatte. Keine von den modernen Maschinen mit den magischen Energiekapseln, sondern einfache, alte Gasfeuertechnologie. Es dauerte zwar einige Minuten, bis das Wasser kochte und durch das Kaffeemehl tropfte, aber im Moment hatte ich ja Zeit.
Zeit, welche ich auch benötigte, um meine Gedanken zu sortieren und einen Plan zu überlegen. Bis Samantha mit den Ergebnissen kam und ich sie bitten konnte, die neuen Messungen durchzuführen. Also sollte ich bis dahin noch ein wenig Muße zum denken finden. Dachte ich zumindest.
Eine helle Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Baron Geiger, Sie möchten bitte zu Herrn Oberstaatsanwalt Auersfeld kommen!“ Ich setzte die Tasse, die ich eben zum Mund führen wollte, resigniert wieder auf dem Unterteller ab.

„Fräulein Marianne“, seufzte ich. „Ich wünschert, ich könnt‘ Sie einmal nicht als eine Botin mit schlechten Nachricht‘n seh‘n!“ Marianne Fischer war wohl der Traum aller Männer hier im Polizeigebäude. Wahrscheinlich sogar aller Männer, die sie je zu Gesicht bekommen hatten. Mittelgroß, schlank, ohne dürr zu sein, Rundungen an den richtigen Stellen, das Gesicht eines Engels von Botticelli und eine honigblonde Mähne. Ihr einziges Manko – sie war die Vorzimmerdame des auch für magische Verbrechen zuständigen Oberstaatsanwaltes Günther Graf von Auersfeld, und als solche sah ich sie vor allem dann, wenn ich zu ihm gerufen worden war. Oder – wie eben jetzt – von ihr zu ihm zitiert wurde.
Graf Auersfeld war einer vom ganz alten Adel und seine Familie auch mit jeder Menge alten Geldes ausgestattet. Mein Verhältnis zu ihm war ambivalent. Einerseits war der Graf ein durchaus umgänglicher Mann, der nicht mit Rang und Titel protzte, dem einfachsten Kieberer in Uniform ohne Sternchen auf dem Kragen die Hand reichte wie einem seinesgleichen und der nie von oben herab mit uns sprach. Auf der anderen Seite – nun, ich wünschte, er würde sich etwas weniger in meine Arbeit einmischen. Besonders, wenn ich – wie es gerade jetzt der Fall war – noch überhaupt nichts handfestes in der Hand hatte. Mit Ausnahme einer Leiche. Genauer gesagt, eines toten Magiers, der unter mysteriösen Umständen von hier in eine andere Welt gegangen war.
Sie sah mir geradewegs in die Augen. „Wenn‘s das wollen, warum fragen‘s mich denn dann nicht einfach danach, Baron Robert?“
War ihr Lächeln vielleicht ein klein wenig kokett geworden? Ihr Blick einladend, auffordernd? Ich sah genauer hin, ganz genau. Eindeutig, ja, ein wenig shon. Und was hatte ich denn schon groß zu verlieren?
„Dann frag‘ ich Sie eben jetzt, Fräulein Marianne! Woll’ns demnächst mit mir dinieren?“
„Aber gern‘, mein lieber Baron“, sagte sie kurzerhand und für mich ein wenig überraschend zu. „Wie wär‘s denn mit morgen? Heute Abend haben’s ja schon einen Termin.“
„Habe ich das?“, fragte ich, nur mäßig erstaunt. Zum ersten war Marianne stets über alle Termine der Staatsanwaltschaft und der Polizeidienststellen im Bilde, und zum zweiten passte ein Termin am Abend perfekt zur Ankunft des Antwerpen-Expresses. Der Stadtgraf von Passau würde aller Wahrscheinlichkeit nach in den Expresszug von Antwerpen über Straßburg, München und Passau nach Wien springen und um knapp vor 18 Uhr am Westbahnhof eintreffen. Um sich wegen des Mordes an seinem Protegé erkundigen, am besten gleich bei dem leitenden Beamten. Also bei mir, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kam. Während ich Marianne folgte, überlegte ich. Vielleicht war das Erscheinen des Stadtgrafen gar nicht so schlecht, wenn man ihn dabei mit dem Fehlverhalten seines Günstlings konfrontieren konnte. Unvermittelt. Aber bevor ich diese Strategie plante, musste ich zuerst meinen Termin bei Graf Auersfeld hinter mich bringen.

Ein kurzes Wort noch zum Grafen. Wir waren etwa im gleichen Alter, was heißt, wir bewegten uns allmählich auf die vierzig zu. Beide waren wir etwa gleich groß, also etwas über eins-achtzig – in Metern gerechnet. Damit hörten sich die Ähnlichkeiten im Aussehen aber auch schon auf. Meine Schultern sind schmal und ich trage so ein kleines Bäuchlein mit mir herum, der Graf hingegen ist muskulös und breitschultrig. Mein ehemals dunkelblondes Haar ist trotz meines noch nicht sehr hohen Alters schon kräftig am zurückweichen, da ist schon eine ganz schön hohe Stirn entstanden. Den spärlichen Rest trage ich lieber kurz. Auersfeld hingegen hat noch immer eine volle Mähne, welche bis zu seinen Schultern reicht. Er ist mit Ausnahme des Bereichs über der Oberlippe glatt rasiert, ich trage lieber einen Vollbart. Da fällt es nicht so stark auf, wenn ich einmal nicht mehr zum rasieren komme.
Man musste dem Grafen auch zugute halten, dass er sich Amt und Würden in der Staatsanwaltschaft nicht erkauft hatte. Wie jeder ohne Adelstitel in diesem Amt hatte er seine Karriere klein begonnen und war auch eine Zeit als Verteidiger tätig gewesen. Er sollte dem Vernehmen nach in dieser Zeit sogar einige pro bono-Fälle übernommen haben. Warum nicht, es könnte zu ihm passen, er bestand ja auch auf lückenlosen Beweisketten. Er hasste schlampige Ermittlungsarbeit und hatte schon mehr als einen Beamten ziemlich zusammen gestaucht, weil der eine Abkürzung genommen und ein Geständnis mit unsauberen Mitteln zustande gebracht hatte. Ja, einer von der ehrlichen Sorte, die man sonst eigentlich mit der Lupe suchen muss. Er wäre ein hervorragender Vorgesetzter gewesen, wenn er nicht die Angewohnheit gehabt hätte, sofort nach dem Auffinden einer Leiche einen Bericht haben zu wollen. Das war wirklich das Einzige, das mich an dem Mann störte. Ich hasste es einfach, ihm – oder jemand anderem – sagen zu müssen, dass ich noch überhaupt keine Ahnung hatte.
Jedoch, es half alles nichts, Befehl war nun einmal Befehl. Und so folgte ich Fräulein Fischers kokett schwingendem Hinterteil bis in ihr Arbeitszimmer, wo sie gegen die Tür des Oberstaatsanwalts klopfte und diese nach einem kurzen „Herein“ öffnete. Der Graf klappte eine Akte zu, in welcher er eben gelesen hatte, erhob sich hinter seinem Schreibtisch und winkte mich näher.
„Guten Morgen, Geiger. Kommen Sie nur, kommen Sie“, donnerte mir seine tiefe Stimme entgegen, während er mir die Hand reichte, dann wies er auf einen Stuhl. „Nehmen sie doch Platz!“
„Guten Morgen, Herr Oberstaatsanwalt!“ Ich ließ mich auf den nicht unbequemen Stuhl sinken, nachdem ich meinen Zylinder auf den Tisch gestellt hatte und meine Handschuhe hineingelegt hatte. Dann zupfte ich noch die Bügelfalten meiner Hose zurecht und schlug die Beine übereinander. Ja, ich weiß schon, völlig unsinnige Handlungen, denn die Frage würde ja doch kommen. Und selbstverständlich kam sie.
„Was wissen Sie, Geiger?“
Ich zog mein Notizbuch hervor. „Das Opfer ist Dáskalos Elias Koglmeyer, 41 Jahre, Professor an der…“
„Das weiß ich alles schon, Geiger“, unterbrach mich der Graf. „Ich weiß auch, dass Sie mir den Täter noch nicht liefern können! Aber WIE ist denn der Mann gestorben?“
„Herr Graf – ich bin mir nicht sicher. Ein winziger Kanal, unter großer Hitze entstanden, denn die Adern sind – wie es Magissa Sorkány genannt hat – kauterisiert. Das bedeutet, mit großer Hitze versiegelt.“
„Und, was bedeutet das für Sie?“ Auersfeld klopfte mit seinem Füller, mit der sich eifrig Notizen gemacht hatte, gegen sein Kinn.
„Herr Graf, bisher deutet so ziemlich alles auf den Teleportzauber eines irischen Magiers hin, eines Sean O’Lochlaine. Es gibt in der Umgebung Wiens insgesamt nur sieben Magoi, welche von der Kraft her fähig wären, diesen Zauber auszuführen. Gerüchten zufolge könnte Dáskalos Koglmeyer auch eine japanische Studentin derart beleidigt haben, dass sich der Vater der jungen Dame zu einem solchen Vorgehen genötigt fühlte. Aber ob der Vater die Fähigkeit besitzt oder eine solche Person kennt und überreden konnte, den Mord auszuführen – das alles kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich bin erst ganz am Beginn der Ermittlungen!“
„Verstehe!“ Der Graf lehnte sich zurück. „Nun, heute Abend kommt Graf Maximilian von Hagenvelte aus Passau nach Wien.“
„Um sechs am Westbahnhof“, nickte ich.
„Richtig. Mit dem Antwerpen-Express“, bestätigte der Graf. „Ich möchte betonen, dass ich voll und ganz hinter ihnen stehen werde, Geiger. Sie und Fräulein Sorkány genießen mein vollstes Vertrauen. Lassen Sie sich von dem Mann nichts vorschreiben und tun Sie, was SIE für richtig halten, um den Mörder zu fassen. Um 19. Uhr werde ich den Grafen von Passau in diesem Bureau treffen und bitte Sie und Fräulein Sorkány dazu, falls es Fragen gibt. Aber Unverschämtheiten von seiner Seite werde ich keinesfalls zulassen. Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Amtsrat Geiger.“
„Danke, Herr Oberstaatsanwalt!“ Ich erhob mich und griff nach meinem Hut, als sich die Kommunikationskugel des Grafen meldete. Ich hörte nicht hin, wirklich nicht, doch dann sagte er „…nicht zwischen Tür und Angel…“.
Irgendwie machte es in meinem Kopf ‚Klick‘.
*
„Sie schau’n aber ganz schön nachdenklich aus der Wäsch‘, Baron Robert!“ Wie immer war Marianne eine gute Beobachterin. Ich glaube, bei einigen heiklen Vernehmungen wäre sie schon eine Hilfe gewesen, aber der Graf von Auersfeld wollte die Dame nicht ausleihen. Also, äh, dienstlich gesprochen natürlich.
Ich nickte ihr zu. „Ich hab‘ mir g‘rad überlegt, ob vielleicht Fräulein Sorkány mit …“
„Und ich dacht‘ eigentlich, wir zwei hätt‘n morgen ein Rendezvous!“ Sie zog eine Schnute, beugte sich vor und veranlasste einen guten Teil meines Blutes, in meine Körpermitte zu strömen. Der Rest entschied sich für mein Gesicht. Oder anders ausgedrückt, ich entwickelte eine veritable Erektion und zog eine dunkelrote Gesichtsfarbe auf.
„Ich – aber – äh, natürlich hab‘n wir morg‘n eine Verabredung, Fräulein Marianne“, stotterte ich verlegen.
„Warum reden’s denn dann von der Sorkány, wenn ich doch da bin?“ Ihr Blick wanderte an mir herab und sie grinste plötzlich. „Und dann noch mit so einer dicken Beule in der Hos’n! Oder haben’s mir jetzt vielleicht ein wengerl zu tief ins Dekolleté g’schaut?“

„Mehr als nur ein wenig, Fräulein“, gestand ich sofort ein. „Zu meiner Apologie muss ich aber anmerk‘n, dass ich nur einer obvious invitatio, einer offensichtlichen Einladung nachgekommen bin. Und, Fräulein Marianne, das Incitamentum ad crimen, die Anstiftung zu einer Straftat ist bei einem legis Magistratus, bei einem Beamten der Strafverfolgung…“
„Ich kenn‘ mich mit crimen nicht so aus, Baron“, unterbrach sie meinen Redefluss. „Aber dafür mit Cremen. Schon gut, Robert. Ich lass‘ sie jetzt einmal bis morgen vom Hak‘n. Aber dann sollterten’s mir besser beweis‘n, dass mein Ausschnitt für ihre – Befindlichkeit verantwortlich war! Und nicht mit Wort‘n. Geh‘n wir vorher noch essen?“
„Eigentlich dacht‘ ich das schon!?“ Irgendwie wurde eine halbe Frage aus meiner Feststellung.
„Gut!“ Sie schrieb etwas auf einen Zettel. „Ich schick‘ dann gleich einen Boten rüber ins Schottenbeisl, zum reservier‘n. Die hab’n da ein wirklich 1A-Rindsgulasch, und die Semmerln backen’s auch selber. Um sechs?“
„Um sechs passt gut. Und ja, das Gulasch ist wirklich gut. Aber wollen’s nicht vielleicht …“
„Aber nein, Baron. Wissen’s, ich kenn‘ Sie ja ganz gut, und kenn‘ auch Ihre finanzielle Situation. Nicht arm, aber vom Gehalt hier kann keiner große Sprüng‘ machen. Ein Krügerl, ein Gulasch, ein Apfelstrudel. Und Ihre G’sellschaft. Aber jetzt schaun’s endlich, dass rauskommen. Ich muss noch arbeiten, und Sie noch was mit der Sorkány zu regeln! Au Revoir!“
„Bis morgen, Fräulein Marianne!“
Weit beschwingter als ich es betreten hatte, verließ ich das Büro der Staatsanwaltschaft wieder. Was kann es denn Schöneres geben, als eine Verabredung mit einer mehr als hübschen Frau und einem halben Versprechen, den Abend amourös ausklingen zu lassen. Wenn ich es nicht wieder wie so oft verbockte.
Ein Gedanke durchfuhr mich. Die ganze Zeit hatte ich an eine naheliegende Sache nicht gedacht. Meine Hand fuhr in die Tasche und holte meine Uhr heraus. Noch während ich auf die Krone drückte, baute sich das Bild Samanthas darüber auf.
„Wir haben etwas vergessen, Robert“, rief sie aufgeregt. So hatte ich die Magissa noch nie gesehen, sie, die üblicherweise so beherrschte Hexe. Und es fiel mir noch gar nicht sofort auf, denn ich war ebenfalls ziemlich erregt.
„Der Gang“, rief ich zurück. „Können‘s auf dem Gang Ihr kleines Kunststückerl mit dem Rauch und den Bilderln machen?“
„Man nennt es eigentlich magische Wissenschaft, Robert, und nicht Kunststückchen!“ Die beherrschte Samantha war zurück, und selten habe ich jemand ein Wort mit so viel Verachtung aussprechen hören wie die Gerichtshexe, als sie jetzt ‚Kunststückchen‘ ausspuckte. „Ich bin doch keine Zirkushexe!“
„Ja, Fräulein Magissa Samantha Sorkány. Also, können Sie?“
„Bringen Sie einige kräftige Männer, Latten und Segelplanen mit“, trug sie mir auf. „Wir werden um ein Stück des Ganges herum ein Zelt aufbauen müssen!“
☆
-4-
Man muss gestehen, Robert Geiger hatte keine Zeit verloren. Als ich von der Bibliothek kommend den Gang vor Koglmeyers Labor betrat, nagelte ein Hausmeister bereits die ersten Latten zusammen, während Robert die Tür untersuchte. Dieses Mal allerdings nicht den Türrahmen, sondern das Blatt.
Als wir die Tür aufbrachen, hatte sich Meister Schneider mit der schweren Axt vor allem auf den Bereich des Schlosses konzentriert, und der Mann hatte zielsicher den richtigen Teil herausgeschlagen. Maßarbeit, das musste man Meister Schneider lassen, und dazu seine trainierten Muskeln – es ging ziemlich schnell.
Das Türblatt war noch ziemlich unbeschädigt, und Robert tastete mit den Händen den Rand ab. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht ein Abbild völliger Konzentration. In diesem Moment verstand ich Istvan Nagy voll und ganz, der die Begabung Roberts hoch gelobt hatte. Manchmal wünschte ich mir eine derartige Konzentration bei den Studenten.
„Aaaha!“ Es machte leise ‚Klick‘, dann drehte sich das Türblatt um eine eingebaute Achse, eine Öffnung entstand, durch die sogar Robert leicht durchschreiten konnte. Seitwärts und eingezogenem Bäuchlein. Irgendwie sah er so recht seltsam aus, wenn er sich Sal straffte. Gerade dieser kleine Bauchansatz, den er vor sich her trug, machte ihn irgendwie – süß. Knuddelig. Wie ein kleines Stofftierchen. Wie er wohl wie der Inkubus… Nein, Samantha, das fragst du dich nicht! Besonders nicht jetzt!
„Ach, Samantha, da sind‘s ja“, begrüßte mich Robert. „Gut gearbeitet, der Mechanismus. Nicht kompliziert, aber gut. Aber woher wusst‘ wohl der Mörder von dieser Angel?“
„Ich kann mich erinnern, vor etwa drei Wochen ein ziemliches Hämmern aus diesem Gang gehört zu haben.“ Ich überlegte. „Ja, es waren noch Ferien, es gab keine Studenten.“
„Jetzt wär’s fesch, wenn’s den Mann g’sehen hätt‘n.“ Ich holte Luft zu einer Antwort, doch Robert winkte ab. „Selbst wenn, wer schaut schon genau bei einem Tischler hin. In dem Haus wird doch eh immer wieder was umbaut oder repariert. Und am besten in die Ferien. Und wenn er sich ein Warzerl oder so auf die Nas’n pickt, erzählt uns jeder Zeuge eh nur davon. Nein, ich denk‘, wir sollt‘n uns mehr auf Ihre Fähigkeit‘n als Hex‘ verlassen, als dass wir jetzt noch Zeugen auftreib’n versucherten. Ah, die Herren Kollegen mit den Zeltplachen sind fertig. Also dann, bitte, Fräulein Magissa.“
Ich schlug eine Plane zurück und ging ins Innere des Zeltes vor der Tür. Hatte ich soeben ein wirkliches Kompliment von Robert bekommen? Schätzte er meine Fähigkeiten doch sehr positiv ein? Bis jetzt hatte er sich immer sehr zurückhaltend gezeigt, aber offenbar…
Aber egal, was er wirklich dachte, jetzt war keine Zeit, darüber nachzudenken. Jetzt zählten Ergebnisse. Ich formulierte den Zauber in meinem Kopf, hielt meinen Zeigefinger an die Kohle und setzte sie in Glut.
Ein billiger Zauber, wir lernten ihn noch vor dem Rekonstruktionszauber. Eigentlich war er der Erste, den wir lernten.
Die Kräuter hatte ich bereits vorbereitet und streute sie jetzt über die Kohle, dann griff ich zum Wirbelstäbchen.
Ich fürchte, mehr kann ich einem Menschen, der kein Magier ist, leider nicht erzählen. Ich könnte Ihnen die Formel hierherschreiben, und Sie würden es nicht verstehen. Magie ist eine klar strukturierte Wissenschaft mit eigenen Regeln, und die Formeln erinnern an Mathematik, aber ohne magisches Talent – es gibt nicht viele Nicht-Magier, welche unsere Formeln auch nur annähernd verstehen.
Nach dem Verwirbeln eilte ich aus dem Zelt. Hatte Robert jetzt vielleicht ein wenig nach meinen Beinen – Unsinn, Samantha. Sieh lieber zu, dass du dich nicht verzählst.
Dann kam der typische Effekt des Rekonstruktionszaubers, und den Polizisten wurde es merklich unangenehm. Nur Robert blieb ziemlich beherrscht – nun ja, es war für ihn nicht das erste Mal. Er kannte den Effekt schon. Vorsichtig spähte ich durch einen Spalt zwischen den Zeltplanen.
„Kommen Sie her, Robert“, rief ich ihn zu mir. „Es dürfte funktioniert haben.“
„Dann schau’n wir mal, wer der Falott ist. Darf ich Sie bitt’n, einmal vorzugeh‘n, bis sich was tut?“
„Natürlich!“
„Ach, da hab’n wir’s ja“, kommentierte der Baron. „Schaun’s, da kriegt er die Watsch’n von Ihrer Kollegin. Sauber, die hat echt g’sessen. Ganz nach Aussage!“
„Ich hatte nie einen Zweifel daran!“
„Ich auch nicht“, bekräftigte Robert nickend. „Aber, es ist immer gut, wenn man was selber sieht. Und kommt jetzt einer an und pumpert an die Tür. Stoppen’s bitte, Samantha!“
„Natürlich.“ Das Bild einzufrieren kostete kaum Energie. Wenn der Zauber einmal initiiert war, konnte man ihn leicht einige Stunden aufrechterhalten und immer wieder von vorne ablaufen lassen. Was wohl geschehen würde, wenn der Lippenleser einträfe.
„Ja, da schau her“, entfuhr es Robert. „Wenn das nicht der Dáskalos ehrenhalber ist! Der Studiosus mit Forschungsauftrag.“
„Das ist tatsächlich Chaim Rubinowitz!“ Ich konnte es kaum glauben, dieser inspirierende, erregende Mann – und dann so etwas. Nun – vielleicht…
„Weiter bitte!“ Roberts Stimme riss mich aus meinen Überlegungen. Ja, sicher, wir mussten ja noch einen Mord aufklären und Beweise sammeln. Wie unerfreulich das auch war.
Im Zauber war jetzt zu sehen, wie Chaim Rubinowitz den Dáskalos Koglmeyer zurück in dessen Labor stieß, dann fiel die Tür ins Schloss.
„Ich nehm‘ jetzt einmal an, der Vermeidungszauber war jetzt schon im Zimmer aktiv!?“, vermutete Robert, halb fragend. „Weil sonst hätt‘ ja der Koglmeyer mit dem Rubinowitz den Boden aufg’wischt.“
„Eine durchaus naheliegende Vermutung“, musste ich zustimmen. „Dieser tätliche Angriff hätte selbst einen Anti-Aggressions-Bann kurzzeitig aufgehoben. Womit ich nicht sagen wollte, dass er einen solchen auferlegt hatte.“
„Aber warum?“ Robert ging wieder zur Seite, und ich beschleunigte das Bild wieder. „Warum legt man einen Vermeidungszauber über sein Labor. Das ist doch deppert!“
„Wenn man einen magischen Angriff erwartet?“, fragte ich.
„Und dann macht er einfach so die Tür auf? Echt jetzt? Da stinkt was zum Himmel, Samantha. Da, schaun’s, da geht der Schneider vorbei, und ihn haut’s fast aus die Patsch’n, so derschreckt er. Das muss der Pumperer g’wesen sein. Und was hab’n wir den da? Da kommt der Rubinowitz aus dem Türl im Türl. Sauber vorbereitet. Und jetzt kommt Prýtiania Horvath mit dem Hausmeister wieder, Sie kommen dazu – ich mein‘ wir hab’n genug g ‚sehen.“
„Aber womit hat er Koglmeyer getötet?“, fragte ich Robert.
„Na, frag’n wir ihn halt.“
☆
-5-
Wir erwischten Chaim Rubinowitz dank des Armbandes meiner Gerichtshexe in der Kantine. Na ja, knapp vor Mittag, eigentlich hing mir der Magen auch schon zwischen den Füßen, aber bei meinem Beruf kommt so etwas schon vor. Immerhin war ich seit drei auf den Füßen, und die Samantha auch.
Wir nahmen ihn ohne Umschweife fest und die uniformierten Kollegen gleich mit über die Straße ins Commissionsgebäude. Eigentlich wollte ich ja gleich mitgehen, aber Samantha hielt mich zurück.
„Also, Robert, ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich brauche jetzt etwas zum Essen. Zumindest ein Butterbrot oder so etwas. Und wenn ich Sie ansehe, könnten Sie auch etwas vertragen. Wir könnten es während unseres Ganges hinüber verzehren.“
Ich nickte nur. In der Kantine benützte ich meine BAMUSP-Plankette, um mit Samantha direkt an die Spitze der Wartenden zu kommen, wo sie nach einem raschem Blick zwei Portionen Salami und zwei Semmeln erstand, die sie aufschneiden ließ. Dann stieß sie mich an.
„Kommen Sie mit, Robert, Sie sind heute eingeladen.“ Sie legte die Wurst in die Semmeln und biss herzhaft in ihre, während sie schon davoneilte.
Im Commissionsgebäude gönnten wir uns noch einen schnellen Mokka im Stehen, bevor wir ins Befragungszimmer gingen, um Chaim zu vernehmen. Er saß eigentlich ganz gefasst an einem Tisch.
„Was haben Sie gegen mich in der Hand?“, fragte er geradeheraus.
„Wir hab’n einen Rekonstruktionszauber, der sie mehr als verdächtig macht, Dáskalos.“ Ich setzte mich ihm gegenüber an den Tisch.
„Hat der Schafskopf also nicht einmal den Vermeidungszauber hingekriegt.“ Chaim Rubinowitz zuckte mit den Achseln. „Na gut, die Wazen ist wenigstens hin, und das hat er verdient. Nach dem, was mit meiner Schwester g’scheh‘n is.“
„Sie kommen, wie der verstorbene Koglmeyer aus’m bayrischen Teil vom Königreich?“, fragte ich. An der Wand saßen zwei uniformierte Polizistinnen, deren größte Begabung die einwandfreie Beherrschung einer nur für sie lesbaren Kurzschrift war.
„Hört mas jetzt? Ja, aus Passau, wie der Koglmeyer.“
„Und was war mit Ihrem Fräulein Schwester?“
„In den Tod hat er’s trieben, der Lumpenhund, der schäbige! Vom Turm im Palast vom Hafenvelte is g’sprungen, und ein paar Tag später hat der Markgraf sein Neffen nach Wien g’schickt. Und da hat er sich ja auch in einem Semester an ganz schönen Ruf aufbaut! A Fünfzehnjährige, und der Onkel schickt den Lump nur nach Wien, dass ja ka Untersuchung net gibt!“
„Na schön. Wie haben’s ihn denn umbracht?“, fragte ich weiter.
„Ich hab‘ ihm ein Billett geschickt, dass ich mich mit ihm treffen möchte. Unterschrieben habe ich es mit Nora Meszarośa, weil die gerade nicht in Wien ist. Er sollte einen Vermeidungszauber aufbauen, damit es keine Beweise gäbe. Aber nicht einmal das hat er geschafft.“
„Doch, hat er“, widersprach ich. „Nur an den Gang haben’s halt nicht dacht. Mit welcher Waff’n haben’s ihn getötet?“
„Dazu möchte ich schweigen.“ Chaim verschränkte seine Arme und lehnte sich zurück.
„In Ordnung. Das müss’n wir im Moment eh nicht genauer wiss‘n. Sie bleiben jetzt bei uns, bis wir alles zusammen hab’n, dann gibt’s das Schmalz, so leid’s mir auch tut.“ Ich stand auf und ging aus dem Raum. Prinzipiell war der Fall gelöst, noch ein paar Akten aus Passau anfordern – dann war es das gewesen. Eigentlich ein einfacher Fall.
*
Ich holte mir noch einen kleinen Schwarzen und griff zur Kugeluhr. Die Universität von Passau sollte die Akten von Koglmeyer zusammenstellen, damit wir sie hier zu den unseren legen konnten.
Die Prýtiania von Passau, Frau Gitel Auerbach, war eine gut aussehende Frau, ich schätzte sie auf Mitte bis Ende fünfzig – was wahrscheinlich bedeutete, dass sie doppelt so alt war. Siehe ihr Pendant auf der Leopoldina. Als ich ihr erklärte, worum es ging, schüttelte sie den Kopf.
„Sie können die Akten selbstverständlich haben, Baron Geiger. Aber ich glaube nicht, dass der Koglmeyer etwas mit dem Tod von Fräulein Rubinowitz zu tun hat. An dem Tag, an dem sie gesprungen ist, war er hier im Gebäude der Universität, und zwar auf dem Bauch liegend. Eine etwas unduldsame Kollegin und ein verspäteter Schutzzauber seinerseits.“
„Dann hat der Rubinowitz also den Falschen erwischt?“ Das hatte mit dem Fall nichts mehr zu tun, aber ich hasste es irgendwie, wenn es lose Enden gab.
„Meiner Meinung nach schon“, bestätigte Gitel Auerbach. „Und – so ein junges Mädchen hätte nicht in sein Beuteschema gepasst. Er mochte voll erblühte Frauen mit ein wenig Holz vor der Hütte, keine knabenhaften Mädchen. Wenn mich wer fragte, ich hätte eher den Stadtgrafen in Verdacht. Die Mädchen, die von ihm zu einem Gespräch ins Schloss geladen wurden, haben alle ein Stipendium erhalten, aber nicht sehr glücklich gewirkt. Aber Beweise, wirkliche handfeste Beweise gegen den Stadtgrafen – nein. Es hat auch keines der Mädchen ausgesagt. Niemals. Und Sie werden jetzt wahrscheinlich auch keind mehr finden.“
„Das wird‘n wir noch seh‘n. Haben’s Aufzeichnungen? Irgendwas?“
„Notizen, aber die Polizei in Passau…“ Sie machte eine hilflose Geste.
„Dafür gibt’s den Kronanwalt und seine Commission.“ Ich schlug auf den Tisch. „Auch ein Markgraf steht nicht über dem Gesetz Ihrer Majestät! Danke, Prýtiania.“ Als nächstes kugelte ich Samantha an, die gerade für die Lippenleserin den Zauber ablaufen ließ. „Welche Studentinnen hat Koglmeyer ganz konkret ang’raben? Gibt’s Namen zu den Gerücht‘n.“
„Ah – nein, Robert. Eigentlich nicht. Warum?“
„Weil mir Gitel Auerbach, die Prýtiania von Passau, g‘rade erzählt hat, dass der Koglmeyer nur auf Frauen mit – mit Vorbau g’standen ist.“
„Da gibt es einige unter den höheren Semestern, auf die diese Beschreibung durchaus zutreffen könnte“, erklärte Samantha. „Da haben manche mehr als ich, und mich hat er definitiv – wie sie es genannt haben – ‚angegraben‘.“ Ein Bild blitzte kurz auf, weg damit, nicht jetzt.
„Wann hab‘n die Gerüchte über den Dáskalos eigentlich ang‘fangen?“, bohrte ich weiter. „Wann hab‘n Sie zum erst‘n Mal davon g‘hört?“
„Moment – das war – oh!“
„Was, oh!“
„Das war bereits gut zwei Wochen, nachdem er aus Passau eingetroffen war. Da konnte er erst einige Begegnungen mit dem Lehrkörper gehabt haben. Robert, das sieht so aus…“
„Als hätt‘ jemand ganz gezielt dieses Gerücht in die Welt g‘setzt.“
„Aber warum, Robert?“ Samantha klang irgendwie – wütend.
„Dass niemand auf die Idee kommt, der Tod von der Gabriele Rubinowitz könnt‘ die Schuld vom Hafenvelte sein.“
„Und was haben Sie jetzt vor?“, fragte mich Samantha.
„Ich verständig‘ den Oberstaatsanwalt und der den oberst‘n Kronanwalt. Und dann – dann liegt die Sach‘ dort. Eine Etag‘ über unserer Gehaltsklass‘.“
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-6-
Es war einige Minuten vor 19 Uhr, als Robert und ich das Vorzimmer zum Büro von Staatsanwalt Graf von Auersfeld betraten. Marianne bat uns, doch noch ein wenig Platz zu nehmen, während sie uns ankündigte. Unnötigerweise, denn kaum hatte sie seinen und meinen Namen genannt, ging die Tür auch schon auf, und der Graf bat uns herein.
„Graf Maximilian von Hagenvelte, Stadt- und Markgraf von Passau“, stellte Graf von Auersfeld seinen Gast vor. Ein Klotz von einem Mann, etwa ein Meter neunzig groß und massig gebaut. Als hätte er einen gigantischen Ball verschluckt oder wäre schwanger – trotz aller Versuche war bisher allerdings mit aller magischen Energie noch nie erfolgreich das Austragen eines Fötus durch einen Mann gelungen.
Wozu denn auch?
Egal, zurück zum passauer Grafen. Er trug dichte schwarze Locken bis zur Schulter, einen schwarz gelockten Vollbart bis vor die Brust, hatte stechende kleine Augen und abstehende Ohren. Ein Inselmann – will sagen, nicht einmal allein mit ihm auf einer einsamen Insel hätte er eine Chance gehabt, mir näher als einen Meter zu kommen. Maximal. Außer, ich hätte ein Gewichtsproblem und müsste abnehmen. „Er hätte gerne einen Überblick Ihre Ermittlungen betreffend“, fuhr Graf Auersfeld fort. „Ich habe ihm gesagt, dass er sich noch keine sehr großen Hoffnungen machen kann, denn die Ermittlungen ziehen Kreise bis ins Ausland, und die Post – nun ja, wir haben dafür noch keinen Teleportationszauber!“
„Genau g‘nommen hab‘n wir den schon, Erlaucht“, entgegnete Robert. „Zumindest in der Theorie.“
„Ach ja, sie erwähnten diesen irischen Hexer und seine Formel“, erinnerte sich Auersfeld und kam damit meinem Einwand zuvor. „Richtig. Viel Energie und trotzdem nur eine winzige Briefkapsel, dazu einen der seltenen sehr mächtigen und erfahrenen Magoi. Unpraktisch, Baron. Sehr unpraktisch.“
„Aber möglich!“ Manchmal dachte ich, der Graf wäre vielleicht ein Gedankenleser. Er lieferte Robert immer gute Stichworte, wenn Dritte anwesend waren. „Wir hab’n jedenfalls zuerst an die Möglichkeit gedacht, dass Dáskalos Koglmeyer mit einem solch‘n Zauber ermordet worden ist. Davon sind wir mittlerweile aber wieder ab‘kommen. Allein der lange Wundkanal spricht mehr als alles andere dageg‘n. Und dass um das Labor vom Tot‘n ein Zauber zur Vermeidung von Magie g‘legen ist, ebenfalls.“
„Was war es denn dann?“, fragte der Markgraf nach, sich schnaufend nach vorne lehnend. „Sie werden mir doch nicht sagen wollen, was Sie nicht wissen! Wissen Sie denn überhaupt etwas?“
„Aber ja! Persönliche Meinungen haben hier allerdings keinen Platz!“ Meine Stimme war beherrscht, allerdings erzählte mir Robert später, sie hätte einen Höllensee aus glühender Lava bis zum Grund gefrieren lassen können. Das ‚besonders über gewisse anwesende Personen‘ sei unausgesprochen, aber deutlich in der Luft gehangen. Der Passauer holt tief Luft, wahrscheinlich wollte er mir eine geharnischte Standpauke halten.
„Der Markgraf hat nur sehr wenig Erfahrung mit den Arbeiten eines Ermittlers!“ Auersfelds Stimme klang scharf wie eine Peitsche, und doch war ich mir sicher, dass er nicht mich oder Robert treffen wollte.
„Besonders, weil er auch noch grad‘ seinen Neffen verlor‘n hat“, stimmte Robert dem Staatsanwalt zu.
„Aber geh.“ Überrascht hob der Graf die Braue. „Der Dáskalos war ein Verwandter von Ihnen, Herr Markgraf? Hätten wir das irgendwann auch von Ihnen erfahren?“
„Das ist aber primär gar nicht wichtig“, stellte Robert fest, dabei dem Passauer das Wort noch im Atemholen abschneidend. „Er ist ermordet worden, und da macht es keinen Unterschied, wess‘n Verwandter er war. Und wenn er der Sohn vom Kohlenhändler in einem Vorort wär‘, der ein Stipendium gekriegt hat, für uns machert’s keinen Unterschied, oder Magissa?“
„Vor dem Gesetz haben alle Menschen gleich zu gelten“, pflichtete ich ihm kühl bei. Die reine Wahrheit, hinter der ich meine abgrundtiefe Verachtung verstecken konnte. Wir hatten, als wir einmal wussten, wo wir suchen mussten, in nur wenigen Stunden eine ganze Menge herausgefunden. Manches würde dem Markgrafen ganz und gar nicht schmecken, aber das war nicht unser Problem.
„Ich nehme doch nicht an, dass Sie einen angesehenen Magier aus bestem Hause einem kleinen Studiosus gleichstellen wollen?“ Ach, die ewigen Standesdünkel. Sogar wenn die Studenten und Magoi ihre Adelstitel nicht mehr führen dürfen, gibt es unter ihnen immer wieder welche, die auf weit machtvollere Hexen und Hexer herabsehen wollen, nur weil die aus keiner Familie mit Adelstitel entspringen. Etwa ein halbes Semester lang, dann hatten die Meisten bisher noch immer verstanden, dass sie die Wahl hatten. Kein Adel oder keine Magie.
„Mein WOLLEN steht hier nicht im Geringsten zur Diskussion“, erklärte ich möglichst ruhig, aber immer noch eiskalt. Robert schien das offenbar zu gefallen, nun, er würde schon noch einsehen, dass ich ein richtig guter Nachfolger für Istvan war. Es war eine gute Idee von ihm gewesen, nach der Angel in der Tür zu suchen, er hatte seinerseits eingesehen, dass meine Idee mit dem Zelt nicht schlecht gewesen war. Manchmal hatte ich den Eindruck gewonnen, dass er einige meiner Erklärungen sogar verstand. Zumindest ansatzweise. Irgendwann konnten wir vielleicht doch noch ein gutes, aufeinander eingespieltes Team werden. „Das Gesetz ist eindeutig, und ich bin auf dieses vereidigt. Und als forensische Gerichtshexe nehme ich meinen Diensteid sehr ernst.“
„Ja, sicher, sicher“, winkte Hagenvelte ab. Er hatte nur gehört, was er hören wollte, nämlich die Bestätigung seines eigenen Vorurteils und seiner überbordenden Arroganz. Warum konnte man denn Amtsträger eigentlich nicht mit dem gleichen Bann belegen wie Gerichtshexer? Egal! Wir leben nun einmal in einer unvollkommenen Welt und müssen darin unser Bestes geben. „Also, wissen Sie etwas?“
„Aber ja!“ Robert zog sein Notizbuch hervor. Auch eine dieser genialen Erfindungen meines Vorgängers. Wann immer man es aufschlug, hatte man eine leere Seite vor mir, und von dort konnte man seine Eintragungen zurück blättern. Oder der Besitzer schrieb ein Datum in die obere rechte Ecke, dann blätterte das Buch von selbst zum ersten Eintrag mit diesem Vermerk. Ich hatte mir schon lange angewöhnt, jede Seite meines Notizbuches mit Tag, Monat und Jahr zu versehen, manchmal auch mit der Stunde – und es sah so aus, als hätte Robert die gleiche Angewohnheit entwickelt. Zudem passte das Büchlein in jede Tasche, sogar in die eines eleganten Herrenrockes und sah edel aus, nämlich so, als wäre der Umschlag aus echtem Leder. Meines und das von Robert waren in dunklem braun, aber ich hatte es auch schon in rosa gesehen. Als Geschenk an junge Damen von Stand, um ein privates Tagebuch führen zu können. Wenn man mich fragte, eine Verschwendung guter Magie, aber was solls. Auch Magier haben Hunger, und für kleine Begabte oder Studenten konnte es ein kleiner Nebenverdienst sein. So wie das Befüllen von Energiekapseln für Kaffeemaschinen. „Heut‘ um drei Uhr früh meldete mir Magissa Sorkány den Tod von Dáskalos Koglmeyer. Vor Ort macht‘n wir uns an die forensische Untersuchung des Fundortes. Während dieser Untersuchung wurde einiges an Material sicher gestellt, welches aber noch genauer zu untersuchen wäre. Während des Versuchs eines Rekonstruktionszaubers …“
„Was ist denn das?“, unterbrach der Markgraf Roberts Ausführungen.
„Ganz simpel aus‘drückt – er zeigt bildhaft, was in die letzt‘n zwölf Stunden g‘schehen ist. Man sieht‘s zwar nur in schwarz und weiß, aber dreidimensional und in höchster Schärfe. So gut, dass ein Lippenleser sogar ein Gespräch mitverfolgen könnt‘. Bei einer so guten Magissa wie Fräulein Sorkány kann man das sogar Bild anhalten und betreten.“
„Kann ich das einmal sehen?“
„Ich trete nicht im Zirkus auf“, lehnte ich sofort vehement ab. „Aber wenn Sie an der Universität eine entsprechende Vorlesung als Gasthörer besuchen wollen, werden Sie sehen, wie ein solcher Zauber funktioniert.“
„Ich meinte natürlich die Rekonstruktion, in der mein Neffe ermordet wird!“ Graf Maximilian klang unwirsch. Gut. Dieser hochnäsige Wicht war eine Schande für den österreichisch-bayrischen Adel. „Sieht man dabei, wer es getan hat?“
„Nein.“ Ich winkte nachlässig ab. „Das ganze Labor war mit einem sehr starken Spruch gegen Magie geschützt. Leider können wir daher nicht sehen, was im fraglichen Zeitraum in diesem Zimmer geschehen ist.“
„Also wissen Sie immer noch nichts!“ Dieser Graf wurde irgendwie – penetrant. Immer diese Unterbrechungen und Anschuldigungen. Ich bin heute noch stolz darauf, dass ich mein nicht unbeträchtliches magisches Talent im Zaum halten konnte. So ein kleiner Miniblitz an der richtigen Stelle, und dieser Passauer würde nicht nur Probleme beim Sitzen, sondern auch bei privaten Sitzungen haben. Aber das wäre nach den Statuten der Hexengilde aus irgendeinem Grund unethisch gewesen, also verzichtete ich darauf.
Zumindest, solange er mich nicht angriff – und wenn er das tat, könnte er sich künftige Erben aufzeichnen. Oh ja, ich konnte auch fies sein, wenn es nötig wurde.
„Es ist völlig unmöglich, eine Magissa zu werden, ohne nichts zu wissen“, erklärte ich dem Markgraf, ihn absichtlich missverstehend. Nichts bringt Leute seines Kalibers schneller dazu, im Karree zu springen. Und ich verletzte die Wahrheitsregel mit keinem Wort. Erstes Semester, Einführung in die Wissenschaft der Magie und deren Anwendung.
„Fräulein Sorkány, vielleicht sollten Sie dem Markgrafen einiges von Ihrem Wissen mitteilen.“ Ich holte Luft, um dem Befehl des Oberstaatsanwalty nachzukommen, doch er ergänzte schnell. „Den Fall betreffend, Magissa!“
Ich war Graf von Auersfeld dankbar, dass er mich auf den Boden der Realität zurück brachte. Es mochte eine gewisse Freude bereiten, einen Kolotripida auflaufen zu lassen, war aber hier und jetzt nicht zielführend. Was? Denken Sie, wir lernen nur das hochwissenschaftliche Griechisch? Abgesehen davon ist Kolotripida neben Proktos ein ganz normales Wort für den Darmausgang. Vielleicht ein wenig umgangssprachlich. In Verbindung mit einem hochgereckten Daumen im griechischen Teil der Welt sogar etwas ordinär. Wie, nicht für eine Dame ziemlich? Vielleicht. Aber Hagenvelte hatte auf mich eine ganz ähnliche Wirkung wie Kreide auf einer Schiefertafel.
„In diesem Fall möchte ich die Herren bitten, mich zu begleiten.“ Ich erhob mich aus dem gemütlichen Thonet-Sessel. Hatte mir Robert gerade zugezwinkert? Nun ja, vielleicht. Wahrscheinlich als Anerkennung für meine Beherrschung. „Es ist ja nicht weit. Nur über die Straße“
*
Das würfelförmige Zelt auf dem Gang der Universität war eiligst aus Latten und Leinwand zusammen geschustert worden, hatte aber seinen Zeck erfüllt. Vor allen neugierigen Blicken geschützt hatten wir unsere Theorie ausprobiert – und wir hatten einen Treffer gelandet.
Wir hatten beinahe alles. Motiv, Möglichkeit – nur die Tatwaffe fehlte. Und solange der Verdächtige schwieg, würden wir es nie erfahren.
Egal. Er würde, wie Robert es ausdrückte, sein Schmalz schon ausfassen.
„Nun?“ Hagenvelte stand arrogant vor dem Zelt, die Hände in die nicht vorhandene Hüften gestemmt. Graf von Auersfeld stand direkt neben ihm, und ich wunderte mich, wir er das nur aushalten konnte? Ich meine, der Markgraf stank nach zu viel altem Schweiß und zu wenig Seife bis zu mir herüber. Vielleicht hatten ja Männer tatsächlich unempfindlichere Nasen. Ich zerdrückte ein Minzblatt zwischen meinen Fingern, und im Verein mit der richtigen geflüsterten Formel entfaltete sich seine wohltuende Wirkung. Ein frischer Hauch, angenehm riechender Duft, durchzog den ganzen Flur.
„Hier hinein, Herr Markgraf.“ Robert hatte tief durchgeatmet, jetzt huschte ein kurzes Lächeln in meine Richtung über sein Gesicht. Ein Dank für den frischen Duft? Vorfreude wegen eines baldigen Abschlusses des Falls? Vielleicht…
Nun ja, ich konnte ja nichts falsch machen, wenn ich zurücklächelte, also tat ich es auch.
Im Zelt überlagerte ein gestochen scharfes schwarz-weiß-Bild den echten Flur.
„Ich sehe bisher noch nichts Neues.“
„Dann wollen wir den Ablauf einmal starten.“ Ich schnippte mit den Fingern, während ich die entsprechende Formel memorierte. „Wie sie sehen kommt hier Dáskalos Koglmeyer an, hier spricht er Dáskala Kleiber an, und empfängt eine verdiente Ohrfeige!“
„Wie kommen Sie denn darauf, dass diese Ohrfeige verdient war?“, fuhr der Markgraf auf. „Vielleicht sollte man dieses Weib einmal vernehmen!“
„Das hab‘n wir schon, Markgraf.“ Robert sollte besser nicht von eisiger Kälte in der Stimme sprechen, er konnte das selber auch ganz gut. „Ein beeideter Lipp‘nleser hat ihre Aussage bestätigt. Er hat wörtlich g’sagt – Zitat: ‚Du hast zwar einen Arsch wie ein Postross, aber ich würde ihn trotzdem ficken.‘ Zitat Ende. Also ja, die Tetsch‘n war schon gerechtfertigt!“
„Ach was, wegen einer solchen Kleinigkeit ein tätlicher Angriff? Und sie hat doch einen riesigen…“
„Das gibt niemandem das Recht, sich derart beleidigend zu äußern.“ Unser Oberstaatsanwalt funkelte den Markgrafen böse an. „Denken Sie denn, dass Sie und Ihre Familie über dem Gesetz stehen?“
„Nun, nein, aber wegen einer solchen Bagatelle einen solchen Aufstand…“
„Es gab keinen Aufstand.“ Von Auersfeld klopfte mit seinem Stock kräftig auf den Boden. „Er hat sich unziemlich verhalten und seine Strafe empfangen. Sofort und auf der Stelle. Fall abgeschlossen. Wenden wir uns besser wieder dem Mord zu.“
„Aber…“
„Fahren Sie fort, Magissa, Baron Geiger!“
„Hier sieht man, dass Dáskalos Koglmeyer die Tür hinter sich schließt“, unterbrach ich den Popanz, der schon wieder Luft holen wollte, bereits im Ansatz. „Es ist also bewiesen, dass er zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war. Jetzt kommt Dáskalos Chaim Rubinowitz, Koglmeyer öffnet die Tür und Rubinowitz stößt ihn ins Labor. Danach schließt sich die Tür wieder, hier geht unser Hausdiener mit den Kräutern vorbei, er erschrickt und läuft davon, um Hilfe zu holen. Und sehen Sie genau hin, das Türblatt ist mit einer Achse versehen worden. Ein Ausgang, durch den Rubinowitz das Labor verlässt.“
„Dann verhaften Sie diesen Mann.“
„Das ist bereits geschehen, Markgraf.“
„Und warum…“
„Er wollte den Tod seiner Schwester rächen“, unterbrach dieses Mal Robert Hagenvelte. „Diese ist vom Nordturm Ihres Schlosses gesprungen, erinnern Sie sich?“
„Was hat…“
„Dáskalos Rubinowitz hat festg‘stellt, dass Sie Ihr‘n Neffen nur zwei Tag‘ nach diesem Vorfall nach Wien g‘schickt haben und hat diese zwei Dinge in Verbindung gebracht. Wir wollt‘n seine Geschichte verifizieren und hab‘n uns mit der Universität in Passau in Verbindung gesetzt. Eine heute noch aktive Dáskala hat zugegeben, ihn an genau diesem Abend verletzt zu haben, der Vorfall ist zu den Akten gelegt worden. Wir können also ausschließen, dass der Verstorbene etwas mit dem Tod von Gabriele Rubinowitz zu tun hat.“
„Natürlich nicht, das hätte ich Ihnen gleich sagen können.“
„Weiters haben wir heraus g‘funden, dass der Ermordete nicht unbedingt nach jungen Frauen Ausschau g‘halten hat. Er suchte nach bereits voll erblüht‘n Frauen. Aber Sie, Markgraf, mochte‘ und mög‘n zarte, ätherische und vor allem sehr junge Mäd‘l. Zu junge, nach meinem Dafürhalten. Wir hab‘n Kenntnis von einigen Vorfällen erhalt‘n.“ Robert verlor plötzlich jeden wiener Akzent und wechselte ins bürokratische Hochdeutsch. „Bis zur Feststellung des Sachverhaltes, der zum Tod von Gabriele Rubinowitz geführt hat, werden Sie auf Befehl des Kronanwalts Gast des Herrn Oberstaatsanwalts sein. Aber das geht mich nichts mehr an, denn diese Tat ist nicht in meinem Amtsbereich geschehen. Die Criminalcomission des obersten Kronanwalts hat den Fall übernommen.“
„Aber mich geht er noch etwas an.“ Graf von Auersfeld legte dem Markgrafen die Hand auf die Schulter. „Im Namen der Königin verhafte ich Sie und nehme Sie bis auf weiteres in Gewahrsam. Magissa, meine Herren, bitte.“
Zwei große, breite Männer traten ins Zelt, gefolgt von einer sehr kurvigen Frau. Sie kam mir irgendwie bekannt vor, ich sah genauer hin.
„Nora? Nora Meszarośa?“
„Ja, Samantha, ich arbeite für den Kronanwalt.“
Nora Meszarośa. Die mit dem Rekonstruktionszauber, der uns sehr pikante Einzelheiten über Szöke und den Assistent Gruber gezeigt hatte. Die sich ihr Studium hart erarbeiten musste, ehe sie nach Wien kam. Die, die ich damals wegen ihrer Oberweite beneidet hatte.
„Das freut mich. Ich werde dir natürlich alles Beweismaterial übergeben.“
„Nichts anderes habe ich erwartet.“
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-7-
Ich fand mich am nächsten Abend pünktlich im Schottenbeisl ein. Es war ein gutbürgerliches, gemütliches Lokal, aber ich hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber der Frau, die ich treffen wollte. Ich beschloss, ihr reinen Wein einzuschenken.
„Fräulein Marianne, ich fürcht‘, unser Treff’n hier ist ein schwerer Fehler. Es ist unter vorspiel‘n falscher Prämiss‘n entstand‘n.“
„Sie meinen, weil’s eigentlich die Sarkány und net mich pudern woll’n?“ Ich musste ein sehr verdattertes Gesicht gemacht haben, als ich sie ansah, denn sie lachte hell auf. „Ja, glauben’s denn wirklich, die Kieberer hätt‘n ein Monopol auf richtige Beobachtung? Wenn man Sie ang’schaut hat, Herr Baron, war ihr Lanz’n doch schon auf Attacke, wenn die Gute nur in die Nähe kommen ist. Und sie hat sofort den wissenschaftlichen Eisblock g’spielt, nur dass Sie net seh’n, dass am liebsten gleich für Sie aus der Panier hupfert.“
„Aber warum haben’s denn dann dem Rendezvous zug’stimmt – ja es eigentlich sogar forciert?“
„Weil ich Sie und die Magissa net so kreuzunglücklich seh’n konnt. Da hab‘ ich halt ein bisserl Amourett‘ spiel’n müssen. Kommen’s nur her, Magissa Sarkány! Na los, machen’s doch schon, setzen’s ihnen hin. Diesem speziell‘n Mannsbild müssen’s außerhalb des Dienstes alles erklär‘n, was sie von ihm woll‘n. Wie zwei g’scheite Leut‘ so ung’schickt sein können! Ich überlass‘ Sie jetzt Ihrem Gulasch und dem Bier. Au Revoir!“

„Äh…“
„Nun…“
„Wenn das Gulasch nun schon bestellt ist.“
Es herrschte Schweigen, das ich dann doch brach. Ich war etwas nervös, aber ich fasste mir ein Herz.
„Samantha, bitte entschuldigen‘, aber ich hab‘ bis jetzt nur mit alten Männern zusammen g’arbeitet, nie eng mit einer – na ja, mit einer schönen jungen Frau. Das ist alles – wahrscheinlich ist es dumm von mir, aber…“
„Die alten Männer haben Ihnen nie gefallen? Also – na ja…“ Sie winkte ab. „Und ich gefalle Ihnen jetzt?“
„Ja, schon. Das ist wahrscheinlich ein wengerl blöd, weil eine Frau wie Sie…“ Ich verstummte.
„Was ist mit Frauen wie mir, Robert. Sind sie abgeblitzt, oder haben Sie noch gar nicht versucht?“
„Na ja. Also, ein Traum von einer Frau und ein Kieberer mit Bauch. Da könnten’s doch jeden hab‘n. So die richtigen Männer mit die breit’n Schultern und dem flachen Bauch.“
„Habe ich ausprobiert.“ Samantha lachte. „Die sind mehr in ihr eigenes Spiegelbild verliebt.“ Ihre Hand legte sich auf meine. „Vielleicht sollte ich einmal was neues probieren?“
Erinnern Sie sich noch an meinen Traum vom Beginn dieses Falles?
Er war ein sehr müder Abklatsch der Wirklichkeit und wurde Samantha Sorkány in keiner Weise auch nur annähernd gerecht.
Sie war – einfach wundervoll!
