(OT: Killer Frost)

IVI (keine eigene Buchnummer)

432 Seiten, TB, 2014

Mythos Academy VI

Aus dem Amerikanischen von Vanessa Lamatsch

ISBN 978-3-492-70325-3

Wie erwartet: Es geht im Finalband der sechsteiligen Serie „Mythos Academy“ ans Eingemachte – um den abschließenden Kampf Gut gegen Böse. So erfüllt sich das Schicksal der weiblichen Hauptperson, der Schülerin Gwendolyn Frost, die zum Champion der Siegesgöttin Nike erkoren wurde, und ihrer antagonistischen Gegenspieler. Allen voran natürlich der Intrigengott Loki, der aus seinem jahrhundertelangen Exil der Hölle Helheim befreit werden konnte. Er gebietet über seine menschlichen Diener, die Schnitter des Chaos, geleitet von der sinistren Agrona und Lokis Champion, der heimtückischen ehemaligen Mythos-Schülerin Vivian Holler, die schon seit mehreren Bänden erfolglos versucht hat, Gwen Frost vom Leben zum Tode zu befördern.

Im letzten Band, „Frostnacht“, wurde eher ein verzögerndes Zwischenspiel inszeniert, bei dem ein Mordanschlag auf Gwen dazu führte, dass der Bibliothekar der Akademie, Nickamedes, aufgrund einer Vergiftung mit dem Tode rang. Dies machte einen gefährlichen Ausflug zur Mythos Academy Colorado erforderlich, wo in nahebei liegenden Ruinen das einzige Heilmittel wuchs, das Nickamedes das Leben rettete. Hier lernte Gwen ihre Cousine Rory Forseti kennen, ihre Tante Rachel, erfuhr einiges über ihren verstorbenen Vater und konnte letztlich eine weitere Göttin leibhaftig kennen lernen und sowohl das Heilmittel als auch einen aus Silber bestehenden Armreif mit schimmernden Blättern erhalten. Und die Freundschaft mit den Greifen sollte man hier nicht unerwähnt lassen.

Alles in allem scheint dieser Ausflug aber nur verzögernde Wirkung zu haben, denn im vorliegenden Finalband spielt all das nur eine Nebenrolle. Fast könnte man glauben, die Autorin habe den Zyklus künstlich um einen Roman „strecken“ wollen … doch das erweist sich als Trugschluss.

Als nun der Leiter des Protektorats – also der Polizeiorganisation der magischen Welt – , Linus Quinn, sich meldet und eine größere Ansammlung beschlagnahmter magischer Artefakte zur Mythos Academy in North Carolina bringen möchte, ahnt das Gypsymädchen Gwen Frost schon, dass das nichts Gutes verheißen kann. Linus, immerhin der Vater ihres geliebten Spartaners Logan Quinn, berichtet, dass die Schnitter des Chaos immer wieder energische Anstrengungen machten, diese Artefakte wieder an sich zu bringen. Alle Verantwortlichen ahnen, dass eines dieser Artefakte also für den geschwächten Gott Loki von essenzieller Bedeutung sein muss … aber niemand weiß, welches oder warum.

Hier setzt Linus Quinn ganz auf Gwens psychometrische Gabe. Sie soll die Artefakte berühren und ihre Stärke erspüren. Das gelingt Gwen tatsächlich – das zentrale Artefakt, um das sich alles dreht, ist eine augenscheinlich völlig harmlose Kerze … aber sie merkt deutlich, dass dies die Kerze Sols ist, die pure Lebenskraft in sich speichert. Wenn Loki sie erhält, wird er genesen und dann seine volle Stärke zurückgewinnen. Etwas, was auf gar keinen Fall passieren darf! Bisherige Versuche der Jünger Lokis, dem Gott seine alten Kräfte zurückzugeben, hat Gwen bislang ja erfolgreich vereiteln können.

Gut, damit ist das Ziel der Schnitter und ihrer Führungspersonen also klar – sie werden alles versuchen, die Kerze in ihren Besitz zu bringen. Linus Quinn lässt daraufhin die Kerze scharf bewachen … und stellt sie zugleich als Köder für die Schnitter auf, um ihre Führung ein für allemal auszuschalten. Gwen hält das für einen fundamentalen Fehler, ihre Freunde ebenfalls, aber Linus hört nicht auf sie. Sie ist schließlich noch ein Teenager, nicht wahr? Champion hin oder her, der Vorsitzende des Protektorats setzt seinen Willen stur durch.

Doch wieder einmal sind ihm die Gegner einen entscheidenden Schritt voraus und nutzen eine Schwachstelle aus – sie entführen Gwens Großmutter Geraldine und stellen ein Ultimatum an Gwen persönlich: Wenn sie möchte, dass ihre Großmutter überlebt, soll sie die Kerze aushändigen.

Linus Quinn weigert sich kategorisch, diesem Ansinnen nachzukommen. Schlimmer noch, er droht Gwen mit Gefängnis, falls sie hier wieder eigenmächtig handelt. Und selbst unserer Heldin ist völlig klar, dass dies nichts weiter ist als eine sinistre Falle – Vivian Holler und dem Rest der Schnitter sind Gwens Großmutter und sie selbst völlig egal, und sie sollen so oder so sterben.

Dennoch … Gwen will ihre Großmutter nicht aufgeben. Und so muss sie einen Plan ersinnen, sowohl die Schnitter als auch das Protektorat zu überlisten, zugleich aber auch Loki zu hintergehen UND ebenso wie ihre Großmutter am Leben zu bleiben.

Klingt nach einer unmöglichen Aufgabe. Aber …

Tja, in der Tat ist der Abschlussband des Zyklus „Mythos Academy“ inhaltlich recht vorhersehbar. Es gibt diverse Konfrontationen zwischen den bislang schon ausgiebig dargestellten Protagonisten und Fraktionen, es gibt die schon bekannten intriganten Winkelzüge und erpresserischen Manöver, die vergleichsweise wenig Spielraum lassen, ebenso dann die Ausmanövrierungstaktiken, die angewandt werden, um letzten Endes doch den sicher geglaubten Fallen noch zu entrinnen.

Gleichfalls kommt es wie erwartet zum Kampf zwischen den versammelten Machtgruppen, und dabei wird wirklich übel gemetzelt, das ist nicht anders zu sagen. Hier muss man aber bei allem Respekt auch anmerken, dass die Autorin den „großen magischen Chaoskrieg“, der vermeintlich stattfindet, letzten Endes auf ein – wenn auch blutrünstiges und viele Seiten füllendes – Scharmützel reduziert, das offensichtlich allein die Mythos Academy in North Carolina betrifft, der Rest der Welt ist überhaupt nicht betroffen … ein analoges Problem hatte schon J. K. Rowling, als sie sich am Ende ihrer Harry Potter-Romane außerstande zeigte, einen vermeintlich globalen magischen Krieg wirklich als solchen zu zeichnen. Da ist in beiden Zyklen der Anspruch einfach zu bombastisch aufgezogen, die Erwartung kann am Ende nicht eingelöst werden, weswegen man das Gefühl bekommt, hier nachgerade eine Schrumpflösung zu erleben. In gewisser Weise haben wir es hier mit literarischer Rosstäuscherei zu tun.

Was indes relativ schön gelingt, das sollte auch nicht unter den Tisch fallen, das ist meiner Ansicht nach das Zusammenführen der Fäden und das finale Verknüpfen von offenen Fragestellungen. Es wird geklärt, was es mit den steinernen Figuren auf dem Campus zu tun hat (wie vermutet), es wird die Natur und die Rolle der bislang vollständig schweigenden Aufsichtskraft Raven enthüllt. Auch wird nun klar, warum der Ausflug zur Mythos Academy Colorado im fünften Band des Zyklus so bedeutsam und handlungstechnisch notwendig war. Und ja, Gwen Frost darf mit wirklich raffinierten taktischen Manövern glänzen … auch wenn sie sie fast das Leben kosten, wie man ebenfalls zugeben muss.

Es geht in diesem Band sehr viel um Freundschaft, Loyalität, Familienbande und vor allen Dingen, dies an allererster Stelle, um den freien Willen, den die Göttin Nike nicht umsonst so betont. Die Schlussvolten sind interessant dargestellt, können aber nicht wirklich grundsätzlich überraschen. Für manche Wendung hat sich die Autorin meiner Ansicht nach zuviel Zeit gelassen, die Dinge zu sehr auf die Spitze getrieben … und dementsprechend zu oft Redundanzen in die Texte eingebaut, die, wie ich gehört habe, manche Leser schon genervt haben. Ich pflegte darüber dann einfach hinwegzulesen, wenn sie zum xten Male Gwens Selbstzweifel ventilierte, ob sie denn der gestellten Aufgabe gewachsen sei, wenn wieder und wieder und wieder auf die Bösartigkeit der Schnitter hingewiesen wurde … um nur mal ein paar Beispiele der Wiederholungen zu nennen.

Besonders fatal fand ich: Da jenseits der drei Führungspersönlichkeiten auf der Gegenseite immer nur einige wenige exemplarische Mitläufer namentlich benannt wurden, blieb die Feindfraktion völlig amorph. Anonyme Schießbudenfiguren, könnte man sagen. Hier wurde einem Schematismus gehuldigt, der mich auch in der amerikanischen Außenpolitik immer schon gestört hat: Statt zu ergründen, warum ein Feind sich feindselig verhält und seine Maßnahmen darauf abzustimmen, wird einfach schiere Bösartigkeit unterstellt, kein Versuch einer Motivklärung unternommen, sondern schlicht dämonisiert. Flankiert durch die (wenig plausible und durch die Realität ständig widerlegte) Vorstellung, man könne eine Bedrohung ausschalten, indem man ihr quasi das Führungspersonal raube (ein Topos, der schon im Wilden Westen gang und gäbe zu sein schien), ergab sich hier doch eine ziemlich trübsinnige Simplifizierung des Konflikts. An Realitätsnähe ließ das leider sehr zu wünschen übrig.

Vielleicht hätte Jennifer Estep sich hier mal am britischen Beispiel der alten Bondschurken der Organisation SPECTRE ein Vorbild nehmen sollen: Eine ganze Riege von Erzschurken mit unterschiedlichsten individuellen Zielsetzungen auf verschiedenen Gebieten, die unter einer kriminellen Leitung vereint sind. Schaltet man einen Schurken aus, wächst gewissermaßen qua Stellvertreter einer nach. Auch Marvels HYDRA wäre ein entsprechend realistischerer Gegner gewesen – schlägt man einen Kopf ab, wachsen zwei nach. Estep verschenkt diese weitaus plausibleren Strukturen vollständig und setzt geradezu manisch auf die drei „Hauptschurken“, was dann in den drei hinteren Bänden des Zyklus zu einem gewissen ermüdenden Abnutzungseffekt führte.

Ja, man kann sagen, es gibt einen runden Abschluss. Aber die genannten Schwächen, die den Zyklus letztlich prägen, hinterlassen doch bei einem nachdenklichen Leser zusammen mit der Tatsache, dass Gwen Frost sich von Band zu Band mehr zu einer bedenkenlosen Schlächterin (der Bösen, die allein deshalb niedergemetzelt werden dürfen, weil sie halt böse sind und ihr nach dem Leben trachten), einen gewissen schalen Beigeschmack. Sie machte es sich schlicht zu leicht, hier auf Einseitigkeit und Dämonisierung zu setzen.

Schade. Etwas weniger Schematismus, mehr Verständnis und Tiefgang auf der Feindseite wäre zu wünschen gewesen. So ist das hier letzten Endes eigentlich nur „Popcornkino“. Einfach konsumieren, dann vergessen.

© 2022 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 13. Oktober 2022