Wie erregend doch so etwas sein konnte. Er hätte es nicht geglaubt, wenn er es nicht selbst erlebt hätte. Seufzend ließ sich Joseph in die Dschunke zurücksinken und atmete tief den faszinierend gemaserten Rauch ein, der aus den Zirkoniumbehältern strömte.

Dschunke darf man natürlich nur sinnbildlich sehen, dachte er, während sich sein Verstand vernebelte. In Wahrheit ist es eine Wiege, der Beginn des Lebens und das Ende eines anderen …

Aber was waren das für sonderbare Gedanken?

„Sie werden Anfälle haben, Mister Jyven“, hatte die Ärztin gesagt. „Sie werden glauben, wahnsinnig zu werden. Wenn das geschieht, sind Sie auf dem richtigen Weg. Bisher haben sechs Kandidaten den Weg erfolgreich beschritten. Sie werden der siebte sein, wenn Ihre Charakterprofilbögen richtig ausgefüllt waren.“

Die Barke ins Totenreich löste sich vom Kai. Joseph sah unter seiner Pharaonenmaske hervor und versuchte sich zu bewegen, aber er konnte kein Glied rühren. Sicherlich war er einbalsamiert worden.

„Wie viele waren vor mir in der Kammer?“, fragte er.

„Das ist nicht relevant.“

„Für mich“, betonte der junge, dunkelhäutige Mann aus Nigeria, „ist das SEHR wichtig.“

Blitzend blieb der Nil hinter oder unter ihm zurück. Ein Mann in langen, weißen Gewändern, die seltsam altmodisch anmuteten, kam ihm näher. War das der Fährmann über den legendären Styx?

Der Raum war nicht besonders groß, sechs Meter lang und vier Meter breit, die Decke wölbte sich – er hatte einen obszönen Vergleich im Kopf, verwarf ihn aber gleich wieder – wie eine Tonne nach oben, Wände und Decken waren einheitlich stumpfgrau gestrichen.

Das Blitzen nahm zu. Diesmal kam es allerdings von den Sternen, die in einem rasenden Tempo auf ihn zuschossen. Von einem Auffahren in den Himmel war ihm nichts gesagt worden. Die ersten Sterne schlugen rings um ihn in den Sarg ein und erzeugten Funken. Tonlos flirrten Holztrümmer davon. Die Lautlosigkeit, mit der das geschah, machte alles nur noch irrealer. Er hatte das Gefühl, nun endlich zu verstehen, was alle vor ihm gesehen hatten.

Sehen und Hören und Fühlen und alles, was er empfand, das sollte auf einmal nicht mehr maßgeblich sein. Nur noch das, was seine Gedanken als Wirklichkeit entlarvten.

„Woran erkenne ich das, was wirklich ist?“, hatte er gefragt.

„Sie hat eine eigentümliche Besonderheit … wie etwa eine Nippon-Seidenschlange, verstehen Sie?“

Er hatte vorgegeben, zu verstehen. Aber nun war ihm zumute, als würde er nichts begreifen. Er hatte Angst, denn auf einmal erinnerte er sich an die Statistiken.

„Sechshundertvierunddreißigtausendeinhunderzweiundneunzig“, flüsterte er. „Heillos wahnsinnig! Und sechs waren wieder vernünftig, als sie hier herauskamen! SECHS!“

Dann verschlang ihn die Schlange Ragnarök …

*

„Wie viel Zeit billigen Sie ihm zu, Doktor?“, fragte die Frau devot.

Sie kniete vor dem schwebenden Thron, obwohl das nicht erforderlich gewesen wäre, denn der Doktor mit seinen vier Metern war ohnehin so gewaltig, dass er auch normal stehende Menschen nicht als vollwertig betrachtet hätte.

Zischelnd sagte der Doktor: „Die übliche Spanne. Eine Stunde. Sonst reicht die Zeit nicht, um ihn zu testen und die Ergebnisse durch die Unabhängige Kommission zu prüfen. Sie dürfen nicht vergessen, wir haben acht Milliarden Menschen zu prüfen auf ihre Realitätszuverlässigkeit. Sie wissen nicht, was davon abhängt. Aber wir. Wir waren schon in viertausend Sternenreichen erfolgreich und haben die Realität durch unsere Eingriffe gefestigt. Seien Sie uns also dankbar, dass wir Sie entdeckt haben, und dass wir uns die Mühe machen, alle Menschen dieses erbärmlichen Planeten zu testen, damit nicht die raumzeitliche Instabilität auf diesen Bereich des Kosmos übergreifen kann.“

„Ja, Doktor! Danke, allmächtiger Doktor“, sagte die Frau leise. Und dies fühlte sie wirklich, denn sie war fest davon überzeugt, dass sich längst Menschen gegen diese Behandlung gesträubt hätten.

Von den Gräueltaten im Trivideo glaubte sie nichts. Das waren diese sensationsheischenden Reporter, die ihr Erlebnis mit der Absoluten Realität noch nicht gemacht hatten. Sie glaubte nicht daran, dass ein Raumschiff der Ärzte über Kapstadt abgeschossen worden war von Bantu-Rebellen, die sich dort verschanzt hatten. Und sie glaubte nicht daran, dass man Perth in einem gewaltigen nuklearen Überraschungsschlag eingeäschert hatte, weil dort eine der neu errichteten Kliniken stand, in denen zweiundneunzigtausend Wahnsinnige festgehalten wurden. Das waren Lügenmärchen. Nichts anderes zählte als die Absolute Realität.

*

Joseph Jyven taumelte, als er auf einmal auf die Füße kam. Verschwunden war der kleine Raum mit der Liege, die sich hin und herwiegte, auf der er nach der Absoluten Realität untersucht wurde.

Er stand in Finsternis, aber nicht in absoluter Finsternis. Hoch über ihm flimmerten Sterne. Ja, es waren wirklich Sterne, keine Stationen der Ärzte, wenngleich diese im Landeanflug genauso aussahen.

Verwirrt sah der Schwarze sich um. Er sah sich in der Straße stehen, in der er in Johannesburg wohnte. Langsam ging er die Straße entlang, immer auf der linken Seite, und er sah die kleinen einstöckigen Häuser, auf dieser linken Seite klein und armselig, mit abblätterndem Anstrich und schlecht schließenden Fenstern. So kamen häufig Insekten herein und infizierten die Kinder, und besonders auch die Mütter.

Wütend und irgendwie ermüdet starrte er auf die andere Seite durch den Gitterzaun, der sich in der Mitte der breiten Straße entlang zog. Verbittert dachte er, während er auf die andere Seite sah, zu den schön gepflegten Wohnvorgärten und den schimmernden Lichtern hinter den Fenstern der glänzenden Villen, in denen die Weißen wohnten, daran, dass er wohl durchgefallen sein musste.

Aber kamen nicht alle, die durchfielen, in die Kliniken? Aber wenn er gesund war … hätte er dann nichts merken müssen?

Er erinnerte sich an Kel Rogers, der als zweitausendeinundachtzigster Mensch die Kammer betrat und als erster wieder normal verließ. Rogers, ein Ire mit rotem Haar und auffallend blasser Haut, fast abstoßend blasser Haut, hatte geschlottert und die Zähne aufeinander geschlagen, er war noch blasser gewesen, als er es gewesen war, als er hineinging, und in seinen Augen stand etwas, … das man nur als Unendlichkeit bezeichnen konnte.

Mit großen, fast panisch geweiteten Augen hatte er gesagt: „ Ich habe die Welt gesehen. Großer Gott, ich habe sie WIRKLICH gesehen!“

Und jeder hatte ihm geglaubt.

Aber Joseph fühlte sich völlig in Ordnung. Die Realität war nicht aus den Fugen geraten, er hatte nur seltsame Halluzinationen gehabt, und er fühlte sich völlig normal.

Sich nachdenklich am Hinterkopf kratzend, den sein dünnes, krauses Haar bedeckte, schlug er den Weg zu seinem eigenen kleinen Heim ein, in dem Marie auf ihn wartete.

Nun erst fiel es ihm auf, wie still es doch hier war. Unnatürlich still.

Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte und kam an den weißen Gartenzaun, den irgendein Rocker aus dem Weißen-Teil der Stadt teilweise eingetreten hatte. Er hatte sich nicht getraut, das anzuzeigen, denn ein Schwarzer war es sicher nicht gewesen. Und wenn er etwas Falsches sagte, dann landete er in den Kerkern der Militärpolizei oder wurde einfach nur zusammengeknüppelt und liegengelassen. Wenn man ihn überhaupt vorließ …

„Was denke ich da …?“, flüsterte er und blieb stehen. Seine Hand, die zum Türgriff hinabgezuckt war, blieb in der Luft stehen, verharrte.

Seit die Ärzte da waren, gab es doch dergleichen nicht mehr. Keiner würde das mehr wagen. Menschen waren Menschen, das war ihm klar. Die Apartheid war schon 1996 abgeschafft worden, vor über zwanzig Jahren, als er noch ein kleiner Junge war …

Aber was war dann mit diesem verdammten Zaun?

Er schüttelte die Gedanken ab und ging in den Garten, die verwilderten Hecken entlang zum Hauseingang, und er klingelte ruhig daran.

Sie wurde aufgerissen, und Liza zog ihn heftig hinein. In ihren dunklen Augen strahlte Angst. Sie war immer noch so hübsch wie vor zehn Jahren, als er sie geheiratet hatte, allen Repressionen zum Trotz, die damit verbunden waren. Und sie sah mit fünfunddreißig immer noch herrlich aus, besonders, wenn sie besorgt war.

„Schatz …“, begann er, aber sie unterbrach ihn brüsk.

„Ich habe es immer gewusst, Joseph! Es musste schief gehen! Sie … sie haben ihn verhaftet! Botha ist so selbstbewusst gewesen, dass er es eben im Radio verkündet hat. der ANC ist verboten! Joseph, sie schlagen überall zu! Wir müssen weg, bevor die Polizei kommt!“

Joseph stand da wie vom Donner gerührt. Er hatte das Gefühl, die Welt drehe sich um ihn. Botha? ANC? Was war hier los?

„Was …?“, flüsterte er. „Wer ist verhaftet worden?“

„Mandela! Sie haben ihn gefangen genommen! Joseph! Wach doch auf! Sie sind sicher schon unterwegs zu Gwambe, um ihn auch zu verhaften …“

Draußen klangen ferne Sirenen auf. Joseph fühlte, wie er zu zittern begann. Seine Hormone pulsierten, Adrenalin jagte stoßartig durch seinen Körper.

Irreal … alles ist so … so irreal …

Dafür gab es nur eine Erklärung …

„Joseph! Mein Gott… was ist denn nur mit dir? Bitte! Wir müssen weg!“ Liza schluchzte vor Angst.

Er drückte sie weg, und seine Augen weiteten sich. „Liza … du … du bist nicht Liza …“

„Was …?“, stammelte sie entsetzt. „Joseph … komm doch zu dir …!“

Draußen vor dem Haus hielt ein Wagen. Türen wurden geknallt. Rufe wurden laut, Tritte auf dem rauhen Asphalt. Gleich würden die Polizisten hier sein, ihn zusammenschlagen und ihn wegen des Verdachts der Konspiration verhaften. Liza würden sie, damit sie auch ja nicht aussagefähig war, erst einmal vergewaltigen …

„Aber … das ist nicht meine Welt …“, flüsterte er ergriffen. War DAS die Welt, die Kel Rogers gesehen hatte? War DAS hier die Wirklichkeit?

„Aufmachen!“, schrie eine Stimme von außen. „Im Namen der Gerechtigkeit! Machen Sie auf, oder wir brechen die Tür auf!“

Liza zerrte Joseph mit sich, aber er wehrte sich, blieb stehen, und er versuchte noch immer, das Gespinst der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit zu zerreißen. Aber es gelang ihm nicht. Als die Tür aufgebrochen wurde, da erst erwachte er.

Er wirbelte herum und schrie die weißen Polizisten in ihren blauschwarzen Uniformen an: „Was unterstehen Sie sich, die Türen von Wohnungen harmloser Bürger zu zerstören? Für den Schaden werden Sie aufzukommen haben!“

Die Polizisten starrten ihn einen Moment lang an, dann sagte der Größte von ihnen, ein Baum von einem Kerl, der Joseph um, fast einen Kopf überragte und fast doppelt so breit war wie er: „Nehmt den Kerl fest. Und wenn die Schlampe sich wehrt, nehmt sie auch mit!“

Schlampe!

Joseph drehte durch. Er stürmte auf die drei Polizisten zu und rammte einem von ihnen seine Faust in die Magengrube. Stöhnend taumelte der Mann gegen die Wand.

„Joseph …!“, schrie seine Frau Liza panisch auf. „Pass auf …“

„War…?“

Die Lichtexplosion war so dicht vor ihm, dass er nicht mehr ausweichen konnte. Ein sonnenheller Schmerz durchraste seinen Unterkörper, dann fühlte er eine Gewalt, die ihn rücklings gegen die Wand schleuderte, gleich darauf, wie alle Kraft seine Arme verließ. Fassungslos rutschte er an der Wand herab, und er hörte wie in Trance den Schrei seiner Frau und das Krachen des Revolvers ein zweites Mal.

Dann ging die Welt für ihn unter.

*

Der Schmerz blieb.

Keuchend vor Pein rollte sich Joseph von dem breiten Bett und fiel zu Boden. Er war dick mit Perserteppichen ausgelegt, daher tat er sich nichts. Aber er fühlte sich, als wenn er durch Watte ging. Sein Magen war angeschwollen, und er hatte keine Ahnung, warum.

„Die Dosis war zu groß, was, Jüngelchen?“, flüsterte ein zahnloser Mann in einem grauschwarzen Kaftan. „Ein Königssohn sollte so etwas noch nicht zu sich nehmen, es könnte zu stark für ihn sein …“ Der Alte kicherte abstoßend.

Joseph sah ihn nur verschwommen vor sich.

„Wer bist du?“, keuchte er heiser. „Botha bist du nicht … der sieht noch besser aus als du …“

„Botha? Nein, das ist kein Name der finsteren Götter, deren Sprachrohr ich geworden bin, um IHREN Willen auf Erden zu verbreiten, wo SIE in IHREN Zitadellen schlafen und träumen. Denn die Träume von IHM besonders, der im steinigen, schleimigen und schwarzen R’lyeh liegt und tot dahinträumt der ertrunken ist in den Sturzseen des Meeres, als sie die steinerne Zitadelle SEINER Residenz begrub, SEINE Träume bringen den Menschen Wahnsinn und Verderben, sie lassen Leben entstehen, das kein Leben ist, und einst wird aus diesen Träumen ein Prophet des Schreckens entstehen, ich kenne heute schon seinen Namen, obwohl er erst in fast zweitausend Jahren geboren werden wird. Sein Name ist Howard Phillips Lovecraft, und er wird die Menschen für eine ganze Dekade in ein Zeitalter der Finsternis und des Schreckens werfen … eine IHRER Dekaden natürlich, die mit menschlichen Maßstäben nicht mehr zu messen ist.“

„Wer zum Teufel bist du?“, stöhnte der Schwarze, der auf einmal bemerkte, dass seine Haut die Farbe von Milchkaffee hatte, als wenn er kein reiner Schwarzer mehr war. War er denn das nicht? WAS war er dann?

„Hihihi … nenne mich den Wüstenwind, nenn mich AL AZIF, doch so solltest du mich besser noch nicht nennen, denn es ist noch nicht fertig, aber nur noch wenige Tage fehlen an der Fertigstellung, dann ist es soweit … viele Menschen und andere Wesen aus Shaggai und von nirgendwo haben mich beschworen, es nicht zu tun, es nicht zu schreiben, aber es ist dieses Gefühl von MACHT, das dieses BUCH hervorruft …“

Sein Gerede verlor sich in stammelndem Gefasel.

„Aber WER bist du? Und … und wer bin ICH? Und was ist dies für ein Ort?“, stieß Joseph hervor, dessen Schmerzen sich allmählich wieder verringerten.

„Oh, dies ist ein Ort wie jeder andere, ein Ort in der Wüste des Arabian Desert, wie sie dieses Gebiet einst nennen werden … wir sind in den Oberflächenkatakomben der Stadt Irem, der Stadt der Säulen, in denen ich einst mein Grab finden werde, denn das stand zwischen den Zeilen geschrieben … hihihi …“

Er sah Joseph verschlagen an und fragte dann betont leise: „Ihr … habt Schmerzen? Im Unterleib …?“

„Ja“, gab Joseph unbehaglich zu, der sich immer ungemütlicher fühlte und diesem schaurig aussehenden Alten in seinem zerlumpten Kaftan kein Wort glaubte von dem, was er da in altertümlichem Arabisch, das er seltsamerweise beherrschte, hervorstieß.

„Komm, Jüngelchen, nimm diese hier …“ Er hielt dem Farbigen eine Phiole aus rauchigem Glas hin, in dem etwas kalt vor sich hindampfte.

Misstrauisch nahm Joseph es in die Hände und ließ es beinahe fallen, denn es war arktisch kalt.

„Trink, mein Sohn“, hechelte der alte Mann.

„Was … passiert dann?“

„Es wird dir besser gehen … besser als je zuvor …“

Immer noch skeptisch kostete er den Trank. Doch kaum hatte er ihn an die Lippen gesetzt, da war der Alte schlangengleich bei ihm und kippte die Phiole in seinen Rachen. Eine kosmische Kälte raste seinen Hals hinab, und er wollte schreien, aber er konnte nicht. Er war wie gelähmt und fiel schwer auf den Boden zurück. Mit weit geöffneten Augen starrte er Abdul Alhazred an, der näher kam und ein Messer auf einmal in seinen Händen hielt, mit dem er ihm die Kleidung vom Körper schnitt.

„Es geht doch nichts über einen schönen Zauber“, kicherte er. „Immerhin steht es so in meinem zukünftigen Buch geschrieben, es braucht einen fachkundigen Einband, weißt du, etwas Edles, nicht so etwas Profanes wie Wildleder oder gar so etwas Obszönes wie Ochsenhaut, nein, dazu braucht es einen Stoff, der die Ewigkeit überdauert, weißt du? Sei geehrt, mein Sohn, es ist eine große Ehre, IHNEN zu dienen auf diese Weise, du wirst unsterblich werden … wenn du auch zugegebenermaßen selbst nicht mehr viel davon haben wirst, es sei denn, SIE trachten danach, deine Seele darein zu implantieren … du wirst bei vollem Verstand sein, mein Jüngelchen, bei vollem Verstand, und die Angst wird dir schier den Verstand ausbrennen, und das wird es sein, zusammen mit den wunderbaren Schmerzen – lass dir versichert sein, ich werde dir wunderbare Schmerzen bescheren, Schmerzen, wie du sie noch nie gefühlt haben kannst – , die das Buch noch schöner und noch viel mächtiger werden lassen …“

Und damit strich er gierig über seine glatte Haut, und Joseph begriff …

*

„Die bisherigen Ergebnisse bestätigen das, was die Prokognosten uns sagten“, meinte der vier Meter große, schlangenköpfige Außerirdische, die aus einem System kamen, das sie selbst als Gyal bezeichneten. Ob sie die Wahrheit sprachen, konnte keiner außer ihnen wissen.

„Er ist es?“

„Er ist es. Er ist der Schlüssel zur ultimaten Matrix der Wirklichkeit.“

„Aber WARUM ist gerade ER es?“

„DAS ist herauszufinden.“

*

Das Heulen warf Joseph reflexartig zu Boden. Es war ein rauher, steiniger Boden. Wie Asphalt, nur zersplittert und mit Trümmern bedeckt.

Die Rakete jagte weit über seinen Kopf hinweg und zertrümmerte einen ganzen Häuserblock, kaum fünfhundert Meter straßenabwärts. Die gesamte Downing Street lag in Schutt und Asche, und er wusste, das würde so weitergehen. Wenn er nur endlich sein Ziel erreichte …

Er taumelte aufwärts und rannte die zertrümmerte Straße entlang, vorbei an den Schaufenstertrümmern der Geschäfte, den verbotenen Vorgartenzäunen mit den altertümlichen Staketen, vorbei an den Kratern, die in die Oberflächen gerissen waren. In Häuserwänden gähnten zerrissene Löcher, Ziegelsteine, Ofenteile, Holztrümmer und Knochen lagen auf der Straße verstreut.

Er bog in die Stuyvesant Road ein und nach einigen hundert Metern in die seltsam verkürzt wirkende Portobello Road. Über die Trümmer einer eingestürzten Häuserwand, unter der das Gerippe eines Pferdes lag, das einst eine Droschke gezogen hatte, erreichte er schließlich eine einstige Bäckerei und klopfte am ebenerdigen Fenster.

„Die Parole heißt: Realität ist Traum!“, sagte er leise.

„Nimm die Rampe“, wurde ihm zugeraunt.

Er eilte zehn Meter weiter und rutschte die ebenerdige Rampe zu dem Fenster hinab, das normalerweise dazu diente, das Mehl, das von den Droschken abgeladen wurde, in den Lagerraum im Keller der Bäckerei hineinzubefördern. Nun öffnete sich das Tor, und er glitt in den Raum hinein. Hinter ihm wurde die Tür aus zollstarken Metall- und Holzplatten wieder geschlossen und verriegelt.

Drei Männer umstanden ihn.

Joseph hatte das Gefühl, schon wieder in einem Alptraum gefangen zu sein, aber diesmal hörte er ruhig zu, was die anderen sagten und was er sagte, während er die Lage analysierte.

„Joseph! Du bist der sechste, nein, der siebte, der hier aufgetaucht ist. Hast du etwas in Erfahrung bringen können?“, fragte ein schwarzhaariger Mann mit geschlitzten Mongolenaugen. Es war Sun Chi, der dritte Mann, der durch die Traumkammer gegangen war.

„Allerdings, Sun“, gab er zu. „Diese Prozedur mit der Schaukel und den Dämpfen ist alles nur Schau.“

„Das hatten wir uns gedacht“, nickte Ulf Genthor, ein blonder Skandinavier, der als vierter den Weg benutzt hatte und dessen weltbewegende Worte, als er die Kammer verließ, genauso zerrüttet wie alle vor ihm, gewesen waren: „Diese Farben! Gott, hättet ihr nur diese FARBEN gesehen! Wie blind wir doch alle hier sind!“

Keiner hatte Näheres erfahren, denn er war sofort nach Oslo hinaufgeschickt worden, um dort die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Die Ärzte hatten zuvor alle Menschen aus dem Gebäude entfernt, nur noch Roboter betreuten den Auserwählten.

„Aber das erklärt natürlich nicht alles, was wir erlebt haben. Sind es alternierende Wahrscheinlichkeiten? Sind es Wunschwelten?“

„Es ist mit Sicherheit nie mein Wunsch gewesen, dass meine Haut als Einband fürs NECRONOMICON missbraucht wird“, warf Joseph ihm heftig vor. „Und Lovecraft habe ich nie gelesen!“

„So geht es uns allen“, nickte Gordon Bancroft gelassen.

Er war aus Brisbane und war der zweite gewesen, der durch die Tür in die anderen Realitäten hinausgetreten und wieder eingetreten war. Er war ein glatzköpfiger Mann mit einem starken, ungebändigten Bartwuchs, aber der Bart sah nun verwildert aus, weil in dieser Realität kein Strom bekannt war. Die Raketen, mit denen die Nazis in diesem Jahr 1948 England beschossen, waren noch immer reine Feststoffraketen, nicht mit Elektronenstrom angetrieben. Es gab nicht einmal Fernsehen oder Radio – nur so ließ sich erklären, dass sich das rechtsfaschistische Weltreich so langsam entwickelte.

„Nur kommen wir im Gegensatz zu dir absolut nicht voran“, fuhr Bancroft fort. „Wir haben es mit den unterschiedlichsten Methoden versucht, die am meisten Erfolg versprechende bei mir war die Goldfixierung, aber auch das hat inzwischen versagt. Man konnte soviel Golddollars auf mich herabregnen lassen, es hat nichts geholfen. Diese Schale der Realität ist zu hart für mich.“

„Auch Zen hat mich nicht weitergebracht“, gestand der Chinese. „Und doch habe ich das sichere Gefühl, dass uns diese Richtung weiterbringt. Die Religion.“

Religion …

Die Nippon-Seidenschlange …

Joseph schrie auf, und er sah, wie sich um ihn herum etwas veränderte.

„Ihr seid nicht wirklich!“, schrie er. „Es gibt euch nicht … ihr … ihr seid alle falsch … falsch wie die Schlangen!“

Und dann wurde die Haut in ihren Gesichtern dünn wie Reispapier oder wie … wie dünne Seide.

Und zischelnd und raschelnd zerbarsten die Hüllen, die Wände und die Decke des Gewölbes weiteten sich, um die riesigen Körper der Ärzte aufzunehmen.

Joseph schrie und schrie und schrie, während die Haut zerfetzt wurde und die Schlangenschädel aus den Rümpfen hervorschossen.

Und dann zerriss der Schmerz Josephs Schädel.

*

wispern … wispern … seltsame laute wurden hörbar, für einen kurzen augenblick war die unwirklichkeit besiegt und die wirklichkeit schimmerte hell durch das nichts … aber josephs geist war nicht bereit dafür … er verweigerte die aufnahme der lebenswichtigen informationen … dabei war doch alles so einfach … die nippon-seidenschlange sagte doch so viel aus … sie war das aussagekräftigste gebilde gewesen, das erlaubt werden konnte …

Joseph schreckte aus dem Halbschlaf auf. Er lag in einem schmalen Metallbett. Das weiß gestrichen war. Weiße Bezüge und ein leichter Geruch nach Karbol erhöhten den Eindruck, dass es sich um ein Krankenhaus handeln musste, denn auch die Wände waren weiß. Zwei Bilder hingen im Saal. Eins direkt an seinem Fußende, gegenüber der Wand, an die er nun mit der Hand fassen konnte, wenn er wollte.

Ansonsten war der Raum nüchtern und kahl eingerichtet. Die Decke war weiß gekalkt, der Boden mit grauem Linoleum ausgelegt, das rissig und fleckig wirkte, als wenn es sehr alt war. Das Fenster war links von ihm, ein breites Fenster mit einem wesentlich breiteren Fensterbrett aus massivem Stein, zumindest sah es so aus, aber Joseph war sich sicher, dass das ein Imitat war. Wie alles hier ein Imitat war. Alles, auch das schlierige Fenster, hinter dem die Sonne hell schien und alles schonungslos dem Schatten entriss.

Joseph kicherte, und dieses Kichern hatte einen leicht hysterischen Unterton. Er merkte auf einmal, dass seine Gedanken sich alleine bewegten, er brauchte gar nichts dazu zu tun.

Sie wanderten wild durch die Gegend, und immer wieder kam ihm diffus eine Nippon-Seidenschlange in den Sinn, die er weder genau sehen noch erklären konnte. Er war sich sicher, dass er so etwas noch nie in seinem Leben gesehen hatte, mehr noch, dass so etwas nie existiert hatte.

Nippon, das war nur eine Fiktion. Japan, das Land, das einst so geheißen hatte, war 1952 im Endgültigen Krieg mit den Vereinigten Staaten mittels Atombomben zu einer radioaktiv verstrahlten Wüste geworden. Die Amerikaner hatten Hilfe aus der Zukunft gehabt, gut, aber sie waren grausam enttäuscht worden. Denn die Amerikaner aus der Zukunft, die auf der Flucht vor einem pazifischen Großreich gewesen waren, hatten auf ihrer Welt die Realität nicht verändern können. Ihre Welt, wo Japan die USA besetzte, war Realität geworden, nur zu einem Alternativweltstrom, den sie nie mehr erreichen konnten, weil sie nun auf DIESER Welt gefangen waren, einer besseren, als es ihre jemals hätte werden können.

Lächelnd sah Joseph auf das Bild, das direkt vor ihm hing. Picassos BLAUE ERDBEEREN. Ein wundervolles Bild, das er immer gemocht hatte. Es war das letzte der Abstraktionsphase gewesen, bevor er sich in den Tod hinüber versetzt hatte, weil er die Realität dessen anzweifelte, was er sah.

In seinem letzten Abschiedsbrief hieß es unter anderem: „Diese Welt, die meine Bilder, diese Abstraktionen von Gedanken, die kein Mensch je verstehen wird außer mir, zu verstehen vorgibt, diese Welt wird mich nicht vermissen, denn es ist eine Welt von Lügnern. Keiner kann meine Werke verstehen, denn wir leben nur in einem Traum eines wahnsinnigen Gottes. Ich werde daher diese Realität verlassen, um in das überzuwechseln, was ich für die wahre Realität halte.“

Er hatte den Weg gewählt, direkt von seinem Hausdach die fünfzehn Stockwerke auf das Steinpflaster des Rue Saint Mont-Platzes zu springen. Und natürlich war er tot gewesen. Ob er nun die Realität gefunden hatte, würde sich nicht mehr feststellen lassen.

Das zweite Bild in Josephs Krankenzimmer zeigte einen abgeklärten, hageren Mann mit engem, schwarzem Anzug und vor dem Leib verschränkten Händen, in denen er einen Zylinder und einen Spazierstock trug. Der Mann mochte etwa Vierzig sein, und er hatte ein rundliches Gesicht, sein Haar wich schon deutlich zurück. Es war dunkel, mehr war nicht zu erkennen, da das Bild fast zehn Meter entfernt auf der rechten Zimmerseite hing, direkt links neben der Tür. Aber auch so erkannte Joseph, dass der Mann einen ausrasierten Bart besaß.

Er wusste, dass dieses Bild Sigmund Freud zeigte, der als einer der ersten das Opfer seiner eigenen Psychoanalyse geworden war. Er hatte sie von seinem Assistenten auf sich anwenden lassen, und dabei war erkennbar geworden, dass er ein zutiefst psychotischer Mensch war. Man hatte ihn in sein eigenes Wiener Sanatorium eingewiesen, wo er zwölf Jahre später in geistiger Umnachtung gestorben war.

Sein Assistent hatte angeblich nach dem Ableben seines Vorgesetzten auf eine Frage, woran er denn erkannt habe, dass sein Vorgesetzter geistig verwirrt sei, geantwortet: „Er hat immer gesagt: ‚Der Würfel, Henri, er hat nicht sechs Seiten, sondern acht. Von den Rundungen dazwischen ganz zu schweigen. Er ist vierdimensional, vielleicht sogar fünfdimensional.’“

Das hatten die Reporter so hingenommen und es ihm geglaubt.

„Natürlich ist das ein Grund, ihn für verrückt zu erklären“, sagten sie. „Ein Würfel mit acht Seiten …“

„Oh“, hatte der Assistent gesagt. „Das hätte ich ihm schon geglaubt, er war immer schon ein Genie. Aber mein Name war nicht Henri, er ist immer schon Franz gewesen! Daran erkannte ich ihn.“

Das Ergebnis war, dass man ihn ebenfalls in die Heilanstalt einwies, wo er bis Ende seines Lebens angeblich Visionen hatte.

Joseph lachte, als ihm diese Episode wieder einfiel. Sie wirkte so völlig abstrus. Abgesehen davon wusste er ja, dass Freud keineswegs verrückt gewesen war. Sein Assistent ja, aber er nicht. Er war sehr alt geworden und erst 1964 verstorben, im weisen Alter von fast hundert Jahren.

Die Tür öffnete sich, und ein Mann trat herein, etwa fünfzig Jahre alt, mit dunklem Haar, das schon graue Strähnen durchzogen. Über der Stirn wölbte sich das Haar nach vorne fast ins Gesicht. Ein kurz zusammengestutzter, grau angelaufener, ebenfalls dunkler Schnauzbart ließ ihn direkt wie eine Slapstickfigur aussehen. Er trug einen braunen Lodenmantel und dunkle, fast khakifarbene Hose mit darunter stramm sitzenden Armeestiefeln, lackschwarz eingerieben. Dennoch machte er auf Joseph keinerlei Eindruck.

„Typisch!“, zischte der Mann, der die Tür hinter sich zuschlug, als verachte er sie. „Das Judenpack machte es sich auf den besten Plätzen breit, ich hätte sie doch alle ausrotten sollen! Mach gefälligst Platz, Untermensch!“

„Wenn Sie der Doktor sind, haben Sie Ihre Tasche vergessen“, sagte Joseph, der dem Lachen nahe war.

„REDEN SIE MICH NICHT SO AN!“, brüllte der kleine Mann ihn an. „ICH BIN DER FÜHRER DES GROSSDEUTSCHEN REICHES! ICH – ADOLF HITLER!“

Joseph Jyven, der inzwischen gemerkt hatte, dass seine Haut noch mehr an Farbe verloren hatte, kicherte amüsiert. Diese Realität war schon direkt nach seinem Geschmack. Endlich etwas ohne Gewalt und Mord und Totschlag …

„Hitler!“, stieß er hervor. „Machen Sie noch so einen Witz! Sie sind Charlie Chaplin, das sieht man doch sofort! Hitler alias Hüttler wurde in diesem Universum, in dieser Realität, gerade einmal anderthalb Jahre alt, dann starb er an Polio. Also geben Sie mal nicht so an. Was immer Sie sein wollen, DAS sind Sie jedenfalls nicht!“

„Sie … Sie sind verrückt, Jude!“, flüsterte der Führer. „Sie sind im Krankenhaus in Treptow in Berlin, und Ihr Gott Jehova hat Sie verlassen! Sie sind völlig alleine. In ganz Großdeutschland steht keine einzige Ihrer verderbten Synagogen mehr, überall herrschen nur noch der Blitz und der Donner und die nordische, die arische Herrenrasse. Für Sie und Ihresgleichen gibt es nur noch das Krematorium, das Höllenfeuer!“

Das Flüstern klang wie eine Furcht erregende Beschwörungsformel, und Josephs Zuversicht bröckelte. Er wusste, dass es dieses Wesen hier nicht geben durfte.

Das Wissen, was er hatte, woher auch immer, sagte ihm zwar dass man hier das Jahr 1944 schrieb und er sich auch in Deutschland aufhielt, aber es war ein Deutschland, das keinen Weltkrieg angefangen hatte, eben weil Hitler so früh gestorben war. Im Gegenteil, unter einem neuen wichtigen Kanzler namens Brandt hatte es vor zwei Jahren angefangen, sich mit den übrigen europäischen Staaten zu vereinen, und das war alleine auf seine, Josephs, Bestrebungen zurückzuführen, denn er wollte die Barrieren diese Nationen niederreißen und sie zu einem einheitlichen Machtgebilde schweißen.

„Alle Kirchen sind eingerissen, der Papst ist in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden, genau wie Sie … denn Religion ist eine Krankheit, wissen Sie … das wissen Sie doch genau! Man hat Sie nur hierher gebracht, damit Sie gestehen und das im öffentlichen Arier-Welt-TV bekannt geben, damit es auch der Moloch Amerika hören kann!“

Religion ist eine Krankheit.

Religion ist das Schlüsselwort.

Das Kreuz.

Die Schlange.

Die Nippon-Seidenschlange …

Joseph fühlte auf einmal die Unwirklichkeit mit der Gewalt eines Wirbelsturmes näher kommen. Die Fensterscheibe barst in Millionen Splitter, und Joseph schrie auf einmal auf, er schrie es dem Mann ins Gesicht, der Hitler hieß und doch nicht.

„Du bist es nicht! Du bist eine Larve in ihrem Fleisch! Du bist eine Schlange von vielen! Einer von IHNEN! Du bist der Feind, der kein Feind ist, der, der Unrecht getan hat! Ich will dir vergeben, wenn du sühnst! Knie nieder und bitte um Vergebung, und ich will dir Erlösung zuteil werden lassen …“

„Nein!“, schrie der Mann gellend. „NEIN! Du bist der Satan! Du bist Loki, der Vater der Lügen! Ich glaube dir nicht! Ich glaube dir nicht …!“ Und er hatte auf einmal eine Waffe in der Hand und setzte sie sich an die Brust und drückte ab.

Der Knall der Waffe warf Joseph gegen den Strom der heißen Sturmluft und riss ihn hinfort.

*

„Wir kommen immer näher“, zischelte der Generalkoordinator.

„Erstaunlich, das Potential dieses Menschen. Er ist nun schon vierzig Stunden im Simulator, keiner hat je solange ausgehalten. Wie viele Welten haben wir schon abgesucht?“

„Millionen?“

„Milliarden! In allen Realitätsebenen und in allen uns bekannten und zugänglichen Realitätszeiten. Stets haben wir SEINE Spur verfehlt. Er war da, aber wir haben ihn nicht bekommen. JETZT könnten wir ihn haben!“

„Unsterblichkeit hat auch ihre Nachteile“, gab der eine Schlangenarzt seufzend und zischelnd zu.

„Man lernt nie aus, Abaddon“, tröstete ihn ein Kollege. „Du gehörst nur halb zu uns, aber im Geiste bist du einer der unseren. Diesmal haben wir ihn, verlasse dich darauf.“

„Wie oft habe ich das schon gehört?“, murmelte Abaddon und sah aus dem Fenster auf die glühende Welt unter ihnen. „Wie oft in all den Jahrmilliarden?“

Und er wusste es nicht.

*

flüsternde stimmen raunen ihm zu, worte ohne sinn und verstand, aber er weiß, dass sie ihm etwas zu sagen haben, sie haben eine bedeutung, und das wichtigste symbol ist die schlange, die nippon-seidenschlange, ein symbol, as noch nicht existiert, aber bald existieren wird, existieren muss, wenn nicht eine weitere schlacht verloren gegeben werden will. schon so oft ist die schlacht verloren worden, so oft wurde gekämpft ohne sinn und ziel, und doch wurde der sinn hinterher sichtbar, so erschreckend sichtbar …

Joseph stand auf einer Ebene, und er sah um sich herum.

Er lächelte nicht. Sein Raumanzug funkelte in der rötliche, glosenden Dämmerung. Er wusste selbst, dass dies das Ende war. Er war zu weit gegangen. Viel zu weit. Er musste zurück, denn das war noch nicht geschehen. Diese silbernen Pilze, die aus dem All herabsickerten, sie gab es noch gar nicht, nicht diese Schlangenwesen, die von den Sternen kamen, um die Erde zu besetzen. Diese Erde und die nächste und die nächste, vorwärts und rückwärts durch die Zeit walzend, diagonal und waagerecht in allen Ebenen nach rechts und links, eine Alternativwelt nach der nächsten einnehmend.

Es war so sinnlos, so unmöglich.

Sie hatten keinen Grund dafür, noch nicht einmal das menschliche Motiv Machtgier, denn so etwas sollten sie eigentlich nicht kennen.

„Kennen sie es wirklich nicht? Du hast dich weiterentwickelt, aber, wie zu erwarten war, nicht zu deinem Vorteil“, flüsterte Joseph, der auf einmal wusste, dass das nicht sein voller Name war, schon gar nicht sein wahrer. Wenn er je einen Namen gehabt hatte. Es waren eher tausend gewesen. Und auch die Falle, die ihm die Schlangenwesen gestellt hatten, war lächerlich. Er wusste, dass er ihnen entkommen würde, dass er ihnen entkommen war.

Auf dieser Welt.

Auf tausend anderen Welten in tausend oder hunderttausend anderen Alternativsträngen von hier aus gesehen.

„Erkennst du nicht MEINE Gewalt?“, fragte er seufzend. „Nun, dann werde ich es dir zeigen müssen.“

*

Joseph erwachte übergangslos in der Glaskapsel, in die sich die Wiege verwandelt hatte. Etliche Kanülen und Schläuche waren in seine Körperteile eingeführt worden, und einige Anschlüsse taten wirklich weh. Er blinzelte in das grelle Licht, das ihn blendete.

„Bitte … bitte … was ist denn passiert? Wo bin ich? Bin ich wieder … zurück … zurück in der Wirklichkeit …?“

„Du bist zurück, Joseph Jyven. Aber du wirst nie deine Aufgabe ausführen können“, sagte das vier Meter große Schlangenwesen.

„Warum … warum nicht? Komme ich in einen Internierungsblock? Bin … bin ich wahnsinnig? Warum merke ich nichts davon?“, flüsterte der Farbige weinerlich.

„Sieh!“

Joseph Jyven sah auf einen runden Holobildschirm, der auf einmal aus dem Nichts erschien. Er sah eine Erde vor sich, die er als solche nicht wieder erkannte. Es hätte eher der Merkur sein können, eine brodelnde Lavaoberfläche, kochende Meere und ein wildes, kakophonisches Brausen, Brodeln und Kochen unter ihm, wie er es noch nicht gesehen hatte.

Die Welt verbrannte und verkochte unter ihm, und er blieb seltsam teilnahmslos, obwohl es seine Welt war, obwohl da unten Liza verbrannte und seine drei Söhne, alles noch kleine Bälger von zwei bis sechs Jahren.

„Warum?“, flüsterte er. „Warum musstet ihr das tun? Dazu bestand kein Grund.“

„Wir haben alles, was wir wollten, Joseph Jyven!“, sagte der Schlangenarzt, der vor ihm stand, kalt. „Wir haben das wichtigste Wesen dieser Realzeit, dieser Wirklichkeit vor uns!“

„Ach ja?“, fragte er mit ätzendem Spott in der Stimme.

„Ja!!“

„Und wer“, fragte der Farbige, dessen Haut auf einmal so eigentümlich aufhellte, „bin ich in euren geschlitzten Pupillenaugen?“

„Gib dich zu erkennen! Die Religion hat dich entlarvt. Endlich wissen wir, wer du bist!“

Joseph sah ihn kalt an.

„Nenne dich doch beim wahren Namen, Joseph von Arimathia! Oder nenne dich Messias oder Heiland!“, stieß der Schlangenartige hervor. „Nun bist du in unserer Hand!“

ach wirklich?, flüsterte eine amüsierte Stimme im Raum.

Die Schlangenwesen starrten um sich und versuchten, den Sprecher zu erkennen, der aber nicht ersichtlich war. Es schien, als spreche die Stimme aus drei Richtungen gleichzeitig.

ihr habt nichts. gar nichts.

„Wir haben DICH!“, schrie einer der Schlangenmänner und richtete eine gläserne Waffe auf den sitzenden Joseph Jyven, dessen Name so austauschbar war wie ein Dominostein, ein Name, wortwörtlich wie Schall und Rauch.

ich sagte: ihr habt nichts.

nur leere luft.

Die Anschlüsse polterten zu Boden, und der Sitz war von einem Moment zum nächsten leer. Völlig leer.

der, den ihr sucht, ist schon lange nicht mehr hier, seit mehr als tausend jahren nicht mehr. ihr fangt nur schatten. sucht weiter … ihr könnt ewig suchen. vielleicht habt ihr beim nächsten mal mehr glück …

Amüsiertes Gelächter hallte durch das Schiff, und es wurde immer lauter, bis es durch den gesamten Kosmos hallte. Aber es blieb ein gutmütiges Lachen, bar jeden Hohnes. Und das war nicht einfach, solch ein Lachen zu lachen.

Es war überhaupt nicht einfach, zu lachen.

Epilog:

Sanft ruhte der Blick des Mönches auf dem Schrein, und er war sich sicher, dass er damit ein kleines Meisterwerk geschaffen hatte.

Der Mann, der hinter ihm eintrat, erfüllte den knienden Mönch mit unsagbarer Kraft, ohne dass er ihn auch nur berührte.

„Eure Heiligkeit …“, flüsterte der Mönch devot.

„Bleib, Sun-Loi“, sagte der Mann und kniete an seiner Seite nieder.

„Dies ist wunderschön“, sprach er weiter und sah den Mönch aus seinen unergründlichen, schwarzen Augen an, die wie die seinen leicht mandelförmig waren. „Das ist es, was er mir gab, ein Bild im Geist, ein Bild der Nippon-Seidenschlange. Sie soll das Zentralbild unserer neuen Religion sein. Die Gläubigen werden verstehen. Alle Götter sind eines. Und jedes Symbol ist gleich gut dazu geeignet, das Zeichen der Ewigkeit zu sein. In diesem Zeitalter ist es die Nippon-Seidenschlange.“

Der Mönch fühlte sich, als wäre er erleuchtet worden. Der Messias, der Prophet der Schlange, hatte ihn erhellt, und er hatte eine tiefere Weisheit ausgesprochen, eine von vielen, die noch folgen würden.

Devot fragte der Mönch: „Herr …“

„Bitte – nenn mich nicht Herr! Nenn mich Shen-Yan, wie es alle tun! Ich bin als Mensch auf Erden, und als Mensch werde ich leben und vielleicht auch sterben.“

„Ehrwürdiger Shen-Yan … wisst Ihr, wie lange dieses Zeitalter dauern wird?“

Der Heilige lächelte und sah auf die sich vor ihm ringelnde Nippon-Seidenschlange auf dem Shinto-Schrein. Dann sagte Jesus/ Buddha/Jehova/Manitou/Amun/Seth/Jahwe/Amaterasu-/Shen-Yan/Ghaal/Uun-Qua/Zssh’cay/und wie immer er noch heißen mochte, denn er hatte wahrlich tausend und mehr Namen in allen Welten und Zeiten und Wirklichkeiten, ruhig: „Dieses Zeitalter, mein Freund, es wird lange dauern. Sehr lange. Und es wird manche Belastungsprobe geben. Aber letztlich wird doch die Gerechtigkeit siegen.“

Sie würde immer siegen.

Aber die Gerechtigkeit war, wie alles auf der Welt, relativ und reine Auslegungssache.

Außerdem durfte man nichts unversucht lassen, die Schafe wieder in den heimatlichen Stall zurückzuführen. Immerhin waren Luzifer, Abaddon und die anderen Engel/Schlangen nur durch einen dummen Zufall aus dem Himmel verstoßen worden.

Das würde schon wieder werden.

Sie hatten alle Zeit.,

Alle Zeit aller Welten aller wahrscheinlichen Kosmen.

Irgendwann wuchsen alle Risse wieder zusammen.

Irgendwann waren Himmel und Hölle eins.

Denn so war es immer gewesen, so würde es immer sein.

Amen.

ENDE

© 1990 / 2011 / 2026 by Uwe Lammers

Gifhorn, 3./4. September 1990

Abschrift: Braunschweig, den 25.-27. März 2011

Nachformatiert für WORLD OF COSMOS: Braunschweig, den 30. September 2026