Februar 2086
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Raumschiff TAL II, im Orbit um Archetz.

Ein rothaariger, smaragdgrüner Wirbelwind donnerte durch die Gänge der TAL II und warf alles zu Seite, was ihr in den Weg kam. Ushilla war 169 Zentimeter groß, hatte beinahe eben so breite Hüften, einen flachen, aber umfangreichen Busen und im Moment eine ziemlich tiefe, steile Falte im Gesicht. Sie war sauer, sie war in der Pubertät und jetzt war sie auf dem Weg zum Patriarchen. Zu Talamon, ihrem Vater. Erst im Vorzimmer wurde sie aufgehalten, von der einzigen Person, die es wagte, sich der wütenden Ushilla in den Weg zu stellen, ihrer Großtante Pachaga.
„Setz dich!“ Die ältere Frau mit den grauen Strähnen im roten Haar und den zahlreichen Fältchen um Gesicht brachte es fertig, mit ihren nur 126 Zentimetern Größe eine innere Kraft und Bestimmtheit in die Worte zu legen, dass Ushilla murrend, aber doch gehorchte.
„Dein Vater ist gerade in einer Verhandlung, da wird nicht gestört“, befahl sie. „Die Sippe geht vor dem Einzelnen! Und jetzt Ruhe!“ Und Ushilla schwieg tatsächlich.
Pachaga war die Frau des Patriarchen Talmikon gewesen, des Bruders von Talamons Vater. Nach dem Tod des alten Patriarchen in der Schlacht um Akalim III gegen die dort angreifenden Fremdwesen hatte sich Talamon als neuer Chef der Sippe durchgesetzt und seither zum größten Teil Aufträge für das Kristallimperium ausgeführt, kleinere Scharmützel, Piratenjagd und Geleitschutz, um die Lücken, die Akalim in die Reihen der Familien gerissen hatte, wieder zu füllen. Die Infanterielandung hatte damals die Sippe schwer dezimiert, die Fremden waren überraschend stark gewesen und hatten sich bereits in befestigten Stellungen verschanzt. Vom Raum wären diese Stellungen nur unter großen Verlusten der einheimischen Bevölkerung zu zerstören gewesen, das wollten sowohl der Auftraggeber, die Akalimi, als auch Talmikon und seine Sippe vermeiden, denn von Toten konnte man keine Bezahlung mehr erwarten. Außerdem war da noch der Vertrag, Einheimische nach Möglichkeit zu schützen, und Talmikon war Mehandor. Auch, wenn der Gegner stärker als erwartet war, gab es keine Möglichkeit, sein Wort zu brechen.
Also führte der Patriarch damals seine Fußtruppen selbst an, als sie zum Sturm auf die besetzte planetare Hauptstadt ansetzten. Der Feind hatte große, mit natürlichen Rückenpanzern ausgestattete Soldaten ins Feld geführt, eine metallisch schimmernde Struktur, die selbst einem Thermostrahler widerstehen konnte, man musste den knapp über dem Boden liegenden Bauch oder den Kopf treffen. Anfangs dachte man noch, es handele sich um Insekten, denn die sechs Beine kannte man nur von solchen Lebewesen, doch der Vergleich hielt nur oberflächlich stand. Es hatte auch später niemand eine vergleichbare oder auch nur entfernt verwandte Spezies gefunden. Sie kamen nur auf dem Planeten einer ziemlich einsamen Sonne vor, der dem Sternhaufen M13 spinwärts, also in der Drehrichtung der Galaxis, vorauseilte und irgendwann von Thanthur Lok eingeholt werden würde. Talmikon hielt sich mit solchen Überlegungen allerdings nicht lange auf, er nannte die Fremden einfach ‚Käfer‘, und er kannte nur ein Ziel – die Fremden von Akalim zu vertreiben! Die Akavar-Sippe hatte nicht wenig Geld dafür bezahlt, und er gedachte, seinen Auftrag zu erfüllen oder zu sterben. Es gelang ihm beides. Nun, das war eben Söldnerlos, das gewaltsame Ende seines eigenen Lebens war der stetige Begleiter einer jeden Person, die ihr Geld mit Kampf und Krieg verdiente, der Tod flog immer mit. Und Talmikon war sicher lieber im heißen, sengenden Strahl einer Energiewaffe gestorben, statt langsam im Alter dahin zu siechen.
Von den erwachsenen Männern der Familie Talmikons waren nur sein Sohn Taltomir und sein Neffe Talamon übrig geblieben, und sie hatten einen Kampf mit stumpfen Messern vereinbart. Ausnahmsweise, denn die Sippe konnte einfach keinen weiteren Verlust mehr vertragen. Die Kampfflotte war ohnehin nur noch minimal besetzt, und der siegreich aus dem Duell hervorgehende einundzwanzigjährige Talamon hatte einige der Schiffe seiner Flotte in einer Umlaufbahn um die Sonne von Archetz zurück lassen müssen. Gegen Bezahlung bewacht von den Bankiers der Mehandor-Zentralbank. Die Besatzungen hatte er auf die restlichen Raumer verteilt, um diese voll einsatzfähig halten zu können. Im Laufe der Jahre hatte er immer mehr Aufträge der Arkoniden angenommen und sich als harter Verhandler, aber fairer Geschäftspartner erwiesen. Im Jahr 2085 terranischer Zeitrechnung, 63 Jahre nach dem Kampf um Akalim, waren alle Walzen der Sippe wieder im Einsatz und die Reihen der Mitglieder aufgefüllt. Jetzt hatte Talamon noch einmal mit den Traditionen gebrochen und hatte Taltomir und dessen Söhne ebenso in eine Entscheidungsfindung einbezogen wie seine eigenen.
Es gab in letzter Zeit auf dem Markt die Möglichkeit, seine Schiffe aufrüsten zu lassen, nicht billig, aber lohnend. Außerdem hatte Talamon schon lange mit einem wirklich großen Flaggschiff liebäugelt, daher gab es derzeit keine TAL I in der Flotte. Die Frage, die er zur Diskussion stellte, war einfach. Konventioneller Neubau mit Nachrüstung, bei dem Hersteller der Nachrüstsets ein Schiff traditioneller Bauweise bestellen oder zu sehen, was dessen Konstrukteure an Verbesserungen anbieten konnten. Das Ergebnis war überraschend einstimmig. Der Clan wollte sehen, auf welche Ideen Starlight Enterprises bei einer neuen Konstruktion kam. Talamon trat über Hemghat, der schon lange in Verbindung mit dieser Firma stand und offensichtlich gut damit fuhr – sein Kreditrahmen war gewaltig – mit Starlights in Verbindung. Man versprach, nach einem Monat die ersten unverbindlichen Pläne zu übersenden und zu besprechen. Heute war Talamon bereits 84 Jahre alt, seine 172 Meter hohe Gestalt noch ungebeugt, seine Schultern hatten auf 175 Breite zugelegt. Sein Bart, den er am Kinn geteilt und im Nacken verknotet trug, war von der Farbe gesponnen Kupfers, nur sein Kopf war langsam kahl geworden, seine intelligenten, schwarzen Augen funkelten unternehmungslustig und sein Lachen war ansteckend wie nie zuvor. Eben saß am Hyperfunkgerät einem noch jungen Mann mit weißen Haaren gegenüber und besprach die technischen Details der Konstruktion seines neuen Flaggschiffes. Sie wirkten, gelinde gesagt, interessant.

„Die grundlegende Konstruktion basiert also auf einem klassischen Mehandor-Schiff?“, fragte der Patriarch nach und studierte die Planskizze auf seinem Pad.
„Im Verhältnis von etwa eins zu sechs, ein bisschen weniger“, führte Reginald Meunier aus. „1.180 Meter lang, der Durchmesser 206 Meter. Auf jedem Viertelkreis eine schlanke, flache Plattform, 600 Meter lang, 148 breit, 25 hoch, in der Mitte jeder dieser Plattformen noch ein Aufbau mit 400 Metern Länge, 125 breit, ebenfalls 25 hoch. Wie sie sehen können, sind diese Aufbauten als flache Decks für die überschweren Geschütztürme gedacht, auf jeder Seite zwei zum Bug und zwei zum Heck, jeder Turm trägt einen Impuls- einen Thermo- und einen Desintegrationsstrahler, Kaliber 210 Zentimeter. Die Rohrlänge ist leider auch ganz erheblich, unter 31,5 Meter schaffen wir es einfach noch nicht ohne Verluste an der Bündelung. 1 zu 15 ist, wie sie mir bestätigen werden, ohnehin ein gutes Kaliber – Längenverhältnis. Die Lafetten sind natürlich energiefeldgelagert, daher gibt es keine Reibung und es muss bei der Einrichtung der Geschütze nur noch die Masseträgheit überwunden werden. Zwischen den Aufbauten ist mittlere Standardbewaffnung für ein Schiff dieser Größenordnung untergebracht, zur Abwehr von kleinen und wendigen Gegnern gibt es rundum kleine und leichte Schnellfeuerkanonen!“
„Ich sehe es hier.“ Zufrieden betrachtete Talamon die Pläne. „Diese kleinen Inseln an den Aufbauten tragen die Verteidigung. Was ist mit diesem Turm in der Mitte?“
„Eine extrastarke Kommunionsanlage, sub- und hyperlichtschnell. Falls sie einmal …“
„PAPS!“ Ushilla kam in den Raum gestürmt, offenbar hatte Pachaga ihren Einfluss überschätzt und kurz den Vorraum verlassen. „Paps, wie kannst du mir einen Idioten wie Muntir als möglichen Ehekandidaten zumuten? Der Typ schafft nicht einmal zwei Unbekannte ohne Papier und Stift! Außerdem ist der Trottel nicht einmal …“
„Ich bin beschäftigt, Tochter“, polterte Talamon laut und konnte Ushilla endlich unterbrechen.
„Ach, sag doch dem schlafmützigen Arkoniden, er soll später nochmal anrufen. Wahrscheinlich muss er sowieso bald sein Nickerchen halten.“
„Ich bin kein Arkonide, junge Dame“, klang es belustigt aus dem Hyperkom, Ushilla fuhr herum.
„Hat man ihnen nicht beigebracht, dass Lauschen und Einmischungen unhöflich sind?“, schimpfte sie.
„Ach, und das Gespräch zweier Erwachsener zu unterbrechen, ist höflich?“, lachte Reginald.
„Ein ganz cleverer Mann!“ Ushilla stemmte ihre Fäuste in die Taille. „Kannst DU eine Gleichung mit zwei Unbekannten im Kopf lösen?“
„Wenn es sein muss, mit sieben“, antwortete Reginald gleichmütig.
„Angeber“, entfuhr es Ushilla.
„Glaubst du?“ Rhodans Enkel lehnte sich gemütlich zurück.
„Beweise es“, forderte Ushilla.
„Warum? Weil ein vorlautes, kleines Mädchen es will?“
„GENUG!“, donnerte Talamon und unterbrach das Geplänkel. „Entschuldigen sie, Reginald Meunier, aber meine Tochter …“
„Ist klüger als die meisten Männer an Bord und wird nie ein Schiff kommandieren! Das ist unfair, unfair, unfair! Ich rechne Transite besser und schneller als jeder Offizier, und ich darf noch nicht einmal in die Nähe der Brücke. Zu allem Überfluss will mich mein Vater mit einem Trottel verheiraten, der nicht einmal im Bett etwas taugt“, beschwerte sich Ushilla bitter!
„TOCHTER!“ brüllte Talamon! „Ist er dir zu nahe getreten? Dann werde ich ihn …“
„ICH hätte gewollt, aber er war nicht einmal dazu in der Lage“, wetterte die junge Mehandor. Reginald lachte laut auf. „Was ist bitte daran so lustig, Nichtarkonide?“, fuhr sie ihn an.
„Dass überall im Universum, wo es junge Menschen gibt, die gleichen Diskussionen geführt werden. Talamon, warum kann eigentlich deine Tochter kein Schiff bekommen, wenn sie wirklich so gut ist, wie sie sagt?“
Talamon fügte sich in das Unvermeidliche und gab Antwort. „Es würde ihr niemand gehorchen!“ sagte er mürrisch. „Sie ist ein Mädchen!“
„Und?“ fragte Reginald. „Meine Mutter führt eine richtig große Firma! Sie hat diese sogar selbst gegründet! Wir haben etwa genau so viele Frauen in Kommandopositionen wie Männer.“
„Ja, Handel und Handelsschiffe sind etwas anderes!“ brummte Talamon. „Aber wir sind Kämpfer, und das ist ein Kriegsschiff!“
Reginald lachte nur. „Unser neuestes Prunkstück wird von einer Frau kommandiert, weil sie einfach die Beste für den Job ist. Und unser Flaggschiff ist bei weitem stärker als jedes arkonidische Schlachtschiff!“ Ushilla war verstummt und hatte große Ohren bekommen.
„Und Männer gehorchen den Frauen?“ fragte der alte Mehandor. „Vielleicht sollte ich Ushilla einmal auf ein Jahr oder so zu euch schicken!“
„Im Dienst gehorchen unsere Kameraden ihren Vorgesetzten, egal ob Mann oder Frau, Talamon! Aber, falls deine Tochter genug Disziplin aufbringen kann, könnten wir es ja einmal mit ihr versuchen!“, antwortete Reginald. „Nach einem Jahr darf sie vielleicht ein Patrouillenboot fliegen.“
„Fliegen?“, quickte das Mädchen, ihr junges Alter brach sich Bahn! „Selber steuern? Nicht nur daneben sitzen?“
„Da gibt es aber einige Bedingungen“, stellte Reginald klar. „Es gibt Regeln, die befolgt werden müssen. Disziplin. Unterordnung. Nur genial sein reicht nicht, man muss sich einfügen können. Wenn die Kommandantin der OLYMPOS mir einen Befehl gibt oder mir eine Erlaubnis verweigert, muss auch ich gehorchen. Da nützt es mir auch nichts, zu meiner Mutter zu laufen, sie würde mich höchstens rüffeln, wie ein kleines Kind gepetzt zu haben.“
„Das kann ich, wenn ich den Sinn erkenne“, erklärte Ushilla. Reginalds Lachen schlug das eines jeden Springers.
„Es geht darum, auch dann zu gehorchen, wenn du den Sinn nicht erkennst!“
„Aber…“
„Nichts aber“, unterbrach Meunier. „Im Notfall kann man auch nicht diskutieren. Es wird gehorcht, ohne wenn, ohne aber, und vor allem, ohne Murren! Es gibt sonst Stubenarrest oder vielleicht sogar einen Hinauswurf! Dann ist nichts mit fliegen“, sagte er streng. „Und verlass dich nicht auf deine körperliche Stärke. Du bist nicht die einzige an Bord, die doppelte Mehandor-Gravitation mag.“
„Ja, gut!“ Ushilla überlegte kurz. „Ich sehe es ein, ich werde Disziplin lernen müssen. Darf ich auf die OLYMPOS, Paps?“
„Moment, Tochter. Erst reden wir noch über Muntir und dein – äh, hm, also, einem jungen Mädchen etwas unziemlichem Verhalten! Gibt es auf der OLYMPOS Mehandor, Reginald Meunier?“ Der zuckte mit den Schultern.
„Schon. Einige Mitglieder der Hemghat-Sippe sind sowohl auf der Station als auch auf unseren Schiffen. Also, einen Schwiegersohn kann ich ihnen nicht versprechen, Talamon. Außer Ushilla begnügt sich mit einem langen, dünnen Mann!“
„Das glaube ich kaum“, trumpfte das Mädchen auf. „Ich will schon einen ordentlichen Kerl! Aber im Kopf sollte er halt auch etwas haben!“
„Ich schicke sie euch“, rief Talamon laut. „Beim A…allen Göttern der Galaxis! Ich schicke sie euch! 15 Jahre und redet davon, einen Mann haben zu wollen!“
„Paps, entweder ist dir ein Fallfehler unterlaufen – was ich nicht glaube, oder du wolltest den eiskalten Hintern beschwören. Und ich sage dir, dass ich das A – Wort schon einige Zeit kenne. Ich bin, wie du richtig bemerkt hast, 15 und kein kleines Kind mehr! Und ich kenne auch das Sch – Wort, verd… Sch… noch einmal!“
Reginald Meunier konnte sein Lachen nicht zügeln, aber als Talamon donnernd einfiel, klang sein Gelächter etwas verlegen.
„Wir erwarten die junge Dame dann“, bekräftigte Reginald. „Vielleicht kommandiert sie in ein paar Jahren ein Superschlachtschiff. Unser größter Raumer wird auch von einer Mehandor aus Hemghats Sippe kommandiert!“
„Oh, ich Depp!“ Talamon schlug sich mit der flachen Hand auf den kahlen Hinterkopf. „Und ich habe mich noch gewundert, wo die Kommandantin von Hemghats kleinem Eilschiff hin gekommen ist! Wie war der Name? Ghompa? Ghonda? Ghoma war’s!“
„Genau die!“
„Respekt!“ Talamons Lachen klang wieder normal. „War eine gute Pilotin und Astrogatorin. Aber ein Kriegsschiff? Na egal, eure Sache. Ich gönne ihr den Aufstieg von Herzen.“
„Nun, Kadett Ushilla, würdest du mich jetzt bitte wieder mit deinem Vater über sein neues Schiff sprechen lassen?“
„Ich …“
Reginald hob eine Braue.
„… will mich nur bedanken und bin schon fort“, beendete Ushilla hastig, aber artig ihren begonnenen Satz, ehe sie lächelnd aus dem Raum stürmte.
„Gut! Also, Talamon, wir waren bei der Kommunikation!“
„Wie ist die Rechweite?“, wollte Talamon noch wissen.
„Pro Transit empfehlen sich maximal 200 Lichtjahre, sie wissen selbst, dass schon diese Entfernung eine knifflige Berechnung ist. Außer im Leerraum zwischen M13 und der Galaxis natürlich, da kommt es auf ein, zwei Lichtjahre daneben ja auch nicht an. Man korrigiert eben im letzten Sprung entsprechend. Aber ich würde trotzdem nicht über die zehntausend-Lichtjahre-Marke springen wollen. Meine Empfehlung würde in diesem Leerraum bei sechs – bis achttausend liegen.“
„Auch nicht übel“, merkte Talamon an. „Klar, der einzelne Transit ist von der Rechnung abhängig. Daran wird sich mit dieser Technik auch nichts ändern lassen. Und gesamt?“
„Eine Million!“ Reginald weidete sich am fassungslosen Gesicht des Überschweren, der nach guter Springertradition plötzlich wieder zu Lachen begann und mit der Faust auf den Tisch hieb!
„Das ist ein Wort! Da sind wir bei gut der doppelten Reichweite wie bisher! Reginald Meunier, mein Freund, jetzt sagen sie noch etwas über die Energie und die Schirme!“
„Nun“, Reginald zögerte etwas. „Da haben sie die Wahl, Talamon. Entweder, die Antimateriemeiler werden um zwanzig Prozent kleiner und zehn Prozent stärker, oder aber …“
„Ja? Oder?“ Talamon beugte sich vor. „Oder wir bleiben bei der jetzigen Größe und heben den Energieausstoß um 35 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Reaktoren!“
„35 Prozent? Nun, ich benötige ein Kriegsschiff, davon leben wir schließlich. Auch wenn meine Sippe in letzter Zeit meistens im Dienste Arkons und zur Sicherung des Großen Imperiums kämpft, wir sind und bleiben so etwas wie Söldner. Ich nehme die großen Meiler.“
„Geht klar, Talamon. Ich notiere das einmal!“
„Und jetzt, die Schirme. Wie stark sind die!“ wollte Talamon wissen.
„Drei Schirme, bei 140 Prozent, wenn wir den üblichen Standard dieser Tonnage zu Grunde legen, bei voller Feuerkraft. 155, wenn nur eine Hälfte der Geschütze feuert!“
„Insgesamt ist dieses Schiff einer ähnlichen Tonnage also gut um das doppelte überlegen“, rechnete Talamon. „Mehr, wenn ich noch die übliche Bewaffnung einrechne. Wie viel soll das Ding kosten!“
Reginald schrieb eine Zahl auf sein Pad und hob es hoch. Talamon machte große Augen.
„In Springerwährung?“ Reginald nickte, und Talamons Blick wurde verträumt. „Und was kostet es, wenn alles gleich bleibt, wir am Bug und Heck noch je etwa 50 Meter dazu geben und den Durchmesser auf 277 Meter vergrößern?“ Jetzt war es wieder an Reginald Meunier, laut zu lachen.
„Das müsste ich erst kalkulieren. Aber ich kann ihnen sofort sagen, was 1.400 Meter Länge und 280 Durchmesser kosten! In der Vergrößerung vorne und hinten je zwei Hangars für ein Landungsboot, insgesamt vier. 120 Meter lang, Durchmesser 35. Drei ebene Kanonendecks im Dreieck angeordnet, damit sie bequem landen können. Je eine 100er Kanone auf einer Erhöhung, damit sie 360 Grad schwenkbar ist, zum Heck je zwei 50 Zentimeter und einige von den leichten neun und drei Zentimeter Schnellfeuerwaffen. Kein Transitgenerator, dafür Platz für Infanteristen und Panzer. Ein Schirmgenerator in der Stärke eines arkonidischen leichten Kreuzers.“ Wieder hob Reginald sein Pad hoch, und Talamon hieb seine flache Pranke auf die dicke Metallplatte seines Tisches.
„Ein Drittel sofort, ein Drittel bei Abnahme und ein Drittel in einem Jahr!“ stellte Reginald seine Forderung.
„Die erste Rate wird heute noch überwiesen!“ versprach Talamon.
„Damit ist der Auftrag offiziell erteilt! Starlight Enterprises bedankt sich für das Geschäft. Ich sende sofort eine Vertragskopie per Fax, lesen sie den Vertrag in Ruhe durch und – nun, sie kennen den Spruch ja!“
Talamon lachte donnernd! „In der Tat! Und wo kann ich wann Ushilla hin bringen?“
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System Reggys Stern
OLYMPOS, Deck Hongkong
Kritisch beäugte sich AmœPeg im großen Spiegel ihrer Nasszelle. Sie war für eine Wyva mit ihren 170 Zentimetern recht groß gewachsen, ihr Busen und ihr Gesäß wirken durch die schlanke Taille größer, als sie eigentlich waren. Nicht, dass man eines von beiden wirklich klein hätte nennen können. Ihre Arme und Beine wirkten glatt und schlank, obwohl unter der weich wirkenden Haut eiserne Muskeln spielten. Wyva war eine Welt mit 1,6 G, das erforderte nicht nur kräftige Muskel, sondern auch starke Knochen und Organe. Ganz besonders das Herz hatte bei größerer Gravitation mehr zu arbeiten, um das Gehirn ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen, die Bindegewebe in Brust und Bauch hatten ebenfalls wesentlich mehr Gewicht zu tragen und waren von Mutter Natur im Laufe der Generationen entsprechend verstärkt worden. Anders als bei den überschweren weiblichen Mehandor, deren Brüste zwar am Körper einen großen Umfang hatten, aber ziemlich flach ausgeformt waren, hatten die Wyva und auch die Frauen der Ghi’eëner trotz der 2,4 G sehr menschlich aussehende Oberweiten. Zufrieden mit der Überprüfung ihrer Figur wanderte der Blick AmœPegs weiter hinauf, ihrem Gesicht zu. Im Vergleich zu Terranern war ihr Mund ziemlich breit mit vollen Lippen, ihre Nase etwas kurz und die mandelförmigen Augen sehr groß. Durch die großen, dreieckigen Ohren und die spezielle Kinnlinie der Wyvas wirkte ihr Kopf beinahe dreieckig, die Haare trug sie kurz, sie erreichten nicht einmal die Schultern. Sie drehte sich um, musterte ihre Rückseite. Auch hier keine Auffälligkeiten, keine Flecken, keine Veränderungen nach dem massiven Sturz in der Sporthalle. Die runden Glutei Maximi hätten jedoch einen terranischen Mann in Entzücken versetzen können. Für sie war es einfach ein normaler, wyvischer Po, sie verstand die Aufregung mancher Männer gar nicht, wenn sie in kurzen Hosen zum Sport antrat. Es störte sie aber auch nicht, denn sie war doch auch eine Frau, die sich gerne von Männern bewundern ließ.

AmœPeg sprang rasch unter die Dusche, ein Luxus, welcher der Kadettin auf den Schiffen der Liga sehr viel seltener zugestanden hätte als hier auf der OLYMPOS. Die Wasserreserven der Station mussten enorm sein, wenn man duschen durfte, wann immer man wollte. Natürlich wurde das Wasser immer wieder umgewälzt, gereinigt, angereichert und wieder in Umlauf gebracht, trotzdem musste aber auch ein gewisser Teil sicher nachgefüllt werden, ein komplett geschlossener Kreislauf war wohl kaum möglich. Auch, wenn die OLYMPOS ziemlich nahe dran war. Fröhlich stieg sie aus der Kabine und trocknete sich ab, föhnte ihre Haare zu einer aparten Frisur. Es wollte scheinen, als hätten sich ŮtuGhan und Bheri Odheen doch noch gefunden, zumindest sah man in der privaten Zeit die eine kaum mehr ohne den anderen. Shobia Deeterut hatte Nils Olavson einige Male zu sich eingeladen, doch bisher war das eher eine ‚komm her – geh weg‘ Beziehung, nun, vielleicht spielte es sich mit den beiden noch ein. Rasch schlüpfte sie in enge Stretch Jeans – erstaunlich, wie angenehm dieser Stoff saß und wie stark er die Figur betonte – und ein weites Shirt mit Schnurträgern an den Schultern. Hochhakige Sandalen, die zwar gut aussahen und toll zu dem Outfit passten, in denen zu gehen sie allerdings erst auf der OLYMPOS mühsam gelernt hatte. Da klopfte es auch schon, Ricardo Samtana wollte mit ihr heute auf ein – wie hatte er es genannt? Ein ‚geiles Techno Rave‘ gehen. Sie verstand nicht ganz, warum sie zu einem technischen Raben gehen sollten, aber sie war bereit, ihm einen Wunsch zu erfüllen. Immerhin war er ein ganz netter Junge, der sie schon oft zu Stellen begleitet hatte, zu denen sie gehen wollte. Nun durfte er einmal sagen, wo es lang ging.
Ricardo Samtana stammte aus Barcelona, war mit 175 mittelgroß und extrem dürr. Wie der dunkelhaarige junge Mann das tägliche Training durchhielt war eine unerschöpfliche Quelle zahlreicher Spekulationen. Und er war einerseits für seine 18 Jahre zumeist durchaus reif, doch ab und an kam das Kind in ihm doch noch zum Durchbruch. Besonders, wenn eine für ihn heilige wissenschaftliche These angezweifelt wurde, erinnerte er stark an ein Kind in der Trotzphase. AmœPeg hatte zwar gehört, dass sein Verstand einiges über der Geniemarke lag, doch bisher hatte sie wenig davon gesehen und hoffte nur, dass sein Denken mit der Zeit auch flexibler wurde und er aus seinem Genie mehr machte als das auswendig lernen irgendwelcher Zahlen und Theorien. Außerdem hoffte sie, dass das Kind nicht gerade heute seinen Ausgang forderte, sondern der junge Bursche, den sie möglichst bald zum Mann machen wollte. Sie dachte, sie wäre auf alles vorbereitet, auch auf einen technischen Raben. Aber nicht auf diesen großen Saal mit etwas, das man mit viel Wohlwollen als Band bezeichnen konnte und die etwas spielten, das man nur mit viel, sehr viel Phantasie als Musik erkennen konnte. Über den Köpfen schwebte künstlicher Nebel, den beständig optische Laser durchschnitten und die Lautstärke der wummernden Bässe, welche die Eingeweide zum Beben brachten, machte Unterhaltungen komplett unmöglich. Die extrem empfindlichen Ohren der Wyva begannen bereits nach kurzer Zeit den Geist aufzugeben, sie begann zu hyperventilierten, ihr Gehirn arbeitete im Notfallmodus und kannte nur noch ein Ziel. Flucht, eiligste Flucht! Panisch wand sie sich durch die hereinkommenden Leute zurück zum Eingang, egal wie viele sie zur Seite stoßen musste, was ihren mehr als eineinhalbfache Schwerkraft gewöhnten Muskeln nicht schwer fiel. Sie ignorierte die Proteste der anderen Personen nicht, sie nahm sie einfach nicht wahr, sie sah nur noch das helle Viereck des Einganges! Vor dem Lokal lehnte sich AmœPeg körperlich und geistig erschöpft an eine Mauer und versuchte, wieder etwas zu hören und zu Atem zu kommen. Umsonst! Außer Rauschen vernahm sie nichts, sie sah nur die sich bewegenden Lippen der Menschen, dazu fühlte sie den aufkommenden Schwindel und die Übelkeit. Sie brach in die Knie und würgte heftig, kämpfte darum, sich nicht übergeben zu müssen. Ein Kampf, den sie wenig später verlor, ihr Magen entleerte sich in krampfenden Wellen wieder und immer wieder. Dann war ein blaues und ein rotes Blinklicht zu sehen, der Robodoc war eingetroffen, ein Medikament fauchte in ihre Blutbahn, und AmœPeg schlief endlich erlöst ein. Ricardo Samtana stand ratlos daneben.
„Was ist denn bloß mit ihr?“ fragte er verzweifelt.
„Ein massiver Hörsturz und eine daraus resultierende Panikattacke, Kadett! Zu lauter Krach, viel zu laut für ihre Ohren!“
„Aber ich habe ihr doch gesagt, es geht um ein Techno Rave. Ich habe es ihr gesagt!“
*
Bob Wickerson drückte wiederholt auf die Taste neben der Tür von Olavs Zimmer. Er war der typische Angelsachse, blond, breite Schultern, ein halbwegs hübsches, ein wenig kantiges Gesicht.
„Komm schon, Olav! Wir wissen, dass du da bist!“ Er ließ den Finger am Türmelder, bis Olav Veelander nackt mit einer Decke um die Hüften laut fluchend die Tür aufriss.
„Verdammt, was glaubt ihr Hornochsen, bedeutet das rote Licht neben der Tür? Mach Krawall bis zum Umfallen? Verschwindet, ihr Affen, aber sofort! Pronto, mit Lichtgeschwindigkeit, wenn es geht!“
„Aber…“ begann Bob.
„Nichts aber! Macht euch vom Acker. Jetzt! Sofort! Auf der Stelle“, rief Olav verzweifelt. Hinter ihm war Bewegung zu erkennen, Blut schoss in sein Gesicht, dann stand Jaqueline Lefebre neben ihm. Um die schlanke Gestalt hatte sie eine Decke geschlungen, die weißen Zähne blitzten in ihrem beinahe schwarzem Gesicht, als sie die anderen Kadetten anstrahlte.
„Jungs!“ Ihre Stimme klang rau und ging allen durch Mark und Bein. „Würdet ihr uns vielleicht entschuldigen und ein Stündchen oder zwei allein lassen?“
„Äh, na klar, selbstverständlich“, stotterte Bob.
„Hi, Jacky!“ winkte Charly Wong und trat den Rückzug an.
„Viel Spaß euch beiden!“ verabschiedete sich Konrad. „Wir – wir machen uns dann vom Acker!“ Er gestikulierte wild mit den Fingern. „Wir sind dann im Spacers Dream in der vierundzwanzigsten Straße.“
„Kommt doch vielleicht vorbei, wenn …“ Olav funkelte Charly an. „Na ja, du weißt schon… wir sind dann mal weg!“
„Ab, Leute!“ Olav winkte seine Freunde weg.
„Und Jungs!“, rief Jaqueline hinterher.
„Ja?“ Sie wandten sich noch einmal um.
„Nächstes Mal daran denken – rotes Licht bedeutet ‚Bitte nicht stören‘, ja? Das bedeutet, die Griffel von der Meldeplatte zu lassen, in Ordnung? Und jetzt viel Spaß noch!“
„Scheiße, das war peinlich!“ Konrad trottete vorne weg durch Hongkong.
„Aber warum?“ widersprach Charly Wong. „Ist doch normal, wenn zwei sich verstehen, werden sie das tun wollen. Wir hätten es doch auch schon lange getan, wenn wir den Mumm gehabt hätten, die Mädchen in unsere Unterkünfte zu bringen.“
„Vielleicht sollten wir sie einmal fragen?“, meinte Bob. „Der Colonel hat doch gesagt, man verlässt sich auf verantwortungsvollen Umgang und dass wir hier nicht auseinander gesperrt werden. Und ich habe mich sowieso für das nächste Jahr chemisch sterilisieren lassen.“
„Hab‘ ich auch, also Kinder werden wir keine zeugen und damit die Karriere der Mädels zerstören.“ Konrad hob die Arme. „Und unsere auch nicht, Alimente könnten wir uns jetzt sicher keine leisten.“
„Probleme mit wütenden Eltern auch nicht!“ ergänzte Charly. „Aber nach dem UN-Recht, das auf der Station gilt, sind die Mädchen mit 17 noch minderjährig. Und ich mit 18 muss noch ein paar Monate die Finger von Georgie lassen!“
„Olav hat auch Glück“, urteilte Konrad. „Er hat mir erzählt, er war vor einer Woche zu Jackys Geburtstagsparty eingeladen. Seither ist sie Volljährig.“ Er grinste Bob an. „Da haben wir ‚Jungspunde‘ es noch leichter! Minderjährig und Minderjährig ist nicht strafbar!“
„Abwarten“, lachte Charly. „Einer von jedem Paar hat immer zuerst Geburtstag, und dann? Eine einige Monate lange Durststrecke!“
Das Spacers Dream war ein Lokal der günstigeren Preislage und nicht nur deswegen gerne von den Kadetten frequentiert. Auch bei einigen der Studenten der Universität, die mitsamt dem Studentenwohnheim auf dem Cambridge Deck angesiedelt war, galt das Lokal als ein durchaus beliebter Treffpunkt. Es lag ganz am Rand des Decks Hongkong, nur vom Circle Way von der durchsichtigen Außenhülle getrennt und hatte dort auch einige Tische und Stühle aufgestellt, die man jedoch nur mit viel Glück oder Geduld ergattern konnte. Nachdem es bei dem neuen Stahl, der bereits im gesamten terranischen Einflussgebiet verwendet wurde, egal war, ob man ihn durchsichtig oder farbig herstellte, hatten Leslie Myers und Reginald Meunier, damals noch Starlight, bei der Konstruktion der OLYMPOS die Außenwand der Decks in vier Segmenten versetzt von Deck zu Deck ab 40 Zentimeter vom Boden entfernt klar und durchsichtig gelassen. Die optischen Eigenschaften des Materials machten es so gut wie unsichtbar, uns so gab es bei vier achtel eines jeden Circle Ways einen grandiosen Ausblick. Es wirkte, als könne man einfach mit einem Schritt zu den Sternen gehen. Oder die Sonne Reggy über dem Pott genannten Planeten aufgehen sehen, während einer der kleinen Monde auf seiner Bahn zwischen der OLYMPOS und der Sonne stand. Oder man konnte die spinnennetzartige Konstruktion einer Reintegratorenwerft erkennen, von deren Knotenpunkten violette Strahlen unaufhörlich an einer mehr als anderthalb Kilometer durchmessenden Kugel webten. In dem Blau der Flagge der Vereinten Nationen gehalten, mit deren Wappen sechs Mal südlich des Ringwulstes verteilt, dazwischen der Name des neuen Giganten. Die NEITH! Nördlich des Ringwulstes konnte man bereits den unteren Teil des Portraits sehen, das einmal die Flanke des Schiffes zieren sollte, exakt nach den Angaben, welche Atlan in den mentalen Bildaufzeichner gedacht hatte, den Kono Killikioauewa vom Mond mitgebracht hatte. Vielleicht blitzten auch weiter draußen im Weltall Triebwerke auf und lenkten den Blick auf ein vorbeifliegendes Patrouillenboot, auf einige Raumjäger auf Übungsflug oder auf das Exerzieren des Geschwaders Fregatten oder Korvetten der HATHOR. Auch die Mannschaften der MARIE-JEANNE DU BARRY und der JEANNE-ANTOINETTE DE POMPADUR wurden von ihren Kommandanten in mitleidslosem Training zu immer neuen Höchstleistungen getrieben, während die GIULIA FARNESE zumindest im Moment antriebs- und energielos auf ihrer Umlaufbahn trieb.
Hartnäckig hielt sich unter den jüngeren Kadetten das Gerücht, dass sie zur neuen Stammbesatzung des immerhin 950 Meter großen Schlachtschiffes ausgebildet und trainiert werden sollten. Was den Kommandanten anging, hatte jedoch noch kein Kandidat die Mehrheit der Meinungen auf sich vereinen können. Allerdings lag selbstverständlich die Vermutung nahe, dass wohl einer der Raumschiffkommandanten im Liniendienst der Gesellschaft oder einer der drei Schlachtkreuzerkommandanten eine Beförderung zu erwarten hätte, aber wer, das war allen völlig unklar. Auch erfahrene Menschen aus der Liga, denen man einen Crash-Hypnokurs verpassen sollte, waren schon im Gespräch gewesen. Diese letzte Vermutung hatte großen Aufschwung genommen, als ein Zerstörer der Liga vor einigen Tagen angekommen war und einige Wyva in den Hypnoräumen gesehen wurden, unter ihnen eine Frau mit dem Punkt im Ring als Rangabzeichen, das Symbol eines vollen Kapitäns in der Liga. Doch Kapitän IlůTum hatte nur die MUGAÝAË zur Werft geflogen, wo sie eben im Auftrag der GCC auf modernste Technik umgerüstet wurde. Als erstes Schiff der Liga mit Antimateriemeiler und Wurmlochantrieb sollte der Zerstörer in erster Linie in der Nähe von Tschava patrouillieren und die Gesandten der Liga bei ihrer Arbeit unterstützen, welche die dortige Bevölkerung auf die volle Mitgliedschaft in der Liga vorbereiten sollten. Die prinzipielle Bereitschaft der drei Regierungen war zwar vorhanden, doch leider verzögerten kleinere Querelen die Verhandlungen immer wieder.
„Seht euch das an!“ Bob stand mit seinen Freunden an der Glaswand gegenüber des Spacer Dream, nippte an seiner Bierflasche und wies dann auf die nächste Werft, die in Sicht kam. „Dort wird etwas vorbereitet!“
„Ja, die Springerwerft wird vergrößert“, überlegte Charly. „Da hat jemand einen großen Brocken bestellt. Wenn 150 bis maximal 200 Meter Durchmesser nicht mehr reichen?“
„Bei dem Umfang soll wohl der Tausender Länge geknackt werden“, rechnete Bob rasch nach. „Welcher Händler braucht schon so ein riesiges Ding?“
„Starlight baut ein Kriegsschiff für die Überschweren“, rief Konrad und krallte seine Hand um Bobs Oberarm. „Anders kann es doch nicht sein, ein Handelsschiff kann auch kleiner ausfallen!“
„Keine voreiligen Schlüsse!“ warnte Charly Wong. „Topsider, Ssossri, die Liga, sie alle könnten einer Walzenform den Vorzug geben. Mit der Kugelzelle auf dem Bleistift, wie es die Topsider mögen, lässt sich der Werftumbau leicht erklären.“
„Hm, ja!“ Konrad nickte.
„Außerdem, warum regt es dich auf, wenn Starlights den Überschweren ein Schiff baut?“ fragte Bob. „Wenn nicht sie, baut es jemand anderer!“
„Bisher gab es noch keine Mehandorkriegsschiffe mit Starlight-Technologie“, wandte Konrad ein. „Auch wenn die Angelpower nur an terranische Kunden geht, erhöht sich die Kampfkraft ganz gewaltig!“
„Die Chefin hat auch Arkon die Pläne für die letzte Generation Generatoren vor der Angelpower verkauft, mit besseren Schirmen und Strahlern!“ erzählte Charly. „Sagt man zumindest.“
Bob runzelte die Stirn. „Ob Perry Rhodan Bescheid weiß, was hier vor sich geht?“
„Denke ich schon!“ wandte Charly ein. „Vor kurzem war Allan Mercant hier und hat lange mit der Chefin geredet!“
„Ja, den alten Fuchs entgeht nicht so schnell etwas“, Bob überlegte. „Er soll sogar wissen, wo die erwachsenen Kinder von Thora und Rhodan sind.“
„Unwahrscheinlich!“ Konrad machte eine wegwerfende Geste. „Wenn er’s wüsste, hätte er’s doch sicher Perry Rhodan gesagt.“
„Wenn’s Mädchen machen, tratschen und klatschen sie“, erklang hinter den Kadetten eine helle Stimme, und eine kehligere Stimme ergänzte.
„Bei Männern ist es nur ein Meinungsaustausch!“
„Oder eine Diskussion“, setzte eine dritte Stimme hinzu.
„Aber dass Männer über das Schicksal einer prominenten Frau spekulieren? So was aber auch, was kommt als nächstes? Klatsch- und Tratschpresse über Promis? Yellow Press?“, bemerkte die kehlige Stimme. Zwei Arme umschlangen Konrad von hinten, schlanke Finger mit sorgfältig manikürten und lackierten Nägeln verschränkten sich vor seinem Bauch und Gypsys bereits stark entwickelter Busen drückte sich an seinen Rücken, während eine Wolke ihres Parfums seine Nase erreichte.
„Man darf Männer nicht allein lassen“, dozierte sie, an ihre Freundinnen gewandt. „Sie fangen gleich an, von anderen Frauen zu reden!“ Zart knabberte sie am Ohrläppchen Konrads.
„Noch dazu von einer fünfzig Jahre alten Frau“, setzte Mini hinzu und zog einen Schmollmund. „Reiche ich dir etwa jetzt schon nicht mehr, Bobby?“ Er hatte sich umgedreht, sie schubste ihn mit den Fingerspitzen an seiner Brust gegen die Glaswand und rückte ihm ganz nahe.
„Äh…“
„Da hast du dir ja einen Ausbund an Eloquenz an Land gezogen“, neckte Georgie. „Na ja, Kadetten halt!“ Sie warf Charly die Arme um den Hals und küsste ihn. „Mehr Muskeln als Hirn“, gab sie während einer Unterbrechung des innigen Kusses von sich.
„Ich Tarzan, Herr von Urwald!“ Bob schlug sich mit der Faust auf die Brust und hustete übertrieben.
„Mehr King Kong!“ Die kokette Minerva in ihrem sexy roten Minikleid trat einen kleinen Schritt zurück und stach mit ihrem Zeigefinger nach Bobs Brust. „Und offenbar mehr Kong als King! Hör jetzt endlich auf zu reden und küss mich. Kleine Jungs, die alles zu Tode reden und keine Ahnung von der Praxis haben, gibt’s an der Uni genug, da muss ich doch nicht extra nach Hongkong gehen!“
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System UVP-139/55
Es sollte das Schicksal des arkonidischen Schlachtkreuzers mit der Kennung AFC 997-691-CU sein, die nächste Kampfhandlung gegen die Invasoren aus dem Leerraum zu ‚erleben‘. Er geleitete eben einen Frachter Nachschubgüter zum Sammelpunkt der wieder neu aufgebauten und verstärkten 523. Flotte im äußersten Randgebiet des Sektors mittwärts-nord. Die Schiffsstärke war auf einen Galaxisriesen, acht Schlachtschiffe der Tussan- und 25 Schlachtkreuzer der Fusufklasse, dazu noch 250 schwere und 500 leichte Kreuzer aufgestockt worden. Bis auf den nagelneuen Galaxisriesen waren noch alle mit konventionellen Kraftwerken, Schilden und Kanonen bestückt. Doch erste Nachrüstsets waren mit dem Frachter, den die 691-CU eskortierte, bereits zu dieser Flotte unterwegs, in erster Linie Schildgeneratoren und Bewaffnung. Der Schlachtkreuzer AFC 997-691-CU der 500 Meter durchmessenden Fusufklasse war sowohl schild- als auch waffentechnisch bereits nachgerüstet, nur die Antimateriemeiler waren noch von älterer Bauart. Auch wenn der Neurogent seit einem Monat im Besitz der Pläne neuerer Anlagen war, mussten viele Schiffe noch mit dem vorherigen Standard der Energieversorgung auskommen.
Der kleine Konvoi machte eben einen Orientierungsstopp im System UVP-139/ 55, einem blauen Hyperriesen der Spektralklasse O mit dem Namen Khasjas Auge, welcher dem Stern Imperators Wacht sehr ähnlich und wie dieser ein gängiges Leuchtfeuer für den Verkehr in Thantur Lok war. 94 Planeten und große Monde umkreisten dieses Monster, doch Leben hatte man in diesem System vergeblich gesucht. Die kleineren, inneren Planeten waren verbrannte, heiße Schlackenhaufen, während weiter außen nur noch Gasriesen existierten. Auch die Hoffnung, vielleicht auf einem der Monde entsprechende Verhältnisse für eine Besiedelung finden zu können, war bei genauerer Erforschung geschwunden. Vielleicht hätte man mit einigem Aufwand etwas tun können, doch den Arkoniden standen genügend andere Welten zur Verfügung, es lohnte die Mühe einfach nicht.
Die Ortungsgeräte der 691-CU sprachen an, als sich in ihrer Nähe ein Transitfeld bildete, die Schirme sowohl des Kriegs- wie auch des Transportschiffes bauten sich unverzüglich zu voller Stärke auf und die Nanotronik richtete sofort die Waffen des Kreuzers auf den erscheinenden Körper aus. Eines der 500 Meter großen Sichelschiffe der Invasoren raste im rechten Winkel zur Flugbahn der Arkoniden aus dem Transitfenster, wurde gleich danach mit unwahrscheinlicher Beschleunigung aus dem Kurs gerissen und schien auf einen Angriffskurs einschwenken zu wollen. Der Schutzschirm des Fremden aus dem Leerraum baute sich ebenfalls auf und die 691-CU schlug mit voller Kraft zu. Die gesamten Geschütze ihrer Nordhalbkugel entluden sich absolut synchron, die auf engstem Raum konzentrierten Energiestrahlen wurden von den Schirmen der Sichel nur für einen Bruchteil einer Sekunde aufgehalten. Dann brannten sie sich durch die Schilde und die Außenhülle des Feindes, immer weiter in den verstärkten Teil in der Mitte der inneren Wölbung. Die Triebwerke der Sichel schwiegen mit einem Mal, der Schirm wurde nicht wieder aufgebaut und das Gefährt schien energetisch absolut tot zu sein, nur noch von der Masseträgheit bewegt driftete das Gebilde in das Systeminnere. Das Transportschiff nahm eiligst seinen Flug wieder auf und beschleunigte mit allem, was die Triebwerke hergeben konnten, während die 691-CU nach Informationen forschen sollte. Aus ihren Startkatapulten schossen zwei magnetisch beschleunigte Landungsboote mit je acht Kampfdrohnen an Bord auf das Wrack zu, über die rasch geöffnete Hyperfunkverbindung erreichten die Informationen der Kampfmaschinen beinahe in Echtzeit den Neurogenten, der diese Aufnahmen von Bord der Sichel sofort an die mit ihm verbündeten Mehandor und, über mehrere Relaisstationen, an die OLYMPOS weitergab. Von dort ging das Material ebenso ohne nennenswerte Verzögerung nach Galacto City, wo Perry Rhodan fluchend halbnackt durch die nächtliche Villa am Goshun-See zum Kommunikationsraum rannte, dicht gefolgt von einer Thora, welche sich eiligst im Laufen einen seidenen Kimono über ihre Blößen warf.
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Tonta 0.0.25 des Timecodes auf der Übertragung. Die Drohnen schwebten durch die Lecks im Bug in das Angriffsschiff der Fremden, ihre Scheinwerfer zeichneten helle Reflexionen auf den geschmolzenen und danach wieder erkalteten Metallflächen. Erst nach und nach wurden die Zerstörungen geringer, und immer weiter drang das Enterkommando in das Innere vor.
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Tonta 0.0.36. Ein Wesen lag auf dem Boden, ein dreieckiger Kopf mit riesigen Augen und einem kleinem Mund, mit zwei Beinen und Armen, die in Händen mit sechs Fingern endeten, aber auch mit einem natürlichen Exoskelett ausgestattet. Eine der Drohnen nahm eine DNS – Probe von dem Leichnam und trat sofort den Rückzug an, während die anderen weiter vorrückten. Immer mehr dieser Wesen wurden gefunden, alle scheinbar tot.
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Tonta 0.1.02 des Timecodes, etwas über 8 Minuten nach dem Feuerüberfall, nahm die 691-CU die Drohne wieder an Bord, lagerte die Probe und verstaute die zurückgekehrte Drohne. Die an Bord des Wracks zurück gebliebenen sandten weiter Filmaufnahmen und Sensorendaten, welche an mehreren Orten Thanthur Loks, auf der Erde und der OLYMPOS betrachtet und für spätere Analysen gespeichert wurden. Ein Raum erinnerte an eine Kommandozentrale, neun der Wesen saßen tot an verschiedenen Pulten, ein Riss in der Decke hatte den Raum zum Weltall geöffnet und bewies, dass auch die Fremden an explosiver Dekompression sterben konnten.
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Tonta 0.1.51 des Timecodes der Übertragung. Es bildeten sich drei Transitfelder am Rande des Systems, und wieder hatte der überraschende konzentrierte Feuerschlag des arkonidischen Giganten durchschlagenden Erfolg und zerstörten einen Gegner praktisch sofort. Der arkonidische Frachter verschwand endlich im typischen Gefunkel des Transits, die Korpuskulartriebwerke rissen den Giganten 691-CU aus seiner Position. Er wandte einem der Angreifer das Heck zu, die südlichen Geschütze feuerten und belasteten die Schirme des Sichelschiffes bis zum Zusammenbruch, doch konnte dieses durch ein unglaubliche scheinendes Ausweichmanöver, wenn auch schwer beschädigt, der kompletten Vernichtung noch einmal entgehen. Sein Partner feuerte, nachdem die erste Salve nur den leeren Punkt im Raum durchbohrte, an dem die 691-CU gewartet hatte, nun eine zweite auf den Arkoniden. Dessen Schirme flammten auf, wurden schwer, jedoch nicht über Gebühr belastet. Dafür schwenkte die schweren Geschütze der Kugel auf das unbeschädigte Sichelschiff und erzeugten eine Energieflut, der auch dieser Schirm nicht lange standhalten konnte. Nach nur wenigen Zentitontas stand der Sieger fest, die 691-CU beschleunigte und leitete den Transit nach Arkon ein, brachte die DNS – Probe in Sicherheit. Dieser Vorfall bewies, dass die arkonidische Flotte den kleinen Feindeinheiten durchaus überlegen war. Das Problem aber blieben die gigantischen Scheiben – und wahrscheinlich die noch größeren Trichter, wie eben ein weiterer gebaut wurde.
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System Reggys Stern
Am Rande des Sonnensystems von Reggys Stern öffnete sich eine Transitblase und entließ ein 250 Meter durchmessendes Kugelraumschiff, das mit moderaten Werten zu verzögern begann. Der Flug zur OLYMPOS sollte noch einige Stunden dauern und führte auch an Mystery vorbei, jenem Urweltplaneten, auf welchen Arkoniden seit einigen tausend Jahren versuchten, wieder zu einer Zivilisation zurück zu finden. Besonders das Matriarchat am südlichen Pol war bereits weit fortgeschritten und hatte den Zirkumpolarstrom bezwungen, um auch auf den Kontinenten nördlich davon bis in die ‚gemäßigten‘ Zonen hinein Fuß zu fassen. Gemäßigte Zone, das bedeutete auf Mystery im Sommer Tageswerte von 70, manchmal sogar 75 Grad, selbst für die hitzeliebenden Arkoniden etwas zu unangenehm. Am Äquator – selbst die hier heimischen Saurier mieden die heiße Zone, nur wenige Insekten bevölkerten die glühend heißen Gegenden, in den das Wasser in den Teichen zu kochen schien. Die einzige Verbindung für Lebewesen zwischen den Hemisphären war scheinbar ein hoher Bergrücken, auf dem selbst in den heißesten Zeiten einigermaßen erträgliche Temperaturen herrschten. Der Vorbeiflug war stets ein von den Passagieren auf dem Promenadendeck gut besuchter Punkt der Reise, auch wenn natürlich die Lebensformen auf diese Entfernung nicht zu erkennen waren. Seit einiger Zeit waren über den Planeten verteilt Beobachtungsdrohnen installiert worden, deren Signale zwar in erster Linie für die Wissenschaftler der GCC, welche vorher auf der HEPHAISTOS und nun auf der OLYMPOS zu Gast waren, bestimmt waren, aber auch gerne den Passagieren eines vorbeifliegenden kommerziellen Raumschiffes zur Verfügung standen. So wurde in den Holoräumen gerne bequem und ohne zu schwitzen die wilde, aber schöne Natur Mysterys bewundert, ohne störend in diese einzugreifen.
Die CYPRESS hatte ihre Route Zalit – Reggys Stern wieder aufgenommen, nur war die Anlaufstelle hier jetzt nicht mehr die HEPHAISTOS, welche nun im Auftrag und Besitz der GCC den Planeten Pott umkreiste und in etwa zwei Monaten in das System des Planeten First aufbrechen sollte, sondern selbstverständlich die OLYMPOS. Auf der HEPHAISTOS hatte nun seit zehn Monaten Colonel Chu Pei-Pei die Kadetten an Bord gedrillt und geschult, jetzt sollte eigentlich bald die Abreise erfolgen. Danach wären First und die HEPHAISTOS ein weiteres Etappenziel, ein Zwischenstopp für die CYPRESS. Siobhan O’Monay sah sich zufrieden auf der Brücke um, die Mannschaft arbeitete perfekt wie immer zusammen, sie hatte die Menschen zu einem guten Team verschmolzen.
„Nun, Kapitän Arrainak“, wandte sie sich formell an den Mann im Kommandostuhl. „Danke, dass ich diesen Transit noch auf der Brücke mitmachen durfte.“
„Gerne, Miss O’Monay“, die Stimme des ehemaligen XO und jetzigen Kapitäns aus dem Baskenland klang belegt und förmlich. „Wir, also, ich – es war eine gute Zeit, mit ihnen als Kapitän, Ma’am.“
„Danke. Das war es, Carlos.“ Siobhan streckte ihre Hand aus. „Sie waren immer eine große Hilfe. Das Kommando haben sie sich redlich verdient!“ Der Baske ergriff ihre Hand.
„Viel Glück auf der THEOPHANU, Siobhan. Wissen sie schon, wer ihr XO wird?“ Der irische Rotschopf schüttelte den Kopf.
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, Carlos. Ich werde mich überraschen lassen müssen!“
„Wer es auch immer ist, er wird eine gute Kommandantin bekommen.“ bekräftigte Arrainak.
„Carlos, sie haben den Job doch bereits!“ lachte Siobhan. „Sie müssen mir nicht mehr schmeicheln!“ Der Baske lachte mit, dann fuhr er herum.
„Alles auf!“ brüllte er, die Besatzung sprang von ihren Plätzen.
„Zum Abschied an Kapitän O’Monay salutiert!“ Alle hoben die Hände zu jenem lockeren Salut, der auf den Schiffen von Starlight Enterprises üblich war.
„Danke“, grüßte sie zurück. „Allzeit gute Landung, Leute!“
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HEPHAISTOS Station
„In the Year 2525 – If man is still alive – If woman can survive – They may find!“ Conan griff in die Saiten seines Banjos und sang den alten Song von Zager und Evans aus den sechziger Jahren des 20 Jahrhunderts.
„In the year 3535 – Ain’t gonna need to the truth, tell no lies – Everything you think, do and say – Is in the pill you took today!“ Blue spielte Gitarre dazu und sang die erste Zeile jeder Strophe mit.
„In the year 4545 – Ain’t gonna need your teeth, won’t need your eyes – You won’t find a thing to chew – Nobody’s gonna look at you!“ Kosak kannte das Lied zwar noch nicht, hatte die Melodie aber rasch aufgenommen und begleitete das Duo auf seiner Violine.
„In the year 5555 – Your arms are hangig limp at your sides – Your legs got nothing to do – Some machine is doing that for you,“ Ballerina schlug auf einer Bodhrán, einer irischen Handtrommel den Takt dazu.
„In the year 6565 – Ain’t gonna need no husband, won’t need no wife – You’ll pick your son, pick your daughter too – From the bottom of a long glass tube Whoooa!“ Conan spielte einen kurzen Wirbel, den Laurin mit einem schottischen Dudelsack und Chili auf dem Keyboard untermalte. Heißsporn und Blattschuss, die keine Instrumente spielten, klatschten einfach im Takt.
„In the Year twenty … five … !“ langsam klangen die melancholischen Töne aus, und Schweigen kehrte ein.
„Ein pessimistisches Lied“ befand Yshmila. „Besonders die Strophe, dass man keinen Partner mehr benötigt, sondern sein Kind aus der Retorte bestellt!“
„Die Pille, die dir alles vorschreibt, ist auch eine Horrorvorstellung“, bemerkte Jack Bowie. „Ich glaube, die Songtexter hatten damals große Angst, dass es wirklich geschehen könnte.“
„Es gab damals sogar Gerüchte, verschiedene Regierungen, auch die der USA würden an einer Art Gedankenkontrolle arbeiten“ erinnerte sich Frost. „Radiostrahlen, unterstützt durch Substanzen wie zum Beispiel LSD, damit die bösen linken Hippies und Friedensapostel wieder angepasste Bürger werden!“
„Die meisten sind ja tatsächlich später brave Bürger geworden“, warf Bianca Motti ein. Dann verzerrte sich ihr hübsches Gesicht zu einer Grimasse, die Augen flatterten, sie schlug die Hände immer wieder zusammen. „Arrgh! Ouch! Arrabrangha! Fehlfunktion! Fehlfunktion! Shit! Mein Befehlsübermittlungs-Modul ist schon wieder einmal hinüber! Da musst du mich jetzt einfach ganz fest halten, Laurin! Zumindest bis der Anfall vorbei ist!“ Lachend schloss der Mehandor die zarte Terranerin in seine kräftigen Arme. Die Kadetten hatten Senior Fähnrich Ming gebeten, den alten Jazzkeller für ihre Musik benützen zu dürfen, und die Erlaubnis auch erhalten. Seither traten sie etwa einmal im Monat auf und erweiterten ihr Repertoire, sowohl die Hobbymusiker als auch ihr Publikum waren mit ganzem Herzen dabei, es wurde langsam zur Tradition.
„Wir sind jetzt zehn Monate auf der HEPHAISTOS.“ Edith Bucheron nahm einen Schluck von ihrem Weinglas. „Und man kann sagen, wir haben uns gut eingelebt!“
„Stimmt!“ John Frost spielte mit seinem Whisky. „Trotzdem wird jetzt wohl bald ein Urlaub fällig!“
Khreistschin schnaubte. „Also, ich für meinen Teil werde hier bleiben, wenn es geht. Genau das ist die Umgebung, in der ich mich wohl fühle!“
„Ich würde gerne mit Yshmila meine Eltern besuchen!“ sagte Jack ruhig. „Sie freuen sich schon darauf, ihre Schwiegertochter in die Arme schließen zu können!“
„Dann ist es dir immer noch ernst?“ Edith betrachtete Jack wie das achte Weltwunder. „Da bist du ja tatsächlich gezähmt!“
„Ach Quatsch!“ Jack winkte ab. „Wisst ihr, früher habe ich immer nur Mädchen gesucht, von denen ich glaubte, dass jeder erwartete, dass ich sie aufreiße. Und alle Mädchen haben dann immer davon gesprochen, was für ein toller Mann ich doch bin, und wie beschützt und behütet sie sich doch fühlen. Bei Yshmila kann ich mich fallen lassen, und ich kann schwach werden, mich auch einmal beschützt fühlen!“
„Nun, das freut mich für dich!“ Bianca nickte. „Es ist schön, wenn man einen Menschen findet, mit dem man glücklich sein kann. Leider werde ich Vhunko nie mit den Händen beschützen können, außer ich hole mir einen ordentlichen Blaster und brenne dem Arsch, der Laurin irgendwie weh tun möchte, den blöden, beknackten Schädel von den Schultern!“
„Wenn er Schultern und einen Kopf hat“, stellte Valentin Petrowitsch Wolkonzow pedantisch richtig. „Oder einen Arsch, wenn wir schon dabei sind!“
„Egal, irgendetwas hat er, das ich ihm wegballern kann“, stellte Bianca unbeirrt fest.
„Und ihr fahrt wieder nach Venedig?“ fragte Johnny Frost.
„Kurz“, erklärte Laurin. „Dann eine Woche Luna, wo wir meine Eltern besuchen.“
„Was machen sie denn?“, wollte Chili wissen. „Du sprichst nie von ihnen!“
„Ach, Paps ist an der Akademie Lehrer. Für Zero G Movement“, erzählte Laurin. „Das bekommt er ohne Beine recht gut hin, irgendwie funktionieren bei ihm weder Regenerierung noch Prothesen oder Transplantate. Er war der einzige Mehandor seiner Generation, der nie in den Caves war. Damals, während der Schlacht im Wegasektor, lag er gerade auf der Krankenstation, er hatte sich selbst umbringen wollen, was wieder nicht funktioniert hat. Dann hat ein Psychologe der Terraner mit ihm gesprochen, dass er seine Erfahrungen mit dem Weltraum doch an Kadetten weitergeben könnte. Er hat wieder einen Sinn im Leben gesehen und unterschrieben. Ma lehrt Taktik für Fortgeschrittene, was Paps gleichzeitig stolz macht und auf die Palme treibt.“
„Nicht schwer bei einem Sechstel G“, kommentierte Khreistschin.
„Aber woher auf Luna eine Palme nehmen?“, überlegte Bucheron laut.
„In Kuppel vier gibt es einen botanischen Garten, da stehen vier verschiedene“, tat Yshmila mit erhobenem Finger kund.
„Aber es sieht doch schon komisch aus, wenn ein grüner, überschwerer Mehandor auf einer Palme sitzt!“ Chili zog die Nase kraus und legte den Zeigefinger an ihre Nasespitze.
„Ja, schon recht“, lachte Vhunko. „Jedenfalls wollen wir eine Woche bleiben, und dann zwei Wochen in das GCC Hotel Seaview auf First. Steht jedem Angestellten der GCC bei rechtzeitiger Anmeldung offen, auch Kadetten. Wir haben unsere Reservierung gestern bestätigt bekommen!“
„Pah!“ Khreistschin schüttelte sich. „Echte Natur, Wind, Wellen? Dafür bin ich als Mehandor nicht wirklich zu haben!“
„Und was sagen deine Eltern zu einer Terranerin als Schwiegertochter?“, bohrte Yshmila nach.
Vhunko lachte. „Für meine Mutter kann ich gar nichts falsch machen, egal, welches Mädchen ich bringe. Und Paps ist total terraphil geworden, der war schon so etwas von stolz, als ich mich auf die Pounder gemeldet habe und mich als Terraner betrachte. Er ist dankbar, dass die Menschen ihm wieder einen Sinn im Leben gezeigt haben, und er hat das letzte Mal auch von einer Überraschung für uns gesprochen, also – wir sind gespannt!“
*
Hinter ihrem Schreibtisch in ihrem Büro neben der Kommandobrücke der HEPHAISTOS hatte Colonel Chu Platz genommen und betrachtete zufrieden ihr kleines Reich. Von hier war buchstäblich alles auf der Station zu beobachten, die einzige Ausnahme stellten die privaten Räume dar.
„Es gibt immer noch sehr viel Platz auf der Station!“ berichtet ihre Adjutantin Senior Fähnrich Ming Tha-Ling bei ihrem regelmäßigen Rapport. „Wir haben mehr als genügend Personen an Bord, um den Stationsbetrieb aufrecht zu erhalten, und trotzdem haben wir noch sehr viele Räume leer. Die Station war – ist – sehr großzügig angelegt.“
„Es war ja auch eine wissenschaftliche und kommerzielle Einrichtung.“ stellte die Colonel fest. „Allein die Hotels für Durchgangsreisende haben mehr Zimmer, als wir für einen laufenden Betrieb benötigen würden. Dazu die wirklichen Luxusquartiere für die Wissenschaftler. Die HEPHAISTOS war ja darauf ausgerichtet, diesen Personen jeden Luxus zu gewähren, damit sie all ihre Gedanken auf ihre Forschung lenken können! Aber keine Sorge, wir bekommen die Station schon wieder voll, sobald sie über First eingetroffen ist. Weiter!“
„Ja, Ma’am. Hier habe ich eine Anfrage einiger Frauen und Männer, ob man den Freikörperstrand nicht wieder als solchen deklarieren und benützen könnte!“
„Warum denn nicht?“ wunderte sich Pei-Pei. „Wer hat das denn überhaupt abgeschafft?“
„Major Moosbat hat damals wegen der Kadetten den Strandabschnitt gesperrt, Ma’am!“
„Einer von den ganz prüden Amerikanern, will mir scheinen. Öffnen sie ihn wieder. Mit 18 Jahren kann man schon den nackten Körper des anderen Geschlechts ohne psychische Schäden vertragen! Außerdem glaube ich nicht, dass der Anblick den meisten noch fremd ist.“
„Ja, Colonel. Wir haben hier noch die Einladung einiger Personen, ob die Colonel bei der Eröffnung und beim Finale eines Beachvolleyballturniers anwesend sein möchte.“
„Aber ja!“ freute sich Pei-Pei. „Die Leute beginnen sich hier scheinbar wohl zu fühlen! Effy?“
„Ja, Colonel?“ das Imago des Rechners erschien in der Luft, mit Ausnahme der Uniformfarbe unverändert seit Starlight-Zeiten. „Gibt es an Bord die Möglichkeit, einen Pokal oder eine Schale herzustellen?“
„Selbstverständlich, Colonel. Ich darf hier einige Muster zur Auswahl präsentieren.“ Das Hologramm umgab sich mit verschiedenen Trophäen.
„Mir gefällt diese. Einfach und schön, ein stilisierter goldener Ball über einem ebenso stilisiertem silbernen Netz. Den Entwurf nehmen wir.“
„Er wird heute Abend in ihrem Quartier sein!“ versprach Effy.
„Danke. Tha-Ling, geben sie den Veranstaltern bekannt, dass die Schiffs- also, die Stationsführung den Preis zur Verfügung stellt.“
„Ja, Colonel. Dann wären noch einige Unterschriften nötig. Ich habe mir erlaubt, die Mappe gleich mitzubringen!“
„Geben sie her. Gute Arbeit, Senior Kadett.“
„Ma’am!“ Ming Tha-Ling salutierte und verließ den Arbeitsraum wieder.
Pei-Pei blätterte in den Berichten, Anforderungen, Memos und Bewilligungen. Napoleon Bonaparte sollte einmal gesagt haben, eine Armee marschiere auf ihrem Magen. Sie wollte dem großen Franzosen nicht widersprechen, aber sie hatte das Gefühl, dass Papier die wirkliche Antriebsquelle für ein Schiff oder eine Station darstellte. Bürokratie, Bürokratie und noch einmal Bürokratie, hier sollte einmal etwas geschehen. Die Colonel stand auf und trat zu dem großen Schirm, der das Fenster ersetzte. Nicht weit von der HEPHAISTOS schwebte die OLYMPOS, gigantisch, majestätisch. Ein Raumschiff näherte sich der OLYMPOS, schwebte eine Zeit lang über dem Sonnendeck und flog dann in Richtung HEPHAISTOS. Ihr Tischcom meldete sich.
„Ma’am! Die USS Space Force One ist im Anflug, Stan Lee Johnson bittet um Landeerlaubnis.“ meldete der RO.
„Geben sie ihm die Erlaubnis, RO, und bitten sie ihn und den Präsidenten zum Dinner. Informelle Kleidung erwünscht. Danke!“
*
Die PENSACOLA war ein Handelskreuzer der Insterstellar Trading Company mit 400 Metern Durchmesser und modernster Technik, besonders die Triebwerkleistung und die Defensiveinrichtungen waren noch extra verstärkt. Wie alle Schiffe der ITC war sie olivgrün gefärbt, über und unter dem Ringwulst trug sie stolz die weißen, fünfzackigen Sterne der USA als Hoheitszeichen, je sechs pro Halbkugel, mit dem Schriftzug ihres Namens in englischen und arkonidischen Buchstaben dazwischen. Ab und zu änderte die PENSACOLA aber auch schon einmal ihr Rufzeichen in Space Force One, wenn das Schiff den Präsidenten der USA an Bord nahm. Langsam sank das Kugelschiff durch das röhrenförmige Kraftfeld nach unten zur Landeposition und setzte von der Stationsautomatik gesteuert sanft auf. Die Landestützen fuhren wieder ein Stück ein und brachten die Polschleusen in bequeme Höhe für den Lift, der auch prompt nach unten fuhr, vier Marineinfanteristen in ihren dunkelblauen Uniformjacken über schwarzen, rotbetressten Hosen und mit weißen Schirmkappen und Handschuhen kamen aus dem Lift und nahmen links und rechts des Ausstieges mit Gewehr bei Fuß Aufstellung. Dann schloss sich das Liftschott wieder, und als es sich das nächste Mal öffnete, knallten die Haken der Marines gegeneinander, die Gewehre wurden gehoben und präsentiert. Aus dem Lift stieg ein nicht mehr ganz junger Mann mit prächtigem Vollbart im dunkelblauen Geschäftsanzug, gefolgt von Stan Lee Johnson, salutierte nachlässig den Posten und schritt auf die wartende Senior Fähnrich Ming zu, während aus Lautsprechern the star spangled banner ertönte.

„Achtung!“ Die Stimme der Offziersanwärterin schnitt durch die Klänge der Hymne, die Waffenarme von zehn Kampfrobotern zuckten nach oben und wiesen zur Decke, Ming Tha-Ling stand in Habt-acht-Position und salutierte schneidig.
„Willkommen auf HEPHAISTOS Station, Mister President, Mister Johnson!“
„Danke!“ Der Präsident bot Tha-Ling die Rechte, und der Senior Fähnrich ergriff sie, um danach auch dem Vorstandsvorsitzenden der ITC die Hand zu schütteln.
„Bitte folgen sie mir, Gentlemen. Ich darf sie zu Colonel Chu führen?“
„Bitte!“ Stan Lee machte eine zustimmende Geste. „Gehen sie vor. Ich darf darum bitten, dass Senior Fähnrich Abraham Strange zu dem Treffen gerufen wird? Der Präsident Joshua Strange ist der Vater des Fähnrichs und würde seinen Sohn gerne sprechen.“
Ming nickte. „Selbstverständlich, Sir! Effy, bitte benachrichtige die Colonel und den Senior Fähnrich! Bitte hier entlang!“
„Achtung“, ertönte eine angenehme Frauenstimme aus den Lautsprechern. „Sie passieren die Gravitationsgrenze. Bitte beachten sie, dass die hellen grünen Streifen in den Liftröhren die Oberkante des Ausstieges und die dunklen roten die Unterseite markieren. Danke für ihre Aufmerksamkeit.“
„Effy erinnert uns immer daran, weil wir es nicht gewöhnt waren, dass oben und unten wechseln“, erklärte die Senior Fähnrich den Gästen. „Die Gravitationsfelder sind so aufgebaut, dass der Boden des Raumhafens als unten empfunden wird, hier wechselt das Feld, sodass die Glasdecke des Sonnendecks als oben gesehen wird.“
*
„Ma’am! Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Mister Joshua Strange und der Vorstandsvorsitzende Mister Stan Lee Johnson! Gentlemen, Colonel Chu Pei-Pei!“
„Gentlemen!“ Pei-Pei erhob sich hinter ihrem Tisch und kam den Gästen entgegen. „Wie kann ich ihnen helfen?“ Sie wies auf eine gemütliche Sitzgarnitur, die um einen kleinen Tisch gruppiert war.
„Präsident Strange und ich sind zu einer gemeinsamen Sitzung des terranischen Sicherheitsrates mit den wissenschaftlichen Stäben von GCC und Starlight Enterprises unter der Federführung der UN eingeladen. Nun macht einer der Söhne des Präsidenten bei der GCC eine Ausbildung und ist Senior Fähnrich hier auf dieser Station. Daher möchte der Präsident bitten, ausnahmsweise Dienst und Privates verknüpfen zu dürfen und seinen Sohn zu besuchen. Er ist im Normalfall ein sehr pflichtbewusster Mann, Colonel, aber ich habe ihn überredet, auch einmal ein Vater und nicht nur Präsident zu sein.“
„Aber natürlich!“ Die Colonel nickte. „Es wäre nicht richtig, einfach so wieder abfliegen zu müssen, ohne seinen Sohn sehen zu können. Der Rat beginnt morgen, soviel ich weiß?“
„Ja, Colonel. Morgen Vormittag, elfhundert!“ Präsident Strange ergriff zum ersten Mal selbst das Wort.
„Senior Fähnrich Strange hat hiermit Urlaub bis morgen Mittag. Bitte, seien sie bis zu ihrem Aufbruch morgen meine Gäste. Angemessene Räumlichkeiten stehen ihnen an Bord zur Verfügung.“
„Ich danke, Colonel Chu.“ Präsident Strange erhob sich. „Dann will ich sie nicht länger stören und draußen meinen Sohn erwarten.“
„Der müsste schon da sein!“ lächelte Pei-Pei, erhob sich und reichte dem Präsidenten die Hand.
*
„Er hat es nicht leicht“, bemerkte Stan Lee. „Er ist der erste Mormone im Amt des Präsidenten und hält seinen Glauben strikt von seinem Amt getrennt. Der Präsident ist ein hervorragender Verwalter und einer der besten Personen in den letzten Jahren in der Administration, und er gibt immer den säkularen Gesetzen den Vorzug. Ich mag ihn, obwohl ich mit Gott nicht viel am Hut habe.“
„Und sein Sohn ist …?“
„Er sagt: ‚Gott stellt uns an die Stelle, die ER für richtig hält, und wir müssen uns bemühen, diesem Auftrag bestmöglich gerecht zu werden.‘!“ Stan Lee Johnson malte Gänsefüßchen in die Luft, während er den Präsidenten zitierte. „Mister Strange ist stolz auf Abraham. Sehr stolz, und er bittet Gott täglich um die Vergebung dieser Sünde. Aber die Hemdknöpfe platzen ihm trotzdem beinahe, wenn er von seinem Sohn spricht!“
„Eine lässliche Sünde, würde ich sagen“, meinte Chu Pei-Pei. „Darf ich ihnen einen Drink anbieten?“
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OLYMPOS
„Meine Damen und Herren!“ eröffnete Tana Starlight die Sitzung des gemeinsamen Rates. „Auch wenn ich davon ausgehe, dass die meisten Anwesenden einander zumindest vom sehen kennen, möchte ich eine ganz kurze Vorstellung durchführen. Die federführende UNO wird durch ihre Generalsekretärin Ulwazi Nhlakanopho vertreten, ihr zur Seite steht Admiral Atlan, der Oberkommandierende der irdischen Verteidigungsstreitkräfte und seine Vizeadmiralin Dacota Conrad. Daneben die Delegation aus den USA, Präsident Joshua Strange, Admiral Ben Hofman und General Lou Smiller. Die Europäische Union wird vertreten durch Ratspräsidentin Silke von Gröben, Admiral Ambrosio Tratatori und Konteradmiral Svenja Liv Solveig, die Kronprinzessin von Norwegen. Von der Asiatischen Föderation darf den Präsidenten Gao Bo-Chang, Admiral Ma Djien-Si und Generalin Lo Lling-Cha begrüßen. Von den Russischen Republiken Präsident Nikolai Petrowitsch Minski, General Natalja Fedorowna Kaminskaja und General Sergej Pawlowitsch Wolkow zu uns gestoßen. Besonders erfreut bin ich, dass auch aus dem Vereinigten Königreich eine Delegation zu uns gestoßen ist, Queen Margareth Diana, der erste Spacelord Sir George Homestad und Admiral Sir William Pandridge. Die ITC wird vertreten vom Vorstandsvorsitzenden Mister Stan Lee Johnson, Miss Abigail Winter und Captain Ross Darcy. Die GCC hat ebenfalls den Vorstandsvorsitzenden, Mister Perry Rhodan, Donna Thora dalZoltral und Mister Reginald Bull entsandt. Dazu möchte ich noch als wissenschaftliche Berater Miss Kono Killikioauewa, Miss Angel Kleinschmid, Mister Crest daZoltral und Mister Christian Hawlacek vorstellen. Auf den Plätzen der Starlight Enterprises haben Miss Leslie Myers und Mister Reginald Meunier Platz genommen. Ich bin Tana Starlight, und damit wäre die Runde komplett. Ich bitte die Damen und Herren Adjutanten um Entschuldigung, dass ich sie nicht namentlich genannt habe. Wenn sie der Runde etwas mitzuteilen haben oder gar eine Idee vorbringen wollen, dann bitte zögern sie nicht, das zu tun. Nennen sie ihren Namen und reden sie, vielleicht ist gerade das der Anstoß, aus einem gedanklichen Kreis auszubrechen. Ansonst, bitte, zögern sie nicht, etwas zu essen oder trinken zu ordern. Es könnte ein langer Tag werden! Willkommen an Bord, lassen sie uns beginnen. Zu Beginn möchte ich ihnen die Videos der AFC 997-691-CU zeigen und danach die Ergebnisse der Untersuchungen mitteilen. Bitte, meine Damen und Herren.“
Das System des blauen Hypergiganten erschien als Hologramm über dem Besprechungstisch, daneben der Roboterfrachter. Verschiedene Informationen der Schiffsensoren des Begleitkreuzers liefen am unteren Rand vor jedem Sitzplatz ab, ohne den Blick auf das Geschehen zu stören. Das Sichelschiff erschien und wurde vernichtet, das Enterkommando abgesetzt, der Kampf gegen die drei Gegner gewonnen, die 691-CU baute ihr Transitfeld auf, ein roter Zwergstern wurde kurz sichtbar, ehe die Darstellung verblasste.
„Wie sie sehen, hat ein Fusuf-Schlachtkreuzer es gleichzeitig mit drei Gegnern aufgenommen und hat das Gefecht nicht nur überstanden, sondern auch den Feind überwinden und mit der genommenen DNS – Probe entkommen können“, übernahm nach der Vorführung des TriVid Crest das Wort. „Die Untersuchung hat als Ergebnis erbracht, dass die Fremden von allen Lebensformen, die wir in unserer Galaxis kennen, am ehesten mit den Insekten verwandt sind – trotzdem sie einigermaßen humaniform wirken. Es sind vier verschiedene DNS – Stränge als Anlage vorgefunden worden, aber drei davon sind nur latent vorhanden. Ich muss gestehen, es wird noch etwas Zeit, Forschung und neue Informationen benötigen, bis wir uns wirklich einen Reim auf die Sache machen können!“ Crest nahm einen Schluck Wasser. „Die Auswertung der gemessenen Trefferwirkung auf die Schutzschirme der AFC 997-691-CU ergibt die Stärke von schweren Energiegeschützen, vergleichbar etwa den 80 bis 100 Zentimeter Geschützen, die wir verwenden. Ihr Schild ist dagegen nicht sehr stark, vergleichbar etwa dem eines unserer leichten Kreuzer. Solange also keine von den Scheiben auftauchen, müssen wir uns keine allzu großen Sorgen machen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese Scheiben in der Nähe der Erde eintreffen werden, bei 99 Prozent liegt, wenn sie nicht vorher aufgehalten werden. Nicht in der nächsten Zeit, aber irgendwann werden sie kommen. Ganz sicher!“
„Dann wäre es besser, sie vorher aufzuhalten!“ General Wolkow rieb sich das Gesicht. „Vielen Dank für die Fregatten, Tana Starlight, wir üben schon fleißig!“
„Erfreulich zu hören, Sergej Pawlowitsch“, bedankte sich Atlan. „Wir können jeden Mann brauchen.“
„Auch jede Frau, Atlan?“ warf Bully ein. „Ich habe heute die Meldung erhalten, dass die Besatzung der BRIGADA INTERNATIONAL beinahe vollzählig die Heimreise angetreten hat. An Stelle der zurück Bleibenden sind einige Miridaner auf dem Weg zu uns, unter anderen auch Admiral Kya Anach. Letztere aber nur auf begrenzte Zeit, danach möchte sie mit Freyt wieder zurück, die Miridaner wollen Mike einen Posten anbieten.“
„Eine gute Nachricht. Die alten Füchse werden willkommen sein!“ Stan Lee rieb sich die Hände. „Dann bekomme ich meinen besten Kapitän zurück!“
„Für die MISSOURI?“ fragte Perry Rhodan.
„Wenn er sie als Flaggschiff will!“ entgegnete Stan Lee. „Auch wenn wir bisher nur Handelskreuzer besitzen, möchte ich langsam einen Admiralstab aufbauen. Nur für den Fall der Fälle.“
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„Ich möchte den Rat offiziell in Kenntnis setzen, dass ich fortschrittliche Antimaterie-, Schild- und Waffentechnologie an den Neurogenten verkauft habe“, bezog Tana auf eine Frage des US-Präsidenten Stellung. „Deshalb habe ich die neueste Informationen, über die wir jetzt sprechen, unverzüglich erhalten. Ich möchte auch anmerken, dass ich für den überschweren Mehandor Talamon ein schweres Schlachtschiff baue. Aus mehreren Gründen, aber vor allem, um gute Kontakte für die Zukunft zu knüpfen. Ich verkaufte den Mehandor auch vorher schon sowohl neue Schiffe als auch Nachrüstsets, sogar Transitdämpfer. Nicht aber die Dämpfungsorter, welche in manchem terranischen Schiff bereits zu finden sind. Mister President, sie können sich sicher sein, dass wir den Schiffen der Arkoniden und der Mehandor mindestens eine Klasse überlegen bleiben.„
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„Nachdem ich alles gehört habe, möchte ich eines feststellen.“ Madame Generalsekretärin der UNO, die ehrenwerte Dame Ulwazi Nhlakanopho hatte sich erhoben und sah die Versammelten durch ihre dicke Brille an. „Ich kann verstehen, dass sich einige der Anwesenden Sorgen machen, wenn Technologie an den Feind von gestern und vielleicht auch von morgen verkauft wird. Doch die terranische Wissenschaft hat bewiesen, dass sie zu Fortschritten fähig ist, während die arkonidische stagniert. Aus diesem Grund wird der technologische Vorsprung gegenüber dem Großen Imperium auch wieder wachsen. Daher spricht die UNO Tana Starlight ihr Vertrauen aus!“
„Danke Madame Generalsekretärin“, verbeugte sich Tana im sitzen. „Kommen wir nun zum nächsten Punkt.“
*
Die TSS BC 003 THEOPHANU war eine 600 Meter durchmessende Kugel mit dem für die Konstruktionen der Starlight Enterprises breiteren Ringwulst. Im nördlichen Polturm war eine Konverterkanone und zwei 180 Zentimeter Impulsstrahler verbaut, zwei Kanonendecks pro Halbkugel, je eines mit sechs und eines mit zwölf Geschützkuppeln, welche mittlere bis leichte Schnellfeuerwaffen beherbergten, im Ringwulst waren 18 Zwillingskuppeln mit Kalibern von 120 Zentimetern untergebracht. Ein durchaus ernst zu nehmender Gegner auch für größere Einheiten. Siobhan ging durch die Gänge des Schiffes und ließ ihre Fingerspitzen die Wände entlang streichen. Beinahe meinte sie die nur mühsam beherrschte Energie zu fühlen, als wäre die THEOPHANU ein Terrier an der Leine, der ungeduldig darauf wartete, endlich losstürmen zu dürfen. Vor dem Zentralschott atmete sie noch einmal kräftig durch und betrat die Brücke.
Die anwesenden Personen drehten sich zu dem beinahe knabenhaft schlanken, kleinen Rotschopf mit der Krausnase, den grünen Augen und den Unmengen von Sommersprossen um. Ein mittelgroßer, relativ unauffälliger Mann mit dunklem, mediterranem Teint trat vor.
„Ich bin Kapitän Alejandro Gabriele Pandretti, derzeit Kommandant der TSS BC 003 THEOPHANU!“ Er reichte Siobhan die Hand. „Kapitän O’Monay, nehme ich an?“
„Siobhan O’Monay, Kapitän Pandretti!“ Sie ergriff seine Hand.
„Nun, dann übergebe ich ihnen hiermit die Codes der THEOPHANU, Siobhan!“ Eine junge Frau mit hellbrauner Haut reichte Alejandro eine Mappe, in deren Umschlag ein Speicherchip steckte. „Mein XO, Judith Beeraley aus Havanna“, stellte er die junge Frau vor, und Siobhan reichte auch ihr die Hand. Dann salutierten die drei Offiziere vor einander.
„THEO! Ich übergebe das Kommando hiermit an Kapitän O’Monay!“ wandte sich Alejandro Gabriele an die Neuronik und reichte Siobhan die Mappe mit den Codes.
„Bestätigt und im Logbuch vermerkt. Willkommen an Bord, Kapitän O’Monay“, erklang von der Decke eine rauchige Stimme.
„Sehr gut! Die THEOPHANU gehört damit ihnen, Kapitän O’Monay“, sagte Pandretti. „Ich hoffe, sie verleben eine gute Zeit mit ihr. Und allezeit gute Landung!“
„Vielen Dank und freien Himmel, Kapitän, XO. Und – gratuliere zum Kommando über die GIULIA FARNESE.“ Noch ein kurzer Händedruck, dann verließen der ehemalige Kapitän und seine rechte Hand die Brücke.
„Ma’am!“ Vor Siobhan stand eine blonde Frau, beinahe anderthalb Köpfe größer als sie und mit etwas prominenteren Formen.
„Ja, Oberleutnant?“ Interessiert betrachtete Siobhan ihr Gegenüber.
„Mein Name ist Lydia Halverdorn, Ma’am. Ich bin ihnen als XO zugeteilt worden. Leutnant Wassili Petrowitsch Bronstejn ist erster Pilot, Leutnant Samantha Powers ihre Navigatorin und Leutnant Mahmoud al Asawansri ihr Geschützoffizier. Die restliche Besatzung ist noch unterwegs zur OLYMPOS, Ma’am!“
„Danke, XO.“ Siobhan sah sich kurz um. „Wir sollten uns besser kennenlernen, bis Dienstschluss ist es noch hin. Setzen wir uns doch auf einen Kaffee zusammen und reden wir. Der Rest kann abtreten, 72 Stunden Urlaub! Bis zumindest die Mannschaft der Brücke halbwegs vollständig ist, können wir ohnehin nicht viel machen. Der Captain hat ja alle seine Leute mitgenommen.“
„Nun, verständlich, Ma’am. Zuerst die schweren Brocken zur Verteidigung bereit haben, und sowohl die Cargo Ships als auch die Personentransporter müssen den Betrieb ebenfalls aufrecht erhalten!“
Siobhan nickte. „Damit haben sie natürlich recht, XO! Kommen sie, kennen sie ein nettes Lokal, wo wir uns hinsetzen können?“
„Selbstverständlich, Ma’am! Smokebeard Murphys Pub?“ Siobhan musste lachen.
„Richtig getippt, XO, ich bin Irin. Na schön, ein Pint kann sicher nichts schaden! Theo, Ruhemodus, bitte!“
*
Die Raumfähre näherte sich der treibenden 950 Meter durchmessenden Kugel der GIULIA FARNESE.
„Sehen sie nur, XO!“ Alejandro Gabriele Pandretti verschlang sein neues Schiff mit den Augen. „Das erste Schiff mit Konverterkanonen und das erste mit der neuen 250 Zentimeter Artillerie. Das erste mit Methaneinspritzung und mit vielen anderen Dingen. Sie ist etwas besonderes! Und sie hat einen besonderen Namen! Und jetzt, es werde Licht!“ Er hob einen Codegeber und drückte auf dessen Knopf! Drüben in der GIULIA FARNESE flammten Lichter auf, eine hell erleuchtete Schleusenkammer öffnete sich und Judith Beeraley steuerte in die Bucht. „Also, Leute, der Rechner ist noch nicht erweckt, seid nett zu ihm!“ wandte sich Major Alejandro Pandretti an seine Besatzung. „Die alte Persönlichkeit ist auf die HATHOR übersiedelt, wir haben praktisch einen fabrikneuen Computer vor uns. Also, wir haben die THEOPHANU gut hingekriegt, wir werden auch der GIULIA eine gute Persönlichkeit geben!“ Während sich die Brückencrew auf den Weg zur Mitte des Schiffes machte, schleuste bereits die nächste Fähre ein und brachte weitere Besatzungsmitglieder. Insgesamt sollten mit Korvettenbesatzungen, Drohnenpiloten und Infanteristen beinahe 1.000 Personen auf der GIULIA ihren Dienst versehen. Nun, zu Beginn musste er sich mit weniger als der Hälfte begnügen, mit den Leuten, die er von der THEOPHANU mitgebracht hatte. Die Infanterie sollte bei der Mätressen-Klasse bei weitem stärker an Bord vertreten sein als auf der Königinnen-Klasse, war aber teilweise noch gar nicht rekrutiert. Derzeit hatte die GIULIA mehr Panzer als Fahrer und mehr Schwebebikes als Dragoner an Bord. Auch Piloten für die Drohnen und Jäger waren noch nicht genug für alle Posten auf allen Schiffen im Dienst der GCC. Aber das kosmonautische und technische Team waren ebenso einsatzbereit wie das Dienstleistungspersonal, diese Besatzung hatte Alejandro von der THEOPHANU mitgebracht.
„GIULIA FARNESE! Code Sierra Sierra Tango, Autorisierung 356 Bravo Foxtrott 82464 Hotel Golf Romeo! Alle Kommandofunktionen auf mich!“ Major Pandretti hatte auf der Brücke damit begonnen, sich zu legitimieren und die Neuronik auf sich einzustellen. Dann gab er auch die Funktionen der einzelnen Pulte frei und stellte der Picotronic ihre künftigen Kollegen auf der Brücke vor und forderte auch seine Mannschaft auf, ihre Namen und die Funktion zu nennen. Auch wenn die Dienstakten selbstverständlich gespeichert und dem Bordrechner zugänglich waren, hielt der Venezianer es für eine gute Möglichkeit, mit der künstlichen Person in Kontakt zu treten und ihre Stimm-Muster speichern zu lassen. Enttäuscht sahen die jüngeren Kadetten auf der OLYMPOS, dass das Schiff wieder seinen Dienst aufnahm und doch nicht auf sie wartete.
*
System Sol
Terra, Mittelmeer
Hoch über dem Mittelmeer, das sich langsam wieder von der Umweltverschmutzung erholte und wieder zu einem belebten Biotop wurde, lag eine schneeweiße Villa auf einer der unzähligen kleinen, felsigen Inseln. Ein Lift verband das Gebäude mit einer Bucht, wo ein gut geschützter Sandstrand das schwimmen im Meer erlaubte, Sonnenschirme und Liegen standen auf dem goldgelben Sand vor türkisblauem Wasser. Auf der anderen Seite des Felsen war, ebenfalls über einen Lift oder zu Fuß über einige Stufen von der Villa zu erreichen, ein Landeplatz, wo einige moderne, zum Teil sogar raumtüchtige Fähren standen. Mitten unter ihnen stand ein Bell 47G mit voll verglaster Kanzel, ein kleiner Hubschrauber, der elektrische Motor wurde von einer modernen Kraftzelle gespeist. Ein ebenfalls elektrisch angetriebenes Zodiac – Sturmboot und eine luxuriöse, vollrobotisierte Yacht lagen in einer geschützten Höhle und warteten nur darauf, dass der Besitzer an Bord ging und auslaufen wollte. Doch die Besitzerin des Anwesens hatte nicht vor, heute noch eine Fahrt zu unternehmen.

La Doña lag bäuchlings in der Sonne und stöhnte wohlig. Aus den hervorragenden Lautsprechen erklang Donizettis Arie Il dolce suono mit der großen Diva Eleonore Davikati und dem Orchester der Metropolitan Oper in New York, während die gut geölten großen Hände des hübsch gebauten, breitschultrigen Mannes ihre Muskeln kneteten. Señor Miguel de Mantagua wusste zwar nicht, wo er hier war, er wurde stets mit einem vollautomatisierten Luxusgleiter mit verdunkelten Scheiben abgeholt und nach Hause gebracht, auf dem Rückweg durfte er sich auch an der Bar bedienen. Es war ihm völlig egal, wo er sich befand, die Bezahlung war mehr als Großzügig und er war gewöhnt, keine überflüssigen Fragen zu stellen. Er wusste auch nicht, wer hier unter seinen Händen lag, aber er kannte die Wünsche von la Doña ganz genau! Zuerst das durchkneten der langen, wohlgeformten Beine, dann der Pobacken und zuletzt des Rückens und der Schultern. Und es durfte schon ein wenig härter sein, wenn er zugriff, auch wenn sie bei den ersten Griffen eher vor Schmerzen als vor Vergnügen ächzte. Es half nichts, die Verkrampfungen mussten eben gelöst werden, und Streicheln war da eindeutig zu wenig! La Doña wollte es rau, und sie bekam es genau so. Und wenn la Doña dann wirklich entspannt war, wollte sie richtig verwöhnt werden, dann kam die raue Tour nicht mehr gut an, dann wollte sie es sanft. Und er sollte schweigen, außer den Begrüßungen wollte sie kein Wort hören. Nachdem er fertig war, sollte er einfach gehen, und wenn er zu Hause war, würde sein Konto um einen größeren Betrag angewachsen sein. Nun, Miguel beherzigte das alles, der letzte Teil war für ihn sogar ein durchaus angenehmer Job, wenn er bedachte, welche Damen manchmal seine Dienste in Anspruch nahmen.
Leise packte er seine Öle ein und zog sich an, um danach in den Lift zum Landedeck zu steigen. Ein letzter Blick zurück, la Doña lag, noch ein wenig schwerer atmend, die Augen geschlossen, auf dem Rücken in der Sonne und hatte die dunkle Sonnenbrille aufgesetzt. Er nickte, dann fuhr der Lift los, und Miguel de Mantagua wusste, dass unten bereits die Limousine mit offener Türe auf ihn warten würde. Er wusste auch, dass er nie erfahren würde, wer die geheimnisvolle Schöne in dieser Villa war. Er hätte es wahrscheinlich auch nicht gewusst, wenn er ihren Namen gehört hätte. Er lautete Tatjana Michailowna.
Ein Mann kam aus der Villa auf die Terrasse, er bewegte seinen gut gebauten Körper wie ein Tiger auf Raubzug.
„Gospozha, es ist ein Mail eingegangen!“ Der Tonfall des Mannes war höflich, respektvoll, aber nicht unterwürfig.
„Ich bin nicht interessiert, wer auch immer es ist“, antwortete Tatjana. „Jetzt habe ich mir zuerst einen ordentlichen Urlaub verdient. Lust und Laster!“ Sie trank einen Schluck von ihrem Champagner.
„Der Absender ist ‚Tinkerbell‘, Gospozha!“ Tatjana Michailowna fuhr auf und setzte sich aufrecht.
„Tri raza chert Dermo“, fluchte die schöne Russin unbeherrscht in ihrer Muttersprache. „Nebo, zhopa!“ Sie stand auf und ging ins Haus, wo sie sich rasch einen Kimono überwarf, aber auf das Zubinden verzichtete. Der Mann blieb noch kurz auf der Terrasse stehen und sah ihr nach, dann verschwand er von einem Augenblick zum nächsten.
„Zerhacker, Störer, Code 591, Aljoscha, danke!“ Ein schneller Blick in den Spiegel, die Lippen rasch nachgezogen. Nicht, dass es nötig gewesen wäre, aber sie machte gerne einen gepflegten Eindruck. Dann flackerte das Licht und zeigte an, dass ihr Anrufer sprechbereit war. Tatjana aktivierte jetzt auch ihre Kamera und sah den Mann, dessen Hologramm vor ihr erschien, direkt an.
„Allan! Was verschafft mir das zweifelhafte Vergnügen deines Anrufes mit höchstem Alarmcode?“
„Was schon!“ Allan Donald Mercant grinste Tatjana an. „Ich benötige eine menschliche Telepathin, deren Gesicht nicht auf jeder Webseite zu sehen war und ist. Und ich benötige sie gleich!“
„Du strapazierst meine Gutmütigkeit! Aber gut, gib mir die Details, dann werde ich entscheiden.“
„Empfängst du alle Kunden so offenherzig, Tatjana?“, schmunzelte Allan D. Mercant, während er schon auf ‚senden‘ drückte.
„Nur dich, Allan. Nur den eisernen Al.“
März 2086
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Einzelne Emotionen krochen müde durch das Gehirn. Hitze, Angst, Schmerz, Stolz und das resignierte Akzeptieren des Unausweichlichen! Dann kehrte das Vergessen wieder zurück und brachte zumindest kurzfristig erneut Erlösung.
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Sektor Gopkar
Tricky Secret
Ein schwerer kugelförmiger Schlachtkreuzer mit 600 Metern Durchmesser flog mit starker Verzögerung in das System der roten Riesensonne und näherte sich dem dreizehnten Planeten, der ohne merkbare Atmosphäre in seiner weiten Bahn förmlich um die Sonne schlich. Das ankommende Raumschiff war in dem hellen Rauchblau der Starlight Enterprises gehalten, von dem üblichen Portrait auf der nördlichen Halbkugel blinzelte eine Frau mit hochgesteckten schwarzen Haaren und Schläfenlöckchen in einem antiken griechischen Gewand dem Betrachter kokett zu.
„CO, bitte nehmen sie Verbindung zur KAILASH auf!“ wandte sich Tana Starlight auf der Brücke an den jungen Kapitän des Schiffes, Joseph Mbatabutu.
„Sofort, Ma’am!“ Der dunkelhäutige Zulu aus Südafrika ließ seine weißen Zähne aufblitzen. Beinahe zwei Meter groß und massig gebaut, hätte er durchaus einem Springer Konkurrenz machen können, er war durchtrainiert, fit und hochintelligent. Das einzige, mit dem er Probleme hatte, waren sein fehlender Haar- und Bartwuchs. Gerne hätte er sich einen schönen Vollbart zugelegt, oder irgend eine normale Frisur, doch beides wollte und wollte einfach nicht sprießen. Nur einige wenige Haare in vereinzelten Inseln, die er dann doch lieber komplett abrasierte und seinen Kopf komplett mit einer glänzender Glatze präsentierte.
„RO, Verbindung zur KAILASH herstellen!“
„Aye, Sir!“ Hanna Stratowski schaltete an ihrem Pult, lauschte kurz und bestätigte dann.
„Die Verbindung ist hergestellt, Sir, Ma’am!“
„Danke!“ Tana lächelte der stämmigen Berlinerin mit den langen, schwarzen Zöpfen kurz zu.
„KAILASH, hier ist Tana Starlight an Bord der HELENA. Wir werden in etwa…“ sie blickte kurz auf Joseph, der drei Finger in die Höhe hielt und dann die Hand zur Faust ballte. „…in etwa dreißig Minuten landen. Danach möchte Madame Ulwazi Nhlakanopho, die Generalsekretärin der UNO, gerne mit Professor Hagara Hakatomi sprechen!“
„Willkommen zurück auf Tricky Secret, Miss Starlight.“ kam die Antwort des kommandierenden Offiziers, UN – Korvettenkapitän Ladisłaus Czaztaniwo aus Warschau, von der Brücke der Korvette. „Der Professor wird der Madame Generalsekretär selbstverständlich zur vollen Verfügung stehen und bittet die Generalsekretärin, Admiral Atlan und sie, Miss Starlight, in die Kuppel des Hüters der Erinnerungen.“
„Danke KAILASH! Ich werde es weitergeben, wir werden uns in der Kuppel einfinden. HELENA aus.“ Dann wandte sie sich an Joseph. „Landen sie das Schiff bitte direkt neben der KAILASH, CO, viel an Klima ist auf Tricky Secret ja doch nicht mehr zu ruinieren. Und geben sie mir doch bitte Bescheid, wenn das Schiff steht!“
„Ja, Ma’am!“ Der Afrikaner war noch etwas steif und förmlich im Gehabe, wenn er salutierte, aber irgendwann würde sich das auch noch geben und er sich wie alle anderen mit einem lockeren Tippen des Zeigefingers an die Stirnseite begnügen.
Tana verließ die Brücke und suchte die Generalsekretärin in ihrer Kabine auf.
„Madame, es ist beinahe so weit. Die HELENA ist bereits im Landeanflug und Professor Hakatomi bittet uns danach in die Kuppel des Hüters! Wenn sie erlauben, werde ich jetzt auch Admiral Atlan unterrichten, und sie mit ihm dann nach erfolgter Landung auf Tricky Secret abholen kommen.“ Ulwazi legte ihr Buch beiseite, setzte ihre große, dicke Brille mit der schwarzen Fassung auf und sah Starlight an.
„Machen sie das bitte, Miss Starlight. Ich danke ihnen!“
„Entschuldigen sie, Madame, wenn ich neugierig bin und ihnen meine Frage unangemessen scheint.“ Tana zögerte wieder, doch dann beschloss sie, es endlich wissen zu wollen. „Warum lassen sie ihre Augen eigentlich nicht operativ korrigieren? Es ist doch nur ein winziger Eingriff!“
Nhlakanopho lächelte sanft. „Gutes Kind, eine Abneigung gegen alle unnötigen Operationen. Die Ärzte haben genug zu tun mit wichtigen Eingriffen, und ich bin seit meiner Jugend an meine Brille gewöhnt. Es ist gut so, wie es ist!“
Tana nickte. „Sollten sie den Rückflug doch zu einer Operation nützen wollen, unsere Krankenstation ist glücklicherweise alles andere als überlastet.“
„Danke, ich – werde es mir überlegen!“ Ulwazi blieb unverbindlich. „Übrigens, es wird sie vielleicht freuen, dass bereits Vorverhandlungen zur Gründung einer interstellaren Union aufgenommen wurden. Die Planeten der Liga, die Ferronen, Ghi’eën, Ssossri, die Kh’Entha’hur und Terra sind derzeit involviert.“
„Nun, das ist doch einmal eine gute Nachricht“, freute sich Tana. „Eine sehr gute Nachricht!“
„Besonders, da auf ihrer Station bereits alle diese Leute vertreten sind“, schmunzelte Madame Generalsekretär. „Zumindest als Kadett an der Space Academy oder als Studenten an der Universität. Wie funktioniert dort das Miteinander der verschiedenen menschlichen Spezies eigentlich?“
Tana breitete die Arme aus. „Wie das Leben von sechzehn, siebzehn und achtzehnjährigen Teenagern auf engem Raum wie einem Internat immer funktioniert. Mir einzelnen Reibereien, mit sexuellen Abenteuern und Experimenten und tiefen Freundschaften, auch unter Insekten, Echsen und Warmblütern. Die älteren Kadetten, die oft schon militärische Erfahrung haben, fügen sich sehr gut in den Betrieb ein und geben den Jungen ein gutes Beispiel, aber natürlich gibt es auch einige Querelen und immer wieder Streitereien. Aber eher seltener zwischen den Menschen, die von verschiedenen Planeten kommen, als vielmehr intern zwischen Angehörigen gleicher planetarer Abstammung.“
„Und was machen sie dann?“, fragte Ulwazi Nhlakanopho besorgt.
„Nicht viel.“ Tana zuckte mit den Schultern. „Wir sorgen dafür, dass kein dauerhaftes Mobbing entsteht, aber bisher hat es ohnehin noch keine Anzeichen in dieser Richtung gegeben. Und wir verpassen den Kadetten temporär Fruchtbarkeit unterbindende Depotinjektionen. Sollte ein Kadett versuchen, eine andere Person zum Sex zu zwingen oder anderweitig zu irgendwelchen Handlungen oder Unterlassungen zu nötigen, bekommt er oder sie ein Ticket nach Hause und auch noch eine Anzeige auf seinem Heimatplanten. Aber dank Matta und Netta können wir krankhaften Veranlagungen zumeist bereits im Vorfeld erkennen, und auch sonst haben wir wachsame Augen auf das Verhalten unserer zukünftigen Offiziere. Aber ein wenig die Hörner sollen sie sich schon abstoßen dürfen!“
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Wieder entwickelten sich Gefühle, dieses Mal das Empfinden eines sanften, angenehmen Glühens, einer wohligen Wärme in der Nähe des Herzens. War da nicht ein bekanntes Gefühl? Irgendwann? Irgendwo? Irgendwie? Viel früher, vielleicht, sehr viel früher …
Die HELENA war auf dem gleichen Platz wie schon vor zwei Jahren die KLEOPATRA gelandet, vor dem Beginn einer breiten Straße neben der Korvette KAILASH. Ein wissenschaftlicher Schwebepanzer vom Typ Humboldt stand bereit, doch die Generalsekretärin hatte sich nach dem Anlegen ihres Raumanzuges ein wenig Zeit gebeten, war nach dem Aussteigen aus dem Lift zum Beginn dieser Avenue gegangen und betrachtete nun nachdenklich die Statuen am Beginn des Weges. Eine Frau und ein Mann in allen anatomischen Details, für eine kleine Ewigkeit in Diamant geschnitten, sahen sich über die Straße hinweg an. Was mochten die Models, was die Künstler gedacht haben, die wussten, dass das Ende des Lebens in diesem System bevorstand? Und was hatten sie gefühlt? War es ihnen egal, weil sie ohnehin schon tot wären, wenn das letzte Kapitel begann, oder voller Sorge wegen ihrer Nachkommen? Hoffnungsvoll, weil die Archen bereits im Bau waren oder verzweifelt, weil die Heimat von Jahrtausenden wieder zerstört wurde? Ulwazi Nhlakanopho schüttelte die melancholischen Gedanken ab, schritt zum Humboldt zurück und ließ sich von Atlan an Bord des wissenschaftlichen Schwebepanzers helfen.
„Vielen Dank für ihre Hilfe, Admiral“, sagte sie schlicht.
„Es ist mir ein Vergnügen, Madame Generalsekretärin!“ Atlan mochte die mütterliche Frau sehr, und er schätzte ihre absolute Ehrlichkeit und Integrität, welche nicht einmal von ihren politischen Gegnern in Frage gestellt werden konnte. Die aus dem Stamm der Zulu stammende Frau war selbst mit wohlwollender Beschreibung nicht schön zu nennen, sie war stämmig, rundlich und ihr voluminöser, weicher Busen hatte schon seit längerer Zeit seinen Kampf gegen die Gravitation aufgegeben. In ihrem Gesicht hatten unzählige Begebenheiten ihre tiefen Spuren hinterlassen. Besonders von ihrem linken Unterlid verlief eine tiefe Narbe über den Mundwinkel bis zum Kinn, ein Andenken an eine unangenehme Begegnung in jüngeren Jahren, in dem ein abgewiesener Mann und sein Messer eine Hauptrolle spielten. Ihr graues Haar stand in nicht zu bändigenden, harten, drahtigen Löckchen von ihrem Kopf ab und war deshalb ziemlich kurz geschoren. Und doch, nach all ihren unangenehmen Erlebnissen, hatte sie nie aufgegeben, hatte immer weiter gemacht. Lächelnd, freundlich und stets höflich bleibend, auch hatte sie ihren stillen Humor nie verloren.
Der Humboldt nahm Fahrt auf und brachte seine Passagiere in schneller Schwebefahrt zur Schleuse, wo sie aus der Heckklappe des Panzers stiegen und vom Hüter der Erinnerungen, dem uralten Robotgehirn der Station eines lange untergegangenen Volkes, sofort anerkannt und eingelassen wurden. Hinter der Schleusenkammer wurden sie von Professor Hagara Hakatomi aus Osaka zuerst mit der traditionellen japanischen Verbeugung geehrt, welche Tana und Atlan formvollendet erwiderten, und dann mit Handschlag begrüßt.
„Ich freue mich, dass sie meiner Einladung so schnell folgen konnten!“ Der Professor war selbst für einen Japaner klein gewachsen und etwas rundlich, trotzdem wirkte er wie ein Energiebündel, das am liebsten sofort mit allem gleichzeitig herausgeplatzt und in alle Richtungen davon galoppiert wäre. Doch er beherrschte sich, wie er es bereits als Kind gelernt hatte und begleitete seine Gäste zur Cafeteria tief im Inneren der Station.️
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Gedanken bildeten sich unendlich träge. Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich? Was ist hier los? Doch kaum gedacht, verflogen die Fragen auch schon wieder, machten einem warmen, besänftigendem Gefühl Platz, einer weichen Wolke um das Denken, das Fühlen…
*️
„Wir haben die letzten zwei Jahre alle zugänglichen Teile des Hüters untersucht, insbesondere natürlich die Dateien“, begann Professor Hagara Hakatomi mit seinem Bericht, nachdem jeder eine Schale Tee oder eine Tasse Kaffee vor sich hatten. „Die Versorgungslage ist dank der Nähe zu Mystery sehr gut und wir haben auch einige durchaus interessante Informationen aufgespürt, welche über den Schnelldurchlauf, den die Entdecker damals zu sehen bekamen, weit hinausgingen. Auch die Biologen waren sowohl wegen des Parks im obersten Kuppelsegment als auch der Lebensformen in dem ehemaligen Tiefseegraben durchaus auf ihre Rechnungen gekommen. Ich möchte mich noch einmal bedanken, dass dieses Artefakt jetzt der gesamten Menschheit gehört. Und auch die KAILASH war eine große Hilfe.“
„Ich hätte noch nicht einmal ansatzweise die Möglichkeiten gehabt, dieses Meisterwerk adäquat zu untersuchen, Professor“, winkte Tana ab. „Wie sie sich vorstellen können, habe ich vorwiegend Naturwissenschaftler an Bord meiner Station, und hier wiederum eher in technischen Disziplinen!“ Lächelnd breitete sie ihre Arme aus. „Humanisten sind da eher selten vertreten. Außerdem ist es gut, wenn sich möglichst viele Menschen damit beschäftigen und an dem Wissen partizipieren können!“
„Und ich freue mich, dass ihr beide euch freut“, warf Atlan ein wenig ungeduldig ein. „Können wir weitermachen? Wenn ich daran erinnern darf, da draußen ist ein verdammter Krieg im Gange und ein starker, mächtiger Feind wartet auf uns!“
„Der läuft ihnen doch nicht weg, Atlan.“ Ulwazi legte ihrem Admiral eine Hand auf den Unterarm. „Bitte, lassen sie dem Professor die Zeit, die er braucht. Ihre NEITH wird auch nicht einen Tag früher fertig, wenn sie auf der OLYMPOS die Werft anstarren.“
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Ich denke! Ich fühle! Ich bin! Warum sehe ich nichts? Woher weiß ich, was sehen ist? Warum kann ich mich nicht bewegen? Ist das der Tod? Ist das die Hölle? Totale sensorische Deprivation? War ich so böse, dass ich diese Strafe verdient habe, oder ist das eben so? Halt! Ich fühle doch etwas. Da gehen warme Wellen von meiner Brust aus. Da ist ja doch ein Gefühl vorhanden. Vielleicht… Wieder verschwand das Denken aus dem Bewusstsein!
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„Wie gesagt, wir haben auch alle Räume durchsucht, die offen standen und sind davon ausgegangen, dass die verschlossenen Türen zu jenen Bereichen führen, welche der Hüter noch gesperrt hat und vielleicht erst später freigeben wird. Vor allem natürlich die technischen Abteilungen, in denen er nicht will, dass wir ungebildeten Barbaren unsere ungeschickten Finger an die falschen Stellen halten!“
„So hätte ich es aber nicht ausgedrückt, Professor“, ertönte ein tiefer, angenehmer Bass von der Decke.
„Nein, aber das Programm besagt in mathematischen Symbolen genau das. Nur höflicher“, dozierte Hagara Hakatomi. „Was soll’s, es gibt auch sonst genügend neue und aufregende Erkenntnisse. Jedenfalls, vor wenigen Tagen fanden wir eine Tür, die plötzlich geöffnet war, wir sahen hindurch und fanden etwas Erstaunliches. Das seltsame ist, dass der Hüter der Erinnerung jedes Wissen über die Existenz der Tür, der Kammer oder der Gerätschaft darin leugnet, obwohl er die Energie dafür zur Verfügung stellt. Und das bereits seit sehr langer Zeit. Ich möchte sie jetzt auch nicht länger auf die Folter spannen. Bitte folgen sie mir.“
*
Ich höre, wenn auch nur Rauschen. Ich fühle, wenn auch nur angenehme Wärme. Ich rieche, auch wenn es nur technische Düfte sind. Ich kann denken, fühlen, hören, riechen. Ob ich auch sehen kann?
*
„Also, eines ist sicher!“ Christian Hawlacek war ebenso wie sie alle abrupt stehen geblieben. „Das ist nicht Schneewittchen! Auch wenn sie in einem Glassarg liegt, ist sie nicht mehr jung genug.“
„Haben sie schon die Anzeigen entschlüsselt, Professor?“ Ulwazi Nhlakanopho war neugierig näher getreten.
„Hat er nicht!“ Ein großer schlanker Mann mit wildem Blondschopf kam mit einem SmartPad im Arm um die Apparaturen am Kopfende des gläsernen, sargähnlichen Gebildes gegangen, in welchem eine große, kräftige Frau ruhte, in deren weißem Haar blaue Reflexe schimmerten. „Wenn ich mit meinen Vermutungen nicht ganz falsch liege, dann haben in den letzten Tagen einige Vitalfunktionen begonnen. Zumindest sehen diese Impulse hier genau so aus.“
„Das … das ist völlig richtig!“ rief Atlan fassungslos. „Das ist exakt so eine Tiefschlafkapsel, wie sie auch in meiner Festung in der Tiefsee steht. Aber ganz exakt, bis hin zur Beschriftung der Instrumente!“
„Altes Arkonidisch“, nickte der blonde Mann. „Sehr altes. Entschuldigung, ich bin Kendrick Moers. Doktor Kendrick Moers, ich bin Mediziner und habe auch eine Hypnoschulung in der alten arkonidischen Sprache aus der Zeit der Methankriege bekommen.“ Moers grinste. „So, wie man halt als Arzt auch immer noch Latein lernt, dann kann man sein Unwissen besser hinter hochtrabenden Worten verstecken und sich überlegen vorkommen!“
Tana ging ein paar Schritte weiter, während sie redete. „Dann liegt wohl eine Zeitgenossin von dir hier, Atlan. Auch eine…“ Sie verstummte, blieb stehen, ihre Augen verengten sich und sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Ihre Stimme klang mühsam beherrscht und flach, als sie leise weiter sprach. „Nein, doch keine Arkonidin, Freunde. Das ist…“

*
Commodore Hukh ůr Therwal von der Raumflotte Bhungars wurde ihrer Person bewusst und öffnete die Augen. Helles Licht überflutete ihre Sehnerven, dann konnte sie ein zartes, von einer kurzen Frisur aus blonden Haaren umrahmtes Gesicht erkennen.
*
„…diese Commodore Hukh ůr Therwal von der ASO’OMIE!“
„WAS?“ Christian lief ebenfalls um die Apparatur. „Über 145.000 Jahre, und jetzt hat sie die Augen offen?“
Die Augen waren auch das einzige, das Hukh ůr Therwal bewegen konnte, sie schaute von einem Gesicht zum anderen. ASO’OMIE war das einzige, das sie von den Worten der fremden Menschen verstand. War sie etwa in die Hände der Lå’amů’ourø gefallen? Von ihrem Brustbein gingen wieder Wellen der Wärme und Energie aus, sie schloss ihre Augen und schlief wieder ein.
„Was ist das für ein Gerät auf ihrer Brust, Doktor?“ fragte Ulwazi ruhig und gefasst. Wenn hier etwas vorging, das sie noch nicht verstand, musste einfach die Zeit und viel Geduld die Lösung bringen. Atlan war nun ebenfalls vor dem Sarg und es entfuhr dem Arkoniden einer der unflätigsten Flüche, den die an derben Flüchen recht reiche altarkonidische Sprache kannte. Diese war eben noch nicht die heute gesprochene, an Schimpfworten arme und im Laufe der Zeit gezähmte Sprache, denn Fluchen ist das einzige, das man Soldaten nicht verbieten kann und darf. Je besser die Soldaten, um so stärker Fluchen sie, und die alten Arkoniden waren bis zu der Zeit der Methankriege großartige Soldaten gewesen.
„Das, meine lieben Freunde, ist etwas, das man einen Zellaktivator nennen könnte!“ Atlan öffnete seine Uniform und zog das an einer Stahlkette hängende kleine, eiförmige und schmucklose Gerät heraus und zeigte es vor. „Vor 145.000 Jahren hat ES also bereits so einen verschenkt!“
„Die Commodore war auf der Suche nach Wanderer“, überlegte Tana. „Nach den Logbüchern der ASO’OMIE hat sie aber mit ihrer richtigen Suche noch gar nicht begonnen und war erst auf dem Weg in das Suchgebiet. Sie war der Meinung, sie würde ihn – wenn überhaupt – noch ein schönes Stück von hier entfernt finden!“
„Und wieso die arkonidischen Beschriftungen?“, setzte Christian hinzu. „Wenn ich alles richtig zusammen bekomme, war Atlan der erste und der letzte Arkonide in diesem System. Gute 135.000 Jahre später!“
„ Ja“, grummelte Atlan. „Ich war mit dem Nebelsektorgeschwader einmal kurz hier. Da muss die Lady schon lange hier geschlafen haben!“
„Und wieso“, fragte die Generalsekretärin mit ihrer sanften Stimme. „Wieso wusste der Hüter nichts von der Existenz dieser Gruft?“
„ES!“, klang Atlans Stimme laut, jeden Widerspruch verbietend. „ES hat den Hüter manipuliert und auch irgendetwas mit der Zeit angestellt. Nein, fragt mich nicht, warum, oder wie, oder irgend etwas in der Richtung. Aber es kann nur so geschehen sein!“
„Also gut!“ Tana straffte sich und schaltete an ihrem Earset. „KAILASH, aus den überspielten Speichern der ASO’OMIE einen Lehrgang für die Sprache des Matriarchats herstellen. HELENA, eine Kurzübersicht der Geschichte Arkons und der Erde vorbereiten und einen Lehrgang für arkonidische Sprache bereit halten. Doktor Vorwald soll ihr Arzneischränkchen plündern und Doktor Moers zur Verfügung stellen, was ihm hier fehlt und auch noch – ja was weiß ich! Atlan, du hast genug Aufwachphasen erlebt! Was sollten wir bereit haben?“
„Hüter, bitte von der KAILASH die Logbücher der ASO’OMIE anfordern!“ rief Atlan.
„Diese sind bereits seit geraumer Zeit Teil meines Wissens, ebenso viele andere Informationen aus dem Speicher der Korvette. Das ist meine Aufgabe.“
„Gut! Gibt es in diesem Raum Holo … verdammt, das weißt du ja nicht, weil du den Raum überhaupt – Moment! Deine Stimme kommt aus den Deckenlautsprechern hier in diesem Saal. Über welche Leitung steuerst du sie an? Versuche, an die gleiche Stelle ein Hologramm zu senden!“
„Ich habe Mikrophone, Lautsprecher, Kameras und Holoprojektoren lokalisiert. Hologramm startet!“ Eine rotierende rote Sonne mit eingeblendeten Planetenbahnen erschien. „Endlosschleife aus den Logbüchern mit Ausnahme des letzten Eintrages abspielen. Ich habe einen solchen Input immer benötigt, und die wenigen terranischen Gäste, die ich bei mir schlafen ließ, hatten es auch leichter“, erklärte der uralte Arkonide.
Während Szenen aus der Expedition des Trägerschiffes den Raum füllten, informierte der Hüter die Gäste. „Ich finde diesen Raum immer noch auf keinem Plan. Er dürfte nicht existieren, und doch nehmen meine Instrumente ihn jetzt wahr!“
„Vielleicht gab es ihn vor einigen Tagen noch gar nicht in diesem Universum!“ knurrte Atlan. „Denkt an die Konverterkanone. Irgendwie aus der Raum-Zeit gedreht, keine Ahnung wie, wann oder warum. Aber scheinbar möchte ES, dass die Commodore zur Verfügung steht. Jetzt!“
„Ob es mit unseren Freunden aus dem Leerraum zu tun hat?“ fragte Tana.
„Klingt nicht unbedingt unlogisch“, brummte Atlan. „Ich hoffe es sogar, denn wenn nicht, steht unserer Galaxis vielleicht bald ein noch schlimmerer Feind gegenüber!“
*
Langsam kämpfte sich Hukh ůr Therwal wieder ins Bewusstsein. Die Besatzungsmitglieder der ASO’OMIE unter Captain tåg Zygha, die Kreuzer, die Jäger, der Crewman, den sie ab und zu in ihre Kabine bestellte. Die Musik, die sie zuweilen während der privaten Aufzeichnungen im Hintergrund spielen ließ, das Lachen in der Kantine des Schiffes, das schwindende Misstrauen einer Verwandten der Matriarchin gegenüber und die wachsende Kameradschaft der Crew. Die immense Leistungssteigerung, der Stolz der Mannschaft auf ihre Fähigkeiten. All das erlebte und sah sie bruchstückhaft immer wieder, bis sie eines Tages erkannte, dass sie wirklich wach war und einem beweglichen Hologramm zusah. Die Erinnerung an den Absturz überfiel sie, die gigantische Hitze, der Schmerz, den sie laut in die Welt schrie, denn niemand würde es je erfahren. Von ihrem Brustbein gingen beruhigende Signale aus, und Hukh ůr Therwal fand mühsam wieder in die Gegenwart. Eine junge Frau, die ihr langes, kastanienbraunes Haar zu einem Zopf am Hinterkopf geflochten trug, beugte sich über sie, ein seltsames Gerät in der Hand.
„Es wird gleich besser, Commodore“, sagte sie leise, doch in den Ohren der Aagghrana dröhnte es wie vom Trommelfeuer schwerster ballistischer Artillerie! Trotzdem, sie fühlte den Schmerz rasch schwinden, der hinter ihrer Stirn gewütet hatte.
„Bhungara?“ fragte die Offizierin flüsternd.
„Ich fürchte, nein, Commodore“, flüsterte die junge Frau. „Bitte, haben sie noch etwas Geduld, sie werden bald wieder wohlauf sein, dann werden sie alles erfahren. Mein Name ist übrigens Marlene Vorwald, und ich bin Ärztin. Bitte, machen sie sich keine Sorgen, sie sind in Sicherheit! Werden sie zuerst gesund!“
„Doktor!“ ůr Therwal nahm all ihre Konzentration und Kraft zusammen und legte ihre restliche Autorität in ihre Stimme.
„Pst!“ machte die Ärztin. „Ruhe und gesund werden. Hier habe ich das Kommando, Commodore!“
*
Drei Tage später kam die junge Frau vom ersten Mal, als sie ihre Augen öffnen konnte, in Begleitung einer kleinen, älteren Frau und eines großen, weißhaarigen Mannes zu Hukh ůr Therwal.
„Nun, Commodore“, begann die junge Frau. „Ihre Ärztin sagte, sie seien psychisch stabil und körperlich auf dem besten Weg, wieder gesund zu werden. Atlan hier hat bestätigt, dass nur noch eine Menge Muskelaufbau nötig sein wird, damit sie wieder fit werden. Ich kann mir vorstellen, sie haben eine Menge Fragen, aber vielleicht dürfen wir zuerst eine TriVid-Aufzeichnung vorspielen, die zumindest einen groben Überblick gibt. Hüter, bitte!“ Die Offizierin erlebte die Entwicklung in diesem System mit, sah noch einmal die letzte Schlacht der ASO’OMIE und erhielt einen groben Überblick über die Entstehung des arkonidischen Imperiums, soweit darüber Informationen bekannt waren, und eine kurze Geschichte Terras, endend mit den letzten Entdeckungen und Völkern.
Hukh ůr Therwal überlegte nach der Vorführung lange.
„145.000 Jahre?“ flüsterte sie.
„Soweit wir wissen“, beschied Tana, die Commodore schloss kurz ihre Augen, dann sah sie von einer Person zur nächsten.
„Das Matriarchat von Bhungar gibt es nicht mehr?“
„Wir wissen nur aus den Logbüchern der ASO’OMIE davon“, antwortete Tana Starlight. „Sonst haben wir noch nie etwas davon gehört!“
„Und Lå’amů’ourø?“ fragte Hukh.
„Nun, es gibt auf meinem Heimatplaneten Terra eine Sage von einem untergegangenen Kontinent namens Lemuria. Aber zu jener Zeit, als ihr Krieg mit den Lå’amů’ourø tobte, gab es in meiner Heimat noch lange keine Menschen. Noch sehr lange nicht. Also, wenn die Ähnlichkeit im Namen kein Zufall ist, frage ich mich, wie die Überlieferung zustande kam.“
„Dann weiß auch niemand mehr, wie der Krieg endete“, stellte Hukh ůr Therwal fest.
„Das nicht. Aber wie begann er eigentlich?“, fragte Atlan. Die Commodore sah ihn erstaunt an, dann erinnerte sie sich daran, dass es kein Matriarchat mehr gab und Atlan einer der höchsten Offiziere Terras war.
„Es tut mir leid, Admiral. Ich muss mich an Männer in Kommandopositionen erst gewöhnen! Nun, es ging damals darum, dass einige Kolonisten nicht mehr mit dem kaiserlichen Matriarchat von Bhungar verbunden sein wollten und ein eigenes, kleines Reich gründeten, das rasch wuchs und bald den gesamten Sektor 134/75/52 und den daran grenzenden Sektor in Richtung des Milchstraßenzentrums beherrschte. Begonnen hatte dieses Reich mit einer Kolonie auf dem zweiten Planeten eines kleinen gelben Sternes der Hauptreihe, und zwar 9.453 Jahre nach der Gründung des Matriarchats der sanften Hand.“
„Nun, das ist der Lauf der Geschichte. Imperien zerbrechen, ob sie nun matriarchal oder patriarchal regiert werden“, sagte Ulwazi Nhlakanopho leise. „Und mir will scheinen, Königin Hanghra IV war nicht eben das, was man eine gute Herrscherin nennt.“
„Sie war meine Monarchin und ich habe einen Eid auf sie und Bhungar abgelegt“, erklärte Hukh einfach.
„Dieser Eid gilt ja wohl nichts mehr“, erklärte Tana. „Zumindest die Herrscherin dürfte ja schon einige Jahre unter der Erde ruhen.“
„So wie ich?“, hakte Hukh ůr Therwal nach. „Wieso lebe ich eigentlich noch? Oder wieder? Oder wie auch immer?“
„Es sieht so aus, als hätten sie zwar den Planet der Ewigkeit nicht gefunden, aber der Bewohner sie. So wie unseren Admiral, der nicht suchte, aber ausgewählt wurde.“ Die Augen der Aagghrana flogen zum Arkoniden, der zog wieder sein Artefakt von ES aus der Uniform und zeigte ihn der im Bett liegenden.
„ER – oder ES – hat mir diesen Zellaktivator geschenkt, der das Altern verhindert, theoretisch auf ewig. Solange sie ihn tragen, werden sie jung bleiben, Commodore!“
„Aber – so etwas besitze ich nicht!“
„Es liegt auf ihrer Brust“, berichtigte Ulwazi. „Darum sagen wir ja, sie wurden gefunden!“
„Und jetzt wird es wieder Zeit für ein Nickerchen!“ unterbrach Doktor Vorwald. „Bitte lassen sie die Patientin allein.“
*
Am fünften Tag konnte die Aagghrana bereits wieder einige Muskeln bewegen und einige Schritte, stets von einen Sanbot gestützt, gehen. Mittags kamen einige Roboter, die Hukh ůr Therwal auf eine Liege umbetteten, welche über eine Schutzfolie und ein Lebenserhaltungssystem verfügte.
„Keine Sorge, Commodore!“ beruhigte Marlene Vorwald. „Wir möchten Sie nur auf unser Schiff bringen, dazu müssen sie vor dem Vakuum auf der Oberfläche geschützt werden. Erschrecken sie nicht, unsere Schiffe sehen denen, die sie angegriffen haben, ziemlich ähnlich.“ Und dann sah sie die großen, rauchblauen Kugeln, die größere mit dem Portrait einer Frau auf der nördlichen Hemisphäre.
*
„Kann man eigentlich an Hand der Logbücher den Kurs zurück verfolgen?“ fragte Tana den Chefastronomen der HELENA, Doktor Werner Wulff.
„Nun, theoretisch schon. Es wird einige Zeit dauern, aber es ist möglich, denn wir haben die Spektralprofile der angeflogenen Sterne und die Route. Was wir aber nicht haben, ist die Eigenbewegung der Sterne. Man müsste also einen Stern auf der Route anfliegen und dann systematisch orten, in der Hoffnung, die richtigen Spektrallinien zu finden. Der Beginn der Spur ist ja eindeutig hier, also müssten wir in etwa diesem Gebiet den nächsten Stern finden.“ Er umkreiste mit seinem Zeigefinger einen Sektor der dreidimensionalen Sternenkarte. „Dann vergleichen wir die Kennung, springen hin und wiederholen das Ganze. Wie gesagt, machbar, nicht schwierig, aber unter Umständen etwas langwierig, wenn ein Irrläufer dabei sein sollte!“
„Gut, Doktor. Sagen sie, was sie benötigen, wir fliegen jetzt nach Hause zur OLYMPOS, dann dürfen sie den ersten Stern aus der Reihe suchen. Rollen sie soweit möglich den Kurs rückwärts auf, vielleicht erfahren wir etwas über das Schicksal von Aagghran.“ Dann rief sie Joseph Mbatabutu in der Zentrale an. „CO, bitte bereiten sie den Rückflug zur OLYMPOS vor, danach habe ich einen Forschungsauftrag für sie! Danke!“
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System Reggys Stern
Der Linienflug OLYMPOS – Ferrol – Terra war gewöhnlich ziemlich ausgebucht, und auch dieses Mal waren eine ganze Reihe Gäste an Bord. Manager, Geschäftsleute und Touristen, die einmal in den Weltraum und vielleicht sogar über den großen Spalt ins arkonidische Imperium wollten. Nach dem Vertrag zwischen Tana Starlight und dem Neurogenten kamen Handel und Reisen bald wieder in Schwung. In der Luxussuite Nummer 1 machte dieses Mal John Lyman Gasper IV, ein noch junger Mann, diese Reise mit. Er sollte auf der OLYMPOS auf den Flug nach First umsteigen, auf die CYPRESS. Er war einer jener junger Männer mit reichen Eltern, die ihrem Sohn diese Reise bezahlten, damit er eine Zeit nicht zu Hause war. Zumindest, bis Gras über ‚die Sache‘ gewachsen war. Man konnte spekulieren, ob es Drogenkonsum, eine nicht standesgemäße Liaison, eine schwangere Frau oder vielleicht Körperverletzung gewesen war, aber natürlich wusste man eigentlich gar nichts. Vielleicht war es ja auch nur eine Reise für die Semesterferien, weil er ein passables Zeugnis nach Hause gebracht hatte. John war auf jeden Fall ein charmanter Plauderer und ein wenig Playboy, der bei vielen Mädchen durchaus ankam. Nur bei der Bewohnerin der Suite Nummer 2 schien er nicht und nicht in ein längeres Gespräch kommen zu können. Dabei war die Dame mit anderen Leuten durchaus gerne zu einem Schwätzchen bereit.
Erwähnte Suite 2 wurde von einer nicht mehr ganz jungen, aber sehr schönen, überaus eleganten, dunkelhaarigen Frau bewohnt, dem Akzent nach einer Russin. Einer sehr reichen Russin offensichtlich, ihr Name lautete Irina Gregorowna Kunteszowa. Brodelte die Gerüchteküche schon bei dem vierten John Lyman, machte sie bei dieser schönen und begehrenswerten Frau noch viel mehr Überstunden. Die Erbin eines geflohenen Oligarchen, eine verschollene Tochter eines der Fürstenhäuser im Exil wurden kolportiert, sogar auf die Geliebte des russischen Präsidenten Nikolai Petrowitsch Minski, die ihn auf der OLYMPOS besuchen sollte, verfiel man. Es wurden Hinweise und Belege für all diese Theorien vorgebracht, diskutiert und wieder verworfen. Irina war aber auch eine wirkliche Augenweide, und sie trug immer exquisite, auffallende Kleidung, zumeist aus einer der neuesten Kollektionen der letzten Pariser Modewoche. Ihre Schuhe waren häufig von Luigi Zafratini, dem italienischen Modeschöpfer, der all seine Sohlen grün färbte, oder Unikate von einer der Starlight Boutiquen.
Was auch immer man über die schöne Russin sagen konnte, auf jeden Fall war sie eine freundliche, nette Person, die gerne und großzügig Trinkgelder gab. Während die CYRANO unter Kapitän Pablo Cobanjo in das System von Reggys Stern flog und die OLYMPOS ansteuerte, machte sich auch Irina Gregorowna zum Ausstieg fertig. Um ihr Gepäck würden sich Roboter kümmern, alles, was sie benötigte, hatte in ihrer Jackentasche dabei. Ausweis, Kreditkarten und ihr Phone, mehr benötigte Irina Gregorowna derzeit ohnehin nicht. Sie trug heute einen Hosenanzug, der einer dunkelblauen Marineuniform mit goldenen Streifen auf den Ärmeln nachempfunden war. Wenn es denn je eine Marine gegeben hätte, die auf das weiße Hemd unter dem doppelreihigen Blazer verzichtet hätte, um die Form des nur halb bedeckten Busens zu betonen, und in der weiße Sandalen mit neun Zentimeter Bleistiftabsatz üblich gewesen wären. Der Effekt war auf jeden Fall umwerfend, und die Frau ging stolz und aufrecht durch die Korridore auf das Promenadendeck, um einen kurzen Blick auf Mystery zu werfen und dann noch einen Prosecco an der Bar zu trinken, ehe die CYRANO die OLYMPOS erreichte und es Zeit zum Ausstieg wurde.

In Kabine 5 der CYRANO war auf diesem Flug eine Art von Person untergebracht, die noch niemand zu Gesicht bekommen hatte, wenn er noch nicht einen der topsidischen Planeten besucht hatte. Chssia war eine Topsida, also ein weiblicher Topsider. Es war absolut unüblich, dass die Frauen Topsids ihren Heimatplaneten verließen, außer sie folgten ihren Männern in eine neue Heimat. Außerhalb des kleinen Imperiums der intelligenten Echsen war noch keine von ihnen gewesen, weshalb viele andere Wesen nicht einmal wussten, wie eine Topsida aussah. Chssia unterschied sich kaum von den meisten topsidischen Frauen, selbstverständlich mit den kleinen, individuellen Unterschieden, wie sie bei jeder Spezies üblich sind. Die Schnauzen der Topsidae waren im Mittel etwas kürzer als die der männlichen Topsider, die femininen Echsen waren durchschnittlich etwas größer als die maskulinen, dafür aber zumeist weit schlanker und eleganter in den Bewegungen, ihre Schuppen glitzerten in individuell unterschiedlichen metallischen Rot- und Erdtönen, bei Chssia zumeist in dunklem Burgunderrot. Ihre Hände hatten die gefährlichen Klauen im Laufe der Evolution zu Gunsten empfindsamer Finger verloren, die feinste Arbeiten zu erledigen wussten, auch das Gebiss wirkte weit weniger gefährlich als jenes der Männer, da die Topsidae in der Vergangenheit öfter und in der geschichtlichen Entwicklung früher auf pflanzliche Nahrung zurückgegriffen hatten als ihre Männer. Das auffallendste an den Topsidas war aber das Fehlen des Schwanzes, nur einige wenige wiesen noch einen winzigen Stummel am Steißbein auf.
Chssia hatte in der Boutique der Starlight Enterprises auf einem der topsidischen Planeten gearbeitet und all die schönen Dinge bewundert, die von so weit her kamen. Und sie hatte, wenn eine Lieferung ankam und sie mit ihrem Chef zu dem Raumhafen in der Umlaufbahn flog, die Raumfahrer und die großen Schiffe bestaunt. Dann hatte sie mit ihrem Chef, einem Terraner gesprochen.
„Du hast erzählt, dass Tana Starlight eine Frau ist!“
William Bukowski hatte von seinen Unterlagen aufgeblickt und ihr zugenickt. „Ja, das ist sie! Und was für eine Frau“, hatte er schwärmerisch geantwortet.
„Und du hast gesagt, dass bei Starlights auch Frauen Karriere machen können!“ bohrte sie weiter.
„Na klar“, versetzte Billy. „Jeder hat die gleichen Chancen, je nach Begabung.“ Chssia hatte lange überlegt.
„Glaubst du, ich hätte eine Chance?“, fragte sie schließlich.
„Als was den?“, hatte er nachgehakt. „Als Geschäftsführerin? Oder etwas anderes?“
„Irgend etwas, bei dem ich mehr als diesen Planeten zu sehen bekomme“, hatte sie geflüstert, und Billy Bukowski hatte einen Test hervorgezogen. Sowohl bei der Reaktion als auch der mathematischen Begabung schnitt sie sehr gut ab, ihr Intelligenzquotient war sehr hoch, ihre intuitive Erfassung einer Situation hervorragend.
„Du solltest versuchen, astronautischer Offizier zu werden“ teilte Billy seiner Angestellten das Ergebnis der Tests mit.
„Als Frau?“, staunte Chssia, nun doch erstaunt. Dieses Ergebnis war mehr, viel mehr, als sie erhofft hatte.
„Warum nicht?“, schmunzelte Billy. „Talent ist mehr Wert als das Geschlecht. Willst du?“ Chssia hatte den Geschäftsführer nur glücklich umarmt, zwei Tage später war sie mit der TSS AQUILA nach Ferrol unterwegs gewesen, wo sie nach kurzer Wartezeit auf die CYRANO umstieg. Der Kapitän den Schiffes, Pablo Cobanjo, hatte den jungen Gast mit an seine Tafel gebeten, wo sie von Irina Gregorowna nett behandelt und von John Lyman Gasper IV geflissentlich übersehen wurde.
Als VIP konnte Irina Gregorowna natürlich ebenso wie John Lyman Gasper IV die CYRANO verlassen, ehe alle anderen ausstiegen, und es gab auch eine VIP Abfertigung, bevor der Ansturm auf die Schalter begann. John Lyman, welcher nach First weiter reisen wollte, wurde von einem Cart mit dem Logo seines Transithotels abgeholt, in dem er zu warten gedachte, während Irina Gregorowna von Hera erwartet wurde.
„Dobro pozhalovat‘ na bort OLYMPOS, Gospozha Kunteszowa?“
„Bol’shoye spasibo“, antwortete die Russin. „Sie kommen mich abholen?“
„Bitte, wenn sie in diesem Cart Platz nehmen wollen?“ Hera wies auf ein Fahrzeug mit dem achtstrahligen Stern des Firmenlogos an der Flanke. Elegant schwang sich die Russin auf den Sitz, Hera schien sich auf dem Nebensitz niederzulassen und das Cart fuhr selbstgesteuert los. Bald erreichten sie die Zollschranke, welche die Station vom Raumhafen trennte und wo üblicherweise Identitäts- und Zollkontrollen durchgeführt wurden, von einer unauffälligen telepathischen Überprüfung durch Matta ganz zu schweigen. Irina Gregorowna zupfte mit gezierten Bewegungen die weißen Handschuhe von den sorgfältig manikürten Fingern und legte die Handfläche auf den Sensor, gut sichtbar im Blickfeld der Reisenden in der Bussiness Class. Die Tore schwangen auf, und das Cart brachte Gospozha Kunteszowa auf die eigentliche Station.
Von ihrem Platz beim Aussteigen hatte Chssia die nette Menschenfrau genau gesehen. Irgend etwas war seltsam an dieser Frau gewesen, ohne dass sie sagen könnte, was es war. Dann senkte sich die große Plattform, auf die sie aus der südlichen Schleuse gestiegen waren, auf Bodeniveau, Chssia stieg mit ihrer bescheidenen Habe ab und sah sich um. Sie wurde von der gleichen Frau angesprochen, welche bereits die Russin abgeholt hatte.
„Sie müssen Chssia sein“, sagte die Angestellte in der blauen Uniform. „Keine Sorge, sie sehen nicht doppelt. Ich bin nur das holografische Avatar des Bordrechners, mein Name ist Hera. Ich bringe sie zur Space Academy. In etwa fünf Stunden wird Tana Starlight sie persönlich sehen wollen, ich bringe sie dann auch dort hin. Aber zuerst beziehen sie ihr Quartier, ihre Uniform wartet bereits auf sie. Dann der Besuch bei Colonel Bruce Doughall, dem Kommandanten der Akademie. Bitte, folgen sie mir.“ In der Nähe des Kontrollpunktes begegnete der Topsida Netta, und Chssia blieb abrupt stehen, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen. Staunend sah sie das Wesen, halb Schlange, halb Mensch an.
„Das ist Netta, eines von zwei Pthokkor an Bord“, stellte Hera ihr das Wesen vor.
„Hallo“, rief das fremde Wesen und machte mit seinem Körper einen exakten Ring zur Begrüßung. „Freut mich, dich kennen zu lernen. Ich will ehrlich sein, unsere Begegnung ist kein Zufall. Es war die routinemäßige telepathische Überprüfung deines Charakters, der trifft alle Besucher der OLYMPOS und ganz besonders die neuen Kadetten! Du bist nett, ich freue mich, dass du an Bord bist. Ach ja, ohne Einladung deinerseits oder einen wirklichen Notfall werde ich deine Gedanken in Zukunft in Ruhe lassen. Vielleicht sehen wir uns wieder, es würde mich freuen! Tschüss!“ Schon schlängelte Netta weiter, und Chssia folgte Hera sehr nachdenklich durch den Checkpoint.
*
Das Cart mit Irina Gregorowna fuhr durch einen der sieben Lifte bis in das Sonnendeck und folgte dem Strip bis zum Chudo-Mir, einem russischen Lokal, welches von Natascha Ivanovna Krumskaja aus Sankt Petersburg geführt wurde. Schon die HEPHAISTOS war für sie zu einer schönen, neuen Heimat geworden, die OLYMPOS begeisterte die strohblonde Slawin noch mehr. Sie war fleißig und hatte einen Koch, der die russische Küche wirklich beherrschte. Dazu der wirklich gute Krimsekt und der berühmte Wodka Stolichnaya, das Geschäft lief gut, was nicht zuletzt auch an Olga lag. Olga von der Wolga, wie sie gerne gerufen wurde, stammte tatsächlich vom Strand der Wolga, aus Wolgograd, das einst Stalingrad hieß. Sie war stämmig mit viel Holz vor der Hütte, freundlich, nett und immer gut aufgelegt. Sie scherzte und plauderte während des Servierens mit den Gästen und animierte sie dazu, doch noch ein Gläschen zu trinken.
„Im Ernst?“, fragte Irina, doch Hera stand bereits neben dem Cart, dessen Tür sich öffnete. „Na schön.“ Die Russin schwang ihre Beine elegant aus dem Fahrzeug und betrat das Lokal.
„Bitte!“ Hera führte sie zu einer Nische, welche von außen kaum eingesehen werden konnte.
„Bitte nehmen Sie Platz!“ Eine langbeinige, schlanke Frau hatte sich erhoben und deutete auf einen Stuhl. „Willkommen auf der OLYMPOS, Tatjana Michalowna. Ich hoffe, Sie hatten einen guten Flug!“
„Danke, Tana. Es war sehr angenehm an Bord Ihres Schiffes. Ich freue mich, Sie endlich kennen zu lernen.“
Tatjana sah sich um. „Eine gute Leistung in so kurzer Zeit. Aber wenn ich zum Geschäft kommen dürfte? Al hat ihnen Bescheid gesagt?“
Tana lachte launig. „Jeder, der ihnen bisher folgen konnte, wird schwören, Sie hier an Bord zu sehen. Drei hat Matta bereits ausfindig machen können, wir werden sie gebührend im Auge behalten.“
„Ich weiß, ich habe meine – Beobachter bereits an Bord der CYRANO gefühlt. Na schön, ich weiß, ihre Hologramme schlagen alles, was andere auf die Füße stellen können. Immerhin habe ich selbst eines in meiner Villa installiert. Nur den Müll entsorgt es noch nicht!“
Tana hob eine Augenbraue. „Dann darf ich ihnen vielleicht unseren neuesten Androiden anbieten? Der Adonis Mark III lässt keine Wünsche unerfüllt. Und den Müll trägt er auch hinaus!“
Tatjana begann laut zu lachen. „Vielleicht! Wenn ich mir einmal keinen Nachschub mehr angeln kann! Okay, zurück zum Naheliegenden. Ich mache also ein paar Tage Luxusurlaub.“
„Auch auf dem Nacktbadestrand vielleicht?“ schmunzelte Tana. „Dann müssten die Typen auch einmal die Hosen fallen lassen, ich würde es ihnen jedenfalls gönnen!“
Tatjana Michalowna musste wieder lachen. „Keine schlechte Idee!“ Sie griff zu ihrem Glas und nahm einen Schluck Krimsekt. „Also, eines kann ich jetzt schon sagen, sie haben bei weitem mehr Geschmack als unser gemeinsamer Freund Allan!“
„Danke, Tatjana. Ah, unser Essen.“ Olga servierte ihnen appetitlich duftende Ziegenspieße mit Fladenbrot, roten Rüben und verschiedenen Saucen.
„Keine Sorge, ihr alter Ego ist bereits unterwegs“, bemerkte Tana. „Sie werden leicht zu finden sein.“
„Na schön, dann sollte ich vielleicht aufbrechen, um den Rückflug nicht zu verpassen! Auch wenn der Schaschlik hervorragend duftet!“
Tana lachte einmal mehr. „ Genießen sie ihre Mahlzeit. Die CYRANO wird wirklich ohne sie abfliegen, und sie werden lange vor ihr auf Luna sein! Scheinbar hat ihnen der gute Al doch nicht alles erzählt!“
*
Der topsidische Kadett Arrch H’Roch lief mit seinen Freunden, der Holländerin Mietje van Hoorne, dem Bemba Johannes M’Waganga aus Sambia und dem Asiaten Cheng Hu aus Vietnam durch die Gänge der Space Academy. Sie hatten es eigentlich eilig, denn sie hatten sich verplaudert und wollten noch auf den Sportplatz, um ein wenig Baseball trainieren, doch plötzlich blieb der Topsider wie angewurzelt stehen, ganz so, als wäre er gegen eine Wand gelaufen.
„Sr’chk’po pf’kl’tch T’ps’da“, rief er, aufgeregt in seine Muttersprache verfallend.
„Wo ist ein Topsid-Mädchen?“, rief Johannes, das letzte Wort hatte er verstanden. Arrch zeigte nur in eine Richtung, und seine Freunde folgten der Geste mit den Augen.
„Dieses elegante rote Geschöpf in der Kadettenuniform dort vorne?“ Hu stieß dem Topsider den Ellenbogen in die Seite. „Sieht hübscher aus als du hässlicher, alter Sauroide!“
„Aber, aber das, …“, stammelte Arrch H’Roch fassungslos.
„Wollen wir nicht hin gehen?“, fragte Mietje. „Vielleicht freut sie sich ja, wenn sie jemand kennen lernt!“
„Aber das ist ein MÄDCHEN“, platzte der Topsider heraus.
„Ja, und?“, fragte Johannes ratlos.
„Mädchen verlassen Topsid doch nicht! Sie fliegen nicht ins Weltall“, rief Arrch beinahe verzweifelt.
„Hm, als ich das letzte Mal auf dem Circle Way war, gab es draußen jede Menge Weltall“, überlegte Mietje. „Und ich bin mir ziemlich sicher, immer noch ein Mädchen zu sein“, sie tastete ostentativ über ihren Körper. „Also fliegen Mädchen doch in den Kosmos!“
„Aber – ihr seid Menschen! Also säugende Menschen, keine reptilischen“, stöhnte der Topsider. „Das ist doch etwas ganz anderes!“
„Diese Bemerkung ist nicht logisch“, rief Hu. „Die Ssossri haben auch Frauen zur Ausbildung hierher geschickt, bei denen sind Frauen immer schon mit ins Weltall geflogen. Und du kannst jetzt nicht behaupten, die wären keine Sauroiden! Von den Chrk’Ochkror wissen wir ebenfalls, das sie Frauen ins All schicken, und die sind auch verwandt mit den Topsidern. Warum also der Aufstand?“
„Es ist gegen die Sitten und Gebräuche Topsids“, jammerte Arrch H’Roch.
„Ach?“, Mietje sah zu der Topsida. „Ist das so? Also, ich halte mich lieber an die Gebräuche der Starlight Enterprises, und hier an Bord gibt es keine Benachteiligungen wegen der Angehörigkeit zu einer bestimmten Spezies oder eines Geschlechts, einer Religion oder gesellschaftlicher Herkunft. Hier bemühen wir uns, dass alle gleich behandelt werden. Ich gehe jetzt hinüber und aus, Schluss, basta! Wer kommt mit?“
„Klar“, rief Hu. „Ich habe mich die erste Nacht im Transithotel auf Luna auch total einsam gefühlt, aber dann kam Joe, wir haben geplaudert und uns kennen gelernt. Immerhin hatten wir beide schon unsere Kadettenuniformen an, und alle zwei wollten wir die KJB ein wenig unsicher machen. Dann kamst du dazu, mit dem gleichen Ziel, wir hatten eine Menge Spaß miteinander. Und zum Schluss haben wir dann noch Arrch hier adoptiert…“
„Kurzer Rede langer Sinn“, fiel Joseph Hu ins Wort. „Wir sind Kadetten, wir helfen einander. Kommst du, Arrch?“
„Es ist – na schön! Aber nur unter Protest! Ich – ich versuche es. Ich hoffe, ich sehe das einmal so locker wie ihr, aber – verdammt, sie ist doch ein MÄDCHEN!“
„Das haben wir schon gehört!“ Forsch ging Mietje auf die Topsida zu, die beim Anblick von Arrch etwas kleiner zu werden schien.
„Hi!“ Mietje war herangekommen und zeigte die leeren Hände. „Du scheinst neu hier zu sein, wir haben dich bei der Begrüßung nicht gesehen. Ich bin Mietje, der große, schwarze Mann ist Johannes und der kleine dort Hu. Und dieses Reptil hier ist Arrch! Wenn du zum Colonel willst, dann bist du hier richtig. Dort ist sein Vorzimmer.“
„Danke!“ flüsterte Chssia. „Ich soll mich in …“, sie blickte auf ihre Uhr, dann auf die allgemeine große am Ende des Flures. „In dreizehn Minuten bei ihm melden.“
„Und wie können wir dich rufen?“ fragte Johannes.
„Ich bin Chssia!“ Sie zog den Kopf noch weiter zwischen die Schultern.
„Schön, dich kennen zu lernen, Chssia“, sagte Hu. „Du hast einen Einführungskurs in terranischen Sitten erhalten?“ Chssia nickte schweigend und blickte zu Boden.
„Na dann!“ Hu streckte seine Hand aus. „Auf gute Kameradschaft, Chssia!“ Schüchtern ergriff die Topsida die Rechte des Asiaten, dann streckte ihr auch schon Mietje die Hand entgegen.
„Seid ihr sicher?“, fragte Chssia leise. „Ich meine, ich bin…!“
„Ein Mädchen!“, platzte Arrch heraus!
„… nur ein Mädchen, ja!“
„Das ‚nur‘ will ich überhört haben“, rief Johannes. „Mietje ist auch ein Mädchen, aber das einzige Wort, das nicht zu ihr passt, ist ‚nur‘!“
„Unsere Chefin ist eine Frau! Wenn die damals von sich als ‚nur‘ gedacht hätte, gäbe es viele moderne Wunder noch nicht“, ergänzte Miete.
„Auf die Mädchen“ rief Hu.
„Meine Damen und Herren!“ Der Kopf des Senior Kadetten vom Tag war in der Tür zum Vorzimmer des Kommandanten erschienen. „Ich möchte Sie bitten, ihre Ergüsse etwas leiser zu halten. Auch wenn ich mich inhaltlich anschließen möchte, ist die Lautstärke hier nicht angemessen. Sie sind Miss Chssia? Willkommen auf der OLYMPOS. Sie sind etwas früh, aber kommen Sie ruhig herein. Das richtige Maß an Pünktlichkeit werden Sie schon noch lernen. Kadetten, wegtreten. Und, Mietje, Jungs, gut gemacht. Nächstes Mal nur bitte etwas leiser.“
„Ja, Sir!“ gaben die Kadetten zu Antwort.
„Bis später, Chssia!“ rief Mietje noch, dann gingen sie langsam weiter. Mit dem Training war heute wohl nichts mehr.
*
Ein paar Gänge weiter stieg Minerva Hopkins aus Bob Wickersons Bett, schlüpfte in ihre Unterwäsche und angelte nach ihrer Hose, während Bob ihre schlanke, durchtrainierte Gestalt bewunderte.
„Du willst schon gehen?“, fragte er, noch etwas erschöpft.
„Ja“, kam die kurze Antwort. „Ich habe noch etwas vor!“ „
Ach!“ Er setzte sich auf. „Warte, ich bin gleich soweit!“
„Bleib‘ nur liegen!“ Sie schlüpfte in ihr Shirt.
„Sehen wir uns morgen?“, fragte er weiter. Sie setzte sich auf den Drehsessel vor dem Schreibtisch und schlüpfte in ihre hochhakigen Sandalen.
„Ich denke, nein“ gab sie Bescheid. „Nimm es nicht persönlich, aber nein, wir werden einander vielleicht sehen, aber nicht mehr treffen.“
Bob prallte zurück. „Du willst Schluss machen?“ Ungläubige Überraschung klang in seiner Stimme mit.
„Ich will nicht nur, ich habe es soeben. Ich finde schon hinaus. Es waren schöne eineinhalb Monate mit dir, aber jetzt – Adieu! Viel Glück für dein weiteres Leben, Bobby!“ Sie ging zur Tür.
„Jetzt machst du Schluss, nachdem…“
„Wäre dir eine schriftliche Nachricht morgen zu Mittag lieber gewesen?“ Sie drehte sich noch einmal um. „Es gibt keinen guten Zeitpunkt für ein Ende. Nur einen Punkt. Immer und unausweichlich. Es liegt nicht an dir, wenn es dich beruhigt. Komm schon, jetzt mach doch keine Staatsaffäre daraus.“ Die Tür fuhr auf, und sie ging. In der Öffnung verharrte sie kurz, wandte sie noch einmal halb den Kopf. „Leb‘ wohl, Bobby.“ Dann schloss sich die Tür, und Mini Hopkins war endgültig aus seinem Zimmer verschwunden, ließ Robert Wickerson perplex und traurig zurück.
Etwas später stand Bob Wickerson verschwitzt am Fenster gegenüber des Spacers Dream und blickte abwesend in die Unendlichkeit. Er hatte es in seiner Kabine, die noch intensiv nach Minis Parfum und Körper roch, einfach nicht mehr ausgehalten, hatte seine Sportsachen angezogen und hatte einen Dauerlauf begonnen. Überall in seinem Zimmer hatte er ihr Gesicht gesehen, ihre kleinen, festen Brüste, ihren wohlgeformten knackigen Po, er meinte noch immer ihr Lachen, ihre Stimme zu hören. Aber laufen war gut, um sich abzulenken, den Kopf frei zu bekommen, der Körper schwitzte, setzte Hormone und Endorphine frei, die Anstrengung verlangte Aufmerksamkeit, um weiter und immer weiter zu laufen. Einmal rund um die OLYMPOS, 15,7 Kilometer. Nun, nicht ganz, nur etwa 13 Kilometer, dann war er am Dream stehen geblieben und hatte ein alkoholfreies Bier bestellt. Nicht, weil es ihm so gut schmeckte, aber es war eine gute Methode, Mineralstoffe und Flüssigkeit zu ergänzen. Und ein echtes Bier hätte ihn nach der Anstrengung flach auf das Deck gelegt, also, lieber nicht.
„Hi, Kumpel“, erklang hinter dem Kadetten eine belustigte Stimme. „Mini Hopkins?“
„Was?“ fuhr Bob aus seinen Gedanken.
„Ja, offensichtlich!“ sagte der junge Mann hinter ihm. „Ich bin Mycroft Slater, aus London. Kadett im zweiten Jahr!“
„Was meinst du mit Mini Hopkins?“ Bob war immer noch etwas verwirrt, Mycroft hob dozierend einen Zeigefinger.
„Elementare Deduktion, junger Freund! Primus, ich kenne Mini Hopkins!“ er hob Zeige- und Mittelfinger. „Secundus, ich kenne viele Jungs, die Mini Hopkins kennen. Sehr viele!“ Mycroft zeigte auch noch den Daumen. „Tertius, ich habe dich mit Mini Hopkins gesehen, und nicht nur plaudernd.“ Er zeigte vier gespreizte Finger. „Quartus, ich sehe dein Gesicht und deine Haltung, das ergibt…“ er zeigte die ganze Hand „… Quintus, sie hat dich heute abserviert. Oder gestern, aber dann wärst du wahrscheinlich nicht mehr so offensichtlich geknickt. Also, eine Gleichung mit null, zero, keiner einzigen Unbekannten. Leichte Sache. Wie lange?“
„Wie lange was?“
„Wie lange warst du mit Mini zusammen?“
Bob rechnete nach. „37, mit heute 38 Tage!“
Mycroft pfiff anerkennend. „Aber Hallo! Du musst sie ganz schön beeindruckt haben, Junge. Respekt, bisher war ihre längste Beziehung drei Wochen. Mach dir nichts daraus, es gibt mehr Mädchen auf der Space Academy und auch auf der Uni da oben!“ Er wies zur Decke, und Bob nickte.
„Ja, schon, es ist auch nicht die Erste, die mit mir Schluss macht. Aber so eiskalt abserviert bin ich noch nie worden.“
„Verbuche es einfach als Erfahrung, Kadett!“
„Entschuldige, ich bin wohl ein wenig neben der Spur. Bob Wickerson, Wisconsin!“
„Also Bob, willkommen im Mini-Hopkins-Ex-Club. Ich lasse dich dann mal fürs Erste weiter brüten. Aber denk‘ immer daran“ Mycroft begann ein uraltes, aber immer noch bekanntes Lied von Bette Middler zu singen.
„You’ve got to give al little, takte a little – and let your poor heart break a little – That’s the story of, thath’s the glory of love!“
„Ja, schon gut, ich weiß!“ brummte Bob und sang den Refrain zur zweiten Strophe. „You’ve got to win a little, lose al little – yes, and always have the blues a little – That’s the story of, that’s the glory of love!“
„Genau, Kadett Bob Wickerson aus Wisconsin. So ist es!“
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Gopkar Sektor,
An Bord der HELENA
Die HELENA stand abseits eines F – Sternes und ließ die Ortungsgeräte spielen. Doktor Werner Wulff suchte die Umgebung nach einem ganz speziellen G Stern ab, der die nächste Etappe nach Aagghran darstellen sollte.
„Hat in doch schon“, murmelte der Astronom vor sich her, dann griff er zum Interkom. „Brücke, hier ist Werner Wulff. Bitte geben sie an Nav folgende Koordinaten weiter!“
„Danke, Doktor Wulff“, antwortete der Kapitän, Captain Joseph Mbatabutu. „Sie haben es gehört, Nav. Kurs berechnen und ausführen! Ruder bereit machen!“ Bald darauf beschleunigte die HELENA mit flammenden Triebwerken und verließ das System.

„G – Stern voraus, CO!“, meldete Sid Muller, der selbst das arkonidische mit dem weichen Akzent seiner australischen Heimat sprach, nach erfolgtem Transit. „Analyse läuft!“
„Radioempfang!“, meldete Hanna Stratowski. „Kommt vom dritten Planeten, Kurzwelle FM!“
„Lassen sie einmal hören, RO“, befahl Joseph, und rhythmische Klänge erfüllten die Zentrale.
„Klingt fast wie der Pop gegen Ende des vorigen Jahrhunderts“, meinte Hanna. „Nur mit mehr Melodie.“
„Also, passive Sonde raus, sie soll die Sendungen aufzeichnen. Wir nehmen sie auf dem Rückweg mit, aber wir sollen Aagghran finden, also keine allzu langen Pausen in den Systemen. Doktor Wulf, sind wir hier richtig?“
„Sind wir“, meldete sich der Astronom aus dem Observatorium. „Die Suche nach dem nächsten Ziel läuft bereits!“
„Na, das ist doch schon etwas“, brummte Joseph. „XO, schicken sie bitte noch eine Kamerasonde in die Nähe des dritten Planeten, aber vorsichtig bei der Annäherung. Wir wollen schließlich da unten keine UFO-Sichtung provozieren. Sie haben die Brücke!“
„XO hat die Brücke“, bestätigte Hermann Kaminsky aus Warschau und salutierte. „Wissenschaft, bitte eine Klasse II Drohne starten.“
Die Drohne überquerte im Tiefflug eine große Wasserfläche und näherte sich der Küste eines Kontinents. „Noch immer keine Radarimpulse?“, fragte Joseph Mbatabutu, der Kommandant war auf die Brücke zurück gekehrt, als die Sonde die Nähe des dritten Planeten erreicht hatte.
„Keine Aktivortung, Sir!“ Isabeau Rhocheval steuerte von der wissenschaftlichen Abteilung aus die Sonde. „Vielleicht haben die Bewohner sie noch nicht erfunden.“
„Hm!“ brummte Joseph und massierte sein Kinn. „Wir bleiben trotzdem vorsichtig.“
„Da vorne liegt eine Stadt, Sir!“ Hermann Kaminsky wies auf eine Stelle des Bildschirmes.
„Nehmen sie Kurs darauf, Miss Rhocheval! Gut beobachtet, Mister Kaminsky.“ Langsam glitt die Drohne näher an das Ufer.
„Das ist ein Hafen. Sieht aus, als wären es sehr flache Dampfschiffe.“ meldete Isabeau.
„Hm, ja!“ brummte Joseph. „Dort wird wohl gerade Kohle gebunkert.“
„Hier sind die Lebewesen dazu, Sir.“ Kaminsky hatte wieder die schärfsten Augen gehabt.
„Vergrößern!“ befahl Mbatabutu und dann sahen es alle.
„Krabben!“ urteilte der Major. „Also, so etwa!“
„Optisch korrekt, würde ich sagen.“ Isabeau zoomte noch näher. „Handgroß, sechs Beine, ein Paar Arme mit winzigen Fingern. Ich könnte mir denken, dass auf diesen Fühlern vorne unter dem Panzer die Augen sitzen.“
„Deswegen sind auch die Schiffe und Gebäude eher breit als hoch!“ bemerkte Herrmann. „Aber das geschmiedete Dekor ist wunderschön.“
„Ist es, XO. Steuern sie…“
„Brücke, hier ist Astronomie. Der nächste Stern ist gefunden“, hallte es aus dem Lautsprecher.
„Na schön! Miss Rhocheval, parken sie bitte die Sonde an einem guten Platz und schalten sie sie auf Speicherung wie die Radiosonde. Nav, berechnen sie den Transit, Ruder, übernehmen sie die Daten und beschleunigen sie. RO, Nachricht an die OLYMPOS, vielleicht möchte die Firma jemand her schicken, um die Beobachtung jetzt schon fortsetzen. Sonst holen wir die Daten beim Rückflug ab.“
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M13, Sektor mittwärts-nord
Tubkars Stern
Holkkiss sah hinüber zu der Stadt, die er und seine Männer schon seit mehr als drei Jahren belagerten. Der König Parkanariss hatte ihn schwer beleidigt, indem er die Gastfreundschaft missbrauchte und die wertvollsten Schätze aus seiner Burg raubte. Und Holkkiss wollte gar nicht so genau wissen, welche üble Taten Parkanariss noch verübt hatte, als er eines Tages in der Abwesenheit der Krieger um Unterkunft bat. Wie es Sitte war, hatte Ganaru, die Gattin des Fürsten Holkkiss, den Gast in die Burg gebeten, seiner Ehre vertrauend. Zu Unrecht, wie sich bald erweisen sollte. Nun standen die Fürsten des östlichen Bundes vor Jillilion, um den Ehrlosen zu strafen. Doch die Stadt war überraschend gut befestigt, und so belagerte sie das Heer des Bundes schon sehr, sehr lange.
Holkkiss wandte den Blick ab und setzte sich auf seinen Feldstuhl. Sorgfältig legte er die Arm- und Beinschienen aus feinster Bronze an und ließ sich von seinem Waffendiener in den Brustpanzer helfen. Ein neues Material war es, eines, das vom Himmel gefallen war, und das der Schmied hierfür geschmolzen hatte. Leichter und fester hatte er den Panzer und den Helm geschmiedet, länger und schärfer das Schwert. Er setzte den Helm mit den prächtigen Federn des Omonahassa auf und bestieg seinen Streitwagen, der von fünf wunderschönen Amkalarass gezogen wurde. Der Wagenlenker ließ ein schrilles Pfeifen hören, die Tiere zogen an und brachten den Fürsten vor die Phalanx der Krieger. Weit im Westen, hinter dem unendlichen Meere, stieg eine Feuersäule in den Himmel, und Holkkiss wusste, dass nun bald ein lautes Donnern zu hören war. Er wartete ab und murmelte:
„Die Götter auf der Donnerinsel grollen wieder! Hoffentlich sind sie heute auf Jillilion böse und schenken uns endlich den Sieg.“ Er band den Helm fester, zog das Schwert und gab den neu gebauten Katapulten ein Zeichen, mit dem Schleudern der Steine zu beginnen. Fünf Hebel wurden zu Seite gezogen, fünf Kästen mit schweren Steinen darin fielen, die Wurfarme empor reißend, dem Boden zu und pendelten dann aus, fünf sorgfältig auf das rechte Gewicht gehauene Steine torkelten durch die Luft und prallten gegen die Stadtmauer.
„Noch einmal“, rief Holkkiss laut, und die Besatzung der Katapulte lief los, zog die Wurfarme wieder zu Boden und legte neue Steine in die Lederschlingen. Der Fürst richtete seinen Blick über die Stadt hinweg zur Donnerinsel, wo die grünen Götter wohnten, und dann nach oben, wo sie hin gingen und von wo sie wiederkehrten, und wo der Sonnengott Tub‘karr auf einem riesigen, göttlichen Omonahassa über das Firmament ritt, um Licht und Wärme zu spenden.
Die Sonne Tubkars war ein großer, weißgelber Stern der Klasse F mit vielen Planeten, von denen der vierte ein großer Wasserplanet mit einer Schwerkraft von 1,9 G war. Dieser Planet hatte im Laufe der Evolution Anfänge intelligenten Lebens hervorgebracht, als Tubkar, der Patriarch einer Sippe überschwerer Mehandor, vor etwa tausend Jahren das System fand und für seinen Clan annektierte. Auch wenn Tubkar wie alle Überschweren vorwiegend vom Handel mit Kriegsdiensten lebte, beschloss er, diese für die Kriegerkaste der Mehandor von den Umweltbedingungen angenehme Welt zu nutzen. Er baute eine Werft im Orbit des Mondes, der den vierten Planeten umkreiste, wo er seine Schiffe reparieren konnte und Neubauten herstellte. Außerdem gab es hier einen Ort, an welchem man die Frauenschiffe warten lassen konnte, während die Männer in den Kampf zogen. Anders als Talamon und Topthor, die Frauen für Tätigkeiten abseits der Kampfhandlungen je nach Talent an Bord hatten, hielt es Tubkar mit jenen, die Frauen von jeder Gefahr so weit wie möglich fern halten wollten und in reinen Männerschiffen ihrer Profession nachkamen.
Als Tubkar damals die Welt, die von nun an seinen Namen tragen sollte, zum ersten Mal betrat, war er über die Ähnlichkeit zwischen sich und der einheimischen Bevölkerung überrascht. Die Haut war zwar nicht grün, sondern spielte eher ins bläuliche, und die Haare waren schwarz, aber er war überzeugt, die Nachfahren einer verschollenen Sippe gefunden zu haben. Ein rascher Gentest bewies jedoch, dass die Bewohner Tubkars keinerlei Verwandtschaft zu Mehandor oder Arkoniden aufwiesen, es waren noch nicht einmal 90 Prozent Übereinstimmung vorhanden. Eine Parallelentwicklung von warmblütigen, säugenden Primaten, einigermaßen überraschend, aber die Mehandor nahmen den Umstand hin wie er eben war und bildeten einige Eingeborene zu Arbeiten sowohl auf dem Planeten als auch auf den Stationen aus. Der Begriff Sklave wurde zwar nicht verwendet, aber die Verhältnisse kamen dem mehr als nahe. Ein kleinerer Kontinent wurde als Planetenbasis ausgebaut, wo neues ‚Personal‘ untergebracht und geschult, aber auch frische Lebensmittel gezogen und geerntet wurden. Der Rest der Welt blieb vorderhand sich selbst überlassen.
Der Clan, dessen Patriarch nun Tubfhar war, besaß den Planeten immer noch, und lange Zeit war er der Hauptlieferant für die Kriegsschiffe der überschweren Mehandor gewesen. Für seine eigenen Einsätze hatte er acht vergleichsweise große Kampfraumer gebaut, 1.092 Meter lange, 182 Meter durchmessende Walzen in der für Springer üblichen Form, und diese natürlich mit schweren und schwersten Geschützen an vier Breitseiten armiert. Es konnte auch nicht ausbleiben, dass vor allem die überschweren Mehandor einige kleine Verbesserungen gegenüber der arkonidischen standardisierten Waffentechnik fanden, insgesamt eine Verbesserung von wenigen, aber manchmal doch ausschlaggebenden Prozenten. Die großen Schiffe der Sippe waren den Tussan-Raumern der Arkoniden mehr als nur ebenbürtig, was Schlagkraft und Schutz anging. Was Tubfahr allerdings geärgert hatte, war die Markteinführung der Sprungdämpfer durch Starlights gewesen. Die Wissenschaftler seiner Sippe hatten bereits unter seinem Vater begonnen, ein ähnliches Gerät zu entwickeln, und sie waren schon nahe daran, einen ersten Prototypen herzustellen. Und dann kam diese dürre, lange Latte von einer Pseudoarkonidin und brachte ein ausgereiftes, bereits markfähiges und sehr viel besseres Modell in den Handel. Dazu noch Verbesserungen im Energiemanagement, selbst im Vergleich mit seinen eigenen Produkten bessere Schirme, stärkere Waffen – und die Mehandor kauften bei ihr, manche sogar ganz neue Schiffe. Selbst Talamon hatte bereits mit ihr Kontakt aufgenommen, diese Frau verdiente zwar Respekt, aber erfreut war Tubfahr über die Konkurrenz verständlicherweise nicht unbedingt. Eigentlich gar nicht erfreut, aber das war wohl einzusehen. Trotzdem konnte er derzeit nicht viel machen, denn der Aufenthaltsort der Werft und ihrer Besitzerin waren ein großes, gut gehütetes Geheimnis. Also beschloss Tubfahr, sich in Geduld zu üben und seine eigenen Wissenschaftler noch ein wenig stärker zu motivieren. Mit Zuckerbrot und Peitsche.
*
Man sagt, je zorniger ein Mehandor ist, um so lauter lacht er. Das ist nicht ganz falsch, doch manchmal lacht auch ein überschwerer Springer nicht mehr, sondern er flucht nur noch. Zum Beispiel, wenn er eben zu seiner Gattin auf das Frauenschiff gewechselt war, sich dort mit ihr zurück ziehen wollte und der Alarm überraschend losheulte. So, wie es derzeit Tubfahr erging, der fluchend durch die Gänge der XXTUB I rannte, in seinen Gleiter sprang und zur längsseits liegenden TUB I zurückflog. Fluchen und Brüllen fiel im Laufen eben auch einem Springerpatriarchen immer noch leichter als Lachen.
„Was ist denn los, beim eiskalten Arsch der Göttin“, brüllte er in die Kommunikationsanlage des Beibootes.
„Drei riesige Scheiben geortet, Patriarch! Beinahe sieben Dran im Durchmesser und eins Komma 38 hoch! Sie haben kleinere Sichelschiffe ausgeschleust, drei Komma vier Zentidran groß. Es müssen mehr als hundert sein.“ Die Gesichtsfarbe des Überschweren spielte kurz ins Türkise, er kannte die Nachrichten aus dem Großen Imperium und wusste, wer und was auf ihn zukam, doch seine Stimme wankte nicht, als er seine Befehle gab.
„Sofort Flucht für die XX – Schiffe, TUB X, XI, XV, XXI und XXII begleiten die Frauen und Kinder. Die anderen Schiffe decken den Abflug. Verbindung zum Neurogenten von Arkon herstellen, die Telemetrie und Ortungsdaten laufend übermitteln. Ich schleuse eben ein und komme sofort in die Zentrale!“ Noch während er lief, schloss sich die TUB I den anderen Schiffen der Flotte an, die beidrehten, ihre Formation etwas lockerten und den Angreifern ihre starken Breitseiten präsentierten. Er war noch nicht ganz auf der Brücke angelangt, als er seinen Sohn Tubkon hörte, der laut, aber ruhig und über Gefechtsfunk für die ganze Flotte vernehmbar befahl:
„Feuer!“ In diesem Moment war Tubfahr stolz auf seinen Ältesten, auf dessen Beherrschung und Mut. Er hätte wirklich einen guten Patriarchen abgegeben, wenn seine Zeit gekommen wäre. Die TUB I erbebte bei dem mächtigen Feuerschlag, den sie synchron mit den anderen Riesen und einigen anderen, kleineren Schiffen austeilte, eine mörderische Energieflut brandete den Angreifern entgegen.
Dieses Mal standen die Invasoren keiner Flotte von altersschwachen, minderbewaffneten, kleinen Kreuzern gegenüber, sondern kampferfahrenen Söldnern, die für den Kampf geboren wurden und ihn täglich lebten und übten, ausgestattet mit einer schwer bewaffneten, modernen und gut gewarteten Flotte. Nicht nur einzelne angreifende Sichelschiffe wurden zerstört, sondern manchmal gerieten ganze Pulks dieser Angriffsschiffe in eine Energiewand und vergingen darin, explodierten und rissen andere ihrer Genossen mit in den Untergang. Während die Schiffe der Frauen und Kinder mit ihrer Eskorte dem Sprungpunkt zustrebten und immer stärker beschleunigten, feuerten die Kampfschiffe Salve um Salve aus ihren schweren und überschweren Geschützen, von denen manche Schüsse auch schon in die Schilde der großen Scheiben schlugen und diese sogar beinahe zum Schwanken brachten. Die Schirme flackerten bei mehreren synchronen Treffern, einmal schlug eine komplette Breitseite der TUB II gleichzeitig in die Schilde eines Gegner, die Strahlen drangen sogar durch, allerdings ohne allzu großen bemerkbaren Schaden in der Tiefe anzurichten. Die Scheiben erwiderten das Feuer selbstverständlich umgehend, und wenn die Schüsse der Scheiben im Ziel lagen, richteten sie verheerenden Schaden an, doch diese Treffer waren nicht so häufig wie jene bei der Schlacht gegen die Robotschiffe Arkons bei der Schlacht um Martåë. Mehandor an den Steuerkonsolen reagierten eben immer noch schwerer zu berechnen als die Künstlichen Intelligenzen, wie gut diese auch sein mochten. Trotzdem war die Übermacht zu groß, ein Schiff Tubfahrs nach dem anderen wurde empfindlich getroffen und zerstört.
Auch dieses Mal gingen sämtliche Ortungsergebnisse beinahe ohne Verzögerung an den Neurogenten, welcher sie unverzüglich an seine Verbündeten weiterleitete. Tubfahr gestaltete seine letzte Schlacht zu einem heldenhaften Kampf, selbst beschädigte Raumer kämpften weiter, solange sie noch ein Quäntchen Energie aufbringen konnten, und wenn es nicht mehr ging, versuchten sie sich möglichst nahe an einem Gegner selbst zu zerstören und so den Feind mit in den Untergang zu reißen. Trotzdem war das Schicksal der dreißig Kampfschiffe ebenso besiegelt wie jenes der Bewohner Tubkars, auch als die 523 Flotte Arkons endlich im Rücken der Angreifer auftauchte und das Feuer eröffnete.
Der Gigant der Galaxis-Klasse und die acht Riesen der Tussan-Klasse vereinigten ihren Feuerüberfall auf eine der Scheiben, während die anderen Einheiten Jagd auf die Sichelschiffe machten. Es gelang den Schiffen Arkons auch tatsächlich, die Schilde mehrmals zu durchdringen und einige Krater in die strukturierte Oberfläche zu brennen, doch unbeirrt verfolgten die Scheiben ihren Kurs nach Tubkar III, einer kleinen Sauerstoffwelt mit 0,8 G. Sie feuerten in regelmäßigen Abständen auf die Kugelschiffe der Arkoniden, trafen und vernichteten immer mehr und mehr Einheiten der Entsatzflotte, die dafür weiter unter den Sichelschiffen wüteten und mehr als die Hälfte zerstörten. Die Schlacht dauerte lange, insgesamt mehrere Stunden, doch schließlich erreichten die Scheiben den zweiten Planeten und bildeten dort im Orbit das bereits bekannte Dreieck, und die 523 Flotte war ein zweites Mal aufgerieben worden.
Tubfahrs donnerndes Lachen war das letzte, was seine Frau Pograntha und sein jüngster Sohn Tublok von ihm hörten, ehe die Frauenschiffe in die Transitlinse eintauchten. Sie sollten die letzten Überlebenden des Clans sein, denn keinem der am Kampf beteiligten Mehandor gelang es, in einen Transit zu gehen und sich wieder mit dem Gros der Flotte zu vereinigen. Die Macht des Clan war für lange Zeit zerstört, und Tublok hatte die schwere Aufgabe vor sich, die Sippe wieder aufzubauen. Bis er alt genug war, sich dem Kampf um die Führung zu stellen, musste ein Interimspatriarch bestimmt werden, der die Geschäfte der Familien managte und für das Essen auf den Tischen der Sippe sorgen musste. Sein Onkel Pogmir, der Bruder seiner Mutter, setzte sich nach endlosen Kämpfen mit stumpfen Waffen durch, und seine erste Handlung war radikal und sorgte beinahe für weitere Kämpfe an Bord. Er befreite die Männer und Frauen der blauhäutigen, schwarzhaarigen Ureinwohner von Tubkar, die für schwere, unangenehme Arbeiten und als Dienerinnen für die Damen der Sippen an Bord waren und legte sie in die Hypnoschulungseinheit, bildete die Männer zu Kämpfern für die Sippe aus und förderte Ehen unter den Tubkars. Er benötigte Soldaten, und er benötigte sie bald, denn sowohl die XXI als auch die XXII waren gerade von der Werft gestartet und hatten nicht mehr als eine Rumpfmannschaft an Bord gehabt. Ergo nahm er das Material, das zur Verfügung stand, und die Einsätze der ‚blauen Überschweren‘ sollten später noch eine gewisse Berühmtheit erlangen.
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System Reggys Stern
OLYMPOS
Die körperlich nun halbwegs gekräftigte und wieder hergestellte Frau mit den breiten Hüften und dem schweren Busen erhob sich langsam von der Liege der Hypnoschulungseinheit. Der Ausdruck des kantigen, harten Gesichtes zeugte von der Ratlosigkeit und der Einsamkeit der Frau, Commodore Hukh ůr Therwal hatte eben mit aller Deutlichkeit erkannt, welche Kluft sie von ihrer Heimat trennten. Nicht die Lichtjahre, die für ein modernes Schiff zu schaffen wären, sondern die Zeit, und diese war nun einmal unüberwindlich. Und all das neue Wissen, das sie jetzt nur als kurzen Überblick vermittelt bekommen hatte, so viele neue Völker, so viele Allianzen. Hukh ging zur Tür, wo sie von einem Arzt erwartet wurde.
„Wie fühlen sie sich?“ fragte der Weißkittel besorgt.
„Als hätte man mich in eine Röhre gesteckt und mit Stangen darauf geschlagen. Scheußlich!“
„Sie hätten noch liegen bleiben sollen!“ Doktor Alfonse Bittaraghi stützte sie und führte sie in eine kleine Kammer, in welcher eine Liege und einige Kontrollmonitore standen. „Setzen sie sich, hier ist etwas zu trinken, das brauchen sie jetzt. Nein, keine Widerrede, trinken sie, bitte! Dann legen sie sich hin, sie haben eben ziemlich viele Lektionen auf einmal lernen müssen. Nicht so sehr von der Informationsmenge, sondern von den Emotionen her. Geben sie sich Zeit und übertreiben sie es nicht. Ich schließe die Tür, in einer Stunde sehe ich wieder nach ihnen. Falls ihnen übel wird oder so, drücken sie bitte diesen Knopf, dann komme ich früher. Sie haben im Übrigen einen Anzug mit Reinigungseffekt an. Damit will ich sagen, er wirkt wie eine Windel, nur besser! Sie müssen nicht aufstehen, wenn sie – nun ja, müssen!“
„Danke, Doktor“, hauchte Hukh und war froh, sich wieder hin legen zu können. Dieses neue Wissen in sich musste sie erst einmal verdauen, und es war doch erst der Anfang.
*
Die GCC TC 001 LADY GODIVA war eine neue Konstruktion der GCC. Ein beinahe unbewaffneter Truppentransporter, auf der Kugelzelle eines 800 Meter durchmessenden Schiffes der STARDUST-Klasse basierend. Das Hauptaugenmerk hatte der Beschleunigung und den starken Schutzschirmen gegolten, die Bewaffnung bestand nur aus einigen kleinkalibrigen Schnellfeuerwaffen bis maximal 25 Zentimeter. Sie war ein Konzeptbau, ein Versuch der GCC, so wie die noch unfertige ERIC MANOLI, welche einmal schnelle, schwer bewaffnete Kanonenboote ohne eigenen Überlichtantrieb mit Ausnahme eines Fluchtteleportfeldes in die Schlacht transportieren sollte.

Derzeit war die LADY GODIVA von Miridan zur Erde unterwegs und brachte die Mutanten und die Veteranen der BRIGADA INTERNATIONAL zur Erde, wo sie wieder auf ihre Heimatländer und die Erde vereidigt werden sollten. Gleichzeitig waren die beiden Korvetten der GIULIA FARNESE nach Hause zur OLYMPOS aufgebrochen, die IL PAPA ALESSANDRO VI und die ORSINO ORSINI, auf der ALESSANDRO reisten die Admiräle Michael Freyt und Kaya Annach in den Gopkar Sektor, teils, um Bericht zu erstatten und teilweise auch um als Berater tätig zu werden.
„Da wären wir!“ Korvettenkapitän Angelos Papadakepanos war einer jenen jungen Personen, die bereits mit ihren Eltern als Kind auf die HEPHAISTOS gekommen war und einer der ersten jugendlichen Absolventen der Starlight Space Academy. Angelos sprach das Arkonidische etwas scharf zischend, die weichen sch-Laute machten ihm zu schaffen, war er doch noch mit Griechisch als Muttersprache aufgewachsen – und diese Sprache kannte solche Laute nur auf Kreta. Dort wurden dann alle ‚s‘ durch ‚sch‘ ersetzt. Nun, das Problem war marginal, man konnte sich verständlich machen, und so ein kleiner Akzent wirkte auf so manche Frau leicht aphrodisierend. „Nächste Station OLPYMOS!“
Auch auf kleinen Schiffen wie den Korvetten war die weit im Norden angesiedelte Messe mit Wänden aus klarem Stahl ausgestattet. Die Menschen wollten nicht in den Weltraum, um dann tagelang nur von Wänden aus Metall umgeben zu sein, sie wollten es sehen, erleben, emotional fühlen. Nicht nur über einen Bildschirm betrachten, das konnten sie zu Hause über TriVid billiger, besser und leichter haben. Kya Annach hatte sich mit Michael Freyt im Speisesaal eingefunden und beobachteten den Anflug.
„Donnerwetter!“ entfuhr es Freyt, als sie sich die HATHOR immer weiter näherten, und auch Kya staunte die riesigen Ausmaße an.
„Die GIULIA FARNESE war schon größer als unsere gewohnten Schlachtschiffe, aber nicht so gigantisch. Da müssen Triebwerke eingebaut sein, Wahnsinn! Und erst die Kraftwerke! Ausreichend, um einen halben Planeten für die zivile Nutzung zu versorgen.“
„Einen ganzen!“ Die beiden Admiräle drehten sich zu der Stimme um, und sahen Perry Rhodan scheinbar im Raum stehen. „Ich heiße Sie zu Hause willkommen, Michael. Der Gopkar Sektor ist ja bereits so gut wie terranisches Gebiet geworden. Und es freut mich, dass Admiral Annach ebenfalls anwesend ist! Willkommen, Admiral!“
*
OLYMPOS, Großer Konferenzraum
„Meine Damen und Herren, mittlerweile hat wohl jeder von ihnen die neuesten Informationen über den Kampf um Tubkars Stern gesehen.“ Tana Starlight eröffnete wieder eine Sitzung des gemeinsamen Sicherheitsrates. „Die wichtigste Erkenntnis ist wohl, dass der Schirm der großen Scheiben nicht unüberwindbar ist. Auch wenn der Effekt der direkten Treffer von außen marginal wirkt, macht da Ergebnis doch Hoffnung. Das schwerste bei der arkonidischen Galaxis-Klasse angemessene Kaliber entspricht unseren hundertneunzig Zentimeter-Geschützen, das ist die Stärke, die ich ihnen verkauft habe. Da haben wir noch mehr aufzubringen, allerdings ist das Problem schon die schiere Größe dieser Scheiben. Und ohne den Aufbau der gegnerischen Schiffe genauer zu kennen, werden die wichtigsten Räume vermutlich tief in Inneren sitzen. Aber, es ist ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen!“
„Ich hätte da eine Frage, nein eher ein weiteres Rätsel zu den Scheiben.“ Svenja Liv Solveig lehnte sich nach vorne. „Wahrscheinlich hat sich jeder im Saal schon den Kopf zerbrochen, wie diese Giganten manövrieren! Die müssen ja eine immense Masse haben, die sicht- und messbare Triebwerksleistung entspricht bei genauerer Betrachtung nicht den Verzögerungswerten. Es sei denn, sie benützen extrem leichte Materialien, aber bei der Größe – irgend etwas ist da faul!“
„Stimmt!“ Kono Killikioauewa hatte sich erhoben. „Wir haben uns ebenfalls Gedanken darüber gemacht und die Aufnahme der AFC 997-691-CU und ihrer Enterdrohnen immer und immer wieder angesehen und durchgerechnet. Schon die Sichelschiffe beschleunigen mit Werten, die sie nie erreichen dürften. Hier, diese Kursänderung nach dem verlassen der Transitlinse, das ist mit der gemessenen Triebwerksleistung nicht vereinbar. Der Neurogent hat anhand einer Probe das Gewicht des zum Bau der Schiffe verwendeten Materials festgestellt. Es ist schwerer als unser Klarstahl. So unwahrscheinlich es auch klingen mag, scheinbar ist es den Fremden gelungen, nicht nur den Andruck im Inneren der Schiffe bei der Beschleunigung zu neutralisieren, sondern auch bis zu einem gewissen Grad die Masseträgheit des Rumpfes. Unseren Berechnungen zu etwa 40 Prozent.“
„Und wann wollten sie uns das mitteilen?“, knurrte der amerikanische Präsident.
„Heute, Mister Strange!“ Kono blieb ruhig. „Auf Seite 41 des Ihnen heute Morgen ausgehändigten Dossiers finden sie die Zusammenfassung, auf den Seiten 182 und folgenden finden sie die genauen Zahlen, Formeln und Berechnungen, falls sie nachrechnen wollen.“
„Gut“, brummte Joshua Strange.
„Mister Strange!“ Selbst Ulwazi Nhlakanophos sanfte Stimme klang mühsam beherrscht. „Niemand möchte die USA übervorteilen oder ihr etwas vorenthalten.“ Dann verstieg sich Madame Generalsekretärin zum schärfsten Tadel ihrer Laufbahn. „Sie müssen nicht von der Handlungsweise der USA in der Vergangenheit ihren Verbündeten gegenüber auf das Verhalten der Menschheit der Gegenwart schließen.“
Auch Stan Lee Johnson schüttelte den Kopf. „Joshua, wenn die Wissenschaftler das Ding nachbauen können, kriegen wir es auch. Immerhin hätten wir ohne Nachhilfe sehr viele der letzten Innovationen noch nicht, und man hat uns die Nachrüstsets in der Gefahr sogar gratis überlassen. Miss Starlight, meine Damen und Herren, ich bitte um Entschuldigung für die Unterstellung und möchte mich noch einmal für die neuen Technologien bedanken!“
Tana winkte einfach ab. „Gerne geschehen, Mister Johnson. Nein, das war jetzt glatt gelogen, ich hätte sie ihnen viel lieber verkauft!“ Die mit verzweifelter Mine vorgebrachte Bemerkung brachte einiges Gelächter hervor. „Sie lachen, meine Damen und Herren, aber ich sehe mich schon im Schuldturm sitzen. Aber das ist für sie ja nicht von Belang, lassen sie uns doch einfach weiter machen.“
„Dann benötigten die Fremden weniger Energie, um zu beschleunigen?“ fragte Abigail Winter.
„Sie brauchen wahrscheinlich gleich viel Energie“, antwortete Kono Killikioauewa. „Es wäre nur ein anderer Einsatz. Vielleicht sogar mehr, aber es könnte sich lohnen, auf dem Gebiet nachzuforschen. Genaueres werden wir allerdings sowieso erst wissen, wenn wir so ein Gerät studieren können. Im Original.“
„Sie meinen, wir sollten ein Schiff der Fremden kapern?“, fragte Dacota Conrad, eine große, starke Frau mit kräftigen Kiefern.
„Sicher!“ Crest hob den Zeigefinger. „Wie sonst sollen wie an die Daten kommen? Nur über Filmaufnahmen funktioniert es nicht!“
„Ich verstehe!“ Dacota nickte. „Die Frage ist nur, wie?“
„Dafür sind wir doch hier!“ brummte Admiral Ambrosio Tratatori von der Europäischen Union. „Um solche Dinge zu besprechen!“
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„Sie haben eine große Anzahl von den SGM der Firma Merdun – Lookward hergestellt?“, fragte Joshua Strange Tana Starlight.
„Haben wir, Mister President. Wir haben auch einige Sprengköpfe mit Antimaterie vorbereitet, suchen aber nach einer günstigeren und sichereren Alternative.“
„Da kann ich einspringen“, meldete sich Kono Killikioauewa. „Einer unserer Tüftler hat hyperschweren Wasserstoff in Arbeit. Epterium, 6H, sechswertiger Wasserstoff!“
„Äh“, Abigail Winter war etwas ratlos. „Was bedeutet das? Ich bin Juristin, keine Technikerin.“
„Kurz erklärt, wir brauchen zwei Halbkugeln Plutonium 237, jede etwa null Komma acht Kilogramm, eine Abschirmung und ungefähr einen Kubikdezimeter Epterium, und wir haben 2.500.000 Kilotonnen TNT, so um den Dreh herum“, dozierte Kono Killikioauewa. „Das macht 2.500 Millionen Kilotonnen bei einem Würfel 1 mal 1 mal 1 Meter. Oder anders ausgedrückt, in einem Zylinder mit einem Durchmesser von einem Meter und 1,27 Meter Höhe haben wir die Sprengkraft von 2.500 Megatonnen oder 2,5 Gigatonnen TNT. Wie soll ich es vergleichen? Offiziell wird mit einem Kilogramm TNT ein Umkreis von 5 Metern einem Druck von 280 Millibar ausgesetzt. Das klingt vielleicht nicht viel, verursacht aber bereits schwere Schäden an Stahlbetonkonstruktionen. Die größte Fusionsbombe vor der Ankunft der Arkoniden war die Zar-Bombe der Sowjetunion, die hatte etwa 60 Megatonnen. Wieviel kann die Missile transportieren?“
„Wenn ich jetzt mal richtig gerechnet habe, 100 Gigatonnen TNT“, sagte Reginald Meunier. „Wir müssen Expansionsmaterie mit einrechnen. Aber das sollte uns gegen die Fremden trotzdem ein wenig weiterhelfen!“
„Expansionsmaterie?“ fragte Joshua Strange nach.
„Nun, bei einer Explosion in einer Atmosphäre oder sonstigen Materie entsteht durch die spontane Energiefreisetzung eine Druckwelle“, hielt Kono eine Vorlesung für Anfänger. „Je dichter die Materie, um so stärker. Wenn wir jetzt mit vier Kubikmetern Wasserstoff 10 Gigatonnen erreichen, wird die Druckwelle mangels Materie keine große Reichweite haben. Also legen wir einen Mantel um die Bombe, der bei der Explosion verdampft wird und als Trägersubstanz für die Druckwelle diese verstärkt und auch die entstehende kalorische Energie über eine größere Entfernung verteilt.“
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April 2086
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Solares System, Asiatische Föderation
Die Kirschblüte kam in diesem Jahr früh nach Oshamambe, einer kleinen Stadt an der Uchiura Bucht im Süden der Insel Hokkaido. Es hatte schon seit geraumer Zeit warmes Wetter gegeben, und so war es nicht verwunderlich, dass bereits ein Monat früher als üblich die Kirschbäume in voller weißer, ganz leicht rosa oder kräftig Magenta getönter Blütenpracht standen. In der Allee im großen Park von Oshamambe, der sich vom Hafen in das Landesinnere bis zum großen Schrein des Shinto und dem Tempel des Buddha gegenüber zog, war gesäumt von weiß blühenden Bäumen, und in der Zeit der Blüte wandelten die Bürger der Stadt gerne in ihren traditionellen Kimonos über diesen für Fahrzeuge gesperrten Weg. Sie genossen die Ruhe und die Wärme, Paare gingen gemeinsam zwischen den weißen Wänden spazieren, junge Singles flirteten und kicherten, Ehen zu stiften war das einzige Geschäft, welches an diesen Wochenenden getätigt werden durfte.
Auch Miyu Watanabe spazierte lächelnd über den Kai zum Beginn der Allee, sie sah nach Osten zur Einfahrt in die Bucht, zu den Orten Hakkodate und Muroran. Der Wasserspiegel lag beinahe spiegelglatt an diesem windstillen Tag, die Sonne spiegelte sich darin und brachten die winzigen Bewegungen zum glitzern und gleißen. Der Komon aus Seide, den Miyu trug, war im rot des Sonnenuntergangs gehalten, mit kleinen, weißen Blüten bedruckt, der farblich abgestimmte Obi war in einer riesigen Schleife am Rücken gebunden. Einer falsche Schleife, denn der Obi konnte unauffällig vorne von der Trägerin verschlossen werden, ohne eine Zofe zu bemühen. Ihr Fächer war blau und mit dem Berg Fuji bemalt, einem Glücksymbol in Japan. Die hübsche Frau zog die Blicke vieler Männer auf sich, sie wirkte wie Anfang zwanzig und bewegte sich auch geschmeidig wie eine Jugendliche. Der Eindruck täuschte jedoch, sogar ganz gewaltig. Miyu Watanabe war, was niemand wusste und auch niemand wissen sollte, eine Mikogami – also die Nachfahre eines Kami und mehr als zehntausend Jahre alt.

Ihr Vater hatte ihr damals von den weißhaarigen Ark’Kåmi erzählt, von der Feuerfrau Apehu ciKåmuy, von dem Sonnenherrn Tokap upKåmuy und besonders oft von der Göttin der Jagd, Hasinawa ukKåmuy, die ihn einst verführte, bei ihr zu liegen und dann zu seiner Jagdbeute führte, einem kapitalen Hirsch, der sein Dorf lange ernährte. Dann, nach einigen Monden hätten die Yokai, die Diener der Ark’Kåmi, ihm ein kleines Mädchen gebracht, das die Jägerin geboren hatte und dessen Vater er sei. Eine der Frauen des Lagers hatte auch gerade ein Kind, so konnte sie das Mädchen mit ernähren, und die Geschenke der Göttin hatten das ganze Dorf wohlhabend gemacht. Mikogami war gewachsen und ein durchaus hübsches Mädchen geworden, mit schwarzem Haar, Mandelaugen und einer guten Figur, vielleicht nicht so kräftig wie die anderen Mädchen des Dorfes, aber klug. Die Schamanin war auf sie aufmerksam geworden und hatte sie zu ihrer Nachfolgerin ausgebildet, sie die Rituale und das Wissen über die spirituelle Welt gelehrt. Und ihr den ethischen Umgang mit ihrer Macht, anderen ihren Willen aufzuzwingen, beigebracht. Dann waren die dunklen Tage gekommen, lange Zeit hatte Dunkelheit geherrscht, und großer Hunger hatte viele Menschen dahingerafft. Die Ark’Kåmi waren verschwunden und nie wieder gekommen, einige Yokai waren aber geblieben, ihr Wissen und ihre Werkzeuge hatten die Ainu am Leben gehalten, indem sie warme Inseln im Schnee schufen und Lichter darüber erstrahlen ließen. Viele der Ainu waren Han’Yo, halbe Yokai gewesen, und Mikogami wurde ebenfalls als eine solche gesehen.
Jahre vergingen, beinahe alle im Dorf wurden immer älter und starben. Selbst die Yokai und die Han’Yo alterten im Laufe der Jahre, doch Mikogami blieb, wie sie an jenem Tag gewesen war, als der Kami sich zum ersten Mal gemeldet hatte. Donnerndes Gelächter hatte sie umfangen, um sie war alles erstarrt gewesen, und die Stimme hatte sie als eine Auserwählte bezeichnet und gleichzeitig gewarnt, sie müsse ihre Besonderheit noch mehr verbergen als vorher. Dann war es dunkel um sie geworden, eine beinahe unsichtbare Narbe unter ihrem Brustbein erinnerte noch an diese Begegnung. Eines Tages verschwand Mikogami aus dem Dorf und wanderte eine weite Strecke, sie lernte zu überleben und zu kämpfen. Sie nahm sich einen Mann in dem neuen Dorf und gebar ihm einen Sohn und eine Tochter, blieb bei der Familie, bis ihre Kinder selbst einen Hausstand gründeten und verschwand abermals. Mikogami schaffte es irgendwann sogar ein Boot zu bauen, mit dem sie die große Insel im Süden erreichte, wo es auch mehr Menschen und Dörfer gab. Sie wanderte die nächsten mehr als zehntausend Jahre immer wieder über Honshu, immer schön, immer jung, auch wenn sie beides des Öfteren verbarg. Einmal war sie einige hundert Jahre in einem Kloster geblieben, welches durch sie einen Ruf als wundertätiger Ort erlangte. Doch eines Tages nahm Mikogami wieder ihren Stab und wanderte weiter. Oft im Kleid einer buddhistischen Nonne, manchmal als wandernde Kauffrau, immer unauffällig und unerkannt. Jetzt war sie als moderne Japanerin in ihre ursprüngliche Heimat zurück gekehrt und arbeitete für einen großen Computerkonzern, wieder hatte der Kami ihr frühzeitig den Rat gegeben, sich mit dem neuen Medium zu beschäftigen. Ihr Kimono ließ nur kleine Trippelschritte zu, und so kam Mikogami, die sich jetzt Miyu Watanabe nannte, nur langsam vorwärts. Es störte sie nicht, sie hatte es nicht eilig, warf einigen jungen Männern kokette Blicke zu, denn hin und wieder sehnte auch sie sich nach den Umarmungen eines Mannes. Auch in Japan war es nun für eine Frau möglich, mit einem Mann unverbindlichen Sex zu haben, ohne entehrt zu sein, und Miyu machte ab und zu durchaus von dieser Möglichkeit gebrauch.
Früh am nächsten Morgen erwachte sie von anhaltendem Klingeln an der Tür ihrer Wohnung, sie schwang ihre langen, schlanken Beine aus dem Bett und tappte zur Tür, drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage.
„Hai“, sagte sie noch verschlafen, durch die Tür sah sie, wie der junge Mann vom Vortag sich noch einmal in ihrem Bett räkelte und dann im Bad verschwand.
„Yūbinkyoku!“ Die Stimme des Postboten klang geradezu unverschämt wach. „Eilzustellung, ein Brief!“
„Arigato“, antwortete Miyu und öffnete die Haustür, dann warf sie sich einen leichten Morgenmantel über, band den Gürtel zu und öffnete die Wohnungstür. Sie bemerkte den bewundernden Blick des Boten auf ihrem Brustansatz ruhen und fühlte sich durchaus geschmeichelt, aber der Umstand, einen physischen Brief anstelle elektronischer Post zu bekommen, verwunderte sie sehr. Rasch unterschrieb sie den Empfang und schloss die Tür wieder, öffnete den Umschlag. Ein Ticket mit dem Logo der Starlight Enterprises kam zum Vorschein, eine Passage auf die OLYMPOS war auf ihren Namen gebucht. Business Klasse, am nächsten Tag war der Flug zum Mond ebenfalls reserviert. Kein Hinweis, von wem das Ticket kam, warum, weshalb, nichts außer der Fahrkarte. Ihre Verwunderung stieg, dann hörte sie lautes Gelächter und wusste, dass der Kami sich wieder meldete. Ihre Eroberung vom Vortag kam fertig angekleidet aus dem Bad.
„Ich muss leider los, sonst komme ich zu spät zur Arbeit“, entschuldigte er sich eilig, sie gab ihm noch einen raschen Kuss.
„Ich weiß,“ sagte sie schlicht. „Und ich wünsche dir alles Gute!“ Dann stieg sie selbst unter die Dusche, zog bequeme Reisekleidung an und packte noch ein hübsches Kleid für die Reise in ihr stets bereites Gepäck. Ein letzter Blick zurück, dann ging Miyu Watanabe zum Bahnhof nach Sapporo und nahm den Flieger nach Tokyo, wo sie für ewige Zeiten verschwand.
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Europäische Union, Norwegen
Es war teuflisch kalt in Stavanger, als Sven Christian Sånderstrøm durch die Straßen mit den bunten Häusern zum Hafen ging. Er sah aus, als wäre aus einem der vielen Bücher der Urtyp des Wikingers entstiegen und hätte seinen Wollkittel mit Jeans und einem Parka vertauscht. Das lange, rote Haar wehte im Wind, der ebenso rote Vollbart mit Schnäuzer hing bis vor die Brust, die Augenbrauen waren buschig und auch kupferfarbig. Seine blauen Augen blickten kühn und unternehmungslustig in die Welt, die Nase war etwas lang, das Kinn kantig. Den breiten Schultern, den muskulösen Armen und den großen Händen traute man den Umgang mit Schild und Schwert jederzeit zu, und tatsächlich konnte er mit dem Langschwert der Wikinger hervorragend umgehen. Den Umgang mit feinen Motorteilchen und das profunde Wissen in Hyperfeldenergie traute man ihm nicht zu, doch er hatte jeden frei zugänglichen Artikel darüber gelesen und auch verstanden. Sven Christian sah aus wie vielleicht 35 Jahre und ein echter Norweger, und eigentlich war er der echteste überhaupt. Geboren war er etwa 7500 Jahre vor jenem mythischen Jahr null, das der kleine Mönch Beda Venerabilis Jahrhunderte nachher als das Geburtsjahr jenes Rabbi aus Galiläa berechnete, in dessen Namen eine Weltreligion die Herrschaft über die ganze Welt forderte. Er kam aus der Nähe der mesopotamischen Stadt Mironikilur, geboren von einer der vielen Tempelsklavinnen, welche von einem der Donnergötter vergewaltigt und geschwängert worden waren, um dann vom Diener Atas, des Sonnengottes befreit zu werden.
Der Stamm der vorherigen Pferdejäger und jetzigen reitenden Pferdezüchter war nach Norden aufgebrochen, immer weiter. Wenn ein Stamm zu groß wurde, verließ ein geheiligter Frühling den Stamm, um neue Weidegründe zu suchen, dann wieder traf man sich, tauschte Werkzeuge, Waffen und Mädchen, um sie zu heiraten. Manchmal brach auch ein Einzelner auf, um eine Zeit lang allein oder mit wenigen Freunden zu handeln, bei diesem Stamm einige Jahre bleibend, sodann wieder weiterziehend. Auch Mokkiburanata, der bereits viele Namen getragen hatte und jetzt Papiere auf den Namen Sven Christian Sånderstrøm besaß, hatte immer wieder den Stamm gewechselt, war nach Norden und nach Westen gezogen, immer wieder nach einigen Jahren, die er bei einem Stamm verbrachte, in die Fremde aufbrechend. Das Gebiet der mit ihm verwandten Stämme war groß, er konnte lange genug einer Sippe fernbleiben, bis sich niemand mehr seiner erinnerte. Er entsann sich noch, plötzlich gelähmt vom Pferd gefallen zu sein und daran, dass eine Stimme, welche nur er hören konnte, zu ihm sprach und ihm immer wieder mit seinem Rat half. Seither war er keinen Tag älter geworden und nie krank gewesen, aber seine ursprüngliche Sippe hatte damals verlassen müssen und war der unstete Wanderer geworden, der er bis heute geblieben war. An diesem Tag fand er im Postkasten ein Ticket Luna – OLYMPOS, und er zögerte nicht, seinen Rucksack zu packen und einen Gleiter nach Oslo zu nehmen, wo sich seine Spur verlor. Für immer.

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Der Frühling brachte in Marokko bereits Hitzewellen und Temperaturen über dreißig Grad, Regen war eine große Seltenheit. Essaouira an der Atlantikküste war eine uralte Siedlung, wo Menschen bereits in der Steinzeit lebten. Nicht so Fatima Laghda. Sie entstammte einem uralten Geschlecht von Zauberinnen und Heilerinnen, und sie war stets auf der Wanderung gewesen. Von der Küste des Mittelmeeres im heutigen Libyen, wo sie geboren war, nach Osten, immer weiter und weiter, bis zu dem großen Fluss, diesen entlang nach Süden und durch die Steppen, immer von einem Dorf zum anderen. Niemals hatte es ein Mann gewagt, ihr Gewalt anzutun, alle hatten die mächtige Frau respektiert. Und wenn bekannt wurde, dass sie sich in einem Dorf niedergelassen hatte, kamen die Menschen aus den umliegenden Siedlungen, um Heilung zu suchen und zu finden. Als dann die ersten fanatischen Prediger eines neuen Glaubens auftauchten, ihr Werk als böse Hexerei verdammten, den Frauen die Seele absprachen und sie als Eigentum betrachten wollten, verschwand Fatima. Die Frauen, denen sie geholfen hatte, halfen nun ihr, denn die Predigten fielen anfangs vor allem bei den Männern auf fruchtbaren Boden. Seither war sie weiter gewandert, jetzt allerdings unauffällig, sie kannte das Land und war, wenn sie nicht gesehen werden wollte, auch nicht sichtbar. Sie verschmolz mit der Menge, wanderte mit Karawanen von einer Oase der Sahara zur nächsten und war, wenn sie im Han verschwand, schon wieder vergessen. Niemand wunderte sich über die allein reisende Frau, man vermutete ihren Mann am anderen Ende des Zuges. Jetzt hatte sie sich bereits eine Zeit lang in Marokko niedergelassen, hier wurde der Islam nicht derart rigide ausgelegt, es gab mehr Freiheiten als im größten Teil des nördlichen Afrikas und Fatima ruhte ein wenig aus, während sie überlegte, den Kontinent zu verlassen oder über den Äquator hinaus nach Süden zu gehen.
Ihre Mutter hatte Fatima damals Mhagakukkul genannt, Kukkuls Tochter. Er war zuerst landwirtschaftlicher Arbeiter auf einer großen Besitzung gewesen, dann kam die dunkle Zeit, er und ein paar andere taten sich mit einheimischen Frauen zusammen und wanderten, bis sie eine Stelle fanden, an der sie überleben konnte. Ein hoher Herr hatte sie mit einigen lebensnotwendigen Gütern ausgestattet, so hatte die kleine Sippe überlebt. Eines Tages hatte ihr eine Stimme befohlen, mit einem Boot eine sonst schwer zugängliche Bucht aufzusuchen. Dort war sie in einen tiefen Schlaf gefallen, und als sie erwachte, hatte sie eine Narbe am Bauch gehabt. Sie wusste von Dingen, die sie nie geahnt hatte, sie konnte Dinge bewegen, ohne sie zu berühren und die Absichten ihres Gegenübers fühlen. Und sie konnte Kranke heilen. Gealtert war sie seit damals nicht mehr, und einige Zeit später nahm sie Abschied von ihrer Mutter, die sie dem Sonnengott befahl und ihrem Vater, der den Segen der Chechuam auf sie beschwor.
Essaouira war eine Hafenstadt am Atlantik, wo es hervorragenden Fisch zu essen gab. Die Altstadt war noch von der originalen Stadtmauer umgeben, am Ufer, den Hafen beherrschend, war bereits vor Jahrhunderten eine Festung gebaut worden, die bis in das 17. Jahrhundert immer wieder modernisiert wurde. Danach nur noch erhalten, und später teilweise im Original restauriert. Im 21. Jahrhundert war die mit Zinnen bewehrte, beinahe vier Meter breite Stadtmauer eine beliebte Promenade für Einheimische und Touristen, die sich gerne mit den gegossenen Bronzekanonen fotografieren ließen. Von dieser Mauer nur durch eine vielleicht anderthalb Meter breite Straße getrennt waren Souvenirshops und kleine Werkstätten von Handwerkern, welche selbst im Jahre 2086 noch Holztische und Schränke reparierten, Schmiedearbeiten herstellten oder mit der Hand, einem kleinen Hämmerchen und einigen Holzklötzen Geschirr aus Zinn, Silber oder gar Gold trieben. Dazwischen duftete die Ware der Gewürzhändler, der grüne Tee, der traditionell mit Minze getrunken wurde und das köstliche Backwerk in den Teestuben. Mit Ausnahme der Hauptstraße waren alle Gassen eng und verwinkelt, vielerorts überdacht oder mit Stoffen verhängt, überall herrschte reges Treiben, schwatzten Männer oder berieten sich Frauen wegen des Mittagessens. Dazwischen die Läden von Apple oder Samsung, eine kleine Bank mit einem Geldautomat, der von einem mit einer Maschinenpistole bewaffneten Soldaten bewacht wurde.
An diesem Frühlingstag hatte Fatima ihre Sonnenbrille auf die Stirn geschoben und genoss die Sonne des frühen Abends, ehe sie sich auf den Heimweg machte. Sie blickte in den Postkasten, nahm ihr Ticket auf die OLYMPOS heraus und packte. Sie saß noch am gleichen Abend in einer öffentlichen Verkehrskapsel der Tubeway nach Marrakesch, wo sich ein Flughafen befand. Dort bestieg sie ein Flugzeug nach Rabat, um im dortigen Raumhafen auf das Shuttle nach Luna zu warten. In der Abflughalle des Port Gagarin wurde sie das letzte Mal von einer Kamera erfasst.
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Antoine Blanche war vor über 10.000 Jahren als Bärchen, Sohn des Cokmod auf Sao Thome aufgewachsen und hatte die Insel später verlassen, als er lernte, mit Hilfe seiner Geisteskräfte zu reisen. Er war Teleporter mit überraschend hoher Reichweite. Irene Becker war 1398 in Aachen als Theogunde Walbhusen geboren und lebte in Berlin. In der Einöde von Arizona lebte Peter Archer, er war als Peter, son of William 1494 in Sussex geboren. Bwigimi Mikiliwi aus Nigeria, Gawapita Hattawatta aus New Delhi, Achmed Alchahabra aus Beirut, Chin Min-Gi aus Hongkong und John T‘oel Wičháša aus den Black Hills hatten einiges gemeinsam. Sie alle waren auserwählte Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, denen ein Implantat die Jugend erhielt, sie waren alle überdurchschnittlich intelligent und verfügten über einen ausgeprägten Willen zum Überleben. Und sie flogen zum Mond, um zur OLYMPOS zu reisen. Dort würde die Stimme ihres Wohltäters sie weiter anleiten und führen, wie sie es seit Jahrtausenden immer wieder getan hatte.
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TSS BC 002 HELENA
Der Stern, den die HELENA in respektvollem Abstand umkreiste, war ein besonders aktiver, großer gelbweißer Stern, der jede Minute Tonnen um Tonnen seiner Masse in das Weltall schleuderte, herausgerissen von seinem kleineren, aber schwereren Begleiter, der in einer für kosmische Verhältnisse unglaublich engen Bahn um seinen großen Bruder raste und die Materie der Hauptsonne an sich zog. Schauer von harter Strahlung schossen durch den Kosmos und machten das System zu einem markanten Orientierungspunkt. Der Astronom der HELENA, Doktor Werner Wulff, war hin- und hergerissen zwischen dem Drang, dieses System näher zu erforschen und das nächste Ziel zu lokalisieren, einen einfachen G – Stern, wie sie in dieser Gegend nicht unbedingt selten vorkamen. Natürlich siegte das Verantwortungsbewusstsein, aber nicht ohne lautes Bedauern und leises Räsonieren. Die Hauptphalanx der Ortungsgeräte war nach außen gerichtet und suchte nach einem ganz bestimmten Spektrallinienmuster, den ‚Fingerabdruck‘ eines Sterns. 145.000 Jahre waren nicht genug, um die Muster sehr stark zu ändern, so war die Suche eine vielleicht langwierige, aber nicht sehr komplizierte Angelegenheit. Eine große Hilfe war auch, dass die ungefähre Richtung und Entfernung bekannt war, für die Instrumente der HELENA also keine unlösbare Aufgabe. Während die Geräte arbeiteten, nutzte Wulff die Zeit, das gewaltige Naturschauspiel des Doppelsterns näher zu beobachten, unterstützt von Isabeau Rocheval.
„Das ist schon der elfte Stern von fünfundachtzig!“ Joseph Mbatabutu saß bequem in seinem Sessel und beobachtete das Schauspiel auf dem Bildschirm. „Bisher sind wir ganz gut unterwegs, durchschnittlich ein Transit alle anderthalb Tage, in zwei Monaten könnten wir die Route aufgerollt haben!“
„Es geht nachher nie so glatt wie am Anfang. Niemals!“ Herman Kaminsky setzte sich neben seinen Kapitän.
„Sie sind eine alte Unke, XO“, schimpfte Joseph mit wackelndem Zeigefinger. „Seien sie doch nicht immer so pessimistisch!“
Der Executive Officer nickte. „Meine Ahnen waren immer pessimistisch, und sie hatten immer recht damit!“
„Meine waren immer optimistisch!“ warf Kintana Rajamahary, eine Sihanaka aus Madagaskar vom Pilotenpult her ein.
„Und? Hat es funktioniert?“ fragte Herman.
„Nun, ja! Ich würde sagen, das hat es. Immerhin bin ich hier, habe genug zu essen, mehr als ausreichend zu trinken, ein warmes und weiches Bett, ein Zimmer für mich allein, kann duschen, wann immer es nötig ist – und habe einen der tollsten Jobs im Universum! Da lohnt es sich doch, optimistisch zu sein, oder?“
„Ich muss dem Leutnant beipflichten, Commander.“ Joseph Mbatabutu nickte. „Mit unserem Optimismus haben wir es bis hierher geschafft, obwohl die Tube von Rhodan schon sehr geholfen hat. Wir müssen auch dafür dankbar sein! So, Sechzehnhundert Uhr. Wer hat die Charlyschicht?“
„Das bin ich, CO!“ meldete sich Sid Muller von der Navigationskonsole.
„Sehr gut! Sagen sie bitte Doktor Wulff, wir werden erst in der nächsten Bravoschicht aufbrechen. Er hat also noch ein wenig Zeit für die Beobachtung des Doppelsterns. Leutnant Muller, sie haben die Brücke!“
„Sir, Leutnant Muller übernimmt Brücke!“
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Am nächsten Morgen bei Beginn der Bravoschicht gab Doktor Wulff die Koordinaten für den nächsten Transit bekannt, und Kintana Rajamahary beschleunigte das Schiff zum richtigen Punkt für den Wurmlochtransit. Dann wurde die Kontrolle über das Schiff der Neuronik übergeben, welche für den genauen Ablauf sorgte, das Feld zum exakten Zeitpunkt aufbaute und die HELENA zum richtigen Stern brachte. Ein ganz normaler Stern der Hauptreihe mit der Spektralklasse G, wie es auch die terranische Sonne war, leuchtete vom Kontrollschirm, und Kintana gab entsprechend Gegenschub, bis die 600 Meter durchmessende HELENA relativ zu diesem Gestirn zum Stillstand kam. Die Ortungsgeräte nahmen ihre Arbeit auf und begannen mit der Vermessung des Systems.
„Acht Planeten, Sir!“ meldete Isabeau Rocheval. „Mehr oder weniger wie…“
„Ortung zeichnet Objekt aus Metall, ähnlich molekülverdichtetem Arkonstahl! Keine Energiesignatur, keine Ausstrahlung“, unterbrach die Ortungsoffizierin Maria Nuñez aus Brasiliens berühmtester Stadt Rio de Janeiro.
„Defcon 3!“, befahl Joseph laut, grellgelbe Lichter, welche die genannte Zahl formten, leuchteten überall im Schiff an den Gangwänden auf und Sirenen hupten drei Mal, das Zeichen für die Bereitschaftswache, die entsprechenden Stellen aufzusuchen und weitere Befehle abzuwarten.
„Größe?“, hakte Major Mbatabutu nach.
„Ovoid, Höhe 753 Meter, breiteste Stelle Durchmesser 612, schmaler Ringwulst ähnlich den arkonidischen Schiffen, Sir.“
„Lemurer?“, fragte Herman Kaminsky.
Joseph Mbatabutu wiegte den Kopf. „Wir wissen nicht sicher, ob die Lå’amů’ourø mit den Lemurern der irdischen Sagen identisch sind. Aber gut, auf jeden Fall ist es für uns leichter auszusprechen. Bleiben wir also für’s Erste dabei! Sehen wir nach, jede Information könnte wichtig sein. Ruder, Kurs auf Objekt. Ortung, irgend welche Veränderungen?“
„Nein, Sir!“
„Wenn es ein Lemurer ist, wird er wohl schon lange hier herumfliegen“, spekulierte Herman.
„Stimmt.“ gab ihm der Major recht. „XO, lassen sie die HELIKON startklar machen. Oberleutnant Isidora Duarte Rojas soll zum vierten Planeten fliegen und sich umsehen, dort müsste sich nach dem alten Log eine Kolonie des Matriarchats befunden haben.“
„Zumindest entspricht es den Bildern aus dem Logbuch der ASO’OMIE!“ Mbatabutu studierte wie alle anderen das Bild des längsseits liegenden Körpers.
„Das Wrack dürfte sich auf einer Kometenbahn befinden, CO“, meldete Maria Nuñez. „Derzeit driftet er wieder in das System hinein, in ein paar Jahren wird er das innere System erreicht haben.“
„Die Hülle ist ziemlich zerstört!“ bemerkte Sid Muller. „Hier haben die Damen ganz schön hart zugeschlagen!“
„Wen wundert’s“, gab Hanna Stratowski zum Besten. „Wenn jemand ein System mit meinen Leuten überfällt, bin ich auch nicht zimperlich!“
„Also gut!“ Major Joseph Mbatabutu wurde wieder dienstlich. „XO, schicken sie ein Enterkommando los. Fünf Personen sollten reichen, dazu zwei Roboter!“
„ Aye, Sir!“
*
Für den kurzen Flug zu dem eiförmigen Schiff mit dem schmalen Ringwulst benutzte das Enterkommando ein offenes Pionierboot, eine Art flacher Bootsrumpf mit acht bis vierundzwanzig Sitzen, links und rechts ein Feldtriebwerk, einfach, wendig und, mit einem luftdichten Verdeck ausgestattet, für den Nahverkehr zwischen Raumschiffen oder einer Station gedacht. Auf Luna wurden mit den kleineren Versionen dieser Geräte allerdings bereits die Rennen der ‚Formel S‘ abgehalten und im TriVid übertragen, der Sport erfreute sich immer größerer Beliebtheit bei vielen Zusehern. Den Befehl über den Entertrupp führte Master Sergeant Samuel Shiffin, ein vierschrötiger Mann aus Tel Aviv, der bei seiner Einstellung bei Starlights bereits eine gediegene Ausbildung bei der israelischen Armee hinter sich gebracht und dort den Rang eines Korporals erreicht hatte. Er war reaktionsschnell, hart, aber fair zu seinen Untergebenen. Eines Tages wurde ihm Israel zu klein, und ebenso stark, wie seine Vorfahren sich gewünscht hatten, wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück zu kehren, so mächtig hatte es ihn plötzlich zu den Sternen gezogen. Endgültig besiegelt war sein Schicksal, als er sich in Christine verliebte, die eine Urlaubsreise zu den heiligen Stätten des Christentums gebucht hatte, um danach zur HEPHAISTOS aufzubrechen und auf der KLEOPATRA ihren Dienst als Infanterieoffizier zu versehen. Er war der Schickse gefolgt, zuerst in ihre Heimat und dann auf die HEPHAISTOS, wo er sich bewarb und mit seiner Ausbildung gerne genommen wurde. Sie hatten ihre schöne Zeit miteinander, Christine und Samuel, nicht übermäßig lange, aber sehr intensiv. Nach der Affaire hatte er einfach um Versetzung auf ein anderes Schiff gebeten, Christine als seine Kompaniekommandantin wäre auf Dauer doch zu anstrengend und nervenaufreibend geworden. Damals war der Posten eines Zugkommandanten auf der HELENA gerade vakant, und er hatte ihn bekommen, jetzt stand er kurz vor der Beförderung zum Leutnant und sollte danach als Kompaniekommandant auf die NEITH gehen, während Christine das komplette Infanteriekontingent auf der KLEOPATRA kommandierte.
Samuel nahm sein Sturmgewehr auf, ein GCC Superbeam 76 Thermostrahler mit Kaliber 6,83 Millimeter, die Standardhandfeuerwaffe der Starlight Infanterie. 45 Zentimeter Lauflänge, einklappbare Schulterstütze, Pistolengriff und ein Energiemagazin für 100 Schuss vor dem Griff. Das Zielsystem mit Restlichtverstärker und kabelloser Verbindung zum Head-up-Display der Helme war anfänglich ein nachträglicher Einbau der SE gewesen, die 76/84 wurden bereits in Lizenz ab Werk damit ausgerüstet. Für GCC und SE Helmsysteme kompatibel.
„Waffenkontrolle!“ befahl er mit ruhiger Stimme. „Magazin?“
Ein vierfaches „Voll!“ schallte ihm entgegen.
„Visier auf 1,0!“
„1,0, Aye!“
„Sicherung!“
„Gesichert!“
„HUD?“
„HUD zeichnet!“
„Helmkamera?“
„Kamera sendet!“
„Okay Leute!“ beendete der Master Sergeant die Checkliste. „Dann lasst uns hineingehen und unseren Job machen. Der heißt hier und heute Aufklärung. Noch Fragen? Gut! Glanz, an die Spitze, gleich hinter dem vorderen Roboter! Trepkanowa Nummer zwei, linke Flanke. Ich nehme die dritte Position, Jaeger macht die vier, rechte Flanke. Tomlin macht den Schluss. Die Drohnen gehen eine vor uns und eine hinter uns. Zusammenbleiben! Wir werden durch das Loch dort eindringen. Also, wir sind da, macht mir keine Schande, Ladys! Auf geht’s!“
Das Boot wurde magnetisch an der Bordwand verankert, und der Entertrupp stieg in der befohlenen Reihenfolge über. Karl Glanz, der als erster Mensch in das Wrack eindringen sollte, verharrte kurz vor dem als Einstieg ausgewählten Loch.
„Das muss eine von den Zwei – Zehnern gewesen sein, wie sie auch die ASO’OMIE geführt hat!“ bemerkte er und strich im Einschweben kurz über die glatte Oberfläche, die geschmolzen und wieder erstarrt war. Vorher aber hatte der Luftdruck, der damals noch im Inneren des Raumschiffes geherrscht haben musste, das glühende, aufgeweichte Metall nach außen gewölbt, das dann in dicken Tropfen wieder erstarrt war.
„Mikrograv auf ein G“, kommandierte Samuel, als der Trupp an Bord war. „Langsam vorrücken!“
„Sieht nicht sehr viel anders aus als an Bord der HELENA“, bemerkte Irina Trepkanowa.
„Warum auch?“, wunderte sich Barry Jaeger. „Wenn die Lemurer von den Aagghranas abstammten, werden sie auch wie solche ausgesehen haben, also etwa wie wir. Damit wird auch die Innenarchitektur ähnlich sein.“
„Offenes Schott voraus!“ meldete Glanz.
„Schön, schauen wir hinein!“ brummte Shiffin.
„Ein Sanitärraum“, beschrieb Glanz. „Vierzehn vorne offene Duschkabinen und 28 Abortzellen!“
„Dann gab es hier wohl auch keine Einzelkabinen“, spekulierte Kate Tomlin, die mit zwei Meter und sechs Zentimeter die größte Person auf der HELENA war.
„Nope!“ Glanz war es mühelos gelungen, eine andere Tür zu öffnen. „Sieben Stockbetten für vierzehn Mann, die dazu gehörigen Spinde und ein langer Tisch mit zwei Bänken. Nicht gerade gemütlich, wenn ihr mich fragt.“
„Da freut man sich doch gleich viel mehr, für Starlights zu arbeiten.“ bemerkte Irina „Ich habe gehört, bei den älteren ITC – Raumern gibt es noch zweier, vierer und sogar sechser Belegungen für Mannschaften, nur die Offiziere wohnen allein. Erst die ganz neuen Modelle haben auch nur noch Einzelkabinen.“
„Ja, bei der STARDUST II war es anfangs genauso.“ Barrys Vater war als junger Mann Koch an Bord der STAHDU gewesen, noch ehe sie umgetauft wurde. „Besonders die Infanteristen und das Hilfspersonal waren in Schlafräumen zu zehnt oder zwölf untergebracht, ganz ähnlich diesem hier. Das war noch die arkonidische Ausstattung, man hat damals viel mehr Platz gebraucht. Für Meiler, diverse Aggregate, auch die Rechner waren noch zehn Mal so groß. Die Triebwerke benötigten mehr als das doppelte an Platz, kein Wunder, dass man damals wie die Ölsardinen lebte!“
Kate schüttelte sich. „Ich hoffe nur, sie haben regelmäßig geduscht. Der Gestank von schweißigen Socken dringt eben bis in meinen Anzug ein!“
„Dann sollten wir weiter gehen!“ bemerkte Samuel. R-HEL Fünfzehn-achtundzwanzig, weiter. Trupp, befohlene Formation, weiter!“
*
Oberleutnant Isidora Duarte Rojas flog die Korvette HELIKON, welche nach einem Berg in der Nähe des Isthmus von Korinth benannt war, selber über die Handsteuerung in das Innere des Sternensystems. Die drahtige, groß gewachsene Frau mit dem dunklen Teint der von mediterranen Völkern abstammenden Menschen war in Valparaiso, Chile geboren, mit ihrer Mutter allerdings bereits als junges Mädchen zuerst auf die ORION und später auf die HEPHAISTOS gezogen und ihre Ausbildung als Pilot und Offizier gemacht. Später hatte sie sich ihre erste Beförderung verdient und kommandierte die Korvette C-HEL 03, manchmal zog es sie allerdings zurück an das Pilotenpult. Ihr erster Pilot Leutnant Einar Helgison aus dem isländischen Reykjavík saß daneben, jederzeit bereit, auf Befehl das Ruder wieder zu übernehmen.
„Ortung, CO!“ rief Ruth Abobunga aus Gabun. Die kleine, ein wenig rundliche Fähnrich war in der Schule einer Tubeway-Siedlung aufgefallen und hatte einen Platz als Kadett auf der Starlight Space Academy erhalten.
„Übernehmen sie, Einar“, befahl die Kommandantin, und mit einer Schaltung übertrug Helgison die Steuerung auf sein Pult.
„Übernommen, Chef!“
Dann erhob sich Isidora. „Vergrößern, Ruth!“ Einer der Punkte wuchs rapide an und beherrschte das Bild.
„Oha!“ rief RO Paola Pascarini aus Mailand. „Die Station hat ganz schön einstecken müssen!“
„Dann melden sie das der HELENA, Paola. Und übertragen sie das Bild gleich mit. Jamie, sag doch bitte Sergeant MacGreagh, sie soll ihren Halbzug fertig machen. Danke, Ladys und Gentlemen, an die Arbeit!“
Das Gebilde, dem sich die HELIKON näherte, ein Wrack zu nennen, wäre eine Beschönigung. Riesige Löcher und lange Risse verunzierten die Konstruktion, welche aus einer rechteckigen Platte in der Größe von 6,532 zu 4,238 Kilometer und einer Höhe von 3,174 bestand. Auf der planetenwärts liegenden Seite war aus klarem Material ein Dach mit einem Querschnitt einer halben Ellipse über die gesamte Länge, einer Breite von 3,914 Kilometer und einer lichten Höhe 2,51. Auf der anderen Seite der Grundplatte war ein Aufbau gleicher Form und Größe, neben diesem Aufbau waren auf jeder Seite fünf schwere Geschütztürme gewesen, die je drei der schweren zweihundertzehn Zentimeter-Geschütze beherbergt hatten, wenn man den einen halbwegs erhaltenen Turm als Beispiel für alle nehmen konnte. Als die HELIKON über die durchsichtigen Seite flog, waren darunter Überreste einer künstlichen Landschaft erkennen, mit Hügeln und Gräben, in welchen früher wohl einmal Wasser geflossen war.
„Ich frage mich immer – auch wenn die Techniker des Matriarchats weniger Energie bei mehr Platz als wir heute erzeugt haben, muss dieses Ding doch über gigantische Energiereserven verfügt haben“, überlegte Noel Plainier aus Quebec am Navigationspult. „Da muss man sich fragen, wie haben sie das Gerät nieder gezwungen?“
„Die ASO’OMIE von innen“, antwortete Jamie Knox aus Washington, DC, der XO der HELIKON. „Vielleicht war hier auch Sabotage am Werk!“
„Sergeant MacGreagh soll sich danach umsehen!“ sagte Isidora. „Geben sie ihr Starterlaubnis, Jamie! Wissenschaft, Drohne für Planetenerkundung starten!“
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Unter der Führung von Rassia ůn Amanar robbte die raue Frauschaft, stets auf gute Deckung bedacht, in der Abenddämmerung näher an das Farmhaus aus Holz heran.
„Hey, Miarama ůn Gulbår und Iruma ůn Ladkhar!“ brüllte Rassia laut. „Es ist so weit! Richterin Roynia ůn Biennan hat euch eine Frist gesetzt, aus ihrem Gebiet zu verschwinden! Also los, schnappt euren alten Kittelfurzer und eure Bastarde und haut ab, sonst werdet ihr ein Teil der Weide der Richterin!“ Eine Frau in dunklem Lederanzug trat aus der Tür, ihr Kinn wirkte so kantig und hart, dass man glaubte, ein Schwefelholz daran anreißen zu können, ihre beiden achtschüssigen Revolver hingen tief an ihren Waffengürteln.
„Wenn das nicht ůn Amanar ist!“ Langsam, schleppend kamen die Worte aus ihrem Mund. „Wieder einmal stark gegen Schwache und Wehrlose, wie ich sehe!“
„Das ist doch Yomaha ůn Kinnikeit“, flüsterte eine der Bande, hob ihr Revolvergewehr und spannte den Hahn. So leise das Geräusch auch sein mochte, in der Stille der Nacht hatten die angespannten Sinne der Revolverfrau das Knacken vernommen, einer ihrer Waffen schien ihr förmlich in die Hand zu springen. Während sie noch in die Knie ging und herumwirbelte, spannte ihr Daumen bereits den Hahn. Eine Feuerlanze folgte der Bleikugel aus dem Lauf, mit tödlicher Präzision schlug das Projektil in die Stirn jener Frau, die ihr Gewehr gehoben und schussbereit gemacht hatte. Dann sprang ůn Kinnikeit wieder in das Haus und schlug die schwere Bohlentür hinter sich zu, keine Sekunde zu früh. Denn kaum lehnte sie an der Tür, brach außerhalb des Hauses die Hölle auf, als die Bande der Richterin das Feuer aus ihren Gewehren und danach ihren Revolvern eröffnete. Doch zwischen den Bruchsteinen des Fundaments bewiesen einige Mündungsfeuer, dass die Bewohnerinnen der Farm kräftige Unterstützung erhalten hatten und alles andere als wehrlos waren. Langsam und in guter Deckung zogen sich die Angreiferinnen zurück.
Außerhalb der Schussweite entzündeten die Frauen der Richterin ein Feuer.
„Hier drüben ist ein toter Winkel!“ erklärte Rassia ůn Amanar ihren Kämpferinnen. „Annanta und Mireja, ihr schnappt euch Fackeln und setzt ihnen den roten Drugh auf das Dach. Wir anderen werden achtgeben, dass niemand entkommen kann. Los, Mädels, die Richterin möchte das ganze Tal, also sorgen wir dafür, dass sie es bekommt!“ Sie bildeten einen weiten Ring, und die bezeichneten Frauen schnappten sich je zwei Pechfackel, sprangen auf ihre Bh’Chfire und galoppierten los. In Wurfweite angekommen, parierten sie ihre Reittiere nur mit Schenkeldruck durch, nickten einander zu und warfen ihre Fackeln auf das Dach des Hauses.
„Heyjahh!“, brüllten sie laut und sprengten wieder zurück. Das Feuer hatte bereits auf das Dach übergegriffen, als sie wieder im Kreis ihrer Kameradinnen angekommen waren und loderte zum Himmel, angefacht vom leisen Südwind, der seit den letzten Stunden wehte. Angespannt warteten die Frauen, Türöffnungen und Fenster im Visier, lauernd, schussbereit, blutdürstend! Doch nichts bewegte sich, alles blieb ruhig.
„Scheiße!“ fluchte Rassia. „Die Ärsche müssen einen Keller haben! So ruhig bleibt doch keiner sitzen, wenn die Bude brennt! Na schön, dann werden wir sie mit heißem Blei erledigen, wenn das Haus niedergebrannt ist!“ Niemand von den Frauen beachtete das Jaulen der Aasfresser, die rund um ihren Ring ihre Stimme erhoben. Nur, dass es keine Hoyulten waren, aus der Dunkelheit hinter Rassias Frauschaft stach Mündungsfeuer nach ihnen, und keine hatte mehr lange Zeit, über die Möglichkeit eines Fluchttunnels aus dem Haus nachzudenken. Yomoha ůn Kinnikeit stieß die Leiche Raissas mit der Stiefelspitze an.
„Dieses Mal hast du dir die falschen Opfer ausgesucht, Schätzchen!“ Dann nahm sie die Pulverflasche von der Schulter, zog ihren schweren Revolver und wandte sie sich an ihre Frauen.
„Nachladen, Mädels, und dann in die Sättel. Wir werden jetzt dieser Richterin einen Besuch abstatten!“ Eine der Frauen sah aus dem Augenwinkel knapp über dem brennenden Haus reinen rötlichen Reflex, in der Drehung zuckte die Mündung ihres Revolvers nach oben – doch da war nichts mehr zu sehen!
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„Das war knapp!“ kommentierte der Wissenschaftsoffizier der HELIKON, Bruce Ghlendale. „Sie muss eine kurze Reflexion wahrgenommen haben, als die Sonde für eine Probe tiefer ging. Oh Mann, was für eine Reaktionsgeschwindigkeit!“
„Da können nicht einmal die Kh’Entha’hur mithalten!“ stimmte Jamie Knox zu.
„Aber scheinbar haben nicht alle diese Fähigkeit“, überlegte Isidora. „Die beiden Frauen dort drüben, die in den Stoffhosen, die nur Gewehre tragen, haben deutlich langsamer auf die Aktion dieser Frau reagiert als ihre Kolleginnen mit den Revolvern.“
„Eine Art Söldnerkaste?“, fragte Bruce in den Raum hinein.
„Klingt nicht unlogisch“, stellte Jamie fest.
„Schauen wir weiter!“ befahl Isodora.
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„Wohin willst du mit deinen Kumpaninnen, Gravala?“, rief die mit zwei Revolvern und einer vierläufigen Schrotflinte bewaffnete Frau auf der gepflasterten Straße einer großen Stadt mit Steingebäuden einer Gruppe zerlumpten Frauen mit Knüppeln und Steinen in den Händen zu.
„Wir wollen endlich unser Geld“, rief die Anführerin der Gruppe. „Die Minenbesitzerin hat seit sechs Wochen nicht mehr bezahlt, Kolama. Und uns gehen die Lebensmittel aus. Wir wollen zu ůn Hawacha, unseren Lohn fordern!“
„Geht nach Hause, ihr bekommt euren Lohn schon noch. Wird’s bald, oder soll ich nachhelfen?“ Kolama hob die Flinte und spannte die Hähne. Wenn sie jetzt den Finger um dem Abzug krumm machte, musste gehacktes Blei aus den vier glatten Läufen wenn schon nicht alle, so doch die meisten Menschen auf der Straße mehr oder weniger stark verwunden. Die nicht zu der Gruppe der vielleicht dreißig Arbeiterinnen gehörenden Bewohner der Stadt flüchteten hinter feste Türen, eine Frau zog noch rasch ein Kind mit sich und drückte es dem dankbaren Vater in die Hand. Gravala und ihre Gruppe blieben trotzig stehen, Kolama musste etwas in der Nebengasse gesehen haben, denn ihre Hand zuckte zum Revolver, ein runder Stein flog mit beachtlicher Geschwindigkeit aus der Gasse und traf die Bewaffnete am Kopf. Sie verriss die Schrotflinte nach oben, die vier Läufe entluden sich donnernd, ohne Schaden an den Personen auf der Straße anzurichten. Gravala stürmte vor und riss ihr die zwei Revolver aus dem Gürtel, reichte einen davon gleich an Mikla weiter. Juplana kam mit einer Lederschlinge in der Hand aus der Gasse.
„Gute, alte Steinschleuder“, grinste sie, während Zikimi die Schrotflinte ergriff, Koloma das Pulverhorn, den Bleibeutel und die vorgeschnittenen Lederstopfen vom Hals riss und die Flintenläufe nachlud.
„Auf geht’s, statten wir ůn Hawacha einen Besuch ab!“ rief Gravala. „Sechs Wochen Lohn und Kost, dann soll sie sich andere Idioten suchen, die ihr das Gold aus der Mine holen!“
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„Sieben Bäume ist nicht groß genug für uns beide“, bellte die Frau mit der breiten Narbe auf der Stirn ihrer Kontrahentin zu.
„Ausnahmsweise sind wir einer Meinung, Grisalta. Völlig einer Meinung!“ Die Stimme der Frau mit dem Mantel aus hellem Stoff klang langsam und schleppend, als schliefe sie sofort ein.
„Dann verschwinde, Plibita! Je schneller, desto besser“, rief Grisalta, ihre Hand schwebte über dem Revolverkolben. Plibita entzündete eine Zigarette und inhalierte genussvoll. Dann schlug sie ihren Mantel auseinander und zeigte ihren Waffengurt und ihr bis zum Gürtel geöffnetes Hemd.
„Warum gehst du nicht statt dessen?“
„Ich war früher da“, schrie Grisalta.
„Und ich werde dafür länger da sein“, entgegnete Plibita in ihrer schleppenden Sprechweise.
„Wenn die Uhr schlägt?“ Grisalta legte eine geöffnete Taschenuhr neben sich auf den Boden.
„Meinetwegen!“ Als die Uhr blechern die volle Stunde verkündete, fuhren vier Hände auf die Revolvergriffe, wurden vier Revolver herausgerissen und zuckten vier Mündungsfeuer auf. Plibita ging mit klirrenden Sporen näher und hob die Uhr auf.
„Gute Reise, Grisalta! Fast hättest du es geschafft!“

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„Der ganze Planet wirkt wie aus einem Spaghettiwestern, nur dass die Frauen hübscher als Clint Eastwood sind“, meinte Bruce Ghlendale. „Zumindest einige von ihnen!“
„Die letzten Überreste des Matriarchats!“ nickte Isidora Duarte Rojas. „Ein ziemlicher Niedergang in technologischer und in sozialer Richtung. Gesetze scheint es hier nicht viele zu geben, es regiert eher das Recht der Stärkeren.“
„Oder jener, die sich die besseren Schläger leisten kann“, ergänzte Jamie Knox.
„Hm, ja!“ pflichtete Isidora bei. „Anarchokapitalismus in seiner reinsten Form!“
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MS CYGNUS II, auf dem Weg zur OLYMPOS
Die MS CYGNUS II war das neueste Personenschiff der Starlight Line, und das erste, das den begehrten Titel MS‚ Mail Ship, also Postschiff, von der UNO zugesprochen bekommen hatte, die damit eine uralte Ehrung wieder aufnahm. Seit wieder vermehrt Passagiere, Fracht und auch Post in und aus dem Kristallimperium in den erdnahen Raum gebracht wurden, hatte die Starlight Line ein neues, 600 Meter durchmessendes Schiff für die Linie OLYMPOS – Luna – Ferrol – First – Barsoom – OLYMPOS in Dienst gestellt. Kapitän war immer noch Eireen Bear, welche mit ihrer verlässlichen Crew bereits die erste CYGNUS durch viele Lichtjahre gebracht hatte. Natürlich musste das Kabinen- und Servicepersonal aufgestockt werden, aber daran gab es zum Glück keinen Mangel, die gut bezahlten Posten waren begehrt und schnell besetzt.
Die auch auf Raumschiffen so genannten Promenadendecks führten auf den Passagierdecks an der Außenhülle entlang und boten jede zweite Etage einen hervorragenden Blick auf die Welt außerhalb des Schiffes. Die zierliche Japanerin in ihrer weißen Hemdbluse und den knallengen Jeans stand auf einem dieser Decks und sah verträumt in die Ferne.
„Da merkt man es erst so richtig, das Leben ist kurz!“ Ein riesiger, breit gebauter, braun gebrannter Mann mit weißen Haaren und kräftigen Augenbrauenwülsten war neben sie getreten und sah ebenfalls hinaus. Ein wenig erinnerte sein Gesicht an einen Urmenschen, doch hinter dieser grobschlächtigen Fassade lag und arbeitete ein hochintelligentes Gehirn. Die Japanerin lächelte kurz.
„Aber die Jahre sind lang!“
„Das sind sie. Ich bin Antoine Blanche!“
„Ich bin Miyu Watanabe. Freut mich, dich kennen zu lernen, Antoine!“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Miyu!“ Sie reichten einander die Hände.
„Du bist unterwegs zur OLYMPOS?“, fragte die Japanerin, und er nickte.
„So wie du. Und er!“ Antoine wies auf einen rothaarigen Wikinger in Jeans und Poloshirt.
„Und er!“ Miyu wies auf einen schmalen, großen dunkelhäutigen Inder in Stoffhose und hellblauem Hemd.
„Und ich“, ertönte eine leise, helle Stimme hinter ihnen. „Hi, ich bin Irene. Irene Becker. Es sind die Augen, die uns untereinander erkennbar machen. Die Augen, die mehr gesehen haben als andere.“
„Es ist der Geist, der uns berührte! Und unsere Eltern!“ Eine große, dunkelhäutige Frau mit aparten Gesichtszügen war näher getreten. „Ich bin Bwigimi Mikiliwi.“
„Wir sind elf Personen, die sich irgendwie von den anderen unterscheiden. Zumindest für uns bemerkbar. Mein Name ist John T’oel Wičháša! Und ich bin sicher, wir haben spezielle Fähigkeiten.“
„Elf“, überlegte Miyu. „Da fehlt doch eigentlich noch eine Person. Vielleicht wartet sie schon auf der OLYMPOS auf uns.“
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System Sol
Terra, Schottland
In den schottischen Highlands dämmerte über Gallahaty Castle ein kühler Morgen, nur in den Räumlichkeiten des Schlosses herrschte angenehme Wärme. Denn obwohl die Anlage wie eine spätmittelalterliche Burg mit bunten Bleiglasfenstern aussah, war sie nach modernstem Standard isoliert und gegen Wärmeverlust geschützt. Im Keller arbeitete ein Miniaturmeiler der neuesten Generation und versorgte das Schloss mit Licht und Wärme, Antennen für alle möglichen Kommunikationsverbindungen waren in den Wänden versteckt und über das hinter einer Tapetentür verborgen Arbeitszimmer war eine nicht ortbare und abhörbare Verbindung von Personen und Orten überall auf der Erde zu diesem Empfänger möglich, die Sendungen wurden über einen extrem scharf gebündelten Strahl über eine ständig wechselnde Strecke von getarnten Relaisstationen geleitet und waren so gut wie nicht verfolgbar. Das Gebäude und seine Ausstattung hatten ein Vermögen gekostet, und der offizielle Besitzer, Peter MacDonnald, konnte die Herkunft eines jeden Pence nachweisen, soweit es das Gebäude, die exklusive Einrichtung und die Kunstwerke betraf. Das Geld für die Kommunikationsanlage musste er nie vorweisen, denn niemand außer dem wahren Besitzer wusste auch nur das Geringste davon. Das Verlegen der Antennen und gut abgeschirmten Kabel hatten Gastarbeiter aus Tunesien übernommen, die keine Ahnung hatten, was dieser Mann hier machte, sogar die genaue Lage des Schlosses war ihnen nicht bekannt. Die Geräte selbst hatte Pete MacDonnald persönlich in Einzelteilen heimlich herangeschafft und zusammengebaut.
Peter MacDonnald war ein schlanker, aber durchtrainierter Mann, der den höchsten Meistergrad in Karate erreicht hatte und hervorragend mit jeder Art von Waffe umzugehen verstand. Am liebsten setzte er allerdings im Ernstfall seine Hände ein, denn diese konnte ihm niemand weg nehmen. Aufgewachsen war er in Liverpool und hatte sich ganz auf seine sportliche Karriere konzentriert, dann kam ein Sieg nach dem anderen, Weltmeisterschaft, olympische Goldmedaille, er wurde Profi und gefeiert, sah sich schon ganz oben. Schnelle Autos, leichte Mädchen mit großer Oberweite, harte Drogen, er gab das Geld mit vollen Händen aus. Geld, das er bald nicht mehr hatte und sich lieh, denn seine Kondition und Reaktionsfähigkeit litten unter den Drogen. Es folgte der komplette Absturz, er musste sich als billiger Schläger verdingen und rutschte in Folge noch viel, sehr viel weiter ab. Dann kam sein Engel, seine Retterin, die ihn aus dem Sumpf zog, einer schmerzhaften, aber erfolgreichen Entziehung unterzog, seine Schulden bezahlte und ihm ein neues Gesicht verschaffte. Seither arbeitete er für sie, er hing an ihr mit absoluter Treue. Bei der Liebe zu schnellen Autos und Mädchen war er geblieben, doch seit seiner Kur blieb er clean und hatte seit damals noch nicht einmal ein Bier getrunken.
An diesem Morgen weckte ihn ein hartnäckiges Summen hinter seinem Ohr, was nur eines bedeuten konnte. Seine Chefin wollte ihn sprechen, und zwar sofort, sein Implantat sprach nur auf diese Welle an. Kurz sah er bedauernd auf den blonden Haarschopf auf dem Kissen neben ihm, dann schwang er seine Beine aus dem Bett, tapste aus dem Zimmer über den Flur und verschwand hinter einer Wandvertäfelung. Von einem der Bildschirme in seinem geheimen Kommunikationsraum blickte ihm seine Chefin entgegen.
„Doña“, entfuhr es ihm. „Ich habe gehört, du wärst auf der OLYMPOS!“
Tatjana Michalowna lächelte. „Von diesem Gerücht habe ich auch schon gehört, Pete! Und jetzt, verabschiede dich nett von der Blonden mit den dicken Dingern in deinem Bett und mach dich fertig. Morgen geht es los!“
Pete warf einen Blick in die Richtung seines Schlafzimmers. „Schade“, sagte er leise. „Moment, woher – du bist schon im Haus, oder?“
„Das bin ich!“ beschied Tatjana. „Aber um zu wissen, was in deinem Bett liegt, brauche ich weder meine Kräfte noch die Kameras. Dich zu kennen reicht da schon!“
Pete seufzte. „Na schön. Gib‘ mir eine halbe Stunde!“
„Ich gebe die Zeit bis Mittag, Pete. Wie es bei dir üblich ist!“ Der Bildschirm wurde dunkel, und Peter MacDonnald ging noch rasch zur Toilette, ehe er in sein Schlafzimmer zurück kehrte.
„Wo warst du, Pete?“ Ein von den Falten des Kopfpolsters etwas zerknittertes, aber recht hübsches Gesicht hob sich aus dem Kissen, die Blondine drehte sich um und bewies, dass Tatjanas Annahme durchaus richtig gewesen war, als sie von dicken Dingern sprach.
„Nur kurz unten, einen Schluck Wasser trinken!“
Sie klopfte mit der flachen Hand auf die Matratze seiner Betthälfte. „Dann komm doch wieder zu mir, ich warte schon!“ Das wieder ließ Peter sich nicht zwei Mal sagen, und er vergrub sein Gesicht zwischen ihren Brüsten…
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Tanger, Marokko
Ein verspäteter Winterregen fiel auf die Hafenstadt Tanger, eines der Tore Afrikas nach Europa. Nahe der Meerenge von Gibraltar gelegen, war diese Stadt bereits von den Phöniziern gegründet worden. Claude Condeville war der Enkel französischer Einwanderer und ein begnadeter Künstler, aber niemand, der eines seiner genialen Bilder sein Eigen nannte, hatte den Namen je gehört, denn Claude unterschrieb nicht mit seinem eigenen. Er unterschrieb mit Tizian, mit Rubens, Turner oder van Gogh. Vielleicht auch mit Leonardo oder Caravaggio. Die Besitzer seiner Schriften kannten seinen Künstlernamen, der ‚Berber‘ stellte hervorragende Ausweispapiere einer jeden beliebigen Nation her. Absolut überzeugend, selbst elektronische Lesegeräte konnte man damit täuschen. Sein Büro lag im ersten Stock einer Teestube, wo er üblicherweise täglich von 10 Uhr bis Mittag und von 16 bis 18 Uhr zu finden war, von 18.30 bis 20 Uhr war er in seinem Büro per Computer zu erreichen und natürlich den ganzen Tag über sein Phone. Die Verwaltung von Tanger wussten vom Broterwerb des Berbers, der keinerlei Vorfahren aus den Nomadenstämmen aufweisen konnte, doch solange er keine marokkanischen Papiere fälschte, war es ihnen egal. Gegen ein kleines Entgelt warnten sie ihn sogar rechtzeitig, wenn ihm von außerhalb Gefahr drohte.
An diesem Morgen saß der kleine, schmächtige Mann bei seinem zweiten Mokka in seiner Wohnung in der Altstadt innerhalb der alten Mauern, in die man sich besser nur mit einem Führer wagte, wenn man sich nicht verlaufen wollte. Ein paar Zuwendungen finanzieller Natur an die umliegenden Händler vergrößerten seine Sicherheit noch mehr, und so mancher, der ihm Schaden zufügen wollte, hatte die Suk nie wieder verlassen. Vor allem, weil selbst die Polizei des Königs dieses Viertel ungern betrat und die Rechtspflege lieber den Einheimischen nach jahrhundertealten Gesetzen überließ. Gesetzen, die älter noch als der Koran und sehr einfach waren. Bist du ein Freund, kannst du alle Hilfe bekommen, die du brauchst, bist du ein Feind, bekommst du ein stilles Begräbnis. Claude Condeville hatte es verstanden, die Leute davon zu überzeugen, ein guter Freund zu sein. Sein Mobiltelefon summte, und er fragte sich, wer um diese Zeit seine nicht allgemein bekannte Nummer anrief, die Anruferkennung war unterdrückt. Er beschloss, seiner Neugier nachzugeben und drückte auf den grünen Knopf.
„Oui?“, sagte er, und nach Sekunden baute sich ein Bild auf.
„Tatjana!“, rief er.

„Das Gerücht über meine Abreise ist stark übertrieben, Claude“, wandelte Tatjana Michalowna ein Zitat von Samuel Clemens ab.
„Natürlich! Was benötigst du, Tatjana?“, fragte Claude.
„Paraguay?“, kam die Gegenfrage der Russin.
„Einfach!“, winkte Claude ab. „Für dich und Peter?“
„Mhm“, machte Tatjana, dann präzisierte sie. „Und Passierscheine für das Arsenal Secreto.“
„Schwieriger!“ Claude wiegte den Kopf. „Und natürlich teurer!“
„Natürlich“, stimmte Tatjana zu. „Plus zwanzig Prozent dafür, dass du das Gerücht verbreitest, ich wäre auf der Suche nach Ausweisen für Novo Baikonur in Sibirien!“
„Novo Bai…?“ Claude hob eine Braue. „Hältst du das für überzeugend?“
„Hmm?“
„Oh, ich verstehe! Wird erledigt, Tatjana. Wie immer kann sich meine alte Freundin auf mich verlassen.“
„Wie immer, Claude. Ich lasse die Papiere am üblichen Platz abholen?“
„In sieben Tagen ab jetzt, Tatjana!“
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Galveston, Texas, USA
Galveston war eine langgestreckte, schmale Insel im Golf von Mexiko. Nach dem großen Megahurrikan Monica im Jahre 2046, der die Stadt zum zweiten Mal in ihrer Geschichte überflutete, wurden die Schutzdämme und Piers noch einmal auf insgesamt zwanzig Meter aufgestockt, die Häuser bekamen eine spezielle Verstärkung aus Klarstahl und die Möglichkeit, die unteren zehn Stockwerke wasserdicht zu versiegeln. Unter diesen durchsichtigen Stahlwänden waren die klassischen Gemäuer aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert noch gut zu erkennen. Die Stadt war berühmt für ihren Strand unter der Hochwasser- und Hurrikan-Schutzmauer, für ihre Piers mit Vergnügungsparks und für ihre Lokale, in denen frischeste Meeresfrüchte, Fische und vor allem die berühmten Shrimps aus dem Golf angeboten wurden. Während der Staat Texas und viele seiner Bewohner durch den Wegfall der Erdölindustrie eine Zeitlang mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten, erlebte Galveston, wie viele andere Hafenstädte, einen Aufschwung. Durch die Verbesserung der Wasserqualität gab es nach kurzer Zeit wieder mehr Fisch, mehr Shrimps und bessere Bedingungen für Taucher und Surfer.
Francis ‚Söldner‘ Taylor war Damen- und Herrenausstatter der besonderen Art. Vom Kletterseil bis zum Mikroantigrav, vom Mimikrianzug bis zum taktischen nichtnuklearen Sprengkopf und den dazugehörigen schultergestützten Boden-Boden- oder Boden-Luftraketen, in Wegwerf- oder Nachladlafette, von der kleinen Flechettepistole auf elektromagnetischer Basis bis zum 4,81 mm Pfeilscharfschützengewehr, dessen Pfeilmunition ebenfalls mit Magnetfeldern beschleunigt wurde und sowohl unhörbar als auch unsichtbar auf 5 Kilometer den Tod bringen konnte. Tauch- und Vakuumanzüge gehörten ebenso zu seinem Repertoire wie Betäubungsgas, Schock- und Blendgranaten. Er konnte eine kleine Söldnerarmee ausrüsten, wenn diese nur genug dafür zahlte, und so mancher Warlord, der einer afrikanischen Regierung Probleme bereitet hatte, bekam seine Waffen von Francis Taylor aus Galveston, Texas. Und das nicht einmal illegal, denn Waffenbesitz und -handel unterlag in Texas keinerlei Beschränkung, solange Zoll und Steuern bezahlt wurden, war alles in Ordnung.
Es war mitten in der Nacht, für Francis, der unter Photophobie litt und ein Leben beinahe wie ein Vampir führte, ein normaler Termin, um angerufen zu werden.
„Raus, Baby!“ Er schubste seine Freundin aus dem Bett und gab ihr noch einen Klaps auf das breite Hinterteil. „Das Geschäft ruft!“ Nicht, dass er sein Geschäft vor Mandy geheim hielt, seine Kunden aber schon. Das gehörte für ihn nun einmal zum Geschäft, und Mandy akzeptierte es wie so vieles Seltsame an Söldner. Dafür hatte sie ein bequemes und angenehmes Leben ohne viel dafür zu arbeiten.
„Oh, Doña! Was benötigst du?“ Francis wunderte sich keine Sekunde über die Anwesenheit von Tatjana Michailowna, wenn oder wie sie eine falsche Fährte legte, um auf der Erde einen Auftrag zu erledigen – ihm sollte es egal sein, für ihn zählte nur Cash.
„Dschungelausrüstung. Keine offensichtlichen modernen Kampfanzüge, sondern als zivile Kleidung getarnt. Zwei Stück. Und wenn du hast, zwei von den neuen Schockstrahlern mit 300 Metern Reichweite. Und für Pete ein schönes Kampfmesser, vielleicht ein Rodman oder ein Wickham! Aber behalt’s für dich, dass ich das Zeug brauche!“, gab Tatjana ihre Wünsche bekannt.
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Rio de Janeiro, Brasilien
Graziella ‚Chica‘ de Lopez y Marana war eine lebenslustige Frau mit recht beachtlichem Vorbau und ebensolchem Po, die sie beide in ihrem Kostüm im Karneval bei Samba und Party zur Geltung brachte. Den Rest des Jahres arbeitete sie als Guide und führte Touristen im Land zu den schönsten Plätzen und den interessantesten Sehenswürdigkeiten ihrer Heimat Brasilien, und manchmal auch über eine grüne Grenze in das Land hinein und wieder hinaus, wenn die Leute gut gefälschte Papiere hatten. Sie war gut in ihrem Geschäft und galt in gewissen Kreisen zu Recht als absolut vertrauenswürdig, zuverlässig und verschwiegen. Diesen Morgen klingelte sie ihr Phone um sieben Uhr aus den Federn.
„Madre de Dios“, meldete sie sich. „Weißt du blöder Culo eigentlich die Uhrzeit?“
„High Noon in den Highlands. Bei dir also sieben!“
Graziella strich sich die schwarzen Haare aus dem schmalen Gesicht. „Tatjana?“, fragte sie, deutlich ruhiger.
„Si, Chica! Ola! Hör‘ zu, ich brauche jemanden, der mich über eine Grenze bringt!“
„Paraguay?“, fragte Graziella.
„Arsenal Secreto“, erklärte die Russin, und die Brasilianerin fragte nur.
„Wann?“
„Ich melde mich noch einmal in sieben Wochen ab Heute!“
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System Reggys Stern
OLYMPOS
Commodore Huck ůr Therwal erwachte von markerschütterndem Lachen, das ihren Schädel sprengen wollte.
„Hallo, alte Freundin!“, säuselte eine androgyne Stimme in ihrem Kopf. „Ich fürchte, ich muss dir einiges erklären. Man hat dir schon gesagt, was dieses Ei ist, das da zwischen deinen Brüsten hängt. Es ist wirklich ein Zellaktivator, der deinen Körper jung und gesund erhalten wird, ein kleines Geschenk von mir. Trotzdem kannst du durch Gewalteinwirkung sterben, und noch einmal darf ich dich leider nicht mehr retten. Zum Geschäft, du kannst es annehmen oder ablehnen, wie immer du möchtest. Ebenso wie es dir frei steht, das Ei zu tragen oder wieder abzunehmen. Wenn du das tust, beginnt allerdings drei Tage später der Alterungsprozess und holt alles innerhalb weniger Stunden nach. 145.000 Jahre, nun es würde wohl zumindest sehr schnell gehen. Beide Entscheidungen haben absolut nichts miteinander zu tun, du kannst bleiben und mit dem Aktivator noch hunderte Jahre leben. Und die Menschen werden dir durchaus dankbar sein, wenn du ihnen dein Wissen und deine Person zur Verfügung stellst. Oder du beschließt, mir mit elf Personen, die jeden Moment an Bord kommen werden, zu helfen. Eine für einen Millionär gebaute Yacht mit einer achtzig Meter Kugelzelle liegt für euch bereit, unauffällig die Station zu verlassen. Der Besitzer hat bezahlt und übernommen.“
Hukh schüttelte den Kopf. „Kann ich denn so einfach gehen? Wird mein Verschwinden nicht auffallen? Ich kann ja schlecht behaupten, den Mann zu kennen, auf dessen Schiff ich gehe!“
Wieder dröhnte dieses extreme Gelächter, dann sagte die Stimme in ihrem Kopf. „Sobald du zu dem Schiff unterwegs bist, wird sich niemand mehr an deine Existenz erinnern. Die HELENA wird nie zum Hüter geflogen sein und die Kammer, in welcher du geschlafen hast, wird nie existiert haben. Man wird nur noch von der Commodore wissen, die sich geopfert hat, um ihrer Mannschaft eine Chance zu geben!“
„Du sagst, du hast mich gerettet? Wie ist der Krieg ausgegangen?“, dachte Hukh ůr Therwal angestrengt.
„Ist das so wichtig? Aber – meinetwegen. Nach zu vielen Toten mit einem Friedensschluss. Das Matriarchat ist dann irgendwann später untergegangen, ebenso die Lå’amů’ourø und viele andere Reiche vor und nach ihnen. Kein Staat ist ewig, keine Person, keine Spezies und selbst ich werde eines Tages nicht mehr sein. Also, du hast mich gesucht, ich dich gefunden. Willst du die zwölfte sein? Die Koordinatorin, die Primus inter pares? Es geht vielleicht um das Leben in dieser Galaxis! Das hier, dieser Überfall der Insekten, ist erst der Anfang!“
ES zeigte Hukh die Szenen der bereits von den Insekten überfallenen Systeme, die Verwüstungen und Zerstörungen, die total und erschreckend waren.
„Und der Millionär?“ fragte die Commodore. „Wird er sein Schiff nicht suchen?“
„Ein Strohmann von mir! Niemand wird geschädigt, niemand das Schiff vermissen. Es wird allerdings in den Schiffsregistern aufscheinen, und ihr alle werdet entsprechende Papiere vorweisen können!“
„Gut! Ich bin dabei, alter Freund!“
„Dann komm! Niemand wird dich bemerken, wir können gehen. Hier links, geradeaus!“
Hukh ůr Therwal ging tatsächlich durch die Gänge der OLYMPOS, als wäre sie ein Geist, niemand nahm von der Frau in Jeans und dunkelblauem T-Shirt Notiz. Sie passierte schließlich die Schranken zum Raumhafen, welche sich unbeachtet für sie öffneten und wieder schlossen, gelangte so in den Hangarbereich. Dort stand ein äußerlich ziemlich unauffälliges Kugelschiff mit dem Namenszug ETERNITY, dessen Polschleuse einladend offen stand. Eine Gruppe von elf Personen, Männer und Frauen kam ebenfalls näher und nahm Hukh in ihre Mitte.
„Willkommen bei uns, Hukh“, strömten die warmen Gefühle über sie hinweg, und sie fühlte sich wieder zu Hause angekommen, das hier, diese Menschen waren nun ihre Familie. Sie gingen gemeinsam an Bord der ETERNITY und machten sich mit dem Schiff vertraut, das für zwölf Personen mehr genügend Raum und jeden erdenklichen Luxus bot. Da es nicht als Fracht- oder Kriegsschiff konzipiert war, fehlten Lagerräume für Waren oder schweres Kriegsgerät, und auch der Platz, den sonst die schwere Bewaffnung verbrauchte, stand zur Verfügung der zwölf Paladine von ES. Dafür sorgte ein starker Antrieb für hohe Beschleunigungswerte und auch die Schutzschirme konnten sich durchaus sehen lassen. Dann erbaten und erhielten sie ohne Probleme die Startfreigabe und verschwanden bald von der Ortung, die ETERNITY nahm Kurs auf jene Stelle, die ES nur für die zwölf auffindbar fest im Rechner verankert hatte. Kurs auf Wanderer.
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Mai 2086
System Sol, Erde
Novo Baikonur, Sibiren.
In Sibirien war mit der tatkräftigen Unterstützung der GCC an der Tubeway eine große Stadt entstanden, in der das russische Weltraumprogramm untergebracht war. Ein Trainingszentrum mit vielfältigen Simulatoren, das Melde- und Ausbildungszentrum für freiwillige Auswanderer und natürlich den beiden Ausbildungsschiffen, die Korvette RRS K1 PIONIER und die fabrikneue Fregatte RSS F1 AVRORA. Auch das fünfzehnte Luft- Raumabfanggeschwader mit beinahe zweihundert Jägern war hier stationiert, ebenso eine noch nicht jedem bekannte Eliteinfanterieeinheit, das erste Raumlanderegiment, von dem bisher nur die UNO und die GCC etwas wissen sollten, und das Truppenlandungsschiff der Einheit, die RSS MOSKVA.
„Geben sie gut acht, Tovarisch Leytenant!“ Oberst Galina Iwanowna Woronzow hatte es in ihrem Bett nicht ausgehalten und besuchte die Wachstube, in der alle Informationen der Überwachungseinrichtungen zusammenliefen.
„Jawohl, Tovarisch Polkovnik!“ Leutnant Juri Pavlowitsch Skoreschnja mochte jung sein, aber er hatte Talent, er konnte mit den Soldaten seines Wachzuges gut umgehen und wurde von seinen Leuten nicht nur respektiert, sondern war bei ihnen auch durchaus beliebt. „Bisher war es eine ruhige Nacht.“ Er nahm einen Schluck aus seiner Teetasse und verzog angeekelt das Gesicht. Schon wieder kalt geworden! Er hielt seine Tasse unter den Hahn des Samowar und füllte heißes Wasser nach, dazu ein Schuss Essenz aus dem Kännchen obenauf.
„Ja, das glaube ich.“ Galina zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch behaglich von sich. „Trotzdem, wir haben diese Warnung, dass eine freie Agentin hier eindringen möchte. Es sind nur Gerüchte, aber was ist, wenn uns eine andere Macht nicht nur ausspionieren möchte, sondern sabotieren?“
„Aber wer sollte daran Interesse haben, Polkovnik Galina Iwanowna?“ fragte der Leutnant.
„Ich habe keine Ahnung, Juri Pavlowitsch“, war die Antwort der Obersten. „Wir teilen ohnehin so gut wie alles den anderen mit, und unsere Technik kommt nicht von uns selber, sondern wird uns von anderen Staaten zuteil, wie zu einem großen Teil auch der Rest der Welt aus der gleichen Quelle schöpfen kann. Außer einigen lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten, aber ob diese sich die Dienste eines wirklichen Top-Agenten leisten können? Bleiben sie trotzdem wachsam, Juri Pavlowitsch!“
„Jawohl, Tovarisch Polkovnik!“
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Juni 2086
System Sol, Erde
Rio de Janeiro, Hafen
Trotz der Triebwerke der Shuttles und sowohl billiger als auch sauberer Möglichkeiten des Flugverkehrs ging immer noch ein großer Teil des Warenaufkommens über den Seeweg von Kontinent zu Kontinent. Besonders, wenn es sich nicht um Eilgut handelte. Wozu Tonnen in die Luft heben, wenn sie beinahe von selbst auf dem Wasser schwimmen können? Außerdem gab es auch Touristen, die eine billige und gemütliche Reise auf einem Schiff einem rasenden Flug durch die obersten Schichten der Atmosphäre vorzogen, und es wurden immer mehr, die ihr Leben ‚entschleunigen‘, mehr Zeit mit Ruhe und Entspannung statt mit dem Gerenne von einem Event zum nächsten verbringen wollten. Offensichtlich waren zwei solcher Personen auch an Bord des Passagier- und Frachtschiffes RAINHA SANTA ISABELL DE ARAGON, als es den Hafen von Rio anlief. Vorbei an dem kegelförmigen Berg des Zuckerhutes, während hoch über der Bucht die größte Christusstatue der Welt ihre Arme schützend über die Hafenstadt ausbreitete. Die hübsche brünette Frau in Jeans und bordeauxroter Bluse blätterte in einem kleinen Büchlein.
„Wusstest du, dass der erste Entwurf der Statue einen Jesus mit einer Weltkugel vorsah?“, zwitscherte sie. Der große, schlanke Mann im T-Shirt mit dem Aufdruck ‚I want to break free!‘ warf nur einen kurzen Blick hinauf und zuckte die Schultern.
„Aber die Einwohner von Rio sahen darin einen Fußball, also hat man sich dann doch für diese Lösung entschieden!“
Jetzt grinste der schlanke Mann. „Jesus mit Fußball hätte mir aber bei weitem besser gefallen.“
Sie schmiegte sich eng an ihn. „Willi, du kleiner Schelm!“
Er lachte. „Ach, du kennst mich doch, Maude! Ich bin ein Kulturmuffel!“
Zwei mittelgroße Koffer schwebten auf ihren Antigravkissen hinter ihren Besitzern her, als sie die Gangway hinabschritten und zum Abfertigungsgebäude gingen.
„Aber dieser Fußball – Weltkugelentwurf wird doch hoffentlich irgendwo zu sehen sein?“, fragte Willi, und Maude blätterte wieder in dem Buch.
„No, Señor“, sagte eine Stimme neben den beiden. „Ich bitte um Entschuldigung, ich konnte nicht umhin, ihre Unterhaltung mit anzuhören. Ihre Gattin hat recht, aber leider hat man den Entwurf – wie sagt man? Destruido? Zerstört!“
„Schade“, brummte Willi, und Maude hängte sich bei ihm ein.
„Sind sie von hier, Senjor?“, fragte sie, und der Mann lächelte.
„No, no, Señora! Ich bin aus Venezuela, wir sprechen spanisch!“
Willi sah ihn mit verwirrter Mine an. „Aber – hier doch auch“, rief er.
„Hier in Brasilien die Menschen sprechen Portugiesisch“, erklärte der Venezolaner.
„Aber!“ Jetzt sah auch Maud verwirrt aus. „Ist da ein Unterschied?“
„Schon ein ziemlicher. Auf spanisch heißt Danke Gracias, auf Portugiesisch Obrigado, nur als Beispiel. Guten Tag sagt man auf Spanisch Buenas Días, auf Portugiesisch Bom Dia. Sie sehen, es gibt so kleine Unterschiede!“
„Oje!“ Maude sah ganz erschrocken aus. „Dann hat mir der Buchhändler in New York ja das ganz falsche Sprachbuch verkauft! Ich werde ihn verklagen, wenn wir wieder in den Staaten sind, Liebling!“
„Tun sie das, Señora!“ Der Venezolaner schritt schneller aus und legte dem Zöllner seinen Ausweis vor.

Vor der Zollstation holte auch das Paar seine Pässe aus der Tasche. „Senhor und Senhora Donnahue?“ Sie nickten nur. „Was ist Grund für Besuch in unsere Land?“, fragte der Zöllner weiter.
„Urlaub!“ sagte Willi. „Wir wollen ein wenig das Land bereisen und uns verschiedene Sehenswürdigkeiten ansehen.“
„Etwas spezielles?“, bohrte der Zöllner weiter.
„Vielleicht das Pantanal in Matto Grosso, oder diese Wasserfälle an der Grenze“, sagte Willi, und Maude fügte hinzu.
„Und natürlich mit der Gondel auf den Zuckerhut!“
„Natürlich“, versetzte der Zöllner. „Haben sie einen Guide?“
„Moment!“ Willi zog einen Zettel mit dem Logo eines berühmten Reiseveranstalters hervor. „Schon von New York gebucht. Eine Miss Gräsjäla Lubeis i Märänja!“
„Senhora Graziella Lopez y Marana? Nun, da sind sie gut aufgehoben. Willkommen in Brasilien, Senhora, Senhor. Hier bitte, ihre Pässe!“
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Matto Grosso do sul, Brasilien
An der Grenze zu Paraguay zieht als Hauptfluss der Rio Paraguay durch ein großes Feuchtgebiet, das Pantanal. Dieses Gebiet ist in der Regenzeit zu einem großen Teil überschwemmt und auch in der Trockenzeit zumeist sumpfig. Es existieren unzählige größere und kleinere Seen und Teiche, dazwischen aber auch so genannte Salinas, Salzseen. Und selbstverständlich jede Menge Flüsse und Bäche. Nachdem Abholzung und Vergiftung in Brasilien lange Zeit für große Umweltprobleme gesorgt hatten, war auch im Pantanal die Anzahl von Tier- und Pflanzenarten besorgniserregend geschrumpft. Nun, da der Papierbedarf sehr stark geschrumpft war, da selbst die Reinigung des Allerwertesten auf dem Lokus secretus nicht mehr mit Papier, sondern zielgenau mit wohltemperiertem Wasser und Warmluft durchgeführt wurde und auch Schreibpapier nur noch selten benützt wurde, großflächiges Abholzen sich auch für Soja- und Palmanbau zur Ölgewinnung nicht mehr lohnte, entwickelte sich langsam ein neues biologisches Gleichgewicht.
Am Ufer eines solchen Sees war, zwischen dem östlichen, brasilianischen Ast und dem westlichen, peruanisch-chilenischen Ast der Tubway und viele Kilometer davon entfernt, auf einer Halbinsel eine Kuppel gebaut. Eine Kuppel, deren Oberfläche mit Erde und Pflanzen bedeckt war, deren Färbung damit an die Umgebung hervorragend angepasst war, sodass sie selbst aus dem Orbit nicht zu sehen war. Ebenso gut war die energetische Tarnung, und selbst mit modernen Ortungsgeräten aus dem Arsenal der Arkoniden war sie kaum auszumachen. Man musste schon einen Verdacht hegen, dass hier etwas sonderbares im Gange sein könnte, um gezielt danach suchend ein positives Ergebnis zu erhalten. Aus dem Norden kam ein Hüne mit seinem in verschiedenen Grüntönen lackiertem Sumpfboot auf die Kuppel zugefahren, den dunkelroten Bart hatte er, wie auch das lange Haupthaar, zu lauter dünnen Zöpfen geflochten, vor den Augen trug er eine absolut dunkle Ray Ban Sonnenbrille. Die kurzen Ärmel seines Shirts gaben gebräunte, muskulöse Arme frei, auf denen komplexe Muster zu erkennen waren, auf seiner Jeansweste trug er auf dem Rücken ein blaues, geflügeltes Hinterteil gestickt, darüber die Aufschrift ‚Iceass‘, unter diesem Po auf der Weste stand Jack Ferry zu lesen. Jack Ferry war allerdings nicht der Name, mit dem der Mann seine ersten Jahre verbracht hatte, sein richtiger Name lautete Jeffraëy, er war Springer aus Atzgols Sippe. Seit langem hatte er von seinem Patriarchen nichts mehr gehört, aber er sah eines Tages seine Tarnung stark gefährdet und setzte sich ab. Hier tief in der Wildnis Brasiliens traf er sich mit Timerrey, der einen geheimen Unterschlupf in der Einsamkeit Südamerikas vorbereitet hatte.
Timerrey war ebenfalls Mehandor, aber keiner von der lauten, polternden Art, wie es Jeffraëy war, sondern eher von der leisen, unauffälligen Sorte. Kleiner gewachsen, ohne die Muskelpakete, dafür drahtig, schnell und völlig ohne Skrupel hatte es der Springer geschafft, unbemerkt das Material für diese Kuppel zu beschaffen und die Arbeit ausführen zu lassen. Letzteres war zu seinem Bedauern nur mit dem endgültigen Verschwinden der Arbeitskräfte möglich gewesen. Das Gift wirkte schnell und einigermaßen schmerzlos, die Leichen waren im Pantanal nicht schwer zu entsorgen gewesen. Die Regierungstruppen hatten beide Augen zugedrückt, mit genügend Geld konnte man sich eine Menge kaufen. Außerdem war sich Timerrey klar gewesen, dass es vielleicht eine Zeit lang nicht möglich sein würde, Lebensmittel einkaufen zu können. Daher hatte er für einen erheblichen Vorrat und Jagdwaffen mit ausreichend Munition gesorgt. Eine Energiewaffe konnte bei ihrem Einsatz leicht geortet werden, also wurden Projektilwaffen, vorzugsweise Armbrüste eingelagert. Ein Sumpfboot fiel nicht so sehr auf, es war gut abgeschirmt, und irgendwie mussten sie ja nötigenfalls die Vorräte ergänzen. Also hatte er Jeffraëy los geschickt, um einen der Sumpfhirsche zu erlegen und damit frisches Fleisch auf den Tisch zu bekommen. Er sah von seiner Arbeit auf, die in der Konstruktion eines überlichtschnellen Peilsenders bestand, als eine Frau in den Raum kam. Eine sehr schöne Frau, welche einige Jahre unter dem Namen Mairi Cammeron in Galacto City gelebt hatte und sich nun wieder Mairona nennen ließ. Einige von Atzgols Agenten waren nicht aufgeflogen, sondern hatten sich zurück gezogen, als andere in jenen Orten, an denen sie ebenfalls ansässig waren, enttarnt und verhaftet wurden. Mairi hatte sofort ihre Zelte abgebrochen, als die Präsenz von Mutanten auf den Straßen von Galacto City zunahm, sie wusste, dass es nur ihr und ihrer Kollegin gelten konnte. Jeziëmenea hatte Pech gehabt, sie wurde erkannt, gestellt und bei einem Feuergefecht getötet, doch da war Mairona bereits weit entfernt und unterwegs nach Südamerika gewesen. Zum Glück für sie hatte Jeziëmenea keine Ahnung von ihrer Existenz gehabt und so hatten die Telepathen keinen Hinweis auf ihre Flucht bekommen können.
„Nachrichten von unseren Vertrauensleuten in der Regierung? Oder von unserem Agentennetz?“, fragte Timerrey, Mairona schüttelte die lange, kupferne Lockenmähne aus.
„Nichts auffälliges. Das TBI und die Mutanten suchen noch nach uns, aber ohne Anhaltspunkte – sie werden uns hier wahrscheinlich nicht finden.“
„Ihr seid zu vertrauensselig!“ Lamarisia kam von draußen herein und lehnte ihr AK 47 gegen die Wand und legte die Makarow 9 Millimeter daneben auf den Tisch. „Im Moment ist nichts auffälliges zu sehen, aber dieser Cesar Alexander ist zwar nicht so bekannt wie Mercant, aber ein verdammter Bluthund! Er hat einen verdammt guten Jäger nach Sankt Petersburg geschickt, und irgendwie hat Saspalak ihn zu nahe an sich heran gelassen. Verdammt! 8 von den .04 Flechettes aus nächster Nähe, er hatte keine Chance! Wir müssen extrem vorsichtig bleiben!“
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Juli 2086
M13, Sektor mittwärts-nord
Es war eine beeindruckende Flotte, die von der Menschheit in Marsch gesetzt wurde, um die fremden Eroberer im System von Vobars Stern anzugreifen. Von den Vereinten Nationen die VN NEITH mit ihren 1.600 Metern. Die GCC schickte die GCC BS 010 INTREPID, ebenfalls 1.600 Meter, die GCC BS 007 ALEXANDER, die GCC BS 008 ODYSSEUS und die GCC BS 009 THEODERICH mit ihren 950 Metern Durchmesser zur Unterstützung der INTEPRID, die GCC BS 001 STARDUST II, die GCC BS 002 AUGUSTUS, die GCC BS 003 NIEMITZ, die GCC BS 004 NELSON und die GCC BS 005 YAMAMOTO mit ihren 800 Metern zur Unterstützung der NEITH ins Gefecht. Tana Starlight hatte die TSS BS 004 HATHOR entsandt, den ersten sechzehnhundert Meter Giganten der Terraner, die TSS BS 001 GIULIA FARNESE, die TSS BS 002 MARIE JEANNE DU BARRY und die TSS BS 003 JEANNE-ANTOINETTE DE POMPADUR mit ihren je 950 Metern sollten sie unterstützen. Etwas abseits stand die GCC XC 001 SLEEPY HOLLOW, ein 200 Meter durchmessender Kreuzer mit starken Triebwerken und überstarken Schirmen, dessen Bewaffnung in erster Linie in Neutronen-, Hypnose- und Narkosestrahlern bestand. Und natürlich einer Konverterkanone, um die Schirme des Gegners zuerst aufzubrechen, ehe die anderen Waffen zum Einsatz kamen. An Bord dieses Schiffes warteten die Mutanten auf einen möglichen Einsatz. Wenn es gelang, die Scheiben kampfunfähig zu machen, sollten sie eines der Sichelschiffe kapern und, wenn es machbar war, in ihre Gewalt bringen. Besonders auf der ‚Computertelepathin‘ Ishi Katamuri ruhten die Hoffnungen der Verantwortlichen. Jeder Griff, jeder Sprung, jeder Schuss der Flotte war minutiös geplant und geübt, bis Admiral Atlan endlich zufrieden war. Selbst bei einem Schaden der Neuronik musste der Plan gelingen. Ein Hyperspruch vom Neurogenten Arkons sollte in letzter Sekunde das Ziel ändern, nicht aber die Taktik.
Die Arkoniden liebten Sterne der Kategorie A, so wie die Terraner der Klasse G den Vorzug gaben. Trotzdem hatten die Vorfahren Atlans auch nicht auf kühlere oder heißere Gestirne verzichtet, wenn ein lohnender Planet in der habitablen Zone lag. Bei dem blauen Riesen Zoltrals Stern lagen gleich drei davon in diesem perfekten Abstand, VI, VII und VIII, alles Stickstoff-, Sauerstoff – Wasserplaneten mit angenehmer Schwerkraft und brauchbaren Temperaturen für Arkoniden oder Terraner. Zoltrals Stern war kein Zufallsfund, sondern lag an strategisch und taktisch günstiger Stelle, und Commodore Vassan terZoltral bekam den Auftrag, diese Gegend zu untersuchen. Drei Kolonialplaneten brachten seiner Familie den Präfix ‚da‘, also die Beförderung in die oberste Adelsklasse, denn das System bot alles, das die Arkoniden benötigten. Auf dem Mond VIIIB, dem größeren der zwei Monde mit dem Namen Khasjas war die Flottenbasis für den äußersten Abschnitt des mittwärts-nord Sektors unterbracht, wo die 297 Defensivflotte stationiert war. Diese war erst vor kurzer Zeit um drei Kampfgruppen nagelneuer Konstruktionen aufgestockt worden, umfasste jetzt zwanzig Schlachtschiffe und dreißig Schlachtkreuzer mit ihren Begleit- und Unterstützungsschiffen. Dieser Mond konnte beinahe schon selber als Planet durchgehen und wies sogar eine geringe Atmosphäre auf, die Schwerkraft betrug immerhin 0,713 Erdschwerkraft. Durch seine Masse änderte er auch die Bahn des achten Planeten, so stark, dass Planet und Mond auf einer komplizierten Bahn die Sonne umliefen und auf dem achten Planeten Vinhyra extreme Witterungsverhältnisse herrschten. Binnen Sekunden konnte bei klarem Wetter ein Orkan mit sintflutartigen Regengüssen auftreten, welche ebenso plötzlich wieder nachließen, wie sie begonnen hatten. Die einzige nicht vorkommende Wetterlage auf Vinhyra war Windstille, 70 Stundenkilometer galten hier als leichte Brise, darunter sank die Windstärke nie. Oder beinahe nie, und wenn, dann war die Katastrophe mit 500 Stundenkilometer oder mehr nicht fern, und alles rettete sich in die speziellen Gebäude, die sich als flache Kuppel präsentierten. Die Schürfer und Prospektoren auf dem Planeten hatten sich teilweise angepasst und galten als rau, kräftig und reaktionsschnell, was sie bei diesen Stürmen auch sein mussten. Als die bereits bekannten übergroßen Transitblasen an der Grenze zu dem System von Zoltrals Stern erschienen, donnerten die Riesen der arkonidischen Defensivflotte in den Himmel des Mondes Khasjas und bezogen Stellung, um die Invasoren zu empfangen. Drei Scheiben und hunderte Sicheln stürzten sich sofort auf die Kugelschiffe der Verteidiger.
„Atlan ruft Starlight und Rhodan“, klang es aus den Lautsprechern der HATHOR und der INTEPRID, kaum drei Minuten, nachdem die Station auf Khasjas das erste Fenster angemessen hatte.
„Keine Frage, Arkonide! Zum ersten Mal gibt es eine Chance, Bewohner zu retten“, antwortete Rhodan sofort, und auch Starlight erriet den Grund des Funkrufes ohne Rückfrage.
„Natürlich, Admiral! Vorwärts, Mac Duff!“
„Dann, bereit machen zum Empfang der exakten Koordinaten und des Zeitplanes“, befahl der Oberkommandierende der Expedition, Atlan daGonozal. „Nach dem Transit gebe ich die genauen Koordinaten für den Teleportantrieb durch, der Zeitplan bleibt derselbe. Die NEITH löst dann die programmierte Sequenz in allen angreifenden Schiffen aus. Mögen die Che’Huan unserem Plan Erfolg schenken. Also, Beschleunigung, JETZT!“ Vierzehn Neuroniken schalteten auf das akustische Signal des Admiral und beschleunigten die vierzehn Giganten, ausgestattet mit der neuesten Technologie der Erde, um ein arkonidisches System vor den unheimlichen Invasoren zu retten! Als die Berechnungen auf der NEITH abgeschlossen waren, übermittelte die Picotronic des Flaggschiffes die Daten und startete die Uhren. Weit vor den Schiffen erschienen die kugelförmigen Transitblasen, die Schiffe rasten hinein und die irdische Flotte erschien gleichzeitig weit außerhalb des Systems von Zoltrals Stern und beobachteten einige Sekunden den Kampf der 297 Flotte Arkons. Es war ein harter Kampf für die Angreifer, 20 Schlachtschiffe, die ihre Kanonade synchronisierten, waren ein harter Gegner, und bei jedem Gefecht lernte der Neurogent jetzt dazu. Seine Programmierung lautete bei diesem Feind von außerhalb der Galaxis nicht mehr ‚Unterwerfung und Neueingliederung‘ abtrünniger Arkoniden, sondern ‚kompromisslose Vernichtung‘ eines gnadenlosen Feindes. Trotzdem wäre das Ende der Schlacht und der Sieger voraussehbar, und es wäre wohl nicht die 297 Flotte gewesen.
Dann hatte die Neuronik der NEITH die Entfernungen exakt berechnet und teilte den einzelnen Flottenteilen ihre Ziele zu, der Feuerschlag wurde auf das Hundertstel einer Sekunde genau synchronisiert berechnet. Der Kommandoimpuls verließ die Antennen der NEITH, die Flotte sprang mit dem Teleportantrieb der Liga aus dem Stand 72 Lichtminuten auf Kernschussweite an die Scheiben heran. Die roten Spiralfelder der Konverterkanonen brachen aus den Geschütztürmen der nördlichen Hemisphären und den Ringwülsten, mit einer Energiestärke knapp unter dem Maximum. Eine Zehntelsekunde später feuerten alle schweren Geschütze über der 190 Zentimetermarke, wieder eine Zehntelsekunde danach wurde von jedem Schiff ein Fächer SGM durch die Starttuben magnetisch beschleunigt abgesetzt. Noch ehe die Triebwerke der Raketen zündeten, aktivierten die Neuroniken wieder den Teleportantrieb, und noch ehe die Scheiben das Gegenfeuer auf die so plötzlich aufgetauchten Kugelschiffe eröffnen konnten, waren sie auch schon wieder verschwunden und sammelten sich jenseits der Systemgrenze. Die Hypertaster begannen ihre Arbeit, und nun erst trafen die nur lichtschnellen Energieimpulse der Konverterkanonen ihr Ziel, fanden die nächsten aktiven Energiekonverter und brachten sie zur Explosion, erste Explosionen fanden ihren Weg durch die Außenhülle. Dann prügelten die starken Strahlen der überschweren Impuls- und Thermostrahler auf die blankgelegten Stahlplatten ein, massives Energiegewitter tobte in den Rümpfen der drei diskusförmigen Schiffen, die Schilde waren bereits bei den Treffern der Konverterkanonen großflächig zusammen gebrochen. Knapp 28 Sekunden später hatten die Raketen mit der Beschleunigung von 1.522 Kilometer pro Sekundenquadrat die rund 600.000 Kilometer der zwei Lichtsekunden überwunden. Einige der Marschflugkörper waren kleineren Geschützen an Bord der Fremden zum Opfer gefallen, doch es kamen viele, sehr viele noch durch. 100 Gigatonnen TNT Energie pro Geschoss, hervorgerufen von der Fusion des Epteriums, ergaben kleine Sonnen, die in der Mitte der bereits von den Konverter- und anderen Energiekanonen geschaffenen Kratern oder der Oberfläche erschienen und sich die ersten Zehntelsekunden beinahe lichtschnell ausdehnten, glühend heißes Fusionsplasma folgte dem ersten Lichtblitz etwas langsamer, fegte aber den Stahl der Konstruktion geschmolzen, glühend, verdreht und völlig zerstört beiseite, vergrößerte den Schaden der Energiegeschütze noch mehr, aus einigen aufbrechenden Spalten in der Oberfläche der Scheiben bahnte sich heißes Metall wie glühendes Lava seine Bahn. Einige der Krater in den Mutterschiffen waren, als das Energiegewitter endlich vorbei war, etwa einen halben Kilometer tief und hatten einen Durchmesser von beinahe zwei bis drei, in der Mitte der runden Konstruktionen gähnten Öffnungen bis zu einer Tiefe von anderthalb Kilometer und einem lichten Durchmesser von vier. Dort waren die meisten Treffer gelandet, die Verwüstung am stärksten, die Scheiben begannen auf ihrem Kurs unregelmäßig um ihre eigene Achse zu drehen. Die Treffer der selbstgelenkten Marschflugkörper waren nicht alle ganz exakt in der Mitte gelandet und hatten ihre Energie teilweise auch in Bewegung umgesetzt.
„Noch einmal?“, fragte Atlan auf den anderen großen Schiffen nach.
„Noch einmal!“ Nie erinnerte Tana Starlight mehr an ihre Mutter wie in diesem Moment, die durch einen brutalen, alles Leben zerstörenden Angriff auf Arkoniden, die ja zur Hälfte auch ihr Volk waren, in ihrem Stolz und ihrer Ehre herausgeforderte Arkonidin brach an die Oberfläche, hoch aufgerichtet, hart und kompromisslos, die Augen verengt, eine steile Falte zwischen den Augenbrauen, schien sie in diesem Augenblick wie die Inkarnation der Rachegöttin Bilandul aus den alten arkonidischen Mythen! Aber auch Perry Rhodan zögerte nicht.
„Vorwärts!“ Wieder arbeitete die Neuronik der NEITH die Entfernung und Richtung aus, gab den Befehl zur Ausführung, wieder sprangen die Flotten aus Stand im gleichen Moment und ließen den Angreifern keine Zeit für eine Reaktion. Die Mittelteile der Mutterschiffe wurden völlig zerschmolzen und in Plasma verwandelt, weitere Konverter explodierten und die letzten Schilde brachen zusammen, die dieses Mal etwas breiter gefächerten Raketenschwärme zerstörten noch mehr innere Strukturen, am Ende des entfesselten Infernos erinnerten die Mutterschiffe an Donuts mit unterschiedlich großen Löchern. Bei dem dritten Angriff verzichteten die terranischen Flotten auf einen Fluchtsprung und vollendeten ihr Werk mit den konventionellen Waffen, schalteten die letzten Geschütze des Feindes am Rand der Scheiben mit gezieltem Feuer aus, die Raketensalven brachen die entstandenen Ringe in Teile und besiegelten das momentane Scheitern dieses Angriffes auf das System von Zoltrals Stern.
Nach dem Ausfall der großen Waffen auf den Mutterschiffen der Angreifer hatte die arkonidische Flotte kein wirklich großes Problem mehr, mit den Sichelschiffen fertig zu werden, und auch die Terraner beteiligten sich eifrig an der Jagd. Tana Starlight wollte eines davon halbwegs unzerstört bergen, um den Antrieb genau unter die Lupe nehmen zu können. Die GCC setzte nun die eilig herbeigerufenen SLEEPY HOLLOW nur zu gerne bei diesem Unternehmen ein, in dem Bewusstsein, dass die vereinte Kraft ihrer Wissenschaftler gemeinsam schneller zum Erfolg führen würde.
John Marshall stand neben Charly Tatanka Waníyetu, dem Kommandanten des schweren X-Kreuzers, aus dem Stamm der Lakota.“

„Der dort am Rand, Captain. Versuchen wir doch dort unser Glück!“
„Waste!“ wandte sich Charly an seine Rudergängerin. „Marie, sie haben den Great Warrior Chief gehört. Kurs auf den Feind. Frans, zuerst die Schirme, dann versuch es zuerst mit den Hypnos, wenn er dann nicht den Kurs nimmt, den wir wollen, eine satte Ladung Tiefschlafstrahlen! Wenn das nichts nützt, bleiben nur noch die Neutronen übrig, und dann – Hookahee! Heute ist ein verdammt guter Tag zum Sterben, aber nicht für uns! Aglála!“ Marie Huppert schaltete bereits und brachte den Experimentalkreuzer auf Kurs und beschleunigte, die Konverterkanone zerstörte plangemäß den Schutzschirm der Sichel, während die Hypnosestrahler bereits fortwährend den Befehl zur Kursänderung und Feuereinstellung ausstrahlten. Umsonst. Thermo- und Impulsstrahlen aus den Kanonen der Sichel brachten die überstarken Schirme der SLEEPY HOLLOW zum Leuchten, belasteten die Generatoren jedoch bis maximal an den Beginn des gelben Bereiches. Trotzdem, die Belastung wurde beim Näherkommen natürlich immer stärker, die kinetische Energie der Impulsstrahler verstärkte sich kontinuierlich.
„Na schön, dann gib ihnen jetzt die Narks, Frans!“ rief Captain Büffel des Winters endlich. Franz Halberstatt aus Innsbruck wechselte die Waffeneinstellung und löste eine Salve aus den überschweren Narkosestrahlern aus.
„Volltreffer, Boss! Eigentlich sollten sie alle träumen.“
„Zumindest feuern sie nicht mehr!“ knurrte Charly. „Also, John Big Warrior Chief, schicken sie ihre Leute los! Suzie, nimm das Ding in den Traktorstrahl, wir wollen doch nicht, dass es noch weiter ins Gemetzel fliegt. Bring das Ding in eine sanfte Kurve, dass es aus den System fliegt.“ Marschall nickte und schien wie alle anderen Telepathen eine Zeit lang in sich hinein zu lauschen. Dann öffneten sie alle wieder die Augen.
„Ras, nimm bitte Ishi Katamuri und bring sie hinüber. Tako, du nimmst Anne und Gucky nimmt Betty Kendall. Schwere Bewaffnung, Helm wird nicht geöffnet. Noch Fragen? Dann los, Leute. Besorgen wir Tana Starlight ein neues Spielzeug!
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Gucky watschelte nach vorne, ausnahmsweise versuchte er keinen seiner flauen Scherze zu machen. „Wir sollten einen Ring bilden. Aus den Bildern des Robotfrachters wissen wir, wie die Zentrale aussehen sollte und wo in etwa im Schiff sie liegt. Dort sollten wir herauskommen, möglichst in der Mitte, da sollte niemand sein. Einverstanden?“
„Einverstanden!“ nickte Ras Tschubai, und Tako Kakuta setzte hinzu.
„Ishi, Anne und Betty nehmen unsere Gürtel und gehen so weit wie möglich auf Körperkontakt. Ras und ich nehmen die schweren Handneutronenstrahler mit, die Damen sind bitte mit ihren Fauststrahlern bewaffnet.“
„Wir springen sicherheitshalber feuerbereit, auch wenn wir Telekineten wahrscheinlich nicht darauf angewiesen sind – aber man kann ja nie wissen!“ warf Anne Sloane ein.
„Richtig! Wenn wir richtig angekommen sind und keine unmittelbare Gefahr droht, macht sich Ishi sofort über den Rechner her, wir anderen fünf decken sie“, fuhr Ras Tschubai fort. „Gucky, wenn Ishi fertig ist oder geistig zu sehr in Gefahr gerät, bringst du sie direkt in die Krankenstation der SLEEPY HOLLOW, ohne auf uns oder einen Befehl zu warten. Dann bringst du Wuriu Sengu und den Infanteriezug in die Sichel. Ishi Matsu bildet in der wissenschaftlichen Abteilung der SLEEPY HOLLOW die Zentrale der Fremden nach, wenn es geht, auch die Bilder von Wuriu.“
„Bin Unterwegs!“ Ishi Matsu küsste John Marshall flüchtig auf die Wange. „Ich werde auch den Gedankenaufzeichner von Kono anlegen!“ Damit machte sich die zarte Sinoterranerin auf den Weg.
„Eve Barstow wird bitte als Geist das ganze Schiff durchstreifen und alles, was sie sieht, ebenfalls aufzeichnen.“ John Marshall machte mit der Befehlsausgabe weiter. „Son Okura, sie achten auf alle möglichen Strahlungen, die ihnen unbekannt vorkommen und zeichnen diese ebenfalls auf.“
„Also dann, Leute! Helme auf!“ Ras Tschubai übernahm ab sofort das Kommando über den Entertrupp. Hatten die Mutanten zuvor ihre Rollen während des Einsatzes noch mehr oder weniger demokratisch verteilt, jetzt waren sie ein militärischer Stoßtrupp, und John Marshall hatte bereits im Vorfeld Ras für dieses Mal die Verantwortung übertragen. „Check Radio! Luftversorgung! Technik! Energie! Gut, Helme schließen! Waffen bereit und entsichern!“ Er und Tako Kakuta nahmen ihre schweren Colt NB 82 Neutronengewehre Kaliber 12,7 Millimeter, die nur biologische Materie zerstörten, von den Schultern und überprüften die Ladungen in den sperrigen Speichern. Diese Art von Waffe verbrauchte Unmengen an Energie, verschonte jedoch die empfindlichen Schaltkreise der Computer. Perry Rhodan hielt diese Strahler für eine zynische Waffe, welche die Technik verschonte und nur die Benützer tötete, doch das Mutantenkorps hatte diese Weiterentwicklung der Neutronenbombe dennoch erhalten. Und es hatte Perry Rhodan auch nicht daran gehindert, diese Waffe in Geschützgröße in die SLEEPY HOLLOW einbauen zu lassen, man musste eben immer zuerst pragmatisch denken. Ishi und Betty zogen ihre Waffen aus dem Gürtelholster und überprüften ihre kompakten Starlight Desintegratorpistolen 8,64 Millimeter, während Anne einem langläufigen Thermostrahler der GCC, dem Atlan Ultra im Kaliber .512, mit der Energieversorgung vor dem Abzug, den Vorzug gab.
„Körperkontakt!“ befahl Ras Tschubai und wartete, bis alle bestätigt hatten. „Gut! Drei, zwei, eins, GO!“
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Juli 2086
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Solares System, Terra
Matto Grosso do Sul, Brasilien
Billy White Feather T’a’gai ging in die Knie und musterte eingehend die Abdrücke im weichen, feuchten Boden des Sumpflandes. Der Abkömmling der Jicarilla–Apachen arbeitete als Scout und Fährtensucher für eine Söldnerkompanie und trug einen modernen Tarnanzug, dazu allerdings die klassischen Apachen-Mokassins bis zum Knie, um den Kopf ein Tuch in den Farben seines Anzuges. Die Browning Infanterie Automatic Rifle BIAR im Kaliber .223 mit verkürztem Lauf, mit fünfunddreißig Schuss im Magazin und Schalldämpfer hing über seiner Schulter, eine beliebte Waffe für geheime Kommandounternehmen, da sie keine Energiesignatur aussandte. Ein großer Teil des Gehäuses war aus leichtem Kunststoff, nur Lauf und Verschluss mussten immer noch aus Metall gefertigt werden.
„`Isdzání, `Dindé, `Isdzání“, murmelte er, mit den Händen messend und vergleichend, dann sah er auf. „Das sind sie, Captain. Zwei Frauen, ein Mann. Vor etwa einer Viertelstunde.“
„Gut gemacht, Lieutenant Weiße Feder.“ Der breitschultrige mittelgroße Mann im Tarnanzug nahm seine eigene BIR von der Schulter und wandte sich an die 44 Männer hinter ihm. „Pause, Leute! Wir wollen den Dreien ja nicht zu früh zu nahe kommen.“
Der Trupp bestand aus erfahrenen Söldnern unter dem Kommando von Captain Jake Klowaček aus Socorro, New Mexico, dessen Urgroßvater einst aus Tschechien in die USA ausgewandert war. Nach seiner Ausbildung und Dienstzeit bei den Special Forces hatte er sich selbstständig gemacht und einige Leute aus den Elitetruppen der Welt rekrutiert. Die kleine, aber schlagkräftige Truppe war hochbezahlt und wurde dem entsprechend nur für wirklich schwierige Einsätze eingestellt. Einen eigenen Namen hatte diese Truppe aus vier Zügen zu je zehn Mann, ihren Zugskommandanten, White Feather und dem Captain keinen, Namen waren etwas für Amateure, für Kinder, die Söldner spielen wollten. Und in Klowačeks Truppe gab es keine Amateure, sondern ausschließlich Profis. Wer sie benötigte, wusste eine Telefonnummer, der Mann oder die Frau kannten vielleicht jemanden, der einmal etwas gehört hatte. Vielleicht im Café du Paris in New York, im Burger King in Berlin, im goldenen Drachen in Hongkong oder im Zar Ivan in Sankt Petersburg. Oder irgendwo, wo man überhaupt nicht daran dachte, dann plötzlich einen Zettel in der Tasche hatte, wo man Angebot und Auftrag deponieren sollte, dann ein kurzer Anruf über ein Wegwerfhandy, eine SMS mit einer Kontonummer.
Möglicherweise war diese Kompanie noch nicht die allererste Elite in diesem Geschäft, aber sie war auf dem besten Wege ganz nach oben. Falls sie lange genug überleben sollte, was in diesem Beruf ja nicht unbedingt garantiert war. Allerdings war Lieutenant White Feather – oder, wie er in der Sprache seines Volkes genannt wurde, T’a’gai, einer der besten Fährtenleser überhaupt. Manche sagten ihm einen untrüglichen sechsten Sinn nach, eine Art Mutantenkraft, was das Aufspüren einer Person inmitten der Wildnis anging. Die Wege von Billy T’a’gai und Jake Klowaček hatten sich erstmals in New Mexico gekreuzt, als Jake nach seinem Dienst entlassen wurde und plötzlich ohne Ziel und Plan war. Er machte sich mit einiger lebensnotwendigen Ausrüstung und einem schweren Bogen mit genügend Pfeilen auf, um in der menschenfeindlichen Chihuahua-Wüste das wirkliche Überleben zu lernen, ohne Netz und doppelten Boden der Zivilisation. Es gelang ihm sogar recht gut, doch eines Tages stand er Billy gegenüber. Ein früherer Offizier Jakes hatte eine inoffizielle Aufgabe und wollte ihn dafür gewinnen, und um Jake zu finden, hatte er Billy benötigt und angeworben. Seit damals waren sie ein gutes Team und Freunde geworden, welche einander vertrauen konnte.
Billy hatte es auch übernommen, die neu angeworbenen Söldner der Kompanie auf den Kampf nach Apachenart zu trainieren, in der Wüste, im Urwald, in den Bergen. Unsichtbar zu werden und es auch zu bleiben, plötzlich und hart zuschlagen und doch nie zu sehen und schon gar nicht zu finden, eben wie ein Apache zu sein. Apache, der Name, das Wort stammte von ihren Nachbarn, den Yumas, die sie gleichermaßen ängstlich und wie bewundernd E‘-Patch nannten – ‚sie, die kämpfen‘. Lange Zeit hatten die weißen Eroberer erfahren müssen, dass es nicht einfach war, eine Handvoll Eingeborener mit veralteten Waffen zu überwältigen. Besonders, als sich diese Apachen auch noch moderne Gewehre besorgten, hatte es einiges an Militär und viele neue Offiziere gebraucht. Nach Möglichkeit töteten die Apachen nicht irgend einen der Angreifer, sondern begannen mit Vorliebe oben in der Hierarchie. Und sie warteten, unsichtbar, unbemerkt irgendwo verborgen, bis sie ziemlich genau wussten, wer wieviel zu sagen hatte. Sie waren der Schrecken der neu angekommenen Siedler und weißen Skalpjäger, bis sie sich endlich doch noch ergaben, sich taufen ließen und das karge Land bestellten. Doch immer noch lehrten die Alten den Jungen und Mädchen ihres Stammes, wie man unsichtbar und unhörbar wurde, und wie man kämpfte, wenn man allein gegen eine kleine Armee stand, und mehr als einmal mussten weiße Plünderer ihre Beutezüge auf die Farmen der Apachen teuer bezahlen. Unauffällig, denn auch das spurlose Verschwinden lassen eines toten Feindes war eine überlieferte Tradition der Apachen.
So war es nicht weiter verwunderlich, dass die Söldnertruppe, kaum dass der Befehl zur Pause ergangen war, auch schon wieder unsichtbar wurde, als sie sich lagerte. Hoch über dem Urwald Brasiliens zog ein Satellit seine Bahn über den Himmel und richtete seine Kameras auf die Erde. Die Aufnahmen landeten auf den Tischen Allan D. Mercants in Galacto City, Cesar Alexanders vom TBI in New York, dem Pentagon in Washington und in den Ämtern der Regierung in Brasilien. Es waren gute Filmaufnahmen, gestochen scharf und angeblich so stark vergrößerbar, dass man jede Person auf der Erde erkennen könnte. Trotzdem war auf keinem Bild die Truppe der Söldner zu sehen.
Auch nicht die drei Personen, denen die Kompanie folgte. Weiße Feder hatte die Spuren richtig gedeutet, es waren zwei Frauen und ein Mann, die sich in Schlangenlinien durch das sumpfige Gelände mit den Inseln niederen Waldes dazwischen bewegte. In langsamem Tempo, denn eine der Frauen blieb immer wieder stehen und prüfte sorgfältig den Boden und die Marschzahl auf dem Kompass. Graziella de Lopez y Marana war eine gute Führerin, welche die winzigen Anzeichen des Bodens gut zu deuten wusste und keinen Schritt breit vom festen Boden abwich. Sie trug einen modernen Mimikrianzug mit perfektem UV-Schutz und leichter Kühlung, wie ihn auch die andere Frau und der Mann trugen. Wirkliche Klimaanzüge wären selbstverständlich bequemer und angenehmer gewesen, aber diese Klimaanzüge hatten auch ihren Preis, in dieser Situation unter Umständen einen zu hohen. Die Energie für die Kühlung wäre mit den richtigen Geräten leicht zu orten gewesen, und Tatjana Michalowna, die zweite Frau der Gruppe, war nicht sicher, ob ihr Zielobjekt nicht über genau diese Möglichkeiten verfügte. Natürlich gab es Möglichkeiten, diese Emissionen zu verbergen, aber jedes Kilogramm musste getragen werden, und Gewicht zu sparen war nicht unwesentlich bei einem Marsch durch dieses Gelände.
Wann immer die Gruppe eine Pause auf einer der bewaldeten Insel einlegte, warf die Telepathin ihre geistigen Netze aus und suchte nach fremdartigen Signaturen in der Gedankenwelt, versuchte eine Ortung ihr bekannter Signaturen. Je weiter sie in die Wildnis vordrangen, um so mehr verschwanden die ihre Ortung störenden Gedankenschwingungen der Menschen in den großen Städten, im psionischen Äther wurde es zunehmend ruhiger, ein Umstand, der es Tatjana erlaubte, die nicht exakt mit den Gedankenmustern terranischer Menschen übereinstimmenden Schwingungen extraterrestrischer Mehandor zu isolieren. Noch war es nur eine grobe Richtungsangabe – ‚irgendwo dort links hinüber‘ – und Graziella versuchte diese Angaben in die festen Wege zu übertragen. Als letzter ging Peter MacDonnald und trug das schwere Campinggepäck, während die Frauen nur leichtere Rucksäcke und Ausrüstung trugen. Bewaffnet waren sie alle mit verlässlichen AK 47/24, umgearbeitet auf das bequemere Kaliber .223 oder 5,66 Millimeter, in der Ausführung der Kommandotruppen mit verkürztem Lauf, alt, einfach und hundertprozentig verlässlich. Auch wenn man diese Gewehre in den Schlamm warf und darauf herumsprang, blieben sie immer noch funktionstüchtig, wenn man sie aufhob. Und ohne Risiko, von einem Energieorter gefunden zu werden, ebenso die 9 Millimeter Berettas in ihren Gürtelhalftern.
„So viel zu Paraguay und Arsenal secreto“, murrte Graziella grinsend während einer Pause, die sie immer wieder einlegten, denn Gewaltmärsche waren nicht ratsam, wenn man am Ziel der Reise Fehler durch Erschöpfung vermeiden wollte. „Ich sollte beleidigt sein, weil du mir nicht vertraut hast!“
„Ich habe nicht dir misstraut“, korrigierte Tatjana und trank einen Schluck Wasser mit einem Schuss Zitronensaftkonzentrat, der ein muffig werden der Flüssigkeit in den Feldflaschen vermeiden sollte, und einer Antibiotikatablette. „Aber jeden Code einer Übertragung kann man auch hacken. Das hat Pete auch schon mehr als einmal gemacht!“
„Ich würde nur zu gerne die Gesichter der argentinischen Grenzpatrouillen sehen, wenn es tatsächlich durchgesickert ist, dass du ihr geheimes Arsenal besuchen möchtest. Was die da wohl darin verstecken?“
„Das Alienraumschiff und die dazu gehörenden Leichen aus Rosswell.“ Pete machte seine Bemerkung knochentrocken und mit todernster Mine. „Ein Geschenk der Amerikaner, die sie nicht mehr benötigten, nachdem die arkonidische Technik jedem zur Verfügung stand.“
„Idiota!“ Graziella warf ein Stück Holz nach Pete, der es aus der Luft fing. „Desgraçado!“
„Ganz im Ernst, Graziella, eigentlich nichts mehr von Bedeutung.“ Pete nahm ein Stück Dauerwurst aus seinem Rucksack und schnitt ein Stück davon ab. „Früher arbeitete man dort an einem Mach 7–Abfangjäger, aber mit den arkonidischen Triebwerken ist das ja hinfällig geworden. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll im Arsenal secrteo allerdings ein neues Projekt für Giftgas oder eine biologische Waffe laufen. Aber ich für meinen Teil bin ziemlich sicher, dass zumindest dort in absehbarer Zeit überhaupt nichts derartiges er- oder gefunden wird.“
„Jetzt ganz sicher nichts mehr“, stimmte Tatjana Michalowna lächelnd zu.
„Oh!“ Graziella überlegte eine Sekunde. „OH! Está bem!“
„Gehen wir weiter!“ schlug Tatjana vor.
„Bom, vamos!“ Graziella erhob sich und schulterte ihren Rucksack. „Wohin?“
„Weiter nach links, bitte!“ Tatjana wies nach Südwesten.
„Okay, wir nehmen diesen Weg!“

*
„Schöne Frauen“, flüsterte Billy T’a’gai dem Captain zu, nachdem sie den Abzug der drei Zielpersonen durch starke, rein optische Feldstecher beobachtet hatten. „Besonders die dunkle. Tso-tsee‘, ein schöner, großer Hintern. Und eine fähige, starke Frau. In die könnte ich mich verlieben!“
„Ja“, brummte der Captain einsilbig. „Aber ich fürchte, daraus wird so schnell nichts! Zuerst kommt unser Auftrag, dann das Vergnügen. Wenn sie dich dann überhaupt will. Na schön, wir rücken bis zu ihrem letzten Rastplatz vor.“
„Schade“, murmelte Billy und stand vorsichtig auf. „Tso-tsee, -tso-naaki-be‘, -tso-`isdzání! Jádí-`ińkin!“
„Ja, ja, großer Hintern, großer Busen, und ganz bestimmt eine großartige Frau“, stimmte Jake Klowaček zu, welcher die Sprache seines Freundes gelernt hatte. Es gab wenige Menschen, welche diese Sprache beherrschten, perfekt für einen privaten Gedankenaustausch. „Gehen wir!“ Er hob die Rechte, ballte sie zur Faust, öffnete sie wieder und winkte nach vorne. Einer nach dem anderen gab das Zeichen die Reihe weiter, und lautlos näherten sich die Söldner dem letzten Lagerplatz des abgerückten Trios.
*
Thanthur Lok, Zoltrals Stern
Leichtes Flimmern erschien in der Mitte der Zentrale eines Angriffsschiffes der Gops, welche die gnadenlosen Krieger der Tanaæina waren. Fünf Menschen und ein Mausbiber nahmen in ihren kraftverstärkenden Kampfanzügen Gestalt an, die Mündungen ihrer Waffen deckten den Raum ab, doch die acht hellen Gops und der dunklere, welche alle verdreht und ohne Bewegung in ihren Sesseln hingen, waren zum Glück noch bewusstlos.
„Ishi“, rief Ras. „Dein Spiel. Los!“ Ishi Katamuri steckte ihren Desintegrator in das Halfter an ihrem Gürtel und sah sich um.
„Aha, das hier dürfte einer der Computerschirme sein“, wies sie auf einen Bildschirm, auf welchem seltsame Symbole zu sehen waren, die zeitweise auch wechselten. Sie zerrte den Gop aus seinem Sessel und setzte sich selbst auf die Kante des für sie viel zu großen Sessels, fast zärtlich strich die knabenhaft zarte Frau mit den Fingerspitzen über die Leuchtscheibe und ließ ihren Geist in den Rechner eindringen. Die Symbole auf dem Schirm wirbelten durcheinander, ordneten sich neu, der Schirm wurde zuerst dunkel und dann wieder hell, arkonidische Schriftzeichen füllten die Bildfläche, und Ishi brach wieder einmal bewusstlos zusammen, wie immer, wenn sie in einen fremden Rechner eindrang und ihm ihren Willen aufzwang. Sie wurde ebenso bewusstlos, wie es die Gops nach der Salve durch die Narkosestrahler noch immer waren. Gucky wartete nicht lange ab, er packte Ishi um die schlanke Taille und brachte sie zur Krankenstation der SLEEPY HOLLOW, wo Doktor Margareth Li aus Hongkong bereits auf die junge Japanerin wartete. Ein Injektor fauchte auf, ein kreislaufstabilisierendes Mittel, gefolgt von einem Muskelrelaxans wurde in Ishis Adern gejagt, dann wurden die Wärmelampen auf Leistung gebracht, um eine Unterkühlung des Körpers zu verhindern, eine Infusion mit Vitaminen und Nährstoffen angelegt. Man wusste jetzt über die Folgen ihres Eintauchens in einen völlig fremdartigen Rechner Bescheid und konnte entsprechend handeln, um die physische und psychische Gesundheit Ishis zu erhalten. Ihr Ehemann Jannis Armegos nahm neben ihrem Bett Platz und hielt ihre zarte Hand, um ihr bei ihrem Aufwachen sofort Trost und Beistand leisten zu können. Sobald sie erwachte, benötigte sie andere Wärme als von einer seelenlosen Lampe. Sie wollte und benötigte Jannis, ihren Mann.
Es dauerte gar nicht lange, und Gucky kehrte mit Wuriu Sengu und Sergeant Luther Williams von der GCC – Marineinfanterie auf das Tanaæinaschiff zurück, ließ beide los und verschwand gleich wieder, brachte den dunkleren und einen der hellen Gops in die besonders gesicherte Arrestzelle der SLEEPY HOLLOW. Der Sergeant fragte nicht lange, sondern sicherte mit seiner Waffe, der Superbeam 76, den Eingang zur Zentrale des Sichelschiffes. Der Mausbiber sprang aus dem Arrestbereich in den Bereitschaftsraum der Infanteristen und holte die nächsten beiden Soldaten ab, um sie auf das fremde Schiff zu teleportieren. Nun, nachdem die Zentrale ausreichend gesichert war, beteiligte sich auch Tako Kakuta am Abtransport der Gefangenen auf den terranischen X-Kreuzer. In der wissenschaftlichen Abteilung erstellte Ishi Matsu in der Zwischenzeit ein holografisches Abbild der Zentrale, und zwei der besten Piloten der GCC versuchten, aus der Anlage klug zu werden, während Ras Tschubai einige Versuche mit dem Rechner anstellte.
„Den Göttern sei Dank für Touchscreens mit virtueller Tastatur!“ murmelte er. „Ein physisches Keyboard mit Alienschrift würde einiges mehr Zeit kosten.“ Er hackte mit den Fingern auf dem Screen herum, immer wieder meldete sich einer der Fachleute von der SLEEPY HOLLOW. „Ich glaube, ich hab‘s!“ meldete er nach geraumer Zeit, und tatsächlich gehorchte das Schiff seinen Befehlen und beschleunigte aus eigener Kraft aus dem System.
„Ist das Schiff von den Typen geräumt?“ fragte Ras nach, indem er sich dehnte und streckte, dabei die Augen kurz schließend.
„Wir zwei sind die einzigen, die noch da sind!“ Anne stand neben ihm, die langläufige Atlan Ultra steckte in ihrem Halfter.
„Gut so. SLEEPY, ich programmiere jetzt Kurs, Sprungdaten und Verzögerung nach dem Sprung ein.“
„Verstanden!“ Charly Büffel des Winters ging in der Zentrale des X-Kreuzers unruhig auf und ab. „Marie, bring die SLEEPY auf Kurs und gib Stoff auf die Triebwerke. Hemkhun, gib der Neuronik die Sprungdaten.“
„Aye, Sir!“ Der junge Fähnrich mit den roten Haaren, der grünen Haut, einer Körpergröße von 158 Zentimetern und einer Schulterbreite von 167 berührte überraschend zart die Schaltflächen vor sich.
„Kurs liegt an!“ meldete Marie Huppert, die starken Triebwerke rissen das Schiff vorwärts, der Sichel hinterher. Anne Sloane ergriff Ras Tschubais Hand, die beiden Mutanten nickten einander zu.
„Wann immer du bereit bist, Ras! Ich sitze in deinen Gedanken und fühle deinen gedanklichen Sprungimpuls!“
„Na, dann los!“ Der dunkelhäutige Afroterraner konzentrierte sich auf die Brücke der SLEEPY HOLLOW und löste den Teleportsprung aus. In der gleichen Zehntelsekunde aktivierten die telekinetischen Kräfte von Anne den Autopiloten, der die Sichel an einen bestimmten Ort im Leerraum bringen sollte, wenn es kein übergeordnetes Programm gab, welches das kleine Angriffsschiff irgendwo anders zu einem intakten Mutterschiff bringen sollte.
„Melde mich zurück, John!“ Ras Tschubai tippte sich mit Zeige- und Mittelfinger gegen die rechte Schläfe.
„Freut mich, Ras!“ antwortete der Australier. „Jetzt liegt alles in der Hand Gottes!“ Anne schaute John Marshall erstaunt an.
„Du bist gläubig, John? Seit wann?“
„Seit meiner Kindheit, Anne. Australisch – anglikanisches Bekenntnis. Ich lasse es zwar nicht heraushängen, aber ich glaube an den einen Gott, vom Bekenntnis, in dem ich getauft wurde, habe ich mich allerdings weit entfernt. Ich habe mein eigenes gefunden, so wie eigentlich jeder für sich seinen Weg finden muss.“
„Und weiß Ishi davon?“ hakte Ras nach.
„Ishi ist so etwas ähnliches wie Zen-Buddhistin und lässt ihrem geliebten Ehemann seinen Glauben“, klang eine helle Stimme vom Eingang der Brücke her. „Ebenso, wie besagter heiß geliebter Ehemann seiner hoffentlich ebenso stark geliebten Ehefrau – also mir – ihre Philosophie lässt.“
„Sprung der Prise laut Plan in 20 Sekunden!“ meldete Mikka Raimokinnen von der Ortung, der beim Erscheinen von Anne und Ras eine Stoppuhr in Gang gesetzt hatte. Kaum hatte er ausgesprochen, meldete sich die Neuronik der SLEEPY HOLLOW.
„Transit in 20 Sekunden! In drei zwei…“ Vor dem Sichelschiff bildete sich die kugelförmige Transitblase und transportiere den Raumer irgendwo hin, hoffentlich an die von Ras Tschubai programmierten Koordinaten. „… eins, Transit!“ meldete die Neuronik.
„Objekte zeichnen!“ rief Mikka. „Ein Sichelschiff und die OLYMPOS! Transit gelungen, Prise verzögert nach den von Ras Tschubai programmierten Parametern.“
„Sir, Funkspruch von der OLYMPOS!“ meldete der Radio Operator Boris Kremzow aus Krakau. „Glückwünsche, SLEEPY HOLLOW. Die Getränke des ersten Abends gehen aufs Haus. Ihr Landeplatz ist vorbereitet! Gezeichnet Reginald Meunier im Auftrag von Tana Starlight!“
*
Irgendwo im ehemaligen Matriarchat Bhungar
System eines gelbweißen Sterns, Stern Nummer 52 von 85
TSS BC 002 HELENA
Wieder einmal brach die HELENA aus dem Kugelfeld eines Wurmlochtransits und verzögerte bis zum relativen Stillstand am Rande des Systems. Wie es schon Routine geworden war, fuhr Doktor Wulff das Bordobservatorium aus der Kugelzelle und begann mit der Suche nach dem nächsten Stern. „Klasse F, auf dem vierten Planeten war einmal eine blühende Hauptwelt eines Bezirks des Matriarchats“, vermeldete Isabeau Rocheval von der wissenschaftlichen Station.
„Irgendwelche Ortungsergebnisse?“ Der Kommandant Joseph Mbatabutu beugte sich über ihre Schulter.
„Non, mon Majeur. Kein Pieps, der hereinkommt.“
„Gut! XO, welche Korvette wäre mit einer Naherkundung dran?“
Oberleutnant Kaminsky musste nicht erst seine Unterlagen bemühen. „C-HEL 01, Sir. Die HELM!“
„Danke, XO. Sagen sie Louis Hofer bescheid, er soll sich Nummer vier einmal ansehen!“ Als guter Kommandant kannte Joseph natürlich die insgesamt fünfundvierzig Besatzungsmitglieder der drei an Bord befindlichen Korvetten.
Korvettenkapitän Louis Hofer war in der Fanesgruppe der Dolomiten in Südtirol aufgewachsen, ehe er noch näher an die Sterne heran wollte. Nämlich ganz nahe heran, das Schicksal erfüllte seinen Wunsch und er erarbeitete sich das Kommando über eine Korvette. Seine XO Leutnant Dolasilla Moroder war, wie das Schicksal manchmal spielte, nur drei Täler weiter aufgewachsen, stammte jedoch im Gegensatz zu Louis aus einer der italienisch sprechenden Familien. In ihrer Freizeit hänselten sich beide Südtiroler, doch eigentlich verband sie eine tiefe Freundschaft, und manchmal nannte Dolasilla, welche nach einer Kriegerprinzessin der dolomitischen Sagenwelt benannt wurde, ihren Kommandanten zärtlich Ey de Net, dem Krieger aus eben dieser Sage.
„Bereit zum Start?“ fragte Louis, und die Rückmeldung Dolasillas kam umgehend.
„Alle Stationen melden Bereitschaft, alle Systeme auf Go!“
„RO, Meldung an Zentrale, Außenschott öffnen!“
„Aye!“ Fähnrich Sean McArthur war ein echter Schotte, auch wenn er die meiste Zeit seines jungen Lebens im Weltall verbracht hatte. Die große Irisblende im Schiffsrumpf öffnete sich und die HELM schwebte von ihrem Feldantrieb getragen aus der Schleuse ins freie All. Nach erreichen des Sicherheitsabstandes zündete Gholamh, ein rothaariger, großer Springer, der von der HEM IV zur OLYMPOS und auf die Space Academy gekommen war, die Korpuskulartriebwerke und steuerte das 60 Meter durchmessende Schiff dem vierten Planeten zu.
„Auf diesem Kontinent sind die Hütten rund, überall sonst eckig!“ Louis betrachtete die Fernaufnahmen, welche die Neuronik der HELM im Orbit aufnahm und als Hologramm in der Mitte der Brücke wiedergab.
„Auf jeden Fall eine primitive Zivilisation“, sprach Dolasilla ihre Vermutung aus. „Keine Fahrzeuge, kein Licht, nichts, das auf irgendeine Technik hinweisen könnte.“
„Eine recht einseitige Betrachtungsweise, wenn ich anmerken darf“, ertönte eine fremde Stimme auf der Brücke, die alle herumfahren ließ. „Oh, entschuldigen Sie, ich wollte sie nicht erschrecken!“ Ein seltsames Wesen war in der HELM erschienen, aussehend wie drei zusammengewachsene Zylinder mit je drei Tentakel am oberen Ende und drei am unteren, worauf das Lebewesen stand. Jeder Teil verfügte dazu noch über zwei sehr menschlich wirkende Augen. Die Farbe des Wesens war irgendwie nicht genauer erkennbar, der Besucher schillerte wie ein Opal in allen Farben des Regenbogens.
„Wer sind sie?“ Louis Hofer nahm seine Gedanken zusammen, scheinbar drohte derzeit keine unmittelbare Gefahr.
„Es herrscht in diesem System überhaupt keine Gefahr, nicht nur derzeit“, sagte das Wesen und bewies damit seine telepathischen Fähigkeiten. „Ja, ich bin Telepath, Teleporter und Telekinet, und jetzt kann ich ihre einfache Frage nicht beantworten“, ärgerte sich der Gast. „Sehen sie, wir haben keine Bezeichnung für uns, weder als Spezies noch als Individuum, dafür haben wir keine Verwendung. Oh, das ist ein netter Gedanke, bleiben wir bei dem Wort, Wesen Dolasilla Moroder. Ospite ist ein schönes Wort und ein angenehmer Gedanke. Bitte nennt mich Ospite.“
„Oh, was wir sind, eine weitere gute Frage! Ja, es wäre einfach, unsere Art als Eneapodia, als Neunfüßer, zu bezeichnen, und auch nicht wirklich falsch. Obwohl, Trigenosoma, also dreigeschlechtiger Körper wäre noch richtiger, Wesen Sophia Kematakis. Also, wir werden als Tripodia, als Dreifüßer geboren, mit einem von drei möglichen Geschlechtern. Eines dieser Geschlechter hat Organe zur Produktion von Oocyten, eines zur Produktion der Spermatozoen und eines stellt die Hystéra zur Verfügung. In der Jugend versuchen wir uns recht häufig in temporären Verschmelzungen, und wenn dann die drei richtigen jugendlichen Tripodia zusammen finden, kommt es zur permanenten Verschmelzung zu einem erwachsenen Wesen, wie ich es nun bin. Wir verschmelzen auf geistiger Ebene und auf körperliche Art, die Hirnmassen vernetzen sich mit Nervenfasern und werden so zu einem großen Gehirn, die Körper verwachsen komplett, wir werden wirklich auf Dauer zu einem einzigen Wesen mit den Erinnerungen an die Erfahrungen der drei einzelnen Jugendlichen. Es entstehen eine tuba seminifera und eine tuba uterina zwischen den einzelnen Geschlechtsteilen in den jetzt auf Dauer verbundenen Wesen, bis dann in der mētra die Zeugung stattfinden kann. Wenn das geschieht, wächst die nächsten zwei Jahre ein Kind mit einem der drei möglichen Geschlechter in unserem Körper heran, wird geboren und behütet aufgezogen, während dieser letzten Phase kann bereits eine neue Zeugung vollzogen werden. Ja, auch unsere psychischen Fähigkeiten sind Geschlechtsgebunden, und nach der Verschmelzung verfügen wir über alle drei. Es ist eben eine wirkliche und komplette Verschmelzung!“
„Ach, was mit der einseitigen Betrachtungsweise gemeint ist? Eine hohe Zivilisation benötigt keine Technik, wir zum Exempel sehen sehr gut auch bei Dunkelheit ohne künstliche Beleuchtungskörper, wir benötigen keine Fahrzeuge oder Boote, um einen anderen Ort aufzusuchen, keine Waffen, um uns zu verteidigen und auch keine sonstigen technischen Spielereien. Wie haben unseren Geist, unser Denken, mehr brauchen wir nicht! Ja, warum sollten denn wir zu den Sternen fliegen wollen, Wesen Gholamh? Eine solche Reise könnte unseren Geist ja doch nicht weiter entwickeln. Ich gebe zu, dass mich die Unterhaltung mit euch erfreut hat und mir eure Gehirne eine Menge neuen Wissens vermittelt hat, aber das reicht auch für das Erste. Aber ja, Wesen Louis Hofer, seht euch nur nach Herzenslust auf dem Planeten um. Auf den Kontinenten gibt es eine Menge Ruinen, aber nehmt euch vor den Primaten mit den eckigen Hütten in acht. Sie sind euch doch recht ähnlich, nur ist ihre Aggressivität ausgeprägter und noch viel ungebremster als die eure. Einst waren sie den Erinnerungen nach auch zu den Sternen unterwegs, zu der Zeit, als unser Volk noch nicht sehr klug war und die Ozeane nicht verlassen konnte. Aber irgendwann kam niemand mehr vom Himmel, und in den Jahrtausenden haben die Menschen unserer Welt nicht nur ihre Technik vergessen, und wir wurden zu der hochentwickelten, intelligenten Lebensform von heute. Oh ja, ihr seid uns in der Zukunft durchaus willkommen, und auch andere wie ihr, so lange ihr Frieden haltet. Vielleicht findet sich ja auch noch ein Alter, der einmal in die Ferne ziehen und etwas anderes sehen und erleben will, ehe er im Kosmos aufgeht, kommt doch einfach wieder vorbei! Oh, modulierte Luftbewegungen und damit Geräusche zu erzeugen ist mit Psychokinetik nicht weiter schwierig, Wesen Sophia Kematakis. Ich wünsche euch noch ein schönes Leben, meine Gastfreunde. Lebt wohl! Wenn ihr Fragen habt, dann denkt einfach ganz stark meinen Namen!“ Ein leises ‚Plop‘ ertönte, als die Luft wieder in das plötzlich entstehende Vakuum zurück strömte.
Louis Hofer schüttelte ein wenig benommen den Kopf und sah sich um. „Hat noch jemand außer mir dieses Wesen bemerkt?“, fragte er, und rundum wurde genickt.
„Es war ein sehr ernüchterndes Erlebnis!“ Auch Dolasilla Moroder war wie betäubt.
„Helm, hast du unseren Besuch auch bemerken können?“, fragte der Kommandant, und eine androgyne Stimme antwortete von der Decke her.
„Positiv, Louis. Ich konnte das gesamte Gespräch aufzeichnen, allerdings nur als Monolog. Die Fragen, die das Wesen euren Gedanken entnehmen konnte, habe ich selbstverständlich nicht vernehmen können.“
„Dann bitte die Aufnahme an die HELENA übermitteln, Helm“, befahl Louis Hofer. „Danke. Also, Leute, wir dürfen uns umsehen, Sophia, Sonde starten. Sehen wir uns die Primaten, die früher zu den Sternen geflogen sind und Ruinen hinterlassen haben, einmal an. Und natürlich auch ein paar von den Ruinen selbst! Dass die überhaupt noch stehen, ist ein kleines Wunder!“
*
Wjastar hob seinen Speer, dessen Steinspitze er in mühevoller Kleinarbeit aus einem großen Stück Obsidian Splitter für Splitter abgeschlagen hatte. Diese kleinen Stücke hatte er dann mit Erdpech in den Spalt eines kürzeren, geraden Astes geklebt und so eine Art Sägeschwert erschaffen. Falls seine Beute, der große Räuber Yshma, hinter dessen Fleisch und Fell der Jäger her war, den Angriff mit der Lanze überlebte, musste er sich damit verteidigen. Aber Wjastar war ein erfahrener Jäger, der schon mehr als ein Yshmafell in seiner Hütte hängen hatte, und auch andere schöne Pelze, in seiner Hütte gab es weder Hunger noch Kälte. Diesmal aber war das Fell für Oklums Hütte, er hatte eine Tochter, zwei Jahre jünger als Wjastar, schön, schlank und stark, die richtige Mutter für seine Kinder. Oklum wollte drei Felle für seine Tochter, er sollte sie haben, jetzt wollte er sich das letzte holen! Ashma war die drei Felle mehr als wert, so schön und gesund, wie sie war, hätte er auch vier gegeben. Da, der Yshma musste Witterung bekommen haben, er richtete sich hoch auf und brüllte, zeigte dem Jäger seine breite Brust, die stählernen Muskeln des Mannes schleuderten treffsicher den Speer nach vorn, der tief in die Brust eindrang und das Tier, wenn auch nicht sofort, so doch in weiterer Folge tödlich verwundete. Es konnte sich auch nicht mehr auf alle vier Pfoten niederlassen, um seinen Feind anzugreifen, die Querstrebe am Schaft des Speeres hinderte diesen, zu weit einzudringen, und der Jäger konnte sich auf Abstand halten. Der Yshma starb schließlich und Wjastar holte sich das Fell, zog es mit dem scharfen Obsidianmesser geduldig ab und löste die besten Fleischstücke aus dem Kadaver, damit seine zukünftige Frau stark und kräftig wäre, und sein Sohn, den bald zu zeugen gedachte, diese Kraft in sich aufnähme und ein starker Mann würde! Den Rest des Fleisches konnte sich das Dorf holen, er würde ihnen die Stelle verraten, noch ehe er zu Oklum ging.
„Hehe, Oklum“, rief der Jäger vor dessen Hütte, nachdem er die drei Felle niedergelegt hatte.
„Hehe, Wjastar“, kam es von drinnen, und ein Bulle von einem Mann kam aus dem Eingang.
„Drei Felle!“ Der Jäger deutete auf den Stapel, und der große Mann prüfte sie eingehend.
„Schöne Pelze! Ashma!“ Seine Tochter kroch aus der Hütte, und ihr Vater schob sie zu Wjastar.
„Starke Söhne und schöne Töchter“, wünschte er Wjastar und begann, die Felle in die Hütte zu tragen. Wjastar aber schulterte die schlanke Gestalt Ashmas und trug die zukünftige Mutter seiner Kinder voller Vorfreude in seine Hütte, er wollte möglichst bald Vater werden.
*
„Also, hier ist vom Matriarchat nicht mehr viel übrig geblieben“, urteilte Louis Hofer bei der Betrachtung der Szene.
„Nein, nicht wirklich. Das ist schon eine sehr paternalistische Gesellschaft“, stimmte Sophia Kematakis zu, welche von der wissenschaftlichen Station die Sonde steuerte.
„Das war das sogenannte Matriarchat auch,“ meinte Dolasilla Moroder. „Nur weil Frauen das Sagen haben, ist es noch lange keine maternalistische Gesellschaft, sondern nur eine Umkehrung der paternalen Machtverhältnisse. Und auch wenn man am Anfang unseres Jahrhunderts auf der Erde immer behauptete, eine maternalistische Gesellschaftsform anzustreben oder gar schon zu leben, es war auch damals auf der Erde eine bevormundende Form des Zusammenlebens. Und eine extrem materialistische dazu!“
„Materialismus ist doch nichts Schlimmes“, wandte Rosalind ein. „Wir legen alle zusammen, verdreifachen damit dein Gehalt und du sitzt den ganzen Tag in einem Büro auf der Erde. Kein Raumschiff mehr für Sophia Kematakis!“
„Her damit, ich mache den Deal“, rief Ghlamh vom Ruder her lachend durch den Raum, während Sophia auffuhr. „Niema… Oh! Oh, ja, ich verstehe! Gut, Ideale müssen schon auch sein. Aber dieser ganze Hokuspokus mit den Kirchen kann mir gestohlen bleiben! Wenn ich an Oma Irini denke, dauernd in der Kirche, dauernd mit dem Popen bei uns zu Hause, damit das Kind nur ja griechisch-orthodox denken lernt! Pah! Meine Mutter hat schon gewusst, warum sie mich Sophia nannte, nach ihrer Mutter.“
„Und wie war der Name deiner Mutter?“ Dolasilla gab viel auf Namen, sie sollten nach Möglichkeit die Persönlichkeit eines Menschen wiederspiegeln.
„Medea. Das heißt ‚die Nachdenkliche‘. Und das war sie auch. Leider auch in der Bedeutung ‚die Grüblerische‘, diese Phasen waren dann nicht sehr lustig. Tja, Oma Sophia hat das Wesen ihrer Tochter gut erkannt.“
„Ist das nicht auch Hokuspokus?“ wandte Louis ein.
„Nein, das sind unterbewusste Wahrnehmungen irgendwelcher Schwingungen, die zwar noch nicht erklär- und nachweisbar sind, aber genau so wenig mit einem über uns wachenden Überwesen zu tun haben wie Telepathie oder WLAN.“ Dolasilla holte Luft, und Sophia sprach rasch weiter. „Nein, Dolasila, ES ist nicht göttlich, sondern nur mit unseren bisherigen Mitteln unerklärbar. Vielleicht entwickelt sich die Menschheit in die gleiche Richtung, und ES ist auch unsere Zukunft als Spezies! Halt, hier sind ein paar noch nicht ganz verfallene Ruinen. Also, vom Grundriss passen sie zu den Filmaufnahmen der ASO’OMIE!“ Sophia hatte sich auch während des Gesprächs nicht von den Bildern der Sonde ablenken lassen.
*
Sektor mittwärts-nord Thanthur Lok
Auf der OLYMPOS, im Orbit um Dead Man
Dead Man war ein Zwergstern der Spektralklasse Y. Er besaß etwa die halbe Größe der Sonne, dafür aber eine wesentlich dichtere Masse, seine Oberflächentemperatur betrug nur etwa 330 Grad Kelvin, das sind 60 Grad in Celsius. Sichtbares Licht sandte der alte Stern kaum mehr aus, nur an wenigen Stellen war noch dunkelrotes Flackern zu sehen, wenn ein etwas heißerer Teil des Kerns wegen einer tektonischen Bewegung durch die Oberfläche brach. Einsam trieb die Gravitationsquelle durch den Leerraum, gerade stark genug, um einen Transit in seine Umgebung zu erlauben. Hier, nahe dieses Zwerges hatte die OLYMPOS auf die SLEEPY HOLLOW und das Sichelschiff gewartet.
Der Topsider Arrch H’Roch hob seinen Kupferbecher mit Ch’ogh’urd!
„Auf den verdammt besten Jahrgang der besten Space Academy zwischen den Sternen“, rief er aus, ein wenig der bernsteinfarbenen Flüssigkeit schwappte über und benetzte den Tisch am Rand des Circle Ways gegenüber dem Spacers Dream, der traditionell an den Tagen der Beurteilungen für die zehn erfolgreichsten Kadetten des benoteten Jahrganges frei gehalten wurde. Arrch H’Roch belegte die achte Position, mit 87 von 100 möglichen Punkten, daher hatte er beschlossen, seinen Erfolg ausgiebig zu feiern. Es war bereits sein dritter Ch’ogh’urd, und das vergorene Getränk aus der Frucht des Ch’ogh-Strauches war ziemlich stark, daher sprach der Topsider bereits mit stark gelockerter Zunge. Johannes M’Waganga, mit seinen 97 Punkten der Beste des ersten Jahrganges, war ebenfalls nicht mehr ganz nüchtern, genau so wie die anderen Kadetten an dem Tisch.
„Wo bleibt sie nur?“ Auch Mietje van Hoorne als Fünfte des Jahrganges war durchaus zufrieden mit ihrer Leistung und spähte nach der zehnten Person aus. Von der zweiten Reihe aus beugte sich Cheng Hu, der es ‚nur‘ auf Platz fünfzehn geschafft hatte, zu Mietje vor.
„Dort kommt sie!“ zeigte er den Circle Way entlang, Applaus klang auf, als Chssia Agh’Chri, die erste Topsida im All, näher kam und als Neuntplazierte an dem Tisch Platz nahm.

„Ich möchte etwas los werden!“ Arrch sprang auf und knallte seinen Becher auf den Tisch.
„Darf Chssia nicht zuerst bestellen?“ rügte der junge Ssossri Kyssghan und stellte seine noch blassroten Federn am Kopf auf.
„Bitte, unterbrecht mich nicht, Kameraden. Es ist nicht so einfach für einen sturen, verbohrten Topsider wie mich, das Folgende zu sagen, aber ich habe in der letzten Zeit eine ganz wichtige Lektion gelernt! Als vor viereinhalb Monaten Chssia hier an die Academy kam, war ich beleidigt, sauer und außer mir, dass eine Topsida es gewagt hatte, das Imperium Topsid zu verlassen und dann auch noch hier studieren wollte. Ich tröstete mich aber damit, dass das dumme Mädchen schon irgendwann den Reaktor still legen und wieder nach Hause fliegen würde.“ Er machte einige beschwichtigende Gesten, als einige seiner Kameraden Luft holten, um zu antworten. „Ich weiß, ich weiß! Bitte wartet noch. Ich lag mit meiner Einschätzung aber so etwas von daneben, sie hat nicht nur unseren Vorsprung von viereinhalb Monaten aufgeholt, sondern auch noch einen Platz unter den besten Zehn erreicht. Und, wir wollen nicht vergessen, dank ihr hat unser Jahrgang die Pokale im Schießen mit der Faustfeuerwaffe und der Handfeuerwaffe gewonnen. Ich möchte mich bei dir entschuldigen, Chssia. Wir sind beide noch etwas zu jung, um wirklich Hokh’Ghutr’K’Chu zu sein, aber was ich tun kann und nachholen möchte, ist eine terranische Geste, die in etwa das selbe ausdrücken soll!“ Er streckte seine krallenbewehrte rechte Hand aus. „Ab jetzt, auf gute Kameradschaft, Chssia?“ Langsam, wie im Traum erhob sich die junge Topsida, sie züngelte aufgeregt, ihre Iris hatte sich vor Aufregung zu einem schmalen Schlitz verengt, der ihr Gesichtsfeld einengte, aber dafür ihr Gegenüber umso deutlicher für sie wahrnehmbar machte. Der Blick des Jägers, fokussiert, konzentriert, alles Unwichtige ausblendend. Ihre Brust hob sich stark, pumpte die große Lunge voll Luft, ihr Atem verhielt, sie hob ihren Arm und nahm die Rechte Arrchs langsam in die ihre.
„Auf gute Kameradschaft, Arrch“, sagte sie leise, dann schoss ihre Linke vor, ergriff seinen Becher, trank ihn mit einem Zug leer und knallte ihn mit der Öffnung nach unten auf die Tischplatte. Der Topsider legte darauf seinen Kopf in den Nacken und fauchte, laut, tief und anhaltend.
„Was bedeutet das alles?“ fragte Mietje verwundert.
„Oh, Arrch hat schon recht, wenn er sagt, dass wir noch zu jung für das Hokh’Ghutr’K’Chu, also für eine echte Waffenbrüderschaft sind. Außerdem wäre es das erste Mal, dass es einer Frau angeboten würde!“
„Aber sie hat meinen Becher geleert, damit hätte sie üblicherweise angenommen. So hat sie mich trotzdem geehrt, weil sie damit sagte, dass sie einverstanden wäre, wenn nicht das Alter im Weg stünde. Das mit der Frau habe ich hinter mir gelassen, das war mir jetzt egal!“
„Und er hat dann einfach gejubelt, so, wie ein Mensch vielleicht ein ‚Hurra‘ in die Welt geschrien hätte! Einfach ein Zeichen der Freude! Und jetzt, erlaubt bitte mir Küken in der Klasse, eine Runde Getränke für den anwesenden Jahrgang zu spendieren!“
„Später!“ Davide Rossi, der Wirt des Spacer Dreams, verteilte eine Runde Getränke an die Gäste an dem Tisch und die anderen übrig gebliebenen Kadetten des ersten Jahrganges, die ihr erstes theoretisches Jahr überstanden hatten und nun zwei Monate das gelernte in echten Raumschiffen üben sollten. Auch Ushilla, die Tochter Talamons, welche sich mit Mietje den fünften Platz teilte und wie Chssia den Vorsprung der anderen mit unermüdlichem Fleiß und ständigem Üben und lernen aufgeholt hatte und AmœPeg, welche sich von ihrem Gehörsturz rasch wieder erholt hatte, saßen an dem Tisch.
„Nanu?“, fragte Olav Veelander, die Nummer zwei des Jahrgangs. „Von wem?“
„Von dieser Dame dort“, wies Davide auf sein Lokal, wo eine große, schlanke Frau in weißer Admiralsuniform stand. Leises Gemurmel erhob sich, als Tana Starlight zum Siegertisch ging.
„Guten Abend, Leute“, sagte sie und hob ihr Glas. „Ich wollte keine lange Rede auf der Akademie schwingen. Es ist zwar unnötig zu erwähnen, aber ihr, ihr alle, die ihr noch hier seid, die Hundert, die von den anfänglichen Fünfhundert übrig geblieben sind, ihr habt ein Recht darauf, selbst auf euch stolz zu sein. Ich gratuliere euch von ganzem Herzen zum Erfolg, und besonders freuen mich Arrch H’Rochs Worte, danke dafür, Kadett. Und jetzt werde ich euch wieder verlassen, denn ich kann mich noch gut daran erinnern, nichts killt die Stimmung auf einer Party mehr als die Anwesenheit eines Vorgesetzten. Viel Spaß noch. Aber …!“ Sie hob den Zeigefinger. „Dass mir ja keiner von Ihnen es versäumt, in einer Woche zum Praxislehrgang anzutreten, klar?“ Damit ging sie durch die sich vor ihr öffnende Gasse aus Jugendlichen, verließ die Jahrgangsfeier wieder und überließ die fröhlich Feiernden sich selbst.
Ihr nächstes Ziel war die Space Academy, wo sie im Büro des Kommandanten auf drei Personen in der Starlightuniform traf. „Meine Damen, Mister Odheen, ich gratuliere ihnen.“ Sie schüttelte jedem die Hand. „Sie sind über ihre Schatten gesprungen und trotz bereits höherer Ränge noch einmal als Kadetten zur Schule gegangen. Colonel Bruce Doughall hat sie genauesten unter Beobachtung gehabt, und er glaubt, dass sie alle drei hervorragende Kosmonauten sind. Wir haben sie als ältere Menschen aus der Wertung genommen, denn sie werden noch heute ihr Offizierspatent der Starlight Space Academy erhalten. Die praktischen Übungen sind doch nur Training für die Nervenstärke, wenn man realisiert, dass man nicht mehr im Simulator, sondern in einem echten Raumschiff sitzt. Und diese Stärke haben sie alle bereits bewiesen, bevor sie zu uns kamen. Colonel, die Mappen, bitte!“ Der Kommandant der Space Academy reichte Tana drei rauchblaue Aktenmappen mit dem Starlight-Stern darauf. Sie öffnete die erste und entnahm ihr zwei Schlaufen mit je einem goldenen, achtstrahligen Stern.
„Lieutenant Daja Sibseg, ich gratuliere Ihnen zur Beförderung!“ Mit diesen Worten entfernte sie die Kadettenringe von den Schulterklappen der Ausgangsuniform und steckte statt dessen auf jede einen Stern, dann wiederholte sie dieses Ritual auch bei den Lieutenants ŮtuGhan und Bheri Odheen! „Diese Mappen enthalten ihre schriftlichen Beförderungen – und den Code, damit sie auch an den Raumanzügen ihre Rangabzeichen programmieren können!“ Tana verteilte die Mappen an ihre Besitzer und lächelte. „Es werden wohl noch einige Papiere und Beförderungen in der Mappe dazu kommen. So wie diese hier, ihre ersten Einsatzbefehle. Ich schicke sie auf die KLEOPATRA, Commander Carol Anne Firth benötigt dringend wieder Kommandanten für ihre Korvetten. Eine Woche Urlaub, dann ist die KLEOPATRA hier, und sie melden sich bei der Commander. Danke, Lieutenants! Wegtreten!“ Tana wartete, bis die frisch gebackenen Lieutenants das Zimmer verlassen hatten, dann verabschiedete sie sich von Colonel Doughall. „Bis zum nächsten Mal, Bruce. Sie haben gute Arbeit geleistet!“
„Danke, Miss Tana. Sie kehren wieder auf die HATHOR zurück?“, fragte er.
„Ja, und ich freue mich schon, wenn die Ashyagada-Schmid-Fenster endlich überall eingebaut werden können. Aber die zwei Erfinder sind sich noch unsicher, ob nicht die Konverterkanone eine gewisse Zeit nach dem Abfeuern noch schwere Auswirkungen auf die Verbindung haben könnte. Verwandte Energien, die einander vielleicht stören – oder vielleicht auch nicht. Egal, besser, sie testen auf Herz und Nieren, damit die Verbindungen wirklich sicher sind. Rufen sie doch jetzt bitte im Hangar an, meine Empfehlung an Fregattenkapitän T’Ch‘Rr K’Chor, er möge die HIMALAYA startbereit machen, ich komme gleich hinunter. Danke, Bruce!“
„Mein Vergnügen, Miss Tana!“
*
Die F-HAT 01 HIMALAYA war eine der 16 Fregatten, welche die HATHOR an Bord hatte, ein nagelneues, achtzig Meter durchmessendes Kugelschiff mit dem typischen Ringwulst um den Äquator. Gegenüber den etwas kleineren Korvetten gab es nicht sehr viele, aber dafür gravierende Unterschiede in der Einrichtung. Der gewonnene Raum wurde für die Kompaktkonverter genutzt, damit konnten die Schirme um beinahe dreißig Prozent verstärkt werden, der Rest der Kapazität floss in eine Konverterkanone in der nördlichen Polkuppel. Die restlichen achtzehn Geschützkuppeln waren auf sechs im Ringwulst mit 18 Meter langen Geschützen im Kaliber 120 Zentimeter, und je sechs auf den Halbkugeln mit mittelschweren und leichten Kanonen sowie Narkose- und Hypnosestrahlern verteilt. Ihr kommandierender Offizier, Fregattenkapitän T’Ch’Rr K’Chor, war in seiner Heimat ein hochdekorierter Kommandant eines schweren Kreuzers gewesen, 300 Meter lang, die Walze ein Durchmesser von 18 Metern, die Kugelzelle 48. Der Topsider, der bereits einen dem Major entsprechenden Dienstgrad innehatte und auf Topsid als erfahrener Kosmonaut galt, hatte für zehn Jahre die Rückstufung auf den Rang und das Gehalt eines Fregattenkapitäns in Kauf genommen. Wenn Starlight Enterprises ihm das Schiff, welches er eben kommandierte, nach Ablauf der 10 Jahre als Eigentum überließ, denn trotz ihrer relativ geringen Größe war die HIMALAYA durch die Konverterkanone und die starken Schutzschilde einem Schlachtkreuzer Topsids an Kampfkraft weit überlegen und benötigte trotzdem nur 16 Personen an Besatzung. Man wurde sich leicht einig, eine Fregatte neu zu bauen ging mit den Mitteln der Firma weit schneller, als erfahrene Offiziere auszubilden. Jetzt sofort durfte sich der Despot von Topsid für die Freistellung einiger Offiziere und Mannschaften über einen schweren Kreuzer von 200 Metern Durchmesser freuen, mit neuester Antimaterietechnologie ausgestattet. Die Konverterkanonen sowohl des Kreuzers als auch der sechs Fregatten, die ihre Kommandanten für ihre Dienste erhielten, ließen alle nur eine Einstellung zu. Nämlich eine für die terranischen Schilde ungefährliche, und die Kompaktkonverter wären ohne Reintegrator ohnehin nur unzulänglich zu kopieren, selbst wenn die topsidischen Fregattenbesatzungen die Informationen nach Hause senden sollten.
T’Ch’Rr K’Chor hatte noch fünfzehn seiner Crewmitglieder mitgebracht, alle hatten eine Hypnoschulung in der Bedienung der neueren Geräte und Instrumente erhalten. Die Beschriftung hatte man nicht verändern müssen, den selbstverständlich sprachen und lasen die topsidischen Kosmonauten die arkonidische Sprache und Schrift wie ihre eigene, die Navigations- und Steuerkonsole war ebenfalls der arkonidischen noch ähnlich genug, um keine Probleme zu bereiten. Nur die wissenschaftliche und die technische Station, die Kommunikationsanlage und der Waffenleitstand waren völlig neu gestaltet, und die Oberfläche mancher Schalttafeln und Touchscreens hatte man noch extra versiegelt, um sie gegen die Krallen an den sechs Fingern der Reptilien unempfindlicher zu machen. Manchmal verließ nun einmal auch den erfahrensten und ruhigsten Menschen die Beherrschung, egal ob er nun von Säugern oder Echsen abstammte. Alle Besatzungsmitglieder der HIMALAYA hatten zu Hause soeben ihren Teil der Brutpflege erfüllt, daher war nun ihre zehnjährige Abwesenheit für ihre Partnerinnen ohne großen Belang. Selbstverständlich wurden deren Ausgaben durch Zahlungen des Arbeitgebers ihrer Männer großzügig gedeckt.
Auf dem Hangardeck der OLYMPOS herrschte hektische Dynamik, es wurden immer Schiffe und Boote gewartet und mit neuen Vorräten bestückt, auch wenn Schäden selten waren. Trotzdem wurden Rümpfe und Einbauten regelmäßigen Untersuchungen unterzogen, Sicherheit war für die Firma ein beinahe religiöses Credo. Nur Pasagiere und Fracht sah man derzeit keine, alle diesbezüglichen Flüge waren nach Absprache mit Perry Rhodan nach First auf die HEPHAISTOS umgeleitet worden, bis die OLYMPOS wieder zurück in das System von Reggys Stern gekehrt war. Die schlanke Frau in der unauffälligen rauchblauen Starlightuniform fiel in dem Trubel überhaupt nicht auf, als sie zur HIMALAYA ging und dort in den Lift stieg. Dieses Mal wurde die Teleskopröhre gleich mit eingezogen, die Bodenplatte fügte sich beinahe nahtlos in Rundung des Rumpfes und versiegelte die Öffnung absolut dicht. Oben in der Schleuse schritt Tana Starlight zu einem internen Kommunikator.
„CO, Starlight ist an Bord. Bitte nehmen sie Kurs auf die HATHOR. Ich komme gleich auf die Brücke. Keine Zeremonie.“
„Verstanden!“ kam die Antwort des kommandierenden Offiziers. „Start erfolgt nach Freigabe durch OLYMPOS!“
„Danke, CO!“
Als Tana die Brücke des kleinen Schiffes betrat, schwebte die HIMALAYA eben durch das röhrenförmige Kraftfeld aufwärts, über der Fregatte öffnete sich die Irisblende und die HIMALAYA passierte die Außenwand der OLYMPOS, die sich hinter ihr wieder schloss. Dann erst, wenn alles dicht war, würde man das Kraftfeld wieder mit Luft fluten und abbauen, bis das nächste Schiff ankam!
„Das Schiff ist frei, CO!“ meldete Phrr’Orgh von der Ruderstation in einwandfreiem Arkonidisch. „Beschleunige jetzt!“
„Navigator, Transit zur HATHOR im System Zoltrals Stern berechnen, Ausführung so bald wie möglich“, befahl T’Ch’Rr, und Hrra’Ghorr bestätigte.
„Transit HATHOR, Zoltrals Stern. Ausführung schnellstmöglich, Aye!“ Das schottische ‚Aye‘ als Bestätigung für einen Befehl hatte wie das Sir und Ma’am über die britische und später amerikanische Navy seinen Weg bis in das All gefunden, und viele Personen, die noch nie etwas von Terra gehört hatten, benützten die Worte bereits, ohne sich über ihren Ursprung auch nur den geringsten Gedanken zu machen.
Auf dem Heckbildschirm war zu erkennen, dass jenes gekaperte Sichelschiff mit starken Traktorstrahlen fest an die OLYMPOS gefesselt worden war. In den insgesamt achtzehn Türmen begannen nun die mächtigen Triebwerke zu arbeiten und trieben die Station in die dem Kurs der HIMALAYA entgegen gesetzte Richtung, beschleunigten die große Station mit gemütlichen 450 Kilometern im Sekundenquadrat ihrem Sprungpunkt zu, und Tana wusste, dass nur auf den Aussichtsdecks etwas davon zu bemerken wäre. Am Steuerpult der HIMALAYA zog Phrr’Orgh die Schieberegler des Antriebs bis zum Anschlag und gab volle Energie. Die HIMALAYA beschleunigte mit 730 Kilometern im Sekundenquadrat und raste auf ihren idealen Sprungpunkt zu, den sie selbstverständlich lange vor der OLYMPOS erreichen würde, die Neuronik übernahm und zählte wie üblich die letzten Sekunden. Das Feld öffnete sich und die Fregatte raste in das System von Zoltrals Stern, und sofort gab Phrr’Orgh Gegenschub, während er die HATHOR ansteuerte.
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M13, Sektor spinnwärts-süd, mittlerer Bereich
TAL I, im Orbit um „Ende der Träume“
Der große, grüne Überschwere stampfte durch das bestellte Schiff und fuhr mit der Hand über die exakt glatten Wände, kontrollierte das leichte Waffelmuster auf dem weichen Fußboden.
„Das sieht alles verdammt gut aus, Reginald Meunier“, lobte er. „Die Farbmarkierungen sind klassisch arkonidisch?“
„Ja, soweit ich weiß, haben die Mehandor diese Codierung übernommen.“
„Haben wir“, brummte Talamon. „Oh! Sie haben da aber eine Menge Toiletten eingebaut. Na ja, hat schon seine Vorteile, wenn man diese Wege kurz hält. Wie macht sich eigentlich meine Tochter?“
„Sie ist die Fünftbeste ihres Jahrgangs, gemeinsam mit einer anderen Frau!“ gab Meunier Bescheid. „Sie hat sich bei uns recht gut eingelebt, zeigt Selbstbeherrschung und übt sich in Disziplin!“
„Ich habe ihnen doch nicht aus Versehen die falsche Tochter geschickt, oder?“ Talamon konnte es nicht glauben, dass Ushilla gehorchen lernte.
Reginald lächelte kurz. „Sie hat ein Ziel, und das will sie unter gar keinen Umständen auf’s Spiel setzen. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, irgendwann einmal zumindest ein schweres Schlachtschiff der Mätressen-Klasse zu kommandieren. Derzeit fiebert sie allerdings erst einmal ihrem ersten echten Flug mit einer Spacedisc entgegen!“
„Hm! Und Fünftbeste bisher, und das mit einen anfänglichen Rückstand von mehr als vier Monaten. Das ist nicht schlecht. Gar nicht schlecht.“ Talamon gab sich zufrieden, nur schwach schimmerte sein Stolz auf die Tochter durch. „Was ist das hier?“
„Unterrichtsräume, Talamon.“ Reginald schlug die entsprechende Seite in den Plänen auf seinem Pad auf, die als Hologramm in der Luft zu schweben schienen.
„Wo sind dann die Schlafsäle?“, wunderte sich der Mehandor. „Wo sollen denn die Jugendlichen wohnen, die nicht mehr zu Hause sind?“
„Nun, hier!“ Reginald hob einige kleine Quartiere farblich hervor.
„Das sind ja eigene Zimmer für jeden“, rief Talamon überrascht. „Das, das ist nicht gut! Gar nicht gut“, jammerte der grinsend. „Da können die jungen Mädchen ihre Freunde mit auf das Zimmer nehmen und umgekehrt! Wer soll denn da aufpassen, dass nichts geschieht? Was ist, wenn…? Wie macht ihr denn das?“
„Ach, wir verpassen den jungen Leuten einfach eine Injektion, um Schwangerschaften zu vermeiden und kümmern uns sonst nur darum, wenn es nicht freiwillig geschieht oder einer von Beiden zu jung für den anderen ist!“
„Und das ist alles?“, tat Talamon überrascht.
„Nun, egal wie wir die jungen Leute unterbringen, sie finden immer einen Weg zueinander“, lachte Reginald.
„Schon richtig!“ stimmte Talamon zu. „Aber man darf es ihnen doch nicht so leicht machen! Wo bleibt denn da der Reiz des Verbotenen?“ Reginald musste wieder einmal Lachen, immerhin war er unter Springern.
„Wie war das bei ihnen?“, fragte er, Talamon bekam weiche Züge und lachte mit.
„Ich war sechzehn, und Zuminia war etwa zwanzig Jahre älter als ich. Alle Männer waren hinter ihr her, sie hatte den größten, rundesten und schönsten Hintern, den man sich nur vorstellen kann, und wenn ich meine Finger in ihre weichen und doch festen Backen gekrallt ha… das tut jetzt überhaupt nichts zu Sache, sie junger Lümmel, das ist doch etwas anderes! Etwas ganz anderes! Ich meine, ein junger Mann sollte schon etwas Erfahrung sammeln, ehe er heiratet! Die Hörner abstoßen und so!“
„Und Mädchen nicht?“ fragte Meunier. „Dafür gibt es doch die Verhütungsmittel!“
„Ich sehe die reinste Anarchie auf die TAL I zukommen, ausschweifender Hedonismus wird sich hier genau so wie bei euch breitmachen.“ Seine grotesk übertriebene Verzweiflung brachte Reginald noch einmal zum Lachen. „Ja, lachen sie nur, Reginald Meunier!“ Talamon fiel in das Lachen mit ein. „Wieso sagen wir immer, wenn wir jung sind, dass wir nicht so verzopft wie unsere Alten sein möchten, dass es Zeit wird, der Jugend weniger zu verbieten und dass wir Jungen schon wüssten, wen wir im Bett haben wollen. Und irgendwann reden wir wie unsere Eltern und möchten die Kinder auseinander sperren. Gleichzeitig sind wir stolz auf ihre Eroberungen, das ergibt keinen Sinn, oder?“
Reginald grinste. „Ergibt es nicht. Ich weiß nur, dass ich als Teenager hinter jedem Mädchen her war, und das ich einem Typen wie mir, der sich eines Tages an meine Tochter wagen wird, liebend gerne sämtliche Knochen brechen würde.“ Talamon brach in das lauteste Lachen aus, das ein Terraner je gehört hatte und holte mit der Pranke aus, um sie Reginald auf die Schulter zu schmettern. Zum Glück erinnerte er sich der zarten Konstitution seines Gastes und lenkte den Schlag gegen die Wand ab und verpasste der einen Schlag, dass es durch das Schiff hallte.
„Offenbar sind sich unsere Völker in vielerlei Hinsicht ähnlich! Eure Starlight Enterprises könnte glatt als Springersippe durchgehen! Gehen wir weiter. Jedes dieser Minizimmer hat eine Nasszelle für sich? Nun, zumindest da passen noch keine zwei Personen hinein!“
In einem der großen Maschinenräume testete eine Technikercrew unter dem leitenden Ingenieur Talamons, einem ‚schmächtigen‘, kleinen Mann, der zu seinen 146 Zentimetern Körpergröße nur 123 Zentimeter Schulterbreite aufwies und seine Mannschaft mit ruhiger Bestimmtheit kommandierte, die Maschinen.
„Wie gefällt dir die Maschinenanlage, Polmunthar?“ fragte Talamon, als dieser eben ein Messgerät abzog.
„Wenn diese Anzeigen hier stimmen, und alle unabhängigen Messungen sprechen dafür, dann haben wir hier wirklich das versprochene Energiebündel. Patriarch, ich gestehe, ich habe noch nie so einen starken Annihilator in dieser geringen Größe gesehen. Die versprochenen fünfunddreißig Prozent mehr Leistung des Reaktors gegenüber klassischen Modellen dieser Größe ist nach meinen Messungen allerdings nicht ganz korrekt.“
„Nein?“ Talamon kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Wieviel ist es denn?“
„Wenn man diesen Reaktor als hundert Prozent betrachten muss, dann haben alte Reaktoren dieser Größe 61,2946 Prozent dieser Leistung.“
„Oh!“ Talamons Augen wurden wieder rund. „Das ist gut, sehr gut sogar!“

Am Ende der Besichtigung trafen sie auf der Brücke ein, wo bereits einige Mehandor Prüfprogramme gestartet hatten und die Einrichtung auf Herz und Nieren prüften.
„Ach, hier ist ja sogar ein Sessel, in den ich ohne Probleme hinein passe“, freute sich Talamon, der alle anderen Überschweren an Größe weit übertraf. Die Tal waren immer schon groß gewesen, aber Talamon lag mehr als zwanzig Zentimeter über dem Durschnitt, und auch Ushilla war mit 15 Jahren bereits weit größer als jeder durchschnittliche Mann der Sippe. Ein genetischer Ausrutscher, der scheinbar vererblich war.
„Nach Maß, die Oberfläche besteht aus anpassungsfähigem Material, was die Temperatur angeht. Da kann man selbst in der Unterhose angenehm darauf sitzen, wenn der Alarm losgeht und man ist gerade unter der Dusche!“
Das Lachen Talamons dröhnte durch die Zentrale, und er hieb amüsiert auf die Armlehne seines Sessels. „Oder anderweitig beschäftigt ist, stimmt’s, Freund Reginald?“
„Auch das!“ grinste Meunier. „Was geschah eigentlich mit Zuminia?“
„Sie hat dann doch noch geheiratet, drei Kinder bekommen, und ich habe gehört, sie ist wieder schwanger“, erzählte Talamon. „Sie ist immer noch eine schöne Frau, mit ihren 104 Jahren ist sie ja gerade in der Blüte ihres Lebens. Wir sind immer noch befreundet, aber nachdem ich mich ein halbes Jahr mit ihr getroffen habe, hat mir meine Mutter einige Mädchen vorgestellt und mir ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Eines von denen habe ich dann geheiratet, Ushillas Mutter Ushuma!“ Der Mehandor hob die Hand. „Eine gute Frau und Mutter, sie hat mir drei Söhne und zwei Töchter geschenkt und sieht auch immer noch hübsch aus. Ich habe es gut getroffen und Glück gehabt. Was ist mit ihnen, Reginald?“
„Meine Tochter Claudine ist etwa ein Jahr alt, Talamon, und ich bin überaus glücklich verheiratet.“ Reginalds Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an, aber er fand schnell wieder in die Gegenwart zurück. „Allerdings hatte ich vorher auch einige Abenteuer, einmal glaubte ich schwer verliebt zu sein, aber sie hat mich für einen anderen abserviert! Ihre Freundin hat mich ganz schnell trösten können!“ Tanas Sohn grinste. „Also, so groß war die Liebe damals wohl doch noch nicht!“
Talamon nickte. „Seien wir froh über unsere Frauen, Reginald Meunier, sie machen die Welt zu einem schöneren Platz!“
Ein zweiter grünhäutiger Mehandor kam auf Talamon und Reginald zu gestapft, er war 154 Zentimeter groß und trug seinen flammend roten Bart zu unzähligen dünnen, aber langen Zöpfchen geflochten, die in der Mitte des Kinnes geteilt, über die Schulter geworfen und im Nacken mit einer wertvollen Spange aus Edelstein zusammengehalten wurden.
„Das Schiff entspricht den bestellten Parametern, Patriarch. Wir haben alles gründlich kontrolliert und konnten keinen Fehler finden, wir könnten sofort damit in eine Schlacht fliegen!“ Dann gingen doch die Gefühle mit dem Mann durch. „Das Schiff ist einfach grandios!“
„Dann schlage ich vor, wir beschleunigen einmal und sehen uns diesen Stern hier an.“ Reginald deutete im Kartenhologramm auf ein nahes System. Talamon zuckte die Schultern.
„Warum nicht? Polthor, du hast es gehört, klar Schiff für Manöver, alles auf Station! Kamimar, ruf die KLEOPATRA an und gib ihnen die Koordinaten durch. Sonst glauben die noch, wir wollen Reginald Meunier entführen. Dann gibst du der TAL II Bescheid. Alles klar? Dann los!“
Der 1.400 Meter lange walzenförmige Koloss mit den vier Geschützaufbauten erwachte rasch zum Leben. Positionslichter flammten in der Dunkelheit auf, die Magnetfelder der noch nicht gestarteten Triebwerke verrieten durch sanften, blauen Schimmer ihre Bereitschaft. Dann brachen lange Feuerzungen aus den Öffnungen an einem Ende, zu Beginn scheinbar zögerlich, doch rasch schneller werdend, raste die TAL I ihrem Sprungpunkt entgegen, stets begleitet von der KLEOPATRA, während die TAL II immer weiter zurück fiel. Talamon sah auf den Beschleunigungsmesser.
„Mehr als 70 Dran pro Zentitontaquadrat?“, fragte er.
„Die gute TAL II ist kleiner und schafft gerade mal 67,5. Was für ein Schiff“, begeisterte sich Polthor, der neben dem Patriarchen Platz nahm.
„Möchtest du den Posten meines ausführenden Offiziers auf diesem Schiff oder lieber das Kommando über die TAL II?“, fragte Talamon, und Polthor grinste obszön.
„Du willst doch nur weiterhin meiner Frau auf den Hintern glotzen können! Aber schön, Beziehungen gleich welcher Art muss man ausnützen, wir werden auf die TAL I übersiedeln!“ Talamon lachte dröhnend und hieb Polthor auf die Schulter.
„Seine Frau hat aber auch ein schönes Hinterteil! Das schönste in der ganzen Flotte. Ihr Name ist übrigens…“
„Zuminia?“, vermutete Reginald. Beide Springer waren wieder amüsiert.
„Richtig geraten“, japste Polthor. „Weil er zu blöd war, habe ich den Haupttreffer gemacht!“
„Hey, sag jetzt nicht so etwas“, polterte Talamon. „Ushuma ist eine gute Frau!“
„Das ist sie“, stimmte Polthor ernst zu, dann verzog sich sein Gesicht wieder zu einem breiten Grinsen. „Wenn man auf große, dürre Frauen steht!“
„Mein guter Freund, du bist viel zu oberflächlich“, rügte Talamon. „Die inneren Werte zählen, und außerdem sieht Ushuma sehr gut aus!“
„Ja, das ist schon richtig! Ich sage auch schon nichts mehr“, lachte Polthor, aber seine Lippen formten lautlos die Worte ‚lang und dünn‘, Talamon tat, als wolle er ihn schlagen.
„Heute Abend, Trainingsraum vier, ich werde dich verdreschen, bis du um Gnade winselst!“
„Wer hier wen verdrischt, werden wir ja…“
„Transit in drei Zentitontas“, unterbrach eine angenehme Stimme von der Decke das Geplänkel.
„An der Stimmlage kann man einiges ändern“, sagte Reginald. „Wir haben sie für den Anfang ziemlich neutral gehalten.“
„Schon recht so“, nickte Talamon. „Wollen sie sich für den Übergang nicht setzen?“
„Nicht nötig, Talamon. Ah, es geht los!“
„Achtung, Transit“, meldete die Computerstimme, und sowohl die TAL I als auch die KLEOPATRA erschienen in dem System eines kleinen, orangen Sternes, das aus zwei Gasriesen ohne Lebensformen und einer Menge Asteroiden bestand.
„Es war tatsächlich überhaupt nichts zu fühlen“, wunderte sich Polthor erfreut. „Ich hatte schon Mühe, das mit dem Verbergen des Sprunges vor Ortungsgeräten zu glauben, bis ich es einmal erlebt habe. Aber das? Ein Schiff dieser Größe, und nicht die geringste Erschütterung, nicht der kleinste Transitschmerz! Und dazu ein völlig überraschendes Auftauchen ohne Vorwarnung. Was für ein Schiff!“
„Achtung, Ortung! Transit, Objekt zeichnet! Transponder meldet TAL II.“
„Auch schon da!“ brummte Talamon. „Dann wollen wir einmal die Geschütze erproben. Da draußen gibt es jede Menge Schrott für Zielübungen!“
„Jeder Geschützturm verfügt über einen eigenen Annihilator, kann aber auch zentral versorgt werden, je nach Bedarf. Die mittelschweren und leichten Geschütze haben einen gemeinsamen Reaktor, aber im Notfall kann auch die Waffenenergie auf Schirme oder Antrieb geschaltet werden!“ erklärte Reginald.
„Gut, dann werden wir zumindest nicht ohne Licht sterben, wenn wir die große Reise einmal antreten müssen.“
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Thanthur Lok, Zoltrals Stern
„Das Ei ist im Nest, und das Nest ist unterwegs“, gab Tana Starlight von Bord der HIMALAYA durch.
„Sehr gut, Tana!“ Atlan erschien auf dem Schirm. „Dann sollten wir uns einen Angriff auf Vombars Stern überlegen, die trichterförmige Struktur ist schon recht fortschritten. Immerhin war das auch unser primäres Ziel, bis uns der Notruf von hier erreicht hat!“
„Ich bin durchaus dafür. Die NEITH soll doch schon einmal mit den Berechnungen beginnen, ich schleuse in wenigen Minuten in der HATHOR ein.“
„Ich schlage im System ZAS-491/32 den Einsatz einer Arkonbombe gegen die Gitterstruktur vor“, ertönte die Stimme des arkonidischen Rechenzentrums. „Unter Umständen auch gegen die inneren Planeten, auf denen es kein Leben mehr geben kann.“
„Zumindest kein arkonidisches“, bemerkte Atlan. „Gut, ich bin durchaus dafür.“
„Dem kann ich mich nur anschließen“, bemerkte Rhodan von Bord der INTREPID.
„Einverstanden“, gab Tana an den Neurogenten weiter.
„Gut! Neurogent Ende!“
„Also gut, Tana, deine Flotte ist am nähesten an der Struktur, als solltest du die Zerstörung dieser Konstruktion übernehmen“, überlegte Atlan.
„Äh, würde ich ja machen, aber ich habe noch keines von den Teufelsdingern gebaut. Das erschien mir nie wichtig!“
Atlan schloss die Augen. „Dann ist auf der NEITH wohl auch keine?“
Tana schüttelte den Kopf. „Mm, nein!“
„Perry? Hast du…?“
„Ich fürchte, mir geht es genau so, irgendwie war alles andere wichtiger als eine solche Bombe!“
„Dann werden wir wohl den Neurogenten darum bitten…“
„Admiral, bitte um Entschuldigung für die Unterbrechung!“
„Ja, wer spricht?“, fragte der Arkonide. „Captain Walentina Jewgenjewna Tereschkowa, Sir!“ Ein junges Gesicht mit hohen, slawischen Wangenknochen sah Atlan vom Bildschirm an. „Kommandantin der STARDUST II. Dieses Schiff wurde zwar oft überholt und modernisiert, aber die Lager hat man nie angerührt. Als ich das Kommando übernommen habe, ordnete ich eine Inventur an. Ich kann melden, wir sollten 30 Arkonbomben an Bord haben. Ich habe bereits angeordnet, dass man diese Information verifiziert. Es sollte… Ja? Ja, danke!“ Sie hatte kurz zur Seite geblickt und wandte sich wieder Atlan zu. „Sir! Melde 30 Arkonbomben auf Lager!“ Tereschkowa salutierte förmlich auf russisch.
„Captain, ich könnte sie küssen“, rief Atlan. „Vor dem Neurogenten zuzugeben, dass wir ein Machtmittel nicht besitzen, hätte uns in eine böse Lage bringen können!“
„Ich komme darauf zurück, Admiral“, lachte Walentina Jewgenjewna. „Auf das mit dem küssen, meine ich. Aber jetzt haben wir zuerst Wichtigeres zu tun, ich erwarte ihre Anweisungen, Sir“
Auf der HATHOR angekommen, suchte Tana die Brücke auf. „Also, wie sieht die Zeitrechnung aus?“
„Bereitschaftssignal von der NEITH!“, meldete Ghoma. „Start der Flotte in 30 Minuten.“
„Gut. Wo ist der Bereitstellungsraum?“, fragte Tana.
„System ZBU-378/31. Entfernung von Vombars Stern 3,7 Lichtjahre Terranorm. Start des Angriffs in 20 Stunden“
„In Ordnung. Verbindung zum Neurogent!“
„Neurogent hört, Tana Starlight!“
„Start des Angriffs von ZBU-378/31 in 14,1 Tontas auf Signal von der NEITH. Exakte Koordinaten und Zeitplan ein Tonta vor Signal.“
„Einverstanden. Eine Flotte wird zum richtigen Zeitpunkt im System ZBU-378/ 31 bereit sein. Neurogent Ende!“
„Gut!“ Tana Starlight dehnte sich. „Nach der Ankunft in ZBU-378/ 31 übernimmt die Charly – Schicht sofort. Bravo übernimmt wieder zwei Stunden vor dem Angriffssignal. Entspannen, Ausruhen, wenn es nicht funktioniert, hat die Krankenstation Ruhe und Entspannung im Arzneischränkchen.“
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Sol System, Terra
Matto Grosso do Sul, Brasilien
Der kleine Laser bewegte sich von einem Computerprogramm gesteuert über die Oberfläche einer zähflüssigen Masse und verfestigte sie dort, wo er auftraf. Nach einigen Minuten hob sich eine Bühne aus der Flüssigkeit und ein kleiner, quirliger Mann mit langen, karottenfarbigen Haaren und langem, schütteren Bart nahm einen perfekten menschlichen Oberarmknochen aus dem 3D–Drucker, den er vorsichtig an die richtige Stelle eines Skeletts legte, das auf einem Tisch ausgelegt war. Eines künstlichen, menschlichen, aber noch nicht ganz fertigen Skeletts.
„Was soll das werden, Timnatar“, rief ihm ein anderer, ähnlich aussehender Mann zu, der mit einer Amazone mit wilder Lockenmähne auf einem erhöhten Gang über Labor stand.
„Ein Androidenskelett in der gleichen Dichte wie ein terranisches, Brüderchen“, antwortete der kleine Mann im weißen Laborkittel. „Wenn es fertig ist, wird es auf jedem Röntgengerät der Terraner wie echte Knochen aussehen.“
„Und weiter?“ fragte die Amazone, Timnatar straffte ein wenig seine schmächtige Gestalt.
„Wenn das Skelett fertig ist, umgebe ich sie mit den künstlichen Muskelfasern, welche in der Retorte dort heranwachsen, die Haut nachzubilden wird auch kein Problem, ebenso die Organe. Die Energie kommt von einer kleinen Atombatterie, die man als künstliches Gelenk oder etwas, das die Menschen Herzschrittmacher nennen, tarnen kann. Dazu eine getarnte Neuronik, ein Ausweis für die Implantation, der perfekte Infiltrator, den kein Telepath erkennen kann.“
Die Amazone kam die Treppe hinunter und ging mit schwingenden Hüften auf Timnatar zu. „Gut! Ich mag Männer mit viel Grips und Phantasie!“ Sie blieb neben dem Labortisch stehen und betrachtete die ausgelegten Knochen. „Erkläre es mir genauer! Wie befestigst du die Muskeln. Da muss es doch Gewebe geben, das die Muskeln an ihrem Platz hält“
„Eigentlich das gleiche Prinzip, das auch unsere Muskeln am Knochen hält, Yommanie. Es handelt sich um…“ Mehr hörte Timerrey nicht, er schloss die Tür und begab sich wieder an seine Arbeit am Sender.
Jeffraëy sah von den endlich richtig funktionierenden Bildschirmen auf, welche die Umgebung abbildeten.
„Die Kameras funktionieren hervorragend, Timerrey. Danke, dass wir nicht mehr von Insekten aufgefressen werden müssen.“ Der kleine Springer winkte ab.
„Schon gut, mir hat es auch keinen Spaß gemacht, dauernd Wache zu stehen.“
„Aber es war nötig!“ meinte Lamarisia.
„Wir könnten Besuch bekommen!“ Mairona war hinzugekommen. „Aus Brasilia hört man, dass vielleicht eine freie Agentin geheim nach Paraguay unterwegs sein könnte. Der Weg von Rio über die grüne Grenze könnte hier in der Nähe vorbeiführen. Andererseits soll die gleiche Agentin auf einer Raumstation im Gopkar–Sektor unter Beobachtung stehen und eine Möglichkeit für ein Eindringen in Novo Baikonur suchen.“
„Die Frau scheint sich darauf zu verstehen, ihre Spuren zu verwischen.“ Lamarisia stand auf. „Ich schlage vor, sie zu eliminieren, wenn sie uns zu nahe kommt!“
„Wenn sie uns zu nahe kommt, darfst du sie erschießen, aber zuerst möchte ich wissen, was sie wirklich will und weiß. DANN kannst du sie eliminieren“, beschied Timerrey. „Aber du darfst schon vorher mit ihr spielen, damit sie die Wahrheit sagt!“
„Oh ja, Timerrey, das ist doch einmal ein Versprechen! Darauf freue ich mich schon.“ Sie zog ein Messer aus dem Stiefel und prüfte seine Schärfe. „Ein wenig stumpf geworden, ich glaube, ich muss es nachschärfen.“ Damit verschwand sie in ihrem Zimmer.
„Die Frau macht mir Angst!“ gestand Jeffraëy. „Es ist ja nicht so, dass ich ein wirklich zärtlicher Liebhaber bin, ich mag es, wenn ich richtig zupacken kann, ohne dass die Frau gleich daran zerbricht. Aber sie wollte eine noch viel härtere Gangart, das war sogar mir schon zu viel. Ich will jetzt gar nicht erzählen, was sie gewollt hat, aber sie genießt es, entweder selbst starke Schmerzen zu erleben oder sie anderen zu bereiten.“
Mairona nickte. „Ich habe nichts dagegen, wenn nötig für die Sache zu töten. Aber jemand zu quälen, zu foltern, und dabei noch Lust zu empfinden, das ist irgendwie – krank!“
„Sie macht eine wichtige Arbeit“, brummte Timerrey. „Wir dürfen uns keine Schwäche erlauben, wir müssen alles daran setzen, unseren Auftrag zu erfüllen. Alles! Wir müssen ganz einfach Erfolg haben und Atzgol hier her lotsen!“
„Um jeden Preis?“, flüsterte Mairona.
„Um jeden Preis“, nickte Timerrey. „Diese Menschen haben unsere Sippe beinahe vernichtet, das schreit nach Rache!“
„Da hast du ja recht“, gab Jeffraëy zu. „Na, warten wir ab, vielleicht kommt sie ja gar nicht, und sie ist wirklich Lichtjahre von der Erde entfernt.“
„Oder Lamarisia hat recht und sie sucht uns bereits!“ Timerrey setzte eine elektronische Lupe mit Brillengestell auf und beugte sich über einige Schaltelemente. „Dann wollen wir doch einmal schauen, warum wir kein Signal zusammen bringen, wenn jedes Bauteil an sich funktioniert.“
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Irgendwo in der Galaxis
Wenn man von der Erde eine Linie in die Richtung des Sternbildes Sagittarius und des galaktischen Zentrums zieht, trifft man unweigerlich auf einen breiten Spalt zwischen dem heimatlichen Orion- und dem Scutum-Centaurus-Spiralarm. In diesem Spalt sind die Sterne wesentlich leuchtschwächer, älter und auch ein wenig dünner gesät. Es ist eine relativ einsame Gegend, aber doch nicht ganz ohne Sonnen, welche auch Planeten in den habitablen Zonen aufweisen. So auch Aghomin, ein Planet von etwa Erdgröße, der als zweiter Planet einen orangen Stern umkreiste und eine Menge Leben und eine relativ hoch entwickelte Zivilisation trug, welche allerdings keinerlei Interesse an Raumfahrt entwickelte. Es waren Wasserbewohner, die außerhalb des Wassers gerade einmal die Küstenregionen der wenigen Inseln besiedelten. Wenn man dann dieser Linie weiter folgt, landet man wieder an einem Spiralarm mit dichter stehenden Sonnen aller Größen und Spektralklassen. Am Rande dieses Arms, nur wenige Lichtjahre ‚unter‘ dem Äquator und ein wenig in Drehrichtung von der imaginären ‚Null-Koordinate zwischen Terra und dem Zentrum entfernt, umkreiste Phogh’Ssom als sechster Planet einen blauen Riesenstern. Es war die Heimat der von Raubechsen abstammenden Ghadfrr, die einige Welten besiedelt und eine kleine Hegemonie aufgebaut hatten, in der auch technisch weniger weit entwickelte Spezies durchaus ihre Vorteile vom Handel mit den Ghadfrr hatten.
Rss’Agg’huulh umfasste das Schmuckstück, das sie schon seit vielen tausenden Jahren begleitet hatte, mit den vier Fingern ihrer Hand und blickte aus der Kuppel des Raumschiffes, das wie eine riesige, filigrane Libelle ohne die Flügel aussah, in das unendliche All. Sie hatte miterlebt, wie ihr Volk gelernt hatte, zuerst weiche und dann immer härtere Metalle zu schmieden, wie es zuerst die Wasserkraft, dann die Dampfkraft, den Verbrennungsmotor und schließlich die Fusionsenergie entdeckte und zu den Sternen aufbrach. Oft hatte ihr die Stimme in ihrem Kopf den rechten Weg gewiesen, und manchmal kam die eine oder andere Verbesserung in der Technik von ihr, denn sie hatte großes Talent und instinktives Verständnis dafür, so wie sie auch durch Gedankenkraft durch die Dimensionen reisen konnte. Es war keine Teleportation, es war eher wie ein Gehen durch ein Fenster, das sie sich erschuf und von Welt zu Welt trug.

Wie alle ihres Volkes ging sie auf zwei Beinen, hatte zwei Arme, einen schlanken Körper und einen ausgeprägten, langen Kopf mit kleinen, tiefliegenden Augen. Eine feste, lederartige Haut schützte den Körper vor der Einstrahlung einer sehr aktiven Sonne, die wenigen Jahrhunderte der Raumfahrt und dem Leben unter anderen Sonnen hatten an dieser evolutionären Entwicklung noch nichts geändert. An ihre reptilischen Ahnen erinnerten noch einige Schuppen auf dem Kamm, welcher sich von der Nase bis zum Hinterhaupt zog, die Augen, die gespaltene Zunge mit dem Jacobsonschen Riechorgan in der Mundhöhle und ihre Art der Fortpflanzung. Die Frauen legten nach der Paarung ihre Eier in ein warmes Nest und bewachten diese zu Hause, während die Männer einfach wieder an ihre Arbeit gingen. Die Aufteilung der Geschlechterrollen war einfach – Frau hatte mehr Hirn, Mann hatte mehr Muskel. Frau Ausdauer, Mann unschlagbar bei kurzer Anstrengung. Man ergänzte einander, man baute sich über einige tausend Jahre eine sowohl für Männer wie für Frauen lebenswerte Zivilisation auf. Dann hatte sich die Stimme in ihrem Kopf wieder gemeldet, und Rss’Agg’huulh war jetzt mit elf anderen, welche alle ein solches Schmuckstück wie sie trugen, zu einem geheimnisvollen Ort unterwegs, der selbst für sie zu weit weg war.
„Achtung!“, kam die Stimme der Pilotin durch die Lautsprecher. „Wir springen in fünf Minuten! Sucht euch einen guten Platz, Jungs und Mädels! Es wird ein weiter Sprung und entsprechend schmerzhaft!“ Rss’Agg’huulh setzte sich in einen Sessel, klappte die Lehne zurück und versuchte sich zu entspannen. Nach der angegeben Zeit wurde der Sprungimpuls ausgelöst, ihr Denken löste sich in einer Wolke des Schmerzes auf und das Raumschiff verschwand unter einer grellen Lichterscheinung, um inmitten des Spaltes wieder zu erscheinen.
„10 Stunden Pause, erholt euch gut, dann geht es weiter!“ tönte es aus den Lautsprechern.
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Thanthur Lok, System ZBU-378/31
Vereinte Flotten
Das System ZBU-378/31 lag nur 3,7 Lichtjahre von Vombars Stern entfernt und hatte keinerlei großartige Besonderheiten aufzuweisen. Ein durchaus durchschnittlicher gelber Stern der Klasse G, sieben Planeten, der dritte bewohnbar und von Abkömmlingen der Arkoniden bewohnt, die weder besondere Schwierigkeiten zu bewältigen hatten, es aber auch nicht allzu leicht hatten. Das einzig bemerkenswerte war der Nachthimmel Polkhans, welcher selbstverständlich dem von Martåës ähnlich sah, und seine Nähe zu dem angegriffenen System. Kein Wunder also, dass die verbündeten Flotten dieses System als Treffpunkt wählten.
„Wollen wir es wieder mit drei Angriffen je Flotte und Scheibe machen, oder einem massierten Feuerschlag aller Schiffe gegen ein Ziel, um uns danach gemeinsam das nächste vorzunehmen?“, fragte Tana Starlight bei der letzten Videokonferenz vor dem Angriff auf die Invasoren im System von Vombars Stern. Alle Sendungen liefen selbstverständlich kodiert ab, auch das Bild wäre für jemand ohne den richtigen Schlüssel nur ein Chaos von bunten Punkten, eine Vorsichtsmaßname, die zum Standardprogramm gehörte. „Eine unserer Teilflotten bringt eine Breitseite von 28 Konverterkanonen zum Einsatz, wir könnten also bei einem Feuerschlag aller 14 Schiffe synchron 84 Treffer gleichzeitig landen. Andererseits ist das manövrieren auf so engem Raum immer ein gewisses Risiko.“
„Ich denke, wir bleiben bei der erprobten Vorgehensweise“, überlegte Atlan. „Dieses Mal noch, und auch noch bei unserem Angriff auf Tubkars Stern. Ich stimme aber zu, wir müssen weitere Manöver üben, wir dürfen nicht berechenbar werden.“
„Wobei die ‚Hit and Run‘-Taktik uns noch eine Weile begleiten dürfte“, räsonierte Rhodan. „Aber es hilft natürlich, uns eigene Verluste zu ersparen!“
Atlan grinste. „Bei der glorreichen arkonidischen Flotte hätten wir diese Taktik nie …“
„Blonghos Stern, der Unghol-Sektor, Lepsitus VI, Awakhar II, System Hokh…“, warf Thora ein.
„Da will man einmal ein wenig angeben, und dann kommt so ein junges Küken mit Tatsachen. Bitte etwas mehr Respekt vor der Anzahl meiner Jahre!“
„Von denen du die meisten verschlafen hast“, entgegnete Thora.
„Trotzdem schlage ich dich noch ganz leicht, was das Alter angeht, kleines Mädchen. Ich besorge dir noch eine Puppe zum spielen“, lachte Atlan. „Zurück zur Arbeit. Colonel Tereschkowa, ist die Rakete mit der Arkonbombe bestückt und programmiert?“
„Nach ihren Angaben, Admiral.“
„Gut, bei unserem letzten Angriff schleusen sie ihre C-STA 01 aus. Haben sie eine Crew Freiwilliger zusammen bekommen?“
„Tovarisch Admiral, jeder, der mit einer Korvette umgehen kann, hat sich gemeldet“, meldete Tereschkowa stolz. „Ich habe daher die Stammbesatzung ausgewählt. Darf ich ihnen Korvettenkapitän Anton Jäger vorstellen?“
Atlan nickte ernst. „Es freut mich, Mister Jäger. Sie schleusen also aus, nehmen die Gitterkonstruktion ins Visier und feuern diese Rakete ab. Kümmern sie sich um nichts anderes, nur um diese Bombe. Alles klar?“
„Alles klar, Admiral!“ Der deutsche Korvettenkapitän salutierte.
„Sehr gut!“ der Arkonide blickte kurz auf die Uhr. „Die Flotte unseres Verbündeten wird bald eintreffen. Unsere Kommunikation geht wie immer über Tana Starlight, Crest und Thora lassen sich besser noch nicht sehen, ebenso wenig wie ich. Der Neurogent könnte sonst noch auf durchaus richtige Ideen kommen. Also, das… Aha, unsere Freunde sind da.“
Es war die 174 Einsatzflotte, die eben in das System einflog. Ein überschweres Schlachtschiff der Imperiums-Klasse, dessen Kugelzelle einen Durchmesser von 1,47 Kilometern, also exakt einem arkonidischen Dran aufwies. Sechs Schlachtschiffe der Tussan-Klasse mit beinahe 800 Metern Durchmesser, zehn schwere Schlachtkreuzer der Fussusklasse, die etwas über 500 Meter groß waren. Jede dieser großen Einheiten hatte zur Unterstützung drei schwere Kreuzer, knapp 200 Meter und fünf leichte Kreuzer mit 100 Metern Durchmesser bei sich, insgesamt kamen 153 arkonidische Schiffe zur Unterstützung der drei Terraflotten an. Auf dem Schirm der HATHOR erschien ein schwarzes Riesenwesen in der hellgrauen Uniform der arkonidischen Flotte.
„Grüße, Tana Starlight!“ Der Naat sprach mit schleppender Stimme, doch Tana hatte schon gehört, dass trotz aller Langsamkeit dieses Volk über eine hohe Intelligenz verfügte. „Der Neurogent sendet ihnen diese Flotte. Mein Name ist Lovaan, ich soll ihr Ansprechpartner sein und sende vom Flaggschiff HAP‘POËN!“
„Das freut mich, Lovaan!“ entgegnete Tana. „Es ist schön, mit einem intelligenten Wesen, das über ein Gesicht verfügt, zu sprechen, als immer das unpersönliche Logo des Neurogenten zu sehen. Ist die HAP’POËN für den Empfang der exakten Koordinaten und des Zeitplanes bereit?“
„Das ist sie, Tana Starlight. Wir können jederzeit beginnen.“
„Die Übertragung beginnt jetzt!“
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Thanthur Lok, Sektor mittwärts-nord, äußerster Bereich
System Vombars Stern
Es war noch nicht lange her, da war Martåë ein blühender, grün-blauer Planet gewesen, Heimat für Millionen von Nachkommen arkonidischer Siedler, die hier ein relativ angenehmes Leben führen konnten. Jetzt aber war der dritte Planet von Vombars Stern vom All aus gesehen ein graues Monster. Der Staub, der Schmutz, die giftigen Dämpfe des Abbaus und der Verarbeitung von Metallen und anderen Substanzen verhinderten, dass eine für die Photosynthese ausreichende Menge Licht des Boden erreichte. Das Wetter spielte völlig verrückt, Stürme gigantischen Ausmaßes wirbelten noch mehr Staub auf und vergrößerten das Problem in hohem Ausmaß. Martåë war keine sterbende Welt mehr, sondern bereits tot, keine einzige Pflanze, kein Tier hatte überlebt. Jene Arkoniden, welche den ersten Überfall noch überlebt und sich versteckt hatten, teilten dieses Schicksal. Nur noch die Ibits lebten in diesem ausgetrockneten Schmutzloch und gruben weiter und immer weiter, die Schmelzöfen warfen einen rötlichen Schein auf die Unterseite der Staubstürme und verbrannten auch noch die letzten Reste von Sauerstoff. Über dieser Welt schwebte in etwa 35.000 Kilometern Höhe im stationären Orbit ein gleichseitiges Dreieck, das die gesamte Planetenoberfläche im Sichtfeld hatte. Gebildet wurde es aus drei großen Scheiben, 10 Kilometer im Durchmesser und zwei Kilometer hoch. Die Oberflächen waren übersät mit seltsamen Kuppeln und zylindrischen Strukturen, die wie hundert Meter dicke Kabel ein verwirrendes Muster bildeten, Schluchten mit drei- oder viereckigem Querschnitt, deren Funktionen noch nicht einmal zu erahnen waren, zerfurchten die Verkleidung. Ein Stück weiter entstand im Orbit eine Struktur, die bis jetzt noch zum größten Teil aus einer Gitterkonstruktion ähnlich dem französischen Eiffelturm in Paris bestand. Nur dass diese Konstruktion wie ein Martiniglas aus einem Stahlgerüst aussah, ohne Fuß, aber mit einem Stiel. Der Kelch hatte am oberen Rand einen Durchmesser von etwa 2.600 Kilometern und war 500 Kilometer hoch, der Stiel besaß an jener Stelle, wo er in den Kelch überging, einen Durchmesser von 600 Kilometern, 1.000 Kilometer weiter ‚unten‘ immer noch 300. Hier entstand ein Gebilde, das mehr Nutzfläche in sich tragen würde als mancher planetare Kontinent aufweisen konnte, es sollte hier ein Heim für eine neue Regik und ihr Volk entstehen. Für eine neue Insektenkönigin, die an Bord einer dieser Scheiben bereits heranwuchs, betreut von den Ibits, beschützt von den Gops und heiß ersehnt von den Brenns. Außerhalb der Bahn des siebenten Planeten und innerhalb der Bahn des achten patrouillierten die sichelförmigen Kampfschiffe der Gops mit ihren 500 Metern Größe, und zwischen dem Planeten und der Gitterkonstruktion bewegte sich ein stetiger Strom von Zubringerschiffen, andere mit Greifklauen ausgerüstete Arbeitsschiffe übernahmen das Material und verbauten es. Das Habitat im Weltraum wuchs, im unteren Teil des Stiels waren bereits Platten zur Verkleidung angebracht. Dank der großen Menge an Arbeitskräften ging die Produktion in raschem Tempo vor sich.
Weit außerhalb der Bahn des äußersten Planeten, beinahe ein halbes Lichtjahr von der Sonne Vombars entfernt, schien sich das All kurz zu verzerren, dann flogen vierzehn Kugelschiffe mit breiten Ringwulsten auf das System zu, ohne ihre Triebwerke zur Verzögerung einzusetzen. Die passiven Hyperorter der Flotte registrierten die laufenden Kursänderungen der Patrouillen zwischen dem siebenten und achten Planeten und zeigten die einsatzbereite Bewaffnung der großen Scheiben in Echtzeit auf den Schirmen der Flotte.
„20 Sekunden!“ Das erste Vorkommando des großen, weißhaarigen Mannes erreichte die Kommandobrücken der restlichen Schiffe, sie alle signalisierten mit einem kurzen Funkimpuls ihre Bereitschaft. Die Besatzungen der Schiffe waren auf ihren Posten, stets bereit, in einem Notfall, einem Versagen des Bordrechners einzugreifen, um den Auftrag so gut wie möglich zu erfüllen. Doch der exakt synchronisierte Feuerschlag sollte primär von den Neuroniken durchgeführt werden, um in kürzester Zeit ein Maximum an Schaden anzurichten und möglichst keinen Treffer einzustecken. An Bord eines der drei Überriesen mit 1.600 Metern Durchmesser, der HATHOR, meldete sich eine samtweiche Altstimme von der Decke.
„Teleportsprung in fünf, vier, drei, zwei, eins, Sprung!“ Es war ein schmerzhafter Transit, doch dieser Schmerz musste eben in Kauf genommen werden. Dafür war die Chance, lebend das Schlachtfeld zu verlassen, um ein Vielfaches höher. Die Neuroniken der Schiffe kannten solche Probleme nicht, noch ehe bei der Besatzung der Schmerz komplett verklungen war, feuerten die Picotronicen bereits die Waffen ab, rasten schon die rot leuchtenden Spiralen der Konverterkanonen auf die Scheiben zu, gefolgt von Thermo- und Impulsstrahlen von zumindest 190 Zentimetern Durchmesser. Zuletzt wurden auch noch durch die magnetischen Startkatapulte ein Fächer Marschflugkörper ausgestoßen, und schon sprang die Flotte wieder aus dem System und ortete wieder. Ihre gesamte Aufenthaltsdauer im System: knappe 1,5 Sekunden, erst nach ihrer Materialisation weit außerhalb des Systems schlugen die lichtschnellen Energieimpulse der Flotten in die Scheiben, entfachten ein Inferno aus Explosionen und Hitze, welches noch von den Sprengköpfen der Raketen verstärkt wurde. Die Kampfschiffe der Gops zwischen den äußeren Planeten änderten sofort ihre Kurse nach innen zu ihren Mutterschiffen, um die Regik und die Brens zu beschützen. Da traf auch die 174 Einsatzflotte Arkons im System von Vombars Stern ein, auf breiter Front griffen die Kugelschiffe des Neurogenten die Gops aus vier Richtungen an und zerstörten bereits beim ersten Feuerüberfall eine erhebliche Anzahl der Sichelschiffe. Eine der Scheiben versuchte noch, den Orbit zu verlassen und strebte nach ‚oben‘, wo sich noch keine der angreifenden Flotten befand. Die Anpassung an diesen neuen Kurs war für die Picotronicen der HATHOR und ihrer Begleitschiffe nicht schwer, der zweite Überfall erfolgte mit nur minimalster Verspätung, der dritte Feuerschlag besiegelte das Schicksal der Invasoren in diesem System endgültig. Die Korvette der STARDUST II unter Fregattenkapitän Anton Jäger schleuste aus und flog durch eine kurz bestehende Strukturlücke in den Schirmen des Schlachtschiffes, näherte sich der Gitterstruktur und feuerte ihre Rakete ab, die am unteren Teil des Stiels auf die Metallplatten traf, wo die Arkonbombe einen nicht mehr zu löschenden Atombrand in Gang setzte. Die Konstruktion sollte noch Jahrzehnte als glühender Mond Martåë umkreisen, bis endlich eine Wolke glühende Gase übrig blieben, welche der nächste Sonnensturm verwehen würde.
„Ich sehe, sie haben an der im Bau befindlichen Struktur bereits einen Atombrand ausgelöst!“ Der Naat Lovaan hatte sich nach der Schlacht bei Tana Starlight auf der HATHOR gemeldet.
„Wie ausgemacht!“ bestätigte Tana. Lovaan machte eine zustimmende Geste.
„Wie ausgemacht. Mein Auftrag lautet, auch die drei inneren Planeten, auf denen sich noch Feinde, aber keine Arkoniden mehr aufhalten können, durch Arkonbomben zu zerstören.“ Innerlich verkrampften sich Tanas Muskeln bei dem Gedanken, drei Welten vollständig zu zerstören, zu sterilisieren, auf Jahrhunderte in glühende, sonnenähnliche Gebilde zu verwandeln, die vielleicht in Jahrtausenden wieder soweit abgekühlt wären, dass man erneut Leben ansiedeln konnte. Bis dahin gäbe es wahrscheinlich kein arkonidisches Imperium mehr, die Menschen – nun, wohin sie sich entwickeln würden, stand buchstäblich in den Sternen. Aber hier, in diesem System war wirklich nur noch das Leben von Invasoren zu retten, und wenn sie schnell genug wieder abzogen, wäre es den jetzt noch lebenden Gegnern möglich, die Welten zu verlassen und zu fliehen. Vielleicht! War es richtig, Gnade gegen gnadenlose Feinde zu üben? Es war nicht vernünftig, richtig, aber – stand man dann nicht auf der gleichen Ebene? Wozu wurde man, wenn man rigoros jeden Feind auslöschte. Und – konnte sie überhaupt hier und jetzt etwas ändern? Nur mit Gewalt, denn ein Appell an den Naat musste erfolglos bleiben, nur die große zentrale Registratur, die sich Neurogent nennen ließ, konnte den Befehl aufheben. Und diesen Riesenrechner konnte man nicht mir moralischen Argumenten überzeugen, ausschließlich mit logischen. All das schoss durch Tanas Gedanken, nach außen hin schien sie kaum zu zögern.
„Wir werden sie nicht daran hindern, ihren Auftrag auszuführen. Danach ist der nächste Treffpunkt UHZ-851/31. Wir planen auch einen Angriff auf den Invasor im System Tubkars Stern!“
„Verstanden, Tana Starlight!“ bestätigte der Naat. „Sobald wir die Bomben platziert haben, wird die Flotte in den Transit gehen.“
„Gut!“ Rhodans Tochter wechselte das Thema. „Verlustmeldungen?“ fragte sie, der Naat berührte ein Tastenfeld vor sich.
„Insgesamt zwölf leichte Kreuzer müssen als Totalverlust betrachtet werden, neun sind schwer beschädigt, können auf einer geeigneten Werft jedoch repariert werden. Ein schwerer Kreuzer und ein Tussan sind beinahe völlig zerstört, acht schwere Kreuzer sind nur sehr bedingt einsatzfähig. Die beschädigten Schiffe sind, soweit möglich, bereits unterwegs zur Reparatur, Ersatz für die Totalausfälle wird in das System UHZ-851/31 entsandt!“
Tana beschloss, es genauer wissen zu wollen. „Verletzte oder tote Personen?“
Lovaan machte eine erstaunte Geste. „Ich bedanke mich für ihre Anteilnahme, Tana Starlight, aber nur auf den schweren und schwersten Einheiten sind jeweils ein Naat an Bord, und selbst an Bord des schwerstbeschädigten Tussan sind keine Verluste zu vermelden, der Kommandant wurde unverletzt geborgen.“
„Danke!“ Die Chefin eines der größten Unternehmen nickte zufrieden. „Wir sehen einander im System UHZ-851/31!“
„Verstanden. Lovaan Ende!“
„Nun, Atlan, wir sind bereit“, wandte sich Victoria Rhodan an den alten Admiral.
„Wir auch, Tana!“ kam die Antwort. „Perry?“
„Wir sollten verschwinden!“ Auch dem Chef der GCC ging diese komplette Vernichtung dreier Planeten nahe.
„Nun dann!“ Atlan hob die Hand. „Wie mein Freund Pancho Villa zu sagen pflegte: Vamonos, Muchachos! Verzeihung, die Muchachas natürlich auch!“
*
UHZ-851/31 war einer der unzähligen roten Sterne der Klasse M, einige Planeten umkreisten ihn außerhalb der habitablen Zone, wo diese wäre, umgab ein Ring aus Asteroiden den Stern.
„Explodiert oder nie entstanden?“, überlegte Victoria halblaut murmelnd, als der Rechner das System ortete und vermaß. „Kosmische Katastrophe oder das Versagen einer Intelligenz?“
„Sonde geht in den Transit“, meldete Patrizia Werner vom ihrem Steuerpult an der wissenschaftlichen Station, von wo die Sonden der HATHOR ferngesteuert werden konnten. Sofort konzentrierten sich die Gedanken Tanas auf die Gegenwart.
„Sehr gut!“ Sie sah über Patrizias Schulter auf den Monitor.
„Das System ist leer“, entfuhr es der jungen Frau an der Konsole. „Kein einziger Impuls außer den Planeten und der begonnenen Gitterstruktur. Kein Sichelschiff, keine Scheiben!“
„Vorsichtig weiter in das Systeminnere vordringen“, befahl Tana Starlight, und die Pilotin manövrierte mit der Fernsteuerung die Drohne weiter in das System. Diese Drohnen waren eine kleinere Version der Spacediscs mit 3 Metern Durchmesser und einer Höhe von 1 Meter, die aus nicht viel mehr als einem Wurmlochgenerator, einem Shuttleantrieb, einigen hervorragenden Kameras und Ortungsgeräten sowie einem ASG, Ashyagada – Schmid – Generator für eine Miniatur-Einstein-Rosenberg-Brücke zur Übertragung der Daten und Steuersignale in Echtzeit unter einer stromlinienförmigen Verkleidung für eventuelle Atmosphärenflüge bestanden. Da die Lebenserhaltungssysteme und Schlafräume weg fielen, konnten diese Geräte leicht und wendig gebaut werden, und Patrizia Werner, die unumstrittene Meisterin von ‚Arkons Quest‘ und Chefin der Drohnenpiloten, hatte es sich nicht nehmen lassen, das Gerät selbst zu steuern.
„Drohne nähert sich dem dritten Planeten, Ma’am“, meldete die Pilotin und strich sich eine lose Strähne ihrer langen, in waagrechten gelb-grünen Streifen gefärbten Haare aus der Stirn. Die gestreiften Haare und entsprechend gefärbte Hosen und Shirts waren die neueste Mode auf der OLYMPOS bei den jungen Mädchen, während die jungen Männer gedeckte schwarze oder anthrazitfarbene Kilts und Poloshirts trugen und in ihren Haaren einen handbreiten Streifen in der Mitte des Schädels von der Stirn bis in den Nacken kahl schoren. Piercing und Tattoos waren wieder out, nachdem sie eine kurze Renaissance erlebt hatten, aber viel Farbe im Gesicht war derzeit angesagt. Jeden Tag ein neues Aliengesicht schien derzeit das Motto der 16- bis 21- Jährigen zu sein, besonders extrem bei der Community der ‚Arcons Quest‘ – Videospielern.
„Wir sind im richtigen System, Ma’am!“ Patricia, heute auch mit Tigerstreifen an Gesicht und Händen, deutete auf einen Punkt am Bildschirm. „Hier ist die begonnene Gitterstruktur, aber sonst ist von den Scheiben der Tanaæina nichts mehr zu sehen!“
Tana legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Gehen sie tiefer, sehen wir nach, was sich auf dem Planeten abspielt.“ Eine dürre, kahle Wüste mit verfaulenden Kadavern und Pflanzen erstreckte sich unter den Staubwolken, wie auch schon bei Martåë, nur noch nicht so weit fortgeschritten.
„Es sieht so aus, als hätten sie das ganze Wasser abgesaugt! Sehen sie sich diesen Wert an, Miss Starlight. So trocken kann eine Atmosphäre nicht von allein werden, wenn vorher eine derartige Vielfalt an Leben existiert hat!“
„Stimmt“, pflichtete Tana bei. „Gut beobachtet, Patrizia. Gehen sie tiefer. Sehen sie irgendwelche Aktivitäten?“
„Nein, Ma’am! Hier ist alles tote Hose“, meldete die Pilotin.
„Na dann!“ Tana Starlight richtete sich auf. „Fliegen sie den vierten Planeten an!“
„Aye, Ma’am!“, bestätigte Patrizia.
„Seltsam! Ihr habt die Daten überspielt bekommen?“ Tana Starlight wandte sich den Hologrammen von Atlan und Perry Rhodan zu.
„Haben wir, Miss Tana.“ Perry Rhodan kratzte sich am Hinterkopf, eine altehrwürdige Geste. „Es ist wirklich seltsam!“
„Vielleicht haben sie sich zurück gezogen und überlegen sich eine neue Strategie?“, spekulierte Atlan. „Aber warum vergrößern sie nicht einfach die Invasionsmacht? Wenn sie uns auch nur einen von den Trichtern schicken, haben wir einige Probleme!“
„Stimmt. Nun, sehen wir uns einmal den vierten Planeten an.“ Tana trank einen Schluck Kaffee. „Wollen wir gleich hinspringen? Feinde scheint es ja keine mehr im System zu geben!“
„Springen wir!“ beschloss Atlan. „Sehen wir uns direkt um!“
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„Die Vernichtung des Planeten Tubkar IV ist nicht nötig! Hier leben noch humanoide Wesen. Wahrscheinlich wollten die Tanaæina zuerst den leichteren dritten Planeten ausbeuten und danach erst die Welt mit doppelter Schwerkraft“, argumentierte Tana Starlight.
„Kann garantiert werden, dass sich keine der Arbeitskräfte des Feindes auf dem vierten Planeten aufhalten?“, gab Lovaan die Frage des Neurogenten weiter.

„Ich möchte mich noch einmal genauer umsehen, ehe ich diese Frage zu einhundert Prozent beantworten kann. Ich werde Infanterie absetzen und nachsehen.“
„Einverstanden! Lovaan Ende.“ Tana rieb sich das Gesicht, Verhandlungen mit dem Neurogenten strengten sie an. Männer und bis zu einem gewissen Grad auch Frauen konnte sie gut verstehen und überzeugen, manchmal sogar außerirdische Wesen, aber bei einer Maschine versagten ihre Verführungs- und Überredungskünste, mussten versagen, es zählte nur mehr die blanke Logik.
„RO! Stellen sie eine Verbindung zu Talamon her, bitte.“
„Die TAL I meldet sich, Ma’am!“ Es dauerte nicht lange, Lydia van Houten hatte wie immer schnelle Arbeit geleistet.
„Talamon! Wie gefällt ihnen Ihr neues Schiff?“
Talamon lachte. „Ganz ausgezeichnet, Tana Starlight, es ist hervorragend. Ich hatte nie ein besseres.“
„Das freut mich. Talamon, wir sind hier in Tubkars System.“ Tana kam unvermittelt zum Geschäft. „Die Tanaæine haben das System verlassen, und Tubkar IV ist vorerst scheinbar unangetastet geblieben. Kann ich irgendwie den Besitzer erreichen und ihn überreden, uns landen zu lassen, ehe der Planet einer Arkonbombe zum Opfer fällt.“
„Geben sie mir eine Stunde, Tana Starlight. Ich melde mich wieder!“ Talamon schaltete ab, und Victoria erhob sich, um an der Espressomaschine ein neues Tässchen zu füllen. Gute Qualität der Nahrungsmittel und Getränke lohnte sich in ihren Augen durchaus, und so ein Spender war einfach zu installieren, ebenso der Teekocher daneben. Kein Konzentrat, kein Pulver, echte Kaffeebohnen, frisch gemahlen, echte Teeblätter mit verschiedenen Aromen wie etwa Bergamotte versetzt oder pur.
Kaum eine halbe Stunde später meldete sich Talamon wieder. „Pogomir, der Interimsregent der Tub-Sippe ist einverstanden, bittet aber um etwas Geduld. Er wäre gerne dabei, um vielleicht etwas retten zu können. Die TUB X, XI, XV, XXI und XXII sowie die fünf XX–Frauenschiffe werden in etwa acht Stunden bei ihnen sein können.“
„Danke, Talamon!“ Tana unterbrach die Verbindung. „Patrizia, ich will, dass sie dieses Mal eine Drohne nehmen, mit der man Proben sammeln kann. Nehmen sie sich das Gitter vor, dann holen sie sich von der STARDUST eine Arkonbombe und legen diese in die Struktur, mit direktem Kontakt, und zünden sie dann den Brand. Einverstanden, Atlan?“
„Ein guter Plan, Tana. In der Zwischenzeit werde ich eine Korvette zur STARDUST fliegen, eine weitere Bombe holen und den dritten Planeten killen. Es gibt dort nichts mehr, kein Leben, das auf Wasser angewiesen ist. Der ganze Planet ist staubtrocken, obwohl es vor dem Angriff der Tanaæine große Ozeane gab. Hier leben, wenn überhaupt, nur noch wenige Bakterien. Wenn unser Freund sieht, dass wir durchaus willens und in der Lage sind, pragmatisch zu Handeln, könnte das von Vorteil für uns sein.“
„Gut!“ Tana gähnte. „Na schön, ich nehme eine Mütze Schlaf. Bitte weckt mich in sieben Stunden, bevor Pogomir eintrifft. Ghoma, sie machen auch die Augen zu, geben sie Kleinschmid die Brücke. Also, gute Nacht, Leute!“
*
Am Rand von Tubkars Stern entstand ein Lichtgewitter, welches allerdings erst etwa 20 Minuten später vom vierten Planeten aus gesehen werden konnte. Fünf große Walzen, Kriegsschiffe der überschweren Springersippe der Tubs und fünf ihrer Familienschiffe waren im System von Tubkars Stern eingetroffen und nahmen Kurs auf den vierten Planeten. Die Kampfschiffe wiesen eine Länge von 955 Metern auf, mit einem Durchmesser von 173 Metern, waffenstarrende bewegliche Festungen eines Volkes, das vom Kampf und für den Kampf lebte. In jedem Viertelkreis war eine Breitseite von je 4 schweren Thermo- Impuls- und Desintegratorkanonen untergebracht, bis zu Kalibern von 1 Millidran, also 147 Zentimetern, in den Zwischenräumen kleine, leichte Schnellfeuerwaffen. Sie eskortierten die fünf XXTUB – Schiffe, die Familienarchen der Tub-Sippe. Auch bei Mehandor und Arkoniden gibt es X und Y Chromosome, die als Grundlage der Bezeichnung diente, auch wenn der Lautwert der entsprechend aussehenden Buchstaben natürlich anders lautete. Diese Archen waren 1.025 Meter lang und durchmaßen 170,8, ihre Schirme und Triebwerke waren im Vergleich zur Größe überdimensioniert, die Bewaffnung bestand nur aus leichten Schnellfeuerwaffen. Sie sollten fliehen, nicht kämpfen.
Die überlichtschnellen Komponenten des Wurmlochtransits der TUB-Flotte wurden jedoch im Gegensatz zu den optischen von den entsprechenden Ortungsgeräten natürlich ohne Verzögerung registriert, und nur kurze Zeit später erreichte ein TriVid-Anruf die wartende Flotte der Terraner.
„Ich bin Pogomir, der Interimsregent, und ich rufe sie von der TUB X. Danke, dass sie auf uns gewartet haben, Tana Starlight. Talamon sagte, man könne ihnen vertrauen?“
Victoria grinste süffisant in die Kamera. „So, wie man einem Mehandor vertrauen kann!“ Kurz rutschten die Augenbrauen des Überschweren nach oben, dann begann er donnernd zu lachen.
„Eine gute Antwort, eine sehr gute sogar! Wie könnte ein Vertrag zwischen uns aussehen?“, fragte er schließlich.
„Ich benötige die hundertprozentige Sicherheit, dass sich keiner der Tanaæine mehr auf Tubkor aufhält. Nur so entgeht dieser Planet der Zerstörung durch die Arkonbombe. Der Neurogent möchte alle Systeme, in denen der Feind war, sterilisieren. Ich hoffe, ihn in diesem Fall davon abhalten zu können!“
„Das wäre vorteilhaft für meine Sippe“, gab der wuchtige Mann zu. „Aber was wird ihr Gewinn dabei sein?“ Tana lächelte kurz. Dem Mann zu sagen, dass die Rettung der Bewohner Tubkors an sich schon ein ausreichender Grund war, reichte nicht ganz. Mehandor waren immer misstrauisch und auf Gewinn bedacht, und Starlight Enterprises konnte sich allzu viel Altruismus eigentlich auch nicht immer leisten. Aber die Rettung eines ganzen Volkes musste ihrer Meinung ganz einfach versucht werden, ohne wenn und aber, ungeachtet eventueller Kosten.
„Sagen wir, dass ich mich darauf verlasse, dass die Tubs ihre Freunde kennen, wenn ich einmal welche brauchen sollte!“
„Das werden sie bestimmt, Tana Starlight! Und wenn es Jahrhunderte dauern sollte, und unsere Enkel ihren Enkeln die Schuld begleichen müssen.“
„Wir werden dann darauf zurück kommen, wenn es so weit ist. Und jetzt sollten wir da unten nach dem Rechten sehen und hoffen.“
*
Der große Fürst Holkiss stand mit seiner Frau auf den Zinnen der Burg in dem von ihm eroberten Jillilion und sah den Bewohnern und Bewohnerinnen der Stadt zu, wie sie die Lücken in der Festungsmauer reparierten, welche seine Schleudern gebrochen hatten. Er hatte nach seinem Sieg den ehemaligen König Parkanariss in den Kerker gesteckt und Ganaru, seine Frau, hierher kommen lassen.
„Wenn unsere Schätze schon hier sind, werden wir eben auch bleiben“, hatte er zu dem ehemaligen König gesagt, als seine Krieger dem Besiegten die Ketten anlegten. Dann war Ganaru angekommen, er hatte sie in den Kerker geführt und ihr Parkanariss gezeigt. Ihre Reaktion hatte Holkiss alles gesagt, es blieb kein Platz für Missverständnisse. Er hatte das Verließ verlassen und seine Frau mit ihrem vormaligen Peiniger allein gelassen, ihr den Rest überlassen. Es war eben eine harte Welt und eine harte Zeit, in der sie lebten, sie kannte wenig Mitleid, aber jede Menge Rache. Parkanariss hatte keinen leichten Tod gefunden, Ganaru hatte damit ihre Ehre wieder herstellen können und war endlich in die Arme und das Bett von Holkiss zurück gekehrt. Nun standen sie gemeinsam auf den Mauern der inneren Burg, denn er hatte sie zu seiner Königin gemacht, die mit ihm gemeinsam über die Stadt und das Umland herrschen sollte.
Es war lange Zeit auf der Donnerinsel ruhig gewesen, an dem Tag, an dem die großen Katapulte die Mauern der Stadt nieder gerungen hatten, waren plötzlich riesige Vögel über das Land geflogen, und über der Donnerinsel hatten sie sich versammelt und Feuer auf die Welt der Götter gespuckt. Dann war Ruhe gewesen, bis heute. Heute schienen die Götter zurück zu kommen, über der Insel donnerte es nach langer Zeit wieder, auf Feuersäulen sanken die Häuser der Götter erneut hernieder. Er sah nach oben, und seine Haut nahm eine ungesunde, hellblaue Farbe an. Hunderte Götter, ihm gleich an Gestalt und eben so viele, nein, noch viel mehr, die entsetzlich lang und dünn waren, schwebten vom Himmel auf die Stadt hernieder. Einer der Wohlgestalteten landete vor dem Paar, jetzt sahen sie, dass seine Haut grün und sein Haar rot waren wie bei allen Göttern, die sie kannten.
„Wo ist Parkanariss?“, fragte der Gott. Holkiss und Ganaru sanken respektvoll auf ein Knie, wie es vor den Göttern üblich war.
„Tot, Herr. Er hatte schwere Schuld auf sich geladen, die Gastfreundschaft verraten, meine Schätze gestohlen und meine Frau missbraucht. Er durfte nicht am Leben bleiben!“
Der Gott kniff die Augen zusammen und musterte das Paar intensiv. „Dann nimmst du jetzt seinen Platz ein?“
„Das tue ich, Herr!“ antwortete Holkiss.
„Nun gut. Hast du irgendwann solche Wesen gesehen?“ Der Gott zeigte einige Bilder, die plötzlich vor Ganaru und Holkiss in der Luft schwebten. Holkiss erschrak, als er die Gops sah, für die Ibits hatte er jedoch nur Ekel übrig.
„Nein, Herr, niemals“, beteuerte er. Der Gott erhob sich wieder in die Luft, und die Gruppe flog ohne weiteres Wort wieder davon.
„Wir sind von den Göttern anerkannt worden, und viele haben es gesehen“, flüsterte Ganaru ihrem Mann zu. „Schau nur, die Priester kommen schon zu uns gepilgert. Nun werden sie wohl ihren Widerstand gegen uns aufgeben müssen!“
Holkiss machte eine zustimmende Geste. „Damit ist für uns und unsere Kinder der Thron Jillilions für lange Zeit gesichert.“
*
Die 174 Einsatzflotte entfernte sich aus dem System von Tubkars Stern, der Neurogent hatte nach der Aufklärungsmission auf die Vernichtung der Welt Tubkar durch den unlöschbaren Atombrand verzichtet.
„Die Werftanlage im Orbit des Mondes ist zwar komplett zerstört, und auf der Insel steht kein Stein auf dem anderen mehr“, fasste Pogomir die Ergebnisse der Aufklärungsarbeit zusammen. „Aber wir haben noch Arbeitsroboter, mehr sogar als Kampfdrohnen, und wenn wir mit den eingeborenen Tubkars zusammen arbeiten, werden wir unsere Sippe wieder groß bekommen. Wir müssen die Blauhäute nur gleichwertig behandeln, dann werden sie schon gute Mehandor!“ Er lachte bitter auf. „Sie sind uns ähnlicher, als wir gedacht haben, auch wenn sie nicht mit uns verwandt sind! Wir können zwar Kinder miteinander bekommen, die sind aber steril. Nun, auf jeden Fall wird von der Sippe der Tub noch zu hören sein!“
„Und ich, Tublok, verspreche als letzter mit dem Namen Tub, dass wir unsere Schuld anerkennen und gute Freunde der Starlight Enterprises bleiben werden. Konkurrenten, ja natürlich, aber wenn ihr uns braucht, werden wir kommen. Wenn ihr in Not seid, wendet euch an uns!“ Man hörte den Ernst und die Ehrlichkeit aus der hellen Knabenstimme. „Es ist in den Stammrollen der Sippe verewigt, solange es unsere Sippen gibt!“
„Solange es unsere Sippen gibt!“ Tana Starlight war von Ghoma über diesen Brauch unterrichtet worden und sandte die Aufzeichnung ihres Genoms an die TUB X, dafür erhielt sie ein Genprofil der Tub-Sippe. Dieses Genom war eine Art Schuldschein, eine Verpflichtung, wenn sie je wirklich ein schwerwiegendes Problem hatte, würde sie ihn einlösen können. Mehandor standen immer zu ihrem Wort, oder sie starben.
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Solares System, Terra
Matto Grosso do Sul, Brasilien
Der Mann in der Weste mit der Aufschrift Ice-Ass auf dem Rücken schlich durch die Büsche und kleinen Wäldchen des Pantanal. Jetzt blieb er stehen, duckte sich noch weiter, sank auf ein Knie und hob unhörbar die gespannte schwere Compoundarmbrust. Sein Finger zog vorsichtig den Abzug zurück, der lange Bolzen wurde von der Sehne nach vorne gerissen und raste auf sein Ziel zu, traf das Wasserschwein tödlich in den Brustkorb. Jeffraëy stand auf, ging zu seiner Beute und zog sein Messer, weidete das Schwein aus, warf es über seine Schulter und trug es zu seinem Sumpfboot. Er bemerkte nicht, dass zwei starke Feldstecher aus guten Verstecken auf ihn gerichtet waren und jede seiner Bewegungen verfolgten. Graziella de Lopez y Marana und Peter MacDonnald beobachteten den Springeragenten bei seinem Werk mit den Augen, während Tatjana Michalowna ihre Gabe einsetzte, um Informationen zu gewinnen. Dann wusste sie einigermaßen genau Bescheid über die Mehandorbasis, ihre ungefähre Lage und ihre Bewohner.
„Da ist eine geistig ganz kranke Frau dabei, eine, die Schmerzen liebt“, berichtete Tatjana, als der Springer sich mit seinem Sumpfboot entfernt hatte. „An sich und an anderen. Einer ist unter ihnen, der ein absoluter Fanatiker ist, der Rest sind mehr oder weniger Mitläufer, ihrem Patriarchen aber absolut treu. Gefährlich für die Erde sind sie damit alle!“
„Dann müssen wir die Position dieser Basis nur noch ganz genau finden!“ warf Peter MacDonnald ein.
„Das müssen wir. Graziella, die Basis ist ziemlich genau in dieser Richtung!“ Tatjana deutete etwa nach Südwesten.
„Wir müssen trotzdem zuerst nach Norden“, erklärte die Führerin. „Von dieser Insel führt sonst kein Weg. Jedes Jahr sehen die Wege anders aus, während der Regenzeit verändern die Überschwemmungen einfach alles! Kein Weg ist mehr wie vorher!“
„Wir vertrauen dir, Graziella“, betonte Tatjana. „Vamos continuar!“
*
„Das Ziel der drei liegt im Südwesten, aber sie sind nach Norden abgerückt“, sagte Charly T’a’gai zu Klowaček. „Es ist nicht leicht, einen direkten Weg ohne die flachen Sumpfboote zu finden, die Frau ist eine verdammt gute Führerin. Es wird Zeit, weiter aufzuschließen! Gehen wir, Captain.“
„Dann los!“ Unhörbar schlichen die Söldner weiter, ihre Anzüge und Ausbildung machten sie in dem dicht bewachsenen Gelände so gut wie unsichtbar. Der Knall eines Schusses aus einer Kalaschnikow ließ sie innehalten, so gut es ging verteilten sie sich, spähten über die Visiere ihrer Gewehre durch den Sumpf. Charly Weiße Feder benötigte keinen Befehl, er verschwand von der Bildfläche und ging nachsehen.
*
„Das war knapp!“ Graziella rieb ihren Nacken. „Den hätte ich beinahe übersehen. Hast du ihn nicht bemerkt, Tatjana?“ Die russische Telepathin schüttelte den Kopf. „Kein einziger Hauch eines Gedanken. Ich habe überhaupt nichts bemerkt, bis Peter plötzlich geschossen hat!“
„Ein Gedankenschirm?“ Peter MacDonnald war an die Leiche heran getreten und untersuchte sie.
„Hätte ich auch fühlen müssen. Aber da war nichts. Als wäre das Ding ein Roboter.“ Peter nickte und sah noch genauer hin. „Per Definition also ein Androide.“ Er zog sein Messer. „Ziemlich wahrscheinlich, diese Knochensplitter hier sehen seltsam aus. Eine Schusswunde in der Stirn mit einer AK 47 sieht üblicherweise anders aus.“
„Willst du den denn Typ hier sezieren?“, fragte Graziella mit erhobener Augenbraue ein wenig angeekelt.
„Ein Labor wäre mir auch lieber“, bekannte Peter. „Da ich aber keines habe, ja, ich will das Ding aufschneiden. Zumindest den Schädel!“
Tatjana überlegte nicht lange. „Mach es. Graziella und ich halten Wache.“ Die hübsche Brasilianerin bemühte sich, nicht hinter sich zu schauen, als Pete mit seiner Arbeit begann. Es war nicht der erste Tote, den sie sah, und sie war keine zimperliche Stadtpflanze. In ihrem Beruf als Scout für Söldner hieß es manchmal eben auch töten oder getötet werden. Auch das Ausnehmen von Tieren machte ihr nichts aus, aber das Aufschneiden einer frischen menschlichen Leiche empfand sie irgendwie als seltsam.
„Dachte ich es mir beinahe. Das Ding ist nicht wirklich echt, sondern ein Androide.“ Peter wusch Messer und Hände. „Ich fürchte, unser Gegner weiß jetzt Bescheid, dass wir kommen!“ Er nahm seinen Rucksack und seine Waffe wieder auf. „Gehen wir weiter!“
*
Jake Klowaček hatte seinen Hut abgenommen und wischte sich den Schweiß von der Stirne.

„Ein Androide? Mit einem Kopfschuss außer Gefecht gesetzt? Na gut, also Leute, zielt auf die Köpfe, wenn es heiß wird. Weiter!“ Einer nach dem anderen gingen die Söldner an dem humanoiden Roboter vorbei und warfen einen kurzen Blick auf ihn. Er war den R. Daniel – Modellen der GCC um einiges überlegen und sah auch wirklich beinahe wie ein Mensch aus. Allerdings hatten die Männer bereits genug Tote gesehen, um auch die Unterschiede in der Anatomie zu erkennen. Er war beinahe perfekt gewesen, aber eben nur beinahe.
*
Lamarisia stürmte in Timnatars Labor. „AM 1 ist nicht von seiner Wachrunde zurück gekehrt“, rief sie. „Wie zuverlässig ist deine Konstruktion?“ Der kleine, drahtige Mehandor mit dem schütteren Bart schrak von seiner Umarmung mit Yommanie auf.
„Was? Wie?“ Nur langsam fand er sich zurecht, die Amazone war wie eine Naturgewalt über ihn gekommen und hatte seine gesamte Aufmerksamkeit auf sich und ihren blendend aussehenden Körper gelenkt. Wesentlich schneller schaltete das Gehirn der Walküre auf Kampfmodus, die Inkarnation einer Kriegsgöttin sprang auf ihre endlosen Beine.
„Wo sollte er hin“, rief sie und lief nackt, wie sie war, zur Überwachungskonsole, wie sie in beinahe jedem Raum untergebracht war.
„Ich glaube, dass die Konstruktion makellos war!“ Langsam erfasste Timnitar die Lage. „Aber natürlich ist sie nicht getestet, also kann sie immer noch Fehler aufweisen. Dazu noch das unsichere Gelände außerhalb der Station – möglich wäre ein natürlicher Ausfall. Aber nicht wahrscheinlich!“
„Der Androide Modell 1 hat sich perfekt verhalten, als er aufgebrochen ist“, bemerkte Yommanie. „Auch ohne Roboterexpertin zu sein, habe ich doch erkannt, dass er mit traumwandlerischer Sicherheit die festen Stellen gefunden hat. Warum sollte das plötzlich nicht mehr funktionieren?“ Sie schaltete durch alle Kameras der Umgebungsüberwachung, überprüfte die passiven Energieorter, die Infrarot- und die Bewegungssensoren. „In der näheren Umgebung ist nichts zu erkennen“, sagte sie. „Ich schleuse einen kleinen Hexacopter aus.“
*
Peter MacDonnald stieß Tatjana an und wies auf eine Stelle des vor ihnen liegenden Hügels. Unter dem Schutz von Tarn- und IR–Schutzdecken hatten sie sich millimeterweise an den verdächtigen Hügel herangeschlichen. Den zweiten, um genau zu sein, der erste hatte sich dann doch als der falsche erwiesen. Dieses Mal jedoch schienen sie richtig zu liegen, ein Teil des Hügels hatte sich gehoben und war zur Seite geschwenkt, eine Drohne mit sechs batteriebetriebenen Rotoren war zum Vorschein gekommen und hatte sich mit leisem Summen etwas abseits des Weges aufgemacht, immer über dem festen Weg schwebend, den auch sie genommen hatten.
„Sie werden den toten Androiden finden, Tatjana!“ flüsterte Graziella.
„Gut!“ flüsterte Tatjana zurück. „Vielleicht kommt einer oder mehrere heraus!“ Sie tätschelte ihre AK unter der Decke.
„Bleib unsichtbar und verwirre den Feind“, wisperte Peter kaum hörbar.
„Sun Tsu?“, fragte Graziella leise.
„Peter MacDonnald“, gab er grinsend und ebenso leise zurück. „Sun Tsu hätte sich komplizierter und rätselhafter ausgedrückt.“
*
Leises Surren klang an Billys feine Ohren, und auf sein Zeichen verschmolz die Söldnerkompanie mit der Umgebung. Eine Drohne schwebte vorbei, immer den Weg in der Kamera behaltend. Als sie vorbei war, winkte er Jake zu.
„Wir sollten jetzt wirklich aufrücken, die Drohne wird den toten Androiden bei gleichbleibender Geschwindigkeit in etwa fünfzehn Minuten finden. Dann sollten wir eine gute Stellung gefunden haben!“
Jake Klowaček nickte. „Vorwärts!“ Die 44 Söldner folgten dem Jicarilla, der den Boden genau betrachtete. Endlich wies er nach vorne.
„Dieser Hügel!“
„Sicher?“ fragte Jake leise.
„Zumindest ist `Isdzání-jádì-n‘dees der Meinung!“ Der Apache wies auf ein Zeichen auf dem Boden.
„Gut! Wenn Lady Langbein es sagt! Verteilen“, winkte der Captain, und seine Leute begannen den Hügel zu umzingeln.
*
„Beim eiskalten Arsch der Herrin“, fluchte Yommanie, und Lamarisia war mit einem Sprung an ihrer Seite.
„Bei Hemutags Riesentitte!“, konnte auch sie sich nicht beherrschen. „Irgend jemand ist ganz in unserer Nähe! Das war eine Gewehrkugel!“
„Aber wo?“ Wieder schalteten die beiden Frauen durch sämtliche Beobachtungsgeräte.
„Da!“ Yommanies Zeigefinger stach nach einem Punkt auf dem Bildschirm. „Da könnte sich jemand versteckt haben!“
Lamarisia nickte. „Ich übernehme das! Ausgang fünf!“ Yommanie konzentrierte sich weiter auf diese Stelle, sie war sich ganz sicher, den Eindringling gefunden zu haben.
Wütend lief Lamarisia durch den Tunnel zu jenem gut getarnten Nebenausgang, dem sie die Nummer fünf gegeben hatten. Unterwegs blieb sie kurz stehen, steckte die Makarov in ihren Hosenbund und ergriff die Kalaschnikow, prüfte, ob auch wirklich eine Patrone im Lauf steckte. Sie presste ihren Daumen auf die Kennplatte neben dem Ausgang, wurde identifiziert, die Tür glitt leise auf und gab den Blick auf die die getarnte flache Kuppel umgebende Landschaft frei. Und auf eine große, schemenhafte, aber grob humanoide Gestalt, dann fühlte sie plötzlich den sengenden Schmerz unter ihrer mittleren Brustplatte. Instinktiv hob sie die Hand dorthin, betrachtete sie und bemerkte, dass sie rot von Blut war. Von ihrem Blut! Wie – wie konnte das sein? War sie nicht immer diejenige, welche .. alles … unter …. Kontrolle ….. geha… – Dunkelheit umgab Lamarisia. Für immer.
Peter fing den zu Boden gleitenden Körper so auf, dass er die Tür blockierte und ein Schließen verhinderte.
„Ich mag das Wickham!“ dozierte er. „Ein guter, alter Kommandodolch mit schwerem Griff und ohne Sperenzchen und irgendwelchen Zusatzfunktionen, kein dort etwas zum Ausklappen und kein hier etwas zum Herausziehen. Aber aus neuen, guten Materialien, ein gelungenes Design!“
„Gratuliere, Mister MacDonnald!“ Captain Klowaček kam aus dem Dickicht und wies auf die beiden Männer, die ihn begleiteten. „Private Jones und Private Miller werden sie in den Stützpunkt begleiten, der Rest sichert, so hoffe ich, alle Ausgänge!“
„Zumindest hat bislang noch keiner der Springer an einen anderen Fluchttunnel gedacht“, gab Tatjana Bescheid. „Oha, jetzt wird jemand misstrauisch, weil die Tür offen bleibt und diese Lamarisia nicht auf den Bildschirmen erscheint. Gehen wir, aber gefechtsbereit!“
„Jones, Miller, an die Spitze!“ befahl Klowaček. „Miss Michalowna hat die volle Kommandogewalt!“
„Ich nehme Position drei“, gab Peter bekannt, und Tatjana ergänzte noch
„Dann bleibt für mich die Rückendeckung. Captain, passen sie gut auf Senhora Lopez y Marana auf.“
„Willst du mich nicht mit hinein nehmen?“, empörte sich Graziella.
Tatjana zögerte. „Es ist nicht dein Geschäft, Chica!“
„Was, die Erde vor Aliens retten?“, schimpfte Graziella. „Das geht uns alle an!“
„Bevor wir Zeit mit einem Streit vergeuden, in Ordnung“, entschied die Russin. „Auf geht’s!“
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Yommanie hatte ihre Kameraden verständigt, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Dann hatte sie ihren Tarnanzug angelegt und sich mit den anderen um den Zugang zu Ausgang fünf verschanzt. Stets die Öffnung im Visier ihrer angeschlagenen Waffen warteten sie auf den Angriff, und der erfolgte in Form einer Blend- und einer Rauchgranate, die plötzlich aus der Türöffnung rollten, sowie aus einem Schemen, der durch die Luft flog, sich abrollte und wieder auf die Beine kam, die kurze BIAR spuckte in Hüfthöhe Feuer und Kupfergeschosse in den Raum, während die leeren Hülsen auf den Boden klirrten und Jones sich drehte. Dann war es plötzlich ruhig, Timerrey nahm seine Makarov in beide Hände und sprang auf, eine Kugel aus Tatjanas Beretta durchschlug seine Stirn und löschte sein Leben aus.
„Möchte sich jemand ergeben?“, fragte eine weibliche Stimme aus dem Nebel, die vier noch lebenden Mehandor spannten ihre Muskeln, um aufzuspringen und das Feuer zu erwidern. Gleichzeitig, damit sollten sie doch eine Chance haben, dachten sie. Mit einer Telepathin, die genau wusste, wo und wann sie aufspringen würden, hatten sie jedoch nicht gerechnet. Einen Schuss konnte die überraschend schnelle Yommanie noch abgeben, der Private Jones mitten in den Kopf traf. Dann starb auch sie als letzte Mehandor in diesem Unterschlupf, und ihres Wissens als letzte Agentin Atzgols in Freiheit.
„Rufen sie ihre Männer herein, Captain.“ Die kleinen CB-Funkgeräte reichten zwar nur wenige Meter, waren aber für diesen Zweck hier vor Ort völlig ausreichend. Einer nach dem anderen kamen die Männer heran, drei machten sich daran, vor dem Eingang einen Kommunikationsmaser genau auf die Position der JFK-Spacebase auszurichten, während die anderen eine Unmenge kleiner Schmelzbomben in der Anlage verteilten, rasch und routiniert. Peter MacDonnald machte sich über die Computeranlage her, komprimierte sämtliche Dateien zu einem Impuls von nicht einmal einer Sekunde, den er schließlich über den ausgerichteten Maser in den Himmel jagte, nicht wahrnehmbar für jemand außerhalb des Fokus des Strahls.
„Interessant, diese Androidentechnologie“, bemerkte er zu Tatjana. „Ich habe mir erlaubt, davon eine Kopie für uns zu ziehen.“ Die Russin nickte.
„Fertig?“, fragte sie.
„Fertig, Tatjana“, rief er.
„Gut. Captain, herein mit dem Maser. Sie haben genug Hitzebomben um die Toten gelegt, damit nichts mehr zu identifizieren ist? Keine DNS, keine Knochensplitter, nichts?“
„Alles erledigt, Ma’am!“
„Gut, in zehn Minuten haben wir ein Fenster von fünf Minuten, in denen uns nur die JFK beobachten könnte. Also, Zeitzünder auf zwölf Minuten und abrücken!“
„Aye! Melde mich ab.“ Jake Klowaček salutierte und winkte. „Alles raus hier, Adelante!“ Als letzte Söldner verließen Bill T’a’gai und Jake Klowaček die Anlage.
„Nun Billy, hast du die Adresse von Tso-tsee-naaki-be bekommen?“ Billy sah sich noch einmal nach Graziella um, die ihm lächelnd zuwinkte.
„Hab‘ ich, Chef. Und dieses Mal nehme ich wirklich einen schönen, langen Urlaub.“
Zehn Minuten später schmolzen die Hitzeladungen den Inhalt der Mehandorbasis zu unidentifizierbarer Schlacke, ebenso die Leichen der Agenten und jener von Private Jones. Einige Beamte in Brasilia wunderten sich über das Ausbleiben ihrer Sonderzahlungen, aber alle ihre Nachforschungen blieben erfolglos und verliefen im Sand. Einige Tage später verließen einige unauffällige Touristen das Land, unter ihnen auch Senhor und Senhora Donahue, die ganz überschwänglich von den gesehenen Naturwundern schwärmten.
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August 2086
Sol System, Luna
Gagarin Space Port, Hilton Hotel
Der Speisesaal des Hilton Gagarin Port war stets gut besucht, einer der besten Küchenchefs Lunas versah hier seinen Dienst und verwöhnte die Gäste des Luxushotels der gehobenen Preisklasse. Entsprechend begütert konnte man die Gäste bezeichnen, und die meisten, welche die wunderschöne Aussicht auf die an diesem Tag halbe Erde während ihres Mahls genießen durften, waren durchaus fortgeschrittenen Alters. Der hochgewachsene, athletisch gebaute Mann hatte weißes Haar und mehr Jahre erlebte als alle anderen Gäste zusammen, auch wenn er sich elastisch wie eine junge Person bewegte. Der Arkonide Atlan hatte für seinen Gast und sich den besten Tisch reserviert. Und was er wünschte, bekam er üblicherweise auch, denn seine Trinkgelder waren legendär, solange er zufrieden gestellt wurde. Nach den beiden Schlachten in Thanthur Lok war die NEITH mit den GCC – Schiffen nach Terra zurück gekehrt, die Mannschaften hatten Urlaub bekommen, und Atlan gedachte seine Schuld zu bezahlen. Nicht ungern, wie er vor sich selbst zugeben musste. Noch aber saß der Arkonide allein an seinem Tisch und betrachtete die Erde, ein Tief schien sich auf die Südküste der USA zuzubewegen, ein Hurrikan, der über Florida und Texas ziehen würde, kündigte sich im Atlantik an. Leises Raunen drang an sein Ohr, er wandte den Blick von der Erde in den Saal und sah eine Frau näher kommen, direkt auf seinen Tisch zu. Man meinte beinahe das Einrasten der Augen vieler anwesender Männer zu hören, welche die Dame mit den Augen verfolgten. Das blonde Haar aufgesteckt, dezent geschminkt, eine Sanduhrfigur mit Kurven an den Rippen und adäquaten Formen weiter südlich, mit endlosen Beinen, welche durch den seitlichen Schlitz in ihrem Kleid hervorblitzten und durch Schuhe mit hohen Absätzen noch gestreckt wurden. Katzenaugen, hohe slawische Backenknochen und ein Mund, der tausend Sünden zu versprechen schien.
Atlan hatte sich erhoben. „Walentina Jewgenjewna Tereschkowa, es freut mich, dass sie gekommen sind!“ Galant und gekonnt küsste der Arkonide die Hand der STARDUST – Kommandantin.
„Ich wollte mir doch meinen Kuss nicht entgehen lassen, Admiral“, sagte die Russin leise mit ihrer kehligen, dunklen Stimme.
„Atlan, bitte!“ Der Arkonide rückte Tereschkowa den Sessel zurecht. „Und hat der Kuss nicht Zeit bis nach dem Essen?“ Walentina lehnte sich etwas vor.
„Nach dem Essen wird es nicht bei einem einzelnen Kuss bleiben, oder“, flüsterte sie.
„Wenn es nach mir geht, nicht“, antwortete Atlan ebenso leise und legte seine Hand auf die ihre, Walentina lachte.
„Erfreulich! Ich hatte schon immer einen Faible für – sagen wir, erfahrene Männer.“ Tereschkowa zog ihre Hand nicht weg, drehte sie nur halb und begann mit ihren Fingern an denen Atlans zu spielen.
„Champagner?“ Mit der Linken holte Atlan eine Flasche aus dem Kühler, mit der Rechten erwiderte er Walentinas Spiel.
„Mhm! Taittinger Brut Reserve. Ein Mann mit einem sehr exklusivem Geschmack!“ Sie versenkte ihre braunen Augen in seine rötlichen.
„Sonst säßen sie nicht hier, Walentina!“ Er hielt ihrem Blick nicht nur stand, er vertiefte ihn noch.
„Danke für das Kompliment!“ Sie beugte sich noch etwas weiter vor, Atlans Blick wurde von dem ohnehin großzügigen Ausschnitt und seinem sehenswerten Inhalt angezogen. Dann lehnte sie sich lächelnd langsam zurück.
„Was empfehlen sie denn, Atlan?“
„Für den Anfang ein wenig Lachs mit Oberskren – Entschuldigung, Sahnemeerrettich, Keta-Kaviar und Toast. Dann Filetsteak, mit Kognak flambiert, in einer Pfeffer-Sahne-Sauce und mit Süßkartoffelchips, Salat und einen hervorragenden Rotwein aus Italien – ich kenne den Winzer. Danach – vielleicht Sachertorte aus Wien, mit einem guten Kaffee und einem kleinen Schnäpschen?“
„Das klingt für den Beginn des Abends verlockend, Atlan. Wollen sie den Startschuss geben?“
Der Abend verging mit guten Essen und seichtem, aber durchaus angenehmem Geplauder, doch schließlich erhob sich Atlan und hielt der Dame den Stuhl.
„Du bist eine ungewöhnliche Frau, Walentina Jewgenjewna, ich habe das Essen und das Geplauder sehr genossen.“
„Das habe ich auch, Atlan. Es war ein schöner Abend, der hoffentlich noch nicht vorbei ist.“
„Wie könnte ich dem Wunsch einer derart reizenden Dame wiederstehen. Es gibt hier noch einen bezaubernden Tanzsaal!“ Walentina ließ ihre Hand unauffällig über Atlans Körper gleiten und trommelte kurz gegen eine strategische Stelle, fühlbar für Atlan, doch unsichtbar, verdeckt für die anderen Gäste.
„Wir lassen ihn besser aus, großer Mann. Hast du nicht ein Zimmer reserviert?“, fragte sie mit kehliger, erregter und erregender Stimme. Atlan holte schweigend die Schlüsselkarte aus der Brusttasche seines Hemdes. „Ach, die Honeymoon-Suite“, las Walentina begeistert. „Ich wollte schon immer wissen, ob es dort das runde Bett mit den Spiegeln darüber wirklich gibt!“
„Oh, die gibt es tatsächlich!“ Die neidischen Blicke anderer Gäste, sowohl männlicher als auch weiblicher, waren nicht zu übersehen, als das Paar Arm in Arm den Speisesaal verließ und zu den Liften schritt.
„Oh!“ Die Rotationsdauer des Mondes, der sich während eines Erdumlaufes von etwa 28 Tagen einmal um die eigene Achse drehte, erlaubte es den Architekten des Gagarin Port Hilton für die Flitterwochensuite einen besonderen Effekt. Beim Betreten der Zimmerflucht sah man durch das Vorzimmer genau auf die Erde im Fenster am anderen Ende des Raumes, ein überwältigender Anblick, selbst für alte Raumhasen. So steuerte Walentina zuerst einmal das Fenster an und betrachtete voller Ehrfurcht den Ursprungsplaneten der Menschen. Dann fühlte sie den warmen Atem des Arkoniden auf ihrer Schulter, spürte, wie sein sinnlicher Mund ihren Nacken und oberen Rücken erkundete, ihr Körper belohnte seine Bemühungen mit wohligem Schaudern. Ihre Hand löste die beiden Schulterverschlüsse, der weiche Stoff glitt von ihrer Haut wie eine Flüssigkeit, bis sie nur noch ihre Schuhe trug. Atlan nahm die Einladung dankend an, seine Hände erkundeten den Körper der schönen Russin, die sich an ihn lehnte.

„Keine Unterwäsche?“, flüsterte er ihr von hinten ins Ohr. Sie griff mit ihrer Hand nach hinten.
„Gehst du mit Gehörschutz in ein Konzert?“, fragte sie zurück, ihr Atem begann bereits schwer zu werden, genussvoll, aber noch passiv gab sie sich ganz seinen erfahrenen Händen hin. Walentina fühlte ein Knabbern an ihrem Ohr, eine gehauchte Frage.
„Rundes Bett, Spiegel?“ Walentina konnte nur noch nicken, dann fühlte sie sich von zwei starken Armen hochgehoben und in das nächste Zimmer getragen, wo wirklich ein rundes Bett von drei Metern Durchmesser mitten in Raum stand, die Decke bestand aus einen durchgängigen Spiegel, auf einem Tischchen standen Sekt und Gläser bereit, ebenfalls einige silberne Speisenabdeckungen.
„Noch ein Glas?“, fragte Atlan, doch Walentina schüttelte nur ein wenig den Kopf. „Vielleicht nachher, Genosse Admiral. Jetzt wünsche ich mir den versprochenen Kuss! Und noch viel mehr als diesen, ich möchte deine – Erfahrung erleben! Total, komplett und ohne Zurückhaltung.“ Atlan legte Walentina Jewgenjewna Tereschkowa auf das große Bett, küsste ihre Nase, ihre Halsgrube, ihre wundervollen großen, noch festen Brüste und ihren Bauchnabel und noch mehr, bis Walentina vor Wollust erschauderte und ihn zu sich zog. „Idi syuda seychas zhe, Tovarisch! Davai v menya! Day mne bol’she! Sil’neye! Da, da, DAAA“!
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„Jetzt ein Glas?“ fragte der Arkonide, und Walentina Jewgenjewna nickte nur. „Dann musst du mich schon aufstehen lassen.“ Die Russin drehte sich auf den Rücken und nahm den Kopf von Atlans Brust. Ihre Augen verfolgten den Arkoniden, der zu dem Tischchen ging, die Champagnerflasche aus dem Kühler nahm, den Kork geübt ohne großen Knall, nur mit einen sanften plopen entfernte und zwei Sektflöten füllte, ohne dass diese übergingen.
„Gekonnt, Admiral“, lobte sie, als er mit beiden Gläsern zurück schritt. Atlan grinste.
„Jahrhunderte der Übung machen sich eben bezahlt!“ Er reichte ihr eines der Gläser und berührte mit seinem leicht das ihre, bevor er einen Schluck nahm.
„Ich habe es gespürt, offenbar hast du nicht nur das Öffnen von Sektflaschen geübt“, flüsterte sie leise mit rauer Stimme.
„Nein!“ Er strich über ihr jetzt geöffnetes Haar, über die Wangen, ihren Mund, ihr Kinn den Hals entlang bis zu ihren Busen. „Nicht nur das!“ Wieder erschauderte sie, doch dann drückte sie ihn in die Rückenlage.
„Und fit bist du auch noch, wie ich sehe, Tovarisch Admiral.“
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Die NORMANDIE der neugegründeten europäischen Reederei Compagnie Général Bras d’Orion war das neueste und modernste Kreuzfahrtschiff für die Route nach Ghi’eën mit Abstechern zu einigen anderen Sehenswürdigkeiten des Sektors. Die Konstrukteure hatten Anleihen an alten Schiffskonstruktionen genommen und auf die praktische Kugelform verzichtet, dafür einen schlanken, langen Rumpf gewählt, um so viele Aussichtsmöglichkeiten in das freie All wie nur irgend möglich zu schaffen. So waren der Speisesaal und der Ballsaal im obersten Deck eine halbe Röhre aus Klarstahl, ebenso lange und breit wie das gesamte Schiff, also 800 Meter lang und 50 Meter breit, somit extrem schmal. Die Höhe des ganzen Schiffes betrug dafür 350 Meter, von außen wirkte das Schiff wie ein unschöner, quaderförmiger Klotz, auf beiden Seiten in der Mitte von vorne bis hinten eine 50 Meter im Quadrat messende Leiste mir Triebwerken, Wurmlochgenerator und anderen lebensnotwendigen Installationen. Die Bug- und Heckkabinen besaßen verglaste Loggias mit spektakulärem Ausblick auf den nahen Planeten, entweder beim An- oder Abflug. Die NORMANDIE sah aus wie ein hässliches fliegendes Hochhaus – was sie ja auch prinzipiell war – doch eingerichtet und ausgestattet war sie mit größtmöglichem Komfort. Im Zentrum des Schiffes lag die Brücke, rund um diese die Mannschaftsquartiere. Im Deck darüber waren die Sporteinrichtungen zu finden, von der Wellnessoase mit Dampfbad und Sauna über ein Fitnessstudio mit kompetenten Trainern zu einem großzügigen Hallenbad, Massagen, Fango, Kuren mit heißem Stein oder kaltem Wasser, Aerobic- und Tanzkurse, Kosmetik, Maniküre, Pediküre und ähnliche Anwendungen, für alles war gesorgt. Ein Theater und eine Showbühne sorgten ebenso für Unterhaltung wie ein Kinosaal, wenn man lieber ausgehen wollte, statt das TriVid – Programm auf dem Zimmer zu genießen. Im untersten Geschoss waren dann die Landefähren untergebracht, eine Landung auf einem Planeten mit Lufthülle war für die NORMANDIE nicht eingeplant. Wenn man sich die wenigen Suiten der ersten Klasse nicht leisten konnte oder wollte, gab es günstige Pauschalangebote, am günstigsten waren natürlich die Innenkabinen ohne Fenster. Doch auch hier konnte von beengten Platzverhältnissen keine Rede mehr sein, die kleine Doppelkabine mit vier mal vier Metern plus Wasch- und Stauraum für das Gepäck konnten sich nun auch die Mitglieder der unteren Einkommensklassen für die zweiwöchige Reise durchaus leisten.
Möglich wurde dieser Umstand nicht nur, aber auch durch die grenzenlose Energie, welche plötzlich beinahe kostenlos zur Verfügung stand und wegen der Ressourcen aus den von Europa besiedelten Planeten. Dieses Mal kam der Reichtum, der zur Erde floss, dank der sozialen Marktwirtschaft allen Europäern zu Gute, die Steuern konnten dank professionellem Managements auf einem niedrigen Niveau gehalten werden, kleine und mittelständische Unternehmen wurden stärker als große Riesenfirmen gefördert. Letztere mussten in Europa nun in dem Land Steuern zahlen, in welchem sie Gewinne erwirtschafteten. Kreislaufgeschäfte, die nur dazu dienten, um Steuern zu hinterziehen und bei denen die Waren nicht einmal existierten, wurden durch das BER, das Bureau europén de la recherche, das Europäische Büro für Nachforschungen, das dem europäischen Zivilgerichtshof in Basel unterstellt war, nachhaltig verhindert. Die wenigen Agenten dieser Einrichtung wurden hoch bezahlt und waren absolut unbestechlich und integer. Kein Zweifel, Europa hatte sich verändert, die autokratischen, ausschließlich der Wirtschaft und den riesigen Firmen hörigen Regierungen hatten ausgedient, das Volk hatte nach langer Zeit des absoluten Egotrips eine Wende zu einer echten Solidargemeinschaft eingeläutet. Zum Wohle der meisten und Ärger einer kleinen Schicht. Mittlerweile war es so weit, dass die Arbeitslosigkeit einen historischen Niedrigwert erreichte, und das trotz hoher Automatisierung und neuer Technologien. Handwerker waren wieder gesucht, die Wegwerfgesellschaft hatte in Europa ausgedient und reparieren statt entsorgen war stark im Trend. So war es auch kein Wunder, dass die Pauschalreisen auf der NORMANDIE schon ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht waren, im Programm standen einige schöne Ausblicke in der Richtung des Sternbildes Schlangenträger, so etwa ein selbst leuchtender Wasserstoffnebel, der zwar der Erde nur eine schmale Seite darbot und zu lichtschwach war, um auf der Erde wahrgenommen zu werden, aus einem Sternensystem in der Nähe aber ein spektakuläres Farbenspiel bot. Natürlich legte man den Zwischenstopp so ein, dass dieses Schauspiel zum Dinner genossen werden konnte.
Zum Jungfernflug im August `86 hatte man einige Honoratioren eingeladen, die Generalsekretärin der UNO, die Ratspräsidentin der EU, die Ministerpräsidenten der einzelnen europäischen Länder und das Ehepaar Rhodan, dessen Firma diesen Luxusliner nach den Plänen der europäischen Konstrukteure hergestellt hatte. Noch stand das Kreuzfahrtschiff auf seinen Landeplatz auf dem irdischen Mond und wartete auf die Gäste, Capitaine Gerard Beigarde, und der Aufsichtsratsvorsitzende der Compagnie, Monsieur Jaques Boussole, erwarteten die Gäste am Ende der Treppe.
„Einmal ein Flug nur zum Vergnügen, Perry!“ Thora hatte ihre Hand auf Rhodans angewinkelten Unterarm gelegt und schritt mit ihm durch den Transitraum, das weiße Haar wehte wie eine Fahne hinter ihr her und bildete ebenso wie das elfenbeinfarbene kurze Kleid und die weißen, hochhakigen Riemchensandalen einen beeindruckenden Kontrast zu ihrer gebräunten Haut, zumindest für Perry Rhodan, der in die Arkonidin immer noch wie am ersten Tag verliebt war.
„Wirst du es aushalten?“, neckte Perry seine Frau. „Ein Raumflug, ohne die Brücke betreten zu dürfen!“ Thora klatschte mit ihrer schmalen Handtasche zärtlich auf seinen Bauch.
„Und du? Hier bist du auch nur Passagier!“ Applaus klang bei der Besatzung und einigen zusehenden Passagieren auf, als beide am oberen Ende der Rolltreppe ankamen und die NORMANDIE betraten.
„Es ist uns eine Ehre, Donna Thora, Mister Rhodan.“ Jaques Boussole reichte erst der Arkonidin und dann Perry Rhodan, der einen normalen Geschäftsanzug in gedeckten Farben trug, die Hand, während Gerard Beigarde salutierte.
„Danke Monsieur. Es ist uns ein Vergnügen!“ antwortete Thora, und Perry nickte.
„Wir freuen uns wirklich, dass es schon so weit ist, dass die Menschheit zum Vergnügen ins All fliegt.“
„Bitte, Madame, Monsieur, darf ich sie bitten, sich auf das oberste Deck in das Restaurant zu begeben. Der Stewart wird sie zu ihrem Tisch begleiten! Johann, bitte!“
„Aber gerne!“ Thora lächelte dem Stewart freundlich zu, der sie bat, mit ihm zu kommen. Hinter ihnen brandete wieder Applaus auf, Rhodan sah sich um und bemerkte die EU-Ratspräsidentin Silke von Gröben, die in ihrem schwarzen Hosenanzug eine gute Figur machte und mit ihrem Gatten eben die NORMANDIE betrat und begrüßt wurde.
„Wir werden viele Bekannte treffen“, bemerkte Thora. „Aber die nächsten zwei Wochen bitte keine beruflichen Gespräche. Nichts mit Wirtschaft, nichts von Politik und nichts vom Krieg! Bitte!“
Perry drehte mit zwei Fingern den Kopf Thoras zu sich und küsste sie auf den Mund. „Versprochen!“
„Donna Thora, Mister Rhodan, darf ich ihnen meinen Mann Felix von Gröben vorstellen!“ Die Ratspräsidentin hatte Thora und Perry eingeholt. „Felix, diese Dame ist Thora dalZoltral – Rhodan und der Herr ist Perry Rhodan!“ Felix verneigte sich vor Thora und küsste formvollendet ihre Hand, die sie dargeboten hatte.
„Enchanté, Madame. Sir!“ Er nahm Rhodans Rechte, die dieser ihm anbot, mit festem, aber nicht schmerzhaften Griff.
„Und, Mister Rhodan…“ Beide Paare waren weiter gegangen und standen nun im Lift. „Wie bewerten sie die Chancen in Bezug auf … Aua!“ Sie griff hinter sich. „Hast du mich eben in den Po gekniffen?“, funkelte sie ihren Mann an.
„Keine Wirtschaft, keine Politik“, erinnerte Felix seine Frau, Thora lachte.
„Danke, Felix. Ich bin völlig ihrer Meinung, gerade eben habe ich zu meinem Mann das gleiche gesagt! Sonst lassen wir die zwei reden und amüsieren uns allein, ohne die beiden!“
„Es wäre keine Strafe für mich, Madame“, stellte Felix von Gröben mit einer galanten Verbeugung fest.
„Das kommt doch überhaupt nicht in Frage!“ murrte Silke. „Ich rede schon nicht mehr über diese Themen!“
„Außer, es kommt eine Alarmmeldung! Dann müssen wir wohl! Die Funkzentrale wird doch hoffentlich eine solche Meldung sofort weiterleiten“, schränkte Rhodan ein.
„Du solltest Bully etwas mehr zutrauen, Perry!“ Mit diesen Worten zog Thora Rhodan aus dem Lift in den Speisesaal. „Sieh nur, wie schön die halbe Erde aussieht!“ Silke van Gröben holte Luft, doch ihr Mann unterbrach sie, ehe sie ein Wort sagen konnte.
„Die Donna hat doch recht. Wozu hast du denn eigentlich deinen Admiralstab?“
Eine Stunde später, als die Gäste bei einem vorzüglichen Mahl saßen und köstlichen Wein dazu kredenzt bekamen, verstärkte der Pilot Jens Fischer das Antigravkissen des Luxusliners, der darauf zu schweben und langsam zu vorwärts zu gleiten begann, ohne dass im Inneren auch nur das Geringste zu fühlen gewesen wäre. Erst die Worte des Aufsichtsratsvorsitzenden Boussole machten die Speisenden auf den eben erfolgenden Start aufmerksam. Die NORMANDIE näherte sich der Erde zunächst bis zu etwa 500 Kilometer Höhe und zeigte den Gästen die Schönheit ihres Heimatplaneten aus der Nähe, ehe sie sich in Richtung des Sterbildes Schlangenträger wieder entfernte und mit wahrhaft gemütlichen 300 Kilometern im Sekundenquadrat beschleunigte.
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System Reggys Stern
OLYMPOS
Tana Starlight biss sich auf die Fingerknöchel, um die Schreie, das Stöhnen und die Seufzer, welche sich ihre Wege durch ihre Kehle bahnen wollten, zu unterdrücken. Noch nicht – noch nicht jetzt!
„Oh ja! Oh Christian, JA! JAAAA!“ Auch Christian Hawlacek konnte nicht mehr still sein, wozu auch, seine Schreie vermengten sich mit ihren. Trotz seiner momentanen Erschöpfung half dann Christian Tana von deren Schreibtisch und kuschelte sich mit ihr auf die Eckgarnitur in ihrem Büro, das sie nach langem Überlegen doch an ihre Wohnung anbauen ließ und nach den Zwischenfällen mit den Tanaæine endlich aktiviert hatte. Üblicherweise, um Arbeit zu erledigen, Berichte zu sichten und auf dem Laufenden bleiben zu können, vielleicht auch eine Idee auszuarbeiten und den Teams unterbreiten zu können. Immerhin war auch sie keine schlechte Ingenieurin. Üblicherweise, aber dann war Chris gekommen, hatte Inez Malrosa, ihre Sekretärin, zum Essen geschickt und ein kleines, aber feines Picknickpaket ausgepackt. Und dann hatte eines zum anderen geführt, beide hatten sich ausgehungert gefühlt, und es war eben geschehen. Jetzt ruhten sie entspannt aneinander geschmiegt, streichelten die warme Haut des anderen und küssten einander ab und zu, dachten einfach nur daran, wie schön das Leben manchmal sein konnte, wenn man ungestört war.
Die Türen der OLYMPOS funktionierten nicht mehr geräuschlos, Inez kam von ihrer Pause in den Vorraum zu Tanas Büro zurück, und Tana schaffte es eben noch, das rote ‚nicht stören‘ – Licht einzuschalten. Sie wusste, Inez würde jetzt schmunzelnd an ihre Arbeit gehen und genau wissen, was vor sich gegangen war und – noch gehen würde. Eben verlegte sie wohl schon mit irgend einer Begründung den nächsten Termin. Sie wandte sich zu ihrem Partner um, zeigte sich in voller Schönheit und hob lächelnd eine Augengraue. Er wiederum ließ sich nicht zwei Mal bitten.
„Welch ein Glück, dass du in deiner Dekadenz für einen Durchgang zu deiner Wohnung und der Dusche direkt von deinem Büro erreichbar einbauen hast lassen!“ Er seifte ihren verschwitzten Körper ab und genoss es, dass sie das gleiche mit ihm machte. Der nächste Termin fiel, Inez verschob ihn wohl gerade, aber das war Tana egal. Verdammt, sie war die Chefin, sie konnte auch einmal eine Pause mit ihrem geliebten Partner einlegen, ein paar Privilegien standen ihr auch schon mal zu.
„Ich lasse dich dann wieder arbeiten!“ Christian küsste Tana noch einmal, dann verließ er die Dusche, um sich abzutrocknen, anzukleiden und wieder an seinen Rechner zu gehen, und seufzend machte sie das gleiche, kehrte in ihr Büro zurück und schaltete die Lampe auf Grün. Immerhin fiel es ihr für den Rest des Tages nach diesem kleinen Intermezzo wieder leichter, sich auf organisatorische Maßnahmen zu konzentrieren. Flüchtig kam ihr die Frage in den Sinn, ob wohl auch Inez jemand hatte, der sie so angenehm entspannte, aber sie schob den Gedanken rasch wieder zur Seite. Das ging sie nicht das Geringste an, trotzdem hoffte sie aber für die hübsche Inez, dass es so sein möge.
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Leslie Myers schlief, mit dem Rücken an Crest da Zoltrals Brust und Bauch geschmiegt, ihren Kopf auf seinem Oberarm, den anderen Arm hatte er um sie geschlungen, der Arkonide genoss die Wärme und das Gefühl der seidigen Haut ihres Körpers. Zweieinhalb Monate beglückte ihn Leslie nun bereits mit ihrer Aufmerksamkeit, und sie schien ihm von Tag zu Tag schöner. Nicht, dass sie Crests erste Frau war, seine ersten Beziehungen auf Arkon I waren durchaus befriedigend zu nennen, besonders, als er noch ein sehr junger Mann war. Aus einer der besten Familien stammend hatte er freie Wahl gehabt, auch wenn er keiner der athletischen, sondern eher der schmalen, hageren gewesen war, mit einer etwas eingefallenen Brust. Alle waren sie der durch lange Zuchtwahl perfektionierte Typ Frau gewesen, groß, schlank, große, runde Brüste und großer, runder Po. Er war ein genetischer Ausrutscher, nicht der Norm entsprechend, trotzdem hatten die Frauen sich ihm angeboten, denn er war durchaus bereit gewesen, das Angebot anzunehmen, statt auf einen Bildschirm zu starren. Dann kam die Zeit, in welcher er rasch ermüdete, die der Leukämie ähnliche Halbmondzellenkrankheit schlich sich langsam, zuerst unbemerkt und unauffällig, dann immer stärker in sein Leben. Dann startete er mit der AETRON unter seiner Nichte Thora zur Suche nach dem Planet des ewigen Lebens, er hatte unverhofft zuerst Heilung und mit Hilfe der Menschen auch diesen Planeten gefunden, langsam waren in ihm auch wieder die Regungen eines gesunden Mannes erwacht. Hier und da, diskret und unauffällig, hatte er ihnen auch nachgegeben, Galacto City war voller Frauen, die ebenfalls auf der Suche nach einem kleinen Abenteuer waren. Er ging dabei so diskret vor, dass nicht einmal Thora etwas davon ahnte. Auf der HEPHAISTOS hatte er dann Ghoma, die Springerin und auch noch andere Damen getroffen, die einem kleinen Vergnügen durchaus nicht abgeneigt waren. Aber bei Leslie war es irgendwie anders, diese zu Beginn etwas unscheinbar wirkende Frau hatte ihn in ihren Bann gezogen. Trotz der kleinen, weichen Brüste, dem molligen Körper mit dem Bäuchlein, das er selber ja auch bekommen hatte, und dem etwas größer geratenen Hinterteil, das sich eben an ihn schmiegte und ihn, wenn er ehrlich zu sich war, durchaus immer wieder erregte. Er war verliebt in Leslie, verliebt wie nie zuvor in seinem langen Leben in eine Frau. Nicht nur in den Geschlechtsakt mit ihr, den er keinesfalls gering achtete und missen wollte, sondern in die Frau als ganzes, und er genoss jede Minute davon.
„Angel Kleinschmid fragt Leslie Myers, ob sie sprechbereit ist!“ Heras angenehme Stimme von der Decke des Appartements der Intuitionistin weckte die älteste Freundin Tanas aus ihrem kurzen, an Crest geschmiegten Schlummer.
„Moment“, murmelte sie, setzte sich auf rieb sich das Gesicht. „Wer möchte mich sprechen?“
„Angel Kleinschmid, Leslie“, kam die Antwort von der Decke.
„Nur meinen Kopf übertragen, Hera. Ansonst kann es los gehen!“ In der Mitte des Raumes erschien Angel in ihrem Arbeitsanzug, die eben vor einem seltsamen Aggregat kniete und allerlei Instrumente um sich verteilt hatte.
„Ich glaube, ich habe da etwas, Leslie. Kannst du kurz an Bord der Sichel kommen, ich brauche deine Intuition. Und ich bitte auch noch Kono Killikioauewa und Asante N’Diaye dazu. Ein interessantes Gerät, das hier eingebaut ist.“
„Gib mir ein paar Minuten“, bat Leslie, schwang ihre Beine aus dem Bett und beendete das Gespräch. Auch Crest erhob sich, sie musterte seine lange, ein wenig schmalbrüstige Gestalt mit dem kleinen Bäuchlein darunter, das sie sehr mochte. Die langen, nicht sehr muskulösen Arme und Beine, die schmalen, langen Hände, elegant und geschickt, wie sie selbst erlebt hatte. Und wie immer fiel ihr das fehlende Schamhaar auf, auch die Männer der Arkoniden hatten jetzt den letzten Rest der Körperbehaarung verloren. „Oh! Es tut mir leid, dass ich dich jetzt im Regen stehen lasse, Crest. Aber wir holen es nach, ja?“, versprach sie, während sie in einen EVA – Anzug, einen Dress für Aktivitäten außerhalb eines Raumschiffes, schlüpfte.
„Ich komme mit“, sagte Crest kurz entschlossen. „Vielleicht fällt mir etwas auf, auch wenn es sich nicht um Roboter handelt!“
Klara Berger hatte ihre langen blonden Haare unter eine Haube gestopft und ihre üppigen Formen, die von dem gebräuchlichen EVA–Anzug eher unterstrichen als versteckt wurden, unter ein kuppelförmiges Objekt gezwängt, das mit einem waagrechten Rohr an der Wand befestigt war.
„Den Abgleichtaster, bitte!“ Ihre Hand kam unter der Konstruktion hervor und bewegte fordernd die Finger, George Kinnik drückte ihr ein Kästchen mit drei elastischen Fühlern in die Hand. „Drei, acht, schwankend zwischen fünf und sechs“, las sie ab, Angel gab diese Daten in ihr Pad.
„Ach, Leslie! Und du hast Crest mitgebracht, hallo!“ Angel winkte den beiden zu. „Kono müsste auch gleich kommen, Asante holt noch Ashyagada. Irgendwie werde ich aus den Anzeigen nicht wirklich schlau!“
„Was sagt Ishi?“, fragte Crest, der sich nach der jungen Mutantin umsah. Angel zuckte mit den Schultern.
„Wir haben arkonidische Zahlen auf dem Schirm, aber schlauer werden wir deswegen auch nicht.“ Leslie strich mit den Fingern über die Kuppelhülle, lauschte in sich hinein. „Ich glaube … gib mir einen Lichtgriffel und ein Pad!“ Während Crest ihr das Pad hielt, flog der Schreiber in ihrer Rechten über die Oberfläche und hinterließ eine schematische Zeichnung, eine Schaltskizze. „So etwa, kannst du damit etwas anfangen?“
„Oh!“ Angels Augen weiteten sich. „Oh ja, durchaus. Schatz, komm hervor, sieh dir das an!“ Klara schob sich mit einigen Verrenkungen hervor, ergriff das Pad und betrachtete die Skizze.
„Hm, ja!“ Ihr Finger folgte den Linien. „Daraus werde ich nicht wirklich… Moment, das erinnert mich an irgend etwas.“
„Mich auch, aber – nein, das war es nicht!“
„Darf ich?“ Eine Hand streckte sich zwischen die Frauen.
„Natürlich, Ashy! Hier!“ Klara schob das Pad in die erwartungsvolle Hand, und Ashyagada studierte den beanstandeten Bereich.
„Das ist bekannt“, kommentierte sie. „Professor N’Diaye, ich glaube, das ist ihr Bereich!“
„Nicht ganz“, sagte der dunkelhäutige Hyperphysiker. „Nicht ganz. Diese Symbolgruppe – also damit habe ich Probleme!“

„Aber die stammt doch aus ihrem Referat vom September 2082. ‚Über die theoretischen Überschreitungen der Grundlagen der kosmischen Konstanten und die relativen Unsicherheitsmessungen der Relativitätstheorie in der Einstein-Rosen-Brücke unter Berücksichtigung der Einflüsse der arkonidischen Wurmlochtechnologie im Bereich der Masseträgheit im Transit in die negativen stellaren Gravitationstrichter‘. Erschienen im Science Cosmic Magazine der MIT, Cambridge, Massachusetts. Moment!“ Sie gab das Pad an Klara zurück, zückte ihr eigenes und rief eine Datei auf. „Nein, doch nicht ganz das selbe!“ Sie deutete auf den Text. „Hier hatten sie eine leicht differente Formel, aber die Grundlage ist die selbe.“
„Zeigen sie doch einmal her – stimmt! Das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm, weil die praktische Umsetzung in eine neue Antriebsart doch nicht funktionieren wollte.“
„Vielleicht waren sie näher dran, als sie dachten!“ Angel tippte wild in ihr Pad, und Klara studierte beide Formeln.
„Ich glaube, ich habe den damaligen Fehler“, meldete Klara. „Hier hast du die falsche Abzweigung genommen, Asante!“
„Aber die Masseträgheit ist eine Konstante, die ich bewusst – oh, mein Gott! Genau darum geht es doch! Um die Masse! Welche Energie benutzen die Tanaæine eigentlich?“
Angel wies auf eine Wand. „Energiekonverter ähnlich denen des Matriarchats damals auf der ASO’OMIE. Und ebenso ineffektiv wie die Damen damals in der Vergangenheit! Allerdings – ohne den Reintegrator könnten auch wir die ersten Wicklungen nicht fein genug herstellen und müssten uns mit den Monstergeneratoren herumschlagen.“
*
Die Spacedisc OLY SD 627 raste, einen Feuerschweif hinter sich herziehend, mit hoher Beschleunigung durch das System von Reggys Stern. An Bord des 30 Meter durchmessenden und 12 Meter hohen Kleinstraumschiffes in Scheibenform pumpte ein voluminöses Herz grünes Blut und Adrenalin durch einen 169 Zentimeter großen Körper mit ebenso ausladenden Hüften. Die junge Mehandor jubelte innerlich und steuerte das Schiff gefühlvoll, wie sie es gelernt hatte, sie nahm ihre körperliche Kraft zurück.
„Schon ein normal starker Mensch kann den Steuerknüppel mit zwei Fingern bewegen!“ Lieutenant Betty Conroy hatte es demonstriert. „Sie müssen also das Ding nicht umklammern und abbrechen. Heben sie sich die Kraft für wichtigeres auf. Fliegen sie gefühlvoll, zärtlich. Gutes Fliegen ist wie guter Sex. Man muss sich auf das Objekt der Begierde einstellen, man muss einfühlsam und zärtlich sein, und es dauert nie lange genug! Probieren…“, ihr Finger wanderte durch die Klasse. „…sie es, Ushilla! Kommen sie vor, setzen sie sich. Halten sie mit dem Stick den Lichtpunkt in der Mitte des Kreises!“ Die Leutnant hatte auf eine Projektionsfläche an der Rückwand des Raumes gezeigt. Ushilla hatte den Stick umfasst und versucht, dem Befehl nachzukommen.
„Aua!“, hatte Betty gebrüllt. „Wenn das Ding einem Mann gehört hätte, müsste jetzt ein Arzt kommen. Zart, winzige Bewegungen.“ Die Klasse hatte gelacht, und Ushilla war dunkelgrün, beinahe schwarz geworden. Dann hatte sie der Ehrgeiz gepackt und sie hatte geübt, geübt und nochmals geübt.
Jetzt saß sie mit fünf Kadetten hier in der Kanzel der Disc, und Betty Conroy war neben ihr. Aber der aktive Steuerknüppel war ihrer, sie steuerte das kleine, schnelle Schiff mit ihren eigenen Händen. Eine echte Maschine, kein Simulator, nicht weit von ihr war wirklich das Weltall.
„Flug SD 627, hier OLYMPOS Control, sie haben Verkehr auf 27 Nord. Gehen sie auf Kurs 429 zu 552, Geschwindigkeit verringern um 14 Prozent.“ Die Stimme der Kh’Entha’Hur Yesmeen T’Gandar erklang im Cockpit der Disc.
„Bestätigt! 429 zu 552, Verzögerung 14 Prozent“, antwortete die Kadettin ohne zu zögern und zog die Disc in den neuen Kurs, verzögerte um die genannte Rate.
„Gut“, brummte Betty. „Sie haben es sich gemerkt. Gefühlvoll und zart! Lassen sie die Disc einmal treiben.“ Ein langer Feuerstreifen zog über den Bildschirm, und Betty Conroy sah auf ihre Armbanduhr. „Die CYRANO II. Auf die Minute pünktlich.“
„Flug SD 627, freier Sektor. Sie haben Erlaubnis für Manöver nach freier Entscheidung!“
„Roger!“ Diesmal antwortete die Leutnant. „Also, Kadett. Ich möchte, dass sie diesen Asteroiden hier anfliegen und mit den Bordwaffen zerstören. Wie lautet die erste, die allererste Regel für einen Angriffsflug?“
„Zerstöre das Ziel, nicht dich selber, Ma’am“, bellte Ushilla.
„Und die zweite?“ fragte Betty.
„Ma’am, wenn nach dem Feuerschlag das Ziel noch da ist, drehe rechtzeitig ab und fliege, wenn nötig, ein zweites Mal an!“
„Sehr gut“, lobte die Fluglehrerin. „Dann los, Kadett!“
„Aye, Ma’am!“
Der Diskus kippte über die Hochachse, aus den acht Triebwerksöffnungen brachen lange, grellweiße Flammenzungen und beschleunigten den Diskus mit rekordverdächtigen 950 Kilometern im Sekundenquadrat. Zwischen den Düsen schoben sich Blenden auf, Halbkugeln schoben sich heraus und rasteten ein, aus denen die Läufe von je einem 33 Zentimeter Desintegrator- und Thermostrahl-Schnellfeuergeschütze ragten. Acht mal zwei Mündungen schwenkten nach ‚oben‘, richteten sich auf einen Punkt weit voraus in der Flugbahn des Diskus. Der Asteroid wanderte in Ushillas Zielkreis, der seine Farbe von weiß in rot änderte, für einen wirklich wirksamen Feuerschlag war das Objekt noch zu weit. Die linke Hand der Kadettin drückte eine Taste, der Feuerleitcomputer fixierte das Ziel. Solange es sich im ‚Norden‘ der Disc befand, würde der Rechner es nicht mehr aus dem Zielkreis verlieren, egal welche Kurs- und Lageänderungen der Pilot für nötig fand. Endlich blinkte der Kreis um das Zielobjekt einmal auf und wechselte zu grün, Ushilla löste eine erste Salve aus, korrigierte den Kurs minimal, so dass er nun am Asteroiden vorbei führte und löste noch dreimal aus.
„Ziel ohne eigenen Schaden zerstört, Ma’am“, meldete sie. Betty trug etwas in ihre Liste ein.
„Gut gemacht, Kadett. Wenn sie in einem Jahr noch hier sind, wird das Ziel zurück schießen. Aber für heute, zurück zur OLYMPOS. Kadett Vesstrakh, sie können sich schon geistig vorbereiten, sie sind der Nächste!“ Der Ssossri stellte bestätigend seine roten Federn am Kopf zu einem Rad auf und nickte zusätzlich mit der menschlichen Geste, die viele Kadetten übernommen hatten.
„Aye, Ma’am!“ Viel zu schnell erreichte die 627 wieder die OLYMPOS, bekam ihre Landefreigabe und schwebte in ihren Hangar. Nachdem Ushilla den Diskus gelandet und verankert hatte, schloss sie die Augen und fühlte in sich hinein, ehe sie mit großem Bedauern den Sitz räumte und mit Vesstrakh den Platz tauschte. Betty Conroy lächelte ihr hinterher.
„Ich habe euch gewarnt, es dauert nie lange genug…“
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