Wieder fing das Tanzen an.

Weiße Lichtfunken wirbelten aus dem dunklen, längst ausgetrockneten und überwucherten Torfboden und taumelten entlang imaginärer, unsichtbarer Bahnen empor, bis sie die Gestalt einer lockeren Spirale bildeten, die unverständlicherweise den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen imstande waren.

Wie von sich selbst fasziniert und becirct umgarnten die Funken einander, ewig Verliebten nicht unähnlich, und sie blickten suchend um sich durch die ewige Dämmerung, auf der Suche nach dem Licht am Horizont.

Wie immer lichtete sich die diffuse Düsterkeit ein wenig, um Umrisse der Umgebung hervortreten zu lassen, und die Spirale, des Denkens fähig, sah – auch wie immer – die gleichen Merkmale der Landschaft wie schon seit ihrem „Erwachen“ vor so langer Zeit. Einstmals hatte Zeit eine Bedeutung besessen, eine Rolle gespielt, doch nicht im Hier und Jetzt.

Das Heute war die Ewigkeit.

Wenige Meter südlich jenes Punktes, an dem sich die Spirale erhob und schillernd den düsteren Himmel zu erreichen suchte, jenseits einer kleinen Eibengruppe, die jetzt im Frühling besonders schön trieb und farbenprächtiges Laubkleid angelegt hatte, schraubte sich die nächste Spirale sterbend dem Himmel entgegen, flammend, pulsierend und unsichtbar.

Es gab so viele von ihnen hier, überall konnte man sie erkennen, die sterbenden Spiralen, die die Landschaft weithin sprenkelten, gleißend und strahlend und doch unsichtbar.

Sehnsucht kam in dem leuchtenden, geschraubten Band aus Energie auf, das die Umgebung betrachtete, diese menschenleere Landschaft in ihrer majestätischen Kargheit und Naturbelassenheit. Kein Schimmer war mehr zu sehen von den Ereignissen vor so langer Zeit, die hier die Ruhe gestört hatten …

Sehnsucht erwachte in der Spirale aus leuchtender Helligkeit, Sehnsucht nach der Existenz, nach Wärme und Liebe und Geborgenheit, nach all den Dingen, die sie nicht mehr besaß und die sie nie mehr haben würde.

Vielleicht nicht mehr.

Denn die Letzte Gewissheit fehlte. Immer noch. Nach so langer Zeit …

Unverrückbar an die Kalziumstelle gebannt, unbeweglich in vergänglicher, geheimer Pracht verharrte die sterbende Spirale und wandte den Blick ins wärmere Innere der leuchtenden Lichtpunkte, in denen die kostbaren Erinnerungen aufbewahrt wurden, so viele Erinnerungen … an Lieben, Leiden, an Eltern, Verwandte, Bekannte, Geliebte, Feinde …

Oh, so viele Bilder. Und das hellste davon …

***

„Geh nicht, Juan! Oh, geh nicht!“

Maria Ortega umklammerte den hochgewachsenen Mann, ihren Geliebten, der vor ihr stand: in voller Uniform, das Licht brach sich auf den blankpolierten Metallknöpfen, an den Schulterstreifen, am Metall des eleganten und geschwungenen Säbels an seiner Hüfte. So bildete er das Ideal eines jungen, kriegerischen, energischen Mannes der neugegründeten Armee. Und aus den unendlich tiefen, graublauen Augen blickte er seine Geliebte an, die er zu ehelichen vorhatte, wenn er zurückkehrte.

Um Juans sinnliche Lippen lag ein leichtes Lächeln, eines jener Art, das ihn für Frauen einfach unwiderstehlich machte. Sein fein geschorener Schnurrbart zuckte vergnügt. Er konnte und mochte es nicht bestreiten: die Sorge seiner geliebten Gefährtin tat seinem Heldenherzen wohl.

Einstmals flogen ihm die Frauenherzen nur so zu, und er war kein Kind von Traurigkeit gewesen, wahrlich nicht. Da hatte Juan Milagros Lächeln die Eispanzer der stolzen Schönen zerschmolzen und sie dahinfließen lassen in seinen Armen. Das war Vergangenheit.

Hier und heute und für alle Zeit würde es nur noch eine Frau geben, der zuliebe er so lächelte wie früher für viele: Maria Ortega! Die anbetungswürdige, schöne und leidenschaftliche Frau, der sein Herz so sehr gehörte, wie ihm das ihre zuflog. Wenn sie einander anblickten, dann schwang eine Woge der Übereinstimmung darin mit, dann pochten ihre Herzen im gleichen Takt, ihre Gedanken verwoben sich zu einem kostbaren, einzigartigen Teppich von makelloser Schönheit…

Das tiefschwarze, lange Lockenhaar fiel Maria in den fein geschwungenen, hinreißenden Nacken, dazu trug sie jenes strahlendweiße Kleid, in dem Juan sie so gerne sah: eines jener Art, das die Hüften und die Taille einer schönen Frau betonte und erregend mit ihrer samtbraunen Haut kontrastierte. Sie wirkte darin so zerbrechlich wie stolz, und beides stachelte Juans Begierde ebenso an wie seinen Stolz, ihr Herz errungen zu haben.

Als sie ihm nun ängstlich und zärtlich zugleich über die glattrasierte Wange strich, noch heiß von der Rasur und nach jener Würze duftend, die edlem Rasierwasser entstammte, da quollen aus den dunklen Teichen ihrer Augen unwillkürlich die Tränen der Furcht empor und ließen sich beim besten Willen nicht zurückdrängen. Oh, wie wohl tat doch die Sorge einer liebenden Frau, wie brachte es das Herz zum Glühen …

Juan spürte sein Herz wilder schlagen, und glühende Leidenschaften ergriffen sein Herz, Gefühle, für die jetzt kaum Zeit war … er musste rechtzeitig bei der Truppe sein, der Feind war nah, der Kampf war nah, doch auch der Ruhm …

Er beschloss, zu ihren Ehren zu kämpfen, mit Marias Namen auf den Lippen in die Schlacht zu reiten und alles zu tun, um sich ihrer würdig zu erweisen. Dies war Ziel genug, nicht nur die Unabhängigkeit …

Er küsste sanft Marias erlesenen Lippen, die köstlicher als alles schmeckten, was er jemals gekostet hatte. Die süßen, warmen Lippen der geliebten, angebeteten Frau waren alles, dessen ein treuer und liebender Ehemann bedurfte. Oh, wie oft hatte er sie gekost, gestreichelt, geküsst, wie oft war Maria unter seinen Avancen schwach geworden, die mit dem sanften Tasten seiner Lippen auf den ihren begonnen hatten …

Die Gedanken glühten in ihm, die Bilder feuriger Inbrunst, ekstatischer Liebesnächte kehrten in voller Stärke zurück und weckten physische Reaktionen, die jetzt sehr unpassend schienen. Aber Juan war unfähig, sie zurückzudrängen. Dafür erwiesen sie sich einfach als viel zu wunderbar.

Juan flüsterte ihr zu: „Hab keine Angst, Maria … ich kehre zurück, ich verspreche es, glaube mir … ich kehre zurück und dann werden wir heiraten, wie noch nie Liebende Hochzeit hielten. Eine Woche wollen wir feiern, nur unentwegt feiern, und die Nächte werden uns alleine gehören. Mögen die Gäste dann weiter trinken, wir werden uns selbst genug sein, und glaube mir, ich bringe deiner Seele, deinem Leib Huldigungen entgegen, die uns für immer verbinden werden. Ich schwöre dir, mein Herz ist dein für immer, und du brauchst keine Sorge zu haben …“

„Oh Juan! Oh nein!“, schluchzte die wunderschöne, besorgte Frau stattdessen, überwältigt von einer Verzweiflung, die so tief war, dass Worte sie nicht auszudrücken verstanden. Vor ihren Augen verschwamm die Gestalt ihres Angebeteten, als sei er schon in den Nebeln der Erinnerung entschwunden. Hektisch blinzelte die schöne junge Frau, um die Tränen zu verscheuchen, doch nur neue stiegen aus dem Brunnen ihres Herzens empor. „Du wirst sterben! Bitte, ich flehe dich an, ich sehe es … ich fühle es …!“

Und sie klammerte sich an ihn, strich über seine frische Uniform, und ehe sich Maria Ortega versah, nestelten ihre schlanken, langen Finger an seinen Knöpfen.

Ihr unterdrücktes Schluchzen mischte sich mit einem amüsierten, verblüfften Gelächter ihres Soldatengeliebten, der ihr erneut einen Kuss verabreichte. Und diesen Kuss erwiderte Maria mit einer frenetischen, fast verzweifelten Wildheit, als wolle sie sich seiner Gegenwart so sehr vergewissern, wie es nur ging. Nun wühlten ihre geschmeidigen, weichen Hände kess in sein Uniformhemd hinein, bis sie die warme Haut ertastete und Juans Leidenschaft endgültig entflammte.

Er schob jeden Gedanken an sofortigen Aufbruch von sich und ließ sich nur zu willig von seiner feurigen Geliebten auf das Bett herabziehen und sich verführen. Sein Vater hatte ihm einstmals gesagt, dass man eine geliebte Frau in einer solchen Stunde um keinen Preis der Welt zurückstoßen solle. Es mochte dann so sein, dass man sie verlor, und das wäre gewesen, als hätte man Juan Milagro das Herz aus der Brust gerissen. Ebenso tödlich wäre es …

Es war ihm viel zu wichtig, ihre köstlichen, ehrlichen Gefühle nicht zu verletzen, als dass er sich brüsk von Maria hätte trennen können. Lachend ließ er sich die Uniform abstreifen und erwiderte die Avancen der jungen, heißblütigen Frau, die sich nun an ihn drängte, ihr Kleid hochstreifte, wie es die Dirnen üblicherweise taten … aber dies war etwas ganz anderes, dies war die fleischliche Inkarnation der göttlichen Liebe, und als sie sich leidenschaftlich in den Kampf der Leidenschaften stürzten, wusste Juan, dass er dieses erste Gefecht ganz gewiss siegreich bestehen würde. Und alle derselben Art, die in ungezählten Jahren noch folgen mochten …

***

Was für eine Welt war dies, in der alles überzogen war mit dem fremdartigen Glitzerwerk sterbender Spiralen, die sich emporschraubten?

Die schattenhaft erkennbare Umgebung schien vage vertraut, seltsam vertraut, aber wie ein Traum, dessen Ursprung sich nicht einstellen wollte. Hohe Felsformationen aus bleichem Kalkstein, dem Gebein von Riesen gleich, dazwischen weites Grasland, Buschgruppen und vereinzelte Haine aus Kiefern. Im Vordergrund die Senke, in der einstmals ein Moor gelegen hatte, das schon lange ausgetrocknet war und nur den fruchtbaren Boden zurückgelassen hatte.

Und überall erhoben sich die Spiralen.

Grüppchenweise wucherten sie aus einem Hügelfeld nahe jener Felszinne gen Osten, vereinzelt standen sie zwischen den Felsen, bebten und waberten, zogen sich zusammen und erhoben sich wieder zur vollen Größe, beinahe so, als hielten sie Ausschau nach unbekannten Besuchern oder feindlichen Soldaten.

An der Basis ihrer Funkenspur waren sie breiter, nach oben wurden sie eng wie ein Spitzkegel. Vereinzelte helle Funken sprühten wie bei einem Feuerwerk nach den Seiten davon und verglommen auf dem Gras und Moos, spurlos, ohne dabei jedoch einen Brand zu entfachen. Fast schien es, als hätten sie daran keinen Anteil mehr. Aber warum waren sie dann hier?

Und was war dies nur für eine Welt …?

***

„Sie haben unsere Reihen durchbrochen!“, gellte ein hysterischer Schrei durch den beißenden, grauen Pulverdampf über der Landschaft. Er hüllte alles ein, da zu wenig Wind ging, erstickte fast die Schützen.

Pferde wieherten hysterisch. Menschen schrien und johlten, teilweise entsetzt, teils triumphierend. Das ohrenbetäubende Donnern von Kanonen und das knatternde Krachen von Karabinern war zu hören. Die Geräuschkaskade kam drohend immer näher, von irgendwo vorne aus der künstlichen Nebelwolke, hinter der sich der Feind verbarg.

Irgendwo schlugen hell klirrend Säbel und Bajonette gegeneinander, rangen Menschen um Leben und Tod. Dort war bereits der Nahkampf ausgebrochen, wie überlautes Keuchen und Schmerzensschreie bewiesen.

Juan Milagro verfluchte die Tatsache, dass es keine einheitliche Armeekluft gab. Ebenso wenig wie dies eine reguläre Schlacht darstellte, es war eher ein Scharmützel bewaffneter Banden, das seinen Ehrenkodex als Krieger beleidigte. Seltsamerweise war dies eine Einstellung, die ihm auf der Gegenseite besser gestanden hätte.

Denn die Truppen des Gegners, die Truppen des Präsidenten Benito Juaréz, waren juristisch im Recht, und er alleine, Juan Milagro, trug als einziger eine Uniform. Es war jene, die noch aus den Zeiten des amerikanischen Sezessionskrieges stammte, wo er auf der Seite der Konföderierten gekämpft hatte und sich nach dem Ende des Krieges nach Mexiko absetzte. Das lag lange zurück, aber die Uniform hatte er stets in Ehren gehalten und sie für diesen Zweck nun wieder hervorgeholt.

Es ging um die Freiheit, um das Ende des Jochs jenes Emporkömmlings, der Benito Juaréz hieß. Das bedeutete, dass Juan für den Gegner ein Rebell war, einer der führenden sogar, den es zu töten galt. Sein Mörder würde belobigt werden und Ruhm ernten …

Juan Milagro hatte nicht vor, es den staatlichen Mördern leicht zu machen, im Gegenteil, er gedachte dieses Feld in einem Stück wieder zu verlassen, um seiner geliebten Maria jenes Versprechen zu erfüllen, das er am Morgen auf ihrem Liebeslager an ihrer Seite erneuert hatte. Das Versprechen, sie zu heiraten und der Mann ihrer gemeinsamen Kinder zu werden.

Doch um das zu ermöglichen, musste er die Freiheit erkämpfen, die Freiheit aber konnte es unter Juaréz nicht geben, er musste fallen, gestürzt werden, die Rebellion hatte den Sieg davonzutragen.

Er reckte sich im Sattel hoch und riss den Säbel empor.

„Vorwärts!“, gellte sein Schrei, als sich endlich der Pulverdunst etwas verzog und die ersten Regierungssoldaten von Juaréz in Sicht kamen. In ihren Augen stellten Juan und seine Männer gesetzlose Leute dar, die gegen die bestehende Ordnung kämpften und die kein Mitleid und keine Schonung verdienten. Störenfriede, Aufständische, Revoluzzer. Ungeziefer!

Juan Milagro und seine Leute sahen freilich in der Gegenseite nichts anderes, und so gab es keinen Kompromiss, kein friedfertiges Zusammengehen, sondern nur brutale Konfrontation, die über Leichen ging.

Juan gab dem Mustang die Sporen und galoppierte voran, in den Alptraum namens Krieg hinein. Er ließ sein Schwert kreisen und hieb die Gegner nieder, wie sie kamen. Ihnen blieb kaum Gelegenheit, anzulegen und auf ihn zu zielen, so geschwind war er. Und links und rechts neben Juan Milagro griff brüllend die zweite Welle der Rebellen an, mitgerissen von seinem Eifer und Tatendrang, voll Hass auf die Armee des Emporkömmlings…

Alles ging eine unnennbare Zeitspanne lang gut, bis eine Kugel das rotbraune Pferd traf und es aus vollem Galopp qualvoll in die Knie zwang. Juan wurde nach vorne aus dem Sattel geschleudert, ließ den Säbel los, um sich nicht selbst aufzuspießen, prallte hart auf den Boden und …

***

Weit entfernt löste sich eine blitzende Spirale, die im Laufe der verstrichenen Zeit schon ganz schwach und matt geworden war, in eine rötliche Funkenspur auf und war verschwunden.

Es handelte sich um die nächstgelegene von den Dutzenden, die hier in Sichtweite waren. Die erste, die den letzten Funken Kraft verloren hatte und sich endgültig vom Boden löste, verging. Und viele andere, die in der Nähe pulsierten und auf- und niederwippten, sahen auch schon kränklich und blass aus.

Immer mehr würden diesen Weg gehen, immer mehr würden ihre Existenz auf diese lautlose Weise beenden, denn sie starben.

Wenn man dieses Sein denn „Leben“ zu nennen bereit war. Die einsame sterbende Spirale auf der Anhöhe zog es meist vor, von Existenz zu reden, von Da-Sein. Das passte besser zu dieser Form des „Lebens“, das aller lebenswerten Attribute entbehrte und doch nicht wandelbar schien.

Alle starben sie, alle Spiralen, nach und nach, ohne eine Chance gehabt zu haben.

Ohne eine Gelegenheit, sich mitzuteilen, zu erzählen, was sie wussten, was sie kannten. Oder auch einfach zur zu verstehen. Denn der betrachtenden Spirale war überhaupt nicht recht klar, wie das konfuse Durcheinander an Erinnerungen, an schönen und schrecklichen – die schlimmen überwogen allerdings und waren irgendwie frischer – , zusammenpasste, wo sie sich hier überhaupt befand oder wer sie genau genommen WAR. Ob diese Erinnerungen IHR gehörten oder von irgendwoher zuflossen.

In dieser Daseinsform schien alles möglich zu sein, aber niemand war da, der erklärte, was eigentlich passiert war. Allenfalls einige entsetzliche Blitzlichter der Vergangenheit deuteten Unaussprechliches an …

Die Spirale vibrierte scheinbar sanft, während sie sich doch im Gegenteil nach besten Kräften bemühte, sich vom Boden zu lösen, um den Ort zu verlassen, an den sie wie festgeschmiedet saß. Tagsüber wie des Nachts versuchte sie sich zu befreien.

Vergebens.

Sie schaffte es nicht.

Keiner Spirale gelang das.

Sie waren Gefangene, gebundene Energie und Erinnerung, jenseits des ultravioletten Lichts, unerkennbar und stumm für normale Menschenaugen. Verdammt.

Verdammt zur ewigen Missachtung …

***

…Blut!

Schreie, Kreischen, der beißende Gestank nach Kordit, Kot und Blut. Ekelhafte Szenen spielten sich ab, wenn Soldaten der mexikanischen Armee den Rebellen die Bajonette in die Rippen rammten, nicht einmal mit einem Gefühl des Triumphes, sondern mit müden, erschöpften, unmenschlichen Gesichtern. Manchmal schienen sie nicht einmal zu begreifen, was sie da taten.

Blutrausch.

Es war ein entsetzlicher Anblick, wenn die blitzenden, blutrot gefärbten langen Klingen den Kleidungsstoff der Gestürzten durchbohrten, wenn sich die Getroffenen mit qualvollen Lauten aufbäumten und mit einem scheußlichen Laut gegen das Erdreich gepresst wurden. Wenn die Augen der Unterlegenen glasig aus den Höhlen zu quellen drohten, die Münder aufklafften und die Sterbenden Blut erbrachen.

Der Kampf und der Tod auf dem Schlachtfeld war nichts Heroisches, er war dreckig, brutal, menschenverachtend, tierisch. Die Menschen verloren alles Menschenhafte, wurden Bestien, Ungeheuer, die einander Dinge antaten, die ihr Gedächtnis hinterher verblassen ließ, weil sie gar zu bestialisch waren.

Die Überlebenden vergaßen zumindest.

Die Toten erloschen einfach. Sie waren nach dem Verlassen des sie beseelenden göttlichen Funkens allenfalls noch erkaltendes Fleisch, zerfallende Glieder, stumpfe Materie.

Nichts.

Explosionen der Artillerie wühlten das Erdreich auf, zerrissen unglückliche Soldaten, die gerade im Wege standen, in ihre Bestandteile, ließen widerwärtigen Regen und Hagel aus Blut, Knochen und Fleischfetzen niedergehen, zwischen das umgepflügte Grasland, auf die Sträucher und die Felsen des Kampffeldes.

Binnen kürzester Zeit ging jede Ordnung verloren. Buchstäblich jeder kämpfte gegen jeden. Rauchgeschwärzte Gesichter machten die Kombattanten einander zum Verwechseln ähnlich.

Juan Milagro hatte seinen wieder aufgehobenen Säbel im Gefecht inzwischen endgültig verloren, ebenso wie jedes Zeitgefühl. Er kam sich vor wie ein Verdammter des Schlachtfeldes, dessen Kampf niemals endete, aber wahrscheinlich dauerte die Auseinandersetzung noch nicht einmal eine Stunde.

Er feuerte seine Pistole auf das Gesicht eines plötzlich auftauchenden Soldaten ab, der wie aus dem Nichts vor ihm erschien. Es wurde davon in Fetzen gerissen, im Reflex hochgerissene Hände versuchten nur noch, den jähen Tod abzuwehren, der aber schon zugegen war. Juan Milagro hätte hinterher nicht einmal zu sagen gewusst, wie der Soldat ausgesehen hätte, so nahe sie sich auch waren.

Das war kein Soldat mehr, es war ein Ungeheuer gewesen, ein Hindernis, etwas, das zu beseitigen war, bevor man von ihm selbst beseitigt wurde.

Der Krieg entmenschlichte, löste Individualität auf, zersetzte Moral, Ethos, untergrub Hemmungen und riss sie hinfort. Niemals war ihm das klarer gewesen als jetzt in diesem Moment. Doch der Moment verging in einem Atemzug, während der allumfassende Lärm der kakophonischen, unübersichtlichen Schlacht wieder über ihm zusammenschlug und ihn verschlang.

Juan stolperte unerwartet über einen Sterbenden – von welcher Seite auch immer er stammen mochte, war nicht zu erkennen – , und als er sich wieder aufrichtete, tauchten seine Hände in warme, süßliche Nässe, die metallisch roch. In eine weiche, heiße Nachgiebigkeit …

Ein lautes Stöhnen erklang von irgendwo unter ihm.

Aufschreiend riss er sich wieder hoch, taumelte weiter.

Es existierte keinerlei Ordnung mehr. In der hereinbrechenden Dämmerung hasteten überall schattenhafte Gestalten. Feuerblitze erhellten die Abenddämmerung, Mündungsfeuer flammte auf, Rauchwolken verschleierten wieder die Quelle des maschinellen Todes, Schreie, wie er sie noch niemals gehört zu haben meinte, klangen auf, rissen abrupt ab, wurden durch Gewinsel, Gejammer, neue Schreie ersetzt, meist völlig unartikulierte Laute unendlicher Qual. Alles vereinigte sich zu einem schwindelerregenden Panoptikum des Entsetzens.

Und dann, auf einmal und völlig unerwartet, fühlte der junge Rebell einen brennenden Schlag zwischen seinen Schulterblättern.

Er wurde nach vorne gerissen und schnappte verzweifelt nach Luft, als sich ein sengender Schmerz in seinem Oberkörper ausbreitete wie eine Flutwelle aus Leiden, die aus dem Nichts kam, gleich einem Blitz göttlicher Strafe.

Juan wollte seinen Sturz nach vorne abfangen, aber seine Arme und Beine gehorchten ihm nicht mehr, versagten aufsässig den Dienst. Er knickte unglaublich rasch ein, sah den Boden auf sich zurasen und fiel flach aufs Gesicht. Nichts konnte er davon abfangen, aufhalten, es schien, als sei dies nicht mehr sein Körper, sondern irgendetwas anderes, an das er nur gebunden sei …

Nicht einmal den Kopf konnte er mehr bewegen, so verrenkt, wie er dalag, während das Donnern und Tosen der Schlacht seinen Fortgang nahm.

Der Tod … war das der Tod …?

Panisches Entsetzen umklammerte das zaghaft zuckende Herz, das immer langsamer zu pochen schien und dessen wärmender Blutstrom auf unerfindliche Weise irgendwohin quoll, aber nicht in die Gliedmaßen, die der Wärme bedurften…

‚Maria …!’, stieg ein sehnsuchtsvoller Gedanke gen Himmel, während zunehmend Kälte Einzug hielt in seinen steifer werdenden Körper und die Eindrücke der Umwelt rasch verblassten. Es schien Juan Milagro bald wie ein böser Traum zu sein, aus dem er nun erwachte. Das schreckliche Schlachtfeld verlor an Substanz, die Geräusche verhallten und eine nie gekannte Ruhe zog in ihn ein.

Oh, war das erholsam, fast angenehm.

Doch Maria … wo war der warme, schöne, leidenschaftliche Leib seiner angebeteten Maria …? Wo …?

***

Wieder vergingen zwei Spiralen aus silbrigen und weißen Lichtern in rötlicher Glut.

Es wurden immer weniger, die Energie der Kalziumschale war verbraucht, die Kraft ließ nach, die sie an ein Leben band, das nicht mehr existierte.

Sie würden alle bald sterben, es würde keine Spirale übrigbleiben.

Das Wunder der sterbenden Spiralen, der göttliche Lichterglanz, den die Geister der Toten entfalteten, er war nur für ihresgleichen sichtbar, die in der Vergangenheit vor sich hinträumten, von Liebe, Leidenschaft, Ehre und Ruhm. Und wenn die qualvollen Träume des Todes kamen, die grauenhaften Bilder des gewaltsamen Auslöschens, das sie alle vereinheitlichte und gleichmachte, dann flüchteten sie weiter zurück, immer weiter in ihre vergessenen Leben …

Dorthin, wo das Leben noch intakt gewesen war, wo es Harmonie, Ruhe, Heiterkeit und Sinn gegeben hatte. Doch die Augenblicke des brutalen Todes, des gegenseitigen Hinmetzelns, sie überdeckten alle Momente des Friedens, wirkten wie ein Strudel, der die Qual verlängerte.

Die sterbenden Spiralen waren unfähig zu vergessen. Wie die Lichter in ihnen gleißend und allmählich verlöschend immer die gleichen Bahnen entlangliefen, so war es auch mit den Gedanken, die im Kreis der Gewalt, der Panik und der Agonie gefangen waren.

Bald würde es sie nicht mehr geben.

Bald würden alle sterbenden Spiralen ausgelitten haben.

So sah es auch für die einsame Spirale aus, die nun allmählich von allen verlassen mitten auf der Ebene stand und immer langsamer fluktuierte, pulsierte.

Vielleicht, dachte sie träge, hing es mit der Intensität des Lebens zusammen, vielleicht mit dem Alter desjenigen, mit der Leidenschaft, die der Sterbende noch besaß. Mit seinen Hoffnungen, Absolution zu erhalten …

‚Maria …’, hauchte die Spirale hilflos, lautlos, zum tausendsten Male.

Während der Herbst kam und der Winter und schließlich erneut der Frühling, der frischen Wind brachte und das Grün sprießen ließ, das sich unbekümmert von der Saat der Toten ernährte, während all dieser Zeit stand die sterbende Spirale da und sah zu, wie ein Gefährte oder Feind (so genau ließ sich das nicht mehr sagen, denn der Tod hatte sie auf unvorstellbare Weise alle gleich gemacht) aus schimmerndem Licht nach dem nächsten erlosch und entschwand. Einfach so verging, ohne jedes Gefühl, ohne Wort, ohne Adieu …

Ein Wirbeln rötlicher, aufstiebender Funken, das war alles. Dann herrschte nur noch Leere dort, wo zuvor ein seltsames, unbegreifliches Existieren von etwas gewesen war, das mehr darstellte als nur einen Punkt in der Landschaft.

Wieder flirrten die energetischen Entladungen an der Spirale empor und dann herab. Bläuliche und rote Funken sprühten über das blühende Gras, das die Spirale nicht wahrzunehmen imstande war. Tiere fühlten sie, aber Gräser waren stumpf und taub für solche Reize. Sie wuchsen mitten durch die Spirale. Früher hatte es sogar ganze kleine Bäume gegeben, die durch Spiralen hindurchwuchsen – bis die Spiralen selbst sich auflösten und die Bäume gleichsam „nackt“ zurückblieben.

Sie hatten es nicht einmal gemerkt.

Die Spiralen waren wie Geister. Vielleicht WAREN sie Geister.

Die sterbende Spirale war sich nach wie vor nicht ganz sicher. Denn immer, wenn ihre Gedanken an diesen Punkt gerieten, wurden sie unscharf und wirr – als ob sie nicht wahrhaben wollten, wie die Wahrheit lautete.

Möglicherweise war das reiner Selbstschutz.

Insekten schwirrten mitten durch die allein stehende Spirale hindurch, manchmal auch Vögel. Die Insekten wirkten irritiert, summten um die Spirale herum und setzten dann erst ihren Weg fort. Beim nächsten Mal flogen sie einen Bogen. Oder vielleicht auch nicht … es gab so viele Insekten, und die Spirale konnte sie, weil sie so schnell waren, wirklich nicht auseinanderhalten.

Alles war so schnell ringsum. Schien immer schneller zu werden!

Die Blätter wuchsen wie im Zeitraffer und entfalteten sich gleich göttlichen Wundern geschwind vom kleinen Knospenstadium zu farbenprächtigen Wunderwerken ihrer Mutterpflanze. Leider welkten sie ebenso rasch dahin und vergingen.

Die Zeit lief anders in der Welt der sterbenden Spiralen.

Ganz anders.

Die Jahre gingen dahin, langsam und zäh für die Spirale, die schließlich alleine um ihre Existenz kämpfte, obgleich sie nicht lebte. Alles hier, einfach alles schien vergebens.

Bis eines Abends die Stimmen kamen …

***

„Nein, William, ich sage dir, wir können es nicht mehr schaffen! Wir sollten wirklich hier schlafen!“

Der alte, verwitterte Mann mit dem wirren grauen Haar und dem stoppelbärtigen Kinn auf dem kräftigen, aber zutiefst erschöpften Pferd stieg ab und band das Tier nicht einmal fest. Er ließ es so grasen, wissend, dass seine Rosalind ihm schon nicht weglaufen würde. Sie kannten einander seit über zehn Jahren.

Das Gras hier in der Senke, die den Blicken Wandernder weitgehend entzogen war, erwies sich als ausgesprochen saftig. Mit freudigem Wiehern bedankte sich die gescheckte Stute dafür, dass sie rasteten und sie ungestört grasen konnte.

Das zweite Pferd, erheblich kleiner, ein halbes Pony geradezu, trug einen Jungen, der etwa zwölf Jahre alt sein mochte, strohblond und sommersprossig. Seine Kleidung ähnelte der des alten Mannes, sie war genauso abgetragen, die Hose ausgefranst bei ihm aber nur knielang. Er war barfuß, aber das schien weder ihm noch dem älteren Begleiter etwas auszumachen.

Sie waren halt arme Leute, nur auf der Durchreise.

„Onkel Henri, ich mag diesen Ort nicht!“, nörgelte er, nachdem er abgestiegen war und sein Pony ebenfalls zum Grasen geschickt hatte. Er scharrte nervös mit seinen kleinen, schmutzigen Füßen im dichten Gras.

„Ich weiß nicht, was du auszusetzen hast“, wies ihn der Onkel harsch zurecht und setzte seinen Willen durch. „Such am besten ein paar Steine und Feuerholz, William. Wir sollten das Feuer bald in Gang bringen, wenn du vor dem Schlafengehen noch was zwischen die Zähne bekommen willst.“

Zögernd gehorchte der Junge. Er entfernte sich aber nicht allzu weit von ihrem Lagerplatz und spähte immerzu unruhig umher. Es war ihm auf den ersten Blick anzusehen, dass ihm sehr unwohl bei dem Gedanken war, sich gerade hier länger aufzuhalten. Dabei hatte sein Onkel vollkommen recht: die umgebende Idylle und himmlische Ruhe rechtfertigte nicht im mindesten jene Unruhe, die sein kleines, junges Herz erfüllte.

Doch William konnte sich nicht gegen den Instinkt wehren, er konnte nur das Unbehagen zurückdrängen.

Als er Holz und Steine zusammen hatte, errichteten sie schließlich einen kleinen Steinkreis mit Sand darin, in dem sie ein Feuer anzündeten. Hier brieten die rastenden Wanderer in einer Pfanne Bohnen mit Speck an. Dazu gab es ein wenig schon ausgetrocknetes Weißbrot und Wasser. Nach einem entbehrungsreichen, langen Ritt schien das geradezu eine königliche Mahlzeit zu sein …

Als endlich die Sterne über der Ebene blinzelten und nur die knisternden Flammen den beiden einsamen Wanderern nach dem Essen noch Gesellschaft leisteten, meinte der Onkel, der den Unwillen seines Neffen nach wie vor deutlich spürte, beruhigend: „Hier ist keine Menschenseele, William. Glaub mir. Weit und breit ist niemand … glaub mir, einen besseren Platz hätten wir heute nicht mehr gefunden. Hier kommt sonst niemand her. Hier ist wirklich keiner! Kein Grund, Angst zu haben.“

Das war natürlich ein Kommentar, den er besser nicht gemacht hätte.

„Doch“, protestierte der Junge störrisch. Seine dunklen Augen blitzten im Widerschein des flackernden Feuers. Er hatte die Knie angezogen und hielt sie mit seinen Händen umfasst.

Eine Weile schwieg er und fügte dann leise an: „Ich habe das Gefühl … na ja …, als wenn’s hier Geister gäbe …“

„Du hast zu viele von diesen komischen Geistergeschichten gelesen oder zu oft Ammenmärchen gehört“, meinte sein grauhaariger und stoppelbärtiger Onkel grinsend. So etwas hatte ja kommen müssen! Ganz wie er es immer sagte: Lesen bildete nicht nur, es förderte auch die Einbildung. Und das machte schreckhaft.

Nein, es war schon ganz gut, wenn man nur die Bibel las, das reichte aus. Hätte Gott gewollt, dass die Menschen mehr wussten, hätte er mehr in die Bibel geschrieben, nicht wahr …?

Am besten, das wusste er aus langjähriger Erfahrung, war es für schreckhafte Kinder, ihnen zu zeigen, dass sie sich Dinge einfach nur einbildeten. Das nahm ihnen den Schrecken und ließ die Kinder besser einschlafen. „Das viele Lesen ist nicht gut für kleine Jungs wie dich …“

„Ich bin nicht klein! Außerdem … das ist doch hier ein Schlachtfeld, Onkel Henri! Und auf Schlachtfeldern gehen meistens Geister um! Das war schon bei den alten Römern so …“

Gott, was der Junge in seinem Alter schon wusste! Wer wohl die Römer gewesen sein mochten … er hatte keine Ahnung. In seiner Kindheit hatte man von den Leuten noch nie was gehört. Aber irgendwoher kam ihm dieser Name bekannt vor. Vielleicht stand darüber ja was in der Bibel …

„Hör mal, die Schlacht hier ist zwanzig Jahre her“, wiegelte der grauhaarige Mann ab. „Hier ist keiner mehr. Alle längst verrottet!“

Henri rauchte noch ein wenig Pfeife zum Abschluss der Abendmahlzeit, dann empfahl er seinem Schützling, den er sicher nach Hause zu bringen gedachte, wo bald die Schule wieder begann, sich auch auf die Decke zu legen und ein paar Stunden zu schlafen. Längere Diskussionen zu führen, war er nicht mehr bereit.

„Wir wollen morgen früh weiter. Und du weißt, dass wir noch einen strammen Ritt vor uns haben, bis wir bei deiner Mutter ankommen.“

Sonst war William eher renitent angesichts der Aufforderung, zu Bett zu gehen, doch jetzt kam ihm dies sehr entgegen. Vielleicht verging ja seine Sorge, wenn er schlief. Der Schlaf kannte keine Sünden, hieß es doch immer. Vielleicht hier auch keine Furcht …?

Nur zu bereitwillig streckte er sich deshalb aus und versuchte zu schlafen.

Die Nacht selbst war warm und ruhig, denn es war immerhin Frühsommer und die Senke, von manchen Leuten in der Umgebung „Kleine Ebene“ genannt, lag sehr windgeschützt. Vor zwanzig Jahren hatten hier die Regierungstruppen von Benito Juaréz einen überwältigenden Sieg über die Rebellen davongetragen und sie „wie Heu bei der Ernte“ niedergemäht. Zur Abschreckung, so hatte William es in der Schule gelernt, plünderten die Soldaten die Toten und ließen sie dann hier vermodern. Die Kirche verdammte das natürlich, aber die Kirche besaß in dieser Gegend keinen großen Rückhalt mehr.

Nach der niedergeschlagenen Rebellion war der Landstrich hier fast entvölkert worden, die Angehörigen der Rebellen hatte man unerbittlich verfolgt und enteignet, um sie für den Aufstand zu strafen. Erst jetzt gab es Anzeichen dafür, dass der brennende Hass des Herrschers und der im Krieg zu Amt und Würden gekommenen Amtsträger nachgelassen hatte …

William wälzte sich unruhig hin und her, und ungeachtet der warmen, lauen Nacht fand er keine Ruhe. Sehr lange musste er darum kämpfen, Schlaf zu finden, und selbst dann schlummerte er äußerst unruhig. Sein Onkel Henri hingegen schlief sofort und tief wie ein Stein.

Am kommenden Morgen brachen sie nach einem schlichten Mahl wieder zum Weiterritt auf, und wenige Tage später, unter dem Eindruck des Alltags in der Schule, da verblasste die Nacht auf dem alten Schlachtfeld schnell und wurde zu einer angenehm gruseligen Erinnerung.

Nicht zu mehr.

***

Die Energiespirale fühlte ihre letzten Kräfte schwinden, nachdem die beiden Wanderer, die direkt neben ihr geschlafen hatten, am kommenden Morgen aufbrachen, ohne sie beachtet zu haben. Keiner der nächtlichen Kontaktversuche war in irgendeiner Weise erfolgversprechend gewesen. Schließlich wurden die Reiter in der Ferne immer kleiner, bis sie sich ganz auflösten.

Rote Funken stoben nach allen Seiten aus der sterbenden Spirale, die nun verzweifelt jeden „Lebensmut“ aufgab.

Starb.

Und noch während sie starb und die roten Lichtpunkte ihre unsichtbaren Strukturen endgültig zersetzten, die sie an jene Stelle bannte, an der Juan Milagro seinen unrühmlichen Schlachtfeldtod gefunden hatte, wo unter der dünnen Bodenkrume die verscharrten Knochen seines Leibes lagen, noch während dies geschah, da durchbrauste unvermutet eine unglaubliche Euphorie die sich befreiende Seele, die sich so lange Zeit an die Totenstätte in unheiliger Erde geklammert hatte, aus Angst vor der völligen Vernichtung.

Es war eine Euphorie von unbeschreiblicher Intensität umfing die sterbende Spirale und eine ferne Stimme näherte sich, ja, Tausende von Stimmen, die immerzu um sie wirbelten und ringsum Worte riefen, die deutlicher wurden, als die Seele genauer lauschte.

Je weniger Bindung sie an die materielle Welt besaß, desto klarer wurden die Eindrücke des Jenseitigen, die Stimmen, die näherkamen und warm und herzlich wisperten. Seine Geschwister. Seine Eltern, seine Großeltern, die sich freuten, ihn in ihren Reihen willkommen heißen zu dürfen.

Eine der warmen, liebevollen Stimmen gehörte Maria, seiner so über alles geliebten Maria, die so lange im Leben auf ihn gewartet hatte und ihn nun im Jenseits begrüßte, in jener Welt, in der Zeit und Raum bedeutungslos waren.

Maria, sein Glück und seine Verheißung.

Der Tod war schön.

Jählings umgab ihn ein wimmelndes, glitzerndes Chaos aus Energiespiralen, die im Nirgendwo ihren Platz und Ursprung hatten. Sie durchdrangen ihn, gaben ihm neue, unbändige Kraft und machten ihn zu einem Teil jener gewaltigen, allumfassenden Einheit, die sich hier bildete.

Es lag etwas Ekstatisches in dieser Verschmelzung, das für Juan Milagro wie die erste, wilde und vollkommene Vereinigung im Liebesakt schien, ein überwältigendes Gefühl, das ihn so glückselig machte, wie er es nie zuvor empfunden hatte.

Und vibrierend vereinigte er sich mit jener Energiespirale, die einst auf den Namen Maria Ortega gehört und nun ihre ewige Existenz gefunden hatte, an der Seite ihres geliebten und in der Schlacht gefallenen Mannes, dessen Frau sie nicht mehr hatte werden können. Diese Vereinigung war die vollkommenste, die es überhaupt gab, sie hatte so gar nichts mit sexueller Ekstase zu tun und war doch genau dies und absolut perfekt.

Oh ja, der Tod war schön, er war das Tor einer anderen, besseren Welt, die kein Sterblicher sich jemals vorzustellen vermochte.

Die Angst vor dem Tod – Juan Milagro wusste es nun – r unnötig und sinnlos, aber kein Lebender würde es glauben oder auch nur jemals vorstellen mögen.

Liebe.

Ewigkeit.

Göttlichkeit …

ENDE

Inspiriert von THE MARBURG CHRONICLES von Alfred Coppel

© 1991 /2002 / 2026 by Uwe Lammers

Gifhorn, 26. Juli 1991

Überarbeitung: 27.-29. November 2002

Neu formatiert für WORLD OF COSMOS: Braunschweig, 30. September 2026