
April 1889
London
Miss Amelia Ann Blanford Edwards war eine kluge, gebildete und vielseitig interessierte Frau. Sie war 1889 bereits seit längerem einem breiten Publikum nicht nur in Britannien als durchaus erfolgreiche Romanautorin, Dichterin, Journalistin, Illustratorin, Musikerin und weit gereiste Amateurarchäologin bekannt. Außerdem dachte sie auch in ihrem Alter von nunmehr 58 Jahren noch lange nicht an einen beschaulichen, ruhigen Lebensabend. Sie leitete immer noch mit großem Geschick den Egypt Exploration Fund, welchen die umtriebige Dame selbst mit Hilfe ihrer zahlreichen Freundinnen 1882 gegründet hatte. In erster Linie natürlich mit Lucy Renshaw, ihrer treuen Begleiterin auf vielen ihrer Reisen, der sie sogar einen eigenen Gedichtband gewidmet hatte. Natürlich vermuteten einige ihrer Zeitgenossen sofort einen schlüpfrigen Hintergrund, doch es blieb nur bei einigen Gerüchten unklarer Herkunft ohne Beweiskraft. Das Geld für die täglichen Geschäfte und Unternehmen der Stiftung spendeten einige großzügige reiche Gönner aus dem Adel und der Wirtschaft. Einer dieser Sponsoren war niemand anderer als Mister Mycroft Holmes.
Dem Bruder des berühmten Detektivs blieb natürlich nicht verborgen, dass Miss Amelia tatsächlich romantische Gefühle anderen Frauen gegenüber hegte, doch für ihn waren solcherlei gesellschaftliche Normen ohne jeglichen Belang. Er für seinen Teil fand die restriktiven Gesetze Britanniens bezüglich des Verbotes der Homosexualität ohnehin für Humbug. Für Mumpitz. Unsinn. Was er allerdings über die Meinung der verschiedenen, aber doch nicht so sehr unterschiedlichen Kirchen in den Ländern des British Empire sagte, hätte man nirgendwo drucken dürfen. Noch nicht einmal in den ansonst nicht sehr prüden Donaumonarchien. Amelia Edwards war eine der wenigen Personen, in deren Gegenwart er entspannt und ganz er selbst sein konnte, das allein zählte für Mister Mycroft. So erfuhr Amelia im Laufe der Zeit auch von seinen beiden ‚Hobbies‘, wie er es ihr gegenüber zu nennen pflegte. Die kleinen Vergnügungen mit Miss Redbott und ihrem Rohrstab sowie den Schutz des Empires, wenn offizielle Stellen auf der Stelle traten und nicht weiter wussten. Oder durften. Letzteres übte, wenn sie ehrlich zu sich selbst sein wollte, durchaus auch auf Miss Edwards einen gewissen Reiz aus. Gemeinsam gingen sie bereits 1880 daran, die EEF zu planen, welche selbstverständlich in allererster Linie wirklich eine angesehene wissenschaftliche Stiftung werden sollte.
Niemand außer Amelia Edwards wusste von dem Engagement von Mister Mycroft Holmes bei der Egypt Exploration Fund, aber offiziell schien er natürlich in keinem einzigen Schriftstück der EEF auf. Es gab keine Quittungen, keine Sitzungsprotolle, nicht das kleinste Stück Papier, auf welchem sein Name stand. Sein Motto war schon immer ‚bar und in kleinen Scheinen‘ gewesen, und er hatte keinen Grund gesehen, das in dieser Sache zu ändern. Außerdem hätte ein bekannt werden seiner Beteiligung ganz sicher seiner öffentlichen Rolle als Misanthrop geschadet. Als Hauptsitz der EEF konnten von Miss Amelia einige Räume im Haus 23, Cromwell Road in South Kensington angemietet werden, nicht unbedingt die allerbeste Adresse von London, aber durchaus gehobene Mittelklasse. Von dort sandte die Gesellschaft seit ihrer Gründung Wissenschaftler ihrem Namen gemäß vor allem nach Ägypten zu Ausgrabungen und in diverse Bibliotheken, wurde manches Mal aber durchaus auch in anderen Ländern des nahen Ostens wie Palästina und Mesopotamien aktiv. Falls Miss Amelia persönlich anreiste, um mit den Behörden zu verhandeln, war es selten ein Problem gewesen, die Lizenz für eine Ausgrabung zu erwirken. Ihrem persönlichen Charme soll dem Vernehmen nach sogar der Sirdar Horatio Kitchener schon einmal erlegen sein. Es könnte sogar ein Körnchen Wahrheit an diesem Gerücht sein, denn wenn sogar ein Mycroft Holmes bei ihr weich werden konnte, war alles möglich.
Selbstverständlich suchte Mister Holmes die Räumlichkeiten des Hauses in South Kensington niemals auf. Er betrat noch nicht einmal das Gebäude mit der Nummer 23. Aber er besuchte bereits seit längerem ab und zu den Schneider im dritten Stock des Hauses Nummer 21, Cromwell Road, und niemand außer dem Schneider Mister Charles Constantin, Mister Mycroft Holmes und Amelia Edwards wusste bisher von dem versteckten Durchgang von der Schneiderei in die Räumlichkeiten von Miss Edwards im Gebäude des EEF. Und wenn Mister Mycroft sie besuchte, hatte Miss Amelia stets eine gute Tasse Tee für ihn.

„Mister Holmes, wie nett, dass sie mich wieder einmal besuchen“, begrüßte Miss Edwards an einem nebeligen Tag im April 1889 Mycroft, als er hinter einem Wandschrank hervortrat.
Holmes küsste ihr wie immer galant die Hand. „Miss Amelia, die Freude ist wie immer ganz auf meiner Seite“, versicherte er. Miss Edwards wies mit einer eleganten Geste auf einen Sessel, und als er Platz genommen hatte, bot sie ihm eine Tasse Tee an.
„Milch, zwei Stück Zucker, Mister Mycroft?“
„Sie kennen mich schon fast zu gut, Miss Amelia.“ Das kurze Zucken um seine Mund- und Augenwinkel hätte man schon beinahe ein Lächeln nennen können, dann kam Mycroft wie üblich ohne weiteren Smalltalk zu Sache. „Wir haben ein Problem, Miss Amelia. Sie haben doch von dieser Sache mit der italienischen Flotte gehört, nehme ich an?“
„Wie wohl jeder in jenen Gegenden, in denen es Telegraphenstationen und Zeitungen gibt“, bestätigte Amelia. „Und ich zweifle nicht daran, dass die Nachricht über kurz oder lang überall auf der Erde bekannt sein wird. Nein – wir wollen doch exakt bleiben. Vielleicht nicht bei jedem Berberstamm in der Sahara oder jeder Person im Urwald des Amazonasgebietes.“
„In der Tat“, bekräftigte Mycroft. „Haben sie denn auch gelesen, was die italienische Flotte versenkt hat?“
„Auch das, mein lieber Freund“, lächelte Amelia Edwards sanft. „Denken sie wirklich, ich lese nur jene Seiten der Tages- und Wochenzeitungen, welche für Damen gedacht sind? Das wäre aber doch extrem langweilig für mich. Warum glauben die meisten Männer eigentlich, wir Frauen könnten nicht geordnet denken? Wie auch immer!“ Sie winkte beiläufig ab. „Es war doch wohl so etwas wie eine Art Trommel, oder?“
„Ich bitte Sie für diese in der Tat bei Männern sehr weit verbreitete Meinung um Entschuldigung“, verbeugte sich Mycroft leicht im Sitzen. „Ich fürchte, dieses Vorurteil wird dem Empire irgendwann keine geringe Menge an Verlusten bescheren. Aber zurück zum Vordringlichen. Ja, es war tatsächlich eine große Trommel. Eine sehr große Trommel sogar, um es genau zu sagen. Ganze 9 Fuß im Durchmesser. Ich werde meinen Bruder und die Royal Artillery zur technischen Erforschung dieses Instruments einsetzen, auch wenn diese Leute wohl oder übel nur mit einem Nachbau arbeiten können. Ein Captain des Ingenieurchors wurde zwar von Kitchener mit den mit Nachforschungen vor Ort in Abessinien beauftragt, aber irgendwie …“ Holmes schwieg kurz.
„Sie glauben nicht an einen Erfolg des Captain?“, durchbrach Amelia Mycrofts Schweigen.
„Nicht wirklich, Miss Amelia“, bekannte dieser mit wegwerfender Geste. „Selbst wenn er alle Konkurrenten, welche unzweifelhaft wie er ebenfalls nach dem Objekt suchen dürften, ausschalten könnte, er das Artefakt fände und es irgendwie – in Kitcheners Vorstellungen wohl gewaltsam – in seinen Besitz brächte, wie sollte er es denn dann auch noch außer Landes nach Kairo bringen? Der Brevet-Colonel stellt sich das alles viel zu einfach vor, fürchte ich.“
„Die Konkurrenz?“ Amelia hob eine Braue. „In der Nähe sitzen doch nur die Österreicher, oder? Josephshafen? Kluge Köpfe, ja, gibt es dort schon viele, aber deren Offizierscorps? Ob die hart und entschlossen genug sind? Wenn sie vielleicht zuerst in Wien nachfragen müssen? Nicht umsonst nennt man das Land scherzhaft auch Bürokratien.“
„Unterschätzen Sie die Österreicher nicht, liebe Freundin. Ich habe andere kennen gelernt. Ganz andere. Und es sind ja auch noch die Italiener vor Ort. Ein kleiner Trupp, der sich absetzt, eine Farm überfällt und sich beritten macht …?“ Holmes machte eine abschätzende Handbewegung. „Und bei Josephshafen gibt es den größten Söldnermarkt in ganz Afrika. Da könnten Vertreter von ganz Europa Leute anheuern. Also, insgesamt stehen die Chancen wirklich nicht gut für Kitcheners Offizier, die Trommel auf britisches Gebiet zu bringen. Und schon gar nicht unerkannt!“
„Nun gut. Und wie kann ich Ihnen bei Ihrem Problem helfen?“, lehnte sich Amelia entschlossen nach vor.
Holmes nickte und musste nicht lange überlegen, denn mit einem solchen Angebot hatte er bereits gerechnet. Der intelligente Mann kannte Miss Edwards einfach zu gut. „Mir ist eingefallen, dass vor einiger Zeit Kitchener aus Kairo etwas berichtete“, holte Holmes ein wenig aus. „Charles Morgan, der Count of Greensboro in North Carolina drüben in British America hat für einen gewissen Orville Jones eine Ausgrabungserlaubnis für einige Oasen in der Wüste beantragt und erhalten. Es ging da wohl um eine Krone, mit welcher die Kushiten Macht über Ägypten erlangt hatten, bis sie ihnen gestohlen wurde!“
„Ich erinnere mich vage, darüber einmal etwas gelesen zu haben!“ Amelia Ann Blanford Edward erhob sich, ging zu ihrem großen Bücherregal und fuhr mit dem Finger die Rücken entlang. „Kushiten, schwarze Pharaoninnen, wie hieß der Mann doch gleich? Ben… nein! Bertram! Bertram Neville – da haben wir es ja auch schon!“ Sie nahm ein Buch aus dem Regal und legte es Mycroft vor. „Ich fürchte allerdings, der einzige Hinweis auf diese Krone ist eine Stele von sehr unsicherer Echtheit. Und wie – oh, wenn eine magische Trommel funktioniert, warum sollte es diese Krone nicht auch geben, mitsamt ihren uns unbekannten Kräften. Oder das Was-Zepter, welches den ägyptischen Göttern und Königen ihre gottähnliche Macht verlieh. Aber wenn wir jedem mythischen Gegenstand aus der Geschichte nachjagen wollen, wird das teuer, mein lieber Mycroft! Der Donnerkeil des Zeus oder des Jupiters, Thors Hammer, die vielen vedischen Gegenstände der Kraft, die Vimana – also die fliegenden Städte der indischen Überlieferung. Die Liste ist ja beinahe unendlich. Und bei den meisten Dingen gibt es noch nicht einmal den kleinsten Hinweis auf ihren Aufbewahrungsort.“
„Und wenn ein anderer die Dinge findet?“, fragte der ältere Holmes leise. „Und bei dieser Krone gibt es zumindest einen, wenn auch sehr vagen, Hinweis!“
„Es ist dein Geld“, bekundete Amelia, zwar noch nicht ganz überzeugt, aber doch irgendwie fasziniert. „Ich hätte sogar den richtigen Mann für diese Aufgabe, alter Freund. Mister William Matthew Flinders Petrie. Er ist 35, leitet eben eine unserer Ausgrabungen und ist ein verdammt genauer Arbeiter. Klug und begabt, aber auch vertrauenswürdig. Wenn diese Krone existiert und sie jemand finden kann, dann ist er es! Ich werde ihn selbst in Amarna besuchen, ihn instruieren und auf den Weg nach Lykopolis schicken. Aber, Mycroft, er wird Ausrüstung und Leute benötigen!“
„Ich schicke euch ein paar verlässliche Leute mit“, versprach Mycroft Holmes. „Und einige gute Dampfwagen. Bargeld sollte auch kein Problem sein, und James Highdale, der 5th Earl of Carradvan, wird in der Öffentlichkeit als Mäzen dieser Ausgrabungen auftreten!“
Wien
Im Jahr 1876 war auch die Regentin der Vereinigten Donaumonarchien dem in ganz Europa grassierenden Orientfieber ihrer Zeit erlegen und hatte damals für die Universität Wien ein eigenes Institut für Orientalistik gegründet. Erst einmal auf dem Papier, per Dekret. Danach stellte sie ein zu jener Zeit gerade ungenutztes Gebäude in der passenden Größe und in guter Lage aus den umfangreichen Beständen des Hofimmobiliendepots und ein angemessenes Budget zum Erwerb von Büchern und Artefakten zur Verfügung, denn das Institut sollte so nebenbei auch die entsprechende Abteilung des Kunsthistorischen Museums betreuen. Für die wirkliche schweißtreibende Arbeit des Aufbaues des Institutes und der Sammlungen konnte sie einige international bekannte Koryphäen gewinnen. Den Arabisten Joseph von Karabacek, den Semitisten David Heinrich Müller, mit erst 43 der jüngste unter den Professoren, den Ägyptologen Simon Leo Reinisch, mit 57 der Älteste, den Indologen Georg Bühler und endlich den Philologen Friedrich Müller. Das Institut wuchs rasch und erlangte schon bald international unter Fachleuten einen sehr guten Ruf. Wenn er auch an den der EEF noch nicht ganz heranreichte.
Die königsblaue Dampfkalesche mit den silbernen Beschlägen fiel auf der Kronprinz-Franz-Joseph-Straße kaum auf. Es gab in Wien nicht wenige Leute, welche solche Fahrzeuge mit vaporidgeheiztem endothermischem Druckkessel jenen mit Pferdegespann vorzogen, und der Umbau der alten Kutschen war kein unlösbares Problem. Nur neue Räder wurden benötigt, denn Holzräder auf dem noch häufig verlegten Kopfstein-Pflaster machten ganz einfach zu viel Lärm für das moderne Dampf- und Elektrozeitalter. Aber seit Robert William Thomson 1845 sein Patent für Luftreifen aus Goodyear-Gummi eingereicht hatte und diese in Breitensee bei Wien von der Gummiwaren-Fabrik Schnek, Kohnberger & Mandl hergestellt wurden, waren die Fahrten nicht nur leiser, sondern für die Passagiere auch bequemer geworden. Besonders beliebt waren die Fahrzeuge mit Gummireifen im Personentransportgewebe, aber auch wohlhabende Privatpersonen fuhren gerne damit. Es gab sogar einige zweisitzige schnelle Dampfgigs, welche der wohlhabende Besitzer mit Vergnügen selbst durch den immer dichter werdenden Individualverkehr steuerte. Im Parlament wurde bereits vor einigen Jahren eine Verordnung erlassen, nach welcher alle Fahrer, welche in der gleichen Richtung unterwegs waren, auch die gleiche, nämlich die rechte Straßenhälfte benützen sollten. Es half wirklich. Zumindest ein wenig. Aber erst die ‚rechts vor links‘ – Regelung an den Kreuzungen machte den Verkehr wieder halbwegs sicher.
Eine Kalesche mit Dampfantrieb war allerdings ein wenig seltener auf der Straße zu sehen, aber auch keine Sensation. Dieser Fahrzeugtyp war eine sehr große Kutsche mit eigenem Fahrer, mit zwei gegenüber liegenden Sitzbänken und noch einer mit Blick in Fahrtrichtung dahinter, alle bei dieser speziellen Kutsche mit weinrotem Leder bezogen und mit weichen Kissen in der selben Farbe belegt, dazu eine eigene überdachte Bank für den Fahrer und eventuell noch einen Diener. Selbstverständlich im Winter beheizbar. Die Frau im Inneren der blau-silbernen Kalesche trug heute ein ziemlich unauffälliges schwarzes Kleid, von ihrem schwarzen Hut fiel ein dichter Schleier aus schwarzer Gaze. Eine offensichtlich recht wohlhabende Dame, und vielleicht eine Witwe.
Die Kutsche ratterte mit ihren pneumatischen Gummirädern weiter über die prächtige Ringstraße mit den eben austreibenden Bäumen. Hier und auf dem Kronprinz-Franz-Joseph-Ring hatte man ausnahmsweise nicht gespart und aus dem Wienerwald gleich größere Eichen geholt und gepflanzt, damit die beiden Alleen zu beiden Seiten der Fahrbahn nicht erst in dreißig, vierzig Jahren ihren Namen auch wirklich verdienten. Am Schottentor, welches allerdings wie die gesamte Stadtmauer schon seit geraumer Zeit abgerissen war und nur noch dem entsprechenden Platz davor an der Ringstraße seinen Namen gab, bog der Wagen in die Universitätsstraße ab, fuhr an der Maximilian-Kirche vorbei und hielt endlich vor dem Orientalischen Institut. Der Fiaker sprang trotz seiner beachtlichen Leibesfülle geschmeidig vom Bock, öffnete den Schlag und reichte der Dame die Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Diese stieg das kleine Treppchen hinab und sah nachdenklich an der glatten, modernen Fassade hinauf.
„Passend, das Gebäude“, befand sie. „Da wurde eine gute Wahl getroffen. Wofür war das Haus denn ursprünglich gedacht?“
„Als eine der Maximiliankirch‘n ang‘schlossene Klosterschul‘, kaiserliche Hoheit. Aber die staatlichen Volksschul‘n hab’n für die Anwohner in dem Grätzl weit ausg‘reicht, und da hab’n die Benediktiner dann halt auf das Gebäude verzichtet. Die alt‘n Räumlichkeit‘n im Schottenstift hab‘n ihnen g‘reicht, um ihr private Schul‘ weiter zu führ’n, haben’s g’sagt, die schottischen Benediktiner. Obwohl’s ja eigentlich gar nichts sag’n dürt’n. Weil, die sind ja genau g’nommen ein Schweigeord’n, die Benediktiner.“
„Ich hoffe nur sehr, man hat bei den Schulen auch an die Zukunft gedacht und auf Zuwachs gebaut, Joseph. Denn, es werden ja doch immer mehr, die Wiener“, befand die Dame. „Und einige Schulen für Erwachsene brauchen wir auch noch.“
„Hoheit, die meist’n Leut‘ zieh’n jetzt in die alten Vorort‘, und die Zuwanderer siedeln sich eh auch dort draußen an, also außerhalb vom Gürt’l, der jetzt dort ist, wo früher der alte Linienwall war“, beruhigte Joseph Bratfisch. „Und Hoheit können da wirklich ganz beruhigt sein, weil g’rad‘ dort werd’n wirklich ausreichend neue Schul‘n für alle Altersgruppen gebaut, sogar noch wie von Hoheit gewünscht für Zuwachs in der Zukunft geplant. Mein Herr Onkel ist im 10. Hieb – Pardon, im 10 Bezirk – also der Herr Onkel ist dort Schuldirektor, ist er. Also, die doppelte Schülerschaft könnt er schon noch unterbringen, sagt der. Wenn er Lehrer kriegt, sagt er. Aber das wird schon noch kommen, weil jetzt mehr junge Leut‘ studier’n und was g’scheit’s lernen können, meint der Herr Onkel. Und sogar Gymnasien und Volkshochschulen gibt’s in den draußer’n Arbeiterbezirken schon. Ganz gratis, so wie’s Ihre kaiserliche Hoheit, die gute Reserl, schon damals befohlen hat!“
„Die Donaumonarchien können auch gar nicht genug gute Schulen haben“, resümierte Helene, mit gerafftem Kleid die breite Freitreppe vor dem Gebäudes hochsteigend. „Die Zeiten, in denen man jede Menge ungebildete Leute für alles Mögliche gebraucht hat, sind doch vorbei! Glaub Er mir, Bratfisch, gebildete Menschen sind ein großes Kapital, auch, oder sogar besonders für einen Monarchen!“
Bratfisch hielt der Regentin die Tür auf und neigte das Haupt. „Unzweifelhaft, Hoheit! Ganz unzweifelhaft.“
Gemeinsam schritten sie durch die Gänge des Institutsgebäudes und folgten den Wegweisern zum Rektorat der ägyptologischen Abteilung. Dieses entpuppte sich als großer Schreibtisch in einer abgeschiedenen, nur mit Paravents abgetrennten Ecke der Fachbereichsbibliothek. ‚Wenn ich jed’s Mal durch’s ganze Haus rennen muss, wenn ich was nachschlag’n will, werd‘ ich alt und hutz‘lig! Ich brauch‘ mein Material sofort zur Hand‘, pflegte Simon Leo Reinisch zu sagen, wenn er zum Umzug aufgefordert wurde. Der 1832 geborene Professor war kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein leuchtender Stern am Himmel der Ägyptologie. Seit seiner Promotion hatte er bereits diverse Arbeiten veröffentlicht, 1866 gelang ihm gemeinsam mit Robert Rösler in Tanis ein spektakulärer Fund – eine bis dahin im Schutt vergrabene Stele mit einer dreisprachigen Inschrift. Es folgten noch viele Forschungsergebnisse, in erster Linie jedoch auf philologischem Gebiet. Der jetzt 57 Jahre alte Professor galt als Sprachgenie, er sprach und las neben den toten Sprachen Latein, Altgriechisch, Kuschitisch, Altägyptisch, Kanaanitisch und Aramäisch auch noch die indoeuropäischen Sprachen Europas inklusive des schottischen und irischen Gälischs und etwa 20 Bantudialekte.
Als die elegante Dame in schwarz den Schreibtisch des Rektors erreichte, blätterte er eben konzentriert in einem Buch und machte sich in einem Heft Notizen.
„Professor Reinisch?“
„Momenterl, Fräulein“, hob Simon ohne aufzusehen abwehrend die Hand. „Eigentlich passt es jetzt grad im Moment gar nicht. Hab’n wir vielleicht einen Termin?“ Man hörte dem linguistischen Chamäleon seine steirische Herkunft überhaupt nicht mehr an.
„Brauch‘ ich denn einen?“, fragte die Dame beiläufig und legte ihre Hand auf den Block des Rektors.
„Es wär‘ schon besser!“, betonte Simon Reinisch, endlich etwas unwillig aufblickend. Die Dame hob den Schleier, und als der Wissenschaftler das Gesicht erkannte, schoss ihm das Blut ins Gesicht und er sprang sofort auf. „Majestät! Entschuldigen’s schon, kais…!“
Der erhobene Zeigefinger Nénés stoppte ihn. „Bitte, Professor, bleib Er derzeit einmal bei Madame.“ Die Regentin wies auf einen Stuhl. „Darf ich?“
„Pardon, Madame, selbstverständlich, ich bitte Platz zu nehmen“, stotterte Simon, immer noch überrascht. Der Leibfiaker und Vertraute der Regentin, der beleibte Joseph ‚Nockerl‘ Bratfisch, rückte Helene den Stuhl zurecht.
„Ich möchte mit Ihm etwas besprechen, das direkt in Seinen Fachbereich fällt. Sagt Ihm der Name…“ Helene blickte auf einen Zettel. „…Anchnesneferibre etwas?“
„Aber natürlich, Madame“, nickte Reinisch und schloss kurz die Augen, dann referierte er. „Tochter von Psammetich dem – ah – dem zweiten und seiner Ehefrau Tachuit, in der 26. Dynastie, den uns bisher bekannten Texten und Berechnungen nach scheinbar von 595 bis 525 vor unserer Zeitrechnung Gottesgemahlin und bis 560 Hohepriesterin des Amun.“
„Scheinbar, Professor?“
„Nun…“, Reinisch zögerte kurz. „Es ist natürlich möglich, dass sie diese Ehrentitel bereits mit der Geburt erhalten hat und ein Alter von ganz exakt 70 Jahren erreichte. Wie gesagt, es ist nicht unmöglich.“
„Aber Er hat Bedenken?“
„Nun – ja, die habe ich tatsächlich! Von 595 bis 560 vor Christus wird sie als Hohepriesterin des Amun in Theben geführt. Und eine Priesterin von Geburt an – gut. Aber DIE Hohepriesterin? Vielleicht, wenn es nur ein Titel ohne Macht wäre. Aber – seltsam fände ich das schon. Trotzdem – es ginge sich zumindest theoretisch alles aus. 585 stirbt ihre Vorgängerin und Adoptivmutter Nikrotis, da übernimmt sie die Herrschaft in Theben, acht Jahre vorher übersiedelte sie in diese Stadt und wurde adoptiert. Also, falls sie ihre Titel mit der Geburt erhalten hat…“
Néné lehnte sich zurück. „Ich verstehe! Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig.“
„Heute?“, schmunzelte der Ägyptologe. „Kaum! Nur für so neugierige Leute und Pedanten wie mich. Auswirkungen hat es ganz sicher keine auf heute!“
„Wer weiß das schon? Gibt es noch etwas über diese Dame zu wissen?“
„Nun, sie war die letzte Herrscherin der 26. Dynastie und regierte Ägypten während der Amtszeit von vier Pharaonen. Sonst – ach ja, die 25. und 26. Dynastie war eine kushitische. Also Nubier, dunkelhäutige, wahrscheinlich negroide Menschen. Dann, mit der 27. beginnt die Herrschaft der Perser.“
„Sprechen wir über die Stele des…“ Wieder blickte die Regentin auf ihren Schummelzettel. „…Assurbanipal in Memphis.“
„Eine seltsame Geschichte, Madame!“ Reinisch baute ein Dach aus seinen Fingern und überlegte. „Moment!“ Er erhob sich, holte aus einem nahen Regal eine Mappe mit Zeichnungen und suchte eine heraus, welche er vor Helene auf den Tisch legte. „Das ist ein Bild der Stele, wir nehmen an, dass sie, wenn schon nicht Anchnesneferibre selbst, so doch eine der Gottesgemahlinnen des Amun zeigt. Sehen sie diese Kopfzier? Es sind die Hörner eines Rindes mit der Sonnenscheibe dazwischen vor zwei überdimensionale Falkenfedern. Diese Stele behauptet, dass diese Krone den kushitischen Gottesgemahlinnen die Macht über Ägypten gegeben hätte. Aber leider sagt dieser Text nicht wie.“
„Aber vielleicht wo dieser Schmuck jetzt ist?“
„Nun – so in etwa schon, Madame.“ Der Wissenschaftler begann auf die verschiedenen Schriftzeichen zu deuten. „Ein Agent des Shah in Shah Kambyses stahl die Krone der schwarzen Pharaoninnen und brachte sie zu einer Oase unweit der ‚Stadt der Wölfe‘. Die Griechen hab’n damals den Schakalskopf des Anubis für einen Wolf g‘halten, daher nannten sie Assiut, wo der große Anubistempel steht, Lykopolis. Die nächste Oase von Assiut wär‘ die Waha Ma’Jayid, oder ein paar Kilometer weiter, die Waha Farafra, mit einem DKW etwa 536 Kilometer von Assiut entfernt. Quer durch die Wüste, eine richtige Höllenfahrt.“
„Sie hab‘n diese Fahrt schon einmal mitg‘macht?“, brach Bratfisch sein Schweigen.
„Aber ja“, erzählte Reinisch stirnrunzelnd. „In Farafra graben die Herr‘n Ernst von Bergmann und Alois Musil eben einen Tempel aus. Er könnt‘ der Göttin Neith geweiht sein.“ Er stand wieder auf und brachte eine neue Mappe zum Vorschein, nachdem er das Abbild der Stele wieder sorgfältig verstaut hatte. „Da ist ein Bild von der Statue, welche die Herren g‘funden haben!“
„Oh! Also entweder hatten die Bildhauer einen Fetisch, oder die Dame hat in natura einen Schutz aus Leder für ihre Oberweite benutzt. So hätte sie sicher nur einmal mit diesem Bogen geschossen.“ Unwillkürlich hatte Néné nach ihrem Busen gegriffen.
„Vielleicht möchte‘n Madame sich die Bilder noch einmal genauer ansehen. Sie stammen von der Rückwand des Tempels.“
Die Regentin vertiefte sich aufmerksam in die Betrachtung der diversen Zeichnungen. „Sind diese Skizzen exakt?“
„Das sind sie, Madame. Mit Zollstock und Raster übertragen!“
„Nun, da ist – Moment, ich glaube…“ Helene sah noch genauer hin. „Hier, bei diesem Streitwagen dieser Frau, wer immer es ist, fehlen die Räder!“
„Und die Sehne des Bogens“, wies Reinisch auf die entsprechenden Stellen. „Seht, Madame, hier, bei den Männern in der Begleitung der Dame, ist bei jedem deutlich die g‘spannte Bogensehne zu erkennen. Und die Wagen von den Männern werden von Pferden gezogen und fahren auf Rädern mit je vier Speichen. Ich habe telegraphisch nachgefragt. Unsere Zeichner haben akkurat g‘arbeitet.“
„Also ist es wohl wirklich eine Göttin mit einem magischen Bogen.“ Néné, die österreichische Regentin, lehnte sich wieder etwas zurück. „Er hat vorher den Namen Neith erwähnt. Warum?“
„Weil Neith eigentlich die einzige Göttin ist, welche in Ägypten mit Pfeil und Bogen darg‘stellt wird. Wie Madame vorher schon bemerkt hab‘n, ist die weibliche Anatomie ab einer gewissen Größe für‘s Bogenschießen nicht wirklich ideal geeignet. Ganz besonders mit so einem langen Bogen wie diesem hier. Vor allem dann, wenn besagte weibliche Anatomie wie bei den Ägyptern der Antike nicht unüblich öfter einmal unbedeckt blieb. Also – nackert, wie man so sagt.“
„Nun, dann wird es halt die Göttin Neith sein. Wo ist Sein Problem, Professor?“
„Ad eins, die Ikonographie, Madame!“ Wieder baute Reinisch aus seinen Fingern ein Dach. „Die Göttin Neith wird entweder mit der roten Krone von Unterägypten oder ihrem ganz eigenen Zeich‘n als Kopfschmuck darg‘stellt, ganz selten mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe. Bisher aber noch nie mit den beiden Falkenfedern. Das ist die Krone einer Gottesgemahlin des Amuns, genauso wie auf der Statue selber, die aus einem glatt poliert‘n schwarzen Stein besteht. Dazu kommen noch die negroiden Gesichtszüge einer Kushitin, und wenn die Kartusche auf dem Sockel der Plastik nicht die Spenderin verrät, sondern es der Name der abgebildeten Person ist, dann haben wir hier Anchnesneferibre vor uns. In voller Pracht, Stärke und Schönheit. Ad zwei die Art der Darstellung“, Reinisch verfiel in den Ton eines Dozenten während einer Vorlesung. „Diese Art ist in der ägyptischen Kunst einzigartig. Eine derartige Haltung finden wir erst sehr viel später in der späten griechischen und in der römischen Kunst wieder. Sehen sie nur, diese offene Beinhaltung, die Knie leicht gebeugt, die Füße nach außen gestellt, der Torso etwas gedreht, die angespannten Armmuskeln, es ist anatomisch alles so korrekt. Eine derart perfekte Statue erwartet man in Marmor oder Alabaster in der Blüte der hellenistischen Kultur, nicht in der ikonographisch erstarrten ägyptischen. Obwohl um die Zeit schon recht gute Verbindungen zum hellenistischen Griechenland und natürlich auch zu den Persern bestanden, blieben die Ägypter bei ihren Statuen noch immer ziemlich konservativ. Wenn man einmal vom kurzen Intermezzo zur Zeit Echnatons absieht. Und letztlich ad drei das Material.“
„Welches Material ist es denn?“
„Wenn wir das doch bloß wüssten“, seufzte der Ägyptologe schwer. „Es ist schwarz, kohlrabenschwarz. Es glänzt wie Obsidian oder Onyx, aber meinen Nachforschungen zufolge hat man von beiden Materialien noch kein Stück gefunden, aus welchem man diese Statue, welche immerhin drei Meter groß ist, herstellen hätte können. Und auch das wie ist uns immer noch ein Rätsel. Es gibt keine Werkzeugspuren oder ähnliches. An der ganzen Statue nicht.“

Helene ließ die Informationen sacken. „Dann – hatte Anchnesneferibre also zumindest drei rätselhafte Artefakte zur Verfügung?“, fragte sie schließlich nach. „Einen fliegenden pferdelosen Wagen, Pfeil und Bogen ohne Sehne, die aber trotzdem eine gewisse Wirkung haben dürften und eine Krone, welche Gott weiß was kann.“
„Ich fürcht‘, das trifft den Nagel ganz genau auf den Kopf, Madame.“
„Nun gut. Hat Er ein Luftschiff zur Versorgung der Ausgrabungen zur Verfügung, Professor?“
Reinisch lachte auf. „Bei aller Großzügigkeit der allerhöchsten Familie unser‘m Institut gegenüber, aber dafür reicht es doch noch lang‘ nicht. Nein, wir haben kein Luftschiff zu unserer Unterstützung.“
„Dann hat Er jetzt eins.“ Die Regentin klopfte mit der flachen Hand zwei Mal auf den Tisch. „Sag Er in zwei oder drei Tagen der Presse, dass Maximilian Graf von Osseburg in Neuhochadlerstein als ein großzügiger Spender seine Yacht leichter als Luft dem Orientalistischen Institut zur Verfügung gestellt hat. Damit kann Er Material und mehr Helfer zur Oase Farafra bringen.“
„Wozu das denn, Madame?“
„Falls die Artefakte wirklich in Farafra liegen sollten, dann wird es dort bald krachen, Professor. Und wenn irgend jemand auch nur vermutet, dass sie dort sind, unter Umständen auch. Ich fürchte daher, wir brauchen in der Oase eine bewaffnete Schutztruppe für unsere Leute. Wie sieht es rechtlich mit den Genehmigungen aus?“
„Wir haben vom Khedive in Kairo ebenso wie von den Briten eine umfassende und unbeschränkte Grabungslizenz für einen Umkreis von fünf Kilometern bis 1899 erhalten.“
Helene erhob sich, und selbstverständlich sprangen auch Reinisch und Bratfisch sofort auf die Beine. Man blieb als Herr halt einfach nicht sitzen, wenn sich die Dame erhob. Und schon gar nicht, wenn es sich bei der Dame um die österreichische Regentin handelte. „Dann werde ich mich jetzt um den Schutz der Wissenschaftler und ihrer Helfer kümmern.“ Damit reichte die Regentin dem Professor die Hand zum Kuss und verließ die Bibliothek.
Vor dem Institutsgebäude öffnete Joseph Bratfisch der wieder tief verschleierten Regentin den Verschlag der Kalesche. Ehe sie einstieg, warf sie noch einen langen, nachdenklichen Blick zurück, dann wandte sie sich an ihren Leibfiaker.
„Zum Hametten“, befahl Helene, kletterte das kleine Treppchen hoch und machte es sich gemütlich. Bratfisch klappte die Treppe ein und schloss die Tür, dann erklomm er geschmeidig seinen Bock und öffnete die Ventile. Der Dampf aus dem Vaporidkessel wirkte auf die Turbinen in den Rädern und das Gefährt fuhr sanft an, bewegte sich wieder über die Ringstraße, dann über den Schwarzenbergplatz und den Rennweg zum Amt für Äußere Angelegenheiten, wo die Regentin den Wagen wieder verließ und mit Nockerl Bratfisch im Schlepptau direkt auf eine der Empfangsdamen an der Seite des Foyers zusteuerte. Fräulein Luise Smetana musste nur einen kurzen Blick auf die goldene Plakette werfen, die ihr der Kutscher zeigte, und wusste sofort, was sie zu tun hatte. Einen kleinen Knopf drücken, welcher sonst unberührt blieb und den Besuch unauffällig, aber ohne jede Verzögerung weiter zu lassen.
Der mit einem ehrenvollen Abschied aus dem Dienst bei den Hoch- und Deutschmeistern entlassene Hauptmann Xaver Leopold Khyffer aus Regensburg hörte ein Signal, sah auf die Tafel und traute seinen Augen kaum – ein Mitglied der allerhöchsten Familie war im Amt. Sein Blick flog zur Eingangstür. Eine verschleierte Dame in schwarzem Kostüm, hinter ihr der nicht zu verkennende Leibfiaker der Regentin – Xaver rannte los, machte Front und verbeugte sich tief, ehe er wie ein Soldat salutierte. Helene hob ihren Schleier und hielt dem Wachposten ihre Hand zum Kuss entgegen.
„Bring Er mich zuerst zum Telegraphenbureau, und danach möchte ich mit dem Fürsten Hametten persönlich parlieren!“
Für Khyffer gab es darauf nur eine Antwort. „Ganz wie Eure Majestät befehlen!“
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In der ehemaligen Wiener Vorstadt Spittelberg lag in der Gutenberggasse im Haus zum weißen Löwen schon seit ewig und drei Jahr‘ das für die Anbahnung temporär eher kurz bemessener zwischenmenschlicher Beziehungen berühmte Lokal ‚Zur Sonnenfels-Waberl‘. Hier konnten sich Männer ganz diskret kurzfristiger weiblicher Gesellschaft erfreuen, auch wenn sie nicht mit dieser Dame verheiratet waren. Es war nur genügend Bargeld dafür nötig. Kurz gesagt und auf gut Deutsch – die Waberl war ein alteingesessenes Bordell mit sehr gutem Ruf. Schon Kaiser Joseph II., der Sohn der berühmten Kaiserin Maria Theresia, soll 1787 versucht haben, dieses Lokal für einen in Wien so genannten ‚schnell‘n D‘rüberrutscher‘ zu besuchen. Inkognito, ist ja wohl eh ganz klar. Leider hatte er es mit der Verkleidung wohl ein bisserl übertrieben, und fürchterlich aufgeführt muss er sich im Lokal dann auch noch haben, weil der Türlschnapper, also dieser Muskelprotz, der für die Koberin auf die süßen Maderln aufpassen sollte, hat ihn angeblich beim Arsch und G‘nack genommen und dann bei der Tür hinausgeschmissen. Na ja, so wird’s halt erzählt, aber es wird wohl eher doch nur am Hosenboden und am Hemdkragen gewesen sein – der Kaiser hat die Attacke ja zumindest körperlich unbeschadet überstanden. Sein Stolz war halt ein bisserl angekratzt, aber mein Gott, mit so etwas muss doch auch ein Kaiser leben können. Auch dem Lokal hat die Sache damals wohl nicht weiter geschadet, denn das nur wenige Gassen von der Ringstraße entfernte Lokal in der Nähe der Hofburg verbandelte immer noch zur Freude aller Beteiligten zahlungskräftige Herren mit willigen Damen, und schon so mancher junger ‚von und zu Blaublut‘ hat sich hier ebenso wie viele Söhne wohlhabender Bürgerlicher bei den erfahrenen Damen erstmals sein Kipferl abgestoßen und sein Geweih fegen lassen. Und war dann später als Erwachsener gerne wieder gekommen. Der Waberl – welche jetzt ja eigentlich Wetti hieß und das Geschäft schon in der x-ten Generation führte, zahlte man für Räumlichkeiten, Speisen und Getränke einen für das Gastgewerbe durchaus angemessen und wenn auch gehobenen, so doch nicht sonderlich überzogenen Betrag. Mit der Dame seiner Wahl musste man dann noch selber extra eine entsprechende Vergütung für entsprechende Dienstleistungen aushandeln. Das Lokal war halt nicht billig, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn, dafür aber nicht nur in den Schankstuben, sondern auch auf den Zimmern blitzblank sauber und ordentlich. Jeden Gast empfing frisch gewaschene und sogar gebügelte Bettwäsche, und seit einigen Jahren auch ein stets geputzter eigener Abort mit Wasserspülung, eine geschrubbte Dusche und eine saubere Badewanne mit fließendem warmen und kalten Wasser. Das gereichte Essen war frisch und von guter Qualität, der Champagner kalt und prickelnd. Die Mädchen auf und hinter der Bühne waren recht ansehnlich proportioniert und boten ein abwechslungsreiches Revue-Programm, welches mit mehr als nur einer Prise Erotik gewürzt war. Ein Programm, das auch immer wieder von anderen amüsanten Darbietungen unterbrochen wurde, denn Madame Wetti hielt so gar nichts vom Menschenschinden bei ‚ihren Maderln‘ und bestand sowohl bei den Tänzerinnen als auch anderen Künstlerinnen auf ausreichende Pausen zwischen ihren Auftritten. Und auch auf regelmäßigen Waschungen und Arztbesuchen.
In einem der abgedunkelten Separees mit gutem Blick auf die Bühne saßen acht fein gekleidete Herren bei einigen Flascherln Schlummberger-Sekt. Eben zeigte eine Tänzerin mit ihrem Partner eine sehr frei interpretierte Version der Leda mit dem als Schwan verkleideten Zeus, welche der Phantasie keinerlei Spielraum mehr ließ. Man war ja hier auch bei der ‚Waberl‘ und nicht etwa im Burgtheater oder gar in der Oper bei einer Ballettvorstellung. Diese acht Herren hatten den abgetrennten Raum betreten, ihre Getränke geordert und nach dem servieren derselben die Türe zum hinteren Gang, durch welche man das Kämmerchen wie eine Theaterloge betreten konnte, gut verschlossen. Sogar eine rote Tafel hängten sie an die Tür, ein Zeichen für die Bedienung und die Damen, dort im Moment nicht zu stören.
„Ob des da drin vielleicht Thermofratenser san?“, überlegte der Piccolo Schani Dörfler leise, aber immer noch für seinem Vorgesetzten hörbar. Für diese Spekulation bekam er vom Kellner Harald Trevinka eine ordentliche Kopfnuss.
„Blöder Bub“, schimpfte Trevinka. „Erstens kann’s uns völlig powidl sein, ob das warme Brüder sind oder nicht. Zweitens geht‘s dich einen feucht’n Schas an, wer was mit wem in die Separees da hinten treibt. Und drittens sind das vielleicht einfach sechs Fabrikanten, die mit den zwei Türken ein G’schäft machen woll’n.“
„Ja, dürf’n denn die Osmanen überhaupt an Sekt trink‘n?“ staunte der Schani. „Ich hab‘ mir immer denkt, des san muslimische Leut‘, und die dürf‘n doch eigentlich gar keinen Alk hab’n!“
„Dann werden‘ halt vielleicht jüdische Türken sein“, vermutete Trevinka. „Und z’Haus sind’s ja eh nicht, wenn’s bei uns sind. Außerdem – trinken müssen’s den Sekt ja eh nicht. Zahl’n soll’n sie ihn, das ist wichtig.“
„Ja, und das andere?“
„Das dürfen’s bei uns auch alle, auch wenn’s es wo anders eigentlich nicht wirklich dürft’n, Bub. Sogar die katholischen Pfaff’n! Und jetzt bringst dem Dekan Moser noch ein Flascherl Schlummberger in sein Separee und sagst der Milli, dass er da ist und auf sie wart’n tut.“
Die Annahmen des Obers waren nicht ganz korrekt. Zwar waren es wirklich zwei Orientalen, aber sie kamen nicht aus der Türkei oder Palästina, sondern aus Ägypten. Und sie waren weder Muslime, noch Juden oder Christen, sondern es handelte sich bei diesen Männern um führende Anhänger der Um qasada Bidhara, der Beni Yasue, des sogenannten Goldenen Frühlings, und die durften Alkohol trinken und auch das Andere. Der goldene Frühling war eine fanatisch-religiösen Organisation, welche nichts weniger vor hatte als im Namen eines Mannes, der sich als Nachfahre und Erbe des Messias betrachtete, einen von Jerusalem ausgehenden und von dort regierten neuen Gottesstaat zu errichten. Für das Erreichen dieses Zieles war ihnen jedes, aber auch wirklich jedes Mittel recht, auch der Einsatz von Söldnern, welche für die in der Zukunft anstehenden Attentate und Kämpfe die Drecksarbeit übernehmen sollten. Wenn es sein musste, auch mit Gift und Terror. Die Söldner wurden eingesetzt, damit die Hände der wahren Beni Yasue vom Blut nicht beschmutzt wurden und ihre Seelen rein bleiben und ihren Weg ins Paradies finden konnten. Der Konsum berauschender Substanzen oder Sex in welcher Form auch immer gehörte für diese Gruppe allerdings nicht zu den Sünden, welche eine Seele beflecken konnten. Die sechs Wiener in ihrer Begleitung wiederum waren Herren der selbst ernannten besseren Gesellschaft. Sie gehörten also zu jener Bevölkerungsschicht mit neuem Geld, davon aber einer Menge. Einige dieser Parvenues hatten sich selbst und teilweise auch ihr Vermögen der Sache des Frühlings verschrieben, natürlich nicht ganz uneigennützig. Es war zu erwarten, dass der Herrscher des neuen Reiches seine treuen Paladine mit etwas ausstatten konnte, das sie sich derzeit nicht für alles Geld leisten konnten. Denn für den echten, alten Adel gehörten sie trotz ihres Geldes einfach nicht dazu und würden auch nie wirklich dazu gehören. Zumindest die nächsten fünf, sechs Generationen nicht. Sogar dann nicht, wenn die Regentin sie, was manchmal durchaus vorkam, für irgendwelche Verdienste zum Ritter schlagen, in den Stand eines Barones oder sogar, wie es Novacek, Werner und Tesla ergangen war, zum Grafen erheben sollte. Und selbstverständlich wollten diese Leute vor allem anderen das für viele Menschen berauschendste. Macht!
Die Waberl hatten die einheimischen Untergebenen der Beni Yasue als Treffpunkt auserkoren, weil das Lokal erstens für seine absolute Diskretion bekannt war und weil zweitens niemand in Wien etwas dabei fand, wenn hier die verschiedensten Personen allein oder gemeinsam das Lokal betraten. Denn es war ganz und gar nicht unüblich, einen Geschäftspartner des Abends auf ein Hupferl – oder auch zwei oder gar drei – hierher zu führen. Auch, nein besonders ausländische Herren, die ja so fern von ihren Ehefrauen und der Heimat an Einsamkeit litten. Und selbstverständlich war die Waberl drittens ausgewählt worden, weil auch die Herren vom Frühling g’standene Mannsbilder waren und nach getanener Arbeit ein wenig ihren Spaß haben wollten. Genau für diese Art des Zeitvertreibes gab es halt für alle Interessenten genug von den feschesten süßen Mäderln bei der Sonnenfels-Waberl. Große, kleine, dünne, mollige, mit großen Meiereien oder beinahe knabenhaft gebaut – bei der Waberl gab es für jeden Gusto etwas.
Und genau so selbstverständlich waren alle Separees hervorragend schallisoliert, besonders, wenn man auch die dicken Vorhänge zum allgemeinen Saal und der Bühne schloss. Und so konnte auch niemand die folgende Unterhaltung mit anhören.
„Ich fürchte, unsere Anlagen in Simmering sind nicht mehr sicher! Die Polizei hat eine Durchsuchung bei der Baronesse Klederwald durchgeführt.“
„Dann sollten Sie alle Kontakte zu ihr und ihrem Haus sofort einstellen!“
„Das ist bereits geschehen, Herr. Es treffen sich dort nur noch Personen, welche über die unterste Ebene unserer Organisation nie hinaus gekommen sind. Es weiß dort niemand etwas von unserer Existenz, auch die von Anfang an eingeführte strikte Maskenpflicht erweist sich jetzt als großer Vorteil für uns.“
„Die falsche Baronesse weiß Bescheid über den Frühling, seine Ziele und andere Mitglieder. Zu gut Bescheid, auch über Sie.“
„Wir haben alles vorbereitet, Herr. Sie wird auch im schlimmsten Falle einer plötzlichen Verhaftung nichts ausplaudern können.“
„Nun gut, das überlassen wir Ihnen. Was ist mit der heilige Lanze aus der Schatzkammer unter der Wiener Hofburg?“
„Leider ist diese Aktion gründlich schief gegangen, Herr. Es muss noch eine Alarmanlage gegeben haben, von welcher unser Informant nichts wusste. Und auch eine Möglichkeit, den Raum mit dem Eingang zur Schatzkammer noch von einer anderer Seite zu betreten. Offensichtlich wusste unser Mann doch weit weniger, als er dachte. Wir haben ihn auch sicherheitshalber noch vor unserer Unternehmung aus dem Weg geräumt. Aber wegen der Beteiligung an der Aktion einiger – äh – Besucher der amüsanten Runden bei der Baronesse von Klederwald hat man die Dame jetzt im Verdacht, ebenfalls daran beteiligt gewesen zu sein. Es muss einen Spitzel der Polizei bei ihr gegeben haben!“
„Dann ist sie zu unvorsichtig geworden. Sehen Sie zu, dass Sie diesen Mann oder diese Frau finden und ebenfalls zum Schweigen bringen. Wie sind sonst die Fortschritte hier in den Donaumonarchien?“
„Wir konnten erfolgreich einige subversive Zirkel in den verschiedensten Ländern Kakaniens infiltrieren. Zum größten Teil Nationalisten, aber auch einige verarmte Adelige, welche von den großen Zeiten ihres Standes träumen und ihre Privilegien zurück haben wollen. Dazu kommen natürlich auch noch die Anarchisten, aber von denen gibt es in den Donaumonarchien leider nur mehr sehr wenige. Ich denke trotzdem, einige von ihnen werden uns für verschiedene Handlangerdienste noch nützlich sein können. Aber selbstverständlich werden sie nie erfahren, für wen sie in Wirklichkeit tätig sind und welche Ziele mit ihren subversiven Aktionen wirklich unterstützt werden.“
„Das ist erfreulich. Und jetzt wollen wir uns den schönen Dingen im Leben zuwenden. Wie bekommt man eine der einschlägigen Frauen denn dazu, herein zu kommen und ihre Dienste anzubieten.“
„Man öffnet die Tür und trifft dann seine Auswahl, Herr!“
„Dann auf mit ihr. Mir steht jetzt der Sinn nach einem drallen Weib, das nichts dagegen hat, wenn es auch etwas grober dabei zugeht. Wo man richtig zupacken kann!“
„Dann kenne ich genau die Richtige für Euren Gusto, Herr!“
*
Ägypten
Die Luftyacht von Maximilian Graf Ossenburg wies einige ungewöhnliche Eigenheiten auf. Bei aller luxuriösen Ausstattung im Oberdeck besaß das Luftschiff eine erhebliche Ladekapazität und eine nicht zu unterschätzende Motorisierung. Dank des Einbaues von elektrischen Tesla-Motoren erreichte das Schiff eine beachtliche Geschwindigkeit von knapp über 160 Kilometer pro Stunde und besaß auch eine ganz erhebliche Reichweite. Ohne dass man dem Schiff beides ansah, ebenso wenig wie die Bewaffnung, welche aus zwei halbautomatischen 10,5 Zentimeter-Geschützen in der unteren Rumpfschale, je fünf 2-Zentimeter Gatlinggewehren in den Flanken und einigen Maxim-Gewehren an der Oberseite des Rumpfes bestand. Der Besitzer dieser Flugyacht war ein bekannter wissenschaftsbegeisterter und auch sonst ziemlich auffälliger Adeliger, der sein Geld gerne immer wieder in Expeditionen oder andere unnötig erscheinende Dinge und Projekte steckte. Er hatte einen hohen finanziellen Preis für die erste Umrundung der Erde entlang des Äquators mit einem Flugschiff schwerer als Luft ausgelobt, er hatte zwei Expeditionen in die arktischen Gewässer finanziert und eine Gesellschaft von Vermessern beauftragt, eine genaue Karte des Amazonas-Stromes und des Sambesi anzufertigen. Er konnte sich alles das leisten, weil ein guter Teil dieser Ausgaben insgeheim vom Staatshaushalt der Donaumonarchien finanziert wurde, natürlich mit dem Wissen von König Emanuel III von Neuhochadlerstein. Auch die NGWA NNUNU. Dieses Arrangement hatte durchaus seine Vorteile, und zwar für alle. Denn Österreich konnte intervenieren, ohne öffentlich in Erscheinung zu treten, und der spleenige Graf mal wieder seinem Hobby frönen und sich einen Namen in der wissenschaftlichen Welt machen.
Die NGWA NNUNU konnte ohne Problem eine Kompanie Infanterie mit drei Zügen zu je 40 Mann transportieren, mit allem nötigen Gepäck, Bewaffnung und ausreichend Munition. Dieses Mal flog sie die fünfte Kompanie der Gnus, oder offiziell ausgedrückt, des schweren Infanterieregimentes Nummer 3 zur Oase Farafra. Wobei diese Bezeichnung nicht etwa bedeutete, dass die Soldaten dick waren, sondern dass einer der Züge jeder Kompanie neben den mit Gewehren bewaffneten Infanteristen auch über einige leichte Granatwerfer oder Hale-Abschussrampen zur Feuerunterstützung verfügte. Der dritte Zug der fünften Kompanie hatte ihre vier Hale-Gestelle eingepackt, welche derzeit wie auch die dazu gehörende Munition in unauffälligen Kisten im Lagerraum des Luftschiffes ruhten.
Wie die meisten Armeeeinheiten der Donaumonarchien und alle von Neuhochadlerstein bestanden auch die Gnus sowohl aus hell- als auch dunkelhäutigen Menschen in allen Schattierungen und Rängen. Die fünfte Kompanie hatte man speziell für diesen Einsatz ausgewählt, weil der Kommandant Oberleutnant Jochen Meyster von blassem, blonden Typus war. Man wollte in Ägypten nicht jedem sofort auf die Nase binden, dass Soldaten aus Neuhochadlerstein eingetroffen waren, und ein schwarzer Vorarbeiter hätte in dieser Gegend leider immer noch zu viele Fragen aufgeworfen. Deshalb trugen die Soldaten derzeit auch keine Uniformen, sie waren wie Arbeiter oder Doktoranden gekleidet, welche auf jeder Ausgrabung zu finden waren.
Jetzt, nach etwas über 35 Stunden Flug merkten die Soldaten an Bord, dass das Luftschiff langsam tiefer ging. Die wachen Soldaten rempelten ihre Nachbarn an, welche eben ein Nickerchen einlegten, ein gedämpftes Murmeln und ein gewisser Aufruhr erhob sich im Transportraum, die Männer rollten ihre Decken und Matten zusammen, schnallten sie an ihre Tornister, brachten ihre Kleidung in Ordnung und suchten ihre Hüte. Niemand musste ihnen sagen, wie gefährlich die pralle Sonne in einer Wüste sein konnte, die Namib lag nahe genug an Neuhochadlerstein. Nachdem sie fertig gepackt hatten, stellte sich die Männer der fünften Kompanie diszipliniert an und füllten ihre Feldflaschen mit Wasser, eine Gewohnheit, denn man konnte ja nie wissen, wann sich das nächste Mal eine Gelegenheit dazu ergab.
*
In der Stadt Assiut am Nil herrschte üblicherweise eine gewisse Ruhe und Beschaulichkeit, welche jede Woche an zwei Tagen vom Besuch eines Touristenschiffes gestört wurde. Doctor Francis Llewellyn Griffith hatte also die Ausgrabungsstätten des alten Lykopolis, wie die Griechen und danach die Römer diese Stadt fälschlicherweise genannt hatten, die meiste Zeit für sich und seine ägyptischen Ausgräber allein. Ein Umstand, der dem jungen Archäologen und Abenteurer im Dienst der EEF durchaus zusagte. Doch heute war es anders, Amelia Ann Blanford Edwards hatte sich per Telegramm für einen persönlichen Besuch angemeldet. Sie wollte am nächsten Tag mit einem Kollegen, der üblicherweise in Amarna beschäftigt war, mit der LADY OF KAIRO ankommen, einem Luxusdampfer, wie es auch die MALIKAT MISR war. Und heute sollte mit dem Frachtschiff ABERDEEN Mannschaft und Ausrüstung für diesen Kollegen kommen, einen gewissen Mister William Matthew Flinders Petrie. Ein Pedant und Erbsenzähler, wie er im Buche stand, aber ein erfolgreicher. Er hatte bei einigen seiner Ausgrabungen eine Prämie für jeden gefundenen Scherben ausgelobt, damit diese Funde nicht irgendwo verkauft wurden. Es hatte funktioniert.
Ein Dampfhorn riss Francis, der in einem kleinen Bayt Alqahwa, einem Kaffeehaus, am Hafen saß, aus seinen Gedanken. Das musste die ABERDEEN sein, denn es war heute kein anderes Schiff in Assiut angesagt. Und wirklich, der recht moderne und sehr funktionelle, aber auch irgendwie rundum hässliche Frachtkahn ohne Charme, Chic und Charisma mit 110 Yard Länge arbeitete sich gemütlich den Nil herauf und legte am breiten Steg des englischen Hafens an. Die Häfen der meisten etwas größeren Nilstädte waren von den Briten bereits modernisiert worden, um die modernen Frachtkähne der britischen Schubverbände leichter be- und entladen zu können. Und natürlich, um die Häfen auch militärisch leicht nutzbar zu machen. Assiut war jetzt nicht sehr groß oder strategisch wichtig, aber der Charme von Miss Amelia Edwards und das Geld der EEF hatten diesem Ort ebenfalls einen modernen Hafen beschert. Ein Mann in der Uniform der britischen Handelsmarine ging vom Schiff an Land und auf Francis zu, der seinerseits den Steg hinaus schritt.
„Sind Sie Mister Griffith von der EEF?“ fragte er.
„Francis Llewellyn Griffith“, bestätigte der und reichte dem Offizier die Hand.
„Lieutenant Conrad Upsom, Cargomaster der ABERDEEN, Sir.“ Damit nahm der Mann die angebotene Hand. „Ich habe eine Lieferung für die Egypt Fund. Es soll wohl eine große Expedition werden?“
„Ich gestehe, keine Ahnung von diesem Trip zu haben, Lieutenant Upsom“, entgegnete Griffith. „Ich weiß, dass unsere Gründerin und Geschäftsführerin, Miss Amelia Ann Edwards, mit Mister William Matthew Flinders Petrie hierher unterwegs ist und dass dieser oder sein Assistent Percy Newberry eine Expedition nach Westen leiten soll. Die Reise soll wohl entlang der alten Karawanenstraße über Ma’Jayid und Farafra auf das Gilf el Kebir gehen, wo es einige Oasen gibt, dabei sollen die Ägyptologen nach irgendwelchen Relikten früherer Besiedlung Ausschau halten. Der Earl of Carradvan soll mit einem anderen Mitglied der Royal Society gewettet haben, dass die ägyptische Kultur nicht hier entstanden, sondern aus dem Osten in das Niltal gekommen ist. Er fördert unsere Ausgrabungen hier und bezahlt auch die Expedition auf das Gilf. Also – nun, Förderer muss man eben stets unterstützen, auch wenn man nicht mit ihnen einer Meinung ist. Und vielleicht findet Mister Petrie ja auch doch irgendwelche Artefakte.“
„Von einer Zivilisation, die noch älter als die ägyptische ist? Das wäre doch etwas!“ Auch der Schiffsoffizier war vom Ägyptologiefieber des victorianischen Zeitalters befallen. In London diskutierten selbst die Droschkenkutscher über die Funde der EEF.
„Ich fürchte, leider eher nein“, blieb Griffith sachlich. „Aber vielleicht noch einige von der altägyptischen. Und das wäre doch auch schon einiges wert.“
„Ganz unzweifelhaft, Sir. Können wir dann abladen?“
„Aber natürlich, Lieutenant!“
Die ABERDEEN hatte vier Kettenfahrzeuge der X-plorer-Klasse an Bord, ursprünglich als Transportfahrzeuge für die Royal Army in unwegsamem Gelände erdacht und gebaut. Die beiden 3 Fuß breiten Raupen, auf denen sich das Gefährt bewegte, hatten sich auch in den eisigen Wintern der großen Seenplatte in Nordamerika bereits bewährt. Der 34 Fuß lange und 15 Fuß breite, kantige Rumpf war robust gebaut, und diese vier jetzt in Assiut ankommenden Fahrzeuge waren als Wohnmobile für je 5 Personen ausgebaut worden, das Gepäck und die Ausrüstung der Expeditionsteilnehmer war bereits auf den Dachträgern verstaut. Die X-plorer sollten die 20 Personen der EEF-Expedition zuerst einmal zur Oase Ma’Jayid bringen.
Von den Teilnehmern waren 17 Personen ebenfalls mit an Bord des Frachters. Die vier Fahrer starteten jetzt die Motore der Explorer, und der erste holperte über eine rasch ausgelegte Rampe auf den Betonsteg. Rückwärts gehend dirigierte ein anderes Mitglied des Teams den Wagen über den Pier, während Matrosen das Schiff verholten und so dem nächsten Wagen die Gelegenheit gaben, das Schiff über den Steg zu verlassen.

„Jim Hardesty, Mister Griffith!“ Damit streckte einer der angekommenen Männer in schmuckloser Khakikleidung dem Archäologen die Hand entgegen. „Ehemals Captain der 3rd Royal American Dragoons, nach dem Feldzug gegen Pierre-Joseph de Jeanningros, den selbst ernannten König von Texas, Nouveau Mexique et Californie ehrenhaft entlassen.“ Er klopfte gegen sein Bein, der Ton war metallisch. „In der Army wollen sie keine halben Krüppel haben, auch wenn diese dampfbetriebenen Prothesen im Alltag kaum noch einen Unterschied machen. Aber gemeinsam mit den Truppen des Tlatoani, also des Kaisers Maximilian von Mexico, haben wir damals diese abtrünnigen Franzosen endgültig aus den Americas vertrieben.“
„Willkommen in Assiut, Captain.“ Griffith nahm die angebotene Hand, Hardestys Griff war fest, aber nicht schmerzhaft. „Ich habe hier im Ort einige Zimmer für ihr Team gebucht, Miss Edwards, Mister Petrie und Mister Newberry werden erst morgen mit der LADY OF KAIRO von Amarna her eintreffen. Ich hoffe, sie und ihre Männer hatten Zeit, sich ein wenig an das Klima hier in Ägypten zu gewöhnen?“
„Es geht, Mister Griffith“ nickte Hardesty. „Es geht. In Texas und New Mexico gibt es Wüsten, welche sich von der Sahara nicht so sehr unterscheiden. Mit Ausnahme der Größe selbstverständlich! Wir hatten dort ausreichend Zeit zum Üben.“
„In der Tat, Captain.“ Das Signal einer Dampfpfeife zeigte, dass wieder ein Fahrzeug sicher das Ufer erreicht hatte. „Wie gesagt, ich habe mir erlaubt, im hiesigen Hotel einige Zimmer reservieren zu lassen. Ich hoffe doch, sie alle sind bewaffnet?“ Der ehemalige Soldat öffnete seinen Beduinenmantel und zeigte seine beiden Brownings.
„Jeder von uns besitzt zwei Revolver und einen Karabiner.“
„Das ist gut“, bemerkte Griffith. „Immerhin hat erst diesen März hier in Assiut eine starke Räuberbande einen Überfall versucht. Sie hatten es damals sogar geschafft, die Frau eines Amerobriten namens Orville Jones für einige Zeit zu entführt. Er war auch ein Archäologe, der ebenfalls nach Ma’Jayid wollte.“
„Ach? Und wie haben sie diesen Überfall abgeschlagen?“, fragte der Captain neugierig. „Und wie die Dame zurück bekommen? Sie haben doch gesagt, sie wurde nur für einige Zeit entführt. Arme Frau!“
„Da war eine österreichische Prinzessin, die wir zuerst gar nicht als solche erkannt haben, weil sie wie ein Mann gekleidet war, und ein deutscher Schriftsteller namens Karl Maerz, sie haben vielleicht von ihm gehört?“
„Karl Friedrich Maerz ? Old Skullbreaker? Ja natürlich kenne ich seine Bücher! Ist der vielleicht noch in dieser Gegend?“, zeigte sich Hardesty erfreut.
„Leider nein. Er ist mit dieser Prinzessin Maria Sophia, ihrer Entourage und der Familie Jones abgereist, nachdem er mit dieser Österreicherin und einem ihrer Offiziere namens Slatin Pascha den Banditen nachgeritten sind und Mistress Jones befreit hatten. Weiter stromauf.“
„Schade“, bekundete Hardesty. „Ich hätte Old Skullbreaker gerne persönlich kennen gelernt. Und warum wollte Mister Jones nach Ma’Jayid?“
„Irgend ein spleeniger Count aus den amerikanischen Kolonien glaubt, dass diese Stele des Assurbanipal von Memphis vielleicht doch echt ist und dass die Gottesgemahlinnen des Amun eine Krone trugen, welche die Macht der kushitischen Pharaonen erhielt. Also, dass eigentlich sie die Pharaoninnen des Reiches waren und der Mann nur für die ausländischen Gesandten auf dem Thron saß. Die letzte von ihnen war eine Frau namens Anchnesneferibre etwa bis 525 vor Christus, ein Agent des persischen Herrschers Assurbanipal soll ihr die Krone gestohlen und in einer Oase nahe der ‚Stadt des schakalköpfigen Gottes‘ versteckt haben. Wahrscheinlich, weil der Perserkönig zu viel Angst hatte, eine Frau könnte mit der Krone seine Macht beschneiden.“ Griffith lachte laut auf. „Man stelle sich nur einmal vor, diese Krone wäre echt und käme in die Hände der Suffragettenbewegung! Aber die Mehrzahl meiner Kollegen und ich sind der Meinung, dass die Stele nur eine Fälschung und die Krone eine Erfindung ist. Damit der Eroberer, also König Kambyses II., eine Ausrede hatte, dass er von einem wesentlich schwächeren und schlechter ausgerüsteten ägyptischen Heer so oft geschlagen wurde. Er muss eine totale strategische Null gewesen sein! Was ist das denn?“ Das war ein Fahrzeug, das etwa halb so groß wie ein Explorer war, aber genau so aussah.
„Ein Fahrzeug für Miss Edwards“, grinste Captain Hardesty. „Sie denken doch wohl nicht, dass sie mit vier Männern in einem Fahrzeug nächtigt? Es ist der Prototyp eines Spähfahrzeuges mit großer Reichweite für die Royal Egypt Army. Kitchener hat diesen Fenek in Auftrag gegeben, später wird auf dem Dach noch ein schweres Maxim-Gewehr montiert werden. Mit einer Dachluke.“
„Miss Amelia will die Expedition begleiten?“ fragte Griffith fassungslos, Hardesty schlug ihm lachend auf die Schulter.
„Vielleicht sucht sie ja nach der Krone der Kushitinnen“, lachte er laut. „Auch, wenn sie keine Suffragette ist.“ Griffith stimmte in das Lachen ein.
„Natürlich“, johlte er. „Genau das wird es sein!“
*
Miss Amelia Ann Blanford Edwards trug ihrem Alter von 58 Jahren angemessen ein knöchellanges, einfaches Reisekleid von dunkelgrauer Farbe über einer weißen Bluse mit Stehkragen. Ihr einziger Schmuck war eine elegante Perlenkette und ein schmaler Goldreif, in den ebenfalls eine Perle gefasst war, an ihrem Finger. Sie stand an der Reling des alten, aber sehr luxuriösen PS (für ‚Paddle Ship‘) LADY OF KAIRO, das mit seinen 72 Metern Länge und einer Breite von 9,75 Metern zu den kleineren Schiffen auf dem Nil gehörte. Dafür boten die 23 Kabinen auf 2 Stockwerken allen nur erdenklichen Luxus, die Bar war gut bestückt, und die Küche wurde zumindest dem englischen Gaumen mehr als gerecht. Was nur recht und billig war, denn zumeist fuhren Briten mit der LADY auf dem Nil. Reisende anderer Nationalitäten zogen eher die MALIKAT MISR oder die TANIS mit eher internationaler respektive arabischer Küche vor. Angetrieben und gesteuert wurde die LADY immer noch mit 2 seitlichen Schaufelrädern, allerdings war der alte, mit Kohle befeuerte Dampfkessel bereits einem modernen für das englische Steampowder gewichen.
„Glauben Sie, dass wir eine Chance haben, die Krone zu finden, Mister Petrie?“, fragte sie den groß gewachsenen Mann von etwa 35 Jahren neben sich.
„Das kommt darauf an, Miss Edward!“ William Matthew Flinders Petrie stützte sich schwer auf das Geländer und zögerte weiterzusprechen.
„Worauf?“, kam sie seinen Worten zuvor.
„Auf unser Glück, natürlich“, bekannte William. „Ma’Jayid ist die der Stadt Assiut am nächsten gelegene Oase, die wir kennen. Falls die Stele von Memphis echt sein sollte, dann müsste Lykopolis der Ausgangspunkt sein, und wenn wir sie wörtlich nehmen können, sollten wir die Krone – oder zumindest eine Spur davon – in Ma’Jayid finden. Aber – wer garantiert, dass auf dieser Stele die Wahrheit steht? Warum sollte jemand eine derart öffentliche Aufzeichnung hinterlassen, wo gestohlenes Gut, das noch dazu dem neuen Herrscher gefährlich werden könnte, versteckt wurde. Und was ist, wenn es Ma’Jayid 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung noch gar nicht gab? Dann wäre Farafra die nächst gelegene Oase. Das Wiener Institut für Orientalistik gräbt dort seit zwei Jahren und hat einen hervorragend erhaltenen Tempel mit einer ganz ungewöhnlichen Statue der Neith entdeckt. Was ist, wenn die Krone dort ist?“
„Vielleicht haben die Wiener die Krone sogar bereits gefunden?“
„Das glaube ich nicht, Miss Edwards“, beruhigte William die Leiterin der Egypt Exploration Fund. „Bisher haben sie jeden ihrer Funde penibel nach Kairo gemeldet. Aber ich gestehe, ich würde mir diese Statue schon gerne einmal aus der Nähe ansehen. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit dazu.“
„Nun – das bedeutet aber nicht, dass sie die Krone nicht doch noch dort finden können“, ließ sich Amelia nicht beruhigen.
Petrie zuckte mit der Schulter. „In diesem Fall müssen wir eben das gleiche machen wie damals Shah in Shah Kambyses!“
„Sie meinen….?“
Der Blick des Archäologen wurde hart. „Einen Agenten damit beauftragen, das Ding verschwinden zu lassen. Und dieses Mal, ohne die Tat und den Ort in Stein zu meißeln. Besser, wir besitzen diese Krone als jemand anderer. Stellen sie sich vor, die Österreicher und Deutschen könnten dem Empire irgend welche Bedingungen stellen!“
„Eine schreckliche Vorstellung, Mister Petrie“, schauderte Amelia. „Eine ganz und gar schreckliche Vorstellung! Aber – warum heißt die Stele eigentlich nach König Assurbanipal?“
„Ein Lese- und Übersetzungsfehler, Miss Edwards.“ Petrie grinste verschämt. „Man sah etwas, das auf den ersten Blick nach einem berühmten achämenidischen Königsnamen aussah, hoffte auf eine Sensation und benannte die Stele nach ihm. Doch so weit wir wissen, hat Assurbanipal Ägypten niemals betreten. Zu dieser Zeit herrschte noch Frieden zwischen den Reichen.“
„Und wie lautet der Name wirklich?“
„Hanurbanipal, Miss Edwards. Kein König, sondern ein Abgesandter – wir würden es heute Agent nennen – von König Kabyses II.“
Ein ägyptischer Stewart in seiner weißen Uniform mit Goldknöpfen näherte sich respektvoll den beiden Briten.
„Madam, Sir, wir erreichen in zwei Stunden Assiut“, meldete er. „Darf das Kabinenmädchen ihr Gepäck fertig machen?“
„Aber ja. Ich benötige bis zum Anlegen nichts mehr“, nickte Amelia. „Aber sie soll meinen Schirm nicht einpacken, und sie soll vorsichtig mit den Parfumflacons umgehen. Die sind immerhin aus Glas!“
„Selbstverständlich wird Aminara ihr Gepäck pfleglich behandeln, Madam“, verneigte sich Selim. „Sir, dürfen wir auch ihr Gepäck fertig machen?“
„Ich werde nur einen Träger benötigen, Boy“, bemerkte William, dann wandte er sich an Amelia. „Meine Notizen und Handbücher habe ich bereits selbst verstaut, und die wenige Kleidung ebenfalls. Diese Papiere vertraue ich sicher keiner fremden Hand an. Sehen, Miss Edwards. Dort drüben liegt Manfalut. Westlich davon flacht dieser Steilhang ab, den sie bisher gesehen haben und der auch hinter Assiut in die Höhe ragt. Über diese ‚Rampe‘ führen alle Karawanenwege im Umkreis von einigen Meilen von der Wüste zum Nil, und dort werden auch wir hinauf in die Wüste fahren müssen. Wollen Sie uns denn wirklich begleiten?“
„Waren Sie nicht der Meinung, dass der Helm nur von einer Dame benutzt werden kann? Wie wollen sie denn dann ohne mich die Echtheit des Fundes verifizieren?“
„Indem ich alle gefundenen Artefakte, die auf jene Anchnesneferibre hinweisen, zu Ihnen nach Assiut bringe, Miss Edwards.“
„Dazu könnte es wirklich kommen“, überlegte Amelia Ann Blanford Edwards. „Aber sie müssen sich keine Sorgen machen, ich werde Ihnen nicht ständig im Wege herumstehen, Mister Petrie. Aber ein Bild von der Oase möchte ich mir doch machen!“
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Westlich von Assiut erstreckte sich die Sahra scheinbar endlos bis zum Horizont. Der zumeist vom Hochplateau des Gilf el Khebir zum Nil wehende Wind trieb die Dünen langsam, aber stetig nach Osten, die Sonne verwandelte das Sandmeer in einem Glutofen. Etwa 200 Kilometer vom Nil entfernt lag der kleine Teich der Oase Ma’Jayid, welcher den dort wohnenden Beduinen einige karge Felder und Weiden erlaubte. Die Oase ernährte vielleicht siebzig Personen, Männer, Frauen und Kinder, welche hier sesshaft geworden waren, dazu die Reisenden, welche hier kurze Rast machten, ehe sie mit ihren Kamelen oder ganz seltenen mit ihren DLKWs weiterzogen, von Oase zu Oase, hier etwas kauften, dort etwas verkauften. Oder es kam einer der nomadischen Stämme vorbei und tauschte seine Erzeugnisse gegen volle Wassersäcke für die nächste Etappe ein. Einige Datteln, ein wenig Getreide, wenige Schafe und eine Handvoll Kamele bildeten die karge Lebensgrundlage der bescheidenen hier ansässigen Berber. Sie lebten wie ihre nomadischen Vorfahren in Zelten, welche im Inneren mit herrlichen, weichen Teppichen aus Wolle ausgelegt waren. Die meisten in den natürlich vorkommenden Farben der Schafe oder Kamele, denn sowohl mineralische als auch pflanzliche Farben waren den Bewohnern der Oase zwar bekannt, aber meistens viel zu teuer.
William Petrie steuerte den kleinen Fenek vorsichtig eine der unzähligen Dünen hinauf. Die breiten Ketten der britischen Expeditionsfahrzeuge waren mit dem lockeren Sand der Sahara bisher recht gut zurecht gekommen und hatten Meile um Meile zwar langsam, aber stetig zurück gelegt. Da Assiut nahe an einer Steilwand lag, welche die Wüste vom Tal des Nils trennte, musste die Expedition einen erheblichen Umweg fahren, welcher aus den 200 Kilometern Luftlinie beinahe 400 Kilometer bis zur Oase machte. Etwas über 250 Meilen. Sie waren die 14 Stunden durchgefahren, starke Scheinwerfer hatten ihnen nachts den Weg gewiesen und geöffnete Fenster die Kühle der Nacht in die Kabinen gelassen. Miss Amelia hatte jede Rast, welche man aus Rücksicht ihr gegenüber einlegen wollte, strikt abgelehnt und auf eine Weiterfahrt bestanden.
„Eigentlich müsste das die letzte Düne vor der Oase sein“, bemerkte Petrie zu Amela Edwards, welche links von ihm saß. „Nach dem Meilenstand und dem Kompass müssten wir von dort oben unser erstes Ziel sehen.“
„Die Oase Ma’Jayid“, nickte Amelia. „Ich bin sehr gespannt.“
„Ich befürchte, es wird sich dort kein sehr spektakulärer Anblick bieten, Miss Edwards“, bekannte William. „Eine kleine Wasserfläche, ein paar Tiere, ein paar Palmen und Zelte. Wenn kein Hinweis auf etwa eine Grabkammer oder eine Tempelruine an der Oberfläche liegt, werden wir nicht einmal wissen, wo wir zu suchen beginnen sollen!“
„Sie klangen wirklich schon einmal optimistischer, Mister Petrie!“
„Ich hoffe einfach, dass die Bewohner der Oase einander alte Geschichten erzählt und somit bewahrt haben. Und dass uns diese einen Anhaltspunkt geben.“ Petrie zuckte mit den Schultern. „Das alltägliche Brot der Archäologie eben.“
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Der 45-jährige österreichische Archäologe Ernst von Bergmann sah allmählich selbst wie einer der in Farafra lebenden Berber aus. Braungebrannt, einen weiten Burnus umgeworfen und ein Tuch um den Kopf geschlungen stand er wie beinahe jeden Morgen vor der schwarzen Statue der Anchnesneferibre. Er persönlich hatte überhaupt keinen Zweifel mehr an der Identität der dargestellten Person, welche weit über ihm mit ihrem Bogen ein Ziel ziemlich exakt im Osten anzuvisieren schien. Ein Gerüst aus Messingrohren und Holzbrettern umgab die Statue, die Richtung, in welche der Pfeil wies, war auf das Zehntel eines Grades genau festgestellt worden, ebenso wie der Winkel, in welchem er nach oben zeigte. Auch wohin die Augen blickten hatte man in mühevoller Kleinarbeit festgestellt. Wenn man die Linien verlängerte, trafen sie bei Abu Tig, wenige Kilometer südlich von Assiut, auf den Nil und nördlich von Safaga auf das rote Meer. Auf drei Viertel des Weges zum Nil lag, einige Kilometer nach Norden versetzt und auf keiner in diesem Tempel auffindbaren Linie liegend, war die kleine Oase Ma’Jayid.
Die Oase Farafra war weit größer als Ma’Jayid, sie bestand aus einem veritablen See mit Süßwasser, der an der größten Länge etwa anderthalb Kilometer maß und beinahe einen ganzen breit war. Hier wurde einiges an Getreide angebaut, es gab einen richtigen kleinen Wald aus Dattelpalmen, recht ansehnliche Rinder- und Schafherden und natürlich auch Kamele. Zwar keine von den schnellen Rennern, wie man sie in reicheren Gebieten liebte und züchtete, aber dafür ausdauernde und genügsame Lasttiere. Hinter dem Tempel, runde fünf Kilometer westlich der Oase, lag der Steilhang zum 300 Meter hohen Gilf el Kebir, ein beinahe 16.000 Quadratkilometer großes Hochplateau. Zum größten Teil war dieses Hochland steinig, knochentrocken und unfruchtbar. Das schien jedoch nicht immer so gewesen zu sein, breite Wadis zerfurchten das steile Rif und zeugten immer noch von mächtigen prähistorischen Flüssen, welche wahrscheinlich vor langer Zeit von der Hochebene zum Nil oder nach Westen und dann nach Norden zum Mittelmeer geflossen waren. Auch heute noch verwandelten sich diese Schluchten in reißende Flüsse, wenn über dem Hochplateau einer der extrem seltenen Regengüsse nieder ging. Denn wenn wirklich einmal Regen fiel, dann öffnete der Himmel alle Schleusen, und der Aufenthalt in diesen Wadis wurde lebensgefährlich. Sobald der Regen dann vorbei war, verwandelten sich die Hochebene und die darunter liegende Wüste in ein wahres Meer von Farben, wenn die an das Wüstenklima angepassten Pflanzen für kurze Zeit blühten.
Es bewohnten mehr Menschen ständig die Oase Farafra als jene von Ma’Jayid, der größere Wasservorrat erlaubte es. Es blieben auf ihrer Wanderung daher auch größere und mehr Karawanen für eine längere Rast hier, bis sich ihre Tiere wieder einmal satt getrunken und ein wenig erholt hatten. Die bunten Zelte der einheimischen Beduinen waren zwischen den uralten Relikten und Ruinen altägyptischer Bauten aufgestellt, und auch die kakanische Expedition hatte dort ihr Lager aufgeschlagen. Man konnte jetzt nicht unbedingt behaupten, dass die Kinder der Wüste das Interesse der Europäer an der Geschichte dieser Steinbrocken und Mauern verstanden oder es auch nur verstehen wollten. Allah hatte beschlossen, dass die Überreste hier herum lagen, also waren sie halt hier und dienten den Beduinen als Windschutz, als Einfriedung für Tiere oder als Spielplatz für ihre Kinder. Aber die Weißen zahlten nun einmal gutes Geld, wenn die Männer der Oase im Sand gruben und ihre Frauen für sie kochten, also taten sie eben, was die Besucher wollten.
Der böhmische Afrikareisende Jan Novotny hatte die Ruinen von Farafra zum ersten Mal 1864 in seiner Reisebeschreibung ‚Von Assuan nach Bengasi – mit Handelskarawanen durch die Sahara‘ erwähnt. Als dann 1876 in Wien das Orientalistische Institut gegründet wurde, suchte man verständlicherweise nach einem lohnenden Objekt für eine Ausgrabung. Leider waren die wirklich viel versprechenden Objekte entlang des Nils bereits von britischen Ausgräbern im Auftrag reicher Mäzene besetzt, aber Bergmann erinnerte sich an den Bericht Novotnys. Eine Zeichnung in der Beschreibung führte zu einem Gespräch zwischen dem Reisenden und dem Ägyptologen, Ernst von Bergmann war danach überzeugt, dass bei der Oase altägyptische Ruinen fernab des Nils vorhanden waren. Nicht ganz so prestigeträchtig wie die großen Metropolen am Fluss, aber immerhin etwas Neues. Das Institut erbat über das Auswärtige Amt eine Grabungslizenz, damit musste sowohl der Khedive in Kairo als auch die britische Regierung einverstanden sein. Die Erlaubnis des Khediven zu erhalten war nicht weiter schwierig gewesen, denn die Vereinigten Donaumonarchien besaßen in Ägypten einen hervorragenden Ruf. London ließ sich allerdings etwas länger bitten. Aber schließlich kam man zu der Überzeugung, dass derart weit ab des Niltals wohl kaum eine große wissenschaftliche Sensation zu vermuten wäre und zeigte sich nach einigem Zögern schließlich einverstanden. Miss Amelia Edwards vom Egypt Exploration Fund hatte gelächelt, als sie davon erfuhr. Nun, ein paar Tonsplitter und eventuell einige Werkzeuge aus Bronze konnte man dem Wiener Institut schon gönnen, sogar Schwerter oder Dolche. Besonders, wenn sich in den Lagern des EEF bereits eine ansehnliche Menge gut erhaltener Kunstwerke und goldenen Schmuckes anhäufte und eine kleine Armee Wissenschaftler mit der Auswertung der Gegenstände begonnen hatte. Denn was konnte in dieser abgelegenen Regionen denn schon zu finden sein.
1882 war Bergmann mit einem Trupp Studenten und einem Assistenten, dem 26 Jahre alten Alois Musil, nach Farafra gekommen. Musil war ein Mann, der selbstverständlich fließend Arabisch und diverse Dialekte der Berber sprach, der aber auch mit großem Verständnis für die Sitten und Gebräuchen der Einheimischen angereist war. Es waren nicht die Geschenke, welche von den Österreichern unter den Bewohnern von Farafra großzügig verteilt wurden, es war die Selbstständigkeit, mit welcher Musil sich unter die Berber mischte und sich mit ihnen wie mit Seinesgleichen unterhielt, das die Einheimischen den Fremden gewogen gemacht hatte. Und, dass Musil immer ein offenes Ohr für jeden Rat und jede Belehrung über das Leben in der Wüste hatte. ‚In Wien kenn‘ ich mich aus, aber vom Leben in der Sahara weiß ich weniger als der kleine Bub, der dort drüb’n am Rockzipfel von seiner Mutter hängt. Da heißt’s halt noch einmal in die Schul‘ geh’n‘, hatte er den Studenten gepredigt, und seine Worte waren auf fruchtbaren Boden gefallen. Auch bei der damals 22jährigen frisch gebackenen Magister Elfriede Andermayer. Unter den Europäern gab es von Anfang an nur eine Frau, eben jenes Fräulein Andermayer aus München. Sie war blass, hellhaarig, groß wie ein Mann und ebenso kräftig, sprach fließend arabisch und fluchte manches Mal schlimmer als ein Kameltreiber. Stets trug sie einen Burnus und verhüllte ihr Gesicht, jedoch nicht die beiden schweren Revolver in ihrem Gürtel. Die Dorfbewohner respektierten Fräulein Andermayer langsam so halbwegs. Bis eines Tages ein Stamm Tuareg auf die Idee gekommen war, die Oase zu überfallen, um Vorräte und Herden zu erbeuten. Vielleicht auch ein paar hübsche Mädchen, das war hinterher nicht mehr sicher zu sagen. Tote zu befragen fiel nicht in die Macht des örtlichen Imams, und Voodoopriester war auf die Schnelle auch keiner aufzutreiben gewesen, selbst wenn jemand das überhaupt gewollt hätte. Und so blieb das mit den Mädels eine zwar begründete, aber halt doch nur eine Spekulation, denn als die ersten Schreie und Schüsse fielen, mischten sich die Österreicher – damals noch ohne die Verstärkung aus Neuhochadlerstein – in den nächtlichen Kampf im Schein des Vollmonds ein. Mit ihren Repetiergewehren von Mannlicher und ihren Revolvern. Und als einer der verschleierten Reiter eine davon laufende junge Frau aus der Oase verfolgte, sprang Elfriede dazwischen und schoss den Targi einfach aus dem Sattel. Mit einem einzigen gezielten Schuss mitten in die Stirn. Seit damals genoss auch Fräulein Elfriede den uneingeschränkten Respekt der Bewohner, sozusagen als Mann ehrenhalber.
Nicht lange nach Beginn der Arbeiten war einem der Studenten, einem Ischler namens Karl Salzknecht, ein seltsam symmetrischer Hügel etwa einen halben Kilometer westlich der Oase aufgefallen und er hatte Bergmann darauf aufmerksam gemacht. Der hatte den Studenten einfach mit einigen der angeheuerten Arbeitern losgeschickt, um eine Probegrabung durchzuführen. Vorsichtig, versteht sich. Sie mussten gar nicht lange graben, da stießen die Schaufeln auf etwas Hartes. Schnell sprang Salzknecht in die Grube und setzte den Vorgang mit einer kleinen Kelle und schließlich mit einem Pinsel fort. Sein Herz hatte wie rasend zu schlagen begonnen, denn über eine derart große Fläche, wie er sie jetzt geduldig freilegte, so glatt geschliffen, so eben konnte doch keine natürlich entstandene Oberfläche eines Steins sein. Oder doch? Hier, in der Wüste? Er hatte nach oben in die Gesichter der Arbeiter geblickt.
„Syid Musil“ hatte er gerufen. „Liyald Syid Musil!“
„Fawran!“ Ali hatte das Nicken als Geste der Bestätigung von den Österreichern übernommen und sich nach dem Zeichen, dass er Salzknecht verstanden hätte, ohne große Eile auf den Weg gemacht. In der Sahara lief man tagsüber besser nicht, wenn man lange am Leben bleiben und zumindest halbwegs gesund ein hohes Alter erreichen wollte.
Währenddessen arbeitete Salzknecht mit Kelle und Pinsel wie ein vom wilden Sepperl Gebissener weiter und legte mehr und mehr von einer Platte frei. Denn eine Platte war es eindeutig, eine gerade Kante wurde sichtbar, eine zweite Platte. Jetzt war er sich sicher gewesen, etwas künstliches gefunden zu haben. Er sollte recht behalten, er arbeitete auf dem flachen Dach eines Gebäudes. Der hinzugerufene Musil war derselben Meinung, und bald konzentrierten sich die Arbeiten auf diesen Hügel. Kubikmeter um Kubikmeter wurde zuerst der Sand aus dem ersten Innenhof herausgeschaufelt, gesiebt, nochmals gesiebt und in Richtung Süden abtransportiert, damit der Westwind ihn nicht wieder in die Oase zurück wehen konnte. Allmählich kam die zentrale Halle zum Vorschein, ein exakt nach den Himmelsrichtungen ausgerichtetes Quadrat von etwa 15 Metern Seitenlänge, oder ganz genau gesagt 15,52 Metern, was ganz exakt 30 altägyptischen Meh entsprach, umgeben von Höfen und anderen Gebäuden. Und einer Toranlage, vor welcher in grauer Vorzeit eine circa 500 Meter lange Säulenreihe gestanden hatte. Von diesen fanden die Archäologen allerdings nur noch die Fundamente und einige Trümmer, rundherum im Sand vergraben. Und dann die Überraschung. Die Sensation. Sie fanden in der großen Halle die Statue einer den Bogen spannenden Frau. Im ersten Moment hatte Ernst von Bergmann an die Göttin Neith gedacht, welche immer mit einem Bogen dargestellt wurde. Auch die Halle, welche 50 Meh, also beinahe 27 Meter hoch war und die Statue klein, ja winzig erscheinen ließ, gemahnte an eine Göttin, und das hatte er nach Wien gemeldet. Heute waren sich aber alle sehr sicher, dass die Statue in Wirklichkeit Anchnesneferibre darstellte. Was das Geheimnis eigentlich nur noch größer machte, denn wenn der Spion des Assurbanipal oder des Kambyses oder wem auch immer die Krone der Gottgemahlin gestohlen hatte und hier versteckt hatte, warum dieser Tempel? Warum die Statue mit den Zeichnungen am hinteren Teil des Sockels in ägyptischen Hieroglyphen? Noch dazu eine Statue, dessen Material schon schwer zu beschaffen gewesen sein musste. Ein drei Meter hoher Brocken aus Obsidian, welcher ausschließlich in Vulkanen zu finden war, und der nächste Vulkan war auch noch eine schöne Ecke entfernt, etwa 1.000 Kilometer. Oder – gab es in der Umgebung irgendwann einmal einen Vulkan, den man heute nicht mehr fand? Außerdem, der Transport wäre ja noch denkbar, aber Obsidianbrocken in dieser Größenordnung zu finden, war schwierig. Und wenn der Block endlich hier in der Mitte von gar nichts angekommen war, wie in drei Teufels Namen hatten sie ein Material bearbeitet, welches nur mit Diamanten zu schleifen war, und das noch mit einer anatomischen Korrektheit, dass es einem modernen Lehrbuch der Medizin entstammen könnte. Das ernste, konzentrierte Gesicht, die leicht zusammen gekniffenen Augen, der grimmige Mund, die Backenknochen. Ein Antlitz, welches bei flackerndem Kerzenschein zu leben schien. Die Sehnen des Halses, die Spannung der Muskeln, die Brustwarzen, alles war genau abgebildet bis hin zu den angespannte Glutei Maximi, der spärlichen Achsel- und Schambehaarung und den äußeren Schamlippen. Nirgendwo war eine Werkzeugspur zu finden, nirgends auch nur der kleinste Kratzer zu sehen. Diese Statue war einfach perfekt. Zu perfekt. Und warum stand das Ding auf einem 5 Meter hohen Sockel, auf welchem man eine 15 oder 20 Meter hohe Kolossalstatue erwarten würde? Ernst von Bergmann hielt sich für alles andere als dumm, aber hier wusste er nicht mehr weiter. Die einzige Erklärung, die ihm – oder genauer gesagt, der Doktorandin Fräulein Andermayer – eingefallen war, besagte, dass der Tempel wesentlich älter als die Statue war und tatsächlich einmal eine gigantische Statue beherbergt hatte. Aber welche? An den Wänden war das gesamte ägyptische Pantheon dargestellt, von Isis und Osiris über Amun Ra, Anubis, Neith, Sobek bis hin zu Anput, einem weiblichen Pendant zu Anubis. Nicht in dieser Reihenfolge, und auch hier folgten die Darstellungen keinem bekannten Muster.
Die Stimme von Elfriede Musil, geborene Andermayer, riss Bergmann aus seinen Erinnerungen.
„Herr Professor? Es kommt da ein ganz modernes Kettenfahrzeug auf die Oase zu. Es tragt den Union Jack, also werden es halt scho Engländer sein. Der Lois, also der Doktor Musil empfangt sie, aber Sie hättert er auch scho gern dabei.“

„Briten? Da, hier?“, hob Bergmann die Braue. „Na ja, es ist halt ihr‘ Kolonie, auch wenn’s was anderes behaupt’n! Holen’s mir doch aus meinem Quartier die Mapp‘n mit den Dokument‘n, Frau Kollegin. Geht’s im Raum drei gut voran?“
„Langsam, Herr Professor, aber es wird scho.“
„Gut so. Wie weit sind’s mit ihrer Dissertation?“
„Ich müsste sie noch in eine Maschine tippen, sonst ist sie fertig.“
„Geben’s mir heut‘ Abend die Arbeit handschriftlich, Frau Kollegin. Ich zweifel gar nicht d’ran, dass sie so gut wie ihre andere Arbeit ist, und warum sollten’s auf ihren Titel länger als nötig wart’n. Sie war‘n die ganzen sieben Jahr‘ mit uns vor Ort, jetzt wird’s aber Zeit. Aber zuerst bitt‘schön die Dokumente, Frau Kollegin.“
„Sofort, Herr Professor!“
Das österreichische Team hatte zuerst die Höfe und Räumlichkeiten zwischen der großen Halle mit der Statue und Eingang vom Sand frei geräumt und kümmerte sich jetzt systematisch um die Nebentrakte, beginnend vom Eingang nach hinten. Also konnte der Professor jetzt einfach den bequemen Weg aus dem Tempel nehmen, ohne wie zu Beginn der Arbeiten eine Leiter benutzen zu müssen. Eben, als er die erste Vorhalle betrat, führte Doktor Alois Musil eine Frau und einen Mann in einem hier üblichen Burnus in den Schatten.
„Hier ist auch schon unser Chef. Miss Edwards, ich darf ihnen Herrn Professor Ernst Ritter von Bergmann vorstellen. Herr Professor, ich habe die große Ehre, Ihnen Miss Amelia Ann Blanford Edwards, die Gründerin und Leiterin des berühmten Egypt Exploration Fund vorzustellen!“
„Das ist tatsächlich eine Ehre für uns, Miss Edwards!“ Bergmann deutete einen formvollendeten Handkuss an. „Sie haben für unser Fachgebiet einige bis dahin verschlossene Tore geöffnet!“
„Sie sollten mich nicht besser machen, als ich bin“, antwortete die Britin lachend. „Ich tat es in eigenem Interesse, denn die Orientalistik, und besonders die Ägyptologie, fasziniert mich ganz ungemein.“
„Herr Professor, ich darf ihnen noch Mister William Matthew Flinders Petrie vorstellen!“
„Mister Petrie“, bot Bergmann dem englischen Kollegen die Hand, welcher derselbe mit kräftigem, aber nicht protzigen Druck annahm. „Sie haben wirklich hervorragende Arbeit bei der Vermessung der Pyramiden geleistet. Aber suchen sie nicht eigentlich bei Amarna nach Spuren des Ketzerkönigs?“
„Eigentlich ja!“ Flinders Petrie verzog schmerzhaft das Gesicht. „Aber in meiner Lizenz sind die Felsgräber dezidiert ausgenommen. Also sammelte ich alte Tonscherben von zerbrochenen Krügen. Als Miss Edwards mir anbot, für den Earl of Carradvan die Krone der schwarzen Pharaoninnen zu suchen und das Gilf el Kebir zu besuchen, konnte ich einfach nicht widerstehen, wieder einmal die Luft der Wüste zu atmen. Auch wenn ich nicht so richtig an dieses Artefakt glauben kann, aber einige prädynastische Funde wären ja auch nicht so übel.“
„Sie folgen der Stele des Assurbanipal?“
„Genau dieser, Professor“, bestätigte Petrie achselzuckend. „Und wie man sieht, sie haben in der Nähe ‚der nächsten Oase‘ von Assiut ja auch etwas recht interessantes gefunden!“
„Das haben wir wirklich, Mister Petrie“, bestätigte Bergmann. „Ein Rätsel, das wir noch nicht lösen konnten.“
„Ist es nicht gerade das Spannende an unserer Passion, Professor?“ Miss Edwards neigte lächelnd den Kopf. „Das Neue, das Unbekannte zu erforschen?“
„Dem kann und möchte ich nicht widersprechen, Madam. Bitte, kommen Sie doch weiter.“ Bergmann bot der Britin dem Arm. „Ich zeige Ihnen gerne unseren großen Schatz. Wir nennen sie ‚die schwarze Neith‘, auch wenn es sich wahrscheinlich um eine der Gottgemahlinen des Amun handelt. Wir denken, die Letzte von ihnen.“
„Sie meinen Anchnesneferibre?“
„Selbstverständlich, Mister Petrie“, lachte Bergmann. „Ihre Krone haben wir allerdings noch nicht gefunden!“
Amelia Edwards lächelte strahlend, während die Miene Petries etwas säuerlich wirkte. „Würden Sie es uns denn überhaupt sagen, wenn es anders wäre?“, fragte die Leiterin des EEF.
„Eine Sensation dieser Größenordnung geheim halten?“, schüttelte der Österreicher den Kopf. „Warum sollten wir das denn tun? Der Bekanntheitsgrad unseres Instituts würde doch enorm steigen, von der Zahl unserer verkauften Publikationen ganz zu schweigen!“
„Natürlich“, stimmte Edwards bei. „Man wäre zumindest in der Fachwelt eine Berühmtheit! Ist das die besagte Statue?“
„Oh ja“, bestätigte Bergmann. „Das ist unser Schatz!“
Staunend schritten die Briten um die Darstellung der Anchnesneferibre herum.
„Diese Statue ist trotz dieses Gerüstes noch wunderschön, Professor“, rief Miss Edwards. „Sie haben sie genau vermessen, nehme ich an?“
„Selbstverständlich, Miss Edwards. Sie entspricht beinahe perfekt dem goldenen Schnitt der Studie des Vitruv.“
„Nur beinahe?“ Amelia betrachtete die Statue mit erstauntem Blick. „Was ist denn daran nicht so ganz exakt, Professor?“
„Die Länge der Beine, Miss Edwards“, lächelte Bergmann. „Sie sind jenes kleines bisschen zu lang, das uns Männer zum Träumen einlädt.“ Die Augenbrauen der Britin rutschten etwas nach oben, dann begann sie herzlich zu lachen.
„Ach ja, das Ideal der endlosen Beine. Und wenn sie nicht da sind, müssen eben hohe Schuhe her!“
„So sind wir Männer nun einmal gestrickt“, bekannte Bergmann. „Einfach und leicht zu durchblicken. Aber zurück zu Anchnesneferibre. Wir sind gerne bereit, ihnen eine exakte Skizze mit Maßangaben zukommen zu lassen.“
„Das wäre sehr zuvorkommend, Professor. Übrigens, dort winkt ihnen ein junger Mann zu!“
„Ach ja!“ Bergmann winkte Salzknecht näher zu treten. „Miss Edwards, das ist der junge Student, der in einem Sandhügel diesen Tempel gesehen hat.“ Er legte dem Ischler seine Rechte auf die Schulter. „Also, heute ist er natürlich schon Magister und arbeitet auf seine Dissertation hin. Sein Name ist Karl Salzknecht. Karl, diese Dame ist Miss Amelia Edwards vom Egypt Exploration Fund.“
„Miss Edwards, das ist mir eine wirklich große Ehre!“ Wie die meisten Archäologen sprach Salzknecht nicht nur Deutsch und Latein, sondern auch Englisch, denn immerhin kam man damit in vielen Teilen der Welt recht gut zurecht. Nun beugte er sich über die Hand Amelias, in den Donaumonarchien gehörte der Handkuss halt immer noch zum guten Ton. Dann wandte er sich wieder an Bergmann. „Herr Professor, wir bräuchten sie kurz in Raum vier!“
„Sofort, Salzmann. Ach, hier kommt auch Frau Musil mit den Papieren. Sie werden sehen, Miss Edwards, es ist alles damit in Ordnung!“
Amelia winkte ab. „Selbstverständlich sind sie das, und ich habe auch kein Recht, ihre Dokumente zu überprüfen, Herr Professor. Wir sind nur gekommen, um ihren Fund zu bestaunen. Und uns als Nachbarn vorzustellen. Wir beginnen nämlich bei der Oase Ma’Jayid eine kleine Grabungskampagne, die wir vielleicht den Karawanenweg entlang fortsetzen. Vielleicht ist uns das Glück ähnlich hold wie ihnen.“
„Ich will es ihnen wünschen, Miss Edwards. Ich bitte Sie und Mister Petrie, uns kurz zu entschuldigen. Bitte, sehen sie sich doch um.“
„Darf ich das Gerüst betreten?“ Flanders Petrie wies nach oben.
„Tun Sie sich keinen Zwang an, Mister Petrie. Aber fallen Sie mir bitte bloß nicht hinunter!“
Petrie wartete, bis die Österreicher den Raum verlassen hatten, dann schwang er sich behände auf die Leiter und kletterte nach oben.
„Wollen doch mal sehen“, murmelte er vor sich hin, während er seinen Kompass aus der Tasche zog. „Ziemlich genau West!“ Er zückte sein Notizbuch und vermerkte darin die genaue Richtung, in welche der Pfeil in der Hand der Anchnesneferibre wies. Dabei bemerkte er auch die Markierungen auf dem Gerüst. ‚Sieh mal einer an‘, dachte er bei sich. ‚Auf diese Idee sind die Guys natürlich auch schon gekommen!‘ Danach wandte er sich der Statue selber zu. Sanft, beinahe liebkosend, berührten seine Finger das schwarze Glas, prüften seine Konsistenz, fühlten seine absolut glatte und Struktur.
„Es gibt wirklich keine einzige Spur eines Schleifwerkzeuges“, klang von unten die Stimme des zurück gekehrten Bergmanns auf. „Noch nicht einmal unter einer starken Lupe gibt es Hinweise. Ich weiß, es klingt verrückt, aber die Statue sieht aus, als wäre sie aus einem Stück perfekt gegossen.“
„Ein zuvorkommender Vulkan, der zum rechten Moment Obsidian in eine Form fließen lässt?“ Die Stimme von Amelia Edwards klang amüsiert. „Vielleicht können wir ihn überreden, eine Büste unserer Königin herzustellen, die ebenso exakt ist.“
„Wenn wir ihn gefunden haben, werden wir Ihnen gerne Bescheid geben, Miss Edwards“, versprach der Österreicher grinsend. „Aber bis dahin darf ich ihnen unseren neuesten Fund zeigen.“ Er öffnete eine kleine Schatulle, welche er bei seiner Rückkehr in der Hand gehalten hatte. Auf einer schwarzen Polsterung lag eine Halskette mit einem Anhänger in Form einer weiblichen Figur, welche den Betrachter zu segnen schien, mit weit ausgebreiteten Flügeln, an denen die Kette befestigt war. Amelia beugte sich darüber und betrachtete die Figur eingehend.
„Eine herrliche Arbeit“, bewunderte sie das schöne Stück. „Aber obwohl es eigentlich alle Attribute der Isis zeigt, wirkt das Schmuckstück doch in keiner Weise ägyptisch.“
„Ebenso wenig wie diese Statue, Miss Edwards. Aber wir bleiben am Ball. Oh, es ist bereits Mittag. Darf ich Ihnen und Mister Petrie einen Imbiss anbieten? Nichts besonderes, fürchte ich, aber etwas mehr als Hirsebrot und Datteln allemal!“
In den südlichen Breiten war es üblich, zu Mittag nur eine leichte Kleinigkeit zu essen. So bestand das Mahl aus gutem Weißbrot, einem Salat aus Paradeisern, Gurken, Paprika und Zwiebeln, dazu wurde Rohschinken, Salami und Käse gereicht. Nichts aufwändiges oder den Magen belastendes. Nach diesem Imbiss begaben sich die Österreicher zuerst einmal zur Ruhe, während Amelia Edwards und Flinders Petrie mit ihrem Fenek wieder nach Ma’Jayid zurück fuhren.
„Was denken Sie, Mister Petrie? Haben die Österreicher die Krone schon gefunden?“
Petrie überlegte lange. „Der Pfeil der Statue weist nach Assiut zurück. Das ergeben die Markierungen auf dem Gerüst, welche mit meinen Messungen übereinstimmen. Ich werde noch alles mit einer ganz genauen Karte nachrechnen müssen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Farafra genau westlich von Lykopolis liegt.“
„Dann müsste doch Mister Griffith etwas finden können. Oder denken Sie, dass er schon…? Nein, der Mann ist ehrlich.“
„Das glaube ich auch, Miss Amelia. Aber wenn trotz gegenteiliger Angaben auf der Stele die Krone in Assiut liegt, dann wird man sie sehr gut verborgen haben!“
„Vielleicht so wie der verschwundene Brief bei Mister Poe? Und eventuell hat man damals auch auf der Stele des Assurbanipal absichtlich falsche Angaben gemacht, Mister Petrie.“
„Und warum dann der Hinweis der Statue zurück zum Anfang der Suche, nach Assiut?“
„Vielleicht um den Sucher zu verwirren, Mister Petrie. Nur wer offen für alles ist, findet den Schatz. Sehen wir jetzt zuerst auf den Karten nach, ob ihre Annahme mit Assiut auch wirklich stimmt!“
=◇=
Noch während die Briten mit ihren Gastgebern bei ihrem Mahl saßen, bezog der Zugsführer Robert Ngawa Müller mit dem zweiten Zug der Soldaten aus Neuhochadlerstein versteckt Posten um das Lager. In der Zwischenzeit wurden auch die schweren Waffen aus ihren Kisten geholt und – natürlich ebenfalls getarnt – am Tempel in Stellung gebracht. Die Gnus waren ausgebildete Wüstenkämpfer, Elitesoldaten, welche in einer Umgebung wie eben dieser ausgebildet worden waren. Sie verstanden ihr Handwerk, und als Amelia Edwards und Flinders Petrie mit ihrem Fenek aufbrachen, bemerkten sie nicht das geringste von der verstärkten Bewachung.
Kaum war das kleine britische Kettenfahrzeug nicht mehr in Sicht, begaben sich Bergmann, das Ehepaar Musil und Jochen Meyster wieder in den Tempel, in den Raum III.
„Also los“, befahl der Leiter der Ausgrabungen, und Elfriede maß mit einer Schnur die Entfernung von der Südwand ab. Dort begann sie langsam mit der bloßen Hand den Sand beiseite zu schieben, bis eine Rolle aus Metall zum Vorschein kam, welche mit einer Art Wachs versiegelt war. Rot gefärbtem Wachs.
„Vorsichtig“, flüsterte Bergmann und ballte aufgeregt die Fäuste. „Ja, schön langsam. Geduld, Geduld“, beschwor er sich selber. Endlich war die ganze Röhre freigelegt. „Ich hoffe, der Inhalt ist mehr als das Goldkettchen wert, das wir den neugierigen Briten unter die Nase gehalten haben!“
„Das werden wir bald wissen, Herr Professor.“ Elfriede hatte den Behälter ganz vorsichtig vom Sand befreit, ohne das Siegel zu zerbrechen. „Einerseits hat der trockene Sand der Wüste das Wachs hervorragend konserviert, aber natürlich auch brüchig gemacht.“
„Dann sorgen Sie dafür, dass es wieder geschmeidig wird, Frau Kollegin“, befahl Bergmann. „Wir haben alles hier. Raum 3 gehört ganz ihnen, unsere Arbeiter werden sich auf Halle 4 konzentrieren.“
„Zwei Soldaten werden stets hier im Raum Wache halten, Herr Professor“, erklärte der Oberstleutnant. „Aber sie müssen innen stehen, damit sie nicht auffallen!“
„Gut, Herr Oberleutnant“, nickte Bergmann. „Fangen Sie an, Frau Kollegin.“
Es dauerte nicht lange, das ganze Siegel vorsichtig zu entfernen, und in der Röhre fanden sich einige Papyri, welche die Wissenschaftler sofort zu entziffern suchten.
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Der Bote aus den unteren Gauen von Masr hatte sich vor dem großen Pharao Chum-ib-Re auf den Bauch geworfen, eine alte Tradition. Uralt, der Ursprung ist im Dunkel der Geschichte verloren gegangen. Fast so uralt wie ich selber. Ich bin jetzt, im 43. Regierungsjahres des ehemaligen Generals Ahmose und jetzigen Pharaos, ganze 81 Jahre alt, und dank eines Fluchs der Götter mit einem Körper versehen, der immer noch wie der einer jungen Frau von vielleicht Anfang bis Mitte 20 aussieht. Und leider auch noch genau so wie damals funktioniert. Früher habe ich mich dieses Körpers sehr erfreut. Als Ahmose gegen meinen Bruder Apies und dessen grausame griechischen Söldner rebellierte, stand ich auf der Seite meines Volkes, und meine Hingabe an Ahmose legitimierte seine Herrschaft. Heute ist er ein alter Mann und ich immer noch eine junge Frau. Eine junge Frau mit Bedürfnissen. Nun ja, mit einer gehörigen Portion Diskretion und einer peniblen Auswahl der Männer ist das noch machbar, aber es gibt ein zweites, viel größeres Problem, und das hat mit dem Mann zu tun, der eben vor Chum-ib-Re auf dem Bauch lag. Über die Halbinsel Biau versuchten Barbaren, die sich selbst Parsuaš nennen, das Land am Hapi zu erobern. Und meine Aufgabe war es, genau das zu verhindern.
Mein Name ist Anchnesneferibre, und ich bin die Tochter des Pharao Psammetich II, Gottgemahlin des Amun und eine der Ehefrauen des Pharao. Nicht seine Hauptfrau, dieser Titel stand Takheta zu. Der Mutter seines Erben. Sollte sie sich ruhig im Glanz dieses Titels sonnen, denn der politische Einfluss und die Macht der Gottgemahlin des Amun sind weit größer, als sie eine Hauptfrau je erreichen könnte. In meiner Position bin ich sogar mächtiger als der Pharao, denn ich kann selbst seine Beschlüsse mit meinem Befehl aufheben.
Ich war eben neun Jahre alt geworden, als mich meine Eltern nach Theben sandten, wo ich von der damaligen Gottgemahlin Nikrotis adoptiert wurde, um später ihre Nachfolge antreten zu können. Sie zeigte mir die Insignien ihrer Macht, als ich zehn geworden war. Die Krone der weitsehenden Sachmet, den Bogen der schrecklichen Neith und den Wagen der weltumspannenden Nut. Als ich die Gegenstände berührte, wussten Nikrotis ebenso wie ich, dass sie die Richtige ausgewählt hatte. Ich erfuhr in dieser Sekunde alles über den Streitwagen ohne Räder, der mich eines Tages hoch über das Hapital heben würde, die Krone, die mir den verborgendsten Feind enthüllen würde und den Bogen, welcher keine Sehne benötigte, um die Geisterpfeile zu verschießen. Und wir wussten, dass Amun lange Zeit eine junge Gemahlin haben würde. Nikrotis konnte die heiligen Artefakte einigermaßen handhaben, doch ihre volle Macht würden sie erst in meinen Händen entfalten. Sie wusste es, und ich wusste es. Aber noch war es nicht soweit, ich hatte noch so viel zu lernen.
Vier Jahre später hörten wir, dass auf der griechischen Insel Lesbos eine Dichterin aus ihrem Exil aus Sizilien zurück gekehrt war und nun eine Schar Frauen um sich scharte. Ich war damals zwar erst vierzehn Jahre alt, aber ich wusste schon einiges. In der Theorie zumindest. Irgendwie faszinierten mich die Gedichte der Sappho trotzdem.

Wieder drei Jahre später, ich war etwa 20 Jahre alt, versuchte der Babylonier Nebukadnezar Jerusalem zu erobern, und ich, die ich nun bereits die Macht geerbt hatte, beschloss mit der Gottgemahlin Nikrotis und dem Pharao Apries, meinem Bruder, den Israeliten zu Hilfe zu eilen.
Mein erstes Mal, dass ich als Gottgemahlin des Amuns Nikrotis vertreten und die heiligen Gegenstände im Kampf führen sollte. Also setzte ich die Krone auf mein Haupt, nahm den Bogen und bestieg den Wagen. Sofort stieg dieser mit mir in die Luft und ich steuerte ihn über die Spitze der Armee, welche sich mit mir an der Spitze auf den Weg machte, um Jerusalem zu Hilfe zu kommen.
Die Armee meines Bruders erreichte jenes Land, welches die Juden das ‚Heilige‘ oder auch ‚Israel‘ nannten, ohne Probleme. Das Heer der Babylonier zog sich bei unserer Ankunft auch sofort zurück, denn das Heer des Apries war ein mächtiges, der Staub, den der Schritt seiner Sandalen bei seinem Marsch aufwirbelte war weithin zu sehen und verdunkelte den Babyloniern die Sonne. Der Belagerungsring der Männer aus dem Zweistromland war nun zwar geöffnet, aber die Soldaten des Nebukadnezar waren immer noch eine Bedrohung für die Israeliten. So stieg ich denn mit dem Streitwagen der Nut hoch über die Steppe Israels und spannte den Bogen der Sachmet, die Feinde des Pharaos und seiner Freunde, der Hebräer, zu züchtigen. Doch obgleich die flammenden Pfeile den Bogen wie immer verließen, verblassten sie weit vor den Reihen des Feindes…
⊙
„Leider ist nicht mehr da, Herr Professor“, berichtete Elfriede Musil. „Aber es scheint, als taten die Babylonier ein adäquates Mittel zur Verteidigung gegen diese Pfeil‘ dabei gehabt haben.“
„Stimmt“, gab ihr Ernst von Bergmann recht und massierte sein Kinn. „Immerhin hat ja der Nebukadnezar Jerusalem erobert und die Israeliten mit nach Babylon g’nommen. Also, nicht alle, eh klar. Nur die, die auch was können hab’n!“
Alois Musil legte die rechte Hand in den Nacken und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß ab. „Dann hoff’n wir, dass wir noch mehr von den Rollen finden. Wenn man sich vorstellt, das Anchnesneferibre selber…“
„Und hoffen wir, dass die Rollen wirklich echt sind, Loisl“, mahnte Elfriede.
„Ja, das natürlich auch“, seufzte ihr Ehemann.
*
Rom
Die ewige Stadt, einst der prächtige Nabel der Welt, auf sieben Hügeln am Tiber erbaut – vor allem letzteres stimmte allerdings nur noch bedingt, denn längst war die Stadt Rom sowohl über die sieben Hügel als auch über den Fluss weit hinaus gewachsen. Die Gebiete auf jenen klassischen Hügeln waren allerdings noch leicht zu erkennen und vom Rest der Stadt zu unterscheiden. Die von Kaiser Nero eingeführte Regel, dass zwei Fuhrwerke auf einer Straße aneinander vorbei fahren können mussten, war in späteren Zeiten bei den meisten Wiederaufbauten nur noch bei ganz wenigen Hauptverkehrsadern eingehalten worden. Ein verwinkeltes Netz aus engen Gassen und Gässchen, deren Grund manchmal noch nie ein Sonnenstrahl getroffen hatte, durchzog seit dem Mittelalter wieder die uralte Stadt der Cäsaren, wie es bereits im republikanischen Rom üblich gewesen war. Mehrere Male niedergebrannt, geschliffen, und doch immer wieder neu aufgebaut, war das antike Rom lange Zeit beinahe vergessen gewesen und hatte sein Dasein nur noch in Fabeln und Legenden gefristet. Die Diener des EINEN GOTTES, seines Sohnes und eines heiligen Geistes, die irgendwie drei und doch eins waren, machten Rom dann wieder zu einem Machtzentrum. Zu ihrem. Sie verlegten jedoch den Sitz ihrer Macht in den im antiken Rom eher verachteten Transtiber-Bezirk, auf den vatikanischen Hügel. Nach ihm war auch der kärgliche Rest des Patrimonium Petri, des Kirchenstaates benannt. Der Vatikanstaat.
Beinahe zwischen all diesen eng beieinander stehenden Häusern der Altstadt Roms aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit waren Wäscheleinen auf Rollen über die Straße gespannt, und so gut wie immer hing die Wäsche der Bewohner zum Trocknen über den schmalen Gassen, ebenso Schatten wie durch die Verdunstung Kühle spendend. Hochhakige Schuhe trugen die Damen in diesen alten Vierteln lieber in ihren Taschen mit sich, falls sie solche überhaupt ihr eigen nannten, um sie erst beim Betreten der Häuser anzulegen. Denn auf den Katzenköpfen der Pflasterung konnte auch die geschickteste Frau mit diesem Schuhwerk nicht mehr sicher gehen. Eine Ausnahme bei dieser Situation bildeten nur einige weitläufige Bereiche des palatinischen, des kapitolinischen und esquilinischen Hügels und wenige Teile des Viminal. Hier standen seit der Antike zwischen den Insulae, in welchen die Armen teilweise winzige Löcher bewohnten, auch die großzügigen Villen der Reichen und der Patrizier. Hier, in diesen Gegenden, gab es manches Mal durchaus auch breitere Straßen und private Parks. Außerdem stolperte man in Rom natürlich an jeder zweiten, dritten Ecke über eine Kirche oder doch zumindest eine Kapelle, ein Erbe als Hauptstadt der katholischen Gläubigen. Man konnte hier in der Altstadt beinahe glauben, die Zeit wäre seit dem späten Mittelalter stillgestanden.
Außerhalb der Grenzen der Altstadt änderte sich das Bild Roms allerdings rapide, seit König Viktor Emanuel II die Hauptstadt Italiens 1871 wieder nach Rom verlegt hatte. Ähnlich wie in Wien umgab bald eine breite Straße anstelle der Stadtmauern dieses scheinbar eingefrorene, mittelalterliche Rom, welches immer schon ausgedehnter und bevölkerungsreicher als das alte Wien im vergleichbaren Zeitraum war. Entsprechend war auch diese Straße weiter vom Zentrum der Stadt entfernt und folgte zumeist dem Verlauf der aurelianischen Stadtmauer, im Osten jedoch dem Lauf des Tibers. Und die Planer des Königs hatten bei der Anlage dieser Straße groß gedacht. Sogar sehr groß! Vier Fahrspuren in beide Richtungen, getrennt durch einen breiten, mit Bäumen und Gras bewachsenen Streifen, welcher durch schlanke Brücken für Fußgänger zu erreichen war. Straßen mit drei Fahrspuren nach Norden, Westen und Süden führten in die Außenbezirke, wo außerhalb dieser Strada Cirulare das moderne Rom lag, eine geschäftige und quirlige Großstadt des Dampfzeitalters und der belle Epoque. Eine Stadt des Dolce Vita und der Feiern. Breite, zumeist in beiden Richtungen zweispurige Straßen durchzogen eine Stadt, deren Häuser manchmal sagenhafte neun, zehn Etagen oder mehr in die Höhe strebten, die Dampfkraft betrieb öffentliche Verkehrsmittel und sorgte für die Elektrizität, mit welcher die Häuser beleuchtet wurden. Auch die Gebäude der Altstadt. In dieser waren aber nur Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs und kleine, dreirädrige Lieferfahrzeuge zugelassen, größere konnten die Brücken, welche über die ‚Circonvallazione‘ führten, gar nicht passieren. Verglichen mit Rom war Wien eine beschauliche und ruhige Kleinstadt geblieben. Auch, was die Anzahl der Fahrzeuge anging. Es schien, als wolle jeder Römer zumindest eine kleine Dampfgig sein eigen nennen und damit die Straßen blockieren. In den Westen führte die breite Brücke Vittorio Emanuele zuerst über den Tiber und dann in ein gemütliches Villen- und Palastviertel, wo die Adeligen und Reichen praktisch unter sich waren.
Es hatte in Rom wie überall auf der Welt immer schon Bordelle und Prostituierte gegeben, nie aber mehr als zu jenen Zeiten, da die Päpste die unumstrittenen Herrscher waren. Vor allem die Zeit des 10. Jahrhunderts war in die Geschichte Roms als das Zeitalter der ‚Pornokratie‘ eingegangen, Mätressen herrschten über die mächtigsten Männer der Christenheit, die Päpste. Über Papst Sixtus IV schrieb nach seinem Tod am 12. August 1484 der Senatsschreiber Stefano Infessura in sein Tagebuch, dass er nur die Wollust, Prunksucht, Gier und Eitelkeit gelebt, Wucher betrieben und Ämter verkauft hätte, und er seine liebsten Lustknaben zu Kardinälen erhoben hatte. Für letzteres gab es keine Belege, für die Einrichtung einiger Bordelle in Rom, deren Erlös direkt in die Kassen des Papstes und des Vatikans floss, schon. Man konnte davon ausgehen, dass sowohl im 10. als auch später im 15. und 16. Jahrhundert mehr als jede zweite Frau in Rom ihren Körper so teuer wie nur möglich verkaufte. Und durchaus gute Preise erzielen konnte, denn die meisten Kirchenmänner verfügten über gute Einkommen oder bereits geerbtes Vermögen, zumeist über beides. So konnte man denn mit Fug und Recht sagen, dass der wirtschaftliche Aufschwung und der Reichtum des weltlichen Roms im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit nicht unbedingt durch fleißiger Hände Arbeit entstanden war.
Jetzt, am Ende des 19. Jahrhunderts, nach der Säkulierung, waren es insgesamt wieder weniger Prostituierte geworden, aber eine Organisation hatte auch in Rom einen großen Anteil an diesem Geschäft erworben. Besonders im hochpreisigen Luxussegment boomte das Geschäft mit den exotischeren Spielarten der Erotik immer noch ausreichend, es handelte sich dabei um jene Spielarten, welche die Betroffenen im Allgemeinen nur ungern an die große Glocke hingen. In den meisten größeren Städten Europas hatte der Orden der Kinder des Herrn unter den Namen ‚Der Goldene Frühling‘ erfahrene Damen vom horizontalen Gewerbe als Geschäftsführerinnen angeworben, denn es gab drei Ressourcen, die am schnellsten und einfachsten mit der Befriedigung sexueller Gelüste zu lukrieren waren: zum ersten natürlich Geld, denn jede vorbereitete und zielgerichtete Revolte verschlingt Unmengen an monetären Mitteln. Zum zweiten absolut treue, wenn möglich blind gehorchende, fanatische und hörige Anhänger. Gläubige, von denen man im Notfall auch einige hundert oder tausend als Märtyrer opfern konnte. Und zum dritten selbstverständlich Informationen. Die postkoitalen Plaudereien, die Prahlereien der Männer, wenn sie nachher entspannt im Bett lagen. Oder anderswo.
Die Organisation, und vor allem die Um qadasa Bidhara, machten sich keine großen Illusionen über ihre Gefolgsfrauen und deren Beweggründe. Aber sie war bereit, diese Personen als niederen Adel in der neuen Weltordnung willkommen zu heißen, wenn sie gute Arbeit im Namen des Ordens leisteten und ihren Beitrag zum Umsturz leisteten. Diese Soldatinnen für die gute Sache mussten im Diesseits belohnt werden, damit die Seelen der Ordensschwestern und -Brüder frei von Sünden bleiben und ins jenseitige Paradies gelangen konnten. Denn was auch immer an Sündhaftem für die Errichtung des goldenen Zeitalters getan werden musste, sie taten es – und damit war nicht die Sexualität gemeint, welche selbst die Qadasa Bidhara nicht für Sünde hielt.
In Rom lag die Sache ein klein wenig anders. Die Leiterin des Zirkels musste nicht mit materiellen Vorteilen geködert werden, denn sie hasste den Katholizismus und hier vor allem die mit höheren Weihen ausgestatteten Priester aus tiefstem Herzen und arbeitete daher aus voller Überzeugung und mit nicht geringem Hass im Herzen am Sturz des klerikalen Machtapparates. Schon sehr früh in ihrem Leben hatte sie für sich feststellen müssen, dass man einem Priester ebenso wenig wie einem Bischof vertrauen konnte. Als sie bei dem für ihren Bezirk zuständigen Bischof ihre Vergewaltigung durch Pater Giominali, der sie in der Schule unterrichtete, melden wollte, hatte der Oberhirte nur Spott und Hohn für sie übrig gehabt. Er zwang ihr im Gegenteil ebenfalls eine für sie abgrundtief demütigende sexuelle Handlung auf, ehe sie sein Büro endlich wieder verlassen durfte. Seither hielt sie verständlicherweise alle Pfaffen für Vergewaltiger und perverse Schweine. Chiara machte die Mission des Frühlings vollständig zu der ihren, denn sie konnte an das ‚mein ist die Rache, spricht der HERR‘ nicht mehr glauben. ‚Meine Rache ist meine eigene Sache, und die Pfaffen sollen für meine Demütigung noch im Hier und Jetzt bezahlen‘ war das Credo Chiara Amussettis geworden, und wenn sie sich dafür prostituieren musste, dann war es ihr auch das wert. Hauptsache, die heuchlerische katholische Kirche bezahlte endlich den Preis für die von ihr gezwungenermaßen erduldeten Missetaten der geweihten Priester. Und dem damaligen Bischof und jetzigem Kardial Pietro Mussirimi würde sie eines Tages eine Salami tief in den Rachen stopfen, immer wieder und wieder, bis er endlich daran erstickte. Wobei sie sich bei der Sorte der Wurst noch nicht endgültig festlegen wollte.
Auf dem Quirinal stand in der Nähe der Chiesa die Sant‘ Inganzio di Loyola und des berühmten Pantheon der Palazzo Grazioli an der Via del 14. Marcho der Palazzo Contadino. Im Stil des Empire Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wies das Gebäude klare und schlichte Formen auf, jedoch lenkte die prunkvolle Zier mit vergoldeten Kokarden, Siegeskränzen und Büsten den Blick von der eigentlichen klaren Linienführung und Schönheit des Gebäudes ab. Hier hatte sich Chiara Amussetti mit der Unterstützung des Goldenen Frühlings eingemietet und hielt ihre spiritistischen Zirkel ab, doch für das ‚leibliche Wohl‘ ihrer Gäste außerhalb ihrer Sitzungen hatte sie nicht nur einen exzellenten Koch, sondern auch eine eigene Padrona del Casa Puttana engagiert und überließ dieser alle Aktivitäten in dieser Richtung. Diese erfahrene Lupa sorgte dann an den Abenden dafür, dass alle Gäste auf ihre Rechnung kamen und sich dem Bund mehr und mehr verbunden fühlten.
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Ebenfalls auf dem quirinalischen Hügel stand der nach ihm benannte Palazzo, welchen die Päpste seit Gregor XIII seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert bis 1871 als Sommerpalast nützten. Danach zog Vittorio Emanuele in den prächtig ausgeschmückten Palazzo del Quirinale und ernannte ihn zum Königsschloss des neuen italienischen Reiches. Auch sein Sohn Umberto Rainiero Carlo Emanuele Giovanni Maria Ferdinando Eugenio di Savoia und seine Frau Margarethe bewohnten nach seiner Thronbesteigung dieses Gebäude.
„Ich kann diese Deckenfresken bald nicht mehr sehen“, beschwerte sich der Re d’Italia wieder einmal bei seinem Premierminister während einer Sitzung. „Ich bin zwar Katholik, aber diese Omnipräsenz der Heiligen während ihres Martyriums sind einfach zu viel für mich.“
„Vielleicht wollten die Päpste stets an ihre eigene Unvollkommenheit im Vergleich zu diesen mutigen Männern und Frauen erinnert werden“, vermutete Francesco Crispi.
„Ach? Ist nicht der Papst seit einigen Jahren unfehlbar?“, spöttelte der König. „Die Bischöfe haben es doch beschlossen, also muss er es sein. Rückwirkend wohlgemerkt!“
„Warum sollten sich die Päpste sonst mit diesen Grausamkeiten zu umgeben wünschen, Majestät?“
„Vielleicht, weil sie einfach einen Hang zur…“ Ein Pochen an der Tür enthob Umberto einer sofortigen Antwort.
„Majestät, Collonello Luigi Granetti von der Guardia Segreti bittet darum, Euch sprechen zu dürfen“, meldete ein Diener.
„Dann soll er hereinkommen“, befahl der König.
Der Colonello war ein unauffälliger Mann, den man auf der Straße keines zweiten Blickes würdigen würde, ginge man an ihm vorbei. Er verschmolz beinahe perfekt mit seinem Hintergrund und wurde beinahe unsichtbar.
„Also, Colonello, was haben sie herausgefunden?“ überfiel ihn Umberto, kaum dass Luigi den Arbeitsraum betreten hatte.
„Die Briten haben uns die Liste der Überlebenden von Balyul zukommen lassen, Majestät. Und ihr Botschafter bespricht bereits mit dem Außenminister die Bedingungen für eine baldige Repatriierung. Aufgrund der hohen erlittenen Verluste auf unserer Seite stellt er keine unerfüllbaren Forderungen. Das Lazarettschiff der kakanischen Flotte im Roten Meer ist bereits nach Mogadischu unterwegs, um die Schwerverwundeten dort den Händen unserer Krankenhäuser zu übergeben. Admiral Hershy der britischen Flotte aus Aden hat außerdem einem unserer Beobachter, den wir ganz offiziell mit einem Avisoluftschiff entsandt haben, einen Besuch im Internierungslager erlaubt. Der ranghöchste Überlebende ist Colonello Conte Jacopo di Maranio, und er hat vor der Internierung einen Spähtrupp ausgesandt. Mit dem Befehl, diese Trommel zu bergen!“
„Und woher kommt das Ding?“, fragte Premierminister Crispi.
„Das – ist uns immer noch ein Rätsel, Exzellenz. Es ist ein Wunder. Die Guardia Segreti ist nicht geschult, Wunder zu erkennen! Aber es gibt in Rom eine Enklave von Personen, die berufsmäßig mit Wundern zu tun haben!“
„Den Vatikan“, seufzte Crispi. „Ich fürchte, der Papst wird dem König nicht sehr bereitwillig helfen wollen. Unser Verhältnis ist – sagen wir – angespannt.“
„Wir benötigen einen Sieg, Crispi! Bald!“ Die Faust des König donnerte auf den Schreibtisch, als Colonello Luigi Granetti sein Arbeitszimmer verlassen hatte. „Jetzt mehr denn je!“
„Majestät, das wird nicht so leicht…“ Crispi stockte, dann verzog ein sardonisches Lächeln seine Züge. „Doch, es geht. Wir gehen über Tripolitanien nach Abessinien!“
„Ein Sieg über die Berberkorsaren? Da wäre uns auch noch der Beifall des restlichen Europas sicher. Aber Libyen ist, von der Küste abgesehen, eine wertlose Wüste! Abessinien brächte zumindest Kaffee – und noch irgend etwas anderes, denn der Negus leistet sich ja eine massive Verteidigungslinie.“
„Wir bringen diese Wüste zur Blüte, Majestät. Wir pumpen Grundwasser aus dem Boden und bewässern einmal ein kleines Stück Land, damit das Gras den Boden zusammenhält, dann ein größeres Gebiet. Dort, wo Gras wächst, wird dann Korn gedeihen. Im Schichtstufenland von Dschabal Nasufa könnten Gold- Eisen- oder sonstige Metallvorkommen sein, im Vulkangebiet Diamanten.“
„Wenn es machbar wäre, hätte Britannien oder Frankreich schon lange diesen Plan durchgeführt!“
„Es wäre in der Tat lange Zeit ein Minusposten im Budget“, strich Crispi über seinen Bart. „Aber eine gute Tarnung für unsere Truppen, Richtung Abessinien zu ziehen und von hinten anzugreifen!“
„Bis wir zum Nil kommen“, wehrte der König unwirsch ab. „Dann sieht man unsere Truppen!“
„Wirklich, Majestät?“ Crispi lehnte sich vor und flüsterte dem König etwas ins Ohr. Umberto begann leise zu lachen, bis er ungeniert loslachte,
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Das großräumige Bureau war nicht übermäßig prunkvoll eingerichtet, ein großer Schreibtisch, ein gut gepolsterter Sessel für den derzeitigen Besitzer des Raumes und einige etwas weniger gute für dessen Gäste. Der hagere, beinahe haarlose Kurienkardinal und Camerlengo des Papstes, Luigi Oreglia di Santo Stefano, war sechzig Jahre alt, als er seinem Herrn Vincenzo Giacchino Pecci, der seit 1878 als Leo XIII auf dem Stuhl Petris saß, eine Tasse Tee von der Anrichte reichte. Zuvor gab er genau bemessene 30 Tropfen eines Weißdornextraktes hinzu. Leo verzog das Gesicht.
„Du weißt schon, dass du mich nicht beerben wirst, Luigi?“, fragte der Papst. „Es ist noch nie ein Kammerherr der neue Papst geworden. Er organisiert das Konklave, ist aber kein Teil davon!“
„Wäre es anders, und hätte ich nicht durch Euren Tod die größten Scherereien, vom Papierkram ganz zu schweigen, könnte ich schon in Versuchung sein, Euer Herzmittel einmal zu vergessen, Heiligkeit“, grinste der Camerlengo das Oberhaupt der Katholiken unverschämt an, während er die Tasse vor ihn stellte. „Nur um mir Eure endlosen Beschwerden nicht länger anhören zu müssen.
Leo trank ein Schlückchen. „Würdest du dich dann nicht langweilen?“
„Langweilen?“, rief Luigi empört. „Sagten Heiligkeit wirklich langweilen? Ein Paradies wäre es, endlich nicht mehr die Beschwerden Euer Heiligkeit zu hören und dafür im stillen Gebet meine Zeit zu verbringen!“
„Ist das so?“, schmunzelte Leo gutmütig.
„Wenn Heiligkeit jetzt den Mund halten und gütigst seine Medizin nehmen wollen?“, forderte Luigi. „Vielen Dank, Heiligkeit!“
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Im Süden des Vatikans verlief die Via Aurelia über den Hügel Gelsomino in einer Serpentine bis zur Mauer des Vatikans. Ziemlich weit oben auf diesem Hügel in Transtiber-Bezirk nahe der geschichtsträchtigen Villa Piccolomini stand an jener Stelle, wo später die Chiesa santa maria mediatrice zu finden war, im Jahre 1889 noch ein wenig auffälliger, mit wenigen Art-Deco-Elementen versehener Bau. Eine nicht allzu große moderne Villa, aber mit der neuesten Technik ausgestattet, auf alten Fundamenten gebaut. Den Grund und Boden hatte Chiara Amussetti vom 1861 gegründeten Italienischen Staat mitsamt der Ruine eines achteckigen Pavillons relativ günstig käuflich erworben und die vorhandenen Mauern als ansprechendes Zierat in ihren Neubau zu integrieren gewusst. Der Sage nach sollte sich in eben jenem Liebesnest Alexander VI, der berüchtigte Borgia-Papst, mit la bella Giulia Farnese, seiner bevorzugten Mätresse, getroffen haben. An diesem Gerücht mochte durchaus ein wahrer Kern stecken, denn bei dem Wiederaufbau durch Chiara Amussetti war in den Kellergewölben ein alter, gemauerter Tunnel gefunden worden, welcher in die Richtung des Vatikans verlief.
Die gar nicht wenigen Kleriker, welche diese Villa Vere Aureum besuchten, erfuhren von diesem Fund allerdings nichts und mussten immer noch unauffällig gekleidet über die Via Aurelia herauf gehen, an welcher aber zumindest nur wenige Häuser zu finden waren und so die Gefahr einer Entdeckung gering war. In diesem Haus hielt man sich auch nicht lange mit Seancen auf, hier konnte man gleich zu den intimen Sachen kommen. Das Vere Aureum gab gar nicht vor, etwas anderes als ein Bordell der gehobenen Klasse zu sein. Die offiziell im Zölibat lebenden Kleriker des Vatikan sprangen auf dieses dem Vatikan nahe liegende Angebot rasch an, Chiara hatte einige Männer und Frauen engagiert, welche den Kirchenfürsten selbst für die seltsamsten Praktiken zu Diensten waren. Ganz diskret, versteht sich. Die Senora del Casa selbst trat allerdings nur noch selbst in Aktion, wenn einer der Herren sich zu unterwerfen wünschte. Oder ein wenig Schmerz erleben wollte. Anliegen, welche gar nicht so selten an die Domina Chiara heran getragen wurden, wie man eigentlich vermuten sollte. Allerdings belauschte sie gerne unbemerkt ihre Gäste, nicht so sehr während ihrer sexuellen Ausschweifungen, sondern in der postkoitalen Entspannung, wenn Alkohol und Befriedigung die Zungen lockerten. Gleichzeitig trugen ihr und dem goldenen Frühling absolut treue Diener heimlich, still und leise den Schutt aus dem versteckten Gang und renovierten brüchige und einsturzgefährdete Stellen.
„Dieser Gang geht immer noch fast ganz genau nach Nordwesten, Donna Chiara!“ Ein Vermessungstechniker breitete einen Plan vor ihr aus. „Wenn der Gang wirklich ebenso gerade bleibt, dann sollte er unter dem Torre Borgia durchgehen. Was durchaus Sinn ergäbe, falls das hier wirklich Alexanders Liebesnest mit la Bella Giulia war. Die Machart des Stollens passt jedenfalls so ziemlich zu der Art, wie damals gebaut wurde.“
„So, so, unter den Torre Borgia.“ Chiara trat an das Fenster, von welchem sie einen hervorragenden Ausblick auf den Vatikan hatte. „Dort sind auch die Appartemento Borgia, und wenn ich die Worte einiger meiner Gäste richtig verstanden habe, geht es von dort unterirdisch zu den geheimen Archiven und sonstigen Lagern des Vatikans. Welche Schätze aus beinahe zweitausend Jahren dort wohl lagern mögen? Wie viele Erfindungen, von bigotten, scheinheiligen und kurzsichtigen Klerikern als Ketzerei abgetan und die Erfinder zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt? Und warum? Nur der reinen Macht wegen.“
„Es wird Zeit, die Herrschaft der Kirche über die Gedanken der Menschen zu brechen und ein neues Zeitalter einzuläuten, Donna!“ Der Techniker war neben sie getreten und betrachtete mit ihr den Kirchenstaat. „Ein neuer Messias, eine neue, eine goldene und gerechte Weltordnung!“
„Ich hoffe es, Luigi“, seufzte Chiara. „Ich hoffe es sehr. Aber was ich genau weiß, ist dass diese Pfaffen da drüben versagt haben. Sie haben versprochen, den Menschen ein glücklicheres Leben zu schenken und ihre Versprechen gebrochen. Sie sind nur und ausschließlich an ihrer Macht und der Befriedigung ihrer niedrigsten Gelüste interessiert. Ihre Macht muss gebrochen werden!“
„Das wird sie, Donna! Wenn alles gut geht, sind wir morgen Nacht am Ziel!“
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Der Pater Archivar Giovanni Manatti schob den großen, schweren Schlüssel in das Türschloss und drehte ihn zweimal herum. Ein Ritual, wie er es jeden Abend zu seiner Gewohnheit gemacht hatte.
„Hoc clausum est“, sprach er danach die bereits seit Jahrhunderten unveränderte Formel, und ebenfalls wie jeden Abend rüttelte der ihn begleitende Leutnant der Schweizer Garde in seiner rituellen rot-blau-gelben Uniform an der Klinke und vergewisserte sich, dass die Tür auch wirklich verschlossen war.

„Suus vere clausa“, bestätigte Leutnant Franz Burckhardt mit ebenso alten Worten.
„Nun, Leutnant, wenn das erledigt ist, dann darf ich Sie vielleicht auf ein Glas Wein einladen.“ Der kleine Priester mit der dicken Brille hing sich den Schlüsselbund an den Gürtel seiner Kutte.
„Einen Montepulciano d’Abruzzo vom Weinberg Ihrer Eltern, Pater? Da könnte ich wirklich schwach werden.“
„Einen Jahrgang 1887, Tenente. Ein besonderer Tropfen!“ Eine weitere Tür fiel zu und schnitt die Geräusche des Priesters und des Gardeleutnants ab.
Ein unscheinbares Stück Wand schob sich zur Seite und entpuppte sich als Geheimtür, Chiara Amussetti stieg über die Schwelle und hob ihre Laterne.
„So weit, so richtig“, flüsterte sie, und Luigi Pastrozzo kletterte hinter ihr aus dem Gang. „Hier ist für das erste einmal Ende, aber – sehen wir uns das Schloss doch einmal genauer an!“
„Was erhoffen Sie sich eigentlich zu finden, Donna Chiara?“
„Seit Jahrtausenden kommen immer wieder wundertätige Gegenstände zu den Menschen, Luigi!“ Chiara führte einen stabilen Hacken in das alte, große Schloss ein, während sie sprach. „Die Hebräer, und auch wir vom Goldenen Frühling glauben, entweder von Gott selbst, wie die Steintafeln mit den Gesetzen, welche er Moses gab, oder nach göttlichem Gebot von Menschen gemacht, wie die Bundeslade. Einige haben Jesus und Maria von Magdala auf ihrer Flucht nach Alexandria gebracht, aber es sind auch welche in Jerusalem geblieben. Jetzt wollen wir sehen, ob einige davon hier gelandet – hallo! Das ging ja leicht! Komm schon, Luigi, nur ein Blick!“
Dem erstaunten Blicken von Chiara und Luigi enthüllten sich endlos scheinende Reihen von Regalen, zum Teil mit Büchern, zum Teil mit Schriftrollen gefüllt. Weiter hinten schienen Gegenstände zu lagern, und ein warmer Schein, welcher weder von einer Flamme noch von elektrischem Licht zu stammen schien, erleuchtete den riesigen Saal.
„Wo kommt bloß das Licht her“, flüsterte Luigi nervös, und Chiara zuckte mit den Schultern.
„Lass uns nachsehen. Komm mit!“
„Aber…“
„Komm schon!“ Die Frau zog den Widerstrebenden am Ärmel mit sich und eilte dem Ursprung des Lichtes zu. Abrupt blieb sie stehen, als sie ihn endlich erreichte.
„En touto nika“, flüsterte sie überrascht! „In hac victoria! Durch dieses siege! Luigi, das ist der echte Gegenstand, dem Konstantin seinen Sieg über Maxentius verdankt. Kein seltsames auf Schilde gepinselte Chi-Rho-Monogramm, das die Kirche später daraus gemacht hat.“
„Ein Rad mit sechs Speichen, das aus sich leuchtet?“
„Das ist ein echtes Wunder, Luigi! Das muss ein Rad des Merkaba sein. Des Himmelswagens, den der Prophet Ezechiel beschreibt!“
„Wir sollten wieder gehen und uns überlegen…“
„Du hast recht. Gehen wir, Luigi. Die Um qadasa Bidhara muss davon erfahren und unser weiteres Vorgehen bestimmen. Das Rad des Merkaba! Es ist unglaublich, wirklich unglaublich!“
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Antarktika
Ziemlich genau 2.500 Kilometer südlich der beiden Māui-Inseln begann das wohl unwirtlichste Land in Verband der Donaumonarchien, das Kaiser-Leopold-Land auf dem antarktischen Kontinent. Dort nahm auch eine Gebirgskette mit einigen Vulkanen, so auch dem 1792 ausgebrochenem Maria-Anna-Vulkan, ihren Anfang. Es war alles in allem ein Gebiet, gegen welches selbst Sibirien und Alaska als gemütlich und wohlig warm bezeichnet werden konnten.
Entdeckt wurde dieser Teil des Südkontinents von der Kolowrat-Liebsteinsky-Expedition unter Kapitän Mirko Slovic am 5. Dezember 1839. Hochsommer in der Antarktis. Mirko war von Māui im Auftrage des Geheimen Staatsrates Fürst Franz Anton von Kolowrat-Liebsteinsky aufgebrochen, um die Meere südlich der beiden Inseln zu erforschen. Auch der als liberal geltende Gegenspieler des Fürsten Metternich wollte keinen unbekannten feindlichen Stützpunkt in unmittelbarer Nähe des Gebietes des deutschen Bundes, also griff er in seine Tasche und rüstete drei Dampffregatten mit Notfallbesegelung und gepanzertem Rumpf für diese Reise aus. Immerhin war das Vaporid noch nicht erfunden, und wenn die Expedition überwintern musste, war die Kohle im Ofen wichtiger als im Dampfkessel. Zudem erhielten die Schiffe noch eine zusätzliche Panzerung an der Wasserlinie und einen verstärkten Bug.
Die Expedition fand südlich von Motu Maha, Motu Ihupuku und Motu Mahu lange Zeit nur eiskaltes Wasser und einige kahle Felsen vor. Am 5. Dezember sichtete der Ausguck dann eine lange, zusammenhängende, eisbedeckte Küste, welcher er, nachdem er am nördlichsten Kap eine Flagge mit dem Doppeladler gehisst, das Gebiet großflächig nach seinem Herrscher Kaiser-Leopold-Land benannt und für Österreich in Anspruch genommen hatte, nach Südost folgte. Den Punkt der ersten Landung nannte er natürlich nach dem Mäzen der Fahrt Kap Kolowrat-Liebsteinsky. Einige Tage mit langsamer Fahrt die Küste entlang fiel ihm ein besonderer Bergkegel auf. Mirko Slovic war zwar in erster Linie als Seemann ausgebildet, hatte aber auch als Kartograph seine Erfahrungen gesammelt. Außerdem hatte er selbstverständlich auch noch Geo-, Zoo-, Phyto- und noch andere -logen und auch -iker an Bord, aber selbst dem jüngsten Matrosen fiel der einzige schneefreie Berg weit und breit sofort ins Auge. Ein Schichtvulkan, wie Professor Horst Dvorak aus Budvar sofort erkannte, und da er der leitende Geologe der Expedition war und zudem über einiges an einschlägiger Erfahrung verfügte, blieb diese Einstufung unwidersprochen. Slovic, Dvorak und ein weiterer -loge, nämlich der Vulkanologe Rainer Weißhaupt setzten mit einigen Matrosen über und hissten auch hier einen schwarz-goldenen Doppeladler, um das Gebiet für Habsburg und den deutschen Bund in Besitz zu nehmen. Weißhaupt interessierte sich vor allem für das Datum des letzten Ausbruchs, welcher seiner Meinung nach noch nicht lange her sein konnte.
Nachdem die Gebiete in der Antarktis in Besitz genommen worden waren, gerieten sie wieder in Vergessenheit, denn es gab dort einfach keine großartigen Naturschätze, deren Ausbeutung sich bei den dort herrschenden Verhältnissen gelohnt hätte. Wenn gerade einmal im Dezember und Januar die Temperaturen über den Gefrierpunkt steigen konnten und es nur dem Salzgehalt des Wassers zu verdanken war, dass Schiffe auch von November bis Februar mit Glück eine freie Fahrrinne fanden, wenn im Juli 25 Minusgrade und mehr keine Seltenheit waren und Stürme über das Eis fegten und die Schneewehen meterhoch auftürmten, dann kostete ein ganzjähriger Aufenthalt wohl mehr als er an Gewinn brachte. Von der Unmöglichkeit, etwa ein halbes Jahr dem dort überwinternden Personal Nachschub zu bringen ganz zu schweigen. Auch die Briten hatten 1841 eine Südpolexpedition entsandt, die HMS EREBUS und die HMS TERROR unter Sir James Ross. Die Karten der beiden Expeditionen wichen kaum von einander ab, und Britannien beanspruchte schließlich die antarktische Halbinsel südlich von Feuerland für sich. Erst einmal ebenfalls ohne große Pläne für das neue Territorium zu haben. Die anderen Staaten sahen die beinahe identischen Karten und verzichteten darauf, eigene Schiffe in die unwirtliche Gegend zu entsenden. Die Antarktis war und blieb wertlos, zumindest derzeit.
Nachdem Nikolaus Novacek 1849 während einer genauen Analyse der Lavagesteine auf dem Nebelland-Vulkan in der Whakatane-Bucht die molekulare Verbindung Vaporid fand, suchten österreichische Expeditionen auf der ganzen Welt nach natürlichen Vorkommen dieses Stoffes. Doch fündig wurde man an keiner der leicht zugänglichen Stellen. Und da 1853 die synthetische Herstellung des Vaporids gelang, schien eine weitere Suche auch nicht mehr nötig. Doch das Schicksal hatte noch einen Trumpf im Ärmel. Die kakanische Bürokratie.
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„Ferdl!“
„Wås is denn?“
„Mir sollt’n do die Vulkane überall dort auf der Welt untersuch’n lass’n, wo mir hindürfen!“
„Und?“
„Mir – also die Donaumonarchien – hätten do no an Vulkan im Besitz! Und der hat no kan Haček dahinter! Also war do no kaner!“
„Ja da schau her! Wo denn?“
„Am Südpol!“
„Wird wohl nix bringen, dort jetzt no a Schiff hinschicken!“
„Aber mir hab’n do den Auftrag, alle erreichbar’n Vulkane zu untersuch’n. Und als Beamter kann i a net einfach mein Servas unter den Bericht setzen, ohne dass i g’meldet hätt‘, dass aner fehlt!“
„Na, dann schickst halt ein Schiff los. Da unt‘ is do eh grad Sommer!“
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Und so nahm die MAXIMILIAN WOLKERSFELD im Jänner 1856 Kurs auf die Antarktis. Mit an Bord war Ferenc Hostany aus Budapest, ein international bekannter und anerkannter Chemiker. Seine Entdeckung führte dann zu einer ständig bewohnten Station an der Slovic-Bucht, denn er fand dort den bisher stärksten Booster für das synthetische Vaporid. So entstand an der Küste am Fuß des Maria-Anna-Vulkans die Hahn-Siedlung, benannt nach dem Generalkapitän der SÜDLAND-Expedition. Dank des Vaporids war es jetzt auch kein unüberwindbares Problem mehr, eine ganzjährig bewohn- und betreibbare Station und schwerste Einbrecher zu konstruieren, welche selbst im April, Mai, September und Oktober die Schiffsrouten vom Kap Kolowrat-Liebsteinsky nach Māui noch freihalten konnten. Juni, Juli und August hatten aber selbst die modernsten Schiffe keine Chance mehr gegen das massive Packeis. Dann übernahmen schnelle Motorschlitten die Verbindung zu den Baleni-Inseln, wohin selbst in den kältesten Monaten die Eisbrecher gerade noch fahren konnten. Zwischen dem Fort und dem Hafen hatten die Österreicher zwei etwas über 550 Kilometer lange gut isolierte Stahltunnel tief im Permafrost und Fels verankert und darin Geleise für Güter- und Personenzüge verlegt, insgesamt sogar vierspurig, um im Bedarfsfall Eilzüge einsetzen zu können und im Notfall eine Ausweichstrecke zur Verfügung zu haben.
Um genau zu sein, bestand Hahn-Siedlung aus acht rund um den Vulkan verteilten Habitaten, und in jedem stand stets ein Expresszug zu weiter entfernten Notfallunterkünften bereit, um im Falle eines neuerlichen Ausbruches des Maria-Anna-Vulkans die Bevölkerung rasch evakuieren zu können. Da der Vulkan nicht nur ein Vorkommen des Vaporidboosters bot, sondern ebenfalls eine veritable Diamantenpipe, und dazu noch weiter im Landesinneren auch Silber, Blei und Eisenerz zu finden war, konnten die Donaumonarchien den Arbeitern recht großzügige Risikozulagen zahlen. Und natürlich auch den dort stationierten Soldaten, denn eine auf der Landkarte gezogene Linie war ja nun wirklich kein Hindernis für etwaige zu allem entschlossene Konkurrenten. Und diese gab es natürlich irgendwann auch. Anfangs war der sommerliche Schiffsverkehr zwischen Māui und der Antarktis von den Weltmächten mit Ausnahme Deutschlands noch unbemerkt geblieben, doch allmählich war die Existenz von Port Ludovika, dem Hafen am Kap Kolowrat-Liebsteinsky, beim besten Willen nicht mehr geheim zu halten gewesen. Und natürlich begann man sich in den Machtzentren der Welt zu fragen, was die Österreicher da unten so weit in der südlichen Einöde trieben. Etwa 30 Jahre nach der Errichtung der Siedlung, im Januar 1886, öffnete Österreich den Hafen in der Bucht hinter dem Kap für Diamantenhändler aus aller Welt. Das Rätsel schien jetzt vorderhand einmal gelöst, auch wenn manche Geheimdienstchefs immer noch nicht gänzlich überzeugt waren. Italien beanspruchte jetzt doch noch ein Gebiet westlich des Kaiser-Leopold-Landes und erntete keinen Widerspruch von den Großen der Welt. Und die neuen Besitzer fanden tatsächlich etwas, aber es waren keine Diamanten. Allerdings konnte man sagen, dass das gefundene Mineral für Italien noch wertvoller war, denn seither war das Land von internationalen Lieferungen von Rohstoffen für Vaporid unabhängig. Es war zwar nur unwesentlich stärker als das übliche synthetische, der Abbau in den Tiefen eines lange erloschenen Vulkans lohnte sich für das Königreich aber doch.
Wieder ein Stück weiter westlich von Kap Kolowrat-Liebsteinsky und der italienischen Station Marco Polo lag der Gaußberg im Kaiser-Wilhelm-Land. Ebenfalls ein erloschener Vulkan, der seit der deutschen Südpolexpedition 1887 vom deutschen Kaiserreich beansprucht wurde. Das erklärte Ziel der Expedition war es, von dieser Basis aus den Südpol zu erreichen. Nachdem der Vulkan auf 66° 48‘ südlicher Breite lag, der Südpol bekanntlich auf 90° und der Abstand zwischen den Breitengraden konstant 111 Kilometer beträgt, machte das eine Entfernung von 2.863 Kilometer. Luftlinie. Aber auch wenn der antarktische Kontinent aus der Entfernung und von den Luftschiffen der Forschungsreisenden aus flach wie eine Eisscholle gewirkt hatte, war ein kerzengerader Kurs auf Dauer wohl nicht einzuhalten. Also begann der Leiter der Gauss-Expedition, der erst 24 Jahre alte Erich von Drygalski aus Königsberg, penibel alle 100 Kilometer ein Nachschubdepot anzulegen. Vaporid, Fleisch und Vitamin-C in konzentrierter Form. Das nahm natürlich einige Zeit in Anspruch, aber der junge Schüler des berühmten Geographen Ferdinand von Richthofen wollte von seiner Tour, welche im November geplant war, seine komplette Mannschaft wieder zurück ins Camp Bismarck bringen.
Das Kap Kolowrat-Liebsteinsky lag bei 70°34“ und 59‘ südlicher Breite, der Hafen Port Ludovika in der angrenzenden Bucht war vor stürmischer See recht gut geschützt. Natürlich fror die Bay jedes Jahr spätestens gegen Ende des Monats Mai vollends zu und wäre nur mit großem Aufwand und viel Vaporid eisfrei zu halten gewesen. Das lohnte allerdings den Aufwand nicht, nur das Hafenbecken selbst in seiner gigantischen künstlichen Höhle aus Stahl wurde mit erhitztem Wasser aus einigen Düsen auf etwa minus 2 Grad Celsius erwärmt, um die Schiffe darin vor dem gefährlichen Presseis zu schützen. Die Schutzhülle überspannte den gesamten etwa 2 Kilometer langen Kai und reichte 250 Meter nach Norden in das offene Wasser der Bucht hinaus.
Jetzt, im April 1889, bemerkte man bereits ein Nachlassen der Aktivitäten, der antarktische Herbst kündigte den Winter bereits mit einer durchgehenden Eisdecke an. Immerhin betrug die Temperatur mittags nur noch an die 10 bis 12 Grad auf der Celsius-Skala, unter dem Nullpunkt, versteht sich. Aber noch konnten sich die modernen Eisbrecher der österreichischen Marine durch das Eis schieben und dem Verkehr immer wieder eine Fahrrinne öffnen. Bei diesen Eisbrechern kam nur hervorragender Stahl aus Neuhochadlerstein zum Einsatz. Die Panzerung des gesamten Rumpfes war stärker als die eines Schlachtschiffes, und doch dünn gegen jene des Bugs und des identischen Hecks, die 150 Meter langen Schiffe war so gebaut, dass es sich gleich gut vorwärts wie rückwärts bewegen konnte. Bis zu vier Meter dickes Eis konnte die schwere, starke Konstruktion zerbrechen, wenn die Eisdecke noch dicker wurde, konnte die Außenhaut des Schiffes zusätzlich auch elektrisch erwärmt werden. Bei etwa sechs Meter Dicke war dann allerdings endgültig Schluss, und bei Minus 20 Grad Außentemperatur ebenfalls. Aber noch war es für die fünf Eisbrecher kein unüberwindbares Problem, die Fahrrinnen bis zum offenen, eisfreien Ozean frei zu halten, und die großen Diamantenhändler der Welt sandten ihre Käufe mit den österreichischen Versorgungsschiffen zuerst nach Māui, von wo aus sie in alle Welt weiter versandt wurden.
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In ihren dicken, flauschigen Pelzmantel gehüllt stand Mietje van de Broggenkamp am Kai und blickte nach Norden. Die Angestellte des Nederland-Belgiën Unternehmens Hutjes en Partners, welches unter anderem auch mit Edelsteinen, Pelzen und Schmuck handelte, kam Abends ganz gerne hierher und sah von ihrer Position aus auf den schmalen Streifen Sternenhimmel zwischen dem vereisten Meer und der Kante des Stahldaches, von welchem manches Mal lange Eiszapfen hingen. Es lag für Mietje eine eigenartige, wilde Schönheit in diesem Bild, das sie nie müde wurde zu betrachten. Das, und, nun ja, Michael. Die Erinnerung zauberte ein Lächeln in ihr zartes Gesicht.
Sie hatte außer dem Anblick des Meeres auch die österreichischen Schiffe betrachtet, welche hier be- und entladen wurden, und so waren Fräulein Broggenkamp bereits einige Dinge aufgefallen. In Port Ludovika wurden, wie zu erwarten, Silber, Blei und Roheisen verladen, aber auch verschiedene Säcke aus dicht gewebtem und mit Gummi imprägnierten Stoff. Sie war einmal neugierig näher geschlendert, um einen Blick auf die Beschriftung der Verpackung zu erhaschen.
„Åchtung, Gnädigste!“ Eine raue Stimme riss sie aus ihren Betrachtungen, eine schwielige Hand hinderte Mietje am weitergehen. „Bei åll‘n Qualitäts- und Sicherheitsprüfungen, es is net g’sund, wånn ma unter aner Paletten steht, wånn de Kett’n åreißt!“
„Bitte?“ Mietje hatte nur Bruchstücke verstanden.
„Entschuldigung!“ Der Arbeiter grinste kurz. „Sie sind Holländerin?“
„Hört man das so stark?“
„Schon ein bisserl – ein wenig! Es klingt nett. Aber – na ja, es ist nicht eben gesund, unter einer Palette zu stehen, wenn die Krankette reißt. Und bei diesem Schiff hier, der KARIN, da blinken schon die gelben Lichter. Sehen Sie, jetzt werden sie rot, und dort kommen sie schon, die ersten Säcke!“ Tatsächlich wurde eine große Holzplattform mit vielen Säcken mit einem Ladekran quer über den Pier gehoben und in eine Ladeluke hinab gelassen. Die Luke sah Mietje nicht, aber die Farbsignale waren jetzt, wo sie Bescheid wusste, offensichtlich. „Abfall aus den Diamantenminen“, erzählte der Mann im Arbeitsanzug. „Gehen direkt über den Suezkanal nach Sulina am schwarzen Meer. Dort werden sie umgeladen und die Donau aufwärts bis nach Ulm transportiert. Dort wird es zu Schleifmittel verarbeitet.“
„Das ist interessant“, lächelte Mietje dem Mann zu und beäugte, wie der Kran zurücksetzte.
„Jetzt können Sie weitergehen, Fräulein“, erklärte ihr der Mann, doch sie blieb stehen und beobachtete, wie der Kran wieder eine Palette anhob und die roten Lichter angingen.
„Ich bin Mietje van de Broggenkamp von der Firma Hutjes en Partners“, hielt sie ihm danach die Hand hin, welche er galant nahm und einen Handkuss andeutete.
„Michael Ziegler“, stellte er sich ebenfalls vor. „Ich bin hier bei der Sicherung. Um Unfälle zu verhindern, Fräulein van de Broggenkamp.“
„Mietje“, forderte sie ihn auf.
„Gerne, Fräulein Mietje“, nickte er. „Dann bin ich Michael!“
„Natürlich. Sagen Sie, Herr Michael, wann haben Sie denn Dienstschluss?“
Zwischen der gebildeten Diamantenprüferin, welche fünf Fremdsprachen fließend beherrschte und dem einfach gestrickten, muskulösen Mitarbeiter der Hafensicherheit entwickelte sich den arktischen Sommer über allmählich eine Freundschaft, welche schließlich in einer stürmischen Romanze gipfelte.
„Willst du in den Himmel segeln, musst du mit Proleten vögeln“, vertraute Mietje ihrer Kollegin und Freundin Marguerite Delagere an. „Obwohl – Michael ist nur ein wenig ungeschliffen, gar kein echter Prolo. Aber in den Himmel…“
„Ja, schon gut“, unterbrach Marguerite ein wenig neidisch. „Ich werde scheinbar auch einmal die einfachen Kneipen unten am Hafen besuchen müssen. Sonst vertrockne ich noch ganz!“
So wurde die schlanke Holländerin mit den endlos scheinenden Beinen bald zum alltäglichen Bild im Hafen und Michael Ziegler zu einem von seinen Kollegen ziemlich beneideten Mann. Und Mietje erfuhr bald auch, was in den anderen Säcken transportiert wurde.
„Das sind Puzzolane, die jetzt, wo wir wegen der anderen Sachen schon einmal da sind, auch noch genug Gewinn abwerfen“, vertraute Michel seiner Freundin an und strich ihr über den Rücken bis hinunter zum wohl gerundeten Po. Er hob ihre blonden Haare vom Hals und küsste ihren nach den vorangegangenen Aktivitäten noch ein wenig schweißfeuchten Nacken, beobachtete voller Freude den wohligen Schauer, der sie durchlief. „Aber das lohnt sich nicht deshalb, weil die hiesigen so einen tollen, festen Zement ergeben, obwohl er genauso gut wie alle andern ist. Die reichen Leute zahlen Unsummen, weil das Zeug, wenn man es ganz fein schleift und poliert wie ein weißer Opal ganz zart in allen Farben schimmert und glänzt. So wie es halt auch die Wände hier in Port Ludovika täten, würde man sie polieren. Das hat man aber nicht überall gemacht, wir würden ja sonst hier drinnen wahnsinnig werden! Aber, die Geltungssucht von manche G’stopften – also den Reichen – bringt den Donaumonarchien so manchen Gulden und uns hier eine gute Stellung!“
Außerdem sah sie manchmal, wie kleine, aber schwere Kisten unter schwerer Bewachung an Bord der Schiffe nach Māui gebracht wurden. Der erfahrenen Edelstein und -metallhändlerin fiel es nicht sonderlich schwer, den Inhalt dieser Kisten zu erraten. Es musste der Größe und dem Gewicht nach zu urteilen entweder Platin oder Gold sein. Kakanien schien hier also nicht nur Silber gefunden zu haben, sondern auch andere Edelmetalle abzubauen. All das erfuhr mit geringer Verzögerung auch die niederländisch-belgische Regierung, denn die Firma Hutjes en Partners gab es zwar wirklich, doch außer den Besitzern wusste kaum jemand, dass einer dieser Partner Jan Gruyvenbrook hieß und den holländischen Geheimdienst leitete. Michael seinerseits wusste zwar nichts davon, dass Mietje in erster Linie für die holländische Informationsagentur arbeitete, aber die Existenz der Vaporidfelder rund 450 Kilometer weiter südsüdöstlich hätte er niemandem verraten. Bei aller Liebe nicht. Und daher natürlich auch nicht, dass dieses Mineral in Puzzolansäcken getarnt die Antarktis verließ.
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Die Verwaltung der kakanischen Antarktisgebiete, des Kaiser-Ferdinand-Landes, oblag Imre Kélemen. Imre stammte aus einer verarmten Adelsfamilie, er hatte sich bereits in der Verwaltung der Slowakei bewährt und mit seiner Bestallung als Gouverneur auch seine Erhöhung zum Markgrafen von Kaiser-Ferdinand-Land erhalten. Er war immer noch in erster Linie ein pragmatischer Administrator, der im Privaten auf ausufernden Luxus verzichtete. Sein eigenes spartanisch eingerichtetes Bureau war etwa 12 Quadratmeter groß, viele Chefs der internationalen Edelsteinhändler in Port Ludovika hatten doppelt so große. Der einzige Luxus, den er sich bei seinem Bureau gestattete, war ein großes Fenster mit Ausblick auf den Elisabethplatz. 350 Meter lang und 300 breit, der Grund auf einer Ebene mit dem Hafen, in verschiedenen Ebenen insgesamt 5 Etagen hoch angelegt, von fünfstöckigen Hausfassaden umgeben und mit einer Kuppel aus bestem Stahlbeton überspannt, war der Platz das Zentrum der völlig überdachten Stadt, aber nicht der einzige Park. Dank der Erfindung von Quecksilberlampen durch Martin Leo Arons konnten auch unter der Betondecke Pflanzen gezogen werden, und dieses Licht und die Gärten waren sowohl für die physische, aber auch psychische Gesundheit in der eiskalten Wüste der Antarktis enorm wichtig.
Imre Kélemen, Markgraf von Kap Kolowrat-Liebsteinsky und Gouverneur von Kaiser-Ferdinand-Land, las am Vormittag des 23 Aprils 1889 die neuesten Nachrichten aus der Heimat, welche ein Postschiff gebracht hatte, als ein Beben Port Ludovika, das Bureau des Gouverneurs und seine Hoheit selbst erschütterten. Noch während er aufsprang, reagierten seine Untergebenen in der Alarmzentrale bereits, und eine gut durchgeplante Maschinerie begann auch ohne Befehl Imres zu arbeiten. Es ertönten in der ganzen Stadt die Alarmpfeifen, nur für den Fall, dass jemand noch am Ernst der Lage zweifelte und das Beben für ein technisches Problem hielt. Diese Pfeifen waren das unmissverständliche Signal, die unteren Ebenen sofort und ohne Verzögerung zu evakuieren. Weiter draußen in der Bucht schoben sich aus massiven Mauern, welche in einer Engstelle der Bucht aus Stahlbeton errichtet worden waren, starke Tore aus Ulmer Stahl und bildeten einen ersten Wellenbrecher, welche die stärkste Kraft des zu erwartenden Tsunamis nach einem Erdbeben brechen sollten. Die zweite Barriere schob sich aus den Mauern an den Enden des Kais und sollten den Hafen gemeinsam mit dem Schutzdach vor Überflutung schützen. Sieben Minuten hatten die Matrosen noch Zeit, ihre Schiffe zu verlassen, dann würde sich aus dem Kai selber die dritte Schutzwand heben. Sicherheit war den Erbauern über alles gegangen, und auch die Stadt selbst war wie ein Schiff in unzählige Abteilungen unterteilt. Es war genau berechnet, wie lange es schlimmstenfalls dauern würde, eine Abteilung zu leeren, wobei natürlich die Flüchtenden aus der untersten Etage alle anderen zu durchqueren hatten. Dabei waren die breiten Rolltreppen des Erfinders Ernst Werner von Siemens eine große Hilfe, welche erst im vorigen Jahr nachträglich überall in den antarktischen Habitaten der Donaumonarchien eingebaut worden waren und die Etagen miteinander verbanden. Soweit sie nach einem heftigen Erdbeben noch funktionieren sollten. Regelmäßige Trainingsalarme und Evakuierungsübungen mit verpflichtender Teilnahme auch der ausländischen Bewohner der Hafenstadt hatten die für eine Flucht in die oberen Etagen benötigte Zeit nach und nach auf ein Minimum reduziert. Imre stand an der Fensterscheibe in seinem Bureau im fünften Stock und beobachtete, wie die Menschen, welche noch vor kurzem durch den gut geheizten Park flaniert waren, in großer Eile zu den glücklicherweise noch laufenden Rolltreppen liefen, während durch die Türen am Grund des Platzes weitere Personen auf den Platz strömten.
Im Hafen war Mietje van de Broggenkamp für eine Schrecksekunde wie versteinert gewesen, dann war die Stimme Michaels in ihrem Hirn erklungen.
„Die Alarmpfeifen sind kein Spaß, Mietje“, hatte er ihr eindringlich erklärt. „Wenn du das Signal hörst, dann vergisst du alles, auch mich, und läufst los, als wäre der Klabautermann persönlich hinter dir her.“ Zum ersten und zum letzten Mal in ihrer Beziehung hatte er ihr kurz weh getan, als er ihren Arm drückte. „Hast du mich verstanden? Ich bin vielleicht gerade am anderen Ende des Kais und muss einen ganz anderen Ausgang nehmen, wenn alles glatt laufen soll.“
Sie hatte genickt, und jetzt machte sie auf dem Absatz kehrt und lief so schnell wie möglich zu einer jetzt offenen Tür mit breiter runder Umrahmung, über welcher Notausgang und Emergency Exit standen, ein rot-oranges Drehlicht lenkte zusätzliche Aufmerksamkeit auf diese Tore. Endlich konnte sie sich durch eines der Tore zwängen und sprang auf eine aufwärts führende Rolltreppe.
Ein Telephon auf dem Schreibtisch des Markgrafen läutete. Er hob es ab und bellte nur ein kurzes „Ja“ in das Mikrophon.
„Der Maria-Anna-Vulkan raucht, Hoheit“, kam eine gefasste Stimme aus dem Hörer.

„Sofort die gesamte Hahn-Siedlung evakuieren!“, blaffte Imre Kélemen kurz angebunden.
„Schon im Gange, Euer Hoheit!“
„Gut!“ Der Markgraf strich sich nickend über seinen haarlosen Kopf. Dann seufzte er. „Wie stark ist die Rauchfahne des Vulkans.“
„Nicht sehr stark, Hoheit. Aber das sagt noch nichts. Der Vulkan kann jederzeit ausbrechen. Oder in einigen Wochen, Monaten oder Jahren. Es gibt im Moment einfach keine Möglichkeit, den Zeitpunkt einzugrenzen.“
„Nun – bringen Sie die Leute in Sicherheit, dann warten wir zuerst einmal ab.“ Imre trommelte nervös mit den Fingern ein Stakkato auf dem Tisch, doch seine Stimme wankte nicht. „Lieber melde ich ihrer Majestät den Verlust einiger tausend Gulden als auch nur ein unnötiges Todesopfer.“
„Jawohl, Hoheit. Oberst Hannes Kaihao-Ika meldet sich ab. Melde mich wieder von der Beobachtungsstation Wolfgang von Kempelen wieder.“
Oberst Kaihao-Ika von der k.u.k. Infanterie rannte über eine leeren Straße des Habitats A der Hahn-Siedlung. Seine Soldaten hatten sicher bereits alle Gebäude untersucht und eventuelle Nachzügler zum Bahnhof getrieben oder geborgen, falls sie nicht mehr selbständig mobil gewesen waren. Jetzt warteten sie im letzten Zug auf sein Eintreffen, falls der Fahrer des Zugs nicht den Ausbruch des Vulkans bemerkte und volle Kraft auf die Räder schaltete, in der Hoffnung, dass auf gerader Strecke der Zug mehr Geschwindigkeit aufnehmen konnte als die austretende Lava. Dafür hatten sie auch eine recht gute Chance, wenn nicht gerade eine der gefürchteten pyroklastischen Ströme auftrat, welche bis zu 1.000 Kilometer in der Stunde zurück legen konnten. Selbst über Wasser, da die leichten Bestandteile der Gas-Staubwolke auf der rasch entstehenden Dampfschicht schwebten. Einer solchen Wolke konnte auch der schnellste Zug nicht davonfahren, ein solcher Ausbruch war für jeden, der sich in seiner Bahn befand, das sichere Todesurteil.
‚Der letzte dreht das Licht ab‘, dachte Hannes sarkastisch, als er in den Wagen sprang. Major Petar Kovačić hieb auf einen deutlich markierten Signalknopf.
„Los, los, los!“, rief der Kroate, doch dem Lokführer reichte schon das Aufleuchten der Signallampe. Seine Rechte schob den Schubhebel des schweren Triebwagens ruckartig nach vorne, elektrische Energie floss durch die Leitungen in die starken Magnete der Motoren und der Wagen nahm rasant Fahrt auf. Etwas mehr als 70 Kilometer weit, dann bremste er wieder ab. Es gab hier die Haltestelle WvK, Wolfgang von Kempelen, in welcher üblicherweise die Züge nach Port Ludovika keinen Halt machten.
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„Übernehmen Sie, Major!“ Mit diesen Worten sprang der Oberst in dieser Station aus dem Waggon und betrat mit einigen Geologen und Vulkanologen die Kabine einer Seilbahn, welche ihn zum Gipfel eines Berges in direkter Sichtlinie zum Maria-Anna-Vulkan bringen sollte. Der Beobachtungsstützpunkt, der nach dem Erfinder Wolfgang von Kempelen benannt war, sollte dem Offizier und den Wissenschaftlern als Basis dienen, um den Vulkan zu beobachten. Ebenso wie die Gondwana-Station auf der anderen Seite des Maria-Anna-Vulkans noch weiter südlich. Dort traf jetzt ein Kamerad von Hannes Kaihao-Ika ein, der Kommandant des Habitats F, der Herr Oberst Nepomuk Xaver Loibelsmüller aus Plattling.
„Des glab i fei net!“, entfuhr es dem Offizier im heimatlichen Dialekt. „I moan…“
„Schon gut, ich versteh’s ja!“ Professor Heinrich Eder sah ebenfalls nach Süden. „Da unt‘ hat’s ganz kräftig g’rumpelt. Der ganze Himm’l glüht ja! Also, wir können feststell’n, die Primäreruption ist da unt’n. Einer der drei Vulkane von der Insel Hades?“
„I moan, i gib’s glei dem Moakgrafa weida. Oiso, ich gebe es dem Markgrafen weiter.“
„Wird gut sein, Oberst!“ Eder richtete sein Fernglas nach Süden und studierte den glutroten Himmel und die immer höher werdende Säule aus heißem Dampf, dann wandte er sich dem Maria-Anna-Vulkan zu. Loibelsmüller sah immer wieder südwärts, wo ungefähr 250 Kilometer entfernt die nach der griechischen Unterwelt benannte Insel lag. Nach etwas mehr als einer Stunde wurde er kreidebleich und packte Eder an der Schulter. „Schaugn’s, Professor, då kimmt iatzat die Well’n!“ Eder fuhr herum und sah, wie die meterdicke Eisdecke rapide absank, sie wurde nach Süden gezogen und brach immer wieder ab, dann rollte die vielleicht sechs, sieben Meter hohe Wasserwand die Küste entlang und brach sich am Ufer. Alles in ihrem Weg wurde zerschmettert und zerstört, es schien, als könne nichts mehr sie bremsen. Immer höher drang das Wasser in das Landesinnere vor, es stieg höher und immer höher, kleinere Hügel von vielleicht dreihundert Metern wurden überspült. „I håb ja g’wusst, dass so a Ding kummt, åber wån mas siecht, is do wieder wås gånz wås ånders!“, verfiel der Wissenschaftler aus Wien ebenfalls wieder in den heimatlichen Dialekt. Die Aufregung halt!
„Nur a sakrisch’s Glück, dass mir dåmois die Habitat G und H nit in Richtung Meer evakuier’n woit’n, sondern å pår Guld’n mehr ausgeb’m ham.“ Oberst Loibelsmüller hatte den Hörer des Telephonapparates ans Ohr gepresst. „Hoheit? Oberst Loibelsmüller, Habitat F, aus der Gondwana-Station. Meldung! Starke Erdbebenwelle nach Norden auf Port Ludovika unterwegs. Ursprung wahrscheinlich die Hades-Insel!“
„Verstanden, Oberst.“ Der Markgraf am anderen Ende der Leitung zögerte kurz. „Dann hoffen wir auf Gottes Hilfe, Oberst!“
Die nach Franz Maria von Steffaneo-Carnea, dem von ihm geliebten Erzieher von Kaiser Ferdinand I benannte Carnea-Bucht mit Port Ludovika war etwas mehr als 350 Kilometer nördlich von Gondwana-Station. Auch dort begann das Ereignis mit dem raschen Sinken des Wassers.
„Die Härren Kåpitäne håbän immer sich bäschwärt, dåss sie im Zick-Zåck fåhrän missän aus där Bucht“, murmelte der Markgraf in seinen ungarischen Dialekt verfallend, als er in der Kuppel auf dem hohen Berg hinter dem Hafen das Schauspiel beobachtete. „Åber jätzt mächtä ich hoffän, dås funktionierän die Wällänbrächer aus Bäton.“
Tatsächlich brach sich die erste hohe Welle wie berechnet und verlor allmählich an Geschwindigkeit und Kraft, trotzdem traf noch eine mehrere Meter hohe Wasserwand mit gigantischer Wucht auf die Konstruktion aus Stahl und Beton. Ein Donnerschlag hallte durch die ganze Stadt, als sich die Metalltore des Hafens in riesige Gongs verwandelte, dann floss das Wasser weiter um die Kuppeln von Port Ludovika herum und weiter in die Schlucht. Auch die folgenden Wogen konnten der Stadt nichts anhaben, die Hafenstadt hatte den Ausbruch des Vulkans glücklich ohne große Schäden überstanden, die Wellenbrecher weiter draußen waren im Sommer leicht wieder zu reparieren. Die Habitate G und H der Hahn-Siedlung hatten allerdings weniger Glück gehabt und waren extrem stark beschädigt. Sie würden ausgedehnte Renovierungsarbeiten benötigen, ehe die Bewohner wieder einziehen konnten. Glücklicherweise hatte die Katastrophe keine Menschenleben, sondern ‚nur‘ einiges an gebrochenen Knochen gekostet.
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Am 28. April verließ dann das letzte Schiff der Saison 1888/89 Port Ludovika. Die BENJOWSKY war selbst ein schwerer Eisbrecher der Klasse 3, das bedeutete, dass er drei Meter dickes Eis bewältigen konnte. In der Cocktailbar für die Passagiere im mittigen Aufbau saß Mietje van de Broggenkamp in einem langen, fließenden Kleid bei einem Glas Schlumberger-Sekt und sah nach hinten, wo die Lichter des Hafens langsam verblassten. Jan Gruyvenbrook hatte seine Agentin per Telegramm nach Gravenhaage zurück beordert. Der Abschied von Michael Ziegler war wohl stürmisch, aber notgedrungen endgültig gewesen, und jetzt musste Mietje den Österreicher wieder aus ihrem Gedächtnis streichen und nach vorne blicken. Das Los einer Diamantenhändlerin, immer wieder unterwegs, immer woanders lebend. Und natürlich das Schicksal einer Agentin, die für einen Geheimdienst arbeitete.
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Mai 1889
Wien
Der Abend des 2. Mai 1889 war für das k.u.k. Hofoperntheater an der Ringstraße ein wahrhaft großer Tag. Der Direktor Wilhelm Jahn hatte zum 10. Jahrestag der alleinigen Regentschaft von Caroline Therese Helene, von der Familie liebevoll Néné genannt, die Uraufführung der komischen Oper ‚Ein Hidalgo aus Mancha‘ von Gustav Mahler auf das Programm gesetzt. Direktor Jahn wusste, dass ihre Hoheit diesen modernen Komponisten mit seinen manchmal etwas spleenigen Themen und ungewöhnlichen Arrangements durchaus zu schätzen wusste. Und er hatte die besten Sänger Wiens aufgeboten, um der Regentin einen wunderbaren Abend zu schenken. Die k.u.k. Hofopernsängerin Marie Therese Renard, die eigentlich als Marie Pölzl auf die Welt gekommen war und aus Graz stammte, sollte die Aldonza-Dulzinea mit ihrem herrlich klaren Mezzosopran singen. Und wenn auch der Tenor Gustav Walter in der Rolle des Don Quichote und der Bariton Adolf Robinson als Sancho bereits etwas alt sein mochten, so war das gerade für diese beiden Rollen nicht gerade das Schlechteste. Besonders der spleenige Landedelmann, der als Ritter durch die Lande ziehen wollte, war ja schon von Cervantes als etwas älterer Mann gezeichnet worden. Die Stimmen der beiden Sänger hatten jedenfalls im fortgeschrittenen Alter noch kein bisschen gelitten und erreichten immer noch alle nötigen Tonvariationen. Und dann war da noch der junge Emilio Scaria, der mit seinem tiefen Bass das rasante Stakkato bei dem Auftritt des Dorfpfarrer-Magiers im zweiten Akt doch sicher hervorragend zu meistern vermochte.
Am Haupteingang des Opernhauses fuhren um exakt neunzehn Uhr dreißig, oder wie man in Wien sagte, um halb acht, einige militärisch lackierte Dampfbusse vor, und sechzig Soldaten des Wachregiments der Regentin in ihren smaragdgrünen Uniformröcken zu schwarzen Hosen und den ebenso schwarzen Federbüschen auf den Pickelhauben sprangen heraus, ihre Dienstrevolver in den zugeknöpften Taschen waren ebenso wenig zu übersehen wie die Knüppel aus guter, österreichischen Eiche und die langen Säbel. Die Gardisten begannen sofort, nachdem sie aus ihrem Fahrzeug gesprungen waren damit, einigermaßen höflich, aber bestimmt die Menge der Schaulustigen vor dem Haupteingang zur Seite zu drängen, sodass sich eine breite, freie Gasse zwischen der Auffahrt und dem Eingang bildete. Das war recht schnell erledigt, denn die meisten der hier wartenden Menschen standen zumeist ohnehin bereits so, dass die Besucher der Vorstellung leicht die Tür erreichen konnten. Die meisten dieser Schaulustigen wollte einfach die Regentin und die geladenen Honoratioren bewundern – und natürlich auch die Parade der Ehrengarden in den schmucken ‚Einser-Panieren‘. Die Menge wich jetzt daher rasch zur Seite, denn der heutige Ehrengast war wohl bald hier zu erwarten. Nachdem sie die Leute zurück gedrängt hatten, bezogen auf jeder Seite der freigemachten Gasse mit dem roten Teppich acht der Soldaten Aufstellung, während der Rest der Gardisten das Foyer des Opernhauses betrat und dort nun das selbe mit den Gästen vom Haupteingang bis zum Lift zur kaiserlichen Loge machten. Als alle Soldaten in Stellung gegangen waren, zogen sie auf das Kommando ihres Hauptmannes ihre Säbel blank und präsentierten die Klingen vor ihrem Gesicht. Der kommandierende Offizier verließ nun das Gebäude wieder, worauf auch die Gardisten auf der Straße den Säbel zogen und damit schneidig grüßten. Ihr Kommandant nickte, nahm an der Straße Aufstellung und blickte auf seine Taschenuhr. Erleichtert atmete er auf, es war gerade zwei Minuten vor 20 Uhr. Major Christoph Wunder hatte seine Aufgabe pünktlich erledigt, der Oberst würde wohl mit ihm zufrieden sein.
„Da kommt scheint’s gleich die Hofkutsch’n daher!“ Charlotte Weiss zerrte aufgeregt am Ärmel ihres Verlobten. „Schau nur, schau, Maxl, wie elegant die Lipizzaner von der Ehrengarde da entlangtrab‘n, und schau’n die Kavallerist‘n in ihre hellblau‘n Ulankas und die engen Hos’n nicht richtig schneidig aus?“
„Ja, schon so irgendwie“, brummte Max Silbermann ein wenig unwirsch, und Charlotte hörte den durchaus verständlichen Unmut in seiner Stimme.
„Aber Maxl! Ich würd‘ mir doch eh mit keinem von den Lackl‘n da was anfangen woll‘n“, versuchte sie ihn zu beruhigen und nahm ihn fester beim Arm. „Du bist doch eh auch ein echter Feschak, und heiraten will ich ja auch nur dich. Und treu bleib‘ ich dir eh! Aber in der vollen Panier, fesch schaun’s damit halt schon aus.“ Max grummelte noch ein wenig in seinen noch nicht sehr dichten Bart, war aber schon wieder halb besänftigt. „Na komm‘ schon, Maxl! Wir haben’s uns doch hoch und heilig versprochen. Gib‘ mir einfach ein Busserl, und… da, jetzt – jetzt schau doch, da kommen ja noch viel mehr Reiter! Was sind denn das jetzt für welche?“
„Dås siind sich Husårrän, Frräilein, bittåschän. Schauän sie, mån sieht dås jå ån der Åttilå!“ Der Veteran in seinem alten, aber blitzsauberen Mantel der ungarischen Honved Infanteristen mit dem Abzeichen eines Stabswachtmeisters der Reserve und einigen Auszeichnungen auf der Brust stand hinter dem Paar und beobachtete die Reiter mit den goldenen Borten auf der schwarzen Hose, den ebenfalls goldenen Verschnürungen auf der blauen Uniformbluse und dem fellbesetzten Jäckchen, das mit einer Kordel über der linken Schulter getragen wurde, mit feuchten Augen. „Sähän sie dän Wåppän auf das Kålpåk? Dås sind sich die zwaitän Honved-Husårän! Magas a Honvéd-Huszárok!“
„Dahinta kummen ja no d’Kürrassier‘ aus Bayern“, jubelte Franziska Wropaschal aus Favoriten mit einem sehr breiten, kaum noch verständlichen Vorortdialekt und einem noch breiteren Grinsen im Gesicht. „Schaut’s eich amoi die Brustpaunzer und de Raup‘nhelm aun! Wia des Zeigl auf de Buam glitzert und glänzt!“
„Wird leicht dei Hoserl scho feichtlert, wannst da de Månner då anschaust, Franzi?“ frotzelte Augusta ihre Schwester.
„Und deins `leicht net, Gusti? Des san da åber scho a paar gånz fesche Mannsbilder in dera Montur. Da kennt‘ ma do echt scho schwach werd’n! So aner diafert scho amåi bei mia dribaråschp‘ln!“
„In da voin Panier?“, zog Gusti die Franzi weiter auf.
„Net unbedingt! De Bock, da Huat und ‘s Jackerl war’n gnua!“, konterte Franzi. „Åba de Hos’n miasat obe. Mariandjoseph, bei der Vurstöllung allan könnt‘ i jetzt aber scho glei ausrinnen!“
„DIE HOFKUTSCHE!“ Der Ruf setzte sich in den vielen Dialekten und Sprachen aus allen Ländern der Vereinigten Donaumonarchien durch die Menge fort, als der von acht Schimmeln gezogene Prunkwagen aus der k.u.k. Hofremise vom Wiental her kommend auf den Kaiser-Franz-Karl-Ring einbog und am Straßenrand vor dem Haupteingang der Oper zum stehen kam. Der Leibkutscher der Regentin, Joseph Bratfisch, verstand sein Handwerk, ob der Wagen mit Dampf betrieben oder von Pferden gezogen wurde. Die Tür war exakt neben Major Wunder, der jetzt den Säbel fast preußisch zackig vor sein Gesicht riss. Ein auf einem Trittbrett mitfahrender Soldat des Wachzuges in der Uniform eines Lakaien sprang vom Heck der üppig vergoldeten Grand Carosse mit dem berühmten schwarzen Doppeladler auf den Türen, eilte nach vorn, um den Schlag zu öffnen, klappte danach ein kleines Treppchen herab und verbeugte sich gemessen.
Als erstes erschien sodann Oberst Graf Ladislaus von und zu Hardegg von den kaiserlich-königlichen Wachtruppen mit dem prächtigen weißen Federbusch auf der Pickelhaube und weißen Handschuhen zur goldbetressten grünen Galauniform mit jeder Menge Lametta und Blech auf der leichten Bluse in der Wagentür. Er stieg ein wenig behäbig aus – immerhin war er nicht mehr der jüngste, und sein Backhendelfriedhof auch schon ziemlich prominent geworden. Der Oberst überflog das Arrangement der Posten mit einem raschen Blick, nickte zufrieden und erwiderte, die flache Hand salutierend zum Helm hebend, den Gruß des Majors. Danach wandte er sich zur Tür und hob seine Hand, den Rücken nach unten, um der Regentin beim Ausstieg zu helfen. Mit der ihr eigenen, in den langen Jahren ihrer Erziehung antrainierten Grazie erhob sich Caroline Therese Helene von der Polsterbank der hohen Kutsche, legte ihre Hand auf jene des Obersten und stieg über das Treppchen der Kutsche auf den Teppich hinab, wo sie kurz verharrte. Sie trug an diesem Tag eine hellgrüne, relativ einfach, aber gut geschnittene bodenlange Robe, die ihre immer noch straffe und aufregende schlanke Figur hervorragend zur Geltung brachte. Das Publikum vor dem Opernhaus jubelte der Regentin aus Bayern laut und frenetisch zu, denn Néné war bei den Bewohnern sämtlicher Länder und Angehörigen aller Völker der Monarchien durchaus beliebt. Selbst die meisten Sozialisten und ziemlich viele Kommunisten waren mit ihrer Art und Weise der Regierung und dem weiter anhaltenden sozialen Reformkurs durchaus einverstanden.
Nun, zumindest war die Wittelsbacherin bei den meisten Menschen in den Donaumonarchien ziemlich beliebt, aber unzufriedene Leute gab und gibt es halt leider immer und überall. Und es wird sie bedauerlicherweise auch immer geben, denn selbst der beste Herrscher kann es eben nicht jedem Untertan recht machen. Deshalb verließ sich auch das k.u.k. Evidenzbureau selbstverständlich nicht ausschließlich auf die Beliebtheit der Regentin und die gut sichtbaren uniformierten Posten der Ehrenwache. Der unauffällige Herr in der fünften Reihe mit dem Bowler und dem nicht mehr ganz so neuen Anzug war einer der geheimen Agenten des Bureaus, ebenso wie jener Mann ohne Krawatte mit der Schiebermütze, welcher sich mit Hilfe einer Laterne eine erhobene Position verschafft hatte. Auch Fräulein Leopoldine Wotruba, die laut jubelnd und aufgeregt hüpfend der Regentin zuwinkte, war eine Angestellte des Evidenzbureaus. Eine verdächtig wirkende Bewegung nicht weit von ihrer Position erregte die Aufmerksamkeit der jungen Dame, und schon schob sie sich unauffällig etwas zurück und zur Seite, bis sie hinter dem Mann stand.
Werner Konrad Graf von Kreuzbach war ein Mann mit einer großen Wut im Bauch. Er hasste alles und jeden, besonders aber die derzeitige kaiserliche Familie, denn Kaiser Franz Karl hatte dem Adel im Zuge seiner Reformen viele seiner alten und lieb gewonnenen Privilegien genommen, besonders im Bereich der Steuern. Sprich, die Adeligen sollten plötzlich auch wie das ganz gewöhnliche Fußvolk welche zahlen. Die Kreuzbachs hatten nach der Einführung der Steuern für alle mehr schlecht als recht gewirtschaftet und peu-á-peu ihr ganzes Vermögen verloren, sie waren bald dazu gezwungen, letztendlich sogar ihre gesamten Ländereien zu verkaufen. Auch hier bewies die Familie der Kreuzbachs leider kein großes kaufmännisches Geschick, sie waren, man konnte es nicht freundlicher nennen, mittlerweile vollständig pleite. Bankrott! Ruiniert! Man war eben kein verdammter Pfeffersack, kein Krämer, man war doch Himmelkreuzdonnerwetter eine hochadelige Familie! Kein Kreuzbach hatte sich je mit etwas derart profanem abgegeben, die Ländereien hatte sie sich entweder mit dem Schwert in der Faust erkämpft oder vom Kaiser als Lehen bekommen. Steuerfrei. Und jetzt plötzlich wurden Grundsteuern fällig! Ja Herrgottsakrament, so etwas hatte es doch noch nie gegeben!
Der jetzige Graf hatte den Titel von seinem Onkel geerbt, nachdem dieser nach dem Bankrott der Familie zu seinem Revolver gegriffen und sich eine Kugel durch den Kopf geschossen hatte. Werner stand nicht nur vor leeren Kassen, sondern auch auf der Straße, denn er besaß nur noch diesen Titel. Er war also zu seinem großen Leidwesen plötzlich gezwungen gewesen, sich eine bezahlte Arbeit zu suchen, aber leider fehlte ihm dazu eine gute Ausbildung. Genau genommen hatte er gar keine über die normale, von Maria Theresia 1774 eingeführte Schulpflicht hinausgehende Bildung genossen, und bei aller Freundschaft unter Adeligen, so ganz ohne Leistung stellte halt auch niemand einen ungebildeten Deppen als Generaldirektor ein. Noch nicht einmal als Filialleiterstellvertreter. So war es kein Wunder, dass jener Posten, den er endlich in einem Zeitungsarchiv auf der Mariahilfer Straße fand, nicht gerade anspruchsvoll und daher auch nicht besonders gut bezahlt war. Schuld an seiner Misere waren für ihn und einige seinesgleichen, wie konnte es auch anders sein, natürlich zuerst einmal der Kaiser Franz Karl und selbstverständlich noch viel mehr diese verflixte bayrische Regentin, welche einfach so mir nichts – dir nichts die uralten Privilegien der Adeligen beschnitten hatten! Per kaiserlichem Dekret. Einfach so, von heut‘ auf morgen! Da würd‘s Zeit, daran wieder etwas zu ändern, da hatte der Joschi schon ganz recht. Da wär‘s ja immer noch besser, wenn dieser Bruder vom russischen Zaren, dieser Pawel Alexandrowitsch, der die Prinzessin Elisabeth Anna g‘heiratet hatte, die Herrschaft in Kakanien übernehmen würd‘. Oder der Franzos‘, der Dauphin, na, der François Louis eben, wenn der erst die Prinzessin Valerie Theresa geheiratet haben würde. Ausgemacht war’s doch eh schon, dem Volk wär der Franzos‘ sicher lieber als ein Russ‘. Obwohl’s eigentlich so was von Powidl wär‘, was das Volk wollt‘. Na ja, besser wär’s schon, wenn die Valerie schon unter der Haub’n wär‘, aber dann würd‘ man ja auch eher mit einem Anschlag rechnen, während‘s jetzt noch einfacher war. Also, gleich jetzt weg mit der Regentin, und dann wär‘ ja endlich auch aber so was von Schluss mit dem ganz‘n modernen demokratisch‘n Schmarr‘n und auch mit der deppert‘n Weiberwirtschaft. Weg wieder mit dem Parlament, endlich Schluss mit dem Rat der Völker. Es wurde höchste Zeit, dass der Adel wieder seine ganze Macht und natürlich auch die g‘heiligtn Privilegien, die ihm von Gottes Gnaden zustanden, endlich zurück bekam. Und da wär‘ der Franz Rudolf ja auch keine Lösung, der war ja in dem ganzen Weibersumpf aufg’wachsen. Nein, der Franzos‘ musste her, je schneller, desto besser. An ihm, Konrad von Kreuzbach, sollt‘s nicht liegen, er wollt‘ seine Pflicht und Schuldigkeit tun. Jetzt! Heut‘! Sofort!
Die Hand des Grafen stahl sich vorsichtig unter seine Jacke und umklammerte den winzigen Griff seines kleinen Derringers. Ein leiser Hauch von billigem Parfum erreichte seine Nase, eines dieser schlampigen, bürgerlichen Weiber hatte sich in dieser Menschenmenge, in diesem hirnlosen Mob, wohl wieder zu knapp in seine Nähe gestellt. Ungehörig, so ein aufdringliches Benehmen einem Mitglied eines alten Adelshauses gegenüber, und – egal, jetzt, genau jetzt musste es sein, die Regentin stand in dem Moment genau richtig, er zog rasch seine Waffe und wollte sie anschlagen. Doch als seine Hand zum Vorschein kam, bohrten sich völlig unerwartet schlanke, aber kräftige Finger in sein Handgelenk, trafen dort zielgenau die empfindlichen Nervenknoten. Die zweiläufige Miniaturpistole entglitt seinen plötzlich gefühllos gewordenen Fingern und fiel klappernd zu Boden. Ein eleganter Damenschuh stellte sich darauf, während Kreuzbach mit schmerzerfülltem Stöhnen in die Knie brach.
„Ja, was haben’s denn, der gnä‘ Herr?“, hörte er durch seinen ihn peinigenden Schmerz eine aufgeregt klingende weibliche Stimme fragen, eine zweite Hand griff in seine Achselhöhle, übte dort noch mehr extrem schmerzhaften Druck aus. „Sie da, ist Ihnen vielleicht nicht gut? Polizei! Rettung! Bitte, rufen’s doch jemand! Irgendwer“, schrie die Frau laut und aufgeregt, der Ruf wurde prompt von den Umstehenden weiter gegeben. Schließlich drängte sich ein uniformierter Polizist durch die ihm langsam Platz machende Menge.
„Was ist denn da los?“, fragte er ein wenig unwirsch.
„Schaun’S, Herr Inspektor, dem Herrn da geht’s gar nicht gut“, informierte ihn die neben einem zusammengekrümmt auf dem Boden liegenden Mann kniende Frau. „Ich glaub‘, das ist das Herzerl. Evident, möcht ich’s schon fast nennen!“ Während sie die Worte betonte, gab ihr Fuß dem Polizisten kurz den Blick auf die Waffe frei. Der Uniformierte nickte ihr unauffällig zu.
„Machen’s doch ein bisserl Platz, meine Herrschaften“, drängte er die Leute ein wenig zurück. „Der Mann am Boden da kriegt ja gar keine Luft mehr bei dem Gedränge. Also bitte, gehen’S zwei, drei Schritt zurück. Danke, ein Stückerl bitte noch!“ Dann bückte er sich, sah ebenfalls nach dem am jammernden Mann und nahm dabei rasch und unbeobachtet die kleine Pistole an sich.
„Ich bin eine ausgebildete Krankenschwester, Herr Inspektor“, bemerkte Fräulein Leopoldine Wotruba, nachdem die Waffe gesichert war. „Wenn’s mir vielleicht helfen könnten, den Herrn dort hinüber zu bringen, das Opernhaus hat da ja eine kleine Notfallstation eing’richt‘. Dort könnt‘n wir vielleicht auch gleich einen Wag’n vom freiwilligen Rettungsdienst rufen und auf den dort wart’n! Ich bring‘ den Mann dann auch gleich ins Spital, wo er hing’hört.“
„Mach ich, Fräulein. Ist eh klar, dass ich Ihnen helf‘. Sozusagen eine Ehrensache!“ Der Ton des Polizisten hatte eine väterlich-beruhigende Klangfarbe angenommen, dann nahm er den linken Arm des verhinderten Attentäters, legte ihn um seine Schultern und brachte ihn gemeinsam mit Leopoldine durch die Menge und eine unauffällige Tür, wo er ihm erst einmal Handschellen anlegte und ihn danach auf eine Bank drückte.
„Bitt‘schön, Herr Wachtmeister.“ Fräulein Leopoldine Wotruba nahm ihren Dienstausweis des Evidenzbureaus aus der Handtasche und reichte ihn dem Polizisten. „Ich weiß schon, Inspektor gibt’s ja keinen!“
„Meinen allergrößten Respekt, Fräulein Oberleutnant Wotruba!“ Der Kieberer Horvath tippte sich lachend an seine schwarze Pickelhaube mit dem Wappen Wiens an der Stirnseite und reichte den Ausweis zurück. „Den Falotten da haben’S ja ganz fein und unauffällig aus dem Verkehr zogen. Scheint ja fast schon so, als brauchert’n wir in Wien ein paar mehr Frauen bei der Polizei!“
„Dank‘schön, Herr Wachtmeister“ knickste Leopoldine mit gerafftem Rock. „Meine Kollegen vom Evidenzbureau werd’n den Årsch mit Ohren – entschuldigen’S bitt’schön den deftigen Ausdruck – später abholen! Wenn die ganze Remasuri draußen vorbei ist!“
„Das ist mir ganz recht“, brummte Wachtmeister Horvath. „Wenn die Menge da drauß‘n mitkriegt hätt‘, was der Vogel vorg’habt hat, würd‘ er vielleicht eh schon an einer Latern‘ am Ring hängen. Und des hätt‘ dann vielleicht an Papierkrieg geben, Fräulein. Das kann ich Ihnen sagen, so was von Formulare vorn‘ und Berichte hint’n. Und an wem wär’s hängen ’blieben, die depperte Schreibarbeit? Na, an mir, eh klar! So was bleibt immer an mir häng‘n, weiß der Teuf’l, warum. Nå ja, aufg’hängt wird der Lackl jå trotzdem noch, aber jetzt hålt vom Selinger im Hof vom Landl. Mit einem richtigen Urteil von einem ordentlichen Richter. Gånz nåch Recht und Gesetz! Und die Formulare muss dann net i, sondern die darf dann ein ånderer ausfüll’n!“
*
Von diesen ganzen Vorgängen hatte die Regentin der Vereinigten Donaumonarchien nichts bemerkt. Sie war am Arm des Oberst von und zu Hardenegg an den Wachen vorbeigeschritten und wandte sich am Tor, welches ein Soldat des Wachcorps sofort für sie öffnete, noch einmal zur Menge um. Sie winkte ihrem Volk huldvoll lächelnd zu, welches darauf in Hochrufe ausbrach, ehe sie endgültig den Vorraum der Oper betrat. Im Foyer des Opernhauses verbeugten sich die anwesenden Herren in ihren formellen, dunkelblauen oder grünen Abendanzügen mit bunten Bauchbinden tief, als Néné den Vorraum betrat, während die Damen synchron dazu in einen tiefen Hofknicks sanken. Die Regentin schritt freundlich lächelnd und winkend an den anderen Gästen vorbei zum Lift, der bis in die private kaiserliche Loge führte, welche zwölf Personen Platz bot. Eduard van der Nüll, einer der beiden mit dem Entwurf des Hauses betrauten Architekten, hatte ein Faible für das das veraltete Rechensystem auf der Basis des Dutzend gehabt, und daher fanden sich die Zahlen zwölf und 144 eben immer wieder an und in diesem Gebäude. Nur nicht in den statischen Berechnungen, hier hatte van der Nüll voll und ganz dem modernen Dezimalsystem vertraut. Es war in Wien durchaus bekannt, dass dieser Aufzug auch nach unten in einen Kellerraum führte, von wo aus ein unterirdischer Gang die Hofburg mit dem Burgtheater und der Hofoper verband. Durch diesen hätte Néné mittels eines dampfelektrisch betriebenen Fiakers direkt die Loge erreichen können, unauffällig und ganz ohne Risiko. Doch anlässlich ihres Jubiläums hatte es die Regentin wieder einmal vorgezogen, über die Straße zu fahren und sich werbewirksam ihrem Volk zu präsentieren. Sie trat nun aus dem Lift, schritt bis an den vorderen Rand der Loge und erwiderte auch dort leutselig winkend die Huldigungen und Ovationen des anwesenden Publikums, ehe die Lichter allmählich verloschen und sich Dunkelheit über den Saal breitete.

Das Orchester begann mit einem lauten Tusch, der Vorhang hob sich langsam und Gustav Walter stand in einem seidenen Morgenmantel auf der als Studierzimmer dekorierten Bühne. Die mit Büchern vollgestopften Regale im Hintergrund des Raumes wurden allerdings bereits ganz modern mit einer elektrischen Laterna Magica von hinten auf eine Leinwand projiziert, was einen Szenenwechsel stark erleichertete.
„Sancho! Wo bist du, Sancho, mein Diener Sancho? Mein treuer Sancho!“, sang Don Walter mit volltönender Stimme.
„Ich komme schon, Herr! Hier bin ich doch, Herr! Zu Diensten, Don Alonso, was befiehlt mein Herr Alonso?“ Adolf Robinson, der schon seit langer Zeit ein besonderer Publikumsliebling war, erhielt einen heftigen, wenn auch kurzen Zwischenapplaus. Der selbst am Dirigentenpult stehende Komponist der Oper Gustav Mahler zeigte dem Orchester lächelnd eine kurze Pause an, bis das donnernde Klatschen wieder verstummte. Dann setzte die Musik mit den wuchtigen Klängen der Arie des Don Alonso fort, in welcher er sich den Zuschauern vorstellte und welche in den Versen gipfelte „… nie mehr will ich sein der traurige und sinnlos in den Tag lebende Alonso Quinancha, sondern fortan nur noch der edle Ritter Quichote von der Mancha! Ich werde mir eine Dame erwählen, ihr sollen die Dichter von meinen Taten erzählen. Ich will Abenteuer im Dienst der Minne bestehen, und dabei ans Ende der Träume gehen.“ Dann fuhr der Hidalgo zu seinem Knecht herum. „Komm nun, Sancho, sei jetzt mein Knappe, nimm dies Barett anstatt des Knechtes Kappe. Und jetzt, mein Ross, Sancho, sattle mir mein edles Ross! Und bring mir die Rüstung, Sancho, damit ich bin bereit zum Tjost!“
„Aber welches Ross denn nur, Herr Ritter?“ fragte Sancho Pansa mit verzweifelter Stimme. „In unserem Stall steht doch nur noch ein klapperdürrer Gaul! Die alte Rosinante mit dem harten Maul!“
„Das rechte Streitross für mich, will mir scheinen!“, schmetterte Gustav Walter laut.
Vor dem Publikum entwickelte sich nun die Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt, des Hidalgo aus la Mancha. Von seiner Liebe zur Prostituierten Aldonza, die er beharrlich Dulzinea nannte, seinem Ritterschlag durch einen Zuhälter und seinem beharrlichen Kampf mit den als Windmühlen verkleideten Riesen als Höhepunkt des ersten Aktes. Man konnte wohl mit Fug und Recht behaupten, dass dieses neueste Werk von Gustav Mahler beim Publikum gut ankam. Auch bei der Regentin.
*
Während sich drinnen auf der Bühne der träumerische Hidalgo Quichote auf die Suche nach seiner romantischen Bestimmung in einer kalten, praktisch denkenden Welt machte, verlief sich die Menge vor der Oper wieder.
„Dås ist jå å so å nätte und g’schaite Frau, unsär Rrägäntin“, bemerkte der ungarische Veteran von vorhin mit feuchten Augen. „Und so å fäschä! Isten örizze Regensünket!“
„Des Kleidl von der Regentin ist ja so wos von tulli gwesen“, bemerkte Franzi zu ihrer Schwester Gusti. „Goa net so riesig aufg’mascherlt! Fast wie für Unserans g’schnitten!“
„Recht håst! Åber jetzt kumm endlich mit, Franzi“, forderte Gusti. „Dort die Gumpendorfer aufe bei da Pfau’ngåss’n ist die Windmühlkasern‘ von de bayrisch’n Kürassier und gleich daneb’n des Luitpoldsbräu, då gengans immer hin, die Bayern, so nåch’n Dienst. Vielleicht kenn ma uns heit Nåcht zwa von de Måner aufzwick’n.“
„Gemma, tummeln mir uns, sunst kumm ma no z’spät!“ Resolut schritten die Schwestern aus.
„So, Maxl, jetzt geh’n wir zwei hübschen noch rüber in die Bierklinik auf ein Krügerl Ottakringer“, zerrte Charlotte Weiss ihren Maximilian mit sich. „Und dann bringst mich noch heim, ja?“ Sie gab ihrem Verlobten einen dicken Schmatz. „Papa und Mama sind heut‘ im Theater an der Wien, was sagst dazu?“
„Geh’n wir!“ Kurz zog er sie enger an sich, seine Stimme klang dabei seltsam belegt!
„Vielleicht verzicht’n wir ja auch auf das Bier und geh’n gleich heim, was meinst denn dazu?“, flüsterte sie in sein Ohr, und Max riss seinen Arm in die Höhe, um einem Fiaker zuzuwinken.
Bald war die Nebenfahrbahn des Kaiser-Franz-Karlrings vor der Oper mit Ausnahme einiger Straßenkehrer menschenleer, welche mit Besen und Schaufeln die Rossknödel und andere Hinterlassenschaften der Kavallerie beseitigten und dann mit einer dampfbetriebenen Pumpe die Straße abspritzten. Bis die Oper zu Ende war und die Regentin das Gebäude verließ, musste die Straße wieder blitzblank sauber sein. Bei ihrer Abfahrt würde sie allerdings die blau-silberne Dampfkalesche benutzen und ihre Eskorte würde in normaler Dienstkleidung auf ihren dampfbetriebenen Dreirädern reiten. Der Mistwagen mit Laufband, auf welches die Männer den Schmutz schaufelten und die den Unrat am Fahrer vorbei auf die Landefläche über dem Wassertank transportierte, hielt mit den Arbeitern stets Schritt. Der schrille Pfiff aus der Trillerpfeife eines Verkehrspolizisten und seine weit ausladenden Gesten scheuchten die Kehrer mit ihrem Fahrzeug auf die Seite, ein kleiner DLKW mit dem Emblem des freiwilligen Sanitätsdienstes der Wiener Berufsfeuerwehr fuhr vor und zwei Männer in weißen Mänteln liefen zu der Nebentür.
„Evidenzbureau“, schnarrte einer von ihnen zu leise, um von den Straßenkehrern gehört zu werden. „Wie übernehmen jetzt den Häftling. Gute Arbeit, Kameraden! Vielen Dank!“
*
Major Remmer vom k.u.k. Evidenzbureau erhob sich von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch und bot mit einer Handbewegung seinem eintretenden Gast einen Sessel davor an, Oberleutnant Leopoldine Wotruba nahm das Angebot mit einem Lächeln und einem dankbaren Nicken an. Sie holte ein Bündel Blätter aus ihrer Mappe und reichte es ihrem Vorgesetzten.
„Mein schriftlicher Bericht, Herr Major!“ Dieser nahm den Rapport der Agentin entgegen und fügte ihn dem Akt Kreuzbach hinzu.
„Der Fürst von Hametten ist sehr mit Ihrer gestrigen Arbeit z‘frieden, Fräulein Wotruba“, erklärte er dabei. „Sie hab‘n schnell und völlig richtig reagiert und g’handelt!“
„Ich hab‘ halt Glück g’habt, dass ich richtig g’standen bin“, antwortete sie. „Gott sei Dank. Es wär gar nicht auszudenken, was passiert wär‘, wenn der Mann die Regentin wirklich umbracht hätt‘.“
„Stellen’S jetzt ihr Kerzerl nicht unters Schafferl, Fräulein Wotruba. Sie gehör’n unzweifelhaft zu unseren besten Agenten und bleiben jetzt auch gleich an diesem Fall dran. Verhören’S den Kerl, ich stell noch zwei Männer zu ihrer Unterstützung ab.“
*
Rom
Im großen, prächtig mit Fresken aus der Renaissance ausgestatteten Salon des Palazzo Contadino ging Chiara Amussetti erregt auf und ab.
„Wir müssten schon lange eine Nachricht von Atrá bint Selina bekommen haben, Elettra“, räsonierte sie laut. „Die Mutter muss doch einfach reagieren und uns ein paar Leute senden. Wie sollen wir denn das Rad des Merkaba sonst aus dem Land bringen? Mit einem Boot den Tiber hinunter und dann auf ein Schiff, das ist die einzige Möglichkeit.“ Elettra Massonoti räkelte sich lasziv auf dem Diwan, sie war sinnlich, schön, schlank und von auffallender Blässe, ihre Haut schien beinahe so weiß und durchscheinend wie das beste chinesische Porzellan. Das pechschwarze Haar bildete dazu einen überaus starken Kontrast, ebenso wie die vollen, roten Lippen und die stark geschminkten Augen. Die Signora war eine erfahrene Lupa, eine professionelle Dame des waagrechten Gewerbes und führte die täglichen Geschäfte des normalen Bordellbetriebes des Goldenen Frühlings, während Chiara die spiritistischen Sitzungen betreute.
„Beruhige dich doch ein wenig, Chiara!“ Elettra hielt überhaupt nichts von Nervosität irgendwelcher Art, sie blieb in jeder Situation gelassen. „Es ist doch erst knapp über einer Woche her, dass du nach Alexandria telegraphiert hast. Gedulde dich noch ein wenig. Seit über tausend Jahren liegt dieses Rad jetzt in Rom, da kommt es auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht mehr an!“ Elettra nahm noch einen Schluck aus ihrem Pokal.
„Du bist immer so ruhig“, wunderte sich Chiara, ging zum Diwan und setzte sich zu Elettra.
Diese zuckte mit den Schultern. „Das lernt man im Laufe langer Jahre, Liebes. Komm her und lehn dich an mich. Entspanne dich, mache deine Muskeln ganz locker. Beruhige dich.“
„Aber…“
„Scht. Nicht sprechen, Kleines.“ Der lange, schlanke Zeigefinger verschloss Chiaras Mund. „Nur fühlen. Lass dich einfach gehen!“ Der Finger glitt tiefer, öffneten die Knöpfe am Kragen der Bluse, fuhr noch weiter, öffnete noch mehr Knöpfe, während Elettras Mund die Lippen Chiaras verschloss. Ihre Hand suchte und fand den Weg unter Chiaras Bluse, berührte die empfindlichen Stellen, die Mamillae reagierten prompt darauf.
Es klopfte dezent an der Tür zu Chiaras Salon, und Emanuele Baritti, das Faktotum des Hauses, trat beinahe lautlos in das Zimmer. Lächelnd betrachtete er noch eine Zeitlang das Paar, ehe er sich räusperte und das Wort ergriff.
„Verzeihen Sie, wenn ich störe, Padrona, aber ein Bote aus Alexandria ist angekommen.“
„Ein Bote aus Alexandria? Sehr gut, ich komme sofort!“ Rasch machte sich Chiara aus der Umarmung Elletras frei, schloss mit fliegenden Fingern wieder ihre Bluse, ordnete rasch ihren Rock und eilte an Emanuele vorbei in den Nebenraum.
„Genug gesehen, Emanuele?“ Elettra machte keinerlei Anstalten, etwas zu verbergen und zu verdecken.
Der Diener hob lächelnd eine Braue. „Es ist zweifellos eine der ganz großen Gratifikationen meines Dienstes in diesem Haus, Signora, dass ich etwas so Schönes sehen darf! Manchmal sogar unverhüllt.“
„Ich habe nichts dagegen! Komm näher und sieh nur ganz genau hin!“ Langsam ergriff sie ihren Rock, dessen Saum unter dem Zug ihrer Hände immer höher glitt.
„Und vielleicht darf ich auch …?“
„Perchè no?“ Elettra leckte sich sinnlich lächelnd die Lippen. „Komm nur näher, Emanuele!“
Der Mann in der eleganten Kleidung wandte sich zu Chiara um, als diese den Raum betrat.
„Signora Amussetti? Chiara Amussetti?“
„Die bin ich!“ Sie hielt ihm die Hand zum Kuss entgegen, und der junge Mann drückte ihre Finger in einem bestimmten Rhythmus.
„Gut, junger Mann. Wer sind sie?“
„Mein Name ist Bernardo Trozzani. Mich sendet der Nayib Atrás, Signora. Entschuldigen Sie die Verspätung, wir mussten erst die richtigen Leute zusammen holen.“
„Das verstehe ich. Nun gut, sind Sie bereit, in den Vatikan zu gehen und von dort das Rad des Merkaba zu besorgen und es nach Ägypten zu bringen?“ Chiara konnte nicht ruhig stehen bleiben und schritt auf und ab.
„Genau dafür, Signora, bin ich ja gekommen. Ein Boot und ein Schiff sind bereits mit einer ausreichenden Mannschaft unterwegs, aber ich bin einmal voraus geeilt, um mir ein Bild von der Lage zu machen und Eure Anweisungen zu erfahren.“ Im Gegensatz zur nervösen Chiara blieb Bernardo völlig ruhig.
„Bene! Kommen Sie mit, Signore Bernardo, ich zeige ihnen die Pläne. Und heute Abend den Gang in natura und selbstverständlich die Reliquie.“
*
„Das hier ist die geheime Tür“, flüsterte, nein, hauchte Chiara in Bernardos Ohr. „Hören sie genau hin!“ Leise klang das allabendliche ‚Hoc clausum est‘ des Pater Archivars, und ebenso durch die dicke Geheimtür gedämpft das ‚Suus vere clausa‘ mit der Stimme des wachhabenden Leutnants der Schweizer Garde.
„Nun, da unsere Pflicht getan ist, Tenente, wollen Sie nicht noch mit mir in meine Zelle kom…?“ Ein dumpfes Geräusch schnitt die Worte ab.
„Zwei vom Orden der Thermofratenser?“ Bernardos leise Stimme klang ein wenig spöttisch, aber Chiara zuckte nur ihre Schultern.
„Ehrlich gesagt, ist mir das völlig egal. Die sind beide zumindest erwachsen, und was Gott oder der Teufel oder sonst irgend Jemand oder Etwas nach ihrem Tod mit ihnen macht oder nicht macht, interessiert mich noch sehr viel weniger. Kommen Sie jetzt mit!“ Mit einem leichten Druck auf einen kleinen Hebel betätigte sie einen Federmechanismus, und die geheime Tür schwang geräuschlos auf. Sie war hoch genug eingebaut, um am Boden keine verräterischen Schleif- und Kratzspuren zu hinterlassen, und die beiden Einbrecher standen gleich darauf vor der Tür des Vatikanischen Archives. Chiara Amussetti kniete sich davor und führte ihre Haken mit viel Fingerspitzengefühl in die Schlossöffnung ein. Es war eines jener uralten, riesigen Schlösser, deren Schlüssel noch eine Handspanne in der Länge maßen und sowohl der Bart als auch das Schlüsselloch entsprechend groß waren. Die Verwaltung des Vatikans hatte dieses Schloss seit Jahrhunderten nicht mehr auswechseln lassen, denn zwischen dieser mehr rituellen als praktisch notwendigen Tür und den restlichen Räumen des Vatikans gab es noch vier andere Türen, alle mit weit moderneren und kleineren Schlössern versehen. Komplizierten Schlössern, welche Chiara sehr viel größere Probleme bereitet hätten als dieses alte und primitive. Vor der letzten Tür zwischen dem Vatikan und seinem Archiv standen Tag und Nacht zwei Gardisten mit Schwertern und Hellebarden, immer noch gekleidet in der alten Uniform von Leonardo daVinci, in zwei Wachzimmern noch insgesamt vier andere, auch sie in den alten Uniformen ihren Dienst versehend, jedoch mit den derzeit modernsten Waffen ausgerüstet, und zwar mit leichten Flechette-Pistolen und -Gewehren der Schweizer Industrie Gemeinschaft SIG in Bern. Hier unten, vor dieser letzten Tür, vermutete man aber niemanden mehr und beschränkte sich auf die Zeremonie des Pater Archivars. Weil das eben schon seit Jahrhunderten genau so gemacht wurde, einen praktischen Sinn musste ein solches Ritual, dessen Entstehungsgeschichte lange vergessen war, nicht unbedingt haben.
Die Tür zu der riesigen, unterirdischen Halle des vatikanischen Lagers für Schriften, Reliquien und Kunstschätze aller Art öffnete sich ebenfalls ohne ein Geräusch zu machen, und Bernardo warf einen langen Blick hinein.
„Mein Gott“, rief er endlich erstaunt aus. „Ich glaube, da wir brauchen ein viel größeres Boot!“
„Nicht für das Wichtigste von all dem“, widersprach Chiara. „Kommen Sie nur mit!“ Sie führte den Staunenden durch die Reihen von Regalen, vorbei an dutzenden Kunstgegenständen, Statuen und Statuetten.
„Oh Gott! Dieser Gesichtsausdruck“, bemerkte Bernardo, blieb stehen und betrachtete fasziniert eine der vielen Statuen. „Das ist ja – also, diese Frau ist beinahe völlig verhüllt und trotzdem ist die Skulptur allein durch ihre Mimik irgendwie total erregend!“
„Das ist der erste Entwurf zu einer der berühmtesten Statuten von Bernini, die Verzückung der heiligen Theresa von Avila, glaube ich. In der endgültigen Fassung ist der Engel allerdings etwas weniger maskulin, weist Schwingen auf und hält einen Pfeil in der erhobenen Hand, nicht mehr die Finger knapp über ihren Schenkel, und der Gesichtsausdruck ist nicht mehr ganz so eindeutig! Aber den Priestern damals hat dieser Entwurf hier sicher gefallen, immerhin haben sie ihn aufgehoben.“

„Wunderschön!“ Bernardo warf noch einen Blick zurück. „Haben Sie auch die Bücher hier unten durchgesehen, Donna Chiara?“
„Wo hätte ich denn da anfangen sollen? Ich habe selbstverständlich ganz willkürlich hier oder da ein paar Blätter kurz angesehen, aber das Ordnungssystem überhaupt nicht verstanden. Ich glaube beinahe, die Schriften wurden nach ihrer Wichtigkeit für den Archivar sortiert.“
„Was ist das denn?“ Mit diesen Worten strich Bernardo über einen seltsam grünlich schimmernden Kürass mit einem blauen Adler auf goldenem Wappenschild auf der Brust, dann beugte sich vor und las die Inschrift. „Defendo corpus sancti Pontificis Urbanum VI. Ich beschütze den Körper des heiligen Papstes Urban VI.?“
„Oder den heiligen Körper des Papstes Urban. Obwohl ich mir nicht denken kann, was an diesem so heilig gewesen sein soll. Auf jeden Fall ist es ein Brustpanzer aus einem geheimnisvollen Metall, der eigens für Papst Urban VI. gefertigt wurde!“ Chiara strich über den Schulterteil des Harnisches. „War scheinbar ein ziemlich kleiner Mann, dieser Bartolomeo Prignano.“
„Und dann das hier.“ Bernardo war wieder stehen geblieben und hielt einen golden Reif in die Höhe. „Was steht hier außen auf dem Ring? ,Amo ex Giulia, Alexander Pontifex‘?“
„Ein Geschenk seiner Geliebten, der schönen Giulia Farnese an Papst Alexander VI.“, erklärte Chiara wie nebenbei. „Ich finde, das ist wirklich eine ausnehmend schöne Arbeit. Der Ring aus diesem kunstvoll mattierten Gold, diese hübsche glänzende, glatte Goldperle an einem kurzen Stiel, die mit einem Scharnier und einer Blattfeder daran befestigt ist.“
„Ein wenig misslungen, dieses Teil, wie ich finde. Der ist ja viel zu groß, selbst für meinen Daumen, und ich habe keine kleinen Hände! Und für das Handgelenk ist er doch selbst für eine zarte Frau zu klein. Ich an Stelle dieser Giulia hätte mein Geld von diesem Pfuscher umgehend zurück verlangt!“
„Lesen Sie einmal den innen gravierten Text, Bernardo.“
„Felicitas enim duo. Für höchstes Glück zu zweit?“
„Der Ring war nie für die Hand gedacht, oder das Handgelenk! Und diese kleine runde Perle hat der guten Giulia, nachdem der Ring nach Maß gefertigt war, sicher einige Male sehr viel Lust bereitet.“
„Nicht für…? Ihr Lust bereitet? Wie…?“
Chiara blickte lächelnd auf die Leibesmitte Bernardos. „Benötigen Sie eine Zeichnung?“
„Oha! Das ist, der war für … für … für den … also, den Familienschmuck?“
„Oh ja“, schmunzelte Chiara. „Der Legende nach sollen die Borgias alle recht gut ausgestattet gewesen sein, und besonders Rodrigo. Dieser Ring scheint dieser Sage durchaus Recht zu geben! Jetzt aber keine Komplexe bekommen, Bernardo. Die Größe seines Gemächtes ist doch wirklich nicht alles bei einem Mann!“
„Das sagen Sie so einfach, Donna. Aber wenn man dann das da sieht, da – ach, lassen Sie uns doch einfach weitergehen und von etwas anderem sprechen. Was ist denn das hier?“
„Eine Gemäldesammlung, Bernardo. Besser gesagt, Entwürfe für spätere Gemälde. Hier zum Beispiel in dieser Mappe sind jene von Michelangelo für die Sixtinische Kapelle, dieses zeigt die Vertreibung aus dem Paradies! In der Kapelle selbst hat Michelangelo seinen Adam dann doch etwas weniger – prominent ausgestattet und den Kopf Evas auf die andere Seite gedreht. Die Nähe des Gesichts Evas zu Adams aufgerichtetem Familienschmuck war dem Papst wohl dann doch etwas zu viel an erotischer Anspielung. Oder hier, die Erschaffung der Sonne, des Mondes und der Planeten.“
„Das ist ja direkt unspektakulär, im Vergleich zu den anderen!“
„Nun, ja, schon“, gab Chiara mit breitem Grinsen zu. „Aber hier ist auch die Rache des Künstlers an Papst Julius II zu sehen. Als Michelangelo beinahe fertig war, kam es zu Streitereien zwischen Papst und Maler, also malte Michelangelo Gott in diesem Segment hier mit nacktem Hinterteil! Deutlicher konnte er Mangia dal mio Culo eigentlich kaum sagen!“
„Gott zeigt wirklich ausgerechnet in der Sixtinischen Kapelle seinem Vertreter auf Erden den blanken Hintern?“ Bernardo riss die Augen auf, dann lachte er laut. „Der Typ gefällt mir!“
„Bis heute! Und mir gefällt es auch, sogar sehr. In dieser Mappe sind einige Entwürfe von Caravaggio, hier zum Beispiel ‚Amor als Sieger‘. Die Figur des nackten Amors hat der Künstler in seinem endgültigen Werk zwar beibehalten, die offenbar sehr befriedigte Frau, aus deren Bett er gerade steigt, jedoch durch einen Himmelsglobus unter einem Laken und diverser Symbole der Macht und der Künste ersetzt. Dafür hat er die Frau auf dieser Skizze dann für seine ‚Maria Magdalena in Ekstase‘ verwendet.“
„Puh!“ Bernardo wischte sich über das Gesicht. „Diese klassischen Maler haben ja oft direkt pornographische Werke gemalt!“
„Manchmal!“ Chiara zuckte mit den Schultern. „Einige der klerikalen Auftraggeber haben sogar ganz dezidiert einen recht deftigen Entwurf verlangt, nur um dann doch wieder zurück zu rudern. Einmal, als ich so wahllos in den Schriften stöberte, fand ich eine Skizze Tizians. Mit schnellen Strichen auf ein Blatt Papier geworfen, als Teil eines Briefes, ob der Kunde tatsächlich bereit sei, eine farbige Ausführung zu bezahlen. Phantasie brauchte man bei diesem Bild wirklich keine mehr.“
„Und wie ging die Sache damals aus“, hakte Bernardo interessiert nach.
„Es ist zumindest mir kein Bild bekannt, welches auch nur die geringste Ähnlichkeit mit dieser Skizze hat.“ Chiara Amussetti ging weiter, und Bernardo folgte ihr auf dem Fuße. „Also hat der Bischof wohl doch kalte Füße bekommen! Vielleicht bekam aber auch Alessandro Farnese die Zeichnung in die Hand und wollte damit einen lästigen Gegner loswerden.“
„Farnese? So wie vorhin diese Frau mit dem Ring? Aber …“
„Der Bruder“, nickte Chiara. „Später dann Papst Paul III. und ein großer Verfechter der Heterosexualität! Böse Zungen behaupten, dass er nur Papst wurde, weil seine Schwester im Bett der meisten Kardinäle des Konklaves zu Hause gewesen wäre. Nun, zur damaligen Zeit gab es 70 im Konklave Wahlberechtigte, zwei Drittel der Stimmen sind für eine Wahl nötig – also hat sie wohl während der Sedisvakanz mit mindestens 47 Kardinälen geschlafen. Mit einigen soll es sogar mehrmals geschehen sein. Da bekommt die alte Redensart ‚alle bei der Stange zu halten‘ eine ganz neue Bedeutung, oder?“
„Dann war der Tizian also – also – wie soll ich sagen? Nicht …“
„Es waren zwei Männer, Bernardo! Und Sodomie ist zumindest offiziell ein schweres Vergehen im Christentum. Auch wenn es durchaus nicht unüblich … Nein, lassen wir das, es würde zu weit führen! Wenden wir uns lieber diesem da Vinci zu, der ‚Verkündigung‘. Sehen Sie den Gesichtsausdruck von Maria und Joseph?“
„Sie scheint auf diesem Bild ja ganz glücklich zu sein, er – nun, er wirkt ziemlich griesgrämig.“
„Haben Sie bemerkt, wo der geflügelte Bote seine Hand hat? Auch wenn diese Hand unter dem Stoff ist, Leonardos Bild zeigt bei näherer Betrachtung so ziemlich alles!“
„Alle Teufel!“ Bernardos Gesicht lief plötzlich rot an. „Kein Wunder, dass Joseph so böse dreinschaut. Ich würde diesem Kerl ganz nachdrücklich auf die die frechen Finger klopfen, ihm ordentlich die Flügel stutzen und ihn dann auch noch windelweich prügeln!“
„Aber, Aber, Bernardo“, drohte Chiara schelmisch mit ihrem schlanken Zeigefinger. „Einen Abgesandten Gottes schlagen?“
„Dann soll er sich doch auch wie einer benehmen“, bemerkte der Mann noch, dann gingen sie weiter.
„Was soll das denn nun darstellen?“ Bernardo hatte eine steinerne Maske entdeckt, welche grotesk verzogene Gesichtszüge zeigte, und strich über ihre Stirn.
„Dicere Verum – ne per mendacium – qui dico nobis – si autem non vis“ quäkte die Maske plötzlich unter seiner Hand, und als er diese zurück ziehen sollte, klebte sie fest an der Stirn der Maske.
„Ich – ich bin – ich bin Bernardo Trozzani. Ich wurde von – von – von Saloumne, der großen Mutter, beauftragt, das sechsspeichige Rad des Merkaba aus dem Vatikanischen Archiv zu besorgen.“
Chiara runzelte die Stirn. „Ich kenne keine Saloumne! Welche Stellung hat sie denn beim Goldenen Frühling?“
„Keine! Sie ist kein Mitglied dieser argen Organisation. Es – es ist – es wäre böse, wenn der Orden der Awlad Alrabi über den Goldenen Frühling die Welt beherrschen sollte! Das wäre schlimmer, als es der Vatikan derzeit ist, denn dieser ist politisch zahnlos geworden und – und hat ohnehin kaum mehr weltliche Macht!“ Schweiß sammelte sich auf Bernardos Gesicht, immer noch konnte er seine Hand nicht von der Maske lösen. Mit der linken tastete er unter seine Jacke und zog mühsam eine Pistole hervor. „Jetzt – jetzt muss – muss ich dich leider töten, Chiara. Du weißt schon viel zu viel!“ Mit einem Satz war Chiara zwischen zwei Regalen und lief los, während des Laufes flackerte immer wieder das eine oder andere Artefakt auf ihrem Weg auf. ‚Der Ausgang,‘ hämmerten ihre Gedanken. ‚Ich muss den Ausgang finden!‘
„Bleib stehen, Chiara“, ertönte von irgendwo her die Stimme Bernardos, scheinbar hatte ihn die Maske endlich frei gelassen. „Ich bekomme dich ja doch. Schade um eine schöne Frau wie dich, aber es ist für eine gute Sache!“
„Wie kann ein Mord einer guten Sache dienen“, rief Chiara zurück.
„Wie kann denn vielfacher Mord und ein Krieg aller europäischer Mächte gegen einander etwas Gutes bewirken“, kam seine Gegenfrage.
„Der neue Messias wird die Seelen erlösen und die Menschen befreien“, rief Chiara.
„Er wird ihnen seinen Glauben und seine Religion aufzwingen, genau so, wie es früher die Kirche tun wollte!“
„Und was wollt ihr?“
Bernardo lachte. „Die Scherben aufsammeln, die euer Goldener Frühling erzeugen wird und eine neue Welt erschaffen. Unsere Welt!“
„Also genau genommen – auch nichts anderes als der Frühling“, stellte Chiara fest.
„Natürlich nicht! Darum geht es doch immer!“, gestand ihr Bernardo. „Macht ist Reichtum, Reichtum Macht, und der Mensch will davon möglichst viel. Der Rest ist ja doch nur Beiwerk. Firlefanz. Habe ich dich endlich, Chiara!“
Tatsächlich, er hatte Chiara im Gang knapp außerhalb des Archives gestellt und visierte sie jetzt über den Lauf seiner Pistole hinweg an.
„Es tut mir wirklich leid, dass nichts aus einem kleinen Schäferstündchen mit uns beiden wird, aber jetzt wäre das wohl zu riskant für mich. Wenn es dich tröstet, was ich jetzt tun muss, ist wirklich nichts persönliches! Ich hätte dich gerne am Leben gelassen und wäre einfach mit dem Rad verschwunden, wenn nicht – nun, ja, du warst dabei. Es tut mir wirklich leid! Ehrlich!“ Dunkler Nebel verdichtete sich zwischen Chiara und Bernardo, als der Schuss krachte.
„Welch ein nettes Willkommen“, lächelte Elettra vorwurfsvoll. „Das hat ja richtig weh getan. Und was noch viel schlimmer ist, mit diesem Loch darin ist auch das Kleid völlig ruiniert!“ Sie entblößte lange, spitze Eckzähne. „Das war das erste Modell von Rosa Genoni, jenes vom vorigen Jahr, als ihren Namen noch niemand kannte! Ein unersetzbares Unikat! Jetzt – jetzt gehörst du mir!“ Zwar versuchte Bernardo noch mit einer raschen Flucht in das Archiv zu entkommen, doch mit einem weiten Satz hatte die Vampirin den Agenten eingeholt, herumgewirbelt und mit dem Rücken gegen die Wand gepresst.
„Nein! Bitte nicht“, jammerte Bernardo, und Elettra schnurrte
„Wenn es dich tröstet, was ich jetzt tue, ist nichts persönliches“, zitierte sie ihn, dann biss sie kraftvoll zu und löschte Bernardos Leben aus. Endgültig. Ohne Möglichkeit einer Wiederauferstehung als Vampir. Die Fangzähne Elettras schrumpften auf ihre ursprüngliche Größe zurück und auch ihre langen Krallen wurden wieder zu normalen Fingernägeln, während sie den Kopf in den Nacken warf und ein lautes Fauchen ertönen ließ. Danach schleuderte sie die exsanguierte Leiche Bernardos mit übermenschlichen Kräften in den geheimen Gang und wandte sich an Chiara.
„Kannst du gehen?“
„Du hast… du bist…“
„Ja, Chiara. Ich habe ihn umgebracht und ja, ich bin ein Vampir. Und jetzt sollten wir schnellstens hier verschwinden. Kannst du gehen?“
„Also… ja, ich kann gehen.“
„Gut, dann gehen wir.“ Damit schob Elettra die schockierte Signora durch die Öffnung. „Verschließ die Tür wieder, Chiara!“
„Welche Türe de… oh, ja! Ja natürlich!“ Als die Geheimtür ebenfalls wieder geschlossen war, verschwand der Glanz der Artefakte, und die gewohnte nächtliche Dunkelheit senkte sich über das Archiv. Nur die sechs Speichen des Rades, das bereits der Prophet Ezechiel beschrieben hatte, glühten noch leise und beleuchteten die Buchstaben darunter. In hac victoria – durch dieses siege.
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Ein Zündholz flackerte auf, zittrig hielt es Chiara an den Docht der vorher ausgelöschten Petroleumlampe. Endlich traf sie ihr Ziel, der Ölgetränkte Stoffstreifen entzündete sich, danach steckte sie den Glaszylinder in die Halterung. Relativ gleichmäßiges, wenn auch gedämpftes Licht vertrieb die totale Finsternis im Geheimgang. Chiara drehte den Docht höher, und es wurde noch etwas heller.
„Wieso…?“
„Nicht jetzt, Chiara“, wehrte Elettra ab. „Zuerst müssen wir diese Leiche loswerden. Auch ohne Blut wäre die Geruchsentwicklung nach einigen Tagen – sagen wir einmal, olfaktorisch ziemlich auffallend. Die Garde könnte ihrer Nase nachgehen und dieses nette Türchen hier finden. Ich glaube, das willst du wohl nicht, oder?“ Chiara schüttelte den Kopf.
„Kannst du gehen?“, fragte die Vampirin. „Ich meine, allein!“
„Ich – ja, natürlich!“ Amussetti war noch etwas benommen, rappelte sich aber zusammen.
„Dann gehe jetzt nach Hause, Chiara“, drängte Elettra. „Ich komme später nach und erzähle dir alles!“ Dann verschwand die blasse Frau mit dem Leichnam Bernardos einfach in der Dunkelheit, als hätte es sie nie gegeben. Chiara aber taumelte durch den Gang, dann auf die verlassenen Straßen Roms und zum Palazzo Contadino. Elettra, ihre Lupa, ein Vampir? Und sie hatte nichts davon bemerkt? Jetzt hatte sie ihr auch das Leben gerettet – woher hatte sie überhaupt gewusst, dass sie kommen musste, dass Bernardo sie bedrohte? Wie…
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„Deine Gedanken waren plötzlich in meinem Kopf, ich konnte sehen, wie du durch die Gänge des Archivs gelaufen bist“, beantwortete Elettra einige Zeit später diese Frage. „Ich konnte hören, was Bernardo sagte, ich konnte riechen, was du gerochen hast, und ich konnte deine Angst wahrnehmen. Da habe ich mich eben beeilt. Und bin wohl noch zur rechten Zeit gekommen!“
„Dann – werde ich jetzt eigentlich die Nächste sein, wenn der Durst dich überkommt und du wieder Blut trinken musst? Oder Emanuele? Luigi?“
„Kein Vampir muss Blut trinken, Chiara. Das behaupten zwar manche von uns gerne, aber es ist nicht ganz richtig. Wir – nun ja, wir ‚sterben‘ nicht, wenn wir kein Blut zu uns nehmen. Abgesehen davon, dass wir ja doch schon irgendwie tot sind. Aber es bewegt sich trotzdem noch etwas in unseren Adern, das rot ist und uns denken und handeln lässt. Und du wirst mir bestätigen, dass wir uns, obwohl wir doch tot sind, seltsamerweise keineswegs kalt anfühlen, ganz im Gegenteil. Und das wir immer noch Schweiß und – nun, und auch noch andere Körperflüssigkeiten bilden, die sich nicht von denen normaler, noch wirklich lebender Menschen unterscheiden. Dafür benötigen wir Flüssigkeit, Wasser, wie jeder Mensch auch, oder noch besser, Suppe. Das mit dem Blut, das ist eher eine Sucht, so wie es einem Menschen mit Opium oder Kokain ergeht. Nur, dass bei Leuten wie uns keine Entziehungskur hilft, die Sucht bleibt auf ewig, solange wir denken. Oh, wir sublimieren sie natürlich auf vielfältige Art und Weise, aber dieser herrliche metallische Geschmack, wenn das Blut warm und lebendig die Kehle hinunter fließt – es gibt einfach keinen echten Ersatz dafür. Aber – nun, man lernt besser, sich zu beherrschen, Chiara. Oder man lernt bald nichts mehr, weil – der Kopf fehlt! Die einzige dauerhafte Methode, einen Vampir endgültig zu – nun, wie auch immer man es nennen will. Töten ist irgendwie ein unpassender Begriff dafür, denn tot – tot sind wir ja eigentlich doch schon. Vergiss den Pflock, der ist für einen Vampir nur eine gute Gelegenheit, eine andere Leiche zu stehlen, sie auszutrocknen und dann an seiner Stelle hinzulegen. Falls doch noch jemand nachsehen kommt, ob der Vampir noch in seinem Sarg liegt. Und danach kann er – oder sie – selbst leicht untertauchen und sich anderswo neu ansiedeln.“
„Wie ist das mit dir, Elettra? Trinkst du Blut von unseren Kunden?“
„Nicht hier in diesem Haus, ich bin doch nicht dumm, Chiara. Ja, ab und zu gehe ich des Nachts hinaus und suche schlimme Gegenden auf, wo jemand glaubt, er könne mich ungestraft überfallen. Oder ich gönne mir einen, der seine Frau oder Kinder brutal misshandelt – aber immer so, dass er nicht mehr zurück kommen kann. Ich weiß, wie man Vampire endgültig exekutiert, und ich dezimiere manchmal die zweibeinigen Ratten in Rom. Denn glaube mir, Chiara, die sind noch sehr viel schlimmer als die vierbeinigen.“
„Wie bist du eigentlich zum Vampir geworden?“ Chiara lehnte sich interessiert vor.
„Du willst wirklich meine Geschichte hören, Chiara? Es ist eigentlich die gleiche wie bei fast allen Vampiren. Eine Frau trifft einen Mann, der ihr den Himmel auf Erden verspricht, und der auch wirklich die absolute Lust in ihr erwecken kann. Dieser Mann gibt dir das Gefühl, mehr zu sein als nur ein Körper, den er besteigen will. Und der Sex ist dann tatsächlich so phänomenal, wie er es versprochen hatte. Eines Tages fühlst du dann in der höchsten Ekstase einen kurzen Schmerz am Hals, auf einmal wird es ganz kurz dunkel um dich und dann kannst du wieder sehen, hören, riechen, alles wird intensiver, du fühlst, wie pures Leben wie Feuer durch deine Kehle fließt! Du erlebst für wenige Sekunden wirklich diesen versprochenen Höhenflug, den Himmel auf Erden!“ Chiaras Stimme bekam einen verträumten, entzückten Klang, dann fuhr sie plötzlich mit kaltem, nüchternem Klang fort. „Und dann versuchst du eine Ewigkeit lang ständig diesen einen Moment wieder zu erleben, aber er entzieht sich dir immer und immer wieder. Alles was danach kommt, ist banal und schal, aber mit jeder Faser lechzt du nach einer Wiederholung, einer einzigen Sekunde nur. Wenn du das Blut eines Menschen trinkst, leuchtet für einen ganz kurzen Moment Farbe in dein graues Leben, nur um sofort wieder zu verschwinden, der Himmel scheint zum Greifen nah zu sein, aber ehe du ihn erreichst, entfernt er sich schneller, als er sich genähert hat. Nur einmal war ein Mann stark genug, um mir dieses Gefühl vom ersten Mal wieder zu schenken, für einen ganz, ganz kurzen Moment dachte ich, das ist es … aber dann verging das Gefühl ebenso wie der Mann, ich konnte mich damals einfach noch nicht genügend zügeln. Dabei war Ataxerxes der Dritte körperlich gar nicht so kräftig, aber sein Geist war so – so mächtig, sein Blut so herrlich stark. Sie haben dann behauptet, sein Heerführer Bagoas habe ihn vergiftet, weil sie keine andere Erklärung für seinen Tod fanden!“
„Wann und wo wurdest du eigentlich zum Vampir, Elettra?“
„Ach, das ist lange her. Kennst du den Namen Echnaton? Einer jener Priester des Amun, die Echnaton bekämpften, und ich – nun, ich war jung und hübsch, eine Tempeldienerin Amuns. Aber das waren wir ja alle, und wir waren viele. Warum er gerade mich wollte, warum er mich nicht einfach nahm, sondern zum Vampir machte und nicht einfach tot sein ließ, das alles werde ich nie erfahren. Denn bei einem Überfall der Atonanhänger verlor er bald darauf seinen Kopf, und so konnte ich ihn nicht mehr befragen.“
„Und jetzt“, fragte Chiara neugierig.
„Jetzt? Seit Jahrhunderten sehne ich mich danach, diesen einen Moment einmal noch erleben zu dürfen, nur ein einziges Mal, und ich weiß doch, er wird mir nicht wieder zuteil werden! Nie wieder!“
Chirara Amussetti stand auf, ließ ihr Gewand zu Boden gleiten und hielt Elettra ihre entblößte Kehle entgegen.
„Beiß zu, Elettra!“
„Du hast nicht zugehört, Chiara. Es gibt dann keine Freude mehr, keine Liebe. Nur noch Gier und sexuelle Lust. Beinahe unbezwingbare, ständige Gier nach Lust und Blut!“ Unter Elettras Oberlippe schoben sich zwei lange Fangzähne hervor, ihre Nägel wuchsen sichtbar, doch noch blieb die Vampirin stehen und bewegte sich nicht.
„Liebe? Al Inferno l’amore!“ schrie Chiara. „Es gab und gibt keine Liebe in meinem Leben, aber vielleicht wird es Rache geben!“
„Es gibt bald nach dem Biss auch keinen Hass mehr, nur noch unstillbares Sehnen. Allenfalls noch Loyalität und Dankbarkeit jenen gegenüber, die dich gut behandelt haben. Überlege es dir doch noch einmal genau, Chiara!“
Mit wenigen langen Schritten war Chiara bei Elettra, umarmte sie und neigte den Kopf zur Seite.
„Mach schon!“, flehte sie, da gab es für Elettra keine Hemmungen mehr. Sie umarmte Chiara Amussetti ihrerseits, drückte den Körper der anderen Frau fest an den ihren, öffnete den Mund weit und schlug ihre langen Zähne in die pulsierende Halsschlagader Chiaras, ein kurzes, saugendes Schmatzen war zu hören. Elettra fing die zusammen sinkende sterbende Chiara auf, hob den Kopf zur Decke, und ihr lautes Fauchen erfüllte den Raum. Dann legte Elettra den Körper Chiaras vorsichtig ab, stützte ihren Kopf, biss sich in das eigene Handgelenk und tröpfelte das hervorquellende Blut in Chiaras Mund.
„AAAH!“ Ein langer, stöhnender Schrei entfuhr Chiaras Kehle, sie öffnete ihre Augen und sah Elettra in die Augen, welche sich hinabbeugte und die neu geschaffene Vampirin heftig küsste und zärtlich streichelte. Chiara erwiderte diesen Kuss mit derselben Gier und griff ihrerseits zu.
„Mehr!“ keuchte sie zwischendurch. „Ich will mehr! Viel mehr! Gib es mir!“
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Eine warme Frühlingsnacht hatte sich über die ewige Stadt gelegt, und die Menschen hatten nach der Sonnenglut des Tages ihre Häuser verlassen, um in den unzähligen Lokalen der Stadt an den zu dieser Jahreszeit bereits oft im Freien stehenden Tischen mit Freunden oder der Familie zu speisen und dazu das eine oder andere Glas Wein zu trinken. Von oben betrachtet boten die Straßen ein flackerndes Bild tausender Kerzen auf ebenso vielen Tischen vor den Tavernen. Vor allem für die Augen Chiaras, welche hoch über der Stadt schwebte, wirkten die Straßen damit wie hell erleuchtet. Noch heller aber erschien ihr der Vatikan, welcher über seine eigene elektrische Beleuchtung verfügte, welche von modernen endothermischen Dampfkesseln im Keller gespeist wurde. Auch Italien war auf diesem Gebiet technologisch nicht hinter dem restlichen Europa, und die Stadt selber hatte einige durchaus brauchbar funktionierende Stromnetze, welche vom italienischen Polvere die Vapore betrieben wurden. Aber wenn man Abends mit dem oder der Liebsten in die Taverne auf das eine oder andere Gläschen ging, wollte man als Römerin oder Römer in den Nebengassen, wo die Tische der Tavernen standen, ganz einfach den flackernden, romantischen Kerzenschein.
Seine Eminenz Kardinal Pietro Mussirimi jedoch mochte gerade die starke Helligkeit der elektrischen Beleuchtung. Ganz besonders liebte er das helle Licht, wenn er eine der knapp 18 Jahre alten Novizinnen des Ordens der Heiligen Jungfrau Citha zu Monsagrati in einige der pikanteren Geheimnisse des Vatikans einwies. Die Angehörigen dieses Ordens übernahmen im Patrimonium Petri die Koch- Putz- und sonstigen anfallenden niedrigen Arbeiten, sie waren im Prinzip nicht mehr als unbezahlte Dienstmädchen im Nonnenhabit. Und die hübscheren noch mehr. Viel mehr. Der Kardinal liebte es besonders, die Arbeit der Wangenmuskeln bei der Novizin zu beobachten, welcher er eben einen dieser pikanten Dienste aufgetragen hatte. Das Mädchen hatte sich zwar anfänglich gesträubt, wie schon so viele vor ihr, aber einige kräftige Klapse und Ohrfeigen des Kardinals hatten dann doch gereicht, sie sich gefügig zu machen. Auch wenn der Kardinal nie die Jungfräulichkeit der Novizinnen antasten würde, bedeutete das noch lange nicht, dass sie ihn nicht befriedigen konnten.
Plötzlich erschlafften kurz alle Muskeln des Mädchen, dann erhob sie sich langsam aus ihrer knienden Position, nahm ihren Habit auf und ging wie in Trance auf die Tür zu.
„Komm sofort zurück, du bist noch nicht fertig mit deiner Arbeit, du stupida Mucca“, schrie der Kardinal wütend und wollte ihr nacheilen. Doch ein Schatten, welcher durch die Vorhänge am Fenster schritt, hemmte seinen Schritt.
„Wer bist du, und wie kommst du hier herein?“, herrschte er die fremde Frau an, während sich die Novizin ankleidete und das Zimmer verließ. Sie würde sich später nur noch daran erinnern, dem Kardinal Tee gebracht zu haben und danach in ihre Zelle gegangen zu sein.
„Du erkennst mich nicht wieder?“, fragte die Frau und schritt mit laszivem Hüftschwung auf den Kardinal zu.
„Immer noch Eminenz und Ihr für dich und deinesgleichen, du unverschämtes Weib! Und du musst mich verwechseln“, schimpfte der Kardinal und ging zu einer von der Decke hängenden Kordel. „Ich rufe jetzt die Schweizer Garde!“
„Das glaube ich jetzt eher nicht“, lächelte Chiara Amussetti und stand wie aus dem Nichts vor dem Glockenzug.
Pietro Mussirimi kniff die Augen zusammen. „Hexe! Teufelsgezücht! Weiche von mir, du unreiner Geist, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“
„Dein Dreieiniger Gott wird dir nicht mehr helfen, Pietro“, flüsterte Chiara. „Du hast dich schon lange dem Teufel verschrieben, du Vergewaltiger! Schon vor vielen Jahren!“
„In der Bibel steht, das Weib sei dem Manne untertan“, deklamierte Pietro. „Wenn es das nicht will, muss man es eben züchtigen!“
„Auch halbe Kinder? Kleine Mädchen, die bereits einmal vergewaltigt worden sind? Ist das wirklich deine Ausrede? Ernsthaft? Keine gute Rechtfertigung.“ Sie schüttelte den Kopf, dann fauchte sie den Kardinal plötzlich laut an. „Auf deine Knie, du verdammtes, dreckiges Schwein. Sofort!“ Tatsächlich knickten die Beine des Kardinals gegen dessen Willen ein und er fand sich in jener Haltung wieder, welche vorher die Novizin eingenommen hatte.

„Weißt du, eigentlich hatte ich ja vor, dir scrofa Porca eines Tages eine Salami so lange in deinen Rachen zu stopfen, bis du verreckst“, plauderte Chiara in lockerem Tonfall weiter. „Aber jetzt – jetzt habe ich etwas viel besseres gefunden!“ Ein Mann betrat das Gemach des Kardinals, entledigte sich seiner Kleidung und Chiara stellte ihn mit einer Handbewegung vor. „Das hier ist Davide. Er ist allerdings, wie du sicher sehen kannst, wesentlich besser als jene bekannte Statue von Michelangelo ausgestattet. Also, zumindest was seine Männlichkeit angeht. Vom heutigen Tag an, Pietro, gehörst du ab Sonnenuntergang ihm. Jede Nacht. Er wird deinen Widerstand brechen und dich benutzen, wann und wie immer ihm danach ist. Und du wirst es niemandem erzählen können, du wirst ihm nicht schaden können und du wirst alles unternehmen, dass er noch lange in deiner Nähe bleibt. Und du wirst nie, niemals mehr in deinem restlichen Leben eine Frau bekommen. Du wirst nie mehr eine Novizin zu dir bestellen. Du wirst es wollen, aber nicht können. Und jetzt komm her, Davide, nimm ihn, er gehört dir!“ Vor den Augen des erschreckten Pietro Mussirimi löste sich Chiara in eine Nebelschwade auf und eine harte Hand im seinem Rücken drückte seinen Oberkörper nach vorne. Seine entsetzten Schreie verhallten ungehört, denn die Gemächer des Vatikan bestanden mit Bedacht aus dicken Mauern, welche gut gegen Schall isolierten. Schon seit Jahrhunderten.
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„Hast du es vollbracht?“, empfing Elettra ihre Freundin in ihren Gemächern im Palazzo Contadino.
Chiara nickte zufrieden. „Dieser Davide ist wirklich gut bestückt. Ich denke, er wird dem Kardinal für einige Zeit eine gehörige Portion seiner eigenen Medizin verabreichen.“
Die erfahrene Lupa zuckte mit den Schultern. „In wenigen Tagen wird es dir schon egal sein, so ist es immer.“
„Aber jetzt, in diesem Moment, befriedigt mich der Vollzug meiner Rache noch ungemein“, wandte Chiara ein. „Endlich kann ich an den schifoso Kardinal denken, ohne dass es mich in der Kehle würgt oder wo anders schmerzt! Das darf er jetzt eine Zeit lang selbst erleben.“
„Wie auch immer“, zuckte Elettra mit den Schultern und sah sich noch einmal im Zimmer um. „Hast du alles andere auch erledigt, das du noch zu erledigen hattest?“
Chiara nickte bestätigend. „Schwester Elisabetta del Sinai wird hier übernehmen, bis die Heilige Mutter einen adäquaten Ersatz gefunden hat. Vielleicht auch ganz, wer weiß. Ich habe jetzt alle meine Zelte hier abgebrochen.“
„Dann wollen wir aufbrechen!“ Kurz wallte schwarzer Nebel durch den Raum, dann war er leer. Die beiden Vampire waren ausgeflogen.
*
Ägypten
Den Nil konnte man mit Fug und Recht die Lebensader Ägyptens nennen. Außer einigen Kilometern fruchtbaren Bodens beiderseits des Flusses, welche sich manches Mal sogar auf nur wenige Meter verengten, bestand das Land zum größten Teil aus meterhohen wandernden Wellen aus gelbrotem Sand und nacktem Gestein. Trocken, lebensfeindlich, von der Sonne ausgedörrt und ausgeglüht war beides. Ab und zu, viel zu selten, unterbrach ein Tümpel, ein Teich oder ein kleiner See das schier endlose Meer aus Sand und brachte einige Quadratmeter grünen Grases und ein paar Palmen zum Vorschein. Die hier lebenden Beduinen kannten zwar noch einige weitere versteckte Brunnen, diese waren aber zu klein und enthielten viel zu wenig Wasser, um eine dauerhafte Oase zu schaffen. Dass dieser Umstand schon seit Jahrtausenden nicht anders war, bestätigten unzählige Hieroglyphen, auf Papyri gepinselt oder auf verputzte Wände gemalt, in Ton gedrückt oder in Stein gemeißelt, in unzähligen Liedern und Gebeten besungen. Ohne den großen und mächtigen Hapi, den Gott des Nilhochwassers, der den fruchtbaren Schlamm und das lebenspendende Wasser zu den Menschen entlang des Flusses brachte, musste auch das Volk der Ägypter darben und Hunger leiden. Und wehe dem Herrscher, dem es einige Jahre in Folge nicht gelingen sollte, den Gott zu seiner Pflicht zu bewegen! Ihm drohte ein schrecklicher Tod und danach ewige Verdammnis in der jenseitigen Welt. Allerdings standen diese Warnungen an den Pharao zwar in den Schriften, doch wirklich wahr gemacht dürfte man diese Drohungen, wenn überhaupt, so nicht sehr oft. Zumindest stand davon nichts in den bisher gefundenen Texten.
Viele der Pharaonen und ihre Gemahlinnen lagen in der Nähe von im Tal der Könige und im etwas weniger bekannten Tal der Königinnen begraben. Daher war dieser Ort das Mekka für Ausgräber aus dem britischen Empire, doch die Egypt Exploration Fund hatte ihre ‚Claims‘ sowohl bei der britischen Verwaltung als auch der ägyptischen Regierung bereits viel weiter abgesteckt. Die Geschäfte für die EEF vor Ort führte in Luxor Mister Ernest Alfred Thompson Wallis Budge, ein 32 Jahre alter Brite, wie er im Buche stand. Assiut einige Kilometer den Fluss abwärts im Norden war im Vergleich dazu bislang ziemlich uninteressant gewesen. Ein paar kleine Gräber von Gaufürsten und Statthaltern, einfach gebaut und kaum geschmückt. Gar nicht zu vergleichen mit der Pracht jener Gräber im Tal der Könige bei Luxor, mit dem Horustempel in Edfu, der Tempel der Neith in Esna oder dem der Hathor in Dhendera. Es war also kein Wunder, dass Mister Griffith, welcher hier tätig war, selten Besuch hatte. Die Kreuzfahrtschiffe legten hier zwar zumeist an, aber eher, um den Touristen die Möglichkeit zu einem Kamelritt in die Wüste zu bieten. Zwei Stunden auf einem Kamel reitend hin, Tee mit Minze und ein kleiner Snack in einem ‚echten Berberlager‘, danach zwei Stunden wieder zurück, pünktlich zum Diner wieder an Bord. Leihburnusse und -Turbane inklusive, gegen Aufpreis war auch eine Fantasia zu sehen.
Die Gründerin und Vorsitzende des EEF, Miss Amelia Edwards, weilte derzeit mit Mister Flinders Petrie zwar nur wenige Kilometer flussaufwärts von Assiut in Abu Tig, überließ Francis Llewellyn Griffith jedoch weiterhin die täglichen Abläufe in Assiut. Sie suchte mit ihrem Begleiter, einem bereits namhaften Ägyptologen, dort den Nil hinauf offensichtlich etwas. Nun, Abi Tiq konnte man aus verwaltungstechnischer Sicht durchaus noch als zu Assiut gehörig betrachten, daher betrachtete es Miss Edwards als ihr gutes Recht, auch dort eine archäologische Kampagne zu starten. Selbst wenn dort wirklich nicht viel zu erwarten war, ein Umstand, der Amelia Edwards nicht sehr behagte.
„Ich finde es erstaunlich, dass Sie so ruhig sein können, Mister Petrie!“ Amelia trank einen Schluck von ihrem akzeptablen Rotwein und widmete sich dann wieder ihrem Lammbraten mit Speck, Kartoffeln und Minzsauce. „Wir sind seit einer kleinen Ewigkeit hier und haben nichts. Gar nichts!“
„In der Archäologie ist es wie in der Liebe, Miss Edwards. Es lässt sich nichts erzwingen. Mit etwas Glück kann man mit Geduld das Ziel seiner Träume erringen, mit Gewalt niemals!“
„Es gibt aber nicht selten den Fall, dass ein Mädchen gegen eine entsprechende Gratifikation dem Bräutigam sehr schnell übergeben wird.“
„Das ist keine Liebe, Miss Edwards.“ Petrie griff über den Tisch und berührte die Hand Amelias, drückte kurz zu. „Das ist ein Geschäft. Liebe ist etwas anderes, wie Sie sehr wohl wissen dürften!“ Und lautlos formten seine Lippen den Namen ‚Lilly‘. Amelia erschauderte wohlig, als sie an Leigh Anne Renwright dachte, mit welcher sie durch die Dolomiten gereist war und der sie einen Gedichtband gewidmet hatte. Leigh Anne, die glamouröse Privateuse, die exzentrische Lebedame, welche nur wenigen erlaubt hatte, sie Lilly zu nennen. Daran, wie sie sich unter einer dicken Daunendecke in einer Hütte gegenseitig gewärmt hatten, eine primitive Behausung, welche durch einen überraschend einsetzenden Schneesturm beinahe zwei Wochen völlig von der Welt abgeschnitten war. Sie wollten nur einige Tage dort oben verbringen, ihr einheimischer Bergführer sollte sie später wieder abholen. Dann, drei Tage später, der völlig überraschende Wetterumschwung, von 63 Grad Fahrenheit fiel das Thermometer auf 25, der Sturm brachte Schnee und eisige Kälte von den nahen Gipfeln bis zur Almhütte, und das bereits Mitte September. Auf solche Temperaturen hatten sich die Damen nicht vorbereitet, also kuschelten sie sich unter der Tuchent eng aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Und dann führte eben eines zum anderen, beide waren nicht abgeneigt gewesen …
„Woher“, artikulierte sie ebenso lautlos wie vorher Petrie. Der zuckte nur mit den Schultern.
„Machen Sie sich keine Sorgen“, flüsterte er leise, der Boy des Hotel International in Abu Tig, in welchem sie Quartier bezogen hatten, konnte sicher nichts verstehen. Selbst wenn er noch so perfekt englisch gesprochen hätte. „Ich weiß es schon seit Jahren, und als Archäologe erlaube ich mir eine lockere Einstellung dummen Sitten gegenüber.“
Amelia fing sich wieder. „Nun gut, Mister Petrie,…“
„Sehen Sie, Miss Edwards“, unterbrach der Archäologe die Leiterin des EEF. „Sie wissen, dass Ehe und Liebe nicht das selbe sind. Und das man mit Gewalt zwar das eine, nie aber das andere erzwingen kann. Man kann nur mit Geduld und Intelligenz an sein Ziel kommen. Und mit Hingabe. Wir haben hier einen bisher unbekannten Tempel entdeckt, der wohl wirklich der Neith geweiht gewesen sein dürfte. Gut, die Statue ist von der Haltung und dem Material her sehr viel konventioneller ausgefallen als jene in Wadi Farafra, welche die Österreicher ausgegraben haben. Aber es ist doch ein schöner Erfolg, besonders die Wandfresken, die Pharao Mestiu-Re zeigen.“
„Na toll. Ein ebenso unbekannter wie unbedeutender Pharao obskurer Herkunft, ein bisher unbekannter Neith-Tempel und bisher noch immer kein Hinweis auf Anchnesneferibre oder ihre Krone“, räsonierte Amelia Ann Blanford Edwards bitter.
„Sie tun diesem Pharao hier bitter unrecht, Miss Edwards. So unbekannt ist Mestiu-Re nun doch nicht“, lachte Petrie launisch. „Geboren ist er als Kambyses II, Shah in Shah von Persien. Der erste Pharao der 27. Dynastie. Der erste Perser auf dem Königsthron von Ägypten. Obwohl – genau genommen war er ja noch König von Babylon, also Mesopotamier. Aber egal – bleiben wir dabei, er war der erste Perserkönig Ägyptens. Das ist doch schon etwas, ist es nicht?“
„Sie meinen jenen König, der angeblich den Diebstahl der Krone in Auftrag gegeben hat?“
„Genau den“, nickte Petrie, immer noch grinsend.
„Sie sind ein böser Mann, Mister Petrie. Ein sehr böser Mensch. Mir bisher gar nichts davon zu sagen!“
„Ich habe von diesem Hinweis selbst erst vor drei Stunden erfahren, Miss Edwards. An einer Stelle in einem der Nebenräume des Neith-Tempels wird erzählt, dass Kambyses II die ägyptische Prinzessin Nitetis heiratet und den Thronnamen Mestiu-Re annimmt.“
„Dann hat sich also dieser Kambyses so etwas wie eine Legitimation für seinen Thronanspruch erheiratet?“
„Er hat den Thron erobert und dann durch diese Ehe abgesichert, ja“, bestätigte Flinders Petrie. „Wie es teilweise auch heute gemacht wird, daher – eine Ehe und Liebe sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Ich glaube nicht, dass hier einer den anderen Partner geliebt hat.“
„Ich fürchte, dass sie damit ganz recht haben, Mister Petrie.“
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Das etwa 25 Flusskilometer südlich von Assiut liegende Abu Tig war mit knapp 3.000 Bewohnern wirklich keine große Stadt, trotzdem lagen hier einige auch von europäischen Reisenden recht gut besuchte Lokale und Bars. Denn erstens bestand der Großteil der Bevölkerung aus koptischen Christen, welche Alkohol herstellen, trinken und verkaufen durften, und zweitens gab es in Abu Tig nicht eine, sondern die Schule für orientalischen Bauchtanz in Ägypten. Die schönsten und begabtesten Mädchen des orientalischen Raumes kamen hierher, um die Körperbeherrschung für diese Art der kunstvollen Bewegung zu perfektionieren. Bei dieser akrobatischen Tanzform sollte jeder Muskel einzeln bewegt werden können, bei dem klassischen ägyptischen Stil die Beine dem Grundrhythmus entsprechend, das Becken folgte der Darbuka genannten Handtrommel und der restliche Körper der Melodie. Manchmal mit schlangengleichen, weichen Bewegungen, manchmal mit harten, rhythmischen Bewegungen. Der Tanz war nicht einfach, schon das ‚rollen‘, also das abwechselnde an- und entspannen der verschiedenen Bauchmuskeln, welches dann eine auf- und absteigende Wellenbewegung des Bauches erschuf, kostete jahrelanges intensives Training. Abends fuhren nicht wenige Fischer Touristen, welche auf den Schiffen wohnten, von Assiut nach Abu Tig und verdienten sich so ein paar Para oder gar einen ganzen Piaster, wenn jemand nicht handeln wollte. Die Flussdampfer selber blieben in Assiut vor Anker, sie legten nie in Abu Tig an und stellten auch keine Boote zur Verfügung.
Captain Jim Hardesty und seine 17 Männer, welche für den Schutz der britischen Expedition im Hinterland zuständig gewesen waren, warteten in Abi Tig auf neue Einsatzbefehle. Um sich die Zeit zu vertreiben, wollten sie sich Abends einmal einen echten orientalischen Tanz ansehen, denn in Europa und Amerika hätten die Cabarets, wo diese Tänze gezeigt wurden, weit über der Grenze ihres Einkommens gelegen. Doch in Ägypten waren sie die Herren, die nur mit den silbernen Groat- und Penny-Münzen klimpern mussten, um ihre Wünsche erfüllt zu bekommen. Und wenn nicht hier, wo sollte man denn sonst einen echten, einen originalen orientalischen Tanz zu sehen bekommen? Also hatte der Captain im Hotel seine Erkundigungen eingeholt, und jetzt war die Truppe unterwegs, um sich ein wenig zu vergnügen. Lachend und scherzend gingen die 18 Briten am gemauerten Kai des Flusshafens entlang, als einer der Söldner plötzlich stehen blieb und die Hand hob.
„Seid doch einmal kurz still“, forderte Willy Gregory seine Kameraden auf. Die Männer hatten schon oft zusammen gearbeitet und verließen sich beinahe blind aufeinander, daher stoppten alle ihre Schritte und lauschten in die Nacht.
„Da ruft doch jemand, und es klingt verdammt panisch“, bemerkte Lieutenant Jeffrey Murdock. „Es ist dort vorne, im Fischerhafen.
„Saeadani! SAEADANI! SAEADANI!“ schrie eine helle Stimme.
„Das ist eine Frau! Vorwärts“, befahl der Captain und riss seinen Revolver heraus, während er schon loslief. Sofort folgten die Briten seinem Beispiel, als britische Gentlemen zögerten sie nicht lange, wenn eine Frau angstvoll schrie. Und als Gentlemen betrachteten sie sich, auch wenn sie Söldner waren und ihr Beruf kämpfen und auch töten war.
„SAEADANI!“ Die Frau wehrte sich mit Händen und Füßen, ein Mann versuchte, sie ihn einen Kahn zu zwingen, während ein zweiter einen Sack über ihren Kopf zu ziehen versuchte. „MAE ALLAH! SAEADANI!“
„KUN HADYAAN“, brüllte einer der Männer.
„STOPP!“ unterbrach sie eine barsche Stimme in englischer Sprache, der Mann mit dem Sack fuhr herum und griff zur Taille. Ein lauter Schuss knallte, und vor seinen Füßen stieg eine Sandwolke auf. „Hände hoch! Sofort!“ Achtzehn Revolverläufe richteten sich auf die Männer!
„Verschwinden“, radebrechte der Mann, der die Frau in das Boot zerren wollte. „Gehören mir, ist mein Frau!“
„Und das ist ein .50 Colt spezial! Das schwerste Faustfeuerwaffe der Welt. Die bläst dir deinen dummen Kopf von den Schultern, Punk! Sage einmal, wie fühlst du dich denn dann?“
„Ihr verschwinden. Mein Frau, mein Recht.“
„Wo ist der Dolmetscher?“, schrie Captain Hardesty. „Warten“, wandte er sich im besten Befehlston wieder an den Mann und spannte mit dem Daumen den Hahn seines Revolvers. Obwohl es ein Double-Action-Revolver war. „Frau loslassen!“
Der Söldner Lester MacDonald war sofort losgelaufen und hatte Malik al Rubaan, den Dolmetscher der Truppe, aus seinem Haus am Hafen getrommelt.
„Der Mann behauptet, die Frau sei sein Eigentum…“
„WAS?“, brüllte Hardesty und die Frau schrie laut auf.
„RAQM!“
„Die Frau bestreitet stark, dass…“
„Was soll das bedeuten, Eigentum?“, unterbrach der Captain.
„Er hat sie bezahlt, daher ist sie sein Eigentum, sagt er!“
„Ich dachte, Sklaverei wäre hier verboten?“, fragte Hardesty nach.
„Das ist sie auch!“ Ein junger Mann war dazu gekommen. „Er hat Ibrahim dort bezahlt, dass er ihm meine Schwester beschafft! Sie haben mich vorher niedergeschlagen und wollten…“
„Nix Sklaverei! Wollen heiraten!“, tobte der Mann mit dem Boot. „Habe Onkel von Hafsa dafür bezahlt!“
„Aber Hafsa will dich nicht, Mohamed!“, rief der junge Mann.
„Das ist egal, Tarik! Euer Onkel ist euer Vormund! Und wenn der ja sagt, dann heirate ich eben deine Schwester! Und ich habe genug dafür bezahlt!“, schrie Mohamed.
„Er ist nicht unser Vormund! Noch ist unser Vater nicht tot!“, brüllte Tarik zurück.
„Aber so gut wie!“
„Dann wartest du trotzdem so lange! So viel Anstand…“
Die ganze Zeit über hatte Malik noch recht gut beim Übersetzen Schritt gehalten, doch nun stolperte er etwas.
„STOPP!“, brüllte Hardesty, und als sich die Araber weiter anbrüllten, fuhr seine Hand in die Höhe, sein Revolver mit dem übergroßen Kaliber brüllte wieder lautstark auf und übertönte das Geschrei.
„Das klingt nach Menschenhandel, und der ist verboten“, entschied Jim. „Die beiden Kerle kommen jetzt fürs erste einmal ins Gefängnis, und dann lassen wir den Kadi von Assiut kommen. Vorwärts, ihr verdammten Mädchenhändler! Ihr Verbrecher gehört doch alle hinter Gitter! Meadley, Robertson, bringt die zwei zur Polizeistation in eine Zelle. Malik begleitet euch, und macht den Askari klar, dass sie in Teufels Küche kommen, wenn diese Assholes nicht mehr in Haft sind, wenn der Kadi eintrifft. Britannien verfolgt die Sache genau. Gregory, geh ins Hotel International und informiere Miss Amelia und Mister Petrie. Abmarsch, Jungs, die Bauchtänzerinnen müssen noch ein wenig warten!“
„Sie – sie wollen Bauchtanz sehen?“, fragte Tarik den Kommandant der Söldner, als die Männer weggebracht worden waren.
„Nun – ja. Wir wollten ins Bayr al’Afrah.“
Tarik lachte laut auf. „Dann wollen Sie Touristenramsch sehen? Wie sagt ihr? Jackdaws? Nichts echtes?“
„Gibt es denn da so große Unterschiede?“ fragte Jim Hardesty neugierig.
„Nun – ich habe einmal die europäische Variante gesehen.“ Tarik wedelte übertrieben mit den Armen in der Luft herum. „Die Frauen flattern mit den Armen, wackeln ein wenig mit dem Hinter- und dem Oberteil, und das war es dann schon. Keine Kunst, das kann jede Frau! Aber Hafsa lernt auf der großen Schule, sie besorgt euch sicher die Erlaubnis, einer Vorführung in der Schule beiwohnen zu dürfen. Als kleines Dankeschön, dass sie zumindest Zeit gewonnen hat!“
„Deine Schwester mag diesen Mohamed wohl wirklich nicht!“ Jim hieb dem Araber auf die Schulter.
„Natürlich nicht“, begehrte Tarik auf. „Hafsa ist gerade fünfzehn Jahre alt, Mohamed über fünfzig! Und er ist unsauber, im Charakter wie am Körper! Vater wäre nie einverstanden gewesen, dass Hafsa so ein Schwein wie ihn heiratet!“
„Wie alt bist denn du?“
„In einem Mond achtzehn Jahre!“
„Dann werden wir mit dem Kadi sprechen“, versprach Jim Hardesty. „Er soll dich doch einfach zu Hafsas Vormund machen. Wenn dein Vater es auch will, sollte das kein Problem sein.“
*
Tarik hatte wirklich mit seiner Schwester gesprochen, und Eyshe, die Direktorin der Schule, hatte die Briten dann tatsächlich eingeladen, falls sie sich dem Anlass entsprechend geziemend verhalten konnten. Hafsa und Tarik hatten die Söldner unterwiesen, nachdem Tarik für volljährig erklärt worden war und nun offiziell die Aufsicht über seine Schwester hatte. Und jetzt saßen sie auf dicken Kissen an einem niedrigen Tisch, der mit acht anderen an eine etwa einen Fuß hohe Bühne grenzte. Kerzen auf den Tischen verbreiteten dämmeriges Halbdunkel, und den Besuchern, vielleicht hundert Frauen und Männern, wurde ein kleines Mahl aufgetragen. Vor allem gegrilltes Fleisch und Fisch mit Fladenbrot, köstlich gewürzt mit Kräutern aus der Umgebung. Die Schülerin, welche am Tisch der Briten servierte, zerlegte den Fisch mit geübten Griffen in mundgerechte Häppchen, stellte noch eine Kanne roten Tee mit Minze auf den Tisch und verabschiedete sich mit dem Hinweis, einfach an der Kordel, die in der Mitte des Tisches von der Deck hing, zu ziehen. Sie würde dann sofort eine neue Kanne Tee bringen. Sie griffen zu, wie man sie gelehrt hatte, nur mit der rechten Hand.
Hinter dem Vorhang der Bühne ertönte nun das Schlagen einer großen Basstrommel, kleinere Bechertrommeln fielen ein und einige Flöten wurden melodisch dazu geblasen. Noch war es insgesamt ein ruhiger Rhythmus, der sich nur manchmal zu einem kurzen, sehr schnellen Wirbel steigerte, um danach wieder langsamer zu werden. Es war eine für westliche Ohren ungewohnte Musik, nicht wirklich unangenehm, aber doch seltsam und unter die Haut gehend. Dann bewegte sich der Vorhang, verschwand nach oben und gab die Bühne den Augen der Gäste frei.
Die Tänzerin war eine ungewöhnlich schöne Frau, eine rundum strahlende Erscheinung. Sie stand aufrecht, mit hoch erhobenem Haupt, ein stolzes, beinahe überheblich wirkendes Lächeln umspielte ihre vollen, mit Ocker tiefrot gefärbten Lippen, die Lider ihrer Augen waren malachitgrün gefärbt und mit Kajal umrahmt, die Hände lagen locker auf dem Becken. Ein schmales Stoffband verdeckte gerade noch so ihre großen, vollen Brüste, der Rock saß tief an den Hüften, noch unter der Rundung des kleinen Bäuchleins. Sie zeigte sich im Halbprofil auf der Bühne und sah das Publikum sinnlich über ihre linke Schulter an.

Dann, ohne dass sich irgend ein anderer Körperteil bewegte, begann das Becken langsam im Takt der Darbukas zu kreisen. Immer schneller wurden die Schläge und diese Bewegung, doch der Bauchnabel blieb unverändert an Ort und Stelle. Danach verringerte sich das Tempo ihres Beckens wieder, und die Tänzerin begann sich mit kleinen Schrittchen auf der Stelle zu drehen, bis sie frontal zum Publikum stand, ihm danach die rechte Seite zeigte, den Rücken und weiter, immer weiter kreiste das Becken und der Po in sinnverwirrenden Mustern. Wieder mit dem Gesicht zum Publikum stellte die Frau die Bewegungen des Beckens ein, dafür bewegte sich eine Welle von der Stelle unter ihren Brüsten bis hinunter, bis dorthin, wo der Rock begann und wanderte langsam wieder nach oben, nach unten, nach oben. Nichts anderes als diese einzelnen Bauchmuskeln bewegten sich wellenförmig. Plötzlich einige schnelle Schläge auf einer Bechertrommel, die Hüften zuckten mit ausladenden Bewegungen seitwärts, vor und zurück, mit einem Mal bewegte sich Wellen über den gesamten Körper, schlangengleich wand sich der Leib der Tänzerin in alle Richtungen, während sie langsam auf einen Tisch nach dem anderen herabstieg stieg und langsam an den Gästen vorbei flanierte, bis sie wieder in der Mitte der Bühne stand. Die Bewegungen wurden geringer, langsamer, verebbten allmählich wie die Musik, bis die Instrumente schwiegen und die Tänzerin still stand. Der Vorhang fiel.
„Also das war – der Hammer“, bemerkte Willy Gregory leise. „Mir steht der Schweiß auf der Stirn!“
„Nur der?“, frotzelte Lester MacDonald. „Ich hätte schwören können… Lassen wir das!“
„Da redet gerade der Richtige“, bemerkte Henry Robertson. „Ich… wartet, es geht noch weiter!“ Bald sollten die Briten feststellen, dass die erste Tänzerin im Vergleich zu den folgenden nur eine Anfängerin gewesen war, und sie erlebten die pure Sinnlichkeit der perfekten Tänzerinnen. Nun verstanden sie, warum Tarik den orientalischen Tanz als Kunst bezeichnet hatte, eine solche Körperbeherrschung hätten sie niemals für möglich gehalten.
*
Libysches Meer
Im Mai konnte es im Tyrrhenischen Meer vor Italien immer noch zu starken Stürmen kommen, welche tagelang wüteten und zumeist auch schwere Wolkenbrüche mit sich führten. So war auch die italienische Ventunesima Flotta d’Assalto bis Sizilien immer wieder in heftige Orkane geraten, welche im Frühling ohne lange Vorwarnung losbrechen konnten. Nach der Fahrt durch die Straße von Messina zwischen Kalabrien und Sizilien waren die Schiffe zur Freude aller an Bord nicht nur in das Libysche Meer, sondern auch in den Sonnenschein gefahren. Nun aber überfiel sie nur wenige Minuten nach der Passage ein kräftiger Schirokko, ein heißer Südwind, der wie eine Wand direkt aus den glühenden Tiefen der Sahara kam und die Temperaturen plötzlich in die Höhe trieb. Hatten die Italiener während ihrer bisherigen Fahrt immer wieder Regenkleidung und warme Pullover benötigt, so war jetzt beinahe jedes Kleidungsstück schon zu viel. Das Thermometer stieg innerhalb von nicht ganz fünf Minuten von 12 Grad Celsius auf 43 Grad.
Ammiraglio die Squadra Sergio Russillo kam aus Positano, einer kleinen Stadt an der sogenannten Amalfiküste in Kampanien. Er kannte sich mit Hitze und den plötzlichen Wetterumschwüngen gut aus und rief sofort zwei Befehle: „Flaggsignal an die Flotte: ‚Alle Maschinen Stopp! Anker fallen lassen‘!“ Und dann an den Signalgast gewandt, welcher die Morselampe bediente: „Blinken Sie eine zusätzliche Nachricht an die BALLISTA: ‚Kessel komplett aus!‘ Danach geben eine Nachricht an alle Schiffe: ‚Sofort Extrarationen Wasser an die Mannschaft ausgeben. Jeder soll seinen Nachbarn beobachten. Wer sich auch nur ein wenig unsicher bewegt, soll sofort zur Krankenstation gebracht werden. Ab sofort Marscherleichterung erlauben, im Turnus Sommeruniformen und Tropenhelme anlegen‘!“ Salutierend entfernte sich der Signalgast und begab sich zur Signallampe, dort bewegte er die Lamellen vor dem Scheinwerfer in beachtlicher Geschwindigkeit und telegraphierte die befohlenen Botschaften.
Auf der BALLISTA bestätigte Carlo DeRosa die Nachricht aufatmend und griff sofort zum Maschinentelegraphen. Viele Decks unter der Brücke erklang eine Glocke, und der Zeiger bewegte sich auf ‚Fuoco cancellare‘. Also auf ‚Feuer löschen‘. Der Leitende Ingenieur Giancarlo Cantarsi wunderte sich zwar etwas, befolgte aber den Befehl sofort. Im Heizraum des alten Schlachtschiffes, das eigentlich nur noch als mobiles Küstenfort im Einsatz gewesen war und noch mit einem guten, alten exothermischen Kohlekessel ausgestattet war, herrschten üblicherweise ohnehin über 50 Grad. Er und seine Männer gingen jetzt an Deck, um den Weicheiern beizustehen, die schon bei kühlen 43 Grad schlapp machten.
Die 21. Angriffsflotte war eiligst aus den verschiedensten Flottenteilen zusammengestoppelt worden, um endlich die tripolitanischen Berberpiraten auszuräuchern. Das größte, aber mit knappen 16 Knoten auch das bei weitem langsamste Schiff der Flotte war die BALLISTA. Sie war etwa 260 m lang und 40 breit, ihre vier Türme trugen je zwei 48 Zentimeter Geschütze, in 12 kleineren Türmen auf Plattformen rund um das Deck warteten 24 Kanonen im Kaliber 24 Zentimeter, auf den Aufbauten waren noch 30 Schnellfeuerkanonen vom Kaliber 8 Zentimeter verteilt. Eine mehr als schwer bewaffnete und stark gepanzerte stählerne Geschützplattform, etwas veraltet, aber doch noch recht rüstig. Hätten die italienische Admiralität und der König nicht solchen Wert auf noch größere, noch stärkere Schiffe gelegt, wie es etwa die gigantische ROMA AETERNA und die Einheiten der Napoli-Klasse gewesen waren, könnten die BALLISTA und ihre sechs Schwesternschiffe, mit einem endothermischen Kessel modernisiert, durchaus noch einen strategischen Wert gehabt haben. Aber Vittorio Emanuele und Umberto waren fasziniert von den Plänen der Giganten gewesen, welche nun aber am Grund des Roten Meeres lag.
Begleitet wurde das alte Schlachtschiff von 10 Kreuzern, einigen schnellen Fregatten, vielen kleinen Korvetten verschiedenster Baumuster, einigen Handvoll flinker Torpedoboote und einigen konfiszierten Frachtern für den Transport der Landungstruppen. Eilig für diese Aufgabe zusammengeholt, nachdem die große Flotte vor Baylul in Eritrea völlig überraschend versenkt worden war. Die Admiralität wollte aber auch die Verteidigung der italienischen Küsten nicht zu sehr schwächen und hatte daher von ganz Italien Schiffe zusammen gerufen, Sergio Russillo zum Vizeadmiral befördert und ihm das Unternehmen ‚Tripolis‘ anvertraut. Ganz wohl war dem Ammiraglio di Squadra bei dieser Sache nicht, denn er hatte bisher nur eine Flottille mit drei schweren Kreuzern und acht Fregatten kommandiert. Aber ein Befehl war auch in Italien beim Militär immer noch ein Befehl, und zum Glück würde Generale di Brigata Giovanni Rossaro das Kommando für die Kämpfe an Land übernehmen, sobald die tripolitanische Küste erreicht wurde. Bis dahin aber lag die Verantwortung für die Matrosen und Soldaten bei ihm, und bei Gott, er würde dafür sorgen, dass die Männer bei möglichst guter Gesundheit in den Kampf gingen. Und wenn sie jetzt wegen der Hitze eine Pause benötigten, um sich an die hohen Temperaturen zu gewöhnen, benötigten sie diese eben, und dann bekamen sie diese auch. Der Re d’Italia musste eben einen oder vielleicht auch zwei Tage länger auf die unausweichliche Siegesmeldung warten.
Natürlich blieb die Fahrt der italienischen Flotte durch das tyrrhenische Meer bei der internationalen Staatengemeinschaft nicht unbemerkt. Nicht nur die unmittelbaren Anrainerstaaten des Mittelmeeres wie Spanien, Frankreich, Kakanien, Griechenland, das osmanische Reich und natürlich das in Ägypten starke Interessen vertretende British Empire, sondern auch Staaten wie Portugal, Nederland-België oder Skandinavien beobachteten mit gewissem Misstrauen die Reise der Kriegsflotte nach Süden. Und natürlich bemerkten diesen Verband auch die Berber in Tripolis.
Die Stadt Tripolis – griechisch für ‚Drei Städte‘ – war die Hauptstadt der früheren osmanischen Provinzen Tripolitanien im Westen, Fessan südlich davon und der Kyrenaika östlich, welche sich seit der Machtergreifung des Gouverneurs Ahmad Quaramanli als eigenständiges Sultanat betrachteten. Kaum ein Gebäude der Hafenstadt war 1889 älter als knappe sechzig Jahre, denn im Jahr 1830 entsandte der Kaiser Napoleon II. François Charles Joseph Bonaparte zwei als Vollschiff getakelte Linienschiffe mit einer Verdrängung von je etwa 3.500 Tonnen und je 108 Geschützen auf drei Kanonendecks. Es waren das die REUNION und die ARCHERON, begleitet von vier Zweideckern mit je 76 Kanonen und acht als Brigg getakelten Fregatten mit je 40 Geschützen sowie dem 89 Meter langen Raddampfer RICHELIEU. Es handelte sich dabei um das erste Dampfschiff aus rein französischer Produktion, ein Linienschiff mit 50 Kanonen auf zwei Decks und einem schweren Mörser am Bug. Diese Flotte hatte den Auftrag erhalten, die ständigen Überfälle der Berberpiraten im Mittelmeer ein für alle Mal zu beenden, mit allen Mitteln und ohne alle Kompromisse. Admiral Jaques Cletraude nahm den Befehl wörtlich und griff die Stadt Tripolis sofort bei seinem Eintreffen an. Die Schiffe der Wachflotte hielten dem Feuer der Franzosen überraschend lange stand, und die imperiale Flotte verlor bei den Gefechten den Zweidecker CYRANO und fünf Fregatten, die ARCHERON wurde erheblich beschädigt. Nachdem sich der Pulverrauch verzogen hatte und die Schiffe der Berber zum Meeresgrund sanken, segelte – respektive dampfte – die französische Flotte in den Hafen der tripolitanischen Hauptstadt und begann ihr Bombardement. Die Schiffe setzten ihre Beschießung so lange fort, bis die ganze Stadt dem Erdboden gleich gemacht worden war und kaum mehr als einige zerstörte Ruinen in den Himmel ragten.
Der Platz, an dem Tripolis gelegen hatte, war für eine Hafenstadt allerdings einfach zu perfekt, um ihn nach diesem Überfall lange brach liegen zu lassen. Ein kleiner Fluss, der Wadi El Mjeneen, sorgte für das nötige Süßwasser, also baute der überlebende Sultan Ahmad II. Quaramanli die Stadt bald wieder auf. Also, natürlich nicht eigenhändig, denn für die schwere Arbeit hatte er ja immer noch seine christlichen Sklaven. Die Baumeister des neuen Sultans beschäftigten sich eingehend mit der Kraft der modernen Marinekanonen und legten ihren Berechnungen für die Stärke der Küstenbefestigungen einen neunfachen Wert zugrunde. Besonders bei den dem Meer zugewandten wurden die Wälle noch einmal verstärkt, sie wurden in fünf Ringen aus Ziegeln gebaut, mit dämmendem Sand zwischen jeweils zwei dicken Mauern. Insgesamt war der äußere Wall 10 Meter breit und 12 Meter hoch, er sollte jeder Flotte, welche in Zukunft Tripolis angriff, Paroli bieten können. Eine äußerste Schicht war sogar später noch neu hinzugefügt worden und bestand aus gutem, starken Beton. Nur die Bastionen des Hafens von La Valetta, der Hauptstadt des ‚Souveränen Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes von Jerusalem, von Rhodos und von Malta‘, kurz auch Malteser genannt, verfügten im Mittelmeer über noch stärkere Mauern. Dazu kaufte der Sultan für die aktive Verteidigung von Tripolis die größten und stärksten Kanonen, die er für sein Gold oder die Freilassung christlicher Sklaven in Europa bekommen konnte und verteilte sie auf den Mauern. Beinahe sechzig Jahre funktionierte dieser Plan ausgezeichnet, nur die Geschütze aus Bronze wurden allmählich von modernen Hinterladerkanonen aus Eisen und später Stahl abgelöst, und immer mehr Gatling- und Maxim-Gewehre tauchten auf der Mauerkrone auf. Doch jetzt schien wieder eine Flotte die Stärke der Verteidigungsanlagen austesten zu wollen, dieses Mal eine italienische. Omar III. Quaramanli erwartete sie mit einer gewissen Spannung, aber ohne große Angst, denn seine Mauern waren doch eigentlich unüberwindbar. Trotzdem machte er das gleiche, das schon sein Großvater Halef Quaramanli 1830 getan hatte. Er schickte seinen Sohn und Erben mit einem unauffälligen Schiff in Sicherheit, auf die neutrale Insel Malta.
Auch die kleinen, schnellen Schiffe der Piraten im Hafen von Tripolis bereiteten sich jetzt auf einen Kampf gegen die angreifende Flotte vor. Diese Schiffe waren unter dem Kommando erfahrener Kapitäne trotz ihrer relativ geringen Größe eine nicht zu unterschätzende Waffe. Diese zwischen 60 und 90 Meter langen Einheiten, welche von den Dimensionen und der Bewaffnung in etwa den österreichischen und deutschen hochseetüchtigen Kanonenbooten oder kleinen Korvetten entsprachen, führten darüber hinaus auch noch zwei bis vier Torpedorohre im Bug, manche auch noch im Heck. Sie waren von osmanischen Werften für die nordafricanischen Küstengewässer etwas breiter, dafür aber flacher als vergleichbare europäische Schiffe gebaut. Ihre Kapitäne und Steuermänner kannten jede Untiefe der südlichen Mittelmeergewässer, jedes Versteck und jede Bucht, mit ihren flachen Booten hatten sie schon manchen Feind auf ein Riff gelockt, wo er unbeweglich geworden nur noch auf den Todesstoß warten konnte. Also hielt sich die Angst der Berber in ziemlich engen Grenzen, sie waren restlos überzeugt davon, wieder einmal gegen die christlichen Angreifer siegreich zu bleiben. Und die Ungläubigen zu bekämpfen war ja sowieso eine Gott gefällige Tat, wer dabei starb, kam direkt in das Paradies zu den ewig jungen und schönen Houris. Ein auch bei christlichen Kreuzfahrern durchaus gängiger Glaube, selbst am Ende des 19. Jahrhunderts. Ausgenommen die Sache mit den Mädchen, solche Vergnügungen waren in einem christlichen Paradies irgendwie nicht vorgesehen.
Währenddessen hatte sich die Flotte der Italiener wieder in Bewegung gesetzt und steuerte südwestlichen Kurs. Etwas mehr als 325 Seemeilen trennten die Flotte noch von Tripolis, bei forcierter Fahrt der BALLISTA etwas über 20 Stunden. Ammiraglio die Squadra Sergio Russillo beschloss, den alten Kessel des schweren Schlachtschiffes etwas zu schonen und befahl daher, nur mit 13 Knoten zu fahren. Diese fünf Stunden mehr konnte der König doch wohl auch noch warten, und wie berechnet kam pünktlich nach etwas mehr als 25 Stunden die Küste mit dem stark befestigten Hafen in Sicht. Von einer der Bastionen, welche der Einfahrt ins Hafenbecken vorgelagert waren, stieg eine winzige, weiße Wolke auf, kurz darauf erklang ein seltsames Pfeifen und vor der BALLISTA erhob sich eine hohe Wasserfontäne. Jetzt erst erreichte der dumpfe Knall des Abschusses die Italiener.
„Knapp“, kommentierte Vizeadmiral Russillo an Bord seines Flaggschiffes, der CAIO DULLIO. „Erreichen die Geschütze der BALLISTA schon den Feind?“
„Ich denke nicht!“ Kapitän zur See Emilio Cabaro hob seine Kappe und kratzte sich am Kopf. „Aber ich habe mit solchen Riesen leider auch keine Erfahrung.“
„Kapitän Moranelli soll es einmal mit einer Granate versuchen!“ Russillo beobachtete die Stadt durch sein Fernglas. „In der Zwischenzeit soll die GIULIA REGINA die BOMBARDO fertig machen, und die anderen Schiffe sollen die GIULIA abschirmen. Sobald ein Schiff seinen Platz eingenommen hat, soll es seine Torpedonetze ausfieren.“
Das Feuer der BALLISTA zeigte, dass die Geschütze des italienischen Schlachtschiffes jenen der Festung zwar im Kaliber unterlegen, in der Reichweite aber durchaus ebenbürtig waren, immerhin kratzte die Granate aus dem Fiocchi-Langrohrgeschütz noch am Fuß der Bastion. Der Geschützoffizier machte sich sofort an einige Berechnungen. Das Ergebnis war wie erwartet.
„Wir müssten näher an die Festung heran, um ernsthaften Schaden zu verursachen“, stellte er fest. „Wir verfügen aber nur über die BALLISTA und drei Kreuzer mit den weitreichenden 30ern, also eine Salve von 26 Kanonen. Signore Ammiraglio, wir werden mit unserer kleinen Flotte die Bastionen, wenn überhaupt, so nur mit starken Verlusten niederkämpfen können. Und ob dann noch genug Feuerkraft für eine Unterstützung der Landetruppen bleibt, ist mehr als fraglich.“
„Und die 25 Zentimeter Haubitzen der Fregatten im Steilfeuer?“
„Könnten natürlich auch hilfreich sein, Ammiraglio. Aber es sind ja nur fünf Schiffe damit ausgerüstet, denen es dafür jedoch an Panzerung fehlt. Und da drüben stehen nach neuesten Berichten mindestens 30 Kanonen in einem Kaliber von 34,4 Zentimeter. Einige direkte Treffer hielte vielleicht noch die BALLISTA aus, aber die Fregatten…“ Die Hände des Artilleristen zeigten ein rasantes Absinken an. „Ein Treffer und – na ja, uno Appartemento per il Pesce!“
Über die fein geschnittenen Gesichtszüge des Admirals huschte ein Lächeln. „Das wäre doch eine dumme und dazu völlig unnötige Verschwendung von Material und Mannschaft, oder? Ist die GIULIA REGINA schon abgeschirmt?“
„Si, Signore Ammiraglio. Sie beginnt eben mit den Vorbereitungen.“
Die RN GIULIA REGINA war die einzige wirklich moderne Konstruktion in der 21ten Angriffsflotte. Ein Transportschiff von über 270 Meter Länge, bei dem die Räume für die Besatzung und die Maschinen im Bug und im Heck verteilt lagen. Der mittschiffs liegende Frachtraum war 210 Meter lang, 30 breit und konnte nach oben hin vollständig geöffnet werden. Was auch eben geschah, ein Paar der 15 mal 15 Meter messenden Lukendeckel nach dem anderen wurde von schweren hydraulischen Maschinen in die Senkrechte gebracht. Knappe zwei Meter blieben der Besatzung rund um den Cargoraum noch zum Bewegen zur Verfügung, wenn alle Luken offen standen. Nun war der ganze Laderaum offen, der Boden des Laderaumes hob sich hydraulisch angetrieben langsam nach oben, dabei kam sorgfältig zusammengelegter Stoff zum Vorschein. Die Cargocrew eilte herbei, kaum dass der Boden in einer Ebene mit dem Vorder- und Achterdeck lag, einige dicke Schläuche wurden an die Kupplungen im Stoff angeschlossen. Sofort nachdem die Verbindungen dicht gemeldet wurden, begannen starke Pumpen damit, reinen Wassersoff in das Gebilde zu pumpen, während einige große Hofmannsche Apparate zur Wasserzersetzung weiter durch Elektrolyse das benötigte Gas produzierten. Allmählich blähte sich der Stoff zu einem grob zigarrenförmigen, 260 Meter langen Körper, welcher an einem 195 Meter langen Stahlkiel befestigt war. Unter dem Kiel, der aus zwei mit X-förmig befestigten Traversen miteinander verbundenen Doppel-T-Trägern bestand, befand sich die Steuer- Fracht- und Motorgondel. Als sich die Hülle weit genug gehoben hatte, eilten Techniker hinzu und schraubten die waagrechten Steuerflächen am Heck an die Stahlstreben, aus denen der Kiel bestand. Dann mussten sie noch ein wenig warten, um die beiden hohen Finnen mit den Seitenrudern an den waagrechten Höhenrudern zu befestigen und die Trossen mit den Steuerflächen zu verbinden. Nach nur wenigen Stunden war das halbstarre Luftschiff BOMBARDO einsatzbereit und wurde sorgfältig mit schweren Sprengbomben beladen.
Verständlicherweise hatte allerdings während dieser Zeit die im Hafen versammelte Flotte der berberischen Piraten nicht still gehalten. Sie waren ausgelaufen und hatten sich zerstreut, um mit ihren weitreichenden, im Fächer abgeschossenen Torpedos der italienischen Flotte nach Kräften zuzusetzen. Doch die Stahlnetze, welche die Schiffe vor den Rümpfen gespannt hatten, schützten die bei den schnellen Einheiten teilweise doch etwas empfindlichen Flanken der Italiener. Während die gepanzerten Kreuzer und die BALLISTA mit ihren Kanonen ihrerseits die Berber unter Feuer nahmen, machten einige leichtere Korvetten und die Torpedoboote Jagd auf die Kanonenboote der Angreifer. Dabei setzten auch sie einige Torpedofächer ein und erzielten damit mehrere Treffer, mussten aber auch selber welche hinnehmen. Doch trotz der Beschädigungen an den italienischen Schiffen war es insgesamt ein ungleiches Treffen. Die Italiener hielten sich bei den Verfolgungen scheinbar fliehender Piraten zurück und ließen sich nicht in die Untiefen locken, welche sonst Angreifern schon so oft zum Verhängnis geworden waren. Sie verließen sich lieber auf ihre Geschütze mit überlegener Reichweite und schwereren Kalibern und warteten, bis die Piraten wieder angriffen, um diese dann wieder unter Feuer zu nehmen. Es wurde immer klarer, dass es dieses Mal ein sehr einseitiges Seegefecht war, bei dem die Italiener am Ende nur zwei ihrer Fregatten und eine Korvette eingebüßt hatten. Der Rest der beschädigten Schiffe war zwar zum Teil nicht mehr gefechtsklar, würde aber noch repariert werden können, zum größten Teil sogar mit Bordmitteln. Noch während die BOMBARDO allmählich Gestalt annahm, floh auch das letzte Piratenschiff in Richtung Osten. Wahrscheinlich nach Qasr al Zaafran, aber das würde sich erst später zeigen, wenn Italien daran ging, auch die anderen Piratennester endgültig zu beseitigen. Derzeit gab es jedoch wichtigeres zu tun, denn Re Umberto wartete ungeduldig auf die Nachricht vom Fall der Festung Tripolis.
*
Wien
Die beiden modisch gekleideten Damen mit den riesigen Hüten, von denen dichte Schleier herabfielen und das Gesicht bedeckten, den weiten Mänteln über den Schultern und den dichten Handschuhen fielen zuerst gar nicht sonderlich auf, als sie an einem tief bewölkten Abend knapp vor Dienstende das Gebäude des Äußeren Amtes gegenüber des Palais Hametten betraten. Sie sahen sich rasch um und entschieden sich für einen Anmeldeschalter, welcher bereits im tiefen Schatten lag, obgleich das Licht im gesamten Foyer schon sehr gedämpft war und mehr von den Göbellampen als der Sonne kam.
„Was kann ich für Sie tun, meine Damen?“ Das Lächeln der Beamtin war herzlich, es machte ihr durchaus Spaß, den Besuchern des Amtes zu helfen.
„Wir möchten bitte Herrn Jakob Markgraf von Höllerer sprechen!“
Die Augen der jungen Empfangsdame weiteten sich nur unmerklich vor Überraschung, aber ihr strahlendes Lächeln veränderte sich nicht. „Ich verstehe. Ich bitte die Damen nur um ein klein wenig Geduld, Sie werden sofort abgeholt. In der Zwischenzeit darf ihnen vielleicht dort diesen Warteraum anbieten, er wurde speziell ohne Sonneneinstrahlung entworfen.“
„Danke!“
„Gerne geschehen, meine Damen. Einen schönen Abend noch!“
Der kleine Raum war wirklich ohne Fenster, und Chiara Amussetti hob ihren Schleier.
„Nun, zumindest diesen Markgraf von Höllerer gibt es also wirklich!“
„Warum sollte es ihn denn nicht geben? Kiril war ein guter, alter Freund, und ich habe nicht wirklich damit gerechnet, dass er mich belügen würde.“ Elletra Massonoti nahm den Hut ab.
„Du hast ihn tatsächlich nicht als kakanischen Spion den italienischen Behörden ausgeliefert“, fragte Chiara, immer noch erstaunt darüber.
„Was geht mich denn bitte Italien an? Als ich geboren wurde, war von Rom noch weitere 600 Jahre keine Rede, in Athen stand gerade einmal ein klotziges Megaron, ein plumper mykenischer Palast und keine mit hübschen, schlanken Säulen umgebene akropolische Tempel oben auf dem Hügel. Mehr als hundert Jahre vor meiner Geburt zerstörten die Mykener Kreta und die minoische Kultur, nur kurze Zeit nach meiner Vampirisation machten sie sich auf, auch noch Troja zu erobern. Du wirst schon noch sehen, Chiara, Reiche kommen, Reiche vergehen, Völker werden groß und wieder vergessen. Aber einer von uns bleibt einer von uns! Und solange er sich entsprechend benimmt, bleibt er auch ein Freund.“
„Wie wahr!“ Ein Teil der Täfelung war leise zur Seite gefahren, eine sehr schlanke Frau mit dunklen Haaren und stark gebräunter Haut stand in der Tür. „Ihr könnt mich Mathilda nennen.“ Sie hob ihre rechte Hand vor ihr Gesicht, auf ihrem Handrücken entstanden kräftige, gelbe und schwarze Haare, ihre Ohren wurden rund und ein apartes Gepardenmuster zeichnete sich kurz in ihrem Gesicht ab, ehe wieder eine komplett menschliche Frau vor Chiara und Elettra stand. „Was ihr beide seid, kann ich ja riechen, und alle Achtung für das lange Überleben, meine Liebe. Das gelingt nur sehr, sehr wenigen! Aber bitte, kommt doch mit.“ Sie senkte theatralisch ihre Stimme. „Der Markgraf erwartet euch bereits,“ hauchte Mathilda mit dunkler, geheimnisvoller Stimme und trat beiseite. Als sich die Täfelung wieder schloss, erklang ein gruseliges Knarren. „Hier entlang!“ flüsterte Mathilda mit tiefer Grabesstimme. „Der Meister gibt heute eine seiner berühmten Gesellschaften.“
„Kommen heute Abend denn viele Gäste zu dieser Soiree?“ Elettra war von den Tönen unbeeindruckt.
„Ach nein, derzeit sind leider nur acht Vampire und vier Metamorphe in Wien anwesend.“ Die Wergepardin benützte wieder ihre normale Stimme. „Den Grafen und mich mitgerechnet.“
„Und das auswärtige Amt der Donaumonarchien weiß davon“, staunte Chiara ungläubig.
„Aber ja! Diesem Amt untersteht auch das Evidenzbureau, und dieses ist zuständig für die Sicherheit des Landes, der kaiserlichen Familie und jene der Monarchen unserer Mitgliedstaaten. Ja, meine Lieben, ich fühle mich durchaus auch als Österreicherin, immerhin bin ich in Neuhochadlerstein geboren. Und dem Amt für äußere Angelegenheiten ist es ebenso wie dem für Inneres weit lieber, das Vampir- und Metamorphwesen spielt sich kontrolliert ab, als dass andauernd irgendwelche Pogrome im Land stattfinden, wenn irgend ein mysteriöser Todesfall stattfindet. Übergriffe, bei denen ohnehin nur Unschuldige zu Schaden kommen, weil der Vampir oder das Wertier für die Amateure mit den Mistgabeln in den meisten Fällen sowieso weder zu erkennen noch zu fassen ist. Wahrscheinlich steht er mitten unter ihnen und schwingt die hellste Fackel oder die größte Axt. Falls überhaupt einer von uns für diesen speziellen Vorfall verantwortlich war. Und wenn es doch so war, nun, einen Vampir fängt man immer noch am Besten mit…“
„Einem Vampir, nehme ich einmal an“, vermutete Elettra.
„Mit einem Team aus Wertier und Vampir, ja. Wie ist eigentlich ihr wirklicher Name? Nicht, dass es irgendwie wichtig wäre.“ Sie blieben vor einer schweren Eichentür stehen.
„Bei meiner Geburt nannten mich meine Eltern Nefiret!“
„Ein sehr hübscher Name. Meine nannte mich Laryana, das ist Suaheli und bedeutet Mondschein. Bitte einzutreten, die Damen!“
Dem ganz normal wirkenden Bureau von Jakob Markgraf von Höllerer fehlte eigentlich nur eines – Fenster. Ein Mangel, welcher allerdings weder Chiara noch Elettra störte, die leicht gelblich getönten Göbellampen an der Decke verbreiteten ausreichend Licht für die empfindlichen Augen der Vampire und auch für jene des Wergeparden. Auch der Markgraf wirkte auf den ersten Blick ganz normal, selbst seine Hautfarbe wirkte nicht wesentlich blasser als die eines durchschnittlichen Skandinaviers, das dunkle Haar trug er modisch schulterlang und aus der Stirn frisiert. Nun aber zog er seine Lippen zurück, seine Eckzähne verlängerten sich und seine Fingernägel wurden zu starken Krallen, während seine Iris sich in ein helles Gelb verfärbte. Nefiret nickte zufrieden, auch sie öffnete die Lippen zuerst zu einem wesentlich sinnlicherem Lächeln und erlaubte dann ihrem Körper eine ähnliche Metamorphose wie jene des Markgrafen, nun sah man auch den altägyptischen Einschlag im Schnitt ihres Gesichts und der Augen sehr deutlich. Und natürlich stellte sich auch Chiara mit einer kurzen Verwandlung als vollwertige Vampirin vor.
„Nachdem wir nun genau wissen, was wir sind, möchte ich mich zuerst einmal vorstellen“, begann Höllerer. „Mein erster Name war einst Salghaïr, was in der Sprache der keltischen Noriker nichts anderes als Jäger bedeutete. Später nannte man mich Theïll Salghaïr, den wiedergekehrten Jäger oder Neach-Ghlacaïdh Ahanam, den Seelenholer. Das ist aber schon lange, sehr lange her. Das war sogar noch bevor der norische König Voccio Hilfstruppen für Julius Cäsar bereitstellte. Nein, ich war nicht dabei, ich trieb mich mehr oder weniger immer in dieser Gegend herum, bis ich 1723 den Prinzen Eugen von Savoyen-Carignan kennen lernte, welcher ein gewisses Potential in der Unterstützung der Verwaltung und Sicherheit Österreichs durch Leute wie uns erkannte. Einer seiner Nachfolger, ein gewisser Graf Kaunitz, stellte mich dann eines Abends auch ihrer Majestät Maria Theresia vor. Seither – nun seither bewegt sich das Vampirwesen in Österreich mehr oder weniger in geregelten Bahnen, und eine Menge von uns arbeiten sogar ab und zu im Staatsdienst. Wir tauschen die absolute Freiheit gegen eine gewisse Sicherheit, sogar jene von uns, welche nicht wirklich für Kakanien arbeiten wollen, sondern sich einfach nur an die Regeln halten.“
„Und welche Regeln sind das?“ Nefiret folgte der Einladung des Markgrafen und setzte sich in einen bequemen Sessel.
„Das ist gar nicht so arg schlimm, man verzichtet eigentlich nur auf das wilde Trinken von Blut und genießt dafür einiges an Schutz.“ Höllerer grinste. „Manchmal gibt es auch einen Auftrag, aber es darf nicht nach Vampirismus aussehen.“
„Einen Auftrag?“ Chiara schlug die Beine übereinander.
„Aber ja! Manchmal versagt sogar das an sich sehr gute Rechtssystem der Vereinigten Donaumonarchien, weil Zeugen plötzlich verschwinden oder ihre Aussagen zurück ziehen, wegen Bestechung oder Erpressung. Oder das Mitglied einer übermächtige Adelsfamilie, an das man einfach nicht heran kommt, obwohl man sämtliche Beweise hat. Dann sind wir gefragt, zuerst nur, um Angst zu verbreiten und die Person dazu zu bringen, sich zu stellen und ein Geständnis abzulegen. Später, wenn das nicht funktioniert – nun ja, guten Appetit!“
„Ups!“ Nefiret hielt ihre Fingerspitzen an die Lippen und imitierte ein Bäuerchen. „Ich sage es ja schon lange, das Dezimieren von zweibeinigen Ratten ist eine durchaus legitime Angelegenheit.“
*
Neben Verbindungsstraßen zwischen kaiserlichen Gebäuden und Ämtern, dem geheimen Palast des Markgrafen von Höllerer unter dem Belvedere, einer Unzahl von Kanälen und ganz normalen Hauskellern gab es unter Wien noch einige Labyrinthe, die kaum ein Mensch je betreten hatte. Die Haftzellen und Verhörräume des Evidenzbureaus gehörten jedoch nicht zum unterirdischen Wien. Für solche operative Zwecke unterhielt das Bureau ein Gebäude am Rennweg, der Eingang, die Einfahrt und eine kleine Feuerwache waren in der Traungasse zu finden. Vorne hinaus, auf den Rennweg, der vom Palais Schwarzenberg nach Sankt Marx führte, gab es einige kleine, unauffällige Ladengeschäfte und auch ein kleines Beisl, Laufkundschaft war willkommen. Der Rest des sechsstöckigen Hauses im Stil der Belle Epoque schien aus Mietwohnungen zu bestehen, mit einer freundlichen Fassade, netten Vorhängen an den Fenstern, so ganz das biedere, normale Vorstadthaus. Der Innenhof, den aber niemand betrat, der nicht eingeweiht war, zeichnete ein etwas anderes Bild von diesem Haus. Hier war die Atmosphäre dann auf einmal gar nicht mehr so nett, sondern kahl und nüchtern. Das war ja an sich noch nicht so sehr auffällig, bei vielen Gebäuden beschränkte sich der Schmuck auf die Außenseite. Nur die Gitter vor den Fenstern im sechsten, also dem obersten Stockwerk waren schon etwas ungewöhnlich, denn man hätte solche massiven Schmiedearbeiten zum Schutz vor Einbrechern üblicherweise eher im Parterre vermutet. Zudem hätte ein etwas genauerer Blick gezeigt, dass die Gitter außen angebracht waren und wohl eher ein Aus- statt eines Einbrechens verhindern sollten. Und wirklich waren dahinter temporäre Verwahrräume für etwaige Feinde der Donaumonarchien untergebracht.
In einer dieser Zellen im sechsten Stock ging die Tür nun nach neun Tagen erstmals wieder auf. Sonst hatte immer nur jemand eine Klappe geöffnet, ein Tablett mit Mahlzeiten war wortlos herein geschoben worden und das leer gegessene Geschirr wieder hinaus gezogen. Jetzt aber hatte jemand das Schloss und die ganze Tür geöffnet. Der Insasse sah sich einem großen, bulligen Mann gegenüber, seine Haare trug er ganz kurz geschoren, dafür war der Schnauzbart um so mächtiger und nach oben gezwirbelt. Gekleidet war der Mann mit einem weißen Hemd zu einer schwarzen Hose mit Hosenträgern, auf dem Kopf trug er eine schwarze Melone.
„Mitkommen, Kreuzbach“, bellte der Unbekannte barsch.
„Herr Graf von Kreuzbach, das erwart‘ ich mir schon von seinesgleichen“, näselte der Häftling hochmütig.
„Ah so, der feine Herr fühlt sich also als was besser‘s?“ Leopoldine Wotruba schob sich seitwärts an dem bulligen Wächter vorbei und nickte diesem zu. Sie trug heute ein Reisekostüm mit einem weitem Rock, der nur bis knapp unter das Knie reichte, einer ziemlich offenherzigen Bluse und geschnürten Stiefeletten mit hohem Absatz, das lange Haar war zu einem festen Knoten hochgebunden.
„Mit Ihr red‘ ich doch schon gar nicht“, räsonierte Werner. „Pöbel und noch dazu ein Weib! Widernatürliche Kreatur! Wenn ich red‘, dann nur mit einem Mann, der was mir ebenbürtig ist!“
„Ja, was mach’n wir denn jetzt, Franzl?“, wandte sich die Frau an den Posten. „Wir haben ja momentan gar keinen ander’n Hochverräter da, der mit dem da reden könnt. Der ist doch jetzt grad unser einziger! Da müss‘n wir uns halt schon selbst die Händ‘ an dem depperten Arschloch dreckig mach‘n.“ Dann drehte sie sich wieder um trat zu Kreuzbach. „Also, was ist, kommst jetzt mit, Kreuzbach?“ Dieser ignorierte standhaft mit ostentativ unterschlagenen Armen die Aufforderung Leopoldines, deren Hand plötzlich vorschoss und die Finger wie schon einmal mit höchster Präzision einen Nervenknoten mit schmerzendem Griff trafen. „Bis jetzt wår ich no nett und freundlich zu dir, du Drecksau“, fauchte die Agentin den Häftling an. „Auf die Hax’n mit dir, du Årsch mit Ohren, åber ein bisserl plötzlich!“

„Auuu, damisches Weib“, brüllte Kreuzbach. „Foltern ist doch bei uns in Österreich seit dem Joseph abg’schaft und verboten!“
„Da schau her“, staunte Leopoldine gut gespielt. „Also jå, ist es wirklich. Eigentlich sogår scho seit der Maria Theresia. Åber Hochverrat und der Mord an einer Regentin sind hålt auch verboten! Sogar der Versuch von einem Mord an einem Regenten, ob Kaiser oder nicht, gilt schon als das größte Kapitalverbrechen. Als Hochverrat an den Donaumonarchien! Und då håst dich ja auch nicht drum g’schissen, ob’s erlaubt ist oder nicht. Also…“, erklärte sie in lockerem Plauderton, dann brüllte sie dem Häftling ganz plötzlich laut ins Gesicht. „Hålt jetzt deine depperte Papp’n und los geht’s!“ Sie wandte sich wieder ihrem Kollegen zu und bat diesem mit wieder ruhiger, samtweicher Stimme. „Geh, sei so lieb und leg‘ dem depperten Gfrast då bittschön die Åchtereisen an, Franzl!“
Mit auf den Rücken gefesselten Händen wurde Kreuzbach einen langen Gang entlang geführt, die Handschellen, im Volksmund aus nahe liegenden Gründen auch Achtereisen genannt, ließen ihm nicht viel Spielraum, die Kette zwischen den Fußringen beschränkte die Länge seiner Schritte auf wenige Zentimeter.
„Pass nur schön auf, dass‘d nicht die Stuf’n då åbefållst“, brummte Franz Lendvay, der Mann mit der Melone. „Erstens warert då de gånze Bürokratie, die mia erledigen müssten, wånn mia a Leich im Haus håb’n. Weißt eh, Zetteln da, Papierln dort. Und zweitens sollst ja a no den Kårl Selinger kennenlernen.“ Er stieß den Häftling weiter. „Ålso, des is jetzt hålt der Henker von Wien, der g‘freut sich mit seine zwei G’hilfen sicher über so a Gfrast wie di. Weiter, du Falott!“
„Ich verwahre mich…“
„Gusch, du Oasch! Eine då mit dir.“ Franz drängte den Gefangenen in einen fensterlosen Raum mit einem am Boden festgeschraubten Tisch und vier ebenso befestigten Stühlen. „Und sitz!“ Er drückte den verhinderten Attentäter seinen Pranken auf einen der Sessel und fesselte ihn dann mit etwas längeren Ketten an diesen, nachdem er ihm die Handschellen abgenommen hatte. „Wir kommen gleich wieder“, versprach die Poldi Wotruba. „Derweil kånnst dir jå schon einmal überleg‘n, ob dir nicht doch was einfållt, wås‘d noch gern‘ loswerd‘n willst!“
Der in Japan an der kakanischen Botschaft tätige Martin Baron von Oberwinden hatte neben seiner Ehefrau Yoshiko Hashamoro und ihrer Tochter Elisabeth auch einige Hikage mit nach Österreich gebracht. Schattenkrieger. Und Fürst von Hametten war nicht dafür bekannt, Ressourcen ungenutzt zu lassen. Also hatten diese Hikage für das Evidenzbureau einige Männer und noch mehr Frauen in ihre Geheimnisse der Kampfkünste eingeweiht. Denn wenn auch vor dem Gesetz Männer und Frauen bereits gleichgestellt waren, rechneten die wenigsten Männer mit einer Agentin. In den Köpfen der meisten war eine starke, unabhängige Frau noch immer ein Sonderfall, eine Ausnahme. Wie zum Beispiel die österreichischen Prinzessinnen, auf die man aber im Volk ganz schön stolz war. Aber es gab viele Frauen, die nicht schwächer als die Töchter Nénés waren. Leopoldine Wotruba war eine von ihnen.
Man erzählte sich im Land Nippon so einige Geschichten über die Hikage, die Ninjas. Das meiste davon war pure Legende. Fast keiner von ihnen konnte etwa über das Wasser wandeln oder gar durch die Luft fliegen, sie konnten sich auch nicht wirklich unsichtbar machen oder komplett geräuschlos gehen. Und sie hatten selbstverständlich auch sonst keine übernatürlichen Kräfte, außer es handelte sich um Metamorphen. Werwölfe, -Adler, -Tiger oder sonstiges Wergetier. Aber sie alle waren sehr aufmerksam und hatten gelernt, die Absichten einer Person aus winzigsten, unbewussten Muskelkontraktionen zu erkennen, außerdem waren sie hervorragend in der Kunst der Verkleidung und Verstellung ausgebildet, was ihnen den Ruf der Unsichtbarkeit eingetragen hatte. Und sie wussten nur zu genau, wo sie wie hinzugreifen hatten, um die größtmögliche Wirkung zu erreichen. Nicht nur mit den Händen, sondern auch mit dem Geist. Die Agentinnen und Agenten des Fürsten Hametten hatten von diesem Hikages viel gelernt und wandten es nun zum Nutzen der Vereinigten Donaumonarchien und des Evidenzbureaus an. So auch angewandte Psychologie und eine Verhörtaktik, welche ‚im eigenen Saft dunsten lassen‘ genannt wurde.
Nach etwas mehr als zwei Stunden im Verhörraum rasselte es wieder am Schloss des Verhörzimmers, die Tür öffnete sich und Leopoldine Wotruba betrat in der Begleitung von Franz Lendvay den Raum. Die Knöpfe ihrer Bluse waren nicht weit genug geöffnet, um sie wie eine billige Prostituierte wirken zu lassen, aber trotzdem weit genug, um Männerträume anzuregen. Ebenso war es mit dem seitwärts geschlitzten, kurzen Rock, der den Blick auf gut geformte Waden in schwarzen Netzstrümpfen frei gab. Sie setzte sich Kreuzbach gegenüber und holte einige Papiere aus der mitgebrachten Mappe, in welchen sie nun zu blättern begann. Schweigend. Auch Franz Lendvay hatte an ihrer Seite Platz genommen, er fixierte den Häftling mit den Augen und massierte nachdenklich wirkend seine Hände. Dabei ließ er ab und zu auch seine Fingergelenke knacken.
„Ich weiß schon, jetzt kommt das Spiel böser Kieberer – guter Kieberer“, brach Kreuzbach schließlich sein Schweigen. „Aber das könnt’s ihr euch sparen. Nicht mit mir. Verstanden? Nicht mit Werner Konrad Graf von Kreuzbach! Der fållt euch auf so einen billigen Schmäh nicht rein!“
„Du, Franzl, ich glaub‘ fåst, der Werner nimmt dir einen guten Kieberer net so gånz åb!“ Leopoldine sah nicht einmal auf. „Erklärst es ihm vielleicht einmal, bitte?“
„Klår, Poldi!“ Wieder knackten die Finger von Franz Lendvay. „Weißt, Werner, erstens spiel‘n wir då in dem Haus nicht. Niemals. Du kånnst mir’s ruhig glaub’n.“ Die Gelenke knackten. „Zweitens gibt’s da herinnen in dem Bau keinen einzigen guten Kieberer …“ Knack. „… weil drittens wir jå gar keine Kieberer sind.“ Knack! „Des då, wo du jetzt bist, gehört zum geheimen Evidenzbureau. Und du blöde Sau g’hörst jetzt uns, mit Haut und Håar‘!“ Knack! „Es gibt kane offiziellen Papierln über deine Verhåftung mehr! Nirgends! Für die Leut‘ draußen bist einfach verschwunden, Werner.“ Knack! „Vielleicht sucht dich ja schon die Heh, weil dich dein Chef åls vermisst g’meldet håt, åber finden – finden werden‘s dich hålt nicht.“ WAMM! Die flache rechte Hand Lendvays knallte vor Kreuzbach auf den Tisch. „Wir können dir då herin’n jetzt in åller Ruhe den Arsch bis zum Krågen aufreißen!“
„Wörtlich, Werner“, warf Leopoldine immer noch in den Akten blätternd ein. „Vielleicht sollt‘n wir dem Schani des Verhör überlassen? Das ist der Capo von den G’fangenen in deinem Gång. Weißt, der steht schon so ein bisserl auf Popscherln mit Haar drauf.“ Sie blickte auf und zu Kreuzbach hinüber. „Hast du einen pelzigen Hintern, Werner? Kommert der Schani bei dir wohl auf seine Kosten?“
„Du könntest ja einmal nåchschau‘n, Poldi“, schlug Franz vor.
„Ah geh, lieber net. Weil, vielleicht g’fållt es ihm auch noch, wenn ich ihm die Hosen auszieh‘ und den Hintern mit’n Rohrstaberl verdresch‘.“
„Ich protestiere gegen diese Unterstellung“, schimpfte Kreuzbach laut, bei seinem vergeblichen Versuch aufzustehen rasselte die Kette, mit welcher er an den Sessel gefesselt war. „Sie beide sind ja abartig! Widernatürlich! Pervers!“
„Vielleicht.“ Leopoldine legte die Schriftstücke vor sich auf den Tisch und klopfte sie zu einem akkuraten Stapel zusammen. „Vielleicht auch nicht. Åber weißt wås, Werner, plaudern wir noch ein bisserl in åller Ruhe, dann finden wir unter Umständen heraus, wer von uns der Perverse ist. Also, geh’n wir’s an. Was weißt du denn so über Schlitzgeschoße?“
„Über was?“
„Über Schlitzgeschoße, Werner!“ Leopoldine griff in die Tasche, und eine kleine Patrone im Kaliber 5 Millimeter rollte über den Tisch zu Kreuzbach hinüber. „Das då ståmmt zum Beispiel aus deiner Westentåschenkanon‘, die wir konfisziert håb’n. Weißt du, die Engländer sind drauf kommen, wenn man ein Langgeschoß mit der Spitze über einen Stein reibt…“ sie rieb mit einer anderen Patrone über den Tisch und erzeugte damit äußerst qualvolle Geräusche. „Ålso, wenn man das macht, reißt es viel größere und gemeinere Wunden. Die Zielsicherheit und die Reichweite leid‘n zwar ein bisserl d‘runter, aber ja mein Gott, wenn’s hålt doch so schöne, große Wunden in die Leut‘ reißt. Jetzt håt vorig‘s Jahr ein englischer Wåffenproduzent diese Munition då vor dir entwickelt. Dragons Claw nennt er sie. Drachenklaue. Der Nam‘ ist går nicht so unpassend, und er bietet sie in dem an, was die Engländer halt so Kaliber .45, .38, .30 und .20 nennen. Schau her, solange das Geschoss durch die Luft fliegt, ist’s gånz normal, wie immer hålt. Damit bleibt’s zielsicher. Ålso, klarerweise nur dann, wenn der Schütze wås kånn. Aber wenn dånn die Kugel auf‘m Mensch‘n auftrifft, geht bei diesen fünf Rillen … Jetzt schau her då, du Wappler“, brüllte sie ihn plötzlich an, nahm das Geschoss der Patrone zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte sie mit der anderen Hand. „Ålso, bei den Rillen då geht der Kupfermånt‘l auseinånder und formt dabei einen scharfkantigen, fünfzackigen Stern. Durch den Drall – also, då kommt auf jeden Fåll eine ganz schöne Schweinerei dabei heraus. So wås will man eigentlich går net seh’n. Und das då wolltest du elendigliche Sau in unser Regentin schießen. Und jetzt fråg‘n wir uns hålt, wie kommt so ein kleines, dummes Würsterl wie du zu so einer Muni. Weil, vom Himmel g’fållen wird’s ja wohl kaum sein. Leg‘ jetzt besser nieder, wir hör‘n nimmer auf zum frågen, bis du uns sågst, wås wir wiss‘n woll’n. Und glaub’s mir, uns wird eine Menge einfållen, dass wir von dir eine Åntwort rauskriegen! Eine gånze Menge! Ålso, Wo ist die Muni her?“
„Kauft hab‘ ich’s halt, im Schleich am König-Ludwig-Platz, drüben im zwanzigsten Bezirk.“ Kreuzbach zuckte mit den Schultern. „Da kriegt man ja doch alles!“
„Åber geh‘? Sogår Dragons Claws.“ Leopoldine lehnte sich so zurück, dass ihre Bluse zu platzen schien, dann schoss sie plötzlich nach vorn und brüllte, dabei mit der flachen Hand lautstark auf die Tischplatte schlagend! „Verkauf‘ uns net für deppert, du Årsch mit Ohren! Då musst schon viel zeitiger aufsteh’n! Wie soll so ein blöder Hund von einem totalen Verlierer und kompletten Versåger wie du im Schleich an so eine teure Spezialmuni kommen?“
„Verlierer? Versager? Ich?“ Kreuzbach lehnte sich vor, soweit es die Handschellen zuließen. „Das ist doch alles nur die Schuld von diesen scheiß Reformen vom Franz Karl. Und von der g’schissenen Weiberwirtschaft! Es wird Zeit, dass Zucht und die gottgewollte Ordnung wieder einkehr‘n. Dass das Weibe dem Manne wie einst untertan und gefällig sei und der Pöbel dem Adel! Nicht so eine Lotterwirtschaft wie jetzt, wo sich so ein G’sindel wie ihr da ung’straft so frech aufführ’n darf!“
„Poldi, ich glaub‘ fåst, der find‘t einfach keine, die freiwillig mit ihm in die Hapf’n geht, drum will er hålt das Jus Primenoctis wieder einführ‘n.“
„Ist es das, Werner?“, flüsterte Leopoldine mit rauchiger, verführerischer Stimme. „Håt der Franz leicht recht? Will keine mit dir ins Heia-Bettchen, du årmes Hascherl? Soll die Mama ‚ei-ei‘ måch‘n?“ Sie schlug dieses Mal mit beiden flachen Händen knallend auf den Tisch und beugte sich darüber. „Des ist doch niemals auf deinem Mist g’wachsen! So komplizierte Wörter kennst du doch går net, då bist du ja viel zu blöd dazu! Na jå, jetzt låchen sich halt g‘råd deine Haberer ins Fäusterl, weil du, du bist da herin‘n bei uns und sie sind då drauß‘n in Freiheit! Ålso, noch einmal!“ Sie stand auf, ging um den Tisch und blieb hinter Werner von Kreuzbach stehen. Ihre Hände legten sich auf seine Schultern, ihr Mund näherte sich seinem Ohr. „Wo hast du die Muni her?“, hauchte sie verführerisch in sein Ohr. „Wenns’t brav bist, dårfst in deine Zelle zurück und in aller Ruhe auf deinen Prozess wårten. Wenn nicht…“ Ihre Finger bohrten sich in seine Nervenknoten. „…müssen wir hålt ein bisserl anders weitermåchen. Åber ein bisserl schmerzhafter für dich wird’s dånn leider schon werd’n, weil dann müss’n wir dir halt leider ein bisserl weh tun. Also sag’s doch schon! Du ersparst uns eine Menge Arbeit und dir die Schmerzen. Wer håt dir die Dragons Claws då geb’n?“
*
Das Café Alsergrund in der Sechsschimmelstraße war nicht unbedingt ein normales Kaffeehaus, auch wenn man dort natürlich solchen trinken konnte. Letzten Endes war es völlig egal, was man in diesem Lokal trank, denn in erster Linie drehte sich in diesem Lokal alles um die drei Billardzimmer, die sechs Tarocktische und um die kleinen Nischen, in welche sich die Schachspieler zurück zogen. Dazu gab es natürlich noch die in jedem Kaffeehaus präsenten Zeitungsleser, welche schon beinahe zum üblichen Inventar eines Wiener Cafés gehörten. An diesem Abend im Juni 1889 waren einige Herren in einem dieser Räume zum Billard versammelt. Der 147 Zentimeter lange Queue traf auf den weißen Ball, trieb ihn gegen die Bande und von dort aus zuerst auf die rote Kugel und dann auf die zweite weiße mit den punktförmigen Markierungen. Dann schritt der Herr um den 190 Zentimeter langen und 95 breiten Tisch herum und ging in die Knie, um für seinen nächsten Stoß zu visieren. Wieder klackten die Bälle aneinander und schufen eine stetige Geräuschkulisse für das leise geführte Gespräch.
„Sie lebt noch immer!“
„Ja. Es wurd‘ noch nicht einmal ein einziger Schuss auf sie abgeb‘n!“
„Aber unser Kamerad war doch der fest‘n Überzeugung, das Richtige zu tun und hat sich sogar selbst g‘meldet! Freiwillig!“
„Trotzdem hat er’s im Endeffekt nicht getan!“
„Vielleicht hat man ihn bemerrkt und err wurde verrhafftet!“
„Man hat ihn In keinem der Gefängnisse eing‘liefert! Wir hätten doch sonst davon g’hört!“
„Haben wir denn wirklich in jedem Gefängnis jemand‘ sitzen?“
„Zumindest einen Informanten, ja, haben wir!“
„Und nirgendwo hat man ihn aufgenommen? Was ist denn mit den Krankenhäusern?“
„Er ist nicht zu find‘n. Es hat zwar jemand einen Herzanfall erlitten, während die Regentin zum Tor der Oper gegangen ist, aber wir konnt‘n nicht erfahren, wer es war und was mit ihm g‘schehen ist!“
„Vielleicht wurde er ja dabei abdrängt und hat kein Schussfeld mehr g’fund’n.“
„Dann wärre err doch heute hierrherr gekommen!“
„Wir sollt‘n uns nichts vormach‘n. Unser Plan ist nicht nur g‘scheitert, wir müss‘n auch davon ausgeh‘n, dass unser Kamerad g‘fangen g‘nommen worden ist. Dieser Treffpunkt wird bald nicht mehr sicher sein!“
„Aber wir hab‘n nichts g‘hört, dass er im Gefängnis sitzt!“
„Dann hat ihn vielleicht das Evidenzbureau in die Händ‘ bekommen!“
„Aber – die sind doch für auswärtige Angelegenheiten zuständig!“
„Fürrst Hametten ist auch fürr die Sicherrheit derr kaiserrlichen Familie verrantworrtlich!“
„Dann sollt‘n wir jetzt unser‘n Abend besser bald beend‘n. Ein Glück, dass er zumindest unsere Namen nicht kennt!“
„Ich werde Ihnen eine Nachricht zukommen lass‘n, wo und wann wir uns wieder treff‘n. Wir müssen größtmögliche Vorsicht walt‘n lass‘n!“
„Vive l’Empereur Bonaparte!“
„Vive la France!“
„Und auch auf den alten Adel!“
*
Die schlanke, dunkelhäutige Frau führte Heinrich, Fürst zu Hametten durch den unterirdischen Gang unter dem Garten des Schlosses Belvedere, und wieder war nur jener Abschnitt des Ganges beleuchtet, den sie durchschritten. Hametten war das bereits gewohnt, dahinter steckten einfache Druckschalter, keine aufwändige Magie.
„Bitte sehr, Fürst zu Hametten.“ Mathilda, der Wergepard, hielt für den Fürsten die Tür zum Arbeitsraum des Markgrafen Höllerer auf und ließ ihn eintreten. „Darf ich Durchlaucht ein Glas Wein bringen? Der gelbe Muskateller aus der Wachau ist hervorragend.“
„Gerne“, nickte Hametten und betrat das durch Göbel-Birnen beleuchtete Zimmer, in welchem der Markgraf von Höllerer hinter seinem Schreibtisch erhob und sich gleichzeitig mit einer ebenfalls anwesenden zierlichen Frau mit sehr blassem, beinahe weißem Teint und schwarzen Haaren verbeugte.
„Durchlaucht, ich bitte Platz zu nehmen“, wies der Markgraf auf einen gemütlichen Sessel. „Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Fürst.“
„Na, wenn’s mir sagen lass’n, dass es pressiert, dann komm‘ ich auch, Markgraf.“ Hametten ließ sich in den Fauteuil sinken. „Ach, danke!“ Er nahm von Laryana ein beschlagenes Glas mit eiskaltem Weißwein entgegen. „Sie wiss‘n doch, Höllerer, dass ich vollstes Vertrau‘n zu Ihnen hab‘. Sie und Ihre Schützlinge halt‘n ihre Verträge besser ein als die meisten ander’n Menschen, die ich kenn‘. Also, was gibt’s denn?“
„Durchlaucht haben geruht, mit mir eine delikate Angelegenheit zu besprechen. Nicht, was etwaige Verschwörungen gegen unser Herrscherhaus und Österreich angeht, sondern das andere. Und jetzt möchte ich ihnen meinen neuesten Schützling vorstellen. Signora Elettra Massonoti.“
Hametten zwinkerte kurz. „Ich nehm‘ an, die Dame ist nicht mit diesem Namen gebor‘n?“ Dröhnend begann Höllerer zu lachen.
„Ich wusste doch, dass Sie das sagen würden, verehrter Fürst. Nein, die Dame hieß zur Zeit ihrer Vampirisierung Nefiret und lebte im Amun-Tempel. Zur Zeit Echnatons, also wesentlich früher als Anchnesneferibre. Und sie verließ Ägypten erst zur Zeit der 27. Dynastie. Also der Dynastie der Perserkönige!“
„Dann weiß sie also vielleicht, wo die Krone versteckt wurde?“ Der Fürst nippte mit geschlossenen Augen an seinem Weinglas. „Hervorragend!“ Dann wandte er sich an die blasse Frau. „Wären Sie bereit, uns den Ort zu verraten, Fräulein Nefiret?“
„Das bin ich selbstverständlich, soweit ich es weiß“, nickte Nefiret. „Als kleines Danke, dass Chiara und ich hier in Sicherheit leben dürfen.“
„Sie kennen selbstverständlich die Rechte und Pflicht‘n bereits, welche der Schutz ihrer Person und welche zusätzlichen Privilegien eine Arbeit ihrerseits für die Vereinigten Donaumonarchien für Sie mit sich brächt‘n?“
Nefiret neigte bestätigend das Haupt. „Der Markgraf hat uns informiert, Fürst. Meine Freundin und ich überlegen noch. Aber das Versteck der Krone werde ich Ihnen auf jeden Fall mitteilen. Jetzt, wenn Sie es wünschen!“
„No, dann bitt‘ ich doch sehr d’rum!“
*
Ägypten
Die österreichischen Ausgräber im Wadi Farafra hatten mit Feuereifer weiter gearbeitet, denn wo eine Schriftrolle lag, konnten auch mehrere erwartet werden. Also gruben sie weiter, vorsichtig und bedächtig trotz ihrer verständlichen Ungeduld. Immer wieder meldete Bergmann in dieser Zeit den Fund kleinerer Kunstwerke, von Scherben und unverfänglichen Wandmalereien nach Wien. Von dort aus fanden die Beschreibungen ihren Weg nach London und wieder zurück nach Ägypten zu Miss Amelia Edwards. Über die Metallröhren mit den Papyri schwieg Bergmann, einer allerhöchsten Anweisung folgend, welche ihm von Oberleutnant Jochen Meyster von den Gnus überbracht worden war. Elfriede Musil fiel die Aufgabe zu, die gefundenen Rollen zu erhalten und zu übersetzen, und sie verließ tagelang den Raum III nur, um ihre Notdurft zu verrichten.
„Frau Musil, trinken sie das, bitte!“ Elfriede hob erstaunt und unwillig ihre Augen, ein Unteroffizier der Gnus stand vor ihr. Am Oberarm des linken Ärmels war ein Aufnäher mit einem roten Kreuz auf weißen Grund, in den Händen hielt er zwei Becher.
„Was ist denn …?“
„Normales Wasser mit einem Schuss Weißdornextrakt, gnä‘ Frau“, hob der Stabswachtmeister einen der Becher, sein strahlend weißes Gebiss leuchtete aus seinem dunklen, fast schwarzen Gesicht. „Und Pfefferminztee mit jeder Menge Glukose!“ Er wackelte mit dem anderen.
„Aber warum denn …?“
„Dass sie uns nicht umkippen, Gnädigste“, versetzte Erich Amotekun. „Sie treiben ganz massiven Raubbau mit ihrer Gesundheit. Ich bin zwar kein promovierter Arzt, sondern habe nur eine kurze Grundausbildung zum Sani, aber soweit ich das beurteilen kann, haben sie in letzter Zeit etwas zugenommen, obwohl die Handgelenke und die Fesseln immer dünner geworden sind. Jetzt machen’s einmal Pause, Frau Doktor Musil. Der Herr Professor ist sicher auch der Meinung! Kommen’s mit.“ Widerstrebend erhob sich Elfriede, es wurde schwarz mit bunten Punkten vor ihren Augen. Sie fühlte eine kühle Flüssigkeit über ihre Zunge gleiten, schluckte, schluckte noch einmal. Allmählich konnte sie wieder sehen, und der Sanitäts-UO drückte ihr den warmen Becher in die Hand, von dem sie kleine Schlucke trank. Ihr Blick wanderte zum Papyrus, doch der Soldat legte ihren Arm um seine Schultern und stützte sie. „Nicht jetzt, Frau Musil. Nicht jetzt. Ich schick den Herrn Professor oder ihren Mann her. Bis dahin – Korporal Koller wird schon dafür sorgen, dass wirklich nur die genannten Herren durch diese Tür kommen. Also, geh’n wir!“
Während Erich die schwankende junge Frau zum Camp der Österreicher führte, holte ein Soldat Alois Musil. Der hörte nur „… Sani … Gattin … schlecht …“ und beeilte sich. Als er in das eheliche Zelt stürzte, sah er den baumlangen Wachtmeister Amotekun, welcher eben den Arm Elfriedes von seiner Schulter nahm und die halb bewusstlose Frau auf das Lager gleiten ließ.
„Sorgen Sie dafür, dass Ihre Frau trinkt, Herr Doktor“, riet der Sani. „Sie ist etwas dehydriert und überanstrengt. Gönnen Sie ihr eine Pause.“
Musil sah auf Elfriede, die matt abwinkte. „Halb so schlimm, Lois! Ich mach eh glei wieder weida!“
„Trinken Sie zuerst, Frau Doktor. Langsam, ein Schluck nach dem anderen!“ Jetzt erst fühlte Elfriede, wie durstig sie war. Aber sie war auch eine gebildete Frau, sie wusste, wenn sie jetzt zu gierig trank, würde sie sich nur übergeben. Und das wäre absolut kontraproduktiv. Also trank sie kleine Schlucke, mit kurzen Pausen, dabei fühlte sie, wie sich die Erschöpfung in ihrem Körper ausbreitete. Die Lider wurden schwer, und sie schlief ein.
„Wachtmeister, ich bin Ihnen zu Dank …“
Amotekun winkte ab. „Meine Aufgabe, Herr Doktor. Deswegen habe ich mir zur medizinischen Fortbildung gemeldet. Ich lasse Ihnen ein Fläschchen mit Weißdornextrakt hier, zur Herzstärkung. Nicht mehr als zwanzig Tropfen am Tag. Und sorgen Sie dafür, dass sich Ihre Frau etwas schont. Nur weil sie zu zweit herum läuft, kann sie nicht auch für zwei arbeiten!“
„WAS? Wie – was meinen Sie …?“
„Herr Doktor, was wissen Sie denn eigentlich von den Blümchen und den Bienchen?“, grinste Wachtmeister Amotekun.
„Nicht sehr viel, Wachtmeister“, gab Alois Musil zu. „Ich bin Hist… – Moment! Wollen Sie damit etwa sagen, dass …?“
„Ich schätze, drittes bis viertes Monat.“ Amotekun legte dem Archäologen die Hand auf die Schulter. „Gratuliere, Herr Doktor.“
„Danke!“ Das Gesicht Musils verklärte sich, und er betrachtete seine Frau mit zärtlichen Blicken.
*
Elfriede Musil schlief etwa 24 Stunden und nahm danach eine kräftige Brühe zu sich, dann durfte sie mit dem Übersetzen der Schriftrollen weiter machen. Endlich konnte sie Bergmann den Text vorlegen.
‚… Im 15 Jahr der Herrschaft des Pharao Apries, der mein Bruder war, machte ich einen sehr, sehr folgenschweren Fehler.
Der Pharao hatte eine Horde griechischer Söldner in das Land am Hapi gebracht, weil seine eigene Armee nicht reichte, um all seine Kriege führen zu können. Vor allem im Nordosten versuchte er beständig das Reich zu vergrößern. Doch dann zog er auch in den Süden, um wie sein Vater die Heimat unserer eigenen Ahnen, das Reich Kush, zu verheeren und alle Erinnerung an unsere Herkunft von den Kushiten auszulöschen. Ganz so, als schäme er sich, ein Nachkomme von dunkelhäutigen Menschen zu sein. Für diesen Kriegszug an den Oberlauf des Hapi verweigerte ich ihm jedoch als Gemahlin des Amun meinen und den Beistand der heiligen Gegenstände. So musste er denn auf Söldner zurückgreifen, große, wilde Gestalten mit blonden Haaren. Auf Hellenen, welche er am großen Meer anheuerte.
Diese Männer waren stolz darauf, keine Gnade zu kennen und auch keine zu erwarten. Sie benahmen sich am oberen Lauf des Hapis wie die Barbaren, die sie nun einmal waren, und stellten fürchterliche Dinge mit der Bevölkerung des Landes Kush an. Der Pinsel lässt sich nicht zwingen, all die bösartigen und grausamen Dinge zu beschreiben, von denen uns berichtet wurde. So beschloss ich, meinem Bruder die Entlassung seiner Söldner zu befehlen. Einen Mond gab ich ihm Frist, doch er hatte seine Bestien bereits in das Land Masr zurück gerufen und öffnete ihnen die Tore zum heiligen Theben und dem Palast.
Ich erwachte vom Gepolter, mit welchem die Griechen durch den Palast tobten, dem Klirren von Waffen und dem angstvollen Geschrei der anderen Frauen und dem Todesröcheln der Männer, welche ihnen in die Quere kamen. Ich sprang von meiner Lagerstatt auf, doch da stürmte einer dieser Bestien bereits in mein Zimmer, drehte mich brutal um, zwang mich in die Knie und drückte meine Schenkel auseinander. Bis heute fühle ich seine schwere Hand im Nacken, höre sein schweres Atmen und rieche seinen stinkenden Schweiß, doch das Schicksal verschonte mich dieses Mal.
„Nicht diese, Hylotos, die hier ist Tabu! Unser Auftraggeber braucht sie unbeschädigt, such dir gefälligst eine andere“, ertönte es vom Eingang, und der Barbar ließ tatsächlich von mir ab.
„Also schön“, hörte ich ihn in seiner primitiven Sprache grunzen, die ich wie das Assyrische selbstverständlich beherrschte. „Es gibt ja noch mehrere von diesen hochgestochenen Weiber im Palast!“ Dann stieß er mich von sich, sprang auf und verließ den Raum.
„Du bleibst in diesem Raum, Weib“, herrschte mich der andere Barbar noch an, ehe er sich seinen plündernden und vergewaltigenden Brüdern wieder anschloss.
In dieser Nacht starb die gesamte Familie des Pharao, nur mich ließ der Verbrecher auf dem Thron am Leben. Er wollte dem Volk weiter eine bekannte Gemahlin des Amun zeigen können, so tun, als sei alles wie zuvor. Wie schnell wäre der Spuk vorbei gewesen, hätte ich die Möglichkeit gehabt, zu den heiligen Artefakten zu gelangen. Aber mir blieb der Zutritt verwehrt.
Zwei Jahre lang benahmen sich die Söldner wie die Herren, geduldet und gefördert vom Pharao selbst. Die Offiziere nahmen sich außer mir jedes Mädchen aus dem Palast, wann, wo und wie sie wollten, die Soldaten machten dasselbe in der Stadt. Selbst auf offener Straße, ich musste es selbst mehr als einmal mit ansehen. Es war eine fürchterliche Zeit, in welcher der Unmut des Volkes und der Armee stieg. Es gelang mir schließlich, mich mit General Amasis zu verbünden, welcher den Aufstand niederschlagen sollte. Weitere zwei Jahre später, im 19. Jahr der Herrschaft von Pharao Apries, stand der General nach seinem Sieg über das Gros der Söldner bei Momemphis mit den ägyptischen Truppen vor den Toren Thebens. Mein Bruder sandte bis auf wenige Leibwächter seine ihm verbliebenen Söldner auf die Wälle, während er selbst seine feige Flucht vorbereiten wollte.

In den vergangenen vier Jahren hatten die Frauen des großen Hauses und ich heimlich gelernt, mit einem Sichelschwert umzugehen. Damit konnten wir die beiden Wachen der Schatzkammer überwältigen, und ich legte meine Hand endlich wieder auf die heiligen Gegenstände. Ich setzte den Helm auf, nahm den Bogen zur Hand und bestieg den Wagen. Gemeinsam mit mir nahm das Volk von Theben blutige Rache an den Hellenen, einzig Apries selbst konnte mit vier seiner Söldner dem Ansturm entkommen. Zumindest vorderhand.
Danach riefen das Volk und das Heer Amasis zum neuen Pharao im Land des Hapi aus, er wählte für sich den Thronnamen Chnum-ib-Re. Ich selbst gab mich dem neuen Pharao hin, empfing ihn in meinem Schlafgemach und in meinem Bett. Öffentlich nannte ich ihn den Herrscher des Landes, sodass die Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft nicht mehr angezweifelt werden konnte. Er war wohl mit einem etwas derben Humor ausgestattet und liebte den Wein ebenso wie die Frauen, war aber auch ein kluger und freundlicher Mann, der Ägypten lange und gerecht regierte. Es war ihm aber nicht beschieden, nach einem guten Leben friedlich zu sterben, denn die Barbaren aus Babylon …‘
„Das Ende der Herrschaft von Apries. Oder von Haa-ib-Re!“ Ernst von Bergmann massierte wieder einmal sein Kinn, wie es seine Gewohnheit war.
„Die Thronbesteigung von Chnum-ib-Re war 570 vor Christus“, überlegte Alois Musil. „Apries soll dann noch einmal mit einer Horde Söldnern nach Ägypten zogen sein, um in Ägypten seinen Herrschaftsanspruch zu untermauern. Wir wissen aber nicht, ob er im Kampf gefallen ist oder hingerichtet wurde. Laut den Quellen ist beides möglich.“
„Na schön. Vielleicht steht das ja noch genauer in einer dieser Rollen. Ich hoffe sehr, dass wir noch ein paar finden. Gut gemacht, Frau Kollegin“, lobte Bergmann Elfriede Musil. „Und ich gratulier‘ Ihnen auch zur guten Nachricht. Machen’s jetzt Schluss für heut‘, morgen ist ja auch noch ein Tag!“
„Aber …“
„Gute Nacht!“, winkte Professor Bergmann die Musils weg. „Nehmen’s ihr Frau und bringen Sie sie ins Bett, Herr Kollege! Und nicht nachher wieder herschleichen, gelt, Frau Kollegin! Der Korporal vom Dienst würd’s in seinem Büch’l eintragen, und dann schimpfert ich aber erst so richtig mit Ihnen. Also, husch, husch ins Körbchen!“
„Er hat recht, Liebling. Komm jetzt!“ Alois nahm Elfriede um die Taille und führte sie hinaus. „Ein bisserl musst schon auf den Ferdi achtgeben. Oder auf die Fritzi!“
*
Nederland-België
Die RÁKÓCZI schwebte über Zuid Holland, einer der westlichen Provinzen des Königreiches Nederland-België, und näherte sich Oostduinen, dem Luchthafen der Stadt Gravenhaage. Michael Ziegler hätte in der bieder wirkenden blonden Frau mit dem Dutt in dem braven, hochgeschlossenen Reisekostüm in gedecktem Grau seine aufregende Mietje, die einige Monate ihre Zeit und ihr Bett mit ihm geteilt hatte, nicht wiedererkannt. Fräulein van de Broggenkamp verschwand in der Menge der Passagiere im großen Salon des Luftschiffes, als sie ihre heiße Schokolade trank. Sie erhaschte einen Blick aus dem Fenster, es würde wohl noch eine halbe Stunde dauern, bis das Luftschiff sicher an seinen Masten hing.
Mietje war mit einem Schiff nach Māui gefahren und hatte dort im Bureau ihrer Firma das Ticket für ein Luftschiff nach Germania Australia, ein weiteres für die rund 10.000 Kilometer lange Passage von Luitpoldhafen im Osten des Kontinents nach Madagaskar, ein drittes für die Fahrt nach Wien über Port Helene und endlich die Reise von Wien nach Gravenhaage vorgefunden. Statt einiger Monate auf See hatte ihre Reise von der Antarktis in die Nederland-België nur etwas mehr als 23 Tage gedauert. Die Zwischenstopps mit eingerechnet.
Nun, am Nachmittag des 21. Mai 1889, näherte sich das Luftschiff der ÖDLAG, die RÁKÓCZI, dem vorläufigen Ende ihrer Reise. Am Morgen des 23. Mai würde sie ihre Fahrt mit ausgeruhter und erfrischter Besatzung wieder aufnehmen, über Köln, Frankfurt am Main, Passau und Wien nach Budapest fahren. Mietje trank ihre Schale leer, legte eine kleine Münze auf den Tisch und lächelte der Bedienung freundlich, aber sittsam und zurückhaltend zu. Der Kellner dachte sich, dass sie wahrscheinlich die Ehefrau eines Geschäftsmannes wäre, welche vielleicht Verwandte in Österreich besucht hatte und nun nach Hause zurück kehrte, eine nette, gesittete Person. Diese nette, sittsame Dame nahm ihre kleine Reisetasche und begab sich langsam zum Ausstieg, man merkte bereits, wie der Zeppelin langsam tiefer glitt und sich zum Mast in Position drehte. Wie alle anderen Passagiere wusste Mietje, dass ihr großes Gepäck an einem Punkt der Ankunftshalle bereits auf sie warten würde, sobald sie die Einreiseformalitäten hinter sich gebracht hatte.
Bei dem Lufthafen Oostduinen hatten die Baumeister einen der alten Barockpaläste der Stadt zur Verfügung gestellt bekommen, das Dachgeschoss abgetragen und noch eine weitere Etage aus Stahl und Glas im Stil des Art Nuveau darüber gesetzt. Zierliche Türmchen aus Gitterwerk erhoben sich aus dem Palast und warteten auf die Luftschiffe, bis zu sechs dieser Giganten der Lüfte konnten hier vor Anker liegen. Eine moderne Expressbahn verband den Luft- mit dem Seehafen, eine zweite Linie mit der Stadt. Doch heute hatte Fräulein van de Broggenkamp einfach keine Lust auf den öffentlichen Verkehr, wie schnell er auch immer sein mochte, und steuerte lieber den Wartestand der Dampffiaker an. Hinter ihr transportierte ein Dienstmann des Hafens das große Gepäckstück Mietjes, einen recht großen Schrankkoffer. Sie ließ sich vom Coördinator ein Taxi zuweisen, der Dienstmann verstaute den Koffer auf dem Träger am Heck des Fahrzeugs und sicherte ihn mit einem Gurt, während Mietje dem Fahrer die Adresse nannte. Ein gutes Trinkgeld brachte Mietje ein zahnlückiges, aber herzliches Lächeln und eine tiefe Verbeugung des Dienstmannes ein. Dann stieg sie in den offenen Wagen, lehnte sie sich in den Polstern zurück und genoss die Fahrt über den Rijkensstraatweg, einen der großen Verkehrswege der Stadt. Links und rechts der Straße breiteten sich weiträumige Parks aus, es war warm, die Sonne stand hoch am Himmel und schien in Mietjes Gesicht, der Frühling brachte Bäume und Gartenbeete in voller Farbenpracht zur Blüte. Wenn sie daran dachte, dass in der Antarktis nun der Winter begann, durchzog ein schauriges Frösteln ihren Körper. Der Kontinent und Port Ludovika hatten zwar eine ganz eigene, raue Schönheit, aber selbst im Sommer benötigte man einen Pelz und dicke Kleidung, wenn man ins Freie gehen wollte. Es war ein Land harter Kontraste, es gab vorwiegend Schwarz oder Weiß. Grau gab es nur im Sommer, wenn das Eis auf dem Meer schmolz und dunkles Wasser frei legte, bunte Farben nur dort, wo der Mensch sie hingebracht hatte. Hier sah sie das genaue Gegenteil, die Wärme der Sonne und die Farben machten sie beinahe betrunken, und ein plötzliches Glücksgefühl überkam sie.
„Ach, Fräulein van de Broggenkamp. Sind Sie auch wieder einmal zu Hause. Das ist aber schön, willkommen zurück“, begrüßte sie der Hausmeister ihres Wohnblocks, welcher aus dem Haus gekommen war, während sie den Fahrer entlohnte. Er hatte es für seine Pflicht gehalten, demjenigen seine Hilfe anzubieten, der gerade vor dem Gebäude aus dem Fiaker stieg, für das er Verantwortlich war. Und ein klein wenig Neugier war wohl auch dabei gewesen.
„Danke, Jens.“ Mietje hielt ihm die Hand zum Kuss hin. „Bist du wohl so nett, dem guten Fiaker mit meinem Gepäck zu helfen?“, bat sie Jens Goldigg.
„Na klar, Fräulein. Mach ich!“ Der stämmige Portier schob seine Mütze ins Genick und hob den schweren Koffer vom Gepäckträger. „Der soll sicher in ihre Wohnung? Ich hab‘ sie Tipp-Topp in Schuss gehalten, während sie weg waren. Wo waren Sie denn, wenn man neugierig sein und fragen darf?“
„Ja bitte, Jens.“ Damit folgte Mietje lächelnd dem voran gehenden Consierge. „Ich war in der Antarktis. In Port Ludovika!“ Das Haus gehörte der Firma Hutjes en Partners, für welche sie arbeitete, hier wohnten nur Kolleginnen und Kollegen und Jens gab auf alle Wohnungen acht, wenn die Bewohner auf Geschäftsreisen waren. Auch wenn er neugierig war, Mietje wusste, dass sie ihm alles, was die Geschäfte von Hutjes en Partners anging, anvertrauen konnte. Was sie nicht wusste, Jens stand, ebenso wie sie selbst und einige andere Kollegen, auch auf der Gehaltsliste von Jan Gruyvenbrook, dem Chef der Informationsagentur von Nederland-België und war ein ausgebildeter Agent.
„Verdammt kalt dort, oder?“, schwatzte Jens unverdrossen weiter, perfekt seine Rolle spielend.
„Sehr kalt, Jens. Ich friere immer noch!“
„Nun dann, herein die gute Stube!“ Der Hausmeister schloss die Tür zu Mietjes Wohnung auf, öffnete sie und stellte den Koffer auf den Kofferbock im Vorzimmer. Dann reichte er ihr die Schlüssel. „Kommen Sie erst einmal zu Hause an, trinken einen Tee und nehmen vielleicht ein schönes heißes Bad. Wenn Sie etwas benötigen…“
„…weiß ich, dass ich mich auf Sie verlassen kann, Jens.“ Federleicht berührten ihre behandschuhten Finger seine Wange. „Danke!“
Dann war Mietje allein. Immer noch glücklich lächelnd zupfte sie die dünnen Netzhandschuhe, welche derzeit ein absolut unverzichtbar Accessoire in der Damenmode waren, von den Fingern und legte sie in die Schublade, ehe sie ihr Jäckchen auszog und auf einen Kleiderbügel hing. Tee war eine gute Idee, und ein heißes Bad, mit viel Schaum – warum denn nicht? Langsam knöpfte sie ihre Bluse auf, während sie Wasser in ihre Kanne füllte. Die Wohnungen, welche Hutjes en Partners ihren Angestellten zur Verfügung stellte, waren zwar ziemlich klein, aber mit jedem erdenklichen Luxus eingerichtet. Ein elektrischer Herd und fließend Warm- und Kaltwasser gehörten ebenso dazu wie ein eigenes Badezimmer und ein Abort mit Wasserspülung. In Nederland-België durchaus noch kein Standard. Selbst in Gravenhaage, Rotterdam, Antwerpen, Gent oder Brügge mussten die Leute oft noch mit einer Wasserentnahmestelle pro Etage auskommen, und mehrere Wohnungen teilten sich einen Abtritt. Bei diesem Gedanken schüttelte es Mietje vor Ekel. Der Nachbar ihrer Eltern war damals ein richtiges Ferkel gewesen, der das Toilet immer schmutzig hinterlassen hatte. Mittlerweile war sie zwar durchaus fähig, weitaus schlimmeres zu vertragen, aber ein eigenes Kämmerchen … Die Teekanne pfiff und riss Mietje aus ihren Erinnerungen. Ein, zwei Löffel Tee in den Porzellanfilter ihrer Tasse, dann das heiße Wasser darüber. Appetitlicher Duft stieg ihr in die Nase, nach gut zwei Minuten entfernte sie das Sieb. Dann stieg sie aus ihrem Rock und zog auch ihre Bluse aus. Kurz schnüffelte sie gewohnheitsmäßig daran, aber sie wusste schon, das gute Stück musste unbedingt gewaschen werden, ebenso das Unterhemd. Rasch warf sie ihre Schmutzwäsche in einen weißen Leinensack, klingelte nach Frau Goldigg, schlüpfte in ihren seidenen Morgenmantel und stellte den Sack vor Tür.
„Guten Tag, Fräulein van de Broggenkamp!“ Luuk Visser, ihr Nachbar von der übernächsten Wohnung, schritt mit einem sparsamen Lächeln auf den vollen Lippen an ihr vorbei und tippte kurz an seinen Hut.
„Ihnen auch, Herr Visser“, entgegnete Mietje, ehe sie ihre Tür wieder schloss. Luuk war ein angenehmer Nachbar, immer ruhig und freundlich, aber an Frauen zu hundert Prozent desinteressiert. ‚Was für ein Verlust für die Frauenwelt‘, dachte Mietje nebenbei, während sie mit Rosenöl parfümierte Saponine, eine Erfindung des deutschen Biochemikers Leopold Gmelin, in die gusseiserne emaillierte Badewanne träufelte und den Hahn für das warme Wasser öffnete. Den Teebecher stellte sie auf ein Tischchen neben der Wanne, der Seidenmantel glitt von ihren Schultern, sie tastete mit einem Zeh nach der Temperatur des Wassers. Es war einfach perfekt! Sie stieg ganz in die Wanne und ließ sich wohlig seufzend in das warme Wasser gleiten. Was für ein Genuss.
*
Das Parlament des Königreiches Nederland-België tagte im Binnenhof am Dünensee Hofvijer, einem liebevoll in Schuss gehaltenem Burgbau, den 1248 Wilhelm II, Graf von Holland und Zeeland, als befestigte Residenz erbauen ließ. Auch die Minister unterhielten hier einige Büros und einen großen Tagungsraum, ihre Ministerien lagen alle in der Nähe des Hofes. Daher zählte selbstverständlich die Umgebung dieses für das Königreich so wichtigen Gebäudes zu den begehrtesten und teuersten Adressen der Stadt. Und genau hier befand sich auch das Haupthaus von Hutjes en Partners. Die moderne Art-Deco-Fassade des Firmensitzes täuschte mit den filigranen Mustern über die Wuchtigkeit des Baues hinweg. Selbst schwerer Artilleriebeschuss hätte nur das Zierrat wegsprengen können und danach einen wuchtigen Klotz aus Stahlbeton zurückgelassen, die Öffnungen der jetzt großzügig wirkenden Fenster hätten motorisch bewegte Jalousien aus starken Stahllamellen geschützt, die Tür eine massive Metallwand. Für die Informationsagentur von Nederland-België war das Beste eben gerade gut genug gewesen, als diese Festung geplant wurde. Über dem Haupteingang hing eine Laterne, welche wie ein nach Art der doppelten holländischen Rose geschliffener Diamant aussah. Dahinter gab es ein Kämmerchen mit fünf Personen, welche über ein Spiegel- und Linsensystem alle Menschen genau betrachteten, welche das Gebäude betreten wollten. Immerhin lagerten in diesem Haus ja auch Milliardenwerte an Diamanten, da musste man schon vorsichtig sein.
An diesem Mittwoch, dem 22. Mai 1889, trug Mietje van de Broggenkamp ein dezentes violettes Kostüm, der Rock endete etwas mehr als eine Handbreit über dem Knöchel. Dazu eine fliederfarbene Bluse mit hochgeschlossenem Rüschenkragen, also jene Kleidung, wie sie von erfolgreichen, selbständig arbeitenden Frauen oft getragen wurde. Sie schritt die breite Freitreppe zum Eingang hoch, sah zum falschen Diamanten hinauf und zwinkerte den Wachen kokett zu, von deren Existenz sie natürlich wusste. Und sie wusste selbstverständlich auch genau, dass sie von ihnen soeben eingehend beobachtet wurde. Dann betrat sie die Vorhalle und begab sich zu einer der Empfangsdamen hinter einem Pult und legte ihr ihren Ausweis vor.
„Meener Gruyvenbrook erwartet mich, Jongedam …“ Sie beugte sich vor und las das Namenschildchen. „… Claes. Bitte, melden Sie mich an.“ Manon Claes nahm den Ausweis und fuhr mit dem Daumen über die Rückseite, während sie ihn las.
„Selbstverständlich, Jongedam van de Broggenkamp. Bitte, kommen Sie doch weiter!“ Die Concierge kam hinter ihrem Pult hervor und schloss eine Tür auf. Mietje trat hindurch, blieb in einem kleinen Kämmerchen stehen und hob die Arme.
„Unter der Jacke im Rockbund“, informierte sie Manon lächelnd, die griff zu und zog Mietjes zweiläufigen Derringer hervor.
„Ist das alles?“
„Natürlich nicht“, grinste Mietje die Kollegin an. „Ein Dolch steckt noch im linken Strumpfband!“
„Ich darf doch?“, grinste Manon zurück und fuhr Mietjes Bein nach oben, bis sie den Dolch ertastete und aus der Scheide zog. „Bitte öffnen Sie jetzt ihre Jacke!“
„Aber natürlich.“ Mietje öffnete langsam die Knöpfe und zog die Jacke aus, dann tastete die Wächterin die Besucherin von oben bis unten sorgfältig ab.
„Gut, Jongedam van de Broggenkamp, Sie dürfen weiter!“
„Wirklich?“ Mietje nahm ihre Jacke wieder auf, und plötzlich hielt sie einen Dolch mit flachem Griff in der Hand. „Sie haben vergessen, meine Jacke zu untersuchen.
„Heilige Shit!“, fluchte Manon. „So ein blöder Anfängerfehler!“
„Ich schlage vor, sie untersuchen Jongedam van de Broggenkamp noch einmal, Jongedam Claes“, ertönte es aus einem Loch an der Wand. „Und greifen Sie dieses Mal ruhig beherzter zu!“
„Silvye? Silvye van Doorn?“ rief Mietje. „Dann ist wohl auch dein Jachtgeweer gerade auf mich gerichtet?“
„Oh ja! Also befolgst Du besser die Anweisungen der Jongedame!“ Die Stimme der unsichtbaren Frau klang amüsiert. „Also los, Claes, vorwärts!“
„Aber natürlich, Silvye“, lachte Mietje. „Soll ich mich gleich ganz ausziehen?“ Sie griff an die Kragenknöpfe. „Wer weiß, vielleicht habe ich ja noch eine Pistole im Kont!“
„Ach nein, du bist ja nicht im Einsatz, Mietje! Bist du doch nicht, oder?“
„Würde ich es sagen, wäre ich es?“, flachste Mietje vergnügt, während sie Manons Hände ihren Körper abtasten fühlte. An allen Stellen – und auch etwas fester als vorher.
„Na, komm schon weiter, Mietje“, klang wenig später Silvyes Stimme. „Erlösen wir die kleine Manon. Sie können auf ihren Posten zurück kehren, Jongedam Claes.“ Es klickte an der Tür vor Mietje, und sie verließ den Untersuchungsraum wieder, nicht ohne der jungen Concierge aufmunternd zuzulächeln. Auch sie hatte sich vor Jahren während ihrer Ausbildung ähnliche Fehler geleistet, und war dann doch eine der besten Einsatzagentinnen geworden. Draußen wurde Mietje von einer älteren Frau mit einer zweiläufigen Schrotflinte auf der Schulter erwartet, mit einer Kopfbewegung bedeutete diese Kollegin ihr, weiter zu gehen, was sie auch tat.
„Du weißt doch schon, dass ich dir hier drinnen keinen Schritt von der Seite weichen werde.“
„Wie immer, Silvye. Wie immer!“
Der Chef der Informationsagentur war ein unscheinbarer, kleiner Mann mit Glatze, der einen nach Maß geschneiderten dunkelblauen Anzug und einen großen Diamantring trug. Ganz so, wie man es von einem der Seniorpartner des mächtigsten und reichsten Handelshauses für Luxusartikel erwarten konnte. Hinter dieser Fassade verbarg sich der helle Kopf eines der mächtigsten Männer im Königreich, er wusste über beinahe jeden etwas nutzbringendes und man munkelte, er habe auch Kenntnis über die dunkelsten Geheimnisse des Königshauses. Gleichzeitig war er aber dem Königreich und seinem Herrscherhaus absolut loyal und hätte beides mit seinem eigenen Leben geschützt. Man munkelte auch, die Gruyvenbrooks stammten von einem illegitimen Nachkommen der Oranjes ab, einem Bastardsohn von Wilhelm V., einem ‚Erbstatthalter‘ der Generalstaaten. Jan Gruyvenbrook gab nichts auf solche Gerüchte, er wusste auch so, was und wer er war. Eben, als er sorgfältig eine Zigarre beschnitt, klopfte es an seiner Tür.
„Herr Gruyvenbrook, Jongedam van de Broggenkamp ist hier“, vermeldete seine Sekretärin, nach außen hin eine gesetzte, ruhige Frau.
Der Geheimdienstchef sah kaum von seiner Tätigkeit auf. „Schicken Sie die Jongedame herein, Minvrouw van Vordesail!“
„Gerne.“ Sie trat etwas zur Seite und machte mit der rechten Hand eine einladende Geste. „Bitte, Jongedam van de Broggenkamp.“
„Nehmen Sie Platz, Jongedam“, wedelte Gruyvenbrook mit der linken Hand, während er mit der rechten das angeschnittene Ende der Zigarre näher an seine Augen führte, um den Schnitt zu begutachten. „Die cubanischen sind doch immer noch die besten Zigarren“, bemerkte er zufrieden, genießerisch schnupperte er noch einmal an dem feinen Tabak. In der Zwischenzeit setzte sich Mietje auf einen der Sessel vor seinem Schreibtisch, ganz Dame, aufrecht und mit durchgedrücktem Kreuz. Dann nahm sie die stumpfen Nadeln heraus, mit welchen sie den Hut an ihrem Haarknoten befestigt hatte und nahm die Kopfbedeckung ab. Silvye van Doorn hatte nur die Enden der Nadeln gemustert und auf jede Bemerkung verzichtet. Langsam und ganz darauf konzentriert vollzog nun Jan Gruyvenbrook die Zeremonie des Zigarrenanzündens. Wartete, bis der Schwefel des Zündholzkopfes verbrannt war, paffte einige Male und blies dann behaglich den Rauch von sich.
„Was wissen Sie über die ROMA ETERNA?“, fragte er, als die Spitze der Zigarre endlich zu seiner Zufriedenheit glühte.
„DAS Schlachtschiff der Königlichen Italienischen Marine“, kam die Antwort ohne Zögern. „Kiellänge 380 Meter, Deckbreite 48. Hauptartillerie 18 Kanonen mit je 37 Zentimetern in sechs Türmen, 30 Kaliber 14 Zentimeter Schnellfeuerkanonen und einiges an kleinerem Beiwerk. Gut gepanzert. Sank im März vor Eritrea unter seltsamen Umständen, als eine italienische Invasionsarmee vermutlich Abessinien angreifen wollte.“
„Unter seltsamen Umständen?“, fragte der Agenturleiter kurz nach.
„Es soll eine übergroße Rahmentrommel im Spiel gewesen sein, Meneer. Aber da ich nicht dabei war …!“ Sie zuckte nur mit den Schultern.
„Natürlich. Sie sind wie immer gut informiert!“
„Ich komme aus den Donaumonarchien“, lächelte sie. „Dort bekommt man als Frau nicht nur Journale mit den neuesten Nachrichten zu kaufen, man darf sie sogar in der Öffentlichkeit lesen, ohne seltsame Blicke zu ernten. Es gibt auch keinen speziellen Teil für Damen in den Tageszeitungen, obwohl einige Wochenblätter schon stark auf den Geschmack – sagen wir, einfach gestrickter Frauen abzielen.“
„Diese Zeitungen gibt es auch in der Antarktis?“
„Mit Verspätung, Meneer, mit einiger Verspätung“ bekannte sie. „Das Postschiff ist nun einmal eine Woche unterwegs, manchmal auch etwas länger. Im Winter, wenn das Meer zufriert – nun, da ist ein anderes Kapitel. Aber im März war das Meer ja noch eisfrei. Oder meinten Sie die ‚Frauenzeitschriften‘, die auch manche Männer lesen? Auch diese gibt es, denn einfachere Gemüter gibt es nun einmal, und das überall. Sogar unter gebildeten und ansonsten durchaus intelligenten Menschen. Die Eskapaden des Hochadels oder anderer bekannter Menschen scheinen solche Personen irgendwie magnetisch anzuziehen.“
„Registriert. Die Trommel?“
„So wie ich es gelesen habe, muss das Ding in Eritrea eine Rahmentrommel gewesen sein. Durchmesser des Ringes etwa drei Meter, und anderthalb breit. Die Trommel Dans hat später einer der Journalisten geschrieben, und die Danieliten sind einer der verschollenen Stämme Israels, und zwar jener, der jetzt in Abessinien lebt. Und ich gestehe, hier beginnt mein Zweifel. Wie konnten sie Holz und Leder über Jahrtausende elastisch und unbeschädigt erhalten? Ein Fell mit einer Größe von 7 Quadratmetern? Mein Bruder hat einmal versucht, das beschädigte Fell einer Trommel zu nähen – es funktionierte nicht. Es muss aus einem einzigen Stück bestehen. Bei drei Meter Durchmesser muss das Fell von einem Elefanten sein. Einem sehr großen Elefanten. Und das ganze noch sorgfältig auf eine gleichmäßige Dicke abgeschliffen – das ist Präzessionsarbeit. Nicht unmöglich, aber sehr aufwändig.“
„Und doch lohnend, wenn es sich um eine derart mächtige Waffe handelt“, bemerkte Jan Gruyvenbrook. „Besonders in biblischen Zeiten. Und es gibt einen Augenzeugen!“
„Diesen britischen Captain? Der jetzt schon wieder unterwegs ist?“
„John McIvor. Ja. Und die Briten haben die Spuren später rekonstruiert.“
„Meinetwegen nennen Sie mich Thomas, Meneer Gruyvenbrook, aber ich glaube es trotzdem nicht. An der Sache ist etwas faul. Woher sollen die Hebräer ein Elefantenfell hergehabt haben? Wenn es ein Bronzegong gewesen wäre, fiele mir der Glaube etwas leichter.“
„Ich muss Ihnen zustimmen, Jongedam.“ Der mächtige Mann legte die Fingerspitzen aneinander und wiegte das kahle Haupt. „Aber die Ohrenzeugen sprechen von Trommelklängen, und nicht von einem Metallgong!“
„Dann tappe ich im Dunkeln, Menheer! Ich kenne keine Antwort.“
„Das ist keine Schande, Jongedam van de Broggenkamp.“ Gruyvenbrook legte eine Pause ein, in welcher er einige Male an seiner Zigarre sog. „Mir ergeht es in diesem Fall genau so! Was sagt Ihnen der ‚Goldene Frühling‘?“
„Nun…“ Mietje musste überlegen. „Da war eine kleine Meldung in einem Journal, dass man in Wien ein Medium, das gleichzeitig eine Prostituierte war, wegen Steuerhinterziehung verhaftet hatte. Der Zirkel der Dame soll so genannt worden sein. Ein ähnlicher Artikel ist in Berlin erschienen, und in Triest soll ein ähnlicher Zirkel existiert haben. Dort hat sich die Dame jedoch aus dem Staub gemacht.“
„Das ist korrekt, aber nicht ausführlich genug, Jongedam. Ich habe übrigens noch vor den Zeitungen von dieser Angelegenheit erfahren!“
Mietje hob bewundernd eine Augenbraue. „Ein Agent im österreichischen Evidenzbureau, Menheer?“
„Es ist – komplizierter.“ Resignierend schloss Gruyvenbrook die Augen. „Um ehrlich zu sein, Hametten hat mir die Nachricht über einen meiner Agenten zukommen lassen, von dem ich dachte, er sei noch unerkannt. Und jetzt überlege ich, wie weit ich seinen Informationen in der Vergangenheit trauen kann. Und denen des zweiten Agenten. Wenn der auch erkannt wurde…“
„Oh! OH!“
„Oh ja!“ Der Geheimdienstchef trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. „Ich denke nicht, dass jeder unserer Agenten in den Donaumonarchien enttarnt wurde, aber die Frage ist, welche? Aber das ist nicht ihr Problem, Jongedam van de Broggenkamp. Für sie habe ich eine andere Aufgabe. Lesen Sie diese Unterlagen, ich habe auch eigene Nachforschungen über diesen Gouden Lente anstellen lassen. Ja, sie sind auch hier bei uns aktiv, überall nach dem gleichen Muster. Das sind die Zusammenfassungen, lesen Sie sie aufmerksam in einem der Nebenräume. Morgen kommen Sie wieder und studieren die Unterlagen erneut. Für den 25. Mai habe ich Ihnen ein Ticket mit dem TSST 143 über Wien nach Budapest besorgen lassen, von dort geht ein österreichischer Expresszug über Bukarest nach Istanbul. Dann wird es allerdings langsamer, der türkische Zug über die Mittelmeerküste bleibt in Bursa, Izmir, Antalya, Alanya, Adana, Iskenderum und noch einem Dutzend anderer Stationen im syrischen, libanesischen und palästinensischen Teil des Osmanischen Reiches stehen. Nachdem Sie in Wien drei Stunden Pause, in Budapest zwei Stunde zum Umsteigen haben und in Istanbul vier, sollten Sie in etwa 55 Stunden in Jerusalem sein. Irgendwann am 28., hoffe ich.“
„Jerusalem, Menheer Gruyvenbrook?“
„Sie haben genug gefroren, Mietje van de Broggenkamp. Schwitzen Sie ein wenig, und Jerusalem ist auch für uns Protestanten eine heilige Stadt. Tun Sie etwas für Ihre unsterbliche Seele.“
Immer noch lächelnd nahm Mietje die Akte und erhob sich. „Also dann eben Jerusalem. Menheer, ich melde mich ab.“
*
Golf von Tripolis
Im Morgengrauen des 23. Mai 1889 erhob sich das halbstarre Luftschiff BOMBARDO von seinem Mutterschiff und nahm Kurs auf die Befestigungen der Stadt Tripolis. Dort standen auf den dicken Mauern die schweren Kanonen, welche die See beherrschten und die Hafeneinfahrt schützten. Sie standen allerdings ungedeckt, das bedeutete, dass sie, anders als die Geschütze Maltas, über keinerlei Schutz nach oben verfügten. Nur über ein Sonnensegel, welches eine Bombe, von einem Luftschiff abgeworfen, glatt durchschlug – dann explodierte der Sprengsatz in der Stellung und brachte zumeist die hier gelagerte Munition auch noch zur Detonation. Natürlich war die Treffsicherheit der Bombenschützen aus großer Höhe nicht unbedingt berauschend, aber die GIULIA REGINA hatte viele Sprengkörper mit. Zur Mittagsstunde des 24. Mai näherten sich die BALLISTA und die drei schweren Schlachtkreuzer dem Hafen, um ihre Kanonen auch noch ins Spiel zu bringen, am Abend schwiegen alle Geschütze der Piratenstadt. Für immer. Am Morgen des 25. begann das Bombardement der Stadt vom Hafen aus, die BOMBARDO leistete auch als Artilleriebeobachter unschätzbare Dienste. Am Nachmittag landeten das 4. und 5. Regiment der 3. Brigade der Marineinfanterie. 12.000 Männer aller Rangstufen machten sich bereit, Tripolis zu erstürmen.
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Ali Menachem war Händler, erst vor kurzem hatte er eine einträgliche Ladung über die Karawanenstraße nach Garian abgeschickt. Einige kräftige Skandinavier, welche dem Bey der Stadt gute Dienste beim Bau einer neuen Festung leisten sollten, einen Mann von schwächlichem Körperbau, der dafür gut rechnen konnte und eine neue Anwärterin für den Harem des Fürsten. Hellblond, wie der Bey es in Auftrag gegeben hatte, und nicht allzu schlank. Allerdings sah es jetzt ganz danach aus, als könne sich der Bey von Garian die Bezahlung für diese Lieferung sparen. Ali hatte keine Hoffnung mehr, noch lange genug zu leben, um das Geld in Empfang zu nehmen. Es kam ihm nur noch darauf an, möglichst viele von diesen Christenhunden in die Dschahannam zu senden. Er hörte den Sand der Straße vor seinem Haus knirschen, packte sein Bunduqia fester und lugte vorsichtig durch das Fenster. Er sah einen europäischen Tropenhelm, fuhr auf und feuerte. Die Kugel traf Maresciallo Gianni Marconi hoch an der linken Schulter und stieß ihn zurück, die Soldati Aurelio Vanzini und Luigi Trebi rissen ihre Carcanogewehre hoch und erwiderten das Feuer. Ein 8,5 Millimeter durchmessendes Geschoss durchschlug nur den Fez Alis, das zweite jedoch seinen Kopf. Danach schleppten die Italiener ihren Unteroffizier in Deckung und verbanden seine Wunden.

„Danke, aber jetzt weiter, Ragazzi!“ Marconi rappelte sich auf die Füße, hing sein Gewehr über die heile Schulter, zog seinen Glisenti-Revolver und führte seine Gruppe weiter. Er hatte vergleichsweise Glück gehabt, denn die Eroberung von Tripolis kostete die Infanterie trotz vorhergegangener Beschießung noch immer einen hohen Blutzoll. Die italienischen Infanteristen mussten jede Straße, ja beinahe jedes Haus erstürmen und die bewaffneten Männer niederkämpfen. Und dann stürzten sich auch noch die unbewaffneten Frauen auf die Soldaten, kreischend, schreiend, kratzend, beißend und tretend. Manchmal waren sie auch nicht ganz unbewaffnet, und selbst Küchenmesser in der Hand von im Kampf ungeübten Frauen können schon zu recht üblen Wunden führen. Die Kämpfe dauerten drei harte Tage, doch am Nachmittag des 28. Mai wehte über dem Palast von Tripolis die italienische Trikolore.
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Nederland-België
Die Bewohner von ‚De Konikrijken van Nederland en België‘, also den Königreichen von Niederlande und Belgien, waren nicht ohne Grund stolz auf den ‚Tussen Steldelijke Snelle Trein‘, den TSST. Die stromlinienförmig verkleidete vaporidbetriebene Dampflokomotive erreichte mit einem voll besetzten Personenzug hinter sich auf gerader Strecke bis zu 210 Stundenkilometer. Der Ausbau eines entsprechenden schnurgeraden Schienennetzes war in den flachen Niederlanden zwar eine Herausforderung, aber kein großes Problem gewesen, und so waren die großen Städte der Königreiche mit dem Zug sogar noch schneller zu erreichen als mit einem Luftschiff, von der Passagierkapazität und dem Luxus für dieselben ganz zu schweigen. Daher war es nicht weiter verwunderlich, dass Nederland-België die Entwicklung eigener Luftschiffe nicht eben als oberste Priorität angesehen hatte und lieber welche aus deutscher oder kakanischer Produktion kaufte, falls es solche benötigte.
Am Morgen des 25. Mai 1889 schien die Sonne bereits hell und warm vom beinahe wolkenlosen Himmel, als Mietje van de Broggenkamp aus dem Wagen der innerstädtischen Stadstrein stieg. Einer der Herren, der ebenfalls mit diesem öffentlichen Verkehrsmittel zur TSST-Station knapp außerhalb von Den Haag gefahren war, hob ihren großen, schweren Reisekoffer aus dem Waggon.
„Vielen Dank, Meneer“, lächelte sie ihm mit damenhaften Kopfnicken an. „Es gibt doch wirkliche Cavaliers in Nederland-België!“
„Es war mir ein Vergnügen, Jongedam!“ Der große, wuchtig gebaute Mann mit den etwas angegrauten Schläfen im Geschäftsanzug lüftete den Zylinderhut. „Ich wünsche Ihnen eine gute Reise.“ Damit wandte er sich ab und verschwand in der Menge. Mietje sah ihm noch kurz nach und stellte ihre Reisetasche auf dem nagelneuen Koffer ab, einer neuen Entwicklung aus den Werkstätten von Hutjes en Partners, welche das Reisen erleichtern sollte. Mietje aktivierte die winzige Vaporidpatrone im Boden des Koffers, wenige Grain Stoomzout wirken auf einige Tropfen Wasser und bauten spontan Druck auf. Mietje nahm die Lenkstange ihres Koffers und drückte auf den Krafthebel. Der Druck wirkte auf winzige Turbinen in den Rädern ein und der Schrankkoffer setzte sich in Schrittgeschwindigkeit mit eigenem Antrieb in Bewegung, während Mietje unbelastet mit schwingenden Hüften nebenher ging und ihr Gepäck mit der Stange ohne großen Kraftaufwand steuerte. Diese Art von Schrankkoffer war noch nicht auf dem allgemeinen Markt, dennoch zog die hübsche Frau noch mehr Blicke und Gedanken auf sich als der knapp anderthalb Meter hohe fahrbare Schrank, den sie eben in einen Lift steuerte, der sie nach oben zum Bahnsteig brachte.
Natürlich war auch das ebene Niederland nicht völlig flach, und so hatten die Konstrukteure der königlichen Bahn ihr Ziel der völlig geraden Strecken nur mit Hilfe von hohen Dämmen erreichen können, welche überall dort, wo Flüsse, Straßen oder Nebenbahnen die Trasse querten, eine Brücke aufwiesen. Die Erfahrungen beim Bau dieser Dämme hatte das Parlament zu einer kühnen Idee gebracht. Ein Damm, ein Deich von Den Oever nach Nordosten und ein System von kleineren Absperrmaßnamen – und man konnte Quadratkilometer an fruchtbarem Land gewinnen, wenn man das Meer aussperrte. Amsterdam wehrte sich natürlich gegen diese Idee, denn die Stadt wäre vom Meer abgeschnitten, der Hafen verlandet, die Commerciel Team müsste verarmen. Die Lösung war ein weiterer Deich und der Bau eines Nordseekanals von IJmuiden in den Hafen von Amsterdam. Durchgehend 350 Meter breit und 20 Meter tief. Die Fertigstellung beider Bauwerke würde allerdings noch einige Jahre dauern, aber die Berechnungen waren vielversprechend.
Darüber machte sich Mietje allerdings keine großen Gedanken. Sie wusste natürlich, dass die Krone des Dammes hier in Den Haag 10 Meter über dem Meeresspiegel lag und bis Duisburg-Essen auf 43 Meter anstieg, die Spurbreite wie überall in Europa 1,63 Meter betrug, der Damm als solches an der Krone 10 Meter breit war und die Böschungen eine Schräge von 70 Grad aufwiesen. Der ganze Damm bestand aus Stahlbeton, mit Stehern mehrere Meter tief im Erdboden verankert, dank Zugabe von Puzzolanen wurde der Beton in der Feuchtigkeit immer nur noch fester und härter. All das hatte Mietje van de Broggenkamp gelernt und hätte es auf eine Nachfrage jederzeit replizieren und auch erklären können. Aber jetzt war ihr auch das alles schlichtweg egal. Sie steuerte ihren Schrankkoffer zu einem Bediensteten der TSST-Gesellschaft in seiner Uniform mit der hellblauen Hose, dem weißen Hemd und der orangefarbenen Jacke, welcher ihr Ticket kontrollierte.
„Werden Sie ihren Koffer vor Budapest benötigen, Jongedam?“, fragte er höflich, Mietje schüttelte den Kopf.
„Nein, danke, Meneer!“
Der Conducteur band eine Tafel mit einer Nummer auf den Griff ihres Gepäcks und reichte ihr eine Quittung mit der korrespondierenden Zahl.
„Schöner Koffer, Jongedam. Wir werden gut darauf achtgeben.“
„Danke, Meneer!“ Mietje verstaute ihre Quittung in ihrer Handtasche und ging weiter den Zug nach vor, um ihren Waggon zu suchen. Da sie bis nach Budapest fuhr, hatte die Firma Hutjes en Partners ihr eine Platzkarte für ein Liegeabteil spendiert. Ab Budweis sogar eines für sie allein.
Der Zug bestand aus 20 Wagen, jeder etwa 14 Meter lang, und Mietje gefiel der trapezförmige Querschnitt mit den abgerundeten Ecken. Ein Borderestaurant in der Mitte des Zuges und ein Barwagen gleich hinter der Lokomotive sorgten für das leibliche Wohl jener Gäste, die längere Fahrten unternehmen mussten. Denn nur die erste Etappe nach Duisburg war wirklich schnurgerade, und die 177 Kilometer legte der Zug in etwas mehr als 55 Minuten zurück. Beschleunigungs- und Bremsphase eingeschlossen. Dann kamen die Probleme mit den größeren Hügeln und Bergen, richtig gerade Strecken wurden selten, das Tempo sank. Trotzdem sollte sie in gut 20 Stunden Budapest erreichen. Um 6 Uhr früh. Das einzige, das Mietje bedauerte, dass sie erst spät Nachts nach Wien kommen würde und nur drei Stunden Aufenthalt hatte. Und absolut nichts sehen würde, denn der Bahnhof für die Expresszüge lag in dem kleinen Nest Hütteldorf, von wo aus die Trasse Wien in weitem Bogen südlich umgehen und erst bei Schwechat wieder nach Osten schwenken würde.
Seufzend kuschelte sich Mietje in die weiche Polsterung ihres Sitzes, als sie ihn gefunden hatte, und sah aus dem Fenster. Nicht, dass es etwas aufregendes zu sehen gab. Herren im Anzug, zumeist in grauschwarz oder dunklem blau, nur die Halstücher oder Krawatten setzten punktuelle farbige Akzente, die Hüte zumeist Zylinder oder sogenannte Melonen. Nur selten war ein breitkrempiger Fedora oder ein Homburger zu erblicken. Damen in bequemen Reisekostümen, also kurze Röcke und taillenlange Jäckchen, in bunten Farben, schwarzen Strümpfen und dünnen Handschuhen, mit kleinen, feder- und perlengeschmückten Tellerhütchen oder breitkrempige Florentiner mit Schleier. Mietje stellte sich die Frage, wie lange es wohl noch dauern konnte, bis die Reisemode auch im Alltag ankommen würde. Denn nachdem der ‚Cul de Paris‘, die Turnüre, der Gesäßpolster ebenso wie das ungesunde Schnürmieder bereits gefallen war und die Röcke auch im alltäglichen Gebrauch bereits eine Handbreit über dem Fußknöchel endeten, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Rocksäume noch höher kletterten. Ganz bestimmt, vielleicht noch in diesem, dem 19. Jahrhundert!
Es war genau 10:04 Uhr, als der Lokomotivführer den Startknopf der Maschine des TSST 143 drückte und damit einen Pressling Stoomzout freigab, welcher im Kessel für mächtig Dampfdruck sorgte. Genau nach Fahrplan schob er 10:09 den Dampfhebel nach vorne und lenkte diesen Druck auf eine Turbine, welche die Räder der schweren, stromlinienförmig verkleideten Lokomotive in Bewegung setzten. Mit stetig wachsender Geschwindigkeit donnerte der Zug aus dem Bahnhof und über die Ebene der Niederlande nach Osten.
„Verzeihen Sie, Jongedam, darf ich Ihnen bis Budweis Gesellschaft leisten?“
Mietje wandte sich vom Fenster ab und erblickte den Mann, der ihr den Koffer aus der Stadstrein gehoben hatte. Sie ließ ein freundliches Lächeln aufblitzen und wies auf einen Platz ihr gegenüber.
„Wie könnte ich einem Cavaliers wie Ihnen eine solch nette Bitte abschlagen? Nehmen Sie doch Platz, Meneer!“ Vielleicht wurde der erste Teil der Reise kurzweiliger als sie gedacht hatte.
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Italien
„Wie ist die Situation in Tripolis?“, rief Umberto I dem Offizier entgegen, als dieser das Arbeitszimmer des Königs betrat.
„Sieg, mein König! Sieg auf ganzer Linie!“ Fregattenkapitän Mauricio Candabri, der Kommandant der BOMBARDO stand stramm und salutierte vor seinem obersten Befehlshaber. Umberto winkte ungeduldig mit den Fingern, und Mauricio reichte ihm den Bericht von General Giovanni Rossaro.
„Ihre BOMBARDO hat sich im Verbund mit einem Mutterschiff bewährt, lese ich eben?“
„Das hat sie, mein König. Tripolis war auf einen Angriff aus der Luft nicht im geringsten vorbereitet.“ Umberto nickte und las weiter. Dann reichte er das Schriftstück lachend seinem Adjutanten. „Die technische Flotte soll in See stechen. Wir wollen doch der Welt zeigen, dass wir selbst die Wüste zum Leben erwecken können.“
„Sofort, Majestät!“ Der Adjutant griff zum Telephon.
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Der mit Abstand größte Hafen Italiens war bereits zur römischen Zeit unzweifelhaft Neapel am nach der Stadt benannten Golf. Keine 10 Kilometer vom Hafen entfernt in Richtung Ostsüdost erhob sich ein mächtiger Kegel, ganz unzweifelhaft ein Vulkan. Der Vesuv. Ein immer noch aktiver Vulkan, wie er immer wieder eindrucksvoll unter Beweis stellte. Für Neapel noch gefährlicher waren allerdings die im Nordwesten liegenden Phlegräischen Felder bei Pozzouli und der Thermalsee von Agnano. In der Solfatara brodelte immer wieder heißer Schwefeldampf aus dem Boden des Kraters, dem zu Zeiten Napoleons einige Häuser zum Opfer gefallen waren, als der Hang, den die Erbauer für sicher gehalten hatten, in den Krater rutschte und in einem aufklaffenden Riss verschwand. Heute war dort nur noch eine große, aber flache Mulde zu sehen, in welcher es stellenweise erbärmlich nach faulen Eiern stank. Das Leben aber ging weiter, auch in Pozzuoli, die Stadt wuchs nach einigen Jahren wieder näher an den qualmenden Vulkan heran. An einen neuerlichen Ausbruch irgendwo in dieser Gegend verschwendeten die Neapolitaner überhaupt keinen Gedanken. Sie lebten den Tanz auf dem Vulkan.
Aber natürlich waren die Bucht von Neapel und auch die Ausstülpung bei Baia perfekte und strategisch hervorragend gelegene Häfen, und so lag bei Baiae eben ein großer Teil der tyrrhenischen Flotte Italiens. Neapel jedoch schöpfte den Reichtum ab, denn dort lag der größte Handelshafen der italienischen Westküste. Vor der Eröffnung des Suezkanals 1869 war Neapel zuerst der Haupthafen des Königreiches beider Sizilien, nach der Einigung 1861 Italiens aber des gesamten Regno d’Italia. Nach `69 lief jedoch allmählich Tarent in der Provinz Apulien Neapel den Rang ab, denn Schiffe aus dem roten Meer ersparten sich den Weg rund um Kalabrien und durch die nicht ungefährliche Straße von Messina oder um ganz Sizilien herum. Außerdem war Tarent ebenfalls ein strategisch überaus wichtiger Stützpunkt für die Marine Italiens. Das südlicher gelegene Tarent war der Heimathafen der Flotta Ionica. Die Schiffe des Atlantik- und des Nordafrikahandels, welcher zumeist über Algier oder Tunis lief, landeten jedoch immer noch in Neapel und brachten Wohlstand für einige Neapolitaner.
In einer sanften Kurve um die Hänge des Vesuv verband die Ferrovia Neapel mit dem 23 Kilometer östlich gelegenen Nola, einer rasch wachsenden Industriestadt für Stahlverarbeitung. In den Bergen hinter der Stadt fand sich genug gutes Eisenerz, um den Bau einer Verhüttungsanlage zu rechtfertigen, nur wenig später hatten sich Betriebe zur Weiterverarbeitung des Stahls angesiedelt. Dampfkessel, Rohre, Pumpen und ähnliches verließen mit der Ferrovia Nola, um von Neapel aus die gesamte italienische Küste entlang verschifft zu werden. Da Nola eine große Anzahl an Arbeitern benötigten, wuchs das Bauerndorf San Vitaliano in der Nähe der Bahntrasse auf eine beachtliche Größe an. Ab Ende April und im Mai wurden in verschiedenen Werken in Doppelschichten gearbeitet und eine große Anzahl von Rohren mit verschiedenen Durchmessern hergestellt, dazu Kupplungen, Adapter, Ventile, Schläuche, Pumpen, massive Druckkessel und starke Generatoren zur Erzeugung elektrischer Energie. All das wurde in Neapel auf eine Flotte von Frachtschiffe verladen, welche in der Bucht ankerten. Ganz offen, ohne Geheimhaltung. Wie es nicht anders zu erwarten gewesen war, gaben sich nur zu bald Agenten aus ganz Europa in Neapel ein Stelldichein und beobachteten die Verladearbeiten. Doch so genau sie auch hinsahen, schweres militärisches Material konnten sie keines entdecken. Nur ein paar kleine, leicht bewaffnete Fahrzeuge.
Am 31. Mai um 8 Uhr morgens ertönte das laute Nebelhorn der BRUTUS, eines großen 15.000 BRT-Frachters, über den Golf von Neapel, ein Schiff nach dem anderen fiel ein. Dietrich Segher aus Klosterneuburg bei Wien verschluckte sich beinahe an seinem Brioche, das er sich zum Frühstück gemeinsam mit einem neapolitanischen Espresso bestellt hatte. Er stand hastig auf und blickte aus dem Fenster des Lokales, welches am Abhang des Stadtteil Vomero hoch über der Bucht lag und einen grandiosen Blick über dieselbe bot. Niemandem von den anderen Gästen fiel diese Reaktion auf, denn sie alle versuchten einen Blick auf die auslaufende Flotte zu erhaschen.
„Un grande Spettacolo“, jubelte der Wirt. „Eine so große Flotte sieht man selten auslaufen! Viva la Forza dell’Italia!“
Nur wenige Straßen entfernt sprangen Karoline Ludowinski und Herbert Brünnl, im Gästebuch als Herbert Land mit Gattin eingetragen, aus ihren Betten und stürmten, sich nur noch rasch ihre Morgenmäntel überwerfend, auf den Balkon ihres Hotelzimmers. Dort sahen auch die beiden Agenten der Abteilung IIIb, wie sich der Konvoi aus Frachtern bildete und den Hafen verließ.
Ein dicker Mann beobachtete von seinem Balkon die Abfahrt der Schiffe ungeniert mit einem Feldstecher, die Deutschen hatten ihn als Hugo Lambert aus Nederland-België kennengelernt, ein Wallone. Dass er eigentlich aus Blois an der Loire stammte, hatte er den Nachbarn wohlweislich verschwiegen.
Henriette De Bruin hingegen war wirklich, wie es auch in ihrem Passport angegeben war, aus Amsterdam und arbeitete in dem Verkaufsgeschäft von Hutjes en Partners in der Nähe des Palazzo Reale di Napoli, war aber um 8 Uhr noch in ihrem Appartement an ihrem Frühstück gesessen. Dieses verfügte zwar über keinen Balkon, aber eine gute Aussicht auf den Hafen, und auch sie beobachtete das Auslaufen der Flotte mit dem Feldstecher. Ein Schiff nach dem anderen reihte sich in die Formation ein und verließ den Hafen. Vier schwere Kreuzer der PETRARCA-Klasse und vier schnelle Fregatten der TIZIAN-Klasse aus der Bucht von Baia übernehmen den Flankenschutz, der Truppentransporter DONATELLO schoss sich dem Geleitzug ebenfalls an. Eben schwebte auch noch eines der Luftschiffe in der für italienische Konstruktionen typischen halbstarren Bauweise über die Stadt und nahm seinen Platz hoch über der Flotte ein. Es war die LATIUM, eine 200-Meter lange Zigarre mit vier starken Turbinenmotoren, die acht gegenläufigen Zug- und Druckschrauben waren mit einem Schutzring umgeben, damit sie die Hülle nicht beschädigen konnten.
„Also, ich habe nur jede Menge technisches Zeug und Baumaterialien gesehen, das auf die Schiffe geladen wurde“, bemerkte Karoline zu Herbert, der ebenfalls sein Fernglas geholt hatte und jedes Schiff genau betrachtete.
„Ob sie Tripolitanien wirklich zu einem grünen Garten machen möchten?“ Der Deutsche musterte besonders die DONATELLO genau. „Also, da fahren ungefähr zweitausend Infanteristen mit dem Transporter nach Afrika, vielleicht, wenn sie zusammen rücken, zweieinhalb tausend. Aber wirklich schweres Gerät? Ne, nur die 20 Festungsgeschütze, und die sind zu schwer für eine Offensive. Gegen wen denn auch? Die Beduinen besiegt man nur, wenn man genauso beweglich ist, wie sie es sind. Aber Trikes und Landkreuzer haben die Italiener ja keine verladen.“
„Also weit in das Hinterland dürften sie einstweilen noch nicht vordringen wollen“, ergänzte Karoline die strategische Einschätzung. „Höchstens die Küste entlang, mit Unterstützung einiger Schiffe, die schon im Golf von Tripolis sind!“ Jetzt erst sah sie nach links, wo Hugo angestrengt durch seinen Feldstecher blickte. Der hatte wohl die Aufmerksamkeit der Deutschen gefühlt, denn er zog sich mit einem Lächeln und einer Verbeugung in sein Zimmer zurück. Dort aber hob der sein Glas sofort wieder an seine Augen und notierte seine Beobachtungen.
Von Neapel aus 144 Kilometer nach Südosten lag die Ortschaft Sapri in einer kleinen Bucht. Kaum jemand kannte diese Gegend, und selbst Campanier verirrten sich nur selten hierher. Und der Regia Marina, der königlichen Marine, war das nur zu willkommen. Hier befand sich ein geheimer Stützpunkt der Flotte, mit Werft, Munitionslager und einem Vergnügungsgebiet, in welchem die Matrosen ihre aufgestaute überschüssige Energie wieder abbauen konnten. Eine Eisenbahn verband die Hafenstadt über Lagonegro mit dem Tal des Flusses Tanagro und dem Netz der Ferrovia Reale. Über diese Bahnstrecke waren in letzter Zeit schwere Landkreuzer der Jupiter-Klasse, leichtere Korvetten der Scudi-Klasse, neue, schnelle Kettenfahrzeuge der Freccia-Klasse und noch leicht bewaffnete Truppentransporter angeliefert worden. Sie alle waren wegen der Bedingungen der Sahara mit extra breiten Laufketten ausgerüstet. Dazu kamen noch Fahrzeuge mit gigantischen Wassertanks, bis zu 8.000 Litern pro Fahrzeug, ebenfalls auf Ketten laufend, und die Lupi. Letztere waren die ‚Pferde‘ der neuen ‚Kavallerie‘ der italienischen Afrikastreitkräfte. Ein Sitz zwischen zwei 160 Zentimeter langen und 30 Zentimeter breiten Gleisketten, davor ein Wassertank und ein Munitionskasten, auf welchem ein Maxim-Gewehr Kaliber 8 Millimeter montiert war, hinter dem Sitz der Motor- und Getriebeblock. Natürlich mit endothermischem Dampfkessel und einem dünnen, schwenkbaren Sonnendach ausgestattet. Dort waren sie auf einige Landungsschiffe der POSEIDON-Klasse verladen worden, welche sich der Flotte aus Neapel um 17 Uhr anschlossen. Die geheime Operation Tripolitanien war in vollem Gange.
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Wien
Der aufgehende Mond im ersten Viertel beschien die uralte und doch moderne nächtliche Kaiser- Haupt- und Residenzstadt Wien. Die Wirten und Cafetiers hatten bereits seit über einem Monat ihre Schanigärten geöffnet, die Wiener saßen eben gerne auch noch nach Anbruch der Dunkelheit draußen und beobachteten bei ihrem Kaffee, ihrem Gläschen Wein oder Krügerl Bier das bunte Treiben auf der Straße. Besonders am Graben, der 25 Meter breiten Prachtstraße mit der Pestsäule zwischen dem von den Wienern liebevoll nur ‚Steffl‘ genannten Dom von Sankt Stephan und dem Kohlmarkt hatten viele Lokale ihre Tische im Freien stehen. Früher, vor vielen Jahren, noch unter der Herrschaft der Babenberger, war genau hier jener Stadtgraben vor den Mauern Wiens verlaufen, welchem die Straße jetzt ihren Namen verdankte. Der ‚Stock im Eisen‘ und die in diesen lange vergangenen Zeiten noch wesentlich kleinere romanische Kirche zu Sankt Stephan lagen damals noch vor den Toren Wiens, die ‚Bärenmühle‘ gegenüber der Sezession weit weg in den dunklen Wäldern, in welchen Bären, Wölfe und allerlei Unholde ihr Unwesen trieben. Dank des Lösegeldes, welches der gefangen genommene englische König Richard Löwenherz bezahlen musste, konnte der österreichische Herzog Leopold der Tugendhafte Wien erheblich vergrößern und auch noch das 50 Kilometer entfernte Wiener Neustadt gründen. Der Graben wurde zugeschüttet, Häuser an der entstehenden Straße gebaut, diese brannten irgendwann ab, wurden neu gebaut, wieder eingerissen und neuere, größere errichtet. Der Platz diente lange als Markt für die verschiedensten Güter, vom Fisch über Fleisch bis zum Gemüse. Nach und nach erlebte die Straße einen großen Aufschwung, es siedelten sich ‚Am Graben‘ allmählich immer reichere Firmen in festen Geschäftslokalen an, die Marktstände verschwanden nach und nach. Im theresianischen und noch im josephinischen Zeitalter hatten hier auch die ‚Grabennymphen‘ ihre mit Farbe auf den Gehsteig gezeichneten offiziellen Areale, in welchen sie ihre Körper feilbieten durften. In neuerer Zeit waren die Plätze dieser Damen weiter Stadtauswärts gewandert, bis sich der ‚Straßenstrich‘ 1889 an mehreren Abschnitten der Gürtelstraße befand.
In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden auf beiden Seiten die Gehsteige des Grabens in einer Breite von 5 Metern mit einem runden, 6 Meter hohen Glas- und Stahlgewölbe überdeckt, sodass auch bei schlechtem Wetter die Gäste an der frischen Luft sitzen konnten. Der Rauch aus den Zigarren, Zigarillos und Zigaretten stieg auf und konnte durch verdeckte Schlitze am Zenit des Rundbogens entweichen. Am Ende des 19. Jahrhundert hieß die Straße immer noch ‚Graben‘ und gehörte, gemeinsam mit der in der Gründerzeit stark verbreiterten Kärntner Straße und dem bereits im 18. Jahrhundert gentrifizierten und in Kohlmarkt umbenannten ehemaligen Kohlenmarkt zu den prächtigsten Straßen der inneren Stadt mit den reichsten Anwohnern.
Anyana Dimitrova liebte diese frühen Nachtstunden, wenn die Sonne bereits untergegangen war und die Straßen trotzdem noch voller Menschen waren. Die Gerüche der Menschen, die jetzt ein wenig zur Ruhe kamen und gleich ihr über die Kärntnerstraße, den Graben oder den Kohlmarkt flanierten, die gut situierten, stattlichen und beleibten Herren, die zierlichen, schlanken Damen der so genannten ‚besseren Gesellschaft‘, die jungen, sportlichen Kavaliere in den farbenprächtigen Dienstanzügen Nummero 1, also den Ausgehuniformen des k.u.k. Heeres, welche den jungen Damen den Arm liehen und von ihren Heldentaten schwadronierend und heftig gestikulierend die Mädchen zu beeindrucken suchten. Dort saß ein junger Mann mit Brille in einem dunklen Anzug, der wohl schon bessere Zeiten gesehen hatte und schrieb eifrig in ein Notizbuch, nur ab und zu den Kopf hebend und an seinem Kaffee nippend. Er roch für Anyana ganz deutlich nach Tinte und Druckerschwärze, er arbeitete also wahrscheinlich bei einer Zeitung und bemühte sich eben um einen Artikel. Dort eilte ein Mann mit einem Wagenradhut und mächtigen Schläfenlocken aus einem der gepflegten Biedermeierhäuser und stolperte davor beinahe über seinen langen, schwarzen Mantel. Gab es in diesem Haus etwa einen jüdischen Tempel? Nein, er roch eher nach Herdfeuer und Haushalt, also wohnte er wahrscheinlich in diesem Haus. Oder er hatte vielleicht ein Gspusi darin, da waren die Leute aller Glaubensrichtungen doch gleich. Außerdem mussten die Bürger mosaischen Glaubens ja nicht mehr nur in der Leopoldstadt wohnen, denn in der Regierungszeit von Kaiser Franz Karl wurden die letzten Reste antisemitischer Gesetze in Kakanien endlich zur Vergangenheit. An einer anderen Stelle am Kohlmarkt, ausgerechnet vor der 1848 gegründeten Manz’schen Universitäts-Buchhandlung für juristische Fachliteratur, waren zwei junge Herren eben dabei, sich für einen der nächsten Tage zu einem Stell-dich-ein zu verabreden. Kein romantisches, ganz im Gegenteil. Ein Rendezvous im Morgengrauen, dazu Pistolen für zwei, Kaffee für einen. Die eingerissene Besuchskarte und der Geruch von Adrenalin und Angst im Schweiß ließen keine Zweifel an ihren Absichten übrig, obwohl das Objekt des Streites, eine hübsche, wenn auch nicht mehr ganz junge Dame drohte, sich auch mit dem Sieger nicht mehr treffen zu wollen. Sie sei ja wohl kein Preis, der kein Mitspracherecht hatte, also meine Herren, entweder sie akzeptieren meine Liaison auch mit dem jeweils anderen, oder Jamais Au Revoir – auf nimmer Wiedersehen.
Die schwarzhaarige, sehr schöne, aber auch sehr blasse Frau schlenderte amüsiert weiter, immer die Menschen im Blick, im Gehör und auch der Nase. Dieses ‚goldene U‘ der inneren Stadt war eine kleine Subkultur, die reichen und adeligen Wiener vermischten sich auf diesen drei Straßen Wiens mit den hier arbeitenden Verkäufern, Redakteuren und Schreibern, welche sich vor dem Gang nach Hause in die weniger prächtigen und reichen Viertel noch einen kleinen Kaffee und einen Blick auf die Haute Volée gönnen wollten. Diese bestand aus Katholiken, Protestanten, Juden oder Moslems, in diesem Teil der Inneren Stadt zählte nur der Inhalt des Portemonnaies. Und Anyana sah nicht nur gut, sondern auch ziemlich begütert aus. Ein stattliches Mannsbild ging in Gedanken versunken an ihr vorüber, er musste von irgend etwas sehr heftig erregt worden sein, dem hochroten Gesicht nach zu urteilen. Ihr Blick fiel auf die heftig pulsierende Halsvene des Mannes, und der Mund wurde ihr wässrig. Doch wie immer beherrschte sie sich, und der Augenblick verflog bald wieder.
Sie ging weiter, erreichte den Graben und flanierte an den Lokalen vorbei, ein Mann von einem der Tische in den Schanigärten sprang auf, trat zu ihr hin und verbeugte sich galant.
„Meine Teuerste, ich bin ja so froh, dass sie meiner Einladung gefolgt und gekommen sind!“ Er nahm ihre Hand und beugte sich darüber.
„Aber wie hätte ich denn auch ablehnen können, Herr Graf?“, lächelte Anyana den Mann charmant an.“ Wenn ein Herr wie sie mich mit einer Einladung beehrt, ist ein Widerspruch doch gar nicht möglich!“
„Sie schmeicheln mir, Fräulein Anyana. Sogar sehr!“ Friedrich Johann Graf Krähenfeld rückte der Dame den Stuhl zurecht, eine Geste, welche sie, ganz Dame, gerne akzeptierte und Platz nahm. „Darf ich ihnen etwas bestellen? Einen Apfelstrudel, oder eine Kardinalsschnitte?“
„Bitte, Herr Graf, nur einen großen Türkischen mit einem Schuss Trebernem. Aber bitte, lassen Sie sich davon doch nicht aufhalten, noch etwas zu speisen.“ Sie lachte hell und klopfte leicht gegen ihren Bauch. „Ich fürchte, ich kann mir im Moment keine Süßigkeiten mehr leisten!“
„Aber ich bitt‘ Sie, gnädiges Fräulein, Sie sind doch wirklich ganz schlank!“ Mit eifrigem Winken machte der Graf den Kellner auf sich aufmerksam. „Bringen’s dem Fräulein bitte einen großen Türkischen mit Trebernschnaps, Schurli. Danke.“
„Sie sind ein begnadeter Schmeichler, mein Lieber. Fast möchte ich glauben, was Sie mir sagen. Aber was verschafft mir denn jetzt eigentlich die Ehre einer Einladung in dieses schöne Café, Herr Graf.“ Anayana schaute Friedrich lächelnd tief in die Augen.
„Wie Sie wissen, Fräulein, haben wir einen gemeinsamen Freund, Justus Graf von Hochloyben.“
„Aber gewiss doch“, bestätigte Anyana. „Ein wirklich fescher junger Mann. Vielleicht manchmal noch ein bisserl ungeschliffen, aber sonst durchaus eine Freud‘ für eine Frau. Aber Sie müssen keine Angst haben, Herr Graf. Ich möcht‘ den Justus nicht einfangen oder erpressen. Ich wollt‘ nur meinen Spaß, und wenn er gehen will, mach ich ihm sicher keinen Skandal. Weder er noch sein Ruf haben etwas zu befürchten.“
„Das ist es nicht.“ Krähenfeld zog eine Packung Zigarillos aus der Tasche und bot auch Anyana eine davon an, ehe er seine eigene entzündete. „Sehen Sie, ich hab‘ von einigen Ihrer Ansichten gehört, von denen ich manche durchaus auch teil‘. Da würd‘ ich mich halt gern‘ weiter mit ihnen drüber unterhalten.“
„Sie wollen nur reden?“ Sinnlich sog Anyana an ihrem Zigarillo. „Wirklich nur reden, Graf? Soll ich’s Ihnen tatsächlich glauben, dass da nicht mehr ist?“
Friedrichs Hand legte sich auf ihre. „Auch, Fräulein, nicht nur, aber auch reden. Über viele Dinge, unter anderem, was unsere, also die Zukunft der Donaumonarchien angeht. Ich glaube, das wird noch eine für beide Seiten befriedigende Angelegenheit! Wollen wir gehen?“
„Zu Ihnen, Graf?“
„Ich habe mir erlaubt, heute einen kleinen Maskenball zu organisieren. Falls Sie mir die Ehre geben wollen, ebenfalls mein Gast zu sein?“
„Ein Maskenball ohne Ballkleid oder Kostüm?“ Anyana lachte kehlig, dem Grafen ging es bis ins Mark. „Ich – verstehe. Nun, wenn lauter Männer wie Justus oder Sie anwesend sind – warum denn nicht? Gehen wir halt.“
Flink sprang Krähenfeld auf und rückte den Sessel der Dame zurück, welche ihre Hand in seinem Arm legte und sich von ihm in die Dorotheergasse führen ließ, wo einige Dampffiaker warteten. Dort hob er den rechten Arm, und eines der Fahrzeuge rollte auf das Paar zu, wo der Fahrer vom Bock sprang und seinem Prinzipal und dessen Begleitung die Tür öffnete.
„G’schamsta Diener, gnä‘ Fräulein, Herr Graf“, dienerte er. Friedrich war Anyana behilflich, über das kleine Treppchen in den Fond zu klettern, der Graf bevorzugte wie so viele eine der alten Pferdekutschen, welcher man nachträglich einen dampfbetriebenen Motor eingebaut hatte.
„Nach Hause, Jakob“, befahl er, als er sich ebenfalls behände in den Wagen schwang und rasch die Vorhänge schloss.
„So eilig haben Sie’s schon? Ja Sapperlot!“ Anyana fächelte sich mit ihrer in Netzhandschühchen steckenden Linken mit gespielt echauffiertem Lächeln Luft zu. „Gleich hier im Fiaker? Sie sind mir ja vielleicht ein ganz ein Schlimmer. Oder ist der Leidensdruck schon so groß?“ Sie legte ihre Hand auf seinen Schritt. „Ach ja, ich erkenne das Problem!“
„Es muss uns ja nicht unbedingt jemand gemeinsam im Fiaker sehen“, erklärte der Graf leise.

„Aber, mon Dieu, so ein Schlingel aber auch! Sind’s vielleicht verheirat‘ und die Gnädigste ist derzeit in Baden? Darf’s nichts mitkriegen von dem ganzen Spaß?“ Die langen, schlanken Finger Anyanas begannen jetzt geschickt die Hemdknöpfe des Grafen zu öffnen.
„So ungefähr!“ Plötzlich presste der Graf ein Tuch auf das Gesicht Anyanas, sie roch das süßliche Aroma von Chloroform und ließ ihre Muskeln erschlaffen.
‚Nicht sehr freundlich, dieser Krähenfeld‘, dachte sie bei sich und konzentrierte sich darauf, die Betäubte zu spielen, während sie versuchte, anhand von Geräuschen und Richtungsänderungen den Weg zu ergründen. Von der Dorotheergasse nach links in die Augustinerstraße, das musste der Albrechtsplatz mit dem Danubiusbrunnen sein. Die Operngasse, ganz klar, und jetzt, so glatt, wie der Boden war, die Wienzeile. Die rechte, natürlich, wo die hohen Herrschaften wohnen. Eh klar.
Nach einiger Zeit verriet das verzerrte Echo der Fahrzeuggeräusche, dass der Dampffiaker durch ein Gebäude in einen Innenhof fuhr. Ab und zu hatte der Graf die Betäubung mit Chloroform zu verlängern versucht, und Anyana wartete mit erschlafften Muskeln geduldig weiter. Jetzt würde sie nur zu bald wissen, warum man sie auf diese Art hierher gebracht hatte. Offensichtlich hatte Krähenfeld einen mehr als vorsichtigen Vorgesetzten, der die Verschwörer nicht der Gefahr einer Identifikation über das Palais aussetzen wollte. Aber sie kannte den Grafen doch schon? Also – etwas übertrieben war diese Methode schon, aber vielleicht konnte sie heute endlich erfahren, wer hinter dem Goldenen Frühling und der Gefahr für die Regentin steckte.
Der Wagen wurde geöffnet, und ihr Begleiter ließ sie herausgleiten. Zwei Arme umfassten sie, dann wurde sie am Boden kurz abgelegt, während der Mann, den sie als Graf Krähenfeld kennengelernt hatte, aus dem Wagen sprang.
„Also, fass mit an“, flüsterte er dem anderen Mann zu.
„Hab das Pupperl eh schon. Geh’n wir!“ Der Stimme nach war das Jakob, der Fahrer. Beide Männer trugen sie durch eine Tür und eine enge Treppe hinunter, sie wurde abgelegt, es scharrte, als etwas schweres beiseite geschleift wurde. Dann wurde eine knarrende Tür geöffnet und Anyana auf eine Holzoberfläche gelegt, Arme und Beine wurden gespreizt.
„Schnell jetzt! Noch einmal möchte ich ihr nicht noch einmal Chloroform geben. Es dauert sonst zu lang, und sie soll was spüren von dem ganzen Spaß“, flüsterte der Graf, und es rasselte wie von Ketten. Anyana öffnete erstaunt ihre Augen, eben als der Graf ihr eine an einer Kette befestigten Schelle über das Handgelenk legen wollte.
„Wehr’n kannst dich ein bisserl, mein Spatzerl, aber es hat jetzt halt keinen Sinn mehr“, lachte Krähenfeld.
„Wie schön!“ Mit einem raschen Blick hatte Anyana die Situation erkannt, Schauspielerei war jetzt wohl wirklich nicht mehr nötig! Ihr voller Mund verzog sich freudig zu einem Lächeln purer Sinnlichkeit, ihre Fangzähne wuchsen blendend weiß zwischen den blutroten, schön geschwungenen Lippen hervor. Endlich wieder einmal ganz eindeutig zweibeinige Ratten, hier musste sie wirklich keine Zurückhaltung mehr üben. Die erwartungsvollen Gesichter des Adeligen und seines Helfers verwandelten sich in panische Fratzen, als die zierlich aussehende Vampir ohne ersichtliche Mühe ihren Arm aus dem Griff des Grafen zog und sich aufsetzte. Beide Männer stürzten hektisch zur Tür, doch irgendwie war Anyana noch schneller am Ausgang und versperrte ihnen den Weg hinaus. Dann spritzte das Blut des Fahrers aus dessen aufgeschlitzten Hals an die Wände der privaten Folterkammer, und die Hand Anyanas presste Krähenfelds Kehle zusammen.
„Wir sollten uns einmal ganz gemütlich unterhalten, junger Mann. Vielleicht könnten wir dazu auch einige von den hier vorhandenen Ressourcen nutzen? Du hast da ja einige recht interessante Instrumente herum liegen.“ Sie fuhr mit der Zunge über ihre Lippen. „Und am Ende gehört dein ganzes Blut mir.“
*
„Es war also gar kein Verschwörerzirkel?“ Heinrich zu Hametten, der Chef des kaiserlich-königlichen Evidenzbureaus nippte an seinem Glas Wein.
„Leider nein, Fürst.“ Auch Jakob Markgraf von Höllerer hob sein Glas, in welchem sich Stierblut befand. Nicht der spanische Rotwein, der diesen Namen trug, sondern frisch vom Schlachthof Sankt Marx. Niemand in Wien hätte vermutet, dass es unter dem Schloss Belvedere, der Residenz des Prinzen Eugen von Savoyen, einen ähnlich prunkvollen und noch weit größeren Palast gab, welcher vom Amt für auswärtige Angelegenheiten unterirdisch zu betreten war und von Geschöpfen der Nacht bewohnt wurde. Der Herr über die Vampire, Werwölfe und andere seltsamen Wesen war besagter Markgraf, welcher eben dem Chef des Geheimdienstes von der Aktion Anyana Dimitrovas berichtete. „Dieses Mal waren es nur zwei ganz gewöhnliche, hundsgemeine sadistische Lustmörder, welche unserer Yaschka ins Netz gingen. Und Justus von Hochloyben hatte weder mit besagten Mördern noch mit irgendwelchen Verschwörern etwas zu tun. Anyana wird ihn zwar noch ein wenig im Auge behalten, aber ich glaube, er ist wirklich nur einfach ein dummer, aber überheblicher Kotzbrocken.“
„Das ist nicht verboten“, lächelte Hametten, und Höllerer zuckte nur mit den Schultern.
„Er wird schon noch irgendwann einmal ein Knie ins Gemächt bekommen, im wahren oder auch übertragenen Sinn. Und es stimmt, uns geht das nichts an. Aber wir verfolgen ja auch noch andere Spuren, Fürst.“
„Ich hoffe erfolgreicher, mein lieber Markgraf. Denn dieser Kreuzbach wollte die Regentin mit einer für ihn unerschwinglichen Munition erschießen, und die Hintwitz wurde in der Haft im Landesgericht ermordet. Das bedeutet, es gibt in beiden Fällen auch noch Hintermänner und andere Mörder. Und zwar Hintermänner, die hoch oben in der Nahrungskette der Donaumonarchien stehen. Und der Goldene Frühling war – oder ist – ein subversiver internationaler Zirkel, der im Verein mit den Bonapartes nicht ungefährlich sein könnte. Besonders, weil die Gattin des Empereur ziemlich intimen Umgang mit der dortigen Chefin unterhält.“
„Ich verspreche Ihnen, Fürst, zwischen Sonnenunter- und Sonnenaufgang ist immer jemand von uns in der Nähe der Regentin und lässt sie nicht aus den Augen. Da kommt niemand nahe an die Regentin heran, außer dem Erzbischof Langer, natürlich.“
„Natürlich, mein lieber Markgraf, auf die Diskretion ihrer Schützlinge ist Verlass. Und ebenso selbstverständlich haben Sie den Erzbischof schon vor langer Zeit überprüft!“ Die Gläser der Herren stießen aneinander.
„So sieht es der Vertrag vor, mein lieber Fürst. Wir Kinder der Nacht schützen Österreichs Herrscher, und Österreichs Herrscher schützt unser Volk.“
„Amen, mein alter Freund. Amen! Und es ist trotzdem auch gut, wenn diese perversen Lustmörder die Straßen nicht mehr unsicher machen können!“
„Auch ein Teil des Vertrages, Fürst. Ab und zu eine zweibeinige Ratte für uns.“
„Aber es wird doch niemand…“ Hametten zeigte mit zwei Fingern auf seine Halsschlagader.
„Nicht doch“, winkte Höllerer ab. „In diesem Kammerl hat’s genug Requisiten gegeben, um das zu kaschieren. Ich hoff‘, Sie bekommen noch heraus, wer da aller in dem Keller unter dem Palast vergraben liegt.“
*
Teheran
Das alte Perserreich war im 19. Jahrhundert von Katastrophen und verlorenen Kriegen gebeutelt. Letztes durch eigenes Verschulden, die Schahs aus der Kadscharen-Dynastie wollten mehr Land und griffen daher immer wieder ihre Nachbarn an. Nachbarn, die sich als deutlich stärker als das Būm-ī-aryānam, also das ‚Reich der Arier‘, erwiesen. Georgien, Aserbaidschan und Armenien gingen in vier Kriegen gegen den russischen Zaren an Russland verloren, und die wertvolle Provinz Herat mit der gleichnamigen Hauptstadt, ein reiches Zentrum der Edelmetallverarbeitung, an das in diesem Fall von den Briten unterstützte Afghanistan. Immer wieder brachen Hungersnöte im Land aus, und die Armee des Schah bewies dann, dass sie vielleicht nicht ganz so gute Soldaten in ihren Reihen hatte, welche ja sogar gegen das technisch weit unterlegene, zum Ausgleich jedoch zahlenmäßig gigantische russische Heer auf verlorenem Posten gestanden hatten, aber dafür um so bessere Straßenschläger. Die Bevölkerung musste gar nicht erst laut protestieren, die Schläger der Armee gingen einfach von der Unzufriedenheit der persischen Bevölkerung aus und schlugen zu. Rein prophylaktisch. Seit dem 16. Jahrhundert war in der neueren Geschichte immer wieder Teheran die Hauptstadt Persiens gewesen, seit 1789 war dieser Zustand permanent geworden. Die Herrscher der Kadscharen-Dynastie hatten den Golestan-Palast bezogen, einen prächtigen Bau mit einem großen Garten, eine starke Zitadelle inmitten einer wehrhaften Stadt, denn Teheran lag am Südhang des Elburs-Gdbirges und war an drei Seiten von hohen Bergen umgeben, in denen ein angreifender Feind keine Kanonen in Stellung bringen konnte. Jenseits dieser Berge, rund 100 Kilometer nördlich, lag die Stadt Tschalous am kaspischen Meer. Angeblich hatte es hier einmal einen stark befestigten und reichen Hafen gegeben, doch Archäologen aus aller Welt hatten noch nicht viele Anhaltspunkte dafür gefunden.
Der österreichische Botschafter in Teheran, Gergö Graf von Csegléd und Professor Joseph Maria Karabaček schritten durch die Gänge des Golestan-Palastes. Die Wände waren, dem muslimischen Abbildungsverbot folgend, mit Suren aus dem Koran bemalt, in goldener Kaligraphie auf grünem Hintergrund. Einzelne Zeichen waren an die zwei Meter hoch. Dazwischen waren komplizierte Arabesken, teilweise als Fresko gemalt, teilweise aus keramischen und glasierten Kacheln an die Wand geklebt. Die riesigen Lüster, welche von der Decke hingen, konnten mit hunderten Kerzen versehen werden, deren Licht sich in dutzenden geschliffenen Kristallen brach. Der Orientalist Karabaček wollte sich lieber nicht vorstellen, welche Hitze diese Leuchter entwickelten, wenn alle Leuchter voll bestückt und entzündet waren. Zur Zeit beleuchteten allerdings nur die elektrischen Lampen dazwischen den Weg der Österreicher zum Kultusminister Kamran Mirza.
Der Schah Persiens war etwa 58 Jahre alt, und er sorgte eifrig für den Fortbestand seiner Dynastie. Seine 25 Frauen hatten ihm bislang 14 Söhne geschenkt, die Mädchen wurden selbstverständlich nicht gezählt. Wohl aber jene 18 Söhne aus nichtehelichen Beziehungen, die er anerkannt hatte, ausbilden ließ und mit delikaten Aufträgen betraute, sobald sie erwachsen waren. Der Kultusminister, einer dieser unehelichen Söhne des Schah, schien dem Vater darin nacheifern zu wollen. Daher wunderten sich die Österreicher auch nicht sehr, als ihnen die Posten vor der Tür in das Bureau des Ministers den Weg versperrten und der Page, welcher sie hierher geführt hatte, die Herren um etwas Geduld bat. Er bot ihnen sogar noch eine Erfrischung an. Die Geduld der Besucher wurde dieses Mal nicht über Gebühr beansprucht, bald schon huschte eine tief verschleierte Dienerin aus dem Zimmer und eilte davon.
„Also, was wollen Sie von Persien, meine Herren?“ Der Minister stand in aufrechter Haltung hinter seinem Schreibtisch, seine Uniform saß bereits wieder untadelig. Er wies mit der Hand auf zwei Stühle dem Schreibtisch gegenüber. „Aber nehmen Sie doch bitte zuerst Platz! Möchten Sie Tee?“ Der Page füllte drei Gläser und servierte sie.
„Herr Minister, vielleicht erinnern Sie sich an Ihre Erlaubnis für das Wiener Institut für Orientalistik, in Persepolis Ausgrabungen durchzuführen?“, begann Botschafter Graf von Csegléd, nachdem sich die Österreicher nach einer kurzen Verbeugung gesetzt und an dem Tee genippt hatten.
„Natürlich.“ Minister Kamran Mirza zog ein Blatt Papier aus einer Mappe. „Ich habe sie hier.“
„Nun, Herr Minister, dieser Mann, Doktor Karabaček, bittet darum, die Erlaubnis auf die Höhlen dieser Schlucht hier im Westen und jener der Schlucht hier im Südwesten des Grabes von Ataxerxes und die Höhlen nördlich des Grabes von Dārayavauš zu untersuchen. Wenn es irgendwie möglich ist, auch das Grab von Kambyses II in Pasagarde und dessen Umgebung.“
„Doktor Karabaček! Ihr Ruf ist bereits bis zu uns gedrungen“, strahlte der Beamte des Schah den Orientalisten an. „Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich einige Vorlesungen im Institut für Orientalistik in Wien besucht habe. Sehr fair, was Sie und Ihre Kollegen damals über die islamische Welt und Wissenschaft gesagt haben, Herr Professor. Nicht immer und nicht ganz richtig, aber fair. Ihre Theorie, dass die islamische Welt durch eine Abwendung von den Naturwissenschaften zugunsten einer philosophischen Denk- und Sichtweise den technologischen Anschluss verloren hat, kann ich zum größten Teil akzeptieren, aber eben nicht ganz. Egal, darüber müssen wir ein anderes Mal ausführlicher diskutieren! Ich muss gestehen, ich war sehr gerne in Wien!“ Er verfiel kurz in ein beinahe perfektes Schönbrunner-Deutsch. „Das Schnitzerl, der Kaffee, die Heurigen, das Bier und die feschen Maderln, das vermiss‘ ich schon ein bisserl. Nicht so verwundert schauen, Herr Professor. Ich bin halt kein Moslem, sondern wie die meisten Adeligen hierzulande ein Parse. Ein Anhänger des Zarathustra.“ Er wechselte wieder zurück ins Farsi. „Es ist interessant, dass Sie sich plötzlich mit diesen Königen beschäftigen. Da möchte ich schon nach dem Grund fragen. Die großen Goldschätze, welche Kabūjiya II und Dārayavauš aus Ägypten nach Persien gebracht haben, sind doch wohl nicht der Grund, oder?“
„Zum Teil schon, Herr Minister!“, gestand der Orientalist, und der Minister hob überrascht eine Braue.
„Erklären Sie sich bitte, Herr Professor!“
„Nun, Exzellenz, wir sind zwar nicht am Golde per se interessiert, aber sehr wohl an der Verarbeitung desselben! Selbstverständlich gehört jedes Stück, das wir hoffentlich finden werden, dem persischen Staat, da kann es keinerlei Zweifel geben. Aber wir bitten um die Möglichkeit, diese Kunstgegenstände eingehen zu untersuchen. Eine unserer archäologischen Untersuchungen in Ägypten hat Gegenstände zu Tage gefördert, welche eine Vermischung von ägyptischen und persischen Stilelementen darstellen, und wir würden nur zu gerne wissen, wie sich das hier in der Heimat von Kambyses II und seinem Nachfolger Dareios I, beziehungsweise in der Kunst und den Grabbeigaben in Pasagarde und vor allem in Persepolis niedergeschlagen hat.“
„Sie denken also, die sagenhaft großen Schätze dieser altpersischen Könige könnten wirklich existieren?“ Amir din-Fahris beugte sich unverhohlen neugierig vor.
„Wahrscheinlich nicht im vollumfänglichen Masse“, relativierte Karabaček ruhig. „Ein wenig werden die Schahs des Altertums wohl bereits ausgegeben haben. Es waren Bauwerke zu finanzieren, Denkmäler, prächtige Paläste und Grabmäler, die Gattinnen der Schahs trugen wahrscheinlich einige der Schmuckstücke und gaben sie an ihre Kinder weiter, bis sie irgendwann mit einer Besitzerin begraben wurden. Aber wir müssen ja für unsere Forschungen auch nicht jedes einzelne Stück aufspüren, Herr Minister.“
„Das sehe ich ein, Herr Professor.“ Der Kultusminister Persiens lehnte sich zurück. „Ich bin gerne bereit, die Lizenz für Ihre Ausgrabungen wie gewünscht zu erweitern. Allerdings erwarte ich von Ihnen die Aushändigung der Fundstücke, wenn ihre Forschungen daran beendet sind.“
„Aber das ist doch selbstverständlich, Exzellenz. Das Gold gehört doch Persien. Vielleicht könnte man einmal eine Ausstellung der schönsten Stücke in Wien organisieren, selbstverständlich mit einer entsprechenden bei ihnen hinterlegten Summe als Garantie für eine pünktliche Rückgabe!“
„Ich sehe, wir verstehen uns, Herr Professor.“ Kamran Mirza unterschrieb zwei Ausfertigungen der neuen, erweiterten Lizenz und überreichte eine davon dem österreichischen Orientalisten. „Viel Glück, Herr Professor! Und vielleicht finden Sie auch Zeit, mich während ihrer Kampagne noch einmal zu besuchen!“
„Danke. Und auch Euer Exzellenz ist selbstverständlich jederzeit willkommen, um den Stand der Dinge zu begutachten!“
Die Tür fiel hinter den Österreichern zu, und Kamran drückte einen Hebel an seinem Schreibtisch hinunter. Zwei Zimmer weiter schlug ein elektrisch betriebener Klöppel an eine Glocke, Generalmajor Feridouzh Azim sprang auf und eilte über den Garten zum Minister. Dort salutierte er und wartete, bis dieser ihn zur Kenntnis nahm.
„Generalmajor, ich brauche einige intelligente Männer. Sie sollen an den Ausgrabungsstätten der Österreicher anheuern und diese ein wenig im Blick behalten.“
Feridouzh salutierte erneut. „Selbstverständlich, Herr Minister!“
*
„Sie waren sehr überzeugend, Herr Professor“, lobte Graf Gergö den Orientalisten, Karabaček winkte ab.
„Er hat mir nur die Hälfte geglaubt, Herr Graf. Und ich weiß nicht genau, welche!“
„Dann hoffen wir, dass es die richtige war“, lachte der Ungar leise.
„Und welche ist die richtige, Herr Graf?“
Dieses Mal lachte Graf von Csegléd nicht mehr, sondern zuckte mit den Schultern. „Das, Herr Professor, ist Ihr Problem, nicht meines. Sie sind der Orientalist, der etwas suchen soll, das ich wahrscheinlich nicht einmal aussprechen könnte. Aber Sie haben natürlich recht, dieser Kamran Mirza ist nicht dumm und außerdem misstrauisch. Aber keine Angst, Herr Professor, sie bekommen ein paar gute Leute. Und ganz unauffällige!“
*
Jerusalem
Das alte Jerusalem innerhalb der Stadtmauer Süleymans des Prächtigen aus dem 16. Jahrhundert war ein etwas aus den Winkeln geratenes Viereck von knapp einem Quadratkilometer, das streng in vier Bezirke unterteilt war. Im Nordosten lag das große muslimische, im Südosten das jüdische Viertel, im Südwesten waren die ‚Armenier‘ zu Hause und im Nordwesten die Christen. Der Tempelberg, dessen oberes Plateau eine Größe von etwa 440 mal 300 Meter betrug, schnitt noch ein großes Stück aus dem jüdischen Viertel, und lange Zeit war es den Juden und Christen bei Strafe verboten gewesen, dieses Areal zu betreten. Erst unter Sultan Abdülmezid hatte dieser in seinem Manifest zur freien Ausübung der Religion bestimmt, dass auch Bürger mosaischen Glaubens das Areal betreten und dort ihre Gebete und Rituale abhalten durften. Dafür hatte er sogar den Bau eines eigenen Gebetshauses neben dem Felsendom erlaubt, welches allerdings nur durch ein eigenes Tor in der Mauer des Tempelbergs zu betreten war. Den christlichen Bewohner Jerusalems wiederum war der Tempelberg alles in allem ziemlich egal, für sie reichte es, dass die Grabeskirche Jesu in ihrem Viertel stand.
Auf den Märkten, welche die Grenzen der Viertel bildeten, ging es immer sehr lebhaft zu. Nach orientalischer Gewohnheit wurde gefeilscht und heftig gestikuliert, und natürlich wurde dort wie überall auf der Welt der neueste Klatsch und Tratsch über alle Religionsgemeinschaften hinweg ausgetauscht. Die blonde Frau, welche ein buntes Tuch über ihre Haare geschlungen hatte, betrachtete neugierig das Treiben um sie durch ihre dunkle Brille, während sie über das Jahrhunderte alte Kopfsteinpflaster schritt, hier einen Teppich bestaunte, dort einen Schal durch die Finger gleiten ließ.
„You‘r not from here?“, fragte ein Kupferschmied, als sie ein fein getriebenes Kaffeekännchen mit zwei zierlichen Tässchen bewunderte.
„No. You can see it on me so much?“
„Oh, yes, Ma‘am.“ Der junge Mann sprach ausgezeichnetes Englisch. „Wo kommen Sie her?“
„Aus den Nederland-België. Ich bin auf so etwas wie einer Pilgerreise.“
„Ach, Niederland-Belgien. Dann sind Sie wahrscheinlich Christin. Waren Sie denn schon in der Grabeskirche?“
„Protestantische Christin“, bestätigte Mietje van de Broggenkamp. „Ja, es war erstaunlich. Ein wirkliches Erlebnis!“
„Ich war noch nie dort. Allah verbietet uns, das Haus Eures Gottes zu betreten.“

„Sie sind Moslem? Aber …“
„Hier in Jerusalem und der Umgebung leben wir eigentlich ganz gut zusammen“, erklärte der Händler. „Sehen Sie die Stadtpolizisten dort? Es sind immer drei, von jeder großen Religion einer. Und sie tragen großkalibrige Repetierschrotflinten. Also – ja, wir respektieren hier einander, denn wenn nicht, bekommen wir den Zorn des Sultans zu spüren, und das möchte niemand!“
„Ach, dann sind Sie also nur unter Zwang so nett zu mir?“ Mietje nahm lächelnd ihre Sonnenbrille ab.
„Man muss mich doch nicht zwingen, zu einer schönen Frau nett zu sein, Madam.“ Der Mann machte eine einladende Handbewegung. „Wollen Sie nicht in den Schatten kommen, ein wenig plaudern? Kaffee trinken?“
„Sie sind ja ein ganz Schlimmer“ lachte Mietje. „Aber, wäre das denn nicht ungehörig? Und vielleicht bin ich verheiratet!“
„Ich will Sie ja sowieso nicht heiraten“, bemerkte der Mann trocken. „Nur ein wenig mit Ihnen …“
„Ach, sprechen Sie doch weiter“, forderte Mietje den Händler heraus.
„Wie nennt man sohbet doch gleich auf englisch?“
„Ins Bett?“
„Nein, nein, sprechen“, grinste er. „Ihr europäischen Frauen denkt doch alle immer nur, dass wir Orientalen jede Frau ins Bett bekommen wollen.“
„Und? Ihr seid doch Männer, oder?“ Mietje lächelte ebenso breit. „Und ob im Orient oder im Okzident, Männer wollen das doch immer!“
„Äh, ja, schon. Verdammt, jetzt bin ich ertappt! Aber ich akzeptiere ein ‚nein‘, auch unter vier Augen“, versprach der Kupferschmied.
„Dann sehen wir mal. Ich bin Mietje.“
„Und ich Menachem. Bitte!“
Im Laden erwies sich Menachem als aufmerksamer Gastgeber, der Mietje einen Sessel an einem Tischchen anbot.
„Ich habe oft Gäste aus dem Okzident hier, daher der Stuhl“, erklärte er ihr. „Kaffee?“
„Bitte. Einen von den türkischen kleinen, mit ein wenig Zucker“, nickte sie. „Sind es viele Frauen?“
„Natürlich“, lachte Menachem. Er stellte ein kleines Kännchen aus Kupfer mit Wasser, Kaffeemehl und Zucker auf den Herd. „Warum sollte ich denn einen Mann hereinbitten?“ Er nahm zwei Tässchen aus Porzellan und gab je ein Stückchen Lokum auf den Unterteller. „Schon vergessen? Orientalischer Mann? Mir hängt ja schon die Zunge bis zum Knie!“
„Ach so“, staunte Mietje. „Nur die Zunge?“
„Oh bitte!“ Menachem rollte rekordverdächtig die Augen zum Himmel. „Wir sprachen vom hängen. Wie soll übrigens etwas bis zu den Knien stehen?“
„Na, dann sage ich jetzt wohl besser gar nichts mehr!“, kicherte Mietje.
„Ach was! Mädchen, die es nicht wagen, etwas zu sagen, gibt es bei uns genug! Es wird höchste Zeit, dass die Jugend frecher wird! Auch die weibliche!“ Er stellte den Kaffee auf den Tisch uns nahm mit unterschlagenen Beinen auf einem gepolsterten Piedestal Platz. „Ich habe immer gehofft, dass ich eine Frau finde, die nicht zu unterwürfig ist und zurück redet.“
„Widerspricht das nicht dem Koran?“, wunderte sich Mietje.
„Die Unterwürfigkeit der Frauen wird stark überbewertet“, murmelte Menachem. „Ich habe lieber meine kleine Jüdin. Oder vielleicht auch eine Christin, die sind noch frecher! Das gefällt mir!“
„Nun, dann – viel Glück! Geht das so leicht?“
„Ich musste nach meiner Hochzeit ins Viertel der Armenier ziehen“, gab Menachem zu. „Der Begriff ist übrigens irreführend. Früher bezeichnete man hier so die Orthodoxen, und die Christen waren nur die Katholiken. Heute sind die diversen Orthodoxen wie auch die Protestanten im Christlichen Viertel, und das Armenische heißt nur noch so, es klingt eben besser als ‚Sonstige‘. Im armenischen Quartier wohnen jetzt auch Buddhisten, Hindus oder Anhänger einer Naturreligion.“ Er zuckte mit den Schultern. „Eben alles, das nicht zum Islam, Christentum oder Judentum gehört. Und natürlich die interreligiösen Paare. Das Viertel in der Altstadt ist nur deshalb so klein, weil diese Religionen so gar nicht an Jerusalem als heiliger Stätte interessiert sind. Außerhalb der alten Stadtmauer ist das anders!“
Mietje nippte an ihrem Kaffee. „Köstlich. Ja, ich kann mir vorstellen, das ein Hindu Jerusalem nicht sehr heilig findet. Da wundert man sich, dass sie innerhalb der Stadtmauern wohnen wollen.“
„Das tun sie auch sehr selten. Die meisten ‚Armenier‘ innerhalb der alten Stadtmauer sind heute Leute wie ich, die jemanden aus einer anderen Religion lieben. Aber hier in Jerusalem können wir das zumindest, darum ist die Stadt ja auch so groß geworden, besonders der Norden. Dort wohnen die meisten ‚Armenier‘!“
„Diese Trennung in Viertel setzt sich auch außerhalb der Altstadt fort?“, hakte Mietje nach.
„Noch mehr, als hier innerhalb der Mauern“, bekräftigte Menachem. „Die Altstadt wird von einem Gremium aller drei Religionen regiert, außerhalb verwalten sich die einzelnen Viertel selbst. Sie unterstehen nur dem Sultan in Konstantinopel, und sie haben ihre eigenen Polizeitruppen. An den Grenzen zwischen den Vierteln patrouillieren allerdings, so wie hier, gemischte Einheiten der osmanischen Armee. Sogar mit gepanzerten Dampfwagen.“
„Die habe ich gesehen“, erzählte Mietje. „Sie haben auch schon drei Mal meinen Ausweis kontrolliert!“
„Ja, die Grenzen waren schon immer Problemzonen, aber es ist eine Zeit lang wirklich besser geworden. Vielleicht, weil wir jungen Leute nicht so fundamental denken wie unsere Eltern. Meine Mutter hätte man niemals ohne Schleier außerhalb unserer Wohnung gesehen, und ohne diesen hässlichen schwarzen Mantel, der wie ein Zelt aussieht. Heute reicht ein Schal über den Haaren völlig aus, das Gesicht muss nicht mehr unbedingt verhüllt werden, und die Mode ist auch ein wenig offener geworden. Der dicke Mantel ist weg, und vielleicht fällt ja doch auch einmal der Schal. Hoffentlich!“
„Hast du vorher wirklich gesagt, du liebst eine Nichtmuslima?“
„Oh ja“, lachte Menachem einmal mehr. „Ich bin mit einer Jüdin verheiratet. Aber nur Zivilrechtlich, über eine religiöse Trauung konnten wir uns noch nicht einigen. Glaubst du, Gott ist böse darüber?“
„Hm! Ist Gott nicht die Liebe?“, fragte Mietje. „Da dürfte er nicht böse sein, wenn zwei Menschen ihrem Herzen folgen! Im Armenierviertel sind also all jene ansässig, die nicht mosaisch, muslimisch oder christlich sind?“
„Aber ja! Mein Gott, da gibt es vielleicht Spinner darunter. Du musst dort einmal einen Spaziergang machen! Manche von denen machen auch noch richtig Werbung an ihren Tempeln!“
*
Innerhalb der alten Mauer aus dem 16. Jahrhundert waren Jerusalems Gassen eng, die Häuser klein und mittelalterlich, die ganze Stadt wirkte wie aus der Zeit gefallen. Doch hinter den alten, aufwändig renovierten Fassaden glühten bereits Göbelbirnen, und vereinzelt fanden sich auch bereits Teslaherde in einzelnen Haushalten. Außerhalb der abdülmezidischen Mauer jedoch war eine andere Welt, eine moderne, neuzeitliche des 19. Jahrhunderts. Die Slums, welche im 16. Jahrhundert an der damals neuen Stadtmauer entstanden waren, wurden durch eine breite, unbebaute Sicherheitszone und breite Straßen ersetzt, dann erst kamen die ersten Häuser, neu und nach modernen Maßstäben erbaut. Jene drei Straßen, welche nach Nordwesten, Westen und Südwesten ausgerichtet die Grenzen zwischen den Vierteln bildeten, waren besonders breit und verfügten über vier Fahrspuren in jede Richtung. Die zwei äußeren für den zivilen Verkehr und die beiden inneren für die Patrouillen der Militärpolizei in ihren bewaffneten Fahrzeugen und die Einsatzkräfte mit schweren Radpanzern.
Überall auf der Welt lebten Menschen der unterschiedlichen Religionen ohne große Probleme zusammen, doch hier in Jerusalem brodelte es vor allem zwischen der mosaischen und der muslemischen Bevölkerung. Es ging natürlich vor allem um die Al-Aqsa-Moschee, welche von den Moslems just an jener Stelle erbaut worden war, wo der herodische Tempel gestanden hatte. Die Juden wollten den Tempelberg gerne zurück haben und die Muslime ihn nicht mehr hergeben. Dieser Streit hatte mehr als 500 Jahre nur im Verborgenen geglost, doch vor wenigen Jahrzehnten war es wieder zu richtigen Kämpfen in den Straßen gekommen, und sowohl Christen als auch ‚Armenier‘ hatten sich kaum mehr aus ihren Bezirken gewagt. Und auch in ihren Vierteln waren sie nicht ganz sicher gewesen, denn sie lagen nun einmal zwischen dem im Norden gelegenen muslimischen und dem im Süden gelegenen mosaischen Viertel. Oft genug bekamen die unbeteiligten Fraktionen – denn die Christen hatten die Grabeskirche ohnehin in ihrem Bezirk der Atstadt und waren am Tempelberg selbst nicht unbedingt sehr interessiert – jenen Zorn zu spüren, der eigentlich anderen galt. Da halfen auch das Dekret des Sultans zur Religionsfreiheit und die Erlaubnis zum Bau eines kleinen Tempels neben der Al Aqsa sehr wenig. Nur die regelmäßigen gemischten Patrouillen, zu Fuß und mit DKW brachten ein wenig Ruhe und Ordnung in diesen brodelnden Hexenkessel.
Das Jaffator, welches genau genommen schon eine eigene kleine Burg für sich war, lag an der Grenze zwischen dem armenischen und dem christlichen Viertel im Westen der Altstadt. Von hier nahm auch die Yafa Yolu, die Jaffastraße, ihren Anfang, welche 15 Kilometer kerzengerade nach Westen führte und dann nach Nordwesten nach dem alten Joppe oder Jaffa abbog. Diese Stadt hatte bereits lange vor der römischen Besatzung als Hafen für Jerusalem gedient, und alle Herren des Landes hatten die Verbindungsstraße immer weiter ausgebaut. Derzeit war am Stadtrand von Jerusalem sogar ein großer Personen- und Frachtbahnhof sowie eine Schienentrasse nach Joppe geplant, um die Pilger und Güter noch schneller vom Hafen hierher transportieren zu können. Die Yafa Yolu diente aber auch als Grenze zwischen dem nördlich davon liegenden christlichen und dem südlichen armenischen Bezirk. Am Tor hatte ein Polizist den Pass Mietjes intensiv studiert und sowohl die Photographie als auch das Signalement sehr genau mit ihrer Erscheinung verglichen.
„Entschuldigen Sie bitte, Miss“, hatte der Posten in beinahe perfektem Englisch gebeten. Die grüne Armbinde mit dem goldenen Halbmond darauf wies in als Moslem aus, seine Kollegen mit dem silbernen Kreuz auf rotem Grund und der blauen Menora auf weißem Stoff hatten keinen Moment ihre Gewehre gesenkt und sowohl Mietje als auch die hinter ihr wartenden Passanten nie aus den Augen gelassen. Zwei DKLW im rot der Flagge des Osmanischen Reiches mit Mond und Stern in Silber auf den Türen und kantigen Stahlplatten an der Fahrerkabine und um die Ladefläche standen auf der Straße, auf dem Dach des Aufbaues war bei jedem ein schweres Maxim-Gewehr montiert, dessen Schützen die Straße nach vorne ebenso wie hinten bewachten. „Wie müssen vorsichtig sein. Seit etwa zehn Jahren eskaliert die Gewalt auf unseren Straßen immer mehr.“
„Woher kommt denn das?“ Der unschuldig wirkende Blick Mietjes war nicht vom Gesicht des Postens gewichen, und ihr Lächeln hatte ihn zum Reden ermuntert. „Hat nicht der Sultan schon vor 30 Jahren die Gleichstellung aller Religionen bekannt gegeben?“
„Das hat er, Miss! Vor 31 Jahren, um genau zu sein. Und es hat zu Beginn sogar hervorragend funktioniert. Die Juden waren nicht ganz glücklich über die Moschee am Tempelberg, waren aber dem Tempel immer noch näher als vorher. Wir Moslems waren nicht gerade selig, den Berg jetzt teilen zu müssen, aber es hat uns keine wirklich schlaflosen Nächte bereitet. Die Christen hatten ihre Grabeskirche ohnehin bereits für sich und waren jetzt, ebenso wie die Armenier und die Juden von der Ungläubigensteuer befreit, das gleiche Gesetz für alle nach einem geschriebenen Kodex war uns allen eine Beruhigung. Zwanzig Jahre hatten wir Jungen die Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Gewalt und Krieg gleich vor der Haustür. Damals haben sich die meisten von uns zur Polizei gemeldet, um wir diesen Zustand erhalten zu können. Es ging aufwärts mit dem Leben in Jerusalem, bis vor beinahe zehn Jahren die Gerüchte über einen neuen Messias, einen Befreier, einen Retter und einen Mahdi begannen. Seither spielen ein paar Idioten bei allen drei abrahamitischen Religionen total verrückt, wiegeln andere zu einem ‚heiligen Krieg‘ gegen die beiden anderen Richtungen auf, und wir bekommen die Sache nicht mehr richtig in den Griff. Wir Polizisten sind für alle Seiten die Bösen und die Verräter!“ Der Uniformierte seufzte tief. „Nun ja, passen Sie bitte auf sich auf, Miss. Sie können weitergehen, aber bitte verlassen Sie im eigenen Interesse besser nicht die Hauptstraßen.“
Die Niederländerin war dann in das armenische Viertel weitergegangen und hatte sich zwar unauffällig, dafür aber umso neugieriger umgesehen. Die Straßen, auch die schmalen Nebengassen, machten einen ziemlich sauberen, aber zumeist eher ärmlichen Eindruck. Wirklich reiche Leute schienen hier nicht zu wohnen, oder zumindest stellten sie ihren Reichtum nicht öffentlich zu Schau. Auffallend waren vor allem die dicken Eisengitter, welche in erster Linie die Fenster der Keller, der Mezzanine und die Türen schützten, manchmal aber auch vor den Fenstern der oberen Etagen angebracht waren. Auf den Straßen bewegten sich viele Fußgänger, und alle hatten, der heißen, stechenden Sonne geschuldet, irgendwie das Haupt bedeckt. Bunt gemusterte oder einfarbige Tücher, einfach über den Kopf gelegt und ein Ende über die Schulter geworfen, kompliziert gebunden oder bei Männern wie von Frauen mit einer Schnur um den Kopf befestigt. Die großen schwarzen Hüte und die Fellhauben der orthodoxen Juden sah man ebenso wie Feze, Turbane und Strohhüte in vielen Formen und Farben.
Einige Männer waren aber besonders auffallend. Sie trugen schwarze Feze, auf welche je ein rundes Stoffstück in weißer Farbe genäht war und schwarze Westen mit dem selben Muster. An der Taille hing an einem breiten Gürtel ein starker Holzknüppel, und die Männer gingen stets zu zweit durch die Straßen. Viele der Passanten, die ihnen begegneten, lächelten den Männern zu, und einmal sah Mietje, wie einer dieser Männer einer älteren Frau den Korb aus der Hand nahm und einträchtig neben ihr her schritt, während der andere Mann sie plaudernd begleitete. Doch immer schweiften die Blicke der Männer über die Menge auf der Straße. ‚Gorillas‘, dachte sich Mietje, mit solchen privaten Sicherheitskräften kannte sie sich recht gut aus. ‚Aber wie ist das Verhältnis zu den echten Politieagenten?‘ Sie sah ein Kahve Evi, ein Kaffeehaus, in welchem offenbar auch Frauen verkehren durften und setzte sich.
Offenbar war sie leicht als Ausländerin zu erkennen, denn der Servierbursche sprach sie in gebrochenem, aber verständlichem Englisch an.
„Wollen Kaffee? Süß, bitter, dazwischen?“
„Arasinda – dazwischen“, sagte sie auf türkisch, und der Junge nickte.
„Heißen richtig orta. Ist – äh – nun…“
„Mitte?“
„Mitte!“ Der Knabe hob den Zeigefinger und zeigte damit ganz kurz auf Mietje van de Broggenkamp. „Genau!“
„Gut. Also Kaffe Oorta!“
„Kahve orta“, berichtigte der vielleicht fünfzehnjährige Kellner. „Ich Aslan!“
„Ich Mietje. Kahve orta!?“
„Richtig! Bringen!“ Damit verschwand der Bub im Gebäude, und die Holländerin war ihren Beobachtungen der Straße überlassen. Langsam rollte ein gepanzertes Fahrzeug des osmanischen Militärs die Straße entlang, die Menge teilte sich vor dem Wagen und ging dahinter wieder ihren Geschäften nach. Jetzt stoppte der PDKW neben einem Paar mit schwarzen Westen und Fez, der Beifahrer und die Männer vom Wachdienst schienen eine entspannte Plauderei zu genießen. Und dann sah Mietje das Schild im Auslagenfenster und konnte nur mit Mühe eine Reaktion vermeiden und unbeteiligt wirken. ‚GOLDENER FRÜHLING. Seancen, spirituelle Beratung und Erleuchtung‘ stand mit großen Buchstaben in englischer und französischer Sprache darauf, und die blonde Niederländerin zweifelte nicht daran, dass die Texte in der arabischen und hebräischen Schrift das gleiche Versprechen abgaben. Zumindest in einem hatte ihr Chef Jan Gruyvenbrook recht gehabt, die Organisation gab es hier und sie trat sehr offen auf. In ganz Jerusalem war die Stimmung aufgeheizt und sehr geladen, es schien nur noch der berühmte Funke zu fehlen, ausschließlich im christlichen und hier im armenischen Teil schien es derzeit noch ruhiger zu sein. Zumindest ein wenig. Aslan kam wieder an den Tisch, stellte eine große Flasche Wasser und den Kaffee auf ihren Tisch, Mietje goss sich Glas voll und trank einen großen Schluck von dem eiskalten Wasser. Dann fasste sie einen Entschluss.
„Hast du Lust, mir türkisch beizubringen, Aslan?“
*
Nur wenige Kilometer südlich warf nahe des jüdischen Viertels ein großer, schlanker Mann mit asketischen Gesichtszügen ein mit einer Menora verziertes Buch auf den Tisch seines Hotelzimmers.
„Nanu, Holmes?“, wunderte sich der ein wenig kleinere, aber nicht ganz so schlanke Gefährte des Detektivs. „Verlieren Sie etwa die Contenance?“
„Wie sollte ich nicht, mein lieber Watson?“ Holmes griff zur erloschenen Pfeife und riss ein Streichholz an. „Wieder einmal eine Sackgasse, und jeder, mit dem wir reden, bestreitet, auch nur irgend etwas über die Trommel zu wissen oder auch nur von ihr gehört zu haben!“
„Vielleicht hätten wir, wie von Ihnen damals im Zug angedeutet, doch nach Abessinien fahren sollen!“
„Und wie weiter, lieber Watson?“ Endlich brannte die Pfeife wieder zu Holmes Zufriedenheit. „Ich bin nicht so der Mensch für lange Ritte auf einem Kamel- oder Pferderücken, wenn ich es vermeiden kann. Ich hoffte einfach, hier in Jerusalem nähere Informationen zu finden, wonach ich Ausschau zu halten habe. Denn was nützen uns liturgische Gesänge, wenn wir das Gerät nicht bauen können, und was eine Trommel, wenn uns die Liturgie fehlt?“
„Und wenn Sie hier nichts erfahren, Holmes?“
„Dann sind zumindest die Wege nach Abessinien wieder sicherer geworden, Doktor. Oder wollten Sie vorschlagen, die Söhne Dans mit einer ganzen Armee zu besuchen? Die Falaschen wären bestimmt sehr hilfsbereit und würden uns alles freiwillig erzählen, was sie wissen.“
„Nun, die abessinischen Schluchten sind nie ganz ungefährlich, Holmes. Die waren schon immer ein Hort für Banditen.“ Doktor Watson wollte sich noch einen Tee nachgießen und musste feststellen, dass die Kanne leer war. Energisch griff er nach einer Kordel, die im Dienerzimmer eine Glocke in Bewegung setzte und den Etagenkellner rief.
„Natürlich waren und sind die Berge nie wirklich sicher, Doktor.“ Holmes lehnte sich zurück. „Aber derzeit ist das Risiko noch größer als sonst. Vergessen Sie bitte nicht das Telegramm, welches uns Sir Cadwalader, der Erzbischof von Canterburry, nach Kairo sandte!“
„Oh ja, der Hochmeister des Merlin-Clubs!“ Es klopfte an der Tür. „Herein!“
„Sir haben geläutet?“ Der uniformierte Etagendiener verbeugte sich.
„Oh ja! Bringen Sie doch noch ein Kännchen Tee!“ Nachdem der Hotelangestellte mit dem schmutzigen Geschirr verschwunden war, nahm Watson seinen Faden wieder auf. „Ein Medium des Merlin-Clubs hatte eine Vision.“ Watson erging sich in einer theatralischen Pantomime, während der er die Augen verdrehte und in spastische Krämpfe verfiel. „Eine Eingebung mit dem Inhalt, dass wir besser nach Jerusalem gehen sollten, und schon sitzen wir im Schiff nilabwärts nach Alexandria, statt ein Ticket für das Luftschiff nach Port Helene zu buchen. Hat Ihnen ihr Großmeister auch mitgeteilt, wie diese Vision ausgesehen haben soll?“
„Natürlich nicht, verehrter Doktor.“ Selbst Holmes hatte sich bei der Vorstellung des Doktors ein Lächeln nicht verkneifen können. „So etwas vertraut man doch keinem Telegramm an, das jeder Angestellte lesen kann. Ich habe dem Erzbischof unsere Adresse hier in Jerusalem übersandt und warte auf einen ausführlichen Brief von ihm. Ja, bitte, herein!“
„Ihr Tee, Sir!“
Das nächste für den englischen Gaumen brauchbare Lokal war einige Gassen von dem Hotel entfernt, in welchem der Detektiv und sein getreuer Chronist ihr Quartier bezogen hatten. Dort gab es typische englische Gerichte ebenso wie Cider und einen ganz passablen Scotch. Keine Selbstverständlichkeit in diesem muslimischen Land, selbst unter dem liberalen Sultan Abdülmezid war Alkohol noch nicht an jeder Ecke zu haben. Dem Klima geschuldet, welches sich mit Tagestemperaturen bis 86 Grad Fahrenheit oder, nach dem kontinetalen Maßsystem, 35 Grad Celsius, erreichte, trugen die Briten nur leichte Kleidung aus ägyptischer Baumwolle, jedoch nach britischem Stil geschnitten und gefärbt. Außerdem hatten sie auch auf die in England üblichen Krawatten nicht verzichten wollen. Damit fielen sie selbst im armenischen Viertel auf, in welchem eine Unzahl verschiedener Kleidungsstile zu beobachten war. Ein großer, hagerer Mann in einer Dschellaba mit einem Kufiya auf dem Kopf trug einen Teppich durch die Straßen, ein fülliger Mann in osmanischer Tracht mit Pluderhose, Weste und Turban lief neben ihm her und redete ununterbrochen auf den Teppichträger ein. Eine Frau im indischen Sari schritt stolz und selbstbewusst vorüber, eine blonde Frau in einem bunten, europäischen Reisekleid saß vor einem Kaffeehaus und las in einem Buch. ‚Het 6.000 Jaar oude Jeruzalem‘. Eine kleine Frau in der farbenfrohen zypriotischen Tracht schimpfte mit einem Mann im schwarzen Kaftan, der den seltsamen Fellhut und die typischen Schläfenlocken der orthodoxen Juden trug und unachtsam den Tisch ihres Obststandes umgeworfen hatte. Zwei Männer in schwarzen Westen und Fezen mit weißem Kreis darauf steuerten bereits auf das Paar zu, um den Streit gütlich zu schlichten. Ein Knabe lief den Briten in den Weg und blieb vor ihnen stehen.
„Ductur Wotsn, Mista Houms?“
„Das ist Doctor Watson“, wies Holmes zuerst auf John Hamish Watson, dann auf sich. „Ich bin Sherlock Holmes.“ Das Kind ergriff die Hand des Detektivs und drückte ein Billett hinein, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand wieder im Gewirr der Menschen.
„Haben Sie etwa wieder eine hübsche Dame beeindruckt, Holmes?“, überlegte Watson. „Eine Einladung zum Stelldichein?“
„Wenn, dann haben wir sie beeindruckt, mein lieber Doktor.“ Holmes reichte seinem Freund das Briefchen. „Diese Einladung gilt uns beiden!“
„Tatsächlich? Nun, nach Dame Diana Hawk wundert mich nichts mehr!“ Watson entfaltete das Papier. „Der Unterzeichnende würde, wenn es den Herren konvenierte, im Hause des Kaffees einige Worte betreffs des von Ihnen gesuchten Wissens mit den verehrten Gästen dieser Stadt sprechen! Gezeichnet K.“. Wer zum Teufel soll denn ‚K‘ sein?“
„Das wird sich zeigen, wenn wir mit dieser Person sprechen, Doktor“, antwortete Holmes ruhig.
„Oh, natürlich! Vielleicht können Sie mir auch sagen, wie wir in einer Stadt, in welcher an jeder Ecke Kaffee ausgeschenkt wird, dieses spezielle Haus finden wollen? Verdammte Araber mit ihrem Kaffee!“
„Es sind eher Osmanen, mein lieber Watson. Nachdem sie keinen Alkohol trinken dürfen, sind sie eben auf Kaffee umgestiegen.“
„Abscheulich!“ Watson schüttelte sich ostentativ. „Man sollte ihnen guten, englischen Tee nahebringen. Und sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Wo finden wir dieses Haus des Kaffees?“
„Indem wir der Karte folgen, mein lieber Watson!“
„Welcher Karte denn?“
„Dieser!“ Holmes drehte den Brief um.
„Oh! Diese Schlangenlinie soll eine Karte sein?“
„Aber ja!“ Der Detektiv fuhr mit den Fingern die Linie nach. „Der Boy hat uns nicht von ungefähr genau hier angehalten, alter Freund. Daher geht es in diese Nebengasse. Wie ich annehme, sind diese Markierungen Nebengassen, welche es zu ignorieren gilt. Also kommen Sie, gehen wir!“
Die Nebengassen hier im internationalen Viertel Jerusalems waren aus der Sicht der an Londoner Verhältnisse gewöhnten Briten überraschend sauber. Es lag wohl ab und zu ein Fetzen Papier oder eine Orangenschale auf der Straße, aber es herrschte weder der durchdringende, nach Russ und Fäkalien stinkende Londoner Smog noch lagen die Hinterlassenschaften von Zugpferden auf der Straße. Es waren auch nirgendwo Pferde zu entdecken, vor die Karren waren kleine Dampfkesselchen mit einem lenkbaren Antriebsrad montiert.
„Mir will scheinen, dass man in einer Provinzstadt des Osmanischen Reiches, zumindest was das Verkehrswesen angeht, fortschrittlicher als in London denkt“, überlegte Holmes. „Dort feuert man selbst die Lokomotiven der Tube noch immer mit Kohle.“
„Nicht immer ist Fortschritt etwas Gutes“, brummte Watson. „Sie kennen meine Einstellung zu dieser Technologie ja.“
„Nun, ich für meinen Teil genieße die Luft ohne das unverkennbare Odeur Londons, mein lieber Watson. Und ich schätze es sehr, ohne Ruß im Gesicht und an der Kleidung durch die Stadt gehen zu können.“
„Nonsens, Holmes. Wenn man den Geruch in die Nase bekommt, weiß man wenigstens, dass man zu Hause ist. Und was den Ruß und den Rauch angeht, so haben Sie ja auch einen gewissen Anteil daran!“
Holmes betrachtete seine geliebte Pfeife, als sähe er sie zum ersten Mal. „Da ist ein Fünkchen Wahrheit daran, Doktor. Aber ich müsste einige tausend Pfeifen rauchen, um mit der Metropolitan Railway Schritt halten zu können.“ Watson holte Luft zu einer Entgegnung, doch Holmes unterbrach ihn. „Gleichzeitig. Hier nach links, Watson.“
„Trotzdem, Holmes. Was soll denn als nächstes kommen? Dass wir die grünen Marsmenschen besuchen?“
„Vielleicht, Watson. Aber vielleicht sind sie ja auch blau. Und was wäre denn so schlecht daran?“
„Aber Holmes, das – das sind doch alles nur Hirngespinste. Ich habe meine Bemerkung doch nicht ernst gemeint, so eine verrückte Idee wie außerweltliches Leben kann nur einem verrückten Literaten wie diesem Herbert George Wells einfallen, den wir vor wenigen Monaten zu Miss Lilly Highworthbottoms verschwinden befragen mussten.“
„Nun, vielleicht. Ich möchte mich nicht festlegen, mein lieber Doktor.“ Holmes verhielt seinen Schritt. „Und ich denke, wir sollten hier einen Kaffee trinken.“
„Schauderhaft, Holmes.“ Watson verzog sein Gesicht. „Aber Tee werden wir hier wohl nicht bekommen!“
„Kaum, mein alter Freund.“ Damit betrat der Detektiv das Lokal und nahm seinen Zylinder ab. „Ehe Osmanen auf ihren Kaffee verzichten, wird wohl einiges geschehen müssen. Kommen Sie, Watson nehmen sie Platz und genießen Sie ihren Mokka.“
„Ja, mit diesem abscheulichen Satz darin!“
Sie ließen sich im Gastraum auf zwei Stühlen nieder, das Lokal war eher europäisch als orientalisch eingerichtet. Der Besitzer, ein Inder aus Bombay mit mächtigem Bart und ebenso großem Turban näherte sich dem Tisch der Briten.
„Guten Tag, Gentlemen“, begrüßte er sie in gutem Englisch. „Wie geht es Ihnen. Eine Kanne Tee?“
„Famos!“, jubelte Watson. „Ja gerne!“
„Kommt sofort!“ Der Inder verschwand und kam bald darauf mit einem silbernen Kännchen und zwei Schalen zurück. Das kräftige Aroma von starkem Assam-Tee überlagerte kurzzeitig alle anderen Gerüche.
„Und was jetzt, Holmes?“, fragte der Doktor, nachdem er den Tee ausgeschenkt hatte.
„Das ist elementar, Watson. Wir warten!“
„Worauf denn bloß?“, insistierte Watson.
„Auf mich, Doktor!“ Die Antwort kam von einem westlich, aber leger gekleideten Mann, der etwa 60 Jahre alt zu sein schien. Das Haar und der Bart waren schneeweiß, und die Zeit hatte bereits einige Furchen in seinem Gesicht hinterlassen. Er nahm seinen breitkrempigen Hut ab und setzte sich zu den Briten.
„Mister ‚K‘, vermute ich?“, verbeugte sich Holmes im sitzen.
„Ach, nennen Sie mich doch einfach Kaiphas“, bemerkte der Fremde.
„So wie den obersten Priester …?“ Watson hob seine Braue.
„Aber ja, Doktor. Ach, Sie denken, wir Israeliten sollten uns dieses Namens schämen, wegen der Rolle beim Tod ihres gesalbten Erlösers, welche ein gewisser Simon Petrus der Welt überliefert hat? Nun, ich kann Ihnen versichern, dass kein Rabbi der höheren Priesterschaft auch nur das geringste mit dem Tod Isa ben Mariams zu tun hatte! Aber die Verkünder des Christentums mussten die Römer von jeder Schuld reinwaschen, immerhin wollten sie genau diese Römer ansprechen. Also musste ein Sündenbock her. Der Sandherin. Ich sage Ihnen, Doktor Watson, hätte Isa wirklich GOTT DEN GERECHTEN gelästert, hätten ihn wir Juden gesteinigt. Egal, welches Fest gerade anstand. Und Pontius Pilatus wäre es völlig egal gewesen. Völlig!“
„Sie wollten uns aber ganz sicher nicht deswegen sprechen, Mister Kaiphas?“, mischte sich Sherlock in das Gespräch.
„Das ist richtig! Ich habe gehört, Sie suchen Informationen über einen bestimmten Gegenstand?“ Holmes musterte den Israeliten intensiv. „Oh bitte, Mister Holmes. Sie haben doch eine Spur hinterlassen, die einfach nicht zu übersehen ist. Und ich erfahre ohnehin alles, was so in Jerusalem geschieht. Zumindest das wichtige!“

„Nun gut, Mister Kaiphas. Was können Sie uns sagen!“
„Dass Sie von falschen Voraussetzungen ausgehen, Mister Holmes. Sehen Sie, GOTT schenkte dem Stamme Dan keine riesige Trommel, sondern nur die Bespannung für eine solche. Sie war so dünn, dass man die Sonne und den Mond dahinter sehen konnte, und doch war sie weder zu schneiden noch zu reißen. Dazu gab der HERR den Kindern Daniels die Anleitung, wie ein Rahmen für die Trommel zu bauen sei.“
„Das macht auf elementare Weise sogar Sinn, Mister Kaiphas. Zerlegt ist so ein Ring leichter zu transportieren, und wenn wirklich einmal fliehen muss, nimmt man nur die Bespannung mit. Dazu ist es auch leichter zu verstecken. Und wo finde ich dieses Fell?“
„Ich weiß es nicht so genau, Mister Holmes. Warten Sie auf meine Nachricht! Und halten Sie sich vom Goldenen Frühling fern!“ Er wies in eine Richtung, und die Augen der Briten folgten dem Wink.
„Ein guter Rat“, befand Holmes. „Und warum wollen Sie uns helfen, Mis…“ Der Detektiv lachte gallig auf. „Verschwunden! Er hat uns ausgetrickst, Watson! Mit dem ältesten Zaubertrick der Welt!“
„Vertrauen Sie ihm, Holmes?“
„Wenn er uns in die Wüste schicken wollte, wäre ich misstrauisch geworden. Aber so? Er will, dass wir bleiben, etwas, das wir ohnehin vorhatten. Gehen wir jetzt essen, Watson.“
„Gehen Sie voran, Holmes. Ich fände im Leben nicht mehr zurück!“
*
Westlich des Golfes von Biskaya
Die Luftlinie zwischen A Coruña in Spanien und der Insel Ouessant des bretonischen Arrondissements Brest bildete in etwa die westliche Grenze des als Golf von Biskaya bekannten Seegebietes vor der spanischen und französischen Küste. Ein für seine starken Winde und hohen Wellen berüchtigtes Areals, welches abseits der geschützten Häfen und den kurzen Routen dazwischen nur von erfahrenen Seeleuten befahren werden sollte.
Der Skipper des schlanken, 45 Meter langen Zweimasters segelte derzeit mit jeder Menge Segelfläche extrem hart an der steifen Brise, die von Nordost kam und dem Schiff nicht nur hohe Wellen entgegen sandte, sondern auch das Deck immer wieder mit kalter Gischt besprühte. Am Großmast wehte die rot-weiß-rote Flagge mit den blauen Rauten im mittleren Feld, die Fahne Kakaniens, am kleineren ein Stander mit dem persönlichen Wappen der Prinzessin Antonia Helene von Österreich. Der schwarze gekrönte Doppeladler auf goldenem Grund der Habsburger mit einer Raute als Beizeichen im Schildhaupt, ein roter Ring auf goldenem Grund. Nicht weit hinter diesem Segelschiff fuhr die gerüstete kaiserliche Yacht der Vereinigten Donaumonarchien, die MARIA THERESIA. Beide Schiffe wurden aus Sicherheitsgründen auch noch von zwei schnellen, schwer bewaffneten Kreuzern eskortiert.
„Achtung, klar zur Wende“, schrie die junge Frau am Ruder der schnittigen Segelyacht, die einen blau-weiß gestreiften Pullover trug, über das Deck. Die Mannschaft hastete zu ihren Positionen, jeder Schritt war hundertfach geübt.
„Alles klar!“ Keine ganze Minute hatte es bis zur Meldung gedauert.
„Ree!“ Antonia Helene von Habsburg wirbelte das Steuerrad herum, der Bug begann nach rechts zu schwenken, ging durch den Wind, tauchte kurz in eine Woge und kam wieder hoch. „Fock über!“ Wieder blieb die SPERBER auf ihrem neuen Kurs hart am Wind, als sie den nächsten Schlag begann, welcher sie jetzt weiter östlich führte. Die beinahe knabenhaft schlanke Prinzessin wischte sich das Salzwasser vom Gesicht und bleckte grinsend die Zähne. Genau so musste ein Törn sein! Ruhiges Wasser, in einer sanften Brise dahindümpeln, das war nichts für die jüngste Tochter der Regentin. Nur wenn es gefährlich wurde, war sie in ihrem Element, lebte sie mit jeder Faser ihres Körpers, fühlte sie sich lebendig.
Von der Brücke der MARIA THERESIA beobachtete der Kapitän Jan Kubaček die SPERBER mit dem Fernglas.
„Teufel noch mal, unsere Prinzessinnen sind schon feine Teufelsmädchen“, brummte er anerkennend in seinen Bart. „Ich hätt‘ zu meiner Zeit bei dem Wetter nicht so viele Segel g’setzt. Aber ich hab‘ damals ja auch keine Massieri unterm Hintern g’habt.“
„Ja, ein wengerl wild sind’s schon, die Mädel, Herr Kapitän.“ Heinrich Korbach hatte vor vier Jahren seine Offiziersprüfung abgelegt und war zum vierten Wachoffizier aufgestiegen. „Wenn ich dran denk‘, wie Ihre Hoheit Maria Sophia damals dem Garillo die Birn‘ wegblas’n hat – also so einen Schuss hab‘ ich seitdem nicht mehr g’seh’n!“
„Stimmt.“ Dann wandte er sich an den Rudergänger. „Drei Strich Steuerbord, und geben’s eine Spur mehr Dampf!“
Die MARIA THERESIA glich ihren Kurs dem der SPERBER an und kam ihr wieder ein wenig näher.
*
Wien
Das große Luftschiff im Linienverkehr der ÖDLAG, die ERZHERZOGIN WILHELMINE AMALIE, änderte am Abend des 9. Juni 1889 kurz vor Wien seine Route ein wenig, um statt des Lufthafens an der Kronprinz-Franz-Joseph-Straße zuerst den Ankerturm des Schlosses Schönbrunn anzusteuern. Das Schiff kam vom Golf von Zula, wo am Lufthafen bei Port Erzherzogin Helene unter anderem zwei Damen mit ihren Zofen und Kammerdienern zugestiegen waren, und war von dort der Schlosswache telegraphisch avisiert worden. Signale wurden nun über die mit Lamellen ausgestatteten Kommunikationslampen ausgetauscht, dann näherte sich die 350 Meter lange Zigarre dem Ankerturm. Noch eine kurze Kommunikation, der Zeppelin schoss seine Ankerleine durch den Ring am Mast und wurde damit in die endgültige Position gezogen. Dann fing man auch das Tau am Heck des Zeppelins auf und belegte es sorgfältig, sodass die ERZHERZOGIN WILHELMINE AMALIE nun sicher und ohne Bewegung vor Anker lag. Ein Lift wurde an den Einstieg gefahren, der sich nun öffnete. Kapitän Johann Frank salutierte vor den Gästen.
„Ich hoffe, Hoheit hatten eine gute Fahrt mit uns!“
„Danke, Kapitän, das hatten wir wirklich.“ Die dreißigjährige Frau mit den rötlichen Haaren reichte Johann die rechte Hand, der sich auch sofort darüber beugte und einen Handkuss andeutete. „Es war auch durchaus erfreulich, dass an der Bar ein 1852er Schlumberger Sekt vorrätig war.“
„Ich erlaube mir, auch im Namen unserer Reederei zu betonen, wie geehrt wir uns alle fühlen, Euer Hoheit an Bord gehabt zu haben!“
„Weiterhin gute Fahrt, Kapitän“, wünschte Erzherzogin Prinzessin Maria Sophia dem Schiffsoffizier, nickte dem stramm stehenden Matrosen an der Luke kurz zu und betrat mit Elisabeth von Oberwinden, ihrer treuen Freundin und Leibwächterin, den Aufzug, welcher sie zuerst in die große Glashalle brachte, von wo aus sie ein weiterer Lift direkt zur privaten Elektrobahn zum Schloss am anderen Ende des Parks bringen konnte.
Vor etwas mehr als vier Tagen hatte Maria Sophia mit ihrer kleiner gewordenen Entourage von Gonder kommend Port Helene erreicht und war wie schon einmal im ersten Hotel am Platz, dem Stattmann, als Gräfin Taranaki abgestiegen. Der Oberst Wilhelm Graf von Inzersmarkt war in Gonder geblieben und hatte dort das Kommando über die Schutztruppen für den auf der Insel Dek im Tanasee gerade eben entstehenden Lufthafen der ÖDLAG übernommen, und Henrietta und Orville Jones arbeiteten in Gonder weiter an den Büchern der dortigen israelitischen Gemeinde, welche von sich sagten, die Abkömmlinge des verlorenen Stammes Dan zu sein. Die Prinzessin war mit Elisabeth von Oberwinden, Carl Friedrich Maerz, der Zofe Josepha Müller und dem Kammerdiener Horst Komarek mit dem Windhund, einem geländegängigen, schnellen und leicht gepanzerten Fahrzeug, nach Port Helene gefahren. Sie wurde dabei eskortiert von drei Husaren, gepanzerten Fahrzeugen für die Truppen der österreichischen Dragoner. Dort hatten sie erst einmal nach langen Wochen des einfachen Lebens wieder die Freuden der luxuriösen und vielleicht auch etwas dekadenten Annehmlichkeiten eines 5-Sterns-Hotels genossen. Es war für Maria Sophia zugleich süß und bitter, denn damit rückte auch die Stunde des Abschieds von Carl Friedrich Maerz näher, aber beide hatten ja doch von Anfang an gewusst, dass ihre Beziehung nicht sehr lange dauern würde. Aber vielleicht war es eben dieses Bewusstsein des baldigen Endes gewesen, welches das Abenteuer um so viel intensiver und schöner gemacht hatte. Die Beiden feierten jedenfalls ihren Abschied wild, ausgelassen und hemmungslos hinter verschlossenen Türen, ließen sich das hervorragende Essen des Hotels, Wein, Sekt und erlesene Leckereien auf das Zimmer der ‚Gräfin‘ servieren.
Vor 38 Stunden hatte sich die Gräfin dann wieder in die Prinzessin Maria Sophia von Österreich verwandelt und einen Fiaker zum Lufthafen angefordert, dort mittels Telegraphie Verbindung mit Wien aufgenommen und den Schlosswachen ihre Ankunft mitgeteilt. Dann hatte sie gemeinsam mit Elisabeth von Oberwinden, den beiden Zofen und den zwei Kammerdienern die ERZHERZOGIN WILHELMINE AMALIE bestiegen. Es wurde nun Zeit für die österreichische Prinzessin, endlich wieder einmal nach Wien zu kommen und sich dort zu zeigen. Vor knapp 35 Stunden hatte das Luftschiff vom Ankerturm von Port Erzherzogin Helene abgelegt und nun hatte die Erzherzogin samt Gefolge den Zeppelin wieder verlassen, dessen Ankertaue jetzt von der Hafenbesatzung wieder frei gegeben wurden. Die Fahrt sollte nun nur noch wenige Minuten dauern, bis das Schiff mit minimaler Verspätung am reservierten Terminal des Lufthafens von Wien festmachen und die restlichen Passagiere absetzen und neue an Bord nehmen würde.
Der Lufthafen von Schönbrunn war eine kühne Stahl- und Glaskonstruktion, vom gleichen Architekten wie das Palmenhaus von Schönbrunn erschaffen, und wie dieses erinnerte das Gebäude an einen alten Raddampfer mit Segelmasten in voller Fahrt. Nicht von ungefähr, denn diesen ersten Dampfschiffen verdankte Habsburg sein heutiges Weltreich.
„HAAABT ACHT!“ Die Stimme des befehlshabenden Wachoffiziers donnerte durch die Halle, und die 30 Soldaten des Wachzuges nahmen mit knallenden Stiefeln und scheppernden Gewehren Haltung an. Diese Soldaten befestigten im Exerzierdienst den Handschutz ihrer Waffen nie ganz fest, damit das Klappern umso lauter zu hören war und trugen genageltes Schuhwerk. „Euer kaiserliche Majestät, der Wachzug ist zur Begrüßung angetreten!“, erstattete der Major mit lauter Stimme Meldung. „Willkommen zu Hause, Hoheit!“
„Danke, Major! Schön wieder hier zu sein!“ Dreißig Augenpaare folgten der in ein lavendelfarbenes Reisekostüm gekleideten Walküre, als sie über den roten Teppich zum nächsten Lift schritt. Dort machte sie Halt und drehte sich noch einmal um. „Josepha, bring sie mit den anderen das Gepäck mit dem Zug zum Schloss. Ich möcht‘ nach der langen Fahrt lieber z‘ Fuß durch den Gart’n geh’n.“
„Ich geh‘ mit“, verkündete die kleinere, gertenschlanke Elisabeth von Oberwinden sofort.
„Meinst vielleicht, es wartet ein Attentäter g’rad jetzt da herin‘ im Garten, Lisi?“, lächelte Maria Sophia.
„Aber woher, nein“, winkte Lisi ab. „Aber ich geh‘ trotzdem mit!“
„Na, dann komm‘ halt!“
Sie traten aus dem Gebäude des privaten Lufthafens des Schlosses, gingen bis zur 300 Meter entfernten Gloriette und betraten die Säulenhalle mit dem verglasten Mittelteil auf dem Hügel, deren einziger Zweck es war, Habsburgs Glanz und Glorie zu zeigen. 1775 hatte Kaiserin Maria Theresia diesen im Schloss Neugebäude stehenden und ungenutzten Bau abtragen und hier neu aufbauen lassen. Der Blick über den künstlichen Teich vor der Gloriette, den blühenden Schlosspark mit seinem barocken, streng geometrischen Aufbau und den penibel gestutzten Bäumen der Alleen, den Neptunbrunnen und das 730 Meter entfernte Schloss nördlich und die im rötlichen Schein der untergehenden Sonne Hauptstadt östlich der Gloriette war atemberaubend. Besonders das üppige Grün des Parks hatte es Maria Sophia nach der schönen, aber doch sehr kargen Landschaft Abessiniens angetan.
„Komm, Lisi, lass uns durch die Alleen geh’n“, forderte die Erzherzogin ihre Freundin auf und ging nach rechts hinüber, wo die beiden Damen auf gut gepflegten Schotterwegen unter den Bäumen nach unten wandelten. Tief sogen sie die vom Duft der Pflanzen geschwängerte Luft durch ihre Nasen, genossen die abendliche Kühle.
„Ich glaub‘, so angenehm kühl wird’s in Abessinien nicht einmal im Winter“, bemerkte Elisabeth. „Dort möcht‘ man sich das G’wand am liebsten gleich ganz abg’wöhnen.
„Da hättest aber ganz schnell eine Haut wie ein Grillhenderl“, scherzte Maria Sophia. „Braun und schön knusprig.“
„Na ja, also, wirklich blass sind wir auch so grad nicht mehr“, konstatierte Elisabeth. „Wir sind schon fast so braun wie der falsche Ibrahim Muhamad, wegen dem wir seit März unterwegs war‘n. Nicht, dass ich mich beschwer’n möcht‘. Wir wüssten ohne den Kerl noch nicht einmal über die Verschwörung vom ‚Goldenen Frühling‘ Bescheid.“
„Ja, Lisi, da kommt noch was auf uns zu“, prophezeite die Prinzessin. „Aber mehr, als dass wir dem Abdülmecid in Konstantinopel ganz diskret eine Warnung zukommen lassen, dass er auf Jerusalem gut aufpassen soll, können wir jetzt im Moment auch nicht machen. Du hast ja g’hört, die Hintermänner da in Österreich könnt‘n in ganz hohen Positionen sitzen.“
„Oder die Hinterfrauen“, präzisierte Lisi. „Die G’frieser, die den Frühling g’schupft haben, waren bis jetzt lauter Frauen.“
„Stimmt. Und du könntest jetzt als weiblicher Messias Chefin von so einer Bande sein. Leider von der falschen. Also der ein klein wengerl harmloseren.“
„Mitzi, ich hab‘ nicht eine Sekunde…“
„Eh nicht“, winkte die Erzherzogin ab und blieb stehen. „Ich hab‘ ja auch keine Sekund‘n an dir zweifelt. Nicht als Lehensfrau und noch viel weniger als Freundin.“ Sie nahm die Hände Lisis in ihre eigenen. „Trotzdem wirst du nicht mehr lange Baronesse von Oberwinden sein.“
„Aber warum?“ Elisabeths Augen weiteten sich. „Ich mein‘, was hab‘ ich…“
„Weil das Fräulein Elisabeth von Oberwinden jetzt bald die Markgräfin von Manawatū sein wird, und die Baronie Oberwinden hättest ja eh nie g’erbt“, unterbrach Maria Sophia Lisis Stottern. „Kurz und gut, wie ich in Port Helene mit meiner Mama telegraphiert hab‘, hat sie mir bestätigt, dass die erbliche Belehnung des Fräulein Oberwinden mit der Markgrafschaft durchg’gangen ist. Gratuliere, Lisi!“
„Und was ist mit dem alten Markgrafen von Manawatū?“, fragte Lisi, immer noch atemlos.
„Ach, Mama kann auf eine Markgrafschaft in ihrer Titelliste leicht verzichten, hat sie g‘sagt. Bei einem Herzogtum wär’s ja schon happiger g‘wesen, aber so…“, wiegelte Maria Sophia ab. „Und es ist ja auch nicht so, als hättest ein riesiges Reich g‘schenkt bekommen.“
„Aber gleich so hoch. Mitzi, mich brauchst doch nicht…“
Maria Sophia legte Lisi ihren Zeigefinger auf die Lippen. „Pst! Erstens kann von Bestechung gar keine Rede sein, allerhöchstens von einer angemessenen Belohnung. Zweitens kann ich unser‘ Freundschaft eh gar nicht bezahlen, so teuer ist mir die. Und drittens widerspricht man seinem Souverän nicht. Bei mir darfst dein‘ Schnab‘l ja eh ungeniert aufmach‘n, aber meine Frau Mutter ist halt jetzt einmal die Regentin von den Donaumonarchien. Also, ganz einfach Schnaberl zu und neue Visitkart’n druck’n lassen. Und jetzt komm weiter!“ Die Frauen machten sich wieder auf den Weg zum Schloss. „Was ich schon noch wissen wollt“, fragte Maria Sophia während des Gehens. „Hast du den Slatin eigentlich rumgekriegt?“
„Einmal, Mitzi. Nur ein einziges Mal. Er hat’s von Anfang an klar g’stellt und war dann sehr konsequent.“
*
Bayern
Der noch recht jung wirkende Mann mit den sinnlichen Lippen, dem kurz gestutzten Kinn- und Schnurrbart und den schwarzen Locken, die zu einer sorgfältigen Frisur gelegt waren, blickte melancholisch über den bayrischen Schwangau zum Alpsee hinüber, in dem sich der im Zunehmen befindende beinahe volle Mond spiegelte. Morgen, am Dienstag, dem 11. Juni, würden die ersten Diener und Köche hier auf dem Schloss eintreffen, später dann reichlich Gäste. Am Abend des Samstags, am 15. Juni 1889 sollte der offizielle Ball anlässlich der Verlobung von Prinzessin Valerie Theresa Charlotte Elisabeth von Habsburg-Lothringen und Prinz Franz Ludwig Johann Napoleon Bonaparte beginnen. Ein Fest, welches drei Tage dauern sollte, inklusive eines Kirchganges am Sonntag Morgen und der offiziellen Verkündung des Brautpaares am Sonntag Abend. Jagden, Bootsfahrten, sogar eine private Vorführung der Oper Gudrun des von ihm selbst ebenfalls verehrten Komponisten Richard Wagner standen auf dem Programm. Ludwig II. Otto Friedrich Wilhelm, ehemals König von Bayern, seufzte tief. Nicht, dass er der Tochter seiner Cousine etwas neidete oder sie nicht mochte. Er wünschte ihr nur das Beste, und das aus voller Überzeugung, soweit es ihm noch möglich war. Aber es würde für ihn trotzdem eine schwere Zeit werden.
Ludwig dachte an jene Nacht vor 23 Jahren zurück, als er dem Grafen von Boll und Mark begegnet war. Er war diesem gut aussehenden Mann sofort mit Haut und Haaren verfallen, endlich verstand er, warum sein Interesse an den Damen stets so gering gewesen war. Und dann, drei Monate später – ein leidenschaftlicher Kuss, ein stürmisches Spiel, ein plötzlicher Schmerz am Hals, Dunkelheit. Dann war das Helle zurück gekehrt, er erlebte eine nie gekannte Ekstase, ehe die Welt wieder grau wurde! Besser gesagt, noch grauer als zuvor. Prinz Ludwig war immer melancholisch gewesen, manchmal auch ein bisserl depressiv. Seltsamerweise war er das auch als Vampir geblieben, für ihn wäre die Gefühlsarmut der anderen Vampire sogar eine Verbesserung seines Gemütszustandes gewesen. Dafür hatte er in anderer Hinsicht wiederum großes Glück gehabt. Die meisten seiner Art mussten das Tageslicht meiden, es war binnen kürzester Zeit für Vampire sehr schmerzhaft oder manchmal sogar tödlich. Er konnte jedoch während des Tages ins Freie gehen, wenn er dicke Sonnenbrillen und breitkrempige Hüte zum Schutz vor direkter Sonnenstrahlung trug, denn diese verursachte ihm ein beinahe schmerzhaftes, unangenehmes Gefühl auf der Haut. Im Schatten aber konnte er den Hut sogar ohne Probleme abnehmen. Er war ein Tagwandler geworden, immerhin ein Glück, denn so konnte er noch der König von Bayern werden. Er gab sich allerdings keinerlei Illusionen hin, einen Vampir, der obendrein Homosexuell war, hätte das des bayrische Volk niemals akzeptiert. An den Umstand, dass er etwas sonderlich war, hätten sich die Bayern schon gewöhnt, aber alles hatte seine Grenzen. Also, Vampir – da hätt‘ man sich do scho d’ran g’wöhnen können, aber dass der Kini Männer måg? Na! Des geht scho fei gor ned! Die Cousinchen Néné und Sisi erfuhren ebenso wie Onkel Luitpold die Wahrheit, und Helene hatte ihm bereits klar gemacht, dass er irgendwann sein Ableben inszenieren und verschwinden müsste. Bevor’s in Bayern leicht no so a blede Revolution gibt, so a blede, ja Hergottsakra no amål!
Im Jahr 1868 hatte Ludwig also mit dem Bau von Schloss Neuschwanstein begonnen, und besonders auf die weit verzweigten und versteckten Keller Wert gelegt. Deren Anlage hatte allerdings ein Vermögen gekostet, auch wenn eine natürliche Höhlenanlage als Grundstock der unterirdischen Residenz gedient hatte. Dennoch hatten die Gewölbe allein weit mehr als die gesamte restliche Burg gekostet, vor allem der Geheimhaltung wegen. In diesen luxuriös ausgestatteten Kavernen wollte Ludwig gemeinsam mit einigen Gespielen, welche den Tag meiden mussten, später wohnen. Dann hatte er allmählich beginnenden Wahnsinn vorgespielt, bis das Parlament im Juni 1886 seinen Onkel Luitpold endlich zum Prinzregenten ernannte. Drei Tage später, am 13. Juni, sorgten Luitpold und Ludwig dafür, dass man eine Leiche im Starnberger See fand, die man als König Ludwig identifizieren konnte. Eine Schusswunde in der Schläfe, der dem Wahnsinn verfallene ‚Kini‘ hatte offensichtlich Selbstmord begangen und wurde bereits am 19. Juni in München beerdigt. Einige der geheimnisvollen Umstände und die überraschend rasche Bestattung fachten verständlicherweise die Gerüchteküche an, aber Beweise gab es natürlich keine. Luitpold selbst besuchte Neuschwanstein so gut wie nie, baute aber im Tal einen leistungsfähigen Zeppelinhafen und ließ die Seilbahn für die Baumaterialien durch eine mit bequemen Personengondeln ersetzen, welche den Luftschiffhafen mit dem Schloss verband. So war das Schloss ideal für den offiziellen Verlobungsball der österreichischen Prinzessin mit dem französischen Dauphin geeignet. Und jetzt genoss Ludwig die letzten stillen Stunden, ehe der große Trubel begann.
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„Vite, vite“, klatschte der Oberhofmeister in die Hände. „Muss ich noch extra darauf hinweisen, dass wir nur den heutigen Tag haben? Also, vorwärts, meine Damen und Herren. Ein wenig Beeilung, wenn ich bitten darf!“ Ein Heer von Dienstboten, teils aus Wien mit dem Luftschiff eingeflogen, teils aus München und den umliegenden Dörfern rekrutiert, schwärmte aus, um das leerstehende Schloss für die hohen Besucher und ihren Anhang vorzubereiten. Das ganze Jahr über kam fünf Tage in der Woche eine Putzbrigade aus Füssen am Lech in das Schloss, um die Räumlichkeiten halbwegs sauber zu halten und nach eventuellen Schäden Ausschau zu halten. Ebenso kam vier Mal im Jahr der Schornsteinfeger wegen der offenen Kamine und ein Installateur, welcher die Kalt- und Warmwasser ebenso instand hielt wie die Dampfheizung. Das königliche Schloss musste eben jederzeit ohne großen Aufwand bezugsfertig sein, wenn es sein musste. Doch das reichte nun nicht mehr, Sauberkeit und das Funktionieren der Installationen allein war jetzt nicht mehr gefragt, es sollte auch noch prunkvoll und gastlich werden. Immerhin kam der gesamte Hochadel Europas zu Gast in das riesige Schloss. Betten wurden abgedeckt, mit frischen, blütenweißen Leintüchern, Polstern und Tuchenten versehen, dutzende Diener in der habsburgischen schwarz-gelben Livree brachten die eingelagerten Teppiche in die verschiedenen Zimmer, Holz wurde in den gemauerten Kaminen bereit gelegt. Jeder Handgriff war genau geplant.
Währenddessen trafen aus München auch die sechs Kompanien vom ersten bayrischen Garde-Kavallerieregiment in ihren weißen Paradeuniformen mit dem scharlachroten Stoff an der Knopfleiste zwischen dem schwarzen Kragen und dem Gürtel in derselben Farbe und den roten Ärmelaufschlägen ein. Dazu trugen die Dragoner den typischen bayrischen Raupenhelmen mit dem schwarzen Bausch und schwarze Schnürstiefel bis an das Knie. Diese Einheit sollten in drei Schichten einerseits die Ehrengarde am Lufthafen stellen, aber andererseits auch als Schlosswache fungieren, daher trug sie zu den im Ernst- und Manöverfall üblichen kurzen Steyr-Mannlicher-Gewehren auch Säbel und am Gürtel schwere Revolver. Obwohl die Uniformen wie immer nicht das geringste Stäubchen aufwiesen und die vergoldeten Knöpfe heller als das echte Metall funkelten, die Säbel wie Silber blitzten und das Lederzeug glänzte, kontrollierten Offiziere und Unteroffiziere jedes Detail noch einmal. Vicecorporal Aloisius Hödermayr meldete einen kleinen Kratzer an seinem Schuhwerk, welcher ohne sein Verschulden entstanden war und bekam ohne Umstände sogleich ein neues Paar ausgehändigt, welches er sofort auf Hochglanz zu polieren begann. Dann begann der Exerzierdienst, damit auch jeder seinen Platz genau kannte und weder Bayern noch den Donaumonarchien Schande bereitete. Die Gardisten kannten es ohnehin nicht anders, sie waren jede Woche routinemäßig entweder mit Formal- oder Gefechtsdienst beschäftigt, Samstags mit der Reinigung ihrer Stuben und ihres restlichen Revieres in der Münchner Kaserne. Wenn alles in Ordnung und sauber war, hatten sie von Samstag Nachmittag bis Sonntag 24.00 Uhr Ausgang, in Zivil oder Uniform. Außer natürlich, man hatte einen jener unbeliebten Samstag-Sonntag oder Sonntag-Montag-Dienste aufgerissen. Also Corporal vom Tag, Wache oder Bereitschaft jeweils von Mittag bis Mittag, ein bei den Unteroffizieren beliebtes Mittel zur Disziplinierung auffällig gewordener Mannschaften. Einfach, unbürokratisch und doch wirksam, zudem schien die Bestrafung in keiner Akte außer den Dienstplänen auf, diese aber galten ohnehin als militärische Geheimdokumente, deren Kenntnis außerhalb des Dienstes auch in den Donaumonarchien streng bestraft wurde. Man muss das Militär und seine Rituale nicht unbedingt verstehen.
Der erste Gast traf am 11. Juni gleich mit den Dragonern ein. Elisabeth Amalie Eugenie von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld-Gelnhausen-Wittelsbach, Herzogin in Bayern, genannt Sisi, die um drei Jahre jüngere Schwester der Regentin, hatte ihre scheinbar nie enden wollende Weltreise unterbrochen und war mit einem Luftschiff nach München gefahren. Die letzten 100 Kilometer von München war die Herzogin auf einem geländegängigen BDW-Dreirad der Kavalleristen mit Tesla-Antrieb geritten. Die Weltenbummlerin, welche bereits alle Kontinente bereist, aber nie geheiratet hatte, fand an dieser Fahrt durchaus ihre helle Freude. Es hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass Sisi in ein namentlich nicht näher genanntes Mitglied des europäischen Hochadels verliebt gewesen sei und, nachdem die Ehe nicht zustande gekommen war, aus enttäuschter Liebe auf ihre schier endlose Reise gegangen sei. Da sie aber über die Person eisern Stillschweigen bewahrte, blieben es eben nur – Gerüchte.
Das Problem des ‚Kini‘ Ludwig war natürlich auch Sisi durchaus bekannt, und sie wusste um die Katakomben von Neuschwanstein. Im Schloss für einige Zeit zu verschwinden war zu der Zeit, in welcher nur die Dienstboten die Gänge bevölkerten, ganz leicht. Auch wenn es über hundert Personen waren, wirkte das Schloss immer noch leer, also ideale Umstände, um unauffällig Cousin Ludwig aufzusuchen. Ein Blick über die Schultern, und schon war Sisi in einem der unzähligen Geheimgänge verschwunden und stieg eine enge, von Göbellampen erleuchtete Wendeltreppe hinab. Etwas oberhalb der blind endenden Treppe, welche scheinbar nur zur geheimen Beobachtung eines Bades diente, befand sich der hervorragend getarnte Eingang zu den Gemächern des abgesetzten Königs. Sisi wusste, welchen Stein sie drücken musste, um die Tür zu öffnen.
„Ach, da kommt ja ganz hoher Besuch“, empfing ein Mann in hautengen Hosen, Reitstiefeln und bis zum Gürtel geöffnetem weißem Hemd die Herzogin. Er war glatt rasiert und trug das lange Haar offen in wallenden Locken.
„Dir auch eine schöne Nacht, Ferdi!“ Elisabeth kannte den langjährigen Günstling ihres entfernten Cousins ebenso wie er sie.
„Ludwig hat uns mitgeteilt, dass du kommen wirst“, teilte Ferdinand Sisi mit, während sie durch die nur mäßig beleuchteten Katakomben von Neuschwanstein schritten. „Du wirst staunen, was er jetzt vorbereitet hat.“
„Oh, er hat wieder etwas Neues gemacht? Was ist es denn?“
„Aber Schätzchen“, stöhnte Ferdinand theatralisch. „Du kannst doch nicht erwarten, dass ich ihm die Überraschung verderbe. Husch, husch, durch diese Tür!“

In der Tür verharrte Elisabeth jedoch und staunte über die Kulisse.
„Das ist der Saal des Sonnenkönigs von Versailles“, rief sie überrascht. „Nur, dass hier der Mond die Rolle der Sonne eingenommen hat!“
„Wie wahr, Madame“, hüstelte Ludwig in einer riesigen Lockenperücke. „Vor Euch steht nicht der Sonnen-, sondern der Mondkönig. Lasst mich Eure Hand küssen, meine Teuerste.“
„Und auf den Gemälden sind auch nicht die prominenten Busen der liebsten Mätressen des Königs abgebildet, sondern wohlgeformte Männer“. Sisi schritt die Gemäldegalerie ab. „Aber was sehe ich, manche mit nacktem Hinterteil und manche mit bloßer Mächtigkeit. Hast Du denn einen Maler hier unten, der nach der Natur malt?“
„Aber Selbstverständlich“, beeilte sich Ludwig zu versichern. „Möchtest du ihn etwa kennen lernen?“
„Lieber das Modell von diesem Bild hier!“ Die Herzogin strich über die Leinwand. „Was für ein beeindruckendes Stück. Ist es realistisch dargestellt?“
„Oh ja, das ist es“, schmunzelte Ludwig. „Aber ich fürchte, du bist nicht so wirklich sein Typ!“
„Wie schade“, seufzte Elisabeth. „Und ich erhoffte schon ein wenig Trost in meinen alten Tagen!“
„Ist es etwa so wie das jenes Herren, der dich in die Welt hinaus getrieben hat?“
„Ich weiß nicht“, seufzte Sisi. „Ich habe damals sein Ding nie zu Gesicht bekommen. Aber er soll zumindest eine Menge Übung damit gehabt haben, sagte man mir. Danke, Ferdi!“ Die Herzogin nahm ein Glas Sekt entgegen. „Schlumberger aus Bad Vöslau?“
„Viel einfacher zu besorgen als der Echte aus der Champagne“, bekannte Ludwig. „Und auch nicht viel schlechter. Außerdem, was meinst du, was Onkel Luitpold sagen würde, bestellte ich wirklich dort etwas! Willst du uns nicht einmal erzählen, wer der große unbekannte Galan war?“
„So groß war er ja gar nicht, aber très chic ausgesehen hat er in seiner Uniform“, schwärmte Sisi. „Oh, ich glaube, ich bin heute nicht ganz passend gekleidet!“ Eine Frau im Reifrock mit großen, beinahe frei liegenden Brüsten, einer eng geschürten Taille und einer riesigen, beinahe 30 Zentimeter hohen, weißen Perücke hatte den Saal betreten. Ihr Gesicht war auffallend bleich, wie es zur Zeit des Sonnenkönigs en vouge und eigentlich nur mit Unmengen von Schminke und Puder zu erreichen gewesen war. Aus diesem herzförmigen Gesicht stachen die dunkelbraunen Augen und der sinnliche rote Mund mit starkem Kontrast hervor.
„Ach, Jeanette gibt nur heute wieder einmal die Pompadur!“ Ludwig nahm die Hand der Dame und küsste sie graziös. „Trüge ich die Nummer XV statt der II, müsste ich mich nach ihr verzehren, so aber halte ich mich lieber an meinen treuen und teuren Ferdinand, und unsere liebe Freundin muss sich mit Anna Maria trösten! Jeanette, diese Dame ist meine Cousine Sisi, und wenn ich sie zum Essen einlade, dann nicht als Hauptgericht.“
„Wie schade! Euer Hoheit sehen wirklich zum Anbeißen aus!“ Jeanette sank in einen tiefen Hofknicks. „Aber ich werde es weitersagen. Nicht, dass jemand an etwas derartiges gedacht hätte! Ich wollte nur berichten, dass der Prinzregent eingetroffen ist. Karol ist schon unterwegs, um ihn abzuholen.“
„Danke, Jeanette. Ach, da kommt ja auch mein Onkel schon! Willkommen in meiner bescheidenen Hütte, Onkel Luitpold!“ Ludwig machte eine graziöse, weitschweifige Handbewegung. „Keine Sorge, das alles hat dem Staat nicht einen einzigen Kreuzer gekostet! Ich hatte einen vermögenden Neuzugang hier in meinem kleinen Reich, der mir diesen Saal hier zum Geschenk machte!“
„Und die Arbeiter?“
„Wohnten bereits hier unter uns, Onkel. Oder denkst du, ich beherberge hier nur adelige Vampire? Au contraire, mon cher Oncle, die wenigsten hier haben blaues Blut.“ Er beugte sich verschwörerisch zu Sisi hinüber und flüsterte ihr so laut, dass es alle hören konnten, ins Ohr: „Welches im übrigen auch nicht besser schmeckt als das einfacher Menschen!“
*
Tripolitanien
Weit vor der Küste von Tripolitanien schwamm ein grob aus Abfällen zusammen gezimmertes Floß mit einem großen Segel, das es mit dem Wind aus der Sahara rasch nach Norden trieb. Von den Mauern der Stadt Tripolis aus beobachteten zwei hohe italienische Offiziere das viereckige Segel durch ihre Ferngläser, neben ihnen führte ein Capo di prima classe, vergleichbar etwa mit einem Oberstabsbootsmann in den deutschsprachigen Ländern, mit einem Scherenfernrohr ständig Messungen durch.
„27 Kilometer, Signori“, meldete er. „28 Kilometer!“
„Feuer bei 29“, befahl Generale di Brigata Giovanni Rossaro ruhig.
„Si, Generale! 28,5. 29!“ Gleichzeitig mit der Meldung drückte er auf einen Knopf, der bei Geschützstand 1 eine Lampe zum Aufleuchten brachte. Der Geschützführer brüllte laut den Feuerbefehl, und der Richtschütze, welcher das Segel stets im Visier gehabt hatte, betätigte den Auslöser. Die Treibladung schleuderte das 43 Zentimeter durchmessende Geschoss mit einer Geschwindigkeit weit schneller als der Schall auf das Floß.
„Das wäre ein Volltreffer in den Kommandoturm geworden, wenn es sich um ein Schlachtschiff gehandelt hätte“, kommentierte Amiraglio di Squadra Sergio Russillo. „Ich gratuliere der Geschützmannschaft!“
„Ich hoffe nur, dass die Mauerkrone auf Dauer stark genug für die Lafetten ist.“ Der Brigadegeneral sah hinüber zum Geschützstand, wo das über 8 Meter lange Geschütz auf seiner wie ein X geformten Lafette aus gegossenem Stahl ruhte. Um die Rückstoßkräfte abzufangen hatte die Kanone einen langen Rücklauf, und eine starke Feder brachte das Rohr danach wieder in Position, trotzdem konnte es nicht ausbleiben, dass sich einige starke Erschütterungen auf den Untergrund übertrugen. Kein großes Problem bei elastischen Böden wie Sand oder Erde, aber vielleicht bei dem alten und spröden Beton ohne stählerne Armierung, den der Bey von Tripolis damals zur Verfügung gehabt hatte.
Die Offiziere gingen bis zur Geschützstellung, wo ein junger Offizier in der Uniform eines Majors gerade einige Zahlen, welche ihm von Soldaten an allerlei Messgeräten zugerufen wurden, auf ein Papier schrieb.
„Nun, Maggiore?“, fragte Giovanni Rossaro. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt sah er hinaus zum Meer, wo Kräne große Mengen Rohre entluden und in der Nähe stapelten. Die Fahrzeuge für die Wüstenexpedition standen bereits in guter Sichtdeckung in und hinter der Stadt, noch zusätzlich mit Planen in den hier vorkommenden Farben getarnt.
„Momento, Generale!“ Der Armeeingenieur Matteo Bianchi trug noch einige Zahlen in die Formeln ein und rechnete rasch. „Die Krone ist ausreichend stabil, Generale“, meldete er schließlich. „Die Idee des Bey, zwischen die Mauerringe Sand zu füllen, hat sich durchaus bewährt. Nach meinen Berechnungen müsste sogar ein Stahl- oder Zementdach für die Stellungen möglich sein.“
„Ihr Ratschlag, Major?“
„Wie lange wollen wir Tripolis halten, General? Bei Stahlbeton werden wir die Geschütze vielleicht in Einzelteilen wieder aus der Stellung bringen müssen, eine Stahlhaube kann beweglich konstruiert werden.“
„Wir sind gekommen, um zu bleiben, Major. Wir nehmen Beton“, beschied der Brigadier.
„Gut. Für diesen Fall gibt es bereits bewährte Baumuster. Morgen fangen wir an.“
Rossaro nickte. „Geben Sie die Pläne einem Bautrupp und stellen Sie einen fähigen Unteroffizier ab, der die Arbeiten überwacht. Für Sie gibt es andere Aufgaben. Erstens, ich möchte, dass das Wasser dieses Wadi Al-Mjeneen nicht mehr im Meer verschwindet, sondern gespeichert wird. Und zweitens überlegen Sie sich, was wir mit diesen ganzen Rohren, Tanks und so machen. Es soll so aussehen, als würden wir hier wirklich das Land bewässern und begrünen wollen. Irgendwann wird eine neugierige Nase von irgendwoher hier herumschnüffeln, also sollte es überzeugend wirken!“
Matteo schob seine Mütze ins Genick betrachtete die Stadt und die Wüste dahinter. „Am überzeugendsten wäre es doch, tatsächlich eine Grünfläche zu erschaffen“, überlegte er halblaut.
„Machen Sie, was Sie für richtig halten, Maggiore. Es kommen noch Bauarbeiter aus der Heimat, setzen Sie die nach Belieben ein. Aber es muss gut aussehen. Wenn hier dann wirklich etwas wächst, umso besser!“
„Ai tuoi Ordini, Signore Generale! Ich denke, das wird es tatsächlich. Aber erst in ein paar Monaten, wenn wir nicht…!“
„Poi al Lavoro, Maggiore,“ winkte Rossaro. „Schreiben Sie auf, was Sie benötigen. Je echter es…“ Das Aufheulen einer Dampfsirene unterbrach den Befehlshaber der italienischen Landtruppen.
„An der östlichen Mauer“, rief Bianchi, welcher nicht nur Ingenieur, sondern auch ein guter Soldat war. Gemeinsam liefen die Offiziere den gegen außen gut gedeckten Fußweg der Mauerkrone entlang zum nordöstlichen Turm, in welchem sich, wie in allen anderen, ein Befehlsstand befand.
„Bericht“, forderte der General, als er in den Raum stürzte. Tenente Luigi Morrini rapportierte, ohne seine Augen von der Mattscheibe eines Binokulars zu nehmen.
„Etwa hundert Beduinen auf Kamelen, General! Sie halten dort draußen und scheinen miteinander zu sprechen. Ich hielt es für besser, trotzdem die Leute auf die Wälle zu rufen!“
„Gut gemacht, Leutnant.“ Er wandte sich an den Fernmelder. „Tenente Colonello Mariani soll seine Cavalieri zum Aufsitzen bereitmachen.“
„Si, Signore!“ Der Fernmelder hob den Hörer ab und stellte eine Verbindung her.
„Drei haben sich von dem Trupp gelöst und kommen näher, Generale“, meldete Morrini.
„Wo ist Colonello Tozzi?“
„Mit Tenente Colonello Fontana im südwestlichen Befehlsstand, Herr General“, berichtete der Melder.
„Dann soll er den Befehl übernehmen und diese drei dort empfangen“, gab Brigadier Rossaro seine Anweisung, und zu Vizeadmiral Russillo gewandt erklärte er: „In ein paar Tagen ist er ohnehin Stadtkommandant, da kann er sich jetzt gleich um die Berber kümmern. Ich bereite meine Männer einstweilen auf den Marsch durch die Wüste vor. Von Tobruk 1.300 Kilometer in den Süden durch die Sahara. Nun ja, während des Marsches die Küste nach Westen habe ich ja noch ihre Unterstützung, Admiral. Zuerst geht es nach Al-Chums, das alte Leptis Magna. Ich bin neugierig, wie die Männer die rund hundert Kilometer überstehen.“
„Wenn Ihre Männer die ersten 1.500 Kilometer die Küste entlang bis Tobruk geschafft haben, dann ist der Rest auch möglich. Sie müssen nur so fahren, dass ihre Kolonne nicht gesehen wird. Und für die nötige Ablenkung sorgt meine Flotte.“
„Wir werden jedenfalls unser bestes geben, Sergio“, versprach Rossaro. „Viva Italia! Viva Re Umberto!“
„Viva Italia!“, stimmte der Vizeadmiral zu.
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Mauretanien
Tausende starke Lampen, mit elektrischer Energie betrieben, tauchten die gigantische Höhle in helles Licht. Drei ringförmige, rund 60 Meter breite Kanäle umgaben eine kreisrunde Insel von nicht ganz neunhundert Metern Durchmesser und zwei Landringe, welche ebenfalls 60 Meter breit waren. Auf der Insel stand ein großer, prächtiger Palast und einige wie Tempel wirkende Gebäude inmitten weitläufiger Parks. Das Gras war dicht und gut gepflegt, die Palmen hier unten waren jedoch noch ziemlich dünn und niedrig. Sie standen sicherlich noch keine 20 Jahre in diesen Grünflächen. Überall sah man Sockel, auf denen Statuen zu bewundern waren, weibliche wie männliche, manche in seltsamen Gewändern dargestellt, andere in all ihrer natürlichen Schönheit zu bewundern, in graziösen Posen oder mit segnenden Gesten. Auf dem inneren Landring wechselten relativ frisch angelegte Grünanlagen und uralte, geräumige Villen einander ab, während der zweite Ring, ebenfalls 60 Meter breit, wesentlich dichter mit schmäleren und kleineren Häusern bebaut war. Vier breite Brücken verbanden die Insel mit den Ringen und dem umliegenden Land, 45 Grad dazu verschoben Kanäle die Wasserringe, jener im Nordosten zog sich noch einige Kilometer weit und verschwand schließlich in einer Grotte.
Dort, wo die Brücken auf das Umland stießen, wachten vier Festungen mit ausgedehnten Kasernen über den Zugang zu den Ringen, weiter von der Anlage entfernt waren Häuser, die in viele Wohnungen unterteilt waren, Werkstätten und Felder, auf welchen Weizen wuchs sowie Weiden für Rinder, Schafe und Ziegen. All das tief unter der Erde, künstlich beinahe taghell beleuchtet, mit elektrischem Strom von einem starken Kraftwerk unter der Insel. Aus der Grotte fuhr eine luxuriöse Yacht mit seltsam aussehender Rumpfstruktur in den Kanal und näherte sich dem ersten Wasserring. Die Ufer des Kanals waren, wie die Passagiere der Yacht nur all zu gut wussten, mit feuerbereiten Dampfkatapulten gespickt, welche mit Sprenggranaten geladen waren. Die schöne Frau drückte dem jungen Mann in ihrer Begleitung, der ihr Sohn zu sein schien, beruhigend die Schulter und stellte sich dann hoch aufgerichtet an den Bug der Yacht, breitete wie segnend ihre Arme aus. Die wachsamen Posten erkannten ihr Gesicht und die heiligen Zeichen, welche ihre Hände beschrieben. Die Luken der Katapulte schlossen sich wieder mit lautem Rasseln, das Wassertor öffnete sich und die Yacht fuhr in den ersten Ring. Atrà bint Selina, die Um gadasa Bidhara und ihr Sohn Johannes, der neue Messias, waren im Zentrum ihrer Organisation eingetroffen.
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Der griechische Philosoph Platon beschrieb etwa 360 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung den Untergang eines Inselstaates, dessen Bewohner den Zorn der Götter auf sich zogen und von diesen vernichtet wurden. Die Hauptstadt nannte er Atlantis. Dieses Atlantis beschrieb Platon als aus drei Ringen Land und drei Ringen schiffbaren Wassers bestehend, in der Mitte der Tempel des Poseidon. Dieser habe mit Kleito, einer sterblichen Frau, die Atlantiden gezeugt, welche nach dem Willen des göttlichen Vaters weise über die Stadt herrschen sollten, während seine anderen Abkömmlinge andere Teile der Insel und des Reiches regierten. Im Laufe der Zeit wären die Atlanter aber unangemessen hochfahrend und gierig geworden, sie hätten den Respekt vor dem Willen der Götter verloren, welche in ihrem Strafgericht in einer einzigen schlimmen Nacht die Insel vernichteten. Diese Beschreibungen waren nicht völlig aus der Luft gegriffen. Vieles davon erinnerte an die Sitten und Gebräuche Kretas, die Stiertänze, die große Flotte, die Handelsmacht, die Gründung durch Poseidon selbst. Nur die ringförmige Stadt sucht man dort immer noch vergeblich, die Schatzgräber aus aller Welt durchforsteten den Text immer und immer wieder nach genaueren Hinweisen. Seit Heinrich Schliemann 1873 nach dem Text Homers die Stadt Troja gefunden hatte, wieder mit vermehrtem Eifer. Doch vergeblich, der Schleier vor dem Geheimnis blieb undurchschaubar. Nun war aber dieser Blick nach Kreta zwar keineswegs völlig falsch, aber trotzdem nicht weit genug gerichtet. Er war an die 3.800 Kilometer zu kurz, um halbwegs genau zu sein.
Zwischen Agadir in Marokko und Saint Louis im Senegal gab es nur eine bemerkenswerte Hafenstadt, und zwar Nuakschott. Einige Süßwasserquellen in Küstennähe hatten eine zusammen hängende große Oase entstehen lassen, welche eine ständige Besiedlung des Ortes ermöglichte. Die nomadisierenden Berber bauten hier einen Handelsposten, den einzigen an der beinahe 2.000 Kilometer langen Küste, welche bisher für kein europäisches Land wirklich von Interesse war. Selbst die Portugiesen hatten auf ihrem Weg nach Süden lieber einen Umweg auf sich genommen und auf den halbwegs fruchtbaren Kanaren eine Station eingelegt, als in dem riesigen Meer aus Sand einen Posten zu gründen. Noch viel weniger interessierte sich vor dem 19. Jahrhundert irgend ein Europäer für das Landesinnere, einige wenige wagemutige Abenteurer und neugierige Forscher einmal ausgenommen. Die seltenen Oasen der Gegend waren wirtschaftlich zu unbedeutend, um mit den Berbern, welche diese Gegend mit ihren seltenen Wasserlöchern nur zu gut kannten, einen unnötigen Krieg zu führen. Die wenigen Erzeugnisse, welche man benötigte, konnte man in Nuakschott einkaufen, oder man wartete gleich in Agadir oder Saint Louis auf die Verkäufer. Daher kannte auch kein Europäer jene Stelle, welche man im dort gesprochenen Dialekt Guelb er Richat nannte. Inselberg des Richat.
Das Guelb befand sich, den Greenwich-Meridian als Null-Linie genommen, auf 21 Grad, 7 Minuten und 4 Sekunden nördlicher Breite sowie 11 Grad, 22 Minuten und 32 Sekunden westlicher Länge. Und hier könnte sich zeigen, dass an den Sagen, welche Plato vernommen und zu seinem Atlantis verwoben hatte, durchaus ein wahrer Kern steckte. Allerdings hatte die Insel nicht im Meer, sondern einem See gelegen, der langsam austrocknete, als aus fruchtbarem Land zuerst Steppe und später Wüste wurde. Die Stadt versank nicht im Wasser, sondern nach und nach im tiefen Sand der Sahara. In der Mitte stand kein Poseidon-Tempel, sondern einer für den Einen Gott, Iwd’Chwah’ham, dessen Abbild stets zwei mächtige Büffelhörner zierte, und die Insel wurde von den Bewohnern Adh’Chwah’Lanthais genannt. Die ringförmige Struktur war allerdings völlig richtig, und der Durchmesser des größten Ringes betrug ganze 45 Kilometer. Damals, vor tausenden Jahren, als diese Stadt die größte und zivilisierteste des ganzen Erdballes war.
Schon lange ehe die Aridisierung des heute als Sahara bekannten Gebietes begann, entsandte Kleito, die große Königin und Hohe Priesterin von Adh’Chwah’Lanthais, fähige Wissenschaftler, Arbeiter und Bauern in alle Himmelsrichtungen der Welt, um die Zivilisation und den Glauben an Iwd’Chwah’ham unter den primitiveren Brüdern, also den Menschen der anderen Gebiete dieser Welt zu verbreiten. Diese Siedler hatten einiges an damals einzigartigem Wissen mit im Gepäck, so dasjenige um Säure-Zinkbatterien und elektrischem Licht, um Eisen- und Stahlbearbeitung und sie besaßen ein Pulver, welches in Verbindung zu Wasser große Hitze und Dampf mit hohem Druck zum Betrieb mechanischer Geräte erzeugen konnte. Ein Pulver, welches man später, als man es nach einigen tausend Jahren endlich wieder entdeckte, Vaporid, Dampfsalz oder Steam Powder nannte.
Das meiste von diesen Schätzen an Wissen ging allerdings bereits auf der Wanderung verloren, der Rest später in den Wirren vieler Jahre und unzähliger Kriege. Nur im alten Adh’Chwah’Lanthais benutzte man dieses alte Wissen noch, tief unter der im Laufe der Zeit im Sand versunkenen alten Stadt. Im Untergrund lag dort noch ein riesiger See mit einem Abfluss durch eine Grotte, in welcher auf geheimnisvolle Weise stets Licht herrschte, und man hatte hier in der Unterwelt wieder drei Ringe Wasser, eine kreisrunde Insel und zwei Ringe festen Landes geschaffen. Erleuchtet von tausenden Lampen, welche ihre Energie aus einem hydrothermischen Kraftwerk bezogen, welches in der Mitte der Insel, unter dem Palast der Kleito, wie die Herrscherin seit Jahrhunderten genannt wurde, und dem Tempel des Einen Gottes stand.
Die Jahrhunderte kamen und gingen, summierten zu Jahrtausenden. Auf der Erde entstanden zuerst kleinere und später immer größere Reiche, und sie alle vergingen irgendwann auch wieder. Die mesopotamischen Stadtstaaten, die ägyptischen Dynastien, die Helenen, Phönizier, Römer und Germanen. Die Häuser, Städte und Burgen lange verfallen, die vielen Milliarden Schicksale von einzelnen Menschen noch viel länger vergessen. Auch in den Kavernen, in welche sich das Volk von Adh’Chwah’Lanthai zurück gezogen hatte, verlosch allmählich das Leben, und bald danach, als das Dampfsalz im Kessel aufgebracht und nicht mehr ergänzt wurde, auch die Lichter an der Decke der gigantischen Höhle. Bald existierten die Stadt und ihre Bewohner nur noch in halb vergessenen Mythen, immer wieder ausgeschmückt, verändert und verfälscht. So wie Platon, der einige Splitter der Erinnerungen sammelte und sie zu seinem Atlantis umschrieb.
So verging Jahr um Jahr, reihte sich Jahrhundert an Jahrhundert, bis eines Tages wieder Stimmen durch die Stille klangen und die Strahlen von Grubenlampen lange Lichtkegel durch die Finsternis in der Höhle sandten.
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Die Sahara war ein gigantisches Wüstengebiet vom Atlantik im Westen bis zum roten Meer im Osten, nur einmal unterbrochen von einer dünnen, grünen Linie, dem Tal des Nils. Auf den ersten Blick ein gigantischer Glutofen aus Sand, Stein und Felsen, in welchem überhaupt kein Leben existieren kann. Und doch lebten in diesem etwas mehr als 9 Millionen Quadratkilometer Gebiet eine erhebliche Anzahl von Menschen. Zumeist waren es eingewanderte Araber, dazu noch Berber und Mauren, aber auch einige tausend Tubu und Tuareg. Die Lebensgrundlage dieser Menschen war neben dem Anbau von Hirse, Viehzucht und Dattelpalmen das Harz von Akazien, welches in Europa als ‚Gummi arabicum‘ bekannt und geschätzt war. Daher wurde das Bahr Bilā Mā, das Meer ohne Wasser, von ungezählte Karawanenwegen durchzogen, welche die vielen Oasen mit den Küsten und damit dem europäischen Markt verbanden.
Im 19. Jahrhundert saßen die meisten Aufkäufer der europäischen Gesellschaften im mauretanischen Nuakschott, in Algier oder Tunis. Nur sehr selten wagten sich damals Europäer selber in das Landesinnere, und von vielen, welche es trotzdem versuchten, bleichen die Knochen immer noch in der unendlich scheinenden Sahara. Pierre de Pancarte und Louis Blache gehörten zu diesen abenteuerlichen Gestalten, welche zumindest Teile der Sahara selbst bereisen wollten. Sie waren von der Société Occident-Mauretanie beauftragt worden, direkt mit den Menschen zu verhandeln, die den Gummi Arabicum aus den Akazien gewannen. Eigentlich wollten die beiden Reisenden nur Land und Leute erforschen und Abenteuer erleben, doch solche Reisen kosteten nun einmal nicht wenig Geld. Also streckte die französische Abendland–Mauretanien-Gesellschaft die Mittel vor und erwartete dafür neue Waren und Märkte. Oder zumindest bessere Konditionen im Gummihandel.
Die Franzosen waren mit der SAINT MALO, einem 90 Meter langen Raddampfer mit drei als Schoner getakelten Segelmasten, am 15 Jänner 1854, einem Sonntag, nach Nuakschott gekommen. Die wenigen Häuser des Hafens waren von den europäischen Handelsgesellschaften eilig, schmucklos, dafür aber massiv erbaute Hütten aus Ziegel für ihre Agenten vor Ort und ein ebenso einfaches Lagerhaus. Sowohl für Tauschwaren wie etwa Baumwollstoffe, Messer, Pulver und Blei, welche die Berber wollten, als auch das Gummi Arabicum, welches nach Europa geliefert werden sollte. Die wenigen ansässigen Mauretanier wohnten wie ihre nomadischen Vettern eher in Zelten als in festen Häusern etwas außerhalb. Die beiden Franzosen hatten dann vor Ort mit einigen Karawanenführern verhandelt, und endlich war ein erfahrener Führer mit dem Namen Omar Achmed bereit, die beiden Europäer durch die Sahara nach Tunis zu geleiten. Gemeinsam mit ihrem ebenfalls vor Ort angeheuerten Diener Tarik ben Malik waren die Franzosen rasch reisefertig, denn sie reisten nach Landessitte mit möglichst leichtem Gepäck. Auch ihre Kleidung war der arabischen durchaus ähnlich. Leichte Hosen, weite Hemden und helle Kaftane. Im Gürtel trugen sie jeder zwei von diesen brandneuen, sechsschüssigen britischen Navy-Colts im Kaliber .40 und ein schweres Jagdmesser, welches man mit einem Aufsteckring auch als Bajonett verwenden konnte. Ansonsten waren sie noch mit ganz modernen Chassepot-Gewehren bewaffnet, Hinterladern mit Papierpatronen im Kaliber 11 Millimeter, eine Weiterentwicklung des deutschen Drysen-Zündnadelgewehres. Mit vier Reit- und zwei Lastkamelen für die Ausrüstung war die Karawane also von bescheidener Größe, als sie den Hafenort – denn die Bezeichnung Stadt hätte eine unstatthafte Übertreibung dargestellt – eines Abends in Richtung innere Sahara verließen.
Kamele können, wenn die Umstände es erfordern, recht schnell laufen, doch wenn eine viele Tage lange Reise ihren Anfang nahm, ließ man es besser langsam angehen. Also trotteten die Tiere nur wenig schneller als ein rascher Spaziergänger gegen Nordosten, den ersten Dünen der Sahara zu. Sie folgten dabei einem uralten Karawanenweg, welcher sie über Ouadane und quer durch die große Wüste letzten Endes nach Tunis bringen sollte. Diese Reise würde nicht nur wenige Monate dauern, denn schon in Luftlinie wären ungefähr 3.000 Kilometer zurück zu legen. Eine illusorische Route, denn der Handelsweg führte aus naheliegenden Gründen im Zick-Zack von einer Oase zur anderen, und so war zumindest mit einer dreifachen Weglänge zu rechnen. Wahrscheinlich eher noch mehr. Bei einer üblichen Geschwindigkeit von etwa 4 Stundenkilometern und vielleicht 8 Stunden per Tag unterwegs – das ergab eine Reisezeit von zumindest 280 Tagen, das waren 40 Wochen oder etwas mehr als 9 Monate. Und das nur, wenn alles glatt ging und die Karawane keine längere Rast einlegen sollte. Auch das war normalerweise nicht machbar, verschiedene kleinere und größere Pausen waren unumgänglich. Die Herren sollten ja keinen Rekord aufstellen, sondern im Namen der Société Occident-Mauretanie mit den Oasenbewohnern entlang der Route gute Bedingungen für eine Handelsbeziehung aufbauen und sie für Frankreich und die Gesellschaft günstig stimmen. Pierre und Louis hatten als unterste Grenze etwa 18 Monate, also runde anderthalb Jahre, veranschlagt, ehe sie endlich Tunis erreichen würden.
Die ersten 12 Tage der Reise vergingen ohne Probleme, und allmählich stellte sich eine gewisse Routine ein. Dann erreichten sie den winzigen Ort Ouadane, der seine Existenz einer kleinen Quelle verdankte, welche wenige Quadratmeter grünes Gras hervorbrachte. Einige Familien hatten hier aus Backsteinen eine Karawanserei, ein Funduq errichtet, ihre Nachkommen betrieben diese Raststätte immer noch. Von dort ging es dann den Fuß einer Klippe entlang nach Osten, um dann wieder nördlich abzubiegen. In Richtung einiger weniger hoher steinerner Hügel, welche aus dem Sandmeer ragten. Plötzlich verhielt der Karawanenführer sein Kamel und warf einen Blick auf den Himmel.
„Rasch, rasch ein Sturm kommt auf“, rief er mit Panik in der Stimme. „Wenn wir diese Felsen dort erreichen, können wir vielleicht Deckung finden!“
„Und diese Höhle?“ Blache wies auf einen Spalt im Felsen der Klippe zur rechten Hand.

„Höhle?“, wunderte sich Omar, warf aber dennoch einen Blick in die angegebene Richtung und jubelte. „Das könnte unsere Rettung sein! Danke Gott, dass er dir solch gute Augen schenkte, Effendi. Aber jetzt schnell!“ Sie trieben mit ihren Stöckchen die Tiere in einen raschen Galopp, und eben, als die erste glutschwangere Böe sie erreichte, zwangen sie ihre Tiere in die Höhle.
Omar und Tarik kümmerten sich sofort um die Kamele, welche die letzten Meter in wilder Panik zurück gelegt hatten und noch ein weites Stück in die Höhle gelaufen waren, während die Europäer nach dem Absteigen zum Eingang der Grotte zurückkehrten.
„Teufel, Pierre, das hätte böse für uns ausgehen können“, bemerkte Louis Blache, als sie nahe der Höhlenöffnung die ersten hereingewirbelten Ausläufer des Sturmes fühlten. De Pancarte öffnete seine Feldflasche und nahm einen kräftigen Schluck Wasser.
„Ja, wenn du nicht den Höhleneingang gesehen hättest“, brummte Pierre, nachdem er die erste Mundvoll Wasser gemeinsam mit einer Menge Sand wieder ausgespuckt hatte. „Ich dachte schon, unser letztes Stündlein hätte geschlagen!“
Louis Blache hatte nachdenklich aus der Öffnung in das tobende Inferno draußen geschaut. Jetzt verzog er das Gesicht.
„Kann noch kommen, Pierre, kann noch kommen. Vielleicht war ich voreilig. Unser Führer kommt doch öfter hier vorbei, kannte die Höhle aber nicht. Also war sie bisher von Sand versteckt – und das kann wieder geschehen. Schau dir nur einmal diese Staubmassen an, und wie weit sie herein gewirbelt werden!“
„Draußen wären wir jetzt bereits tot“, knurrte de Pyncarte. „Erstickt und von der Sahara begraben. Hier sind wir vielleicht irgendwann tot, und wir können noch etwas tun, ehe wir den Löffel abgeben.“
Weiter hinten bewegten sich die Gedanken von Omar Achmed in ähnliche Richtungen, nachdem die Kamele erst einmal beruhigt und abgesattelt waren. Aufmerksam sah er sich im Licht der Petroleumlampe um, und er stutzte. Dieser Gang war anders als alle unterirdischen Gänge, die er kannte. Der Querschnitt war beinahe quadratisch, und so groß, dass vier Kamelreiter bequem neben einander den Gang passieren konnten. Die Wände waren zwar ein wenig rau, aber nicht so zerklüftet, wie man es erwartet hätte, und an einer Stelle blinkte es auf dem Boden golden im Schein der Lampe. Omar hob das blinkende Stück auf, eine Art Münze, achteckig, dünn, ein wenig abgegriffen. Das Portrait einer Frau mit Haarschmuck, eigentlich ein hübsches Gesicht. Schriftzeichen, aber weder arabische, noch hebräische, die der Karawanenführer recht gut kannte, und auch nicht die Schrift der Europäer, die er zu entziffern gelernt hatte. Und auch von den hier verkehrenden Stämmen benutzte keiner dieses Alphabet – obschon beim alten Tifinagh der Tuareg einige Zeichen ganz ähnlich wirkten. Unauffällig steckte der Karawanenführer die Münze ein, denn er wusste, wen er fragen konnte.
586 Tage oder mehr als 19 Monate später lieferte Omar Achmed seine Schützlinge wohlbehalten in Tunis ab, wo die Franzosen zuerst ihrem Führer den ausbedungenen Lohn ausbezahlten, sich danach zuerst bei den französischen Behörden meldeten und sich ein bequemes Hotel mit europäischem Luxus suchten. Beinahe hätte sie der Portier wieder unhöflich auf die Straße verfrachtet, denn in ihrer Reisekleidung und den sonnenverbrannten Gesichtern wirkten sie wie echte Berber, und solche waren in einem der Hotels für französische Klientel nur als Arbeitskräfte hinter den Kulissen, keinesfalls aber im Foyer erwünscht. Pierre de Pancarte und Louis Blache waren gezwungen, ihre Identität zu beweisen, was ihnen nach Vorlage ihrer Papiere auch endlich gelang. Der Maitre d’Hotel musterte die Papiere allerdings sehr eingehend, da er sowohl der Echtheit der Papiere als die Rechtmäßigkeit des Besitzes derselben durch die Reisenden misstraute. Erst als sich die Beiden ihrer Burnusse entledigten und die helle Haut unter den restlichen Kleidern vorwiesen, war der Hotelchef überzeugt. Pierre und Louis bezogen ihre Zimmer und bestellten zuerst einen Barbier und sodann einen Schneider zu sich, damit sie wieder als ‚zivilisiert‘ erkannt wurden. Solcherart verwandelt begaben sie sich in die Telegraphenstation von Tunis und teilten ihrem Auftraggeber den erfolgreichen Abschluss ihrer Reise mit.
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Während sich seine Arbeitgeber wieder in zivilisierte Franzosen verwandelten, ging Omar Achmed ins Quartier Berbère. Hier war die Architektur die typisch maurisch-arabische der maghrebinischen und mauretanischen Länder, mit dicken, nach außen nur mit winzigen Fenstern versehenen Mauern und schattigen, kühlen Innenhöfen. Auch das Haus des Goldschmiedes Halef sah aus wie alle anderen dieses Bezirkes. Halef betrachtete die Münze ganz genau mit einer Lupe, auch ihm fielen die Ähnlichkeiten der Schriftzeichen mit denen der berberischen Alphabete auf, aber auch die Unterschiede. Nachdenklich wog er die Münze in der Hand.
„Schwer“, überlegte er laut. „Sehr schwer! Und sie sieht wie neu aus, aber die Schrift wirkt den alten Schriften unserer Ahnen ähnlicher als unseren moderneren Zeichen. Omar, ich sage dir ehrlich, ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“ Er suchte eine Waage heraus und wog die Münze, danach schnitt er von dem Gold, welches er zur Herstellung von Schmuck in seiner Werkstatt hatte, ein gleichschweres Stück ab. Mit Hilfe eines Bechers mit Wasser versuchte er die Reinheit des Goldes zu überprüfen. „Fast reines Gold“, murmelte er. „Der reine Goldwert der Münze wären beinahe zwei Napoleon d’Or.“ Er ließ die geprägte Goldplatte durch seine Finger gleiten. „Aber mit der Schrift – bei Allah, es wäre schade, diese Schönheit zu zerstören. Du sagtest, der Stollen wäre gerade und sehr regelmäßig im Querschnitt?“
„Ganz gerade und gleich hoch wie breit. Es wirkte beinahe…“
„Ja?“
„Es klingt dumm, aber der Gang wirkte beinahe künstlich!“
Halef nickte. „Höre, Omar, ich mache dir einen Vorschlag. Wir nehmen uns Lampen und sonstiges an Ausrüstung mit und sehen uns diesen Gang genauer an. Ich kenne ein paar Leute und stelle eine Gruppe zusammen, die uns hilft. Wir fahren mit dem Schiff nach Nuakschott und reiten dann nach Ouadane. Vielleicht finden wir noch mehr davon.“
Omar schüttelte den Kopf. „Wie kommst du denn auf diese seltsame Idee?“
„Ich weiß nicht!“ Halef hob ratlos die Schultern. „Wirklich nicht. Aber es ist etwas in mir, das mir ins Ohr flüstert: ‚Du wirst es bereuen, nicht nachgesehen zu haben‘. Komm morgen wieder, ich sehe mich nach einem Schiff um.“
Die etwa 150 Meter lange LYON benötigte für die rund 4.000 Kilometer von Tunis über Algier, Tanger, Rabat, Casablanca, Agadir und La Gouira nach Nuakschott aufgrund der Liegezeiten in den Häfen etwas über 4 Wochen. Mehr als 11 Knoten waren aus dem alten Raddampfer mit Schonerbesegelung auf drei Masten nun einmal nicht heraus zu zwingen gewesen, und auch dieses Tempo nur höchst selten. Holz und Kohle waren nun einmal teuer und der Wind billig. In Nuakschott kaufte Omar Achmed Khaled, der erfahrene Karawanenführer, einige gute Kamele und machte sich mit Halef Sayid Sikiyn auf den Weg nach Ouadane, fünf vertrauenswürdige Männer aus dem großen Bekanntenkreis des Goldschmiedes begleiteten sie. Von der Oase war es nicht mehr weit zur Höhle, und Halef führte während dieser Reise viele Gespräche mit Omar, allmählich wurde auch der mauretanische Berber zum Anhänger von Selina bint Marjam und der Asnan Almashi, ein begeisterter Diener des goldenen Frühlings und des neuen erwarteten Messias aus dem Samen Davids, dem Schoss Benjamins und dem Geist GOTTES. Als dann die kleine Expedition zusätzlich zu einer großen Menge von Goldmünzen das unterirdische Reich von Adh’Chwah’Lanthais fand, meldeten sie es umgehend nach Kairo. Die Alexandrinerin Selina bint Maryam vertraute ihre vier Jahre alte Tochter Atrá ihrem Mann an und kaufte für sich selbst eine Fahrkarte für ein schnelles Dampfschiff. Im Jahr 1854 waren Luftschiffreisen in Afrika noch keine Alltäglichkeit, nur ganz selten verirrte sich ein solcher Gigant einmal nach Ägypten, nach Westafrika nie. Also musste Selina die lange Strecke über Tunis, Algier, Tanger, Rabat und Casablanca nach Nuakschott nehmen. Beinahe 3240 Seemeilen, also beinahe 6.000 Kilometer. Für diese Strecke benötigte die ABTILAE, also die SCHWALBE in deutscher Sprache, inklusive der sechs Zwischenstopps nicht ganz drei Wochen. Das machte immerhin eine stolze durchschnittliche Geschwindigkeit von etwa 10 Knoten, also rund 19 Kilometer pro Stunde reine Fahrtzeit. Gar nicht einmal schlecht für einen acht Jahre alten Raddampfer.
Die 800 Kilometer von Nuakschott nach Ouadane begleiteten Omar Achmed Khaled und Halef Sayid Sikiyn das Oberhaupt der Kirche des Lehrers persönlich, und von dort zur Höhle war es nicht mehr weit, bald sah Selina diese gigantische Höhlenanlage persönlich. Sie war erstaunt und sehr beeindruckt, und doch noch konnte sie die wahre Bedeutung noch gar nicht erkennen. Bis sie den großen Druckkessel und das Lager mit körnigem Pulver sah. Fünf Jahre vorher, 1849, hatte ein Österreicher namens Novacek das Vaporid gefunden, und Selina hatte in Alexandria bereits davon gehört. Auch eine vage Beschreibung des Pulvers, und sie dachte, dass ein Ausprobieren ja nichts kosten würde. Also ließ sie den Kessel füllen, Wasser gab es ja genug in der Höhle. Als dieser zur Hälfte voll war, gab sie etwas von dem Pulver durch eine Art Schleuse dazu. Sofort stieg der Druck, und da die Ventile zur Turbine noch geöffnet waren, strömte Dampf durch die Leitungen, brachte die Turbine zum rotieren, und diese produzierte ihrer Konstruktion gemäß elektrische Energie. Jahrtausende alte elektrische Lampen verströmten sofort helles Licht, und jetzt erst erkannte Selina den gesamten Wert der Höhle als ein geheimes Versteck für viele hundert, ja mehrere tausend Anhänger. Sie sank überwältigt auf die Knie und dankte GOTT für diesen Beweis SEINES Willens, die Lehren des Messias auf der ganzen Welt zu verbreiten und SEIN Reich zu errichten. Auch die tauchfähige Yacht, mit der Atrá und ihr Sohn jetzt Adh’Chwah’Lanthais erreichten, war hier vor Anker gelegen, mit ihr und einigen größeren Schiffen, aber auch mit gefundenen Radfahrzeugen hatten die Asnan Almashi im Laufe der Zeit den Kanal vom Guelb er Richat zu den großen Vulkanmassiven der Sahara, die Toussidé- und die Tibestimassive, zu dem Ort, an welchem sich nun das neue Alexandria befand, der Halbinsel Sinai, einem Ort nahe Jerusalem und noch weiter nach Norden und Osten erforscht. Hier, weit unter dem Guelb er Richat, war seit jenen Zeiten das neue Machtzentrum des Ordens entstanden.
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Die Yacht des Messias, welche Selina dazumal DULFIN, den DELPHIN, genannt hatte, war etwa 60 Meter lang und ohne die beiderseits des Rumpfes befindlichen Tauchtanks 6 Meter breit. Sie besaß einen messerscharfen Bug und einen stark gerundeten Kajütenaufbau mittschiffs, eine große senkrechte Steuerflosse am Heck und kleine waagrechte sowohl am Heck wie am Bug. Der größte Teil der Strecke wurde in den Kanälen über Wasser zurück gelegt, in Kanälen, welche auf geheimnisvolle Art überall dort erleuchtet wurden, wo ein Schiff vorbei fuhr. Nur der Weg in die Hafenbecken vieler Stationen war von den ausgestorbenen Erbauern der Anlagen als Tauchstrecke ausgeführt worden, daher fanden sich im Bug der Tauchboote starke Scheinwerfer, um das klare Wasser zu durchdringen. Hier, in der großen Grotte des alten Adh’Chwah’Lanthais führte die Fahrt von der Kanalröhre bis in den Hafen über dem Wasserspiegel. Die DULFIN glitt langsam von einem Becken in das nächste, bis sie im innersten Ring an der zentralen Insel vor Anker ging.
„Seid uns hier im großen Tempel willkommen, Lehrer, große Mutter!“, intonierte ihre für den Empfang unbekleidete Vertreterin hier im Zentrum der Macht und sank mit kerzengerade aufgerichtetem Oberkörper auf ein Knie. Fatiha war eine 34-jährige Targia, hochgewachsen und langbeinig. Die Bezeichnung ‚knabenhaft schlank‘ wäre allerdings ein Kompliment gewesen, denn man konnte sie schon beinahe dürr nennen. Trotz aller Hagerkeit war jedoch ihr langes Gesicht, von seidigen Locken umgeben, durchaus hübsch zu nennen.
„Danke, Fatiha!“ Yohannes trat nach vor, zeichnete mit dem rechten Daumen den hebräischen Buchstaben ‚Nun‘ für ‚der Gesandte‘ auf ihr Brustbein und ein ‚Resch‘ für Lehrer auf ihre Stirn. Dann hob er sie auf, zog sie an seine breite Brust und küsste sie. Keine trockene, kurze Berührung der Lippen, sondern tief und innig.
„Eure Gemächer sind bereit“, erklärte die Targia, nachdem Yohannes und sie sich voneinander gelöst hatten. „Kommt mit, Yussuf und Benjamin werden sich um das Gepäck kümmern.“
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Bayern
Das Märchenschloss des Königs von Bayern lag nicht nur in einer idyllischen Lage am Alpsee, es war auch selbst als Idylle gedacht. Im königlichen Maßstab gedacht, natürlich. Gigantisch im Stil der sogenannten ‚deutschen‘ oder ‚Rheinromantik‘ – von lästernden Zungen gerne auch Zuckerbäckerstil genannt – auf der beinahe unzugänglichen Höhe des nun Schwanstein genannten Felsens erbaut. Als romantischere Wartburg, mit Elementen aller anderen wichtigen Burgen am Rhein und der Donau. Allerdings gab es in diesem Gebäude Dinge, von denen die Besitzer der als Vorbild dienenden Burgen nur träumen hätten können. Eine zentrale Dampfheizung etwa, welche selbst im Winter die Räume angenehm warm hielt, große, gut isolierte Fenster, welche helles Sonnenlicht in die Räumlichkeiten ließen, fließendes Warm- und Kaltwasser sowie ein mit Wasser gespülter Abtritt in jedem Gästeraum, ein gut versteckter Aufzug, welcher die Etagen miteinander verband und dem Personal beim Transport des recht umfangreichen Gepäcks der geladenen gekrönten Gäste und ihrer Entourage sehr half.
Am Mittwoch, dem 12. und Donnerstag, dem 13. Juni waren die Gäste zum Ball in einem genau choreographierten Ballett eingetroffen. Zuerst natürlich, als Gastgeber, die Regentin der Donaumonarchien, Helene mit ihrem Sohn Franz Rudolph Karl Joseph und dessen Hofdame Louise von Lipperth sowie natürlich dem wichtigsten Ehrengast, der Prinzessin Valerie Theresa Charlotte Elisabeth und deren älterer Schwester Maria Sophia Ludovika. Eine Stunde später war die AIGLE an den Terminal geschwebt und hatte Kaiser Napoleon IV. und seine Gattin Roxane Solange sowie ihren Sohn Franz Ludwig entlassen. Als drittes waren der Zar Wladimir Alexandrowitsch mit Gattin Venla Rintakuvanen, der Schwester des finnischen Monarchen und dessen Bruder Pawel mit seiner Gemahlin Elisabeth Anna, einer Schwester der Braut eingetroffen, der deutsche Kaiser Wilhelm II und seine Gattin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg kamen als nächste. Die britische Queen Victoria ließ sich aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters von 70 Jahren entschuldigen, ein Ball wäre nichts mehr für sie. Aber sie entsende zum Zeichen ihres Respektes ihren Sohn Eduard, den Thronfolger. Dona Inês de Coburg-Braganza, seit dem Tod ihres Vaters Dom Luis I. im Jahre 1883 Königin von Portugal und Don Juan de Coburg-Braganza, König von Spanien und ein Cousin ersten Grades von Dona Inês, trafen gemeinsam mit einem Luftschiff ein, ebenso der skandinavische Prins-ett-År, der Fürst für ein Jahr mit den Königen von Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und Island als Vertreter der Nordisk Liga.
Selbstverständlich hatte man alle Monarchen und Fürsten Europas zur großen Verlobung eingeladen. Einladen müssen! Aber nur wer wenigstens eine Königskrone trug oder doch zumindest wie Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha Thronfolger eines Königs oder Kaisers war, hatte sein Quartier im Schloss erhalten. Alle anderen wurden wohl oder übel in Hohenschwangau, einem beliebten Urlaubsort am Alpsee mit seinen vielen luxuriös ausgestatteten Hotels untergebracht und mussten Abends mit der Seilbahn den Ball aufsuchen. Nichtadelige und ungeladene Begleiter der hohen Herrschaften wie zum Beispiel Madame Madelaine de Carteille und auch Mademoiselle Colette, die Mätresse des französischen Kaiser mussten mit einer Unterkunft in Füssen am Lech, etwa vier Kilometer vom Schloss entfernt, vorlieb nehmen. Die üblichen Bewunderer und Gaffer mussten in Halblech und in Rieden am Forggensee Halt machen, Straßensperren aus Sandsäcken und Schlagbäumen versperrten die Straßen. Dahinter standen die vierachsigen Husaren der k.u.k. Dragoner mit feuerbereiten Maxim- oder Schwarzlose-Maschinegewehren bereit, jeden gnadenlos unter Feuer zu nehmen, der diese Sperre ignorieren wollte. Kavallerie auf vaporidbetriebenen Dreirädern und Dragoner in schnellen Windhunden patrouillierten in dem Gebiet zwischen dem Schloss und den Straßensperren, über der Gegend hingen einige Luftschiffe, deren Besatzungen den Boden unter Beobachtung hatten. Außerdem hatte der Fürst von Hametten fünf Werwölfe zum Schutz der allerhöchsten Familien gewinnen können, sodass die Gäste im Schloss, das ohne die Seilbahn ohnehin nur extrem schwer erreichbar war, als ziemlich sicher gelten konnten.
Allerdings wollte die Regentin Helene das Volk nicht zu sehr enttäuschen und vor den Kopf stoßen. So waren am Anlegesteg in Rieden einige Audienzen von Vertretern diverser wichtiger bürgerlicher Organisationen ebenso vorgesehen, wie am Sonntag eine Schiffsfahrt rund um den Forggensee, von dessen Ufer das Volk dem Brautpaar zujubeln konnte. Zu diesem Zweck hatte man den Ausflugsdampfer CARL VON LINDE geschmückt und mit einer kleinen erhöhten Plattform versehen, welchen den sonst üblichen Balkon ersetzen sollte. Schon seit Montag arbeiteten dort Handwerker an Tribünen und kleinen Garküchen in der Nähe des Seeufers. Einige Personen hatten von den Besitzern am Ufer des Stausees die Erlaubnis eingeholt, ihre Zelte aufschlagen zu dürfen, und je näher der Sonntag rückte, desto voller wurde das Gelände.
*
„Majestäten!“ Das junge, vielleicht fünf Jahre alte Mädchen knickste aufgeregt mit gesenktem Kopf vor dem Brautpaar und hielt den Blumenstrauß ungefähr in die Richtung von Valerie Theresia und François Louis, während ihr Vater im Auftrag der bayrischen Rettungs- und Feuerwehrgesellschaft in ein dreifaches Hoch ausbrach. Lächelnd ging Valerie in ihrer marineblauen, luftigen Kreation von Madame Amelie Gunkel aus Wien einen Schritt nach vor, beugte sich hinunter und nahm dem Mädchen den Strauß aus der Hand. Den zwanzigsten, und es würden heute wohl noch mehr als hundert dazukommen.
„Der ist ja ein besonders schöner Strauß“, lobte Valerie. „Der bekommt einen Ehrenplatz. Danke. Wie heißt Du denn?“
„Su… Susanne Loiblspuchner, Ma.. Majestät“, stotterte das Mäderl.
„Der Papa und die Mama sagen aber ganz sicher Susi zu Dir, gelt!“
„Jå, eh, ålle sågans Susi, åber der Herr Papa håt hålt g’sågt, Susi, håt er zu mia g’sågt, du musst heite Susanne såg’n, wånn di wer frågert, wies du haast, tschuldigens bitte, gnädiges Fräulein Prinzessin.“
„Tuat nix, Susi. Dank dir noch einmal schön. Willst mir vielleicht noch ein Busserl auf die Wangen geb’n? Das ich möglichst viel Glück hab‘ mit dem Franzl da hint!“
Susanne nickte eifrig, und Valerie hielt ihr die linke Backe hin. Ein schneller Schmatz, und Susanne war ganz schnell hinter den Beinen ihres stolzen Vaters verschwunden, der sich nun unter vielen Verbeugungen verabschiedete. Valerie reichte den Blumenstrauß einem Diener.
„Stellen Sie die fürs erste in einer Vase vorne hin. Wer ist denn der nächste?“
„Paul Kovářčik, der Zunftmeister der Sensen- und Messerschmiede der Donaumonarchien, Hoheit.“
„Also los!“ Sie nahm wieder ihren Platz neben François Louis ein. Als der bärenstarke Schmied die Treppe erklomm und sich verbeugte, strahlte Valeries Lächeln zur Begrüßung auf. Kovářčik stellte eine schwere Kiste vor sich auf den Boden und öffnete den Deckel. Selbstverständlich hatten die Soldaten alles durchsucht, ehe sie jemand passieren ließen, aber bei solch einem Behältnis musste der Oberstleutnant der Wache, welcher mit auf dem Podest stand, trocken schlucken. Paul nickte ihm beruhigend zu, dann nahm er einen kleinen Amboss aus der Truhe, an welchem an einem Lederband ein dazu passendes Hämmerchen hing.
„Wir Schmiede waren einstmals, vor ewigen Zeiten, heilige Männer, die Trauungen am Amboss vornahmen und den Bund der Eheleute mit einem Schlag des Hammers auf denselben besiegelten“, erklärte er in akzentfreiem Deutsch. „Das ist aber lange her, und heute sind andere Leute dafür zuständig. Trotzdem möchte ich den Hoheiten als Erinnerung an diesen Tag einen kleinen Amboss schenken. Und natürlich den Hammer dazu.“
„Wir Gallier `atten ein ähnlisch Sitt!“ François Louis trug wieder die Uniform eines Oberst der Pariser Garden und trat nun nach vorne. „Sudem glaube isch, dass man wohl `aben kann nie genug von der Glück! Isch danke Ihnen und Ihrer Sunft, Meister!“ Für den Franzosen war es kein großes Problem, mit dem Meister zu parlieren, denn seit dem Theresianischen Zeitalter im 18. Jahrhundert, benannt selbstverständlich nach Maria Theresia, hatte das am Wiener Kaiserhof gesprochene Deutsch allmählich das Französische als die Sprache an den Höfen Europas und unter den Diplomaten abgelöst. Daran hatte auch der Höhenflug Frankreichs unter dem Aigle Napoleon I. nichts mehr ändern können. Nur den Akzent hatte der Franzose nicht ganz unterdrücken können.
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Auch wenn seine Majestät Franz Rudolph Karl Joseph, Kronprinz der Vereinigten Donaumonarchien, von Ungarn und Böhmen und Erzherzog von Österreich bei einigen zeremoniellen Auftritten anlässlich der Empfänge und Bälle anwesend sein musste, so war er doch auch erst 14 Jahre alt. Und auch als Thronfolger blieb es ihm nun einmal nicht erspart, sich Bildung und Wissen anzueignen. Dabei waren sein Hauslehrer Major Konrad Wunder und sein Sportlehrer Hauptmann Moritz Goldstern ebenso stets an seiner Seite wie Louise Freifrau von Lipperth. Der Freiherr von Wunder war ein großer, aber schmächtiger Mann, er trug einen dünnen Oberlippenbart und das Haar streng zurück gekämmt. Er war stark weitsichtig, weshalb in der Brusttasche seines Sakkos stets ein Kneifer an einer Kordel hing. Ohne Rock und Krawatte hatte ihn außer seiner engsten Familie noch nie jemand gesehen, und er wirkte immer ein wenig, als hätte einen Stock verschluckt. Böse Zungen tratschten, dass er selbst Anna Margarethe, Freifrau von Wunder, in der gleichen Aufmachung und Haltung im ehelichen Schlafgemach besuchen würde.
Am Vormittag des 14. Juni 1889 hatte er die Gondel zum Schloss hinauf bestiegen und schlenderte nun, noch einmal eine Notiz studierend, den Flur zu den Gemächern seines kaiserlichen Zöglings entlang. Ein Blick auf die Uhr, es war etwa acht Minuten vor dreiviertel neun, vielleicht noch eine Minute mehr. Das war gut, denn um neun Uhr sollte der Unterricht beginnen, im Salon des Prinzen, der mit einigen Lehrmaterialien ausgestattet war. Der Lehrer öffnete die Tür und erstarrte. Aus dem Nebenraum klang die leicht atemlose Stimme der Freifrau von Lipperth.
„Noch nicht, Hoheit, noch ein bisserl so weitermachen! Ich weiß schooon, für Männer ist so ein Vorspiel nicht wiiichtig, aber wenn‘S eine Frau zufrieden stellen woll’n, ist’s unbediiingt nötig! Noch ein bisserl! Den Daumen ein wengerl hö-höher an-ansetzen! Ja, ja, genau – genau so machens es gu-ut“
„Aber wir hab’n doch nur mehr zwanzig Minut‘n Zeit, Louise. Dann beginnt mein Unterricht beim Wunder!“ Die Stimme von Franz Rudolf klang drängend.
„Na gut, kommens halt jetzt hee-er!“
Wunder riskierte einen Blick durch den Türspalt und lächelte still vor sich hin. Der Unterricht begann für den Prinzen heute früher als gedacht und mit einem anderen Fach, obwohl es wohl kaum die erste Unterrichtseinheit dieser Art war. Der Lehrer zweifelte nicht an der Wichtigkeit einer gediegenen Ausbildung auf diesem Gebiet, er hätte sich diese nur für alle jungen Leute gewünscht. Ohne praktische Erfahrung in sexuellen Dingen in die Ehe zu gehen war der Traum der Kirche, aber die Pannen zu Beginn … Ein langgezogenes Stöhnen aus dem Schlafzimmer schreckte ihn aus seinen Gedanken, und er setzte sich rasch auf einen Sessel neben dem Tisch, auf dem das Frühstück des Prinzen auf diesen ebenso wartete wie ein Kännchen Kaffee für ihn. Er vertiefte sich wieder in seine Notizen, bis er die Tür aufgehen hörte. Louise von Lipperth kam, noch ihr langes Haar ordnend, aus dem Schlafgemach und schritt auf den Frühstückstisch zu. Sie war mittelgroß, schlank und mit kleinen, aber hübschen Rundungen ausgestattet, ihr blauer Rock und ihre rote Bluse in waren einfach, aber apart geschnitten.

„Guten Morgen, Herr Major“, begrüßte sie den Lehrer mit einem Lächeln.
„Auch Ihnen, Freifrau. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?“
„Gerne, danke“, akzeptierte sie. „Seine Hoheit wird sich sofort zu uns gesellen. Sie sind heute früh dran?“
„Ich muss um Entschuldigung bitten, ja. Ich legte den Weg schneller zurück, als ich dachte. Ich hoffe, Sie verzeihen mir?“
„Ach was, jeder bei Hof weiß doch, was meine Aufgabe hier ist. Und warum ich zur Freifrau erhoben wurde.“
„Und es ist eine sehr wichtige Aufgabe, verehrte Freifrau. Meinen Respekt haben Sie.“
„Guten Morgen, Louise, Wunder“, klang in diesem Moment die helle Stimme von Franz Rudolph von Schlafzimmertür auf. Louise und Konrad erhoben sich, und während sie in einen tiefen Hofknicks sank, verneigte er sich.
„Guten Morgen, Majestät“, antworteten beide, und auch der Prinz nahm am Frühstückstisch Platz.
„Setzen Sie sich doch bitte wieder“, winkte Franz Rudolf. Er wirkte bereits ziemlich reif für sein Alter, sein Benehmen war tadellos, seine knabenhalt helle Stimme ruhig. Nur ab und zu kündigte sich der Stimmbruch bereits mit einem Wechsel in der Tonlage an, es gab keinen Zweifel, Franz Rudolph stand an der Schwelle vom Knaben zum Mann. Sein Verhalten war unbefangen, und wenn er eine Befürchtung hegte, dass der Major seine morgendliche amouröse Aktivität bemerkt haben könnte, ließ er es sich nicht anmerken. „Greifen‘S doch bitte auch zu, die Küche tischt immer für eine ganze Kompanie auf“, forderte er Hofdame und Lehrer auf. „Und wenn’s mir noch so gut schmeckt, die Mengen bring ich im Leben nicht weg.“
„Danke, Hoheit. Und dann sollten wir uns heute ein wenig über die höheren Winkelfunktionen unterhalten!“
„Das heißt, Sie werd’n heut Vormittag eine Menge red‘n und ich gut aufpass’n, Major?“ Franz Rudolph machte sich über eine Portion Rührei mit Schinken her. Dazu griff er zu einem noch ofenwarmen Semmerl.
„Nicht nur, Hoheit“, lachte der Lehrer. „Aber ja, ein Fach, in welchem Sie noch einige Male zuerst einmal zuhören müssen!“
„Dann fangen wir von mir aus an, ich bin soweit. Auch wenn ich noch ein bisserl ess!“
Um elf Uhr, der Thronfolger berechnete eben die Flugbahn eines schweren Artilleriegeschosses, klopfte Hauptmann Moritz Goldstern an Tür des Salons, ehe er eintrat. Der Hauptmann war klein und drahtig, und man konnte ihn leicht unterschätzen. Er hatte seine Ausbildung bei den Uhus erhalten, jenen Elitesoldaten Österreichs, die es überhaupt nicht gab. Dabei hatte er sich in Keiko Masikari verliebt, die Tochter eines der Ausbildner, und sie hatte Gefallen an dem schmächtigen Bürschlein gefunden. Ein Grund für Yoshi Masikari Sama, Moritz noch härter zu behandeln, seine Tochter war doch nicht für irgend einen daher gelaufenen Versager bestimmt. Moritz biss sich irgendwie durch und wurde einer der Besten des Lehrganges, erhielt sein Offizierspatent und die Hand Keikos, und sein direkter Rivale um die Gunst der schönen Japanerin, Jiri Smetana, musste sich mit dem Patent begnügen. Vor acht Jahren, der Thronfolger war eben sechs Jahre alt geworden, bekam Moritz seinen Marschbefehl nach Schönbrunn. Gemeinsam mit seiner Frau sollte er Franz Rudolphs körperliche Ausbildung übernehmen.
„Hoheit, es ist Zeit für ein wenig Sport und Bewegung“, forderte er Franz Rudolph auf.
„Sehr erfreulich, Hauptmann!“ Die Augen des Thronfolgers leuchteten auf. „Major Wunder?“
„Gehen Sie nur, Hoheit. Die Flugbahn können wir morgen weiter berechnen. Am Nachmittag werden wir uns ein wenig mit Strategie und Taktik beschäftigen.“
„Sehr gut, da komme ich wenigstens auch mal zu Wort und muss nicht schweigend rechnen. Gehen wir, Hauptmann. Au revoir, Louise, Major!“
Nebeneinander gingen Prinz und Hauptmann die Treppen hinab, in den offiziellen Kellerräumen war bereits von König Ludwig ein großzügiger Sportsaal und einige kleinere Trainingsräume eingerichtet worden. Oft, wenn nachts das Schloss von allen menschlichen Besuchern verlassen war, hallten in diesem Saal die Rufen einer Gruppe Personen und das Klatschen von Leder auf Holz oder Fleisch. Auch Vampire hatten ein wenig Spaß an verschiedenen Ballspielen, und so nutzten sie den Saal durchaus.
„Bitte, Hoheit.“ Hauptmann Goldstern hielt seinem Schützlinge die Tür auf. „Wie wäre es zu Beginn mit einer Partie Tennis? Es soll doch der Spaß am Sport nicht zu kurz kommen!“
„Aber ja, gerne!“, rief Franz Rudolph laut, dann setzte er etwas ruhiger mit der etwas näselnden und sehr hochmütigen Stimme einer am Hof bekannten Gräfin noch hinzu. „Es würd‘ mir sehr konvenieren, Herr Hauptmann. Sei‘n Sie vielmals bedankt!“ Goldstern musste lächeln, dann aber schüttelte er tadelnd den Kopf.
„So gelungen Ihre Parodie der Gräfin Mitternoch auch ist, Hoheit, es ist doch äußerst despektierlich!“
„Ach, ich werd‘ schon nicht in der Öffentlichkeit damit hausieren gehen, Hauptmann.“ Der Prinz legte seinen Rock ab und hing ihn an einen Sessel, dann krempelte er die Ärmel hoch. „Und wenn ich nicht bei Ihnen, Ihrer Gattin, Louise von Lipperth und Major Wunder einen kleinen Witz machen kann, bei wem denn dann?“
„Nun …“ Goldstern zögerte und legte ebenfalls die Uniformjacke ab, dann nickte er. „Sie ehren mich mit Ihrem Vertrauen ungemein, Hoheit. Ich danke Ihnen!“
„Dann kommen Sie, Hauptmann.“ Franz Rudolph nahm einen Schläger aus dem Koffer, den der Offizier mitgebracht hatte und drehte ihn in beiden Händen.
„Aber gerne, Hoheit!“ Auch Goldstern nahm sich ein Rakett, ergriff einen der modernen Bälle aus Gummi von Goodyear und ließ ihn noch zwei, dreimal aufspringen, ehe er mit Kraft aufschlug. Franz Rudolph retournierte mit einer Rückhand und einem raffinierten Spin, welcher den Schlag des Hauptmanns in einen hohen Lob verwandelte. Den folgenden Schmetterball des Prinzen vermochte er in einen Angriffsball verwandeln, der Franz Rudolph durchaus in Bedrängnis brachte. Beide waren sehr gute Spieler mit schnellen Reflexen, die einander nichts schenken.
*
Als Kanzler des Deutschen Kaiserreiches hatte Otto Fürst von Bismarck-Schönhausen mit seiner ehelich Angetrauten, Frau Johanna Friederike Charlotte Dorothea Eleonore, geborene Puttkammer, seinen Kaiser selbstverständlich nach Bayern begleitet. Aber ohne eigenes Reich hatte er kein Quartier im Schloss selbst, sondern in Hochschwangau erhalten, eine zwar kleine, aber luxuriöse Villa am Ortsrand, mit Blick auf den See. Sisi, die Cousine des Bayrischen Königs, hatte sich hier einmal ein kleines Anwesen errichten lassen, es aber kaum jemals besucht. Genau genommen noch nie, denn obwohl sie derzeit in Bayern anwesend war, wohnte sie als Tante der Braut natürlich oben im Schloss. Otto Eduard Leopold, der Fürst von Bismarck hatte am Freitag 14. Juni 1889, also dem Vorabend des großen Verlobungsballes, mit seiner Gattin köstlich zu Abend gespeist, dazu einige Gläser des hervorragenden bayrischen Bieres getrunken und Johanna Friederike danach in ihr Gemach begleitet. Die 42 Jahre alte Fürstin hielt viel von der Erfüllung aller ehelicher Pflichten, so wie es die evangelisch-pastorale Kirche, der sie angehörte, regelmäßig predigte. Und mit 74 fühlte sich der tatkräftige Fürst dazu auch durchaus noch in der Lage dazu. Drei Kinder hatte Johanna Friederike ihm bereits geschenkt, eine Tochter und zwei Söhne. Nun, wenn Gott es so gefiel, würden es eben vier werden! Danach hatte sich Fürst Otto in seine eigenen Räume zurück gezogen, um noch ein wenig zu arbeiten und einige Akten hervor geholt, welche er aufmerksam studierte. Er vermeinte plötzlich einen leisen Luftzug wahrzunehmen, drehte sich um und wollte aufspringen.
„Majestät!“ Ein massiver Eichentisch behinderte seine Bewegung, ein Tisch, der eben noch nicht da gewesen war, ebenso die dunkle Vertäfelung und der Leuchter hinter seinem Kaiser, der diesen Tisch hell erleuchtete, ohne die Personen ringsum zu blenden.
„Entschuldigen‘s bitt‘schön die ein bisserl ungewöhnliche Art, Sie zu uns zu bitten, Fürst von Bismarck“, begann ein vierzigjähriger, sportlicher Mann die Unterhaltung. Bismarck musterte ihn eindringlich, dann nickte er.
„Ein Geheimgang?“
„Natürlich. Es ist Ihnen ja wohl bewusst, dass Ihre Villa von einigen Agent‘n beobachtet wird, welche mit den Gäst‘n ang‘reist sind? Als Diener, Mätressen, Wachpersonal oder ähnliches.“
„Selbstverständlich!“
„Umso mehr, als einige Herren und Damen in Ihrer Begleitung ebenfalls so ihre Aufträge hab’n dürften, nicht war, Fürst von Bismarck?“
„Aber ja, sicher“, musste selbst der sonst so ernste Bismarck grinsen. „Also, Fürst zu Hametten, was haben Sie uns zu sagen?“
„Nichts Gutes, fürcht‘ ich!“ Heinrich zu Hametten reichte sowohl dem deutschen Kaiser als auch seinem Kanzler ein ausführliches Dossier. „Zu Beginn haben wir noch gedacht, es wären da ein paar religiöse Spinner am Werk, Fanatiker, die halt in Europa ein bisserl Unruhe stiften und Kämpfer für ihren heiligen Krieg rekrutieren wollen. Lästig, aber schnell zu erledigen. Aber wir hab’n dann feststellen müssen, dass die Organisation weit über das hinausgeht, das wir bisher als ‚Goldenen Frühling‘ kennen g‘lernt hab‘n. Es steh‘n noch ganz andere Leut‘ hinter den Prostituierten, welche die spiritistischen Zirkel und die Puffs als Vorfeldorganisationen geleitet hab‘n. Am Anfang hat es noch so ausgesehen, als ob man in diesen exclusiven Freudenhäusern nur Personen in hohen Ämtern oder mit wichtigem Wissen korrumpieren und zur Mitarbeit beweg‘n wollt‘, das war aber nur zur Hälfte richtig. Es muss noch eine übergeordnete Organisation geben, einen inneren Zirkel, wenn Sie so woll‘n, deren Einfluss schon vorher in höhere Kreise gereicht hat.“
„Soweit waren wir doch schon, Hametten.“ Wilhelm II zwirbelte seinen Bart nach oben. „Prinzessin Antonia Helene hat uns ja gerade deshalb bereits in Wilhelmshaven aufgesucht.“
„Das ist korrekt, Majestät.“ Hametten nickte ruhig. „Mittlerweile gibt es einige beunruhigende Neuigkeiten. So wurde im vorigen Monat ein Anschlag auf ihre Majestät, die Regentin verübt.“
„Ein Frauenhasser“, wiegelte Wilhelm ab. „Und jemand, dem der soziale Reformkurs in den Donaumonarchien zu schnell ging! Und zu weit!“
„Das ist soweit schon richtig. Aber irgend jemand hat ihm eine Waff‘n mit dieser Munition da in die Hand drückt!“ Hametten legte eine Patrone mit dem Tigers-Claw-Geschoss auf den Tisch. „Es schält sich beim Aufprall wie eine Banane auf und hinterlasst ganz furchtbare Wunden. Derzeit noch sehr selten und extrem teuer. Wie aber kommt ein verarmter Adeliger an eine solche englische Luxusmunition?“
„Ich muss dem Fürst zu Hametten zustimmen“, mischte sich ein hagerer, älterer Mann in das Gespräch. „Irgend jemand möchte zumindest Europa und seine Überseegebiete kräftig destabilisieren!“
„Das ist nicht zu übersehen, Herr Kanzler“, nickte Bismarck dem Sozialisten Robert Čermak zu.
„Dann, meine Herren, sollten wir unsere Karten auf den Tisch legen“, forderte Helene die Anwesenden auf. „Denn Chaos wünschen wir uns, wie ich glaube, beide nicht.“
„Ich stimme zu, Majestät“, bekannte Bismarck. „Bisher sind unsere beiden Länder mit der Koalition recht gut gefahren. Und ein wenig Einfluss auf Frankreich wäre nicht von Schaden. Aber wird Valerie Theresia stark genug sein, um in Paris hinreichend ausgleichend wirken zu können?“
„Ich hoffe es, Bismarck, ich hoffe es sehr.“ Helene breitete ihre Arme aus. „Ich habe meine Töchter zu unabhängigen, willensstarken und hoffentlich auch intelligenten Frauen erzogen. Also hoffe ich, dass sie Frankreich eine Zeit lang an die Leine legen kann und der Frieden zumindest in Europa noch andauert.“
„Das wäre wünschenswert“, bekräftigte Bismarck. „In Asien hat ja ein neuer Waffengang bereits begonnen, in Afrika gibt es immer Zankäpfel und in den Amerikas – lassen wir das jetzt. Sprechen wir weiter über das nahe liegende.“ Die Konferenz dauerte noch mehr als eine Stunde, bis alle Informationen ausgetauscht waren. Dann traten zwei beinahe geisterhaft bleiche Frauen in den Raum.
„Majestät, Fürst von Bismarck, die Damen werden Euch wieder in Eure Gemächer bringen. Ich bitte um Verständnis, dass Ihr Euch an den Weg nicht erinnern werdet.“
„Ich verstehe!“ Der Fürst überlegte nur kurz, dann hob er das Gesicht und sah direkt in Jeanettes Augen, welche langsam ihre Farbe veränderten.
„Gehen wir, Fürst!“ Sie nahm den angebotenen Arm und führte Bismarck hinaus.
*
Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck und Schönhausen erwachte in seinem Bett und versuchte den seltsamen Traum wieder abzuschütteln, den er diese Nacht hatte. Ein plötzliches Aufwachen an einem fremden Ort, Vampire, geheime unterirdische Gänge, eine Konferenz mit dem Kanzler, dem obersten Sicherheitsminister und der Regentin Österreichs einerseits und seinem Kaiser und ihm auf der anderen. Die Einigung. Er stieg aus dem Bett, tapste ins Badezimmer und spulte dort seine morgendliche Routine ab. Dann ging er in das Arbeitszimmer der von ihm bewohnten Villa. Sein Blick fiel auf eine schmucklose rote Mappe, welche fein säuberlich in der Mitte der Schreibtischplatte ruhte. Seine Augen weiteten sich und er ließ sich schnaufend auf seinen Sessel fallen. Die Details dieser Nacht stürmten wieder in seine Erinnerung, nur der Weg in das Schloss und wieder zurück blieben im Dunkel.
*
„Und ihr zwei habt die ganze Nacht die Eingänge des Hauses im Auge behalten?“ Madelaine de Carteille blätterte durch die Berichte ihrer Anhänger, welche sie als Diener begleitet hatten. Als spirituelle Beraterin der französischen Kaiserin hatte sie immerhin ein eigenes Appartement in Hochschwangau zugewiesen bekommen.
„Pierre war an der Rückseite und ich selber habe die Vorderseite im Auge behalten, Madame“, berichtete Noël Colbert. „Er hätte sich unmöglich aus dem Haus schleichen können.“
„Und wir konnten trotz der Gardinen eine Menge beobachten“, fügte Pierre Gracin hinzu. „Und ich sage ihnen, Madame, wenn ich in seinem Alter noch so fit bin, will ich zufrieden sein.“
„Nachdem er bei der Gräfin hinten im Schlafzimmer war, ist er in sein Arbeitszimmer gegangen, und da hatte ich immer seine Silhouette im Auge“, berichtete Noël weiter. „Einmal kam eine weibliche Gestalt in den Raum und hat ihm etwas zu trinken gebracht, dann ist er einmal im Bad verschwunden. Nachher hat er noch ein wenig weitergemacht und ist zu Bett gegangen.“
„Na schön. Es ist auch sonst niemand aufgetaucht?“
„Nein, Madame, niemand!“
*
Am nächsten Abend war dann das große Ereignis. Am Samstag, dem 15. Juni 1889 fand der große Ball anlässlich der Verlobung der Erzherzogin Valerie Theresa Charlotte Elisabeth, Prinzessin der Vereinigten Donaumonarchien und François Louis Jean Napoleon Bonaparte, dem Dauphin von Frankreich statt. Der große Ballsaal von Neuschwanstein, von Ludwig II. auf zwei Ebenen, die mit breiten Treppen verbunden waren, erträumt und von Eduard Riedl umgesetzt, strahlte im Glanz unzähliger elektrischer Lüster und prunkvoller Roben. Madame Gunkel, welche das für seine Innovationen in der Kleidung berühmte Geschäft ihres Vaters Joseph Gunkel am Graben mit großem Erfolg weiterführte, hatte die blaue Offiziersuniform des Pariser Garderegiments Nummer 2 mit roten und goldenen Applikationen als Vorbild genommen und der Prinzessin eine fließende Robe in ähnlicher Optik hergestellt. Die roten Ärmelaufschläge wurden durch lange Handschuhe ersetzt, der hohe Kragen durch ein Halsband aus roter Seide mit einer Schließe aus drei goldenen und zwei silbernen Streifen, nachempfunden den Abzeichen eines Lieutenant-Colonel. Der Eindruck dieses bis zu den Knöcheln reichenden Kleides an der groß gewachsenen, schlanken Prinzessin war atemberaubend, ein Hauch militärischer Erotik, ohne aufdringlich zu sein.
„Meine Liebe, du siehst `eute Abend ganz besonders reizend aus!“ François hatte seine Braut im Arm und schwenkte sie zum 4/8-Takt des ganz modernen Tango über den Tanzboden.
„Schmeichler“, lachte Valerie. „Aber sprich nur weiter, so etwas hört jede Frau gerne!“
„Nün, da es für ünsere Verbindüng eigentlisch völlig egal ist, ob isch dir schmeischle oder nischt, kannst du es mir rühig glauben“, erklärte der Dauphin und drückte Valerie Theresa stärker an sich, als er zu einer gewagten Figur ansetzte. Dieser Tanzstil war ganz nach dem Geschmack der Erzherzogin, deren geschlitztes Kleid dabei ziemlich viel erfreulich geformtes Bein zeigte.
„Das wäre ja etwas ganz Neues!“ Valerie hakte ihr rechtes Bein um das linke des Dauphin, lehnte sich kurz zurück, nur um danach ruckartig wieder vollen Körperkontakt zu suchen und ihrem Verlobten tief in die Augen zu sehen. „Wo kämen wir Frauen denn hin, wenn wir den Männern alles glauben wollten!“

„Also, so wie diese zwei tanzen!“ Die wohlgeformte weißblonde Venla Rintakuvanen, Ehefrau des Zaren Wladimir III. Alexandrowitsch ließ lächelnd ihren Fächer aufklappen! „Da wird einem doch vom Zusehen schon ganz heiß!“
„Ja, da scheint die Luft zwischen ihnen zu knistern!“ Auch Auguste Viktoria, Kaiserin der Deutschen, fächelte sich mit Hingabe Luft zu. „Ich hätte nicht erwartet, dass der Dauphin seine Verlobung mit solcher Freude und Hingabe feiert. Er war doch früher eher für einen – sagen wir, sehr lockeren Lebensstil bekannt!“
„Höflich ausgedrückt!“ Ilvi Aada von Jalokivi, die Gattin des finnischen Königs und Mutter der Zarin von Russland, hielt sich trotz ihres Alters noch kerzengerade und gab ihrer Missbilligung des prinzlichen Lebenswandels deutlich Ausdruck. „Sehr höflich. Und ich glaube auch nicht wirklich, dass er das nach der Hochzeit ändern wird!“
„Allerdings erzählt man sich auch von den österreichischen Prinzessinnen so einige Anekdoten“, schmunzelte Ava Eriksdottir frá Kukuihaele. Die Mischung aus polynesischen und isländischen Genen hatte der hawaiianischen Gemahlin des norwegischen Königs einen durchaus aparten Gesichtsschnitt verliehen. „Nun, ich kann es ja verstehen, vor meiner Ehe war ich ja auch kein Kind von Traurigkeit. Und Prinzessin Valerie ist – wie alt? Ich glaube, sechsundzwanzig. Warum sollte sie denn da noch Jungfrau sein?“
„Ich ging seinerzeit unberührt in die Ehe“, betonte Ilvi Aada.
„Ich auch, aber das waren bei uns beiden noch die Dreißiger-Jahre, meine Liebe!“ Svenja Kudrun von Schweden, eine leicht mollige, kleine Frau, schüttelte den Kopf. „Heute schreiben wir beinahe schon die Neunziger. Fünfzig Jahren, Ilvi, damals galt sogar der Walzer noch als ungeheuer skandalöser Tanz. Die Zeiten haben sich eben sehr geändert.“
„Und glaubst du wirklich, dass du etwas versäumt hast, weil du vor der Ehe nicht …?“, wollte die finnische Königin mit finsterem Blick wissen.
„Ich denke, mit ein wenig Erfahrung von beiden Seiten hätten wir gewusst, was wo hin gehört und wie. Dann wären die ersten Nächte ganz sicher um einiges vergnüglicher für uns gewesen. Aber wir haben es halt im Laufe der Zeit auch so irgendwie gelernt. Versäumt – vielleicht, ja, ein wenig. Aber im Endeffekt hatte ich mit Tjorge eine gute Zeit! Ich kann und möchte mich nicht beschweren. Er war und ist ein guter Mann. Ja, Fürst Hametten?“
„Wenn es Euer Majestäten konveniert, dürfte ich Ihre Hoheit, die Zarin um den nächsten Tanz bitten?“
„Nun, warum denn nicht, Fürst? Aber nur, wenn es wieder ein Walzer ist. Ich fürchte, diesen Tango beherrsche ich noch nicht so recht!“
Der Tango endete mit einem stakkatoartigen Gitarrensolo, das eher an den spanischen Flamenco erinnerte, und François verbeugte sich vollendet vor seiner Braut.
„Ich denke, jetzt ist es nach dem Protokoll wohl am Vater des Bräutigams, mit der Braut zu tanzen.“ Valerie Theresia und François nahmen vom Tablett eines der umhereilenden Diener je ein Glas Champagner.
„Alle Achtung, ein Moët.“ Der Dauphin seufzte zufrieden. „Den bekomme isch schon zü `Ause viel zü selten! Aber komm, isch bringe disch zu meinen Eltern. Offiziell vorgestellt seid ihr einander doch schon, oder?“
„In Schönbrunn“, nickte Valerie. „Während des ‚Kennenlernballes‘.“ Die Prinzessin hakte sich beim Dauphin unter und winkte einem Fürsten zu, der sich vor ihr verbeugte. „Schön, dass Sie kommen konnten, Alspach!“
„Zu gütig, Hoheit“
„Dort sind meine Eltern, Valerie. Und isch fürschte, isch müss dir vorstellen auch die Vertraute meiner Mütter.“
„Ach? Die hübsche Frau neben ihr?“
„Oh ja.“ Das Brautpaar erreichte den französischen Kaiser, und Valerie sank vor Charles Joseph in den Hofknicks.
„Mon Empereur!“
„Bitte, er‘eben Sie sisch dosch, Erz’erzogin.“ Der Kaiser nahm Valeries Hand und hauchte einen Kuss darauf.
„Sie se’en `eute entzückend aus, ma Cher“, bemerkte Roxane Solange.
„Madame Impératrice sind zu gütig“, bedankte sich Valerie mit einem weiteren, wenn auch nur kurzem Knicks. „Besonders, wenn dieses Kompliment von Euer Hoheit kommt! Als Mann würde ich mich duellieren, nur um einen Platz auf Eurer Tanzkarte zu ergattern, Madame. Und dieses Kleid ist – superb!“
„Wenn die Erz’erzogin gestattet, möschte isch ihr nosch die Vertraute und spirituelle Beraterin meiner Mutter vorstellen“, nahm François wieder das Wort. „Madame Madeleine de Carteille!“
„Sehr fesch!“ Valerie musterte ganz offen und neugierig die Französin, welche nun ihrerseits in eine tiefe Ehrenbezeugung sank. „Und sie muss auch sehr g’scheit sein, wenn sie so jung schon so einen hohen Post’n einnimmt!“
„Majestät sind zü gütisch“, bedankte sich Madeleine. „Aber bin bereits fast fünfzisch Jahre alt!“
„Nein!“, staunte Valerie offen. „Wirklich? Da könnt‘ man richtig neidisch werd’n. Also, wenn ich in dem Alter so ausschauen würd‘, wär‘ ich schon glücklich! Was ist ihr Geheimnis?“
„Isch weiß es nischt genau, Majestät. Seit ich mit der jenseitischen Welt in Verbindung stehe, se‘e isch so aus.“
„Aber geh! Spiritismus als Mittel gegen Falt‘n und schlaffe Brüste? Damit könnt‘ man ja glatt ein Vermögen verdienen!“ Madeleine zuckte zusammen, und Valerie lachte auf. „Nehm‘ sie es bitte nicht persönlich, `s war nur ein kleiner Scherz. Sie muss mir aber unbedingt mehr über diese Seancen erzählen, bei Gelegenheit, ja? Und vielleicht könnt‘ ich auch einmal dabei sein. Ich würd‘ gern vom ersten Joseph wissen, was er zu den heutigen Vereinigten Donaumonarchien sagert und die Maria Theresia, was sie von den sozialen Errungenschaften von meinem Opa haltert.“
„Diese Verbesserung der Lebensqualität des Pöbels scheint Eusch ja sehr am `Erzen zu lieschen?“, bemerkte Madelaine spitz.
„Selbstverständlich“, betonte Valerie Theresia resolut. „Ein zufriedenes und gebildetes Volk ist eine Kapitalanlage für den Fürsten. Und die Gewinne kommen allen Schichten zugute, nicht nur der herrschenden!“
„Aber …“
„Aber jetzt wartet der Kaiser schon ganz ungeduldig auf seinen Tanz mit mir“, unterbrach Valerie und wandte sich an Charles Joseph. „Mon Empereur, ich bin bereit!“
*
Wien
Im Café Alsergrund sah niemand von den Gästen auf, wenn sich die Tür öffnete, außer man erwartete jemand. Sonst waren die Blicke der Anwesenden auf Schachbretter, Tarockkarten oder manchmal auch auf eine Zeitung gerichtet. Gesprochen wurde hier nicht viel, wenn man von der unumgänglichen Konversation absah.
„Herz König!“ – „Pagat zum Schluss!“ – „Ich sag die Trull an!“ – „Ein Solo!“ – „Da geb‘ ich ein Contra!“ – „Meine Herren, ich spiel jetzt ein Farbensolo!“, klang es von den Tischen der Tarockierer, dann herrschte wieder Schweigen, in welchem man nur die Geräusche der auf den Tisch gelegten Spielkarten, das leise Klicken der geführten Schachfiguren und jenes der Schachuhren oder das gelegentliche Rascheln einer ungeschlagenen Zeitungsseite vernahm. Manchmal öffnete sich auch die Tür zu einem der Nebenzimmer, dann klang leise das typische Klicken von Billardkugeln in den Schankraum, hin und wieder von leisem Murmeln begleitet, wenn ein Schiedsrichter seines Amtes waltete. Und man hörte natürlich ab und zu das Zischen einer der modernen Espressomaschinen von Angelo Moriondo aus Turin. Die Ober waren ständig unterwegs, um den Gästen ihre Bestellung zu bringen, zumeist kannten sie die Wünsche ihrer Gäste ja ohnehin bereits. Der große, bullige Mann, der jetzt in der Tür stand, der mit den kurzgeschnittenen Haaren und dem mächtigen Schnurrbart in dem billigen, schwarzen Anzug, der schwarzen Melone schräg auf dem Kopf und der dünnen Virginier im Mundwinkel war den Kellnern jedoch bisher unbekannt, aber man musste kein großes Genie sein, um aus dem Aussehen und der Art, wie er das Innere des Lokals und die Gäste musterte, auf einen Staatsdiener im Polizeidienst zu schließen.
Noch lange kein Grund zur Aufregung für die erfahrenen Servierschlapfen des Kaffeehauses, weil wenn man nicht wirklich was Arges ausgefressen hat, braucht man auch nicht viel Angst vor der Kieberei haben. Und warum soll ein Kieberer nicht auch einmal in ein Kaffeehaus gehen, außerdem geht ja doch jeder irgendwann irgendwo das erste Mal hinein. Also ging auch der Ober Jakob Hirtler auf den Fremden zu, um ihn nach seinen Wünschen zu fragen.
„N’Abend, der Herr. Suchen’s Tarockpartner, einen Schachgegner oder wollen’s nur eine Zeitung zum Kaffee?“ Franz Lendvay nahm den Hut ab und reichte ihn dem Angestellten.
„Zuerst einen Fiaker, und sonst – schau‘n wir später!“
„Jawohl, der Herr. Rum oder Kirschwasserl? Und wenn’s dem Herrn konvenieren möcht‘, der Tisch dort drüben?“ Er wies mit der Hand auf einen eher im Hintergrund stehenden Tisch. Wenn ein Kieberer in ein Kaffeehaus ging, wollte er wahrscheinlich ja nicht auf dem Präsentiertablett sitzen.
„Passt schon“, nickte Lendvay. „Und den Kaffee mit Rum!“
„Kommt sofort, der Herr!“
Kaum war der Kellner verschwunden, zischte hinter dem Tresen auch schon die Moriondo, und dann wurde vom Piccolo der doppelte Espresso mit einem kräftigen Schuss Rum und einem Gupf Schlagobers in einem hohen, schlanken Häferl mit extragroßem Henkel und das obligate Glas Wasser serviert. Lendvay nickte bestätigend, dann nahm er einen großen Schluck und lehnte sich entspannt zurück. Die Augen gingen auf Halbmast, ein unaufmerksamer Beobachter hätte glatt meinen können, der Herr sei am einschlafen. Dann, vielleicht ein halbes Stündchen später, der Kaffee war ausgetrunken, winkte der Mann dem Ober zu.
„Machen’s mir noch so einen Fiaker, dann schaun‘s Ihnen doch ein paar Bilderl an und nachher möcht‘ ich bei Gelegenheit ein Wörterl mit ihrer Sitzkassiererin plaudern.“ Er nahm eine emaillierte Plakette der Wiener Polizei hervor, welche das große Wiener Wappen zeigte, also einen goldenen Doppeladler auf schwarzem Grund, der Brustschild war das weiße Kreuz mit vier Balken bis an den Schildrand auf rotem Hintergrund. „Nichts Aufregendes, ich muss ihr nur im Namen der Polizei ein Bilderl zeigen und mir anhören, was sie dazu zu sagen hat. Nehmen’s Ihnen auch einen Kaffee mit und fragen’s auch die junge Dame, was sie trinken will – auf meine Kosten!“
„Alsdann, Herr Inspector, was soll ich mir anschau’n?“ Jakob hatte seinen Kollegen Bescheid gegeben, dass er bei dem Polizisten vielleicht ein bisserl länger sitzen würde, einen Fiaker für Franz Lendvay und einen Verlängerten für sich selber gemacht.
„Das da!“ Lendvay schob eine Zeichnung vom Grafen von Kreuzbach über den Tisch. „Haben’s den schon einmal g’sehen?“
„Nu, ja, hab‘ ich. Moment, mir fallt’s gleich ein.“ Der Ober kratzte sich am Hinterkopf. „Jetzt weiß ich‘s wieder! Er hat immer den Brünnerstraßler Veltliner bestellt. Also – denn billigsten Sauerampfer vom östlichen Weinviertel. Von der Straß’n nach Brünn halt eben. Ist zwar ganz schön abg‘rissen daher kommen, hat kaum ein Gerstl g’habt, aber g’redt hat er wie einer von den Oberen. Vielleicht war er ja einmal einer, weil er ist immer bei den Billardspielern g’wesen, und da haben ihn ein paar davon oft mit Herr Graf oder Hochwohlgeboren angeredet. Dann ist ihm aber der Kamm g’schwollen, wie ein Gockel ist er stolziert. Ganz besonders, wenn ihn einer der anderen Herren g’winnen hat lassen. Was ist mit dem denn?“
„Seine Vermieterin hat ihn bei uns halt als abgängig g’meldet.“ Lendvay machte eine unbestimmte Geste. „Hat am ersten seine Miete nicht bezahlt, und von den Nachbarn hat ihn keiner g’sehn. So Ende April, Anfang Mai hat ihn keiner mehr bemerkt. Aller Besitz noch da, und, na ja, jemand hat ausg’sagt, dass er hier im Café verkehrt hat. Also, fragen wir einmal nach. Bei seiner Wirtin hat er sich übrigens als Werner Konrad Graf von Kreuzbach ausgegeben. Können Sie mir sagen, mit wem er Umgang g’habt hat?“
„Hm, ich muss zugeben, dass ich die Herren jetzt auch schon länger nicht mehr g’sehen hab. Glauben’s, dass von denen einer …?“ Er hielt seine Hand neben seinen Hals, legte den Kopf schief und verzog den Mund.
„Woher denn“, wehrte Lendvay ab. „Wir haben ja gar keine Leiche, also einstweilen glaub’n wir nicht, dass ihn einer abkragelt hat. Man kann zwar nie wissen – apropos, hat der Kreuzbach eine Freundin g’habt.“
„Hätt‘ er gern. Ist ja eh klar, welcher Mann möcht‘ den nicht hin und wieder sein – na, ja, wissen’s eh!“ Ein Finger zeigte zur Leibesmitte Jakobs. „Aber landen hat er halt nicht können, herumgejeiert hat er die ganze Zeit. Dass ‚die Weiber wieder auf ihre Plätze verwiesen werden müssen‘.“ Die Hände Hirtlers zeichneten Gänsefüßchen in die Luft. „Der Typ ist ja noch in der pränapoleonischen Ära picken blieb’n. Bei uns ist das ja seit dem Franz Karl aber so etwas von passe! Schauen’s einmal, Herr Inspector, wir haben da im Café Alsergrund sogar schon weibliche Kunden. Ziemlich junge Damen, die ohne Herrenbegleitung kommen, Zeitung lesen und auch schon ein paar Runden mittarockieren. Manchmal bringen’s auch schon ihre Mütter mit. Es muss einem klarerweise nicht unbedingt g’fallen, also hat auch der Graf seine Pappen aufreißen dürfen. Aber mein Gott, die Welt geht doch auch nicht unter, nur weil die Damen ein wengerl aus dem Haus kommen und Spaß am Leben haben dürfen!“
„Und die andern von seiner Blasen?“
„Hab’n teilweise auch ein paar komische Bemerkungen g’macht. Aber wie g’sagt, Blödheit ist ja gesetzlich erlaubt.“
„Danke, Herr …?“
„Jakob Hirtler, Herr Inspector!“
„Danke, Herr Hirtler. Und jetzt schicken’s mir bitte die Sitzkassiererin.“
Die hellblonde Monika Shvets, die im Café Alsergrund hinter der Kassa saß, war wirklich ein Blickfang. Das neckische Schmollmündchen, die niedliche Nase, die blitzenden, großen grünen Augen – und die Figur erst, die sie nicht noch extra betonen musste. Einen guten Teil der Trinkgelder hatten die Kellner ihrem Lächeln und dem ein bisserl offenherziger als üblich ausgefallenem Ausschnitt zu verdanken. Ihr Vater war vor ein wenig mehr als dreißig Jahren aus Lemberg in Galicien auf der Suche nach einem besseren Leben nach Wien gewandert. Einer von vielen Ruthenen, welche diesen Traum hatten. Yosyp hatte Glück gehabt und nicht nur das bessere Leben, sondern auch eine liebevolle Frau zu finden, die ihm eine Tochter und zwei Söhne schenkte. Beide dienten den Donaumonarchien, einer als Unteroffizier in Karthum, der andere als Polizist in Wien. Demzufolge hatte sie auch keine Probleme, sich zu einem Polizisten an den Tisch zu setzen, nachdem sie die Kasse dem Besitzer übergeben hatte. Fein säuberlich gezählt und quittiert, wie es sich gehörte. Für Franz Lendvay war es neues Gefühl, dass eine Person, besonders eine Frau, die er befragte, ihm so offen und geradeaus lächelnd in die Augen sah. Sonst war immer ein gewisser Vorbehalt, ein Zögern im Blick, ein Zaudern. Nur bei seinen Kolleginnen nicht, und hier jetzt bei Monika, die einen Schluck von ihrem Café Advokat nahm und sich dann ein Batzerl Schlagobers von der Nasenspitze wischte.
„Allsdann, was wolln’s mich denn fragen, Herr – Revierinspektor?“
„Polizeiagent“, berichtigte Franz. „Weil, ich bin jå ein Ziviler, aber ohne Matura? Na jå, da steigt man nicht sehr weit auf!“
„Dann machen’s doch die Beamten-Matura nach, Herr Polizeiagent. Der Poldi, also mein Bruder, hat’s auch so g’macht, und der ist jetzt mit 35 Untercommissär. Und soll demnächst aufsteigen. Draußen in Favoriten!“
„Respekt“, nickte Lendvay. „Und was ist mit Ihrer Matura, Fräulein?“
„Ich spår‘ drauf.“ Monika lächelte den Polizisten offen an. „Und wenn ich’s hab, dann spår ich wieder. Auf ein Studium.“
„Medizin?“
Monika schüttelte den Kopf. „Juristerei! Zuerst will ich Anwältin werd‘n, dann Staatsanwältin und zum Schluss vielleicht gar noch Richterin.“ Sie lachte launisch. „Wer weiß, am End‘ scheuch ich Sie noch als Anklägerin auf der Suche nach Beweisen durch die Gegend?!“
Der bullige Mann entgegnete das Lachen. „Ich trau’s Ihnen zu, Fräulein Shvets. Aber jetzt, darf ich Sie fragen, ob’s den Mann erkennen?“
„Na klar!“ Monika Shvets hatte das Bild nur kurz angesehen. „Objektiv kann ich nur sagen, dass er ein ganz ein nodiger Kerl ist, der keinen Kreuzer Trinkgeld hergeb’n hat, und für den wir Frauen irgendwie ein bisserl – wie soll ich sagen? Wir sind für den nicht viel wert. Noch weniger wie die Kellner. Alles andere wär‘ spekuliert!“
„Na dånn, spekulieren’s einmal, Fräulein“, forderte Lendvay Monika auf.
„Aaaalso …“ Die Sitzkassirerin wiegte den Kopf. „Die Aussprach‘ war ein ziemlich reines Schönbrunner-Deutsch, und seine Haberer hab‘n ihn mit Graf oder Herr Graf ang‘redet. Oder mit Euer Hochgeboren. Also schätz‘ ich, dass er schon ein Graf sein wird. Aber so abg’rissen, wie der anz’zogen war, muss der ganz schön abg’sandelt sein. D’rum könnt‘ man annehmen, dass er nichts ordentliches g’lernt hat und jetzt auch nicht viel verdient. Außerdem denk ich, dass er in so etwas wie einer Geheimg’sellschaft sein dürft‘!“
„Wie kommen’s denn darauf?“, fragte Lendvay verblüfft nach.
„Na jå, also, immer wenn’s glaubt haben, dass keiner sieht, hab’n die sich so komisch die Händ‘ geb’n. Etwa so!“ Sie nahm seine Hand und demonstrierte es ihm.
„So?“ Lendvay dachte kurz nach, dann winkte er ab. „Aber können’s mir mehr über seine Freund‘ sagen?“
„Die meisten haben mehr Geld g’habt wie der, und einen haben’s hin und wieder mit Herr Markgraf angeredet. Und ein paar war’n dabei, die haben ganz ordentlich Marie g’habt, aber von der Sprach‘ her – da würd‘ ich eher auf Neureiche tippen!“
„Interessant, Fräulein. Dann …“
„Wenn’s mehr über die Blasen erfahr’n woll’n, dann reden’s mit dem Herrn dort im grünen Lodenjanker. Bei dem haben’s alle so getan als kennerten’s ihn nicht, aber – na jå, den geheimen Händedruck kennt er! Wiederschau‘n, Herr Polizeiagent!“
„Auf Wiederseh’n, Fräulein!“ Lendvay erhob sich ebenfalls. „Ich komm‘ gleich mit zahlen!“
„Schon recht! Warum nur glaub‘ ich jetzt nur, dass Sie den Kerl nicht befragen, sondern erst noch beobachten werd’n. Und dass der werte Herr Graf nicht nur einfach so verschwunden ist.“
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Neuhochadlerstein
Die MS AMAZIMEZA fuhr gemächlich den Fluss Cunene stromaufwärts und näherte sich dabei der ‚Großen Randstufe‘, einer zumeist sehr steilen, rund einhundert Meter hohen Gesteinsformation, welche den Übergang vom hochgelegenen südafrikanischen Binnenland zum Küstengebiet darstellt. Diese etwa 350 Kilometer von der Mündung des Flusses aufragende Felswand, über welche der Cunene über mehrere Kaskaden in eine etwas mehr als einen Kilometer breite Schlucht stürzte, war lange Zeit das größte Hindernis für das junge Königreich Neuhochadlerstein gewesen. Denn was nützte ein noch so großes Gebiet, wenn man es nur unter großen Mühen erreichen konnte. Erst als in den Bergen am Unterlauf Eisen gefunden wurde, konnte 1786 ein System von Schleusen errichtet und so auch der Flusslauf auf dem Hochland erreicht werden. Später fand man in den Bergen des Quellgebietes, im Hochland von Dié, noch wesentlich mehr hochwertiges Eisen und auch nicht wenig Gold. Seither war Neuhochadlerstein der Lieferant von hochwertigem Stahl und Roheisen in den Donaumonarchien, mit Ausnahme des Kristall-Leichtstahls aus Ulm gab es keinen besseren. Der schwere Stahl hatte gegenüber dem Ulmer Leichtmetall nicht nur Nachteile. Immobilien in windigen Gegenden, um nur ein Beispiel heran zu ziehen, müssen nicht unbedingt extrem leicht sein, da darf schon ein wenig Gewicht als Anker dienen. Auch bei der Verkleidung eines Stollens oder den Wänden einer Schleusenkammer spielt Gewicht keine wirklich große Rolle, also lieferte Neuhochadlerstein seinen hervorragenden Stahl in alle Welt. Außerdem verarbeitete die ADMAG, die Africanische Dampf-Maschinen AG, diesen Stahl aus selber zu hervorragenden Hoch- Tief- und Bergbaumaschinen sowie Fahrzeuge für Reisen zu Wasser und zu Land. In neuerer Zeit führte die ADMAG auch selbst Bauaufträge durch, wie etwa Kanäle, Staudämme, die Verlegung von Rohrleitungen und Brücken aus Stahlwerk.
Wenige Kilometer unterhalb der Fälle lag auf zwei felsigen, großen Inseln die Stadt Ruacaná, die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft, welche auch dem Fall seinen Namen gab und die Verwaltung der Schleusenanlage beherbergte. Diese Schleusen hatten seit nunmehr rund 100 Jahren gute Arbeit geleistet, aber allmählich wurden die Kammern zu klein für die modernen Frachtschiffe. Man hatte die Anlage für Kähne von siebzig, vielleicht noch fünfundsiebzig Meter berechnet, aber allmählich drängten die Flussschiffer auf eine Vergrößerung der Schleusen. Die Ingenieure der ADMAG hatten berechnet, dass es weit vorteilhafter wäre, gleich eine neue Schleusentreppe zu bauen als die alte hundert Meter hohe Kammer zu vergrößern. Dazu sprengten sie in die den Wasserfällen gegenüberliegende, also die südliche, Felswand der Schlucht zwei stufenförmige Kanäle in das Gestein, jeder Kanal sollte aus 20 Stufen zu je 5 Meter Höhenunterschied bestehen, jedes Schleusenbecken war 180 Meter lang und 50 breit. Oben und unten sollten dann Wasserwege gegraben werden, welche die Schleusentreppe wieder mit dem Fluss verbanden. Damit sollte der Verkehr dann wesentlich schneller als bisher abgewickelt werden können.
Es ging mit dem Bau auch recht rasch voran, bis sich der Assistent der Bauleiterin Angelika Huttik bei einem Arbeitsunfall den Arm gebrochen hatte und sie in der Zentrale Ersatz anforderte. Eine gute Gelegenheit für die neu angestellte Ingenieurin Wilhelmine von Perggreith, ein wenig Praxisluft zu schnuppern, also hatte man ihr eine Kabine auf der AMAZIMEZA gebucht und Willy war an Bord gegangen. Mit gut 29 Stundenkilometern würde die Reise etwas mehr als zehn Stunden dauern, da war die Aussicht durchaus verlockend, des Nachts vielleicht ein wenig schlafen zu können. Hatte sich die junge Gräfin von Perggreith bereits vor ihrer Ankunft in Neuhochadlerstein zu ihrem Vorteil geändert gehabt, so war diese Wandlung in Africa noch weiter gegangen. Nicht nur, dass die neue Frisur und die passendere Brille ihr Gesicht sehr verhübscht hatten, war sie unter der südlichen Sonne und mit den lockeren Sitten in Afrika regelrecht aufgeblüht. Sie hatte schon immer gewusst, dass ihre Figur makellos war, doch selbst die relativ freizügige Wiener Mode hatte ihr davon noch zu viel verborgen. Nicht so hier, wo auch eine weiße Frau sich schon einmal auch nach einheimischer Mode kleidete. Manchmal auch wie die Himba nur mit Lendenschurz, Sandalen und Farbe gegen den Sonnenbrand. Wilhelmine genoss es auch durchaus, wenn die Blicke der Männer bewundernd auf ihr ruhten, und manchmal blieb es nicht bei Blicken. Für die etwas promiskuitiv veranlagte Wilhelmine schien Neuhochadlerstein mit seinen etwas gelockerten Sitten ein richtiges Paradies zu sein.
Derzeit stand die junge Frau auf dem Aussichtsdeck und genoss die Kühle im Schatten der hohen Felswände am Abend ebenso wie den Anblick der Felsformationen, die vom Fluss in Jahrtausenden geformt worden waren.
„Beeindruckend, nicht wahr?“, klang eine dunkle, sonore Stimme neben ihr auf.
„Durchaus“, bestätigte sie. „Man sieht hier die ganze Macht der Schöpfung. Das macht irgendwie schon ein wenig demütig.“
„Sie sind religiös?“ Wilhelmine wandte sich dem Mann zu. Nicht riesig, etwa 1 Meter 75 groß, schlank, aber muskulöse Arme. Ein energisches Kinn und leuchtende Augen. Das auffallendste aber waren seine langen schlanken Hände.
„Nicht in dem Sinn“, antwortete sie auf seine Frage. „Aber ich halte mich trotzdem für einen durchaus spirituellen Menschen.“
Der Mann nickte. „Das verstehe ich. Mein Name ist Conrad Heinrichs, ich komme aus Bregenz.“
„Ach, ein Xiberger?“ lächelte Wilhelmine. „Ich bin Wilhelmine von Perggreith aus Wien!“
„Was hat Sie hierher nach Africa verschlagen, Fräulein von Perggreith? Die Liebe?“
„Eine Anstellung bei der ADMAG und ein Neuanfang!“
„Entschuldigen Sie!“ Heinrichs verbeugte sich knapp. „Ich wollte nicht indiskret werden.“
„Das macht doch nichts, Herr Heinrichs!“ Die Wienerin lächelte weiter. „Es war – sagen wir, es war hilf- und lehrreich, aber ist auch gut, dass es vorbei ist! Und warum sind Sie hier?“
„Ich reise noch bis Camulemba und von dort den Colonga aufwärts. Dort liegt eine Farm, für deren Besitzer ich ein Bewässerungskonzept erstellen soll.“
„Dann sind sie wohl ein Hydro- oder Geologe?“, fragte Wilhelmine, neugierig geworden.
„Eigentlich Tiefbauingenieur, aber ich habe ein wenig in beides hinein geschnuppert!“
„Interessant. Dann sagen Sie einmal …“ Es entspann sich eine durchaus angeregte Diskussion über Wasser, Strömungsverhältnisse und technische Innovationen, bis die Glocke die Passagiere zum Essen rief.
„Ich darf Sie einladen, Fräulein Perggreith?“, erbot sich Conrad Heinrichs. Wilhelmine sah keinen Grund, die Einladung abzulehnen, sich danach dafür ausgiebig zu bedanken und sich auch selbst ein wenig verwöhnen zu lassen.
Am nächsten Morgen näherte sich die AMAZIMEZA Ruacaná, und Wilhelmine stellte ihre leere Tasse nachdenklich auf den Tresen. Ein dreifacher Espresso, doppelt stark war darin gewesen, den hatte sie einfach gebraucht. Erfreulicherweise war Heinrichs nicht nur mit guter Ausstattung, sondern auch großem Durchhaltevermögen gesegnet gewesen, aber zum Schluss, beim Abschied, hatte er etwas gesagt, das sie schon lange nicht mehr gehört hatte.
„Es lebe die Kraft des goldenen Frühling, bis in den bunten Herbst hinein!“ Mit diesen Worten hatten sich die Mitglieder des Zirkels in Wien begrüßt und daran hatten sie sich erkannt. Sie hatte nur lächelnd genickt und statt der Floskel ‚dann ist doch die ganze Zukunft golden‘ nur gefragt:
„Sehr poetisch. Friedrich Hölderlin?“
„Giannis Dàskalos“, hatte seine Antwort gelautet. Johannes der Lehrer! Es war Wilhelmine nicht leicht gefallen, sich nichts anmerken zu lassen. Statt dessen hatte sie rasch noch einen Schluck Kaffee genommen und ihm ein nettes Lebewohl gewünscht. Wenn man sich zufällig in Foz de Cunene wieder über den Weg laufen würde, wäre eine Wiederholung nicht ausgeschlossen. Ein Treffen in diesem Lokal, das auf der Visitenkarte steht? Ja, warum denn nicht. Aber nicht so bald, denn sie war jetzt in Ruacaná wohl noch einige Zeit beschäftigt. Zumindest bis der Assistent von Frau Huttig wieder einsatzbereit war, und wer wusste es schon, vielleicht auch länger. Es war ja ein guter Job!
Die Wucht der Wasserfälle hatte sich in der Stadt Ruacaná längst gebrochen, sanft und ruhig floss der Cunene hier bereits dahin und bildete zwei seichte Seitenarme südlich des tiefen Hauptarmes. So waren die beiden steinigen Inseln entstanden, auf denen das Verwaltungszentrum der Grafschaft gebaut wurde. Zuerst wurden die Ufer mit einer Mauer aus Puzzolan umgeben, wie es auch die Venezianer bereits lange vorher gemacht hatten, und die Festungsanlagen auf den stromauf- und -abwärts liegenden Enden der Inseln gebaut. Dann wurden die Straßen und damit auch die äußeren Fundamente der Bauwerke als ein Netz von Mauern in zweieinhalb Meter tiefen Gräben gegossen, die Krone dieser Mauern befand sich auf einer Ebene mit den Kaimauern rund um die Inseln. Brücken verbanden beide Inseln und diese mit dem flachen Südufer, während das nördliche steil etwa 40 Meter hoch aufragte und hier nicht zu betreten war. Eine moderne Stadt mit breiten Straßen hatte es werden sollen, und war es für die napoleonische Zeit auch gewesen. Doch für das Jahr 1889 war es nur noch eine ruhige Kleinstadt, das moderne, quirlige Ruacaná lag auf dem Festland.
Der kombinierte Personen- und Frachtkai der Stadt lag am Hauptarm des Cunene, und die AMAZIMEZA legte dort bei der für die ADMAG reservierten Stelle an. Wilhelmine schritt über die Landungsbrücke und sah sich am Pier erwartungsvoll um, ein junger Mann hielt ein Schild mit ihrem Namen hoch und sie ging zu ihm.
„Ich bin Willy von Perggreith. Sie sollen mich zu Frau Huttig bringen?“
„Ja, Fräulein von Perggreith.“ Der junge Mann deutete eine Verbeugung an. „Bitte hier entlang.“
„Ich brauche zuerst das Telegraphenbüro, junger Mann“, erwiderte Wilhelmine. „Wie ist ihr Name?“
„Christian Neuner, Fräulein. Ein Telegraphenbüro befindet sich im Verwaltungsgebäude der ADMAG auf dem südlichen Ufer.“
„Gut, Christian, also bitte zuerst das Telegraphenbüro.“ Neuner brachte Wilhelmine zu einem geländegängigen Trike mit zwei Sitzen, sie schwang sich auf den Sattel hinter dem Fahrersitz und der junge Mann startete den Motor. Der Landeplatz der ADMAG war über eine gerade, vierspurige Hauptstraße und zwei ebenso breite Brücken mit dem Verwaltungsgebäude der Firma verbunden, und so wurde es eine nur kurze Fahrt vom Hafen ins Zentrum.
Das ADMAG-Haus war ein Rundbau mit einem hohen, dem Dach der Himbahütten nachempfunden Kegeldach, umgeben von einem Säulengang, zu dem sechs Stufen hinauf führten. Auch der breite Eingang in das Gebäude selbst war mit Säulen und diese durch bunte Muster im Stil der Himba und der Herero geschmückt.
„Bitte, Fräulein, gleich hier entlang!“ Von der Eingangshalle aus war das Kommunikationsbüro direkt zu erreichen, Wilhelmine trat nach einem höflichen Anklopfen in den Raum und wies ihren Firmenausweis vor.
„Bitte ein Telegramm an Hauptmann Salomon Blaustern von der Polizei in Foz de Cunene.“
„Gerne Fräulein.“ Isaak Mwindaji schob Willy einen Block zu. „Bitte den Wortlaut!“
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Ägypten
Miss Amelia Ann Blanford Edwards, die Grand Dame der Ägyptologie und Vorsitzende des Egypt Exploration Fund, hatte ihr Quartier im einzigen Hotel der Stadt Assiut aufgeschlagen. Dort verfügte sie auch über einen eigenen Arbeitsraum, in welchem sie ihre Post zu erledigen pflegte. William Flinders Petrie, den seine Leute nur noch ‚Mister Flinders‘ zu nennen pflegten, war endgültig nach Abu Tiq übersiedelt, um seinen Ausgrabungen möglichst nahe zu sein. Er hatte ein großflächiges Areal in der Nähe des neu gefundenen Tempels der Neith mit einer Zeltplane überdachen und dort einige große Arbeitstische aufstellen lassen. Nach Westen schützte eine weitere Plane aus dickem Stoff die Stätte vor dem stetigen Wind und dem Sand, den er vom Atlantik im Laufe der Jahrhunderte bis hierher weitergetragen hatte. Ägyptische Arbeiter trugen immer wieder Säcke mit Sand und Scherben herbei, die Assistenten des Archäologen schütteten dieses Material sorgfältig durch immer feiner werdende Siebe.
Flinders Petrie hatte seinen Hut abgelegt und studierte einige zusammen gesetzte Scherben mit einer Lupe und machte nebenher auf seinem Block Notizen. Auf der von Norden kommenden Piste näherte sich eine rasch größer werdende Staub- und Sandwolke, dann blieben zwei Fahrzeuge der X-plorer-Klasse neben der aufgespannten Zeltwand stehen. Captain Jim Hardesty hatte vehement auf diese Eskorte bestanden. Der Kommandeur der Wacheinheit hatte die Erzählung von Francis Llewelyn Griffith, dem Leiter der Ausgrabungen in Assiut, nicht vergessen, wonach eine Horde Beduinen den Hafen überfallen und eine Frau entführt hatten. Diese wurde zwar schnell befreit, und diese spezielle Horde würde niemanden mehr überfallen, aber sicher war sicher. Dafür wurden er und seine Männer ja schließlich bezahlt, also sollte man sie gefälligst auch ihre Arbeit machen lassen.
Von ihrer neuen Assistentin Margaret Jennings und vier Männern der englischen Schutztruppe begleitet schritt Amelia Edwards energisch um diese Plane, trat in den Schatten des Daches und nahm den runden Tropenhut mit dem daran gebundenen Schal ab. Sie trug heute helle naturleinene Breeches, eine Bluse in derselben Farbe und braune, kniehohe Reitstiefel, eine Kleidung, die ihrer zarten Figur durchaus schmeichelte. Ihre weit jüngere Assistentin war ganz ähnlich gekleidet, nur hatte sie sich für beige Hosen und eine weiße Bluse entschieden. Flinders legte die Scherben beiseite und ging den Damen entgegen.

„Das österreichische orientalische Institut hat Anfang des Monats in Teheran um eine neue Grabungslizenz angesucht und sie auch erhalten“, eröffnete Amelia das Gespräch ohne Umschweife bei einer Tasse Tee.
„Für welche Gegenden denn?“, fragte Flinders Petrie ebenso knapp nach.
„Meinen Informationen nach für Stätten in Pasagarde und Persepolis, und zwar die Königsgräber.“
„Kambyses II und Dareius“, überlegte Petrie. „Das kann doch kein Zufall sein. Hm, eigentlich ganz logisch, warum sollte Kambyses die Instrumente der Macht in Ägypten verstecken, wenn er sie mitnehmen kann. Auch wenn er niemanden findet, der damit umgehen kann, so sind sie zumindest keine Gefahr mehr.“
„Das stimmt!“ Amelia nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Abdullah, wenn du mir bitte noch eine Tasse …? Danke. Also, für Persien wird die EEF nicht so leicht eine Lizenz für Ihre Ausgrabungen erhalten, Mister Petrie. Unsere Beziehungen zum Schah sind nicht gerade die Besten.“
„Es muss eine Möglichkeit geben, Miss Edwards. Wir können doch die Hände nicht einfach in den Schoß legen!“
„Ach Mister Petrie.“ Amelia nippte wieder an ihrem Tee. „Manchmal sind eben Wissenschaftler wie Sie gefragt. Manchmal – andere Leute! Ganz nach ihrem eigenen Vorschlag.“
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London
In London suchte jeder Herr, das etwas auf sich hielt, die Mitgliedschaft in einem der zahlreichen Gentlemen-Clubs zu erreichen. In die Räumen vieler dieser Vereine hatte, selbstverständlich mit Ausnahme der Reinigungskräfte, noch nie ein weibliches Wesen seinen Fuß gesetzt. So zum Beispiel in den Reform-Club, den Traveller-Club oder die Royal Society. Auch wenn ihre Majestät, Queen Victoria, selbstverständlich in letzterer zumindest offiziell Mitglied war. Wenn sie die Heiligen Hallen aber auch tatsächlich betreten hätte, bräche für die meisten Mitglieder wahrscheinlich die Welt zusammen. Das Ende des Empires stünde in ihren Augen knapp bevor, wenn ein weibliches Wesen durch die Türen dieser ehrwürdigen Institution träte. Auch im Diogenes-Club, 21. Greencoat Row Westminster, war Damen der Zutritt üblicherweise und offiziell nicht gestattet. Da die Herren aber zwar Misanthropen waren, dennoch aber körperliche Bedürfnisse verspürten, gab es einen schwer zu beobachtenden, unauffälligen Eingang, durch welchen Miss Molly Redbot und einige ihrer Kolleginnen unbemerkt den Club betreten konnten. Manchmal führte Mister Peabody jedoch auch andere Gäste von den diskreteren Eingängen durch die Flure des Diogenes-Clubs zu Mister Mycroft Holmes. Wie etwa Mister William Raymond James.
Billy Ray James war ein richtiger Durchschnittstyp. Er war schlank, aber nicht dürr. Groß, aber nicht riesig. Durchtrainiert, aber ohne auffällig große Muskelpakete. Sein Haar war dunkelblond, sein Gesicht oft bereits vergessen, ehe man es richtig zur Kenntnis genommen hatte. Wenn er es darauf anlegte, verschmolz er regelrecht mit seiner Umgebung. Er wurde zwar nicht wirklich unsichtbar, aber beinahe. Es war eines seiner Talente, vielleicht sogar so etwas wie Magie.
„Sir!“ Mister Peabody hatte die dicke, schalldichte Tür zum privaten Zimmer Mycrofts geöffnet und bat William mit einer knappen Handbewegung einzutreten.
„Kommen Sie herein, Mister James“, winkte Mycroft Holmes von seinem Schreibtisch und wies dann auf einen Sessel. „Nehmen Sie doch Platz.“
„Danke, Sir!“
„Was wissen Sie über Persien, Mister James?“
„Nun …“ William kniff die Augen zusammen. „Eine Menge unfruchtbare Wüste, vorwiegend islamischer Glaube, hat sich in der letzten Zeit immer wieder mit seinen Nachbarn angelegt, aber sogar die Muschkoten Russlands haben ihm und seinen Truppen die Hosen über die Ohren gezogen. Es gärt im Land, aber noch ist der Schah stark genug, um die Unruhen brutal niederzuschlagen.“
„Kambyses II.?“, fragte Mycroft weiter.
„Eroberte Ägypten und starb auf dem Heimweg unter mysteriösen Umständen, Sir!“
„Sehr gut. Tee?“ Holmes hob die Kanne.
„Gerne, Sir!“
„Weiter, Mister James. Was sagt Ihnen Dareios I.?“
„Seine Thronbesteigung nach Kambyses II. ist noch seltsamer als der Tod seines Vorgängers, Sir. Aber unter ihm wurden die Farsen beziehungsweise Parsen oder Perser zum beherrschenden Volk im heutigen Iran, im nahen Osten bis Griechenland und auch in Ägypten. Seither heißt das Gebiet auch Persien. Und er gründete eine neue Hauptstadt. Persepolis.“
„Sie haben eine gute Bildung, Mister James“, nickte Myroft. „Wie steht es mit Anchnesneferibre?“
„Das klingt irgendwie ägyptisch, Sir, aber sonst bin ich blank, was das angeht“, gestand Billy.
„Das wundert mich nicht!“ Mycroft Holmes blätterte in den Papieren vor sich. „Haben Sie schon von den schwarzen Pharaoninnen gehört?“
„Nubier, Sir?“ Billy Ray überlegte. „Das Reich der Kuschiten, die Städte Nuri und Meroë, oberhalb des vierten respektive fünften Katarakts?“
„Beinahe, Mister James.“ Mit einer raschen Bewegung schlug Mycroft die Akte zu und schob sie über den Tisch seinem Gast zu. „Die Dynastie der Kuschiten, vor jener der Perser, welche mit Kambyses II beginnt. Lesen Sie!“
Der unauffällige Mann vertiefte sich in die Lektüre der Akte. Dann sah er mit gerunzelter Stirn auf.
„Die erste Frage, die sich stellt ist, wer hat die Stele mit diesem Hinweis auf das Wadi Dom oder Farafra oder irgendeine andere, in der Zwischenzeit vielleicht verschüttete Oase in Auftrag gegeben und den Handwerkern gesagt, was sie schreiben sollen! Denn welcher Dieb gibt schon freiwillig einen Hinweis auf den Verbleib seiner Beute? Die zweite Frage, warum sollten die Perser eine potentielle Waffe in der Reichweite ihrer Feinde lassen? Selbst wenn ich nie dahinter kommen sollte, wie ich solche Artefakte zum Funktionieren bringen, behalte ich sie in meiner Nähe, damit sie nicht gegen mich eingesetzt werden können!“
„Sie gehen davon aus, dass es sich um mehrere mächtige Instrumente handelt?“
„Auf der Stele ist von einer Krone zu lesen, aber nach dieser Akte gibt es auch einen Wagen ohne Pferde und Räder“, erklärte Billy. „Also denke ich, dass der Wagen geflogen ist, damals sicherlich nicht nur ein taktischer, sondern auch ein psychologischer Vorteil. Und bei dem Bogen – es gibt in der Sage viele Waffen, die einmal geschleudert stets ihr Ziel treffen und wieder zurückkehren. Unter Umständen verhält es sich mit den Pfeilen zu diesem Bogen ähnlich!“
„Und was könnte diese Krone sein?“, hakte Mycroft Holmes nach.
„Keine Ahnung“, gestand William James. „Vielleicht eine Möglichkeit, mit dem Feldherrn am Boden zu kommunizieren und ihm die Aufstellung des Feindes mitzuteilen, so wie man sie mit dem Wagen aus der Luft sah. Oder sie war nötig, die beiden anderen Artefakte zu steuern.“ James schüttelte den Kopf. „Zu wenige Informationen!“
„Gut, Mister James. Wo würden Sie die Artefakte suchen?“
„Also, als erstes würde ich im Grab von Kambyses II. nachsehen. In Pasagarde, wenn ich richtig informiert bin. Und dann – Persepolis, das Grab von Dareios I., danach der Reihe nach Xerxes I., Artaxerxes I., bis Dareios III. Wenn sie dort nirgends liegen, wird die Sache schwierig, denn um in Alexanders Grab nachzusehen, müsste man es erst einmal finden. Und wenn sie einer seiner Satrapen mitgenommen hat – dann könnten sie überall auf der Welt begraben sein.“
„Und wie würden Sie suchen, Mister James?“ Mycroft Holmes begann damit, sorgfältig eine Zigarre zu beschneiden.
„Nun – da sie so fragen, dürfte eine offizielle archäologische Lizenz problematisch sein. Weigern sich die Kadscharen-Politiker, uns eine solche auszustellen?“
„Die Österreicher waren schneller“, bekundete Mycroft trocken.
„So?“ William hob eine Augenbraue. „Es gibt also Mitbewerber! Nun ja, dann wird möglicherweise das Orientalische Institut in Wien die Trophäe nach Hause bringen!“
„Ich fürchte aber, dass die Artefakte nicht das Orientalische Institut bekommt, sondern ein österreichisches Forschungslabor, welche daraus reproduzierbare Waffen herstellen!“ Holmes paffte stirnrunzelnd an seiner Zigarre. „Einige tausend davon über den Straßen von London – mich überläuft ein kalter Schauer.“
„Ich verstehe“, grinste William Raymond. „Besser unser Labor stellt die Dinger her und sie erscheinen über Wien, oder?“
„Wenn Sie schon so fragen, Mister James, ja, das fände ich besser!“
„Das heißt, ich bin wieder im Dienst und soll nach Persien, um die Artefakte zu besorgen?“ James beugte sich interessiert vor.
„So ist es, Captain James! Sie haben Carte Blanche, aber bringen Sie mir die Dinger oder vernichten Sie sie zumindest!“
James erhob sich und salutierte. „Verstanden, Sir!“ Dann verließ er den Raum, im Gedanken bereits eine Liste von Gegenständen und Personen zusammen stellend.
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Kiel
Die ehrwürdige Hansestadt Kiel konnte auf eine bewegte Vergangenheit zurück blicken. Beiderseits einer langen, keilförmigen Bucht, der Kieler Förde, gelegen war es 1889 der wahrscheinlich größte deutsche Hafen in der Ostsee. Seit einigen Jahren nahm hier vor dem Stadtteil Düsternbrook, gegenüber der Mündung des Flusses Schwerin gelegen, eine Regatta des ‚Kaiserlichen Yachtclub Kiel‘ statt. Waren es 1882, im Jahr der ersten Regatta, noch 20 Boote gewesen, so zählte das Teilnehmerfeld nur sieben Jahre später bereits mehr als hundert große Yachten aus fünfzehn Ländern.
Natürlich dauerte die Veranstaltung 1889 noch keine ganze Woche, es war einfach eine Regatta am Samstag mit einer Siegerehrung am Sonntag. Aber da die ganze Woche über bereits die Teilnehmer eintrafen, hatte eben ein Journalist diesen Ausdruck geprägt. Und er wurde ganz schnell der offizielle Name der Veranstaltung. Am Mittwoch, dem 26. Juni 1889 lief eine 45-Meter-Yacht mit minimaler Besegelung langsam in die Kieler Förde. Das kleine Schiff hatte eine exquisite Linienführung, welche Eleganz und Geschwindigkeit sichtbar werden ließ. Am Heck führte es jetzt das rot-weiß-rote österreichische Banner, am vorderen Mast den Signalwimpel ‚Lotse erbeten‘. Antonia Helene war mit der SPERBER in Kiel eingetroffen.
Nach dem Anlegen marschierte Leutnant Friedrich von Gämser mit den Schiffspapieren zum Büro des Hafenmeisters. Eine durchaus normale Sache, doch dieses Mal wartete der Hafenkapitän bereits vor der Tür und betrachtete die Yacht mit bewundernden Blicken.
„Sie kommen von der SPERBER, Leutnant?“ Lars Pötter hob grüßend die Hand an die Schirmmütze. „Ein wirklich wunderschönes Schiffchen.“
„Eine echte Massieri“, bekräftigte Friedrich. „Die besten Schiffe auf allen Meeren.“
„Dann ist es wirklich die SPERBER? Die kaiserliche Yacht Österreichs?“ Der Hafenmeister wurde ganz aufgeregt. „Das muss sie sein. Und es ist ein Mitglied der kaiserlichen Familie anwesend. Wohl Prinzessin Antonia Helene? Diese Dame soll ja eine begeisterte Seglerin sein!“
„Nicht nur eine begeisterte, Kapitän, sondern auch eine ganz hervorragende. Wie sie die Stürme im Golf von Biskaya abgeritten hat – wie ein alter Seebär. Ich bin schon neugierig, wie sich Schiff und Skipper bei der Regatta schlagen. Aber jetzt zum Geschäft. Ich würde Sie bitten, die SPERBER an die Wasserversorgung anzuschließen, damit ihre Majestät und wir anderen ordentlich duschen können. Sie kennen das Problem mit der Rationierung von Süßwasser auf See ja. Dann würde ich Sie bitten, mir Ihren Fernsprecher zur Verfügung zu stellen. Unsere Mannschaft soll in ein gutes Bordell gehen dürfen, und ich möchte einige Modalitäten mit dem Besitzer besprechen.“
„Nehmen Sie das Laufhaus ‚Kieler Nixen‘, Leutnant. Die Nixen sind sauber und gesund – ach so, hier in Kiel heißen die Freudenhäuser Laufhäuser und die Damen Nixen.“
„Gut.“ Der Leutnant griff zum Fernsprecher. „In etwa einer halben Stunde würde sich die Prinzessin über Ihre Aufwartung freuen, Kapitän. Falls Sie eine Massieri hautnah erleben wollen.“
„Eine große Ehre, Leutnant.“ Lars Pötter salutierte noch einmal. „Eine ganz große Ehre.“
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„Dat is ganz seker, dat weder de Kaiser noch Bismarck in Bayern an geheeme Drapen deelnommen hebbt?“ Fiete Peterson war ein schlanker, noch junger Mann, welcher in der Kleidung eines Matrosen an einem Fass Salzheringe lehnte und eine ägyptische Zigarette rauchte. Neben ihm stand ein Mann in der legeren Kleidung eines Freizeitseglers und betrachtete die Segelyacht SPERBER mit bewundernden Blicken.
„Nein. Zumindest hat Svea diese Nachricht erhalten. Per Telegramm!“
„Na denn schall dat woll stimmen.“
„Wenn du nicht an die spirituelle Welt und unsere Bestimmung glaubst, warum machst du dann bei uns mit?“ fragte der elegante Konrad Carlsen.
„Wegen de Froonslüüd. Un dat Geld!“
„Das ist alles?“, wunderte sich Konrad.
Fiete zuckte mit den Schultern. „Hey, ik bün nich riek, ik bün ok nich schöön oder stark, un wenn ik versöök, wat to lehren, denn verstah ik, dat ik ok nich besünners klook bün. Ik bün man schkt mit‘n Finger. Bi Svea krieg ik de leckersten Deerns un en smucken Hümpel Kahl, wat kann sik een as ik al mehr verwachten?“
„Mehr erwartest Du nicht vom Leben?“
„Nee! I dat Leven tellt bloot Eten, Suppen, en Dack över’n Kopp un en paar hitte Fro to’n Rieden. Allens anners maakt man doch bloot, üm dat tu kriegen. Bi Svea krieg ik dat allens, un wenn dat so wiet is un dat nee’e himmlische Riek op Eerd steiht, denn dröff ik mi Ritter nömm, wahn in en feudaal Huus und leist mi een paar Deerns, de ik fuulen kann. Also, vun mi ut kann dat losgahn!“
„Noch nicht“, bremste Konrad Carlsen. „Jetzt sieht man dich doch.“
„Nee. Ik nehm mi en Boot un kaam ut dat Water“, erklärte Fiete. „Dat fallt hier nüms op.“
„Und dann? Wenn du an Bord bist? Du musst doch auch nachsehen, ob irgendwo Unterlagen an Bord sind. Und wenn dann die Prinzessin ihre Kabine aufsucht?“
„Noch beter!“ Fiete grinste gemein. „Wenn mi de Deern överrast, kriggt se en Ladung vun den Düvel sein Hook af, ik spoor mi de Söökreeg un denn – schall se överleven oder nich?“
„Svea und ich hätten die Sache lieber unauffällig erledigt, Fiete“, erklärte Konrad. „Ganz ohne dass jemand etwas davon bemerkt.“
„Wo schölen dar hengahn, Meester?“ fragte Fiete ratlos. „De wüllt woll so wertvull Tüüg nich ahn opassen laten.“
„Das ist nicht so schwer. Schau nur, diese Prinzessin verlässt das Schiff in großer Robe, das heißt, sie wird irgendwo soupieren. Das kann unter Umständen ganz schön lang dauern.“
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Tatsächlich schritt eben Antonia Helene in Begleitung ihres Ersten Offiziers über die Gangway. Man hätte nicht geglaubt, dass diese Frau nur wenige Tage vorher die SPERBER im Sturm auf Kurs gehalten und den wilden Elementen getrotzt hatte. Der Hafenmeister hatte genügend Süßwasser auf das Schiff pumpen lassen, um jedem an Bord eine ausgiebige warme Dusche zu ermöglichen, das lange Haar der Prinzessin war zu einem Knoten gebunden, die fließende Robe in smaragdgrün schenkte der Trägerin genügend Bewegungsfreiheit, um sie auch den engen Niedergang zu ihrer Kajüte erklimmen zu lassen.
„Also, Leutnant. Schichtweise Landgang für die Besatzung, zwei Post‘n bleib‘n auf dem Schiff an der Planke“, hörten Konrad und Fiete ihre rauchige, dunkle Stimme sagen. „Weiße Gala, aber mit Gewehr, Bajonett aufgepflanzt, Revolver und Schlagstock. Was auch passiert, das Schiff wird von den beiden nicht verlassen.“
„Zu Befehl, Majestät.“
„Und schauen’s, dass jeder irgendwann seine vier Stunden am Stück frei hat. Nicht, dass einer in Unterhos’n zurück g’laufen kommen muss. Mit dem Lokal dort am Ende von der Förde, dem Laufhaus ‚Kieler Nixen‘, haben Sie ja alles geregelt, die Leut‘ können dort zuerst was trinken geh‘n und dann nachschau‘n, wie die Nix‘n unter‘m Bauchnab’l so ausschau‘n. Und nachher können’s gern noch ein wengerl mehr trinken. Und wenn’s gar so juckt, dürfen die Männer auch noch ein zweit’s Mal zu die Maderln. Das Angebot gilt auch für Sie, Leutnant. Viel Spaß.“
„Danke, Majestät.“
„Keine Ursach‘. Erwarten’s mich nicht vor der Hundswach‘ zurück, wenn’s Spaß gibt, auch später!“
„Zu Befehl, Majestät. Darf ich Majestät noch den Wagenschlag öffnen?“ Antonia Helene nickte ihrem Offizier zu und kletterte in einen dampfbetriebenen Landauer, welcher eben vorfuhr. „Zum Goldenen Krug“, rief sie dem Fahrer zu, der auch prompt mit den beiden Hebeln hantierte, sein Gefährt wendete und den Kai der Kieler Förde über die Schuhmacherstraße verließ. Leutnant Friedrich von Gämser salutierte noch schneidig, dann ging er an Bord zurück. Keine 10 Minuten später verließ die erste Gruppe Matrosen die Yacht, und die zwei Wachtposten zogen auf.
„Das ist ja, als hätte das Glück bei uns zugeschlagen.“ Korand Carlsen bemühte sich um Ruhe. „Besorg dir dein Boot, Fiete. Es wird ja noch leichter als gedacht. Viel leichter!“
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Die blonde Jördis Sigurdsen war nachlässig und aufreizend gekleidet, wie eine jener billigen Prostituierten, welche am Hafen ihren Körper feilboten. Und sie hatte auch durchaus etwas zu zeigen. Sie schlenderte am SPERBER vorbei und rief die Posten an.
„He Jungs! Wüllt ji nich vun Boord kamen un en lütten Nümmersch schuven? Ik maak en Sünnerpries för so smucke Jungs as ji? Ehr Offizier is jo sowieso nich da!“ Gardesoldaten wurden Monate lang hart gedrillt, keine Miene zu verziehen, was immer auch geschehen mochte und die gesamte Wachzeit stramm zu stehen. Auch bei der Marine der Vereinigten Donaumonarchien gab es solche Gardisten, allerdings hatte die Prinzessin Antonia Helene bei der Zusammenstellung ihrer Mannschaft auf andere Fähigkeiten Wert gelegt. Ihr genügte es, wenn ihre Matrosen niemand an Bord ließen, wie sie am Ende der Gangway standen, ehe jemand die Planke betrat, war ihr völlig egal. Also standen die Matrosen Hannes Liebau und Andreas Werner bequem auf ihrem Posten und betrachteten die Frau.
„Du musst dir erst amal a andere Kundschaft such’n“, rief Hannes im breiten Dialekt seines wiener Heimatbezirkes zurück. „In zwa Stund‘ werdn‘ mia abglöst, dann kenn ma uns in die Kieler Nixen treffen.“
„Wirklich? Ji gaht dad wat ut.“ Sie drehte sich um, bückte sich und entblößte kurz ihr Hinterteil. „Kiekt mal! Dar verpasst ji wat!“
„Ja, eh fesch“, konstatierte Andreas. „Trotzdem müss’n mir noch fast zwei Stunden Dienst schieben statt was dir. Tut ma leid.“
„Un wenn ik jo twee smucken Jungs an Boord besöken käme?“ Sie begann ihre Bluse zu öffnen und auf die Gangway zuzugehen.
„Schlechte Idee“, antwortete Andreas, die Gesichter der beiden Matrosen wurden hart und sie fällten ihre Gewehre mit den Bajonetten. „Ganz schlechte Idee.“
„Allens goot, Jungs, allens goot.“ Jördis hob die Hände in Schulterhöhe und präsentierte dabei einen üppigen Busen. „Ik gah ja al wedder trügg. En Deern mutt halt ok kieken, woneem dat ehr Geld her kriggt. Un en lichte Deern to wesen is en swaar Beroop.“
„Scho recht, Madl!“ Hannes Liebau lächelte wieder. „So langst in dera Entfernung bleibst, kannst treiben, was und mit wem du’s willst.“
„Tokieken köst aver ok!“ Jördis senkte ihre Hände wieder und schloss die Bluse. „Man en beten köönt ji all lohnt för dat, wat ik wiest heff.“
„Von mir aus!“ Andreas zog einen halben Gulden aus der Tasche. „Aber heb‘ noch amal das Rockerl und zeig uns dein Buscherl!“
„Kannst du hebben!“ Jördis hob den Rock und präsentierte ausgiebig ihre Scham. „Reckt dat?“

„Sicher!“ Andreas warf die Silbermünze zielgenau und Jördis fing sie auf.
„Wees bedankt, Maat.“ Damit ging sie hüftschwingend weiter.
Während des Auftritts von Jördis hatte Fiete Peterson seinen kleinen Kahn an die Bordwand der SPERBER gewriggt und war geschickt an Bord geklettert. ‚Goot Arbeit, Jördis‘, dachte er bei sich und verschwand lautlos im Niedergang. Dann begann er die Kabine der Eignerin zu durchsuchen, in welche durch eine Laterne am Kai matt beleuchtet wurde. Was er fand, war für ihn durchaus zufrieden stellend. Es gab geheime Depeschen, auch weiterhin verbündet zu bleiben, Verträge über Lieferungen neuer Technik gegen andere Technik, Anfragen über dieses und jenes. Interessant für Agenten internationaler Geheimdienste, sicher, aber kein Wort über eine Verschwörung oder einen aufrührerischen Zirkel. Hier schien jeder Staat noch sein eigenes Süppchen kochen zu wollen. Rasch notierte Fiete einige Eckdaten, welche ihm interessant vorkamen, dann ließ er rasch sein Feuerzeug aufleuchten und huschte zum Niedergang.
Den Kai entlang torkelten zwei Männer in der Uniform der deutschen Handelsmarine. Vollmatrosen, nicht mehr ganz jung, beide trugen den typischen hanseatischen Bart und waren augenscheinlich stockbesoffen. Hatten sich die österreichischen Seefahrer an Bord der SPERBER die Angebote von Jördis noch gerade eben so zusammenreimen können, so stiegen sie bei den lauten Worten der beiden Matrosen völlig aus. Sie verstanden von zehn Worten vielleicht eines, hörten allerdings den aggressiven Tonfall. Ihre Wachsamkeit stieg, und sie nahmen ihre Gewehre kampfbereit auf, merkten dann aber, dass nicht sie das Ziel der Beschimpfungen waren. Nicht allzu weit von der Gangway der SPERBER entwickelte sich bald die schönste Keilerei, bis ein Bootsmann einschritt und die beiden Kampfhähne mit seinen großen Fäusten trennte.
Der Matrose Marek Bilovsky zündete sich eine Dreier aus ungebeiztem, starkem Balkantabak an und sah dem Trio hinterher. „Ist sich schad, dass uns nicht auch haben g’schickt a hibsches Maderl, das was ihr Rockerl lupft. Hab’n wir uns missen anschau’n schirche Mandeln, die was g’spielt haben b’soffene Bagage!“
„Hab’n wir halt Pech g’habt“, bemerkte Franz Müller, rümpfte die Nase und holte eine Packung Zigarillos aus der Tasche. „Wie kannst du nur das stinkerte Kraut rauchen? Bei deine Beuschlreisser rollt’s einem ja die Zechennägel hoch! Pfui Deixl, bei der Marie, die wir verdienen, könnst‘ dir zumindest Zweier kaufen. Oder Donau!“
„Sind sich aber schon ein paar Kreizer mehr jedes Packerl“, erklärte Marek. „Da kennt ich schicken meiner Frau weniger Geld. Wir wollen’s ja schen haben im Alter.“
„Dann hör halt ganz zum Rauchen auf. Dann kannst ihr noch mehr schicken.“
„Hab ich versucht, Franz. Ehrlich versucht. Hab‘s aber nicht geschafft!“
„Na dann! Glaubst, die Fetzenschädel haben’s g’fressen, dass wir nur auf die Streithanseln g’schaut hab’n?“
„Wird‘ ich schon annehmen, Franz. Fast hät ich missen lachen bei der klan‘ Komödie, die was die aufgeführt haben.“
*
Ägypten
Als ich ihn zum ersten Mal sah, war mir sofort klar, dass soeben mein Schicksal den Raum betreten hatte, und dennoch geschah es, dass ich ihm verfiel. Er, ein persönlicher Lanzenträger des babylonischen Königs Kambyses, kam im 44. Jahr der Herrschaft des Pharao Chnub ib-Re, des General Amasis, den ich zum Herrscher gemacht hatte, nach Memphis. Er begleitete einen Abgesandten seines Königs, dessen Name Hanurbanipal lautete, war vierundzwanzig Jahre alt und ein entfernter Verwandter des Königs, wie ich erfuhr. Er war wirklich gut aussehend und beschenkt mit dem Körper eines griechischen Gottes. Und so zeigte ich ihm einige persönliche und sehr intime der Schätze und Geheimnisse der Gottesgemahlin. Der junge Mann konnte mit seinem Speer tatsächlich hervorragend umgehen, und wenn dieser auch nicht aus Metall und Holz war, mir schien es oft, als würde er mitten durch mein Herz gehen.
Törichtes Herz einer alten Frau, auch wenn sie jung aussah! Töricht und dumm, den Worten eines jungen Mannes, eines Bayloniers zu glauben!
Als Amasis starb, kam Kabūjiya mit seiner Armee nach Ägypten, und ich lag zu dieser Zeit mit dem Haupt an der Brust meines Geliebten, viele Tagesreisen von der Hauptstadt entfernt in Theben. Der Sohn des Pharao, Psammetich III, versammelte zwar noch eine Streitkraft um sich, aber ohne die Artefakte der Ahnen, ohne meine Hilfe blieb ihm der Sieg verwehrt. Als ich davon erfuhr, begab ich mich sofort an Bord meiner Nilbarke und befahl den Ruderern abzulegen, wollte noch retten, was zu retten war. Doch zu meinem Schreck musste ich feststellen, dass nicht mehr meine Männer an Bord waren, sondern Babylonier unter dem Kommando des Dārayavauš, Gefolgsleute von Kabūjiya. Dārayavauš kam bald nach mir an Bord und begrüßte mich spöttisch an Bord SEINES Bootes. Ich erhielt keine Möglichkeit mehr, die Barke zu verlassen, und wir segelten tatsächlich nach Memphis, doch ich fuhr nicht als Retterin, als Befreierin mit, sondern als Gefangene. Auch wenn er einstweilen noch darauf verzichtete, mir Fesseln anzulegen, war die Situation eindeutig. So stark ich ihn vorher geliebt hatte, so sehr hasste ich ihn nun und verachtete mich selbst für meine Blind- und Dummheit. Meine letzte Hoffnung war in Memphis das Aufsuchen der Schatzkammer, und dann wehe den Babyloniern und Dārayavauš. Als wir die Hauptstadt endlich erreichten, war der Belagerungsring um Memphis bereits geschlossen, und ich hatte keine Gelegenheit mehr, in die Stadt zu kommen. Also fasste ich mich in Geduld, als Gefangene jetzt im Zelt des Eroberers Kabūjiya.
Dann, einige Tage nach dem Fall von Memphis, durfte ich das Zelt endlich verlassen und den Palast aufsuchen. Die Barbaren hatte blutige Ernte gehalten, mehr als zweitausend wohlhabende Bewohner der Stadt waren den Schwertern seiner Männer zum Opfer gefallen, die Leichen der Armen hatte man gar nicht gezählt. Mein Herz war schwer, wieder waren, nach 44 Jahren, Vergewaltiger und Mörder durch die Straßen der heiligen Stadt Memphis gezogen. Ich stieg langsam die Treppe vor dem Haus des Pharaos hoch, vor meinem inneren Auge sah ich nur zu genau die angerichteten Gräueltaten, die niederfahrenden Schwerter, hörte das Geschrei der Verlierer, das rohe Lachen und schwere Atmen der Sieger. Sah all die Toten, auch wenn das Blut bereits vom Marmor gewischt war. Ich wanderte still durch die Gänge bis zur geheimen Kammer und öffnete die Tür. Sie war – leer! Gelächter dröhnte hinter mir auf, Kabūjiya stand dort mit Hanurbanipal, Dārayavauš und einem mir unbekannten Mann.
„Erinnerst du dich an Men-Haper-Nut, Anchnesneferibre?“ Der König legte dem Unbekannten seine Hand auf die Schulter. „Wahrscheinlich nicht. Er ist – nein, er war ein kleiner Palastdiener, der mehr an die Macht des Goldes als an die göttliche Abstammung der Pharaonen glaubt und er wusste von dem Streitwagen, dem Bogen und der Krone. Darauf fußte mein Plan, und er ging ganz hervorragend auf. Dārayavauš kümmerte sich um dich, und Men-Haper-Nut um Amasis.“
„Wobei ich die durchaus angenehmere Arbeit hatte“, grinste mich Dārayavauš höhnisch an. „Ich würde dich ja als Konkubine mit in meine Heimat nehmen, aber ich fürchte, ich kann in dir das alte Feuer für mich wohl nicht mehr entfachen!“
„Versuche es doch“, knurrte ich ihn an!
„Nein, ich denke, das wäre das falsche Feuer, das ich damit schürte. Schade, aber so ist nun einmal der Krieg!“
„Da wäre noch etwas!“ Kabūjiya hatte plötzlich einen Dolch in der Hand, den er dem Verräter in den Bauch stieß.
„Aber …?“, röchelte der ehemalige Diener.
„Oh, ich hasse einfach Verräter und Leute, die ihren Treueschwur brechen!“ Der Babylonier wischte den Dolch am Leinenkittel des Sterbenden ab und winkte mich beiseite. „Du kannst gehen, Anchnesneferibre! Geh, wohin auch immer du willst! Deine Macht ist nun in unseren Händen, und wir werden herausfinden, wie die Waffen einzusetzen sind. Verschwinde aus der Stadt und lebe mit deinen Versagen.“
Langsam wandte ich mich mit gesenktem Kopf ab und schlurfte in meine Gemächer des Palastes, wo ich mich in Wüstenkleidung hüllte. Dann ging ich aus der Stadt zum Hafen und suchte mir ein Boot, das nach Süden fuhr. Mit brennenden Augen sah ich die Mauern von Memphis hinter einer Flussbiegung verschwinden. Wegen der Umarmungen eines Mannes hatte ich meinem Volk die Fremdherrschaft des Kabūjiya beschert, und danach die des Dārayavauš, der sich und sein Volk später selbst als Perser bezeichnen sollte.
1889 Juli
Wien
Das Passagierschiff Leichter-Als-Luft LINDAU der ÖDLAG, ein ganz typisches wie eine Zigarre geformtes Luftschiff, befuhr zwei Mal in der Woche im Liniendienst die Strecke Wien – Istanbul. Runde 1.300 Kilometer in einer Richtung, mit jeweils zwei Stunden Aufenthalt in Budapest und Bukarest dauerte der Flug 14 Stunden hin und ebenso lange zurück. Als Kapitän Matič dieses Mal in Budapest die Anker Richtung Westen gelichtet hatte, knisterte ein Telegramm mit einem der seltenen Befehle der Regentin Helene in der Tasche seiner blauen Uniformbluse mit den goldenen Epauletten. ‚passagier prof. joseph karabacek in schönbrunn absetzen – stop – pas. bescheid geben – stop – gez. helene reg. k.u.k.‘. Der Kroate hatte sich zwar gewundert, aber allerhöchster Befehl war allerhöchster Befehl, also benachrichtigte der Offizier umgehend den Fahrgast und gab dem Navigator den Befehl, direkt Kurs auf den Lufthafen des Schlosses Schönbrunn zu nehmen. Der Navigationsmaat erster Klasse Gruber hatte salutiert, den Befehl bestätigt und erst einmal – gar nichts getan. Bei einer Flugstrecke von 217 Kilometer lohnte es sich nicht, wegen lausiger 3 Kilometern jetzt schon den Kurs zu ändern. Da war die zu erwartende Abdrift durch Seitenwinde ja größer. Erst über dem Alberner Hafen bei Kaiserebersdorf gab er dem Steuermann die Anweisung, ein wenig nach Backbord zu drehen. Zeit, Schönbrunn anzusteuern.
Die Menagerie von Schönbrunn mit dem achteckigen Pavillon in der Mitte wurde im Auftrag Franz Stephans von Lothringen, dem Ehemann der Kaiserin Maria Theresia, von Jean Nicolas Jadot de Ville-Issey als Symbol für die Größe der Habsburger und ihrer Erfolge in perfekter Symmetrie entworfen. 1759 war das Ensemble endlich fertig gestellt. 12 große Gebäude für die Tiere, ein Verwaltungsgebäude, zwei Teiche und ein Lagerhaus. Ursprünglich war der Pavillon nur als Frühstücksraum für die kaiserliche Familie gedacht gewesen, doch am Ende des 19. Jahrhunderts sah man das nicht mehr so eng. Besonders im Sommer traf man sich hier auch ganz gerne zu Besprechungen im engsten Kreis.
„Ach, Oberwinden. Komm Sie nur näher“, forderte die Regentin Helene die Freundin ihrer Tochter auf.
„Majestät!“ Elisabeth erhob sich aus dem Hofknicks und kam weiter in den Pavillon.
„Nehm Sie sich einen Stuhl und setz Sie sich zu uns.“
„Vielen Dank, Majestät.“ Die zarte Markgräfin Manawatū wählte einen Stuhl und setzte sich, dann wandte sich Maria Sophia an ihre Freundin.
„Lisi, wir hab’n ein Problem, und du g’hörst ja praktisch schon zur Familie. Ich kenn‘ keinen Menschen, dem ich mehr vertrau‘ als dir. Na ja, also dem Hametten würd‘ ich was unser Familie angeht fast so sehr vertrauen und dem Maerz privat. Aber eben nur fast. Kurz g’sagt, du kriegst einen ganz vertraulichen Geheimauftrag. Also, jetzt erst einmal als Anfang, ab sofort kannst dir den Oberstleutnant abschminken. Jetzt bist einfach eine Frau Oberst, basta, kein Einspruch möglich. Und du wirst ganz offen als Oberst eine Zeitlang nach Persien gehen müssen.“
„Ja, aber, was soll ich denn dort überhaupt mach’n?“
„Du wirst dort offiziell als Sicherheitsoffizier tätig sein und die Kompanie unter‘m Hauptmann Hankaka wird dir auch unterstellt sein. Dazu musst du irgendwie dafür sorg‘n, dass verschiedene Dinge nach Wien kommen. Geld, auch in Gold, als Kaufpreis oder Bürgschaft wird genug vorhand’n sein, wir woll’n den Persern ja nichts stehl’n.“
Elisabeth lehnte sich zurück und bewunderte die Fresken an der Decke des Saales. „Und – was soll ich von dort besorg’n?“
„Das werden dir die Professoren Reinisch und Karabacek genau erklären, Lisi.“ Ein Schatten fiel auf den Pavillon, und ein niedrig fliegendes Luftschiff näherte sich dem Lufthafen hinter der Gloriette.
„Die LINDAU ist ziemlich pünktlich“, bemerkte Helene mit einem kurzen Blick auf die Uhr. „Jetzt wird der Karabacek ja bald da sein.“ Sie wandte sich um und winkte einen Pagen zu sich heran. „Gehe Er los und bitte Er Professor Reinisch, sich uns anzuschließen.“
*
„Und wer wird jetzt auf dich aufpassen, wenn ich in Persien herumkrebs?“ Maria Sophia hatte sich mit Elisabeth in ihre Gemächer im Hauptgebäude des Schlosses zurück gezogen.
„Der Hametten hat versprochen, dass er sich d’rum kümmert und mir jemand vorbei schickt. Ich hoff‘ nur, dass das Mädel fähig ist, sich irgend wann das Steckerl aus’m Arsch zu zieh’n. Ich hass‘ nichts mehr als andauernd Hoheit da, Prinzessin dort. Mir reicht’s schon, wenn die Lakai’n da im Schloss tun, als wär ich weiß Gott was b’sonder’s.“
„Aber das bist du, Mitzi. Wenn – was Gott verhüten möcht‘ – dem Franz Rudolf was passiert, bist du wieder die Kronprinzessin. Wieso eigentlich nicht jetzt schon? Haben wir nicht die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Verfassung vom Franz Karl stehen?“
„So einfach ist das auch wieder nicht, Lisi. Im Allgemeinen – ja. In der Erbfolge vom Adel – nein. Da müss’n wir schon froh sein, dass das salische Recht überall in Kakanien abg’schafft worden und der pragmatischen Sanktion g’wichen ist. Aber trotzdem kommen halt immer noch zuerst die Buben dem Alter nach und erst danach die Mädels. Wieder nach Alter. D’rum hättest du Oberwinden nur erben können, wenn der Caspar Akiro vor deinem Papa stirbt. Obwohl dein Bruder zwei Jahr jünger ist. Außerdem hab‘ ich mich auf den letzten Platz zurück stufen lassen, schon vergessen?“
„Dann bist an dritter Stell‘. Weil weder Valerie Theresia mit dem François Louis noch Elisabeth Anna mit dem Pawel Alexandrowitsch hätten einen ordentlichen Rückhalt im Volk, solange die Antonia Helene und du noch am Leben seid. Und wenn nicht – dann wär’s schlimm. Da würden’s eher deinen Onkel Luitpold von Bayern zum Kaiser ausrufen.“
„Der wär‘ eh nicht so schlecht, und verwandt ist er mit uns auch über sieben Suppenschüsseln. Oder sie holen den Buben vom Onkel Johann, der die Anna Plochl g’heiratet hat“, nickte Maria Sophia. „Der Bub heißt ja eh auch schon Franz. Oder aus irgendeiner von den anderen Seitenlinie. Wir Habsburger hab’n uns doch eh vermehrt wie die Has‘n, nur bei mir ist’s bis jetzt nichts worden. Und ich hab‘ bei Gott nichts anbrennen lassen!“ Marias Stimme brach.
„Aber Mitzi, das kann doch noch werden!“ Elisabeth sprang auf und nahm ihre Freundin in den Arm.
„Ach geh‘! Seit gut 14 Jahr hab‘ ich mir jedes Mannsbild g’nommen, das gut ausg’schaut und noch besser g’rochen hat. Und was ist passiert? Nix. Genau gar nix.“ Die Prinzessin tupfte ihre Tränen ab. „Noch ein Grund, warum ich besser nicht Kaiserin werden sollt‘. Sonst geht die Streiterei bei mein‘ doch Tod erst recht wieder los! Da wär’s noch besser, dass, wenn der Franz Rudolf unfruchtbar wär, seine Ehefrau auswärts arbeiten lassert und ein Kind vom Reitlehrer als Thronfolger herzeigt.“
„Aber Mitzi!“
„Ist ja wahr! Also, wenn ich wirklich Kaiserin werden müsst‘, würd‘ ich entweder stante pede die Republik ausrufen oder die Linie vom Johann zu meine Nachfolger ernennen. Mit der Plochl Anna hätt’n wir wieder eine g’sunde Blutauffrischung, und ich hoff‘, der Franz Rudolf nimmt sich auch eine Frau weit weg von unserer Linie. Am besten eine ganz niedere Adlige oder noch besser gleich eine Bürgerliche. Nur g’sund sollt’s sein. Wir Kinder von unserer Mama hab’n ja ein riesig’s Glück g’habt. Stell‘ dir vor, wir hätt’n die Papp’n und das Kinn von Uropa Leopold g’erbt!“ Sie deutete eine vorgestülpte Unterlippe und ein langes Kinn an. „Vielleicht wird so ein Goscherl in hundert, hundertfünfzig Jahr‘ modern, aber heut‘ ist nur hässlich!“
„Und du glaubst wirklich, dass Männer solche Lipperln einmal schön finden werd’n?“ Elisabeth rümpfte die Nase und zeigte dabei zwei allerliebste Fältchen an derselben. „Ich mein – die schau‘n ja aus, als hätt‘ sich ein voll aufpumptes Luftschiff drin verirrt!“
„Bei den Kayan in Birma gilt’s als schön, wenn der Hals der Frau möglichst lang scheint, die Chinesen bind‘n den Mädeln die Füß‘ krumm, in Ägypten haben’s den Kindern der Oberschicht die Köpf‘ einbunden, damit’s lang und schmal werden – und alles, weil’s schön sein sollt‘. Einmal war’n fette Frau‘n das Ideal, und dann wieder dürre Stangen wie Buberln ohne erwähnenswerte Brüstln und Hintern. Wer weiß schon, was unsere Enkerln g’fallen wird. Vielleicht ein Ohrringerl in der Zungen oder goldene Rotzglöckerln in der Nasen.“
„Bäh, das ist ja – grausig. Irgendwie – total ekelhaft! Das kann ich mir gar nicht vorstell’n. Und wie will man denn damit ordentlich reden können? Vom essen ganz zu schweig’n!“
„Frag‘ mich nicht. Aber die Tante Sisi hat sich auch auf die Schulter einen Anker tätowieren lassen. Und über’n Steißbein einen Doppeladler. Zwar ohne Schwert und Reichsapfel, aber mit zwei Lanz‘n, die genau auf’s Connard weis’n. Ich kann mir vorstellen, dass Opa Max … Ja?“ Maria Sophia unterbrach sich, als es an der Tür klopfte. Ein Diener öffnete die Tür einen Spalt.
„Hoheit, das Fräulein Aloisa Vogt bittet vorgelassen zu werden. Sie meldet, sich auf Befehl des Fürsten zu Hametten einzufinden.“
„Na dann, nur immer herein mit ihr, Polderl.“
Auf der Straße hätte sich nach Aloisia Vogt wahrscheinlich kaum jemand umgedreht. Sie war zwar recht hübsch, aber auch wieder nicht aufregend. Ebenso verhielt es sich mit ihrer Figur, an Aloisia war eben alles ziemlich durchschnittlich. Kaum gesehen, war sie schon wieder vergessen. Ihr Kostüm aus blassgrünem Stoff und die türkise Bluse mit schmalem Stehkragen verstärkten diesen Effekt noch weiter. Aloisa verschwand einfach, verschmolz mit der Masse. Jetzt sank sie in den bei Hof üblichen Knicks, die Augen scheinbar gesenkt.
„Sie kommt vom Hametten?“ Maria Sophia winkte Aloisia aufzustehen und näher zu treten.
„Wie Hoheit befehlen.“
„Eigentlich war’s ja eine Frage und kein Befehl. Setz‘ Sie sich.“ Dabei wies die Prinzessin auf einen Stuhl.
„Wie Hoheit wünschen.“
„Also, einige Regeln. Erspar Sie sich und mir, bei jedem Satz irgendwie das ‚Hoheit‘ und das ‚Majestät‘ und so. Wenn Sie den Post‘n bekommt, ist’s eh mit der dritten Person aus. Also, wer ist Sie?“
„Mein Name ist Aloisia Vogt, und ich bin Oberleutnant im Evidenzbureau, 23 Jahre alt, ledig, habe keine Kinder, war die Klassenbeste im unbewaffneten und bewaffneten Nahkampf und wurde an den Hand- und Faustfeuerwaffen sowie auf dem Schwarzlose-MG ausgebildet.“
„Na also, das klingt vielversprechend. Ist Sie genant, Aloisia?“
„Na ja, nicht sehr, Majestät. Zimperlich darf man als Agentin beim Fürst zu Hametten nicht sein.“
„Um so besser. Dann würd‘ Sie mich auch in einen Hamam begleit‘n, wenn ich einen aufsuchert?“
„Selbstverständlich. Da ist doch gar nichts dabei!“
„Na dann, aufsteh‘n und auszieh‘n“, befahl Maria Sophia.
„Selbstverständlich!“ Aloisa sprang auf die Füße, der Wickelrock, nur von einem Knopf gehalten, landete zuerst auf dem Boden, enthüllte zwei muskulöse, bestrumpfte Beine und eine kurze Unterhose. Ihre Hände flogen zum Kragen und öffneten die Knöpfe der Bluse, dann schlüpfte sie aus dem Kleidungsstück. Während sie die Oberbekleidung mit der Rechten noch beiseite legte, warf Maria Sophia einen Apfel nach ihr, den sie mit der Linken leicht aus der Flugbahn griff. Dann startete Lisi einen Angriff, der abgewehrt wurde, und es entspann sich ein rascher Zweikampf.

„Das reicht schon!“ Die Prinzessin winkte schließlich ab. „Sie kann sich wieder anzieh‘n.“ Aloisa knickste kurz und vervollständigte wieder ihre Toilette. „Sehr gut reagiert. Du siehst, Lisi, ich werd‘ in besten Händ’n sein, wenn du in Persien bist. Auch, wenn ich nackert im Teich schwimmen geh’n will.“
„Na ja! Es war gar nicht schlecht.“ Lisi musterte Aloisia noch einmal von oben bis unten. Ihr Blick versprach einen langen, qualvollen Tod für Aloisia, sollte sie beim Schutz der Prinzessin versagen.
*
Persien – Pasagarde
Der Begriff ‚Leichter als Luft‘ ist für die gasgefüllten Luftschiffe ein wenig irreführend, impliziert er doch ein Gefährt, dessen Gewicht zur Gänze vom Auftriebsgas getragen wird oder, wenn man es lässt, sogar noch von selber steigt. In der Realität wird vom Wasserstoff oder – wie in den Donaumonarchien zumeist üblich – dem Helium nur etwa 90 bis 95 Prozent des Gewichts getragen, den Rest erledigen die starken Vaporid-Dampfmaschinen oder Elektromotore. Was bei den Luftschiffen der Mungo-Klasse immer noch etwa 8 Tonnen waren. Ohne Last.
Die Schiffe der Mungo-Klasse waren Kleintransporter, nur 169 Meter lang, 92 breit und ohne Steuerfinnen 53 hoch, ausgelegt für 15 Tonnen Fracht und 52 Passagiere, ein Infanterie-Zug mit Ausrüstung und Gepäck. Dafür waren sie mit beinahe 165 Kilometer pro Stunde schon ganz schön schnell. Die Strecke von etwas mehr als 18.000 Kilometer von Wien nach Te-Whanganui-a-Tara, der Hauptstadt am Südende der nördlichen Māoi-Insel, schafften sie in etwas mehr als 5 Tagen. Non-Stop und wenn alles gut ging. Dazu kam noch die Fähigkeit, überall landen zu können, ohne einen Mast zu benötigen. Eine kleinere Version der nagelneuen Orca-Klasse, und man hatte bei der stetigen Verbesserung der Mungo-Klasse viel über diese Art von Luftschiff gelernt. Die Mungos waren schon praktische kleine Schiffchen, die nur eines vermissen ließen. Luxus.
Der Platz für die Passagiere war mit jenem der Besatzung der alten Segelschiffe vergleichbar. Tagsüber wurden Tische und Bänke herabgeklappt, und des Nachts wurden Hängematten zwischen Spanten gehängt. Zu essen gab es nur Konserven, die wie der Kaffee im Dampfschrank gewärmt wurden. In diesem Schrank strömte der kochend heiße Dampf aus dem Vaporidkessel durch einige Rohre und ermöglichte so die Warmverpflegung. Zu dieser Nahrung gab es Brot, Butter und jede Menge Tee. Kessel voll, wenn man wollte. Als einziger Luxus gegenüber den alten Segelschiffen konnten die 10 Toiletten- und 2 Waschkabinen bezeichnet werden, ebenso die bessere Belüftung und Beleuchtung. Dafür war die Aussicht vom Passagierdeck ebenso atemberaubend wie von der Steuerkanzel. Zum Glück war es selten nötig, derart lange Strecken in einem Stück zu fliegen. Die VÖSLAU zum Beispiel war vor etwas mehr als 23 Stunden in Wien gestartet und befand sich nun bereits wieder im Sinkflug. Sie brachte eine Beraterin für Sicherheitsfragen und die neue Sicherungstruppe für die österreichischen Ausgrabungen nach Pasagarde, 50 hochtrainierte und geschulte Elitesoldaten.
Wenn man an Elitesoldaten denkt, stellt man sich meistens zuerst einmal baumlange Männer vor, mit breiten Schultern, mit Muskeln, welche beinahe die Uniform sprengen, kantigem, harten Granitkinn und stechenden, harten Augen ausgestattet. Sie haben Hoden so groß wie Hühnereier und schwitzen pures Testosteron aus allen Poren. Tatsächlich gibt und gab es schon immer solche Soldaten, und manchmal waren diese Männer im Ernstfall sogar halbwegs brauchbar.
Auf die Uhus unter Oberstleutnant Christoph Plautzen, um nur ein Beispiel zu nennen, traf diese Beschreibung überhaupt nicht zu. Diese Männer wirkten, wenn man ihnen auf der Straße begegnete, völlig normal und unauffällig, waren aber im Einsatz beinahe unheimlich effizient. Auch die zwei Züge der vierten Kompanie des ersten schweren k.u.k. Jägerregiments Kronprinz Franz Karl, die Toas, waren ein solcher Fall. Dieses Wort aus der Maori-Sprache bedeutete soviel wie Kriegerinnen. Also, genau genommen, war ja auf Maori sowohl der Singular als auch der Plural Toa, aber die Österreicher haben halt trotzdem das ‚s‘ für die Mehrzahl hinten dran gehängt. So etwas tut doch niemand weh, und für die Europäer war es auf diese Art nun einmal leichter zu verstehen. Die Existenz der Toas war nicht unbedingt geheim, aber man hielt sie eher für eine Art Operettentruppe. Soldatinnen? Offiziere im Marinedienst – gut, da waren einige sogar besser als so mancher Mann. Bei den Selbstfahrlaffetten – schon möglich, dass sich eine Frau hier auch behaupten konnte. Aber bei der Infanterie? Was mussten denn das für Flintenweiber sein? Wohl ziemlich quadratisch gebaut und sehr wahrscheinlich wenig attraktiv. Mehr wie ein Mann geformt statt wie eine Frau aussehend, keine Tittchen und noch weniger Ärschchen, also irgendwie – na ja, halt so, so eine Art Mannweiber.
Diese Beschreibung würde den 105 Frauen unter Frau Hauptmann Simone Kowatuma allerdings wirklich nicht gerecht werden. Natürlich konnte nicht jede von ihnen eine richtig umwerfende Schönheit sein, ihre Gesichter und Figuren spiegelten eben die gesamte Bandbreite weiblichen Aussehens wieder. Wie halt ganz normale Frauen so aussehen, also jede von ihnen doch irgendwie auf ihre ganz eigene und besondere Art fesch.
In der Steuerkanzel suchte Linienkapitän Laszlo Háyek mit seinem Feldstecher die Umgebung ab. „Wenn Sie dort hinsehen möchten, Frau Oberst, sehen Sie bereits das Lager der Ausgrabungen. Eine Kompanie der österreichischen Infanterie teilt sich mit einer der persischen die Bewachung des Zeltes bei Tag und Nacht, sie campieren auch dort. Obwohl die Funde an Wertsachen bisher, wie man mir letztens sagte, noch eher spärlich sind.“ Der Budapester sprach Deutsch ohne erkennbaren Akzent. Elisabeth, Markgräfin von Manawatū, folgte mit dem Blick seiner weisenden Hand und hob dann ebenfalls ihren Feldstecher vor die Augen mit leichter orientalischer Augenfalte, welche ihrem ohnehin schon hübschen Gesicht zusätzlich noch einen ungemein aparten Ausdruck verliehen.
„Ein ganz schön großes Zelt“, befand sie. „Das ist so breit, da brächt‘ man ja direkt eine Kegelbahn darin unter.“
„Es ist normalerweise eine Feldkantine des Heeres, Frau Oberst. Die Ausgräber und deren Hilfskräfte und Assistenten wohnen dort drüben im Camp, wir haben an der Stelle auch für die 50 Damen an Bord noch Zelte aufgeschlagen, leider lauter Fünf-Mann-Zelte. Außer für Oberleutnant Hofstätter und Leutnant Čurn, welche in den Papieren als Doktoranden geführt werden, diese Damen haben jede ein kleines Zelt für sich. Aber wenn auch noch ein zweiter Infanterie-Zug eintrifft, wird es eng. So riesig ist ja das moderne Pasagarde auch nicht. Österreich kann ja nicht den ganzen Ort übernehmen.“
„Nein, natürlich nicht“, lächelte Lisi von Manawatū. „Wir werd‘n dort bei dem Zelt ein festes Feldlager errichten, mit einer richtig‘n Kantin‘, einer Küch‘ und natürlich Duschen. Die kreuzweis‘ verleimten Sperrholzplatt‘n und die Steher hab‘n wir bei dieser Fahrt an Bord, der Wachzug wird sich wohl freu‘n, zur Abwechslung einmal konstruktiv tätig sein zu dürf’n. Wenn der nächste Zug eintrifft, wird dieser auch das jetzige Lagerzelt mit festem Sperrholz auskleid‘n, das Material wird‘n Sie uns wie den Zug bei ihrer nächsten Fahrt bringen. Dann werd‘n wir um das ganze Gelände einen ordentlichen Elektrozaun erricht‘n und vielleicht auch noch ein paar Einkaufsläden und Lokale für die Soldaten hier unterbring‘n.“
„Das wäre nicht schlecht“, brummte Kapitän Háyek und strich sich über seinen altmodisch kurz gestutzten Vollbart. „Die Frau Professor Bernhuber hat ja in der Ortschaft immer einen Mantel getragen und ihr Gesicht verschleiert, damit sie nicht auffällt. Aber 50 Maderln, na ja! Es ist zumindest in der Unterschicht ein ziemlich streng muslimisches Land. Aber entschuldigen Sie mich jetzt bitte, Frau Oberst. Ich muss mich um die Landung kümmern!“
„Keine Entschuldigung nötig, Herr Kapitän. Bitte tun Sie Ihre Arbeit!“
Langsam schwebte die VÖSLAU über einen freien, halbwegs ebenen Fleck in der Nähe des Lagerzeltes. Dem Ruder gehorchend hatte sie die Schnauze in den Wind gedreht und verhielt nun, nur von den drei Heckpropellern gehalten, über der Landestelle.
„Seitenpropeller neunzig Grad drehen“, kommandierte Háyek.
„Neunzig Grad!“ Der Steuergast drehte an einem Rad und beobachtete die Anzeigen, dann warf er über eine Spiegelscheibe einen Blick zur Kontrolle auf die ummantelten Propeller. „Neunzig Grad liegen an!“
„10 Prozent abwärts“, befahl der Kapitän.
„10 Prozent abwärts liegen an“, bestätigte der Maschinenmaat, und die Motorleistung drückte den mächtigen Körper rasch abwärts.
„6 Prozent aufwärts“, erklang das nächste Kommando, die Propeller standen kurz still, ehe sie sich wieder in Bewegung setzten, doch dieses Mal, um die Bewegung abwärts zu stoppen. Im richtigen Moment, das Luftschiff setzte weich und erschütterungsfrei auf.
„Gratulation an Sie und Ihre Mannschaft“, applaudierte Elisabeth. „Hervorragende Landung!“
„Ich kenne eben mein Schiff und Besatzung, Frau Oberst!“
*
In der Nähe der Landungsstelle stand neben einigen dreiachsigen 680er DLKW ein GA-DKW, ein Geländegängiger Allradgetriebener Dampf-Kraft-Wagen der Steyr-Werke. Ein kleiner Viersitzer mit Stoffverdeck, die Bodenfreiheit betrug etwa 40 Zentimeter und die Reifen waren beinahe ein Handspanne breit. Nur 3 Meter lang und 1,28 breit kam der Miniwagen beinahe überall hin und erreichte bei gutem Untergrund in der Ebene stolze 100 Stundenkilometer. Keine Rekordleistung, dafür war die Reichweite mit etwa 1.700 Kilometern mit einer Vaporidpille und einem vollen Wassertank mehr als beachtlich.
Als nun Elisabeth von Manawatū die VÖSLAU verließ und auf die Wagen zuging, schwang sich eine mittelgroße, eher schlank gebaute Frau aus dem kleinen GA-DKW. Der lange, lockere Mantel aus weißen Stoff kaschierte die Details ihrer Figur, der Schleier, welcher von einem breitkrempigen Strohhut hing, verbarg ihr Gesicht. Nur die beiden grünen Augen, welche den Abkömmling verhalten musterten, blieben sichtbar. Auch Elisabeth hatte einen vom zur sandbraunen Uniform gehörenden Tropenhelm hängenden Schleier vors Gesicht gezogen, der Wind wirbelte ständig Sand und Staub auf. Ein Umstand, der ohnehin dazu anhielt, Nase und Mund zu bedecken, egal ob Mann oder Frau.
„Ich bin Professor Annabelle Bernhuber!“ Sie sprach beinahe akzentfreies Hochdeutsch. „Sind sie Elisabeth von Oberwinden, Markgräfin von Manawatū?“
„Die bin ich“, bestätigte Lisi.
„Willkommen, Hoheit!“ Die Professorin schickte sich an, vor der Adeligen einen Hofknicks zu machen, doch Elisabeth wehrte rasch ab.
„Das muss doch nicht sein, Frau Professor“, wehrte Elisabeth ab. „Wirklich nicht. Sagen Sie’s bitte auch den ander‘n. Wenn‘s formell zugeh‘n soll, reicht mir der Oberst völlig, ansonsten bleib’n wir bei Elisabeth!“
„Gerne, Frau – Elisabeth!“ Annabelle streckte die rechte Hand aus. „Noch einmal willkommen!“
„Freut mich, hier zu sein“, ergriff die Markgräfin die angebotene Rechte.
„Soll ich Sie ins Lager bringen, damit Sie sich frisch machen können?“, bot Annabelle an.
„Danke, nein“, lehnte Elisabeth ab. „Ich durft‘ in einer der Offizierskojen an Bord schlaf’n, `s war recht gemütlich. Bringen’s mich bitte zu ihrem Zelt, und rufen’s doch auch die Oberleutnants Wessely und Hankaka sowie die Leutnants Kaikokti und Frieder zur Besprechung.“
Während sich die Damen in den GA-DKW schwangen, gingen die Soldatinnen in ziviler Kleidung schwatzend und kichernd in einem scheinbar ungeordneten Haufen auf einen zum Personentransport umgebauten DLKW und stiegen ein. Er sollte sie zum nahen Zeltlager bringen, wo sie ihr Gepäck unterbringen sollten. Die Kisten mit ihrer Kampfausrüstung wurde unterdessen ins Camp gebracht, teilweise als Nachschub für die beiden Wachzüge deklariert, teilweise auch mit der Aufschrift Professor Bernhuber persönlich. Und selbstverständlich war diese Dame über den Inhalt informiert.
„Da ist’s ja glühend heiß“, sagte die Gefreite Lisa Hofer zu Korporal Gabi Ibhubesi hinter ihr beim Einsteigen in den Truppentransporter. „Da werd’n wir Hübschen aber ganz schön in’s schwitzen kommen!“
„Wirklich?“ Die beinahe zwei Meter große Nama sah mit ihren großen, dunkelbraunen Augen in den Himmel und zeigte beim Lächeln blendend weiße Zähne in ihrem pechschwarzen Gesicht. „Endlich einmal friere ich mir nicht den A…llerwertesten ab und kann das dicke Unterleibchen ausziehen.“
„Du kannst da ja leicht reden, Gabi“, maulte auch Korporal Lotte Molter, nahm den Strohhut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Lotte war klein und breitschultrig, wies eine ziemlich großen Oberweite und breite Hüften auf, dazu zeigte sie kurze, rotblonde Haare und jede Menge Sommersprossen im Gesicht. „Na ja, wir werden uns schon d‘ran g‘wöhnen!“
„Ihr werdet euch daran gewöhnen müssen, Lotte“, bestätigte Gabi. „Immerhin sollen wir hier etwas arbeiten!“
„Ja, Staub und Dreck schaufeln“, murrte Lisa.
„Das ist nun einmal die übliche Arbeit eines Archäologen, Lisa“, warf Oberleutnant Astrid Hofstätter ein, die als letzte in den Wagen gestiegen war und rasch die Anwesenden durchzählte. Dann wandte sie sich an den Fahrer. „Alle anwesend. Bitte bringen Sie uns zum Lager.“
„Das mache ich gerne, Fräulein.
*
Professor Bernhuber hatte den GA-DKW neben dem großen Zelt abgestellt und ihren Gast weiter gebeten. An einem Ende des Zeltes schaufelten einige Arbeiter in persischer Kleidung mit kleinen Schäufelchen vorsichtig Sand in Drahtsiebe mit hohem Holzrand, welche dann vorsichtig geschüttelt wurden, bis der Sand verschwunden war. Was danach noch zu sehen war, kam auf die daneben liegenden Tische und wurde sorgfältig sortiert. Bronze dahin, Keramik dorthin, Gold auf diesen Tisch. Die Arbeiten wurden von österreichischen und persischen Soldaten genau beaufsichtigt, die Unteroffiziere vermerkten jeden Fund von Metall, ob Bronze, Silber oder Gold, penibel in ihren Listen. Eine für den Shah und eine für die Wissenschaftler, welche jedes Stück photographisch festhielten und auch eine Zeichnung anfertigten. Nachdem die Schütten, in welchen der Sand zum Sieben getragen wurde, auch einen Zettel mit dem Planquadrat beinhalteten, aus welchem der Aushub stammte, konnte auch die ungefähre Lage nachvollzogen werden.
„Diese Dinge kommen alle aus dem Grab von Dārayavauš, Elisabeth“, erklärte Annabelle. „Also, von Dareios. Mit ihm beginnt genau genommen erst die Geschichte der Perser, vorher waren es nur einzelne indoeuropäische Stämme. Und wie Sie sehen, wird über alles streng Buch geführt.“
„Das hab‘ ich nie bezweifelt, Annabelle.“ Elisabeth winkte ab. „Und ich glaub‘ auch nicht, dass grad da etwas verschwinden sollt‘. Die Perser passen auf wie die Haftlmacher, dass wir nichts einstecken, und wir schau’n denen genau so akkurat auf die Finger. Also, selbst wenn einer schwach werden wollt‘, könnt‘ er’s nicht so einfach. Ihrer Majestät mach’n eher die Ausgrabungen selbst Sorgen, und wenn sie Sorgen hat, hab ich auch ein paar. Wie wird denn da oben aufpasst?“
„In der Nacht sechs Posten, paarweise von unsere und die persischen Soldaten. Die können sich alle gegenseitig beobachten, also da sollt‘ nicht viel passieren können!“
„Passier‘n kann immer was, Annabelle“, seufzte Elisabeth. „Trotzdem muss ich Ihnen Recht geb’n. Wahrscheinlich war’s bis jetzt noch nicht. Aber Sie können sicher sein, dass die Engländer von unserer neuen Grabung Wind kriegt hab‘n. Und ich würd‘ mein Titel verwetten, dass schon einer von ihre Leut‘ daher unterwegs ist.“
„Wir haben noch niemand gesehen, Elisabeth.“
„Das werden’s aller Voraussicht auch nicht, Frau Professor. Aber zeigen’s mir einmal, was Sie bis jetzt g’funden haben.“
*
Persien – Schiras
„Heya, hey – hey!“ Die Hufe der ausdauernden kleinen Yamud-Stute trommelten über den von Sand bedeckten Steinboden zwischen den Höhenrücken nordöstlich von Schiras, der Hauptstadt der persischen Provinz Pars. Die Reiterin auf dem edlen Tier geriet beinahe in Ekstase, während die Sprünge der Fuchsstute die Meilen förmlich fraßen.
„Miss Gertrude!“ Kaum noch hörte Gertrude Margaret Lowthian Bell die Rufe ihrer Begleiter, welche weiter und weiter hinter ihr zurückblieben. Sie war gerade einmal 21 Jahre jung, schlank und durchtrainiert. Ihr Pferd hatte weit weniger Gewicht zu tragen als jene Reittiere, welche ihre Eskorte ritt und lebte ihr Temperament soeben komplett aus. Ganz egal, Gertrude klammerte sich mit den Schenkeln an ihr Pferd und ließ es laufen, die Bewegungen rissen sie mit, fast vermeinte sie, eins mit ihrem Tier geworden zu sein. Ihre Kleidung bestand aus hohen, braunen Stiefeln, naturfarbenen, sehr engen Reithosen, einer hochgeschlossenen weißen Bluse mit Stehkragen und einem weiten, weißen Mantel, mit dessen an der Kapuze befestigten Schleier sie auch ihr Gesicht verbergen konnte. Derzeit wehte der Wind ihren leichten Mantel wie eine Fahne hinter ihr her, und Gertrude beugte sich noch tiefer über den Hals ihrer Stute.
„Lauf, mein liebes Mädchen, lauf“, flüsterte sie, von der Geschwindigkeit aufs Äußerste erregt, ihrem Pferd zu. „Lauf immer weiter, meine Gute!“ Dann lagen die Berge hinter ihr, und sie hielt sich immer noch nordöstlich, über sanfte Hügel Richtung Marvdascht. Was sollte ihr denn hier schon geschehen? Sie war eine Britin aus nicht unvermögendem Haus, ihr Onkel Frank Lascelles war Botschafter in Persien und sie hatte diesen Onkel eben nach Schiras begleitet, um einen Sohn des Schah zu treffen. Kamran Mirza, den Kultusminister. In der Nähe von Pasargarde hatten die Österreicher eine Ausgrabung, was sollte ihr also auf dem Weg dorthin schlimmes geschehen? Ein Wort von ihr, und jeder, der ihr etwas antun sollte, hätte mit einer schweren Strafe zu rechnen. Vor ihrer Stute Setare galoppierte hinter einer Hügelkuppe eine Gazelle quer über ihren Weg, hinter der Antilope raste ein gelber, dunkel gefleckter Körper mit kaum zu glaubender Geschwindigkeit her. Ein Gepard auf der Jagd. Setare scheute vor dem Raubtier und stieg, Gertrude konnte sich nicht mehr im Sattel halten und landete hart auf dem Boden. Die Stute, ihrer Last ledig, galoppierte angstvoll auf dem eben zurück gelegten Weg zurück. Etwas benommen arbeitete sich Gertrude Bell wieder auf die Füße und sah ihrer Stute machtlos nach.
„Ich hoffe, das Fräulein ist nicht verletzt?“ Hinter Gertrude klang eine weiche, aber eindeutig maskuline Stimme in deutscher Sprache auf. „Es tut mir leid, aber ich habe so weit von Pasagarde niemand erwartet, sonst wäre ich vorsichtiger gewesen, als ich meinen Gepard losließ.“
„Es – ich bin in Ordnung“, antwortete Gertrude in der selben Sprache, welche sie nicht perfekt, aber für den Alltag gut genug beherrschte und drehte sich um. Der Mann auf dem Rappen war nicht sehr groß, schlank, hatte aber ein rundliches Gesicht, das mit einem dichten Schnurrbart verziert war. Gertrude schätzte ihn auf zwischen 30 und 35 Jahre alt, seine Augen schweiften zwischendurch immer wieder zu den anderen Hügeln. Von dort ertönte ein schriller Pfiff, der Mann schien aufzuatmen und konzentrierte sich nun ganz auf die Britin.
„Ach, die Miss kommt aus England“, stellte er fest und schwang sich vom Pferd. „Ich bitte um Entschuldigung, dann gehören Sie wohl nicht zu den Ladys bei den Ausgrabungen. Darf ich Ihnen meine Gesellschaft anbieten, bis Ihre Diener ankommen?“
„Nun, dagegen ist wohl nichts zu sagen, Mister.“
„Das glaube ich auch. Bitte einen Moment!“ Er klatschte in die Hände, und einige seiner Männer breiteten einen wirklich schönen, dicken Hirtenteppich im Sand aus und bereiteten aus einigen Stangen und Decken ein Sonnensegel. „Nehmen Sie doch Platz, Miss. Tee?“
„Danke. Meine Begleiter müssten bald kommen.“
„Wahrscheinlich, Miss.“ Der Mann schlug seine Beine unter und setzte sich auf den Teppich. „Aber bitte, versüßen Sie mir die kleine Rast während meiner Jagd. Sie sind sehr mutig, wenn Sie sich so weit von Ihren Dienern entfernen. Hier ist es nicht ungefährlich.“
„Ich bin britische Staatsangehörige, Mister“, fuhr Gertrude auf. „Mein Onkel ist der Konsul in Teheran, auch wenn er gerade in Schiras ist! Wer sollte es also wagen, mir etwas zu tun?“
„In der Nähe von Teheran würde ich Ihnen sogar Recht geben, Miss.“ Der Perser lächelte sanft. „Aber hier, in der Provinz, gibt es noch einige nicht ganz so zivilisierte Männer. Wenn einer sich in diesen Dünen an Ihnen vergehen wollte, dann könnte er das, lange bevor ihre Begleitung eintrifft.“
„Das würde ihm übel bekommen!“ Gertrude schüttelte den Kopf. „Mein Onkel würde vom Schah den Kopf des Mannes fordern!“
„Das käme dann darauf an, wie wichtig dieser Mann wäre.“ Ein Begleiter des Mannes stellte ein Tablett mit einer Kanne Tee und zwei Gläsern auf den Teppich. „Und was man ihm beweisen könnte.“
„Wenn ich es sage?“
„Wie gesagt, wenn der Mann wichtig genug für den Schah wäre, könnte man Beweise verlangen! Und es gibt Möglichkeiten für einen Mann, den Lotus einer Frau unangetastet zu lassen und trotzdem seine Befriedigung zu finden. Und wenn er Sie in sein Schloss verschleppen sollte, wer könnte Sie dann noch finden? Wem wollten Sie dann etwas erzählen? Aber verzeihen Sie mir, Miss, ich wollte Sie nicht ängstigen. Bei mir sind Sie sicher, ich werde Ihnen nichts antun.“ Er goss mit geübtem Schwung Tee in ein Glas, welches er Gertrude reichte.
„Sie haben mir keine Angst gemacht, Mister.“ Sie nahm das Glas entgegen. „Wenn Sie gewollt hätten, wäre ich Ihnen doch bereits ausgeliefert gewesen, seit ich vom Pferd gefallen bin. Ihnen und Ihren Männern. Da ich aber immer noch unangetastet bin und Sie mir den Tee angeboten haben, gehe ich von keiner großen Gefahr für mich aus. Zumindest nicht unmittelbar.“
„Sie schmeicheln mir, Miss!“ Er verbeugte sich im sitzen. „Aber ja, es stimmt, ich habe nicht vor, Ihnen Gewalt anzutun. Ach, da kommen ja auch schon Ihre Begleiter. Und Ihr Pferd haben Sie auch mitgebracht, wie ich sehe. Da werden Sie bestimmt bald wieder in Schiras sein, vielleicht werden wir uns dort wieder begegnen.“ Er erhob sich, reichte Ihr die Hand zur Hilfe und verbeugte sich. „Behalten Sie bitte den Teppich und das Teegeschirr als Andenken.“ Dann sprang er auf sein Pferd und galoppierte mit seinen Leuten davon, einer von Ihnen hatte den wertvollen Geparden auf seinem Sattel, ein anderer die erlegte Gazelle mitgenommen.“
„Miss Gertrude, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Captain Willam Ray James, welcher auf sie acht geben sollte, sprang aus dem Sattel, während die beiden indischen Kavalleristen mit ihren Gewehren in der Hand wachsam die Umgebung musterten.
„Aber ja, Captain James. Warum die Aufregung?“
„Nun ja!“ James strich sich über den dunkelblonden Backenbart. „Ich habe mir Sorgen gemacht, als Ihr Pferd ohne Sie bei uns ankam, und als ich dann das Sonnensegel und den Teppich sah – nun ja, verzeihen Sie einem alten Soldaten, aber …“ Er machte eine unbestimmte Handbewegung.
„Der Mann hat sich wie ein Gentleman verhalten, Captain. Wirklich wie ein vollendeter Gentleman.“
„Und wer war der Mann, Miss Gertrude?“
„Das – oh, das weiß ich nicht.“ Gertrudes Hand flog zu ihrem Mund. „Wir wurden einander ja gar nicht vorgestellt.“
„Well!“ Billy Ray James schnippte mit den Fingern, und ein Sepoy führte Setare herbei. Der Captain half Gertrude beim Aufstieg, dann schwang er sich selbst in den Sattel. „Reiten wir zurück.“ Den Rückweg legten sie weit langsamer zurück, und Gertrude wunderte sich, wie weit sie in so kurzer Zeit geritten war. Und welch großen Vorsprung sie dabei gewonnen hatte.
*
Die Stadt Schiras in der Provinz Fars war bereits sehr alt. Vor allem aber war sie bekannt als Wirkungsstätte der Dichters Hafis und Saadi, welche hier auch in hübschen Grabstätten beigesetzt lagen. Auch, wenn diese Art des Grabes nicht unbedingt mit den Worten des Propheten im Koran konform ging, welche ein ganz schlichtes Grab vorschrieben. Auch für Berühmtheiten. Die britische Delegation war vom Vizekönig von Fars eingeladen worden, in seinem Palast zu wohnen, und man hatte das Angebot nur zu gerne angenommen. Nur Gertrude wurde es in den Frauengemächern allmählich etwas langweilig, und so hatte man für sie diesen Ausritt arrangiert.
„Gut, dass ihr endlich kommt“, begrüßte Frank Lascelles seine Nichte und den Captain bei der Rückkehr von ihrem Ausflug. „Kamran Mirza wird heute noch in Schiras erwartet, und wir haben am Abend eine Audienz. Also, Gertrude, er möchte uns alle sehen, auch dich, also zieh dir bitte etwas schickliches an. Captain, bitte folgen sie mir.“
Schiras wurde nicht zu unrecht der Garten Persiens genannt. Nirgendwo im ganzen Land fand man derart prächtige und bunte Anlagen, nirgends in Persien war das Grün saftiger und die Blüten bunter. Besonders Rosen gediehen hier in großer Vielfalt, und das gewonnene Rosenöl wurde in die ganze Welt verkauft. Die vom Fluss Khoshk gespeisten Wasserbecken in den Innenhöfen und teilweise auch in den Räumen selbst sorgten für angenehme Temperaturen im Sommer, manche luden auch zu einem kühlenden Bad ein. Wie etwa das große Becken im Harem des Palastes des Vizekönigs. Gertrude hatte bereits gelernt, dass es hier nicht üblich war, mit einen Badeanzug ins Wasser zu steigen, denn Männern war der Zutritt ohnehin strengstens verboten. Selbst der Schah konnte diese Zimmer nicht so einfach betreten. Nun ja, theoretisch zumindest. Aber – der Schah war nicht hier, und der Vizekönig war ein höflicher Mann, welcher seine Frauen stets rechtzeitig von seinem Besuch zu informieren pflegte. Er wusste, dass sich hier auch Frauen von anderen reichen und einflussreichen Männern aufhalten konnten, und war daher lieber vorsichtig. Er wollte nun einmal keine unnötigen Unruhen in seiner Provinz provozieren. Also hatte Miss Bell auch kein Problem, sich zu entkleiden und zu den anwesenden Frauen zu gesellen, welche teils im Wasser und teils am Rand des Beckens saßen und in ein tiefsinniges Gespräch vertieft waren. In Teheran hatte die begabte Gertrude einige Worte Farsi gelernt, und so konnte sie sich einiges zusammen reimen. Das meiste betraf die körperlichen Vorzüge einiger der Eunuchen im Harem des Vizekönigs. Als Gertrude näher kam, wechselten die Perserinnen rasch in verständliches Englisch und sprachen von Hafis und Saadi, von den neuesten Rosenzüchtungen, der neuesten Mode und einigen Kosmetika. Die Reithose der jungen Britin wurde in der Zwischenzeit von einer emsigen Dienerin fort gebracht, später würde sie gewaschen und gebügelt wieder in ihrem Zimmer liegen.
*
Abends brachte eine Dienerin Gertrude zu ihrem Onkel, welcher erstaunt die Augen hochzog. Sie hatte für diesen Abend eine Shalwar angelegt, eine hier übliche Hose, weit und locker, an den Knöcheln zusammen gebunden. Dazu ein langes Hemd mit seitlichen Schlitzen und ein ärmelloses Jäckchen. Über dem Haar trug sie ein Tuch, welches dann über eine Schulter geschlungen war.
„Wie du sehen kannst, Onkel, ich trage etwas durchaus schickliches. Hier ist diese Tracht eben ganz groß in Mode.“
„Nun – ja, das ist gut. Du bist züchtig bedeckt, und es zeigt Respekt vor den Sitten des Landes. Gut gemacht, junge Dame.“
„Dann werde ich versuchen, vom Kultusminister Kamran Mirza die Erlaubnis zu erhalten, mit Captain James und meiner Zofe die österreichischen Ausgrabungen aufzusuchen. Und während ich mich in den Grabstätten in diverse Ahs und Ohs ergehe, kann Captain James seine Augen ganz gelangweilt umher schweifen lassen. Ich empfehle zudem einen Flirt mit meiner Zofe, dann fällt es kaum auf, wenn die beiden kurz um eine Ecke verschwinden.“
„Miss Gertrude, das wäre wunderbar.“ Billy Ray verbeugte sich. „Aber Ihre Zofe …“
„Ist britische Patriotin und wird die Scharade mitspielen, Captain. Dafür verbürge ich mich. Solange es eine Scharade bleibt.“
Sie schritten während dessen über weiche Teppiche auf den großen Saal zu, in welchem der Vizekönig seine Gäste bewirtete. Und dort sollten die Engländer auch Kamran Mirza treffen.
„Eure Nichte ist eine ganz erstaunliche Person, Botschafter“, bemerkte Captain James leise.
„Oh ja, das ist sie“, antwortete Frank Lascelles stolz.
„Ich kann Euch hören. Alle beide“, beschied Gertrude. „Aber danke für das Kompliment. Vielleicht geht es irgendwann in die Köpfe der Männer, dass auch Frauen ein Gehirn haben!“

Sie erreichten den Saal, einen runden Raum mit eleganten Säulchen, welcher derart mit weichen Sitzkissen ausgelegt war, dass zwischen den Sitzenden ein großer freier Raum blieb und hinter ihnen die Diener gehen konnten. Für die Gäste aus Britannien waren sogar niedrige Schemel mit Rückenlehne heran geschafft worden, denn die Europäer hatten üblicherweise ihre Probleme mit dem Sitzen auf Polstern. So nahmen Frank und William gerne auf den Schemeln Platz, während Gertrude diesen verschmähte und sich lieber nach Landessitze auf eines der Kissen setzte. Der Vizekönig verbeugte sich im Sitzen mit vor Brust gekreuzten Armen.
„Ich heiße Sie noch einmal willkommen, Botschafter. Der Kultusminister wird jeden Moment eintreffen. Vor dem Essen vielleicht ein Glas Tee? Wein? Ich habe einen recht guten Port hier. Und die junge Dame? Vielleicht ein Glas Champagner?“
„Wenn es Hoheit gefallen würde, Tee bitte.“ Gertrude hielt entgegen ihrer sonstigen sehr direkten Art ihre Augen jetzt respektvoll gesenkt und befleißigte sich einer leisen und höflichen Sprache. Sie schien damit bei ihren Gastgebern auch recht gut anzukommen. Dann erstarben die leisen Gespräche rund um den Tisch, und der Vizekönig erhob sich.
„Kamran Mirza! Willkommen in meinem bescheidenen Haus!“
„Vielen Dank, Mirza Mehdi. Was deinem Palast an Pomp fehlen mag, macht er durch Wärme und Schönheit wett. Ich bitte dich, behalte Platz und erlaube mir, Platz nehmen zu dürfen.“ Gertrudes Kopf schoss nach oben, als sie die Stimme hörte. Ihr Blick suchte den neu eingetretenen Gast und erkannte ihn sofort wieder. Der Jäger in der Steppe, jener Mann, mit dem sie Tee getrunken hatte, nachdem sie vom Pferd gestürzt war, dieser Mann war Kamran Mirza. Prinz Kamran, einer vielen Söhne des Schah und, wenngleich nicht von seiner Hauptfrau geboren und in der Thronfolge, so doch unter den fünf mächtigsten Männern Persiens Ende des 19. Jahrhunderts. Die höfliche, in blumigen Worten geführte Konversation zwischen dem Statthalter von Pars und dem Kultusminister, welcher von beiden mehr durch den anderen geehrt wurde, überstieg bald die Sprachkenntnisse der Britin. Endlich ließ sich Kamran neben dem Vizekönig nieder und blickte um sich. Schließlich nickte er Gertrude zu.
„Ich sagte Ihnen doch, dass wir uns wieder sehen würden, Miss Bell.“ Seine Stimme klang wieder weich, sein Englisch war exakt akzentuiert, wie es kein Brite zustande brachte. „Ich hoffe, der Teppich und das Teeservice gefallen Ihnen.“
„Das ist tatsächlich der Fall, Euer Hoheit.“ Sie verneigte sich, atemlos und ein wenig verwirrt. „Ich bin zutiefst geehrt von Euer Hoheit Güte und Großzügigkeit!“
„Vielleicht werden wir später noch einige Worte wechseln, Miss Bell.“ Der Mirza strich über seinen Schnurrbart. „Aber jetzt wollen wir doch die Gäste von Mirza Mehdi nicht länger hungern lassen.“ Er wandte sich wieder an den Gastgeber. „Bitte, teurer Freund, lass doch die Speisen auftragen.“ Der Vizekönig verbeugte sich kurz und klatschte in die Hände.
Ganz egal ob bei Reichen oder Armen, immer war Reis die Grundlage der persischen Küche. Manchmal mit Butter gedünstet, damit sich unten im Topf goldgelber, knuspriger Tahdig bildete, oder als Polo mit Rosinen, Mandeln oder anderen getrockneten Früchten. Bei jenen, die es sich leisten konnten, mit Safran gelb gefärbt, die ärmeren benutzten dazu Curcuma, eine Art Ingwer. Ebenfalls in großen Mengen wurde Torshi, in Essig eingelegtes Gemüse, und frische Jungzwiebeln gereicht. Das Mast-o-chiar, klein geschnittene Gurken in Joghurt vom Schaf, mit Knoblauch, Salz, Pfeffer und getrockneter Minze gewürzt, durfte ebenfalls nicht fehlen. Das Fleisch war selbst bei den Reichen und Adeligen nur Beigabe, des Geschmacks wegen. Es wurde entweder als Kabab am Spieß oder als Choresht mit Sauce serviert. Gespeist wurde nur mit einem Löffel und den Händen. Auch Mirza Mehdi ließ Berge von Reis auftragen, und das Choresht-e Badimjan, das klein gewürfelte Lammfleisch mit Melanzani, war butterzart und zerging auf der Zunge.
Auch nach einigen Jahren in Teheran konnte sich Frank Lascelles noch nicht mit der persischen Küche anfreunden. Ihm fehlten die Beefsteaks, die Kartoffeln, die Erbsen und Karotten. Der in viel heißem Fett gebratene Fisch in Backteig mit Chips. Der Blackpudding. Der Shepards Pie. All diese Köstlichkeiten, die schon seine Mutter auf den Tisch gebracht hatte. Gertrude wiederum vermisste das englische Essen keineswegs, in der Lady Margaret Hall von Oxford hatte sie diese Speisen oft genug bekommen. So oft, dass sie es satt bekommen hatte. Sie genoss mit zeitweise geschlossenen Augen die fremdartigen Aromen und Gewürze, den leisen, frisch-säuerlichen Hauch von Bergamotte, die Schärfe des Ingwers, die Süße des Granatapfels, das leichte Aroma von Nelken, Koriander und Rosenwasser, nichts davon aufdringlich, herausschmeckend oder dominierend, sondern harmonisch zu einer alle Sinne gefangen nehmenden Symphonie.
„Es sieht so aus, als würde der verehrten Miss Bell unsere Küche durchaus munden“, schlich sich die sanfte Stimme Kamran Mirzas in ihre Träume. Hastig schluckte sie mit vorgehaltener Hand.
„Mehr als das, Hoheit. Der Koch des Mirza Mehdi ist ein Magier!“
„Ich hoffe doch nicht!“ Kamran runzelte übertrieben die Stirn, aber seine Lippen und Augen leuchteten fröhlich. „Nach dem Koran ist Magie strengstens verboten, und Magier – nun, auch bei den Christen ist es Zauberern, ob männlich oder weiblich, nicht gut gegangen. Also hoffe ich, dass der Koch einfach ein guter Alchemist ist, der seine Pülverchen, Wurzeln und Pasten sehr genau kennt. Ich möchte noch öfter von seinen hervorragenden Speisen essen. Ist unter Ihrem Kamarband noch etwas Platz?“
„Entschuldigung, Hoheit, worunter?“
„Dem Kamarband. Das ist dieses Tuch, welches über der Shalwar, also der Hose getragen wird. Ähnlich einer Schärpe. Ich frage nur, denn es gibt noch Nachtisch, und zwar Shole-Sadh. Eine feine Reiscreme mit Safran, Rosenwasser und einer Spur Honig. Diese Speise ist also wie das ganze Leben, ein wenig bitter und gleichzeitig etwas süß.“
„Oh, das klingt köstlich.“ Gertrude legte ihren Löffel beiseite. „Ob ich vorher wohl noch ein wenig Tee bekommen könnte?“
„Selbstverständlich. Genießen Sie Ihr Shole-Sadh, Miss Bell!“ Damit wandte sich der Prinz wieder ab, um mit seinem Nachbarn zu plaudern. Und Gertrude genoss den Reispudding tatsächlich. Und noch einen zweiten, als er ihr angeboten wurde. Sie konnte schon immer größere Menge essen, ohne auf ihre Figur achtgeben zu müssen, welche stets gertenschlank blieb.
*
„Wollen Sie mich auf einem kleinen Spaziergang begleiten, Miss Bell?“ Kamran Mirza hatte sich erhoben, stand vor ihr und reichte Gertrude wie schon in der Steppe die Hand. „Wir könnten dabei ein wenig plaudern.“
„Hoheit …“ Auch Frank erhob sich, doch der Prinz hob nur eine Hand.
„Botschafter, ich verspreche, dass ich der junge Miss nichts tun werde. Sie können mir mit einem gewissen Abstand folgen, aber ich möchte mich mit der Dame unterhalten. Ungestört!“
„Natürlich, Hoheit. Aber …“
„Beruhige Dich, Onkel.“ Gertrude hatte die Hand ergriffen und sich gerne hochhelfen lassen. „Der Minister ist Gentleman durch und durch. Autsch! Meine Beine sind etwas steif vom Sitzen, Hoheit, also bitte, lassen Sie uns zuerst langsam gehen.“
„Ich werde mich Ihrem Tempo anpassen, Miss Bell!“
„Danke.“ Sie legte ihren Arm in seinen und spazierte gemächlich mit dem Prinzen aus dem Saal und dann in einen nach Rosen duftenden Garten. Leises plätschern kam von einem kleinen Springbrunnen, welcher in der Mitte eines großen, künstlichen Teiches in vollendet quadratischer Form sprudelte. Der volle Mond spiegelte sich im Wasser und beleuchtete den Garten mit seinem weichen, silbrigen Licht. Weißer Kies knirschte unter den Sohlen, als sich Gertrude Bell mit dem Prinzen dem Teich näherten.
„Dieser Garten ist ja ein richtiges Paradies, Hoheit!“
„Sogar wörtlich, Miss Bell. Denn das Wort Paradies kommt von einem Wort im alten persischen, welches Pairi Daeza lautet und eine umzäunte Fläche mit Wasserläufen oder einem Brunnen benennt. Das hat in unseren Ländern eine lange Tradition.“
„Ach!“ Sie beugte sich etwas vor und roch an einer Rose, wobei ein kurzes Schweigen entstand. „Ich kann mir vorstellen, wie diese Gärten auf Reisende gewirkt haben müssen. Draußen die karge, trockene Steppe, und dann ein solcher Teich, Blumen überall, diese erfrischende Kühle im Vergleich zu der Hitze außerhalb. Wir in England bauen ganz anders, Sir.“
„Mir ist die europäische Art zu bauen bekannt, Miss. Ich studierte einige Zeit in Wien. Aber bitte, sagen Sie doch nicht Sir zu mir.“ Sie erreichten den Teich, und Gertrude setzte sich auf den Rand. Spielerisch ließ sie ihre Hand durch das Wasser gleiten und beobachtete, wie sich das Mondlicht auf den kleinen Wellen brach.
„Sie sind ein Mirza. Ein Prinz. Der Sohn eines Königs. Ich bin die Enkelin eines zum Ritter geschlagenen Industriellen und die Nichte eines Botschafters.“
„Dessen bin ich mir bewusst, Miss Bell.“ Kamran Mirza legte die Arme auf den Rücken und sah auf das Becken hinaus zur kleinen Fontaine. „Und jetzt bitte erzählen Sie mir, was Sie von mir wollen.“
Gertrude schüttelte das Wasser von der Hand und lächelte ihn an. „Ich bin von Natur aus neugierig, Prinz. Ihr hattet angedeutet, dass Mann und Frau aneinander Vergnügen finden können, ohne – wie es bei Ihnen heißt – die Knospe der Frau zu pflücken?“
„Das kann ich nicht wirklich bestätigen, Miss. Vergnügen für den Mann – ja. Aber für die Frau – das weiß ich nicht. Manche meiner Frauen behaupten zwar, es wäre auch für sie ein angenehmes Gefühl, aber das könnte mit meinem Rang zu tun haben. Allerdings sagen andere Frauen, dass sie es gar nicht machen wollen. Und ich habe gehört, bei der britischen Navy wäre es immer noch keine Seltenheit. Ich glaube, ich für meinen Teil würde nicht bei der Flotte des Empire anheuern wollen.“
„Ich glaube, ich beginne zu verstehen. Erregt sie eine weibliche Kehrseite eigentlich, Prinz?“
„Selbstverständlich, ich bin ja ein Mann. Aber ich weiß das Tier in mir zu bändigen, Miss. Aber Sie sind sicher nicht von Teheran nach Schiras gekommen, um mich nach meinem Urteil über ihr Hinterteil zu fragen. Welches in der Reithose übrigens einen gefälligen Anblick bot, als sie nach Ihrem Sturz so auf dem Boden lagen. Also, was wollen Sie von mir, nicht von dem Mann, sondern dem Kultusminister.“
Die Britin wandte sich ab und starrte nun ihrerseits einige Zeit auf das Becken hinaus. Dann drehte sie sich wieder um und sah sie Kamran direkt in die Augen.
„Ich will die Ausgrabungen von Pasagarde besuchen, Prinz!“
„Die Gräber von Dārayavauš und Kabujiya?“
„Dareius und Kambyses, ja!“
„Aha!“ Er klatschte drei Mal in die Hände, und ein Palastdiener kam auf sie zugelaufen. „Bring uns zwei Kissen, eine Kanne Tee und zwei Gläser. Und Zucker. Hurtig!“ Nach einer Verbeugung lief der Junge zurück. „Unser Gespräch wird wohl etwas dauern, Miss Bell. Wir sollten es uns bequem machen.“ Schon kam der Diener mit zwei Kissen zurück, welche er auf die Brüstung des Beckenrandes legte. Die Höhe war gerade richtig für Gertrude, um bequem zu sitzen, und sie nahm das Angebot gerne an. Auch der Tee ließ nicht lange auf sich warten. „Wir sind jetzt allein und ungestört, Miss. Also erklären Sie mir doch, warum sie so erpicht darauf sind, diese alten Gräber zu sehen. So weit ich weiß, wurde von den Österreichern bisher jeder Fund in Pasagarde genauesten dokumentiert und veröffentlicht, so wie es die Egypt Exploration Fund in Ägypten macht. Und ich glaube nicht, dass Miss Edwards glücklich über österreichischen Besuch wäre. Was also ist so wichtig an diesen Gräbern? Was wissen Sie? Und beleidigen Sie mich bitte nicht, indem Sie rein wissenschaftliche Gründe ins Spiel bringen.“
„Nun, Prinz, die Konkurrenz zwischen dem österreichischen orientalischen Institut und der EEF sind doch ziemlich bekannt.“ Gertrude nippte an ihrem Tee, und Kamran holte tief Luft, um etwas zu sagen. „Moment, Prinz. Natürlich geht es um mehr. Plötzlich wollen die Österreicher ihre Kampagne ausweiten, und sie schicken ein rein weibliches wissenschaftliches Team, welches noch verstärkt wird. Ich an Ihrer Stelle würde mir Gedanken nach dem warum machen. Und ich habe mir diese ebenfalls gemacht. Aber glauben Sie wirklich, man weiht ein Mädchen von 20 Jahren in die Hintergründe solcher Überlegungen ein?“
„Wahrscheinlich nicht, Miss Bell.“ Kamran Mirza nahm lächelnd ebenfalls einen Schluck Tee. „Aber als ich hörte, dass Sie mir mit Ihrem Onkel hierher folgen wollten, habe ich mich über Sie erkundigt. Sie haben in Oxford die Prüfungen mit den besten möglichen Bewertungen abgeschlossen. Sie sind intelligent, zielstrebig und ein wenig zu überzeugt von der Überlegenheit Britanniens. Wie gesagt, ich hätte Sie in der Wüste pflücken können, und niemand hätte sie je wieder gesehen.“
„Ach, ich habe mich eben auf die Ehre und Ritterlichkeit der hier lebenden Männer verlassen, Hoheit“, plauderte Gertrude lächelnd. „Und ich habe damit doch Recht behalten.“
„Das hätte auch – in Österreich habe ich einen dazu recht gut passenden Spruch gehört – in die Hose gehen können. In Ihre!“ Der Minister zuckte mit den Schultern. „Nicht alle meine Landsleute haben von dieser Art von Ritterlichkeit je gehört. Und ich meine damit nicht nur Muslime, leider gibt es auch unter uns Zoroaster-Anhängern Männer, welche weder den religiösen noch den weltlichen Gesetzen Folge leisten. Aber wir weichen schon wieder ab. Also, erzählen Sie mir etwas über die Ausgrabungen.“
„Ich kann nur sagen, dass es in London Leute gibt, die es verdächtig finden, dass man ausgerechnet hierher so viele Frauen entsendet.“ Wieder ließ Gertrude ihre zarte Hand durch das Wasser gleiten. „Männer müssten es besonders hierzulande doch viel leichter haben.“
„Damit haben Sie nicht unrecht, Miss Bell“, beschied der Prinz nickend. „Wer oder was ist dieser Captain James?“
„Er kam vor einigen Tagen in Teheran an, mit dem Zug aus dem osmanischen Reich. Zwei Tage später wurde er – nun ja, man könnte es vielleicht Kindermädchen nennen. Ein Langweiliger, wie er im Buche steht, ich weiß gar nicht, was meine Zofe Mildred an ihm findet. Aber es freut mich, dadurch kann ich doch ab und zu zumindest ein wenig Freiheit genießen.“
„Sie sind wohl sehr abenteuerlustig, Miss Bell.“ Kamran zwirbelte seinen Bart und zeigte ein breites Lächeln. „Ein kleiner Wildfang, wie man bei Ihnen sagen würde. Haben Sie denn gar keine Angst, damit etwaige Ehemänner zu verschrecken?“
„Wenn er sich verschrecken lässt, ist er zu schwach“, erklärte Gertrude. „Und wenn er zu schwach ist, brauche ich ihn nicht. Mein Mann muss bereit sein, mit mir fremde Länder zu besuchen, zu forschen, zu entdecken! Denn ich werde sicher wieder hierher zurück kommen!“
„Das hört sich ganz so an, als hätten Sie Ihr Herz in der Wüste von Fars bereits verloren, Miss Bell.“
„Weniger in der Wüste, als an die Wüste, Prinz. Wie steht es nun, darf ich die Ausgrabungen besichtigen?“
„Nun, ich hatte vor, ihnen demnächst einen Besuch abzustatten. Wenn Sie mich begleiten wollen, ließe sich das einrichten.“
„Sir, ich müsste aber meine Zofe und Captain James mitnehmen. Sie wissen doch, Kindermädchen.“
„Ich habe nichts dagegen, Miss Bell. Sie können auch gerne die beiden Sepoy mitbringen.“
„Danke, Hoheit. Aber sagen Sie, kann man uns hier beobachten?“
„Aber natürlich, Miss Bell. Von jenem Säulengang aus, durch welchen wir den Garten betreten haben, können die Wachposten die schnurgeraden Wege gut überblicken. Wir sehen sie nicht, da sie im Schatten stehen.“
„Nur die Posten?“
„Sie sollten schlafende Tiger nicht wecken, Miss Bell.“ Kamran Mirza trank seinen Tee aus und erhob sich. „Außerdem werden wohl Ihr Captain James und vielleicht auch Ihr Onkel ein argwöhnisches Auge auf uns haben.“
„Vielleicht, Kamran Mirza. Sogar sehr wahrscheinlich.“ Auch Gertrude erhob sich jetzt. „Die Welt ist nicht gerecht. Überall hält man uns Frauen für unmündige, dumme Wesen.“
„Aber die Briten haben doch eine Königin?“
„Selbst die ist dieser Ansicht, Hoheit. Mit sich selbst als der einzigen Ausnahme.“
*
Wien
Der Chef des k. u. k. Generalstabes Friedrich Freiherr von Beck war optisch ein typischer Beamter in den Donaumonarchien Ende des 19. Jahrhunderts, mit Glatze, Haarkranz, Schnurr- und Backenbart. Niemand hätte angenommen, dass dieser gemütlich wirkende Mann den dritthöchsten Rang in der Hierarchie des kakanischen Militär einnahm, gleich hinter der Regentin in Vertretung des jungen Kaisers und dem k.u.k. Kriegsminister. Auch wenn die Donaumonarchien schon lange keinen Krieg mehr geführt hatten, nannte man dieses Amt halt immer noch so. In ‚Bürokratien‘ dauerten viele Veränderungen eben etwas länger.
Derzeit fühlte sich dieser Generalstabschef allerdings alles andere als gemütlich, denn nicht jeden Tag musste er gleichzeitig einer Sitzung seiner beiden Vorgesetzten beiwohnen. Eigentlich war das noch nie geschehen, wenn die Regentin tatsächlich etwas wünschte – wie etwa die kürzlich stattgefundene Verlegung einer getarnten Eliteeinheit des Heeres nach Persien – so gab sie dem Minister Bescheid, welcher ihm dann eine Aktennotiz zukommen ließ. Oder ihn in das Ministerium zum Rapport befahl. Theoretisch hätte der er seine Befehle auch direkt von der Regentin erhalten und ihr seine Berichte persönlich rapportieren können, aber Nene hielt viel von Höflichkeit und schaltete gerne den Minister dazwischen, wie es sich gehörte. Außerdem waren noch der Sektionschef des Heeres und der Marine anwesend, und die Regentin hatte noch um ein wenig Geduld gebeten. Es fehlten noch zwei Gäste, wie sie es formulierte. Da konnte ihn auch der ausgezeichnete abessinische Kaffee nicht sonderlich beruhigen. Friedrich von Beck war kein Feigling. Im Gegenteil. Während des Krieges gegen die Italiener hatte er sich an der Po-Linie bei einigen versuchten Durchbrüchen der italienischen Armee durchaus auszuzeichnen gewusst, und er hatte mit seiner umfangreichen praktischen Erfahrung aus unzähligen kleinen Grenzscharmützeln die Taktik der leichten bewaffneten Fahrzeuge entscheidend beeinflussen können. Im Moment aber ging ihm – wie man so sagt – der Arsch auf Grundeis. Ein Treffen mit diesen Personen legte die Möglichkeit eines Krieges nahe, und den wünschte sich der Freiherr keineswegs. Nicht seinetwegen, denn er hatte seine Zeit an einer Front hinter sich. Aber er schauderte, wenn es darum ging, Eltern und Bräuten die Nachricht vom Tod eines geliebten Mannes überbringen zu müssen. Und sei es auch nur schriftlich. Eine starke Militärmacht hatte doch den Sinn, Kriege zu verhindern, indem sie einen Sieg des Feindes unmöglich machte. Und gegen wen sollte es gehen? Rührten sich etwa die Italiener wieder? Oder waren die Briten wegen der Verlobung der Prinzessin Valerie Theresia doch besorgt über ein mögliches Bündnis zwischen Kakanien und Frankreich? Oder etwa gar die Deutschen? Vielleicht – und das war der erschreckendste Gedanke – Deutsche, Briten und Italiener gemeinsam? Ein Diener öffnete die Tür, und Heinrich, Fürst zu Hametten trat ein. Ein Blick auf das Gesicht des Chefs des Evidenzbureaus ließ den Chef des Generalstabes ein wenig aufatmen. Hametten sah zwar ernst wie immer, aber nicht übermäßig besorgt aus, eine unmittelbare große Gefahr drohte also nicht.
„Majestät, meine Herren!“ Hametten verbeugte sich zuerst vor seiner Herrin und nickte dann den anderen zu.
„Bitte, Fürst.“ Helene wies auf einen freien Stuhl. „Ich nehme an, Er hat wegen dieses Schreibens um eine Unterredung im Beisein dieser Herren angesucht!“ Sie hob ein Schreiben mit grünem Band und rotem Siegel in die Höhe.
„So ist es, Majestät.“ Heinrich nahm Platz. „Wissen die Herren schon über den Inhalt des Schreibens Bescheid, Hoheit?“
„Ich wollte es Ihm überlassen, Hametten. Bitte, setz Er die Herren in Kenntnis.“
„Sehr gern, kaiserliche Hoheit. Meine Herren, unserer Regentin wurde gestern ein Brief zugestellt, dessen Inhalt ziemlich befremdlich ist. Darin fordern Abdullahi ibn Muhammad, Kalif des Kalifats von Omdurman und Ibrahim Jamal, Sultan des Sudan, ihre Majestät der Vereinigten Donaumonarchien auf, sich dem Kalifen zu unterwerfen und zum wahren Glauben überzutreten. Dem Islam. Und zwar innerhalb von zwei Monaten.“
„Eine Impertinenz sondergleichen“, echauffierte sich der Kriegsminister Ferdinand Graf von Bauer. „Diesem Kalifen oder Sultan sollte man dafür kräftig die Leviten lesen.“
„Das ist nicht so einfach, Herr Minister.“ Hametten lehnte sich zurück und baute aus seinen Händen ein Zelt. „Auch wenn Al-Chartoum alnimsawia seit Gordons Zeit ein wenig stärker ausgebaut und bewaffnet wurde, ist es immer noch nur eine kleine Garnison. Wir haben dort 8 Kompanien Infanterie mit je 4 Zügen, also 400 Männer, 1 Geschwader mit 8 Luftkissenschnellbooten und 4 Batterien Festungsgeschütze zu je 4 Haubitzen für Steil-und Direktfeuer. Das ist eine ausreichende Menge, um die Festung eine geraume Zeit zu halten, aber bei weitem nicht genug, um die Armee eines ganzen Landes anzugreifen. Selbst, wenn ein Drittel der Armee aus etwa 150.000 Speerträgern besteht. Dazu kommt, dass das Kalifat zwar Dampfschiffe für den täglichen Gebrauch verbietet, aber selbst über zwei Dutzend Kanonenboote verfügt. Englische Boote der Kaiman-Klasse, mit zusätzlicher Panzerung, und das Sultanat baut selbst auch schon recht gute Gewehre. Also, auch mit unserer derzeit noch vorhandenen technischen Überlegenheit ist ein aktiver Angriff wenig empfehlenswert.“
„Da haben’s schon Recht, Fürst.“ Bauer holte ein kleines Döschen mit Schnupftabak hervor. „Wenn gütigst Hoheit gestatten wollen?“ Er wartete Helenes bestätigendes Winken ab und schüttete eine Prise auf die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger. „Ich bin nur ein bisserl in Saft gangen. Weil – eine Beleidigung bleibt das Schreiben ja. Das müssen’s schon zugeben.“
„Das kann man nicht abstreiten“, bestätigte Hametten. „Ich möchte auch hinzu fügen, dass die britische Queen ein Schreiben mit dem selben Absender erhalten hat, also nehme ich an, dass auch das Schreiben ähnlich formuliert ist. Eine eilige Rücksprache mit meinem Kollegen in Istanbul hat ergeben, dass er ebenfalls diese Aufforderung erhalten hat, und auch den Khedive in Kairo hat ein solches Schreiben erreicht.“
„Dieser Ibrahim Jamal muss an einem gewaltigen Verlust an Realität leiden.“ Beck kratzte sich das Kinn. „Und der Abdullahi kann doch nicht glauben, drei Großmächte gleichzeitig heraus fordern zu können.“
„Vielleicht. Deshalb habe ich gebeten, dass Sie, meine Herren, bei dieser Besprechung anwesend sind.“ Der Fürst gönnte sich einen Schluck von dem ausgezeichneten Kaffee, ehe er weiter sprach. „Es gibt da einige – seltsame Ungereimtheiten. Bisher spielte sich der spärliche Schriftverkehr des Kalifats stets über Österreichisch Karthum ab. Wir waren so etwas wie neutraler Boden, die Boten des Kalifen wussten, dass ihnen keine Gefahr drohte. Wir haben einige diplomatische Sendungen sogar gratis befördert, und allmählich hat sich die internationale Situation im Sudan entspannt. Sowohl der geistliche als auch der weltliche Nachfolger des Mahdi entradikalisierten sich, Reisende konnten das Land über Khartum wieder betreten und verlassen, sogar der Handel normalisierte sich wieder. Die Briten gaben den Sudan bis auf Weiteres völlig auf, die Anhänger des Mahdi beschränkten sich ebenso wie die Kämpfer des Khedive und des Negus Negest auf kleinere Überfälle am blauen und am weißen Nil. Also ähnlich unserer Situation mit Italien, es herrscht Frieden und Handel, aber das hindert beide Seiten nicht, in internationalen Gewässern ein wenig – nun ja.“
„Hametten um Worte verlegen?“, staunte Bauer. „Das ich das noch erleben darf. Aber gut. Ihren Worten entnehme ich, dass es dieses Mal anders war?“
„Angeblich hat ein britisches Patrouillenboot ein umgebautes Kaimanboot gefunden. Angeschwemmt auf einer Insel unterhalb von Komb Ombo, die Besatzung tot. Erschossen. Alle in die Dschibba des Mahdi gekleidet.
„Ja, und?“ Beck zeigte sich etwas ratlos. „Wollten’s halt ein Ultimatum an unsere verehrte Kaiserliche Hoheit nicht in Karthum aufgeben. Seh‘ ich ein, alles hat seine Grenzen!“
„Es hat schon früher versiegelte diplomatische Post an unsere Regentin und den Kaiser gegeben. Ein Bote konnte also damit rechnen, dass das Schreiben erst in Wien gelesen wird. Und wo hätte der Bote einen anderen neutralen Hafen gefunden? Warum hätte er einen ägyptischen riskieren sollen? Warum nicht den ersten hinter der Grenze, Assuan? Wer hat die Besatzung erschossen, und wie weit konnte steuerloses Kanonenboot auf dem Nil treiben?“
„Des Nachts? Wahrscheinlich ein ganz hübsches Stückerl“ Ferdinand Graf von Bauer nieste noch einmal kräftig in sein nicht mehr ganz weißes Taschentuch. „Die Leut‘ am Nil werden ja wie wir Christenmenschen auf d’Nacht in ihr Bett geh’n. Auch wenn’s Muslim‘ sind.“
„Ja, ja, alle gehen sie in ihr Bett. Sie geht in ihr Bett, er geht in ihr Bett. Wenn der Nil ein gerader Fluss wäre, würde ich ja zustimmen. Aber bei Komb Ombo macht der Nil eine recht enge Kurve von Nord nach West, vorbei an einer Insel und dann wieder nach Nord. Wenn es dort angeschwemmt worden wäre, ja dann! Ich werde noch mit einigen Lotsen auf dem Nil telegraphieren, ob das überhaupt möglich wäre. Außerdem, Herr Feldmarschall Beck, wie lange würden Sie für eine Mobilisierung der – sagen wir einmal, der Tyroler Standschützen brauchen.“
„Aller Schützen? Vielleicht ein, zwei Wochen.“
„Und eine Generalmobilmachung der österreichischen Truppen?“, hakte Hametten nach.
„Länger, Fürst. Wir könnt‘n nicht alle gleichzeitig einberuf‘n, weil – na ja, zuerst müssten wir einen Teil einziehen, der provisorische Unterkünfte errichtet. Ja, wenn’s pressiert, weil’s irgendwo schon kracht, dann könnt’n wir die ersten Leut‘ schon einmal losschicken und die anderen die nächst’n Tag‘ marschfertig machen. Sag’n wir – anderthalb, zwei Monat‘, bis alle österreichischen Truppen fertig sind. Wir hätt’n aber schneller eine größere Streitmacht, wenn wir gleichzeitig Leut‘ von verschiedenen Ländern einberuf‘n.“
„So schnell?“
„Wenn’s sehr pressiert. Normalerweise würd‘ ich schon länger ansetzen.“
„Und könnten’s das geheim halten?“
„Niemals, Fürst! Unmöglich“, wehrte Beck energisch ab. „Spätestens wenn die ersten Reservisten einrücken weiß es die halbe Welt.“
„Sehen Sie – im Sudan deutet nichts auf eine Mobilisierung hin. Nicht einmal unsere Luftschiffe haben irgend etwas gesehen. In Omdurman geht alles seinen gewohnten Gang. Man sollte doch meinen, dass jetzt schon Vorbereitungen für einen Angriff getroffen werden. Aber auch unsere Agenten im restlichen Sudan haben nichts feststellen können. Gar nichts. Nicht im Norden, im Süden, im Osten oder Westen. Hoheit, meine Herren, ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll.“
„Nun, Hametten, fragen wir einmal umgekehrt.“ Helene von Wittelsbach, Regentin der Vereinten Donaumonarchien, goss eigenhändig noch einmal Kaffee nach und klingelte nach einem Diener, damit dieser eine neue Kanne besorgte. „Wer sollte Uns einen solchen Brief schreiben und warum?“

„Nun – wir könnten davon ausgehen, dass Britannien und das Osmanische Reich keinen Nutzen von einer solchen Täuschung haben. Weder Kitchener noch der Khedive benötigen mehr als die Erlaubnis ihrer Monarchen – und niemand auf der Welt würde ein Wort dagegen sagen. Deutschland – nun, Bismarck wäre ein kompliziertes Manöver durchaus zuzutrauen, aber am Sudan haben sie noch nie Interesse gezeigt. Außerdem hat sich in letzter Zeit außer Italien keine Macht auf einen größeren Konflikt vorbereitet, und der erste Schlag zielte auf Abessinien. Dort sind aber die Fronten festgefressen, und ohne schwere und schwerste Artillerie wird sich daran auch nichts ändern. Die Briten und Franzosen sperren aber jetzt den Suezkanal für Kriegsschiffe und -Material, mit offizieller Zustimmung Euer Hoheit. Also müssen sie um Africas Cap der guten Hoffnung, das sind rund siebzehn- bis achtzehntausend Kilometer. Nehmen wir 17.500, das macht bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit eines Frachtschiffes von etwa 18 Knoten – äh – runde 530 Stunden, das sind 22 Tage. Nonstop. Allerdings haben sich die Italiener derzeit an der Nordküste Africas fest gebissen. Sie haben sich vorgenommen, die Wüste zwischen Tripolis und Ägypten zu begrünen und zum Blühen zu bringen. Und sie unternehmen wirklich große Anstrengungen, Majestät. Ich habe mich erkundigt, es wird nicht billig, könnte aber funktionieren. Und – wir haben keine große Frachtflotte festgestellt, welche die Straße von Gibraltar passiert hätte.“
„Sie könnt’n versuchen, sich sozusagen von hint‘n nach Abessinien zu schleichen“, warf Beck ein.
„Natürlich könnten sie das, aber – na ja, das wäre schon eine Möglichkeit. Sie versuchen, den Sudan in der Maske von Madhisten zu durchqueren, während die Engländer und die Osmanen mit den echten Sudanesen kämpfen. Das wär‘ aber ganz schön hinterfotzig.“
„Glauben Sie wirklich, dass es möglich wäre, Hametten?“
„Selbstverständlich halte ich es für möglich, Hoheit. Aber es ist nicht ausschlaggebend, was ich glaube. Nun ist zwar Karthum nicht unbedingt existenziell für die Donaumonarchien, aber es wäre trotzdem nicht eben ein positives Signal, wenn wir vertrieben werden. Ganz zu schweigen von den dort eingelagerten Waffen und den Thorneycrofts, die dem Sudan in Hände fallen könnten.“
„Und was raten Sie, Fürst?“ Ferdinand Graf von Bauer wischte sich den Schweiß vom kahlen Schädel.
„Ich schlage vor, dass wir einige Luftschiffe über die Sahara entsenden. Und zwar entlang des Nils südlich von Karthum. Wenn es die Italiener sind, dann wollen sie die Sudanesen nach Norden bringen. Aber, Hoheit, es kann durchaus sein, dass entweder der Kalif oder der Sultan …“
„Oder beide“, warf Beck ein.
„Oder beide“, stimmte Hametten zu. „Selbstverständlich. Ich schlüge parallel zu den Spähflügen durch kleine, schnelle Luftschiffe auch die Bereitstellung von fünf Truppentransportern Leichter-als-Luft, um entweder rasch Hilfe bringen zu können oder eine schnelle Evakuierung in die Wege leiten zu können.“
„Sagten Sie nicht, das wäre ein negatives Signal?“
„Natürlich, Herr Minister. Trotzdem wäre es besser, als tausend Soldaten und tausendfünfhundert Sudanesen zu opfern. Besser evakuieren und alles in die Luft sprengen, das wir nicht mitnehmen können. Gleichzeitig möchte ich auch einen eigenen Botschafter nach Dschiddah senden, um vielleicht mit Abd al-Ilāh ibn Muhammad, dem Sherif von Mekka zu sprechen, was er von der Sache hält, und ich werde selbstverständlich mit Istanbul in Verbindung bleiben. Dazu möchte ich Euer Hoheit vorschlagen, auf schriftlichem Weg höflich, aber bestimmt abzulehnen und beiden die Frage stellen, ob dieses Schreiben wirklich ihrer beider Zustimmung findet.“
„Das könnte ich machen.“ Helene nickte. „Aber fordern wir damit nicht einen Angriff vor der Zeit heraus?“
„Natürlich. Aber dann wüssten wir zumindest Bescheid. Herr Stabschef, sagen Sie doch, wie schnell könnten Sie die fünf Luftschiffe und ein schweres Bataillon einsatzbereit haben. Ich meine nicht die Uhus, sondern ein ganz normales Jägerbataillon mit ein paar Granatwerfern und schweren Maschinengewehren zur Unterstützung. Und wie geheim lässt sich das machen?“
„Wenn wir ein Luftschiff aus München, zwei aus Wien, eins aus Prag und eins aus Budapest nehmen, mit je einer verstärkt‘n Kompanie, können alle fünf in einer Woche in Brasov sein. Das wär‘ in Siebenbürgen. Und von dort können die Schiffe in längstens 34 Stunden vor Ort sein, selbst wenn’s nur 100 Stundenkilometer schafferten. Im Normalfall aber eher in 28, 120 packen unsere Zeppeline schon. Mit Beladung, und da sind ein paar Bomben zum Abwerfen auch dabei.“
„Dann würde ich sagen, bereiten Sie es vor, Herr Stabschef.“
*
Persien, Pasagarde
Vor dem Grab des Kambyses hatten die Arbeiter allmählich den Sand abgetragen und zum sieben in das große Zelt gebracht. Großartige Funde an Metall waren bisher noch nicht aufgetaucht, einige Silbermünzen, einige Gegenstände aus Kupfer, billiger Schmuck für einfache Leute, und einige Bronzesplitter, welche sich noch nicht zu einem ganzen Stück zusammen fügen ließen. In erster Linie allerdings waren Scherben gefunden worden. Keramik etwa aus der Zeit von Kambyses II und Dareios I, was nicht weiter verwunderlich war, wenn das Grab dem richtigen König zugeordnet worden war. Das Grab des Kambyses – oder Kabūjiya, wie er auf altpersisch hieß – war ein zweistufiger Bau. Unten ein Geschoss aus wuchtigen, zu Quadern gemeißelten Steinen, auf dem ein Häuschen in eher assyrischem Stil ruhte. Bei der Entfernung des Sandes um das Grab hatte man einen verwinkelten, bisher unbekannten Gang gefunden. In diesem knieten fünf Frauen aus Österreich nebeneinander und wischten mit weichen Pinseln Staub und Sand vom gefliesten Boden. Langsam, vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter, denn man konnte nie wissen, was der nächste Pinselstrich bringen würde. Für die aktiven Soldatinnen eine harte Geduldsprobe, aber alltägliches Brot für Archäologen wie Maria Alek Miin. Maria stammte aus dem Volk der Dinka und hatte Glück im Unglück gehabt. Ihre Eltern waren bei einer der Sklavenjagden der islamischen Nordsudanesen verschleppt worden, aber das damals fünfjährige Mädchen hatten die Baggara irgendwie übersehen. Sicher nicht mit Absicht, denn sie hätte auf einem Sklavenmarkt sicher schon eine ganze Menge Geld gebracht. So aber fand sie ein Forschungsreisender aus Mähren. Herr Philipp Paulitschke, Edler von Brügge. Kurzerhand nahm der Reisende das Mädchen mit sich in die Donaumonarchien und brachte es dort in einem guten Internat unter. Dort erhielt Alek Miin auch ihren eingetragenen offiziellen Vornamen Maria. Sicherheitshalber, weil man nicht wusste, ob Alek oder Miin der Familienname war, und darum setzte man einen eindeutigen Namen noch vorne dran. Und Maria gewöhnte sich daran, mit diesem Namen gerufen zu werden. Im Internat erkannte man bald die natürliche Intelligenz Marias und empfahl ihr den Besuch eines Gymnasiums. Philipp Paulitschke und seine Frau Gisela, welche sich mittlerweile als so etwas wie ihre Eltern sahen, übersiedelten nach Wien, wo Philipp eine Stelle als Lehrer annahm, und adoptierten Maria endgültig. Aus dem Mädchen wurde eine junge Frau, recht hübsch anzusehen und wie alle Dinka sehr groß und schlank. Jetzt, mit 25 Jahren, war sie Doktorandin und Assistentin von Professor Annabelle Bernhuber.
„Au, mein Kreuz.“ Korporal Lotte Molter streckte den Rücken. „Wie halten Sie das nur aus, Maria?“
„Gewohnheit, Lotte.“ Magister Alek Miin rutschte auf ihren Knien ein Stückchen weiter und begann mit dem Bürsten des nächsten Planquadrates. „Reine Gewohnheit. So wie Sie sich wohl oder übel daran gewöhnen werden, wenn Sie dabei bleiben wollen.“
„Wir werden uns schon durchbei… Moment!“ Zugsführer Aranka Fehér, eine schwarzhaarige, magyarische Schönheit aus der Puszta unterbrach sich selber. „Da ist etwas, Maria.“
„Was denn?“ Alek Miin sprang auf die Füße und ging die drei Schritte zur Soldatin hinüber.
„Eine Rille im Boden. Fast wie ein Stück von einem Kreis. Und da – vielleicht ein Finger breit entfernt, eine zweite!“
„Sehr schön!“ Schon war Maria auf den Knien und blies ein wenig Staub weg. „Da ist ja ein richtiger Ring im Boden, bis auf … Zurück, meine Damen. Lisa, würdest Du bitte Frau Professor Bernhuber und Hauptmann Hankaka zu uns bitten? Und sagen’s auch dem Hauptmann Gorbani von der persischen Truppe Bescheid. Ich glaub‘, die sollt’n dabei sein, bevor wir weitermach’n!“
„Und nimm einen Fetz’n vor’s Goscherl, wennst mit’m Gorbani redest“, warf Lotte ein. „Weißt eh noch von der Einschulung.“
„Ganz richtig, Lotte. Und wenn’s kommen, machen wir das auch.“
Der Kultusminister hatte den Ausgräbern eine verstärkte Kompanie Soldaten zugewiesen. 60 Arbeiter in Uniform, welche bei den körperlich anstrengenden Arbeiten helfen sollten, und eben so viele bewaffnete Soldaten, welche Wachdienste zu verrichten hatten. Dazu natürlich noch die Chargen und die Offiziere. Der höchste persische Offizier in Pasagarde war Sarvan – oder Hauptmann – Ramin Ghorbani. Ein kleiner, drahtiger Mann, der sich durch grenzenlose Hingabe zu seinem Schah Nāser ad-Din und eine gute Begabung zur Beobachtung auszeichnete. Das prädestinierte ihn für diesen Posten, trotz einiger Defizite. Besonders, was seine Einstellung Frauen gegenüber betraf. Man konnte jetzt nicht unbedingt behaupten, dass Hauptmann Ghorbani nichts von Frauen hielt – nur von ihrem Denken. Er war einer jener Moslems, für welche eine Frau nur eine Funktion hatte. Nun ja, neben dem Putzen und dem Kochen natürlich. Aber, Generalmajor Feridouzh Azim hatte ihn im Auftrag des Kultusministers hierher gesandt und befohlen, ganz ausdrücklich befohlen, höflich und zuvorkommend zu bleiben.
Bei dem Kompaniekommandanten der Österreicher, einem Oberleutnant, und dessen gleichrangigen Stellvertreter hatte er damit auch keine Probleme. Das heißt, jetzt war der Kommandant Christoph Hankaka ja Hauptmann, dieses Weib in einer Uniform mit den Schulterstücken eines Oberst, das überall herum schnüffelte, hatte ihm seine Beförderung gebracht. Auch, dass der Hauptmann ein sehr dunkelhäutiger Maori war, machte Ramin keine Probleme. Aber dass diese Weiber hier überall die Männer herumkommandierten, das ging ihm schon gewaltig gegen den Strich. Und dass sie bei ihrer Arbeit, die eigentlich ein Mann machen sollte, so ungeniert ihre Hintern in die Höhe hielten und damit seine Soldaten von der Arbeit ablenkten, auch. Aber das alles verblasste, wenn er an dieses Weib dachte, das hier die Ausgrabungen leitete und sich erdreistete, nicht nur den Arbeitern, sondern auch ihm und seinen Offizieren Anweisungen zu geben. Wenn Kamran Mirza kam, würde er für diese Beleidigungen Genugtuung verlangen. Zumindest zehn Hiebe mit der Peitsche müsste sie erhalten. Öffentlich. Um seine Ehre und die seiner Offiziere wieder herzustellen. Und dieses sich einen Offiziersgrad anmaßende Weib müsste eigentlich gleich neben ihr stehen.
„Herr Hauptmann?“ Eine weibliche Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Mit Empfehlungen der Frau Professor und dem Hauptmann Hankaka, beide bitten Herrn Hauptmann zum Grab des Kambyses zu kommen. Sie hätten vielleicht etwas wichtiges gefunden.“ Er betrachtete die Frau vor sich. Ein weites Gewand über der Arbeitskleidung, Haar und Gesicht sittsam bedeckt, nur die Augen waren nicht niedergeschlagen. Na ja, das konnte man einer Ungläubigen gerade noch so durchgehen lassen.
„Ich komme.“
*
Maria Alek Miin und die als Studentinnen getarnten Toas warteten vor dem Eingang zum Grab des Kambyses auf ihre Chefin Annabelle Bernhuber und Hauptmann Hankaka sowie auf Ramin Ghorbani. Zuerst kamen Annabelle und der österreichische Offizier mit ihrem viersitzigen GA-DKW zum Parkplatz in der Nähe des Grabes und stellten ihn neben dem großen Steyr 380er ab, mit welchem Maria und die Toas gekommen waren. Von dort führten einige Stufen und ein ausgetretener Weg bis zum Grab. Die Gefreite Lisa Hofer hatte zuerst bei den Sortiertischen im Ausgräberzelt die Akademikerin und Hauptmann Hankaka gefunden, welche sich sofort auf den Weg machten.
„Sie haben Oberst von Oberwinden doch auch Bescheid geben lassen?“ fragte Annabelle Bernhuber Hauptmann Christoph Hankaka.
„Das habe ich, Frau Professor. Und ich glaube, dort kommt sie auch schon.“ Tatsächlich kurvte unten eines der dampfelektrischen Dreiräder mit den beiden großen, breiten Hinterrädern um eine Kehre aus dem nahen Tal von Naqsch-e Rostam und blieb ebenfalls am Parkplatz bei dem Grab stehen. Eine kleine, zierliche Gestalt in einem weiten Burnus schwang sich vom Sattel und näherte sich rasch, gefolgt von einem älteren Mann in persischen Paidschamas, welche von einem Kamaraband gehalten wurden, einem weißen Pirahān mit langen Ärmeln und einer hohen Kohlā auf dem Kopf.
„Grüß Gott, Annabelle!“ Elisabeth reichte Annabelle die Hand, dann auch dem Hauptmann. „Hauptmann. Das hier ist Meister Behruz Istachrani, der für mich übersetzen soll. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich wirklich hier erschein‘. Immerhin, die Ausgrabung ist immer noch Ihr Kommando.“
„Mich nicht, Frau Oberst, aber dem Ghorbani wird’s nicht so g’fallen. Schaun’s einmal hin, der macht ja ständig ein G’sicht, wie wenn er gleich explodieren möcht‘!“
„Ja, ich glaub‘ auch, der g’hört zu den Muslimen, die ein Problem mit stark’n Frau’n haben“, bestätigte Elisabeth. „Na ja, da muss er halt damit fertig werd’n. Obwohl’s sicher leichter g’wesen wär, wenn da nur Männer wär’n.“
„Elisabeth, es ist wahrscheinlicher …“
„Weiß schon, Annabelle. Die Regentin hat’s mir erklärt. Also, genau g’nommen die Professores Reinisch und Karabacek in Beisein ihrer Hoheit. Leichter wär’s in der Gegend halt trotzdem mit Männer g’wesen.“
„Nun, da muss ich schon zustimmen.“ Annabelle nickte ergeben. „Aber zumindest nehmen uns die Einheimischen nicht für ganz voll. Und unsere ‚Studentinnen‘ auch noch nicht.“
„Da drüb’n schlendert der Ghorbani jetzt ganz langsam daher, als wär‘ er das größte Wunder auf Gottes Welt“, brach es aus Hauptmann Hankaka beim Nahen Ghorbanis heraus. „Wenn’s nicht g’heissen hätt‘, dass wir um jed’n Preis freundlich zu dem Strolch bleib’n sollt’n, lachert der schon ohne seine Zanderln, das g’spritzte Stoahandl, das depperte. Die Husten möcht‘ ich ihm am liebsten zudrück’n, bis‘s ihm die Kipfler aus’m Gsicht druck’n möchtert“ Der Dialekt seiner Mutter aus der niederösterreichischen Gemeinde Oberlaa nahe Wien an der Ostbahn brach bei ihm ab und zu durch, wenn er verärgert war. Und er war mit Ungerechtigkeit ganz leicht zu verärgern. Nämlich immer dann, wenn jemand glaubte, etwas Besseres zu sein, nur weil er ein Mann war. Oder ein Mensch mit hellerer oder dunklerer Hautfarbe, blond, brünett oder schwarzhaarig. Christoph hatte davon seinen Teil erlebt. In der theresianischen Militärakademie. Und zwar weniger wegen seiner dunklen Haut, welche er von seinem Maori-Vater geerbt hatte, sondern wegen seines harten Dialekts, den er als Kind gelernt hatte. Ein G’scherter halt.
„Nur ruhig, Herr Hauptmann“, begütigte Annabelle Bernhuber. „Tief durchatmen und lächeln. Das hilft. Er wird sich nicht ändern, und wenn Sie ihm dreimal die Zähne einschlügen.“
„Also, mit tät’s schon Berge geb’n. Einmal die Gurgel auf Null dreh’n. Aber Sie sind hier die Chefin, Frau Professor. Also werd‘ ich mich beherrschen. Noch!“
„Danke, Herr Hauptmann.“ Dann wechselte sie in die arabische Sprache, welche auf der Ausgrabung jeder mehr oder weniger gut beherrschte. Selbst Elisabeth von Oberwinden hatte – zuerst während ihrer Ägyptenreise und dann hier – einige essentielle Brocken gelernt. Was man halt so im Alltag braucht. Und für mehr hatte sie ihren Dolmetscher. Persisch sprach von den Österreichern leider nur Annabelle Bernhuber und ihre Doktorandin Maria Alek Miin, allerdings altes Persisch, das nicht ganz dem modernen entsprach. Aber wegen der Koranschulen sprach jeder Moslem halbwegs arabisch, weil die Worte vom Propheten Mohammed ja nur in arabischer Sprache gelernt werden durften, und die Schrift hatten die Araber den indoeuropäischen Persern auch aufgezwungen. „Hauptmann Ghorbani, schön, dass Sie es einrichten konnten, auch zu kommen.“
„Warum hat man mich gerufen?“, fragte der Perser unwirsch und kurz angebunden.
„Weil Magister Alek Miin unter Umständen etwas gefunden hat, und bevor sie weiter macht, möchte sie einen Vertreter des Schah dabei haben. Der Vertrag, wie sie sich sicher erinnern werden.“
„Unter Umständen! Und da rufen Sie mich?“
„Der Kultusminister Kamran Mirza hat sich sehr genau ausgedrückt, Hauptmann.“ Wenn sich Annabelle hoch aufrichtete, schaffte sie es, etwas größer als Ghorbani zu sein. Gerade so eben, aber doch. „Und wir aus den Donaumonarchien halten uns an getroffene Vereinbarungen. Und uns ist jeder Vertreter des Schah willkommen, der unsere Arbeit beobachtet. Können wir hinein gehen?“
„Natürlich!“ Der Perser war zufrieden mit sich. Er hatte sehr wohl verstanden, dass man lieber einen anderen Beobachter vorgezogen hätte, und beinahe hätte er diese überhebliche Kuh aus der Reserve gelockt und zu einer unüberlegten Äußerung verleitet, welche er als Beleidigung dem Schah gegenüber auslegen hätte können. Nun, der Tag war ja noch jung, vielleicht konnte er ihr heute irgendwie noch einen Strick drehen. Hier herumpinseln und nach Gold suchen konnten er und seine Soldaten auch allein, dazu waren diese kakanischen Weiber unnötig. Zu seiner ganzen Größe von 164 Zentimetern aufgerichtet stolzierte er voran.
„Also, Fräulein Miin, erklären Sie Ihren Fund“, forderte Annabelle ihre Doktorandin in einem Nebengang innerhalb der Grabsockels auf. „Auf Arabisch, bitte.“
„Gerne.“ Die Dinka wies mit ihrer schlanken Hand, welcher man kaum genug Kraft zum halten eines Archäologenpinsels zugetraut hätte, in einen Winkel nicht ganz am Ende der Höhle. Flüsternd übersetzte Meister Behruz für Elisabeth. „Zuerst hat es ja so ausgesehen, als wäre hier nur der Schutt von der Bearbeitung der Grabkammer über uns abgeladen worden. Wir haben die Steine und Tonscherben trotzdem vorsichtig und penibel abgetragen und nach unten geschafft, und ein paar Schüsseln aus Keramik sind ja herausgekommen. Dann haben wir angefangen, vorsichtig den Staub wegzupinseln.“
„Aber wozu das denn?“ Die Stimme Ghorbanis klang gelangweilt. „Warum sollten gerade hier in diesem Nebengang die Schätze des Großkönigs liegen? Verschwenden Sie doch nicht meine Zeit, liefern Sie endlich Ergebnisse!“
„Sofort, Hauptmann.“ Maria blieb die Ruhe in Person. „Wir haben hier einen Bronzering und eine Rinne gefunden, welche ein Quadrat umgibt. Es könnte sich um eine Art Deckel handeln, aber wir haben noch nicht versucht, ihn zu öffnen. Dazu müssen Sie, Hauptmann Ghorbani, oder einer ihrer Offiziere als Zeuge anwesend sein.“
„Und was glauben Sie, was da schon darunter sein wird. Noch mehr Schutt?“
„Das können wir nur beantworten, wenn wir den Deckel öffnen“, erklärte die Professorin. „Sind Sie bereit, oder schicken Sie uns einen Vertreter?“
„Na schön.“ Er wandte sich an die acht ihn begleitenden persischen Soldaten. „Hebt den Deckel ab.“
Die beiden Soldaten bauten ein Dreibein über dem Deckel auf, hängten einen Flaschenzug an der Spitze ein und hoben den Ring im Scharnier in eine senkrechte Lage. Dann hakten sie den Flaschenzug in diesen Ring und zogen vorsichtig. Langsam begann sich die steinerne Platte zu heben und wurde von den Soldaten zur Seite gezogen. Ein enger Schacht kam darunter zum Vorschein, quadratisch, jede Seite maß etwa 80 Zentimeter.
„Ich denke, wir sollten uns mit Seilen sichern, wenn wir da hinunter steigen.“ Christoph Hankaka leuchtete mit einem Handscheinwerfer den Schacht hinunter. „Es sind in der einen Wand zwar Löcher für Hände und Füße, aber wirklich vertrauen möchte ich denen nicht.“
„Und wir brauchen noch zwei Handlampen“, ergänzte Maria Alek Miin. „Wir haben ja genug Kabel da herum liegen. Lassen wir doch eine hinunter, dann sehen wir ungefähr, wie weit wir hinunter müssen.“
„Nicht weit, ich sehe schon den Boden“, schilderte Hankaka. „Viereckige Steine, alle in derselben Größe. Zumindest sieht es von hier so aus.“
„Wer geht hinunter? Wollen Sie den Anfang machen, Hauptmann Ghorbani? Dann steige ich hinunter und zum Schluss Hauptmann Hankaka. Das reicht als erste Erkundung. Später wird dann Magister Alek Miin hier die Leitung haben, aber der erste Blick gehört mir! Rang hat nun einmal Privilegien, Maria.“
„Ich weiß. Viel Glück, Frau Professor.“
Man ließ als erstes eine von einem Gitterwerk geschützte Göbel-Lampe an ihrem langen Kabel in den Schacht. Den Strom dafür lieferte ein tragbarer, mit Vaporid betriebener Tesla-Generator, welcher zuerst gleich neben Schacht aufgestellt wurde. Dann schwang sich Ramin Ghorbani als erster in die Öffnung. Die in der Wand befindlichen Steighilfen erwiesen sich wider erwarten als absolut brauchbar, man konnte zugreifen, ohne dass die Kante auch nur im geringsten abbröckelte. Etwa drei Meter tiefer erreichte der persische Hauptmann den Schachtgrund, befreite sich aus seinem Klettergeschirr und winkte nach oben.
„Hier geht eine Treppe tiefer hinab“, rief er nach oben. „Richtige in den Stein gehauene Stufen!“ Die Soldaten zogen das Seil mit dem Geschirr wieder nach oben, und Annabelle Bernhuber legte es an.
„Also, auf geht’s“, bemerkte sie, dann nickte sie den Soldaten zu und schwang sich in die Öffnung, froh darüber, Hosen zu tragen. „Wenn ich bitten darf, meine Herren!“ Sie war eine erfahrene Archäologin, welche schon unzählige Stollen erforscht hatte, und es war nicht das erste Mal, dass sie sich auf diese Weise einem möglichen Fundort nähern musste. Und doch floss auch dieses Mal wieder vermehrt Adrenalin durch ihre Adern, Atem und Puls beschleunigten sich. Es war diese Spannung, welche immer wieder von ihr Besitz ergriff. Jetzt war sie unten, löste das Geschirr und trat einige Schritte zur Seite, um Platz für Hankaka zu machen. Dann betrachtete sie den schräg nach unten führenden Gang. „Da ist doch sogar noch Farbe an den Wänden. Fast wie in den Gräbern im Tal der Könige“, konstatierte sie und stöpselte einen abblendbaren Scheinwerfer in den zwischenzeitlich herunter gelassenen Generator. Gleichzeitig schaltete sie Ghorbanis Rundumlampe aus. „Jetzt schau‘ sich das mal einer an!“ Sie verfiel kurz ins Deutsche, ehe sie zurück ins Arabische verfiel. „Sehen Sie, Hauptmann Ghorbani, das hier ist ja absolut phantastisch. Da haben wir die Inschrift in Hyroglyphen, und darüber den gleichen Text in persischer Keilschrift und griechischen Zeichen in der ionischen Ausformung.“
„Ich dachte, die altpersische Schrift sei noch immer nicht völlig erforscht.“ Ghorbani hatte die Hände in den Hosentaschen und sah sich um.
„Wir können die frühpersische Variation der Keilschrift lesen, Hauptmann. Wir wissen nur noch nicht, wie es ausgesprochen wird.“ Annabelle leuchtete ein wenig weiter in den Gang. „Dort hinten geht es um eine Ecke. Ach, Hauptmann Hankaka, willkommen. Haben Sie eine Kamera mit?“
„Natürlich.“
„Dann leuchten wir den Gang einmal ordentlich aus, und sie machen ein Photo“, befahl Annabelle und schaltete die zweite Lampe wieder ein. „Hauptmann Ghorbani, wenn Sie sich bitte hier her stellen wollen. Danke!“ Hankaka klappte die Kamera auf und zog den Balg aus, dann schätzte er die Entfernung anhand der Einteilungen auf den Stromkabeln und drückte auf den Auslöser.
„So ein Rollfilm ist schon was feines“, bemerkte der österreichische Offizier. „Keine sperrigen Platten mehr, die ganze Kamera ist kleiner, und Stativ braucht man auch keines mehr. Können Sie schon sagen, was da steht, Frau Professor?“
„Ich bin Kabūjiya, Großkönig der Perser, Herrscher über das Reich der zwei Ströme und Asia, Pharao der Ägypter und Herr über Judäa! Mein Reich erstreckt sich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, in welche Richtung auch immer ich blicke, ist mir die Welt untertan. Dies ist mein Besitz, und der Fluch des Ahura Mazda treffe jeden, der mich zu berauben gedenkt. Die üblichen Formeln eben, um Grabräuber fern zu halten. Ich hoffe, es hat funktioniert, obwohl schon diese Schriftwand mehr ist, als ich gehofft habe.“
„Das bedeutet, dass da vorne doch noch der ägyptisch-persische Goldschatz des Kambyses liegen könnte?“ Ramins Augen wurden zu schmalen Schlitzen.
„Wenn nicht sein Bruder Bardiyā – oder Gautama, der sich für ihn ausgab – den Schatz irgendwo anders versteckt hat“, erklärte Professor Bernhuber. „Er könnte auch in der Hand von Dārayavauš gelandet und mit ihm begraben sein. Oder sein Sohn Xerxes I., und nach ihm Artaxerxes I. haben ihn geerbt. Vielleicht auch einer der anderen Achämiden, und Alexander hat das Gold nach Makedonien geschickt, um Münzen prägen zu lassen. Er könnte auch in der Kriegskasse von Xerxes gewesen und in Athen gelandet sein. Alles möglich.“
„Aber auch, dass er dort vorne liegen könnte!“
„Selbstverständlich ist es durchaus möglich.“ Annabelle leuchtete wieder den Gang hinunter. „Wir können ja nachsehen!“
„Wenn er das ist, gehört der Schatz dem Schah“, betonte Hauptmann Ghorbani. „Niemandem sonst!“
„Diese Selbstverständlichkeit hat bereits Professor Karabacek mit Kamran Mirza besprochen, Hauptmann. Sobald wir Photographien und Zeichnungen angefertigt haben, kann Schah Nāser ad-Din natürlich frei über den Schatz verfügen, so er vorhanden ist. Uns geht es nur um das Wissen, nicht um das Metall, das ganz fraglos persischer Besitz ist. Jede Leihgabe oder Veräußerung an ein österreichisches Museum würde mit einem entsprechend wertvollen Pfand abgesichert oder entsprechend bezahlt werden. Aber alles das wäre eine Entscheidung des Schah.“
„Nun, ich werde seine Interessen zu wahren wissen. Verlassen Sie sich darauf!“ Dann rief er in den Schacht nach oben. „Ostovar-e Yekom Nazanin! Wir erforschen den Gang weiter! Geben Sie gut acht, ich verlasse mich auf Sie!“
„Jawohl, Sarvan!“
„Dann gehen wir, Professor!“
„Moment. Herr Hauptmann Hankaka, Sie haben doch sicher Ihr Feuerzeug dabei, bitte zünden Sie die Laterne an.“
„Eine Kerze? Was soll das bisschen Licht noch nützen.“
„Das Licht ist nicht wichtig, Hauptmann Ghorbani“, ließ sich Hankaka zu einer Antwort herab. „Aber wenn die Kerze ausgeht, sollten wir schleunigst zurück gehen. Denn dann geht uns der Sauerstoff ab, und giftige Dämpfe nehmen seine Stelle ein.“
Der Gang machte nach etwa 75 Meter einen Knick im rechten Winkel nach links, um dort etwa 30 Meter tiefer eben weiter zu verlaufen. Annabelle blieb stehen und schnupperte wie ein Jagdhund in die Luft.
„Riechen Sie etwa schon das Gold, Professor?“ Die Stimme Ghorbanis klang höhnisch.
„Gold hat keinen für Menschen wahrnehmbaren Geruch, Hauptmann Ghorbani“, belehrte ihn Annabelle in sachlichem Ton. „Finden Sie nicht, dass die Luft hier unten ziemlich frisch riecht, Herr Hauptmann Hankaka?“
„Schon.“ Hankaka hielt die Laterne knapp über den Boden. „Und die Kerze im Windlicht zeigt, dass die Luft auch wirklich frisch ist.“
„Dann gehen wir weiter.“
*
Hauptfeldwebel Nazanin hörte seinen Hauptmann sehr gut, als dieser aus dem Untergrund seinen Befehl rief. Und er wusste auch genau, was er und die anderen Soldaten jetzt zu tun hatten. Zuerst die Archäologinnen überwinden und dann Leutnant Moradi verständigen, damit dieser mit den Geiseln die Wachkompanie der Kakanier überwältigen und ebenfalls gefangen nehmen konnte. Diese Ungläubigen sollten nicht eine Goldmünze einstecken können, und es durfte auch nicht sein, dass abendländische Weiber den Ruhm für die Entdeckung eines nationalen Schatzes ernten konnten. Hauptmann Ghorbani hatte sich da ganz genau ausgedrückt, und der Leutnant war ganz seiner Meinung gewesen. Nazanin rechnete mit einer leichten Aufgabe. Wie schwer konnte es für acht bewaffnete Männer schon sein, sieben unbewaffnete Weiber in Haft zu nehmen? Und wenn sie zu laut kreischen sollten, dann bekamen sie ein paar Ohrfeigen. Oder einige kräftige Klapse auf den nackten Hintern. Soldat Hosseini lächelte, als die Stimme seines Hauptmanns ertönte. Er hoffte sogar, dass eines der Mädel Zicken machte, vielleicht die in der Offiziersuniform, die sogar eine Pistole umgeschnallt hatte. Wahrscheinlich als Symbol, denn eine Waffe dieser Größe war doch viel zu schwer für ein zartes Püppchen. Er würde sie nur zu gerne zum Schweigen bringen. Was sollte denn schon schief laufen?

Eigentlich nur der Umstand, dass fünf der Frauen keine Studentinnen sondern hervorragend ausgebildete Soldatinnen waren, und das Elisabeth von Oberwinden eine Mutter mit ganz speziellem Hintergrund war. Eine Kunoichi, eine ‚Verborgene‘. Von dieser hatte sie nicht nur die aparte Lidfalte geerbt, sondern auch einiges gelernt. Beobachten zum Beispiel. Ein guter Kagemusha erahnte die Handlungen seines Gegner um jene winzige Zeitspanne vorher, welche nötig war, diese zu vereiteln. Und Lisi war gut. Außerdem waren die Damen nicht wirklich unbewaffnet. Das Heeresbeschaffungsamt hatte kleine, mit Vaporid betriebene Flechette-Pistolen an die Toas ausgegeben, und Lisi trug ohnehin ihre Waffe am Gürtel. Und sie war für die Hände der Markgräfin noch nie zu schwer gewesen. Also hatte Soldat Hosseini das Pech, in eine 8 Millimeter durchmessende Waffenmündung zu blicken, noch ehe er sein Gewehr halb erhoben hatte. Und als er diese Drohung mit einem hämischen Grinsen quittierte und mit dem Gewehr zuschlagen wollte, traf eine harte Stiefelspitze punktgenau seinen empfindlichsten Körperteil. Für einige Zeit war Soldat Hosseini mit in seinen Schritt verkrallten Händen aus dem Spiel genommen. Der Hauptfeldwebel war etwas schneller, aber Korporal Lotte Molter war nicht zimperlich, wenn sie eine Waffe sah. Ihre Flechettepistole entlud sich mit einem leisen Fauchen, und vier kleine Stahlpfeile bohrten sich in das Knie des persischen Unteroffiziers, dem der Schmerz die Besinnung raubte. Nazanin würde in Zukunft Probleme mit dem Gehen haben, falls er sein Bein überhaupt behalten konnte. Soldat Heydari hatte sich zu Korporal Gabi Ibhubesi umgedreht, doch diese war bereits näher, als er gedacht hatte. Eine dunkelbraune Faust traf seine linke Niere, eine zweite bohrte sich unter seinem Brustbein in den Körper und nahm ihm endgültig den Atem. Zugführer Aranka Fehér hatte ein Faible für schmale Messer und trug stets eines verdeckt bei sich. Dieses stak nun in der Schulter von Soldat Mohammadi, und Korporal Karimi sah in die Mündung ihrer Flechettepistole. Es ging alles ganz schnell vor sich, nur Minuten nach dem Ruf des Hauptmann Ghorbani waren die acht Perser gefesselt und geknebelt.
„Gut gemacht, meine Damen.“ Elisabeth nickte den Toas zu. „Ibhubesi, nehmen’s mein Dreiradler und suchen’s des Oberleutnant Wessely. Meine Empfehlung, und er soll sofort mit dem Rad einen Bot’n nach Schiras abschick’n. Einen Mann. Der soll den Brief da dem Kamran Mirza geb’n.“ Sie überreichte der Korporal einen Umschlag. „Dann soll er damit anfangen, die persische Kompanie festzusetz‘n.“
„Jawohl, Frau Oberst!“ Gabi nahm den Brief entgegen, salutierte und lief zu dem Dreirad.
„Hofer, Sie nehmen sich den GA-DKW und verständig‘n Oberleutnant Hofstätter. Meine Grüße, sie soll doch bitte den Oberleutnant Wessely unterstütz’n. Ab!“
„Zu Befehl, Frau Oberst.“
„Und wir pass’n jetzt auf die Gfrastsackeln da auf und wart’n d’rauf, dass das Obergfrast zurück kommt.“
„Sie scheinen schon einen Verdacht gehabt zu haben, Frau Oberst?“ Maria Alek Miin hatte sich während der Auseinandersetzung im Hintergrund gehalten und die Profis ihre Arbeit machen lassen.
„Sie meinen, wegen dem Brief?“, fragte Lisi zurück. „Ach, das war nur ein mögliches Szenario, auf das ich mich vorbereitet hab‘. Der Ghorbani hat schon so ausg’schaut, als würd‘ er lieber selber der Chef sein. Na ja, der Arsch mit Ohr’n ist dann eh das Problem vom Kamran Mirza.“
*
Besagter Arsch mit Ohren blickte eben um die dritte Ecke und erstarrte, während er tief Luft holte.
„Das – das ist – das ist ja ein durch und durch blasphemisches Werk“, rief er dann aus. „Das muss vom Teufel selber kommen!“
„Was denn?“ Annabelle schritt an ihm vorbei und sah es jetzt auch. „Oh! Ist das eine herrliche Arbeit.“ Sie ging vorwärts und legte ihre Hand an die in der Mitte des Raumes stehende Skulptur. Es war ein geschuppter Schlangenkörper, jede der Schuppen war scheinbar einzeln in verschiedenen Goldlegierungen gearbeitet und angebracht. Etwa anderthalb Meter über dem Boden ging dieser Schlangenleib in den einer menschlichen Frau über. Vom Nabel bis zum Scheitel maß die Statue noch einmal etwas über zwei Meter, auch der menschliche Körper schien aus Gold getrieben, der Blick aus silbernen Augen mit schwarzem Perlmutt als Iriden war auf den Eingang gerichtet, der Mund lächelte jeden, der die Kammer betrat, sinnlich an. Den Rücken entsprangen in Schulterhöhe zwei mächtige Schwingen, geformt wie jene eines Adlers. „Also, Gold ist jedenfalls eine ziemliche Menge da, selbst wenn man nur die Schuppen nähme“, bemerkte Annabelle. „Das sieht ja fast so aus, als hätten wir hier die ägyptische Göttin Iaret vor uns.“
„Dieses üble Teufelswerk muss zerstört und eingeschmolzen werden“, monierte Ghorbani. „Nicht nur, dass hier zumindest teilweise ein Mensch dargestellt wird – dazu noch als nackte Frau – ist es auch noch ein Götzenbild, vor dem uns Allah durch seinen Propheten Mohammed nicht nur warnt. Er verbietet uns ganz deutlich, die Existenz dieser Bilder zu erlauben!“
„Ewig schade um das Kunstwerk“, befand Hauptmann Hankaka und betrachtete die ebenmäßigen Züge hoch über ihm. „Da hat sich jemand Mühe gegeben. Große Mühe. Könnten wir nichts tun, um es zu retten, Frau Professor?“
„Das liegt allein am Schah, Herr Hauptmann. Wir können es nur zeichnen, photographieren und vermessen.“
„Ich verbiete es“, fuhr Ghorbani auf. „Dieses Ding beleidigt allein durch seine Existenz Allah und jeden gläubigen Moslem!“
„Es beleidigt nur Sie, Hauptmann.“ Annabelle Bernhuber schritt um die Statue herum und beleuchtete sie von allen Seiten. „Und Sie können uns die Untersuchungen nicht verbieten. Wir haben eine Abmachung mit Kamran Mirza.“
„Das werden wir noch sehen!“ Ghorbani zog seine Waffe und richtete sie auf Hankaka. „Ich verhafte Sie beide im Namen des Schah, weil sie Gold stehlen wollten! Legen sie ihre Waffe weg, Hankaka.“ Plötzlicher Schmerz durchzuckte seine Rechte Schulter, die Waffe wurde zu schwer für seine Finger.
„Na so was aber auch“, bemerkte Annabelle und sah auf die Lampe in ihrer Hand hinunter. „Da hat doch glatt jemand eine Flechettewaffe zusätzlich zur Göbel-Birne in den Scheinwerfer montiert. Da hatte wohl die Frau Oberst von Oberwinden Recht behalten. Ich hoffe, Sie haben etwas dabei, um diesen Mann zu fesseln, Herr Hauptmann.“
„Ich habe seit einigen Tagen stets Handschellen bei mir, Frau Professor.“
*
Persien, Schiras
Der Vizekönig der Satrapie Pars war ein bereits etwas älterer Mann, der sich jedoch noch guter Gesundheit erfreute. Der beinahe zwei Meter große Mehdi Mirza trug zwar einen beachtlichen Bauch vor sich her, war aber zum Leidwesen von bereits drei Attentätern in der Vergangenheit erstaunlich beweglich. Und er führte stets drei geladene zweiläufige Derringer im Kaliber 9 Millimeter in seiner weiten Kleidung versteckt und einen großen Dolch ganz offen mit sich. Nicht, dass er diese Bewaffnung bei seinem derzeitigen Gast in seinen privaten Gemächern benötigt hätte.
„Diese Britin hat es dir wohl angetan, Kamran-Chān.“ Als alter Freund des Kultusministers benützte er das Namensanhängsel für ‚mein lieber‘.
„Das kann ich nicht verleugnen, alter Freund“, bestätigte der persische Minister. „Sie hat etwas an sich, etwas, das mich fasziniert!“
„Dann pflücke sie doch!“ Mehdi kraulte seinen dichten, leicht angegrauten Bart. „Sie ist nicht das, das die Briten adelig nennen, der Preis für ihre Lotosknospe dürfte also nicht all zu hoch ausfallen. Und dann kaufst du ihr einen britischen Ehemann, in Teheran laufen genug herum, die bereit wären, eine gepflückte Blume zu heiraten, wenn der Preis stimmt. Noch Tee?“
„Gerne!“ Kamran hielt seinem Gastgeber sein leeres Glas hin, welcher eigenhändig nachgoss. „Aber was Miss Bell angeht – nein, es ist noch nicht soweit.“
„Nein?“ Mehdi riss erstaunt die Augen auf. „Glaube mir, mein Freund, wenn eine Knospe reif zum Pflücken ist, dann diese. Ich sehe so etwas. Sie kann es doch kaum noch erwarten, sich dir hinzugeben.“
„Das bemerke ich auch, Mehdi-Chān.“ Kamran nahm einige Züge aus der Wasserpfeife. „Aber trotzdem – es darf noch nicht sein!“
„Aber warum denn nicht?“
„Weil sie mich zuerst noch nach Persepolis begleiten muss.“ Der Minister lächelte versonnen. „Und zwar genau in dieser Verfassung, in welcher sie jetzt ist. Mehr als bereit, sich von mir pflücken zu lassen, und mir gerade wegen einer solchen Hoffnung einen Vorteil in Pasagarde verschaffend.“
„Dann brich auf, bringe die Sache hinter dich!“
„Noch nicht, Mehdi-Chān.“ Kamran winkte ab. „Erst, wenn eine Botschaft eintrifft, dass die Österreicher etwas gefunden haben.“
„Und wenn sie nie eintrifft? Dann wartest du völlig umsonst, mein Freund. Ich würde keinen Moment länger warten, wäre ich an deiner Stelle. Aber du musst selbst wissen, was du tust. Nur eine Frage noch, Freund Kamran. Warum nimmst du nicht eine deiner Frauen mit? Oder eine meiner?“ Kamran Mirza sog einige Minuten schweigend an der Ghalyun. „Verzeih mir, mein lieber Freund, wenn …“
„Nein, Mehdi-Chān. Es gibt nichts zu entschuldigen.“ Kamran winkte ab. „Es ist nur so, dass du ein großes Problem ansprichst. Wir Zoroastrier haben einen großen Fehler gemacht, als wir dem Vorbild des Islam folgten und die Frauen zu bloßen Objekten der Lust degradierten. Unserer Lust. Wir haben keine gebildete Frau mit starkem Willen mehr unter uns, also benötigen wir eine Ausländerin. Wir müssen unsere Frauen wieder zur Schule schicken, Freund Mehdi. Sie müssen wieder lernen, wie man selbstständig denkt, sie müssen wieder stark werden.“
„Aber warum benötigst du denn eine Frau?“
„Weil die Österreicher etwas suchen, und es muss einen Grund haben, warum sie beinahe nur Frauen schicken. Kennst du die Geschichte mit der fliegenden Hexe, welche vom jungen Helden Rostam im Auftrag des alten Königs besiegt wird?“
„Ein altes Märchen, alter Freund. Ein uraltes Märchen.“
„Und wenn nicht, Mehdi-Chān. Wenn die Waffen der Hexe in Pasagarde oder Persepolis bei den alten Königen begraben sind und die Kakanier etwas wissen? Und die Briten, die gerade jetzt so auffällig viel Interesse an unseren alten Schätzen haben? Und ebenfalls eine Frau schicken?“
„Ob wohl diese Miss Bell weiß, worum es geht?“
„Das ist Frage, Mehdi-Chān. Immerhin – sie ist noch sehr jung. Für britische Verhältnisse. Wäre sie aus einem der Länder Kontinental-Europas, wagte ich mein kleines Spiel wahrscheinlich nicht.“
„Also ist es ein Wagnis?“
„Selbstverständlich, Mehdi-Chān. Sonst wäre es nicht interessant!“
*
Der Raum mit dem großen Wasserbecken in der Mitte und dem kleinen, aber herrlich duftendem Garten des Harems im Palast des Vizekönigs der Provinz Pars war tagsüber ein durchaus angenehmer Aufenthaltsort. Das Wasser, welches wie ein künstlicher Bach aus dem Brunnen im Garten in das Badebecken floss, sorgte ebenso für Abkühlung wie die dünnen Stoffe, welche über einige Teile des Gartens gespannt waren und Schatten spendeten. Auch Gertrude Bell bestieg nun bereits recht gerne nackt das große Becken, um sich zu erfrischen, auch wenn das so gar nicht britisch war. Egal, es würde die Zeit kommen, in welcher sie sich wieder den heimatlichen Konventionen beugen musste, doch bis dahin genoss sie einfach die Annehmlichkeiten des Palastes. Und die großen, starken Hände eines Masseurs, welcher gerade ihren Rücken knetete. Die Frauen des Vizekönigs hatten ihr empfohlen, sich seinen kundigen Händen hinzugeben. Es wäre keine Gefahr für ihre Ehre dabei, denn der Masseur war ja kein Mann mehr, sondern wie alle Diener im Harem ein Kastrat. Allerdings einer mit geschickten Händen. Gertrude seufzte wohlig, als die eingeölten Hände des Dieners über ihren Rücken glitten, die Daumen sich hier und da tiefer in die Muskulatur gruben. Immer weiter nach Süden glitten die Hände des Masseurs und näherten sich allmählich den rückwärtigen Bäckchen Gertruds. Die Gespräche der Frauen schliefen langsam ein, sie beobachteten, was gleich geschehen würde, wenn diese Hände den Po und die Blüte der Britin erreichten. Es sollte dieses Mal nicht geschehen. Ein anderer Haremsdiener trat in den Raum und verbeugte sich vor Gertrude. „Fräulein Bell, Kamran Mirza ersucht Sie so bald wie möglich um Ihr Erscheinen im Diwan-i-Khas des Vizekönigs.“
„Selbstverständlich!“ Sie erhob sich von der Liege. „Sagt dem Mann bitte, er möge mir das überschüssige Öl abwischen“, wandte sie sich an die Damen des Hauses, welche bei den Worten des Dieners bedauernd geseufzt hatten.
Nachdem Miss Bell rasch in ihre Kleidung geschlüpft war, folgte sie dem Diener. Diese Haremshosen und das lange, geschlitzte Hemdkleid darüber waren weitaus praktischer und rascher angezogen als die viktorianische Mode Londons. Kein Korsett, keine Tournüre, keine knielangen Unterhosen. Und der über das Haar und die Schultern geschlungene Schal war nicht störender als die englischen Hüte, welche mit einer Unzahl von Nadeln an ihrem Platz gehalten werden mussten. Sie hatte bereits auf der Reise durch Deutschland und verschiedene Länder der Donaumonarchien nach Teheran gesehen, dass die Frauen im restlichen Europa bereits sowohl auf die geschnürte Wespentaille als auch auf den Cul-de-Paris, also den unförmigen Gesäßpolster verzichteten, mit dem man nicht bequem sitzen konnte. Auch die endlos langen Kleider, deren Säume stets vor Schmutz starrten, gehörten dort bereits der Vergangenheit an, und was die Geschäfte in Kakanien so an Unterwäsche anboten, hätten in London wahrscheinlich nur Prostituierte getragen. Wenn überhaupt. Gertrude fand, dass es Zeit wurde, dass auch London in der Gegenwart ankam, zumindest was die Alltagsmode betraf. Sie liebte diese unkomplizierte und bequeme Kleidung des Orients und war entschlossen, diese so lange wie nur möglich zu tragen.
Das Diwan-i-Khas, also das kleine Audienzzimmer des Vizekönigs war spärlich, aber erlesen und – teuer eingerichtet. Obwohl Mirza Mehdi wie die meisten Personen der persischen Oberschicht ein Anhänger des Zoroaster war und diese kein Problem mit der Abbildung von Personen und höheren Wesen kannten, hatte er aus Rücksicht auf den größten Teil Bevölkerung, welche nun einmal Muslime waren, in den öffentlichen Räumen des Palastes darauf verzichtet. Er hatte aber auch keine kaligraphischen Koransuren oder ähnliches anbringen lassen, der Schmuck der Wände war ebenso wie die Muster der seidenen Teppiche rein ornamental. In seinem Diwan-i-Khas hing allerdings ein exquisiter klassischer Nain-Wandteppich, welcher mehrere Reiter aus dem alten Persien bei einer Tigerjagd zeigte. Ein Muster aus sehr alter Zeit, lange ehe der Islam nach Persien gekommen war. Auch die Polster, welche den Statthalter und seine Freunde zum Sitzen einluden, zeugten von der Religion des Besitzers. Der Faravahar, das Bild eines bärtigen Mannes, welcher in einem Ei mit Vogelflügeln und Vogelschwanz stand und ein Symbol für den menschlichen Geist war, ein Atar, das heilige Feuer in einer goldenen Schale, und ein Bild der Činvat-Brücke, wo über die Seelen der Toten gerichtet wird. Daneben lagen noch andere Kissen und Teppiche, welche eher irdische Genüsse darstellten und priesen. In der Mitte stand ein in Persien übliches Tischchen mit geschnitzten Beinen, auch welchem eine fein ziselierte Metallplatte lag. Auf dieser wiederum standen eine Teekanne und einige Gläser sowie eine zierliche Ghalyun aus Glas und Kupfer, der Tabakrauch roch angenehm aromatisch. Nur wenige Personen wurden hierher eingeladen, und wem es widerfuhr, der durfte sich sehr geehrt fühlen.
Das war natürlich auch Captain James bewusst, als er von einem Diener des Mirza Mehdi durch die Gänge des Palastes geführt wurde. Auch wenn es ihm nicht unbedingt passte, aber hier in Persien hatte ihre Majestät, Queen Victoria, und ihre Untertanen keine Macht. In vielen Ländern waren sie die Herren, und die regionalen Fürsten tanzten mehr oder weniger nach ihrer Pfeife. Hier, in Persien, war das anders. Noch. Also schluckte Billy Ray seinen Groll hinunter und tat so, als fühle er sich tatsächlich geehrt, als er den Raum betrat. Er trug die Khaki-Uniform der britischen Orient-Truppen mit den Insignien der 7th Royal Fusiliers und hatte den Pith-Helm unter den linken Arm geklemmt. Als er den Raum betrat, stampfte er mit jedem Fuß auf und riss die Hand an die Schläfe.
„Ach, Captain James. Wie nett. Bitte setzen Sie sich doch.“ Mirza Mehdi wies auf einen Hocker, welchen er vorsorglich kommen hatte lassen. „Miss Bell wird sich in Kürze zu uns gesellen, und da ich weiß, wie sehr Sie um ihren guten Ruf und ihre Sicherheit besorgt sind, habe ich auch Sie zu diesem Gespräch gebeten. Tee?“
„Zu gütig, Hoheit.“ Billy Ray schluckte seinen Stolz hinunter, nahm auf dem Hocker Platz und der Diener füllte ihm ein Glas mit Tee. Es verging nur kurze Zeit mit seichtem Plaudern, bis ein weiterer Diener Gertrude zu den Herren brachte.
„Meine liebe Miss Bell!“ Kamran Mirza erhob sich und küsste ihre Hand. „Ich bin sehr erfreut, sie wieder zu sehen. Bitte, nehmen sie doch Platz. Möchten Sie etwas Tee?“
„Sie sind zu freundlich, Hoheit. Gerne!“ Gertrude nahm auf einem der Polster Platz, auf welcher eine geöffnete rote Lotosblüte abgebildet war. Eigenhändig füllte Kamran das Glas der Britin, während er sich fragte, ob sie sich der Symbolik bewusst war. Er sorgte dafür, dass sich ihre Finger wie zufällig berührten, als er ihr das Glas reichte. Dass Gertrude weder zurück schreckte noch etwas dazu sagte, nahm der Minister als gutes Zeichen. Er musste sich dabei eingestehen, dass ihn der Gedanke an den schlanken Körper der Britin durchaus erregte, und gleichzeitig amüsierte ihn der finstere Ausdruck im Gesicht des englischen Offiziers. ‚Oh ja, kleiner Hauptmann, du siehst die Zeichen, und doch kannst Du überhaupt nichts machen. Alles, was geschieht, ist durchaus schicklich, und doch merkst du das gegenseitige Interesse. Das geht dir gegen den Strich, aber wenn du jetzt etwas sagst, machst du dich nur lächerlich. Denn es geschehen ja eigentlich keine anstößigen Handlungen. Man hat dich sogar zu diesem Treffen eingeladen, über die Unschuld deiner Miss wachen zu können. Und doch wirst du in der Nacht wach liegen und dich fragen, ob ich mich nicht doch bereits heimlich zu ihr geschlichen habe.‘ Und der Minister sprach mit Gertrude noch ein wenig weiter in der blumenreichen, gedrechselten Weise, machte versteckte Komplimente, welche man für harmlos halten konnte. Oder auch nicht. Seiner Miene nach zu urteilen, hatte sich Billy Ray wohl eher für nicht entschieden, und dieses kalkulierte Kratzen an der Fassade des Offiziers entschädigte Kamran Mirza beinahe für seine Zurückhaltung bei Gertrude.
„Aber meine verehrte Miss Bell, eigentlich ließ ich Sie rufen, weil Sie bei unserem ersten Gespräch im Rosengarten unseres Gastgebers starkes Interesse an den Ausgrabungen der Gräber des Dārayavauš und des Kabūjuya gezeigt haben. Meine Aufgaben führen mich nun dorthin, und ich stelle Ihnen die Frage, ob Sie mich nicht begleiten wollen? Selbstverständlich ist Captain James ebenfalls eingeladen, und Sie werden auch Ihre Zofe mitnehmen wollen.“
„Das wäre wirklich wundervoll, Hoheit.“ Gertrude klatschte in die Hände, und ein Diener steckte mit fragendem Gesicht den Kopf zur Tür herein. „ Oh, entschuldigen Sie bitte, ich vergaß, dass man hierzulande die Diener damit ruft!“
„Es ist doch nichts Schlimmes geschehen, Miss Bell“, versicherte ihr Kamran Mirza und winkte den Diener wieder davon. „Bitte, seien Sie morgen um 9:00 Uhr fertig zum Aufbruch.“
„Sie können sich darauf verlassen, Hoheit!“
*
Rasch schritt Gertrude aus, endlich war es also so weit. Ob die Kakanier schon einen Hinweis hatten? Einen großen Fund? Irgend etwas mussten sie gefunden haben, nachdem sich Kamran Mirza jetzt auf den Weg machte. Würde man ihm etwas zeigen? Oder ihr, einer Konkurrentin? Würde Captain James seine Aufgabe erfüllen können?
„Miss Bell!“ Die schneidende Stimme des britischen Offiziers riss sie aus ihren Überlegungen und brachte sie zum Stillstand.
„Was ist denn, Captain?“
„Sagen Sie es mir“, zischte James aufgebracht. „Was ist zwischen Ihnen und dem Mirza?“
„Nichts Captain!“ Gertrude stemmte ihre Fäuste in die Hüften. „Absolut gar nichts. Zumindest bisher noch nicht!“
„Aber ich habe doch gesehen …“
„Nichts haben Sie gesehen, Captain James! Gar nichts!“ Sie schüttelte den Kopf. „Kamran Mirza spielt mit uns, und ich spiele ein wenig mit. Lasse ihn im Glauben, Erfolg zu haben, aber nicht ganz. Aber ich sage Ihnen, Captain, falls es nötig sein sollte, mich dem Mirza hinzugeben, damit Sie Ihren Auftrag erfüllen können, zögerte ich keine Sekunde. Wenn die Sicherheit des Empire es verlangt, werde ich meine Pflicht erfüllen. Auch um den Preis meines Lebens, meiner Ehre und meiner Jungfräulichkeit. Das Empire ist größer und wichtiger als ich.“
„Aber Miss Bell! Das ist ein zu großes Opfer! Sie und dieser – dieser …“
„Mann, Captain. Der Mirza ist ein Mann, und nur deshalb rechne ich mir überhaupt Chancen auf das Gelingen unserer Mission aus.
„Sie würden also …“
„Die Augen schließen und an die Größe Englands denken. Dieses Opfer ist nicht viel größer als das vieler junger Männer, welche dem Empire ihr Leben geopfert haben. Und jetzt seien Sie ein netter Captain, lassen Sie sich von meinem Vater meine Reithose geben und besorgen mir eine, die um etwa einen Zoll enger ist.“
„Miss Bell, ist denn das vernünftig?“ James runzelte die Stirn.
„Ich weiß es nicht, Captain. Aber je mehr Kamran Mirza an mein Gesäß denken muss, desto leichter wird es Ihnen fallen, unbemerkt dort herum zu schnüffeln. Hoffe ich.“
*
Der Süden des Iran bestand aus trockenen Hochebenen, großen Steppen, unterbrochen von vielen Gebirgszügen, deren Rücken alle von Nordwest nach Südost verliefen. Dazwischen lagen an den Flüssen die wenigen fruchtbaren Stellen, und natürlich die Städte. Diese Geologie machte aus den 88 Kilometer Luftlinie von Schiras nach Pasagarde beinahe das Doppelte. Der Weg, denn eine Straße war es nicht zu nennen, umfuhr natürlich die steilen Anstiege und folgte eher den ebenen Geländestrukturen. In Persien wurde noch viel und gerne auf Pferden geritten, besonders bei der Jagd und zum Vergnügen. Die zwei Kompanien Kavallerie, welche Kamran Mirza begleiteten, waren allerdings motorisierte Einheiten. Der Sattel war zwischen vier Rädern mit breiter Bereifung untergebracht, darunter befand sich der zylindrische Wassertank und die Dampfkammer. Es war möglich, das Gerät wie ein Pferd allein mit Gewichtsverlagerung und den Schenkeln zu lenken, sodass die Hände für die Bedienung der Waffen frei blieben. Mannlicher Geradezug-Repetierkarabiner mit 6 Schuss Kaliber 8 Millimeter im festen Munitionskasten, Mauser Revolver mit ausschwenkbarer Trommel im Kaliber 9 Millimeter und als Gardeeinheiten auch noch drei Meter lange Lanzen mit Wimpeln, welche einen goldenen, mit einem Schwert bewaffneten Löwen vor einer goldenen Sonne auf grünem Grund zeigten. Ihre Uniformen waren gelbbraun wie die Steppe mit einem Fez in der gleichen Farbe. Zwischen diesen Gardisten fuhr eine gemütlich ausgestattete Karosse mit Gertrude Bell, ihrer Zofe Margarethe Cumbers, Kamran Mirza und Captain James. Der Fahrer steuerte natürlich an den schlimmsten Unebenheiten vorbei, was die Fahrt wiederum verlangsamte. Man rechnete also mit einer Fahrtzeit von etwa fünf bis sechs Stunden, ohne Pausen. Das aber war nach der Meinung von Kamran Mirza nicht zu machen, denn die Damen könnten wohl nicht ohne Unterbrechung fahren. Soldaten im Sattel mussten es im Ernstfall natürlich durchhalten können, aber seinen Gästen war es nicht zuzumuten. Also war eine Pause mit einer Stunde Dauer und eine zweite mit einer halben Stunde einkalkuliert worden.

Am frühen Morgen hatte sich Gertrude in ihre neue Hose gezwängt. Das war nicht ganz einfach gewesen, brachte aber ihren knackigen Po hervorragend zur Geltung. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Augen der Männer würden daran kleben bleiben, dessen war sie sich sicher. Nun ja, es war schon auch ein bisschen ein Spiel mit dem Feuer, immerhin waren sie mit 80 Kavalleristen unterwegs, und wenn diese sich einig wären … Aber Gertrude verließ sich auf die Worte ihrer Großmutter, dass eine schöne Frau nackt unter hundert Männern sicherer sei als bekleidet mit zweien allein. Und bisher hatte Grandma Bell recht behalten. Ein paar Augen hatten sich in den sonst unbewegten Gesichtern der Gardisten bewegt, als sie an ihnen vorbei zur Karosse gegangen war, die Blicke waren förmlich an ihren wogenden Bäckchen geklebt, bis sie wieder aus dem Blickfeld der Männer verschwanden. Doch auch der strengste Unteroffizier hätte an der disziplinierten Körperhaltung der Kavalleristen nichts zu bemängeln gehabt. Zumindest außerhalb von Preußen und London, wo auch die Augendisziplin sehr streng gehandhabt wurde. Mit einer gewissen Befriedigung hatte Miss Bell festgestellt, dass nicht nur Kamran Mirza den Anblick durchaus genossen hatte, als sie über die beiden Stufen in den Fond kletterte, sondern auch Captain James kurzzeitig starre Augen bekommen hatte. Auch die Zofe hatte für diese Reise auf Hosen zurück gegriffen, auch wenn ihre Breeches bequemer geschnitten waren. Für die Pausen war Miss Bell durchaus dankbar, auch wenn die Bänke im Fahrzeug des Ministers durchaus gut gepolstert waren und die Federung der breiten Gummireifen der modernsten Technik entsprachen. Und ebenso dankbar benützten sie und ihre Zofe den über einer schnell ausgehobenen Grube aufgestellten Pavillon aus leichtem, aber blickdichtem Stoff für private Verrichtungen.
Die Karawane erreichte Pasagarde in der Abenddämmerung, und Kamran Mirza konnte nicht umhin, die Fortschritte des befestigten Lagers zur Kenntnis zu nehmen. Natürlich waren die drei Ringe aus Drahtzäunen und die Wachtürme mit den starken Scheinwerfern, welche eben zu leuchten begannen, in erster Linie zur Abwehr von Dieben und Räuberbanden gedacht, ebenso die ringsum verteilten, von Sandsäcken geschützten Stellungen für die Maschinengewehre. Dem Angriff einer starken Armee mit Artillerie würde das Lager nicht lange stand halten, aber reine Infanterie oder auch Kavallerie – ja, eine Räuberbande könnte damit schon Probleme bekommen. Und einer Armee mit Artillerie musste das Lager ja nicht standhalten, denn es herrschte kein Krieg zwischen Persien und den Vereinigten Donaumonarchien. Auch, wenn es derzeit so scheinen mochte, denn die 150 Soldaten unter Hauptmann Ramin Ghorbani lagen, von den 120 in Persepolis stationiert gewesenen Truppen verstärkt, um das Lager der Österreicher. Es wirkte wie eine Belagerung, und irgendwie war es das auch, selbst wenn noch kein Schuss gefallen war. Es war eine Patt-Situation. Die Perser konnten nicht in das Lager, und die Österreicher nicht hinaus. Außerdem beherrschten sie zwar den Zugang zum Grab des Kambyses, hatten aber auch keine Möglichkeit mehr, selbst die verborgene Kammer aufzusuchen.
Der Wagen des Mirza hielt hinter der persischen Linie, und Kamran öffnete die Tür. Ein Leutnant der Kavalleristen fuhr weiter und befahl mit barschem Befehlston einem Unteroffizier der Infanterie, sich zum Wagen zu begeben, und der Gorouhban-e gehorchte sofort. Das Symbol des Kultusministeriums auf Kamrans Fahrzeug war trotz der dicken Staubschicht noch gut zu erkennen.
„Gorouhbyn-e Sevom Darabi, zu Ihrem Befehl, Kamran Mirza!“ Der Feldwebel stand stramm, als hätte er einen Besen verschluckt. Der Schah in Schah Nāser ad-Din war ein großer Bewunderer der preußischen Armee und des strengen Drills, Kaiser Wilhelm I. hatte Major Alexander von Kluck als Berater gesandt. Im Formaldienst hatte der deutsche Offizier Erfolg gehabt, doch die Kampfkraft hatte er bisher nur in wenigen Garderegimentern steigern können.
„Wo ist der kommandierende Offizier?“, fragte Kamran Mirza barsch.
„Gegenüber dem Haupteingang zum Lager der Kakanier, Hoheit“, stieß der Unteroffizier hervor.
„Steigen Sie auf den Bock und weisen Sie dem Fahrer den Weg. Aufsitzen“, bellte Kamran.
„Jawohl, Hoheit!“ Darabi nahm die Hand von der Mütze, sprintete los und erkletterte den Bock.
*
Oberwachtmeister Josip Zoric saß auf seinem Hocker hinter dem schweren Maschinengewehr Schwarzlose im Kaliber 8 x 56 Millimeter und sah, eine dünne Virginia rauchend, durch den Schlitz zwischen den halbrunden Schutzblechen an der Waffe. Sein Posten war die linke Sandsackstellung am Haupteingang zum Lager der Ausgräber. Er sah die Staubwolke, als die persischen Kavalleristen und ein Wagen eintrafen und betrachtete trübsinnig seine Zigarre.
„Ich hoffe, ich kann das Zigarr noch rauchen fertig.“
„Warum denn net, Herr Oberwachtmeister?“, fragte sein Ladeschütze, der Korporal Franz Laimgruber. „Ich mein‘ warum sollt’s denn knall’n?“
„Weil Leit mit goldene Stern‘ auf die Schulter immer sind a bisserl deppert, Korporal Laimgruber“, belehrte ihn der Kroate. „Und je mehr Keks auf die Schulter, desto depperter sind’s!“
„Also, ich hab‘ zwei silberne Keks, und se hab’n zwei im Rahmen und an silbernen Balken. Das heißt, se hab’n mehr Keks auf …“
„Gusch, Trott’l du. I hab‘n gesagt, gold’ne Keks. Also Offizier! Is sich ein Untersch… FERTIGMACHEN“, unterbrach er sich lautstark selbst und warf seine Virginia zur Seite. Die drei Jäger machten ihre Karabiner bereit, Laimgruber öffnete den Deckel des MG und legte den Leinengurt mit der Munition ein. Aus der rechten Stellung ertönten der gleiche Befehl und die gleichen Geräusche. Rings um das Lager machten sich die Soldaten fertig, wenn nötig das Lager zu verteidigen. Eine relativ kleine Staubwolke kam über den Weg heran, und ein starker Scheinwerfer flammte auf und erfasste den sich nähernden Wagen. Eine Daimler-Maybach Grand Carosse. Purer Luxus auf vier Rädern. Der Fahrgastraum war etwas über zwei Meter breit und bot sechs Personen ganz gemütlich auf zwei Sitzreihen gegenüber Platz. Die Fenster waren groß, der Bock für den Fahrer und zwei weiteren Personen war ebenso voll verglast wie die hinten angebrachte Dienerbank. Das machte sofort klar, dass dieses Fahrzeug nur zivilen Zwecken dienen konnte, denn bei einem Militärfahrzeug würde man den Fahrer nicht derart exponieren. Und selbst Gottfried Daimler und Wilhelm Maybach hatten bisher noch niemand gefunden, der wirklich kugelfestes Glas herstellen konnte. Und das Fahrzeug näherte sich allein. Ohne Eskorte. Was nicht bedeutete, dass die Wächter in ihrer Wachsamkeit nachließen.
Der Wagen rollte bis an die geschlossene Schranke, und dem Fahrer war bewusst, dass auch nachdem er die MG-Nester hinter sich gebracht hatte, einige Gewehre auf die Carosse und ihn selbst gerichtet waren. Trotzdem verzog er keine Miene, als er die Tür des Bocks öffnete, heraus kletterte und zur Schranke ging. Seitwärts des Schlagbaumes öffnete sich eine Tür, ein Uniformierter trat heraus und winkte den Fahrer zu sich.
„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“, fragte er ruhig in halbwegs gut verständlichem Farsi.
„Ich vermute schon“, antwortete der Fahrer in deutscher Sprache. „Ich bin Amir Mohoudi, und ich bin der Fahrer des Kultusministers von Persien. Mein Herr Kamran Mirza entschuldigt sich für die Handlungen des Hauptmann Ghorbani und möchte morgen mit Professor Bernhuber und Oberst von Oberwinden über eine Lösung des entstanden Problems sprechen. Er bittet außerdem darum, dass seine Gäste die Nacht in Ihrem Lager verbringen dürfen.“
„Ich bin Offiziersstellvertreter August Lehner. Wer sind denn die Gäste des Ministers?“
„Vielleicht dürfte ich Sie der Dame vorstellen, Herr Lehner?“ Der Fahrer lächelte gewinnend, der Unteroffizier lächelte zurück und deutete eine leichte Verbeugung an.
„Es wäre mir in jedem Fall eine Ehre und ein Vergnügen, einer Dame vorgestellt zu werden. Aber ich muss mich entschuldigen, denn ich darf meinen Posten nicht verlassen. Wenn ich die Dame und Sie um etwas Geduld bitten dürfte, dann werde ich einen Vorgesetzten verständigen, Herr Mohoudi.“ Wieder flog ein Lächeln über das Gesicht des Österreichers. „Das wird dann unter Umständen auch angemessener für die Dame sein.“
„Selbstverständlich, Herr Lehner.“ Der Fahrer verbeugte sich leicht. „Ich werde die Dame benachrichtigen. Dürften sie und ihre Zofe wohl während der Wartezeit den Wagen verlassen?“
„Dagegen spricht nichts, Herr Mohoudi. Ich bitte allerdings die Damen, mich zu entschuldigen. Ich werde einen Offizier verständigen.“
Der verständigte Offizier benötigte nicht lange, denn immerhin war das Lager in sogenannter Alarmbereitschaft. Was bedeutete, dass die Soldaten zwar noch dienstfrei hatten und die Kantine aufsuchen durften, allerdings nur in Uniform und mit kompletter Ausrüstung inklusive Bewaffnung. Und es herrschte dabei natürlich auch striktes Alkoholverbot, aber Tee, Kaffee und Fruchtsäfte wurden den Soldaten serviert, dazu einige Snacks. Schach-, Mühle und Damebretter standen ebenso zur Verfügung wie diverse Karten und der Platz, damit zu spielen. Offiziell natürlich nicht um Geld, aber die Soldaten fanden immer wieder Dinge, um die man dibbeln konnte. Besonders beim Stoß oder beim Schnapsen. Die uniformierte Gestalt trat mit strenger Miene an den Balken und winkte den Fahrer zu sich.
„Herr … äh …“ Mohoudi unterbrach sich ein wenig unsicher. Unter der Uniformbluse zeichneten sich zwar kleine, aber deutlich erkennbare Brüste ab.
„Astrid Hofstätter.“ Das Farsi der Österreicherin klang befehlsgewohnt, sie war groß und schlank, ihr flammend rotes Haar trug sie ziemlich kurz. Rund zwei Fingerbreiten. „Oberleutnant Astrid Hofstätter. Sie bringen Gäste von Kamran Mirza?“
„Ja, Chānum!“ Mohoudi verbeugte sich. „Darf ich Sie – darf ich Ihnen die Gäste vorstellen?“
„Nur zu, Āgā-je Mohoudi. Holen Sie sie doch her!“
„Gerne, Chānum!“ Der persische Fahrer verbeugte sich wieder und entfernte sich, um Gertrude Bell, ihre Zofe und Captain James zu holen. Dann brachte er das Ritual hinter sich und entfernte sich, stieg auf den Bock seiner Kutsche und fuhr zurück ins Lager, während Gertrude, Margarethe und Billy Ray der Offizierin folgten.
Das Feldlager war binnen kurzer Zeit durch den Einsatz von Stehern und Sperrholzplatten aufgebaut worden. Die Wände waren zwar blickdicht, aber leider auch ziemlich hellhörig – was in verschiedenen Situationen von den Beteiligten etwas Zurückhaltung verlangte.
„Der Nachschubs-Unteroffizier wird Ihnen drei Stuben zuweisen, für die Dame und ihre Zofe im Damentrakt und den Captain natürlich in der Abteilung für die Herren“, erklärte Astrid, während sie sich den Unterkünften der Offiziere näherten. „Leider haben wir hier auch für Offiziere nur Gemeinschaftsduschen und Toiletten, aber natürlich nach Geschlechtern getrennt. Es ist eben doch nur ein Feldlager. Ich bringe Sie erst einmal in das Offizierscasino, der NUO wird Sie holen, wenn die Quartiere bereit sind.“
*
Um zehn Uhr morgens näherte sich die Daimler-Maybach Grand Carosse wieder dem Lager der Archäologen – und wieder allein. Das aber war für die Österreicher kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen. Immerhin bestand immer die Möglichkeit eines Angriffs, sogar wenn in der Karosse wirklich der persische Kultusminister sitzen sollte. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass aufrührerische Offiziere etwas Dummes anstellten. In diesem Fall unwahrscheinlich, da die Gardekavallerie ja mit Kamran Mirza aus Schiras gekommen war und nicht Hauptmann Ghorbani unterstand, aber unmöglich war auf dieser Seite des Grabes natürlich gar nichts. Religiöse Fanatiker konnten schon immer sehr überzeugend sein. Wie schon am Abend des Vortages blieb der Luxuswagen wieder vor dem Schlagbaum stehen und der Fahrer wollte aussteigen. Doch an diesem Tag winkte ihm der OvD zu und ging zum Steuerhaus.
„Bitte fahren Sie geradeaus weiter bis zum roten Teppich und bleiben Sie so stehen, dass der Kultusminister direkt darauf steigen kann. Die Ehrenwache steht bereit.“
Der Fahrer blieb mit der Perfektion jahrelanger Übung genau am Ende einer roten Stoffbahn stehen, welcher als Teppich fungieren sollte. Oberleutnant Karl Wessely riss die Tür auf und salutierte, im gleichen Moment brüllte Astrid Hofstätter ihr „Habt acht!“ Dreißig Toas nahmen, das Gewehr vor der Brust, Grundstellung ein. Nicht so perfekt synchron wie eine Gardeeinheit, und von der Größe erinnerten sie eher an Orgelpfeifen, aber die Toas waren auch nicht primär für den Formaldienst ausgebildet. Kamran Mirza erschien in der Tür und kletterte das rasch zurecht gerückte Treppchen hinunter und sah sich um. Eine Frau in der sandfarbenen Uniform Kakaniens kam über den roten Teppich auf ihn zu, klein, zierlich gebaut, aber selbstbewusst und voller Dynamik. Man konnte ihre Energie förmlich sehen und fühlen. Ihr folgten Annabelle Bernhuber und Miss Bell, jede in einem eleganten Reisekostüm in österreichischem Stil, grüne Töne bei Annabelle, blaue bei Gertrude, sowie Captain James in seiner Uniform. Kamran bemerkte wieder einmal den Unterschied zwischen kakanischen und britischen Tropenuniformen. Obgleich etwa von gleicher Farbe, war ein gewissen Kontrast ganz deutlich. Die Blusen der Österreicher waren dünner und luftiger als die dicken Jacken der Engländer, die Uniformen der Donaumonarchien hatten keine steifen, hohen Vatermörder mit Rangabzeichen mehr, sondern umgelegte Krägen und Schulterklappen, auf den die Abzeichen aufgeschoben wurden und welche bis zum oberen Ende des Brustbeines offen getragen wurden. Auch die Hosen waren anders, die Briten trugen Breeches, während die Österreicher gerade geschnittene Hosen mit Taschen auf den Oberschenkeln trugen, und statt der englischen beinahe bis zum Knie reichenden Schaftschuhen ähnlich den Reitstiefeln trugen die Kakanier etwas kürzere Schnürstiefel.
„Wenn Hoheit gestatten?“ Die Gruppe hatte Kamran Mirza erreicht, und die Stimme von Oberleutnant Wessely riss ihn aus seinen Überlegungen. „Ich darf Euer Hoheit Oberst Elisabeth von Oberwinden, Markgräfin von Manawatū vorstellen! Oberst Von Oberwinden, seine Hoheit Kamran Mirza Nayeb es-Saltaneh!“
„Hoheit!“ Elisabeth sank in einen Knicks, den Rücken durchgedrückt, das Haupt hoch erhoben. Ihre Haltung drückte zwar Respekt vor dem Kadscharen-Prinzen aus, aber nicht die geringste Unterwürfigkeit.
„Aber ich bitte Sie, Frau Oberst, das ist nicht nötig!“ Kamran beugte sich etwas vor und hielt ihr die Rechte entgegen, die Handfläche nach oben. Elisabeth akzeptierte die Geste, indem sie ihre Hand in seine legte und sich wieder erhob. „Ich musste schon oft feststellen, dass bei Gesprächen auf Augenhöhe beide Partner weit mehr profitieren können.“ Er hob Elisabeths Hand etwas und beugte sich darüber, deutete einen Handkuss an. Dann wandte er sich an Annabelle. „Frau Professor, bitte nehmen Sie meine ehrliche und tief empfundene Entschuldigung an.“ Sie knickste vor ihm, und er küsste auch Annabelles Hand. „Ich weiß gar nicht, was in Generalmajor Azim gefahren ist, Ihnen ausgerechnet diesem Mann zuzuweisen. Er müsste doch gewusst haben, dass er keinen Fundamentalisten hierher schicken durfte. Wahrscheinlich wäre für diesen fanatischen Hauptmann bereits das Antlitz des Achaimenes auf einer uralten silbernen Münze ein Sakrileg. Männer wie er erkennen den wissenschaftlichen Wert eines solchen Fundes nicht, sie wollen es nur zerstören und im Feuer reinigen. Damit reduzieren sie die Schätze auf den reinen Goldwert, wo doch eine Statue, wie sie Hauptmann Ghorbani geschildert hat, sicher sehr viel mehr wert ist.“
„Das könnte man so sagen, Hoheit. Diese Statue ist eine Sensation. Es ist ikonographisch nicht ganz die ägyptische Göttin Iaret, aber in persischer Darstellung könnte es hinkommen!“
„Haben Sie schon überlegt, dass es sich um ein anderes Wesen handeln könnte?“, fragte Kamran in sanftem Ton. „Die Şahmaran wird doch genau so dargestellt.“
„Die ‚Königin der Schlangen‘?“ Annabelle runzelte die Stirn. „Wird diese nicht mit einem Menschen- und einem Schlangenkopf dargestellt?“
„Nur in den jüngeren Sagen“, widersprach Kamran Mirza lächelnd. „In den alten Erzählungen hat sie nur einen Frauenkopf, zumindest schreiben das Rudaki und Ferdausi. Ich werde Ihnen mit Vergnügen ein Exemplar der entsprechenden Werke beider Dichter zukommen lassen!“
„Das wäre eine überaus große Ehre für mich, Hoheit. Ich werde beide Werke dieser großen Männer mit Sorgfalt und dem gebührenden Respekt lesen!“
„Dessen bin ich mir ganz sicher, Frau Professor. Sie haben einen Blick für Schönheit und werden diese Dichtung zu schätzen wissen. Wie auch die herrlichen Miniaturen von Kymāl od-Din Behzād-e Herawi.“
„Von dem Behzād? Dem berühmten Meister der Malerei?“ Annabelle Bernhuber bekam einen verklärten Blick. „Ich habe mir schon immer gewünscht, zumindest eine gute Kopie sehen zu dürfen.“
„Ich bin erfreut, Sie richtig eingeschätzt zu haben, Frau Professor. Sie haben einen Blick für das Exquisite.“ Ohne Probleme wechselte der Prinz vom Deutschen ins Englische. „Miss Bell. Ich bin erfreut, sie wieder zu sehen.“
„Hoheit!“ In diesem öffentlichen Rahmen knickste auch Gertrude, es nicht zu tun, wäre ein schwerer Fauxpas gewesen.
„Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nacht. Es war sicher gemütlicher als ein spartanischer Teppich in einem Militärzelt. Von den nicht vorhandenen sanitären Anlagen extra für die Damen in einem solchen Camp ganz zu schweigen. Ich fürchte, die neue Sachlichkeit hat uns viel an Zivilisation und Bequemlichkeit gekostet. Nicht einmal der Schah in Schah würde heute in Begleitung seiner Familie in einem Soldatenlager nächtigen können, denn die Unverletzlichkeit seines Harems wäre nicht mehr gegeben. Auch wenn wir Offiziere und Adeligen eine separate Dusche haben, eine Dame wie Sie unter lauter Männern? Das wäre absolut undenkbar!“ Kamran Mirza reichte auch ihr die Hand und küsste diese.
„Danke, Hoheit.“ Gertrude senkte den Blick. „Ich habe hervorragend geschlafen. Und da in den Donaumonarchien Frauen im Offizierscorps dienen, konnte ich mich in aller Ruhe erfrischen.“
Kamran Mirza schloss kurz die Augen. „Das ist sehr erfreulich.“ Dann sah er wieder Elisabeth von Oberwinden an. „Frau Oberst, wir müssen miteinander sprechen. Sie, Frau Professor Bernhuber und ich.“
„Das sehe ich genau so, und wir haben dafür ein Bureau eingerichtet. Möchten Hoheit noch eine Person hinzuziehen?“
„Zwei, um genau zu sein. Major Arian Daatis vom ersten Garde-Kavallerie-Regiment und einen guten Bekannten von Ihnen. Der ehemalige Hauptmann Ghorbani. Sie dürfen dafür selbstverständlich auch Hauptmann Hankaka hinzu ziehen.“
„Was ist der Hauptmann denn jetzt?“, fragte Lisi mit steinerner Miene.
„Ein zum Mannschaftsgrad degradierter Gefangener, Oberst. Es ist mein Ernst, seine Handlungsweise findet keineswegs meine Zustimmung. Weder der Zeitpunkt noch die Art.“
„Das bedeutet aber auch, dass Sie uns nicht vertrauen, Hoheit.“
„Würden Sie Ihrerseits mir blind vertrauen, Oberst?“ Kamran zeigte seine Handflächen. „Und bitte, lügen Sie nicht. Warum haben Sie denn sonst Ihre Soldatinnen getarnt eingeflogen?“
„Die Politik ist wohl nicht immer sehr offen, oder?“
„Nein, es gibt immer getarnte Winkelzüge in versteckten Aktionen. Es ist nicht so einfach wie Schach, Oberst.“
„Leider nein, Hoheit. Bitte folgen Sie mir.“
„Miss Bell, Captain James, bitte entschuldigen Sie mich. Major, nehmen Sie Ghorbani mit!“
*
Man hatte sich geeinigt. Es hatte einige Zeit gedauert, aber es war tatsächlich eine Einigung zustande gekommen, denn eigentlich wollte niemand aufhören. Nicht die Österreicher, denn sie wollten immer noch die Krone der Anchnesneferibre finden und den Physikern um Nicola von Tesla und Ernst von Mach zur Erforschung zu überbringen. Und Kamran Mirza wollte an viel Gold kommen. Gold aus Ägypten, der große Schatz, den schon viele finden wollten. Außerdem wollte er nur zu gerne wissen, was die Österreicher wirklich finden wollten – und warum dazu unbedingt Frauen nötig waren. Also war das Ergebnis vorherzusehen gewesen, und jetzt führte Professor Bernhuber einige Leute in die Kammer unter dem Grab des Kambyses. Von den Österreichern begleitete sie Oberst von Oberwinden und Maria Alek Miin, von den Persern waren Kamran Mirza und sein Major Daatis zugegen und sowohl Gertrude Bell als auch Captain James hatten sich auf Wunsch Kamrans anschließen dürfen.
„Hier haben wir die Statue, welche ihren Hauptmann derart aus der Fassung brachte.“ Damit wies Annabelle Bernhuber auf die Schlange mit dem Oberkörper einer Frau.
„Das ist doch weder persisch noch ägyptisch, Frau Professor.“ Kamran Mirza schritt um die Plastik herum. „Die Darstellung ist für beide Reiche untypisch.“
„Das ist prinzipiell richtig, Hoheit“, bestätigte Annabelle bereitwillig. „Darum geht es ja bei unserer Forschung. Allerdings – ich hätte eine solche Darstellung im Grab des Dārayavauš erwartet, nicht in jenem seines Vorgängers. Ja, ich weiß, zwischen Kabūjiya und Dārayavauš war im Jahr 522 vor unserer Zeitrechnung noch Bardiya als achter achämenidischer Großkönig, aber in diesem einen Jahr – nun, vier Jahre, wenn man die Zeit der Herrschaft von Kambyses II. über Ägypten mitrechnet – reichen üblicherweise in den antiken Zeiten nicht, um einen Kunststil radikal zu ändern. Selbst Echnaton benötigte länger dazu. Aber die 36 Jahre, welche Dareios I. auf dem Königsthron verbrachte – da wäre es eher denkbar gewesen.“
„Und doch ist diese Statue hier“, stellte Kamran Mirza das offensichtliche fest.
„Ja, Hoheit, das ist sie.“ Annabelle starrte nach oben, der Figur gerade in die Augen, als könne sie die Statue damit zwingen, ihre Geheimnisse zu offenbaren.
„Das ist wohl ein – nennen wir es so etwas wie ein Weihegeschenk von Dareios an Kambyses“, bemerkte Alek Miin. „Da war Dareios schon einige Zeit Schah in Schah.“
„Haben Sie eine Inschrift gefunden, Frau Kollegin?“ Professor Bernhuber riss ihren Blick vom Antlitz los und ging zu ihrer Doktorandin.
„Ja, Frau Professor. Hier. ‚Ich bin ein Geschenk des Schah in Schah Dārayavauš. Ich behüte die Geheimnisse des großen Kabūliya, des Bezwingers der Länder am Nil. Heil sei seinen Andenken, er, der die Macht des Pharao an sich nahm. Möge sein Name leuchten bis in die Ewigkeit.‘ Also, ein wenig dicker hat er damals in der üblichen Manier schon aufgetragen, aber das ist der Tenor.“
„Gut gemacht, Frau Kollegin. Sehr gut sogar!“ Annabelle strich über die Schrift. „Und sehen Sie sich diese zierlichen Schriftzeichen an, Hoheit“, wandte sie sich an Kamran. „Und diese Hyroglyphen, wie zart gemacht. Erhaben, nicht eingeschnitten.“
„Darf ich bitte auch sehen?“, bat Gertrude Bell. „Oh ja, das ist wirklich wunderschön gearbeitet. Eine gegossene und eingesetzte Plakette vielleicht?“
„Gute Theorie“, bemerkte Alek Miin. Sie kniete nieder und brachte ihre Augen knapp vor die Inschrift, ihre schlanken Finger tasteten Zentimeter für Zentimeter den äußeren Rand der Schrift ab. Immer weiter entfernten sich die Finger von den Zeichen.
„Wir müssten den Rand der Platte doch sehen können!“ Captain James wippte mit den Händen auf dem Rücken von den Zehen auf die Fersen und wieder zurück.
„Nicht unbedingt.“ Annabelle leuchtete ihrer Doktorandin von der Seite her. „Wir haben entweder zu viel oder zu wenig Licht, um eine versteckte Naht von hier aus zu sehen. Manchmal sind die Finger die besseren Augen.“
Die Sudanesin ließ sich von diesen Gesprächen in ihrer Konzentration nicht im Geringsten stören. Die eleganten Finger der dunkelhäutigen Schönheit kribbelten ein wenig, während sie tastete. Dann – hatte sie gerufen oder geflüstert? Egal, man hatte sie gehört. Schon knieten Annabelle und Kamran neben ihr, sie fühlte, ahnte eine Stelle, auf welche sie drückte. Ein beinahe unhörbares Klicken, eine goldene Platte sprang Millimeter auf, vorsichtig, langsam zog Alek daran. Ein Kistchen aus Gold und grüner Jade von rund 20 Zentimeter Seitenlänge erschien in einem Hohlraum, und Kamran Mirza griff rasch zu, zog es heraus. „Sie gestatten doch, Frau Professor?“
„Wenn wir es photographieren und pantographieren dürfen? Und oben dann öffnen und hinein sehen?“
„Selbstverständlich, Frau Professor. Aber ich darf es doch nach oben tragen, oder?“
„Ich denke, dagegen ist nichts einzuwenden.“ Annabelle lächelte. „Wir vertrauen Ihnen, Kamran Mirza.“
„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“
„Sagen Sie, was ist das dort?“ Gertrude Bell wies auf die Rückwand, wo eine Nische zu sehen war.
„Wo?“ Annabelle folgte dem Finger, ihre Augen weiteten sich. „Das ist – das ist ein zerlegter ägyptischer Streitwagen! Und sehen Sie, Kamran Mirza! Das Bild auf der Front! Das ist das geflügelte Ei des Ahura Mazda, aber statt eines bärtigen Mannes im Profil eine Frau en face.“
„Eine Frau mit bloßem Oberkörper“, bemerkte Kamran trocken. „Auch das spricht für Ägypten.“
„Das ist richtig, Hoheit. Durchaus.“ Annabelle strich durch ihre Haare. „Und dahinter ist ein Chepesch – also, das ist dieses Sichelschwert, ein Köcher mit Pfeilen und ein entspannter Bogen, alles reich verziert. Das sind die Waffen eines reichen Mannes.“
„Eines sehr reichen Mannes!“ Billy Ray war zur Nische geschlendert und sah hinein. „Die Räder mit sechs Speichen, die Deichsel, also da sollten wohl vier Pferde vorgespannt werden, alles ganz toll gearbeitet und vergoldet.“
„Bitte, Captain, nicht berühren“, rief Annabelle Bernhuber. „Wir nehmen jetzt die Box mit nach oben, machen ein paar Photos und Skizzen, dann sehen wir einmal hinein. Danach nehmen wir eine große, lichtstarke Kamera mit nach unten und photographieren diese Nische und den Inhalt, dokumentieren alles und übergeben es dem Kultusminister. Sie sind gerne eingeladen, dabei zugegen zu sein, aber nur, wenn Sie sich an meine Anweisungen oder jene meiner Doktorandin Alek Miin halten. Und hier ist auch schon die erste. Niemand, wirklich niemand steigt allein hier herunter. Immer nur eine gemischte Gruppe.“
„Aber Chānum Professor. Das klingt ja so, als würden Sie glauben, dass wir Ihnen nicht vertrauen.“
„Herr Major, ich weiß, dass Sie misstrauisch sind.“ Elisabeth hob gewinnend lächelnd die Hände mit den Handflächen nach vorn. „Es ist Ihr Beruf, überall Gefahren zu wittern. Ich kenne das, denn es geht mir ganz ähnlich, und das macht uns doch erst zu guten Wächtern.“
„Nun ja, das ist korrekt, Frau Oberst. Vielleicht sollten wir uns einmal unterhalten, ganz privat. Sie erzählen mir nichts von Ihrer Arbeit und ich verrate nichts von meiner, aber es gibt sicher andere Themen.“
„Das könnte ich mir vorstellen, Herr Major. Nach Dienstschluss. Wollen wir aber jetzt gemeinsam die Schatulle beschützen?“
Major Daatis legte seine Rechte auf die Bauchgegend und verneigte sich. „Ich denke, darauf können wir uns für den Moment einigen.“
Sie kehrten wieder an die Oberfläche zurück und Kamran Mirza stellte das Jadekästchen auf einem Tisch im großen Zelt ab. Annabelle Bernhuber schickte nach Irene Mann, ihrer Sekretärin. Sie war nicht mehr ganz jung, hübsch, und beherrschte hervorragend die Stenographie. Und sie kannte allmählich auch die Fachvokabel der Historikerin.
„Auf dem Deckel eine weibliche Gestalt, einen Bogen in der linken, ein Chepesch in der rechten Hand“, diktierte Annabelle. „Auf dem Kopf eine Krone oder ein Helm mit überdimensionalen Falkenfedern. Zu Füßen dieser Gestalt sind Soldaten auf dem Marsch zu sehen, vielleicht ein Zehntel so groß wie die weibliche Gestalt. Die Darstellung ist in ägyptischem Stil, was bedeuten könnte, dass die Frau immens wichtig und mächtig war. Ähnlich einem Pharao. Die vier Seiten bestehen aus je vier durch eine Goldeinfassung getrennte Scheiben mit Hyroplyphen …“
Die Worte der Professorin wurden für Alek Miin zu einem Geräusch im Hintergrund, zu einem Brabbeln ohne Sinn. Die Zeichen auf der Schatulle verschwammen vor ihren Augen, seltsame Bilder erfüllten ihre Gedanken. Der Nil, Meroe, Kusch. Die Soldaten des Pharao, sterbend, fliehend vor den Sudanesen. Das alte Theben, Sais und Memphis, die Hauptstadt der Ägypter, beherrscht von den Kuschiten aus dem Sudan und ihren Nachfolgern, den Gottes-Gemahlinnen des Amun. Leuten aus ihrem Volk. Sie trat unbeachtet näher an den Tisch und berührte ganz sanft den Deckel. Dieser sprang sofort weit auf, eine helmartige Krone schwebte auf Alek Miins Kopf, zwei übergroße Falkenfedern entfalteten sich daraus, das Gewand der Sudanesin zerfiel zu Asche, ihre bloße, dunkle Haut glänzte, als wäre sie mit Öl gesalbt. Sie breitete die Arme aus, schwebte etwa 20 Zentimeter hoch in der Luft, in ihrer linken Hand erschien ein Bogen ohne Sehne und unter ihren Füßen formte sich der Streitwagen aus der Gruft unter ihnen, allerdings ohne Deichsel und Räder. In jedem Gehirn erschienen ihre Worte in seiner oder ihrer eigenen Sprache, laut, donnernd, dröhnend.


„Mein Name ist NubSachEmetRe, und ich bin die erste Gottkönigin des neuen Kusch. Ich stelle den Besitzanspruch für mich und mein Volk von Malakal an den weißen Nil hinab über jene Stadt am Zusammenfluss der Nilarme, die Ihr Karthum nennt, und weiter bis zum Tempel des Sobek in Komb Ombo. Ich werde die Herrschaft der arabischen Sklavenhändler brechen und sie vernichten, damit mein Volk wieder frei und ungefährdet leben kann. Wer sich meinem Gesetz beugt, wird glücklich und im Wohlstand leben, es wir ihm nicht an Bier und Wein, nicht an Brot und Fleisch mangeln. Wer aber mein Gesetz bricht, den wird der Zorn von Neith und Sachmet treffen, er wird vergehen, sein Name wird verwehen und vergessen, er wird weder im Dies- noch im Jenseits Frieden und Glück finden. Tretet vor mich hin und huldigt meiner Macht und meiner Schönheit!“
Stille herrschte nach diesen Worten im Zelt, nur der Sand, den der stetige Wind gegen die Wände aus Stoff wehte, flüsterte ein Lied von der Vergänglichkeit der Ewigkeiten. Dann gesellten sich leise Worte in das Wispern, nur verständlich für Annabelle Bernhuber und Elisabeth von Oberwinden, welche ihre Flechettepistole reaktionsschnell aus dem Versteck in ihrer Uniform geholt und angeschlagen hatte.
„Ich fürchte, die Krone der Sachmet, der Bogen der Neith und der Wagen der Nut werden ihren Weg nicht zu den Herren von Tesla und von Mach finden, Frau Professor. Nein, Frau Oberst, soviel Gold oder andere Werte können Sie nicht aufbringen, um mich umzustimmen. Tut mir leid. Und Ihre Waffe wird mich auch nicht überzeugen, Frau Oberst. Wie Sie gesehen haben, erreichen mich die Pfeile überhaupt nicht mehr. Aber ich werde mich den Donaumonarchien als gesamtes und auch Ihnen, Frau Professor, im speziellen dankbar zeigen. Sobald die Araber aus Nubien weg sind. Und ich werde auch Phillip Paulitschke und seine Frau Gisela nicht vergessen, die mich damals gerettet und nach Österreich gebracht haben.“ Gleichzeitig vernahmen auch Kamran Mirza und sein Major Arian Daatis eine Botschaft von Alek Miin oder, wie sie sich nun nannte, von NubSachEmetRe, nur allein für sie bestimmt. „Lassen Sie Ihren Dolch stecken, Major, er erreicht mich nicht mehr. Ich bedauere, dass in diesem Fall die Donaumonarchien nicht in der Lage sein werden, jeden Fund ihrem Schah abzuliefern. Der Schah in Schah Kabūliya stahl vor beinahe zweieinhalb Jahrtausenden die Schätze Ägyptens und brachte sie hierher, nun bringe ich diese drei heiligen Artefakte nach Kusch zurück, um damit die Araber zu vertreiben. Ich werde nicht die Herausgabe auch nur eines einzigen der damals geraubten Gold- oder Schmuckstücke verlangen, und es gibt im Grab des Kambyses noch reichlich davon. Ich bin nicht rachsüchtig, ich schenke euch den Rest.“ Ein letztes Flüstern noch, allein für Kamran bestimmt. „Mehdi hatte übrigens recht, Mirza Chān. Die Rose ist tatsächlich reif, gepflückt zu werden. Sogar überreif. Aber du solltest vielleicht trotzdem noch ein wenig warten. Pflücke sie, und du wirst sie nie wieder sehen. Überlasse es einem Briten, und sie wird immer wieder in den Orient zurück kehren. Und zu ihrem Ritter.“ Und auch Gertrude Bell und Captain James erreichten für sie bestimmte Worte. „Ich muss Mister Mycroft Holmes enttäuschen, es werden in naher Zukunft keine Regimenter fliegender Streitwagen unter dem Union Jack über Wien erscheinen können. Aber er kann auch beruhigt sein, denn es werden auch keine unter dem Doppeladler London überfallen. Dieser Wagen, dieser Bogen und dieser Helm werden nur einem einzigen Zweck dienen. Kusch aus den Händen der fremden Herren zu reißen und danach zu beschützen. Sobald die Araber vertrieben sind, wird auch der Nil wieder für jeden befahrbar sein, und Kusch wird mit Britannien gerne Handel treiben. Auf Augenhöhe, denn ich bin in den Donaumonarchien gut ausgebildet worden. Ich kenne den Wert von Gütern und Dienstleistungen. Sollte allerdings Brevet Colonel Kitchener seine Hände nach dem Sudan ausstrecken wollen, so werden wir ihm auf die Finger zu klopfen wissen.“
Die Jadeschatulle war zu NubSachEmetRe auf den Streitwagen gestiegen und lag nun zwischen ihren Füßen, der Wagen bewegte sich knapp über den Tischen dem Ausgang zu. Dort riss Korporal Lotte Molter ihr Gewehr hoch und zielte auf die Nubierin.
„Halt!“
„Das ist unmöglich, Korporal.“ Jetzt hörten sie alle wieder das gleiche. „Ich habe eine Mission. Aber versuchen Sie nur, mich aufzuhalten. Es wird Ihnen nicht gelingen.“ Schweren Herzens krümmte Lotte den Zeigefinger, doch die Kugel sollte NubSachEmetRe nie erreichen. Wie auch die folgenden, alle prallten Zentimeter von ihrer Haut entfernt auf ein sonst unsichtbares Hindernis, wo es zu einem kurzen Aufblitzen als einzigem Erfolg kam. Ein letztes „Möget Ihr alle gesund und glücklich bis ins hohe Alter werden und dann satt von der Fülle Eures Lebens sanft sterben dürfen“ erreichte die Österreicher, Perser und Briten, dann war der fliegende Streitwagen mit NubSachEmetRe verschwunden.
„Da habe ich mich jetzt wohl nicht gerade mit Ruhm bedeckt!“ Elisabeth schlug verdrossen ihre Arme übereinander. „Eigentlich hätte ich den Diebstahl von Artefakten verhindern sollen.“
„Die gleiche Aufgabe hatte auch ich zu erfüllen, aber auch ich habe versagt.“ Arian drehte sich zum Kultusminister um und kniete hin. „Ich erflehe demütigst die Verzeihung meines Herrn Kamran Mirza.“
„Wir waren alle überrascht und haben nichts getan.“ Der Mirza schien aus einem Traum zu erwachen, warf noch einen überlegenden, langen Blick auf Gertrude Bell und hob endlich den Major auf. „Es hätte natürlich viel besser ablaufen können, aber auch viel schlechter. Ich glaube, wir sollten uns etwas Ruhe gönnen und dann überlegen, wie es weitergeht.“
„Eine sehr gute Idee, Kamran Mirza. Darf ich Sie einladen, heute Abend unser Gast zu sein?“
„Gerne, Frau Professor. Wenn es Ihr Koch schafft, ein gutes Schnitzerl mit Erdäpfelsalat zu servieren? Und einen reschen Veltliner aus der Wachau dazu? Gespritzt?“
„Das kann er ganz sicher, Hoheit.“
*
Epilog
Wien
Mit dem Luftschiff VÖSLAU unter Linienkapitän Háyek kehrte Elisabeth von Oberwinden, Markgräfin von Manawatū, wieder nach Wien zurück. Ganz wohl war ihr nicht zumute, denn sie hatte ihren Auftrag, die ägyptischen Artefakte nach Wien zu holen, nicht erfüllen können. Die Flechettes aus ihrer Pistole hatten nur für partielles Aufblitzen knapp über der Haut von Alek Miin, beziehungsweise NubSachEmetRe, wie sie sich als Königin von Kusch nennen ließ, verursacht. Nicht mehr, ganz so, als wäre die Frau in ein Gewand aus beweglichem Glas gehüllt gewesen. Bei den Attributen der Göttinnen, welchen diese Gegenstände zugeordnet waren, war keine Unverwundbarkeit gewesen, und auch Anchnesneferibre hatte in ihren Aufzeichnungen nichts davon erwähnt. Im Gegenteil, bei ihrem Treffen mit den Babyloniern vor Jerusalem hatte sie sich erstaunt gezeigt, dass ihre Pfeile nicht trafen. Und selbst wenn sie es gewusst hätte, mit einer Frau aus dem Team der Ausgräberinnen als – als Entführerin der Artefakte hatte Lisi nicht gerechnet. Für sie war Alek Miin außerhalb jeden Verdachts gestanden, und ohne die den Waffen innewohnende Macht hätte das Mädchen auch sicher nichts an sich genommen. Sogar den über 3.500 Jahre alten Chepesch von Amenemhet II. aus der 12. Dynastie hatte sie den Persern gelassen. Vielleicht, weil er die Waffe der ägyptischen Männer gewesen war, vielleicht weil er zwar sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus materieller Sicht überaus wertvoll und aus einer beinahe stahlharten Bronze gefertigt, aber nicht mit wirklicher spiritueller Macht ausgestattet war. Rund 1.400 Jahre war die Waffe alt gewesen, als Kambyses II. sie nach Pars brachte, und sie war immer noch scharf wie ein Rasiermesser. Ein bronzenes. Sie kam aller Wahrscheinlichkeit nach aus Retenju, dem jetzigen Palästina, Annabelle Bernhuber war eben dabei, jeden Kratzer, jedes Schriftzeichen auf der Klinge zu analysieren. Der darauf verzeichnete Thronname Nebu-Kau-Re des zweiten Amenemhet machte zwar die zeitliche Zuordnung leicht, erklärte aber nicht die Qualität der Bronze. Oder zumindest der bronzeähnlichen Legierung. Auch Kamran Mirza war zwar natürlich nicht völlig, aber zumindest so halbwegs zufrieden gestellt. Im Grab fanden sich genügend Goldmünzen, um nicht nur der Staatskasse, sondern auch dem privaten Vermögen des Schah in Schah eine ordentliche Finanzspritze zu verpassen. Und auch der Mirza ging nicht leer aus. Die ebenfalls vorhandenen Schmuckstücke mussten noch untersucht werden, aber schon die schiere Menge war erstaunlich.
Die VÖSLAU war bereits im Sinkflug auf die Kaserne des Wiener Arsenals im 10. Bezirk Wiens, vor dem ‚Favoriten-Tor‘ im ‚Favoriten-Linie‘ genannten Teil des bereits zum größten Teil abgerissenen Linienwalls, welcher die Vorstädte von den Vororten getrennt hatte und die erste Verteidigungslinie Wien dargestellt hatte. Viel genützt hatte er allerdings nie, die Türken waren bereits zwei Mal einfach ohne größere Verluste durchmarschiert. Das Arsenal war ursprünglich als Artillerie-Kaserne geplant gewesen, aber in Kaiser-Ebersdorf nahe dem Schloss Neugebäude war einfach mehr Platz gewesen. Jetzt war hier das schwere gemischte Regiment der österreichischen Armee, zwei gemischte Regimenter der k.u.k.-Armee und die schnellen Eingreiftruppen untergebracht. Es gab außer den Landemasten für die ‚normalen‘ Luftschiffe am Objekt Nummer 5 zwischen den Gebäuden auch genug freien Platz, um drei Luftschiffe der Mungo-Klasse dort landen zu können. Linienkapitän Laszlo Háyek ließ die Windsäcke in den verschiedenen Höhen nicht aus den Augen. Auf freiem Feld unfallfrei zu landen – das war nicht weiter schwierig. Aber zwischen den Gebäuden war es schon eine Herausforderung.
„Herr Kapitän!“ Stabstelegraphist Hanns Martin salutierte und reichte dem Kommandanten der VÖSLAU einen Zettel. „Allerhöchster Befehl zur Kursänderung, die VÖSLAU soll die Hermesvilla anfliegen und Frau Oberst von Oberwinden dort absetzen.“ Natürlich hatte der Kapitän die Leuchtsignale der Telegraphenanlage bemerkt, aber nicht sonderlich darauf geachtet. Zum Ersten war es völlig normal und zum Zweiten hatte er dafür sein Telegraphenbureau. Jetzt grüßte er kurz und nahm die geschriebene Nachricht entgegen.
„Rudergänger, vorne hoch auf 15 Grad. Maschine, 90 Prozent, steigen!“
„15 Grad vorne hoch liegt an!“
„Maschine 90 Prozent Leistung. Schiff steigt!
„Höhe 400 Meter Normal Null, steigend.“
„Rudergänger, Reiselage“, befahl Laszlo Háyek. „Drehen über Backbord auf 270 Grad!“
„Über Backbord auf 270!“ Der Rudergast drehte das große Rad, und majestätisch nahm die VÖSLAU Kurs gerade nach Westen. Zur Hermesvilla.
In der Steuerkabine schluckte Elisabeth von Oberwinden trocken. Es ging alles noch schneller, als sie sich gedacht hatte, aber irgendwann war es halt doch Zeit. Es war als Untertan nie leicht, vor seinen Souverän zu treten und den Misserfolg einer Mission zu melden, und aus Lisis Sicht war sie zumindest zu drei Viertel gescheitert. Die Krone war zwar zumindest nicht bei den Feinden Kakanien gelandet, und die Briten waren sicher nicht Österreichs Freunde. Sie trugen den Kakaniern immer noch nach, dass der deutsche Bund letztendlich die bessere Flotte gehabt und sowohl den Kontinent Germania Australia als auch die beiden Māui-Inseln, von den Maori Aotaroa genannt, in Besitz genommen und behalten hatte. Es hatte sich zwar keine erbitterte Erzfeindschaft wie jene der Österreicher zu Italien oder der Briten gegen die Franzosen etabliert, aber Vertrauen hatten die Regierungen beider Staaten auch nicht gerade zueinander. Der Kapitän hatte Lisis Reaktion bemerkt und legte ihr den Arm auf die Schulter.
„Es wird schon so schlimm werden, Frau Oberst“, sprach er sie beinahe akzentfrei und mit väterlichem Tonfall an. „Die Regentin wird Ihnen schon nicht den Kopf abreißen. Es kann doch nicht immer alles gelingen.“
„Die Regentin macht mir nicht gar so große Sorg‘n“, gestand Elisabeth leise. „Es stimmt schon, Fehler macht jeder. Aber was viel schlimmer ist, ich hab‘ meine Freundin enttäuscht.“
„Ach, die Prinzessin wird es auch einsehen, die ist ja auch nicht auf dem Gulyasch daher geschwommen!“
„Auf der Nudelsupp’n, Herr Kapitän.“ Trotz ihrer Lage musste Lisi ein wenig Lächeln.
„Ob Gulyasch oder Suppe mit Nudeln ist doch ganz egal. Hauptsache, sie lächeln wieder. Zumindest ein wenig.“
*
Im Westen von Wien lag die idyllisch gelegene elegante Hermesvilla, ein beliebter Rückzugsort für die allerhöchste Familie. In dieser Villa konnten sie das Zeremoniell vergessen und sich halbwegs privat geben. Besonders der nahe gelegene, kühle Hohenauer Teich mit dem Badepavillon hatte es im heißen Sommer der schwimmbegeisterten Regentin und ihren Töchtern angetan. Oberleutnant Aloisa Vogt vom Evidenzbureau hatte vor einem Monat ihre Stellung als private Leibwache der Prinzessin Maria Sophia angetreten und begleitete sie natürlich auch hierher, Gefahren lauerten eben überall. Was nicht bedeutete, dass Aloisa 24 Stunden im Dienst war, besonders in dieser Villa inmitten des Lainzer Tiergartens. Nur Tagsüber. Derzeit saß sie im Vorraum zu den Gemächern der Prinzessin Maria Sophia in einem gemütlichen Ohrensessel und blätterte müßig in einem Buch. ‚Der Gasser Dienstrevolver M1870/74. Pflege und Instandhaltung mit einfachsten Mitteln‘. Eine ziemlich primitive Waffe, aber gerade deshalb sehr zuverlässig und leicht zu reparieren, falls doch ein Fehler auftreten sollte. Durch die Tür des Salons gedämpft erklang das Signal eines Fernsprechers, und Aloisia legte das Buch zur Seite. Sie wusste, das konnte nur eines bedeuten. Die VÖSLAU war im Anflug, und die Prinzessin würde ihrer Freundin entgegen gehen wollen. Und wirklich öffnete sich nach wenigen Minuten die Tür und Maria Sophia kam aus ihrem privaten Salon.
„Geh’n wir ein paar Schritte, Aloisia. Die VÖSLAU ist im Anflug.“
„Selbstverständlich, Hoheit!“ Damit griff Aloisia nach ihrem breitrandigen Strohhut und stülpte ihn über die zu einem Knoten gebundene rote Lockenflut. Das kurze Jäckchen zu ihrem Kostüm verschmähte sie allerdings, wie in der sommerlichen Hitze alle Mitglieder des kaiserlichen Haushalts. Die blaue Bluse war da schon warm genug. Rasch gingen die beiden Damen die prächtige Marmortreppe hinab und schritten an der Hermesstatue vorbei durch den von einer Mauer umgebenen Garten zum Ausgang in den Wildpark. Rund um die Villa war ein mehr als 200 Meter breiter Grünstreifen angelegt worden, welcher eigentlich nur einen Sinn gehabt hatte. Den Wachposten jeden sichtbar zu machen, welcher sich aus dem Wald dem Hause nähern wollte. Jetzt diente dieser Streifen der VÖSLAU als bequemer Landeplatz, und Kapitän Háyek wusste ihn zu nutzen. Er verzichtete darauf, sein Schiff zu verankern, sondern hielt es nur mit Hilfe der Motoren am Boden. Aus dem starren Kiel, welcher die drei Ballonhüllen stabilisierte und die Brücke enthielt, senkte sich eine Rampe, über welche Elisabeth von Oberwinden in ihrer Uniform das Luftschiff verließ, die Schultern durchdrückte und auf die Villa zuschritt.
Unwillkürlich musste Aloisia die Markgräfin von Manawatū bewundern, deren Haltung keinerlei Schwäche zu zeigen schien. Dann erkannte sie, dass an den Schultern der Uniform Elisabeths etwas nicht stimmte. Die Rangabzeichen an den Schulterstücken fehlten. Etwa zehn Schritte vor Maria Sophia sank Elisabeth in einen tiefen Hofknicks.
„Majestät, ich melde mich zurück. Es tut mir leid, Majestät enttäuscht zu haben. Ich biete meinen Rücktritt von allen meinen Ämtern und Titel an.“
„Geh‘, steh‘ doch wieder auf, Lisi!“ Rasch überwand Maria Sophia die Distanz und zog Elisabeth hoch und in eine Umarmung. „Irgendwann hat’s ja passier’n müssen, dass dir auch was nicht gelingt! Du bist halt auch nur ein Mensch – und gegen eine halberte Göttin hast da eben kein Leiberl g’habt.“
„Aber Majestät …“
„Nix aber, Lisi. Und keine Majestät mehr zu mir. Muss ich’s erst als Dekret erlassen, dass‘d mich wieder mit mein‘ Vornamen anred’st?“
„Aber – ich hab‘ jetzt doch nicht nur meine Regentin, sondern auch meine beste Freundin enttäuscht! Das ist doch noch viel schlimmer.“ Elisabeth von Oberwinden stand weiterhin stocksteif in der Umarmung, ihre Stimme klang etwas belegt.
„Aber geh!“ Maria Sophia trat einen Schritt zurück und musterte Elisabeth von oben bis unten. „Dann möcht‘ ich gern‘ wissen, wer deine neue beste Freundin ist. Weil ich bin’s nicht. Enttäuscht, mein‘ ich. Herrgott, wenn wir alle Adeligen oder Offizier‘, die einmal einen Fehler mach’n, degradier‘n wollt’n, hätten wir bald von beiden gar keine mehr! Komm her in meine Arm‘, Lisi. Von mir aus heulst jetzt ein bisserl, wir haben noch eine Stund‘ Zeit, bis wir zur Frau Mama geh‘n. Und glaub’s mir, die ist auch nicht bös‘ auf dich.“ Die Prinzessin breitete ihre Arme weit aus, und Elisabeth kam jetzt freiwillig in diese und umarmte Maria Sophia ihrerseits. Die lange zurück gehaltenen Tränen traten jetzt hervor und flossen dafür um so reichlicher. „Aloisia, sorgen’s dafür, dass ein gutes Flascherl Schlumberger und drei Gläser in meinen Salon `bracht werden. Wir drei Mäderl werden uns jetzt ein bisserl entspannen, bevor wir zur Mama gehen. Und am Abend werd’n wir uns ein Dutzend Flascherl Roten und ein paar stramme Dragoner in meine Zimmer kommen lass’n, dann werd’n wir zwei dem Loiserl einmal zeigen, wie man so richtig einen feschen Mulatság feiert. Mit Csardas in der Senkrechten und einem ordentlichen Par-force-Ritt in der Waagrechten!“
„Mitzi! Das ist doch auch nicht für alles eine Lösung!“
„Aber es entspannt, und die Welt schaut gleich viel besser aus, Lisi.“
„Na schön. Aber einer reicht mir. Falls er was kann!“
*
Im Café Alsergrund in der Sechsschimmelstraße ging alles seinen üblichen Gang. Immer noch kamen Zeitungsleser, Tarockierer, Schach- und Billardspieler. Einige Gäste für den Billardsaal waren ausgeblieben, aber dafür einige neue Gesichter dazu gekommen. So wie der Herr mit dem breitrandigen Panamahut, der seit anderthalb Monaten jeden Montag und Mittwoch auf ein oder zwei Schalerl Gold hereinkam, die christlich-konservative Reichspost und die sozialistische Arbeiterzeitung las und dann wieder ging. Oder der dicke Mann mit dem bereits stark gelichtetem Haarkranz. Ein Seidel Bier und den Tagesteller. Oder das junge Fräulein, das jeden Dienstag und Freitag eine heiße Schokolade oder eine Melange mit einer Mehlspeise nahm und mit Genuss verzehrte. Zwei Herren kamen nun beinahe jeden Tag und erbaten einen der Schachtische, wo sie sich rasch in lange Partien versenkten. Sehr langen Partien, und sie ließen sich zwischen den Zügen viel Zeit. Der hellblonde Sitzkassiererin Monika Shvets fiel als einziger Person im Lokal auf, dass die meisten Züge keinen großen Sinn ergaben, aber sie hatte auch einen großen Vorteil.
Eigentlich erfüllten die Züge gar keinen logischen Zweck. Zumindest nicht in dem Sinn, dass auch nur einer dieser Bewegungen einer Spielfigur zu einem Schachmatt führen sollte. Sie saßen immer wieder in anderen Nischen, ihnen allen war allerdings gemeinsam, dass diese einen guten Ausblick auf eine bestimmte Person boten. Monika sorgte dafür, dass der Ober den Herren den richtigen Tisch zuwies, denn Franz Lendvay hatte sie darum gebeten. Für Monika waren es zwei Beamte der k.u.k. Criminalcomission, und beide hatten sogar die richtigen Marken in der Tasche. Sie waren durchaus echt, stammten aber wie die Papiere aus dem Fundus des Evidenzbureaus. Im Laufe der Zeit hatten die Agenten einige Personen ausfindig machen können, mit denen ein Mann, der selbst jetzt im Sommer eine grüne Trachtenjacke trug, jenen Händedruck austauschte, den sie für geheim hielten. Sie hatten den Mann weiterhin in Ruhe gelassen, aber einiges über ihn heraus gefunden. Er hieß Klaus, Graf von Ganterwiesen, war 46 Jahre alt, lebte in einem Palais in der Auhofstraße mit seiner Frau Rosemarie, 45 Jahre, den Töchtern Eleonore und Sabine, 17 und 19 Jahre und dem Sohn Karl, 16 Jahre. Dazu zwei Pekinesen und rund 50 Bedienstete beiderlei Geschlechts. Keine Vorstrafen, eine Vorzeigefamilie, wie sie im Buche stand. Nur dass der Baron fast jeden Tag den Wienfluss bis zum Gürtel hinabfuhr, und diesem dann bis zur Sechsschimmelstraße folgte, das war schon ein bisserl auffällig. Er spielte weder Schach noch Tarock, kiebitzte auch nicht, griff keinen Queue an, halb oder gar ganz nackte Mädchen gab’s in diesem Lokal nicht, und wenn auch die Moni Shvets schon ein ziemlicher Hingucker war, so besonders, dass ein Baron runde 12 Kilometer fuhr, nur um sie anzusehen? Kaum. Also beobachteten die Agenten des Evidenzbureaus auch die Männer, mit welchen er im Lokal Kontakt hatte. In der Nacht schwärmten dann die Schützlinge des Markgraf von Höllerer aus und sammelten Informationen über die erkannten Personen. Auf ihre ganz spezielle Weise.
Wien besaß bereits seit rund 40 Jahren eine Straßenreinigung, welche diesen Namen verdiente. Nicht, dass das Pflaster so blitzsauber gewesen wären, dass man davon hätte essen können, das wäre übertrieben. Aber der grobe Dreck wurde schon regelmäßig entsorgt, die Kanalisation instand gehalten und von großen Fremdkörpern befreit. Man sollte gar nicht glauben, was da zu finden war. Eine Zeit hatten einige Fuhrunternehmer ihre Pferde darin entsorgt, und einmal waren die Männer der Kanalräumbrigade fassungslos vor der Leiche einer Frau gestanden, welche sage und schreibe 78 Wunden durch Messerstiche am ganzen Körper aufwies. Die Criminalcomission hatte den Mörder damals rasch gefunden, der Sohn des Grafen von und zu ***, dem irgendwelche Stimmen die Tat befohlen hatten. Der Richter urteilte in einer geschlossenen Sitzung, und es war ein gerechtes Urteil. Der Angeklagte entging zwar dem Galgen, aber nicht der Gerechtigkeit, seither lebte der junge Mann in Steinhof, in der geschlossenen Anstalt. Ohne Hoffnung auf Entlassung.
Trotz der ständigen Arbeit der Reinigungskräfte fanden streunende Hunde und Katzen natürlich immer wieder essbares Zeug, und daher war der Anblick eines Straßenhundes und noch viel weniger der einer Katze zwar nicht alltäglich, aber auch nicht weiter auffällig. Und Fledermäuse – wenn man sie überhaupt zu Gesicht bekam, dachte man sich auch nicht viel dabei. Und so entwickelte sich vor den Analytikern des Evidenzbureaus allmählich eine Organisation, welche einen Sturz des allerhöchsten Hauses zu Gunsten der Bonapartes plante. Den Verschwörern, zumeist mehr oder weniger verarmten Adeligen aller Stufen und neureichen Industriellen waren die sozialen Reformen mit Mindestlöhnen und Rechten für die arbeitende Bevölkerung ein Dorn im Auge – und natürlich das Parlament. Aber so sehr auch alle Agenten acht gaben, den Kopf hinter der Organisation konnten sie nicht ausmachen. Sie erkannten zwar, dass es mindestens eine weitere Ebene geben musste, aber das Wer und Wie blieb ihnen verborgen. Die Drahtzieher erwiesen sich als recht geschickt, allerdings gelang es Jakob, Graf von Perggreith, dem ältesten Bruder von Wilhelmina Gräfin Perggreith, die Organisation zu infiltrieren. Oder besser gesagt, es trat jemand aus der Verbindung an ihn heran. Zuerst mit unauffälligen Fragen, wie er jetzt zurecht kam? Immerhin waren Perggreiths ganz alter Adel! Er musste im Ministerium für Landwirtschaft als einfacher Sektionschef für den Bezirk Horn in untergeordneter Position und sein Bruder in Venedig als kleiner Comissario arbeiten. Arbeiten! Ein Graf! Das allein war schon – déraisonnable! Eine einzige Zumutung! Wozu war man denn von adeliger Herkunft? Sozusagen von Gott selbst berufen? Und dann noch die Verbannung seiner Schwester ins Ausland! Das war doch alles nicht gerecht.
Bis zur Erwähnung seiner Schwester hatte Jakob die ganze Sache als Dummheit, als inhaltsloses Schwadronieren abgetan. Aber diese Bemerkung, man hätte Wilhelmina mit einem geheimen Gerichtsurteil abgeschoben, machte ihn stutzig. Willy hatte damals ihren Ingenieur gemacht, sich in Neuhochadlerstein um einen Posten bei der ADMAG beworben und ihn aufgrund ihres Wissens und Könnens erhalten. Aus eigenem Antrieb, und dem letzten Telegramm nach zu urteilen, ging es ihr dort recht gut, der freizügige Lebensstil des afrikanischen Landes sagten ihr sehr zu. Jakob, Graf von Perggreith hatte nicht lange überlegt und Fürst zu Hametten auf dem kurzen Dienstweg eine Nachricht zukommen lassen. Und auf noch kürzerem eine Antwort erhalten. Nächtens war plötzlich eine Dame in seiner Wohnung gewesen. Eine, die ihm kurz mächtige Eckzähne und Klauen präsentierte, ehe sie zum Geschäftlichen kam. Jakob wurde Mitarbeiter des Evidenzbureaus und gab den Verschwörern langsam immer mehr recht. Bis sie ihn einweihten. Brindusa Gabor passte seither auf ihn auf und gab seine Berichte weiter. Die Teamarbeit funktionierte ganz gut.
*
London
Ein von einem endothermischen Dampfkessel gezogenes Hansom Cab rollte durch die Upper Thames Street in Richtung Tower of London. Der beleibte Passagier hatte dieses Mal allerdings keinen Blick für die Architektur Londons übrig, er war tief in seine Gedanken versunken. Es war noch nie zuvor geschehen, dass er von der Queen nicht in den Buckingham Palast, sondern in den Tower of London bestellt wurde. Aber ein königlicher Befehl war nun einmal ein königlicher Befehl.
Von Wilhelm dem Eroberer, dem ersten normannischen Herrscher, wurde 1066 nahe der Themse die erste Festung in Auftrag gegeben, elf Jahre später wurde diese zum ‚White Tower‘, der auch 1889 noch im Zentrum der Festung stand, ausgebaut. Richard I Plantagenet Cœur de Lion beauftragte seinen Lordkanzler William of Longchamp mit einem weiteren Ausbau, während er im heiligen Land Krieg führte. Und der Tower war immer noch die Festung Londons, auch wenn die Queen ihr ganzes Leben im fünf Kilometer entfernten Buckingham Palast gewohnt hatte. Das Cab blieb vor dem ‚Middle Tower‘, dem Vorwerk der mächtigen Festung, stehen und entließ seinen Fahrgast. Mycroft Holmes entlohnte den Fahrer, straffte seine Gestalt und näherte sich dem Tor. Zwei Yeowman Warder, die spezielle Wache des Towers of London, kontrollierten Mycroft und öffneten sodann die kleine Tür neben schweren Tor, welches praktisch nicht mehr geöffnet wurde. Über eine gemauerte Brücke überquerte Holmes den ehemaligen Wallgraben und schritt durch den Bayward Tower, wo er wieder kontrolliert wurde, in den äußeren Burgbereich. Danach wandte er sich nach links und erreichte endlich durch den Beauchamp-Tower und einer weiteren Kontrolle das Tower Green rund um den White Tower, an dessen Eingang, wen wundert es, zwei Beefeater Wache standen und Holmes Identität einer vierten Überprüfung unterzogen. Dann übergaben sie ihm einem Chief Yeoman Warder, welcher ihn weiter führte.
Die Yeoman Warder of Her Mayesty’s Royal Palace und Fortress the Tower of London waren ebenso wie die Yeoman of the Guards bereits seit dem 15. Jahrhundert eine verschworene Gesellschaft. Die Mitgliedschaft in beiden Einheiten war erblich, und sie waren dem rechtmäßigen König respektive der Königin absolut treu ergeben. Nicht einmal der Geheimdienstchef kannte so viele Geheimnisse der Krone, und noch niemals hatte ein vereidigter Yeoman eines davon ausgeplaudert. Der Chief Yeoman Warder führte Holmes zu einer unauffälligen Tür und öffnete sie für ihn.
„Bitte, Sir. Die Treppe hinab und den Gang entlang, bis zur Tür. Treten Sie einfach ein, Sie werden erwartet!“
„Sie kommen nicht mit, Chief?“, wunderte sich Mycroft.
„Nein, Sir, ich bin zu diesem Treffen nicht geladen!“ Der Wächter salutierte noch einmal, dann schloss er hinter Holmes die Tür.
„Zumindest hat man hier schon elektrisches Licht eingebaut“, murmelte Mycroft in seinen gepflegten, kurzen Vollbart, während er vorsichtig die steile Wendeltreppe nach unten stieg. Dann schritt er durch einen langen, hohen Gang aus unverputzten Steinen und erreichte eine schwere Doppeltür aus geschnitzten Eichenbohlen. Jeder der Türflügel wies ein sehr naturalistisch geschnitztes Abbild eines Raben in Originalgröße auf, eines Raben, welcher mit halb ausgebreiteten Scheingen auf einer Säule saß und den Besucher über einen langen Schnabel zu mustern schien. Im Spiel von Licht und Schatten der nicht ganz ruhig hängenden Lampen erschienen die Tiere ganz erstaunlich lebendig. Es musste einfach an den Lampen liegen, den geschnitzte Vögel konnten sich doch einfach nicht bewegen, das widersprach allen Gesetzen der Natur. Mycroft atmete noch einmal tief durch, stieß die Türflügel auseinander und betrat den Raum. Er stutzte. Er war sich nicht sicher gewesen, was ihn erwartete, aber ein beinahe leerer Raum überraschte ihn nun doch sehr. Und das wollte bei einem der klügsten Köpfe des Empire schon etwas bedeuten. Vor ihm lag ein steinerner Saal mit Kreuzrippengewölbe und steinernen Bodenfliesen, ohne Möbel, nur am anderen Ende des Raumes stand vor einer weiteren Tür ein großer, weißer Thronsessel. Bis auf die Sitzfläche sah die Oberfläche seltsam buckelig aus, als Mycroft näher hinsah, erkannte er den Grund und musste schlucken. Der Stuhl bestand aus weißen, gebleichten Totenschädeln. Menschlichen Totenschädeln. Nur die Sitzfläche bestand aus glatt geschliffenen langen Knochen.

Von irgendwo her drang leises Rascheln an das Ohr Mycrofts, dann auch ein leises Kichern und raues Lachen. Schwarze Schatten waberten durch den Raum und wurden dichter, verfestigten sich schließlich auf dem Thron zu einer schwarzhaarigen schlanken Frau, deren Kleid erstaunlich viel wohlgeformtes Bein und deren Ausschnitt einen mehr als wohlgefälligen Busen zeigte. Und obwohl das Lächeln ihrer blutroten, vollen Lippen überaus sinnlich war, zeigten die smaragdgrünen Augen nur eiskalte Härte.
„Willkommen, Mister Holmes. Es freut mich sehr, jenen Mann kennen zu lernen, der als der schärfste Geist Britanniens gilt.“ Die Stimme war samtweich, schien aber nicht aus ihrem Mund, sondern von überall her zu kommen. „Sonst kommen zumeist doch nur primitive Geister zu mir, ehe am nächsten Tag ihre Körper dem Scharfrichter übergeben werden. Aber keine Sorge, mein lieber Freund, Sie stehen nicht auf meinem Speiseplan. Noch nicht.“
„Dann scheine ich wohl die Ehre mit der Morrighan zu haben?“, fragte Mycroft mit gefasster Stimme.
„Mit EINER Morrighan, Mister Holmes“, korrigierte das Wesen. „Ich nehme an, Sie haben mich an den Raben erkannt?“
„Das war einer der Hinweise, Miss…?“
„Comhairleoir, Mister Holmes, ohne Miss. Und Sie werden mir doch meine – Ernährung nicht zum Vorwurf machen. Ich kann Ihnen versichern, dass es weit weniger unangenehm für den Verurteilten ist, wenn ich seinen Geist im Rausch einer Ekstase freisetze, als wenn er eine von Menschen ersonnene Hinrichtung erleiden müsste. Im Laufe der Zeit habe ich einiges gesehen, Mister Holmes, und zumeist war es barbarisch und extrem schmerzhaft. Ich glaube schon, dass da die Leute, welche mich besuchen durften, besser dran waren. Für diesen Körper…“ ihre Hände unterstrichen ihre Worte „… haben schon viele Männer gemordet – und noch mehr sind dafür gestorben. Aber bitte, nehmen Sie doch Platz!“ Ein Stuhl erschienen wie aus dem Nichts hinter Mycroft, welcher sich setzte und seinen Zylinder neben sich stellte.
„Und wer bestimmt, welcher Verurteilte Sie besuchen darf?“
„Ach, sie kommen alle“, lachte Comhairleoir perlend. „Aber ich bin rachsüchtig. Manche verschmähe ich, nämlich solche, welche Englands Herrschaft über Irland, Wales und Schottland gefährden.“
„Das ist Ihnen wichtig? Wirklich?“
„Ich sagte doch, ich bin rachsüchtig, Mister Holmes! Die Clann Mhíle haben mein Volk, die Thuata de Danaan, in die Sidhe verbannt, wo sie Jahrhunderte ihr Dasein fristen mussten, fernab des Sonnenscheins. Also – ja, die Kinder Mils und ihre Nachkommen in Schottland, Irland und Wales haben jede Strafe verdient. Jede! Das ist der Grund, warum ich die Könige der Anglonormannen unterstütze und die keltischen Herrscher bekämpfte und es immer noch tue. Der einzige.“
„Nun – ich möchte das nicht weiter vertiefen, Comhairleoir. Sie sagen, ich stehe nicht auf ihrem Speisezettel, also – warum bin ich hier?“
„Ihr Agent hat versagt und die Krone der Anchnesneferibre nicht nach London bringen können“, stellte die Morrigan fest.
„Das ist teilweise richtig. Nach allem, was ich gehört habe, war es allerdings kein Versagen. Diese Nubierin hatte wahrscheinlich schon vorher mentalen Kontakt mit den Artefakten, immerhin hat sie ohne lange zu überlegen ihren neuen Namen genannt und ihre Rede gehalten. Da gab es wohl schon vorher eine gewisse Beziehung. Möglicherweise entstammt sie ja wirklich einer kuschitischen Adelsfamilie. Wir wissen nur sehr wenig, was nach dem Sieg der Perser aus ihnen wurde.“
„Eine Möglichkeit. Nun, ich will Ihnen nicht in Ihre Geschäfte reden, Mister Holmes.“
„Aber?“ Über das Gesicht von Mycroft Holmes zog ein flüchtiges Lächeln. „Sie werden es wohl doch tun und haben einen Rat für mich, Comhairleoir?“
„Zwei, um genau zu sein, Mister Holmes. Unterstützen Sie Miss Bell in ihrer Unabhängigkeit und ihrem nicht ganz konventionellen Denken. Sie könnte mit der richtigen Anleitung und einer verlängerten Leine eine scharfe Waffe gegen die Feinde des Empires werden.“
„Das dachte ich bereits, Comhairleoir. Ich habe mit ihr und ihrem Vormund bereits ein Treffen arrangiert. Miss Bell wird im Orient noch für eine Menge Aufregung sorgen, hoffe ich.“
Ein Funken von Belustigung flackerte in den grünen Augen der Morrigan. „Ich freue mich schon, davon zu hören. Ihr Briten solltet eure Frauen wirklich mehr von der Leine lassen.“
„An mir liegt es nicht!“ Mycroft zuckte mit den Schultern. „Ich halte ohnehin nichts davon, Damen im Käfig zu halten, und sei er noch golden. Einer meinen besten Agenten ist eine Frau.“
„Miss Edwards. Ich habe im letzten Monat einiges über Sie erfahren, Mister Holmes. Erstaunlich, dass Sie mir nicht bereits vorher aufgefallen sind.“
„Ich erlaube mir, das als Kompliment zu werten.“ Der Präsident des Diogenes-Clubs verbeugte sich im Sitzen. „Wie haben Sie mich gefunden?“
„Die Raben haben mir Ihr Geheimnis enthüllt, Mister Holmes. Und nicht nur eines. Keine Sorge, was ich weiß, wird diesen Raum nie verlassen, wir stehen doch auf der selben Seite. Aber zum Geschäft. Ich bin nicht machtlos, aber manchmal benötige ich – zusätzliche Hände. Besonders im Ausland. Dafür könnte ich Ihnen Informationen anbieten, es gibt immerhin noch unzählige andere Artefakte der Macht zu finden.“
„Dessen bin ich mir ganz sicher, Comhairleoir. Nun gut, wir kommen ins Geschäft, zum Nutzen und Schutz Englands.“
„Zum Nutzen und Schutz Englands, Mister Holmes. Wir sind uns einig.“
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Sudan, Omdurman-Khartum
Nach der Eroberung Khartums im Januar @ 1885 verfügte der Mahdi Muhammad Ahmad, dass jenes Dorf der Stadt gegenüber, neben dem er sein Lager während der Belagerung aufgeschlagen gehabt hatte, gemeinsam mit Khartum die neue Hauptstadt seines Reiches sein sollte. Sofort trieben die arabisierten oder von Arabern stammenden Baggara ihre sudanesischen Sklaven an die Arbeit, um aus gebrannten Nilschlammziegeln eine Stadt mit mehreren Verteidigungsringen zu bauen. Von innen nach außen, zuerst natürlich einen vorerst eher einer Burg gleichenden Palast für den Mahdi. Karg, schmucklos und funktionell, denn was immer die Fehler Muhammad Ahmads auch gewesen sein mochten, Prunksucht und Verschwendung gehörten nicht dazu. Lange sollte sich der Mahdi seines Sieges über Charles Chinese Gordon nicht erfreuen können, denn er verstarb bereits im Juni 1885. An einem geheimnisvollen Fieber.
Kaum war der Mahdi tot, entstand ein geheimer Krieg um seine Nachfolge, den nach wenigen Monaten nur zwei Männer überlebten. Ibrahim Jamal, welcher sich als Sultan des Sudan bezeichnen ließ und in jenem Palast in Khartum residierte, welcher früher jener des Gouverneurs des Sudan gewesen war. Im Bureau des Sultans hing jetzt ein großes Portrait von Gordon Pascha an der Wand, ganz so, als wolle Ibrahim dem Briten tagtäglich seinen Sieg vor Augen führen. In der nach vier Jahren noch immer nicht fertiggestellten Burg des Mahdi, deren zentrale Halle nun eine Kuppel trug und um die eben vier Minarette gebaut wurden, saß als Kalif des Kalifats von Omdurman Abdullahi ibn Muhammad. Ibrahim war das weltliche und Abdullahi das spirituelle Oberhaupt des Gebietes, welches als Sudan bekannt war. Es war eine Patt-Situation. Keiner konnte den anderen los werden, ohne sich selbst zu schaden. Also bissen sie in den sauren Apfel und kooperierten eben. Ohne große Freude, aber immerhin funktionierend.
„Du hast nicht zufällig einen völlig dummen Brief an einige Herrscher schreiben lassen, sie sollen vor dir als dem höchsten Oberhaut des alleinigen wahren Glaubens das Knie beugen?“, begann Ibrahim nach drei Tässchen Kaffee, einigen Zügen aus der Wasserpfeife und einleitenden leeren Floskeln das eigentliche Gespräch im Arbeitszimmer des Kalifen.
„Nein, niemals!“ Abdullahi schüttelte vehement den Kopf. „Selbst wenn ich von irgend jemandem eine Unterwerfung verlangt haben sollte, hätte ich niemals drei der mächtigsten Staaten und noch den Sherif von Mekka gleichzeitig heraus gefordert. Muhammad Ahmad mag gedacht haben, dass wir mit unserem Glauben unbesiegbar wären, aber eigentlich haben wir nur gewonnen, weil die Briten am Sudan nicht wirklich interessiert waren. Wenn wir aber ernsthaft weiter nach Norden gehen sollten – nun, der geballten Macht des Empires hätten wir nicht viel entgegen zu setzen. Aber wie steht es mit dir?“
„Nun, die osmanische Armee könnten wir vielleicht schlagen, wenn wir langsam genug den Nil entlang nach Norden bewegten und die Muslime von unserer Sendung überzeugen könnten. Vielleicht.“ Ibrahim strich sich über seinen prächtigen Vollbart. „Zumindest eine Zeit lang, bis wir die britische Interessenssphäre erreichen. Dann hätten wir es ganz schnell mit den schweren Dampfelefanten und den Ornithoptern zu tun. Und das würde derzeit noch unser Ende sein. Vielleicht in fünf Jahren, wenn die Franzosen weiter so gut liefern.“
„Und das österreichische Khartum?“, fragte Abdullahi. „Ich meine …“
„Die Österreicher zu vertreiben wäre nicht so schwierig. Aber wozu?“ Ibrahim machte eine vage Handbewegung. „Es ist ein guter Fluss- und Lufthafen, und auch wir benötigen Handelskontakte mit der restlichen Welt. Ja, wir rasseln mit den Säbeln und reiten den einen oder anderen einen Scheinangriff bis knapp vor die Reichweite ihrer Gewehre. Aber dieser neutrale Hafen erleichtert uns doch das Leben ganz enorm. Und noch einfacher wäre unser Leben, wenn du die Dampfschiffe auf dem Nil nicht verboten hättest!“
„Die Worte des Mahdi sind unzweideutig“, sprudelte es sofort aus Abdullahi heraus. „Keine Dampfschiffe auf dem Nil.“
„Ein Glück, dass er nichts über Luftschiffe gesagt …“ Ibrahim unterbrach sich, eine Tür flog auf und ein Diener stürmte in den Raum, der sich vor den beiden Erben des Mahdi zu Boden warf.
„Verzeiht mein eindringen, Herren. Aber – bitte, kommt auf den Balkon!“
„Ein Angriff?“ Ibrahim Jamal sprang auf und griff zum Revolver im Gürtel. Jetzt erst bemerkte er, wie dunkel es im Raum geworden war. Auch Abdullahi sprang auf seine Füße.
„Es ist doch für heute keine Sonnenfinsternis angesagt!“ Beide stürmten auf den Balkon.
Die Sonne schien noch, und doch war sie dunkelrot, wie zu jener Zeit, in welcher sie sich auf den Horizont zubewegte. Deutlich hob sich über dem Hauptplatz vom Omdurman vor dieser Scheibe ein altägyptischer Streitwagen mit einer Person an Bord ab. Trotz der Entfernung war es jedem klar, dass es sich um eine Nubierin handelte, und die Menge auf dem Platz, welche zu ihr aufblickte, wuchs stetig. Und dann ertönte ihre Stimme in allen Köpfen.
„Ich bin NubSachEmetRe, Königin von Kusch, Tochter der Anuket und des Apedemak. Ich bin gekommen, um das Joch der arabischen Baggara von meinem Volk zu nehmen. Die Zeit, in welcher die nubischen Völker als Sklaven gejagt, gehalten und getötet werden durften, ist vorbei, die Zeit ihrer erneuten Freiheit ist angebrochen. Ich werde von Komb Ombo bis Malakal herrschen und die Sklavenjäger, -Händler und -Halter vertreiben! Ich bin gekommen, um wieder Gerechtigkeit in ein Land zu bringen, welches unter der Peitsche aus Nilpferdleder stöhnt und ächzt, Freiheit für die Geknechteten und Wohlstand für alle Gerechten. Lasst eure nubischen Sklaven frei und unterwerft euch mir, dann könnt ihr in meinem Land in Frieden und Freiheit leben. Begehrt auf und bekämpft mich, und ihr werdet sterben, auf ewig verflucht und vernichtet, wenn eure Leiber von Pachith zerrissen und eure Seelen von Amhehu auf ewig verschlungen werden, ohne Hoffnung auf ein Leben in der jenseitigen Welt! Huldigt mir, und es wird euch nicht an Bier und Wein, nicht an Brot und Fleisch mangeln. Der Hapi wird die Felder wieder ergrünen lassen und den Rindern Nahrung geben. Ich bin NubSachEmetRe, tretet vor mein Antlitz und kniet nieder, huldigt meiner göttlichen Weisheit und Schönheit, oder verlasst mein Reich. Von jetzt an gerechnet gebe ich jenen, welche gehen wollen, drei Tage Zeit, diese Stadt zu verlassen. Dann werde ich die Bösen von Meroe ausgehend aus meinem Reich treiben oder töten. Unter den ersten wird der Teufel in Menschengestalt sein, der falsche Prophet eines bösen Gottes. DU, Abdullahi ibn Muhammad, wirst sterben und dein Götzentempel zu Staub zerfallen, wenn du in drei Tagen noch in Omdurman bist!“
Mehrere der Baggara hatten ihre Gewehre hochgerissen und feuerten sie auf die Gestalt über dem Platz vor der neuen Moschee, doch es war umsonst. Keine der Kugeln traf NubSachEmetRe, als sie in aller Ruhe ihren Streitwagen wendete und gemütlich Richtung Süden davon flog. Sie blieb nur wenige Meter über den Straßen und bewegte sich langsam. Es ging ihr offenbar darum, von möglichst vielen Menschen gesehen und beschossen zu werden, um ihre Macht und Unverletzlichkeit zu demonstrieren.
Aden
Im Süden der arabischen Halbinsel bildete ein erloschener Vulkan am Ende einer Halbinsel mit einem zweiten am Ende einer anderen eine gut geschützte Bucht in der Arabischen See. Es war ein guter Hafen mit genug Tiefe, um auch größeren Schiffen das Anlegen zu gestatten, dazu kam die geringe Entfernung von nur 90 Seemeilen, also rund 170 Kilometern, zur Einfahrt in das Rote Meer, eine wichtige strategische Lage. Eine mehr als wichtige Lage. Demzufolge hatten die Briten nach Fertigstellung des Suezkanals hier aus dem kleinen, verschlafenen Fischerhafen eine veritable Festung und eine Nachschubstation sowohl für Schiffe von und nach Indien als auch für die Royal Navy gemacht – und auch den zweiten Berg auf der anderen Seite der Bucht, Little Aden genannt, mit Waffen und Wällen armiert. Mit schweren 28-zölligen Kanonen, die eine maximale Reichweite von etwas mehr als drei Seemeilen aufwiesen.
Im Krater des Vulkans, dessen östliche Wand eingebrochen war, lag das alte Aden mit seinen Minaretten und verwinkelten Gassen, die man als Europäer besser nicht ohne sprachkundigen Führer betreten sollte. Das Problem war hierbei weniger die Gefährlichkeit der Bewohner des Viertels, als vielmehr die baulichen Umstände. Schon so mancher Angelsachse war tagelang durch die Suk geirrt, ohne einen Ausgang finden zu können. Nordwestlich und Westlich des großen Vulkans hatten sich die Briten das Stadtviertel Tawahi als moderne Stadt mit geraden Straßen und allen möglichen Annehmlichkeiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts gebaut. Wie viele Städte in den englischen Kolonien war auch Aden auf technischem Gebiet weit fortschrittlicher als die Hauptstadt des Empire, London. Und sehr viel sauberer. Im Norden der Bucht lagen der Handelshafen und das Soldatenviertel, verbunden und getrennt durch die Sin Alley. Eine nur spärlich beleuchtete, breite Straße, mit unzähligen Palmen, einigen Kiosken, wo Erfrischungen und Zigaretten gehandelt wurden, und vielen engen Nebengässchen. Dort lagen Lokale, in denen Soldaten und Matrosen dann all das fanden, was ein Mann fern der Heimat vermissen musste. Und auf dieser Alley konnte ein Mann eigentlich gar nichts falsch machen, wenn er eine Frau ohne männliche Begleitung ansprach, solange er nur genug Geld in der Tasche hatte. Die noble Variante der Sin Alley in Tawahi war das Etablissement von Miss Daisy Chloë Phillips. Früher hatte Miss Phillips selbst in diesem uralten Gewerbe gearbeitet, und sie hatte die absonderlichsten Wünsche ihrer Kunden und Kundinnen kennen gelernt und sie zumeist erfüllt. Dann hatte sie sich das Haus an der Victoria-Road gekauft, an einer der besten Adressen in Aden, und betrieb dort ein offenes Haus. Ganz diskret, natürlich. Auch wenn natürlich jeder wusste, was im hinteren Teil des Hauses geschah, so sah jeder gerne weg, denn nicht nur Admiral Hellwesomet-Cerrighswag war regelmäßig zu Gast bei Miss Phillips, sondern auch seine Gattin.
„Bagdad! Ausgerechnet Bagdad!“ Frank Lascelles stürzte seinen Brandy auf einen Zug und bedeutete dem Barmann, noch einmal nach zu füllen. Es war nicht sein erster heute und würde auch nicht sein letzter bleiben. „Weiter weg von jeder Zivilisation kann man außerhalb Russlands doch gar nicht sein. Staub, Sand und Steine, dazwischen räuberische Nomadenstämme, die einem für sein Pferd allein schon die Kehle durchschneiden wollen. Vom Sattel ganz zu schweigen!“
„Umgekehrt, Frank, umgekehrt! Der Gaul ist immer noch mehr als das hundertfache von deinem Sattel wert!“ Billy Ray James schwenkte sein Whiskyglas.
„Unmöglich.“ Frank hob einen Zeigefinger. „Un-mö-glich! Britische Sättel sind doch die besten der Welt! Die allerbesten, wie alles andere britische! Ganz, ganz sicher! So eine Arabermähre ist doch ein – ein – ein Nichts gegen einen unserer Dragoner-Sättel!“
„Wie du meinst, Frank!“ Jetzt nahm Captain James doch einen kleinen Schluck von seinem Whisky. „Du wirst es schon wissen.“
„Und ob ich das weiß, Billy Ray! Und ob ich das weiß! Diese Dings – na, diese osmanischen Araber, diese osmanischen, die haben doch nichts, das auch nur einen englischen Furz wert wäre. Aber Sir Robert Gascoyne-Cecil ist der Meinung, die Krone müsse auch in Bagdad einen Vertreter haben. Und weil ich mich in Teheran bewährt habe, soll ich jetzt das Konsulat in Bagdad aufbauen. Ausgerechnet Bagdad! Reinste Provinz! Wahrscheinlich haben diese moslemischen Nomaden und Banditen dort noch nie etwas von Sherry, Tee und Beefsteak gehört. Von Blackpudding ganz zu schweigen! Warum sollte ein Brite dorthin reisen wollen?“
„Politik? Wissenschaft?“ Captain James trank jetzt sein Glas leer und bestellte ebenfalls ein neues. Trotzdem hatte Frank Lascelles bereits einen kräftigen Vorsprung.
„Bringt doch alles nichts. Erobern und dem Empire eingliedern, sage ich!“ Lascelles machte eine heftige und ausladende Geste! „Aber nein, wenn ich meine Nichte in Konstantinopel in das Luftschiff über Wien nach London gesetzt habe, soll ich beim osmanischen Sultan vorstellig werden und meine Akkreditierung für Bagdad vorweisen, die in der Botschaft bereit liegen wird. Bagdad!“
*
Sahara, etwa 900 Kilometer südlich von Tobruk
Unter der CAMPANIA glänzte der zu hohen Dünen aufgewehte goldene Sand der Sahara im Schein der hochstehenden Sonne. Die Konstrukteure des Königreiches Italien hatten bereits Erfahrungen mit halbstarren Luftschiffen gesammelt und benützten diese Bauweise gerne. Durch den Verzicht auf interne Skelettstrukturen konnte eine Menge Gewicht eingespart werden, besonders dann, wenn man den berühmten Kortwitz-Leichtstahl aus Ulm nicht zur Verfügung hatte. Die CAMPANIA war ein solches Schiff. Mit 109 Metern Länge und einem Durchmesser von 21 Metern gehörte sie nicht zu den Giganten der Lüfte, und die von vier Vaporid-Turbinen erzeugte Geschwindigkeit von 108 Stundenkilometern war auch nicht gerade Rekordverdächtig. Aber die Schiffe dieser Klasse trugen bis zu 8.900 Tonnen Nutzlast und waren als zuverlässig bekannt.
In der Steuerkanzel nahm Brigadegeneral Giovanni Rossaro das Fernglas von den Augen und rieb sich die Nasenwurzel.
„Rund 1.000 Kilometer, und unter uns nichts als Sand, Sand, und noch einmal Sand. Was für ein verdammtes Land! Keine Geländemarken, keine Abwechslung, kein Leben!“
„Das stimmt so nicht, General!“ Capitano Luigi Gallo grinste und wies in nach Osten. „Sehen Sie doch dort hin. Diese zerklüftete Steilwand mit den vielen Wadis ist ziemlich markant. Und dort vorne ist der Beweis, dass wir unseren Kurs bisher gut gehalten haben. Das ist der Djebel Arkenu, diese ringartigen Strukturen sind eindeutig. Hier könnten wir auch auf Leben stoßen, hier gibt es viele kleine Quellen und die Nomaden treiben immer wieder gerne ihr Vieh her.“
„Deswegen sind wir hier“, bemerkte der Brigadier. „Ich hoffe, es sind keine Frauen und Kinder anwesend! Aber unsere Mission ist zu wichtig, als dass unser Vorstoß publik werden dürfte. Aber wenn eine Familie im Abmarsch ist, bin ich bereit, zwei Tage zu warten.“
„Auch drei?“
„Auch drei, Capitano!“
„Sehr gut! Dann …“ Er unterbrach sich plötzlich. „Vorne 30 Grad hoch, Maschine volle Kraft. Avanti!“
„Was ist den los, Capitano?“
„Ihre Gebete werden erhört, Generale. Sehen Sie bitte in das Zentrum der Ringe, dort treiben einige Reiter Tiere zusammen, und dort drüben brechen andere ein Lager ab.“
„Das ist gut. Unsere Marschkolonne wird noch zwei Tage brauchen – wir legen einen Tag Pause ein.“
*
Die Karawane der italienischen Streitmacht stand still, der Kilometer lange Heerwurm blieb dabei mehr oder weniger in Marschformation. Vier von den schweren Jupiter-Landkreuzern bildeten einen Zug. 35,3 Meter lang, 15,41 breit und 11,46 hoch. Inclusive der vier Türme. Ein mittiger Turm mit einer 280 Millimeter-Kanone, zwei Türme dahinter seitwärts mit je einer 105 Millimeter-Geschütz, welches nach vorne und hinten feuern konnte, ein vierter Turm mit einer 105 Millimeter-Kanone auf dem Achterdeck mit heckwärtigem Schussfeld. Vier Maxim-Gewehre Kaliber 7,7 Millimeter rundherum mit überlappendem Schussbereich. Jeder der beiden Gleisketten war 70 Zentimeter breit. Rollende Festungen mit je 30 Mann Besatzung, allein schon vier für die Primärwaffe. Begleitet wurde jeder dieser 32 Züge Jupiter-Kreuzer von 8 Landkorvetten der Scudi-Klasse. 24 Meter lang, 11 Meter breit und 6 Meter hoch. Eine Kanone im Kaliber 160 Millimeter als Primär-Geschütz, zwei Revolverkanonen mit 35 Millimeter als Heckbewaffnung. Dazu 8 Freccia-Korvetten mit 10 Meter Länge, 5 Breite und 3 Meter Höhe, einer zehn-fünfer im Turm und zwei Maxim-Gewehren. Insgesamt 640 stark gepanzerte und bewaffnete Fahrzeuge.
Zwischen diesen Pulks bewegten sich die gepanzerten Infanterie-Transporter und die Tanklaster, tausend Kavalleristen auf den leichten Fahrzeugen der Lupus-Klasse umschwärmten die ganze Armee.
BILD S127-31
Zwei Luftschiffe der CAMPANIA-Klasse versorgten die Kolonne regelmäßig mit Wasser und Konservendosen. Es war eine richtige Invasionsarmee, welche sich hier unbeobachtet durch die Wüste bewegte, um Abessinien in den Rücken zu fallen und einen Brückenkopf zu errichten. Beim Djebel Arkenu sollten nach einigen Tagen Pause 100 Kamelreiter in der Dschibba der Mahdisten nach Osten in Richtung Abu Simbel reiten und dort Überfälle auf britische Patrouillen verüben. Nach den Briefen an die Regentin der Donaumonarchien, den Sultan des osmanischen Reiches und die Königin des britischen Empires sollten sowohl die Briten als auch die Sudanesen miteinander zu beschäftigt sein, um die Armee Italiens zu bemerken, welche etwa bei Salawa den Nil überqueren wollte.