Vorbemerkung

Als The Great Game oder auf Deutsch Das große Spiel bezeichnet man eine ganze Reihe Feldzüge im 19. Jahrhundert, welche von Russland und Großbritannien in und um den Besitz von Afghanistan geführt wurden. Eine Theorie besagt, dass es dabei zum größten Teil um strategische Vorteile ging. Für die Russen um ein Einfallstor in den Punjab und weiter auf den reichen Indischen Subkontinent, für die Briten darum, genau das zu verhindern. Ich habe mir erlaubt, ein weiteres Mal die Karten zu mischen.

Wie immer mögen einige Personen namentlich und in ihrer Funktion zwar auf tatsächlich existierenden Personen beruhen, sind aber tatsächlich reine Fiktion. Dann möchte ich meinen geneigten Lesern noch viel Vergnügen mit der folgenden Geschichte wünschen. Ich zumindest hatte ihn.

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Ouvertüre

Am 16. Mai nach dem in Russland gebräuchlichen julianischen oder am 27. Mai nach dem im größten Teil des restlichen Europas bereits gebräuchlichen gregorianischen Kalenders im Jahre Anno Domini 1703 gründete Zar Pjotr I Alexejewitsch Romanow, später bekannt unter dem Namen Peter der Große, an der Mündung der Newa auf der Haseninsel die Petropawlowskaja Krepost, oder – auf Deutsch – die Peter-und-Paul-Festung. Jedenfalls steht auf der Gründungsurkunde der Stadt dieses Datum vermerkt. Zuerst als primitives Fort aus Erdwällen und Holzbefestigungen angelegt, wurde bereits 1706 damit begonnen, die Festung aus Stein komplett neu zu bauen. Peter der Große wollte hier ein mächtiges Bollwerk gegen jeden Feind, vor allem die skandinavischen Länder, besitzen. Er plante aber auch an eben dieser Stelle den Zugang Russlands zur Ostsee und damit zum freien Handel per Schiff. Sein Plan ging sogar noch besser auf, als er gedacht hatte, und eine große, reiche Hafenstadt entwickelte sich rasant im Schutz der Festung, obwohl der Untergrund alles andere als günstig dafür war. Aber die ausgehobenen Entwässerungskanäle, welche das Sumpfland trocken legen sollten, erwiesen sich auch anderweitig als recht praktisch für die Handelsherren. Bereits 1712, nach nur sechs Jahren Bauzeit, machte Zar Peter sie unter dem Namen Sankt Petersburg zur Hauptstadt des russischen Reiches.

Nach seinem Tod 1721 wurde nach einigen Wirren und Streitigkeiten um die Thronfolge Peters Tochter Jelisaweta Petrowna Romanowa als Elisabeth I Zarin der Russen. Kaum jemand erinnerte sich später ihres Befehles, nach welchem sofort alle Hinrichtungen in Russland ausgesetzt zu werden hatten und ihre leider vergeblichen Bemühungen, die Todesstrafe so weit wie möglich ganz abzuschaffen. Aber jeder sah das Ergebnis eines anderen ihrer Befehle. Sie beauftragte den italienischen Architekten Bartolomeo Francesco Rastrelli mit einem Neubau des barocken Winterpalastes am südlichen Ufer der Newa, in etwa gegenüber der Festung liegend. 1762 konnte Elisabeth I die endgültige Fertigstellung des später weltberühmten Palastes gerade noch selbst erleben. 1745 war der Palast allerdings bereits zumindest so weit gediehen, dass ihr Neffe Karl Peter Ulrich von Schleswig-Holstein-Gottorf, der den russischen Namen Pjotr Fjodorowitsch angenommen hatte, seine Cousine zweiten Grades Prinzessin Sophie Auguste von Anhalt-Zerbst im Winterpalast heiraten und mit ihr und seiner Tante Zarin Elisabeth im bereits fertig gestellten Teil einen großzügigen Trakt bewohnen konnte.

Leider geriet schon die Hochzeitsnacht zum Desaster. Statt seine Frau erobern und die Ehe vollziehen zu wollen, kam der Thronfolger erst bei Sonnenaufgang sturzbetrunken und sternhagelvoll in das gemeinsame Schlafgemach. Auch in der zweiten Nacht hatte der Thronfolger kein Interesse am Vollzug der Ehe, sondern holte stattdessen ein Säckchen Zinnsoldaten hervor, teilte seiner Gattin, welche im Zuge ihres Übertritts zum russisch-orthodoxen Glauben den Namen Jekaterina1 erhalten hatte, die in russischen Uniformfarben bemalten zu und nahm sich die in preußischen. Er wollte unbedingt eine bedeutungslose Schlacht nachspielen, danach wandte er sich um und schlief einfach ein. Nach der zehn Tage dauernden Hochzeit war Katharina immer noch Jungfrau und ihr wurde klar, dass der Großfürst wohl keinerlei Interesse an ihr und dem Ehebett hatte. Katharina überlegte lange und ließ nach einigen Tagen den Hofschneider kommen. Das war im September 1745.

„Ein schönes, neues Kleid für Euer Hoheit?“ Der Hofschneider der Zarin, Iosif Dawidowitsch Jakowlow sah aus, als wäre er direkt einem Märchenbuch entsprungen. Er war lang und dürr, sein schütterer Kinnbart hing bis vor seine Brust, der dünne, gedrehte und nach oben gezwirbelte Schnurrbart unter der langen, etwas spitz geratenen Nase war breiter als das hagere Gesicht. Der etwas exzentrische Künstler verschmähte aus Prinzip eine Perücke und trug sein echtes langes Haar am Rücken zu einem beinahe bis zum Gesäß reichenden Rossschwanz gebunden.

Jekaterina schüttelte den Kopf. „Ich möchte enge, weiße Hosen, eine weiße Weste und einen Uniformrock in preußisch-blauer Farbe. Einen entsprechenden Hut und eine Perücke. Und Stiefel. Hohe preußische Offiziersstiefel.“

„Hoheit?“, sah Jakowlow die Prinzessin erstaunt an.

„Ich möchte eine preußische Offiziersuniform, Iosif Dawidowitsch“, bestätigte Katherina. „Aber es soll vorderhand niemand erfahren!“

„Wie Hoheit befehlen“, verbeugte sich der Schneider und holte sein Maßband heraus. „Aber ich muss euer Hoheit genauer vermessen, wenn Hoheit wirklich enge Hosen wünschen.“

Die knapp 16 Jahre alte Katharina sah in der preußischen Gardeuniform hinreißend aus. Der Stoff der Hose spannte über ihrem festen, hübsch geformten Hinterteil und brachte es gut zur Geltung, die Weste und die offene Jacke betonten ihre eben erblühende Weiblichkeit eher, als dass sie etwas verbargen.

„Majestät!“, bellte Jekaterina, als sie in dieser Kleidung das eheliche Schlafzimmer betrat, knallte dabei nach preußischer Art die Haken zusammen und stand stramm. Peter setzte den Weinkelch ab.

„Was soll das?“ Seine Miene verfinsterte sich. „Was macht Ihr in dieser Uniform“, brüllte er unvermittelt los. „Wollt Ihr euch über mich lustig machen, Madame! Hinaus!“ Er nahm den Kelch und warf ihn nach Katherina. Bald darauf ließ sich Peter ein Schlösschen im nahen Oranienbaum2 bauen, wo er mehr und mehr ein Leben nach preußischer Manier führte.

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Ein Lakai des Zarenhofes klopfte im Jänner 1753 an Katherinas Tür. „Die Zarin wünscht Großfürstin Jekaterina zu sehen“, verneigte er sich.

„Ich komme sofort“, erhob sich Katharina, die Hofdame Isabella Juliana von Hotter wollte der Prinzessin folgen.

„Nur die Prinzessin, Wohlgeboren“, wehrte der Diener respektvoll, aber bestimmt ab. „Auf Befehl der Zarin!“ Isabella verharrte auf halbem Weg zur Tür.

„Diesem Befehl werden wir selbstverständlich nachkommen“, bestätigte Katherina. „Bitte warte hier auf mich, Isabella.“

Die letzten acht Jahre seit ihrer unglücklichen Eheschließung hatten die Großfürstin reifen lassen, sie war kein junges Mädchen mehr, sondern eine voll erblühte und hübsche Frau. Das längliche, ovale Antlitz war oft etwas melancholisch, aber bei verschiedenen seltenen Anlässen konnte man sie auch schon lachen sehen. Der Diener brachte Jekaterina durch die langen, noch nicht völlig ausgestatteten und dekorierten Gänge in ein kleines, aber gemütlich eingerichtetes Arbeitszimmer in dem von der Zarin bewohnten Teil des Palastes. Die typischen geschwungenen Beine des Rokoko trugen eine große Tischplatte, die drei Stühle und der Ottomane in einer Ecke waren im gleichen Stil gehalten. Elisabeth sah von dem Brief auf, den sie eben gelesen hatte.

„Setz Dich, Kind!“ Die 44 Jahre junge Zarin wies dabei auf einen der Stühle, auf dem Katharina gehorsam Platz nahm. Die Zarin legte das Papier beiseite und musterte die Jüngere

„Ich mache mir Sorgen, Jekaterina“, begann sie schließlich. „Du bist mit Peter nun immerhin schon acht Jahre verheiratet, aber ein Erbe ist weit und breit nicht zu sehen! Woran liegt das?“

„Hoheit, es ist… ich…“, stammelte Katharina errötend.

„Heraus damit“, befahl die Zarin. „Direkt und ohne Umschreibungen und auch ohne höflichen Floskeln. Geradeheraus mit der Wahrheit!“

„Ich bin noch Jungfrau, Majestät“, platzte es aus Jekaterina. „In den acht Jahren Ehe hat Peter mich nicht ein einziges Mal als Mann berührt!“

„Kein einziges Mal?“ Elisabeth hob die Augenbraue.

„Nein, Majestät.“ Katharina blickte verschämt zu ihren Händen, die sie in ihrem Schoß knetete. „Ich – ich habe mir sogar eine preußische Uniform schneidern lassen. Aber auch das – es hat nicht das geringste gebracht. Er hat einfach mit seinem Weinkelch nach mir geworfen und mich beschimpft.“

„So etwas habe ich tatsächlich schon so halb befürchtet, Kind.“ Kaiserin Elisabeth trommelte mit den Fingern auf der Schreibtischplatte. „Nun gut“, seufzte sie schließlich aus den untersten Tiefen ihres voluminösen Busens, dann zog sie an einer goldenen Kordel. Ein Diener in Livree trat ein, ging beinahe unhörbar zur Zarin und neigte sein Ohr zu ihrem Mund. Dann verneigte er sich tief und entfernte sich wieder.

Abrupt erhob sich die Zarin von ihrem Stuhl und Katharina sprang sofort ebenfalls auf die Beine. Auch als Großfürstin war es schlichtweg undenkbar, sitzen zu bleiben, wenn man sich mit der stehenden Zarin im selben Raum befand. Außer natürlich, sie befahl es so.

„Also gut, Kind.“, richtete Elisabeth das Wort wieder an Katharina. Eine Zofe betrat den Raum, trat hinter Katharina und begann damit, das Mieder der Großfürstin aufzuschnüren, während die Zarin weitersprach. „Russland braucht einen Erben. Und wenn mein Neffe nicht in der Lage ist, dafür zu sorgen, dann muss ich eben etwas unternehmen. Du bist die Ehefrau des Thronfolgers, also musst du ein Kind zur Welt bringen.“ Die Zofe zog Katharina die Robe von den Schultern und weiter über die Hüften, sodass sie nur noch in den Kniebundunterhosen und einem kurzen Unterhemd bekleidet vor der Zarin stand. Die schritt um die Thronfolgerin herum und musterte die Jüngere, dann hörte Katharina, wie die Türe aufging und ein Mann den Raum betrat.

„Ah, Sergej Wassiljewitsch! Kommt nur weiter“, winkte die Zarin.

Ein junger Mann kam ins Blickfeld Katherinas, die ihre Arme hob, um ihre Brüste besser als das dünne Hemdchen zu bedecken.

„Nimm die Arme herunter, Kind. Das Haus Romanow hat einige Geheimnisse, heute kommt eben ein neues hinzu. Hinterher werde ich Dir einige andere offenbaren. Aber jetzt, mein Kind, komm zu mir.“

„Majestät…“ Zögerlich ging Katharina die paar Schritte bis zur Zarin vor.

„Viel Glück, mein Kind“, wünschte Elisabeth Katherina und küsste sie auf die Stirn. „Seid zärtlich, Sergej Wassiljewitsch“, verlangte sie sodann von dem Mann. Der trat hinter Katharina, nestelte das Band ihrer Pumphose auf und zog das Kleidungsstück über die Hüften der Großfürstin.

„Entspanne Dich, mein Kind“, beruhigte Elisabeth die Prinzessin, währen die Hände des Mannes zuerst mit sanften Berührungen die runden Bäckchen ihres Zadnista3 erforschten, dann über die Hüften aufwärts wanderten, das Unterhemd mitnehmend und über den Kopf streifend. Dann umfassten seine Hände ihre festen Grudka4 mit den festen Knospen, welche auch sofort reagierten, seine Lippen fuhren über ihren Nacken und sandten wohlige Schauer der Erregung über ihren Rücken.

„Graf Saltykow ist ein erfahrener Liebhaber, Katharina“, flüsterte Elisabeth in Katharinas Ohr. „Und bei Gott, heute werde ich dafür sorgen, dass du zur Frau gemacht wirst. Russland verlangt einen Erben. Peter kannst du ruhig mir überlassen!“

Die rechte Hand Saltykows wanderte südwärts, zur Lobkovaya zona5 der jungen Großfürstin, er wusste, welches Knöpfchen es wie zu drücken galt. Der Atem Katharinas wurde immer schwerer, immer erregter. Schließlich drehte der Graf Katharina um und küsste ihren Hals, ließ seine Lippen weiter zu ihren Grudka wandern. Dann setzte Saltykow die junge Frau auf den Schreibtisch, dirigierte ihren Oberkörper in die Rückenlage und legte ihre Beine auf seine Schultern. Als sein Polovy chlen6 danach vorsichtig in ihre Lobkoaya eindrang, entrang sich Katharina zuerst ein tiefer, schmerzlicher Seufzer, und Saltykow hielt zögernd inne.

„Nur weiter, Sergej Wassiljewitsch, macht doch weiter“, bat Katharina schwer atmend. „Macht es endlich!“ Der Graf erfüllte diesen Wunsch nur zu gerne und machte Katherina endlich wirklich zur Frau.

Noch immer ein wenig außer Atem zog Katharina wenig später ihre Hose wieder an und streifte auch das Unterhemd über, der Graf brachte seine Garderobe ebenfalls wieder in Ordnung und entfernte sich auf einen Wink der Zarin. Von irgendwo erschien die Zofe und brachte die Prinzessin in vorzeigbare Dezenz, während die Zarin eine Schachtel mit Papieren auf den Schreibtisch stellte.

„Setz dich wieder, Kind!“ Elisabeth holte einige Schriftstücke aus dem Holzbehälter. „Graf Saltykow wird jederzeit zu deiner Verfügung stehen, bis du endlich schwanger bist. Außerdem solltest du deine preußische Uniform entsorgen und dir eine des dritten Sankt Petersburger Garderegiments zu Pferd besorgen. Mach Dir die Offiziere der hier stationierten Regimenter geneigt, Katharina, du wirst sie sicher noch brauchen. Wenn nötig, gib dich ihnen auch hin, aber bring sie auf deine Seite. Denn ich denke, du passt einfach besser auf den Thron Russlands als dein Mann. Und jetzt – nimm das, Kind!“ Sie nahm einen goldenen Gegenstand aus der Kiste, einen dicken Reif, dessen Enden in Echsenköpfen mit fein ziselierten Federn bestanden.

„Ein Torques? Aber er hat ziemlich seltsam aussehende Schmuckenden!“ Katharina drehte den Halsring bewundernd in ihren Händen und betrachtete ihn genau. „Er ist sehr schwer, ist er aus massivem Gold, Majestät?“

„Mehr als das, Kind. Diesen Halsring hat Rurik selbst getragen, als er das erste Reich Rus in Nowgorod gründete. Durch alle Geschlechter hindurch war er immer im Besitz der Herrscher der Rus. Von Nowgorod über Kiew und Moskau, und schließlich hat ihn mein Vater nach Sankt Petersburg gebracht.“

„Er ist wirklich wunderschön, Majestät!“ Die Großfürstin betrachtete das Geschmeide ganz genau und genoss den Anblick der hervorragenden Arbeit. „Was bedeuten denn die Schriftzeichen auf jeder dieser Goldschnüre?“

„Später“, vertröstete die Zarin. „Leg ihn dir um!“ Katharina folgte den Befehl, sie konnte die Enden leicht auseinander ziehen, und als der Reif ihren Nacken berührte, legte er sich federleicht und warm auf ihre Haut, folgte geschmeidig den Konturen ihres Körpers. Die Drachenköpfe fanden ihren Halt auf den inneren Enden von Katharinas Schlüsselbeinen und schienen zufrieden mit ihrem Platz zu schlummern.

„Man fühlt es kaum“, bemerkte Katharina und tastete nach dem Schmuckstück, wie um sich zu vergewissern, dass es noch da war.

Währenddessen hatte die Zarin eine gespannte Armbrust aus einer zweiten Truhe genommen und auf die Großfürstin gerichtet.

„Majestät…“ schreckte Katharina zurück, lächelnd löste Elisabeth die Sehne aus. Der Bolzen flog auf die Jüngere zu und verschwand in einer hellen Lichterscheinung. „Was… wie… ich verstehe nicht! Was war das eben“, stammelte Katherina.

„Das größte Geheimnis dieses Reifens, Kind“, antwortete die Zarin und legte die Armbrust beiseite. „Behalte ihn jetzt und gib ihn beizeiten an einen würdigen Nachfolger weiter! Und jetzt mach dich mit diesen Schriften hier vertraut.“

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Im September 1754 gebar Katherina endlich den lange ersehnten Erben für den russischen Thron. Natürlich wurde der Zarewitsch von der Zarin davon in Kenntnis gesetzt, mit der gleichen Nachricht wurde er auch vor ihr Angesicht befohlen. Aufgebracht marschierte Pjotr Fjedorowitsch nun im Arbeitszimmer der Zarin auf und ab.

„Das ist eine Beleidigung. Warum sollte ich denn das Kind von dieser verdammten tonkaya Palka7 als das meine anerkennen? Soll doch die Welt erfahren, dass sie eine untreue Shlyukha8 ist, dann bin ich sie wenigstens…“

„Molchi9„, unterbrach die Zarin den Thronfolger ungehalten. „Graf Saltykow hat Katharina auf meinen Befehl geschwängert, und sie hat es auf meinen Befehl geschehen lassen. Wenn du ein nastoyashchiy Chelovek10 und kein malenkiy glupyy Malchik11 gewesen wärst, hättest du sie bereits einige Male geschwängert. Aber nein, der Zarewitsch spielt ja lieber mit Zinnfiguren der preußischen Armee. K‘Chertu12, wie lange dauert es denn, eine Frau zu schwängern, ty Durak13. Mehr wurde doch ohnehin nicht von Dir in dieser Ehe erwartet! Ist es denn so verdammt schwer, einmal die Woche einer Kobyla14 den Zherebets15 zu machen? Sei doch dankbar, dass Dir Sergej Wassiljewitsch deine Pflicht abgenommen hat, wenn du Katharina so widerwärtig findest! Gospodin na Nebeskakh16, warum muss der Sohn meiner Schwester ein solch pflichtvergessenes Wesen sein, der seine Spielerei über das Wohl seines Volkes stellt? Bist du vielleicht einer der Männer, die lieber mit einem Mann herummachen? Aber auch dann wäre es deine Plicht gewesen, für einen Erben zu sorgen. Hörst du? Deine Pflicht! Und jetzt hole gefälligst deine Frau mit deinem Sohn und geh dann mit ihnen hinaus auf den Balkon, winke dem Volk zu und lächle! Immerhin ist Russland ein Kronprinz geschenkt worden!“

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Die Zarin Elisabeth starb im Juni 1762 mit nur 53 Jahren, und Pjotr Fjedorowitsch bestieg als Peter III den Thron Russlands. Er erließ einige durchaus gute Gesetze, wie etwa die endgültige Abschaffung der Todesstrafe, das Verbot der Folter, er hob die Salzsteuer auf und plante eine Luxussteuer. Er bereitete auch die Auflösung der Leibeigenschaft vor und verkündete nach dem Vorbild seines großen Idols Friedrich II von Preußen die Religionsfreiheit. Man sollte annehmen, dass Russland eine großartige Zukunft bevorstand. Man kann aber auch irren, das ist nicht verboten. Denn Peter hatte noch eine andere, eine unberechenbare Seite, und wer heute sein bester Freund war, konnte am nächsten Tag sein schlimmster Feind sein. Es kam darauf an, wem Elizaweta Romanowa Woronzowa, die Nichte des Vizekanzlers des russischen Reiches unter der Zarin Elisabeth, gerade ihre Gunst schenkte. Peter war der hübschen, drallen Russin völlig verfallen. Äußerte sie einen Wunsch, egal welchen, so trachtete Pjotr Fjedorowitsch danach, ihn so bald wie möglich zu erfüllen. Und Elisabeth Romanowa wollte Zariza werden, ihre Kinder sollten dereinst über Russland herrschen.

„Majestät, ich bitte euch!“ Katharina Welikaja, die Ehefrau von Peter III legte dem Zaren wenige Wochen nach dem Tod Elisabeths ein Schriftstück vor. „Führt die Landvermessung eurer Tante fort. Hier im Südosten, das die Bewohner Turkestan und Afghanistan nennen, sollte das russische Reich gute Karten besitzen!“

„Ihr langweilt mich, Madame“ antwortete der Zar seiner Frau kalt. „Ihr seid die längste Zeit ein Teil des Hofes gewesen. Ich werde euch und eure Bastarde vom russischen Hof entfernen. Ihr habt mein Leben lange genug vergiftet, es wird höchste Zeit, euch durch Elizaweta Romanowa zu ersetzen. Ihre und meine Söhne werden in der Zukunft über Russland herrschen, Ihr und Eure Bastarde mit Sergej Wassiljewitsch Saltykow, Grigori Grigorjewitsch Orlow und wen auch immer ihr noch zwischen euren Beinen willkommen geheißen habt, werden in unserem Reich keinen Platz mehr haben. Hinaus mit euch, Shlyuka, ehe ich für euch und eure Bastarde eine Ausnahme mache und euch alle dem Henker übergebe. Packt eure Habseligkeiten und verschwindet aus Russland. Und jetzt hinaus mit euch, verschwindet, sofort!“

Katharina erbleichte. „Ist das euer…“

„HINAUS„, brüllte der Zar wütend mit hochrotem Gesicht. „Sofort! Und reist noch heute ab! Wenn ihr morgen noch in Russland seid, werdet ihr hundert Streiche mit der Knute zu spüren bekommen, ehe ich euch und eure Bastarde am Galgen baumeln sehe!“

Katharina machte auf dem Absatz kehrt und rauschte aus dem Salon des Zaren im Palast Peterhof, in welchem ihr Gatte derzeit residierte, bestieg mit bleichem Gesicht ihre Kutsche und fuhr zum Winterpalast in Sankt Petersburg. Dort marschierte sie zornbebend in ihre privaten Gemächer.

„Leg meine Uniform der russischen Garden bereit“, herrschte sie unwirsch eine ihrer Zofen an. „Und schickt nach Graf Orlow und seinen Brüdern. Rasch!“ Als Grigori Grigorjewitsch mit seinen Brüdern Alexei, Iwan, Fjodor und Wladimir in das Gemach der Zarin kamen, erhob sie sich bereits wesentlich gefasster von ihrem Ottomane und atmete tief durch.

„Meine Herren, ich muss Ihnen mitteilen, dass es drei Möglichkeiten gibt“, informierte sie die hohen Offiziere. „Entweder ich entthrone meinen Gemahl und werde Zarin, oder ich werde mit der Knute geschlagen und, falls ich das überhaupt überlebe, am Galgen enden. Mitsamt meinen Kindern. Die dritte Möglichkeit ist, durch eigene Hand oder die eines guten Freundes schnell und ohne große Schmerzen zu sterben, denn der Zar hat mir eine Frist gestellt, die unmöglich einzuhalten ist. Bis morgen könnte ich Russland nur zu Schiff verlassen, doch derzeit liegen nur russische Schiffe im Hafen, die mir verwehrt sind. Was raten mir meine Freunde?“

Der riesige Alexej war der erste, der auf ein Knie sank. „Es lebe Zarin Katharina, oder wir sterben alle! Die Infanterieregimenter der Petersburger Garden stehen zu Euch, Euer Majestät!“

Auch Grigori beugte sein Knie. „Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Hoheit, und auf meine Truppen. Immer!“ Auch die anderen Brüder stimmten in den Treueschwur mit ein, und damit waren alle Garderegimenter zu Fuß und zu Pferd in Sankt Petersburg auf Katharinas Seite.

„Ich danke Euch, meine treuen Freunde. Bitte helft mir jetzt, mich dem Anlass gemäß zu kleiden!“ Gemeinsam befreiten die Brüder die Zarin von ihrer voluminösen Robe und halfen Katherina in die smaragdgrüne Gardeuniform mit den Abzeichen eines Generalleutnants mit der roten Weste des dritten Regiments zu Pferd, zu dessen Kommandeur Zarin Elisabeth die Ehefrau des damaligen Zarewitsch nach der Geburt ihres Sohnes Pavel Petrowitsch ernannt hatte. Zum Schluss küsste Katharina jeden der Brüder kurz, aber innig auf den Mund, dann schnallte sie den schweren russischen Kavalleriesäbel um ihre schmalen Hüften und öffnete ein Schränken. Sie wog den goldenen Torques Ruriks kurz überlegend in ihrer Hand, doch nun gab es kein zurück mehr. Sie atmete noch einmal tief durch und legte sich dann das Schmuckstück um den Hals. Der Reif legte sich wieder um ihren zarten Nacken, fand seinen Weg unter den Kragen und die Uniformbluse von selbst, die gefiederten Drachenköpfe legten sich auf ihren Platz an den Schlüsselbeinen. Katherina band noch rasch ihre Haare zu einem strengen Rossschwanz und setzte den mit alaskanischem Otterfell besetzten Dreispitz der Kommandeuse auf das Haupt.

„Gehen wir!“ Hoch aufgerichtet schritten Katharina und die Gebrüder Orlow mit versteinerten Gesichtern durch die Gänge des Winterpalastes.

Die Stiefel der beiden Garderegimenter zu Fuß knallten dumpf im Gleichschritt durch die Straßen Sankt Petersburgs, als sie dem berittenen dritten Regiment nach Peterhof folgten. Natürlich konnte dieser Aufmarsch bei der Bevölkerung der Stadt nicht unbemerkt bleiben, und das Gesicht der Zarin Katharina war in der Hauptstadt Peter des Großen den meisten Bewohnern wohl bekannt. Besser jedenfalls als das ihres Mannes, des Zaren. Immer wieder hatte sie sich bereits als Großfürstin zu Lebzeiten Elisabeths unter ihre Untertanen begeben und hatte selbst den Sorgen einfacher Menschen aufmerksam gelauscht. Auch Klaus Hermann von Wendtheim, Leutnant im preußischen Wachregiments des Zaren, sah diesen Aufmarsch, sprang eiligst auf sein Pferd und sprengte auf der Straße voran. Eine Kugel aus Grigori Grigorjewitschs Pistole verfehlte den Eilenden nur knapp.

„ALARM!“ brüllte Wendtheim, als er im Palast Peterhof bei Oranienbaum vom Pferd sprang. „Alle drei Sankt Petersburger Garderegimenter sind im Anmarsch, die Zarin vorneweg. Einer dieser Kerle hat sogar auf mich geschossen.“ Oberst Friedrich Freiherr von der Trenck, der Kommandant des Regimentes, welches Friedrich II von Preußen seinem Bewunderer Peter III überstellt hatte, zögerte nicht lange. Der laute Schall einer Trompete rief die deutschen Soldaten auf die Posten.

„Feind gesichtet“, rief der Posten auf dem Dachausguck, und die Preußen konnten beobachten, wie die drei Regimenter den Palastgarten umstellten.

„Das ist Hochverrat“, tobte Peter auf dem Balkon des Barockschlosses und drohte mit der Faust. „Ich werde jeden einzelnen dieser Verbrecher peitschen lassen, bis er tot ist! Auch die Offiziere!“ Aus der Reihe der Sankt Petersburger Garderegimenter trabte eine einzelne Gestalt auf einem prächtigen, großen Schimmelhengst durch den riesigen Garten auf die linke der beiden Freitreppen zu. Die Gardisten steckten ihre Musketen durch die Schießscharten im Erdgeschoss oder knieten mit dem Gewehr im Anschlag auf der Terrasse vor dem Eingang, verfolgten den Reiter und warteten auf ihre Befehle. Bei Peter auf dem Balkon standen Oberst von der Trenck und sein Vertreter, Oberstleutnant von Waldhof, neben ihnen knieten zwei Unteroffiziere mit angeschlagenen preußischen Infanteriegewehren Modell 1723.

„Ich glaube, hier kommt die Zarin selbst, Hoheit!“, berichtete Trenck, er hatte sein Fernrohr vor die Augen genommen und spähte nach der näher kommenden Reiterin.

„Nennt diese Hure nicht Zarin, Oberst“, verlangte Peter. „Keines ihrer Kinder ist von mir, ich habe diesen Zaunpfahl nie angerührt!“

„So?“, fragte der Offizier, Trencks Stimme blieb dabei neutral, doch in seinem Gesicht malte sich Verwunderung.

„Schon in der ersten Hochzeitsnacht hat sie mir Vorwürfe gemacht, weil ich mit einigen Kameraden noch ein wenig trinken war. Und dann hat sie mich in einer preußischen Offiziersuniform aufgesucht, als wäre ich ein abartiger Päderast. Mittlerweile hat sie wahrscheinlich schon alle drei Garderegimenter zwischen ihren Beinen gehabt, diese ständig rossige Stute. Dieses Weib war und ist eine fortwährende Beleidigung für mich, und ich werde froh sein, sie endlich los zu werden.“ Er wandte sich an die Unteroffiziere. „Erschießt sie!“ Sofort führten die beiden Feldwebel diesen Befehl aus, das Zündkraut puffte, als der Feuerstein aufschlug und die Treibladung zündete.

Ein Blitz erschien vor dem Gesicht der Zarin, ein weiterer vor ihrer Brust, unbeirrt ritt sie weiter und stieg vor der Treppe vom Pferd.

„Das war jetzt aber gar nicht nett, Petruschka“, rief sie zum Balkon hinauf. „Immerhin bin ich immer noch deine Frau!“

„Die Ehe wurde nie vollzogen“, brüllte Peter. „Du hast mich betrogen und mit Schande überhäuft!“

„Petja, Petruschka, wenn die Ehe nicht gültig war, wie könnte ich dich dann betrogen haben?“ Langsam stieg Katharina die Treppe hinauf, auf die wartenden Gewehre und Bajonette zu.

„Du hast meine Ehre als Zar beschmutzt und wolltest einen Bastard, den Saltykow gezeugt hat, auf den Thron setzen“, tobte Zar Pete. „Jetzt habe ich eine richtige Frau, und sie wird mir einen echten Thronfolger schenken. Und du wirst tot sein. Tot! Tot! Tot! Schießt sie nieder, schießt!“ Katharina ging weiter, ein Blitzgewitter umgab sie, als die Musketenkugeln knapp vor ihr verschwanden.

„Hoch mit euch, Männer. Bajonette aufstecken, Gewehr halbhoch, in Stellung“, kommandierte der Leutnant des Zuges Infanterie, welcher die Terrasse verteidigen sollten. Ein Wald von Bajonetten an den langen, preußischen Gewehren streckte sich der Zarin entgegen, welche einfach weiterging.

„Ein Mann, der lieber mit Zinnfiguren spielt als mit dem Körper einer Frau – du wird nie Kinder zeugen, Petja. Du bist kein Mann, sondern ein kleines Kind, dem man einige Ohrfeigen geben und ohne Abendessen zu Bett schicken sollte! Und das werde ich jetzt tun!“ Katharina erreichte die Front der Soldaten mit ihren Bajonetten und schritt einfach weiter. Zentimeter vor ihrem Körper glühten die Klingen hell auf, und ein Soldat nach dem anderen schrie schmerzerfüllt auf, als die Waffen ihre Hände verbrannten.

„Hexe“, schrie einer der Gardisten, und der Ruf wurde aufgenommen und weitergetragen. Allem preußischen Drill zum Trotz wandte sich einer der Gardisten zur Flucht, andere folgten, und endlich die ganze Wache auf der Terrasse.

Während Katharina immer weiter nach oben gestiegen war und die Blicke aller Anwesenden auf sich lenkte, hatten die anderen Offiziere der drei Sankt Petersburger Garderegimenter ihren Pferden die Sporen gegeben und von den Preußen unbeachtet die Treppe erreicht. Nun schlossen sie zur Zarin auf und gingen mit ihr durch das Tor, gemeinsam eilten sie in den ersten Stock, wo Peters Zimmer lag. Alexei, der größte der Orlow-Brüder, trat die hohe, mit Gold und Intarsien verzierte Tür ein, und Katharina schritt hoch aufgerichtet und stolz in den Raum.

„Nicht weiter, Madame! Ergebt euch“, verlangte Friedrich Freiherr von der Trenck. Er hatte seine Pistole gezogen und hielt die Mündung Katharina entgegen, welche ruhig stehen blieb und den Offizier eingehend musterte.

„Treu, mutig und gut aussehend, Oberst. Schade, dass seine Treue einem solchen Unwürdigen gilt!“

„Das habe ich nicht zu entscheiden, Madame“, versetzte der Preuße. „Bitte geht jetzt, ihr begeht Hochverrat.“

„Gezwungenermaßen, Oberst“, Katharina stemmte in typisch weiblicher Geste die Fäuste in die Hüften. „Ich dachte, es wäre meiner Gesundheit zuträglicher, als hundert Knutenhiebe zu erhalten und am Hals aufgehängt zu werden! Es wäre mir unmöglich gewesen, bis morgen Russland zu verlassen!“

„Ich – verstehe. Trotzdem“, nickte Trenck blieb immer noch standhaft. „Geht, oder ich werde schießen!“

Die Zarin lachte. „Versuch er es nur, Oberst!“ Wieder war die einzige Wirkung des Schusses ein Aufblitzen vor dem Gesicht der Zarin, welche nicht einmal mehr mit einer Wimper zuckte, als die Kugel verschwand. „Ergeb er sich jetzt in allen Ehren, Oberst“, forderte sie Trenck auf, der seufzend zu seinem Säbel griff.

„Ich musste es versuchen, Madame. Hier, mein Schwert.“

„Behalte er seine Klinge, Oberst“, wies Katherina den Säbel zurück. „Ich habe nicht vor, ihn zu entehren.“

Pjotr Fjedorowitsch dankte nach diesem Staatsstreich ab und verbrachte den doch recht kurzen Rest seines Lebens unter Hausarrest in seinem kleinen Schloss in Oranienbaum, seine Mätresse Elisabeth Romanowna Woronzowna leistete ihm in diesem Exil Gesellschaft. Nachkommen aus dieser Verbindung wurden allerdings keine bekannt.

Die Schwester der Mätresse des Zaren Peter III, Jekaterina Romanowna Woronzowa, war eine enge Vertraute der Zarin und wurde nur wenig später mit dem Aufbau und der Verwaltung der Russischen Akademie der Wissenschaften beauftragt. Diese Institution wurde zu Recht weit über die Grenzen Russlands berühmt.

Friedrich Freiherr von der Trenck ging nach Berlin zurück, wurde dort trotz seiner Niederlage in Sankt Petersburg durch die Fürsprache der Prinzessin Amalie von Preußen, der von ihrem Bruder heiß geliebten und vergötterten jüngeren Schwester des Königs, zum General befördert und als Militärgouverneur nach Friedrichsburg auf Germania Australia versetzt, wo er noch große Erfolge bei der Besiedelung Neu Brandenburgs erzielte. Amalie folgte dem Offizier heimlich und heiratete den Freiherrn ohne Erlaubnis Friedrichs des Großen. Nach einigen Jahren gab dieser im Nachhinein dieser Verbindung schließlich doch noch seinen Segen.

Sergej Wassiljewitsch Graf Saltykow war nach der Geburt des Zarewitsch Pavel Petrowitsch 1754 in ganz Europa erfolgreich als Diplomat für Russland unterwegs und kehrte nach Katharinas Inthronisierung als Fürst Saltykow in seine Heimat zurück, wo ihm die Zarin ein großes Stück Land und ein hübsches Rokokoschlösschen schenkte. Ein Wiedersehen der beiden fand nie statt.

Auch Grigori Grigorjewitsch Orlow wurde in den Fürstenstand erhoben und konnte sich auf einem neuen Landsitz mit einer guten Rente zur Ruhe setzen, seine Brüder wurden Grafen und erhielten ebenfalls großzügige Ländereien und üppige Pensionen. Auch hier gab es nach der Machtergreifung Katharinas keinen Kontakt mehr.

Katharina erhielt den Beinamen ‚die Große‘ und regierte Russland bis 1796. Man sagte ihr weit mehr als dreißig Liebhaber nach, welche zwar nie politisch aktiv werden durften, sich aber nach dem Ende ihrer Affären stets einer großzügigen Rente und eines guten Lebens erfreuen durften. Als Zarin nahm sie viele soziale Reformen in Angriff, aber leider wurden die meisten bald wieder vergessen. Sie fuhr den Staatshaushalt betreffend einen gemäßigten Sparkurs und versuchte, moderne Städte an der New und der Wolga zu gründen, leider ohne viele Erfolge zu erringen. Die Zarin verabschiedete auch eines der ersten Dekrete zur Aufhebung der Leibeigenschaft, weiter als etwa einen scharfen Tagesritt von vom Winterpalast konnte sie diesen speziellen Befehl jedoch nie in letzter Konsequenz durchsetzen. Die Bojaren fanden immer wieder Wege, zwar den Buchstaben des Gesetzes zu folgen, aber dennoch nichts an der grundsätzlichen Situation zu ändern. Außerdem rüstete Katharina viele Expeditionen aus, welche Turkmenistan und Kasachstan erforschen sollten und schließlich sogar bis an die Grenzen Indiens vorstießen.

Ihr Sohn Paul I machte als Zar viele Reformen seiner Mutter wieder rückgängig, besonders was die modernere Uniformierung der Armee betraf und führte das Pudern der Haare mit Mehl bei den Soldaten wieder ein, damit es so aussah, als trügen sie wie alle anderen Soldaten ihrer Zeit Perücken. Er rüstete aber auch die erste Armee aus, um das Gebiet zwischen Russland und Indien zu erobern. Es sollte allerdings nie dazu kommen, er fiel 1801 einem Anschlag zum Opfer und starb. Der Zar wurde von unbekannten Tätern im Winterpalast erwürgt.

Der Winterpalast an der Newa in Sankt Petersburg war nach Katharina der Hauptwohnsitz aller Romanows geworden. Also, eigentlich waren es ja ganz genau genommen Anhalt-Zerbst-Saltykows, da Peter die Ehe nie vollzogen hatte und diese dadurch – streng genommen – ungültig war. Aber da Peter III, von Zarin Elisabeth gezwungen, den jungen Paul offiziell als seinen Sohn anerkannt hatte und das später umständehalber nicht mehr rückgängig machen konnte, blieb der Name der Familie Romanow bestehen und wurde von Generation zu Generation weiter gegeben. Bis hin zum derzeit regierenden Zaren Wladimir III Alexandrowitsch, der seit dem Tod seines Vaters Alexander II Nikolajewitsch und seines älteren Bruders Alexander Alexandrowitsch 1881 bei einem Sprengstoffattentat auf dem Thron der Rus saß und seinen Kindern.

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Juli 1887

Sankt Petersburg

Durch die lange Militärgalerie mit den Bildern der berühmtesten russischen Generäle und Feldherren schritt eine riesige Gestalt in dem schwarzen Kapuzenmantel, welche von den Mönchen der russisch-orthodoxen Kirche gerne getragen wurde. Unter seinem Arm trug der Hüne einige Rollen, einen großen Folianten und eine dünne Kladde. Der wuchtig gebaute Mann mochte erst etwa zwanzig Jahre alt sein, aber sein wirrer, schwarzer Vollbart hing ihm bereits bis auf die Brust herab. Seine Bewegungen verrieten seine Aufregung, seine Schritte waren lang und hektisch, der weite Mantel wallte wie eine Fahne, ein Kriegsbanner hinter ihm her. Er erreichte schließlich den Abschluss des schier endlos scheinenden, durch ein Glasdach von der Sonne beleuchteten Ganges. Doch statt dort an die auffällig mit Gold und Schnitzereien verzierte Tür zu pochen, wandte er sich nach links und klopfte in einem rhythmischen Takt an eine nur für Eingeweihte sichtbare Tapetentür. Diese öffnete sich lautlos und zeigte ein kleines, heimeliges Büro, welches nichts von dem üblichen großartigen Pomp des Winterpalastes von Sankt Petersburg an sich hatte. Ein mittelgroßer, nicht ganz schlanker Mann in der grünen-schwarzen Uniform des Oberst und Eigentümers der Truchanow-Husaren stand in der Öffnung.

„Ach, Grigori Jefimowitsch. Komm doch herein!“ Mit diesen Worten machte Fürst Pjotr Iwanowitsch Truchanow den Weg in das Zimmer frei. Der Mönch nickte dankend, ging drei Schritte nach vorne und verneigte sich tief vor der zweiten Person im Raum, welche ein einfaches, am Hals geöffnetes Kossoworotka17 und darüber eine alte Wollweste trug.

„Majestät, ich – habe etwas gefunden!“, meldete der Riese stolz.

„Was hast du herausgefunden, Grigori Jefimowitsch?“ Zar Wladimir Alexandrowitsch war ein großer, durch seine Körperfülle gemütlich wirkender Mensch, das kurze, schwarze Haar war streng nach hinten frisiert, sein Oberlippen- und der dichte Backenbart waren sorgfältig getrimmt und gestutzt. Der beinahe zwei Meter große Sibirer Grigori Jefimowitsch legte das Buch und die Kladde auf einen Stuhl und nahm die erste Rolle zur Hand.

„Wenn Majestät gestatten?“

Wladimir wedelte ungeduldig mit der Hand. „Natürlich! Nur zu!“ Der Mönch rollte eine recht genaue Generalstabskarte aus.

„Majestät, dies ist eine Karte von Afghanistan, welche bereits unter der Zarin Katharina angefertigt wurde“, erklärte Grigori. „Sie ist sehr genau, selbst für moderne Verhältnisse. Wie Melchior von Schwanstätt und seine Männer das damals geschafft hat, grenzt beinahe an ein Wunder. Jedenfalls, wenn ich mich nicht sehr täusche, muss es hier irgendwo sein. Zumindest müssten hier im Tal des guten Wassers Hinweise über den weiteren Verbleib des Gegenstandes zu finden sein.“

„Zeige uns doch einmal genau, was du gefunden hast und berichte von deinen Schlussfolgerungen, Grigori Jefimowitsch Rasputin“, verlangte Fürst Truchanow, und der junge Wandermönch, den ein Agent bereits im Alter von 14 Jahren für den Sekretnaya Razvedka, den geheimen Nachrichtendienst Russlands angeworben hatte, öffnete den Folianten an einer Stelle, wo ein dünnes Lederband zwischen den Seiten lag. Grigori Jefimowitsch verfügte über eine Begabung, wie sie auch der Agent, der ihn anwarb, vorzuweisen gehabt hatte. Einen Instinkt, der fast schon an Hellseherei zu grenzen schien.

„Wenn Majestät und der Fürst sehen wollen…“

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-1-

März 1889

Afghanistan

Im Norden Afghanistans bildete der Fluss Amudarja die Grenze zum riesigen russischen Reich. Der hoch im Hindukusch entspringende Fluss mäanderte hier durch ein relativ großes flaches Gebiet des ansonst beinahe nur aus Gebirgen bestehenden, kargen Landes und brachte einen grünen, fruchtbaren Streifen in die ansonsten wüste und so gut wie unfruchtbare Landschaft. Nomadisierende Hirten beiderseits der Grenze brachten ab dem Frühjahr ihre Herden hierher, damit die trächtigen Tiere ihre Jungen an diesen futter- und wasserreichen Flussufern werfen und großziehen konnten. Ganz nahe des Flussufers selbst hatten die Russen auf ihrer Seite an einigen strategisch wichtigen Punkten Grenzfestungen errichtet, um ihr Gebiet gegen die häufig vorkommenden Raubzüge der afghanischen Stämme zu schützen. Stämme von halbnomadischen Hirten, welche einfach nicht verstehen wollten, dass auf der anderen, der russischen Seite des Flusses nicht mehr die alte Ordnung der Clans herrschte. Dort hatte jetzt ein starkes und vor allem zentralistisches territoriales Reich mit schriftlich festgelegten Gesetzen das Sagen. Die Afghanen ihrerseits verzichteten auf alle Befestigungsanlagen am Fluss, sie verließen sich lieber auf ihre schnellen Pferde, den Mut und die Geschicklichkeit ihrer Krieger sowie die schroffen, tiefen Schluchten und Berge des Elburs-Gebirges als Versteck jenseits der Flussebene. Dieses unwegsame, unübersichtliche Gebiet hatte noch bei jeder Besetzung des Landes den Guerillakämpfern die Möglichkeit gegeben, sich zu verbergen, neu zu sammeln, Kräfte aufzubauen und immer wieder zu revoltieren, um die Eroberer irgendwann später wieder aus dem Land zu werfen.

Zuletzt waren es die Engländer gewesen. Damals, 1841/42, war es für Mohammed Akbar nicht weiter schwer gewesen, die Briten zu besiegen und aus dem Land zu treiben. Der schwer an Gicht erkrankte Generalmajor William George Keith Elphistone, unter den Afghanen als Elphy-Bey bekannt, und der Resident William Macnaghten hatten sich einfach viel zu dumm angestellt und auch der neur Premierminister Robert Peel hatte sich zu viele Fehler geleistet. Besonders die Reduzierung der Zahlungen an die afghanischen Fürsten durch die britische Regierung erwies sich rückblickend als schwerwiegender Fehler. Nach der Ermordung des Baronet Macnaghten hatte Elphiston gegen den Rat vieler seiner Offiziere praktisch überhaupt nicht reagiert und nur einen Unterhändler zu Mohammed Akbar gesandt. Eine Handlungsweise, welche von den Afghanen nicht zu Unrecht als Zeichen der Schwäche aufgefasst wurde. Trotz modernster Waffen, genügend Vorräten und einer hervorragenden Stellung in der Garnison von Kabul akzeptierte Eldred Pottinger als britischer Verhandlungsführer die Kapitulation, und Generalmajor Elphiston hatte einige tausend Soldaten und Zivilisten aus Kabul evakuiert und auf einen verlustreichen Marsch geführt. Ein Rückzug, der im letztendlichen Untergang und Tod der britischen Zivilisten und Soldaten am Chyberpass endete. Ein Arzt soll diesen letzten Kampf der britischen Afghanistanarmee als einziger überlebt haben. Zumindest konnte er als einziger entkommen, ob und wie viele Briten und Britinnen in Gefangenschaft und Sklaverei gerieten konnte nie geklärt werden. General-Lieutenant Neville Bowles Chamberlain hatte sich 30 Jahre später etwas klüger angestellt, mit Hilfe von Miss Diana Hawk hatte er die Khane dazu bringen können, die übrig geblieben und die zurück eroberten englischen Festungen nicht mehr anzugreifen. Dafür mischten sich die Briten auch nicht wieder in die internen Angelegenheiten der afghanischen Fürsten, und sie zahlten wieder größere Summen Bestechungsgeld an die mächtigsten der Khane.

Eine der größten russischen Garnisonen am Fluss Amudarja war Lobotovgrad, benannt nach General Wassili Gregorowitsch Lobotov, welcher erst vor nicht allzu langer Zeit die usbekischen Khanate erobert und befriedet hatte. Die Festung thronte auf einem steilen Hügel direkt am Ufer und hatte sowohl den hier breiten und seichten Flussübergang als auch die russische Stadt mit den nicht immer voll umfänglich mit der Herrschaft des Zaren zufriedenen usbekischen Siedlern unter ständiger Kontrolle. Die dreihundert Kanonen unterschiedlichen Kalibers auf den Befestigungswällen konnten schon eine ziemlich beeindruckende Salve abfeuern, hatten aber einen schwerwiegenden Nachteil – es waren immer noch von vorne zu ladende Geschütze aus Bronze, einfache gegossene und dann ausgebohrte Röhren, neben jeder Kanone stand eine Pyramide von 55 Steinkugeln im richtigen Durchmesser bereit. Das Pulver war in einem Ernstfall hoffentlich in der Pulverkammer der jeweiligen Bastion zu finden, zumindest falls die Garnisonsoffiziere welches gekauft und nicht das Geld hierfür versoffen hatten.

Auch das hier stationierte 76. Infanterieregiment Fürst Leontov mit seinen über 8.600 Mann war eine an sich recht beeindruckende Garnison. Oder wäre es zumindest gewesen, denn die Bewaffnung der Soldaten bestand aus Steinschlossmusketen. Diese waren schon lange bewährte, aber mehr als 100 Jahre alte Konstruktionen, welche 1889 verständlicher Weise hoffnungslos veraltet waren. Diese Gewehre besaßen 116 Zentimeter lange, glatte Läufe, dazu trugen die Muschkoten ein 20 Zentimeter langes Bajonett und wurden von ihren Ausbildnern auch Ende des 19. Jahrhunderts noch immer eher für einen Sturmangriff mit blanker Schneide dressiert, als dass sie je einen Schuss abgaben. Die Waffen waren zudem im Allgemeinen in einem erbärmlichen Zustand, denn die Soldaten mussten selbst für Waffenfett sorgen und hatten ohnehin nur sehr knappen Sold. Wenn dieser nicht ohnehin schon, wie auch das Geld für Pulver und Blei, als Wodka durch die Kehlen der Offiziere geflossen war. Die 2.000 Kosaken waren da schon etwas besser ausgerüstet, für viele von ihnen hatten die Hetmäner über eine Vermittlung des Zaren Alexander II bereits ausgemusterte Zündnadelgewehre aus preußischen Beständen und englische Perkussionsrevolver gekauft. Aber zumindest verfügten diese Waffen bereits über gezogene Läufe und die Gewehre waren von hinten zu laden, eine große Erleichterung für berittene Einheiten. Einige der Hetmänner hatten sogar moderne, mit Dampf angetriebene Dreiräder statt der Pferde für ihre Stanize18 von jeweils etwa hundert Bewohnern aufgetrieben, der Rest der halbfreien russischen Wehrbauern auf der Ebene in den unzähligen anderen Dörfern entlang des Amudarja setzte notgedrungen immer noch auf die wendigen, kleinen und ungemein zähen Pferde. Die selbe Rasse, welche auch jenseits der Grenze die Afghanen ritten und die besonders im unwegsamen Gebirge ihre Meriten hatte.

Neben der Stadt Lobotovgrad war in den letzten Monaten auch ein ansehnliches temporäres Infanterielager entstanden, hier waren gleich sechs Infanterieregimenter mit über 50.000 Männern, eine Artillerieeinheit mit 800 Geschützen und eine 6.000 Mann starke Abteilung Dragoner bereitgestellt. Sie sollten gemeinsam mit neun ähnlich großen Armeeeinheiten entlang der afghanisch – russischen Grenze wieder einmal ein neues Kapitel im ‚Great Game‘ zwischen Russland und Großbritannien um die Vorherrschaft in Zentralasien aufschlagen. Der Zar wollte offenbar wieder einmal zu versuchen, zumindest einen Teil Afghanistans dem kaiserlichen Russland einzuverleiben und den aus Kabul nach Russland geflohenen Schir Ali wieder zum Shah-in-Shah Afghanistans zu machen. Zumindest sah alles ganz danach aus.

Zum ersten Mal in der Geschichte waren dieses Mal einige russische Soldaten, nämlich das 1. Pionierregiment Maximilian Emanuel und jene Infanteristen im Lager neben Lobotovgrad und dem 30 Kilometer entfernten Karpovo, auch mit zeitgemäßen Waffen ausgerüstet. Nämlich mit Mannlicher-Geradezug-Repetiergewehren 78 im Kaliber 7,92 mm, deren Patronenschacht immerhin ganze acht Patronen fasste. Der Kommandant der gesamten Armee für diesen Feldzug, Generalfeldmarschall Großfürst Maximilian Emanuel Romanov-Wittelsbach, Ehemann der Schwester des Zaren Wladimir I, Großfürstin Marja Alexandrowna, hatte darauf verzichtet, den Obersten und Majoren Geld für die Uniformen, Waffen und Munition in die Hand zu geben. Er wusste nur zu gut, dass diese Mittel doch nur in Wodka und Leckereien für die Offiziere angelegt worden wären, also hatte er lieber selbst vom Zaren das Geld für 51.000 Infanteriegewehre und noch 15.000 Kavallerieausführungen mit verkürztem Lauf verlangt, diese selbst in Steyr bestellt und auch entsprechende Munition gekauft. Diese Waffen hatte Großfürst Maximilian dann an die besten Soldaten seiner Truppen ausgeben lassen. Dazu hatte er 800 Hinterladerkanonen im Kaliber 10,5 Zentimeter mit selbst fahrenden Lafetten und Munitionswagen mit endothermischen Vaporidkesseln von Krupp in Deutschland geordert, selbstverständlich gleich mit einer ausreichenden Anzahl Granaten aller Art. Nicht, ohne zuerst einige Offiziere auszuwechseln und zumindest die größten Dummköpfe auszusieben, aber es blieben leider immer noch genügend Idioten mit zu viel Lametta auf der Brust, mit von oder zu und etlichen Bindestrichen im Namen und dafür viel zu wenig Grips in der Birne übrig. Aber auch der Großfürst konnte ja nicht das gesamte Offizierscorps aufhängen. Zumindest nicht alle auf ein Mal.

Der Techniker Sergei Ivanowitsch Mossin hatte auf der Basis des Mannlicher-Repetiergewehres ein eigenes Gewehr entwickelt, einfacher, billiger und schneller herzustellen, aber leider nicht ganz so weitreichend wie die kakanischen Waffen. Trotzdem waren diese Gewehre natürlich immer noch zu hundert Prozent besser als die alten Steinschlossflinten, welche schon die Sankt Petersburger Garderegimenter bei der Machtergreifung von Katharina Welikaja getragen hatten. Damals, im Jahre 1762, war dieses Modell aber auch noch auf dem neuesten Stand der Technik gewesen. Mit finanzieller Beteiligung des Großfürsten Maximilian Emanuel hatte Mossin eine Waffenmanufaktur mit Munitionsfabrik gebaut und bisher weitere 30.000 Soldaten mit seinen Gewehren ausrüsten können. Die roten Uniformen mit den grünen Röcken, welche schon aus einigen Kilometern Entfernung förmlich ‚Zielscheibe‘ brüllten, und den steifen, harten Stiefeln, in welchen man kaum marschieren konnte, hatte der Bruder der kakanischen Regentin zugunsten bequemerer und unauffälliger grauer Uniformen mit Schnürschuhen und kniehohen Gamaschen aufgegeben, die hohen Tschakos mit den glänzenden Messingwappen durch weiche Feldmützen mit Augenschutz und lederne Helme im Stil der preußischen Pickelhaube ersetzt. Und er hatte das Garde-Pionierregiment, also eine Truppe, welche vor allem darin geschult war, die Sicherheit der Lager und die Beweglichkeit der eigenen Truppe zu fördern, von Null an neu aufgebaut und von kakanischen Ausbildnern drillen lassen. Mit bürgerlichen Offizieren und handverlesenen Soldaten. Diese gigantische Armee unter Großfürst Maximilian wartete jetzt nun nur noch auf zwei Dinge – auf Nachschub und gutes Wetter.

Der Nachschub sollte über den Fluss mit der WORODIN transportiert werden. Dieses Schiff war eine seltene Konstruktion, man hatte bei diesem alten, flachen Transportschiff zwar die mit Holz beheizten Dampfkessel an Ort und Stelle belassen, jedoch das Schaufelrad am Heck durch vier mit Dampfturbinen betriebene kleine, aber schnelllaufende Schrauben ersetzt. Sie war schon vor dem Umbau eine betagte Dame gewesen, schon damals, als sie nach vielen Jahren Dienst auf dem Fluss Syr Daya 1874 damit begann, die Forts am Amudarja mit Nachschub und Post zu versorgen. Wenn man auf großen Komfort verzichtete, konnte man auch als Zivilist für kleines Geld stromabwärts bis zum Aralsee und aufwärts bis Tahti Sangin auf ihr fahren. Anfang März nach dem in Russland gebräuchlichen julianischen Kalender beziehungsweise Ende März nach dem im Rest Europas benützten gregorianischen Kalender im Jahre 1889 arbeitete sich die WORODIN ein letztes Mal schnaufend und schwarze Rauchwolken ausstoßend den Fluss hinauf.

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Die Afghanen hatten die Truppen des Zaren durchaus bemerkt, und rasch hatten sie auch festgestellt, was der Armee noch am meisten fehlte. Nämlich Furage, denn schon Napoleon I Bonaparte hatte festgestellt, dass eine Armee auf dem Magen marschierte. Und nicht nur die militärischen Berater des Shah Abdurrahman in Kabul wussten natürlich genau, wie dieser Nachschub herangeschafft werden musste. Auf dem Amudarja mit der WORODIN nämlich.

Als nach der Schlacht am Khyberpass die Briten unter General Frederick Roberts, 1. Earl Roberts mit einer starken Strafexpedition nach Kabul zurück kehrten, brannten sie die halbe Stadt nieder und drückten ihr bei dem Wiederaufbau einen typisch britischen Stempel auf. Besonders die Festung der britischen Garnison wurde massiv verstärkt, mit Bunkern aus Stahlbeton, mit großkalibrigen Mörsern und Granatwerfern. Die Bewohner der afghanischen Hauptstadt wussten genau, dass die Artilleristen jederzeit jeden Platz und jedes Gebäude zielgenau und mit beinahe chirurgischer Präzision unter Feuer nehmen konnten. Selbstverständlich wurden auch Hale-Raketenwerfer, Haubitzen und konventionelle Kanonen unterschiedlicher Kaliber installiert, und es war gerade in Afghanistan nicht wirklich verwunderlich, dass nicht alle Kisten mit Raketen ihr Ziel erreichten. Immerhin, rein theoretisch waren diese Raketen ohne Startgestell völlig wertlos, aber die Guerillakämpfer der verschiedenen Khane hatten schnell provisorische Werfer gebaut – für die leichten 2-Pfünder mit einem Startgewicht von etwa 8 Kilogramm sogar ein schultergestütztes Startrohr, der Schütze wurde vor den heißen Gasen durch einen Schild geschützt, gezielt wurde durch einen breiten Schlitz. Für das Gesicht gab es ein dickes, nasses Lederstück, welches von selbst vor das Gesicht fallen sollte, wenn die Rakete das Rohr verließ. Es funktionierte zwar nicht jedes Mal, trotzdem fanden sich immer wieder Männer, welche bereit waren, die Werfer zu bedienen. Solange sie genug Ausländer mit in den Tod reißen konnte, nahmen die Bahadāri19 auch ihr eigenes Ableben in Kauf. Immerhin warteten die Huri des Paradieses auf die Helden!

Afghanistan war immer noch kein geeinter Staat, auch wenn die meisten Emire den Shah einigermaßen anerkannten, allerdings nur als eine Art Vorstandvorsitzenden. Einige Afghanen des Stammes von Emir Muhammad Akbars hatten beschlossen, die Lieferung an die russische Armee und damit die Invasion zumindest temporär aufzuhalten, drei von ihnen lagen gut getarnt in einer Grube am Flussufers versteckt. Ihre Stammesgenossen hatten sie zuerst mit Teppichen bedeckt und danach Sand darüber verteilt, ihre Spuren getilgt und waren wieder spurlos verschwunden. Nur ein schmaler Spalt sorgte für die Zufuhr von Luft und diente den Kämpfern auch dazu, den Fluss im Auge behalten zu können. Schon lange, bevor die WORODIN hinter der Flussschleife in Sicht kam, erkannte man die schwarze Rauchwolke des Holzfeuers und hörte man das asthmatische Keuchen der antiquierten exothermischen Dampfmaschine. Dann schob sich der schwarz geteerte Holzrumpf um die Kurve, nur noch wenige kurze Minuten warteten die drei Krieger ab, bis sie ihre Teppiche abwarfen, die Raketenrohre auf die Schultern hoben und die federbetriebenen Schlagbolzen auslösten, lange Feuerschweife aus abbrennendem Schießpulver hinter sich herziehend rasten die Hales um ihre eigene Achse rotierend auf die WORODIN los. Die wenigen Sekunden vom Aufspringen der Afghanen bis zum Einschlag der Raketen reichten dem Steuermann und seinem Beobachter am Heck des Bootes gerade noch, über die Reling in den Fluss zu springen, ehe drei Feuerbälle große Löcher in die Bordwand rissen und das Wasser in breiten Strömen in den Rumpf floss, das Feuer der Dampfmaschine löschte und die WORODIN sinken ließ. Der Jubel der Angreifer dauerte jedoch nur kurz, ein modernes, gepanzertes Kanonenboot mit rauchlosen endothermischen Dampfmaschinen schob sich der WORODIN folgend hinter der Düne hervor. Die 52 Meter lange und 9 Meter breite SALTYKOV war mit zwei sechs-Zentimeter-Kanonen und einigen Maxim-Gewehren ausgerüstet, welche auch sofort den Strandabschnitt mit den Angreifern unter Feuer nahmen. Keiner der drei Afghanen entging diesem gnadenlosen Kugelhagel, ihr letzter Gedanke mochte wohl den Huris gegolten haben, welche Arme und Schenkel für sie öffnen sollten.

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„Proklyatiye20! Ihr hattet ganz recht, Velichestvo21“, fluchte Kapitän Adamow. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Afghanen das wagen!“ Dann rief er in das Sprachrohr. „Maschinen stopp, Beiboot zu Wasser, Männer über Bord bergen!“

„Schade um die alte Dame“, bedauerte der Großfürst und strich sich durch das lockige, in der Mitte gescheitelte Haar. „Aber zum Glück haben zumindest die beiden Freiwilligen überlebt. Ich hoffe nur, dass es die einzige Falle war. Signalgast, feuern Sie die grüne Rakete ab, die JULIETTA kann jetzt aufschließen.“

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Fünf Tage später überschritten mehr als 500.000 russische Infanteristen und 54.000 Dragoner mit 800 selbstfahrenden Hinterladergeschützen und 6400 von vorne zu ladenden Kanonen aus Bronze die Grenze zu Afghanistan und rückten durch die Ebene von Balch, Dschuzdschan und Faryab zu den steilen Hängen des Koh-i-Elburz vor. Hier in der Wüste trafen die russischen Truppen noch auf wenig Widerstand auf ihrem Marsch, die wenigen bewohnten Orte wurden rasch und ohne nennenswerte Kampfhandlungen besetzt.

„So weit, so gut, Generalmajor Ljublow“, zeigte sich Maximilian Emanuel Romanov-Wittelsbach erfreut, als die Armee die Berge erreichte. „Aber ab jetzt wird es wesentlich schwieriger. Die Gebirge sind die Domäne der Afghanen, so wie die Stärke unserer Soldaten die Ebene ist. Zum Teufel, wir können doch nicht jeden einzelnen Berghang mit Artilleriegranaten zupflastern.“

„Nein, Hoheit“, nickte der Generalmajor. „Aber möglicherweise könnte ein Zeppelin uns helfen, die Hinterhalte zu erkennen.“

„Das könnte er. Darum habe ich ein solches Gerät auch angefordert, alter Freund. Aber, ob ein Luftschiff hier auch eintreffen wird? Auf jeden Fall, lassen Sie bei den Bächen Schadyan und Balch je ein befestigtes Lager herstellen. Und bereiten Sie auch die MG – Nester vor. Hoffentlich schickt mein Schwager, der Zar, bald diese verdammten Maxims.“

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Alaska

Großfürst Mickail Semjonowitsch Stroganoff saß gemütlich an seinem Schreibtisch und las die Akten, welche ihm sein Sekretär am Vorabend zu Kenntnisname auf den Tisch gelegt hatte. Der Offizier im Rang eines Oberst, welcher General Stroganoff als Adjutant und Sekretär diente, war intelligent, fleißig und zuverlässig. Zum Leidwesen des Fürsten allerdings erst ab 10 Uhr, vorher war Oberst Odunoff zu jeder produktiven Arbeit unfähig. Dafür arbeitete er dann bis zwei, drei Uhr in der Früh, und zu dieser Zeit lag Stroganoff zumeist schon lange im Bett und schlief. Auf den ersten Blick schienen der General und sein Oberst kaum kompatibel zu sein. Fürst Stroganoff war groß und schlank, seine Bewegungen waren bedächtig und ruhig. Er trug das an den Schläfen leicht angegraute Haar ebenso lang wie seinen prächtigen Vollbart. Seine stahlgrauen Augen in dem schmalen, asketisch aussehenden Gesicht schienen entweder ruhig in weite Fernen zu blicken oder sein Gegenüber durchbohren zu wollen. Er liebte gutes Essen und Trinken, jedoch nur in geringen Mengen. Graf Odunoff jedoch war eher klein, quirlig und ein wenig rundlich. Sein Haupthaar hatte bereits damit begonnen, sich zu verabschieden, da war er eben 25. Jetzt, mit 40, war es verschwunden, seinen rötlichen Vollbart, das Erbe eines schwedischen Großvaters, trug er kurz und sorgfältig gepflegt. Den flinken Augen und dem hellen Geist des Grafen entging kaum etwas, er hatte eine große Schwäche für Süßigkeiten. Und für schöne Frauen, sein Ruf als Verführer war in Novo Petrograd bereits legendär. Doch bei all den Unterschieden, der Fürst hätte seinen Helfer um nichts in der Welt gegen einen anderen eingetauscht.

Gemächlich griff er während des Lesens ohne hinzusehen zu seinem Teeglas, legte den Akt bei Seite und griff nach der nächsten Depesche. Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn, und indigniert rief er sein „Zkhodi22!“ Der Diensthabende Ordonanzoffizier, Saurjadpraporschtsch23 Konrad Klausewitsch Kleiber, ein in russischen Diensten ehrenhaft ergrauter Deutscher, riss die Tür auf, stand kerzengerade und salutierte.

„Ein Brief, soeben per Pochtovyy Dirizhabl‘24 über die Polroute eingetroffen, Gospodin General“ bellte der Spieß. „Persönlich zu Handen Eurer Durchlaucht, Fürst Stroganoff, mit Seiner Majestät, des Zaren, höchsteigenem Siegel versehen.“

Stroganoff erhob sich von seinem Sessel, stellte das Teeglas zurück und salutierte ebenfalls.

„Es lebe seine Majestät, der Zar! Vortreten!“, befahl er kurz, und Kleiber machte die fünf Schritte, welche ihn noch vom Schreibtisch des Generals trennten. Dort stand er wieder stramm, Stroganoff streckte die offene Hand vor und die Ordonanz legte das Schriftstück hinein. „Abtreten!“, erfolgte das Kommando des Offiziers. Kleiber konnte dem in der preußischen Armee erlernten Reflex, die Haken mit einem lauten Knall zusammen zu schlagen, nicht widerstehen, ehe er zackig auf der Stelle kehrt machte und den Raum in Paradehaltung verließ. Mikail Semjonowitsch kontrollierte zuerst routinemäßig das kaiserliche Siegel und die private Petschaft des Zaren Wladimir Alexandrowitsch Romanow. Nicht, dass er den geringsten Zweifel an der treue oder der Dienstauffassung Kleibers gehabt hätte, aber einmal erlernte Muster wiederholte man immer wieder. Nach der Kontrolle erbrach er die Siegel, griff nach seinem Teeglas und begann zu lesen. Dann knallte er das immer noch volle Glas zurück auf den Unterteller und legte einen Schalter um.

„Oberst Odunoff hat sich so schnell wie möglich bei mir einzufinden! Es pressiert, also dawai, dawai!“

„Gospodin General, der Gospodin Oberst…“

„…soll sich sofort auf den Weg machen“, unterbrach der Großgouverneur den Fähnrichsstellvertreter Kleiber. „Wenn es sein muss, auch ohne seine Hose, Hauptsache er ist da!“ Mit einem Klicken war die Verbindung getrennt, der General trat ans Fenster und ließ seinen Blick über die Stadt Novo Petrograd und die Bucht schweifen.

Am südlichen Ufer des Knik-Armes des Cook-Inlets, welches der britische Seefahrer und Kartograph auf einer seiner Suchen nach einer Nordwestpassage befuhr und welche die Kenai-Halbinsel vom restlichen Alaska trennte, lag auf einer steilen Anhöhe die gut ausgebaute Festung der Stadt Novo Petrograd. Sie beherrschte mit ihren Kanonen die Orliaya Zaliv25, in welche sich vom Orliaya Lednik26 der Orliaya Reka27 ergoss und damit dem zwischen der Festung und dem Fluss liegenden, das gesamte Jahr über eisfreien Hafen der russischen Provinzhauptstadt die nötige Versorgung mit Süßwasser garantierte. Die von den Tlingit und Inupiat bewohnte Stadt lag am jenseitigen, dem nordöstlichen Ufer des Adlerflusses, diesseits war eine russische, in den letzten Jahren stark modernisierte Stadt entstanden.

Bereits 1648 entdeckte der Pelzjäger Semjon Deschnjow das Land, doch 92 Jahre interessierte sich kein Mensch in Russland dafür. Der Besitz der Zaren reichte im Osten damals erstmals bis an den Pazifik, und das sollte vorderhand auch reichen. Erst 1741 erreichten der unter der Fahne Russlands segelnde Däne Vitus Bering und der ihn begleitende deutsche Botaniker und Zoologe mit den Schiffen Sankt Peter und Sankt Paul von Petropawlowsk auf Kamtschatka aus erneut das mythische ‚Große Land‘. Alaska. Anfangs gestaltete sich das Leben auf den neuen Kontinent für die Russen ziemlich problematisch. Nicht der Kälte wegen, die waren sie gewohnt. Es waren diese Ureinwohner, die partout nicht den Geist der Muschiks annehmen und Leibeigene der noblen Bojaren, welche zur Jagd erschienen und kleine Festungen im Landesinneren bauten, werden wollten. Immer wieder brannten die Alaskaner diese Festungen ab, und dann brüllten die Großgrundbesitzer, welche sich mit fragwürdigen Besitztiteln als Herren des Landes fühlten, wieder einmal nach der russischen Armee. Und bitte schnell! Eine Armee aus Mütterchen Russland nach Alaska zu bringen, war auch durchaus möglich. Schnell allerdings auch jetzt, am Ende des 19. Jahrhunderts nicht, im 18. Noch viel weniger. 1784 beauftragte daher Zarin Katharina die Große den Offizier Alexander Andrejewitsch Baranow mit der Lösung des Problems, indem sie ihm praktisch so etwas wie eine Carte Blanche gab. Er hatte als Großgouverneur volle Entscheidungsfreiheit und das Recht, Todesurteile zu fällen und ausführen zu lassen.

Baranow beauftragte zuerst ein Team von Abenteurern, Pelzjägern und Wehrbauern aus Sibirien in Begleitung einiger Zoologen, Biologen und Mineralogen mit der Erforschung der Situation. Während diese Männer unterwegs waren, suchte er einen guten Platz für einen wehrhaften Hafen und fand diesen Platz am Matanuska-Fluss. Sofort schickte er seine Männer an die Arbeit, um ein Fort zu bauen und eine Stadt zu gründen, welche er Jekaterienengrad nennen wollte, Katherienenburg. Die Zarin befahl ihm jedoch, von diesem Namen Abstand zu nehmen und schlug statt dessen einen anderen vor. Die Stadt sollte nach ihrem Willen Novo Petrograd heißen, und Baranow fügte sich dem Befehl seiner Monarchin. In kurzer Zeit löste Baranow auch die Probleme mit den Ureinwohnern in Alaska. Zuerst jagte er die großherrlichen Bojaren zum Teufel und setzte die Freilassung aller Leibeigenen in seinem Verwaltungsbereich durch. Wenn es sein musste, mit einer kleinen Armee. Er verhandelte mit den Stämmen des indigenen Na-Dene-Volkes und jenen der Inupiat, er bot ihnen einen guten Ausgleich für einen Teil ihres Landes. Vor allem bot er jeder indigenen Person, die es wollte, freien Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen und versprach ihnen aber auch das Recht, ihr traditionelles Leben und ihren Glauben weiter führen zu dürfen. Er bot den Interessierten freien Zugang zur damals modernsten Technik und Bewaffnung, vor allem jedoch schrieb er nieder, dass es in seinem Bereich keinen Unterschied zwischen Russen, Inupiat und Na-Dene geben sollte. Er hatte so viel Erfolg, dass nicht nur Paul I, der ansonst gegen die meisten Maßnahmen seiner Mutter war, sondern auch seine späteren Nachfolger die generelle Selbstverwaltung Alaskas immer wieder von Neuem bestätigten. Später gründete der direkte Nachfolger Baranows noch zwei wirklich mächtige Bastionen – das Fort des Heiligen Peters und das Fort des Heiligen Paul – an der Einfahrt des Knik-Armes und einen großen, internationalen Hafen an der Ostseite der Bucht. Er nannte diesen Hafen, da er zwar ein hervorragender Verwalter und genauer Rechner, aber ein etwas phantasieloser Mensch war, ganz einfach Yakornaya Stoyanka28. Da sich dieser Hafen aber bald zu einem wichtigen internationalen Umschlagshafen entwickeln sollte, wurde sein Name in Europa unter seinem Namen in englischer Sprache bekannt. Man kannte ihn schlicht als Anchorage.

Der Gouverneurssitz und das Zentrum von Alaska blieb Novo Petrograd, Neu Petersburg. Hier wurde es im März oft noch sehr kalt, in den Nächten waren Minusgrade zu dieser Jahreszeit beileibe keine Seltenheit, sondern die Regel. Im großen, von einem endothermischen Dampfkessel geheizten Gewächshaus der russischen Siedlung merkte man von der Kälte des März wenig. Hier wurde die Temperatur das ganze Jahr über auf etwa 29 Grad nach Celsius gehalten, um stets diverse Zitrusfrüchte, Kohl und rote Rüben (Bete) ernten zu können, damit rund um das Jahr genügend Vitamine für die Siedler zur Verfügung standen. Diese Orangerie war eine große Stahl- und Glaskonstruktion, 222 Meter lang, 60 Meter breit und 25 Meter an der höchsten Stelle. An einem normalen Tag war das Gebäude in den frühen Stunden menschenleer, doch an diesem Tag hatten sich acht Herren in der Offiziersuniform der russischen Alaska-Armee eingefunden. Schwarze Hosen zu schwarzen, hohen Stiefeln und ein weißes Hemd, über welchem ansonsten noch ein schmutzig-grüner Uniformrock mit Stehkragen, Goldknöpfen und breiten Schulterstücken, welche mit Knöpfen am Stoff befestigt waren und den Rang des Trägers anzeigten, getragen wurde.

„Graf Nokolai Nikolaijewitsch Odunoff, sie wurden von Graf Pjotr Iljitsch Trevilenkov zum Duell gefordert!“, wandte sich Generalmajor Juri Timorewitsch Bugakoff an den Adjutanten des Generalgouverneurs. „Er sagt, er habe Sie mit seiner Frau in einer eindeutigen und nicht misszuverstehenden Situation in flagranti ertappt!“

„Ich befürchte, dass ich diesen Umstand nicht leugnen kann!“ bemerkte Graf Odunoff leichthin.

„Graf Trevilenkov, sind Sie bereit, eine andere Form der Satisfaktion als das Duell zu akzeptieren?“

„Fünfzig Peitschenhiebe auf den nackten Rücken, so wie sie meiner Gattin eigentlich auch zustünden“, knurrte Trevilenkov. „Aber, bei Gott, ihr habe ich noch einmal verziehen, aber Odunoff werde ich das nicht!“

„Graf Odunoff?“

„Nein, ich glaube nicht, dass ich dem zustimmen kann, Fürst Bugakoff“, lehnte der Oberst mit völlig gelassener Stimme ab und verbeugte sich vor dem Unparteiischen. „Es wäre mir unmöglich, mit der Schande, ohne Gegenwehr Wunden auf meinem Rücken empfangen zu haben, noch weiter zu leben!“

„Ich verstehe“, bestätigte der Schiedsrichter. „Graf Trevilenkov, Sie müssen entscheiden, ob schon erstes Blut ihre Ehre wieder herstellen kann, oder nur der Tod eines der Kontrahenten.“

„Ich könnte mich auf erstes Blut verständigen, wenn Graf Odunoff bei Gott und allen Heiligen schwört, keine Frauen mehr zu verführen!“

„Ihr habt dieses Angebot vernommen, Graf Odunoff!“

„Niemals!“, wehrte dieser ab. „Ich leiste doch keinen Eid, den vielleicht ein Heiliger, aber kein Mann mit Herz und Khuy29 halten kann! Ich bin doch kein Eunuch oder Kapaun!“

„S’Bogom30, Odunoff!“, fuhr Trevilenkov auf. „Das wird…“

„Graf Trevilenkov“, fiel ihm der Fürst ins Wort. „Ich bitte Euch, Euch zu mäßigen. Keine Wortgefechte, noch nicht! Ich frage Euch, soll der Kampf bis auf erstes Blut oder den Tod geführt werden?“

„Bis zum Tod, Fürst Bugakoff!“

„Graf Odunoff?“

„Nun gut, Fürst. Ich bin einverstanden!“

„Es wurde vernommen, auch von den Zeugen?“, fragte Fürst Bugakoff und wartete auf deren Bestätigung, ehe er fortfuhr. „Es wurde somit ein Kampf mit Säbeln bis zum Tode eines der Kontrahenten vereinbart. Dennoch bitte ich die Kämpfer, die Regeln zu beachten. Ein lautes ‚Stopp‘ von mir unterbricht den Kampf sofort. Ansonsten wurden keine besonderen Regeln vereinbart. Ich bitte die Sekundanten, nun die Klingen zu überprüfen.“

Die vier Sekundanten nahmen der Reihe nach die beiden schweren Säbel, wie sie von Kavallerieoffizieren gerne getragen wurden, zur Hand und prüften Gewicht, Länge, Schärfe und Balance. Odunoffs Gedanken wanderten zu der Situation, welche ihn in diese Lage gebracht hatte. Sie waren zu sehr miteinander beschäftigt gewesen, um noch etwas zu bemerken, und erst als der laute Schrei von Ninotschkas Höhepunkt verklungen war, hatten sie das Polter von Pjotrs Schritten auf der Treppe vernommen. Zu spät, viel zu spät, um noch in die Kleider zu springen und ganz klassisch durch das Fenster zu verschwinden. Und viel zu kalt, um es ohne dicke Kleidung zu tun. Zu diesem Zeitpunkt wusste er bereits, dass Trevilenkov nicht sehr vernünftig entscheiden würde und ein Duell unausbleiblich war. Eigentlich Schade, denn der Dragoneroberst war sonst ein recht guter Offizier. Ah, die Zeugen hatten ihre Überprüfung beendet, und da sie alle zufrieden waren, händigten sie die Waffen dem Unparteiischen aus, welcher sie Graf Trevilenkov entgegen hielt.

„Sie haben die Wahl, Graf!“ Pjotr Iljitsch ergriff einen der Säbel und schritt schweigend zur provisorischen Fechtbahn.

„Graf Odunoff, bitte!“ Damit reichte der Fürst Nikolai Nikolaijewitsch die zweite Waffe.

„Sehr liebenswürdig, Fürst!“ Der Adjutant nahm die Waffe entgegen und tänzelte zu seinem Platz. „Nun, Graf Trevilenkov, ich bin bereit!“ Mit einer weit ausladenden Geste hob Odunoff seinen Säbel vor das Gesicht.

„Fahren Sie zur Hölle, Odunoff“, knurrte Trevilenkov mit zornfunkelnden Augen, grüßte aber trotzdem mit der Waffe.

„Ein frommer Wunsch, Petja“, lachte Nikolai Nikolaijewitsch und parierte einen Stoß seines Gegners. Den ersten von einer ganzen Serie, mit denen Trevilenkov sein Gegenüber zurück drängen wollte. Doch der dickliche Odunoff schien einen sechsten Sinn zu haben, jedes Mal blockierte die Klinge oder der Handschutz seines Säbels das Schwert des athletisch gebauten Trevilenkov. „Du hättest diese Taktik besser woanders einsetzen sollen, Petja“, stichelte Nikolai, immer noch lachend. „Dann stünden wir nicht hier!“

„Welche Taktik, du verdammter Bastard?“ Wieder und wieder suchte Trevilenkov eine Lücke in der Abwehr Odunoffs.

„Die Taktik der schnellen, kraftvollen Stöße“, erklärte Nikolai Nikolaijewitsch bereitwillig. „Wie hätte sich Natascha doch darüber gefreut, hätte sie es erlebt!“ Bei seinem letzten Wort wich Odunoff rasch zur Seite und brachte sich mit einer schnellen Drehung in den Rücken des ins Leere stolpernden Gegners. „Uuups! Vorsicht, Petruschka, das kann schlimm ausgehen!“ Wuchtig hieb er Trevilenkov die Breitseite seiner Klinge über den Allerwertesten des erschrockenen Pjotr Iljitsch.

„Bastard!“, brüllte der Kommandant der ersten Dragonerregiments und griff wieder an. „Warte nur, bis Du die Kraft meiner Stöße spürst!“

Odunoff wich einem allzu wuchtigem Schlag aus, statt ihn zu parieren, Trevilenkov verlor das Gleichgewicht und wäre fast auf dem Bauch gelandet.

„Ich bin doch keine von Madame Nanettes Mädchen, Petja“, reizte Nikolai Nikolaijewitsch den Hünen weiter. Wie ein Gummiball wich er jedem der Angriffe des Dragoners aus oder blockierte sie. „Wenn ich daran denke, wie dankbar mir die gute Ninotschka war, auch einmal beachtet zu werden. Denn ihr Ehemann treibt sich ja lieber bei Damen mit zweifelhaftem Ruf herum! Wobei niemand an ihrer Profession zweifeln könnte!“

„Das geht niemanden etwas an“, tobte Pjotr Iljitsch. „Und es ist ganz etwas anderes!“

„Ach, der Herr darf und die Dame nicht! Aber – hättest du einfach die Tür zugemacht, hätte niemand etwas erfahren, Petja“, betonte der Adjutant des Generalgouverneurs. „Nun wird eben, ganz egal wie unser kleines Spiel hier ausgeht, jeder über deine Hörner Bescheid wissen. Und jetzt…“

„Sofort aufhören, im Namen des Zaren!“ Die auf vielen Kasernenhöfen trainierte Stimme des Saurjadpraporschtschik31 Konrad Klausewitsch Kleiber hätte es an Lautstärke beinahe mit einer mittleren Dampfsirene aufnehmen können. Der Kopf des Generalmajor flog herum, er erkannte den Dienstführenden des höchsten Stabes, stieß seinen Stock zwischen die Kämpfenden und brüllte sein „STOPP!“ Sofort ließen die Kontrahenten voneinander ab und entfernten sich voneinander.

„Was gibt es, Fähnrichstellvertreter?“ fragte Fürst Bugakoff, der Divisionskommandant der Garnison Novo Petrograd, ohne seinen Unmut zu verbergen.

„Ich bitte um Entschuldigung, Hoheit!“ Kleiber knallte die Haken zusammen und die Rechte mit gestreckten Fingern an die Stirn. „Aber Seine Hoheit, der Gospodin Großgouverneur haben einen Befehl an Gospodin Oberst Odunoff.“

„Wie lautet der Befehl, Saurjadpraporschtschik?“, fragte der Oberst leichthin.

„Der Herr Oberst mögen Seine Hoheit, den Großgouverneur, sofort aufsuchen. Wenn nötig auch ohne Hose!“ Wieder knallten die Absätze des Unteroffiziers heftig zusammen.

„Bitte melde seiner Hoheit…“

„Bitte um Entschuldigung, Gospodin Oberst“, unterbrach Kleiber, seine Haken knallten einmal mehr. „Der Befehl Seiner Hoheit duldet keinerlei Aufschub. Seine Hoheit haben den Befehl ausgesprochen, nachdem ein Schreiben mit dem persönlichen Siegel des Zaren eingetroffen ist. Gospodin Generalmajor, der Großgouverneur befiehlt auch Euer Erscheinen und das Eurer Offiziere. Und zwar aller Offiziere der Novo Petrograder Division vom Oberstleutnant aufwärts. Ohne jede Verzögerung.“

Odunoff warf seufzend seinen Säbel von sich. „Graf Trevilenkov, ich bedauere, aber wir werden unser Stelldichein auf unbestimmte Zeit verschieben müssen. Meine Sekundanten werden, sobald näheres bekannt ist, mit den Ihren einen neuen Termin vereinbaren. Meine Herren, Sie entschuldigen mich bitte!“ Er verbeugte sich noch vor Fürst Bugakoff, nahm von einem seiner Sekundanten den Uniformrock entgegen und entfernte sich bereits, während er diesen noch zuknöpfte.

„Dieser verdammte Schastlivchik32“, fluchte Oberst Trevilenkov. „Von einer zarskoje Depsha33 gerettet!“ Auch Juri gab schwer atmend seinen Säbel zurück und schlüpfte in seine Jacke. „Aber irgendwann hole ich ihn mir noch! Ich schwöre, eines Tages bringe ich ihn um, diesen von Gott verdammten Bastard!“

Podpolkownik34 Dimitri Atrjomwitsch Smirnakoff reichte seinem Freund noch die Mütze. „Nicht mit dem Säbel, Petruschka“, riet er. „Vielleicht solltest du ihm ein amerikanisches Duell vorschlagen!“

„Da entscheidet doch das reine Glück“, wehrte der Oberst ab, während er sich auf den Weg zum Ausgang machte.

„Natürlich, Petruschka. Aber anders wirst du Odunoff nicht besiegen!“ Sie traten aus dem Gewächshaus und Trevilenkov schüttelte sich kurz.

„Verdammt, ist es heute noch kalt!“, fluchte er lauthals. Doch wieviel von seinem Zittern auf die Temperatur zurück zu führen war, wusste nur er.

=○=

Der Sitzungssaal des Generalgouverneurs im Novo Petrograder Regierungspalast auf dem Berghang gleich unter der Bol’shaya Krepost‘, der Festung von Novo Petrograd, war mit großen Fenstern ausgestattet, welche einen grandiosen Ausblick über die Adlerbucht und den Hafen boten. Vor kurzer Zeit war die Sonne hinter dem gegenüber liegenden Hügel aufgegangen und tauchte den Raum in rötliches, weiches Licht. Eine lange Tafel bot 40 Personen Platz, und alle Plätze waren von Offizieren und hohen Beamten besetzt.

Mir den Worten „Dobre utro35!“ betrat Fürst Mikail Semjonowitsch Stroganoff den Saal, und alle sprangen von ihren Sitzen.

„Dobre Utro, Gospodin Velikuy Gubernator36!“ brüllten die Offiziere im Chor.

„Bitte setzen Sie sich!“ Stroganoff warf ein Bündel Papiere auf den Tisch vor seinen Platz und stützte sich mit den Fäusten an der Tischplatte auf. Lautes Gescharre ertönte, und als alle Platz genommen hatten, ließ Mickail Semjonowitsch seinen Blick über die Anwesenden schweifen. „Nun, meine Herren, ich habe Ihnen mitzuteilen, dass eine Armee in der Stärke von 10 Divisionen Infanterie, 1 Division Dragoner und 9 Divisionen Artillerie unter Großfürst Maximilian Emanuel Romanow-Wittelsbach die Grenze zu Afghanistan überschritten hat und mit einer militärischen Intervention des Vereinigten Königreichs von Großbritannien zu rechnen ist. Daher müssen auch wir in Alaska uns auf Kampfhandlungen gefasst machen.“

Seit Katharinas Zeit interessierten sich die Zaren nur für die Einnahmen aus dem Pelzhandel und den Goldmienen. Die Gouverneure durften einen großzügig bemessenen Teil behalten und mussten davon auch die Ausgaben für Verwaltung und Verteidigung bestreiten. Und die Gouverneure nahmen diese Aufgabe seit Alexander Andrejewitsch Baranow sehr ernst. Die Soldaten der Alaskaarmee waren nicht nur um einige Klassen besser ausgerüstet und von den Kriegern der Na-Dene auch hervorragend im Kampf ohne großen Verband geschult, sie waren vor allem keine Muschiks mehr. Die Soldaten mochten für eine Parade ziemlich unbrauchbar geworden sein, aber an Kampfstärke nahmen sie es mit einer mehrfachen Übermacht auf. Vor allem deswegen, weil die Garnisonstruppen in den Küstenfestungen auch noch durch kampfstarke Kosakenverbände ergänzt wurden. Diese Truppen hatten mit den alten Wehrbauern allerdings nur noch den Namen gemeinsam, es waren mit modernen Waffen ausgerüstete Gold- Silber- und Zinnschürfer, Jäger und Holzfäller. Statt der Pferde benutzten sie wendige Snegokhody37 mit Dampfturbinen, um die Kette anzutreiben, im Sommer konnten die Kufen der Gefährte zur Seite geklappt und statt dessen Räder benutzt werden. Manche von den Schneemobilen liefen auf zwei Ketten und waren etwas breiter, ihr rundum geschlossener Rumpf war gepanzert und oben war ein Drehturm mit Kanone zu finden. Etwa der Parovy-Bak Tip38 28 mit seiner Masse von 28 Tonnen bestem Stahl, einem Geschütz Kaliber 6 Zentimeter und zwei Maxim-Gewehren. Mit nur sieben Metern Länge und zweieinhalb Metern Breite war der T-28 auch in den engeren Schluchten Alaskas durchaus brauchbar und für einen Angreifer gefährlich.

Auch die Marine Alaskas konnte mit den Flotten der großen Mächte durchaus Schritt halten. Stroganoff hatte recht gut eingekauft, er hatte zwar auf gigantische Schlachtschiffe verzichtet, aber viele kleine, schnelle Einheiten gekauft und mit wenigen, aber schweren Kanonen ausstatten lassen. Eine große Anzahl von Torpedobooten war ebenfalls unterwegs, einige auch auf dem Werner-Thornycroft-Luftkissen der Vereinigten Donaumonarchien in den Kampf schwebend. An der zerklüfteten Küste Alaskas mit den vielen Unitiefen waren die wenigen Wasserstraßen, in welchen die schweren Giganten unter den Schiffen noch manövrieren konnten, mit starken Bastionen an Land gut zu verteidigen. Die russisch-alaskanische Flotte musste schnell sein, denn das Gebiet reichte von der Yakutat Zaliv39 etwa 1.650 Werst40 nach Süden bis zum südlichen Ende der Ostrov Salish41, reichte aber höchsten 50 bis 60 Werst in das Landesinnere. In der Hauptsache bestand diese Kolonie Russlands westlich des 140 Längengrades West bis hinunter zum 49. nördlichen Breitengrad aus Inseln und Buchten mit hohen, bewaldeten Felswänden. Hierher hatte es noch keinen Regierungsbeamten verschlagen, Richter und Polizisten wählten die Jäger, Fischer und Prospektoren selber, nicht selten aus den Reihen der hier lebenden Stämmen der Korennoy42, mit denen sie sich auch gerne verheirateten.

In Alaska hatte man auch einige neuartige Schiffe selbst konstruiert, eigentlich waren die schwer mit Panzerplatten versehenen Einheiten dazu gedacht, die Handelswege für die Schiffe vom Eis frei zu halten. Ihre Heck- und Bugsektionen waren identisch und weit besser gepanzert als es jedes bisher bekannte Schlachtschiff gewesen war, selbst stärker als die versunkene ROMA AETERNA Italiens, und auch die Wasserlinie wies einen extrem starken Schutz auf. Die endothermischen Kesseln und Turbinen waren das Beste, das internationale Ingenieurskunst zu bieten hatte, und ganz bewusst hatte man auf Ulmer Leichtstahl verzichtet. Diese Schiffe sollten schwer sein, sie sollten im Falle eines Falles ihren scharfen Rammbug auch schon auf eine dicke Eisplatte schieben und diese mit dem immensen Gewicht des Rumpfes zerbrechen können. Eisbrecher eben. Den späteren Einbau der acht mit Dampf betriebenen Katapulte, welche schwere Sprengkörper auf einer ballistischen Bahn einige Kilometer weit ziemlich zielgenau schleudern konnten, hatte niemand bemerkt. Noch nicht, es war eine eigene Erfindung, auf welche die Bewohner Alaskas im geheimen recht stolz waren. Nun, alaskanischen Russen sagte man eben vier Dinge nach. Sie waren sparsam, denn jedes Ding könnte man irgendwann doch noch einmal brauchen. Sie waren geschickte Bastler, denn das gehortete Gut musste auch verwertet werden, mit eigener Hände Arbeit, wenn die nächste Werkstatt zwei, drei Tagesreisen entfernt war. Und sie waren vor allem Ausländern gegenüber herzlich, nett und gastfreundlich, aber auch sehr verschwiegen. Die vierte Eigenschaft tut hier nichts zur Sache – aber sie hatte etwas mit den langen, kalten Nächten des Nordens Alaskas und wie man sich in dieser Zeit am besten warm halten konnte zu tun.

Dieselben Dampfkatapulte wie auf den Eisbrechern kamen auch in den Festungen zum Einsatz, unterstützt durch Feuerleitstellen mit hervorragende Rechenmaschinen, welche ironischerweise von Charles Babbage und Ada Byron-Lovelace eigentlich als Navigationshilfe erdacht und von den Engländern achtlos beiseite gelegt worden waren. Das neue Gerät der russischen Alaskaner verfügte über VIEL kleinere Walzen und eine extrem schnelle Mechanik, die Kurbelwelle wurde nun wieder mit einem Dampfstoß bewegt. Trotzdem nahmen die Wellen, Getriebe, Zahnräder und Antriebsriemen noch ein ganzes, wenn auch kleines Zimmerchen ein, und die Frauen und Männer, welche die Monster bedienten, arbeiteten immer noch nach den Methoden von Miss Ada, der Tochter Lord Byrons. Diese Maschine und in geschützten Gondeln unter Heißluftballons hängende und mit Telephonverbindung ausgestattete Artilleriebeobachter machten es den Küstenbatterien möglich, angreifende Schiffe schon auf große Entfernung effektiv zu bekämpfen. Schon lange, ehe die Schiffe ihre eigenen Geschütze einsetzen konnten. In den Wintermonaten konnten die Ballone natürlich ebenfalls aufsteigen – aber es war für Schiffe unmöglich, sich der Küste zu nähern. In dieser Zeit standen Tonnen mit sogenanntem Pyr automatom gefüllt neben den Dampfkatapulten bereit. Griechisches Feuer, welches sich durch die Beimengung von gebranntem Kalk bei der Berührung mit Wasser selbst entzündete. Eine schlimme Sache für Infanteristen, welche sich über eine Eisdecke der Küste nähern wollten. Die Armee und Flotte von Russisch-Alaska mochte nicht sehr groß sein, doch sie besaß in der Verteidigung eine hohe Kampfkraft. Und diese Kampfkraft bereitete sich nun auf ihren Einsatz vor.

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April 1889

Afghanistan

Die Streitkräfte des Großfürst Maximilian Emanuel Romanov-Wittelsbach hatten vom Fluss Amudarja 70 Kilometer nach Süden zurückgelegt und waren dabei kaum auf Widerstand gestoßen. Die wenigen afghanischen Bauern und Hirten in dieser Gegend hatten sich der riesigen Armee nicht in den Weg gestellt, und die wenigen Überfälle durch berittene Flachlandpartisanen waren nicht schwer abzuwehren gewesen. Nun türmten sich jedoch vor der Armee des Schwagers des Zaren aller Russen die steilen Hänge des afghanischen Koh-i-Elburz, des Elbursgebirges. Diese streckenweise beinahe senkrechten Wände wurden nur an zwei Stellen durchbrochen, einmal vom Fluss Shadyan, welcher das Gebirge bei Scheberghan verließ und weiter östlich bei der Stadt Balch vom gleichnamigen Fluss, welcher die Darya-ye-Band-e-Amir durchfloss, sieben oder bei hohem Wasserstand auch acht Seen in den gleichnamigen Schluchten. Hinter diesen Wänden lag der am schwersten zu erobernde Teil Afghanistans, die schier endlosen Schluchten und Höhlensysteme. Dort gab winzige Dörfer und hunderte versprengte Partisanen unter zahlreichen Khans, Emirs und Mirzas, traditionell untereinander verfeindet, bis ein Fremder kam. Dann plötzlich wurden aus den schlimmsten Feinden Verbündete, und selbst die Blutrache ruhte zumindest so lange, bis der gemeinsame Feind besiegt war.

Die Überfälle der afghanischen Krieger während des Marsches, so selten und fruchtlos sie in Endeffekt auch blieben, hatten dem Großfürst jedoch auch die größte Schwachstelle seiner Truppe aufgezeigt. Er hatte einsehen müssen, dass ein Muschik, ein leibeigener Bauer, auch mit der modernsten Waffe in der Hand genau das blieb – ein blind gehorchender Leibeigener mit einem Gewehr, aber ohne eigene Initiative. Gehorsam, aber nicht selbst denkend. Leider waren diese Männer in einem Kampf gegen moderne Waffen und Taktiken schneller Angriffe und Rückzüge ziemlich nutzlos, besonders in einem Gebiet, welches für Guerillas wie gemacht war. Beinahe die gesamte Infanterie und auch der größte Teil der Artillerie unter dem Befehl des Bayern bestand aber nun einmal aus einfachen Muschiki. Aus Muschkoten. Aus Musketieren und Leibeigenen. Also hatte er für die Männer per Dekret die Möglichkeit geschaffen, sich freizukämpfen und mit militärischem Einsatz frei zu dienen, aber für die meisten Soldaten war es beinahe unmöglich, die von Generation zu Generation weiter gegebene Untertanenmentalität so schnell abzulegen. Immerhin waren die Muschiki seit Jahrhunderten Leibeigene, und als solche nicht viel anderes als Sklaven gewesen. Katharina die Große hatte die Leibeigenschaft zwar auf dem Papier abgeschafft, doch nur in der Gegend von Sankt Petersburg wurde dieses Gesetz auch befolgt. Hinter Moskau und Kiew kümmerte sich kein Bojar darum, und die Muschiki erfuhren nicht einmal davon, dass sie eigentlich frei waren. Auch Alexander II befahl die Freilassung der Leibeigenen erneut – und wieder fanden die Großgrundbesitzer vorderhand Mittel und Wege, diese Dekrete zu umgehen oder ihren Bauern zu verschweigen. Zar Wladimir Alexandrowitsch wusste von dieser verfahrenen Situation und hoffte auf die vom deutschen Kaiserreich gebaute Transsibirische Eisenbahn, welche er als Gegenleistung für seine Erlaubnis, eine Zeppelin-Route von Berlin nach Sankt Petersburg, Moskau und weiter bis an den Pazifik nach Wladiwostok einrichten zu dürfen, verlangt hatte. Großzügige Landschenkungen an die Deutsche Zeppelin-Hanse gegen ein funktionierendes Schienennetz, mit welchem er Richter und Polizisten aus der Hauptstadt rasch vor Ort bekommen könnte, um die vorhandenen Gesetze auch endlich executieren zu können. Der Vorstand der Hanse und der Deutsche Kaiser hatten das Angebot akzeptiert, der Gewinn schien beiden Seiten groß genug zu sein.

Unter den Dragoner der russischen Afghanistanarmee gab es selbstverständlich weniger Muschiki, aber auch hier war es schwierig, eine moderne Armee aus den ebenfalls eher an den Säbel und das Bajonett als an die Schusswaffe denkenden Männern zu formen. Es verging kaum ein Tag, an dem Maximilian nicht die Methode der zaristischen Armee für die Ausrüstung, Bewaffnung und Ausbildung verfluchte. Und natürlich das bescheuerte Argument vieler Offiziere, dass mit modernen Hinterlader- oder gar Repetiergewehren zu viel an Munition verschwendet würde. Selbst einfachste Perkussionsrevolver hatten viele Offiziere abgelehnt und einer einfachen Vorderladerpistole mit Steinschloss den Vorzug gegeben. Wahrscheinlich, um den Preisunterschied mit ein, zwei Schlucken durch die Kehle zu jagen. Maximilian Emanuel durfte gar nicht daran denken, was einige wenige moderne Maxim-Stellungen mit seiner gesamten Armee binnen weniger Stunden anstellen konnten. Vielleicht würde die schiere Masse seiner Soldaten irgendwann diese Stellungen überrennen – aber mit welchen Verlusten? Und was dann? Wenn die nächste Maxim-Stellung wartete, wieder ein Bataillon opfern? Nein! Es wurde höchste Zeit, den Leuten den Wert der Deckung nahe zu bringen, auch wenn sie dafür ihre Aufstellung in der ohnehin veralteten Formation verlassen mussten. Die Vorzüge eines gezielten Schusses statt eines Feuerhagels ungefähr in die richtige Richtung. Ja, Himmel, Arsch und Feuerzeug, man schrieb doch auch in Russland bereits das Ende des 19. Jahrhunderts, da hatten Taktiken und Strategien des 18. nichts mehr zu suchen!

Aber vor allem den Offizieren und Unteroffizieren der alten Schule war schwer beizukommen, für die Linie, Quadrat oder Karree immer noch die wichtigsten Aufstellungen und die Bajonette die bevorzugten Waffen waren. Aber der Großfürst schwor sich, den Männern moderne Kampfweisen und Taktiken einzubläuen, und wenn er dazu noch einige mehr von den Generälen und Obristen aufknüpfen musste, dann war das halt so. Damit musste der Adel eben leben, an blaublütigen Idioten in goldstrotzender Uniform war in Russland ohnehin kein Mangel vorhanden, man konnte die Lernunwilligen leicht aussieben. Wenn es sein musste, eben mit dem Strick. Und wenn er noch mehr Männer ohne Adelstitel zum Offizier befördern musste, dann sollte es ihm auch Recht sein. In Kakanien fuhr man doch auch schon seit einiger Zeit nicht schlecht damit, außerdem hatte der Zar ihm, Maximilian, seinem Schwager die absolute imperiale Macht über die Truppe gegeben, da musste er nicht jede Beförderung vom Zaren absegnen lassen. Ob mit einem Strick um den Hals von einem Treppchen hinunter oder einem Stern oder zwei mehr auf der Schulter den Rang hinauf. Vor dem Großfürsten und seiner Armee lag jetzt ein gewaltiges Gebirge mit tiefen Schluchten, wie gemacht für Hinterhalte und Partisanentaktik. Eine ganz üble Todesfalle für die in Reih und Glied marschierenden Truppen der russischen Armee. Maximilian Emanuel wusste, es musste sich etwas ganz drastisch ändern. Noch mehr, als er sich gedacht hatte, und zwar ganz schnell, besser gestern als heute.

=○=

Das westliche Lager der Russen vor dem Gebirge lag am Band-e-Amir, der hier in einer breiten Schlucht aus dem Gebirge in die Ebene floss, in der Nähe lag ein kleines Dorf, welches die Afghanen Balch nannten. Nachdem hier auch Großfürst Maximilian residierte, war das Lager verständlicherweise auch das stärker befestigte der beiden Armeecamps. Was in diesem Fall bedeutete, dass man um das Lager einen tiefen Graben ausgehoben und den Sand nach innen geschaufelt hatte. Damit der Sand der Grabenwand den Schacht nicht sofort wieder füllte und jenseits davon eine halbwegs steile Mauer zustande kam, musste man zuerst die Wände des Grabens mit jenem engmaschigem Maschendraht befestigen, den Charles Barnard seit 1844 in Norwich, England herstellte und mit großem Erfolg in alle Welt verkaufte. Dieser Drahtzaun wurde mit Jutestoff verstärkt, und danach zwei ebensolche, etwa zwei Meter Zäune am Innenrand des rundum verlaufenden Grabens im Abstand von rund drei Metern aufgestellt. Zwischen diese Zäune stopfte man Sandsäcke, ebenfalls aus Jute, mit dem Aushub der Gräben gefüllt, und auf diesem Wall baute man, ebenfalls aus Sandsäcken, Schützenstellungen. Die Feldgeschütze fanden ihre Stellungen zwischen Graben und Mauern, ebenfalls von befestigten Sandsäcken geschützt. Etwas besseres war hier auf die Schnelle einfach nicht zu errichten, es fehlte an Holz und leicht zu bearbeitendem Stein, und die bröckeligen Ziegel aus dem Material, welches der Band-e-Amir mit sich führte, hätten noch weit weniger Schutz gegen Kanonen- und Gewehrkugeln, und noch weniger gegen Hales geboten. Und dass die Afghanen über solche verfügten, hatte man an der WORODIN deutlich genug gesehen. Abgesehen von dem Umstand, dass der Bau eines Ziegelforts wohl auch noch wesentlich länger gedauert hätte als die doch recht stabile Sandburg. Die Hauptverteidigungsanlage des Forts war trotzdem hochmodern, hohe Masten trugen starke Teslabirnen, gespeist von einem modernen, mit Parovoy Poroshok43 betriebenen endothermischen Kessel. Helle Scheinwerfer, noch verstärkt und gebündelt durch dünn geschliffene Fresnellinsen, welche die Umgebung der Anlage taghell erleuchteten. Und wenn die Posten vor den Mauern eine noch so kleine Erhöhung wahrnahmen, so feuerten sie sofort darauf, denn das Gelände außerhalb des Grabens wurde jeden Abend sorgfältig planiert. Wenn es eine Erhöhung gab, dann konnte das, egal wie es aussah, ein Feind sein. Wenn nicht, freute sich eben der Küchenbulle über eine zusätzliche Fleischration. An vier Stellen hatte man den Graben rund um das Fort unterbrochen, nach jeder Himmelsrichtung öffnete sich ein von Bastionen geschütztes Tor. Natürlich waren diese Türmchen wie der Rest aus Sandsäcken und Maschendraht gebaut. Die Unterkünfte der Soldaten bestanden aus festen, beheizbaren Zelten für jeweils sechs Männer, für den Großfürsten und seinen Stab hatte man etwas bessere und vor allem größere Unterkünfte aus den Zeltbahnen errichtet. Feste Gebäude hatte man sich hier an der Grenze erspart, auch wenn einige adelige Offiziere dagegen protestiert hatte.

Von Westen her näherte sich bald nach Fertigstellung dieses Lagers während eines schönen, aber kühlen Tages eine große Staubwolke diesem befestigten Lager von Balch. Irgend etwas kam mit großer Geschwindigkeit näher, der Posten auf der Mauer überlegte nur kurz. Was auch immer es war, es war schnell, viel zu schnell selbst für ein Dampfdreirad der Kosaken, also zog er vorsichtshalber die Alarmleine, welche eine Dampfpfeife aktivierte und damit alle Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere auf die Wälle, an die Kanonen oder in die Sättel rief. Dann wurde das sich nähernde Gebilde endlich durch den aufgewirbelten Staub erkennbar.

„Was zum Teufel ist das denn“, rief Graf Wladimir Alexandrowitsch Ljublow, der Adjutant des Großfürsten.

Das war ein Häuschen, etwa drei mal drei Meter im Quadrat, das auf zwei überdimensionalen Hühnerbeinen lief. Sehr schnell sogar, sicher mehr als 140 bis 150 Werst44 in der Stunde.

„Baba Jaga45„, flüsterte General Graf Ilja Leonidowitsch Kerilenkow und erbleichte. „Das ist eine Ved’ma! Eine Hexe!“ Großfürst Maximilian Emanuel nickte geistesabwesend, natürlich, wer sonst sollte denn schon mit einem solchen Haus auf Beinen unterwegs sein? Vor dem Westtor wurde das Haus ziemlich abrupt langsamer und trat schließlich zwei Schritte zur Seite, um die Straße frei zu geben. Nun stand das Haus auf seinen beiden Beinen auf einer Höhe mit den Wehranlagen. Man sah an der Vorderfront des Hauses eine breite Tür mit einem Fenster, hinter dem sich etwas zu bewegen schien. Die Tür schwang in gut geölten Angeln lautlos nach außen auf, eine Frau stand ihm Türrahmen und blickte lächelnd auf den Großfürsten und seinen Stab. Sie war groß, ganz bestimmt mehr als hundertneunzig Zentimeter, das weizenblonde Haar fiel, zu zwei Zöpfen geflochten, bis zu ihrer Taille hinab. Ihre Beine steckten in hochhakigen Stiefeln mit hohen Schäften und in engen, schwarzen Hosen, welche wie aufgemalt wirkten. Den Oberkörper verhüllte ein halb geöffneter Kossoworotka46 in typisch russischem Zuschnitt aus weinroter Seide mit aufwändig besticktem Stehkragen und Knopfleiste. Lächelnd nahm die jung wirkende Frau ihre getönte Sonnenschutzbrille ab und steckte sie mit einem Bügel in die großzügig geöffnete Knopfleiste der gut gefüllten Bluse, es zeigten sich dahinter ausdrucksstarke grüne Augen in einem aparten, herzförmigen Gesicht mit hohen, slawischen Backenknochen. In den Köpfen der hohen Offiziere ertönte eine belustigte weibliche Stimme

„Aber Graf Ilja! Sehe ich denn tatsächlich wie eine Großmutter aus? Ich sollte jetzt aber wirklich beleidigt sein!“ Graf Kerilenkow stach mit einer ‚Mano cornuta‘, einer Geste gegen den bösen Blick und böser Magie nach der Frau, welche dabei nur laut lachte.

„Ich fürchte, das funktioniert nicht bei mir, Iljuschka47“, erklang wieder die belustigte Stimme, ohne dass die Frau ihre Lippen bewegte. „Vielleicht hätte es bei Babuschka48 Jadwiga gewirkt – aber die konnte auch schon manchmal eine wirklich bösartige alte Hexe sein.“

„Und wer bist du, was willst du hier“, dachte Maximilian Emanuel konzentriert. Die Augenbraue der jungen Frau wölbte sich beeindruckt kurz nach oben.

„Gut, ein Mann, der mitdenkt“, vernahmen die Offiziere. „Ich bin der Familie des Zaren noch einen Gefallen schuldig, Großfürst. Einen wirklich großen Gefallen. Er möchte, dass ich dir helfe!“

„Ach! Nun, ich kann ja hier wirklich jede Hilfe brauchen“, nickte Maximilian. „Wie ist dein Name?“

„Ich bin die Koldun’ya49 Jasja Fedorowna Lesaya!“

„Nun, Jasja Fedorowna, bitte, komm doch herein“, lud der Großfürst die Hexe ein. Dann, an die Torwachen gewandt, sagte er laut. „Öffnen!“

Das Haus senkte sich, bis die Zauberin leicht den Boden erreichen konnte. Als sie auf das Tor in den Verteidigungsanlagen zuging, wuchsen die Hühnerbeine wieder und hoben das Haus auf eine Höhe von zweieinhalb Meter, die Tür der Hütte schwang dieses Mal laut vernehmlich knarrend zu und fiel schließlich hallend in das Schloss. Jasja Fedorowna durchschritt stolz aufgerichtet das Stadttor und blieb vor dem Generalfeldmarschall, welcher mit seinen Offizieren die Mauer verlassen hatte, wieder stehen.

„Sei uns Willkommen, Jasja Fedorowna“, begrüßte Maximilian die Frau. „Graf Wladimir Alexandrowitsch Ljublow wird dir ein Quartier zeigen. Sascha, du bist doch so nett?!“ Ljublow nickte und neigte vor der Koldun’ya das Haupt.

„Bitte folge mir“, sagte er, doch Jasja hob mit einer eleganten Geste abwehrend die schlanke Hand.

„Das ist sehr nett, und ich möchte nicht unhöflich sein“, dankte Jasja. „Aber ich würde es doch vorziehen, in meinem eigenen Haus zu wohnen, Großfürst Maximilian. Es bietet mir jeden Komfort, den ich benötige. Ja, Iljuschka. Wirklich jeden. Ja, auch ein äußerst bequemes und sehr großes ‚Lotterbett‘. Aber du darfst ihm gerne fern bleiben, ich habe lieber starke, mutige Männer darin und nicht kleine Knaben, die noch Windeln tragen. Um ehrlich zu sein, Großfürst, das Haus ist innen – größer, als es von außen den Anschein hat. Weit größer!“

Maximilian schmunzelte kurz. „Dann darf ich dich zumindest heute zum Essen einladen?“

„Aber ja, gerne Großfürst“, dankte Jasja mit einer leichten Verbeugung. „Und ich werde mir erlauben, für morgen die Einladung zu erwidern!“

„Das wird uns eine Ehre sein, Koldun’ya!“ bot der Schwager des Zaren ihr den Arm. „Darf ich dir jetzt einen Überblick über unsere Lage geben?“ Die Zauberin deutete einen Knicks an und nahm auch diese Einladung an.

„Wie ich sehe, hat Maruschka einen charmanten und höflichen Ehemann gewonnen“, lachte die Zauberin. „Und das freut mich sehr. Sie hat es sich verdient, Maruschka ist eine nicht nur schöne, sondern auch kluge Frau mit einem großen Herzen.“ Der Blick Jasja Fedorownas ging kurz in weite Fernen. „Noch klüger als ihre Großmutter Alexandra Fjodorowna und weit, weit warmherziger.“

„Wie leicht zu erkennen ist, liegt eines der größten unserer Probleme bereits in der Aufklärung“, erklärte General Kavalerii Graf Timofej Denisowitsch Yastrow und wies mit einem dünnen Stäbchen auf die verschiedensten Schluchten. „Respektive in der Kommunikation zwischen einzelnen Abteilungen. Wenn wir einen Spähtrupp entsenden, kommt er entweder zurück, ohne etwas von Belang gesehen zu haben, oder gar nicht.“

„Und es ist weit von hier bis nach Kabul“, überlegte Jasja.

„Kabul ist mir derzeit noch völlig egal“, berichtigte Generalfeldmarschall Romanov-Wittelsbach. Er stand hoch aufgerichtet am Kartentisch und deutete mit der Spitze seiner Zigarre auf ein bestimmtes Tal. „Zar Wladimir Alexandrowitsch wünscht, dass ich zuerst dieses Tal, das…“ Er überlegte kurz, dann bemühte er sich um eine richtige Aussprache, die trotzdem nicht ganz gelang. „Äh – Darre as Chubi Aba50 hier einnehme, halte und den Verkehr dorthin und zurück beständig sichere. Sobald das geschehen ist, und nicht vorher, soll ich einen Brief von ihm öffnen.“

„Väterchen Zar wünscht gar keine komplette Eroberung Afghanistans, sondern nur dieses abgelegenen Tales?“ Jasja hob mehr als verwundert beide Augenbrauen.

„Derzeit!“, betonte der Großfürst. „Ich habe naturgemäß keine Ahnung, was in dem Brief steht und wie der Zar weiter vorzugehen wünscht. Ich maße mir nicht an, über seine weiteren Wünsche zu spekulieren!“

„Er ist bereit, für ein winziges, unbedeutendes Tal beinahe 350.000 Männer in Marsch zu setzen? Auch wenn es zum größten Teil Muschkoten sind, ist das eine ziemliche Streitmacht! Und ihr macht euch so große Sorgen wegen der afghanischen Krieger? Ihr habt Angst vor ein paar hundert Männern, denn es wird ja wohl nicht nötig sein, alle Afghanen zu besiegen?“

„Verzeih, Gospozha“, wandte sich Generalleutnant Kusnov an die Zauberin. „Aber diese paar hundert Krieger haben schon einige Vorteile auf ihrer Seite. Die Berge sind nicht das beste für große Armeen, sondern für kleine, schnelle Truppen, die gelernt haben, selbst zu denken, zu entscheiden und richtig zu reagieren. Und diese Männer fehlen uns beinahe noch mehr als die Aufklärung. Entschuldigt, General Yastrow!“

Generalleutnant Alexander Ottowitsch Kusnov, der Sohn eines deutschen Geschäftsmannes und einer Russin, war der Stabschef des Großfürsten. Im Alter von 20 Jahren war er Leutnant in der Moskauer Garde, mit 22 Oberleutnant. Es ging steil bergauf mit seiner Karriere. Schneller, weit schneller als es sonst bei einer nichtadeligen Herkunft üblich war. Aber genug Geld räumte schon immer Standesunterschiede aus dem Weg, und der schneidige Offizier erregte das Interesse von Marja Alexandrowna, der Schwester des Zaren. Sie holte den Kavalleriemajor als Kommandant in ihr Leibregiment, im Range eines Oberst, auch Maximilian Emanuel erkannte das Talent des Offiziers und ernannte ihn zum Generalleutnant, außerdem für diesen Feldzug zu seinem Stabschef. Leider fehlte dem halben Deutschen ein wenig das Verständnis für die gedankenlose Unterwürfigkeit der russischen Muschiks, sein preußischer Vater hatte ihm zwar Zucht, Ordnung und Disziplin gelehrt und eingetrichtert, aber auch Bildung und selbständiges Denken vermittelt. ‚Ein Soldat, der nur stur wörtlich seine Befehle ausführt ist weit schlimmer als einer, der einen dummen Befehl abändert‘, war der stehende Spruch von Otto Kusnov gewesen, der es im preußischen Heer immerhin zum Rittmeister gebracht hatte. Das war früher, ehe er begann, in Moskau eine Werkzeugfabrik zu bauen. Und sich in Mascha Iljowna verliebte, die er dann auch zum Altar führte.

General Yastrow schnaubte sichtlich erregt durch die Nase. „Ich entschuldige, Generalleutnant. Vor allem, weil es durchaus stimmt. Mein Stand hat den Muschiks erfolgreich eine Sklavenmentalität anerzogen und ihnen jeden eigenen Gedanken mit der Knute ausgetrieben. Hat ja über Jahrhunderte hinweg gut funktioniert, aber in diesen modernen Zeiten rächt es sich eben. Aber wie, Alexander Ottowitsch, können wir das in der nahen Zukunft ändern? Die Ausrüstung und die Bewaffnung zu verbessern war da schon ein erster, ein wichtiger Schritt, aber es reicht eben noch nicht. Ja, hätte ich einen Zauberstaaa…“ Langsam wandte er sich zu Jasja um.

Die hob abwehrend mit gespreizten Fingern die Hände. „Es gibt Grenzen der Magie, Timofej Denisowitsch“, machte sie den Offizieren ihren Standpunkt klar. „Ich kann zwar einen denkenden Mann in einen sabbernden Idioten verwandeln, aber das kann schließlich jede Frau, auch ohne große Hexenkünste. Umgekehrt, also einen stumpfsinnigen Deppen in einen denkenden Mann zu verwandeln, ist es weit schwieriger. Aber, ich werde es versuchen. Wie eilig ist die Sache?“

„Nun – je schneller, desto besser wäre es“, seufzte Maximilian und breitete seine Arme aus. „Aber auf einige Wochen soll es mir jetzt auch nicht mehr ankommen!“

„Gut“, nickte Jasja. „Dann gehe ich morgen auf eine kurze erste Erkundung, und dann möchte ich, dass Sie mir einen Zug Infanterie unter einem Oberleutnant zur Verfügung stellen. Tag und Nacht, drei oder vier Wochen lang. Dann werden wir sehen, ob sie zu denken beginnen. Danach – nun, wir werden sehen, ob etwas daraus wird.“

Am nächsten Morgen versammelte sich der Stab des Generalfeldmarschalls vor der Stadt und die hohen Herren sahen zur Tür des Häuschens hinauf, wo wie ausgemacht pünktlich um 9 Uhr die Tür aufging und Jasja Fedorowna in der Tür erschien. Sie trug dieses Mal einen weiten Mantel aus alaskanischem Otterfell über der normalen Kleidung, mit der pelzigen Seite nach innen und daher mollig warm trotz der geringen Dicke, die hochhakigen Stiefel hatte sie heute durch praktischeres Schuhwerk mit flachen Sohlen und geschnürten Schäften ersetzt. Wieder knickten die Beine der Hütte ein und Jasja konnte ohne Probleme auf Maximilian Emanuel zugehen.

„Ihr wollt sehen, wie ich aufbreche?“

„Nun, ja, das will ich“, gab der Bayer zu. Die Beine streckten sich, doch unter dem Eingang blieb dieses Mal eine Plattform von ein mal drei Meter zurück, auf dem ein seltsames Ding auf Kufen wie jene eines Schlittens stand. Ein liegendes Fässchen, im Durchmesser an der breitesten Stelle sechzig Zentimeter messend, dahinter ein bequemer Reitsattel mit einer bis in die Höhe der Rippen reichenden Rückenlehne, hinter diesem ragten die Borsten zweier flacher Strohbesen hervor. Auf gekrümmten Hölzern waren darunter die zwei Schlittenkufen befestigt, aus dem Fässchen ragten an der dem Sattel zugewandten Seite zwei L-förmige Holzstäbe. Jasja schwang sich in den Sattel, stellte ihre Füße auf die Kufen und nahm die Holzstäbe in die Hand. Die Borsten der beiden Besen sprühten kurz blaue Funken, die Kufen erhoben sich etwa 10 Zentimeter vom Boden und verharrten dort kurz. Mit einem Lächeln setzte die Zauberin ihre getönte Brille auf und flog mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes auf ihrem gesattelten Doppelbesen davon. Maximilian Emanuel sah der Zauberin nachdenklich nach, während sich diese rasch entfernte.

„Bisher dachte ich immer, dass Hexen einfach so rittlings auf ihrem Besen sitzen…“ überlegte er.

„Vor drei- oder vierhundert Jahren vielleicht, für relativ kurze Strecken, zu Zeiten von Oma Jagdwiga! Aber bist du schon einmal stundenlang auf solch einer Stange wie einem Besenstiel gesessen, Großfürst?“, schlich sich Jasjas leicht spöttische Stimme in seine Gedanken. „Da ist so ein Sattel schon weit bequemer! Außerdem trägt ein zweiter Besen das Gewicht meines Gepäcks besser!“

=○=

Der Fluss Darya-ye Band-e-Amir, welcher vor Jahrhunderten wohl bis zum Amudarja geflossen war, versickerte nun wenige Kilometer nordwestlich von Balch. Landvermesser und Hydrometer der Russischen Akademie der Wissenschaften untersuchten derzeit bereits die Möglichkeiten, den alten Flusslauf wieder herzustellen oder einen neuen Kanal anzulegen. Ihr Ziel war dabei natürlich nicht nur eine bessere Bewässerung des Amudarjatales und damit eine Hebung des Lebensstandards der afghanischen Landbevölkerung aus reiner Herzensgüte, sondern es waren, wie könnte es anders sein, auch, nein vor allem strategische Überlegungen im Spiel. Solange Menschen satt und zufrieden sind, unterstützen sie keine Partisanen, sie haben dann einfach zu viel zu verlieren. Und natürlich war auch der Transport von Truppen und Nachschub, später hoffentlich auch von Waren auf diesen Wasserwegen eine nicht unerhebliche Überlegung dabei. Ehe der Balch, oder auch Band-e-Amir genannt, nicht weit hinter der Ortschaft Balch im Sand versickerte, durchfloss er aus dem Gebirgszug Koh-e Baba kommend zuerst nach Süden, dann nach Westen und schließlich zurück nach Norden fließend den westlichen Hindukusch und durchfloss dabei sieben natürliche Stauseen. Verständlicherweise lebten viele Menschen in jenem Schluchtensystem am Ufer der Band-e-Amir in den breiteren, fruchtbaren Tälern. Und natürlich auch in den Seitentälern, deren Bäche sich in den großen Strom ergossen.

In einem dieser zahlreichen, namenlosen Täler lag ein ebenso namenloses Dorf. Sechs Häuser aus gebranntem, mit Stroh vermischtem Lehm schmiegten sich an die Wand der Schlucht, etwas erhöht, um dem regelmäßig auftretenden Hochwasser zu entgehen. Die nächste nennenswerte Ortschaft hatte bereits einen Namen. Sie hieß Ghasar und war etwa 20 Kilometer vom namenlosen Dorf entfernt. Zuerst den Bach hinab, bis er auf einen anderen traf, danach noch ein Stück diesen anderen, etwas größeren Fluss hinauf. Ein großes Dorf, in welchem ganze 57 Häuser standen. Sogar ein eigener Marktplatz war vorhanden, und der Gebetsraum war ein eigenes Gebäude an der Steilwand, von welchem einige in den Stein gehauene Treppen in eine kleine Höhle weiter oben in der Felswand führten. Die Bewohner nannten diese Nische stolz ihr Minarett, und sie leisteten sich sogar einen eigenen Teilzeitmuezzin. Der in seiner reichlich bemessenen Freizeit aus dem Stroh, dass er vom Flussrand holte, gute und haltbare Körbe flocht und sie verkaufte. Auch solche, welche mit verstellbaren Lederriemen auf dem Rücken getragen werden konnten. Ohne diesen zusätzlichen Verdienst wäre es mehr als traurig um den Lebensstandard des Ausrufers bestellt gewesen.

Die Bewohnerin des kleinen namenlosen Ortes, ein eben zur Frau erblühendes Mädchen mit dem Namen Rana Pir, hatte das Minarett in Ghasar sehr bestaunt, denn zu Hause traf man sich zum Gebet einfach im Haus des Ältesten, nachdem der die Zeit mit lautem Klatschen und Rufen bekannt gab. Rana hatte ihren Vater Khaled zum ersten Mal nach Ghasar begleitet. Der hatte einige Körbe mit Keramiken auf den Markt gebracht und für den Erlös etwas Gemüse eingehandelt, um ein wenig Abwechslung in den Speiseplan aus Fisch, Fleisch, Ziegenmilch und Fladenbrot aus Gerste zu bringen. Außerdem hatten sie noch einen neuen Kochkessel aus Bronze erstanden, der alte war schon hundertmal geflickt und wurde allmählich so undicht, dass er nur noch als Sieb zu gebrauchen war. Dazu ein paar Stoffe für neue Kleidungsstücke und ein paar neue, rot gefärbte Stiefel aus festem Leder für Rana, welche sie jetzt bereits trug. Dieses Mädchen wuchs einfach viel zu schnell aus allem heraus.

Sie waren auf dem Rückweg, und Rana trieb den Esel fleißig weiter, der die Einkäufe trug. Gekleidet war das etwa 15 Jahre alte Mädchen in leichte Pāīdschāma51 eine weiße Bālā-tana52 und einen eigenhändig bunt bestickten, bis zur Taille mit Knebeln verschlossenen blauen Rupuš53. Ihr Vater Khaled trug die weiche Kolāh54, ein knielanges, seitwärts bis zur Hüfte geschlitztes weißes Pirāhan55 und naturfarbene Pāīdschāma. Über dem Pirāhan trug er eine teure, blau gefärbte Wāskat56 mit vielen Taschen, über der Schulter ein langes, relativ modernes Enfield-Spencer Repetiergewehr, dessen Munitionsschacht ganze sechs Patronen fasste. Khaled hatte es sich persönlich aus der Nähe von Kabul besorgt, der britische Soldat hatte es ohnehin nicht mehr benötigt. Die Munition dazu war leicht zu erhalten, denn neuerdings bildeten die Engländer afghanische Krieger als Milizen aus. Seither verschwanden noch mehr Patronen, um irgendwo auf dem Schwarzmarkt wieder aufzutauchen.

„Was hieltest du davon, in Ghasar zu wohnen, Rana?“, eröffnete der Afghane ein Gespräch mit seiner Tochter.

„Nun, das große Dorf ist schon interessant, Papa. Aber es ist auch beängstigend“, gab Rana zu. „Aber warum sollte ich denn in Ghasar wohnen wollen?“

„Nun – hat dir deine Mutter eigentlich schon einmal gesagt, was es mit dem heiraten auf sich hat?“, fragte Khaled.

„Aber ja, Vater“, versetzte Rana lächelnd. „Sie hat mir erklärt, dass ich eines Tages einem Mann gehören werde, dem ich gehorchen und Kinder gebären muss. Dazu dringt der Mann mit seinem…“

„Genug“, unterbrach Vater Khaled etwas errötend. „Deine Mutter war wohl sehr ausführlich?“

„Das war sie, Vater, wie immer“, nickte Rana. „Sie hat mir genau erklärt, wie es bei den Frauen und Männern unten herum aussieht und was ich tun muss, um schwanger zu werden und später ein Kind zu bekommen. Und sie hat mir gesagt, ich solle nicht darüber sprechen!“

„Du sprichst doch gerade mit mir darüber, Tochter!“

„Ach, du bist doch mein Vater“, argumentierte Rana. „Warum sollte ich dir denn nicht sagen, was ich weiß? Wo du doch auch noch gefragt hast!“

„Nun – sprich einfach nicht mehr so detailliert über dieses Thema“, befahl Kahled. „Außer vielleicht, wenn du einmal eine Tochter hast, mit dieser!“

„Auch nicht mit meinem Mann, Vater?“

„Auch mit dem nicht, Rana“, bestimmte Kahled mit fester Stimme. „Dein Mann wird dir sagen, was du tun sollst und wie er es gerne hätte. Tu, was nötig ist, aber zeige nicht, dass du etwas weißt. Das – das könnte Milad Hazrat – äh – verschrecken. In seiner Ehre kränken.“

„Wer ist Milad Hazrat und warum sollte er – Vater, ist es etwa ein Mann aus Ghasar, den ich heiraten soll?“

„Nun – ja, Rana“, gestand Kahled zögernd ein. „Er ist der Mann, der viele von meinen Töpfen und ein paar Lampen gekauft hat.“

Rana runzelte die jugendliche Stirn. „Aber Vater, der ist doch schon so alt wie du, oder gar noch älter“, rief das Mädchen erstaunt.

„Aber er ist ein sehr reicher Mann“, lockte Kahled seine Tochter. „Er hat drei Diener, eine Köchin, vier Maultiere und sogar ein Pferd! Dazu bekommt er von vier Bauern Pacht von deren Höfen. Es gibt im weiten Umkreis niemand, der noch mehr besitzt als er. Und du hast sein Wohlgefallen erregt, er wünscht dich zu seiner Frau zu machen. Und ich bin doch auch noch nicht so alt!“

„Wenn es dein Wunsch ist, Vater“, lenkte Rana gehorsam ein.

„Nun, es würde deiner Familie helfen, Kind. Er hat den Vorschlag gemacht, dass er nicht nur dir eine großzügige Brautgabe zukommen lässt, sondern auch ein großes Schir Baha57 zahlen wird. Das wäre für deine Mutter und mich… Was ist das denn?“, erschrak Kahled, seine Tochter warf sich ängstlich flach zu Boden und das Muli lief auskeilend davon. Ein Schatten war über Tochter und Vater hinweg gerast und hinter einer Schluchtbiegung in Richtung des Dorfs ohne Namen verschwunden.

Rana und Khaled rappelten sich langsam wieder auf, nachdem alles wieder ruhig war. Sogleich hielt das Mädchen Ausschau nach dem Muli und lief eilig hinterher, ihr Vater riss das Gewehr von der Schulter und folgte seiner Tochter wachsam. Als sie die Biegung der Schlucht erreichten, sahen sie das angebundene Muli und eine blonde Frau, welche neben dem Tier auf einem Stein saß und es streichelte. Rana war verwirrt, sie hatte nie so eng an den Beinen anliegende Hosen gesehen. Und auch diese Bluse! Die seitwärts liegende Knopfleiste war weit geöffnet und der violette Stoff so leicht, dass er sich an den Oberkörper schmiegte und eigentlich schon viel zu viel von der Figur der Fremden verriet. Keine Kopfbedeckung, kein verhüllendes Tuch, wie es die meisten Frauen dieser Gegend trugen. Eben sprühte sich die Frau aus einem Flacon mit einer duftenden Flüssigkeit ein, der angenehm herbe Geruch des Parfums erreichte Vater und Tochter. Khaled senkte das Gewehr.

„Wer bist du?“, fragte er verwundert, auch für ihn war der Anblick etwas neues, etwas unbekanntes, aber auch durchaus erregendes.

Die Fremde lächelte ihnen entgegen. „Eine harmlose Reisende, welche eben eine Rast macht. Wollt ihr nicht näher kommen?“ Sie hob wieder den Flacon, Rana Pir staunte noch mehr. Hatte sie sich nicht gerade eingesprüht, und war die Flasche nicht eben noch um einiges kleiner gewesen? Die zarte Hand der Fremden drückte auf den Gummiball des Zerstäubers, eine süßlich riechende Wolke erreichte den Afghanen und seine Tochter. Rana Pir wunderte jetzt gar nichts mehr, um sie wurde es dunkel und sie schlief ein.

Khaled sah, wie seine Tochter zu Boden sank und die Fremde sich erhob.

„Du kannst dein jetzt Gewehr beruhigt weglegen“, befahl sie, und Khaled gehorchte, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. „Setz dich hierhin“, wies Jasja Fedorowna den Bergbewohner an, und der nahm sofort auf dem zugewiesenen Stein Platz. „Guter Junge!“ lobte die Zauberin. „Und jetzt erzähle mir etwas. Wie ist dein Name?

„Ich bin Khaled Pir“, antwortete er gehorsam.

„Und wo kommst du her?“, fragte sie weiter.

„Aus dem Dorf weiter oben am Fluss!“

„Wie heißt es?“ wollte Jasja wissen, jetzt musste sie Geduld haben. Von sich aus würde Khaled keine Informationen geben, nur auf direkte Fragen direkt antworten.

„Es hat keinen Namen“, bekannte Khaled.

„Kennst du das Darre as Chubi Aba?“, setzte Jasja die Befragung fort.

„Ja!“

„Wo liegt es?“ fragte die Zauberin.

„Dieser Fluss entspringt dort“, erklärte der Afghane.

„Liegt dort dein Dorf?“, bohrte Jasja tiefer.

„Nein!“

„Warum nicht?“, wunderte sie sich.

„Das Tal ist Nachts tabu“, erklärte Khaled.

„Warum das denn?“

„Weil…“ Khaled zögerte. „Weil – es eben immer schon so war!“

„Nun gut. Wie viele Krieger gibt in diesem Teil der Berge?“

„Hunderte. So viele, wie es Männer gibt, die eine Waffe führen können!“

Nach etwa einer Stunde brach Jasja die Befragung Khaleds ab. Die Droge begann in ihrer Wirkung nachzulassen, und Ranas Schlaf wurde bereits unruhig. Die Russin eilte zu ihrem Doppelbesen, schwang sich in den Sattel und flog davon. Immerhin hatte sie einige beliebte Stellen für Hinterhalte und geheime Waffenlager erfahren. Und die Namen einiger Afghanen, welche gerne Shah Shir Ali wieder auf dem Thron in Kabul sähen und lieber die Russen im Land hätten statt der Briten. Nicht ganz unzufrieden flog sie durch die Schlucht wieder zurück und inspizierte dabei jene Stellen, welche ihr Khaled verraten hatte.

Rana Pir schlug wenig später die Augen auf. „Vater, was ist denn eigentlich geschehen?“

„Was?“, sah sich Khaled verdutzt um. „Ach, dort ist ja das Muli und knuspert an einem Strauch. Komm, lass uns sehen, ob noch alles in den Satteltaschen ist.“

„Wo – wo ist denn die goldhaarige Frau hingekommen, Vater?“, fragte Rana.

Khaled blieb beim Muli stehen und runzelte die Stirn. „Welche Frau denn Rana? Ich habe keine gesehen!“

„Aber – ich weiß nicht…“, zögerte das Mädchen. „Du sagtest doch eben, Milad Hazrat möchte ein großzügiges Schir Baha für mich bezahlen?“

„Oh ja, das möchte er“, antwortete Khaled Pir seiner Tochter und geriet wieder ins Schwärmen. „Er gibt einen seiner Pachthöfe mit zehn Ziegen und einem Pferd mit fruchtbarem Land deiner Mutter und mir zum Eigentum. Mit alles, was jetzt auf dem Hof ist. Wir werden wohlhabend, Rana, und irgend einen Mann wirst du eines Tages ja doch heiraten müssen!“

„Nun, ja, das stimmt schon, Vater. Warum also nicht diesen alten Milad Hazrat?“

=○=

In Balch scheuchte Oberleutnant Igor Michailowitsch Rybakow die sechzig Männer seines Zuges auf einen großen Platz vor dem nördlichen Stadttor. Dort ließ er die Infanteristen in einer Reihe zu fünf Gliedern antreten und wartete. Er musste nicht lange warten, bis Jasja Fedorowna Lesaya kam auf den Platz geschlendert kam, auf einem Wägelchen, welches sie hinter sich herzog, hatte sie einige Dutzend Bälle für Lapta58. Einen nahm sie heraus, warf ihn in die Luft, fing ihn wieder und warf erneut.

„Ihr kennt doch alle Lapta, oder?“, rief sie, die Front entlang schlendernd. Ein Chor von „Da, Gospoda“ antwortete ihr.

„Das ist gut“, fuhr sie fort. „Diese Lederbälle wiegen 85 Gramm und sind 21 Zentimeter groß. Das klingt nach nicht viel, aber ich verspreche euch, wenn so ein Ding stark genug geworfen wird, ist es schneller als jeder Zeppelin. Wenn euch ein solcher Ball so richtig fest geworfen an eurer Männlichkeit trifft, wird das für die nächsten Tage nichts mit einem Besuch im Puff.“ Ein leises Grinsen flog über die Gesichter der Soldaten, auch russische mochten es, wenn die Vorgesetzten wie einer der ihren sprach. „Es gibt jetzt allerdings ein paar Regeländerungen zum üblichen Lapta. Erstens, wir benötigen kein Schlagholz und zweitens, ihr habt keine Schutzkleidung. Dafür gibt es jede Menge Möglichkeiten, eine gute Deckung zwischen euch und mich zu bringen. Also, wenn der Oberleutnant das halbes Soltnik59 Pulver in seiner alten Pistole abfeuert, werfe ich. Und nein, ich werfe nicht wie eure kleine Schwester zu Hause. Außerdem ziele und treffe ich verdammt gut. Also, der erste, der nach dem Signalschuss in irgendeiner halbwegs sicheren Deckung liegt, bekommt einen Punkt. Wenn ich alle meine Bälle geworfen habe, pfeift der Oberleutnant, ihr nehmt wieder Aufstellung und das Spiel beginnt von vorne. Wer am Abend die meisten Punkte hat, bekommt eine ganze Flasche Wodka, der zweite und der dritte müssen sich eine teilen! Ach ja, zurückwerfen ist übrigens ausdrücklich erwünscht. Wer mich trifft, bekommt einen Extrapunkt und darf mich außerdem küssen! Also los! Oberleutnant, walten sie ihres Amtes.“

Rybakow hob den Arm, die Steinschlosspistole puffte auf und Jasja Fedorowna warf den ersten Ball. Und sie warf wirklich hart und zielsicher, besser als die Soldaten, von denen einige nur noch stöhnen konnten. Wenn 85 Gramm hartes Leder mit 150 Stundenkilometern auf Fleisch trifft, dann gibt das schmerzhafte Hämatome.

Zwischendurch trainierte Jasja die Männer darin, mit den Bällen ebenfalls ordentlich austeilen zu können. In der zweiten Woche war sie dann so weit, dass die Männer sofort nach dem Schuss in ständiger Bewegung waren und kaum mehr getroffen wurden, dafür kassierte sie selbst einige Treffer. Soldat Ragulin war der gefeierte Held des Zuges, ihm war als erster ein guter Wurf gelungen. Er hatte die Hexe am Oberschenkel getroffen, und unter dem Johlen und Pfeifen seiner Kameraden zog sich sein Siegespreis ziemlich in die Länge. Jasja Fedorowna hatte immerhin mehr als hundert Jahre Übung im Küssen, auch wenn sie nicht älter als fünfundzwanzig aussah!

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Kabul

Die mit starken Bunkern versehene britische Garnison thronte auf einem Gipfel der Afshar Mountains etwa 250 Meter über der Stadt Kabul in Afghanistan. Der schmale Gebirgszug hatte grob die Form eines leicht gerundeten großen E, die alte und neue Stadt Kabul lag in der südlichen Ausbuchtung. Eine auf 200 Meter Höhe auf der Ostseite des Gipfel gelegene Quelle hatte das Pioneer-Chor der Royal Army mit starken Mauern umgeben und eine sichere Rohrleitungen bis hinauf in die Zitadelle gelegt, ebenso einen gedeckten Gang für Infanteristen. Schwere Mörser, Granatwerfer und Haubitzen bedrohten rund um die Uhr die Stadt, genaue Schusstabellen für jedes Planquadrat lagen in den Stellungen bereit. Nachdem General Roberts 1880 beim zweiten anglo-afghanischen Krieg Kabul zur Hälfte niedergebrannt hatte, entstand unter der Festung eine Stadt komplett ohne Verteidigungsanlagen, das moderne Kabul war für die Verteidigung komplett auf die Streitkräfte Britanniens und Britisch-Indiens angewiesen. Nur der Palast des Shah von Afghanistan, Abdul Ranman Khan, war noch von Mauern umgeben. Mauern, welche allerdings eher zeremoniellen Charakter aufwiesen und nicht sehr stark ausgeführt waren. Breite Straßen unterteilten die verschiedenen Stadtviertel und stellten gleichzeitig die Grenzen der Planquadrate für die Artillerie dar. In der Zitadelle war jetzt auch der Sitz des Residenten Sir Henry Mortimer Durand und selbstverständlich auch des militärischen Befehlshabers. Sir Frederick Roberts war mittlerweile zum Earl ernannt worden, und ihm unterstanden üblicherweise ein schweres Dragoner-, ein Artillerie- und zwei Infanterieregimenter. Jetzt waren zur Unterstützung der 22. Dragoner und der 8. Artillerie nur noch die First Irish Fusiliers das einziges Infanterieregiment in Kabul. Die traditionsreichen Royal Irish Fusiliers waren natürlich nur noch dem Namen nach Füsiliere, ihre namensgebenden Steinschlossgewehre – die Fusile – hatten sie schon seit einiger Zeit an den Nagel gehängt. Heute war die Einheit ein ‚gemischtes verstärktes Regiment‘, was bedeutete, dass nicht nur vier leichte Infanterie-, sondern auch noch ein mobiles Artillerie- und ein leichtes Dragonerbataillon in der Stammrolle standen, die Füsiliere waren also durchaus ein beinahe adäquater Ersatz für die beiden abgelösten reinen Infanterieeinheiten. Der Kommandant der Fusiliers, Colonel Eoghan O’Cinnéide war ein typischer feuerköpfiger Ire. Stur, rote Haare und ein wenig hitzig. Er war so gar nicht für den Garnisonsdienst zu haben, und trotzdem hatte ihn der Befehl des Prime Ministers nach Kabul geschickt.

„Die Russen haben den Grenzfluss zwar überschritten, aber vor den Hängen des Elburs wieder halt gemacht. Dann haben sie zwei größere befestigte Lager, beinahe schon Städte gebaut und drillen jetzt ihre Muschkoten“, berichtete Captain Jack Mowtis vom Scout Service, eine Einheit wagemutiger Männer, welche die Landessprachen beherrschten und als Einheimische getarnt Informationen sammelten.

„Sollten wir denn nicht allmählich diesen ordinären Ausdruck beiseite legen?“, fragte der Resident. „Immerhin sind sie doch jetzt zumindest teilweise mit modernen Waffen ausgerüstet. Nehmen wir sie nicht auf eine all zu leichte Schulter, wenn wir sie weiterhin abfällig Muschkoten nennen?“

„Es ist die Einstellung, die diese Russen immer noch haben, Sir“, bemerkte General Roberts. „Sie stehen in Formation und feuern ohne genau zu zielen, wenn sie das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett nicht ohnehin sofort als Lanze bei einem Sturmangriff verwenden. So sind sie halt ausgebildet worden, das hat man mit brutaler Gewalt seit Generationen in ihre harten Schädel gehämmert, und jetzt bringt man dieses Denken einfach nicht mehr aus den Muschiks heraus. Gute Gardisten, die hervorragend Paraden abhalten können. Aber mit moderner Kriegsführung sind sie – und viele ihrer Offiziere – einfach überfordert.“ Er schüttete etwas Schnupftabak auf die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger und zog kräftig auf.

„Genau deswegen drillen sie jetzt ihre Männer neu, General“, erklärte Mowtis. „Sie wenden dazu ziemlich schmerzhafte, aber natürlich nicht letale Methoden an. So bewerfen etwa Schleuderer wie die Bowler beim Cricket die im Karree stehenden Männer nach einem blinden Gewehrschuss mit harten Lederbällen, ebenfalls ähnlich unseren Cricketbällen. Wer rechtzeitig aus der Formation ausbricht und Deckung sucht, bekommt eine Extraration Wodka!“

„Das könnte sogar klappen“, lachte Roberts überheblich und nieste in sein großes, blütenweißes Taschentuch. „Mit Wodka kann man sogar den dümmsten Muschik dressieren!“

„Und mit Whisky den Schotten“, ergänzte der Resident, in das Gelächter einstimmend.

„Wenn die Russen das machen, dann sollten wir die Fusiliers jetzt mobil machen und die verdammten Russkis wieder über den beschissenen Amudarja treiben, bevor sie wirklich zu einer ernst zu nehmenden Armee werden“, forderte Colonel O’Cinnéide hitzköpfig, wie es seinem Naturell entsprach.

„100.000 Infanteristen, auch wenn die Hälfte nur mit Musketen bewaffnet sind, stellen gegen etwas mehr als 25.000 in der freien Ebene schon eine gewisse Streitmacht dar“, widersprach Colonel Harry Bourgh von den 22. Dragonern, den Peschawar Lancers. „Vor allem, weil die Kosaken und Dragoner dieser Armee durchaus keine dummen Muschiks sind, von der Bewaffnung her mit unserer Kavallerie mithalten können und sie zudem stark in der Mehrzahl sind.“

„Außerdem haben sie recht gute Befestigungen vor dem Elburs gebaut“, überlegte Roberts. „Wenn ein Angriff Sinn machen sollte, dann müssten wir sie angreifen, wenn sie wieder in den Schluchten unterwegs sind! Auf dem Weg nach Kabul können wir sie immer noch einige Male vernichten.“

„Sie können sicher sein, die Ghazi60 unter den Afghanen warten nur auf ihre Chance“, grinste der Kommandant der Royal Artillery hämisch. „Die haben ja die Russen schon mehr als einmal in den A… äh – das Heck getreten!“

„Gentlemen, wir werden im Moment noch gar nichts unternehmen“, beendete Sir Henry Mortimer Durand die Diskussion. „Derzeit verletzen die Russen keine britischen Interessen, also bleibt es momentan noch beim reinen Beobachten, klar? Das ist ein Befehl von Sir Robert, unserem Prime Minister persönlich. Danke für ihre Anwesenheit, Gentlemen. Bleiben Sie wachsam!“

Die Briten fühlten sich mit der starken Festung und der Garnison in Kabul mit einer gewissen Berechtigung sicher. Weiter im Landesinneren mochten noch einige Khans oder Shahs ihr räuberisches und antibritisches Unwesen treiben, doch rund um Kabul war die Lage ziemlich entspannt. Die Briten waren durchaus nicht dumm, sondern manchmal sogar lernfähig und vermieden daher einige ihrer Fehler aus dem ersten anglo-afghanischen Krieg. Die unter Premierminister Robert Peel eingestellten Zahlungen an einige regionale Khans rund um Kabul flossen wieder, im Gegenzug sorgten diese für Frieden und Ordnung in ihrem Gebiet. Bei der Eroberung Kabuls hatte General Roberts den Befehl gegeben, die Moscheen nicht zu betreten und nach Möglichkeit auch nicht zu beschädigen. Dafür achteten die Kabulis den englischen Oberbefehlshaber zumindest, wenn sie ihn auch immer noch nicht mochten. Für die Engländer war das Leben hier an der Grenze jedenfalls nicht ganz so unangenehm, wie es scheinen mochte und sie es zu Hause gerne erzählten. Sie hatten eigentlich alles, beinahe wie in Good Old Britain. Den Offiziersclub, die Dragoner und Artilleristen auch noch einen für Unteroffiziere, einen Pub und das Bordell von Madame Sylvia Winder und ihren Damen, welches auch für die britischstämmigen Unteroffiziere der Reiterei und Artillerie erlaubt war. Zum Teufel, man war hier ja schließlich immer noch bei der Royal Army und nicht der Navy! Die Unteroffiziere der Infanterie und die Mannschaften aller Truppenteile setzten sich ohnehin aus rekrutierten Sikhs und Sepoys zusammen, nun, es gab ja auch ein einheimisches Rotlichtviertel für die farbigen Soldaten. Und einige indische Frauen der unteren Kasten waren der britischen Afghanistanarmee als eine Art Marketenderin oder gar ganz offiziell als Prostituierte gefolgt. Diese hatten sich etwas abseits des afghanischen Kabuls angesiedelt, und der häufige Besuch der Soldaten, welche durchaus auch Polizeiaufgaben übernahmen, sorgte derzeit für einigermaßen Ruhe und ein gewisses Maß an Sicherheit in dieser Siedlung. Eigentlich lebten die Frauen der Shudras61 oder gar Dalits62, der beiden untersten Kasten Indiens, in diesem Rotlichtdorf zumindest ein klein wenig besser als dort, wo sie herkamen. Sie waren zwar hier wie dort Freiwild für die Männer, doch hier wurden sie für ihre Dienste zumindest bezahlt und erfuhren etwas weniger Gewalt. Ein Paradies? Sicher nicht. Eine Verbesserung? Nun, zumindest eine winzige. Allein schon die Aussicht auf genügend zu Essen war für viele dieser Frauen Grund genug, der britisch-indischen Armee zu folgen. Die Kabulis selbst begegneten diesen Prostituierten ohne jeden Respekt, duldeten ihre Anwesenheit jedoch und schlichen manchmal sogar selbst dorthin, um sich dort insgeheim ein wenig zu vergnügen.

Captain Mowtis ließ sich nach der Besprechung scheinbar müßig durch die Straßen des afghanischen Kabuls treiben, hielt dabei aber gewohnheitsmäßig Augen und Ohren offen. Es war schon eine ziemlich lange Zeit her, dass er seine Uniform das letzte Mal getragen hatte, er hatte seine Haare lang wachsen lassen, sein Bart war etwas verwildert und er hatte die Tracht eines afghanischen Bergbewohners angelegt. Im Gürtel trug er offen einen Revolver, wie er im ersten anglo-afghanischen Krieg etwa vierzig Jahre vorher noch hochmodern gewesen war, sein Gewehr, das er am Riemen über der Schulter trug, war ein nicht mehr ganz neues, unauffälliges Modell, welches jedoch offensichtlich ebenso wie der Revolver penibel gepflegt war. Der Brite kam an einem Lokal vorbei, aus dem es appetitlich nach Choresh63 aus Lamm und Tahdik64 roch. Die Afghanen und ganz besonders die Kabulis hatten einige indische und sehr viele persische Einflüsse auf ihre Küche übernommen, und Jack Mowtis, der sich hier Karim Ayyid nannte, hatte Geschmack an der orientalischen Küche gefunden. Zudem waren ziemlich viele der Gewürzmischungen, welche man in Indien unter dem Namen Curry subsumierte, in diesen Gegenden eine große Hilfe, um gesund zu bleiben.

Im Inneren des Lokals waren, wie es im Jahre 1889 noch in allen Speise- und Kaffeehäusern des Orients üblich war, einige niedrige Tische aufgestellt, um welche weiche Kissen und dicke Teppiche lagen. Mowtis alias Ayyid setzte sich mit untergeschlagenen Beinen nieder und winkte dem Koch.

„Kaymak Chai65 und Choresh’te Bademjun66“, bestellte er, und der Wirt nickte ihm zu. Es hatte einige Zeit gedauert, bis Mowtis es schaffte, längere Zeit in dieser Stellung zu verharren, und mit den üblichen englischen Hosen wäre es ihm unmöglich gewesen. Der Stoff war zu dick und der Schnitt zu eng, in den Kniekehlen wurde viel zu schnell der Blutkreislauf abgeschnürt. Doch in den dünnen, leichten Pluderhosen war es nur eine Frage von Training und Gewöhnung. Auch der breite Kamarband67 statt des Gürtels war dabei hilfreich. Das Essen kam in einer dicken, flachen Tonschale, obenauf einige knusprige Stücke Tahdik, rund um die Schale waren auf einem Unterteller frische Jungzwiebel, Lauch und anderes zumeist rohes Gemüse verteilt. Dazu kamen noch einige Fladen Naan68. Der Captain nahm sich eines der Brote, riss ein Stück davon ab und griff in die Schüssel, hier aß man eben mit den Händen, auch daran hatte er sich gewöhnt. Der Eintopf war köstlich, das Fleisch von hervorragender Qualität, und auch der Tee schmeckte mollig und süß. Zwischendurch naschte Jack Mowtis an dem Gemüse und knusperte ganz zum Schluss die Reiskruste. Niemand hätte bemerkt, dass er dabei wie immer eifrig die Ohren spitzte und den Gesprächen der anderen Gäste lauschte, dieses Mal allerdings ohne etwas wirklich Wichtiges zu erfahren. Manchmal hat eben auch der gewiefteste Agent schlicht und ergreifend Pech.

In den Schluchten Afghanistans waren dampfbetriebene Fahrzeuge immer noch eine große Seltenheit. Das häufigste Verkehrsmittel für Mensch und Güter aller Art war das Maultier, wer es sich leisten konnte, ritt eines der kleinen Kabuli-Ponys. Ausdauernd, genügsam, flink, wendig und fähig zur Gangart des Töltens wie die Isländer. Der Sattel und das Geschirr waren, anders als etwa in Persien, reine Gebrauchsgegenstände. Ab und zu vielleicht eine Ziernaht, aber die Schnüre und Quasten der Prunkgeschirre aus dem arabischen und persischen Raum fehlten hier komplett. Afghanistan war ein Land harter, pragmatischer Mudjahedin geworden, welche beinahe ausschließlich für den Krieg und den Kampf lebten. Karim Ayyid hatte sein Pony in dem Han, in dem es gegen eine geringe Gebühr untergestellt war, nach der Mahlzeit abgeholt und sich in den Sattel geschwungen, um nach Nordosten aufzubrechen. Immerhin mussten die Russen weiter beobachtet werden.

Man wunderte sich, warum Afghanistan bereits seit langer Zeit ein Zankapfel zwischen Britannien und Russland war. Abgesehen natürlich von der strategischen Bedeutung, denn dieses Land wäre für die Russen ein perfektes Einfallstor auf den indischen Subkontinent gewesen. Doch der beste Weg hätte für eine Armee nach Kabul und weiter über den Khyber-Pass von Dschalalabad nach Peschawar nach Indien geführt, und die Russen konzentrierten sich immer wieder auf den Norden und Westen des Landes. Ein Gebiet, welches für die Briten keinen oder doch nur sehr geringen Wert besaß. Für sie war nördlich und westlich von Kabul Afghanistan eigentlich nur als Puffer gegen die Russen, Perser und Osmanen interessant. Auch wenn das Land sicher einiges an Bodenschätzen aufzuweisen hatte, wäre eine systematische Suche und Ausbeutung bei der derzeitigen Lage zu aufwendig und riskant gewesen. Nachschub an Arbeitskräften, Soldaten, Nahrung und Munition hätten aller Wahrscheinlichkeit nach mehr Mittel verschlungen als die zu erwartende Ausbeute wert gewesen wäre. Selbst Wasser war in den meisten Monaten in jener Gegend Mangelware, von einigen wenigen Schluchten abgesehen, welche ganzjährig Wasser führten.

Trotz aller Kargheit hatte das Land aber auch durchaus seine schönen Seiten. Mitten in der kargen Felslandschaft fand man oft ummauerte, liebevoll gepflegte Gärtchen, deren Besitzer das Wasser oft von weit her holen mussten. Diese Oasen in der Wildnis waren beinahe heilig, und wehe dem Stamm, welcher eines dieser winzigen Paradiese zerstörte. Die gesamte Umgebung rottete sich zusammen, selbst traditionelle Feinde wurden zu Verbündeten, um den Frevler vom Angesicht der Erde zu tilgen. Morden, plündern, rauben, ja selbst vergewaltigen – all das gehörte immer wieder zum afghanischen Alltag. Aber sich an diesen Gärten zu vergreifen, das ging zu weit. Man sagte in Afghanistan, eine Frau könne sich in einem dieser Paradiese sicherer fühlen als in einer Moschee. Auch Mowtis passierte auf dem Weg zum Fluss Balch einige dieser Gärtchen, und da er sich zu benehmen wusste, genoss er die Gastfreundschaft der afghanischen Stämme. Anfang Mai traf er wieder am Fluss Balch ein, wo er seinen langjährigen Gastfreund Sandar Khan aufsuchte. Dieser kannte Karim als wandernden Krieger, den die Suche nach einer bestimmten Person immer wieder forttrieb, und der dennoch immer wieder kam, weil er gehört hatte, dass man diesen Mann hier gesehen haben sollte. Ein einsamer Mann auf der Jagd, um Blutrache zu fordern. Da es den Gejagten aber selbstverständlich nur in der Phantasie des britischen Scouts gab, konnte ihm auch niemand etwas über den Verbleib des Gesuchten erzählen. Aber Karim kam immer und immer wieder.

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Mai 1889

Balch

Die zweite Kompanie des ersten Bataillons des ersten Regiments der russischen Afghanistan-Armee war auf dem Sportplatz zugweise angetreten. Fedor Semjonowitsch Ragulin stand vor der Einheit und stemmte seine Fäuste in die Seiten. Er war nicht wenig stolz auf die nagelneuen Sterne auf den Schulterklappen seines Uniform-Kossoworotka, welche ihn als Unterleutnant auswiesen. Vor einigen wenigen Tagen war er noch ein einfacher Soldat gewesen, ein Muschik, stur und geistig träge, der typische herangezüchtete Leibeigene. Dann kam es zum Training mit der Hexe Jasja, und er hatte seinen ganzen Mut zusammen genommen und den Ball zurück geschleudert. Mit Erfolg. Während des Kusses, den er damit gewonnen hatte, hatte sich etwas in ihm verändert, etwas wesentliches. Wenn er so gut war, dass er einen solchen Preis erringen konnte, warum nicht noch mehr? Wenn man ohne sofortige Strafe etwas wagen konnte, dann konnte man auch weiter denken! Er versuchte es, und er wurde mit großem Abstand der erfolgreichste Absolvent des Lapta-Trainings von Jasja Fedorowna. Er war so gut geworden, dass Jasja dem Generalfeldmarschall vorgeschlagen hatte, ihn zum Zugskommandanten im Rang eines Unterleutnants zu befördern.

„Also, Leute!“ brüllte Ragulin nun selbst die versammelten Soldaten an. „Lasst uns ein wenig Lapta spielen, aber in der Lesaya-Variante! Die Regeln sind auch ganz einfach, wirklich. Der Major dort gibt den Startschuss, und meine Freunde und ich, die wir die weißen Schärpen tragen, werden euch mit unseren Bällen eindecken. So fest und zielsicher wir nur können, und wir sind recht gut im Training. Ihr versucht, unseren Bällchen auszuweichen, der erste, der nach dem Pistolenschuss in Deckung ist, bekommt einen Punkt, und wer am Abend die meisten Punkte hat, bekommt eine Flasche Wodka. Klar soweit? Gut! Dazu kommen noch andere Punkte. Ihr sollt nämlich mit den Bällen auch zurück werfen. Mit allem, was ihr könnt, und wir werden auch das Werfen und Treffen üben! Also, wenn einer von euch Babuschkas69 einen meiner Freunde oder mich trifft, bekommt er von mir einen Kuss!“ Ragulin marschierte an der Front der Soldaten vorbei und musterte die Soldaten, welche starr nach vorne blickten, mit finsterer Miene. „Irgendwie habe ich bei dieser Ankündigung mit mehr Freude gerechnet!“, brüllte er die Muschiks an. „Wollt ihr Bande wohl danke sagen? JETZT!“

Der Chor der Danksagung klang immer noch nicht sehr begeistert, um die Mundwinkel von Jasja Fedorowna zuckte es, als sie sich ein Lachen verbiss.

„Ich wusste doch, dass das bei mir nicht so recht funktionieren wird!“, brüllte der riesige Leutnant die Soldaten grinsend an. „Also machen wir es so. Ihr versucht, uns zu treffen. Wenn ihr das schafft, bekommt ihr einen Sonderpunkt. Eure Offiziere, das sind die Männer da hinten mit der Schutzkleidung und den Helmen, beobachten alles und notieren jeden Treffer. Ihr könnt euch übrigens ersparen, sie treffen zu wollen, dafür gibt es keine Punkte und sie sind nach dem Lehrgang immer noch eure Offiziere. Also, zurück zu unserem kleinen Spiel. Wer am Abend die meisten Sonderpunkte hat, bekommt einen Gutschein für den Soldatenpuff. Wer aber dann am Wochenende die meisten Sonderpunkte erreicht hat, darf für eine ganze Stunde ins Offiziersbordell zu Irina Carlowa Moltikow. Habt ihr die Irina schon einmal gesehen? Ein wahres Zuckerpüppchen, sage ich euch! Ein Traum! Besser so?“

„Jawohl, Herr Leutnant!“, klang der Chor schon wesentlich lauter.

„Na bitte! Geht doch!“ rief Ragulin grinsend. „Also, Babuschkas, ab jetzt kann der Schuss jederzeit ko…“ Der Knall einer Pistole unterbrach ihn, doch er hatte gelernt, schnell zu reagieren. Er und auch einige seiner Kameraden aus dem Kurs mit Jasja Fedorowna, welche zu Feldwebeln befördert worden waren und nun wie er selbst sofort mit dem Werfen der Bälle begannen. Man kann sagen, dass der Dienst vielleicht an diesen Tagen für die zweite Kompanie etwas schmerzhafter als üblicherweise ausfiel, aber trotzdem selten mit so viel Spaß ausgeübt wurde. Die Muschiks lernten. Langsam, aber sie lernten. Und bereits am zweiten Tag flogen die Bälle zwar noch etwas zaghaft, aber doch zurück. Besonders, nachdem Unterleutnant Fedor Semjonowitsch Ragulin Irina Carlowa überreden konnte, dem Training einmal als Zuseherin beizuwohnen.

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Britisch – Indien

Die Hauptstadt und damit das Machtzentrum der britischen Kolonie Indien, welche bis Dschalalabad am Khyber-Pass reichte, war seit 1690 die Hafenstadt Kalkātā, das ‚Schwarze Tor‘ oder ‚Tor der Kali‘ an der Mündung des Ganges in den Golf von Bengalen. Die alte bengalische Stadt war rund um den uralten, aber immer wieder umgebauten Kalighat-Tempel erbaut worden, einem der größten und berühmtesten Tempel zu Ehren der ‚Schwarzen Kali‘, der Zerstörerin. Der Göttin von Tod und Vernichtung. Für die Hindu keine böse Göttin, denn wenn sie nicht etwas zerstört, kann Shiva auch nichts erschaffen, das eine bedingte im Hinduismus auch das andere, keines war ohne das andere denkbar. So wurde in der sakralen Kunst der Hindu auch oft die geschlechtliche Vereinigung des hellblauen Shiva mit der schwarzen Kali dargestellt.

Neben diesem im Laufe der Zeit ziemlich gewachsenen Wallfahrtsort hatten die Briten ihre Stadt erbaut, zuerst nur eine kleine Handelsstation im Dorf Sutanuti an einem der Mündungsarme des Ganges, dem sogenannten River Hugli. Damals waren bereits viele andere Mächte vor Ort, Frankreich in Chandannagar, der Deutsche Bund in Bhadreswar, Nederland-België in Chunchura, und natürlich dank Rodrigo Borgia, besser bekannt als Papst Alexander VI und seiner Bulle über die Aufteilung der Welt zwischen Spanien und Portugal, die im Pazifik beinahe allgegenwärtigen Portugiesen. Sie alle trieben mit Indern und Bengalen bis hinauf nach Bhutan und Nepal bereits seit langem schwungvollen Handel. Die Britische Ostindien-Kompanie unter Job Charnock erbaute 1699 ihre erste Festung an der Mündung des Ganges und nannte es Fort William. Allmählich erhielt die Gesellschaft durch geschickte Verhandlungen immer mehr Rechte in dieser Gegend und kaufte Land in der Umgebung von Fort William. Sehr viel Land. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts legten sie mit der Macht ihrer Besitztitel einige Dörfer zur Stadt Calcutta zusammen und begannen, ihre Siedlung noch weiter ins Landesinnere auszudehnen. 1781 bauten sie Fort William um. Größer, mächtiger, damals beinahe unbezwingbar. Ob das Fort wirklich so stark wie geplant war, kann man schlecht sagen, denn es musste nie verteidigt werden. Seit dem Bau des Suezkanals hatte Bombay an Größe und Bedeutung der alten Hauptstadt gegenüber gewonnen, und die Regierung des British Empire, welches mittlerweile diese Teile Indiens zur Kronkolonie erklärt hatte, überlegte jetzt eine Verlegung der Verwaltung in die kühleren Bergregionen des Nordens.

Die größte militärische Macht des Empire stand jedoch in den Garnisonen des Punjab bereit. Zum Beispiel in Dschalalabad an der Grenze zu Afghanistan und in Peshāwar, das von den Briten zur Hauptstadt des Punjab gemacht worden war. Das um ein schweres Artillerie-Bataillon verstärkte Regiment der Campbell Highlanders konnte 7.500 Soldaten und 64 Geschütze in die Schlacht werfen, gemeinsam mit den sechs Sepoy-Regimentern standen in Peshāwar 50.000 Infanteristen bereit. Dazu kamen noch das 12. und das 23. schwere Dragonerregiment der Indusarmee mit ihren gepanzerten Raupenfahrzeugen sowie das 55. Leichte Mobile Artilleriebataillon mit 64 MK VIII-Tanks und die 21 Ornithopter des 3. Bataillons des 5. Air Service Regiments ihrer Majestät. Diese Truppen waren die taktische Reserve für jene Einheiten, welche zur Verteidigung des Khyber-Passes in Dschalalabad stationiert waren. Dort standen neben 3 Gurkha-Regimentern 6 Regimenter Sepoys und drei Artillerie-Regimenter bereit, jeden Feind, der über den einzigen für eine Armee passierbaren Pass wollte, wieder zurück nach Afghanistan zu werfen. Und sie mussten im Punjab für Frieden und Ruhe sorgen, denn es waren noch lange nicht alle Sikhs unterworfen. Immer wieder flackerte Widerstand gegen die englischen Besatzer auf.

Nach dem Tod des ersten und einzigen Königs der Sikhs 1845 hatten sich die Briten das Königreich bis 1848 ziemlich einverleibt, den einzelnen Fürsten nach indischem Mustet so genannte Residenten zur Seite gestellt und die Armee des verstorbenen König Ranjit Singh über ganz Indien verteilt. Es war eine gute Armee gewesen, modern ausgerüstet und geschult, doch dem zahlenmäßig weit überlegenen britisch-indischen Heer trotzdem nicht gewachsen. Auch deshalb, weil damals ein einheitlicher Oberbefehl gefehlt hatte, zu sehr waren einzelne Kahns auf ihre eigene Nachfolge Ranjits erpicht gewesen. Die verteilten Soldaten der Sikhs hatten für die Eroberer noch einen weiteren Vorteil, denn sie waren weder Muslime noch Hindu oder Buddhisten. Sie hatten ihre eigene Religion, eine monotheistische mit einem geschlechtslosen Gott, waren aber bei weitem nicht so fanatische Missionare wie etwa die Muslime. Es war ihnen egal, wer an was glaubte, am Ende der Tage zählte in ihrer Religion für das göttliche Wesen ohnehin nur, welches Leben jemand geführt hatte. Nicht, wie er oder sie zu welchem Gott gebetet hatte.

Einige dieser Sikhs hatten sich in die Berge des Hindukusch zurück gezogen und verbargen sich in den Schluchten. Immer wieder kam es zu kleinen Scharmützeln zwischen diesen Sikhs und den Briten, und der Resident in Peshāwar war ziemlich machtlos gegen die Aufmüpfigen. Seine Truppen fanden trotz intensiver Suche die Freischärler in den schwer zugänglichen Schluchten des Punjab einfach nicht. Es waren auch nicht die richtigen Truppen für das Gelände der Provinz, welche er gegen die Aufständischen senden konnte. Afghanen wären prädestiniert dafür gewesen, doch die wollten schlichtund ergreifend nicht. Ihnen gefielen die sturen und unnachgiebigen Sikhs, welche sie an sich selbst erinnerten. Sikhs hatte er keine unter seinem Kommando, und denen hätte er auch nicht genug vertraut. Nicht in diesem Fall. Und Sepoys waren gute Soldaten in der heißen Schwüle Indiens, nicht aber in den Bergen des Hindukusch, der nicht umsonst ‚Hindutod‘ hieß. In den steilen Bergen gab es jede Menge Burgen und Schlösser, und viele davon waren dem Residenten Sir Simon Brunell in Peshāwar und seinen Spähern noch völlig unbekannt. Auch von den derzeitigen internen Machtverhältnissen der Sikhs hatte er keine Ahnung, sonst hätte er gewusst, dass er die Maharānī, die derzeitige große Fürstin der Sikh und derzeitige Königin des bereits kannte. Und auch ihren Palast.

Die Maharānī Sudarā, eine Enkelin des Maharadschas Ranjit Singh, machte ihrem Namen – die Schöne – durchaus Ehre. Sie war eine noch junge Frau, schlank, wohlgeformt und sowohl gebildet als auch intelligent. Sie unterhielt eine Villa in Peshāwar, in welcher sie die beiden kältesten Monate des Jahres verbrachte und in welche sie zu ihren Bällen und Soirees stets auch den britischen Residenten und einige seiner Offiziere einlud.

Auch in ihrem Palast in den Bergen waren die Herren immer wieder zu Besuch, auch wenn für die Engländer die Rānī nur eine indische Farbige war. Obwohl sie unter Ihresgleichen einen hohen Status einnahm, war sie für die Briten wie alle Einheimischen doch eine ziemlich minderwertige Person. Der einzige Grund für die britischen Besuche bei den Einladungen der Maharānī war ein direkter Befehl aus Kalkutta. Der Gouverneur und Vizekönig von Indien wollte keine Unruhen, und schon gar nicht nahe der afghanischen Grenze. Also sollte der Resident gefälligst eine gewisse Höflichkeit der Fürstin gegenüber an den Tag legen, denn immerhin war Sudarā die Rānī von Peshāwar. Wie hoch der Status Sudarās unter den Sikhs aber tatsächlich war, hatte allerdings auch der Vizekönig noch nicht erkannt.

Es waren von der Mündung des Flusses Swat in den Kabul-River nur 35 Kilometer nach Norden bis zu dem allerdings sehr hoch gelegenen Sommerpalast Sudarās, dem Sudara-Driśām-dā-Mahila70. Sir Simon, 6th Viscount Brunell, der britische Resident, sein Stab und seine Offiziere hatten bei der ersten Ansicht der neuen Privatarmee der jungen Rānī säuerlich gelächelt, denn deren Bewaffnung war wesentlich besser als jene ihrer Sepoys. Der hochmoderne AC-87 Schmidt-Rubin-Karabiner aus der Schweiz, den im Kaliber 8 x 65 mm mit seinem verbesserten Geradezugverschluss und dem Munitionsschacht für 8 Patronen, den Sudarās Truppen hier präsentierten, war den alten britischen Martini-Enfield-Gewehren im Kaliber .40 x 1,871 Zoll mit den 5-Schuss-Magazinen sowohl an Feuergeschwindigkeit wie auch an Reichweite stark überlegen. Auch die zwanzig gut geschützten Stellungen der Kaliber 8 x 80 mm – Maxim-Gewehre, ebenfalls aus der Schweiz, hatte die Herren nicht eben begeistert. Aber schnell hatten sie sich damit getröstet, dass im Ernstfall 3 Kompanien mit insgesamt etwa fünfhundert Mann gegen einige tausend Sepoys nicht lange Stand halten würden und dass einige Mörser und gepanzerte Selbstfahrlafetten auch die Maxims schnell ausschalten konnten. Und das Problem wäre ohnehin erst akut, wenn Sudarā, die Rānī von Peshāwar, sterben sollte, denn ihr selbst traute keiner der Briten etwas Böses gegen die Besatzer zu. Sie empfanden die junge Rānī trotz ihrer Abstammung als charmante und angenehme Gastgeberin, welche gewandt über die neueste Oper plaudern oder die französische Mode parlieren konnte. Über den neuesten Roman des österreichischen Autors Arthur Schnitzler konnte sie ebenso sprechen wie über die eben erst durchgesickerte romantische Verlobung der Prinzessin Valerie von Österreich mit dem Dauphin François von Frankreich. Vielleicht konnte man mit ihr noch von einer etwa 1.800 Kilometer langen Eisenbahnstrecke von Peshāwar über Lahore, Jodhpur und Ahmedabad nach Bombay träumen.

„Hier einsteigen und in Bombay am Meer den Zug verlassen, diese riesige Stadt mit ihren Möglichkeiten, Stoffe und Gewänder zu kaufen, neue Gewürze und andere Leckereien kennen zu lernen“, schwärmte Sudarā, wenn das Gespräch auf dieses Projekt kam. „Das wäre doch wirklich schön. Aber natürlich, meine Herren, bauen sie nur, ich spreche auch gerne mit den Radschas zwischen hier und Indien, vielleicht kann ich die Herren ja überzeugen und eines Tages selbst auch noch Bombay besuchen. Ach, Tagespolitik? Nationale oder internationale Verhandlungen, Macht, Herrschaft? Sie entschuldigen mich bitte, meine Herren“, wehrte sie ab, es war in diesen Fällen ihre Standardreaktion. „Diese Dinge sind nichts für mich. Sie langweilen mich zu Tode oder bescheren mir, schlimmer noch, gar Kopfschmerzen. Ich darf mich zurück ziehen und sie diesen Themen überlassen, welche MÄNNERN zu Gesicht stehen, aber nicht mir jungem Mädchen ohne jede Erfahrung in der großen Welt. Diese Geschäfte sind doch sicher bei Sir Simon in den besten Händen. Aber würden Sie mir vielleicht Ihren netten Lieutenant-Colonel Sir Ethan, den Baronet of Backwood ausleihen? Er ist ein so charmanter Mann und ein wirklich hervorragender Tänzer! Bitte, Sir Ethan, diese Musette?“ Was blieb dem Baronet übrig, als sich zu verbeugen und der Dame seinen Arm zu bieten.

„Aber herzlich gern, Rani Sudarā“, bellte er mit seiner besten Kasernenhofstimme. „Es ist mir ein ausgesprochenes Vergnügen.“

Sir Ethan war der Sohn des ersten Baronet of Backwood, der in Bombay eine ganze Menge Geld gemacht hatte. Seinem Sohn hatte er einen hohen militärischen Rang gekauft, allerdings nicht weil der Sohn ein begeisterter Soldat gewesen wäre oder weil er eine besondere Begabung dafür gehabt hätte. Nein, Papa Backwood hatte in seiner Jugendzeit als Sergeant in der britisch-indischen Indusarmee gedient. Er hatte an diese Zeit allerdings keine guten Erinnerungen, und so hatte er der Armee mit einem gewissen Amusement seinen Sohn aufs Auge gedrückt. Als späte Rache sozusagen.

Und Ethan kultivierte seine Rolle als ungehobeltes Raubein, als Enfant terrible auch noch. Für die meisten anderen Offiziere war er ohnehin nicht so ganz einer der ihren, Ethan war zu junger Adel und zu junges Geld, dazu der Sohn eines Ex-Sergeanten und einer zwar britischen, aber einfachen bürgerlichen Frau. Ein Außenseiter! Ohne Lieutenant-General Sir Maddox, 16 Earl of Chamberton von den 34th Bombay-Lancern hätte Ethan nicht für alles Geld der Welt seinen derzeitigen Rang erhalten. Ethan war noch einigermaßen jung, er war erst 28 Jahre alt, um genau zu sein, groß, breitschultrig und sah in seinem scharlachroten Rock, mit dem kurzen Backen- und dem nach oben gezwirbelten Schnurrbart schon recht gut aus.

Der Viscount of Brunell sah dem Paar misstrauisch mit zusammen gezogenen Brauen und verkniffenem Mund nach.

„Ich hoffe nur, dieser junge Mann vergisst nicht, wer und was er ist“, murrte er. „Auch wenn das Mädchen ein verdammt heißes Luder und das ist, was man halt hier so eine Fürstin nennt, eine Bibi ist und bleibt sie ja doch. Jede britische Hooker72 ist doch mehr wert!“

„Also, ich für meinen Teil muss gestehen, dass ich diese Bibi schon gerne einmal flachlegen würde“, bekannte Major-General Sir Robert Jonson, 9th Marquess of Rockcliff Forrest und zwirbelte vergnügt seinen Schnauzbart. „Das heißt ja noch nicht, dass ich sie dann auch heiraten möchte. Und ich glaube, auch wenn der Lieutenant-Colonel ein schrecklich primitiver Prolet ist, so tief kann nicht einmal er sinken!“

„Bestimmt nicht“, schnarrte Colonel Masterson, 12th Baron of Waterfront Corner und derzeitiger Kommandant der Campbell Highlander. „Er mag ja ganz gerne das Enfant terrible spielen, aber er weiß trotzdem immer, wo seine Loyalität liegt. Auch wenn er nicht wirklich einer von uns ist, so bleibt er doch immer noch ein Brite, zum Teufel noch mal!“

„Er weiß aber auch nicht wirklich etwas Wichtiges!“, zuckte Sir Robert mit den Schultern und sah sich kurz um, dann nahm er ein Glas Champagner vom Tablett eines der allgegenwärtigen Diener.

„He, Boy“, wandte sich Luke Masterson an den Diener. „Besorg mich doch ein Ale, zack, zack!“

„Sahib?“, verbeugte sich der Sikh.

„Ale!“, betonte Sir Luke, und der Diener entfernte sich nach einer erneuten Verbeugung.

„Bin neugierig, was der Affe ihnen jetzt anbringt“, murrte der Resident. „Verdammt, ist das ein Land. Die wenigsten Eingeborenen hier können sich in einer zivilisierten Sprache auch nur halbwegs verständigen.“

„Nun, dieses Land hat auch seine Vorteile“, urteilte Colonel Georges Donahue vom Air Service. „Immerhin ist es hier nicht so drückend heiß wie in Indien, und mit dieser Bibi-Rānī kommt man doch auch halbwegs aus. Ein paar kleine nette Worte, eine knappe Verbeugung, ein Ausritt ab und zu, dann ist sie schon zufrieden. Oder wären sie lieber in Kabul Resident bei Abdul Ranman Khan?“

„Gott bewahre, Georges! Sie haben da nicht ganz unrecht“, rief Sir Simon. „Ach, da kommt ja dieser Diener wieder, und er hat doch glatt den Wesir der Rānī im Schlepptau. Gar nicht so dumm, der Knabe. Darvesh Mataravishnu kann ja englisch. Und wenn Sie Ihr Ale haben, Sir Lucas, sprechen wir über die baldige Verstärkung unserer Division hier im Bezirk Peshāwar, Sir Robert. Wenn die Russen wirklich kämpfen lernen, und im Moment sieht es doch beinahe so aus, als hätten sie damit einen gewissen Erfolg, dann könnten sie es dieses Mal vielleicht doch auch über den Khyber-Pass schaffen.“

„Es wundert mich ohnehin, dass sie sich derzeit so stark auf den Westen konzentrieren“, überlegte der Kommandant aller in Peshāwar stationierten Truppen. „Dort gibt es ja eigentlich nichts außer Bergen. Viel Gefahr für wenig Gewinn.“

„Nun, bis jetzt haben sie ja nur die Ebene erobert“, bemerkte Lieutenant-Colonel Sir Patrick Sawyer, 8th Baron of Wexham.

„Aber wenn sie den Darya-ye Band-e-Amir bis zur Quelle hinauf ziehen, kommen sie auch ziemlich nahe an Kabul heran“, betonte Colonel Luke Masterson von den Highlandern und nahm eine Prise Schnupftabak. „Ihre Gattin, Sir Simon, sieht heute wieder hinreißend aus. Stört es sie eigentlich gar nicht, dass sie mit einem Brat73 tanzt?“

„Wenn sie mit einem von den dressierten Affen herumhüpft, muss ich es nicht tun“, grinste der Resident. „Und wenn er ihr sonst irgendwie zu nahe tritt, knüpfe ich ihn einfach auf!“

„Der Weg den Was-auch-immer-Fluss hinauf wäre trotzdem ein ziemlicher Umweg“, stellte Sir Patrick fest. „Was ist, wenn die Russen dort irgend etwas bestimmtes suchen. So etwas in der Art wie diese Trommel, die den Italienern die Tour vermasselt hat.“

„Glauben Sie an Zauberei und Spiritismus, Sir Patrick?“, fragte Robert Jonson erstaunt. „Ich hielt Sie eigentlich immer für einen Realisten! Und die verdammten Russen versuchen ja auch nicht zum ersten Mal, in Afghanistan einzufallen!“

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Der Sudara-Driśām-dā-Mahila bot seinen schönsten Ausblick sowohl über die große, teils grüne, von einigen Flüssen durchzogene Ebene von Peshāwar als auch, wenn man die wenigen Schritte zur anderen Seite machte, auf die schroffen Berge des Hindukusch von einem großen, hoch über der Steilwand liegenden Balkon in der Form eines überdimensionierten runden Erkers mit etwa drei Metern im Halbmesser. Dünne Säulen trugen ein Dach, von welchem tagsüber duftige Vorhänge für kühlen Schatten sorgen konnten, in der Mitte sprudelte eine kleine Fontäne in einem Bronzebecken in Form einer Lotosblüte auf einem hüfthohen Fuß. Sir Ethan hatte Sudarā auf diesen Balkon begleitet und sich mit Erlaubnis der Rānī eine Zigarre entzündet. Nun lehnte er an der breiten Steinbrüstung des aus dem Stein des Berges geschlagenen Balkons, der Granit war danach so fein und glatt abgeschliffen worden, dass er sich beinahe wie Marmor anfühlte, und sah zu den schneebedeckten Gipfeln hinüber.

„Ihr habt von hier einen wunderschönen Ausblick, Fürstin“, bemerkte der Lieutenant-Colonel bewundernd.

„Den habe ich durchaus“, lächelte Sudarā und bewunderte noch einmal das Hinterteil des Briten in der engen schwarzen Hose, ehe sie sich zu ihm gesellte und ebenfalls zu den Bergen blickte. „Aber auch die andere Seite ist durchaus sehenswert.“ Der Brite stieß sich ab und schritt die Brüstung entlang, bis die vom vollen Mond beschienene Ebene zu sehen war.

„Da muss ich Euch recht geben“, stimmte er zu. „Man glaubt, in die Unendlichkeit sehen zu können!“

„Ja, schon mein Großvater Pandit Ramahan stand oft hier und zeigte mir, dass sowohl die Berge als auch die Ebene ihre eigene Schönheit besitzen und das Leben sehr dual ist. Das eine ohne das andere wäre nur halb so schön, wir könnten uns nicht am Sommer erfreuen, ohne den Winter zu erleben, die Freude braucht das Leid, um uns wirklich zu entzücken. Wenn ich Euch jetzt küssen sollte, Sir Ethan, müsste ich unzweifelhaft einen Preis dafür zahlen. Denn eine ernste Beziehung käme zwischen uns nie in Frage!“

Der Lieutenant-Colonel zögerte mit seiner Antwort. „Ja, ich fürchte auch. Es ginge vielleicht eine längere Zeit gut, und es wäre sicher eine schöne Zeit, aber sowohl mein Volk als auch das Eure würden uns gerne dafür steinigen. Wobei – wenn ich Euch verführte, darüber im Offiziersclub schwadronierte und pikante Details erzählte und mich über Eure Gutgläubigkeit lustig machte – ich wäre ein kleiner Held unter meinen Kollegen.“

„Und wenn eine Frau meines Volkes Euch verführen sollte, müsste sie Euch normalerweise um Euren Schutz bitten“, lächelte sie leicht. „Auch die Sikhs haben etwas gegen Frauen, die sich einfach nehmen, was sie wollen.“

„Normalerweise?“

„Immerhin bin ich noch immer die Rānī von Peshāwar, mein stattlicher Yodhā74“ belehrte Sudarā den Offizier. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte in sein Ohr! „Ich, und nur ich allein entscheide, wen ich an meine Yonī75 lasse und mit wessen Liga76 ich spiele.“ Sie lachte auf, und er fühlte eine zarte Hand über die Vorderseite seiner Hose gleiten, welche sich unwillkürlich ausbeulte. Sie rückte näher, die Spitzen ihrer prallen Chātī’ām77 drückten durch den dünnen Stoff ihrer nabelfreien Balā’ūza78 gegen seine Brust. „Und, Mahāyodā79“, flüsterte sie rau gegen seine Lippen. „Möchtest du dein Talavāra80 ziehen und mit mir spielen?“

„Und was ist damit, dass wir nie ein Paar werden können?“, fragte er, mühsam seine Begierde zügelnd.

„Das Wissen über die rasche Endlichkeit unserer Zweisamkeit wird die Süße des Augenblickes noch steigern. Und wenn du dereinst deine Memsahib entblätterst, um einen Erben zu zeugen, dann denk daran, wie schön auch ein flüchtiger Moment sein kann!“ Ihr Kuss enthob ihn einer verbalen Antwort, welche ihm ohnehin schwer gefallen wäre. Aber seine Hand fand unter ihrer leichten Pluderhose zielsicher ihren Weg.

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Neu eingekleidet betrat Sudarā einige Zeit später einen spärlich eingerichteten Raum. In der Mitte ein langer Tisch, um welchen einige Kissen lagen, einige verschließbare Aktenschränke aus moderner Fertigung, ein großer Safe aus Gusseisen und eine Tafel mit mehreren Schaltern war alles an Interieur. Kein Pomp, kein Zierrat. Auch die Maharani trug jetzt nur noch ein Minimum an Schmuck, als sie sich am Kopfende auf einem Kissen niederließ.

„Habt Ihr von dem Briten etwas erfahren, Maharani?“, fragte ein ergrauter Mann mit prächtigem Bart.

„Das habe ich wirklich, Premierminister“, lachte die schöne Herrscherin. „Zum Beispiel, wie der Coiffeur es schafft, dass Lady Eleonores Haare so füllig aussehen, welcher Schneider ihre Kleider näht und dass ich in europäischen Kleidern auch gut aussähe!“

„Nicht sehr viel, Maharani“, bedauerte Darvesh Mataravishnu. „Wenn man Euren Einsatz bedenkt!“

„Ach, Sir Ethan war sauber gewaschen und höflich“, winkte Sudarā ab. „Das Opfer war also nicht sonderlich groß. Aber wenn er jetzt erzählt, was ich ihn gefragt habe – nun, noch harmloser kann ich mich wohl nicht mehr präsentieren. Im Vergleich zu mir hatte Daharandra Marhivati wohl eine schwierigere Aufgabe. Erzählt mir einmal, Minister, was hat die Frau Sir Simons Euch über die Termine des Residenten erzählt!“

„Es wird wohl demnächst ein Regiment hier durchkommen, sie soll ein Diner mit einem Oberst und einem Oberstleutnant als Gast vorbereiten lassen“ berichtete Minister Marhivati. „Am Ende nächster Woche. Sie werden nicht bleiben, aber auf welcher Seite des Khybers sie stationiert werden, ist unklar. Vielleicht eine Reaktion auf die russische Intervention in Afghanistan?“

„Durchaus möglich“, überlegte Sudarā. „Gut gemacht, Minister!“ Die Tür öffnete sich, und ein Sikh in Offiziersuniform betrat den Raum.

„Auch Sir Ethan hat als der letzte Brite den Palast jetzt verlassen und ist auf dem Weg zurück nach Peshāwar, verehrte Maharānī“, meldete Karām Mambīr, der Hauptmann der ersten Kompanie von Sudarās privater Truppe und stand nach dem zweimaligen Aufstampfen nach britischem Muster salutierend stramm.

„Sehr gut, Kapatān81„, nickte die Herrscherin der Sikhs freundlich lächelnd. „Werden die Yūrapī82 beobachtet?“

„Selbstverständlich, Maharānī!“, bestätigte Karām.

„In Ordnung! Stehen Sie bequem, Kapatān“, gestattete die Maharānī. „Sind die Wächter entlang des Lieferweges in Position, Karanala83?“, wandte sie sich an Chatar Jagjeet, den Kommandanten ihres Regiments.

„Das sind sie, Maharānī!“, bekundete der Oberst.

„Nun, dann können wir jetzt wohl das Signal geben!“, bemerkte Sudarā, und befahl, an einen Soldaten gewandt: „Entzündet die drei Lichter!“

Der Soldat ging sofort los und legte drei Schalter um, welche auf der Nordseite des Berges drei Glühlampen einschaltete, welche von Peshāwar aus unsichtbar die Botschaft ‚sicher‘ in die Luft strahlten. Von Berg zu Berg wurde diese Botschaft mit Leuchten weiter gegeben, bis zu einer etwa 30 Kilometer von der Sudara-Driśām-dā-Mahila entfernten Höhlenburg.

Dort sah eben auch Kaspar von Isernwedel aus einem Fenster. Von innen sahen die Säulen und Fenstersimse, glatt geschliffen und mit viel Geduld und Können von Meistern ihrer Zunft geglättet, wie edelster Marmor aus, während man von außen nur einige natürliche Höhlen zu sehen glaubte. Am Fuß der Felswand, in welcher dieser Palast lag, bildete der Fluss Swat, welcher auch durch Peshāwar floss, einen langgezogenen See. Am Ufer desselben gab es ein ärmliches Fischerdorf, deren Bewohner keinem Radscha Tributpflichtig zu sein schienen, einfach weil es hier nichts zu holen gab.

„Die Welt hat uns vergessen und den Radschas sind wir ohnehin zu arm“, hatten sie vor einiger Zeit zu Lieutenant Andrew Kenan gesagt, als dieser den Verlauf des Swat erforschen sollte. „Außer getrocknetem Fisch gibt es doch ohnehin nichts zu holen bei uns, manchmal tauschen wir ihn in der Ebene gegen ein wenig Korn oder Stoff ein.“ Kenan hatte sich umgesehen und einige Sepoy losgeschickt, um die Hütten zu inspizieren. Außer einer alten russischen Muskete mit spärlichem Pulvervorrat und einigen wenigen Kugeln aus Blei hatten sie nur noch einige Fischspeere und drei Wurfspieße gefunden. Er hatte den Fund penibel in seinem Tagebuch vermerkt und war wieder aufgebrochen. Einen Eingang zu einer Burg hatte er nicht gesehen, nur einige Höhlen hoch oben im Fels. Zu hoch in einer zu steilen Felswand, als dass sie vom Dorf aus erreichbar gewesen wären. Auch diese Eingänge vermerkte er in seinem Buch, der Bericht wurde vermerkt, zu den Akten genommen und als unwesentlich vergessen.

„Das Signal wurde gegeben, Śāhī“, meldete Pramukha84 Śēra Larākū, während er sich mit vor der Brust gekreuzten Armen vor dem Deutschen verneigte. „Drei Lichter, der Weg ist frei!“

„Ich danke Dir für die Nachricht, Pramukha“, erwiderte Isernwedel die Geste ebenso tief. „Und selbstverständlich auch für die empfangene Gastfreundschaft!“

„Du bist immer ein gerne gesehener Gast bei uns, Śāhī“, versicherte der Kommandant der geheimen Festung. „Deine Männer beladen bereits die Lasttiere.“

„Ich werde stets mit Freuden Dein Gast sein“, garantierte der Deutsche. Rituelle Worte der Höflichkeit, vorgegeben seit Jahrhunderten. Nach der Verabschiedung ging Kaspar von Isernwedel in den unteren Teil des Palastes und verließ diesen, mit seinen Packtieren fast knietief im Wasser watend. Im Freien angekommen machte er sich mit einigen Mauleseln, welche Kisten von einem, anderthalb und zwei Metern Länge transportierten, auf den Weg. Die Aufschrift auf diesen Holzkisten lautete Hale Ltd., Ramsgate, Thanet District, Kent. Jede dieser Kisten enthielt 9 Hale’sche Raketen, jeweils 39 Zoll85 lange 6er86, oder 5987 Zoll lange 9er88 beziehungsweise 7889 Zoll lange 12,590er, alles war im Gepäck. Und der Deutsche war nicht das erste Mal mit einer solchen Ladung zum Sudarā-driśām-dā-Mahila und der Maharānī unterwegs.

Seine Reise hatte in der Einöde Russlands am Fluss Wachsch begonnen, wo er die Kisten von einigen Dampfplätten übernommen hatte und sie mit einigen Helfern auf seine verlässlichen dickfelligen Lasttiere verladen hatte. Dann war es etwa 300 Kilometer quer durch das seit 1868 russische Tadschikistan gegangen, immer höher und höher hinauf in den Pamir. Die Luft wurde dünner, die Kälte schneidender, und dann, endlich, war der höchste Punkt erreicht und sie stiegen hinab in das etwa 3.000 Meter hoch gelegene Tal des Flusses Wachandarja, einem Quellfluss des Amudarja. Afghanisches Gebiet, auch wenn sich dort nur alle heilige Zeiten ein Nomadenstamm sehen ließ. Im April war diese Gefahr aber noch geringer, jetzt hielten sich selbst die mutigsten und unternehmungslustigsten Pferdezüchter noch in tiefer gelegenen Abschnitten des Tales auf, wo es bereits viel saftiges Gras statt karger Wurzeln als Nahrung für die wertvollen Ponys gab. Vielleicht verirrte sich jetzt im Frühling einmal ein Jäger auf der Beize mit seinem Adler hier herauf, nun, niemand hatte versprochen, dass der Transport ganz ohne Risiko sein würde. Inschallah, wie dieser Afghane vielleicht noch sagen würde, seine Knochen würden dann vielleicht irgendwann einmal während eines Unwetters wieder aus der Erde kommen. Nach der Überquerung des Tales lag der Hindukusch vor der Karawane des deutschen Söldners. Jahrhunderte hatten Kirgisen und Mongolen Hindus aus Indien als Sklaven über dieses Gebirge gezwungen, tausende waren bereits auf dem Weg durch die Berge gestorben. Es war seit dieser Zeit nicht leichter geworden, den Hindukusch zu überwinden. Nur das Schuhwerk hatte sich gebessert und die Kleidung war heute zumindest für die Schmuggler wärmer als damals. Nach dem Abstieg in die vergleichsweise angenehm lauen und oftmals etwas sanfteren Hügel und Schluchten des Punjab war Kaspar von Isernwedel von einer geheimen Burg zur anderen gezogen, die Sikhs entlang der Strecke kannten ihn bereits, denn die Burg der Maharānī, der Königin, konnte jede Verteidigung gegen britische Mörser und Haubitzen brauchen. Auch britische Raketen, von einem Deutschen geliefert.

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Seit der Eröffnung des Suezkanals war die unter der direkten Regierung Londons stehende Kronkolonie Bombay stark gewachsen und stellte den ehemaligen indischen Haupthafen Kalkātā91 an Größe und Bedeutung bereits weit in den Schatten. Dort im Osten des indischen Subkontinents war allerdings derzeit noch die politische Macht über die indischen Radschas zu finden, doch im Parlament Londons überlegte man bereits eine Verlegung der Verwaltung nach Bombay. Oder die Gründung einer neuen Hauptstadt irgendwo dazwischen, möglichst in einem Hochland mit kühlerem Klima. Auf den durch harte Arbeit von Sepoyhänden unter britischem Zwang zu einer großen Halbinsel vereinigten neun Inseln, aus denen Bombay einst bestand, konnte man besonders als Brite, aber auch als sonstiger Europäer ganz allgemein gut leben. Die Architektur war europäisch modern, mit den Annehmlichkeiten wie Dampfliften und öffentlichem Verkehr. Die Kleidung hinkte der neuesten Pariser Mode nur noch einige Monate hinterher, der Londoner nur noch Wochen. Riesige Hüte und Schnürmieder waren in den britischen Ländern noch ebenso modern wie blasse Farben bei Haut und Stoffen, also trug man sie auch in Bombay. Ebenfalls sowohl die Haut als auch die Stoffe. Die Geschäfte verkauften britische Waren, man wurde, wenn man englisch sprach, überall verstanden und konnte auch die eingeborenen Sepoy verstehen, denn die Briten waren der Meinung, dass man einigen tausend Engländern nicht zumuten konnte, eine indische Sprache zu lernen, wenn sich doch Millionen Inder englisch aneignen konnten. Die Lokale in der so genannten Festung, also der zentralen, mit einer festen Mauer umgebenen Stadt, servierten neben den heimischen Gerichten, welche aus jeder Menge Currys bestanden, auch traditionelle englische Speisen und Getränke.

Der Dienst der Offiziere ihrer Majestät Queen Victoria, the Empress of India, war in Bombay beileibe keine Strafe mehr. Ein wenig das Exerzieren der Sepoys oder Sikhs unter ihren Sepoy- oder Sikh-Unteroffizieren beaufsichtigen, sich während eines Jagdausfluges selbst mit dem Gewehr üben, auf einem Schießstand ein paar Revolverkugeln auf eine Scheibe verfeuern, ein wenig auf seinem Pferd ausreiten, es gab hervorragende Bahnen und Wege dafür. Abends vielleicht noch auf einen Ritt oder auch zwei in eines der Etablissements in den Außenbezirken der Eingeborenen. Die Mädchen dort waren willig, sauber und nicht teuer, viele hatten von Natur aus, ohne je ein Mieder auch nur gesehen zu haben, jene vielbesungene, aber selten erreichte Sanduhrfigur. Und sie waren weder verklemmt noch prüde, und sie kamen gegen geringes Entgelt jedem Wunsch aus dem Kamasutra nach. Kein Wunder also, dass der Dienst in den East-India-Regimenter vor allem bei jungen, ledigen Lieutenants und alten Colonels mit erfahrenen Ehefrauen, welche in London ihren eigenen Geschäften nachgingen, recht beliebt war.

Ein solch alter Colonel wartete im Hafen auf die MAID OF THE SEAS, einem bewaffneten Transportschiff der königlichen Marine. Die so genannte Festung entsprach in etwa der alten Insel Bombay, einst das größte der neun Eilande. An der Südostspitze des an den Buchstaben ‚H‘ mit sehr stark in die Länge gezogenem Mittelstrich gemahnenden Bezirks beherrschte das Fort Georges mit seinen mächtigen Haubitzen die Einfahrt in die Bucht zum großen Hafen. Von diesem alten Fort aus noch weiter nach Süden sorgte eine Landbrücke zu den beiden ehemaligen kleineren Inseln Little Colaba und Colaba für weiteren Raum, der noch zur Festung zählte und vorwiegend von Briten bewohnt wurde. Das heißt, genau genommen lebten und arbeiteten natürlich mehr indische Männer und sehr viel mehr indische Frauen in der Festung. Aber Dienstboten zählten doch wohl nicht richtig zur Bevölkerung, und sie wichen ja auch immer artig aus, wenn sich der weiße Sahib oder die Memsahib näherte.

Colonel Julian Rowan Rossbergh flanierte auf dem Pier auf und ab, betrachtete die Häuser und einige ihren Arbeiten nachgehende Dienstmädchen, er erwiderte den Salut der Unteroffiziere, welche mit ihren in die Arbeitsmontur gekleideten Soldaten ebenfalls aus das Eintreffen der MAID warteten. Nachschub an Waffen und Munition sowie an einigen Lebensmitteln, welche es hier nun einmal nicht gab. Nicht Tee natürlich. Seit etwa 1850 wurde in Indien das bei den Briten immer wichtigere Getränk angebaut, seit der Schotte Robert Fortune die ersten Setzlinge aus China schmuggeln konnte. Aber Portwein, Whisky, Rum, Ale, Sekt, all das kam mit großen Fässern oder kleinen Flaschen aus der Heimat. Es wurde zwar versucht, hier in Indien eigenes Bier zu brauen, aber trinken wollte es eigentlich noch niemand. Selbst Shudras verschmähten das süßliche Gebräu, welches mit Bier gerade einmal den Namen gemein hatte. Und es sollte dieses Mal ein ziviler Passagier mit an Bord sein, der Colonel hatte seine Beziehungen spielen lassen, um seinen jungen Neffen mit diesem Schiff nach Bombay bringen zu lassen. Das Piratenwesen nahm im Arabischen Meer wieder zu, doch an die Transportschiffe der Navy wagten sich die Seeräuber dann doch nicht. Die beiden 4-Zöller92 im bugwärtigen Drehturm und die zwei mal zwei 2-Zöller93 in den gedeckten Bug- und Heckbarbetten flößten gemeinsam mit je 5 der ¾-zölligen94 Maschinenkanonen an den Breitseiten den schnellen, aber nur leicht gepanzerten Kanonenbooten der Piraten, deren Besatzung aus Renegaten aus aller Herren Länder bestand, einiges an Respekt ein. Sie suchten sich dann lieber doch leichtere Beute. Die Dampfpfeife eines sich nähernden Schiffes riss den Colonel aus seinen Gedanken, doch es war nur ein Kanonenboot der Indusklasse im Küstenwachdienst, welches vom offenen Meer kommend in die Bucht von Bombay einfuhr. Der Pier des großen Navyhafens wäre zu hoch für diese kleinen, nur 58 Meter langen und 8,9 Meter breiten Schiffchen gewesen, welche mit ihren beiden 3 zölligen95 Kanonen und auch den acht Kaliber .30 Maxim-Gewehren trotz ihrer Kleinheit nicht zu unterschätzen waren. Auch wenn diese Klasse eigentlich für den Patrouilleneinsatz auf den Flüssen des Britisch Empire konzipiert war, bewährten sie sich genau so gut hier in küstennahen Gewässern. Jetzt kam auch die MAID OF SEAS in Sichtweite und näherte sich dem Hafen. Der scheinbar frisch gestrichene weiße Rumpf des Schiffes leuchtete in der hellen Mittagsonne, und die blank polierten Metallteile blendeten den Betrachter sogar ein wenig. Nur an den Mündungen der Bugkanonen unterbrachen frische Schmauchspuren die strahlende, funkelnde Sauberkeit. Über Colonel Rossberghs rundliches Gesicht flog ein sparsames Lächeln. So blitzte und glänzte ein Schiff nur, wenn es Strafarbeiten gegeben hatte. Eine kleine Keilerei zwischen Armeesoldaten und Navyleuten? Es war ja bekannt, dass beide Truppenteile eine gewisse Rivalität kannten, besonders ausgeprägt in den Mannschafts- und Unteroffiziersgraden. Danach durften wohl Matrosen und Soldaten neben einander das Deck schrubben und den Rumpf putzen. Der Angriff von Piraten hatte scheinbar dann den Putzdienst unterbrochen!

Befehle klangen an Bord auf, an der Bordwand öffneten sich Luken und die Besatzung ließ einige Fender die Bordwand hinab. Diese sollten den direkten Kontakt der Bordwand mit dem Pier verhindern und bei schwererem Seegang den Lack vor Beschädigung schützen. Die beiden Dampfbarkassen des Hafens bugsierten das große Schiff seitwärts an den Liegeplatz, Trossen wurden an Land geworfen und an den Pollern ordentlich belegt. Dann traten die Motore der Winden in Aktion und spulten die dicken Trossen wieder auf, bis das Schiff sicher mit dem Pier verbunden vor Anker lag. Eine breite Planke wurde ausgelegt, und als erstes marschierten nacheinander drei Kompanie Marineinfanteristen im Schritt von Bord, überquerten den Pier, dann schwenkten sie nach links, wo sich die Kaserne der Marineinfanterie befand. Wohl Verstärkungen für die Flusspatrouillen, welche stichprobenartig den Handelsverkehr auf den Schiffen kontrollierten.

Ein seltsames Rasseln weckte Julians Aufmerksamkeit. Über die Planke rasselten jetzt kleine, gepanzerte Selbstfahrlafetten. Wie alle ‚Tanks‘ des Empire in der Form eines Rhombus, mit umlaufender Kette. Die geringe Größe von 27 Fuß und 6 Zoll96 Länge und nur 16 Fuß97 Breite deuteten auf eine Verlegung in die Berge hin, nach Dschalalabad oder Kabul, ebenso die relativ leichte Bewaffnung mit einer dreizölligen Kanone. Nach der Seite konnten sich die Besatzungen diese Wagen nur mir ihren verkürzten Gewehren durch Schießscharten verteidigen, welche im Normalfall geschlossen waren. Jetzt aber waren alle Luken und Schlitze geöffnet, es musste sehr schnell eine ungemein schwüle und stickige Hölle in diesem Gerät entstehen, wenn fünf Männer bei den Witterungsverhältnissen Indiens in dieser Sardinendose arbeiten mussten. 32 dieser kleinen Fahrzeuge fuhren im Schritttempo an Colonel Rossbergh vorbei, ehe sie nach rechts schwenkten, zur Festung des Heiligen Georgs. Nach diesen gepanzerten Fahrzeugen kamen zwanzig DLKW eines ihm unbekannten Musters mit dem Logo des RTC, des Royal Transport Corps, an den Türen. Julien seufzte über den Unverstand der Logistiktruppe. Der hohe Radstand mit einer Bodenfreiheit von geschätzten 17 Zoll98 war für indische Verhältnisse natürlich hervorragend, die doppelte Bereifung jedes der sechs Räder war kein Luxus, die Größe mit einer Länge von 21 Fuß 99 und einer Breite von 8 Fuß100 auch für schwere Lasten geeignet. Auch die Idee, die stumpfnasige Fahrerkabine mit einer weiteren Bank hinter dem Fahrer auszustatten, war sicher nicht schlecht. Außer der Last auf der Ladefläche fanden so noch sechs Personen zusätzlich zum Fahrer Platz in der Kabine – ein Squad, also ein halber Troop. Im Notfall eine gute Bedeckung für die Fracht, besonders mit dem Maxim-Gewehr, welches auf einem Drehkranz über der Rückbank montiert und durch eine Lucke im Dach erreichbar war. Alles gut durchdacht, bis auf die Fahrgastkabine. Es waren Türen mit Seitenscheiben eingebaut und nach vorne eine fest montierte Windschutzscheibe. Die Personen im Inneren des Wagen mussten einem Leid tun, lange konnten sie das in der Hitze Indiens nicht aushalten. Besonders, wenn wie hier die Fahrzeuge im dunklen braungrün des Transportcorps lackiert waren.

Der Klang eines Signalhornes neben sich riss Julian Rowan Rossbergh aus seinen Gedanken. Er fuhr herum und sah neben sich ein kleineres Fahrzeug, nach der Größe der Reifen ebenfalls gut geländefähig, und ebenfalls mit einer kompletten Kabine, auf der Tür die schwarze, sechsblätterige Rose auf silbernem Grund. Ein Wappen, welches Queen Anne aus dem Hause Stewart einem Maximilian Rosenberg aus Oldenburg gemeinsam mit der Ernennung zum Baronet 1708 verliehen hatte. Für besondere Leistungen bei der Verhinderung einer Landung ihres Bruders James Francis Edward Stewart am Firth of Forth. Auf der ihm abgewandten rechten Seite des rund 10 Fuß101 langen Viersitzers öffnete sich die Fahrertür, und die schlaksige, lange Gestalt von Caleb Richard Rossbergh faltete sich auseinander.

„Hello, Dear Uncle“, lachte der in einen hellen Anzug aus Baumwolle gekleidete junge Mann.

„Ihr wisst in London schon, dass Indien ein verdammt heißes Land ist, oder?“ schüttelte Julian den Kopf. „Diese Wagen sind völlig ungeeignet!“

„Ach“, staunte Caleb ostentativ. „Es ist nicht immer so angenehm warm wie jetzt?“

„Frecher Lümmel!“, schimpfte der Colonel. „Komm in meine Arme, Junge! Aber wer hat dir diesen Schrott angedreht?“

„Wir stellen sie selbst her, Onkel Julian Colonel Rossbergh Sir!“ Caleb salutierte nachlässig und lachte dabei. „Ich darf die dort drüben die ‚Bigs‘ und hier vor dir ein ‚Little Ivy‘ vorstellen.“

„Ivy?“

„Indian Vehicle, oder kurz IV.“

„Wer ist denn nur auf die dumme Idee mit der geschlossenen Kabine gekommen?“, wollte Colonel Rossbergh kopfschüttelnd wissen. „Das ist vielleicht von Juni bis September noch halbwegs sinnvoll, wenn der Monsunregen einsetzt. Aber in der restlichen Zeit? Da wird doch das ganze Fahrzeug zum Kochtopf!“

„Mutter natürlich“, versetzte Caleb. „Und jetzt steig zuerst einmal ein und zeige mir, wo ich wohnen soll!“

„Na schön“, ergab sich der Colonel in sein Schicksal und öffnete, fest entschlossen, seiner Schwägerin ein geharnischtes Telegramm zu schicken, die Beifahrertür und stieg in die Kabine. Angenehme Kühle umfing den Offizier, der erstaunt die Augen aufriss. „Was…?“

„Mutter hat von diesem Bajuwaren Carl Ritter von Linde eine Lizenz zur Herstellung von Kühlaggregaten erhalten und daraus eine Anlage zur Fahrzeugkühlung abgeleitet. Die Kakanier102 benützen es ja auch seit einiger Zeit in ihren Dragonerfahrzeugen und Motorgeschützen, also haben wir der Army ebenfalls Fahrzeuge damit angeboten. Das da drüben sind die ersten zwanzig, eben so viele sind bereits nach Ägypten unterwegs. Der Auftrag lautet für den Anfang auf insgesamt eintausend Big Ivys und zweitausend Little Ivys nur für Indien, im Laufe der Zeit möchte das Transport Corps komplett auf unsere Wagen umstellen.“

Der Colonel überdachte die Zahlen genauer. „Das könnte unter Umständen ein gutes Geschäft sein. Wenn die Lizenz nicht zu teuer ist.“

„Billig ist sie nicht gerade“, gestand Caleb. „Aber es lohnt sich dennoch. Wir stellen einfache Nachrüstsätze her. Die Tanks, die eben vorhin hier ankamen, sind schon damit ausgerüstet, und die MAID OF SEAS hat noch ein paar hundert an Bord. Damit nach und nach alle Kampfwagen der Army, der Dragoner und der Artillerie damit ausgerüstet werden können. Aber jetzt sag mir schon, wo ich hin muss!“

„Fahr einmal nach rechts, und diese Straße dort nach links. Ich lotse dich. Bist du eigentlich schon verheiratet?“

Caleb lachte. „Mutter hat gesagt, dass du das fragen wirst. Nein, bin ich nicht! Warum sollte ich eigentlich hierher kommen?“

„Weil dein Onkel Jake schwer krank ist und wir jemand vor Ort benötigen, der die Familiengeschäfte führt. Ich kann dir zwar helfen, aber als Offizier ihrer Majestät…“ Julian machte eine beredte Geste.

„Ich verstehe!“, nickte Caleb. „Ist meine Wohnung in der Nähe unserer Geschäftsstelle?“

„Direkt darüber. Ich habe das Haus gekauft.“

„Auf Mutters Ratschlag?“, lachte Caleb laut auf.

„Oh ja!“, gestand der Colonel. „Dein Vater – Gott sei seiner Seele gnädig – hat zwar viel von Whisky, aber nichts vom Geschäft verstanden. Aber er hat eine Sache richtig hinbekommen, nämlich Ava, deine Mutter, zu heiraten. Und ich bete zum Allmächtigen, dass du ihre Klugheit geerbt hast.“

„Vielleicht“, zuckte der junge Baronet mit den Schultern. „Hoffen wir das Beste und folgen wir ihren Ratschlägen!“

„Amen, mein Junge. Amen!

Das Haus der Firma Rossbergh erwies sich als ein kleiner, im indisch-muslimischen Stil erbauter kleiner Palast mit zwei Etagen und einem kleinen Innengarten, in welchem eine Fontäne in Form einer indischen Tempeltänzerin mit Füllhorn aus Bronze in einer Muschel für sanftes Plätschern und ein wenig Kühlung sorgten. Einige Bäume spendeten Schatten und breite Gänge durch das Gebäude für angenehme Zugluft.

„Hübsch hier!“ Caleb nahm den Hut ab und reichte ihn einem Butler, welcher einige Diener und Dienerinnen befehligte.

„Danke, Sahib“, verneigte sich Rangananda Saghrahada nach indischer Sitte.

„Und das sind wohl meine Angestellten?“, wies Caleb auf einige Frauen und Männer, welche in zwei Reihen zwischen seinem Fahrzeug und dem Tor standen.

„Deine Dienerinnen und Diener, Junge“, erklärte Julian. „Und deine Sprachlehrerin. Was man halt hier so braucht. Ich hole dich später ab und führe dich ein wenig herum!“

Von der ehemaligen Insel Bombay, jenem ‚H‘ mit langem Mittelstrich, waren auch nach Norden noch umfangreichere Landgewinnungsmaßnahmen durchgeführt worden, um so viel bebaubare Fläche wie nur möglich zu erhalten. Die Lagune zwischen den Inseln Bombai, Mazagon, Worli, Parel und Mahim bis ganz in den Norden zum Festland war durch Maßnahmen des Corps of Royal Engineers völlig verlandet. Dort hatten – zumeist im Ostteil in der Nähe des internationalen Zivilhafens – die nichtbritischen Europäer ihre Handelsniederlassungen und wohnten auch dort, im Rest der Stadt waren die Vaishya, die Handwerker und Händler der dritten indischen Kaste, und die Feringhee, Abkömmlinge weißer Männer mit indischen Frauen, zu Hause und hatten ihre Läden und Werkstätten. In den Straßen herrschte ein babylonisches Sprachgewirr, Englisch, Portugiesisch, Deutsch, Marathi und Gujarati aus dem nördlich von Bombay gelegenen Fürstentum. Man sah vom hellsten Europäer bis zum dunkelsten Inder alle Schattierungen. Die Rossberghs hatten die Festung verlassen und spazierten durch die Straßen dieser Großstadt.

„Wie du siehst, Caleb, hier geht es nicht ganz so beschaulich und gesittet wie in der britischen Enklave zu“, erklärte Julian seinem Neffen.

„Aber die Eingeborenen weichen doch auch hier jedem Weißen aus“, bemerkte der Jüngere. „Es geht hier nicht viel anders als in Highgate am Abend zu.“

Der Colonel blieb stehen. „Gibt es eigentlich das ‚Y and A‘ noch, Junge?“

„Natürlich, Onkel“, nickte Caleb. „Und Josselin führt immer noch das Geschäft. Mutter hat ihr ein paar Pfund zukommen lassen und sie hat mich über einige Wahrheiten des Lebens aufgeklärt, bevor sie mich mit einer ihrer jüngeren Damen allein ließ.“

„Josselin!“, träumte Julien. „Die kleine Josselin mit ihrem Kussmündchen und ihre fråçösiische Dialeect! Und das entzückende Muttermal auf ihrer Pobacke. Wie haben wir sie geliebt, dein Vater, Onkel Jake und ich. Ach das waren Zeiten! Aber komm, gehen wir weiter.“

=○=

Im Stadtteil Pawri der Metropole Bombay lebten die meisten nichtbritischen Europäer in der Nähe des immer noch wachsenden Hafens. Die Bauweise der Stadt war, wie könnte es anders sein, typisch viktorianisch-britisch, die Stadtherren hatten jedoch von Beginn an gerade, breite Straßen gezogen, um den Warenverkehr möglichst reibungslos zu gestalten. Auch war eine Eisenbahn bis Kalkutta angelegt worden, welche innerhalb der Stadt auch die beiden wichtigsten Häfen verband. Hier in Pawri war auch ein ständiges österreichisches Konsulat für das nordwestliche Indien angesiedelt, welches derzeit auch den ÖDLAG-Ingenieur Benjamin Mandelbaum und seine junge Gemahlin Chana beherbergte. Beide hatten sich nach dem Mittagessen ein wenig zurück gezogen, um eine kleine Siesta zu halten. Nun bewunderte der Ingenieur den hübsch geschwungenen Nacken seiner Gattin, blies ein wenig darauf und sah mit Entzücken, wie sich die kleinen Härchen aufrichteten. Sein Zeigefinger folgte dem Rückgrat nach Süden, erreichte die Schlucht zwischen den runden Hügeln und strich sanft darüber hinweg, weiter über den Schenkel. Dann wanderte seine Hand zur Innenseite des Beines und wieder nach oben, langsam und zart. Chana reagierte darauf, mit einem Lächeln auf dem Gesicht öffnete sie ihre Beine, um Benjamins Hand den Zugang zu erleichtern. Ein Angebot, welches er nur zu gerne annahm, seine Bewegungen konzentrierten sich bald auf einen einzigen Punkt. Dann folgte sie dem sanften Druck seiner Hand und reckte ihr wohlgeformtes Hinterteil hoch in die Luft – der Nachmittag begann für die Mandelbaums wirklich auf die angenehmste Art.

Fröhlich pfeifend stieg Benjamin nach einem letzten Kuss endlich aus dem Bett und suchte das Bad auf, wo er dankbar die Annehmlichkeiten der modernen Zeit genoss. Ein wassergespülter Abort, fließendes warmes und kaltes Wasser für eine Dusche, nur um zwei Beispiele zu nennen. Wenig später betrat er seine Arbeitsräume, um nach seiner Post zu sehen, welche ein Bote etwa um 15.00 Uhr in sein Büro zu bringen pflegte. Gewohnheitsmäßig nahm er ein Zigarillo aus dem Kästchen, als sein Blick auf ein Telegramm fiel, welches ganz oben auf dem Stapel Briefe lag. Sofort öffnete er das Papier und las den Text, welcher aus nur einem Wort bestand: —los—. Benjamin schloss die Augen und atmete tief durch. Es war also endlich so weit, Österreich und die ÖDLAG hatten sich nach zähen Verhandlungen doch noch mit der britischen Regierung geeinigt. Aufgewühlt ging er in seine Wohnräume zurück, wo Chana eben ihre Toilette beendete. Er eilte zu ihr, schlang von hinten seine Arme um sie und küsste ihren Nacken.

„Schon wieder?“, neckte sie ihn, die Zärtlichkeit durchaus genießend. „Solltest du nicht irgendwann auch einmal etwas arbeiten?“

„Bald, Chana“, flüsterte er in ihr Ohr. „Das Telegramm ist da. Morgen geht es los!“

Am nächsten Morgen schifften sich die Eheleute mit ihrem Gepäck auf der KKS SEMMERING ein, einem von der ÖDLAG gemieteten Passagierschiff mit 128 Metern Länge. Begleitet von einer ansehnlichen Flotte aus Frachtschiffen mit allerlei Baumaterialien an Bord bestehend, nahm die SEMMERING Kurs auf Nala Sopara, ein kleiner Ort an der Küste etwa 50 Kilometer nördlich von Bombay, im Gebiet zwischen den Flüssen Vasai und Varnitara. Dort sollte mit einem neuen Luftschiffhafen Indien an das Netz des internationalen Luftverkehrs der ÖDLAG angeschlossen werden. Es war ein zähes Ringen um territoriale Hoheit, um die genaue Größe, Rechte und Pflichten beider Parteien gewesen. Im Endeffekt verkaufte Britannien ein Areal von 2 x 1 Kilometer, oder nach dem englischen Maßstäben 1,25 Meilen zu 0,6 Meilen für den Bau eines Flugfeldes, einer Abfertigungshalle und eines Hotels als von der Umgebung abgeschlossenes Areal. Daneben sollte noch ein Bahnhof und eine Zugverbindung nach Bombay entstehen. Die britische Armee kontrollierte die Zugänge und die Bahn, innerhalb des Gebietes des Lufthafens war jedoch das Personal der ÖDLAG und des österreichischen Heeres für die Sicherheit zuständig.

In Erwartung eines baldigen Abschlusses der Verhandlungen war bereits eine Konstruktionsflotte in Marsch nach Indien gesetzt worden. Einige tausend Säcke voll erstklassigen Zements und Puzzolans, dazu einige Tonnen doppel-T-Träger aus bestem Ulmer Leichtstahl, Rohre, Kessel und allerlei andere für den Bau einer großen Halle nötige Dinge. Auf der SEMMERING fuhren der Ingenieur, einige Mechaniker, Techniker, die Vorarbeiter, Köche, Schreiber und Verwalter zu Baustelle, sie sollten bis zum Bau entsprechender logistischer Einrichtungen auch auf dem Schiff wohnen und arbeiten. An Land hatten die Österreicher bereits im Vorfeld einige nötige einheimische Arbeiter angeworben, die jetzt auf Abruf bereit standen. Und es eilte! Bis im Juni der Monsun wolkenbruchartige Niederschläge brachte, sollte zumindest das Verwaltungsgebäude stehen.

Die Küste war zwar nicht eben hervorragend für die Anlage eines Hafens, zumeist gab es ziemlich flaches Wasser mit Sandstränden, aber nur wenige hundert Meter den Vasai hinauf war eine leicht zu bearbeitende Stelle, um später einen ordentlichen Kai zu bauen, an welchem selbst große Schiffe be- und entladen werden konnten, die Bahn sollte sodann bis hierher verlängert werden. Bis dahin musste man sich eben mit Leichtern behelfen, welche statt Soldaten und Kriegsgerät dieses Mal Schaufelbagger und Dampfwalzen von Bord der Schiffe brachten. Der Ingenieur Benjamin Mandelbaum kontrollierte gemeinsam mit einem Major des britischen Ingenieurchors noch einmal die Markierungen nach, welche bereits für die Verhandlungen gesetzt worden waren, dann rollten schon die ersten mächtigen dampfbetriebenen Schaufelbagger heran und begannen, die Grube für das Fundament des ersten Gebäudes auszuheben.

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Wenn man von Bombay etwa 1.050 Kilometer ziemlich genau nach Nordosten flog, erreichte man die Hauptstadt Govongarh des Fürstentums Rewa in der Region Baghelkhand. Etwa 50 Kilometer nördlich des Palastes von Maharadscha Pandit Marahut III vereinigte sich der Fluss Satna mit dem Fluss Beehar zum Tamas, der anschließend weiter im Norden floss und schließlich in den Ganges mündete. Es war eine teilweise recht idyllische Landschaft, die Flüsse bildeten hier einige Wasserfälle und befruchteten westlich des Tamas ein Gebiet, welches zu den liebsten Jagdrevieren des Maharadschas zählte. Vom Zusammenfluss des Satna und des Beehar nach Osten und dann, nach einer scharfen Kehre nach Nordwesten erstreckte sich beiderseits des Flusses Tamar in einem stellenweise anderthalb bis zwei Meilen breiten und mehr als 300 Yard103 tiefen Tal einige Meilen von so gut wie undurchdringlichem Dschungel. Die wenigen Abenteurer, welche eine Reise abseits des Tamar in diesen wilden, ursprünglichen Teil des Fürstentums überlebt hatten, erzählten von einem Tempel, der beinahe völlig vom Wald überwuchert war und aus dessen Fenstern Nachts Licht scheinen sollte. Ihre Schilderungen trafen auf nur wenig Glauben, alte Tempelruinen mochte es im Dschungel viele geben, aber das Licht? Glühwürmchen vielleicht, oder etwas ähnliches. Das Royal Air Service entsandte einen Ornithopter, welcher das Gebiet überfliegen sollte, doch die Besatzung konnte nichts ungewöhnliches fest stellen. Meile um Meile verfilzter Urwald eben, aus dem ab und zu ein besonders hoher Baum oder eine steile Felsennadel ragte.

Und doch, unter den Bewohnern des Baghelkhand kursierten uralte Geschichten, dass in jenem Dschungel ein, nein eigentlich sogar DER Tempel der Schwarzen Kali verborgen sein sollte. Der Tūphāna dā Mahila, der Palast der Stürme. Die Räumlichkeiten dieses Tempelpalastes sollten ungeheuer prächtig ausgestattet, die mächtige, acht Meter große Statue der Kali aus einem einzigen Brocken Obsidian geschliffen sein und sowohl ihr Sichelschwert als auch ihr Dreizack aus purem Gold bestehen. Wenn man ihn fand, sollte der Gast über einen Fußboden aus feinsten Mosaiken schreiten, und der Sage nach luden ihn feinste Seidenteppiche in erlesenen Mustern zum sitzen ein, und auch die Bilder an den Wänden waren aus feinst gesponnener Seide geknüpft. Nun, wie sich die nicht eben mit großem materiellem Reichtum verwöhnten Hindus der unteren Kasten Indiens eben ein luxuriöses, einer Göttin angemessenes Ambiente vorstellten. In diesem Palast sollte heute eine Maharānī, eine mächtige Fürstin, die Herrschaft ausüben, eine Herrscherin, eine Priesterin, mit der ganzen Macht der großen Göttin Kali ausgestattet. Ihre Untertanen ritten unsichtbar auf ihren geflügelten Rossen durch die Lüfte bis nach Bombay, Kalkātā und sogar der großen Insel im Süden, nach Ceylon oder nach Norden über den Hindukusch. Auf diesen Raubzügen besorgten sie die Speisen für die Tafel der Herrin des Palastes und ihr Volk, Seide, Weihrauch und natürlich auch einige Opfer für Kali. Vorzugsweise junge, gut aussehende Männer.

Diese Geschichten waren zumindest nicht ganz falsch. Es gab diesen Tempelpalast, es war ein gigantisches Bauwerk, welches nicht mit Fackeln, sondern von tausenden und abertausenden flachen, etwa handtellergroßen Kacheln beleuchtet wurde. Woher das Licht kam, welches diese Keramiken ausstrahlten, hätten selbst von den Bewohnern niemand mehr zu sagen gewusst, selbst wenn er – oder sie – es gewollt hätte. Es war eben so, sie kannten es nicht anders, die Platten hatten bereits vor ihrer Geburt geleuchtet, ihr Licht würde sie ihr Leben lang begleiten und weiter strahlen, wenn sie dieses Leben beendeten. Es gab riesige Hallen mit Dächern aus einer Art Glas, welches von oben wie Gras aussah und in denen Korn gedieh, mehr als genug, um den Tieren der Höhlenbewohner als Futter zu dienen und die Tafeln der Bewohner mit Brot zu versorgen. In anderen Hallen wurde Reis gezogen oder verschiedene Gemüsesorten. Die Bewohner des Palastes lebten schon in einem gewissen Luxus, aber sie führten doch auch ein sehr abgeschiedenes Dasein.

Die Geschichten über die Herrschaft einer Maharānī stimmten ebenfalls, zumindest teilweise. Amrita Kalionkasevana stammte aus einem uralten Geschlecht, welches ihre Wurzeln bis in jene Zeit zurückverfolgen konnte, in welcher die Götter in ihren Vimana, ihren gigantischen fliegenden Städten, einen Jahrhunderte langen, grausamen Krieg gegeneinander ausfochten, welcher den Menschen nur noch Tod und Verderben brachte, die Erde zerstörte, die Flüsse austrocknete und die Meere in Dampf verwandelte. Bis Kali als der zu Fleisch gewordene Zorn aus der Stirn der vollkommenen Göttin Durga entsprang und mit Hilfe der größten aller fliegenden Städte alle anderen Vimana über jenem Gebiet vernichtete, in welchem seither die unfruchtbare, öde und menschenfeindliche Wüste Thar liegt. Dann zog sich Kali in die Dschungel der Mitte Indiens zurück und verbarg ihre Stadt mit den schrecklichsten aller Waffen unter den mächtigen Bäumen des Urwaldes und übergab die Stadt und deren Waffen dem Geschlecht der Kalionkasevak104 zur getreuen Verwahrung. Die Vimana mit dem Namen Rahasyon-ka-Mahal105 war eine Anzahl von Türmen, deren mittlerer etwa 900 Meter von der Basis in die Höhe strebte und heute wie eine Felsennadel aussah. Dieser Hauptturm war von den weniger hoher Türmen der Stadt umgeben, welche ebenfalls wie steile Felsen aussahen und unter dem Blätterdach durch elegant geschwungene Brücken miteinander verbunden waren. Sie ruhten auf einer etwas mehr als einen Kilometer durchmessenden und vierhundert Meter hohen Scheibe, in dieser Basis waren in der unteren Hälfte große Räume für die Bewohner nicht zu betreten, die Lifte in vielen Etagen nicht anzuhalten. In der oberen Hälfte waren die Agrarhallen untergebracht, in den Türmen wohnten die Menschen. Im zentralen Turm, ganz an der Spitze, lagen auf einigen Etagen die wahrhaft luxuriösen Räumlichkeiten der Maharānī und der Priesterinnen und Priester. So lag die Stadt schon seit Jahrtausenden im Dickicht des Dschungels verborgen. Sollte sich außer Bären, Affen oder Tigern auch einmal ein Mensch hierher verirren, so sah er eine auf weite Strecken von Vegetation überwucherte Mauer, die freien Stellen zeigten kunstvoll in den Stein gehauene Reliefs mit Szenen aus dem Kamasutra, ähnlich jenen am Tempel Kajuraho, einige sichtbare kleine Türmchen und anderes Mauerwerk sah wie jenes einer Ruine aus.

Der Rahasyon-ka-Mahal landete gemäß den Überlieferungen wohl zu jener Zeit im Dschungel, als im Industal die große Kultur von Mohenjo-Daro und Harappa unter anderem auch wegen des großen Krieges der Götter unterging, als Hamurabi seine Gesetze in Tontafeln ritzen und später in Stein meißeln ließ und als in Ägypten bereits die 12. Dynastie herrschte. Das Dickicht verbarg ihre Formen und der Wald hielt die Neugierigen fern, wenn der Zufall doch einen Menschen in diese Gegend führte, so kam er bis eben jene Mauer mit den Bildern, aber nicht weiter. Der Palast war wohl mit einer ganzen Reihe von Zugängen ausgestattet, deren Lage und Aussehen man aber genau kennen musste. Der Uneingeweihte konnte hunderte, ja tausende Male daran vorbei laufen und sie dennoch nicht sehen. Dass die Raaj-ke-Log106 unsichtbar auf ihren Rossen durch die Luft bis Ceylon reiten konnten, um sich Opfer für die Göttin zu besorgen, war allerdings ein Märchen. Die fuhren mit großer Geschwindigkeit durch Röhren aus Stahl in schwebenden Zylindern mit einem Dach aus Glas. Sie wussten nicht, wie weit, nur dass es manchmal an die zwei Tage oder länger dauerte, und wenn sie dann dem Devee-ka-Rath107 entstiegen und an die Oberfläche kamen, standen sie auf einer Ebene, oder an einer Küste. Oder in einem Tal unter einem hohen, mit Schnee bedeckten Berg. Sie suchten dort auch nicht nach Opfern für die Mahaan Kali108, das überließen sie den Devee-Kaali-ke-Yoddha109, welche ihrerseits aber überhaupt nichts vom Volk der Geheimisse wussten.

Die Devee-Kaalee-ke-Yoddha waren, je nachdem, wen man fragte, Partisanen und Freischärler, auf jeden Fall Krieger und Helden im Kampf gegen England und die Fremdherrschaft oder aber schlicht und einfach Terroristen. Manchmal schloss auch das Eine das Andere nicht aus. Fest stand jedenfalls, dass sie derzeit mit Vorliebe Briten und ihre Soldaten, die Sepoy, meuchelten, zumeist mit einer Würgeschlinge oder einer Sichel. Letztere war ein offizielles Attribut Kalis und das unauffällige Werkzeug eines jeden Bauern, und auch die Schlinge eine einfach mit sich zu führende Waffe. Als Gürtel, welche den Lungi110 hielt, zum Beispiel. Oder als langes Tuch als eine Art Turban um den Kopf gebunden. Die Yoddha träumten bereits seit langem davon, irgendwann die Herrschaft der englischen Maharānī abschütteln zu können und alle Fürstentümer unter einem indischen Maharadscha vereint zu sehen. Im Jahr 1857 waren sie nicht ganz unbeteiligt am Aufstand der Sepoy und der immer mehr verarmten indischen Zivilbevölkerung, aber ihr verbissener, wenn auch geheimer Kampf war bereits seit den ersten portugiesischen Versuchen einer Kolonisation einiger Küstengebiete im Gange. Bisher stand die Partie zwischen Yoddhā und Briten ziemlich unentschieden, beide hatten ihre – wenn auch kurzfristigen – Erfolge gefeiert, ohne jedoch die andere Partei ganz loszuwerden. Und beide Seiten erhielten laufend neue Kämpfer.

=○=

Wenn man in Europa den Namen Indien hörte, so dachten die Leute an dichten, undurchdringlichen Dschungel, an den Maharadscha und daran, dass es im Besitz Britanniens war. All das war nicht ganz falsch, aber auch nicht völlig richtig. Indien war riesig, und die Landschaften reichten vom oben erwähnten Dschungel bis zu jener ähnlich der Sahara weitestgehend wasserlosen Wüste Thar. Es gab nicht den Maharadscha, sondern eine ganze Reihe von Rajas, also Fürsten, die den Titel Maharadscha, das bedeutet großer Fürst und ist etwa gleichbedeutend mit König, beanspruchen konnten. Nicht über ganz Indien natürlich, sondern nur über ihr Fürstentum, die Situation war nicht unähnlich dem alten Heiligen Reich deutscher Nation, nur ohne einen gemeinsamen Kaiser. Der, oder besser gesagt die saß seit 1876 in London und hieß Queen Victoria, Empress of India. Sie war genau genommen die einzige Person, welche de jure über den Rajas stand, inclusive der Peerage von Großbritannien und England. Eine Ausnahme waren in gewisser Hinsicht die Residenten, welche die Kaiserin von Indien in ihrer unendlichen Güte und Weisheit den Maharadschas zur Seite stellte. Eine Art von der Krone bestellter Premierminister, welcher die Tagesgeschäfte im Sinne Britanniens und seiner Kaufleute führen sollten. Und so bekam der Raja die Honneurs und der Resident übte die Macht aus, teilweise durchaus auch über den Fürsten. Aber trotz seiner teilweisen Machtlosigkeit war ein Maharadscha immer noch gleichbedeutend mit einem König, und damit stand ihm auch Respekt zu. Etwas, das englische Peers in ihrer Überheblichkeit gerne übersahen.

Major Robert Mainville und Major Charles Bramport vom 57. schweren Kavallerieregiment, den Bombay Kürassieren, hatten den Befehl bekommen, für seine Lordschschaft Lord Henry Tockerfield, 8th Duke of Lester, einem Mitglied der Peerage of England und dessen Gattin Elspeth eine Tigerjagd zu organisieren. Sir Matthew Blake, der Resident des Maharadschas von Rewa hatte sich sehr zuvorkommend gezeigt und den Offizieren die Unterstützung des Fürsten Pandit Marahut III zugesagt. Dieser war zuerst nicht sehr begeistert gewesen, einige seiner wertvollen Tiger irgendwelchen Ausländern zu opfern, hatte aber auch keine Möglichkeit gesehen, die Jagd komplett zu unterbinden. Nicht, wenn der britische Resident für Bahelkhand eindringlich für einen hohen Peer von England fragte. Also hatte er die Gesellschaft einigermaßen freundlich empfangen und ihnen seine schönsten Zimmer zugewiesen, jene mit Ausblick auf den See, auf dessen Insel ein kleines Tempelchen stand.

„Wie spricht man denn eigentlich so einen eingeborenen Marahadschi an?“, fragte Lady Elspeth den Residenten, nachdem die Diener sie in ihre Suiten gebracht hatten. Sir Matthew hatte das Paar begleitet, falls sie noch Wünsche hätten. „Das rote Kleid für heute Abend, Milly!“

„Yes, Ma’am“, knickste die Zofe und entfernte sich in das andere Gemach.

„Nun?“

„Wenn Milady heute dem Maharadscha vorgestellt werden…“

„Was soll das heißen?“, fuhr Elspeth herum. „Es ist doch wohl so, dass dieser schwarze Marahadscha mir als weißer Lady, einer Duchesse der Peerage of England vorgestellt wird, nicht etwa umgekehrt!“

„Äh, nein, Ma’am.“ Sir Matthew legte seinen Panamahut auf ein kleines Tischchen und lehnte seinen Stock dagegen. „Auch wenn Milady den Titel einer Duchesse trägt, so ist der Maharadscha ein König und hat auch ein Anrecht…“

„Ein Indian Lout111!“, rief Lord Harry heftig. „Das ist doch nicht ihr Ernst, Blake! Ein Brat soll ein – ein König sein? Dieser verdammte minderwertige braune Lout ist doch höchstens so etwas wie ein Stammeshäuptling!“

„Er ist ein König, Milord“, betonte Sir Matthew. „Seit 1857 die East India Company aufgelöst wurde, lautet der Befehl Ihrer Majestät, Queen Victoria, Königin von Großbritannien, Britisch-Amerika, Britisch-Westafrika und Britisch-Südafrika sowie Kaiserin von Indien, dass die Radschas und Maharadschas der indischen Fürstentümer als Könige zu betrachten und auch so zu behandeln sind. Und wenn Milord gestatten, so ist der Befehl meiner Königin für mich Gesetz! Immer und überall!“ Der Resident nahm Haltung an. „Gott schütze Königin Victoria!“

„Gott schütze die Königin“, intonierten gezwungenermaßen auch Elspeth und Harry.

„Na schön“, resignierte Lady Elspeth. „Dann muss ich aber doch nicht wirklich Royal Highness und Sir zu diesem Bimbo sagen?“

„Der übliche Ausdruck lautet Mahimā statt Hoheit. Sir wird selten benützt, gilt aber als durchaus schicklich.“

„Und die Frau des Marahadschas? Soll ich die etwa auch mit Hoheit ansprechen?“

„Die übliche Anrede der Gattin des Maharadscha oder anderer Damen von hoher Herkunft lautet einfach Banu. Wenn Ihr sie wie ein Mitglied der Peerage of Britannien behandelt, so ist das angemessen.“

„Und ich dachte, wir hätten diese lächerlichen Spiele endlich hinter uns“, schimpfte der Duke. „Wozu haben wir dieses Land eigentlich unter unseren Schutz genommen und zivilisiert? Dieses undankbare Gesindel!“

Die beiden britischen Adeligen hatten sich dann auch während des Dinners wie in ihren Kreisen ziemlich üblich benommen. Arrogant und präpotent, als wäre die Welt im Allgemeinen und Indien im speziellen ihr Privateigentum. Besonders Lady Elspeth, eine junge und an sich recht hübsche, blonde Frau mit eiskalten Augen. Sie hatte an allem etwas auszusetzen gehabt, so hatte sie etwa moniert, dass kein Beefsteak oder Fisch zum Dinner angeboten wurde und dass in jeder Speise dieses scheußliche Curry zu finden war. Der rote Wein war zu süß, der weiße nicht süß genug. Die Fleischstücke waren zu lange gebraten, das Gemüse nicht lange genug gekocht. Die indischen Boys waren viel zu wenig aufmerksam, sie müssten doch viel eher merken, dass ihre Ladyschaft noch einen Wunsch hatte, die Tänzerinnen waren nach ihrer Ansicht viel zu leicht bekleidet und es passte ihr gar nicht, dass die Herren die Augen kaum von ihnen nehmen konnten. Selbst den beiden Offizieren der britischen Ganges-Armee und dem Residenten war dieses Benehmen bereits etwas peinlich.

„Eure Lady erinnert mich etwas an die Gattin des ehemaligen Radschas von Madrahore. Aber Randamurta Rajendra hat sich die schöne Laya ja unbedingt in seinen Palast holen müssen. Jeder hat gesagt, nimm doch Deesna, die Tochter des Raja von Travankore. Aber nein, es musste die Tochter des Maharadschas von Madras sein.“ Pandit Marahut, ein etwa fünfzigjähriger Mann mit freundlichem Gesicht und einem prächtigen Vollbart lächelte und verdrehte die Augen nach oben. „Die Hofdichter besangen ihre Schöhneit. ‚Avaļ mukam kuraiyillāmal iruntatu‘, ihr Gesicht war makellos. Avaļutaiya kankalļ iraņtu karuppu vairańkaļaip pola iruntana, ihre Augen waren wie zwei schwarze Diamanten. Ihr Hals war elegant wie jener der edelsten Rosse, ihre Brüste so rund und schön sie die Melonen aus dem fernen Persien, ihr Bauchnabel versprach die Süße des Paradieses – die Tamilen waren damals nämlich noch Muslime, müsst Ihr wissen – ihre hinteren Rundungen hätten selbst die Heiligsten in Versuchung geführt, und das Allergeheimste zwischen ihren Schenkeln war den Verzicht auf das Paradies wert! Nun ja!“ Der Fürst machte eine resignierte Geste.

„Und dann?“ fragte Major Bramport und wurde knallrot im Gesicht, als eine der Tänzerinnen mit den Bauchmuskeln eine Feige aus der Schale hob und ihm die Frucht einladend vor dem Mund hielt. „Ist – ist es ungehörig, die Feige mit den Fingern zu nehmen?“

Pandit lachte schallend. „Du kannst dir die Frucht nehmen, womit immer du willst, Pramukha112. Aber wenn du die Hände nimmst, versäumst du das Beste. Eshņānah bietet dir eben viel mehr an als nur Obst. Nur zu, nimm die Lippen, meinen Segen hast du. Viel Vergnügen heute Nacht, ab jetzt bist du entschuldigt, und sei ein sampūrņa Māņūsa.“

„Äh…“

„Ein ganzer Kerl“, mischte sich sein Kamerad, Major Mainville, ein und untermalte seine Worte mit einer eindeutigen Geste, den empörten Blick ihrer Ladyschaft ignorierten sowohl er als auch Charles und der Resident gekonnt.

Charles Bramport beugte sich die paar Millimeter vor, ergriff die Feige mit den Lippen und erhob sich. „Danke, Mahimā. Resident, Bob!“

Robert Mainville sah Charles und der Tänzerin lächelnd nach, dann wandte er sich an den Maharadscha. „Ihr verwöhnt uns, Mahimā. Bai Eshņānah ist eine wirklich schöne Frau. Ob wohl Laya aus Madras ebenso schön war? Banu Padma schlägt sie ja noch beide!“

„Vorsicht, mein britischer Freund“, hob der Raja lächelnd seinen Zeigefinger. „Auch wenn ihr Padma noch so lobt, meine Frau teile ich mit niemandem. Ich bin doch kein Perser!“

Beinahe verschluckte sich Robert an seinem Tee. „Mahimā, ich wollte doch nur…, ich meine, ich… Jetzt rede ich mich gleich um Kopf und Kragen!“

„Keine Sorge“, feixte Sir Matthew. „Der Maharadscha hat in Eton studiert. Jurisprudenz, er könnte in London sofort als Barrister arbeiten. Er kennt unsere Sitten und wollte sie nur ein wenig auf den Arm nehmen!“

„Da hat er Recht“, gestand Pandit Marahut. „Es ist schon eine Zeit her, dass ich einen Mann den Tigern vorgeworfen habe, weil er Padme hinterher geglotzt hat!“ Der Fürst machte ein böses Gesicht und funkelte einige Gäste an der Seite finster an, welche sich davon jedoch weder beeindrucken noch stören ließen. Sie kannten ihren Raja zu gut.

„Zum Anglotzen haben mir die Götter den Hintern gegeben, Mājhē Svāmī āņi Patī113“, wisperte Padme dem Raja ins Ohr. „Aber das Anfassen ist Dein alleiniges Privileg.“

„Und wie ging die Geschichte mit Randamurta und Laya weiter“, versuchte Major Mainville abzulenken.

„Schlecht, Pramukha, sehr schlecht“, bedauerte der Fürst. „Laya war mit nichts zufrieden, alles war ihr zu wenig und zu schlecht. Der Radscha versuchte trotzdem, seine Frau zufrieden zu stellen, um Eingang in ihr irdische Paradies zu erhalten. Und so gab er immer mehr Geld aus, viel mehr, als seine Untertanen aufzubringen vermochten. Land und Leute verarmten, während Laya im vollendeten Luxus schwelgte und sich jede Annäherung ihres Gemahls teuer bezahlen ließ. Eines Tages war Sir Oswin Poolidge, der englische Resident von Madrahore, gezwungen, den Raja und seine Rani zu entmachten, um die vollständige Zahlungsunfähigkeit des Landes zu verhindern. Seither ist das ehemalige Riyāsata114 eine direkte britische Kolonie, und das, wie ich zugeben muss, zu Recht. Randamurta und Laya wurden in ein Exil geschickt, wo er bald darauf vor Sehnsucht nach dem Allergeheimsten seiner Gattin verschied, denn er hatte nun, ohne Gold und Juwelen, dazu keinen Zugang mehr. Nun, mein Freund Resident, ich spare lieber ein wenig, behandle mein Volk halbwegs gut, befolge die britischen Gesetze und behalte mein Fürstentum und die Zuneigung meiner Frau, über welche zwar kein Dichter unsterbliche Lieder schreiben mag, der aber meine Umarmungen auch ohne Gold willkommen sind.“

„Und die das Gold deines Herzens lieber mag als das Gold von hundert Schatzkammern“, ergänzte Padme, den Maharadscha auf die Backe küssend.

=○=

Am nächsten morgen wollte man dann in das Jagdgebiet aufbrechen. Die Majore trugen ihre leichten Khakiuniformen mit den hohen Tropenhelmen, der Duke einen der eben neu in Mode gekommenen Safarianzüge in Beige mit einem breiten Hut amerikanischer Prägung, und auch Lady Elspeth hatte ihre recht üppigen Formen in ein solches Kleidungsstück gezwängt. Bewaffnet waren die Herren recht gut, die Offiziere mit ihren Dienstwaffen, Karabinern von Enfield-Spencer Mark III, Kaliber .308 mit verkürztem Lauf und natürlich je einem Webley IV Ordonanzrevolver. Darüber hinaus hatten sie sich jeder ein langes Scharfschützengewehr aus dem Arsenal der Garnison in Bombay geholt, Sharps-Winchester, Kaliber .44-45. Ein schweres Geschoss und eine starke Treibladung in Verbindung mit engen Zügen konnten den Tod zielsicher über eine gute Meile115 senden, falls der Mann hinter der Waffe ebenso gut wie das Gewehr war. Der Lord hatte sich mit einer 44-40 BAR aus den amerikanischen Kolonien ausgestattet und trug auch den dazu passenden Revolver, seine Frau hatte sich eine leichte Winchester .25 long Rifle über die Schulter geworfen und einen Revolvergürtel mit einem leichten .22 Revolver, welcher aber eine Trommel mit 7 Schuss aufwies, um die ausladenden Hüften geschwungen. Nicht, dass sie dick gewesen wäre, ihre Ladyschaft hielt viel auf Sport und Fitness, aber Busen und Po waren von Mutter Natur eben etwas üppiger als normal ausgestattet worden. Sehr zur Freude des Duke, der die Tochter des Baronet Sir William Hoover auf einem Ball des Lord Gouverneur of the Territories of Carolina, Georgia and Tennesee, Lord Abraham Stewart Littlemors, 8th Duke of Ashleymoore in Charleston gesehen und noch am selben Tag ihren Vater um ihre Hand gebeten hatte. Die Hochzeitsnacht war eher enttäuschend für beide ausgefallen, doch allmählich hatte ihre angeheiratete Ladyship durchaus Gefallen an der Sache gefunden und ihrem Herrn Gemahl gezeigt, wie sie es gerne hätte.

Die Briten schritten sich ihrer Macht und Stellung durchaus bewusst auf ihr dampfbetriebenen SPMHP zu. Dem Steam-Powered Mechanical Hunting Palanquin116, der in den Steppen des westlichen Sudan von den Arabisch sprechenden Einwohnern ‚Fil Albukhar‘117, von den Swahili in Britisch-Kongo ‚Tembo wa Mitambo118‚ und den westlichen Völkern des Wampums in British-America ‚The Great Shit119‘ genannt worden war. Vier dicke Säulenbeine mit 5 Fuß120 Schulterhöhe und 30 Zoll121 Durchmesser trugen einen Körper von quadratischem Querschnitt mit abgerundeten Ecken und Kanten, Höhe und Breite betrugen etwas mehr 6122 Fuß, die Länge 17123. Oben an der stumpfen Schnauze war hinter einem kuppelförmigen Käfig aus dicken Stangen ein Führerstand zu erkennen, der über eine Strickleiter zu erreichen war, in diesem Cockpit war eben ein Angestellter des Duke dabei, den endothermischen Dampfkessel zu starten. Mittig des Gerätes hing unter dem Rumpf an vier Zahnstangen an den Ecken eine Sänfte mit zwei gepolsterten Sitzbänken, welche insgesamt vier Personen Platz boten. Der Duke begleitete seine Gattin zwischen den Beinen hindurch zum rechten hinteren Sitz und half ihr beim Einsteigen und schloss die Sicherheitskette, dann ging er um das Vehicel herum und setzte sich neben sie. Diese Rückbank war gegenüber der vorderen besser gepolstert und auch höher positioniert, auf den unbequemen vorderen Sitzen nahmen zwei Jagdführer des Maharadschas Platz, bewaffnet mit zweiläufigen Bockflinten und je zwei schweren, vierläufigen Howdha- Pistolen in Kaliber .52124, welche sie auch sofort in die dafür vorgesehenen Taschen an der Innenseite der Howdah verstauten. Kaum saßen die Jagdgäste, wurde der Howdah mit Dampfkraftnach oben bewegt, bis die Briten hoch über den Beinen thronten. Die Majore schritten mit ihrem Führer und einem Mahaut zu einem echten, lebenden Elephanten, um ebenfalls zur Jagd zu reiten.

Angeekelt spuckte der Maharadscha Pandit Marahut in das hohe Gras, als er auf seinen – allerdings kastrierten – Lieblingsbullen zuging.

„Das Ding ist etwas für Feiglinge“, brummte er in seinen prächtigen schwarzen Vollbart und klopfte Majabūta auf den Rüssel. Das riesige Tier nickte befriedigt und nahm vorsichtig mit dem Rüssel eine angebotene Mango aus der Hand des Fürsten. Sein Mahaut Himbal Nami nickte stumm. „Wo bleibt denn da das Gefühl“, schimpfte Pandit weiter. „Keine, Sorge, Majabūta, dich werde ich nie gegen ein solches – solches – Ding eintauschen!“ Er holte noch eine Frucht aus seiner Umhängetasche, welche das Tier wieder mit sichtbarem Wohlbehagen verspeiste. Der Maharadscha hatte für die Jagd eine dunkelgrüne seidene Churidar125 und einen hochgeschlossenen Sherwani126 aus dem gleichen Material in silberner Farbe gewählt, sein Pagri127 war in fürstlichem Rot mit der Schwanzfeder eines Pfaus über der Stirn. In seiner Sěśa128 steckte ein britischer Webley-Revolver .455 und ein prächtig verzierter Kațārī129, über der Schulter hing eine zweiläufige Jagdflinte Kaliber .32 von James Purdey & Sons, London. Eine wertvolle Waffe, fein ziseliert und mit einem Kolben aus bestem Walnussholz.

„Die Iňgraja lôka130 sind fertig, Mahimā“, meldete der Mahaut.

„Nun gut“, nickte Pandit Marahut III und klopfte an eine bestimmte Stelle neben Majabūta Rüssel. „Vara, Vara!131“ Folgsam legte der Elefant den Rüssel um Pandits Hüfte und hob ihn in seinen Nacken, von wo der Maharadscha in die Howdah kletterte und es sich so bequem wie möglich machte. Dann ließ sich Himbal Nami in die Höhe tragen und nahm im Genick des Elephanten Platz.

„Wir sind Abmarschbereit, Mahimā“, gab der Elephantenführer bekannt. Der Fürst wies einfach nach vorne. „Also, vorwärts denn. Es geht los!“

Ein Elefant ist, wenn es eilig hat – oder es eilig haben muss – ein recht schnelles Tier. Im vollen Galopp hätte er die 50 Kilometer bis zum Jagdgebiet in etwas mehr als einer Stunde zurück legen können. Trotzdem hatte der Radscha eine gemächlichere Gangart anbefohlen, denn die Jaghelfer mussten ohnehin erst die entsprechenden Vorbereitungen treffen. Allen Sagen zum Trotz war der indische Tiger keine blutrünstige Bestie, die nur darauf wartete, einen Menschen zu überfallen. Lieber ging sie ihm aus dem Weg, dieses zweibeinige Wesen war der großen Katze unheimlich. Erst, wenn der Tiger keinen Ausweg mehr sah, griff er einen Menschen an, und wenn ihm das gelang, dann wurde er zum Man-Killer und zum Man-Eater. Der letzte Zwischenfall mit einem solchen Tier lag allerdings schon einige Zeit zurück, daher hatte der Maharadscha fürs erste eine langsamere Gangart befohlen, um den Helfern genug Zeit zu geben, ihre Köder auszulegen. Außerdem war so ein Ritt auf einem Elephanten nicht unbedingt eine angenehme Sache. Die Howdah schwankte bei jedem Schritt des mächtigen Tieres ziemlich stark, aber wenn man einen Tiger jagen wollte, war ein hoher Ausblick, ein beweglicher Hochstand, schon ein großer Vorteil.

Die Gegend bestand, nachdem die Jagdgesellschaft endlich nach etwa drei Stunden die Kulturlandschaft rund um die Hauptstadt Govongarh verlassen hatten, zum größten Teil aus Grasland. In dieser Jahreszeit, vielleicht ein Monat vor dem Beginn der sturzflutartigen Monsunfälle, war es gelbes, trockenes Gras, welches einem erwachsenen Mann schon bis über den Gürtel reichen konnte – wenn er aufrecht stand. Ab und zu überquerten sie auf ihrem Weg einen schmalen Bach, der mit einem breiten Band frischen, grünen Bewuchses umgeben war. Hier hatten sich auch die meisten Tiere eingefunden, wie etwa der mächtige Büffel oder zarte asiatische Hirsche, welche nicht nur mit Genuss das hier noch saftige Gras knusperten, sondern jederzeit ihren Durst zu stillen vermochten. Während die kleinen Hirsche die ganze Zeit über zur Flucht bereit waren und nach jedem Schluck nicht nur misstrauisch die Umgebung beäugten, sondern auch mit ständig spielenden Ohren belauschten, tranken die mächtigen Büffel mit ruhigem Selbstbewusstsein, denn es hielten immer einige Mitglieder der Herde Wache. Mit ihren kräftigen Hörnern konnten sie gemeinsam schon einen Tiger oder auch ein Rudel Wölfe, wenn es nicht zu zahlreich war, von ihren Jungtieren vertreiben. Raubtiere gingen nicht gerne das Risiko ein, selbst verwundet zu werden, und da war der prächtige indische Tiger keine Ausnahme. Hier, an den Ufern der Bäche, standen auch dichte Büsche und hohe Bäume in kleinen Wäldchen zusammen, um welche die Mahauts noch einen weiten Bogen zu machen pflegten. Im grellen Schein der Sonne, welche immer höher stieg, erreichte die Temperatur Mittags mehr als 100 Grad nach Fahrenheit132, eine Temperatur, welche den Engländern doch ein wenig zusetzte. Auch, wenn der Howdah des Mechaphant, wie der Duke sein Gerät liebevoll nannte, mir einem Sonnendach aus leichter, aber dichter chinesischer Seide ausgestattet war, musste sich Lady Elspeth ständig mit ihrem japanischen Fächer Kühlung zuwedeln.

„Du hast vergessen, hier eine Art Ventilator einzubauen, wie sie es in guten Hotels gibt“, jammerte sie, und der Duke nickte.

„Du hast Recht, mein Schatz“, stimmte er zu. „Oder einen Platz für einen kleinen Fächerknaben mit Straußenwedeln. Oder mit einem Fächer aus Pfauenfedern.“

Einer der Jagdführer seiner Lordschaft wies nach vorne. „Gleich Rastplatz für Mittag erreicht, Memsahib. Dort können frisch machen. Kühles, frisches Wasser dort.“

„Soll das heißen, wir gehen jetzt nicht sofort auf die Jagd?“ fragte Lord Henry stirnrunzelnd.

„Zuerst Lunch und kalten Tee trinken“, beschied der andere Pfadfinder. „Sahib Sir Matthew so gesagt! Und trinken wichtig, Tee gut für – für gut fühlen!“

„Henry, es ist doch gut“, legte Elspeth ihrem Gemahl die Hand auf den Unterarm. „Ausnahmsweise halte ich Sir Matthews Dispositionen für recht angebracht. Ein wenig das Gesicht waschen und die Hände zu kühlen, das könnte sich als angenehm herausstellen.“ Dann wandte sie sich an die Führer. „Ist das auch die Stelle, wo sich dann das Nachtlager befindet?“

„Ja, Memsahib. Altes muslimisches Fort. Von den Mogulen, die haben geherrscht hier früher. Vāghācā Vādā, heißen Fort der Tiger. Weil Gegend viel Tiger sind, und Ruine von Burg geben guten Schutz.

„Nun – das klingt nicht ganz unvernünftig“, musste seine Lordschaft eingestehen, und ihre Ladyschaft nickte dazu.

„Dann können wir zumindest halbwegs beruhigt, wenn auch sicher nicht sonderlich gemütlich schlafen können“, murrte Elspeth enttäuscht, weil sie an den Anordnungen von Sir Matthew einfach nichts zu beanstanden fand. „Meine Zofe und der oberste Butler des Duke sind ebenso im Lage zu finden?“

„Aber ja, natürlich“, erklärte der Fährtenleser Dahanviha, und Namhāmaņdārah ergänzte.

„Die ganze Begleitung von Sahib und Memsahib sind mit Gepäck auf dem großen Steam-Bus von Sahib in Lager gefahren! Warten schon auf Sahib und Memsahib.“

=○=

Er war hungrig. Es war schon zwei Tage her, seit er sich das letzte Mal den Bauch hatte vollschlagen können, seither war ihm kein Glück beschieden gewesen. Aber jetzt – jetzt zog der Geruch von frischem Blut und saftigem Fleisch in seine Nase. Einer dieser zahmen Büffel hatte sich wohl irgendwie in sein Revier verirrt und verletzt. Mit seiner Zeichnung in der welken Vegetation beinahe unsichtbar schlich er durch das hohe Gras. Er zögerte – da war noch ein Hauch von etwas anderem gewesen, etwas das er nicht kannte. Fettig, schmierig, unangenehm metallisch. Er legte sich auf den Bauch und witterte erneut, sorgfältig sog er die Luft ein, flehmte, seine Geruchszellen filterten jedes noch so kleine Atom aus der Luft. Seine Nase war, wie bei allen seiner Art, hoch entwickelt, sie roch noch einen einzelnen Tropfen einer Substanz, verdünnt mit einem Schwimmbad voll Wasser auf viele Meter. Und konnte doch getäuscht werden, wenn es um frisches Blut ging, wenn der Hunger die Gedanken immer wieder zu diesem einen bekannten Aroma zurücktrieb. Mit dem Bauch beinahe auf dem Boden schleifend schlich der Tiger behutsam vorwärts. Ein lautes Geräusch, so noch nie gehört, erschreckend, quälend drang an seine empfindlichen Ohren, er machte kehrt, sah die drei grauen Giganten über die Savanne schreiten. MENSCHEN AUF ELEPHANTEN! Er brach zur Seite aus, da war nur ein Hügel. Ein Hügel, der noch nie da gewesen war. Aber egal, nur weg von hier, weg von dem lauten Getöse, von den Menschen auf den Elefanten. Seine Frustration, seine Angst brach sich mit einem Fauchen Bahn, er rannte immer schneller, links an diesem Hügel vorbei. Ein Knall, fürchterlicher Schmerz zuckte über seinen Rücken. Es war kein Entkommen mehr möglich, der Feind war zu nahe, er musste kämpfen. Dort zeigte er sich jetzt, einer von den Zweibeinern stand auf dem Hügel, das Gehirn der großen Katze schaltete um, von Flucht auf Kampf, mit mächtigen Sätzen jagte sie vorwärts, zuletzt ein mächtiger Satz, ein Sprung mit ausgefahrenen Krallen. Die rutschten auf dem seltsamen Stein des Hügels ab, fanden keinen Halt, einmal noch versuchte er den Feind mit einem lauten Fauchen zu vertreiben. Der Mensch streckte ihm ein langes Rohr entgegen, es knallte, ein Blitz blendete ihn, ein schmerzhafter Schlag gegen seine Stirn warf ihn halb betäubt zu Boden. „Töte ihn doch endlich! Töte, töte!“ Die Stimme war schrill, die Geräusche ohne Bedeutung für ihn, doch die Luft war plötzlich erfüllt von neuen Düften. Es roch plötzlich nach Erregung, nach Lust, nach Paarung! Ein Knall, noch einmal ein kurzer Schmerz, Dunkelheit, Stille.

An dem toten Tigermännchen vorbei schritt der Fil Albukar weiter, während einige Untertanen des Rajas bereits begannen, dem prächtigen Tier das Fell abzuziehen. Schwer atmend, das Gesicht vor Aufregung gerötet, lehnte sich Lady Elspeth an ihren Mann. „Das war erregend, Henry, lass es mich doch auch einmal versuchen! Bitte!“

„Natürlich, meine Liebe!“ Der Duke reichte seiner Gattin das schwere Gewehr. „Aber du musst das Gewehr hier nehmen, deine kleine Flinte hat zu wenig Kraft.“ Mit leuchtenden Augen hielt die Lady Ausschau.

„Dort!“ Der Lord wies ein Stück voraus, wo tatsächlich ein gestreifter Schatten durch das Gras schlich. Elspeth riss das Gewehr hoch und zielte.

„Bitte, Memsahib, ist Mutter mit Jungem“, unterbrach Dahanvia.

„Umso besser, das kleine Fell wird sich gut in unserem Baderaum machen“, wehrte Elspeth die Bitte des Guides ab. Ganze fünf Schüsse benötigte sie, bis die Tigerin endlich wirklich tot war, dann ließ sie den Howdha absenken und ging mit dem schweren Revolver ihres Mannes auf das Jungtier zu. Trotz seiner Jugend versuchte das Kitten noch voll Panik, den Angreifer mit lautem Fauchen zu vertreiben, doch Elspeth visierte seine Stirn aus nächster Nähe an und drückte rasch hintereinander sechs mal ab. Die noch ziemlich dünnen Knochen des Jungtieres hatten gegen das große Kaliber des Revolvers nicht einmal den Hauch einer Chance und wurden glatt durchschlagen, die sechs Bleibrocken zerfetzten das Gehirn eines Tieres, das noch keine drei Monate hatte leben dürfen. Sekundenlang betrachtete die Lady noch eiskalt das zuckende, verendende Tier, dann ging sie zurück zum Tembo wa Mitambo.

„Weiter“, befahl sie, während der Howdha wieder hoch gekurbelt wurde.

=○=

Die BAKERFLIELD war von Allahabad, wo die Flüsse Ganges und Yamuna zusammenflossen und immer noch die Säule des Ashoka in der alten Festung stand, welche von den muslimischen Moguln mehrmals verstärkt und ausgebaut wurde, über den Ganges 29 Kilometer stromab gefahren. Dort hatte Kapitän Lester Georgson das nur 121 Fuß133 lange und 26 Fuß134 breite Schiff in den Tamas gesteuert und war mit seinem Schiff diesen hinauf gefahren. Der dichte Dschungel, welcher sich nach beinahe 200 Flusskilometern beiderseits des Tamas ausbreitete, war mit den Augen kaum zu durchdringen. Die drei Herren auf dem mit einem Dach aus Segeltuch vor der Sonne geschützten Achterdeck, welche drei der Kabinen erster Klasse des nur 121 Fuß lange Flussboot mit Heckschaufelrad gechartert hatten, versuchten es derzeit erst gar nicht und sprachen lieber ihrem Lunch aus Fleisch, Reis und selbstverständlich Curry eifrig zu.

Nun, um genau zu sein, eigentlich hatte die Zeitschrift The Boston Monthly Literary Journal die drei Kabinen gemietet, um zwei namhaften Autoren, welche sie für eine Serie von Reiseberichten zu gewinnen hofften, eine Gelegenheit zu geben, den indischen Urwald hautnah und im Original kennen zu lernen. Als Führer vor Ort hatte der Chefredakteur noch einen dritten Briten angeworben, auch er hatte bereits einige Kurzgeschichten und einen Roman verfasst. Letzterer war allerdings erst im Druck.

„Also, Rudyard, jetzt hast du uns den Mund wässerig gemacht“, bekannte der Mann mit der dichten Mähne und dem prächtigen, buschigen Schnauzbart, schob seinen leeren Teller von sich und holte eine dicke Zigarre aus der Brusttasche seines hellen Anzugs aus Baumwolle, den er zu einem dunklen Hemd trug. „Wir haben doch schon gehört, dass ein Roman von dir demnächst erscheinen wird. Angeblich soll er Der Mann, der König werden wollte heißen.“

„Ja, das wird er wohl“, lachte der Angesprochene. Obwohl er bei weitem der jüngste war, hatte sein Haar sich bereits stark gelichtet. Er trug eine kleine, ovale Brille und einen sehr sorgfältig kurz gestutzten Schnurrbart.

„Und?“, lehnte sich der dritte Mann mit langem gewelltem Haar und, der üblichen Mode zum Trotz, glatt rasiertem Gesicht neugierig vor. „Worum geht es denn?“

„Zwei Abenteurer, die aus dem militärischen Dienst unserer Queen Victoria getreten sind – oder besser wurden, weil mit einer Erpressung eines Radschas gescheitert sind. Sie wollten unbedingt Macht und eine hohe Position einnehmen, aber die Erpressung ging mächtig daneben. Jetzt borgen sie sich ein wenig Geld von einem Journalisten, der ihnen einen Gefallen schuldig ist und ziehen mir 20 Martini-Enfield-Gewehren nach Kafiristan in Afghanistan. Dort wollen sie sich bei einem Warlord einschmeicheln und dann nach einiger Zeit selbst die Macht übernehmen. Sie können dort auch einen Stamm, die Nuristani, von ihrer göttlichen Abstammung überzeugen, denn einer von ihnen wird von einem Pfeil getroffen, der bleibt aber in seinem Patronengürtel hängen. Dazu noch ein wenig Fingerfertigkeit, ein paar magische Tricks und – nun ja, ein unverwundbarer Gott ist geboren worden. Dann stellen sie eine Miliztruppe auf – dank der modernen Gewehre klein, aber mächtig, und der vorher Getroffene wird in Kafiristan schließlich wirklich König. Allmählich wird er aber wahnsinnig und ist schließlich wirklich von seiner göttlichen Abstammung überzeugt. Eines Tages will er eine junge, schöne Eingeborene heiraten, weil ja eine Dynastie entstehen muss, die Dame möchte aber nicht wirklich, gerät in Panik und beißt ihm schließlich, während er sie küssen will, ins Gesicht. Alle sehen das Blut laufen, bemerken, dass er gar kein Gott ist und werfen ihn in die nächste Schlucht! Sein Compagnon kann unter riesigen Strapazen mit knapper Not entkommen, kehrt völlig erschöpft nach Lahore zurück und erzählt dem Journalisten, was geschehen ist. Wenig später stirbt er selber an den Folgen seines Abenteuers. Nun ja, Shit happens!“

„Kann man wohl so sagen“, bemerkte der Mann mit den lockigen Haaren, welcher nur eine aufgeknöpfte dunkelbraue Weste über dem weißen Hemd zur grauen Hose trug. „Er hätte sich wie dieser Sir Boss von unserem Freund Samuel hier mit dem Titel und dem Amt eines Haus- und Hofmagiers begnügen sollen. Dann wäre es ihm immer noch möglich gewesen, irgendwann als sterblicher Mann den Thron zu übernehmen. Durch eine Heirat beispielsweise.“

„Er hätte sich ja auch mit der grauen Eminenz im Hintergrund begnügen können“, brummte Sam. „Viel Macht und keine Verantwortung. Das ist doch fast noch besser als König, oder nicht? Außerdem ist mir keine Tochter von König Artus bekannt.“

„Weil sie ja doch ohnehin eher von Sir Lancelot wäre“, überlegte Rudyard Kipling lachend. „Aber was die graue Eminenz angeht – wenn man auf Geld, Macht und eine Frau aus ist, fährt man damit sicher besser. Wenn einem der Titel wichtiger ist – nun, dann sollte man als Gott auf Sex verzichten!. Sonst kann man tief stürzen, wörtlich gemeint“

„Da verzichte ich aber lieber auf jede Göttlichkeit“, gab Samuel Clemens zu. „Verdammt noch mal, was hat man denn vom ewigen Leben, wenn man nicht einmal eine Frau im Bett haben darf.“

„Hast Du nicht irgendwann einmal in etwa gesagt Gott schuf am achten Tag die Frau und schenkte danach dem Mann zum Trost die Zigarre“, lachte Oscar Wilde laut auf.

„Habe ich, Freund Oscar, habe ich“, gestand Samuel. „Das war aber, ehe ich geheiratet habe.“

Kipling lehnte sich vor. „Und was sagst du jetzt über das Thema?“

„Das beides ein Genuss ist, nur nicht gleichzeitig“, versicherte Mark Twain. „Und dass eine Frau ein Gefäß der Freude und der größten Lust sein kann. Jede Frau! Und dass der Mann ohne Frau selten wäre. Sehr selten?“

Oscar Wilde baute mit seinen Fingern ein Dach. „Ob du mit dieser Einstellung wohl je in den Himmel kommen wirst?“

„Ja, warum denn nicht?“, zuckte Sam mit den Schultern. „In den Himmel kommt man ohnehin nur mit Vorzug. Denn wenn es nach Verdienst ginge, käme dein Hund hinein und du müsstest draußen bleiben, Oscar.“

„Das macht mir weniger aus, als Ihr zu denken vermögt, wenn ich Rostands Cyrano zitieren darf“, winkte Oscar Wilde ab. „Denn zum Ersten habe ich keinen Hund, und zum Zweiten bleibt mir der Himmel ohnehin verschlossen – wenn es denn überhaupt einen gäbe. Die Zeitungen haben aus meinen sexuellen Vorlieben für gut gebaute Männer ja kein Geheimnis gemacht. Egal – die wirklich interessanten Leute träfe man ja doch eher in der Hölle!“

„Nun – ich wollte, der Spruch wäre mir eingefallen!“ Samuel zog an seiner Zigarre, während der Steward begann, den Tisch abzuräumen.

„Ha! Der Tag muss im Kalender vermerkt werden“, stach Wilde mit dem Finger in die Luft. „Weiß man übrigens, was sich in diesem Urwald versteckt, Rudyard?“

„Angeblich ein alter Kali-Tempel“, erzählte Kipling.

„Oh! Da kommt mir ja doch sofort die Idee für eine Geschichte. Ein Abenteurer, einige heilige Steine, eine schöne Frau, die irgendwie mit diesem Mann unterwegs ist. Mal sehen – ein gewisser – nennen wir ihn Doktor Washington James, ein Archäologe. Ein Raubein und Abenteurer, ein wenig hemdsärmelig, aber trotzdem ganz sympathisch. Isabell ‚Billy‘ Scott, hübsch, blond, gute Figur – na ja, das typische eben, das der Leser und – bei einer Adaptierung für die Bühne – auch der Zuseher so mag. Vielleicht auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater, der auf der Suche nach der Ruine eines Tempels mitten im Dschungel ist, weil dort – sagen wir einmal, ein riesiger Schatz sein soll. Sie bereisen einen Fluss so wie diesen hier, Sonne, Wärme, vielleicht ein kleines Abenteuer, bei dem sich Washington und Billy schon ein klein wenig näher kommen. Ihr Schiff strandet an einer der vielen Sand- und Schotterbänke, wie wir sie auch hier manchmal sehen können. Einfach, weil schon seit längerem extrem trockenes Wetter herrscht und der Monsunregen aus irgend einem Grund ausbleibt. Die Besatzung, die Passagiere und unsere Protagonisten machen sich zu Fuß auf den Weg zurück in die Zivilisation, weil – das Schiff ist bei der Strandung leck geschlagen. Jeder kann halt kein so guter Flussschiffer wie Lester Georgson oder unser Mark Twain hier sein. Ja, schon gut, ich mache schon weiter. Also, einige Tempeldiener begegnen den Leuten vom Flussboot, laden sie freundlich ein, es folgt ein Dinner mit seltsamen Gerichten – vielleicht am Spieß gegrillte Schlange oder ähnlich abstruses, damit es den Leser schon mal ein wenig gruseln kann und als Einstimmung, dass Schluss mit Lustig ist. Die Diener, die Dienerinnen, Tänzerinnen und – äh – Swasi Rami Kamami, der Oberboss der Kalileute, zeigen nach dem Abendessen der Reisegesellschaft ihre Zimmer und verschwinden dann irgendwie irgendwohin. Am Morgen trifft sich die Reisegesellschaft zum Frühstück, aber es ist sonst niemand da und sie finden nur eine Schale mit völlig vertrockneten, mumifizierten Früchten und ein Skelett in einem reich geschmückten Gewand auf dem Ehrenplatz vor. In die hohe Lehne des Thrones ist das Symbol des Gottes Kali geschnitzt, und jetzt versuchen sie, die labyrinthische Tempelanlage so schnell wie möglich zu verlassen. Bei diesem Versuch sterben einige der Männer auf seltsame Art, die typischen mysteriösen Morde eben, um mehr Spannung aufzubauen und zugleich einige überflüssige Nebenfiguren los zu werden. Dann wird Miss Billy Scott durch eine Geheimtür entführt, weil der Swasi Rami Kamami sie als Opfer für den mächtigen Kali vorgesehen hat. Swasi ist so ein ganz miesen Typ mit Sabber am Kinn und einem riesigen steinharten Willy, mit dem er Isabell noch zu Leibe rücken will, ehe er sie – sagen wir einmal – ausgeweidet in einen Lavasee werfen will. Die lebende Billy für den Priester, die tote für seinen Gott. Nicht ungewöhnlich in klerikalen Kreisen, ich kenne da einen Pastor, der die Kollekte in die Luft wirft. Gott soll sich nehmen, was er will und den Rest verwendet der Reverend nach belieben. Ja, zurück zum Dschungelgott. Doktor James hat in der Zwischenzeit einen der heiligen Steine gefunden und sich bisher gegen jeden der zahlreichen Angreifer durchsetzen können. Diese werden im Laufe der Zeit immer Mumien- und Zombiehafter, dann kommen noch ein paar dutzend Skelette in goldenen Panzern auf ihn zu und versuchen, ihn umzubringen. Er wehrt sich mit einem ebenfalls hier gefundenem magischen Schwert oder so etwas auf die Art, hört Billy während seiner Flucht schreien, stürmt in das Zimmer, in welchem Swasi Rami Kamami sich eben an ihr vergehen will und wirft den heiligen Stein nach dem Oberpriester, der darauf einfach zu Staub zerbröckelt. Und seine Gefolgschaft gleich mit ihm. Na, was sagt ihr dazu?“

„Kali ist eine Göttin“, bemerkte Kipling staubtrocken. „Also, weiblich sozusagen. Mit runden Brüsten, einem ebenso runden Hintern und acht Armen. Ach ja, schwarze, richtig dunkelschwarze Haut hat sie meistens auch, falls sie nicht gerade azurblau dargestellt wird!“

„Ach! Hm! Schade“, brummelte Wilde. Der Steward hatte die Teller beiseite gestellt und brachte jetzt eine Flasche Brandy, eine Sodawasserflasche und drei Gläser. Oscar sah zu ihm auf. „Was sagen Sie dazu, Mister Pumburatawa? Wird dann Kali vielleicht auch gar keine schöne Frau geopfert?“

„Nein, Sahib. Nicht Frau geopfert. Nur schöne, junge Mann!“

„Dann solltest du wohl besser auf dich aufpassen, Rudyard.“ Oscar goss sich ein Glas Brandy ein und hob es Kipling entgegen. „Zumindest jung bist du ja noch!“

„Verzeihen, Sahib“, verneigte sich der Steward, ehe er weitersprach. „Die Raaj-ke-Log, das Volk des – der Geheimnisse holt seine Opfer nicht aus der Umgebung hier, sondern von sehr weit her! Sie reiten unsichtbar mit ihren fliegenden Rossen!“

„Nun – da müssen wir eben noch mehr dichterische Freiheit walten lassen!“ Oscar Wilde dachte nach, während Kipling einen winzigen Spritzer Brandy in sein großes Glas Sodawasser kippte. „Nun, dann soll Isabell einfach später als Priesterin einen der anderen Passagiere opfern. Die wurden noch nicht getötet, sondern irgendwie entführt und in ein Verlies gebracht. Und zwar sollen die jetzt sterben, damit der Tempel mit Hilfe ihrer Lebenskraft endlich ganz im hier und jetzt bleiben kann und wieder wie früher seine Schreckensherrschaft antreten kann. Junge Mädchen gibt es für den Priester, junge Männer für Kali, Gold für den Tempel, nichts für das Volk. Also im Prinzip auch nichts anderes als das, was wir Briten gerne machen. Vielleicht sind wir doch irgendwie göttlicher Abstammung, gemein genug können wir ja manchmal sein. Aber weiter – der fiese Oberpriester will, dass Billy willenlos gehorchend und seinen Wünschen gefügig gemacht ihm zu Diensten ist, kommt schon langsam mit dem entsprechenden Trank und mit seinem harten Riesenplonker auf sie zu, damit sie das Ding in seiner ganzen Pracht und Größe auch so richtig bewundern kann, bevor ihr Wille ausgeschaltet wird. Sie windet sich an sein Bett gefesselt in totaler Panik und auch, weil sie ja eine brave, christliche, viktorianische Frau ist, und der Swasi Rami ihr noch keinen Antrag gemacht hat, bevor er sie flach legen möchte. Außerdem ist er kein Brite, also wäre er ohnehin keine diskutierbare Partie. Der Held kommt hinzu und – nun, siehe oben. Das Kali-Volk zerfällt zu Staub und der Tempel sieht auf einmal wieder so alt aus, wie er ist!“

„Du hast eine richtig kranke Phantasie“, konstatierte Sam Clemens. „Aber das Skript hat das Potential sowohl zu einem verdammt gut verkäuflichen Roman als auch zu einem Bühnenstück.“

„Danke, Sam. Ich werde ihn vielleicht Washington James und der Tempel des Todes nennen.“

=○=

Am Abend stoppte Lester Georgson seine BAKERFIELD und ging zu seinen Fahrgästen, welche sich immer noch auf dem Achterdeck unterhielten und zwischendurch den dichten Dschungel am Ufer betrachteten. Mittlerweile waren auch einige andere Passagiere dort eingetroffen, um gemeinsam mit den Passagieren der ersten Klasse das Dinner einzunehmen.

„Es geht die Reise bis hierher und nicht weiter, Ladys und Gentlemen. Ab hier führt der Fluss nur noch in der Zeit des Monsunregens genügend Wasser, um mit einem Schiff wie dem unseren weiter zu kommen. Und glauben Sie mir, sie wollen nicht an Bord sein, wenn es täglich mehrmals wie aus Eimern schüttet. Jetzt aber, bei diesem Wasserstand, wäre nur noch mit einen kleinen Ruderboot möglich, die berühmten Marayla Fälle, immerhin die dritthöchsten in Indien, zu erreichen.“

„Dann fahren wir morgen zurück?“, zwitscherte Margareth Lowell mit ihrer hellen Stimme.

„Nein, Miss Lowell, ich muss sie enttäuschen“, antwortete der Schiffsführer. „Diese drei Herren haben noch eine Tour mit Mister George Gordon gebucht. Es gibt hier einen halbwegs bequemen Aufstieg auf das Plateau, bis zum Tons Wasserfall. Von dort sind es noch etwa drei Meilen135 bis zu einer alten Festung der Mogulen mit dem Namen Vāghācā Vādā, die Burg der Tiger. Dort werden sie übernachten und erst am nächsten Tag zurück kehren. Wir bleiben also zwei Tage hier.“

„Ach ja, diese Tour“, seufzte Samuel Clemens. „Zuerst wie ein Affe beinahe zehntausend Zoll hoch eine senkrechte Bergwand erklettern und dann noch fünfeinhalbtausend Yard zu Fuß gehen! Was nimmt man nicht für die Kunst an Strapazen auf sich!“

„Für hohen Auflagenzahlen, meinst du“, lachte Rudyard Kilpling und rammte Marc Twain den Ellenbogen in die Seite. „Es sind nur 800 Fuß136, die wir aufsteigen müssen, der Weg geht keinesfalls senkrecht und der Fußweg – nun, der ist wirklich etwas lang. Aber du hast den Vertrag unterschrieben, jetzt tu auch etwas für dein Geld!“

„Diese Jugend“, knurrte Sam. „Sie zeigt keinen Respekt vor dem Alter. So war ich auch einmal!“

„Das schlimmste an der Jugend ist, selber nicht mehr dazu zu gehören“, deklamierte Oscar Wilde. „Aber ich gestehe, ganz wohl ist mir bei dem Gedanken an den Fußweg auch nicht wirklich! Man hat uns gesagt, dort oben wäre das Jagdrevier eines Maharadschas, und zwar dem von Rewa. Da gibt es wohl jede Menge wilder Tiere!“

„Mister Gordon hat noch vier Sepoy unter einem Havildar137 zu ihrem Schutz mit an Bord, meine Herren“ beruhigte der Kapitän. „Mit ihrer Leibwache von fünf Männern und Mister Gordon werden Sie also völlig sicher sein, auch wenn ich Ihnen die Mitnahme ihrer Waffen dringend empfehlen möchte!“

=○=

Der Weg die östliche Wand hinauf erwies sich wirklich als recht gut gangbar, was ihn aber nach allen Gesetzen der Geometrie selbstverständlich auch um einiges verlängerte. Alle drei Autoren hatten zu hellen Hosen aus strapazierfähigem Stoff und derben Schnürstiefeln mit dicken Sohlen, wie sie auch die Truppen Kakaniens oft benutzten, Hemdjacken mit kurzen Ärmeln angezogen und leichte Baumwollhüte mit breiter Krempe aufgesetzt. Um die Hüften hatten sie Armeegürtel mit dem Ordonanzrevolver der britischen Armee Kaliber .455 der Firma Webley and Scott geschlungen, über den Schultern hatten sie die modernen Lee-Metford-Karabiner mit kurzem Lauf und extra großem 10-Schuss-Magazin hängen, eine Sonderanfertigung für zahlungskräftige Kunden. Noch lag der Weg, den die Gesellschaft nehmen musste, im Schatten, die Sonne beschien den gegenüber liegenden Hang mit sanftem, rotem Licht, und die Temperatur war sicher noch nicht über 90 Grad Fahrenheit138 gestiegen. Trotzdem begannen die Männer natürlich bereits zu schwitzen, besonders der Ire Oscar Wilde war an solch hohe Temperaturen einfach nicht gewöhnt.

„Wie soll das erst werden, wenn wir später und weiter oben in die Sonne kommen“, stöhnte Wilde, lüftete den Safarihut und wischte den Schweiß von der Stirn und dem Schweißband des Hutes.

„Heißer!“, bemerkte Kipling kurz.

„Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und daher den Mund halten“, schimpfte Wilde und nahm einen großen Schluck Wasser aus seiner Feldflasche. „Natürlich wird es heißer! Ich muss verrückt gewesen sein, diesem Ausflug zuzustimmen.“

„Dann hättest Du weit weniger verdient“, lachte Clemens. „Hey, ich bin mit 54 der älteste und ich jammere jetzt auch nicht mehr. Denk immer an die Pfundnoten. Und an die Werbung.“

„Ja. In seiner Gier nach Besitz bringt sich so mancher mit zu viel Arbeit ins allzu frühe Grab“, jammerte Wilde. „Gehen wir weiter, auf dass zumindest die leichtere Strecke im Sonnenschein erfolge!“

Endlich hatten die Schriftsteller den nicht sehr schwierigen, aber nichtsdestotrotz anstrengenden Aufstieg hinter sich gebracht und sahen, sich umwendend, in das Tal zurück, aus welchem sie eben gekommen waren. Dieser Bergeinschnitt, welcher etwa 300 Meter unter ihnen lag, sah von oben wie ein grünes Band mit einer dünnen, blauen Linie darin aus, welche manches Mal auch unter dem Grün verschwand.

„Zum Teufel, dieses Tal da unten könnte man wirklich als ‚Lost World‘ bezeichnen“, rief Sam Clemens. „Das ist ein abgeschiedenes Paradies, man sollte es sofort für Menschen sperren!“

„Und seht nur“, deutete Oscar Wilde ein Stück den Strom hinab. „Diese Felsennadeln, die aus dem überwucherten Hügel durch die Vegetation ragen! Das könnte dieser Tempel der Kali sein, von dem Rudyard berichtet hat!“

„Sieht eher aus wie ganz normale Felsen, in der Türkei, bei Dings, also bei – bei Göreme, da gibt es auch so steile Nadeln, sogar mit einem Hut obendrauf“, erzählte Mark Twain und kratzte sich die Nase.

„Dort ist es weicher Tuffstein, den der Regen weggewaschen hat, nur unter der Haube eines Felsens ist er stehen geblieben“, referierte Oscar. „Die Einheimischen sagen Feenkamine dazu obwohl – nun, vielleicht sagen sie ja auch zu ihrem Plonker so, wenn sie im Bett liegen.“

„Du bist schon sehr auf das Eine fixiert“, wunderte sich Kipling.

„Nun ja, man sollte keiner Versuchung aus dem Weg gehen“, lachte Oscar. „Wer weiß, ob sie wiederkehrt!“

„Da spricht der junge Sünder!“ Sam nahm sein Fernglas vor die Augen und betrachtete die Felsformationen genauer. „Und die Felsennadeln müssen anders entstanden sein. Kein Hut darauf!“

„Ach was“, bemerkte Wilde. „Der Unterschied zwischen einem Heiligen und einem Sünder ist nur, dass der Heilige eine Vergangenheit hat und der Sünder eine Zukunft.“

„Warum?“, fragte Rudyard ruhig.

„Weil – weil die Leute im Theater darüber gelacht haben“, argumentierte Wilde.

„Ach so! Also einfach nur so ein Spruch!“

Langsam wanderten sie die Kante der Hochebene immer weiter nach Süden, den Dschungel unter sich betrachtend. Aus den steilen Hängen, welche der Fluss wohl vor Jahrtausenden mit gigantischen Massen an Wasser, Geröll und Sediment geformt hatte, bis das heutige breite Tal entstanden war, wuchsen Bäume und begrünten so selbst diese steilen, mächtigen Wände. Wo immer auch ein Samen ein winziges Fleckchen Erde gefunden hatte, keimte er und zwängte seine Wurzeln in jede Ritze, um Halt zu finden. Irgendwann sprengten diese dann den Stein, und sowohl der Baum als auch jede Menge Geröll stürzten hinab, machten aber so wieder Platz für den nächsten Baum. Die Schluchtwände waren wie der Dschungel darunter, ewig gleichbleibend und doch stets erneuert, verjüngt und anders. Auch der Tons-Wasserfall war durchaus sehenswert. Nicht sehr beeindruckend, nicht grandios oder riesig, er war nur schön. Ein nicht allzu großer Fluss verbreiterte sich vor der Felskante in ein etliche Yards breites Delta, das dann in kleinen und kleinsten Fällen in die Schlucht nicht stürzten, sondern zu dieser Jahreszeit eher rieselten. Aus diesem seidig weich wirkenden Vorhang aus feinem Dunst ragten immer wieder Felsen, welche entweder mit Moos, Büschen oder kleinen Bäumchen bewachsen waren. Eine dieser Inseln war allerdings so groß, dass drei beachtliche Bäume darauf Platz fanden, deren Kronen weit über die Schlucht ragten.

„Ein mystischer Ort“, flüsterte Rudyard Kipling ergriffen, und auch die anderen beiden Autoren enthielten sich, ganz entgegen ihren Gewohnheiten, jeglicher ironischer Sprüche.

„Hier zeigt Gott, dass er nicht nur mächtig ist, sondern auch erhaben sein kann“, bemerkte Sam Clemens, und Oscar Wilde nickte.

„Die geeignete Stelle, um den Menschen zu Gott zu bringen. Keine Kathedrale, kein riesiger Tempel und keine Monumentalstatue. Der Weg hierher hat sich mehr als gelohnt, Freunde. Ich bin froh, hier verweilen zu dürfen. Wir können doch noch bleiben, oder?“, wandte er sich an den Pfadfinder Georges Gordon.

„Natürlich“, lächelte der, er war diese Reaktionen von Menschen, die dieses Wunder zum ersten Mal sahen, bereits gewöhnt. Nicht, dass ihn dieser Anblick kalt gelassen hätte. Auch nicht nach dem dreißigsten mal. Aber nach geraumer Zeit mahnte Gordon doch zum Aufbruch. Immerhin lag noch eine gute Strecke zu Fuß vor den Männern, und auch wenn die Sonne ihren höchsten Stand schon überschritten hatte, so war es doch noch immer warm. Georges plante noch einige Rastpausen im Schatten von Bäumen ein, von nun an ging es immer den Fluss, der die Tons-Fälle bildete, bis zu einem kleinen Teich entlang, an dessen Ufer das Fort der Tiger lag.

=○=

Dem alten Fort sah man an, dass es im Zeitalter der Mogulherrscher gebaut worden war. Das Bollwerk war aus roten Lehmziegeln errichtet, mit dicken Wänden und mächtigen Wehrtürmen. Die winzigen Fenster hoch oben auf der Mauer, durch welche man zwar mit einer Muskete oder einem Bogen einen Feind vor den Wällen bekämpfen, sich aber nicht hindurchzwängen konnte, besaßen die typische, oben spitz zulaufende Schlüssellochform, wie sie auch die großen Tore aufwiesen. Einst, in ihrer Blütezeit, mochte diese Festung weit über hundert Soldaten, die Stadt daneben einigen hunderten Zivilisten und deren Familien Platz geboten haben. Noch heute sah man, wo sich noch nicht einmal hundert Jahre vorher fruchtbare Felder befunden haben mochten, doch der Krieg der Hindus gegen die islamische Mogulherrschaft, der islamischen Truppen gegen die Soldaten der East-India-Company und der East-India-Truppen gegen die Hindus hatte die komplizierten Anlagen zur Bewässerung des Landes völlig zerstört, der Boden war ausgetrocknet und wurde vom Wind irgendwo hin vertragen. Seither stand auch die Festung, welche nichts mehr zu verteidigen hatte, leer und verfiel, ebenso wie die Stadt. Der regelmäßig wiederkehrende sintflutartige Monsunregen, gefolgt von immenser Hitze und der stetige Wind nagten an den Fundamenten und Dächern, brachten einst massive und prächtige Häuser nach und nach zum Einsturz.

Der Maharadscha von Rewa hatte beschlossen, seine Hauptstadt wieder an den See Govingarh zurück zu verlegen, da hier bereits einige Tempel auf kleinen Inseln in einem See darauf warteten, renoviert und wieder benützt zu werden. Pandit Marahut mochte den Anblick eines Sees vor seinem Balkon, und so wurden auch beim Fort der Tiger einige wenige Gebäude in der alten Burg, und zwar jene nahe des Seeufers gelegenen, zumindest soweit in Schuss gehalten, dass sie dem Raja als Unterkunft während seiner Jagdausflüge dienen konnten. Die dafür zuständigen Handwerker kamen einmal im Jahr für etwa einen Monat hierher, früher in von Arbeitselefanten gezogenen Wagen, heute mit modernen Dampfmobilen und Baumaschinen. Sogar einer der ersten vierachsigen Zentauren aus österreichischen Beständen hatte der Raja vor zwei Jahren auf einer Baustelle in Bombay gesehen und sofort Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um eines dieser Fahrzeuge zu erwerben. Mit Erfolg. Pandit Marahut III war zwar Traditionalist, wenn es um die Jagd mit Elefanten ging, aber ein großer Anhänger moderner Technik, wenn es darum ging, nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Untertanen zu erleichtern und zu verbessern. Und natürlich die Arbeit in seinem Fürstentum produktiver zu gestalten. Eigentlich sollten also die Ruinen die meiste Zeit über leer stehen, denn öfter als zwei- oder dreimal im Jahr kam der Fürst nicht hierher, er war kein sehr großer Freund der Sportjagd. Wenn er kam, dann mit Gästen wie dieses mal oder um seine Speisekammer mit ein wenig Abwechslung zu füllen. Seine Leidenschaft galt – dem Cricket. Er hatte eine Mannschaft aufgestellt und trainiert, welche regelmäßig jene des Residenten, welche sich aus Armeeangehörigen und Verwaltungsbeamten rekrutierte, zu einem Spiel herausforderte. Der Pokal wanderte von einer Mannschaft zur anderen, doch jeder Spieler des Siegerteams bekam eine goldene Medaille mit Jahreszahl und einem Segenswunsch. Die Widmung stand auch auf der Silbermünze der Verlierer, mit der Jahreszahl und einem zusätzlichen Satz. ‚Zweiter von zwei‘.

Aber auch wenn weder die Jagdgesellschaften des Maharadschas noch die Arbeiter je eine Spur fanden, die Ruinen der Stadt beherbergten menschliches Leben. Die Devee-Kaalee-ke-Yoddha, Thuggees oder, wie sie sich auch gerne selbst nannten,die Svātantryācā Krama139, unterhielten in den verfallenen Häusern ein geheimes Lager. Schon zu Zeiten der Mogulkaiser hatten sich Männer im Zeichen der Sichel, eines der wichtigsten Attribute der Kali, in ganz Indien versammelt. Für sie war die Schwarze Göttin Kali-Ma, die Mutter der Hindu, und Kala, die Zeit. Die Sichel war ihnen ein Symbol für die Ernte am Ende der Zeit, die natürlich auch das Ende des Lebens bedeutete, und es war ein Werkzeug zum Zerschneiden von Verwirrung und negativen Bindungen, am Ende aller Zeiten der Ausstieg aus dem Samsara, dem ewigen Kreis der Wiedergeburten. Was nicht bedeutete, dass die Yoddha nicht töteten. Immerhin befanden sie sich im Krieg, seit der Eroberung des Gebietes durch Akbar I, einen der islamischen Moguln im Jahre 1577. Es kümmerte sie nicht, dass Ğalāl ad-Dīn Muhammad Akbar der Große sofort eine Politik der religiösen Toleranz einführte und den Dialog mit anderen Glaubensrichtungen suchte, dass er eine Hindu-Prinzessin aus Amber heiratete und alle Sondersteuern für Nichtmuslime aufhob. Er war selbst kein Hindu, keiner aus den indischen Stämmen. Er war ein Parse, ein Fremder, ein Ausländer, das allein reichte doch wohl. Und heute waren es die khriścana Brițīśa140, die christlichen Briten, gegen die sie kämpften. Und natürlich ihre freiwilligen Sklaven, die Sepoy.

Als erfahrene Untergrundkämpfer hatten die Devee-Kaalee-ke-Yoddha natürlich ihre Augen und Ohren überall. So auch im Palast von Rewa, im Haushalt des Raja, sie waren immer informiert, ob oder wann der Herr von Rewa wieder einen Jagdgast hatte oder allein hierher kam. Bisher hatten sie noch nie riskiert, etwas gegen Pandit Marahut III oder seine Gäste zu unternehmen, zu wichtig war das geheime Versteck hier im Fort der Tiger. So verschwanden sie auch dieses Mal in ihren verdeckten Kellern. Spurlos, aber selbst beobachtend. Es waren erfahrene Thuggees141, ihren echten Namen kannten nur ihre Angehörigen, welche nicht selten demselben Syndikat angehörten. Trotzdem sprachen sie sich auch untereinander nur mit ihren Ordensnamen an.

„Der Raja kommt dieses Jahr früh“, bemerkte Baagh-Nakh142, während er durch einen versteckten Schlitz die Ankunft der Dienerschaft beobachtete. „Und so viele weiße Diener waren noch nie dabei!“

„Es soll dieses mal ein ganz hoher Sahib dabei sein“, nickte Haathee143. Er war erstaunlich groß und muskulös gebaut, daher sein Kampfname „Unser Agent hat erzählt, dass die Memsahib ganz erstaunt war, dass ein indischer Maharadscha höher als sie stehen sollte!“

„Ach, das glauben sie doch fast alle“, winkte Khaang144, der Messerwerfer, verächtlich ab.

„Ja, aber dieses Mal soll sogar der Resident der Memsahib ihren Platz mit deutlichen Worten gezeigt haben“, trug Bhediya145, zur Diskussion bei.

„Den Fluss kommen da noch andere zu Fuß herauf“, meldete Bhaaloo146.

„Wo?“ fuhr Baagh-Nakh herum.

„Nun, dort, sieh doch hin“, zeigte Painthars147 dem Anführer die Näherkommenden. Vier Weiße und fünf Inder kamen zu Fuß näher, drei der Europäer waren in einem Gespräch, und der vierte lachte sehr oft. Auch die sie umringenden vier Sepoy und ihr Havildar machten keine ernsten Gesichter, auch wenn ihre Augen das Gelände stets musterten.

„Das sind keine britisch-indischen Truppen, und auch keine eines indischen Rajas“, flüsterte Baagh-Nakh aufgeregt. „Die haben Gewehre, die sonst nur die Feringhee148-Offiziere besitzen.“

„Dann sind sie vielleicht von einem Kapitän auf dem Tamas angeheuert worden, um seine Fahrgäste zu beschützen“, vermutete Khaang. „Wenn wir dieses Schiff stürmen oder auch nur sprengen könnten!“

„Wenn der Schiffseigner diesen Vieren fünf Männer mitgibt, einfach auf Verdacht, und er sie mit den besten Waffen ausrüstet, dann wird das Schiff sicher zu gut für uns sechs bewacht sein“, lehnte Baagh-Nakh ab. „Es kommt ohnehin als einziges die BAKERFIELD in Frage, das ist das einzige Schiff, dessen Kapitän solche Waffen an Einheimische auszugeben wagt!“

„Lēsțara Jorjasana“, verballhornte Haathee den Namen des Schiffsführers. Der Riese war alles andere als dumm, aber die englische Aussprache wollte ihm nicht so richtig von der Zunge. „Ich habe gehört, er behandelt seine Männer allgemein gut und nimmt sie Feringhee-Schweinen gegenüber auch in Schutz!“

„Wenn alle so wären wie er, hätten wir keine Chancen mehr, das Volk auf unsere Seite zu bekommen“, fauchte Painthars wie sein Namensgeber. „Am schlimmsten sind die gütigen Herren, wenn man die Peitsche nicht spürt und sieht!“

„Wenn man die Peitsche nicht spürt und sieht, ist sie dann vorhanden oder nicht?“, philosophierte Bhaalloo. „Wenn sie nicht da ist, und sowohl Weiße als auch Inder gleich behandelt werden, muss man dann noch kämpfen?“

„Aber natürlich“, ereiferte sich Painthars, wenn auch leise. „Wir müssen die ganzen Feringhee wieder in das Meer treiben. Die schänden unsere Gebräuche, wollen die Kasten und das Sati149 verbieten! Muss man da nicht auf…“

„Ruhe, ihr Waschweiber“, zischte Baagh-Nakh wütend. „Es sind nicht alle Weißen wie Jorjasana, wir fühlen die Peitsche und wir werden kämpfen. Alle einverstanden.“

„Ich wollte doch nur…“ begann Painthars, der Anführer starrte ihm eiskalt in die Augen.

„Alle einverstanden, habe ich gefragt“, klang die ruhige, beherrschte Stimme Baagh-Nakhs, und Painthars gab nach.

„Einverstanden, Karņadhāra150!“

„Gut!“ nickte Baagh-Nakh. „Dann können wir jetzt ja zuhören!“

=○=

Der oberste Diener des Maharadschas Pandit Marahut sah die Besucher ebenfalls kommen. Sein Gesicht verfinsterte sich kurz, ehe er George Gordon erkannte. Dann jedoch verzog sich das alte Gesicht zu einem erfreuten Lächeln, und er schritt den Ankömmlingen entgegen.

„Mister George! Das wird den Maharadscha aber freuen“, begrüßte er den Guide freundlich. „Er spricht immer ganz erfreut von seiner Zeit in der ‚Most Honourable Society of the Middle Temple!“

„Ich freue mich auch, Avanadi“, verbeugte sich Gordon. „Ist der Raja denn auf der Jagd?“

„Das ist er, und mit dem schlimmsten Weißen, den ich je gesehen habe. Aber dort kommen sie ja!“

„Sie kennen den Maharadscha, Mister Gordon“, fragte Rudyard Kipling ganz erstaunt.

„Aber ja, ich war Student im Middle Temple, als er dort das Recht erwarb, als Barrister einen Klienten vor Gericht zu verteidigen. Wir haben uns damals ganz gut kennen gelernt.“

Mittlerweile war der Elefant mit dem Fürsten näher gekommen, und der Raja ließ sich mit dem Rüssel zu Boden heben.

„George!“ In der Stimme des Rajas klang deutliche Freude, als er seine Hand ausstreckte und jene Gordons mit einem Griff schüttelte, den die Barrister des Middle Temple für absolut geheim hielten. Auch heute noch.

„Es ist mir eine große Ehre, Raja Pandit“, kreuzte George nach dem Händeschütteln die Arme vor der Brust. „Darf ich euch vorstellen, Mister Mark Twain, Mister Oscar Wilde und dieser junge Mann ist Rudyard Kipling.“

„Ach, Mister Twain“, lächelte der Fürst. „Dann werden wir wohl bald das Vergnügen haben, nach der Reise der Arglosen und Ein Bummel durch Europa eine dritte Reisebeschreibung zu lesen.“

„Donnerwetter, Fürst“, hob Twain erstaunt die Augenbrauen. „Ich hätte nicht erwartet, dass irgend jemand in Indien auch nur ein Wort von mir kennt. Geschweige denn meinen Namen! Aber, Hoheit, ich fühle mich geehrt und natürlich auch geschmeichelt!“

„Lord Howe Steading, der in London als Barrister arbeitet, steht mit mir in enger Konversation. Er hat mir beide Bücher übersandt, als ich davon sprach, wie steif und humorlos Briten doch seien. Und Mister Wilde! Eine Frau ohne Geheimnis? Glauben sie das wirklich?“

„Aber Lady Alroy hatte ein Geheimnis, Majestät“, lächelte Wilde. „Sie wollte einfach den Einschränkungen und Zwängen der Gesellschaft für kurze Zeit entfliehen und in Ruhe etwas tun, das für Frauen unseres Zeitalters in England schlimmer sein kann, als ein Verhältnis zu haben. Der gute Lord Murchinson hätte vielleicht auf die Titel der Bücher achten sollen!“

„Sie sprechen von Bildung?“

„Nicht jeder ist ein Count Lovelace, der auch das Gehirn einer Frau zu schätzen weiß. Der übliche Mann ist nicht begeistert, wenn seine Frau ihr Gehirn benutzt. Wahrscheinlich weil der es nicht an- und noch viel weniger begreifen kann. Und weil er Angst hat, die Frau könnte ihm an Intellekt überlegen sein.“

Mittlerweile waren auch Lord Henry und seine Frau angekommen, und der Lord räusperte sich ungehalten. „Darf man erfahren…“

„Warum nicht?“, lächelte das Faktotum des Rajas, Avanadi, der die Rolle des Zeremonienmeisters übernahm. „Mister George Gordon, ein alter Freund des Maharadschas aus London. Mister Mark Twain, Mister Oscar Wilde, Mister Rudyard Kipling. Gentleman, Lord Henry Trockerfield, achter Herzog von Lester, Peer von England. Lady Elspeth, seine Gattin!“

„Oscar Wilde? Dieser lasterhafte schwule irische Dichter?“

„So ist es, Lady Elspeth“, konterte Wilde. „Und als solcher weder als Mann noch als Untertan zu ihren Diensten!“

Lord Henry schnaubte angewidert durch die Nase. „Das ist eine Impertinenz, die ich nicht…“

„Verhindern werde können, Lordschaft“, verneigte sich Wilde mit übertriebener, spöttisch wirkender Grandezza. „Denn es ist die Wahrheit. Als Ire unterstehe ich keinem Peer von England, und als homosexueller Mann wäre ich für ihre Ladyschaft auch nicht sehr – befriedigend.“

„Glaubt er denn wirklich, ich bräuchte einen Rüpel von den nördlichen Inseln?“, brauste Elspeth auf.

„Woher, Milday, soll ich das wissen?“, fragte Wilde, seine Arme weit ausbreitend. „Ich kenne weder Euren Appetit, noch das – Stehvermögen Eures Gatten!“

„Er ist ein degoutanter Prolet, Wilde!“, echauffierte sich die Lady.

„Und stolz darauf!“, betonte der Ire.

Während des Disputes hatte ein bärtiger Mann in der Uniform eines Risaldar151 der Armee des Maharadschas den Raum betreten und wartete nun respektvoll in der Grundstellung darauf, bemerkt zu werden. Avanadi machte seinen Herrn, der dem Streit amüsiert gelauscht hatte, auf den Mann aufmerksam, und nur widerwillig riss sich der Fürst los. Es freute ihn sehr, dass den Engländern ein wenig Gegenwind entgegen wehte. Der Risaldar stampfte einmal auf und salutierte, dann bat er den Raja, vor dem Raum, unter vier Augen Meldung erstatten zu dürfen. Pandit nickte und schritt mit dem Unteroffizier hinaus. Mit besorgter Mine kehrte er zurück.

„Meine Gäste, wir müssen die Jagd leider unterbrechen. Morgen nach dem Frühstück werden wir wieder nach Govongarh aufbrechen müssen.“

„Kommt nicht in Frage!“ rief Lord Henry. „Wir haben heute erst vier Tiger geschossen, ich habe mir zehn vorgenommen. Und wenn es eine Woche dauert. So lange bleiben wir hier!“

„Meine Anwesenheit in der Hauptstadt meines Fürstentums wird verlangt. Als Maharadscha hat man Pflichten. Es bleibt dabei!“

„Und ich sage, wir bleiben!“, beharrte Tockerfield. „Ihr Resident kann doch ohnehin besser die Regierungsgeschäfte erledigen, immerhin ist er Engländer und damit befähigter!“

„Țharavalē āhē!152“, rief Pandit Marahut mit mühsam beherrschter Stimme, während sein Gesicht rot anlief. „Ich kehre mit meinem Gefolge nach Govangarh zurück. Meinetwegen könnt ihr mit euren weißen Dienern hier bleiben, aber niemand meiner Leute! Avanadi, du kümmerst dich um alles, und das ist mein letztes Wort. George, du und deine Freunde seid für heute Abend und während der Nacht meine Gäste, morgen – nun ich nehme an, du musst mit deinen Begleitern ohnehin wieder zurück auf dein Schiff.“

„Ich danke, Raja Pandit…“

„Sollen wir wirklich mit diesen – diesem Gesindel speisen? Ich protestiere, das ist eine glatte Zumutung.“

„Hier, in diesem Land, bin ich der Herr, und ich bestimme! Wenn euch meine Gäste nicht passen, auch gut! Eure Diener dürfen das Dinner gerne in der Küche abholen und es euch in euren Gemächern servieren.

„Ein Grund mehr, nicht in den Himmel kommen zu wollen“ bemerkte Oscar Wilde nicht gerade leise zu Samuel Clemens. „Man würde dort so oft über die hochgestreckten Nasen der Engländer stolpern!“

Lord Henry fuhr herum und wurde knallrot im Gesicht. „Ich sollte Dich jetzt eigentlich zum Duell fordern, Kerl!“ brüllte er den Iren an. „Aber da Du weder Rang noch Status hast, werde ich dich mit der Reitgerte verprügeln lassen!“

„Lassen?“ fragte Mark Twain und paffte an seiner Zigarre. „Dann nehme ich an, Sie sind das Pony, das von der Lady geritten wird und den Hintern voll bekommt, wenn es nicht spurt?“

„Mann, das wirst Du büßen“, tobte der Lord und legte seine Hand an die Waffe. „Das gibt zwanzig, nein fünfzig auf den Rücken und Gefängnis!“

„Nach welcher Rechtsgrundlage?“, erkundigte sich Kipling.

„Ich bin ein Peer Englands“, betonte der Duke.

„Und? Die Zeiten der direkten Gerichtsbarkeit der Peerage sind seit langem vorbei“, erklärte Rudyard. „Sie haben hier keinerlei Justizgewalt. Wenn Sie den Majoren befehlen, hier einen Bürger des United Kingdoms festzunehmen, gegen den keinerlei wie auch immer gearteter Haftbefehl vorliegt, machen Sie sich strafbar, und wenn die Majore diesem Befehl nachkommen, kann man sie ebenfalls anklagen und eine Verurteilung wegen Freiheitsberaubung durchsetzen. Ein paar Jahre Militärgefängnis, meine Herren Offiziere. Und es gibt einige Zeugen!“

„Das wagt ihr nicht“, zeterte Lady Elspeth.

„Nun, ich habe einmal den Earl of Hudson, der damals State Governor von New Jersey war, in einer Kolumne des Trenton Star wegen einer politischen Entscheidung einen ‚vertrottelten hirnlosen Adeligen, der mit seinen Händen den eigenen Hintern nicht finden könne‘ genannt“, erzählte Mark Twain und betrachtete angelegentlich das glühende Ende seiner Zigarre. „Was ist dann wohl geschehen?“

„Fünfzig Peitschenhiebe und danach einige Jahre Kerker, hoffe ich“, gab Henry von sich.

„Freispruch vor dem Magistrates Court of Trenton, Freispruch vor dem County Court von New Jersey und vor dem Senior Court of the New England Territorys. Nach einem weiteren Einspruch des Earls vor dem Supreme Court of the United Kingdom entschied der Lord Chief Justice of the United Kingdom, ihrer Majestät persönlich diesen Fall zur Kenntnis zu bringen. Immerhin handelte es sich um einen Peer of New England. Ihre Majestät hat beschlossen, den Earl als Gouverneur zu entlassen und einen neuen zu bestimmen, die beanstandeten Bestimmungen wurden rückgängig gemacht und der Earl sitzt heute in seiner Villa in der Nähe von Trenton und ist gesellschaftlich ruiniert.“

„Aber das ist doch.. „

„Du musst zugeben, Freund Samuel, dieser Fall ginge vor Gericht ein klein wenig anders aus“, bemerkte Oscar Wilde.

„Das denke ich auch“, bekräftigte Lord Henry, Duke of Lester, während Twain erstaunt eine buschige Augenbraue hob.

„Immerhin…“, Wilde trank einen Schluck von dem hervorragenden Sherry, den der Maharadscha seinen Gästen vor dem Dinner kredenzt hatte. „Köstlich. Ach ja, ihre Majestät kann diesen Lord hier aus keinem Amt entlassen. Er übt keines aus!“

„Mann, ich bin ein Peer Englands!“, rief Trockerfield und schloss die Hand um den Kolben seines Revolvers.

„Conrad gegen die Familie des Marchess of Susquehanna“, dozierte der Scout Georges Gordon, als er zwar kreidebleich, aber beherzt zwischen die Autoren und den Peer trat und diesem seinen gespannten Revolver entgegen hielt. „Im Falle eines tätlichen Angriffes mit einer potentiell tödlichen Waffe ist jeder britische Staatsbürger berechtigt, dieser Bedrohung mit gleichwertigen Mitteln entgegen zu treten, auch wenn es sich bei dem Angreifer um einen Adeligen und dem Angegriffenen um einen Bürgerlichen handelt. Ein jeder Staatsbürger ist berechtigt und sogar im Rahmen seiner Möglichkeit verpflichtet, einem Angegriffenen mit allen gebotenen Mitteln zu Hilfe zu eilen, ohne Ansehen des Ranges von Täter und Opfer. Der achte Earl von Middlesex gegen Police Sergeant Poulson. Euer Lordschaft, hiermit fordere ich Euch auf, entweder die Waffe abzulegen oder den Raum zu verlassen!“

Lord Henry Tockerfield, 8th Duke of Lester wurde jetzt ebenso bleich wie der Guide der Schriftsteller. „Das wagen Sie nicht, Mann! Ich werde nicht nur Ihre Karriere zerstören!“

„Besser meine Karriere ist dahin, als dass ich einem Mord beiwohnen muss, Lordschaft. Und meine Karriere als Pfadfinder, nun, ich möchte wissen, wie sie die zerstören wollen. Anwalt sein ist doch nur ein Hobby von mir, ich vertrete ohnehin nur pro bono Fälle. Fall Sie das Wort kennen sollten, Mister Tockerfield.“ Der Earl nahm die Hand von der Waffe, wandte sich um und verließ mit langen Schritten vor sich hin fluchend den Raum.

„Das wir euch allen noch leid tun“, zischte Elspeth wütend, von einem zum anderen zeigend. „Euch allen, das schwöre ich. Wir werden euch alle, wie ihr hier seid, vor Gericht bringen. Allesamt. Ihr werdet es bereuen, so mit einem Peer Englands gesprochen und ihn beleidigt zu haben!“ Damit rauschte sie ebenfalls wutentbrannt aus dem Saal. Samuel Clemens sah ihr kopfschüttelnd nach.

„Ich bin mehr denn je überzeugt – der Mensch an sich ist wahnsinnig. Damit ist eigentlich die Welt und das Leben ausreichend erklärt.“

„Damit hast du sicher nicht völlig unrecht, Sam“, stimmte Oscar zu. „Dieser Lord ist sicher einer, der von allem den Preis, aber von nichts den Wert kennt.“

Mark Twain lachte auf. „Tja! Gott schuf den Menschen, weil er vom Affen enttäuscht war – danach verzichtete er allerdings auf weitere Experimente!“

Am nächsten Morgen nahm der Raja von George herzlichen Abschied und nahm ihm das Versprechen ab, ihn einmal für längere Zeit in Govongarh zu besuchen, dann stieg er mit dem Risaldar in den geländegängigen Dampf-Jeep des Boten. Der Fahrer gab Stoff in den Kessel und kräftig Dampf auf die Räder, das kleine Gefährt entfernte sich in rasanter Fahrt, wesentlich langsamer folgten die Fahrzeuge der Trosses mit den Dienern und dem Gepäck. Zu Fuß machten sich die Schriftsteller mit ihrem Guide und ihrer bewaffneten Wache zurück zum Fluss auf den Weg, zurück blieben nur der Lord, seine Frau und seine Bediensteten. Natürlich blieben auch der Mechaphant und zwei hochachsige DLKW, einer davon mit einem Aufbau für Passagiere.

„Ich werde mich in London beschweren“, schimpfte der Lord. „Ein solches Benehmen einem Peer gegenüber ist unmöglich!“

„Das ist absolut richtig“, stimmte Elspeth zu. „Diese Impertinenz dieses Affen, sich einem echten Engländer ebenbürtig zu fühlen, ist unerträglich. Und für diese Verweigerung einer direkten Order sollte man ihm sein Fürstentum wegnehmen und ihn in einen Kerker werfen!“

„Wie wahr. Aber jetzt schnalle dir deinen Gürtel um und nimm dein Gewehr. Wir werden unsere Tiger auch ohne Treiber finden. Auf geht’s, Milady!“ Beide gingen Arm in Arm zum Mechaphant und ließen sich in ihrer Howdha vom Fahrer hoch hieven. Wild fanden sie an diesem Tag genügend, doch Tiger sahen sie nur einen einzigen. Viel zu weit, um zum Schuss zu kommen. Ihre einzige Beute war ein Axishirsch, welche am Abend gegrillt werden sollte, eine schmackhafte, wenn auch keine ruhmreiche Beute. Für die Verpflegung des Maharadschas hatte der Haushalt des Fürsten einige haltbare Vorräte im Fort der Tiger eingelagert, aus denen der Koch des Lords einige Beilagen zum gegrillten Hirsch zaubern konnte. Nach einem schmackhaften Dinner zog sich der Lord mit seiner Lady in ihre luxuriösen Gemächer zurück.

Der Überfall auf die Engländer geschah so schnell und lautlos, wie die Thuggee ihre Untaten stets auszuführen pflegten. Sie hatten sich entschlossen, dieses eine Mal doch auch einmal hier im Fort tätig zu werden. Einer der sechs Kalianhänger, Bhediya, öffnete leise und vorsichtig die Tür. Elspeth und Henry ruhten in dem mit einem Baldachin aus dünnster Seide vor Insekten geschützten Bett, ihre Kleidung war mehr als spärlich. Um genau zu sein, sie war gar nicht vorhanden, sondern lag abseits, dort wo die Dienstboten des Paares sie Abends zurecht gelegt hatten, auch die Nachthemden waren wohl irgendwann aus dem Bett geflogen. Der Wolf grinste kurz, dann winkte er seine Kameraden nach vor. Haathee stürmte vor und fixierte die Arme des Briten mit einem schnellen Griff, und Painthars stopfte einen Fetzen Stoff in den Mund des Lords. Sauber war er nicht gerade, aber das sollte die geringste Sorge Lord Henrys werden. Gleichzeitig war Elspeth die gleiche Behandlung durch Bhaaloo und Khayng widerfahren, nun wurden dem Paar auch noch die Arme auf den Rücken gefesselt, sie wurden in zwei der in dieser Gegend seltenen Sessel europäischer Machart gestoßen, welche der Raja für britische Gäste wie Sir Matthew angeschafft hatte.

Erst jetzt betrat Baagh-Nakh als der Anführer der Thuggees das Zimmer und pflanzte sich vor den Gefangenen auf.

„Es freut mich, dass ihr geblieben seid noch etwas länger, Sahib!“ Er spuckte den an sich ehrenvollen Titel wie eine Beleidigung aus. „Und Deine Memsahib auch, denn so könnt ihr jetzt für kurze Zeit unsere Gäste sein. Beginnen wir doch einmal mit der Memsahib.“ Er näherte sich Elspeth, welche vergeblich versuchte, noch weiter zurückzuweichen. Natürlich war das ein unmöglicher Versuch, die reich geschnitzte Stuhllehne aus Holz gab keinen Millimeter nach. Baagh-Nakh packte mit grober Hand ihr Kiefer und drückte zu, sodass sich seine Finger in ihre Kiefermuskel und Wangen bohrten, ein äußerst schmerzhafter Griff. „Du hast eine Tigermutter und ihr Baby getötet, aus reiner Lust. Das ist ein Sakrileg, doch du hast nur gelacht und uns Inder, alle Inder, beleidigt. Was denkst Du, was sollten wir jetzt mit dir paradēśī Hūkara, dir ausländischen Hure anfangen?“

„Die Britīśa haben uns doch selbst eine neue Art von Strafen für solche Vergehen gebracht, Nētā153“, bemerkte Bhediya. „Den Ūsa154. Draußen wachsen einige dünne Bambusstäbe, die sich auch ganz gut eignen könnten. Ich könnte einige davon holen!“

„Nun, Memsahib“, zwang Baagh-Nakh Espeth zum Aufstehen und ihren Kopf in den Nacken. „Zwanzig oder dreißig Hiebe auf deinen fetten, nackten Gādhava155, damit du eine Zeitlang nicht ordentlich sitzen kannst? Das wäre doch eine angemessene Bestrafung? Und sie ist so durch und durch britisch, das müsste dir doch ganz gut gefallen!“

„Ich wüsste ja, was die Sahibs in einem solchen Fall mit einer indischen Frau machen würden“, warf Painthars ins Gespräch. „Meiner Schwester ist es so ergangen, auf der Polizeistation in Jabalpur, weil man ihren Mann verdächtigte, einer von uns zu sein. Ein englischer Offizier und vier Unteroffiziere, einer nach dem anderen.“

„Ach ja, diese Behandlung für unsere Frauen ist bei den Engländern immer sehr beliebt“, erklärte der Anführer im Plauderton. „Sollen wir jetzt gleiches mit gleichem vergelten? Immerhin, hier gibt es zumindest ein bequemes Bett, und richtig angezogen für ein solches – Verhör bist du ja auch schon! Würde es dir gefallen, oder würdest du dich wie Paithars Schwester danach aufhängen?“ Er stieß Elspeth mit roher Gewalt zurück in den Sessel. „Nein, wir werden weder das eine noch das andere tun. Unsere Gruppe kämpft nicht gegen Frauen, wir sind keine Feiglinge wie die Feringhee, die nicht einmal selbst kämpfen, sondern den Bruder gegen den Bruder senden. Aber wir kämpfen gegen Männer. Was uns zu diesem Schwein hier bringt, der sogar für die eigenen Leute zu böse ist. Selbst die Offiziere der britischen Armee wollten Deinem Befehl nicht mehr folgen, selbst denen bist Du zu selbstherrlich und böse gewesen. Weißt Du, mich wundert ja, dass der Raja sich aufgelehnt und nicht gehorcht hat, diese Stärke hätte ich von ihm gar nicht erwartet. Aber dass er dich für deine Überheblichkeit so gar nicht bestraft hat, das – stört uns schon ein wenig! Na egal, dafür gibt es ja uns Svātantryācā Krama. Du wirst sterben, Schwein, wie Schweine nun einmal eben sterben!“ Baagh-Nakh holte eine Kordel hervor und begann, sie langsam durch seine Hände gleiten zu lassen. Henrys Augen quollen vor Entsetzen hervor, er wollte schreien, betteln, sich wehren, aber alles war vergebens. Auch wenn er versuchte, sich den zugreifenden Händen Haathees und Bhaaloos zu entziehen, sie packten den Lord und zwangen ihn, sich auf den Boden zu knien. Dann griff Khaang in das Haar des Lords und zog seinen Kopf nach vorne und in den Nacken.

„Kali-Ma!“, intonierte der Anführer, trat zu dem Lord und zeigte dem Entsetzten die Kordel noch einmal. Dach ging er hinter den Lord, stemmte sein Knie in den Rücken Henrys, schlang diesem von hinten die Schnur um den Hals und zog sie zusammen, so lange, bis der Körper von Lord Henry Tockerfield, dem achten und letzten Herzog von Lester aus der direkten Linie des Gründers, total erschlaffte. Nach dem Tod des Peers knotete er die Schnur um dessen Hals auf eine bestimmte Art, damit auch jeder sehen konnte, wer die Tat begangen hatte.

„Sieh ihn Dir an“, befahl Bhediya, Elspeth in die Haare greifend und ihren abgewandten Kopf zu ihrem toten Ehemann wendend. „Irgendwann wird jeder von euch Engländern und alle ihre freiwilligen Sklaven so daliegen, euch Weiber werden wir aus dem Land werfen und ins Meer treiben, wir werden uns das Land und das Gold, das ihr uns gestohlen habt, wieder zurück holen und endlich wieder nach unseren eigenen Gesetzen leben.“

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British-America

Hoch im Norden von British-America lag jenseits der Rocky Montains das Stammesgebiet der Chehali, Yakama, Chinook, Winachi und Spokane, kleine, teilweise sogar miteinander verwandte Völker, welche alle bereits den Völkern des Wampum beigetreten waren und so gegenüber dem Generalgouverneur für British-America in Boston und der Krone des United Kingdom gewisse Rechte geltend machen konnten. Und es selbstverständlich auch taten. Technisch hatten diese Völker im Laufe der Zeit ebenfalls stark aufgerüstet und befuhren die Gewässer schon lange nur noch zweimal im Jahr mit handgeruderten Kanus, zur Jagd auf die Lachse und zu Mitsommer. Sie verfügten sogar über so etwas wie eine kleine Kriegsmarine, bestehend aus drei Dutzend Schnell- und Torpedobooten. Die schweren Schlachtschiffe und Panzerkreuzer sowie die schwer bewaffneten Fregatten waren allerdings im Besitz der Briten und in drei Flottenverbänden über drei Häfen verteilt. Die größte der Flotten und das Naval-Command für die Ostküste lagen in San Diego, Californien. Eine weitere Flotte lag in San Francisco gut geschützt in der großen Süd-Bucht und die dritte in Fort Port Angel an der Mündung des Elwha Rivers in den Puget Sound, gleich gegenüber der großen russischen Insel Ostrov Salish. Dieses Fort lag im Gebiet der Völker des Wampums, bereit, die Küste gegen die Franzosen in Canada zu verteidigen. Oder gegen die Russen, die Chinesen, welche immer mehr an halbwegs modernen, gepanzerten Schlachtschiffen bauten, die Japaner, welche bereits eine schlagkräftige Flotte besaßen und durchaus in der Lage wären, den drei britischen Flotten und den schnellen Patrouillenverbänden einige Probleme zu bereiten. Auch Skandinavien und Nederland-België entsandte immer wieder Kriegsschiffe in den Pazifik, um die Ansprüche auf einige Inseln zu untermauern. Da hieß es schon wachsam zu sein und auch für eine eventuelle Entlastungsoffensive oder -invasion vorbereitet zu sein. Oder auch für einen Präventivschlag. Dafür gab es unter anderem die Royal American Marines, ausgesuchte Männer, welchen auch bei schwerstem Seegang nicht übel wurde, bestens ausgestattet kurzläufigen Repetierkarabinern und schweren Revolvern von Browning oder Colt-Hartford.

Color Sergeant Roger Bakerslee vom dritten Marine-Regiment Port Angel, zweites Bataillon, zweite Kompanie, erstes Platoon, Kommandant des dritten Troop, war ein solcher Marine. Gemeinsam mit seinem und dem vierten Troop saß er, eingehüllt in eine wasserdichte, von Charles Goodyear im Jahr 1844 entwickelte Gummipelerine mit Kapuze in dem kleinen Leichter, den zwei von starken Dampfmotoren angetriebene schnell laufende Impeller auf sie Küste einer Insel mit dem wenig Vertrauen erweckenden Namen Destruction Island zutrieben. Es war raue See, die Sicht betrug nur wenige Meter, also ideale Bedingungen für einen Überraschungsangriff auf eine weit überlegene Festung. Schnell hin, an Land stürmen und die feindlichen Forts ausschalten, bevor die Verteidiger überhaupt etwas von einer Annäherung bemerkten. Aber natürlich war es durch Wetter und rauem Seegang im Inneren der Leichter mehr als nur ungemütlich. Beständig warf der Wind Gischt über die niedrige Bordwand, denn die Schiffe waren selbstverständlich so niedrig wie nur irgendwie möglich gebaut. Eigentlich war so ein Landungsleichter nicht viel mehr als eine vielfach unterteilte 64 Fuß156 lange und 16 Fuß157 breite hohle Platte als Schwimmkörper, darauf am Heck ein starker endothermischer Dampfkessel für den Vortrieb und ein Führerstand, etwa 20 Fuß158 hoch und beinahe das gesamte hintere Viertel der Plattform einnehmend. Platz für drei Decks, allerdings der nautischen Mannschaft vorbehalten. Das vordere Ladedeck bot Platz für entweder 24 Personen, zwei Hummer oder einen MK VIII/M-Tank, als Bewaffnung war auf diesem Heckaufbau ein kurzes 35-Zoll-Geschütz159 und zwei schwere Maxim-Gewehre, die vordere Ladeklappe öffnete sich wie die Zugbrücke einer mittelalterlichen Burg und erlaubte so einen schnellen Sturm der Marines an den Strand. Diese Leichter waren billig und einfach gebaut, wasserdicht hatten die Konstrukteure nichts an dem Boot außer dem Schwimmkörper und den Räumen auf dem Heck geplant, aber trotzdem waren sie für einen Sturmangriff wie den eben jetzt geplanten ungeheuer effizient. Wieder traf ein Schwall Wasser, der über den flachen Bug schwappte, den Rücken des Color Sergeanten und Halbzugführers, ohne das Gummizeug wäre die Lage für die Männer im Laderaum auf Dauer sicher unerträglich gewesen. Trotz all ihrer Härte.

Eine grüne Lampe leuchtete am Steuerhaus auf, und die beiden Troop-Commander sprangen auf.

„Also, Mädels, auf zum Walzer“, rief Roger Bakerslee und zog sich die Pelerine über den Kopf. Die restlichen Marines folgten diesem Beispiel, kontrollierten ein letztes Mal ihre Gewehre und setzten die flachen, wie Teller geformten blauen Mützen auf, zogen die Kinnriemen fest. Dann senkte sich auch schon die Bugklappe des Leichters, und als erste rannten die beiden Sergeanten auf den Strand und pressten sich an die bereits nach wenigen Schritten aufragende Steilwand.

„King“, rief Bakerslee, und beinahe gleichzeitig nannte auch sein Kamerad Sergeant Smithers einen Namen. Die beiden genannten Corporals spannten jeder eine überdimensionierte Armbrust, zielten nach oben und schossen einen Haken mit anhängendem Seil die Steilwand hinauf. King hatte Pech, er konnte eben noch zur Seite springen, ehe die aus der niedrigen Nebelwand zurückfallende Enterdregge ihm auf den Kopf fiel. Corporal Donaldson vom vierten Troop hatte mehr Glück, seine blieb oben, auch als er das Seil straffzog, ganz offensichtlich hatte sich der Sturmanker des vierten Troop fest verhakt. Schnell spannte der unglückliche Corporal King seine Armbrust wieder und feuerte erneut. Dieses Mal verhakte sich auch sein Geschoß oben in der Klippe, und Bakerslee begann eiligst den Aufstieg. Oben angekommen rollte er zuerst einmal vom Cliff weg und sicherte das Gelände, wie es auch Smithers bereits vor ihm gemacht hatte. Nach und nach erschienen auch die anderen Marines und suchten sich eilig Deckung, als letzter Lance Corporal King. Eine weiße Signalrakete stieg vor ihnen in den diesigen Himmel, und auf der Brücke des Mutterschiffs drückte ein Daumen auf den Knopf einer Stoppuhr.

„Nicht übel“, bemerkte Captain Jack Cormick, als ihm Lieutenant Randers die Uhr zeigte. „Damit hat der zweite Halbzug den ersten um beinahe zwei Minuten geschlagen. Geben sie Second Lieutenant Vickers Bescheid, das zweite Platoon ist dran!“

„Aye, Sir“, salutierte Randers und zog den Schalltrichter der schiffsinternen Kommunikationsanlage zu sich heran. Eine Drehung an einer Scheibe wählte die Unterkünfte des zweiten Zuges aus.

„Zweites Platoon, fertigmachen zum einschiffen!“

=○=

„Verdammt!“, fluchte Bakerslee, stand auf und reichte Smithers die Hand. „Gratuliere, aber beinahe hätten wir euch doch wieder eingeholt.“

„Aber eben nur beinahe, Roger“, grinste Smithers und nahm die angebotene Hand. „Pech für euch, dass Kings Anker das erste Mal nicht gegriffen hat!“

„Das nächste Mal werden wir euch wieder abhängen“, versprach Bakerslee, dann drehte er sich um. „Dritter Troop, alles auf. Antreten in Linie zu zwei Gliedern. Veeer-gatterung!“

„Vierter Troop, alles auf“, ertönte auch die Stimme von Sergeant Smithers. Auch er ließ seinen Troop in zwei Reihe zu fünf Mann antreten.

„Also, ihr wisst alle, was jetzt kommt“, dröhnte Bakerslees Stimme über die winzige Hochebene der Küste. „Nach dem Signal LOS werdet ihr euch über die Wand abseilen und unten eine Verteidigungsstellung einnehmen. Die Corporals machen den Anfang, der Rest folgt von links abbrechend. Wir haben es oft genug geübt, also sollte es kein Problem geben. Noch Fragen?“ Der Rangältere der beiden Troop-Commander wartete wenige Augenblicke, dann nickte er zufrieden. „Uuuuund LOS!“ Die beiden Sergeants waren die letzten, welche sich ihre Karabiner über die Schulter hingen, das Seil durch die Beine und über die Schulter schlangen und über die Klippe gingen. Mit rasanter Geschwindigkeit, nur von der Reibung des Seiles gebremst, glitten sie die etwas mehr als hundert Meter hohe Klippe hinab. Am nur wenige Schritte breiten Strand wartete der Leichter L-612 noch mit geöffneter Bugklappe auf die beiden Trupps, um sie zurück auf die HMAS THREE OAKS, einem Truppentransporter der QUEEN ANNE-Klasse zu bringen.

Die Einheiten der QUEEN-ANNE Klasse waren militärische Passagierschiffe mit einer für ihre Größe überdimensionierten Artillerie, mit welcher sie den Landungsbooten und Leichtern aus der Entfernung Feuerschutz geben konnten, aber ohne nennenswerte Panzerung. Ausgelegt waren sie für eine Kompanie Marineinfanteristen, untergliedert in vier Platoons, also insgesamt 202 Offiziere und Mannschaften, beziehungsweise für eine entsprechende motorisierte Einheit. Begleitet wurden diese Transporter üblicherweise von einer Eskorte, bestehend aus zwei Panzerfregatten und einigen schnellen Korvetten, manches Mal auch von schnellen Torpedobooten.

Die Konstrukteure der QUEEN ANNEs waren zu Recht stolz auf ihre Schiffe. Durch eine Heckklappe konnten gleich zwei der kleinen Landungsboote für ein halbes Platoon in ein Dock fahren, wo die Infanteristen oder Fahrzeuge leicht an Bord gebracht werden konnten, ungeachtet eines jeden außerhalb des Schiffes herrschenden Seeganges. Wenn dann die acht Landefahrzeuge fertig beladen waren, steuerten sie normalerweise gemeinsam ihr Ziel an. Wenn das Gelände am Zielort es zuließ, wurden auch die Truppen mit der motorisierten Unterstützung von ihren ANNES nach vorne gebracht und losgeschickt. Da gab es die MK VIII/M – Marinetanks, welche eben noch in die Leichter passten, 38 Fuß160 lang, in der typischen Rhombenform der britischen Kampfpanzer, mit einem 3,5 Zoll161 -Geschütz im oberen Turm und je zwei .30er Maxim-Gewehren in den Flanken. Oder man verlud zwei der leicht gepanzerten Trucks, ähnlich den Hummern der RAMPC mit dem schwerem Maxim auf der Passagierkabine in einem solchen Leichter. Die übliche Aufgabe der Marines war leicht zu definieren, aber manches mal schwer durchzuführen. Landen, eventuellen Widerstand ausschalten und einen Brückenkopf errichten und sichern, damit die reguläre Armee mit den Luxuskuttern das wirklich schwere Gerät dort landen und damit weiter ins Landesinnere vorstoßen konnte.

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Der Kommandant des in Port Angel stationierten dritten Regiments der Royal American Marines war der 1839 geborene Colonel George Armstrong Custer. Er hatte sich im Krieg gegen die Franzosen in Texas seine Sporen verdient und General Robert E. Lee, den Oberkommandierenden der Amerikaner, auf sich aufmerksam gemacht. Der tollkühne jüngere Offizier mit dem Hang zur Exzentrizität schien dem Senior General des British-American-Army-Corps der richtige Mann zu sein, um ein Regiment Spezialtruppen zu gründen. Gemeinsam mit zwei anderen Colonels, Phillip Sheridan aus New York State und John Bell Hood aus Kentucky, machte sich Custer an die Arbeit, und so entstand das BAMC, das British-American-Marine-Corps, drei Regimenter stark, welche ausschließlich dem Naval Command in San Diego direkt unterstanden. Die Nummern der Regimenter hatten die drei Colonels bereits zu Beginn ausgelost, und Custer hatte dabei das am nördlichsten stationierte, eben die Nummer drei aus dem Hut gezogen.

Verständlicherweise hätte sich der exaltierte, etwas eitle Offizier lieber in seiner nach Maß geschneiderten, dunkelblauen Uniform mit den goldenen Knöpfen, Abzeichen und Schulterschnüren bestaunter Gast durch die Salons des 1889 bereits reichen und exotischen San Franciscos reichen lassen. Nicht, das Port Angel nur aus der Garnison bestanden hätte, es gab schon auch eine Zivilstadt. Doch das weit kältere Klima hoch im Norden, die Lage inmitten des Gebietes der Völker des Wampums und die große Nähe zur russischen Grenze hatten bisher die Ansiedelung einer gewissen Noblesse verhindert. Diese tummelte sich vorzugsweise an der Ostküste, im Westen noch am ehesten in Los Angeles und San Francisco, beide im sonnigen, warmen California gelegen. Aber, das Los hatte entschieden, John Bell Hood durfte sich in San Francisco von den jungen Damen bewundern lassen, und er, Custer, saß hier in Fort Angel zwischen Frauen ohne Stand und Vermögen. Nun, als Gentleman akzeptierte man aber den Ausgang eines ehrlichen Spieles, egal mit welchen Konsequenzen, und erfüllte seine Pflicht. Besonders, wenn nach der regulären Dienstzeit eine Beförderung zum General-Major winkte.

Die Völker des Wampums hatten gegen diese Regelung die Flotte und deren Stützpunkte betreffend besonders an der Westküste nicht das Geringste einzuwenden gehabt, denn im Gegensatz zu den schon seit sehr langer Zeit sesshaft lebenden und ackerbauenden Haudenosaunee und anderen Völkern des Langhauses hingen die Stämme der westlichen Prärien immer noch ein wenig der nomadisierenden Lebensweise an und waren hervorragende Reiter geworden, welche im Kriegsfall die Kavallerie Britisch-Americas verstärken sollten. Die Küstenbewohner ihrerseits waren auch nicht erpicht, in großen Stahlkolossen in eine Seeschlacht zu ziehen und erlaubten den Bau einiger Hafenstädte zur Versorgung der Flotten an den nördlichen Küsten und legten sich lieber wendige Schnell- und Kanonenboote zu, um die Navy zu unterstützen. Die Wanderungen der Wale im Westen und der Büffel durch die endlosen Weiten der Prärien im Osten der Rocky Mountains bestimmten den Lebenszyklus der indigenen Völker jenseits des Mississippi, wie schon seit Generationen, viele wollten auch gar nicht anders als von der Jagd leben. Trotzdem hatten auch die Dakota, Shoshonee, Alkongkin und Niitsítapi162 einige Festungen gebaut. Starke Forts, zumeist aus Stein, später mit Beton verstärkt, in modernster Bauweise, mit den stärksten aufzutreibenden Kanonen. Manche dieser Geschütze sogar aus eigener Konstruktion und Fertigung. Zuerst hatte der Ire Patrick Ferguson damals ein Hinterladergewehr mit Steinschloss und gezogenem Lauf konstruiert, welches den Gewehren der britischen und französischen Soldaten weit überlegen war. Nicht nur, dass der Schütze doppelt so schnell Nachladen konnte, er musste dazu auch nicht stehen und mit einem langen Ladestock hantieren, sondern konnte zumindest knien. Ein ähnliches Prinzip wandten die Haudenosaunee bald auch auf ihre Kanonen an, und so konnten sie sich mit Schwindel erregenden Feuerkadenzen bisher ganz gut behaupten. Sowohl entlang des North-Lakota-Trails, der von der großen Siedlung Seh-ahth163 am Puget Sound im Westen bis Milwaukee an den Großen Seen ging, als auch des South-Lakota-Trails von Port Chinook164 am Pazifik über die Rocky Mountains, Wyoming ebenfalls bis Milwaukee und dann die Südufer der Seen entlang bis Fort Wabanaki165 am Atlantik reichte, waren neben vielen der festen Forts auch im Westen dauerhafte Siedlungen wie Buffalo, Hot Springs, Little Bighorn und Seven Stones entstanden. Dort züchteten moderne Präriebewohner Büffel in gigantischen Gehegen, um die gesamte Native Nation, wie sich die Völker des Wampums auch gerne nannten, mit Fleisch zu versorgen. Und so ergoss sich ein stetiger Strom von Fleisch nach Osten in die Langhäuser, während ein nicht geringerer Strom von Getreide und Gemüse nach Westen floss.

Besonders die beiden Ansiedlungen, wo die großen Trails den Missouri überquerten, konnte man mit Fug und Recht richtige Städte nennen, welche den östlichen Siedlungen an den großen Seen in nichts nachstanden und auch die großen Luftschiffhäfen des Nordwestens beherbergten. Das waren Forrest Bridge im Norden und Five Willows im Süden. Man konnte allerdings im Westen von keiner Hauptstadt sprechen, denn es gab hier einfach keine Regierung. ‚Niemand hat das Recht, jemand anderem zu sagen, was er zu tun oder nicht zu tun hat‘ war die tief empfundene Lebensregel der Präriebewohner, die einzelnen ‚Bands‘ wählten sich zwar Häuptlinge, aber das waren eher Ratgeber als Befehlshaber. Etwas anderes war es natürlich, wenn sich Männer freiwillig für den Dienst im Mounted Police Corps in den Forts entschieden oder aber, wenn ihr Land überfallen wurde und das Wampum die Krieger zum Kampf rief.

Das spirituelle Zentrum der Prärievölker war, neben dem ersten Ratsfeuer in Milwaukee, das Gebiet der Black Hills. Am Fuß dieser Hügel gab es schon seit Beginn der Erinnerungen der Dakota eine ständige Siedlung, seit einiger Zeit sogar eine mit dauerhaften, steinernen Häusern. Für ihre weißen Verbündeten, welche jeden Flecken auf einer Karte eingetragen haben wollten, hatten die Lakota der Ortschaft auch einen englischen Namen verliehen. Whitewood, benannt nach dem Whitewood Creek, der einem kleinen Wäldchen von Zitterpappeln entsprang. Dort stand auch das ‚Große Steinerne Tipi‘, mit 25 Etagen und einer Höhe von 400 Fuß166 das im Jahr 1889 höchste Gebäude Britanniens. Es beherbergte den großen Medizinmann und spirituellen Führer der westlichen Reitervölker des Wampums, welcher seit seiner Ernennung im Jahre des Herrn 1869 der 1831 geborene Cian Sitting Bull war. Hier, in Whitewood trafen sich jedes Jahr viele der Nomaden im August zu einem mehrtägigen Fest, bei welchem viel getanzt, noch mehr gelacht, gut gegessen und so manche Ehe ausgehandelt wurde. In dieser Zeit ruhten alle politischen Geschäfte, es war eine Zeit der spirituellen Feste, der Initiationsriten, welche nicht immer ganz schmerzfrei waren, und der Freude. Das restliche Jahr über traf man sich natürlich auch gerne zu dem einen oder anderen Schwätzchen an den Ratsfeuern der Zeltdörfer oder der festen Ortschaften. Aber was auch immer hier beschlossen wurde, es musste sich eigentlich niemand so wirklich daran halten. Außer, es ging um geschlossene Verträge und Eigentumsverhältnisse, doch der letzte diesbezügliche Fall in der westlichen Native Nation lag schon über zwanzig Jahre zurück.

Umso überraschter sprang Colonel Custer auf, als sein Duty Sergeant einen hohen Besuch meldete. „Chief Wichasha Wakan Tatanka Yotanka, General Ta-pe-se, General Ishaynishus!“

Der Chef des dritten Marine-Regiments salutierte, ehe er die angebotenen Hände schüttelte. „Was führt Sie hierher zu mir?“

„Ich fürchte, Probleme, Colonel“, übernahm der oberste Medizinmann der westlichen Stämme, Padreigh Sitting Bull die Antwort. „Aber es ist kein wirkliches Geheimnis, ich bitte also, dass Sie gleich ihren Stab hinzurufen, Colonel.“

„Selbstverständlich, Chief“, nickte George Armstrong Custer und drückte einen Schalter auf seinem Schreibtisch, welcher die erst voriges Jahr eingebaute elektrische Sprechanlage in Betrieb nahm. „Sergeant, ich lasse Lieutenant Colonel Marcus Reno und Major Frederick Benteen in den Konferenzraum drei bitten. ASAP!“

„YESSIR!“ Die Stimme des Sergeanten klang durch die geschlossene Tür beinahe eben so laut wie aus dem Lautsprecher.

„Ich fürchte, der alte Jennings wird sich nie daran gewöhnen, dass ich ihn auch ohne lauten Schrei hören kann“, wandte sich Custer an seine Gäste. „Ah..“

„NOSIR!“ klirrte es aus dem Lautsprecher und durch die Tür, und der Colonel legte mit schiefem Grinsen den Schalter der Sprechanlage um.

„Und ich werde noch lernen müssen, darauf zu achten, dass der Schalter wirklich auf ‚AUS‘ steht. Aber bitte, meine Herren, folgen sie mir doch!“

Der Unterschied zwischen dem Colonel und seinem Vertreter war augenfällig. Der schlanke Custer mit den langen Locken, dem langen, buschigen Schnurr- und Kinnbart, ersterer keck nach oben gezwirbelt, und der eigenwilligen Uniform mit der nur taillenlangen, die Figur betonenden Jacke, auf der anderen Seite der athletische, ein wenig behäbig wirkende Reno mit der Glatze, dem Backenbart und der Uniformjacke, welche beinahe bis zur Mitte der Oberschenkel reichte, aus dem Kleiderarsenal der Garnison. Dazu kam noch Major Beenten vom ersten und einzigen Mobile-Artillery-Bataillon des dritten Marine-Regiments mit einer kurzen, schwarzen Glattlederjacke zur Uniformhose und einem Revolvergürtel, an welchem zwei der schweren Armeerevolver statt nur einem hingen. Ein Panzerfahrer eben. Die anderen 5 Majore waren unauffällige, aber durchaus fähige Männer, auch wenn sie noch relativ jung waren, Custer hatte sich die besten Abgänger aus West Point am Hudson River im New York State geholt, als er mit dem Aufbau des Regiments begann.

„Wir sind fertig, Chief“, wandte sich der Colonel an Sitting Bull und eröffnete damit die Besprechung. „Ich hoffe nur, die Probleme betreffen nicht meine Jungs und Fort Port Angel!“

„Leider zumindest indirekt schon, Colonel.“ Cian Sitting Bull holte aus einer ledernen Umhängetasche eine lange Pfeife und entzündete den Tabak im Kopf. „Wir wollen zuerst einmal gemeinsam rauchen, Colonel!“

Custer nickte erleichtert, wenn die Lakota mit ihm und den Offizieren rauchen wollten, betraf es ein Problem, das sie gemeinsam betraf und nicht eines, das die Natives mit den Weißen – oder umgekehrt – hatten. „Sehr gern, Chief. Danke!“

Der blaue Dunst aus vier Zigarren und zwei Pfeifen stieg zur Decke. General Sean Ta-Pe-Se, den die Wašitču167 auch Gall nannten, war eher pragmatisch veranlagt und hatte die lange Pfeife für seine Reisen zugunsten der einfacher zu transportierenden Zigarren aufgegeben. Zumindest im normalen Reisalltag. Dabei erfolgte das rituelle, spirituelle Schweigen, bei welchem die Indianer ihrer Ahnen gedachten, welche sie diese Zeremonie gelehrt hatten. Die Offiziere des BAMC kannten die Gebräuche ihrer Verbündeten nur zu gut, und das bisschen Zeit war leicht zu opfern. Im Gegenteil, es bedeutete, dass die Probleme, welche die Native Generals hergeführt hatten, auch nicht sonderlich dringlich und akut waren. Denn besonders Timothy Two Moons, der bei den Cheyenne Ishaynishus genannt wurde, konnte im Falle eines dringenden Notfalls jedes Zeremoniell brüsk beiseite fegen und ohne Umschweife direkt zur Sache kommen. Und wenn er ohne das höfliche ‚bei allem Respekt, aber vielleicht wäre es angebrachter‘ einen Rat gab, dann war es im eigenen Interesse besser, diesem zu folgen. Der Warchief der Cheyenne war ein hervorragender Taktiker und ein begnadetet Stratege, selbst Custer hatte großen Respekt vor seinen Ideen und hatte ihn schon mehrfach gebeten, bei der Ausbildung der Marines mit seinen ausgefallenen Ideen zu helfen. Wenn sich Two Moons und Custer im Manöver ein strategisches Duell lieferten, konnten die Untergebenen nur noch staunen.

Endlich begann Sitting Bull zu sprechen. „Vor 135 schloss ein junger Offizier der britischen Rotröcke, ein Colonel George Washington, mit den Haudenosaunee einen Vertrag, welcher dem Bund der langen Häuser Land an den großen Seen und Selbstverwaltung darauf versprach, wenn sie ihm halfen, die Franzosen aus Canada zu vertreiben. Das war im Jahr 1754. Nach und nach schlossen sich weitere Völker den Langhäusern an, und der Vertrag wurde auf diese Völker ausgedehnt. Die Native Nation, der Bund der Völker des Wampums entstand, von einem großen Wasser bis zum anderen. Und es war gut so und brachte dem roten Bruder ebenso große Vorteile wie dem weißen Bruder, das ist nicht zu bestreiten, und ich kenne bisher niemanden meines Stammes, der anderer Meinung ist. Als dann der goldene Adler zum Beginn unseres Jahrhunderts in Canada landete und die roten Löwen daraus vertrieb, standen wir treu, wenn auch ohne große Erfolge unseren Brüdern im Norden bei. Als der Kaiser der Franzosen seine Hände auch nach dem heutigen British-America ausstreckte, hielten wir auf unserem Boden stand und konnten eure und unsere Heimat und Freiheit beschützen. Wir leben seither gut miteinander, die langen Häuser im Osten, wir Bewohner der Great Plains und die Stämme an der Westküste mit den Mormonen im Süden der Plains, den sie Utha nennen und den anderen Weißen im Süden und Osten unserer Heimat. Unsere Native Army und das Native BAMPC arbeiten Hand in Hand mit der BA-Army, den BA-Marines und dem weißen Royal American Mounted Police Corps. Und wenn die Navy etwas benötigt, auch mit dieser. Aber die Herren in San Diego benötigen ohnehin nur Häfen und eine Möglichkeit für die Matrosen, einmal ein Fass aufzumachen. Also, was ich sagen möchte, wir sind durchaus zufrieden mit dem derzeitigen Zustand unserer Beziehungen, oder wie der Generalgouverneur in Boston gerne sagt, mit dem Status quo!“

„Das freut mich zu hören, aber das ist…“, begann Custer.

„Shit“, unterbrach Reno seinen Vorgesetzten fluchend, während er seinen kahlen Schädel kratzte. „Colonel, da ist wohl jemand unterwegs, der den jungen Kriegern den Vertrag madig machen will. Die Chiefs sind gekommen, um uns davor zu warnen.“

„Das ist korrekt, Colonel Reno“, warf Two Moons ebenso unverblümt ein. „Sie haben einen seltsamen Dialekt. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn russische Agenten unterwegs wären, aber die sind unverwechselbar, man erkennt sie zehn Kilometer gegen den Wind am Geruch. Muss an ihrer Ernährung mit Kohlsuppe und Borschtsch liegen!“

„So?“, wunderte sich Major Beenten. „Das ist mir nie aufgefallen!“

„Nun, wie auch immer“, ergriff General Gall das Wort. „Es sind keine Russen, und es sind keine echten Franzosen. Wenn ein solcher ‚Vive l’Empereur Napoleon‘ hört, salutiert er beinahe schon automatisch, ganz egal, ob er Zivilist oder Soldat ist. Diese nicht!“

„Das ist ein Argument“, überlegte Custer. „Aber wer sollte ein Interesse daran haben, unsere Völker gegeneinander zu hetzen? Wer gewinnt etwas dabei?“

„Eigentlich nur die Russkis“, sprach Reno seine Meinung aus und nahm sich noch eine Zigarre. „Immerhin wäre dann der Weg in den Süden für die Armee des Zaren frei.“

„In Alaska stehen nicht genug russische Soldaten, um uns hier auf unserem Territorium gefährlich zu werden, Sir“, widersprach Benteen. „Umgekehrt hätten wir auch nicht gerade viele Chancen, sollten wir sie angreifen wollen. Also, wenn wir uns wirklich gegeneinander aufstacheln ließen und damit als Verteidigung von BA ausfielen, griffen die Froschfresser sofort zu. Und die Alaskatruppen der Russen sind gut und hervorragend ausgebildet, aber es sind nur wenige. Wenn es losgehen sollte, dann fluteten die Franzmänner doch sofort auch in dieses Machtvakuum.“

„Da ist doch noch etwas“, vermutete Reno. „Einige eurer jungen Krieger sind nicht ganz immun gegen das Gift, oder?“

„Niemand darf einem anderen vorschreiben, was er tun oder nicht tun soll“, zitierte Sitting Bull. „Das ist das einzige wirkliche Gesetz der Dakota. Aber wir werden jene, die sich gegen das gegebene Wort und den Vertrag von 1754 wenden, nicht vor euren Gerichten beschützen. Denn ein Mann steht zu seinem Wort und hält es, solange der andere das seine auch hält. Bisher habt ihr weißen Männer euer Wort gehalten, wir halten das unsere. Als Volk, das sagen wir auch den jungen Kriegern, aber wenn einige so dumm sind und eine Marine- oder Navybasis angreifen, unterstehen sie eurer Militär-Gerichtsbarkeit. Voll und ganz, wie jede andere Person, sei sie weiß, rot, schwarz, gelb, gemischt oder was auch immer wir bei unseren Besuchen in Boston und San Francisco gesehen haben. Wir bitten nur, dass wir die Eltern bei einer eventuellen Inhaftierung informieren können und die Leichname für eine Beerdigung, wenn es zu einem Todesurteil kommen sollte.“

„Und wir wären sehr dankbar, wenn sie auf einen öffentlichen Galgen verzichten könnten“, ergänzte Gall flüsternd. „Es ist genug Schande, als Wortbrüchiger gehängt zu werden.“

„Meine Herren!“ Custer erhob sich und salutierte. „Wir werden uns selbstverständlich mit allen Mitteln verteidigen, aber wir bedanken uns für das ihn unsere Gerichtsbarkeit gesetzte Vertrauen. Natürlich werden wir, sollte es zu einer Gerichtsverhandlung kommen, die Familien informieren, soweit es in unserer Macht steht. Selbstverständlich steht den Angeklagten auch ein Rechtsbeistand zu, und auch ein Besuch seiner Verwandten, wenn er uns die Namen derselben bekannt gibt, kann ganz diskret eingerichtet werden.“

„Danke, Colonel!“ Nun erhoben sich alle, und Tatanka Yotanka setzte seine Büffelhaube wieder auf. „Sie werden verstehen, dass wir, wenn es auch kein Geheimnis ist, diese Nachricht persönlich an Sie als den höchsten anwesenden Offizier überbringen mussten?“

„Natürlich, Sir“, bestätigte Custer. „Ich werde Admiral Gleder persönlich davon unterrichten, wenn er hier wieder vor Anker geht. Zudem senden wir sofort eine diesbezügliche Depesche an das Naval-Command in San Diego. Major Johnson, würden Sie sich darum bitte kümmern?“

Der Angesprochene erhob sich unverzüglich und salutierte. „Sofort, Sir! Gentleman, wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen!“

Die Indianer hoben ihre rechten Hände mit der Handfläche Custer zugekehrt bis neben die rechte Schulter, und Tatanka Yotanka ergriff wieder das Wort. „Danke, Colonel. Von unserer Seite ist nicht mehr zu sagen!“

„Dann wünschen wir ihnen noch eine gute Heimreise“, bekundete George Armstrong Custer, man schüttelte sich noch einmal die Hände, und dann schritten die Indianer aus dem Raum.

„Verdammt!“, fluchte Benteen. „Ein Glück, dass die meisten unserer Verbündeten treu sind. Nicht auszudenken, wenn wir es mit denen als Feind zu tun bekämen. Da müssten viele von uns armen Schweinen in Uniform ins Gras beißen!“

„Malen sie den Teufel bloß nicht an die Wand, Major“, rief Reno.

Custer schüttelte sich. „Seltsam. Wenn ich an einen Krieg gegen die Dakota denke, läuft es mir kalt über den Rücken. Eiskalt!“

=○=

Der größte Teil des britisch-americanischen Herzogtums Nebraska bestand aus mehr oder weniger fruchtbarer Ebene mit nur wenigen sanften Hügeln, welche ein Teil der als ‚Great Plains‘ bekannten Landschaft waren. Der überwiegende Teil des Territoriums wurde 1889 bereits landwirtschaftlich genutzt. Waren es im östlichen Teil eher Weizen- und Maisanbau, so dominierten den wesentlich dünner besiedelten und trockeneren Westen große Weideflächen für Rinder. Dort war das Leben immer noch rau und von der im Osten voranschreitenden Zivilisation noch nicht allzu viel zu bemerken. Es galten zwar die Gesetze des Empires, vertreten durch den Duke in Omaha, aber dieser und seine Polizei waren drei- vierhundert Meilen entfernt. Also regelten die Bewohner dieser entlegenen Landstriche ihre Probleme zumeist gleich selber. Wenn es sein musste, eben auch mit der Waffe in der Hand.

Es war also wenig verwunderlich, dass die Straßen in dieser Gegend nicht die allerbesten waren. Der Begriff staubige Piste traf es im Westen am besten, man hatte einfach die besten Routen von Stadt zu Stadt mit hohen Masten gekennzeichnet. Gleichzeitig war zwischen diesen Masten das Telegraphenkabel verlegt, doch wirklich oft benutzt wurde diese Form der Kommunikation nicht gerade. Die Hauptverbindung zwischen den Siedlungen und den Menschen hier draußen waren die rot-goldenen Kutschen der Royal Mail, wenn man von dem dünnen Strang der Bahnlinie von Boston über Omaha und Denver durch die Mormon-States nach San Francisco absehen wollte. Zwischen dieser Bahnlinie, welche über eine große Strecke die Grenze zwischen den Dukedoms Nebraska und Kansas darstellte, und der Mormon Rail, welche an der Grenze zum Indianergebiet verlief, war im Westen bis zum Beginn der Cheyenne Mountains in Colorado open Range – offene Weide.

Einige der Postkutschen auf Nebenstrecken wurden in der Ebene sogar noch von jeweils vier oder sechs Pferden gezogen. Diese hatten den Vorteil, dass sie hier im Westen im Überfluss vorhanden waren und nicht wie das Steam Powder teuer aus dem Osten importiert werden mussten, außerdem gab es überall genug Futter für sie. So konnten sich einige kleine Farmer und Rancher an den unwichtigeren Strecken auch noch ein kleines Zubrot verdienen, wenn sie als Wagon-Station dienten, also für die Postkutschen frische Gespanne bereit hielten und den Passagieren einen Imbiss und einen Topf Kaffee servierten. Die Kutschen selbst, ob mit Vaporid betrieben oder von Pferden gezogen, waren ziemlich klobige, aber robuste Kästen, in denen sechs Passagiere gerade ausreichend Platz fanden, die vier Räder waren bis zu zwei Meter hoch, damit die Kutsche auch unter widrigsten Umständen genug Bodenfreiheit hatte. Der Kutscher teilte sich den überdachten Bock mit einem bewaffneten Wächter, ein zweiter konnte bei wertvoller Fracht mit guter Deckung nach hinten acht geben. Da auch die Passagiere bewaffnet waren, konnte Wegelagerei unter Umständen ein riskantes Geschäft werden. Gemütlich waren diese Kutschen allerdings trotz ausgeklügelter Federung mithilfe von Lederbändern und elastischen Holzleisten nicht zu nennen. Man wurde nicht selten nach links und rechts geworfen, und die mitreisenden Damen hatten meistens irgendwelche Gepäckstücke neben sich, um mit den Herren nicht in zu engen Kontakt zu geraten.

Eine mit Steam Powder betriebene Kutsche fuhr von der Bahnstation Hot Springs an der Grenze zu Kansas mit rasanten 30 Kilometern in der Stunde den Weg nach Norden. An Bord befand sich Miss Nancy Wannamaker, deren Bruder am Willow-Creek eine Ranch betrieb und dort Rinder und die ungemein wendigen Quarterhorses für die tägliche Arbeit der Viehhirten züchtete. Miss Nancy hatte eine der höheren Schulen in Boston besucht und wollte jetzt wieder ein wenig Zeit zu Hause verbringen. Sie hatte auch während ihrer Zeit im Pensionat immer leidenschaftlich Sport betrieben und war daher recht fit, die Strapazen der Reise machten ihr nicht über Gebühr zu schaffen. Ihre blonden, langen Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, den hatte sie um den Kopf gewickelt und mit einem Reisehut bedeckt, um die Frisur gegen den ärgsten Staub zu schützen. Der Herr neben ihr hatte sich als Dexter K. Pointer, Viehaufkäufer vorgestellt. Tatsächlich war er mit seinem Gehrock und den Halbschuhen wie ein Mann aus den großen Städten im Osten gewandet und benahm sich auch so. Gegenüber saß Dora Jane Lester, eine ältere Matrone, welche ihre Tochter besucht hatte, welche jetzt in Hot Springs wohnte und ihr erstes Kind erwartete. Und als vierter Passagier war an der Bahnstation Kimball Henry Masterson zugestiegen. Ein Mann, dessen Kinn wie aus Granit gemeißelt wirkte und dessen Augen dem Gegenüber bis in die tiefsten Abgründe seiner Seele zu blicken schienen. Seine Hosen und sein Hemd waren aus schwarzem Stoff, seine kurze Lederjacke schien indianische Arbeit zu sein. Er trug zwei Revolver in offenen Halftern und hatte ein Repetiergewehr der Marke Remington mit in die Kabine genommen. Und Kimball war ein stets überaus wachsamer Mensch, dessen Hände immer in der Nähe seiner Waffen waren. Selbst beim Essen, wo er sich nach Möglichkeit so setzte, dass er Türen und Fenster im Auge behalten konnte. Ganz offensichtlich war er ein Mann, der, wenn er überhaupt je lachte, dazu in den Keller ging.

„Pinkelpause und Mittagessen!“, rief der Kutscher Paul Waters nach hinten, nachdem er den Wagen vor einer Hütte aus gebrannten Lehmziegeln und grob zurecht gemeißelten Flusssteinen zum Stehen gebracht hatte. Dann sprang er ab und ging zum Wassertrog, um sich notdürftig den Schweiß und Staub aus dem Gesicht zu waschen. „Hey, Peter, Lilly, Gäste sind da!“

„Bin ja schon da!“ Peter Lawson war ein kleiner, stämmiger Mann, der sich die Hosenträger über die Schultern zog, als er aus dem Haus kam.

„Mensch, Pete, du weißt doch, wann wir kommen, da kannst du doch rechtzeitig aus der Falle springen“, krähte Paul laut. „Alles in Ordnung mit dir?“

„Na klar, hab halt mal verschlafen, ist ja kein Staatsakt“, nuschelte Peter. „Und Lilly stellt drinnen eh schon die Teller auf den Tisch.“ Ein Schatten flog über Pauls Gesicht, dann zuckte er mit den Schultern.

„Na, dann bring mir mal den Schlauch, Pete! Wir brauchen frisches Wasser und die Royal Mail hat einen Fahrplan einzuhalten!“

„Klar, Alter! Ich komme ja schon!“ Damit schlurfte Peter Lawson zur Ecke, wo sich die Wasserpumpe befand.

Paul Waters öffnete, dem Stationsmann hinterhersehend, die Kutsche. „Also, Ladys und Gentlemen, willkommen in der Mitte von gar nichts! Bitte auszusteigen, der Abtritt ist links, das Türchen mit dem Halbmond. Danach kommen Sie bitte in die Stube“, informierte er die Gäste. Kimball Henry Masterson nahm seine Remington und stieg aus. Seine Augen überflogen das ganze Gebiet, während Nancy und Dora Jane bereits auf den Abort zugingen. Dann folgte er den Frauen, den Finger stets am Abzug der schweren Büchse. Zuletzt sprang Dexter K. Pointer aus der Kutsche, schnallte einen Revolvergurt um und rückte seinen Rock zurecht.

„Sie sollten ihre Waffe immer griffbereit halten, Mister“, brummte Paul Waters. „Ich hab es Ihnen doch schon gesagt! Das hier ist nicht Boston. Noch nicht einmal Omaha!“

„Natürlich, Mister Waters“, nickte der Viehaufkäufer. „Aber während des langen Sitzens ist so ein Revolver doch sehr im Weg!“

„Dann legen Sie sich eben einen kürzeren zu, Sir.“ Paul Waters gab sich Mühe, seine Verachtung für den ‚Stadtfrack‘ nicht zu deutlich zu zeigen. Hier, in den Open Ranges lief jeder Mann und schon viele Knaben mit so einem Schießprügel an der Hüfte herum. Sogar einige Frauen gingen nicht unbewaffnet, besonders auf Reisen. Den schweren Colt in der Handtasche Dora Janes hatte er befriedigt zu Kenntnis genommen, und dass diese junge Lady einen kurzläufigen Webley and Scott vor dem flachen Bauch trug, hatte ihn zwar erstaunt, aber auch gefreut. Zumindest hatte es ihn so lange gewundert, bis er von ihr hörte, dass sie eigentlich aus einer Ranch am Willow Creek stammte und auch dort aufgewachsen war.

„Dora Jane, da ist etwas …?“, flüsterte Nancy auf dem Weg zu Abort.

„… ganz faul, Mädchen“, fiel Dora ihr ebenso leise ins Wort. „Und Mister Granitkinn hat es auch bemerkt. Nur das Greenhorn aus Boston hat nichts mitbekommen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Welcher Mann schnallt denn außerhalb seines Hauses seinen Revolver ab?“

„Stadtfracks“, grinste Nancy. „In Boston gibt es genug Polizei, um die Sicherheit eines Menschen zu gewährleisten. Daher ist es nicht erlaubt, in der Stadt eine Waffe griffbereit zu tragen.“

„Dann tragen in Boston wohl nur Gesetzlose Waffen“, knurrte Dora Jane. „Oder halten sich die auch an das Verbot?“

„Manche“, erklärte Nancy. „Ein Einbruch ohne Waffe wird mit ein paar Jahren Knast bestraft, mit Waffe meistens mit dem Strang.“

„Da lobe ich mir meinen alten Peacemaker, da muss der Lümmel, der bei uns einsteigt, nicht mehr auf den Henker warten!“ Dora Jane tätschelte ihre Tasche. „Hast du es sehr eilig, Nancy?“

„Geh nur, ich halte schon noch aus“, winkte Nancy Wannamaker die ältere ins Häuschen.

„Danke!“ Dora schlug die Tür hinter sich zu und legte hörbar den hölzernen Riegel vor. Nun kam auch Kimball Henry heran und stellte sich neben die junge Frau. Das Gesicht hielt er dabei stets auf die Umgebung gerichtet, den Zeigefinger am Abzug seines schweren Gewehrs.

„Miss, sehen sie weiter geradeaus!“ Fast glaubte Nancy, sie habe sich verhört, als die raue Stimme ganz leise an ihr Ohr drang. Nur mit Mühe gelang es ihr, dem Hünen neben ihr keinen schnellen Blick zuzuwerfen. „Wenn die Dame und Sie da drinnen fertig sind, bitte ich Sie, noch ein paar Schritte zu gehen. Lachen Sie ein wenig, aber nicht zu auffällig. Und sehen Sie nicht zu sehr nach dem Stationshäuschen.“ Sie hörte ein Streichholz, und der Geruch nach verbrennendem Tabak stieg ihr in die Nase.

„Probleme, Mister?“, flüsterte sie zurück.

„Wahrscheinlich. Also, lassen Sie sich nichts anmerken!“ Das Öffnen der Tür mit dem Halbmond enthob Nancy einer Antwort. Sie nickte Dora Jane lächelnd zu, ging hinein und verriegelte nun ihrerseits den Eingang. Ein kurzer Blick zeigte ihr alles, die Handpumpe mit dem Eimer, die zerschnittene Zeitung auf einem Nagel und die landesübliche Latrine aus einem tiefen Loch im Boden, umgeben von Steinen, ohne Sitz. ‚Nun ja, besser gar kein Sitz als ein schmutziger‘, dachte sich Nancy und raffte ihre Röcke.

„Da bist du ja“, empfing sie Dora Jane, nachdem Nancy die Tür wieder geschlossen hatte. Die jüngere Frau wies zum Pferdetrog.

„Ich möchte mir das Gesicht und die Hände waschen! Kommst du mit?“

„Ein ganz feines Fräulein geworden, was?“, lachte Dora Jane und hakte sich bei Nancy unter. „Diese ganzen neumodischen Sitten! Aber ja, gehen wir!“

„Immerhin können wir dahinter in Deckung gehen“, flüsterte Nancy und lachte ebenfalls auf. „Wo ist denn eigentlich der Stadtfrack geblieben?“

Kimball Henry Masterson blickte den Frauen beifällig hinterher. Es war eine ganz gute Idee, sich hinter dem Wassertrog zu verstecken, unauffällig und trotzdem halbwegs sicher. Dann ging er mit schleppenden Schritten zur Tür des Stationsgebäudes. Er hatte bereits eine recht gute Vorstellung, wie es drinnen aussehen würde, nur die Anzahl und die Verteilung der Männer im Raum war ihm noch unbekannt. Und die Frage, worauf sie es abgesehen hatten. Oder auf wen. Nun, das war Kimball eigentlich relativ egal, der Postmann hier hatte Angst, seine Frau war in Gefahr und wahrscheinlich auch alle Passagiere. Er stellte sich neben die Tür, lehnte das Gewehr gegen die Wand und entzündete noch ein Zigarillo.

Im Postgebäude warteten sechs Männer, deren Kleidung wohl schon bessere Zeiten gesehen hatte. Abgerissene, unrasierte Gestalten, nur ihre Waffen waren hervorragend gepflegt und in einem exzellenten Zustand. Nichts ungewöhnliches in dieser Gegend, aber von den Männern ging etwas Übles aus, etwas zutiefst Unangenehmes.

„Zum Teufel, jetzt gehen die zwei Weiber zum Waschtrog! Was wollen die bloß dort?“, schimpfte der mit der großen Zahnlücke, der am Fenster stand.

„Beruhige dich, Abe!“, riet ihm ein anderer mit einer Narbe über die ganze linke Schläfe bis zum Kinn. Er stand hinter der Frau des Postmanns, hielt sie an der Taille umklammert und seinen gespannten Revolver unter ihr Kinn gerichtet. „Die Ladys kommen ja doch sowieso nicht von hier weg, wenn die Kutsche nicht fährt.“ Er lachte rau und presste seinen Schritt enger an ihr Gesäß.

„Der Große kommt jetzt, Dave“, meldete Abe, und der Narbengesichtige nickte.

„Auf eure Posten, Jungs. Bereiten wir diesem Sheriff einen warmen Empfang.“

Sie hörten, wie draußen ein Streichholz angerissen wurde, dann flog die Tür auf und ein Schatten huschte herein, einen schweren Revolver in jeder Hand.

„Waffen weg oder die Frau stirbt!“, schrie Dave, noch ehe der große Mann feuern konnte. Ein scharfes Zischen erklang seitwärts von ihm, und plötzlich wurde der Revolver in Daves Hand viel zu schwer für ihn. Dunkelheit wogte heran, und dass sein Körper am Boden aufschlug, bekam er nicht mehr mit. Noch während er zusammensackte, erklang das Geräusch wieder, jetzt aber übertönt vom dumpfen Bellen von Kimballs Revolvern.

„Ich schlage vor, dass Sie nicht auf mich schießen, Mister Masterson“, kam eine Stimme aus der hinteren Ecke des Raumes.

„Pointer?“, fragte der Mann ungläubig. „Wie kommen Sie denn hier herein?“

„Durch das Küchenfenster, Mister Masterson.“ Der Stadtfrack kam aus dem Dunkel und verstaute etwas im Gürtel hinter seinem Rücken. „Zum Glück sind diese deutschen Flechette-Pistolen so gut wie lautlos, und der Pavian, der Wache halten sollte, ließ sich von den Damen ablenken.“

„Sie besitzen eine Flechette-Pistole?“

„Aber ja! Sehr praktisch, klein und handlich.“ Dexter zog seinen Gehrock zurecht und trat zu der Frau des Postmannes. „Es ist vorbei, Madam. Wir sollten jetzt wohl Mister Lawson Bescheid geben, dass seine Frau wohlauf ist!“

„Natürlich!“ Masterson trat an die Tür. „Alles in Ordnung, auch Misses Lawson! Sie können jetzt hereinkommen!“

Peter Lawson stürmte zur Tür herein und stürzte zu seiner Frau. Trotz seiner knurrigen und etwas unbeholfenen Art liebte der Stationsmeisters seine Frau sehr, und es hatte ihn innerlich aufgefressen, sie in dieser Situation zu sehen. Das Ende war ihm klar gewesen, aber seine Gedanken waren um das Hinauszögern des Unausweichlichen gekreist. Und mehr als einige Hinweise zu geben hatte er nicht gewagt. Nun war er glücklich über den geglückten Ausgang der Gefahr.

„Das Essen!“ Betty Lawson fuhr auf. „Die Fahrgäste erwarten doch ihr Essen! Hilf mir den Ofen zu einzuheizen, Pete. Heute gibt es zwar nur etwas einfaches, aber hungrig sollen sie weiterreisen müssen. Und bringt doch bitte die Kadaver aus der Stube. Pete, telegraphier nach Cedar Spring, dass der Typ, der bis zum Eintreffen des neuen Sheriffs die Bücher führt, erfährt, was hier los ist und den Undertaker schickt!“ Die resolute Frau übernahm schon nach kurzer Zeit wieder das Kommando.

=○=

„Cedar Springs, Ladys und Gentlemen“, rief Paul Waters. Am nächsten Mittag erreichte die Postkutsche nach einer Übernachtung an einer größeren Station den Ort. Eine typische Town im Westen von Nebraska und Kansas bis hinüber nach Colorado. Ein paar Läden für die Dinge des täglichen Lebens, Nahrungsmittel, Stoffe, Hygieneartikel und ähnliches. Eine Kirche, welche sich die Church of England, die Methodisten, die Baptisten und die Katholiken friedlich teilten, eine Grundschule und die Wache der freiwilligen Feuerwehr, in welcher sich eigentlich alle Stadtbewohner engagierten. Das Haus des Sheriffs mit seinem Büro und angeschlossenem Jail, der öffentliche Stall, in welchem man sein Pferd unterstellen konnte, wenn man im nahen Hotel übernachten wollte, die Poststation, vor welcher die Kutsche eben gehalten hatte. Drei, vier Saloons mit Tanzsaal, wenn die Junggesellen unter den Cowboys einmal kräftig Dampf ablassen mussten. Auch wenn die braven Ehefrauen ihre Nase etwas in den Himmel hoben, wenn ihnen eines der Tanzmädchen begegnete, so waren sie im Allgemeinen recht froh, dass es sie gab. Vor allem ihrer Töchter wegen. Und sie alle hielten ihre eigenen Jugendsünden und Techtelmechtel für die große Ausnahme, ihre wohlerzogenen Töchter würden so etwas doch nie machen – eine Ansicht, welche sich schon seit Jahrhunderten hartnäckig hielt. Seit Jahrtausenden, wenn man der Bibel glauben schenken wollte.

Paul sprang geschmeidig vom Bock und riss den Wagenschlag auf. „Ich helfe ihnen gleich mit ihrem Gepäck, Ladys. Und Mister Masterson? Fahren Sie weiter oder bleiben Sie wirklich hier.“

„Ich bleibe!“ Der Hüne nahm seine Remington, stieg aus der Kutsche und sah sich um. Eine Gruppe besser gekleideter Personen stand in geringer Entfernung zur Kutsche, und Kimball stiefelte auf sie zu. „Bürgermeister Virgil Kendrick?“, fragte er.

„Der bin ich. Ich vermute, sie sind Mister Kimball Henry Masterson? Bitte kommen Sie mit, Sheriff! Wir zeigen ihnen Ihr Büro!“

Währenddessen kam ein Mann näher, Nancy flog auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. „George! Du hast dich gar nicht verändert!“

„Du schon, kleine Schwester“, lachte George Wannamaker. „Ich hätte einen Stock mitnehmen sollen, um die zweibeinigen Wölfe zu vertreiben! Du bist ja zu einer richtigen Frau geworden! Hallo, Misses Lester. Haben Sie Rachel besucht?“

„Habe ich!“ Dora Jane sah noch einmal dem davon schreitenden Kimball Masterson nach. „Da hat der Duke also wieder einen Sheriff hergeschickt“, meinte sie. „Ich bin neugierig, wie lange er sich hält.“

„Gibt es denn so viele Outlaws hier im County?“, fragte Nancy erstaunt.

„Ja, die gibt es!“ George verzog das Gesicht. „Derzeit sind die Beamten des Duke und der Krone hier in den Western Counties nicht sehr beliebt. Es gibt Stimmen, welche ein Separation von London und einen eigenen Staat fordern.“

„So wie damals vor etwas mehr als hundert Jahren dieser Silberschmied Paul Revere und die Cousins John und Samuel Adams? Benjamin Franklin war angeblich auch ein Sympathisant der so genannten ‚Sons of Liberty‘. Und dieser Pirat und Schmuggler John Hancock!“

„Keine Ahnung von diesen Brüdern vor hundert Jahren“, brummte Dora Jane. „Was ihr im Osten alles in den Schulen lernt! Unnötiges Zeug, kochen, reiten und schießen wäre viel wichtiger!“

„Kann ich alles, Dora Jane. Und noch einiges mehr“, grinste Nancy.

„Wirst es vielleicht noch brauchen, Kleines“, meinte Dora. „Jedenfalls, es gibt da einige Leute, die der Meinung sind, dass ein unabhängiges Amerika besser wäre als eine Kolonie Englands zu sein. Die reden zwar viel von Demokratie, Parlament und Senat, aber ich glaube, dass da jemand dahinter steckt, der selbst gerne möglichst hoch oben mitspielen möchte!“

„Also wie immer.“

„Wie immer, Kleines. He, dort kommt ja Jesse! Komm her, Alter, hast du deine Dotty vermisst?“

„Und wie!“ Jesse Lester hatte sein Fuhrwerk mit der großen Ladefläche zum stehen gebracht und war näher gekommen. „Hab noch einen Sack Bohnen und Mehl gekauft.“ Er zog seine Hose hoch. „Und Munition. Man weiß ja nie.“ Er nickte George Wannamaker und Nancy zu. „Madame, George!“

„Jesse, das ist Nancy“, bemerkte Dora. „Nancy Wannamaker!“

„Bist ein hübsches Ding geworden, kleines Mädchen“, nickte Jesse. „Aber wenn du einen Rat vom ältesten Nachbarn deines Bruders annehmen möchtest, dann sei vorsichtig. Es ist eine unruhige Zeit!“

„Das ist es“, seufzte George. „Dotty, Jesse, kommt doch morgen zum Essen nach Willow Creek!“

„Das machen wir gerne, George.“ Jesse lud das leichte Gepäck seiner Frau auf den Wagen und stieg dann zu ihr auf den Bock. „Bis morgen!“

George nahm die Tasche Nancys. „Komm, kleine Schwester. Ich habe den Wagen im Mietstall untergebracht. Wir gehen jetzt zuerst im Restaurant etwas essen, bis dahin steht dein Koffer in der Poststation sicher.“

„Gerne, großer Bruder!“ Sie hakte sich bei ihm unter. „Also, Cedar Spring ist auch ganz schön gewachsen. Oder gab es immer schon vier Saloons?“

„Nein, zu deiner Zeit gab es nur den Saloon und das Restaurant. Wobei, so ein richtiger Saloon ist nur das ‚Beaver Inn‘. Das ‚Golden Springtime‘ ist – nun ja, sagen wir einmal, die Getränke sind Nebensache. Es wird dort eher – getanzt.“

„Ein Bordell also?“

„NANCY!“

„Das werte ich als ja“, lachte Nancy Wannamaker. „Denkst du etwa, solche Etablissements gibt es in Boston nicht auch? Wenn nur die Leute ein wenig einfallsreicher wären. In jedem zweiten Nest nennt irgend jemand ein solches Lokal ‚Goldener Frühling‘.“

=○=

Willow Creek war eine große Ranch, die Hauptgebäude stellten beinahe so etwas wie eine kleine Town dar. Ein eigener Schmied, eine Werkstatt, ein Arzt und einige Wohngebäude. Auf Willow Creek lebten einige fest angestellte Handwerker und Rinderhirten, teilweise sogar mit Familie. Die gesamte Anlage war von einer festen Mauer aus Flusssteinen umgeben, welche wahrscheinlich sogar einem mittleren Geschütz eine Zeit lang standhalten konnte. Auch die Häuser selber waren aus Stein und gebrannten Ziegeln, in Nebraska war gutes Holz selten, Stein häufig.

„Wir haben dort am Fluss ein paar Maisfelder angelegt“, erklärte George seiner Schwester, als sie von einer Anhöhe das Tal des Weidenflusses überblicken konnten. „Und dort drüben auch ein einige Kartoffeläcker. Die Frauen der Pawnees besorgen mit ein paar Männern die Landwirtschaft, während der Rest der Männer mit den weißen Cowboys die Rinderarbeit machen.“

„Du hast die Ranch ja beinahe wie eine Festung gebaut“, staunte Nancy.

„Nicht wie eine Festung“, beschied George. „Die Ranch ist eine verdammte Festung. Vor einiger Zeit wurden Ranches überfallen und niedergebrannt, weil ein Narr eine große Ranch geerbt hat und sie noch größer machen wollte. Auf unsere Kosten. Nun ja, am Ende hing er zehn Fuß hoch, ehe er sechs Fuß tiefer gelegt wurde. Aber ich habe diese Mauer trotzdem gebaut, und die ganze Ranch leicht zu verteidigen gemacht. Mit Wasserversorgung und Nahrungsspeicher. Und die Pawnees auch noch mit in das Fort genommen, das sind die loyalsten Leute, die man sich wünschen kann. Wenn man ihre Sitten respektiert.“

Das Wohnzimmer der Ranch war gemütlich eingerichtet, man merkte einfach die begabte Hand einer Frau. Abby Wannamaker war nur wenig jünger als ihr George und eine nette, mütterliche Frau, welche die Schwester ihres Mannes herzlich willkommen hieß. Nachdem sich Nancy ein wenig frisch gemacht hatte, saß die Familie ein wenig zusammen, und die junge Frau erzählte vom Überfall auf die Poststation.

„Dieser Dexter K. Pointer, der ist mehr, als er zugibt“, spekulierte George.

„Das ist er ganz bestimmt!“, stimmte Nancy zu. „Ich habe ihn auf der letzten Etappe genauer beobachtet, und er ist bei weitem nicht so harmlos, wie er tut. Ein Agent aus Boston vielleicht? Vom Generalgouverneur ausgesandt? Wenn es hier so gärt, hat er doch wahrscheinlich auch davon gehört und möchte näheres wissen!“

„Oder ein Agent der Aufrührer, um die Lage noch zu verschlimmern“, warf Abby ein und goss noch Kaffee nach.

„Auf der Fahrt hat er sich weder ausgesprochen königstreu noch revolutionär geäußert. Sein einziges Gesprächsthema waren Zuchtbullen und Kühe, mit denen sein Chef eine neue Kreuzung versuchen will. Robust wie unsere Tiere, aber so viel Fleisch wie die im Osten. Für eine ertragreichere Viehzucht.“

„Sagt ja noch nichts“, winkte George ab. „Nun, solange er sich an die Gesetze hält, soll er sein, was er will. Mich geht es nichts an.“

Die Tür öffnete sich und auf lautlosen Mokassin glitt ein untersetzter, muskulöser Mann mit der bei den Pawnees beliebten Frisur durch die Tür. Links und rechts eines Haarstreifens war der Schädel kahl rasiert, ab dem Hinterkopf war das Haar zum Zopf geflochten. Mit raschen Blick überflog er die Szene, dann sagte er in gutturalem Ton.

„Yellow Knife hat getrieben gefleckte Büffel in Gatter! Howgh!“

„Du kannst das Getue lassen, Dave“, grinste George. „Diese junge Dame ist meine Schwester! Nancy, das ist David Yellow Knife, mein Foreman.“

„Du hast eine Schwester, George?“ David Yellow Knife schnallte seinen Revolvergurt ab und hing ihn an die Garderobe. „Davon hast Du ja noch nie etwas erzählt!“

„Nanu, Sie können ja auch ganz normal sprechen?“, staunte Nancy ganz ostentativ.

„Na, klar“, bestätigte David. „Den Wilden lasse ich doch nur heraus hängen, wenn ich eine von den durchreisenden Tussis auf mein Bärenfell locken möchte!“

„Und funktioniert es?“ Neugierig beugte sich Nancy vor.

„Mal besser, mal schlechter!“ Dave machte eine vage Handbewegung. „Aber die meisten springen schon darauf an. Die gelangweilten Ladies aus dem Osten, die es einmal hart und wild wollen und freudlosen Farmersfrauen, die es zuerst romantisch und dann ausdauernd wollen!“

„Dave!“, ermahnte George seinen Vorarbeiter.

„Aber wenn sie doch fragt, Boss!“

„Und woher kommen diese durchreisenden Damen, Dave?“, lenkte Nancy ab.

„Nun ja, das kann ich dir erklären.“ Abby stellte einen Becher Kaffee vor David. „Wells Fargo hat vor etwa sechs Jahren hier im Westen zwei neue Transportlinien eröffnet, als Ergänzung zur Streckenführung der Royal Mail gedacht. Eine von Dodge City in Kansas bis nach Fort Pine Ridge im Dakotagebiet, die andere von Norfolk über North Platte bis Fort Collins in Colorado. Hier, an der Weidenfurt kreuzen sich die Strecken mit minimalstem Umweg. Wells Fargo hat entsprechende Verträge mit dem Postdienst abgeschlossen, und die Sache funktioniert im großen und ganzen auch recht gut. Bis auf die Fahrpläne. Und darum ist Wells Fargo damals an George herangetreten, damit die Fahrgäste, welche umsteigen wollen, hier Quartier und Verpflegung bekommen können. Das funktioniert recht gut, und wenn ein Gast in die Kutsche der Royal Mail umsteigen möchte, kutschiert ihn George nach Cedar Springs. Seit ein paar Jahren haben wir hier auch ein Telegraphenkabel bekommen, das bringt ebenfalls ein paar Pence ein. Also, alles in allem ein nicht ganz unwillkommenes Zubrot!“

„Und wenn das gesamte zivile Transportwesen einmal doch auch hier im Westen komplett auf Steam Powder umgestellt wird, gibt es hier an der Kreuzung schon eine funktionierende Infrastruktur“, ergänzte George. „Ich glaube, das ist hier schon eine gute Investition in die Zukunft.“

=○=

Die Gebiete Idaho, Utah sowie Teile von Wyoming und Nevada waren 1889 allgemein als die Mormon-States bekannt. Nicht, dass dort jeder Bewohner zu den Heiligen der letzten Tage gehört hätte, aber im Jahr 1846 überredete Lord John Russel, der frisch gewählte Premierminister, die Queen zu einem überraschenden Schritt. Die Mormonen und ihre indianischen Verbündeten sollten autonom verwaltete Gebiete werden. Zwar unter der Oberhoheit der Krone, aber mit eigenem Parlament.

Mitte bis Ende der 1830er Jahre waren die Anhänger der ‚Church of Christ‘, wie sich die Jünger von Joseph Smith selber nannten, vor den Verfolgungen durch die teilweise sehr fanatischen Gläubigen der im Empire anerkannten anglikanischen Kirchen nach Westen geflohen, wo sie auf die Stämme der Nez Perce und der Cheyenne trafen. Das Land war groß, und die Natives gastfreundlich, solange die Pfade für die Büffelwanderungen frei blieben und die Weißen ihre Gastgeber nicht missionieren wollten. Dafür durften auch die Mormonen glauben, was immer sie wollten und abseits der Büffelpfade bauen, wonach ihnen der Sinn stand und so viele Frauen heiraten, wie sie konnten. Die Mormonen nahmen das Angebot an und bauten in den wasserreichen Bergtälern den Front Ranges der Rocky Mountains und auf dem Colorado- sowie dem Moab-Plateau ihre Farmen und Ranches, am Rand des Gebirges ihren zentralen Tempel und, nachdem sie Eisen gefunden hatten, eine beachtliche Waffenmanufaktur. Elias Isaak Browning baute ab 1839 nicht nur sechsschüssige Perkussions-Revolver für seine Glaubensgefährten und die mit ihnen verbündeten Natives, sondern ab 1841 auch Revolvergewehre mit acht-Schuss-Trommeln. Alle mit gezogenem Lauf.

Die Krone und die Bewohner der östlichen Staaten waren froh gewesen, diese Aufrührer und Ketzer los zu sein, sie weinten den Mormonen keine Träne nach und machten sich daran, zuerst einmal in aller Ruhe die Omahas und die Lipans aus den Territorien von Nebraska und Kansas zu vertreiben, um dann diese Gegenden selbst zu besiedeln. Diese Stämme hatten sich nicht den Völkern des Wampums im Norden von British America anschließen wollen und genossen daher auch nicht den Schutz, den die Irokesen, Dakota und andere Völker von der Salish-See im Nordwesten und der Pelican Bay im Südwesten bis zur Bay of Fundy im Nordosten und dem Fluss Saco im Südosten vertraglich genossen, seit sie der erste Generalgouverneur George Washington zuerst gegen die Franzosen und später die Aufständischen Kolonisten zu Hilfe geholt hatte. Im Westen Nebraskas – das Wort stammt aus der Sprache der Omahas und bedeutet ‚Flaches Wasser‘ – stießen die Briten dann auf eine nicht ganz so friedliche Macht. Die Pawnees.

Flüchtende Lipan- und Omaha-Clans hatten die Kunde vom Vormarsch der weißen Siedler, unterstützt durch Haufen von Rotröcken, zu den westlichen Stämmen gebracht. Die Pawnees waren immer schon halbnomadische Krieger, traditionell mit den Cheyenne und deren Verwandten, den Arapahoe verfeindet. Nun bemühten sie sich um einen Waffenstillstand, um den neuen Feind aus dem Osten bekämpfen zu können. Dank der Mormonen, welche sich noch gut an ihre eigene Verfolgung durch die Briten erinnern konnten und die sich jetzt an den Ratsfeuern für einen Frieden mit den Pawnees aussprachen, bemühten sie sich nicht umsonst. Der Vormarsch der weißen Siedler kam ins Stocken.

Die weiten Ebenen Nebraskas kamen eigentlich der üblichen Kriegsführung der Briten ziemlich entgegen. Ihre normale Methode war es damals, einfach vier, fünf oder noch mehr Kompanien zu je hundert Mann unter Trommelwirbel und Flötenspiel aufmarschieren zu lassen, in einer oder zwei Reihen aufzustellen und dem Feind eine Wand aus Blei entgegen zu schicken. Jeder hatte an seiner Stelle stehen zu bleiben, egal, wie viele seiner Kameraden rund um ihn zu Boden gingen und starben. Mit der damals an die Soldaten ausgegebenen Muskete, der Brown Bess, war etwas anderes auch schwierig, die Treffgenauigkeit der Büchsen mit glattem Lauf war bei Entfernungen über etwa 50 Meter katastrophal. Aber immerhin brachten es die Rotröcke damit schon auf eine Kadenz von etwa 4 Schüssen in der Minute. Die Scharfschützen in ihren grünen Röcken, ausgerüstet mit den Brunswick-Rifles trafen zwar noch über Distanzen von etwa 150 Metern, aber durch den gezogenen Lauf wurde das Laden von vorne Schwerarbeit. Und natürlich langsam, die besten Rifle-Men kamen auf maximal zwei Schuss pro Minute. Die Pawnees ihrerseits verfügten damals bereits über verbesserte Ferguson-Büchsen, von hinten zu ladende Steinschlossgewehre mit gezogenem Lauf. Jene Gewehre, welche der britische Generalstab als zu aufwändig in der Produktion und zu teuer eingestuft hatte. Bis zu zehn Schuss pro Minute, ebenso treffsicher wie die Brunswick-Rifles und der Schütze musste während des Ladens nicht mehr aufrecht stehen, sondern konnte im hohen Gras versteckt knien oder liegen. Ein nicht zu verachtender Vorteil, trotzdem hatten die Pawnees auch einen großen Nachteil. Wenn ein Rotrock starb, kamen nur einige Wochen später zwei oder drei andere nach, wenn ein Pawnee ausfiel, gab es niemanden, der ihn ersetzte. Also wichen die Pawnees aus. Sie überfielen die Lager der Briten in der Nacht oder während des Marsches. Sie nahmen sich zuerst die berittenen Offiziere vor und alle, die goldene Tresen an der Uniform hatten. Aber auch die Briten lernten dazu, holten ihre Verbündeten, die Dakota, zu Hilfe, und am Ende stand ein Vertrag. Wie immer ein wenig einseitig zu Gunsten der Briten, aber sie waren eben die stärkeren gewesen und hatten den Krieg gewonnen. Die Pawnees sollten einen Streifen Land in Colorado, Nebraska und Kansas als Wohngebiet erhalten, etwa 250 Kilometer in Ost-West-Richtung und 600 Kilometer in Nord-Süd, sie unterschrieben den Vertrag und assimilierten sich rasch. Bereits am 6. Juli 1873 zog mit Alexander Black Feather der erste Pawnee in einen Stadtrat ein. Auch viele aus der weißen Bevölkerung aus Scottsbluff hatten den als bedächtig und klug bekannten Medizinmann gewählt.

Nachdem die Pawnees besiegt waren, erreichten die Briten die Ausläufer der Rocky Mountains und damit die Gebiete der Cheyenne und Mormonen. Mittlerweile waren zwar auch an die britischen Soldaten bessere Gewehre ausgegeben worden, Zündhütchen lösten die Feuersteine und Zündpfannen ab und das Pulver wurde besser, aber es waren immer noch Vorderlader. Zwei Schuss in der Minute. Und die Gefechte in Formation waren bei den Generälen immer noch sehr beliebt, doch in den Bergen nicht anwendbar. Dort hatten nun einmal selten 50 Männer nebeneinander Platz. Die Mormonen ihrerseits und die Cheyenne schossen aus guter Deckung ihre Gewehre und Revolver leer und verschwanden wieder, um den nachrückenden Soldaten in den auffälligen roten Röcken anderswo aufzulauern. Sie kannten die Wege und die Verstecke, dazu kam die massiv überlegene Feuerkraft. Die Briten schrien nach den Dakota. Diese sahen sich die Sache an und erklärten, dass diese Berge kein Platz für Kämpfer zu Pferd seien und riefen die östlichen Verbündeten. Umsonst, die Mormonen und die Cheyenne hielten sich. Nach seiner Wahl zum britischen Premierminister im Jahr 1846 berechnete Lord John Russel die Kosten für den Feldzug und kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Hohe Ausgaben, die in keiner Relation zum zu erwartenden Gewinn standen. Also machte er seiner Königin den Vorschlag, die Mormon-States mit ähnlicher teilautonomer Verwaltung wie die Völker des Wampums anzuerkennen, im Gegenzug sollten die Staaten die Queen als ihre Königin anerkennen und Steuern wie jeder Untertan zahlen. Man einigte sich, und die Mormonen-Staaten wurden ein Sammelpunkt für alle, die mit der Church of England nicht einverstanden waren. Die Mormonen erinnerten sich daran, wie sie selbst verfolgt worden waren, und nahmen die Häretiker mit offenen Armen auf. Natürlich nur, solange sie die Gesetze beachteten, nicht zu viel fluchten und nicht soffen wie die Russen.

Die Maßnahme erwies sich als Gewinn für die Krone, denn die Mormonen waren zwar aus der Sicht der anderen Christen etwas eigenartig, was ihren Glauben anging, sonst aber ehrliche und grundsolide Menschen, welche die Steuern für die Ausbeute der zahlreichen Gold- und Kupferminen auf die Unze genau beim Schatzamt in Boston ablieferten. Und die Cheyenne mit ihren Waffen von Browning waren eine hervorragende Verstärkung des Royal Native Army Corps. Innerhalb von wenigen Jahren rüsteten die Mormonen die gesamten Völker des Wampums mit hochwertigen Waffen aus, nur die weißen britischen Soldaten wurden von weiter mit Waffen aus dem Mutterland ausgerüstet. Honi soit qui mal y pense.

Der Norden und Osten des von den Spaniern Nevada benannten Gebietes war bei den Verträgen an die Mormonen gefallen. Das unwirtliche Land zog allerdings wenige Menschen als Siedler an, weder im mormonischen noch im britischen Nevada. Der größte Teil des Landes war einfach staubtrockene Wüste. Nur ab und zu sorgte ein See für ein wenig Grün, in den Bergen gab es Wildschafe und -Ziegen, Pumas und Luchse. Trotzdem zog es Menschen in die Einöde Nevadas. Glücksritter durchsuchten die Flüsse nach einer Goldader, deren Lage sie geheim halten wollten, falls sie wirklich das Glück haben sollten, über eine solche zu stolpern. Outlaws durchstreiften das Gebiet, in welches es kaum jemals einen Gesetzeshüter verschlug, raue Gesellen, welche die Wüste als Rückzugsort nach ihren Raubzügen nutzten. Dazu gab es noch Gruppen von Shoshones, Kiowas und Paiutes, welche vor den Weißen in dieses unwirtliche Land geflohen waren und hier nun ein kärgliches Dasein fristeten. Und es gab die Gruppe um Eisenkralle und seiner Freundin Wildes Pumaweibchen.

Eisenkralle war ein Cheyenne und hieß eigentlich Isaak Hawkeye. Doch seit er Wildes Pumaweibchen kannte, hatte er seinen Namen geändert, denn die Bezeichnung Eisenkralle passte einfach besser zu einem wilden Kämpfer für die Freiheit des roten Mannes vom Joch der Weißen. Auch Wildes Pumaweibchen hatte nicht immer so geheißen, ihr bürgerlicher Name lautete Anne Haystone. Sie war die Tochter eines weißen Kaufmannes aus Sacramento und einer seiner Dienerinnen aus dem Stamm der Wintoon. Und sie hasste das Volk ihres Vaters noch wesentlich mehr, als es die Cheyenne dieser Gruppe junger, unzufriedener Rebellen taten. Eigentlich war sie es erst gewesen, die zuerst in Isaak die Unzufriedenheit über die Anwesenheit der Weißen gesät hatte, und dieser hatte es verstanden, auch andere junge Männer und Frauen zu überzeugen. Beinahe 50 Leute aus verschiedenen Bands der gesamten Cheyenne-Nation waren insgesamt zusammen gekommen. Männer und auch ein paar Frauen, welche jetzt durch Nevada zogen, um in Kalifornien die weißen Herren das Fürchten zu lehren und die unterdrückten Indianer zu befreien. Aus diesen Geretteten wollte sie dann eine mächtige Armee bilden, eine Woge, einen Tsunami, welcher die Weißen wieder ins Meer treiben sollte.

„Diese Weißen sind wie die Wanderameisen“, erklärte am abendlichen Lagerfeuer Wildes Pumaweibchen zum wiederholten Male. „Sie wimmeln blind durcheinander, und wenn sie auf Raubzug gehen, bleibt hinter ihnen nur Wüste zurück, sie töten alles auf ihrem Weg und schleppen ihren Raub in ihr Nest. Sie sind unersättlich und grausam, sie werden nie genug haben. Sie sind blind in ihrer Gier nach immer noch mehr! Sie glauben, das Land und den Himmel besitzen zu können, sie reißen Mutter Erde die Knochen aus dem Leib und hinterlassen eine Welt, in der für Generationen nichts wachsen kann!“

„Und das sagst du, obwohl du eine halbe Weiße bist?“, wollte Feuer in der Prairie noch einmal wissen. Die Gruppe konnte irgendwie nie genug von ihren Erzählungen bekommen

„Das sage ich, weil ich zur Hälfte einer von ihnen bin“, betonte Wildes Pumaweibchen. „Als Kind steckte mich Jack Haystone, mein Erzeuger, in bunte Kleider und zwang mich, in einem Zimmer mit anderen Kindern zu sitzen, damit ich lesen und rechnen lernte, statt reiten und schießen. Dann wurden die Kleider weniger bunt, aber enger und körperbetonter, und schließlich sollte ich dann auch noch Tisch und Bett mit dem Sohn eines seiner Freunde teilen, einem schmutzigen, brutalen Widerling. Nur damit ein großes Geschäft zwischen den Vätern besiegelt werden konnte. Da bin ich ausgerissen, geflohen. Habe Jack eine Waffe und ein Pferd gestohlen und mich bis zu den Cheyenne vorgekämpft. Man kann alles schaffen, was man will, und wir werden die Freiheit zu unseren Brüdern und Schwestern bringen, und wenn wir durch einen See von Blut waten müssen. Und wenn wir die ersten Erfolge haben, werden auch die Kämpfer und wahren Krieger von den anderen Stämmen aufstehen und sich unserer Sache anschließen.“

„Das werden sie!“, bekräftigte Eisenkralle und zog Wildes Pumaweibchen an sich. „Unsere Brüder werden für unsere gerechte Sache kämpfen, davon bin ich überzeugt! Und wir werden unsere traditionellen Feindschaften begraben und Seite an Seite mit den anderen Völkern kämpfen, bis der Feind besiegt ist.“ Kurz fragte sich Anne Haystone, ob es richtig gewesen war, die jungen Cheyenne in diesen Kampf zu hetzen und damit vielleicht den ganzen Kontinent in einen blutigen Krieg zu stürzen. Dann schob sie diesen Gedanken wieder beiseite. Ihre Mutter und deren Freundin aus dem Volk der Athabasken, Delk’os Sa, hatten schon recht gehabt, es musste gegen diese Briten mit aller gebotenen Härte vorgegangen werden.

=○=

Fort Cedar Hill am Slade-Creek war nur ein kleiner Militärposten an der Grenze von Kalifornien zum noch ziemlich unerforschten britischen Nevada. Gebaut wegen der herumstreifenden Indianer und der Outlaws, welchen es trotzdem immer wieder gelang, die Grenze zu überschreiten. Unter dem Kommando von Major Roger McFerson stand eben nur eine Kompanie Infanterie. Das bedeutete, wenn alles gesund war, standen 110 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften zu seiner Verfügung, dazu noch einige Zivilangestellte. Etwas mehr als 200 Yards vor den Toren hatten einige Händler ihre Häuser gebaut, welche den Abenteurern und Goldsuchern Ausrüstung und Verpflegung gegen Geld oder Gold verkauften. Ein Saloon mit Tanzbühne und ein Hotel waren ebenfalls entstanden, und McFerson wusste, dass seine Männer diese Lokalitäten ebenfalls aufsuchten. Nun, das war nicht sein Problem, solange es von beiden Seiten fair und ehrlich zuging. Chaplain Lester Fairlaine hatte versucht, es zu seiner Sache zu machen und in seinen Predigten die ewige Verdammnis auf all jene herab beschworen, die zu den leichten Frauen gingen. Die Soldaten verzichteten zu seinem großen Leidwesen allerdings lieber auf den Chaplain und seine Predigten als auf den Tanzsaloon.

In einer klaren Nacht im Mai 1889 hatte Private Oscar Engers des dritten Platoons der fünften Kompanie der Royal California Riflemen Wache. Zuerst war die Abkühlung von über dreißig Grad nach Sonnenuntergang erholsam gewesen, doch nun, nach Mitternacht, sank die Temperatur rasch in den Minusbereich. Der Private hielt eifrig nach Feinden Ausschau und hatte dabei die Ohrenklappen seiner Mütze über die Ohren gezogen. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass der junge Mann auch ohne die wärmenden Klappen etwas von Eisenkralle gehört hätte, als dieser lautlos über die Mauer stieg und mit einem kräftigen Schnitt seines Dolches das Leben Oscars auslöschte. Weitere Schatten huschten heran, erkletterten die Mauern und drangen in das Fort ein. Sie machten mit ihren Messern ganze Arbeit und töteten die gesamte Besatzung, ehe sie in die Waffenkammer gingen, um einige Stangen von dem dort gelagerte Dynamit und die für sie nicht brauchbare Munition auf einen Haufen zu schütten. Danach legten sie Zündschnüre, entzündeten diese und verschwanden wieder in der Nacht.

Die Explosion war ohrenbetäubend laut, und in den Häusern von Cedar Hills noch deutlich zu spüren. Im oberen Stock des Tanzsaloons bemühte sich die 38-jährige Lucy Starr, die von allen Lucky gerufen wurde, in diesem Moment gerade darum, Master Sergeant Harry Biggins von der Royal California Mounted Police ein paar schöne Minuten zu bereiten. Obwohl sie nun bereits beinahe 20 Jahre in diesem Job arbeitete, war es ihr immer noch ein Anliegen, einem angenehmen Kunden ein gutes Gefühl zu geben. Und Biggins war ein angenehmer Kunde, er war, wenn er sie besuchte, immer sauber gewaschen und behandelte auch Prostituierte wie Lucky mit Respekt und Höflichkeit. Im Gegenzug war Lucy bereit, dem großen, schlaksigen Mann mit den schlanken Händen etwas mehr Zeit zu gönnen. Vorher und nachher. Dieses Mal fand die traute Zweisamkeit jedoch ein jähes Ende, als plötzlich ein dumpfes, grollendes Geräusch erklang, das Bett erbebte und Lucky von dem plötzlich hochfahrenden Harry ab- und auf den Boden geworfen wurde.

„Holy Shit, das war eine verdammt große Menge Dynamit“, rief der Mountie und angelte nach seiner schwarzen Hose mit den roten Seitenstreifen. Dann erst realisierte er die gestürzte und sich langsam aufrappelnde Lucky, und während er in seine rote Uniformbluse und seine Wildlederjacke mit dem Pelzfutter schlüpfte, nahm er sich noch rasch die Zeit, sich zu entschuldigen. „Sorry, Miss Lucy.“ Er schnappte sich noch seine Fellmütze und den Revolvergurt, danach stürzte er aus dem Zimmer.

„Damned, der Mann wird sicher recht haben“, murmelte die erfahrene Prostituierte, schlüpfte ebenfalls rasch in warme Hosen, Stiefel und eine Felljacke, dann holte sie eine BAR aus dem Kasten und repetierte einmal. Sie trat auf den Gang des Gebäudes aus Adobe und hämmerte an die Türen. „In die Klamotten, Mädels“, rief sie. „Und dann ab in den Schutzraum. Pronto, Kinder!“ Einige der älteren Frauen waren bereits in ihren Kleidern und kamen auch schon aus ihren Räumen, viele von ihnen mit eigenen Waffen.

„Sollen sie nur kommen, wer immer es ist“, bemerkte die große und hagere Bess Cowley und schwang ihre Schrotflinte. „Fat Bessie und ihre Doppelläufige werden schon noch ein Wörtchen mit ihnen reden.“

„Nicht nur die, Bessie“, stimmte die kleine, zarte Betty Carson zu und kontrollierte ihre beiden .38-Colts mit der ausschwenkbaren Trommel und steckte sie in ihre Schulterhalfter zurück. „Auch meine Sweeties wird man hören.“

Silent Kathy nickte mit dem Kopf in Richtung Stiegenaufgang. „Weniger quatschen, Abmarsch, Mädels“, kommandierte sie. Mit 42 Jahren war sie die älteste, ein Schwergewicht mit großen Brüsten. Trotzdem kamen viele der Männer immer wieder und verlangten explizit nach ihr. Ihre warme Ausstrahlung allein machte ihre Kunden zumindest für kurze Zeit glücklicher.

Unter dem Schankraum hatte der Besitzer des Saloons einen Raum eingerichtet, in welchem er, seine Familie und die bei ihm arbeitenden Frauen einer Belagerung durch eine kleine Armee widerstehen konnten. Schmale Schlitze in den Wänden knapp über dem Boden sorgten für frische Luft und ermöglichten es den Besitzern des Hauses, nötigenfalls Angreifer aus guter Deckung heraus unter Feuer zu nehmen.

„Los, los, ihr Hübschen, beeilt euch“, winkte Jeff Waller an der Tapetentür aus Stahlblech die Mädchen die Treppe hinunter. Hinter der letzten zog er die Tür zu und legte noch einen schweren Riegel aus Stahl vor. Die bewaffneten Frauen und Männer gingen an die Schießscharten und beobachteten scharf die Straße. Doch sie hatten Glück, die Angreifer verzichteten auf einen Angriff.

Harry Biggins aus Yuba City im Sacramento-Valley war ein erfahrener Police Sergeant, der mehr als sein halbes Leben im Dienste der Königin verbracht hatte und allmählich einige Indianertricks beherrschte. Sich unauffällig und beinahe lautlos zu bewegen etwa. Vorsichtig näherte er sich dem Armeefort und sah schon bald die Zerstörung. Nach einer genauen Untersuchung der Spuren wusste er ziemlich gut Bescheid. Über die Identität der Angreifer wusste er zwar bisher noch nichts, aber er konnte erkennen, dass es eine Gruppe von etwa 50 Leuten war, die aus Nevada gekommen waren und nach Kalifornien geritten waren. Er sah sinnend nach Westen. Die nächste Telegraphenstation war Mono City am Mono Lake, aber vielleicht war es besser nach June Lake auszuweichen. Wie auch immer, die Nachricht von diesem Überfall musste so rasch wie möglich nach Sacramento. Biggins schwang sich auf seinen Pinto und trabte los, zuerst einmal der Spur nach. Seine endgültige Entscheidung würde er treffen, wenn er das Ziel der Angreifer erkannt hatte.

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-2-

Juni 1889

Afghanistan

Anfang Juni war der Großfürst und Generalfeldmarschall des zaristischen Heeres in Afghanistan mit der Ausbildung der beiden Kompanien des ersten Bataillons zufrieden, welche durch Jasja Fedorownas Schule gegangen waren. Das war noch nicht sehr viel, aber diese beiden Kompanien wogen im Feld eines der von den Divisionskommandanten scherzhaft ‚Schrotschusseinheiten‘ genannten Bataillone auf. Ein kleines Luftschiff zur ständigen Aufklärung über der Marschkolonne hatte der Zar bisher keines geschickt, und Jasja Fedorowna Lesaya war trotz ihrer Fähigkeiten mit dem Doppelbesen kein adäquater Ersatz dafür. Aber sie hatten das Material aufgetrieben, statt dessen einen länglichen Fesselballon mit starrem Holzrahmen zu konstruieren, welcher von einer Selbstfahrlafette gezogen werden konnte und dabei sogar noch bedingt lenkfähig war. Den Auftrieb besorgte die Luft im Ballon, welche über eine Rohranlage erhitzt wurde, die an einem kleinen Vaporidkessel befestigt war. Über das Kabel, mit dem der Ballon gezogen wurde, war sogar die Kommunikation zwischen dem Fahrzeug und den Beobachtern in der Luft möglich. Die Selbstfahrlafetten der modernen Kanonen waren in der Zwischenzeit mit einer brauchbaren Frontpanzerung ausgestattet und tägliches stundenlanges Üben der Artilleristen hatte auch hier die Leistung stark gebessert. Wobei man sich die Frage stellen musste, wie lange diese Geräte in den Schluchten des wilden Gebirges einsatzfähig sein mochten, ohne trotz der hohen Räder stecken zu bleiben. Maximilian Emanuel hatte ohnehin die schmalsten Fahrzeuge genommen, die er bekommen konnte, dreiachsige Steyr Mulis mit Zwei-Zentimeter-Kanonen und solche mit 12-Zentimeter-Haubitzen, aber die Schluchten des afghanischen Elbrus-Gebirges waren nicht immer mit jenen Europas zu vergleichen. Und es reichte eine verdammte zu enge Stelle. Aber ein Versuch musste gemacht werden, der Zar verlor allmählich die Geduld, weil die Armee ohne nennenswerte Kampfhandlungen an Ort und Stelle verblieb. Also erhielt Oberst Yosip Petrowitsch Černykowski den Marschbefehl. Die 8.800 Männer des ersten Regiments machten sich bereit, einen ersten Versuch zu wagen, in die Domäne ihrer Feinde vorzudringen. Besondere Hoffnung setzte der Großfürst dabei auf die neu aufgestellten Feldpioniere.

=○=

„Afghanistan zu erobern ist nicht wirklich schwer“, hatte Maximilian Emanuel in Sankt Petersburg zu Zar Wladimir gesagt. „Aber das eroberte Land auf Dauer zu halten beinahe unmöglich. Mit genügend Männer und Ausrüstung kann man schon einige Militärlager errichten und halten. Aber ob man diese Lager danach mit Nachschub versorgen kann, möchte ich bezweifeln. Und selbst wenn eine sichere Trasse zwischen den Lagern errichtet werden kann, so geht das Leben abseits dieses Streifens weiter wie bisher. Ein riesiger Aufwand für kaum Gewinn.“

Der Zar hatte lange überlegt, dann hatte er seine Hand auf eine Karte gelegt. „Na schön, Maximilian Maximilianowitsch. Ich will ein Tal! Das Darre as Chubi Aba, und ich möchte eine sichere Strecke dorthin. Ich kann dir nicht mehr anbieten, als du schon hast – die Hand meiner Schwester Mascha, das halbe Königreich als Draufgabe gibt es ja doch nur im Märchen. Aber Max, ich bitte dich, übernimm die Aufgabe. Für Russland! Du hast völlig freie Hand!“

Für den Großfürst Maximilian Emanuel konnte es auf diesen Apell nur eine Antwort geben. „Ich mache es, Hoheit. Aber es wird lange dauern und teuer werden.“

„Teuer habe ich erwartet“, schnaubte Wladimir I laut. „Was wird schon nicht teuer? Was brauchst du?“

„Die besten Gewehre, die man für Geld bekommt! Ein paar tausend Mannlicher oder Mauserkarabiner. Österreichische Armeerevolver. Steyr- oder Kruppkanonen mit Selbstfahrlafetten. Ein kleines Luftschiff zur Aufklärung. Und einige Leute, die mit Sprengstoff umgehen und improvisieren können. Die nötigenfalls eine kleine Festung aus dem Boden stampfen oder eine Brücke über einen Fluss bauen können, wenn nötig unter feindlichem Feuer.“

„Jeder Muschik kann das“, warf der Zar ein.

„Kann er nicht“, widersprach Maximilian. „Unter feindlichem Feuer arbeiten, ja. Auch wenn der Mann neben ihm getroffen wird. Das kann wirklich jeder Bauer. Aber die richtige Arbeit machen, ohne dass jemand da ist, der ihm sagt, wie er den Fluss überqueren muss, wie er wo welche Pfähle in den Boden rammt und zwar so, dass sie eine Brücke tragen, einen Graben oder eine Wand richtig zu befestigen, dass nichts nachrutscht, dafür braucht man nicht nur starke, sondern auch ausgebildete Männer. Ein Pioniercorps!“

„Such dir die Leute, die du brauchst und trainier sie“, wedelte der Zar mit der Hand jeden Einwand von vornherein weg. „Du hast anderthalb Jahre Zeit!“

Nun ja, mit der Ausbildung moderner Infanterie war Maximilian Emanuel in diesen anderthalb Jahren nicht sehr weit gekommen, er hatte sich zu sehr auf die Ausbildung und Ausrüstung der neuen Pioniere konzentriert. An sich keine ganz neue Idee, aber der Bayer hatte doch noch einige ganz gute Ideen beizusteuern gehabt. Er hatte für die Einheit in Prag bei Skoda neue Fahrzeuge konzipieren und herstellen lassen, ziemlich kleine, wendige Amphibienfahrzeuge. Fünfsitzer mit Ladefläche und wasserdichtem Schwimmkörper unter dem Rumpf, im Bedarfsfall konnten hydraulisch aus den vier Rädern Platten geschoben werden, deren Enden mit Vollgummi geschützt waren. Diese Metallplatten konnten im Wasser als Paddel und in schwerem Gelände als eine Art Stelzen benutzt werden. Nicht ganz fünf Meter lang und etwa zwei breit boten die Zhaba, also die Kröten, jeweils einer halben Kampfgruppe von Pionieren genug Platz für sich und ihre Ausrüstung. Manche hatten dampfbetriebene Spitzhacken und Schaufeln an Bord, manche aufpumpbare Schwimmkörper, Dampframmen, große Rollen mit Stachel- oder Maschendraht, manche auch vorgefertigte Elemente zum Brückenbau. Und natürlich jede Menge Sprengstoff. Den besten, den die Chemielabore liefern konnten und der stabil genug zum transportieren war, den nicht die kleinste Erschütterung zur Explosion brachte. Damit hoffte Maximilian, mit den Hindernissen auf dem Weg in das Darre as Chubi Aba fertig zu werden. Zumindest für’s Erste. Erobern war ja, wie er selbst gesagt hatte, das kleinere Problem.

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Oberst Yosip Petrowitsch Černykowski stieg in sein Kommandofahrzeug, eine kleinere Ausgabe der Zhaba, und fuhr noch einmal sein Regiment ab, welches nach Bataillonen Aufstellung genommen hatte. Jedes mal, wenn er eine Truppe passierte, setzte sich diese in Bewegung und folgte ihm. Die Dragoner in ihren dunkelgrauen, den Kosakenuniformen nachempfundenen Monturen auf zähen, kleinen Pferden, ideal für das schwierige Gelände, das vor ihnen lag, flankierten die anderen Truppen, zuerst die drei Pionierkompanien, gefolgt von den mit Kanonen bewaffneten Mulis, dann einige der Infanteriebataillone, vorneweg die ersten beiden Kompanien des ersten Bataillons des ersten Regiments, dahinter die ersten ‚Schrotschusseinheiten‘. Danach wieder Artillerie und zu guter Letzt wieder Infanterie. Die Muschkoten. Im Marschtempo näherte sich der Heerwurm langsam der Schlucht des Flusses Balch.

Auf einem Hügel im Süden der Stadt lag Karim Ayyid in guter Deckung und beobachtete durch sein gutes Glas den Aufbruch der zaristischen Armee.

„Darf ich einmal?“, bat sein Gastgeber Sandar Khan, und Karim reichte ihm den starken Feldstecher. Der Afghane blickte hindurch und pfiff anerkennend durch die Zähne. „Ein gutes Glas, Freund Karim!“

„Ach, der `iinjiliziun Kelb168, dem es vorher gehörte, hat ohnehin keine Verwendung mehr dafür“ bemerkte Ayyid achselzuckend. „Aber es ist recht brauchbar und leistet mir gute Dienste!“

„Wie wahr“, lachte Assal Badagoa. „Wenn es mir erlaubt ist, auch einen Blick hindurch zu werfen, mein Khan?“

„Kurz, alter Freund. Dann gibst du Karim seine Beute zurück“, bestimmte Sandar. „Du nimmst dir fünfzig Männer aus unserem Dorf und unternimmst einen ersten Feuerüberfall. Nichts wirklich ernstes, nur so viel, dass sie sich nicht allzu sicher fühlen. Selbst der dümmste und stumpfeste Muschik muss doch Angst bekommen, wenn neben ihm die Freunde umfallen und sterben. Lass ruhig die Reiter und die ersten Kanonen vorbeiziehen, konzentriert euch auf die Infanterie. Wenn die erste Artillerie dann versuchen, umzudrehen und euch in der Felswand zu attackieren, gibt das noch ein hübsches Durcheinander, und bis sie dann alles wieder geordnet haben, nun, vielleicht ergibt sich sogar die Gelegenheit für einen zweiten Überfall. Auf jeden Fall verschwindet ihr, bevor die Artillerie euch unter Feuer nehmen kann. Karim bleibt vorerst bei mir, vielleicht benötige ich ja ihn und sein Glas noch einmal!“

„Denkt aber daran, mit dem Ballon dort können sie euch von oben sehen“, erinnerte Karim den Unteranführer des Khans.

„Dann müssen wir uns eben noch besser verstecken, bis es Zeit für unseren Überfall ist“, lachte Assal und warf noch einen kurzen Blick durch das Glas auf die Kolonne der Russen, dann zögerte er nicht länger, lief zu seinem Pferd und sprengte in das Lager seines Stammes, wo er rasch die fünfzig Krieger auswählte und mit ihnen davon ritt, einem ersten Scharmützel eines langen Krieges zu. Die Reiter, welche mit Assal aufbrachen, waren recht siegesgewiss. Nicht, dass sie glaubten, ein ganzes Regiment mit nur einem Feuerüberfall auslöschen zu können. Aber Angst und Schrecken zu verbreiten würde für den Moment genügen, es war nicht der erste Angriff der Russen in dieser Gegend, und immer hatte die Taktik des ständigen Terrors Früchte getragen. Die Russen waren jedes Mal irgendwann wieder verschwunden, ihre Armee aufgelöst und verstreut, sie würden sich auch dieses Mal nicht halten können. Zumindest nicht auf Dauer. Die fünfzig kannten das Gelände, und sie wussten schon vorher, wo sie sich verstecken würden. Jeder einzelne der Krieger kannte seinen Platz und nahm ihn schnell ein, nachdem sie gemeinsam noch ein rasches Gebet verrichtet hatten. Es waren gute Stellungen in der Felswand, weder von unten noch von oben gut einzusehen, mit gut gedeckten Wegen für das Absetzmanöver. Abgesehen davon, dass diese stumpfen Bauern ohnehin nur mit Glück treffen konnten, und für eine Salve wären sie schon viel zu chaotisch, besonders, wenn man die vorneweg reitenden Offiziere zuerst erschoss und niemand mehr Befehle geben konnte. Diese berechenbaren Russen und ihre Taktik aus dem vorigen Jahrhundert würden leichte Beute für Assal und seine Truppe sein.

Die ersten 25 Kilometer nach einem ersten, engen Felsentor, durchfloss der Balch ein breites Tal, in dem drei Ortschaften lagen, um den fruchtbaren Boden zu nutzen. Doch Beobachter hatten die Bewohner sofort vor dem Anrücken der Armee gewarnt, und so fand das Regiment von Oberst Černykowski, dessen Fahrzeug nun in dritter Position fuhr, keine Menschenseele mehr vor. Baron Yosip Petrowitsch Černykowski passte zwar vom Alter in die übliche Riege der Stabsoffiziere, hatte aber erstaunliche Fähigkeiten bewiesen, sich der neuen Situation anzupassen. Auf seinen Befehl hatte man sein Kommandofahrzeug und fünf weitere Fahrzeuge mit verstärktem Boden ausstatten lassen. Er besaß ein Buch aus dem Jahre 1726, Der vollkommene teutsche Soldat aus der Feder des Freiherrn Johann Friedrich von Flemming, darin hatte er von Sprengkörpern gelesen, die in den Boden vergraben und vom Gewicht eines Fahrzeuges gezündet wurden. So genannten Minen. Also fuhren die sechs Fahrzeuge vorneweg, um solche Fallen rechtzeitig und unbeschadet auszulösen.

„Dort vorne, knapp nachdem die Wände wieder zusammen rücken, ist eine der bevorzugten Stellungen der afghanischen Krieger in diesem vordersten Schluchtabschnitt, Gospodin Oberst.“ Oberstleutnant Ilja Semjonowitsch Wordiwilli aus Georgien wies zuerst auf eine Karte und dann auf die Schlucht.

„Von hier aus ist wirklich nichts zu sehen“, musste der Oberst anerkennen, als er das Gebiet durch sein Glas musterte. „Der Großfürst hat recht, wir dürfen nicht mehr mit möglichst großen Massen antreten, wir brauchen kleinere, aber gut ausgebildete spezialisierte Truppen. Gebirgssoldaten zum Beispiel, welche uns mit ihrer Ausrüstung von dort oben Flankendeckung geben könnten. Aber man soll nicht weinen über Dinge, die man nicht hat. Wir haben zwar keine Gebirgssoldaten, aber wir haben unsere Katjuschas169. Blinken sie nach hinten, dass sie die auf der Karte eingezeichneten Stellungen unter Feuer nehmen sollen.“

„Da! Zu Befehl, Gospodin Oberst!“ Wordiwilli öffnete eine Klappe im Dach des Fahrzeuges und bediente, nach der Fahrtrichtung hin vom Deckel der Luke gegen feindliches Feuer geschützt, eigenhändig die Abdecklamellen des Signalscheinwerfers und morste den Code für den Einsatz der Katjuschas.

Das dritte und vierte Fahrzeug in der Kolonne gehörten eigentlich zur Artillerie, waren in der Kolonne aber vorgezogen. Diese den Kröten sehr ähnlichen, aber etwas größeren Fahrzeuge hatten scheinbar jedes ein dickes Bündel mit Rohren geladen, vielleicht für eine Be- oder Entwässerungsanlage. 123 Rohre pro DLKW, in sieben Reihen von abwechselnd 18 und 17 Stück, jedes mit einem Durchmesser von etwas über 10 Zentimetern. Nichts verdächtiges, sollte man meinen. Jetzt aber bewegten sich die ganzen Bündel von einer Hydraulik bewegt, auf einem der Fahrzeug nach links, auf dem anderen nach rechts, hoben das vordere Ende hoch, und dann brachen, von einem durchdringenden Pfeifen begleitet, lange Feuerschweife aus den Gittern am hinteren Ende der Rohrbündel, während vorne schlanke Konstantinow-Raketen aus eigener russischer Fabrikation die Rohre verließen, um hoch oben an der Felswand zu explodieren und tiefe Löcher in die Deckung der völlig geschockten Afghanen zu reißen. Manche Konstantinows detonierten über den Stellungen und lösten massive Steinschläge aus, welche die Mudjahedin weiter unten begruben. Diese versuchten das Feuer dennoch zu erwidern, doch ihre leichten Gewehre drangen nicht durch das dicke Metall der Fahrzeuge, sondern hinterließen nur hässliche Dellen und abgesplitterten Lack. Eigene Sprengkörper oder Raketen hatten die Krieger nicht mitgenommen, sie wollten ja eigentlich nur die Infanteristen am Ende des Zuges unter Beschuss nehmen. Und so konnten die Erfindungen des 1818 in Warschau als unehelicher Sohn des russischen Statthalters geborenen Konstantin Iwanowitsch Konstantinow ungestört ganze Arbeit verrichten.

Kaum hatten die Raketen die Berghänge zu beiden Seiten gründlich verwüstet, sprangen schon die Pioniere aus ihren Fahrzeugen und räumten den Schutt der Steinlawinen, welche von den Explosionen der Kurzstreckenraketen ausgelöst worden waren und teilweise bis zum Boden der Schlucht abgegangen waren, mit ihren dampfbetriebenen Spezialwerkzeugen beiseite. Artilleristen sprangen aus den Fahrzeugen, auf welchen die Katjuschas montiert waren, und von hinten hasteten bereits Munitionsträger heran. Die Rohre wurden wieder in die Waagerechte geschwenkt, mit routinierten Griffen öffneten die Geschützmannschaften die Reservebehälter und schoben neue Rakety Model 3 in die nach dem Abschuss durch einen einfachen Mechanismus von selbst aufgesprungenen Rohre der Katjuschas und schlossen die Klappen aus Gitterwerk wieder. Dann füllten sie noch rasch die Reservekästen wieder auf, während die Träger bereits wieder zu ihren Transportern zurück liefen. Es dauerte nicht lange, und der Hauptmann der Pionierkompanie konnte melden, dass der Weg auch für schwerere Fahrzeuge wieder befahrbar war. Infolge dessen wurden einige Blinksignale gewechselt und der Heerwurm nahm seine Fahrt wieder auf.

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Am nächsten Morgen waren einige der afghanischen Mudjāhidūn mit Sandar Khan und Karim Ayyid in der Schlucht und betrachteten ratlos die Spuren des Kampfes. Karim wusste ebenso wenig wie die wilden Krieger, aber als Captain Jack Mowtis konnte er sich einiges zusammen reimen. Dort oben mussten verdammt viele ziemlich starke Sprengladungen detoniert sein, aber wie sie da oben hin gekommen waren – es mussten Raketen im Spiel gewesen sein. Aber so viele Hales? Wo sollten die gewesen sein, diese Menge hätte ihm doch auffallen müssen. Selbst die leichtesten waren nicht so leicht zu übersehen, sie waren 39 Zoll lang und maßen 6 Zoll im Durchmesser. Außerdem hatte er keine Abschussvorrichtungen bei den Russen gesehen, nicht die geringsten Hinweise auf irgend etwas in dieser Richtung. So schnell konnten doch die Russkis keine Startgestelle für Halesche Raketen aufstellen, selbst wenn den Ameisensoldaten das Sterben des Nachbarn egal war. Am meisten aber wunderte sich der Agent sowohl in seiner Rolle als Karim Ayyid als auch in der Persönlichkeit als Jack Mowtis vom Scout Corps darüber, wie akkurat gerade jene Stellen unter Beschuss geraten waren, wo sich die Anûšiya170 für den Überfall versteckt hatten. Hier musste eine verflucht gute Aufklärung hinter dieser Zerstörung stehen, dieses Versteck musste bereits im Vorfeld bekannt gewesen sein. So genau konnte normalerweise auch ein Ballon mit perfekten Artilleriebeobachtern das Feuer nicht leiten. Sobald es ihm unauffällig möglich war, ging er zu seinem Pferd und ritt davon. Nach Kabul, der Resident und General Roberts mussten so schnell wie möglich von dieser Sache erfahren.

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Das erste Regiment war bereits einige Tage in den wilden Schluchten des Elburs-Gebirges unterwegs. Immer wieder hatte die Kolonne halt gemacht, und die Pioniere hatten ihre Arbeit verrichtet. In regelmäßigen Abständen hatten sie Unterstände für eine Kompanie in den Fels gesprengt, und Oberst Černykowski hatte dort jeweils 260 Muschkoten unter einem Hauptmann stationiert. Sie hatten immer wieder Hinterhalte ausgeschaltet und jene Stellen unter Raketenfeuer genommen, die Jasja Fedorowna im Vorfeld erkundet hatte. Auch einige Dörfer hatte man auf dem Weg vorgefunden, sie alle von ihren Bewohnern verlassen. Manchmal sogar unter Zurücklassung der wenigen Habseligkeiten wie einem sicher sehr wertvollen Festtagskleid oder einem großen Kessel aus Bronze. Maximilian Emanuel hatte bereits im Vorfeld bezüglich der Fundstücke und der Behandlung etwaiger Zivilisten strengste Befehle erlassen, keine Plünderungen, möglichst wenige Zerstörungen und keine Gewalt gegen Frauen.

„Ein Galgen ist noch zu gut für Vergewaltiger“, hatte er verlautbaren lassen. „Wenn auch nur ein Vorfall bekannt wird, ist die gesamte Kompanie bis zur Hinrichtung des Schuldigen entehrt, und ich werde dem Mistkerl einen Schandpfahl errichten und ihn mit dünnen Stöcken zu Tode peitschen lassen. Und wenn es ein Offizier ist, dann zieht der Zar auch noch Vermögen, Ländereien und Titel seiner Familie ein, egal welchen Namen er trägt! Zum Teufel, wir haben doch wahrlich genug Nutten hier, damit kein Notstand herrscht. Und dass mir keiner auch nur ein Hälmchen in diesen winzigen Gärtchen knickt!“

Bisher hatten die Soldaten den Befehl penibel befolgt, was Plünderung und Zerstörung anging und auch weite Bögen um die Parideiser, die Minigärtchen gemacht. Im Gegenteil, manche Kompaniekommandanten hatten sogar dafür gesorgt, dass sie weiter mit Wasser versorgt wurden. Dann, nach etwa einer Woche Marsch, machten sich die Beobachter im Heißluftballon mehr als bezahlt, sie gerieten aber auch in die bisher größte Gefahr.

Im Kommando-Zhaba erklang ein kleiner Gong, aus dem nachgeschleppten Ballon meldete sich der Beobachter.

„Gospodin Oberst, Meldung. Ein großer Reitertrupp nähert sich der Schlucht. Wir erkennen acht britische Werfergestelle für Hale-Raketen! Von den Mulis derzeit zehn Grad links.“

„Oberstleutnant Wordiwilli, benachrichtigen sie bitte die Haubitzen“, befahl der Oberst. „Sie sollen sich auf Steilfeuer vorbereiten!“

„Po vashey Komande, Gospodin Polkownik171!“ Der Stellvertreter des Regimentskommandanten blinkte wieder einmal zurück. Über zwei Windungen der Schlucht wurde die Nachricht weiter gegeben, und die Artilleristen der schwerer Zwölfer kurbelten ihre Rohre nach oben, legten Schrapnellgranaten bereit und hielten Ausschau nach dem Ballon mit den Beobachtern. Von dort oben wurden nun den Artilleristen der Russen ebenfalls über die „Klapperbüchse“, einer Leuchte mit Lamellenverschluss vor der Lampe, Richtung und Reichweite durchgegeben.

Die erste Granate wurde abgefeuert und schlug ziemlich weit links neben den sich der Schlucht nähernden Reitern auf der Hochebene ein. Die Explosion wirbelte nicht nur jede Menge Staub und kleine Erdbrocken auf, sondern verteilte auch scharfe Schrapnelle und Metallsplitter, welche Mensch und Tier zwar verletzten, doch einstweilen waren die Wunden noch nicht ernster Natur. Plötzlich erfüllte aber pfeifender Tod das Hochplateau, den nun hörten die Reiter, auf das Geräusch aufmerksam gemacht, das Herankommen der zweiten Granate.

„Nach Rechts“, brüllte Hassan Rashadi, der Anführer einer Schar, mit dem Gewehr in die entsprechende Richtung deutend und zwang selbst sein Pferd in eine enge Kurve. Eine fatale Entscheidung, denn der zweite Schuss wäre ohne diese Richtungsänderung ebenfalls weitestgehend daneben gegangen. So explodierte das Schrapnell direkt in einem Pulk von vierzehn Reitern, welche mit ihm abgebogen waren und riss Pferde und Reiter zu Boden, tot oder schwer verletzt. Das gequälte Wiehern der geschundenen Kreatur übertönte das Singen, das den dritten Einschlag ankündigte und der genau vor den Weitergaloppierenden explodierte und sein tödliches Werk verrichtete. Der vor der Hauptgruppe der näher kommenden Mujaheddin galoppierende Khan Kadish zügelte sein Ross und sprang aus dem Sattel.

„Schießt auf dieses verdammte Fliegedings!“, brüllte er, auf den russischen Ballon weisend. „Holt dieses Ding vom Himmel, aber rasch!“ Mit schneller Griffen stellten die Afghanen ihre Startgestelle für die gestohlenen Hale’schen Raketen auf und legten die ersten Raketen auf die Schiene. Mit Gewehren auf einen Ballon zu schießen, das war ziemlich nutzlos, soviel hatten die Afghanen bereits bitter lernen müssen. Kadish war ein junger, moderner Khan und setzte auf die Sprengköpfe der Hales, persönlich richtete er eine der Raketen aus und zündete den Treibsatz. Einen Feuerschweife hinter sich herziehend raste das Stahlrohr in die Richtung des Ballons davon, gefolgt von vier anderen. Es sah so aus, als würde zumindest eine Rakete den Ballon treffen, doch geistesgegenwärtig hatte der Pilot eine große Menge Ballast abgeworfen, der Ballon war nach oben und – dem Zug des Schleppseiles folgend – nach vorne aus der Schussbahn geschnellt. Doch schon luden die Afghanen ihre Werfer nach, und es war abzusehen, dass der Ballon nicht mehr lange in der Luft sein würde. Und weil die Werfer so weit von der Schluchtwand entfernt waren, konnten das Steilfeuer der Haubitzen die Werfer nicht mehr erreichen. Bis zum Schluss wollten die Artilleriebeobachter ihre Meldungen absetzen, das Feuer auf alle lenken, welche zu nahe am Cliff standen. Eine Explosion warf in der Mitte der Raketenwerfer scharfe Steinsplitter auf die Schützen, verhinderten noch einmal das Zünden der Raketen. Erstaunt sahen sich die Gotteskrieger um, sogar in die Luft. Ein schwarzer Schatten auf einem gesattelten Doppelbesen raste heran, ein Blitz raste aus den Fingern der Frau und traf dieses Mal eine der Raketen direkt. Der Sprengkörper explodierte und in einem Feuerball vergingen die fünf Werfer und Khan Kadish, Jasja Fedorowna formte aus ihren Fingern eine Pistole nach und blies imaginären Pulverdampf davon. Danach nahm sie wieder Kurs auf ihr Hexenhäuschen, welches der Armee in geringem Abstand folgte. Nach diesem Überfall stoppte der Vorstoß für einige Tage, in denen die Bastler des Pioniercorps einer Idee nachgingen.

In der Zwischenzeit war natürlich auch das zweite Regiment nicht untätig geblieben. Es begleitete das zweite Pionierbataillon, welches in der Schlucht an verschieden Stellen Stufen in die Wände der Schluchten trieb und so den leichten Aufstieg zur Hochebene ermöglichten. Oben abgekommen verschanzten sich jeweils zwei oder drei Kompanien an markanten Punkten, von wo aus sie die Wände der Schlucht und die Kanten gut unter Feuer nehmen konnten, um den Grund des Tales zu schützen. An Stoff mangelte es nicht, und in Balch nähten Soldaten doppelte Hüllen für Heißluftballone, die abwechselnd stationär über der Schlucht aufsteigen und dort mit gutem Überblick Wache halten sollten. Betrieben wurden diese Ballone mit Gasbrennern, im Tal des Amudarja gab es einige leicht auszubeutende Vorkommen von qualitativ hochwertigem Methangas. Genau das richtige für die Gasbrenner, welche von den Pionieren in Feldschmieden aus Alteisen hergestellt wurden. Genauer gesagt, aus Musketen, denn es war eine neue Lieferung an Mossin-Gewehren eingetroffen, und die Schmiede stürzten sich auf das Metall der ausgemusterten Vorderlader. Während die Armee bei Balch stand, hatten die Pioniere ein Erdkabel bis Lobotovgrad am Amudarja verlegt, von dort könnte eine Nachricht per Boten nach Orenburg, der nähest gelegenen Telegraphenstation mit Verbindung mit Sankt Petersburg gebracht werden. Dieser Bote hätte mit einem Luftschiff bis in das 1800 Kilometer entfernte Orenburg etwa 15 Stunden benötigt, falls denn einmal eines am Amudarja vorbeikam. Üblicherweise war das einmal in der Woche, ein militärischer Avisokreuzer, der die Verbindung des Zaren zu seiner Armee aufrecht erhalten sollte und von Sankt Petersburg über das 3.600 Kilometer entfernte Örtchen Lobotovgrad dann auch Balch selbst anflog. Nun folgten die Kabelleger dem vorrückenden ersten Regiment und verlegten ihr Kabel in einem in die Schluchtwand nahe des Grundes gesprengten Kanal, welchen sie danach mit Geröll tarnten. Zwei Wochen nach dem Aufbruch von Balch ging der unterbrochene Vormarsch dann weiter.

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Canada

Am Tag des Heiligen Laurentius von Rom, dem 10. August im Jahre des Herrn 1535 erkannte der französische Seefahrer Jacques Cartier, dass er sich bereits in einem gewaltigen Mündungsdelta eines Stromes befand und nicht mehr in einer großen Meeresbucht. Er benannte des Strom nach eben diesem Heiligen und segelte den Strom bis zur Irokesensiedlung Hochelaga aufwärts. Den Berg über der Siedlung nannte er ‚Mont Royal‘. Nachdem die dort siedelnden Irokesen die schwer an Skorbut erkrankten Besatzungen der beiden französischen Schiffe mit einem Sud aus Fichtennadeln heilten, welcher reich an Vitamin C war, überwinterte Cartier in Hochelaga, ehe er nach Frankreich zurück kehrte.

@ 1540 rüsteten König François I und Jean-François de La Rocpue de Roberval eine erneute Expedition aus, um die erste ständige Siedlung Frankreichs auf amerikanischen Boden zu gründen. Als Kommandant wurde Cartier ernannt, der bereits Erfahrungen in America gesammelt hatte. An jener Stelle, welche die dort wohnenden Wyandot Kebek nannten, baute Cartier das erste Fort. Er übernahm den Namen, der ‚Die Stelle, an der das Wasser weit wird‘ bedeutete und schrieb in französisch phonetisch auf. Quebec. Dort baute er ein Holzfort mit einem Turm um einige bunkerartige Bohlenhütten. Wenige Kilometer stromauf lag eine langgezogene Insel. Am südlichen Ende der Île d‘Orleans baute er eine steinerne Festung, das Chateau du François.

Langsam wuchs die französische Kolonie und breitete sich bis zur Hudson-Bay nach Westen und entlang des Mississippi nach Süden aus. Es war ein florierendes Geschäft vor allem mit Pelzen aller Art, und natürlich auch mit Holz. Vor allem die canadische Eiche war für den Schiffsbau sehr gefragt, und die meisten französischen Galeonen und später auch Fregatten und Linienschiffe wurden am Sankt-Lorenz-Strom auf Kiel gelegt und mit diesem extrem harten Holz gefertigt. Bis zwischen 1754 und 1763 die britischen Generäle Braddock und Abercombie die nördlichen Kolonien eroberten und nur noch das Land beiderseits des Mississippi, damals noch weit weg im Westen, französisch blieb. Die Briten benannten einen Teil ihrer Eroberungen nach der groß gewordenen Stadt Quebec, auch die Festung auf der Île d’Orleans, die sie noch weiter verstärkten, um damit den Fluss zu beherrschen. Bis zur Rückeroberung durch Napoleon Bonaparte wurde die Anlage auf die gesamte Insel ausgedehnt, welche eine Länge von immerhin 31 Kilometer aufwies. Mit einer Reihe durch feste Mauern verbundener und mit Kanonen bestückter Bastionen sollte die Insel verteidigt werden und durch einige Felder und Ställe weitestgehend unabhängig vom Nachschub an Lebensmittel werden.

Es gelang nicht einmal dem Empereur Napoleon, diese Festung zu knacken. 1822, ein Jahr nach dem Tod des Korsen, unterschrieb seine Witwe Sophie Friederike im Namen ihres Sohnes Napoleon II François Charles Joseph Bonaparte einen Friedensvertrag mit den Briten. Die große Festung am Sankt Lorenz war ihr dabei das ganze nördliche Louisiana bis hinab nach Natchez wert. Das französische Canada umfasste zuletzt die Provinzen Terre Neuve oder New Foundland, Quebec, Ontario, Manitoba, die Nordwestlichen Territorien, Yukon, Saskatchewan, und Columbia Francaise ganz im Westen bis zum großen Gebirge am Pazifik, dessen Westseite die Russen und die mit ihnen assoziierten Natives beanspruchten. Die Provinzen New Brunswick und Nova Scotia im Osten blieben britisch.

1889 zog sich das Stadtgebiet Quebecs von Ponte Rouge, der ersten Festung 12 Kilometer stromabwärts nach Norden bis zur Île d’Orleans, deren Festungsanlagen nun Chateau Napoleon genannt wurden und als Regierungssitz für die nördlichen Übersee-Territorien Frankreichs fungierten, welche seit 1823 teilautonome Gebiete waren. Sophie Friederike hatte zum Rechenstift gegriffen und erkannt, dass es weit billiger und einfacher war, Kanada sich selbst verwalten zu lassen und nur einen Teil der erwirtschafteten Erträge einzustreichen. Also setzte sie einen Großherzog als kaiserlichen Vertreter ein, vergab die einzelnen Provinzen an treue Herzöge und kümmerte sich erst einmal nicht mehr besonders um Kanada. Wenn nur die Einnahmen flossen, konnten die Kanadier tun und lassen, was sie wollten. Und die flossen tatsächlich reichlich in die Kassen Frankreichs, unter Napoleon II allerdings ebenso schnell wieder hinaus. Rauschende Feste, wertvoller Schmuck, und natürlich ‚La Grande Armée‘. Und ‚La Grande Marine‘, deren Schiffe jetzt wieder am Sankt-Lorenz-Strom aus guter canadischer Eiche gebaut wurden. Zumindest so lange, bis sich bei den Kriegsschiffen die Metallrümpfe durchsetzten. Auch wenn es keine Kriege zu führen gab, Frankreich unter Napoleon II und III rüstete weiter massiv auf, das meiste Geld des Etats ging an das Militär. Auch in Canada.

Die weiten, dünn besiedelten Gebiete nördlich der Länder des Bundes des Wampum erforderten wegen der Witterung ganz eigene Ausrüstungen. Die Temperaturen erreichten vielerorts erst im Mai die 0-Gradmarke sowohl nach Réaumur als auch nach Celsius. Im Terriotire du Nord-Ouest und in Yukon erreichte das Thermometer im Hochsommer gerade einmal 11 Grad Réaumur. Das sind 14 Grad nach der Celsiusskala. Es war also, mit Verlaub gesagt, Arschkalt im nördlichen Canada. Als Farmland war ein großer Teil des Landes daher wenig geeignet, die größten Exportartikel blieben vorderhand Holz und Pelze, dazu Fisch aus den vielen Seen und der Tran der Belugas aus der gigantischen Hudson Bay. Später kamen aber noch Gold und Eisen dazu, während die Jagd auf die seltener werdenden Belugas stark zurück ging. Die billige Elektrizität durch das Sel à la Vapeur und neue, billigere Fette als Schmierstoff machten die Jagd für die Europäer zu unrentabel. 1889 jagten nur noch native Inupiat den Beluga auf traditionelle Weise mit ihren kleinen Kajaks, und sie verwerteten das gesamte Tier für Nahrung, Werkzeug und Bekleidung. Die Bestände erholten sich also langsam wieder.

Das östlich der großen Berge größtenteils relativ flache Land mit seinen vielen Seen stellte die Erbauer von Transportfahrzeugen vor ein gewisses Problem. Im Winter, wenn genügend Schnee lag und das Eis der Seen dick und tragfähig genug war, konnte man größere Motorschlitten mit der Fracht auf den Weg schicken. Im Sommer jedoch fand man keine halbwegs gerade Strecke für einen Motorwagen. Also erfanden die Canadier den sogenannten Prärieschoner. Der Rumpf konnte auch als Boot dienen, die breiten Räder als Schaufelräder. Die großen Schoner hatten manchmal bis zu zehn dieser Räder, im Winter zog man einfach kleinere Räder auf und benutzte den Rumpf als Schlitten. Oder man verband die Räder auch noch mit einer Raupenkette auf jeder Seite. Natürlich konnte es nicht ausbleiben, dass man für das Militär Prärieschoner mit Kanonendecks baute, mit vier bis sechs Kanonen auf jeder Seite. Kammergeschütze natürlich, denn für ein zurückrollen der üblichen, von vorne zu ladenden Geschütze wäre zu wenig Platz gewesen. Später, nach der Erfindung des Vaporid und der echten Hinterladergeschütze, baute man die Prärieschoner allmählich mehr aus Stahl anstelle von Holz und setzte bei einigen auch drehbare Geschütztürme auf das sogenannte Oberdeck, doch das grundlegende Baumuster wurde wie der Name beibehalten. Die frankocanadischen Selbstfahrlaffetten sahen weiterhin aus wie echte kleine Kanonenboote und waren immer noch schwimmfähig.

Ein Poet hatte einmal geschrieben: ‚zwischen dem Nordpol und dem Golf von Mexiko liegt nur ein Weidezaun‘. Tatsächlich verlaufen die großen Gebirge des nordamerikanischen Kontinents, anders als die europäischen, grob gesehen von Nord nach Süd. Dazwischen liegt mehr oder weniger hügeliges bis flaches Gelände, welches für die häufig auftretenden, eisigen Blizzards kein Hindernis darstellen kann. Im Winter ist daher an einen geregelten Luftschiffverkehr nicht zu denken, aus diesem Grund verzichteten die Canadier lieber ganz darauf und konzentrierten sich auch eine möglichst gerade verlaufende Express-Eisenbahn von Fort Bellevue in den Rocky Mountains im Westen bis nach Quebec im Osten. Ihre Lösung für die wechselnden Landschaften waren lange Brücken und Dämme mit nicht sehr steilen Wänden, gegen die Blizzards eine extrem breite Spur von 2500 Millimeter, im Vergleich zu den 1465 Millimetern in Europa. Dazu kamen flacher gebaute Lokomotiven und Waggons, und auch noch die Möglichkeit, ein von der Maschine angetriebenes Zahnrad in eine entsprechende Zahnstange zwischen den Geleisen zu senken und so zwar etwas langsamer, aber zumindest sicher und bequem am Ziel anzukommen. Die etwas mehr als 3.200 Kilometer vom großen, westlichen Gebirge, das die Briten Rocky Mountains, die Franzosen Montagnes Rocheuses und die Russen Skalityye Gory nannten, bis zur Île d’Orleans in Quebec hätte einer der modernen, schnellen Expresszüge rein theoretisch in unter 25 Stunden zurücklegen können. Im Sommer, bei Sonnenschein und mit Rückenwind. Praktisch war das natürlich nicht möglich. Die schnellen Züge hielten zwar selbstverständlich nicht bei jedem dickeren Baumstamm oder jeder größeren Kuhweide, trotzdem kamen bei dieser Entfernung immer noch eine erhebliche Anzahl von Stationen zusammen, an denen gehalten wurde. Gehalten werden musste, denn dort endeten die von den nördlichen Territorien und den südlichen Grenzgebieten kommenden Nebenstrecken und verbanden so auch diese Gebiete mit der Hauptstadt. Insgesamt war der Zug etwa 90 Stunden unterwegs, also nicht ganz vier Tage. Das bedeutete ganz selbstverständlich ein Wagon-Restaurant, ein Chariot de Bar und einen Wagon-Salon. Die Abteile der ersten Klasse verfügten über ein eigenes Bad und zwei bequeme Betten, welche für die Nachtruhe ausgeklappt werden konnten. Die zweite Klasse war weniger gemütlich, hier waren die Abteile für sechs Personen gedacht, und wie nicht anders zu erwarten, nach Geschlechtern getrennt. Rechts des Ganges residierten die Herren, links wohnten die Damen, das Bad und die Toiletten befanden sich am vorderen und am hinteren Ende des Wagens. Den Passagieren dieser Klasse stand ein Chariot-Buffet zur Verfügung. Die dritte Klasse waren zwei Waggons, welche man nur als rollendes Zwischendeck bezeichnen konnte. Man bekam eine zwei Meter lange und 70 Zentimeter breite Koje zugewiesen, für ‚Privatsphäre‘ sorgte ein Vorhang aus Segelstoff. Dazu eine Möglichkeit, einen Koffer oder eine Tasche halbwegs sicher zu verstauen. Vorne und hinten zwei Toiletten, so etwas wie eine Dusche gab es natürlich nicht. In der Mitte der Gänge waren lange Tische und je zwei Bänke aufgestellt, damit die Reisenden in zwei Schichten ihre kargen Mahlzeiten einnehmen und zumindest für kurze Zeit ihren engen Kojen entkommen konnten. Diese Waggons wurden immer ganz hinten an den Zug gehängt, das Betreten der anderen Wagen war Passagieren der dritten Klasse nicht nur verboten, sondern durch das Verriegeln der Durchgänge völlig unmöglich gemacht. Am anderen Ende der Skala betrachteten es selbst die Herzöge Canadas nicht als unter ihrer Würde, die Eisenbahnen zu benützen. Sie verzichteten zwar üblicherweise auf eigene ganze Züge, benützten allerdings eigene Waggons. Für die nicht öffentlichen Strecken und eventuelles rangieren waren diese herzoglichen Gefährte dennoch mit eigenem Motor ausgerüstet, und sie waren auch sonst autark. Eine Küche, ein Salon, ein Schlafzimmer, Kammern für das Personal. Auch wenn die Anzahl der dienstbaren Geister natürlich begrenzt war.

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In der zweiten Klasse des Zuges E8962 nach Quebec saß Mademoiselle Susan Jardinier. Nicht zu Unrecht fühlte sie sich privilegiert, in der zweiten Klasse reisen zu dürfen, denn sie entstammte der hart arbeitenden, besitzlosen Schicht, welche üblicherweise die dritte benutzte. Ihr Vater war Fuhrknecht, ihre Mutter musste als Wäscherin seinen kargen Lohn aufbessern. Aber Susan hatte ein Talent, das den Dépisteurs de Talents, den Talentscouts, in ihrer Heimatstadt Aysiniwok in Columbia Francais aufgefallen war. Diese Sucher besuchten die Schulen aller Provinzen, still und unauffällig. Denn das Land benötigte Forscher, Entwickler und Heiler, eben kluge Köpfe, egal woher sie kamen. Richard-Henri de l’Ange Gardien, Grand-Duc des Terres d’outre-mer172, hatte 1823 nach seiner Ernennung zum Großherzog schnell erkannt, dass er nicht auf die Genies aus der Arbeiterklasse verzichten konnte. Er benötigte Innovationen und hatte keine Lust, seine ohnehin von der Wildnis bedrohte Bevölkerung auch noch von Kurpfuschern zu Tode kurieren zu lassen. Also gründete er eine Universität und sandte einige Vertraute aus. Unter ihnen war Gekekha, ein Wyandot, der offiziell als Diener des Baron von Sapin reisen musste, aber der eigentliche Scout war. Die Teams fanden eine große Menge kluger Leute, die sie mit zur Uni nahmen und ausbildeten. Und die Siedler lernten, dass man einem indianischen oder weiblichen Heiler besser vertraute. Besonders, weil diese Heiler Erfolg hatten. Mehr Erfolg zumindest als die Bader mit ihren ewigen Aderlässen nach der längst veralteten Vier-Säfte-Lehre. Bei Susan Jardinier hatten die Dépisteurs ein ganz starkes Schamanentalent erfühlt, waren zu ihren Eltern gegangen und hatten so die Weichen für ihr weiteres Leben gestellt. Susan hatte nie wieder gehungert oder gefroren, und nun war sie unterwegs in die Hauptstadt. In einem Wagon zweiter Klasse.

Sie war ein süßes, unschuldig aussehendes Mädchen von 16. Jahren, ihre Kleidung wirkte etwas unmodern – eine Art Kittelschürze aus bunt bedrucktem Kattun, eine weiße Bluse, am Kragen und den Handgelenken etwas gerafft, derbe Schnürstiefeletten. Eben komplett hinterwäldlerisch. Ihr schmales, durchaus hübsches Gesicht wurde von einer wilden, hellblonden Mähne umrahmt, sobald sie ihr Häubchen mit dem vorgesogenen Sonnenschutz abnahm. Volle Lippen, eine gerade Nase und rosa Bäckchen gaben dem Gesicht etwas zartes und beinahe naives – bis man die Augen sah. Stahlblau, durchdringend und endlos tief schienen sie ihr Gegenüber regelrecht sezieren zu wollen.

„Nein Madam“, hatte sie einer mitreisenden Matrone eben auf deren Frage nach ihren Wohnverhältnissen in der Hauptstadt geantwortet, als die anderen Passagiere das Abteil einmal verlassen hatten und sie allein waren. „Ich weiß bereits, wo ich in Quebec wohnen werde. Die Universität hat ein eigenes Studentenwohnheim.“

„Nun, das ist ja sehr erfreulich“, nickte die nicht mehr junge, etwas untersetzte Frau mit ein wenig zu viel und viel zu grellem Makeup für ihr Alter Susan zu. „Aber falls das nicht funktioniert…“

„Auch dann werde ich wohl meine Jungfräulichkeit nicht mehr in ihrem Etablissement anbieten können, um ihnen einen satten Gewinn zu verschaffen!“ Susan lächelte plötzlich. „Schon gar nicht mehrfach.“

„Aber… aber… das ist… warum….“, stotterte die Matrone.

„Ich möchte Schamanin werden, Madame“, versetzte Susan. „Falls das nicht funktioniert, so habe ich ja Ihre Adresse.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Ich habe eine Art photographisches Gedächtnis und Sie haben ja laut genug daran gedacht, Madame … Fumée!“

Die Puffmutter zuckte zusammen, als Susan ihren echten Namen benutzte. „Das alles ist…“

„Natürlich wäre nichts von dem, was ich von ihnen bisher erfahren habe, illegal“, unterbrach Susan Madame Caroline Fumée. „Immerhin bin ich über 16 Jahre alt. Und auch wenn ich etwas anderes erfahren hätte, wäre es kein vor Gericht verwertbarer Beweis. Ihre Vorstellungen, sollten sie ungesetzliche Teile enthalten, dürften nicht einmal als Anfangsverdacht gegen Sie verwendet werden, denn wir haben ja in Frankreich seit der Revolution 1789 Gedankenfreiheit.“ Caroline umklammerte krampfhaft ihre Tasche und blickte angestrengt aus dem Fenster. Schmunzelnd beugte sich Susan vor flüsterte ihr ins Ohr. „Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Sie sind nicht ganz so perfekt geformt wie in Ihrer Vorstellung, Madame. Und Sie waren es auch nie.“

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Egal, ob im Mutterland oder in den Kolonien, Franzosen liebten ein Kartenspiel mit dem Namen Vingt-et-un. Zwanzig und eins. Es ging darum, mit den Werten der Karten in der Hand möglichst nahe an einundzwanzig Punkte zu kommen, ohne diese Punktezahl zu überschreiten. Zwei verdeckte Karten, dann mussten so lange Karten nachverlangt werden, bis man zufrieden war. Und die anderen Spieler dazu zu bringen, sich zu überkaufen. Das Spiel hatte große Ähnlichkeit mit dem italienischen Baccara, dem britischen Black Jack oder dem deutschen 17 und 4, bei denen die Grundregeln im Prinzip dieselben sind. Auch Albert Edward, der Prince of Wales liebte nicht nur das pariser Bordell le Chabanais, sondern auch Vingt-et-un. Er soll damals, sehr zum Missfallen seiner Mutter Queen Victoria, einige Male enorme Summen verloren haben.

Im Waggon der dritten Klasse von Saint-Jerome-de-l’Oest an den großen Montagnes Rocheuses nach Ville d’Quebec wurde natürlich um wesentlich geringere Einsätze gespielt. Wenige canadische Centimes, vielleicht einmal der eine oder andere canadische Décime wechselten die Besitzer. Einen ganzen canadischen Franc zu verspielen, das konnte sich hier niemand leisten. Vielleicht noch dieses Papierzeug, das die Franzosen im Mutterland Franc nannte, und das nichts mehr Wert war.

„Nun gib schon eine Karte rüber, Junge!“ Georges Bandeur war ein Gebirge von einem Mann in kariertem Flanellhemd, Lederhosen und kniehohen Stiefeln. Sein Haar war lang und sauber gewaschen, allerdings sah es aus, als hätte der Riese es mit seinem eigenen Messer zurecht gehackt. Einem Messer, das mit seiner gut 40 Zentimeter langen Klinge bei jedem anderen Besitzer bereits wie ein kleines Schwert gewirkt hätte. Der Bart, welcher Bandeur bis über die breite Brust hing, war ähnlich schlecht geschnitten und ließ in dem Mann einen der ‚Hommes du Désert‘, einen Mann der Wildnis vermuten. Tatsächlich war der gut 2 Meter 18 große Mann Prospecteur. Metallsucher. Und Docteur der Geologie, diesen sah man dem aus der Provinz Yukon stammenden Mann allerdings nicht an. Vielleicht hätte man es an seinen Augen erkennen können, die wach, aufmerksam und intelligent die Welt betrachteten. Vor etwas über 35 Jahren hatte er die gleiche Reise hinter sich gebracht, wie sie jetzt Susan Jardinier machte, nur musste er zuerst aus dem hohen, eisigen Norden nach Süden reisen. Zuerst mit einem Hundeschlitten, dann mit einem Prärieschoner, bis er endlich in Fort Rochelle, der Hauptstadt von Columbia Francaise, den Zug besteigen konnte. Und kaum hatte er seinen akademischen Titel, zog es ihn schon wieder in die Wildnis seiner Heimat, jetzt war er auf dem Weg, der Regierung ein beträchtliches Goldvorkommen zu melden. In den Bergen des Yukon-Territoriums. Er hätte es nicht nötig gehabt, dritter Klasse zu reisen, aber er liebte die pure Primitivität, die ihm das Leben ohne Annehmlichkeiten bot. Ein seltsamer Kauz, der dennoch das Herz auf dem rechten Fleck hatte.

Jaques-Gerard Coitard, der eben die Bank hielt, nahm eine Karte vom Stapel und legte sie offen vor den Yukon-Mann. Eine Karo sieben. Georges lehnte sich zurück. Auf der Hand hatte er die Herz acht und die Pik fünf. 13 plus 7, das waren 20 Punkte. Nicht schlecht! Nicht unbesiegbar, aber nicht schlecht. Neben ihm gab der schmächtige Bankhalter einem Mann mit starken Schwielen an den Händen, der sich als ein Fuhrknecht mit dem Namen Paul Labras vorgestellt hatte, eine Herz 9. Der warf fluchend sein Blatt auf den Tisch. Zu hoch, er war über 21.

„Dann sind nur noch wir zwei im Spiel, Monsieur“, wandte sich Jaques-Gerard an Georges und zögerte kurz, dann drehte er die nächste Karte um. Eine Pik 5. Das sagte erste einmal gar nichts, ohne zu wissen, was in den verborgenen Karten lag. Der Bankhalter sah Georges an und hob fragend die Augenbraue. Der nahm vom Stapel der Centimemünzen fünf und schob sie in die Mitte, der schmächtige, wie ein Buchhalter wirkende Coitard tat es ihm gleich. Dann bot er Georges eine Karte an. Natürlich schüttelte der Riese den Kopf, mit 20 Punkten noch eine Karte zu kaufen wäre blanker Irrsinn gewesen. Die Chancen für ein Ass, von denen drei ohnehin bereits gefallen waren, standen denkbar schlecht, also verzichtete er lieber. Jaques nahm die oberste Karte und warf sie auf den Tisch, es war eine Karo 8. Ein professioneller Kartenspieler hätte die Erleichterung auf dem Gesicht des Mannes natürlich lesen können, doch den hier anwesenden Amateuren fiel das kurze Zucken der Muskeln über der Stirn nicht auf. Vor ihm lagen jetzt eine 8 und eine 5, zusammen 13 Punkte, vor Georges 7. Die schmalen Finger von Jaques-Gerard nahmen einen Sou173 und warfen ihn zu anderen in der Mitte des Tisches.

„Bien!“ Auch Georges legte noch 5 Centimes in den Topf und drehte seine Karten um. „Vingt – zwanzig“, meldete er.

„Aussi – ich auch“, bemerkte Japues, seine Karten umdrehend.

„Gleichstand also. Damit hat die Bank gewonnen“, beschied Georges. „Ich gratuliere. Auf ein Neues?“

„Bien sûr, Monsieur!“ Einige Mitreisende verließen den Tisch, während andere ihren Platz einnahmen und einige Münzen vor sich bereit legten. „Wie schon vorher, Höchsteinsatz bleibt ein Sou pro Runde“, gab Jaques bekannt, während seine Hände die gebrauchten Karten einsammelten und auf einen extra Stoß legten.

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Frederic-Louis de Trois Chênes, Duc de Saskatchewan sah aus dem Fenster seines Sonderwagens und nippte an seinem Cognac. Jetzt, im Juni, war das Land auf dem Breitengrad Quebecs, also 46,5° Nord, beiderseits des Schienenstranges auch in Canada grün, und die Bauern hatten sich bereits beeilt und im Mai die Erde umgebrochen, die Saat ausgebracht und die Tiere auf die Weiden gebracht. Dann wieder führte eine kühne Brückenkonstruktion über einen der vielen Seen Ontarios, der weite des Horizonts zu urteilen, war es wohl der große Lac Nipigon. Dann war die Brücke, über welche sie nun fuhren, beinahe 70 Kilometer lang. Wie alle anderen Bauwerke dieser Strecke konstruiert von Gustave Eiffel, welcher jetzt in Paris den berühmten Stahlturm für die Weltausstellung gebaut hatte. 330 Meter, nur aus Stahlträgern gebaut. Auf dem See tummelten sich etliche 5 bis 6 Meter lange Kajütenboote für Fischer, aber auch Freizeitangler. Es gab hier wie in den großen Seen viele verschiedene und schmackhafte Arten von Speisefischen, vor allem Süßwasserbarsche und Welsartige.

„Hoheit?“ Frederic wandte seinem Blick dem Butler zu, welcher in der Tür des Salonabteils des Privatwagons stand.

„Was gibt es denn, Claude?“

„Mit Eurer Hoheit Erlaubnis, der Duc de Yukon möchte Euer Hoheit sprechen!“

„Es ist gut, Claude“, winkte Frederic-Louis zustimmend. „Führ in bitte herein!“

„Sofort, Hoheit!“

Charles-Jean d’Eauclaire, Herzog des Yukon-Territoriums hätte beinahe ein Bruder des Herzogs von Saskatchewan sein können. Dieselbe hohe, athletische Gestalt, beide trugen ihre Haare in die Stirn frisiert, wie es schon Napoleon Bonaparte getan hatte, beide trugen buschige Backenbärte und verfügten über einen scharfen Verstand. Der größte Unterschied bestand in der Farbe der Röcke. Der Duc de Yukon zog weiß vor, während der Duc de Saskatchewan dunkles grün trug.

„Danke, dass du mich so schnell empfängst!“ Charles-Jean schritt mit langen Schritten in den Salon und ging auf Frederic-Louis zu. Der hatte sich erhoben und deutete auf einen der Stühle.

„Ich bitte Dich! Nimm doch erst einmal Platz, mein Freund! Cognac?“

„Gerne!“ D’Eauclaire wartete, bis der Butler Claude ihm sein Glas Weinbrand gebracht hatte und sich nach einer Verbeugung entfernte.

„Also, was ist los, wo drückt der Schuh?“ Frederic-Louis hob seinen Schwenker und prostete seinem Gast zu.

„Es ist dieser graue Bär!“ Charles-Jean lehnte sich in seinem Sessel nach vorn. „Die russische Armee ist wieder einmal in Afghanistan eingefallen, und die Thommys werden das nicht hinnehmen. Dann wird der Befehl an die Soldaten von British-America ergehen, im Gegenzug Alaska einzugreifen. Bisher alles normal. Und bis vor kurzem hätte ich gesagt – egal, was geht es uns an? Sollen sie sich doch gegenseitig die Zähne einschlagen blutige Köpfe verpassen, und wir hätten die Gelegenheit, ein Stück Alaska zu kassieren. Oder einen Teil von Texas, von Louisana aus. Aber jetzt – ich weiß nicht. Es kommen widersprüchliche Signale aus Paris!“

„Du weißt, dass die DANTON verschwunden ist?“ Frederic-Louis nahm eine Zigarre aus der Kiste und schnupperte genüsslich daran.

„Ja, schon“, bestätigte Charles-Jean kopfnickend. „Aber – was…“

„Geduld, werter Freund“, bat Frederic-Louis. „In Yukon ist man etwas ab vom Schuss, ich weiß. Die Drahtverbindung ist manchmal gestört, kein Wunder, bei eurem Klima.“

„Agréable174! Heraus damit“, forderte der Duc des unwirtlichen und stark an Sibirien erinnernden Territoriums. Nur die Territoires du nord-ouest hatten Gebiete, die noch nördlicher lagen, doch die Bevölkerung bestand dort zum größten Teil aus Inuit der verschiedensten Stämme.

„Die DANTON war ohne Begleitflottille in der Ägäis unterwegs. In griechisch-osmanischen Gewässern!“

D’Eauclaire stellte mit einem lauten Knall sein Glas auf den Tisch. „Osmanen? Verdammt, verschiedene Politiker in Paris wünschen sich zwar mehr Einfluss im heiligen Land, warum auch immer! Aber das ist doch nur politisches Geschwätz, Abdülmezid hat doch ohnehin einiges getan, um den Frieden zu. Er hat sogar Kreta eine weitreichende Autarkie gewährt. Und welcher verdammte Idiot von Kapitän trennt sich von seiner Unterstützung. Und welcher Wahnsinnige lässt ein Schlachtschiff allein weiterfahren?“

„Ein Befehl aus Paris!“ Trous Chênes zuckte mit den Schultern. „Der Chef des Marinestabes persönlich gab schriftlich den Befehl, der Konteradmiral bestätigte ihn und fuhr mit der DANTON weiter. Die Flottille fuhr unter dem dienstältesten Kapitän zur See weiter, um in kretischen Gewässern Flagge zu zeigen.“

„Und jetzt überlegt Paris eine militärische Intervention gegen das Osmanische Reich?“, mutmaßte d’Eauclaire, der Duc von Saskatchawan streckte die rechte Hand waagrecht vor und drehte das Handgelenk einige Male.

„Könnte sein, oder auch nicht. Einige wollen sicher einen Krieg, aber die meisten sind vernünftig. Ohne Beweise, dass die Osmanen hinter dem Verschwinden der DANTON stecken – die großen Mächte wären sicher nicht begeistert. Und es ist nun einmal bekannt geworden, dass der Chef der Marine persönlich den Marschbefehl unterschrieben hat, nach Hause in Okzidanien fuhr und sich dort eine Kugel durch den Kopf jagte.“

„Also denkst du, ein Angriff auf die Türken wäre ein ziemlich großes Risiko? International gesehen!“ Charles-Jean nahm seinen Schwenker wieder auf und ließ ein Tröpchchen über seine Zunge rollen. „Teufel, wo hast du immer diese guten Flaschen her?“ Frederic-Louis lachte auf, griff zum Stift und schrieb eine Adresse darauf.

„Berufe dich auf mich, alter Freund! Ja, es wäre ein internationales Problem. Frankreich stünde allein gegen den Rest von Europa, und wir wollen ehrlich sein – trotz der grande Armée und der grande Marine gäbe es bald kein Frankreich mehr. Und Canada könnte ganz schnell wieder britisch werden.“

„Daran möchte ich lieber nicht denken! Du denkst, wir wären gut beraten, in den Krieg zwischen Russland und Britannien nicht einzugreifen?“

„Bisher gibt es keinen Krieg“, bemerkte Frederic-Louis. „Einstweilen warten die Briten ja ab, bis die Russen in Afghanistan die britische Sphäre verletzen. Und die Kosaken marschieren noch weit westlich von Kabul nach Süden.“

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British-America

Anfänglich war Terence Myers mehr als nur ein enttäuscht gewesen, als er 1856 als junger Mann von Knights Ferry aus in die Schluchten der Sierra Nevada zog, um Gold zu finden. Doch er fand statt der gelben, glitzernden nur dunkelrot metallisch schimmernde Nuggets. Fluchend wollte er sie bereits wieder in den Black Creek werfen, doch sein Freund und Partner George Williamson riss ihm die Brocken aus der Hand und betrachtete sie eingehender. Dann ließ er seinen Blick über die Schlucht Bachaufwärts schweifen.

„Wir müssen weiter hinauf“, hatte er Terence grinsend eröffnet. „Und wenn wir die Ader gefunden und eingetragen haben, werden wir einen Investor suchen müssen!“

„Das ist doch kein Gold!“, hatte Myers wegwerfend gerufen.

„Nein, old Chap, aber in den heutigen Zeiten beinahe ebenso gut!“ George hatte sich zufrieden die Hände gerieben. „Es ist Kupfer!“

Die beiden Freunde hatten sowohl die Ader als auch einen Investor aus Sacramento gefunden. Ohne in ihrem Leben auch nur einen Goldnugget in den Händen gehalten zu haben, waren sie für ihre Verhältnisse reich geworden. Nicht im Vergleich zum Investor, der allein schon die Hälfte des Gewinns kassierte, aber sie konnten sich trotzdem ein verdammt gutes Leben leisten. Sie hatten einen kleinen Damm am Black Creek gebaut und Gräben angelegt, um einige der breiteren Nebentäler mit Wasser zu versorgen. Kleine Farmer und Rancher waren ihrem Ruf nach Coppertown gefolgt und versorgten die Arbeiter in den Minen mit frischen Lebensmitteln, eine gediegene Infrastruktur entstand, in den Damm wurde schließlich auch eine kleine Turbine eingebaut, welche die Stadt mit Elektrizität versorgte. Eine Eisenbahn verband über Oakdale und Modesto Coppertown mit Sacramento und Fresno, und regelmäßig wurden auf dieser Strecke Kupferbleche und -Rohre, Barren sowie Bronze- und Messingarmaturen nach Sacramento zur weiteren Verteilung geliefert. Die Royal Mail unterhielt im Tal zwei Telegraphenstationen, eine in der Stadt und eine an der Kupfermühle. Gegen die gesetzlosen Banden und Glücksritter, welche das Land auf der Suche nach Gold durchstreiften, aber zu faul zum schürfen waren, leistete man sich eine eigene Miliz, welche von Myers und Williamson mit den modernsten Waffen von Browning Firearms ausgerüstet wurde. Sie unterstand Sheriff Doug Logan, einem alten Fuchs mit beinahe übermenschlich zu nennenden Instinkten, den der Duke of Sacramento auf die Bitte der beiden Minenbesitzer als offiziellen Vertreter der Krone im Black-Creek-Valley eingesetzt hatte. Die Stadt war auf dem besten Weg, ein florierendes Gemeinwesen zu werden, in welchem man recht gut leben konnte.

An der Mündung des Black Creek in den Stanislaus-River ließ der Duke of Sacramento ein ständig besetztes Fort der Royal California Mounted Police aus gemauertem Stein erbauen, denn hier trafen sich mehrere der bewohnten Schluchten mit den Wegen, welche von Mono City und dem Lake Topaz durch die Sierra Nevada führten. Hier in den Bergen benutzten diese Truppe immer noch Pferde, kleine und wendige Quarterhorses. In den steinigen, teilweise engen Schluchten, wo man oft im Bachbett reiten musste, waren diese trittsicheren Tiere besser als jedes motorisiertes Vehicel.

„Sir, Sheriff Logan vom Black-Creek-Valley ist jetzt auch eingetroffen!“, meldete Police Constable Baker dem kommandierenden Offizier, Chief Super Intendent Jonas Hartford.

„Es ist gut, Constable!“ Hartford erhob sich, zog die Uniformjacke zurecht und verließ sein Büro. Es waren nur einige wenige Schritte bis zum Sitzungssaal, durch die geschlossene Tür hörte er leises Murmeln. Schwungvoll öffnete er und betrat den Raum. „Guten Morgen, meine Herren!“ Die versammelten Sheriffs der umliegenden Shires verstummten und blickten den Polizeioffizier neugierig an, der nun an der Stirnseite des Tisches Platz nahm.

„Danke, dass Sie gekommen sind, Gentlemen“, begann Hartford die Besprechung. „Leider ist es kein Freundschaftstreffen, sondern es gibt nicht ungefährliche Aktivitäten, welche sich dem Malone-County nähern. Nach den Angaben von Sergeant Biggins und unserem Apache-Scout Chii-T’a haben wir festgestellt, dass etwa fünfzig Cheyenne, Männer und Frauen, auf einem Kriegs- und Beutezug sind.“

„Sind Sie sicher, Chief?“ Gordon Smythe, der Sheriff von Mountain-Pass-Canyon, lehnte sich vor. „Sonst sind die Cheyenne zwar manchmal raue Gesellen, die auch untereinander Pferde und vereinzelt sogar Mädchen rauben, aber dabei nie Dörfer abfackeln. Nachdem, was wir gehört haben, hat diese Bande aber nicht nur das Fort Cedar Hill und einige Police-Stations in die Luft gejagt, sondern auf ihrem Weg auch einige Farmen und kleine Dörfer überfallen, die Bewohner getötet und die Häuser zerstört. Wahrscheinlich mit Dynamit aus Cedar Hill, und das ist eher untypisch für Cheyenne.“

„Wir haben Indizien, Sheriff Smythe. Und eine Augenzeugin, die zum Zeitpunkt des Überfalls gerade im Abort saß.“

„Und …?“

„Julie Bedford hat getan, was sie tun musste, um zu überleben.“ Hartfords Gesicht wurde steinern. „Und nachher hat sie sich stundenlang im Bach gewaschen, um den Gestank wieder los zu werden. Für den Ritt hierher hat ihr der Sergeant eine Reservehose und ein Hemd geborgt.“

„Dann haben die Mörder sie nicht gefunden“, überlegte Logan laut.

„Das ist richtig, denn sie lebt noch“, bestätigte Hartford. „Aber sie musste mit ansehen, was ihrem Vater und ihrer Mutter angetan wurde.“

„Er gemartert und sie vergewaltigt und dann getötet“, vermutete der Sheriff von Green Spring Run. Bartholomew Gallors hatte ein Gesicht wie eine Bulldogge, und er war ebenso stur.

„Seltsamerweise nicht“, widersprach Hartford. „Man hat sie aber gefesselt, zum knien gezwungen und ihnen dann erklärt, dass sie wegen Landraub und Mord an den ursprünglichen Bewohnern von Kalifornien zum Tode verurteilt seien. Dann hat ihnen ein riesiger Kerl mit einer alten Kriegskeule den Schädel zertrümmert.“

„Was?“ Gallors riss die Augen auf. „Diese Anklage ist doch Unfug!“

„Eigentlich ist es richtig!“ Der Chief Super Intendent zuckte die Schultern. „Wir waren stärker, die Natives mussten weichen. So ist das nun einmal, seit den Anfängen der Menschheit an. Irgendwann wird jemand stärker als wir sein, und wir werden verschwinden müssen.“

„Verteidigen Sie die Handlungen dieser Tiere?“, bellte Gallors.

„Nein, die Morde sind tatsächlich ein Verbrechen.“ Hartford blieb ruhig. „Vor allem, weil diese Bande keine Unterschiede macht und die gesamten Familien tötet. Alle Menschen, die auf den Höfen und in den Weilern wohnte, auch …“ Hartford musste tief durchatmen, ehe er weitersprechen konnte. „Auch Kinder – mit Ausnahme von Julie Bedford.“

Doug Logan beugte sich vor. „Wollen diese paar Leute denn wirklich dem Empire den Krieg erklären? Das ist doch – illusorisch. Diese Bande Cheyenne kann doch nicht glauben, damit Erfolg zu haben!“

„Sie sendet Botschaften an alle Tribes, sich ihrem Kampf anzuschließen“, erklärte der Mounty. „Und es haben sich bereits einige Leute der Gruppe angeschlossen. Zum Glück nur einzelne Personen. Auch die Cheyenne-Nation hat sich von diesen Rebellen distanziert!“

„Dann sollten wir uns eiligst eine Taktik überlegen“, bemerkte Doug Logan.

„Genau deshalb habe ich Sie hierher gebeten“, bestätigte Hartford.

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Scharfes Messer kauerte unweit des Höhleneinganges und sah in die Nacht hinaus. Sein BAR hatte er schussbereit in den Händen, der Revolver steckte griffbereit im Gürtel. Hinter sich hörte er ein Geräusch, doch seine Aufmerksamkeit galt nach wie vor dem Eingang – von hinten konnte hier ja doch kein Feind kommen. Schritte näherten sich, dann erklang eine Stimme.

„Hier wird uns kein Mounty finden, Eisenkralle.“ Die Stimme gehörte zu Loco Lobo, einem Apachen, einem Chiricahua, der sich ihnen angeschlossen hatte. Sein unversöhnlicher Hass auf die Weißen war ebenso stark wie der von Wildes Pumaweibchen, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte man die Weißen nicht einfach rasch exekutiert, sondern vorher noch ein wenig leiden lassen.

„Eine gute Basis für ein Atemholen, Loco Lobo“, ließ sich der Anführer der Horde vernehmen. „Aber dann wird es Zeit, wieder aufzubrechen. Hier ist ja schon beinahe alles zerstört, aber weiter unten im Südwesten gibt es starke Forts der Mounties und vor allem die Kupferstädte. Deren Zerstörung gäbe ein stärkeres Signal ab als die der kleinen Farmen.“

„Es gibt noch einiges an leichter zu zerstörenden Zielen hier, sagt Loco Lobo.“ Der Einwand kam von Wildes Pumaweibchen. „Wollen wir die Siedler dort denn wirklich alle am Leben lassen?“

„Vorläufig ja“, befand Eisenkralle. „Es ist wie bei Cedar Hill, wo wir nur das Fort zerstörten. Wir müssen unberechenbar bleiben, und wir benötigen neues Dynamit. Weiter unten, wenn es mehr Holzhäuser gibt, werden wir es leichter haben, dann zünden wir die Bauten einfach an. Außerdem können ja unsere Brüder, die uns nachfolgen, die restlichen Farmen übernehmen.“

„Also lassen wir doch einige noch am Leben?“ murrte Wildes Pumaweibchen verdrossen.

„Sieh es einmal so, Wildes Pumaweibchen.“ Eisenkralle legte seinen Arm um ihre Hüfte und zog sie an sich. „Sie werden noch einige Zeit sehr viel Angst haben, dass wir kommen könnten Der Tod wird ihnen dann wie eine Erlösung sein.“

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British-Indien

John Norton Meltulip packte seinen Schlafsack aus und legte ihn unweit des Lagerfeuers neben denen der anderen Fahrer und seines Beifahrers aus. Er und sein Compagnon waren mit einer Karawane verschiedenster Fahrzeuge und Tragtiere nach Hyderabad im Süden Indiens unterwegs. Die Schienen der Bahn reichten noch nicht so weit nach Süden, und so musste die Ware von Cherala am Golf von Bengalen mit DLKW, Pferdewagen, Elephanten und Maultieren auf das Hochland von Dakkhi in das Fürstentum Telegana gebracht werden. Der Norden Indiens war mit Bahnlinien verschiedenster Gesellschaften bereits recht gut erschlossen, die Hauptlinie verband auf beinahe 1.200 Schienenmeilen175 Kalkātā176 und Bombay, von dieser Strecke zweigten Nebenbahnen bereits einige Meilen nach Süden und Norden ab. Als nächstes sollte nach dem Willen der mächtigen britischen North-India-Railway der Punjab erschlossen werden, das würde auch der Afghanistan-Armee Vorteile bringen. Doch der heiße, über viele Monate in den meisten Landstrichen schwüle Süden machte die Arbeiten wesentlich schwieriger, und so gab es dort bisher nur mehr oder weniger gut frequentierte Karawanenstraßen. Nun, was man hierzulande halt so Straße nannte. Mit Mühe und vielen Arbeitselefanten wurde, wo es Wald gab, eine Schneise frei gehalten und überall zumindest die schlimmsten Unebenheiten aufgeschüttet. Denn die kleinen britischen Händler und Transporteure mit ihren DLKW, welche die Waren im Auftrag der großen Handelshäuser von der Küste ins Landesinnere brachten, waren auf diese Straßen angewiesen, ebenso natürlich auch die indischen Kleinhändler und Handwerker. Daher bezahlte der Raja von Telegana für die notdürftigsten Arbeiten, aber eine Straße mit Pflaster oder anderem Belag durfte man sich nicht vorstellen.

Zum Glück hatte John eine Reisegesellschaft nach Hyderabad gefunden, sowohl Inder als auch andere Europäer, welche den gleichen Weg hatten. Die meisten kannte er bereits, es war seine vierte Tour auf dieser Strecke. Vorher hatte er weiter im Norden gearbeitet, aber dort hatte ihn ein neuer Konkurrent aus dem Geschäft gedrängt. Also war er weiter nach Süden gegangen, und hier, in dieser Gegend, wurden Leute wie er noch gesucht. Er hatte sich diesen Leuten für diese Tour angeschlossen, denn in der Gruppe reiste man in der Wildnis einfach sicherer. Vor allem Nachts, wenn man die Wachen auf mehrere Personen verteilen konnte und so ein wenig mehr Schlaf abbekam. Zu zweit, ohne weitere Hilfe, wäre ein solcher Trip die Hölle. Schloss man das Fahrerhaus, kam man in der feuchten Hitze des indischen Südens um, öffnete man es, war man leichte Beute für jeden Strauchdieb und Wegelagerer. Dazu die ständige Konzentration auf den unebenen Untergrund aus Steinen und manchmal meterdicken Wurzeln der Waldschneise, die man hier hochtrabend Straße nannte. Die ersten Tage hatten sie Glück gehabt, denn da wurde die Karawane auch noch von einer Schwadron Kavallerie begleitet. Es war für die Frächter sehr angenehm gewesen, im Schutz der militärischen Wachen hatten die Gesellschaft gut, weil sicher geschlafen. Doch diese Escadron hatte an diesem Mittag einen anderen Weg zu ihrem neuen Einsatzort eingeschlagen, nun, in zwei Tagen würden sie ohnehin Hyderabad erreicht haben und konnten dort endlich ihre Ware abliefern, bis dahin musste die Reisegesellschaft eben selber Wachposten aufstellen. Müßig spielte John mit einem Stock und dachte nach, während er darauf wartete, dass seine Conserve, welche er geöffnet auf einen Stein in der Nähe des Feuer gestellt hatte, endlich warm wurde.

Er arbeitete seit einiger Zeit nicht mehr rein selbständig, sondern als Subunternehmer für ein größeres Transportgeschäft, welches unzählige Off-Road-Transporter wie den seinen im Einsatz hatte und bestellte Ware überall in Indien zustellte. Natürlich eine potenziell gefährliche Aufgabe, denn nicht nur, dass die Straßen selbst trotz aller Bemühungen oft in einem erbärmlichen Zustand und immer noch mehr für Pferde, Mulis und Elefanten geeignet waren, es gab zum anderen natürlich wie überall auf der Welt Räuber, und die DLKW der Lahore Trading Company transportierten üblicherweise keinen Schrott durch die Lande. Darum trugen er und sein Beifahrer jetzt auch stets ihre schweren, kurzläufigen Revolver im Schulterholster und waren auch durchaus bereit, ihn im Falle eines Falles einzusetzen.

Einige Augenpaare beobachteten in dieser Nacht die Europäer und die indischen Kaufläute bereits abschätzig.

„Endlich sind die Reitersoldaten fort“, flüsterte Yomanandandra, während er in seiner Tasche kramte, aus welcher er schon ein kleines Töpfchen geholt hatte.

„Diese Soldaten sind schon lästig gewesen“, stimmte Kawanda ebenso leise bei. „Aber wir hätten doch noch zwei Tage Zeit bis Hyderabad.“

„Und dann kommt der Karawane vielleicht von dort noch ein Trupp Soldaten entgegen“, wehrte Yomanandandra kopfschüttelnd ab. „Es bleibt dabei. Zuerst die Fahrer von diesen Maschinenwagen, und dann die Händler.“

„Wie du wünscht, Nētā“, bestätigte der Jüngste der Gruppe Thugees und füllte Reis und Wasser in sein Töpfchen, welches er zum Feuer brachte. Dort stellte er das Gefäß auf einen heißen Stein und wartete wie alle anderen, bis sein Essen gar war. Nach und nach kamen auch die anderen Thuggees ans Feuer, um sich ihr Abendessen gemeinsam mit der restlichen Gemeinschaft zu kochen.

Es dauerte nach dem Essen auch gar nicht mehr lange, dann wurden die Wachen verlost, und die Reisenden begaben sich auf ihre Lager. Yomanandandra schälte sich knapp nach Mitternacht aus seinen Decken und nickte den derzeitigen Wachposten zu, beides Männer seiner Truppe. Als erstes die Weißen ausschalten, denn die waren schwer bewaffnet und daher am gefährlichsten. Danach konnte man die Indischen Kaufleute immer noch in aller Ruhe abwürgen. Mit ein wenig Glück, ehe jemand erwachte, bevor es ohnehin zu spät für ihn war, es war eben für Räuber und Mörder immer besser, wenn kein potenzieller Zeuge am Leben blieb. Also nahmen die Thuggs ihre Schnüre zur Hand und schlichen beinahe lautlos zu ihren bereits vorher vereinbarten Opfern. Der Anführer hatte beschlossen, diesen großen, bulligen Frächter auf sich zu nehmen, der mit seiner schieren Muskelkraft schon so manche Probleme der Karawane gemeistert hatte. Der, welcher von allen einfach nur John genannt werden wollte. Die gleichmäßigen Atemzüge und das leise Schnarchen des Engländer verrieten dessen tiefen Schlaf, und Yomanandandra freute sich bereits über sein leichtes Spiel und spannte die Schnur zwischen seinen Händen. Ein plötzlicher Druck in der Magengegend ließ in kurz einhalten, eine lauter Knall, und furchtbarer Schmerz wütete plötzlich in seinen Eingeweiden. Überall warfen britische Fahrer ihre Decken beiseite und zielten mit ihren Revolvern auf die völlig überraschten Meuchelmörder.

„Alles in Ordnung, Master Sergeant?“, fragte die Stimme des First Lieutenant, welcher den kleinen Trupp kommandierte.

„Hab dem Kerl eine Kugel verpassen müssen, Sir“, entgegnete Sergeant Meltulip. „Scheint aber noch zu leben!“

„Sehr gut“, befand Lieutenant Frazer. „ Die Banditen fesseln, und dann den Verletzten versorgen. Gut gemacht, Männer.“

Für Yomanandandra konnten die Soldaten nicht mehr viel machen, die Kugel hatte zu viele seiner Innereien verletzt. Noch vor dem Morgengrauen verstarb der Anführer der Thuggees und wurde in der Nähe des Lagerplatzes von den dankbaren indischen Frächtern in einem flachen Grab beerdigt, bei weitem nicht alle Inder der Karawane hatten zu den Würgern gehört, ja nicht einmal mit deren Ansichten sympathisiert. Bei der Population an Carnivoren entlang dieser Straße und der geringen Tiefe des Aushubes musste allerdings bezweifelt werden, dass es etwas mit ‚Ruhe in Frieden‘ werden konnte, aber das gehörte nun einmal zum Risiko des Geschäftes als Thugg! Kismet, Karma, Fatum oder Schicksal, am Ende des Weges stand früher oder später immer der Eunuch auf dem Schwarzen Kamel, Kali mit ihrer Sichel, Azrael oder der Knochenmann mit der Sense, um den Verstorbenen zu seinem Richter zu bringen.

Der Rest der Bande wurde auf die Ladefläche eines nur halb beladenen DLKW geworfen und dort fixierte, damit sie sich nicht etwa selbst befreien konnten. Zudem schwangen sich noch die Privates Sallinger und Turner auf die Ladefläche des Trucks, um sie zu bewachen.

„Nun, Boy“, bohre Sallinger seine Stiefelspitze in Randwawaras Seite. „Wolltest uns aushorchen und dann einfach so umbringen, was? Meinen Brandy haste genommen, und `ne Zigarette mit mir geraucht, aber dabei haste schon geplant, mich zu erwürgen. Bist schon eine verdammt dreckige Sau.“

„Andere werden mehr Erfolg haben, Feringhee“, spuckte der Kali-Anhänger verächtlich aus. „Eines Tages wird Indien wieder frei von euch sein!“

„Eines Tages – vielleicht, ja, schon gut möglich. Aber ob das wohl einer von uns noch erleben wird?“, philosophierte Turner. „Außerdem, wir bringen ja auch einige Vorteile mit unseren Gesetzen. Wir schaffen die blöden Kasten ab und es müssen auch keine Witwen mehr lebendig auf den Scheiterhaufen ihres Mannes verbrennen.“

„Damit die Frau dann in Schande leben muss, wenn sie ihrem Herrn nicht folgt?“, fragte Fodrandra verächtlich. „Und ohne unsere Kasten herrscht doch nur Chaos, keiner weiß, wo er hin gehört.“

„Die Witwen könnten doch ohne Schande weiter leben“, ereiferte sich Turner. „Und wenn jemand fleißig und klug genug ist, warum sollte er nicht aufsteigen und besser leben dürfen? Ihr Thuggs seid schon ein perverser Haufen!“

„Wenn ihr so auf‘s Verbrennen steht, können wir ja einmal sehen, was wir machen können, damit ihr es am eigenen Leib verspüren könnt“, überlegte Sallinger laut. „Gibt es denn eigentlich ordentliches Holz in Hyderabad?“

„Wenn nicht, schaffen wir welches heran, Jacky. Ist `ne gute Idee, diese Typen einmal selbst brennen zu lassen. Dann wissen sie wenigstens, was die armen Witwen erleiden müssen.“

Das Gericht in Hyderabad erkannte die Thugees zwar des mehrfachen versuchten und wahrscheinlich auch vollbrachten Mordes für schuldig, doch die Idee des Private Jack Sallinger wurde noch nicht einmal angedacht, geschweige denn diskutiert. Der Richter folgte dem für einen solchen Fall üblichen Procedere und verurteilte die Mörderbande zum Tode durch den Strick und überließ den Rest dem Karma. Sallinger und Turner war es letztendlich egal, ihnen reichte es, wenn diese Gruppe von Banditen keine Reisenden mehr töten konnte. Obwohl sich ihre Hoffnung, dass die Straßen jetzt sicher seien, in den engst möglichen Grenzen hielt, die nächste Bande würde schon bald in diese Nische vordringen. Aber egal, morgen würden sie wieder auf die Piste gehen, dieses Mal weiter im Norden, und vielleicht bald noch eine Bande ausheben können. Trupps wie dieser waren nötiger denn je, seit immer mehr Truppen in den Punjab aufbrachen, weil ein Angriff der Russen auf Kabul und den Khyberpass durchaus möglich war.

=○=

In Mysore, der Hauptstadt des gleichnamigen Fürstentums im Süden des indischen Subkontinents, regierte 1889 seit drei Jahren die Mahārāņi Jānaņī Wīāhamāsāwa gegen den Willen eines großen Teiles ihres eigenen Volkes. Denn Jānaņī war die Witwe des vorherigen Rājana. Die Familie des Rājanas Avan, die Edlen des Fürstentums und das Volk waren der Meinung, die noch junge Witwe hätte sich eigentlich mit der Leiche ihres alten Ehemannes verbrennen lassen müssen, doch der englische Resident war damals energisch dagegen eingeschritten. Es hatte damals einen schweren Streit zwischen dem Sohn des Rajanas aus seiner vorherigen Ehe, Tejas, und dem Residenten Sir Tobias Grave gegeben.

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„Meine Stiefmutter hat von selbst den Wunsch geäußert, mit der Leiche ihres geliebten Mannes eingeäschert zu werden“, hatte der junge Inder nach dem Tod seines Vaters 1886 dem Residenten mit lauter Stimme angebrüllt.

„Freiwillig? Pah!“ Sir Tobias hatte das Argument Tejas hinweg gefegt. „Wenn sie es nicht macht, wird sie doch zum Freiwild eines jeden perversen Idioten, der sie ihrem Mann hinterher schicken will. Es geht Euch doch nur um das Erbe! Ihr wollt einfach nicht mit dem Kind teilen, das die Mahārāni in sich trägt!“

„Es ist eine Frage der Ehre!“

„Was ist denn ehrenhaft daran, in einem Käfig eingesperrt auf einen grausamen Tod zu warten?“ Der Resident beugte sich über den Tisch. „Und was heißt schon freiwillig, wenn man keine Wahl hat? Außerdem ist es gegen das Gesetz!“

Teja hatte sich auf seinem Stuhl zurück gelehnt und überheblich gelächelt. „Was ihr Briten denkt, ist mir eigentlich völlig egal! Es wird geschehen, was geschehen muss. Meine Stiefmutter wird brennen und ich werde Rajana. Ich stehe über euren lächerlichen Gesetzen.“

„Nun gut, ich werde Euch wegen der Thronbesteigung keine Steine in den Weg legen, aber lasst mich Eure Stiefmutter außer Landes bringen, damit sie irgendwo ein neues Leben beginnen kann“, hatte Sir Tobias angeboten. „Die Frau ist doch schwanger mit dem Kind Eures Vaters!“

„Ganz sicher nicht, Sir Tobias. Ganz sicher nicht! Ich werde das Weib selber zum Scheiterhaufen bringen, und sie wird sterben. Und ihr Bastard mit ihr.“

„Wie Ihr wollt, Tejas!“ Sir Tobias hatte den Arbeitsraum innerlich vor Wut schäumend verlassen und war in die Garnison zurück gekehrt.

Dort hatte er Colonel Frank Berger, den Kommandant der britischen Truppen, zu sich gerufen.

„Mobilisieren Sie Ihre Truppen, Colonel. Nur britische Männer, wir werden eine Witwenverbrennung verhindern müssen. Mit guten Worten geht das nicht mehr!“

„Sir, ja, Sir!“, bestätigte Berger. „Wann, Sir?“

„Übermorgen, Colonel. Ich werde das Verbot dieser Unsitte, das ihre Majestät, Queen Victoria, ausgesprochen hat, nötigenfalls mit Waffengewalt durchsetzen!“

„Selbstverständlich, Resident. Ich bitte um Erlaubnis, die Royal Marines in Cannanore mobilisieren zu dürfen. Hier haben wir zum größten Teil Sepoys, Sir, mit Ausnahme der Offiziere. Und – nun, Resident, viele der Soldaten sind selbst Hindus und vielleicht nicht begeistert von diesem Auftrag. Wenn wir dort hin gehen und das Sati verhindern wollen, wäre mir wesentlich wohler, wenn alle Männer voll hinter uns stünden!“

„Genehmigt, Colonel! Sie haben völlig recht, fordern Sie die Marines an!“

147 Kilometer Westsüdwest von Mysore enterten am nächsten Morgen zwei Kompanien der dort stationierten Marineinfanteristen ihrer Majestät, Queen Victoria von Großbritannien, also etwa 400 Männer, einige mit Dampf betriebene Mannschaftstransporter, welche sich gemeinsam mit acht Tanks MKVIII/M auf den Weg in die Hauptstadt machten. Colonel Patrick Leefbatton vom 3rd East-India-Marinecorps hielt nichts von halben Sachen und hatte Major Tatum O’Keefe eine ganz respektable Streitmacht mitgegeben. Seiner Meinung nach war es besser, einen möglichen Widerstand gleich durch erdrückende Präsenz zu unterbinden, dann ersparte man sich den Einsatz seiner Waffen. Nun, manchmal vielleicht wirklich. Jedenfalls war die Straße vom Hafen Cannapore nach Mysore ziemlich gerade, nur durch die Berge mussten einige Kehren in Kauf genommen werden. So brauchten die Marines nur 112 Meilen, also 179 Kilometer zurücklegen. Mit Rast und Pinkelpausen ein Weg von etwas mehr als sechseinhalb Stunden. Nach dieser Zeit rückte das Corps, von den Bewohnern Mysores nicht besonders stark beachtet, in der Garnison knapp außerhalb der Stadtmauern ein und die Marines wurden für den nächsten Tag eingewiesen.

Der Scheiterhaufen für den Fürsten war sehr groß gewesen, und Tejas hatte seine Stiefmutter Janani wie angekündigt persönlich dort hingeführt. Die schmerzhaften Fesseln um ihre Handgelenke waren nicht zu sehen gewesen, man hatte ihr für diesen Zweck einen weiten Mantel überworfen. Auf dem Scheiterhaufen hatte der Thronfolger ein kleines Häuschen errichten lassen, in welches er seine Stiefmutter einzuschließen gedachte. Bald würde er der uneingeschränkte Herrscher, der Rajana von Mysore sein, ungefährdet von einem eventuellen Halbbruder. Tejas hatte herumgeschnüffelt und eines Tages das neue Testament seines Vaters gelesen, der ihn enterben und den Sohn seiner zweiten Frau als Nachfolger einsetzen wollte. Nun war Eile geboten gewesen, der Plan schon vorbereitet. Der Rajana Avan war schon alt gewesen, niemand hatte Verdacht geschöpft, als er starb, und Mathipram war ohnehin völlig geruchlos. Und dieser Resident – mit dem würde er schon noch fertig werden. Er hatte noch genügend von der Droge übrig, falls dieser Sir Tobias sich mit den vollendeten Tatsachen immer noch nicht abfinden wollte.

„Hinauf mit dir“, fauchte er Janani an, als diese vor dem Scheiterhaufen stehen geblieben war.

„Hast du keine Gnade für das Kind deines Vaters?“, flüsterte die junge Frau unter Tränen.

„Ich bezweifle aber, dass es das Kind meines Vaters ist. Also, vorwärts!“ Sein harter Griff ließ sie aufstöhnen, als er sie weiter vorwärts stieß und ein auf dem Holzstoß positionierter Havildar177 ihres Stiefsohnes zerrte sie am anderen Arm nach oben.

„HALT“, donnerte eine laute, befehlsgewohnte Stimme, und eine Kompanie Marineinfanteristen drängte mit aufgepflanzten Bajonett die versammelte Menge auseinander, die zweite Kompanie begleitete den Residenten durch die entstehende Gasse und umstellte den Scheiterhaufen.

„Ihr habt hier nichts zu suchen“, schrie Tejas aufgebracht. „Ihr entweiht die Totenfeier meines Vaters!“

Sir Tobias Grave baute sich vor ihm auf. „Tejas Wīāhamāsāwa, ich verhafte Sie wegen Freiheitsberaubung und zweifachen versuchten Mordes!“

„Ihr seid verrückt, Resident“, zischte Tejas. „Das ist mein Land!“

„Sie dort“, wies der Resident auf den Soldaten Tejas. „Lassen Sie die Mahārāni sofort los!“

„Bring sie ihn ihr letztes Quartier“, hatte Tejas widersprochen. „Hier bin ich Rajana.“ Der Mann hatte Janani weiter auf den Scheiterhaufen zerren wollen, Sir Tobias hatte seine Hand gehoben.

„Colonel Berger, wenn ich sie bitten darf, dem Gesetz unserer geliebten Monarchin Nachdruck zu verleihen!“ Berger nickte nur kurz, zog seinen Webley, schoss dem Havildar ohne weitere Umstände in den Kopf und sprang hinauf, um die fallende Janani aufzufangen und herunter zu tragen. Ein Stöhnen ging nach dem Schuss durch die Menge und wurde lauter, als der Resident ohne Tejas aus den Augen zu lassen nach Major O’Keefe rief. „Major, nehmen sie den Angeklagten in Gewahrsam.“

„Sir! Ja, Sir! Sergeant Mallory, Corporal Smythe, legen Sie dem Mann Fesseln an und halten sie ihn zur Verfügung des Gerichts.“

„Das könnt ihr nicht machen“, ertönten aus der Menge einige Stimmen. „Das ist…“

Lautes Rasseln übertönte alle Rufen, als die Marinepanzer auf den Platz fuhren und ihre Kanonen auf die Menschenmenge ausrichteten.

„Jeder bleibt an seinem Platz“, tönte die mit einem Schalltrichter verstärkte Stimme von Tatum O’Keefe über den großen Platz, und, wenn auch murrend, so fügte sich die Menge letzlich doch.

„Nun, old Boy, es wird wohl nichts daraus, Rajana zu werden“, richtete Sir Tobias das Wort an Tejas. „Aber du wirst sehr hoch sein und auf Mysore, die Hauptstadt deines Vaters hinabsehen können, wenn wir dich hängen. Ich verspreche es dir.“ Abrupt drehte er sich um und wies auf den Scheiterhaufen. „Anzünden!“ Als die Flammen empor loderten, nahm Sir Tobias einen großen Klumpen Weihrauch aus seiner Umhängetasche und warf ihn in das Feuer. „Farewell, alter Freund“, flüsterte er. „Ich werde auf dein Kind und deine Frau achtgeben!“

-●-

Seither war die Mahārāni in ihrem Palast nur noch von Mon aus Burma umgeben. Diese Burmesen mit der ausgeprägten asiatischen Lidfalte lehnten als Buddhisten das Sati prinzipiell ab und waren als verfolgte Minderheit in ihrer Heimat der Rāni Janani und dem Residenten überaus dankbar, im großzügigen Palastgelände und einem eigenen Bezirk der Hauptstadt wohnen zu dürfen. Auch die Palastwache und große Teile der Armee Mysores bestanden nun aus Angehörigen dieser in Kriegskünsten gut ausgebildeten asiatischen Minorität. Kein einziger Hindu lebte mehr im Palast der Mahārāni, und das Betreten war nur für Gruppen von maximal vier Personen mit Bewachung möglich. Denn die Hindus hielten immer noch am Sati fest, für sie war Janani ohne wenn und aber ehrlos geworden. Und hier waren die Briten noch weniger beliebt als in anderen Fürstentümern, wo die Residenten auch die britischen Gesetze durchsetzten. In der Bevölkerung ging nämlich das Gerücht um, ihr heute dreijähriger Sohn wäre nicht das Kind ihres Ehemannes, sondern von Sir Tobias gezeugt.

Dieses Gerücht hatte aller Wahrscheinlichkeit nach die Schwester des hingerichteten Tejas in die Welt setzten lassen, denn sie wäre nach dem Tod ihres Bruders gerne selbst Mahārāni geworden. Nur wenig jünger als die zweite Frau des verstorbenen Rajana fand sie, dass nach der Erbfolge sie selbst im großen Palast wohnen und auf dem Thron sitzen sollte. Der Sommerpalast in den Bergen war ihr zu klein und minder, zu wenig prachtvoll und ihr Einfluss auf die Regierung von Mysore zu gering. Also arbeitete sie im Untergrund am Sturz Jananis und ihres Sohnes Avan, den die Mahārāni nach ihrem verstorbenen Gatten genannt hatte. Hinter Dinesh stand, wie konnte es anders sein, der größte Teil der hinduistischen Bevölkerung und ein nicht geringer Teil der Sepoy-Armeen, selbst der britischen. Sogar die Muslime in Mysore waren gegen die derzeitige Fürstin eingestellt, denn sie war – eben eine Frau. Diesen Unmut unter der andersgläubigen Bevölkerung hatten die hinduistischen Parteigänger Dineshs sehr genau registriert, bei einem Umsturz konnten sie noch von gewissem Nutzen sein. Und danach? Nun, danach konnte sich die neue Rāni vertrauensvoll unter den Schutz der Briten stellen, welche ihr sicher gegen diese Aufrührer beistehen würden.

Ein offenes Vorgehen war ihr aber derzeit noch nicht möglich, denn Sir Toby hatte ein ganzes burmesisches Regiment nur für das Fürstentum Mysore angefordert und dafür das einheimische Sepoyregiment an andere Stellen verteilen lassen. Allein in der Hauptstadt war ein ganzes Bataillon Mon mit mehr als 1.500 Mann stationiert, und diese Menschen, Männer wie Frauen, verstanden sich aufs Kämpfen, selbst noch mit den bloßen Händen. Obwohl sie als Buddhisten eigentlich friedliche Leute waren, fanden sie nichts dabei, einen Angreifer außer Gefecht zu setzten, durchaus auch mit letalen Mitteln. Es war das Karma des Angreifers, sich selbst töten zu wollen, indem er einen Lethwei-Kämpfer angriff. Im Untergrund aber bereitete Dinesh schon alles für einen Umsturz im Land vor, sammelte Informationen, ließ Gerüchte wie das schon erwähnte über den Sohn der Mahārāni streuen und warb bereits eine Privatarmee an. Man konnte sagen, dass sowohl die Stadt als auch das Fürstentum Mysore einem Pulverfass mit extrem kurzer Lunte glichen. Wobei – vielleicht wäre der Vergleich mit einer Mine und einem Druckzünder in diesem Fall passender gewesen.

Sir Tobias war zwar Brite, aber weder hochnäsig noch blind. Er hatte bereits eine gewisse Erfahrung im Dienste ihrer Majestät vor Ort in Indien sammeln können, daher entging ihm die schlechte Stimmung im Fürstentum keineswegs. Er hatte sogar versucht, mit Dinesh zu sprechen und das Testament ihres Vaters in die Waagschale zu werfen. Die Schwester Tejas hatte den Residenten angemessen empfangen und saß ihm, umgeben von einer Schar Anstandsdamen, bei einer Schale Tee aus Assam gegenüber.

„Aber natürlich erkenne ich an, dass meine Stiefmutter jetzt das Fürstentum im Namen meines Neffen, also ihres Sohnes regiert, Resident“, lächelte die junge, hübsche Frau, und der Resident wäre beinahe von ihrer Ehrlichkeit überzeugt gewesen. Beinahe, denn er kannte sie schon, als ihr Vater noch Rajana gewesen war, und Dinesh hatte Männer schon immer recht gut zu manipulieren gewusst. „Es gefällt mir nicht sehr, aber wenn der hiesige Vertreter der großen Sāmrājñi178 in London sagt, dass sie es ist, dann muss ich mich fügen. Wie geht es meiner Stiefmutter denn, so ganz allein unter Burmesen?“

„Sie lebt, und Avan auch!“

„Ach wie nett!“ klatschte Dinesh in die Hände. „Sie hat ihn nach meinem Vater benannt. Wohl, weil er damit leichter auf den Thron kommt?“

„Sie hat ihn nach seinem Vater benannt, Rānī.“

„Ach, hat sie das?“ Die linke Braue der Fürstin hob sich. „Nun, wenn Ihr das sagt, Resident!“

„Ihr glaubt es nicht, Rānī Dinesh?“

„Warum sollte ich daran zweifeln, Resident“, wunderte sich Dinesh hintergründig lächelnd. „Aber Ihr habt Euren Tee doch noch gar nicht berührt, er muss doch bereits kalt sein. Ich lasse Euch eine neue Schale bringen. Amba, bring Sir Tobias doch noch eine Schale Tee!“

„Das wird nicht nötig sein, Rānī“, lehnte Grave ab.

„Oh, ich versichere Euch, der Tee enthält keine Substanzen außer denen der Teepflanze und ein wenig Kardamon, um den Geschmack besser hervor zu heben“, versprach Dinesh mit funkelnden Augen. „Aber vielleicht ist Euch Kaffee lieber? Ihr solltet wissen, ich bin nicht so dumm, den Residenten vergiften zu wollen, Sir Tobias. Ich bin sicher, Ihr habt für den Fall Eures überraschenden Ablebens meine Person betreffend Eure Anweisungen hinterlassen. Es ist doch amüsant. Sollte meine Stiefmutter mir Schaden wollen, müsste sie nur Euch ein wenig Gift in Eure Mahlzeit streuen lassen. Ihre Diener sind ihr doch treu ergeben, oder etwa nicht?“

„Selbstverständlich sind sie das, Rānī Dinesh!“, bestätigte der Resident.

„Aber vielleicht England noch ein wenig mehr?“ fragte Dinesh immer noch lächelnd.

„Warum sollte es hier eine Diskrepanz in der Loyalität geben?“ Nun war es an Tobias, sich erstaunt zu geben.

„Ach, natürlich nicht“, bemerkte Dinesh. „Janani ist doch Mahārāni nach Englands Willen. Was natürlich nichts Schlechtes sein muss!“

„Dann wollt Ihr also Eure Aktivitäten gegen Eure Stiefmutter nicht einstellen?“

„Ich kann nichts einstellen, wenn ich doch gar nichts mache“, betonte Dinesh kopfschüttelnd. „Ich muss doch nicht unbedingt eine Revolte anzetteln, nur weil mir eine Situation nicht gefällt!“

„Nun gut!“ Tobias erhob sich. „Ich habe es versucht.“

„War das jetzt vielleicht so etwas wie eine Drohung, Resident?“, runzelte Dinesh die Stirn.

„Nur eine Warnung, falls Ihr doch hinter den Unruhen stecken solltet“, antwortete der Brite kalt, seine Verneigung war nicht viel mehr als ein kurzes Nicken. „Ich verabschiede mich, Rānī.“

Die junge Fürstin behielt ihr Lächeln bei, bis der Resident das Zimmer verlassen hatte, dann ballte sie mit vor Wut verzerrtem Gesicht die Hände zu Fäusten.

„Verdammter, präpotenter, britischer Snob!“, zischte sie böse und schlug auf den Tisch. „Ich werde dich kolaku Bittu179 genau so vernichten wie Janani.“

„Ihr habt gut reagiert, Mahārāni“, bemerkte Ram Kolmanarinda, in ihr Zimmer tretend. Er trug bereits den Titel eines Cornel180, obgleich ihm dieser Rang als Inder nach britischer Ansicht und Recht gar nicht zustand. Aber – als Aufständischer kümmerte er sich nicht um derartige Kleinigkeiten. „Ihr wart sehr überzeugend!“

„Ach was, hast du nicht gehört, wie er mir am Ende gedroht hat?“, fragte sie ihn mit einer weit ausholenden Handbewegung, mit welcher sie der Dienerin eine der zierlichen Teeschale aus der Hand schlug, welche zu Boden fiel und zerbrach. „Gib doch acht, du dummes, schwarzes Stück!“, herrschte Amba die Shudra181 an und ohrfeigte die Dienerin wütend. Ihre Ringe schnitten tief in das Gesicht der Bedauernswerten, die sich rasch zu Boden warf und um Verzeihung bettelte. „Ich sollte dich in ein Bordell schicken, damit du den Preis abarbeiten kannst, den ich für dich bezahlt habe“, tobte Amba weiter und trat einige Male fest zu. „Die Tasse könntest du ohnehin nie abarbeiten! Ein Splitter davon hat mehr Wert wie du jemals haben könntest!“

=○=

Ausgerechnet jetzt kam die Anforderung aus Kalkutta nach Mysore, ein halbes Regiment, genauer gesagt zwei Bataillone Sepoy und drei Bataillone Mon, für den Dienst im Norden abzustellen, damit die dortigen Soldaten an der Grenze zu Afghanistan ihren Dienst antreten konnten. Es kam Sir Tobias nicht eben gelegen, die Lage war derzeit prekär. Eigentlich sogar noch mehr als sonst, es kursierten Gerüchte, welche das Scout Service als sehr bedenklich einstufte. Angeblich bereiteten die Briten die Schändung eines muslimischen Heiligtums vor, welches oder wie es geschehen sollte, war noch ungewiss. Aber dem Befehl aus Kalkutta nicht nachzukommen wäre unmöglich gewesen, also gab Sir Tobias Colonel Jonathan Hind vom ersten Mysore-Regiment den Auftrag, drei seiner Sepoy-Bataillone gegen drei mit Burmesen auszuwechseln und den Marsch nach Peschawar anzutreten. Die verbleibenden Mon-Bataillone unterstellte er Colonel Frank Berger, dem Kommandanten der Garnison, direkt. Vielleicht war es ein Fehler, nur zwei Bataillone Hindu-Sepoys, aber drei von Mon nach Norden zu entsenden, aber viel Unterschied hätte es wohl nicht gemacht, hätte Sir Tobias 5 Sepoy-Einheiten entsandt und dafür die 3 Mon-Bataillone in Mysore behalten. Oder vielleicht doch?

Etwas abseits der Hauptstadt stand die Tempelruine von Hadragore. In der Liste der berühmtesten Bauwerke Indiens war sie mit keinem Wort erwähnt, und als Pilgerstätte war sie nirgendwo aufgeführt. Es war nicht einmal mehr bekannt, welchem Gott sie eigentlich irgendwann geweiht gewesen war. Doktor Gregory Irving und der Earl von Stampford waren sich einig, dass es sich hier ziemlich sicher um ein abrahamitisches, genauer um ein mosaisches Gebetshaus handeln musste, denn überall waren Symbole der Hebräer aus der Thora und der Kabbala zu finden. Der Earl reichte dem Archäologen ein dickes Bündel Geldscheine und stellte mehr in Aussicht, falls irgendwelche interessanten Artefakte zu Tage gefördert werden konnten. Also entriss Doc Irving seit vier Jahren die Ruine dem Dschungel. Hassan Mandragawada, der den Briten vor Ort unterstützte, hatte seit kurzem eine eigene Theorie zu diesem Bauwerk. Für ihn war ein Grabstein, welcher im Tempel gefunden wurde, der über dem Grab des Propheten Isa ben Marjam. Jener Isa, der seine Kreuzigung in Jerusalem offenbar überlebt hatte, den Römern entkommen war und hier in Indien noch einige Jahre gelebt hatte. Für ihn waren die Schriftzeichen eindeutig, denn einer der muslimischen Schriftkundigen hier in Mysore hatte ihm einmal die Zeichen des jüdischen Volkes auf ein Papier gezeichnet, es war nicht zu bestreiten, obwohl der Sahib etwas anderes las. Er erzählte in der mosaischen Gemeinde über diesen Fund, und seine Theorie wurde bald von vielen Muslimen in der Umgebung geglaubt. Damit wurde auch die Ausgrabung immer mehr als Sakrileg gegen den Islam empfunden, und natürlich empfanden die Muslime unter den Sepoy das auch so.

Der Wagen, mit dem Doktor Irving zum Tempel unterwegs war, musste plötzlich stehen bleiben. Erstaunt hob er den Blick von seinen Papieren, denn das war noch nie in den vier Jahren geschehen.

„Warum halten wir, John?“, fragte er indigniert seinen Fahrer. „Wir können doch noch nicht da sein!“

„Eine Menschenmenge blockiert den Weg, Herr Doktor“, stellte John Landing fest. „Und sie machen keine freundlichen Gesichter.“

Nun doch besorgt musterte Irving die brodelnde Menge. „Zum Teufel noch eins, was wollen die bloß?“ Er beschloss, den Wagen zu verlassen und der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Als er sich der Menge näherte, sah er jemand auf sich deuten.

„Da ist er!“, schrie der Mann auf Kannada, das Gregory ein wenig verstand. „Grabschänder“ und „Frevler“ waren noch das Harmloseste, das ihm an den Kopf geworfen wurde, Lehm und Kot folgten, und noch ehe er ein Wort sagen und in den Wagen zurück kehren konnte, ein Stein. Der Wissenschaftler brach zusammen, und auch das Fahrzeug mit John Landing war plötzlich eine Zielscheibe. Der beschloss, dass es viel wichtiger war, den Residenten und die Zitadelle zu benachrichtigen, als hier den Helden zu spielen und unnötig sein Leben zu riskieren. Er legte den Rückwärtsgang ein, und so schnell es ging verschwand er in Richtung Mysore.

Die Stadt Mysore war zu jener Zeit eine vielfältig unterteilte Festung. Da war einmal der Palast auf einem Hügel am Stadtrand, eine Trutzburg aus der Zeit der Mogulkaiser. Und diese hatten sich auf sowohl prunkvolle als auch wehrhafte Bauten verstanden. Gleich daneben war die Garnison der Mon-Truppen, welchen dort auch ein Stadtteil zugewiesen worden war, und das englische Viertel. All das in unmittelbarer Nachbarschaft der Burg, umgeben mit einer weiteren Festungsmauer, welche ebenfalls noch von den muslimischen Herrschern über Indien stammte und das damals noch weit kleinere Mysore schützte. Die Briten hatten nur noch einige Bastionen für ihre Artillerie dazu gebaut und ihre Garnison, welche noch drei Jahre vorher am Stadtrand lag, in das englische Viertel verlegt. Wie schon erwähnt, war der Resident nicht blind, und die Ablehnung durch die Einheimischen war ihm durchaus nicht entgangen. Als ihn die Nachricht von den Übergriffen auf den Archäologen erreichte, gab er sofort Generalalarm. Eine über die Stadt verteilte Phalanx von Dampfsirenen gab das schon lange vorher bekannt gegebene Zeichen, alle Engländer und Mon hatten sich ohne Verzögerung in der inneren Festung einzufinden, und bewaffnete Streifen warfen alle Inder aus dieser Zone. Das sorgte natürlich für weiteren Aufruhr, doch als die Mörder Gregory Irvings Mysore erreichten, waren die meisten in der Stadt unterwegs gewesenen Nichtinder bereits hinter den Mauern der Zitadelle in Sicherheit. Einige wenige Nachzügler hasteten noch über den Platz und zwängten sich an den Wachposten vorbei, als auch schon die aufgeputschte Menge den unbebauten Schutzgürtel um die Festungsanlage erreichte und lauthals den Abzug der Briten und die Absetzung der Mahārāni forderten, während sie Steine und Schmutz nach den inneren Stadtmauern warfen.

Die Mon warteten nur auf die Erlaubnis, dann nahmen sie die Aufrührer unter gezieltes Feuer, zuerst noch auf die Beine. Eine letzte, gut gemeinte Warnung, welche jedoch von den Angreifern in den Wind geschlagen wurde. Vereinzelt tauchten nun auch mit Gewehren bewaffnete Männer auf und feuerten auf die Festung, und hier hielten sich die Verteidiger nicht mehr zurück. Wenn jemand unbedingt Selbstmord begehen wollte, nun ja, dann waren die Mon selbstverständlich jederzeit bereit, ihm dabei zu helfen. Aber immer mehr bewaffnete Aufrührer strömten auf den Platz vor dem Haupttor, und auch an anderen Stellen griffen bewaffnete, gut organisierte Truppen die Zitadelle überraschend bald nach dem Überfall auf Doktor Irving an. Dinesh und ihre Berater hatten gute Arbeit geleistet, nur einiges hatten sie nicht bedacht. So etwa den seit langem bereit liegenden Notfallplan, mit dem die Zivilisten schnell in die Festung zurück gerufen werden konnten. Allmählich war die unbewaffnete Menge zur Seite gewichen und hatte sich auf das Brüllen von Parolen beschränkt, während die Anzahl der Bewaffneten ständig stieg und die Soldaten auf der Brüstung mit einem wahren Feuerhagel überschütteten. Von irgendwo her wurden Leitern auf den Platz geschleppt, und nun hob der Resident seine linke Hand und senkte den Daumen.

Die Geschütze an der inneren Wehranlage waren ausschließlich für den Stadtkampf gedacht. Hier lagen nur wenige Panzerabwehrgranaten bereit, aber eine größere Anzahl der modernen Äquivalente zu den Kartätschen der Vergangenheit, nämlich Schrapnell- und Sprengbrandgraten, welche für die euphemistisch so genannten ‚weichen Ziele‘ gedacht waren. Weiche Ziele, das war alles, das aus Haut, Muskeln, Organen und einer Menge Blut und anderen Flüssigkeiten bestand. Kurz und gut, Tiere und Menschen. Eine Salve aus den Geschützen der inneren Wallanlage reichte, um diesen Ansturm auf das Haupttor vorderhand zu unterbrechen. Danach erfüllte nur noch das schmerzerfülle Geschrei der Verwundeten den Platz, der Gestank nach verbranntem Pulver wurde vom Wind davongetragen. Von einer anderen Stelle ertönte noch einige Sekunden das typische Tackern eines halben Dutzends Maxim-Gewehre, dort waren die Angreifer wohl noch fanatischer und unnachgiebiger. Dann verstummten auch diese Geräusche, und die Belagerten warteten ab. Vorsichtig wagten sich nach einiger Zeit unbewaffnete Männer aus den Gassen, in den Händen weiße Tücher schwenkend.

„Holt euch eure Verwundeten“, rief Colonel Berger über seine Flüstertüte, und so herrschte bald eine gespenstische Stille um die Festung.

Auf den äußeren Wallanlagen Mysores standen auf Ravelinen und Bastionen natürlich schwere, halbwegs moderne Mörser und Haubitzen zur Abwehr von angreifenden Truppen. Diese Kanonen waren von Sepoy-Einheiten bemannt und befanden sich demnach nun in der Hand der Aufständischen.

„Rasch, dreht das Geschütz, ihr Schlafmützen“, trieb ein muslimischer Havildar seinen Trupp Artilleristen an. „Nehmt endlich die Burg unter Feuer!“ Klackend stieß der Zapfen der Oberlafette an eine Sperrung, es war unmöglich, mit den Kanonen der äußeren Verteidigung die Burg oder die innere Anlage zu beschießen. Und die Unterlafette hätte man zwar mit einem Fahrwerk ausstatten können – wenn man die Bolzen, mit denen sie am Boden fixiert war, lösen könnte, und solche Konstruktionen zur Verfügung gestanden hätten. Aber die Bolzen der Lafetten zu lösen war ohne das richtige Werkzeug nicht so einfach, und die Fahrgestelle in der Zitadelle gelagert. Trotzdem machten sich einige Schmiede sofort an die Arbeit.

=○=

Cannanore war eine der ältesten Hafenstädte Indiens und befand sich seit 1790 in britischer Hand. Das bereits von den Portugiesen gebaute Fort San Angelo war heute noch der Sitz des Naval Command für das arabische Meer. Leider war der größte Teil der Flotte mitsamt den Marines gerade unterwegs, um die Besatzung der Hafenstadt Rangoon in Birma zu unterstützen. Trotzdem war die Basis der Marine im Fort San Angelo verständlicherweise nicht unbesetzt geblieben. Einer der Männer war Able Seaman Kenneth Warring, geboren 1867 in einem kleinen Nest in Gloucester am Meer. Sein Vater war Fischer und furchtbar stolz auf seinen Jungen, welcher beschlossen hatte, Königin und Vaterland zu dienen. Seine gute Merkfähigkeit in Kombination mit den guten Augen und geschickten Finger hatten ihn für einen Fernmeldekurs qualifiziert, den er auch mit Bravour bestand. Danach war er ein Jahr Signalmaat auf der HMS HERCULES gewesen, einem der schweren Schlachtschiffe der Navy und das Flaggschiff von Admiral Sir James Liveerth, 7th Viscount of Oxbridge und versah nun in Indien turnusgemäß seinen Dienst an Land. Der Able Seaman war ein eher ruhiger Charakter, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte, an diesem Tag im Juni 1889 sprang er jedoch überraschend von seinem Sessel auf, nachdem er einige Male hektisch die Morsetaste bedient hatte.

„Lieutenant, Meldung“, rief, nein brüllte er erschrocken zu dem an diesem Zeitpunkt diensthabenden Offizier hinüber. „Der Kontakt zu Mysore ist abgebrochen, als sie eben einen Code ‚R‘ meldeten. Lieutenant Marcus Convay teilte offensichtlich den Schreck und wurde bleich.

„Code ‚R‘? Revolte der Sepoys?“ Seine linke Hand hatte bereits den Hörer des Telephons in der Hand, während er mit der rechten die Kurbel drehte. „Colonel, Code ‚R‘ in Mysore!“ meldete er weiter.

Der derzeitige Kommandant der in Cannanore, Colonel Patrick Leefbatton, hatte seinen Rang nicht erhalten, weil er lange zögerte. Er löste zuerst einmal Alarm aus, denn wenn in Mysore ein Aufstand tobte, konnte dieser leicht auf den nicht allzu weit entfernten Hafen übergreifen, zum zweiten verständigte er Captain Louis Spangard und First Lieutenant Lester Molby, beide vom Royal Air Service. Das Air Service hatte in Cannanore drei Ornithopter für Aufklärungseinsätze stationiert, und Leefbatton machte gerne von dieser Möglichkeit gebrauch und entsandte die Offiziere mit ihrem Fluggerät zur Hauptstadt Mysore. Zum Lage peilen.

Die kleinen, unbewaffneten Zweisitzer-Ornithopter von Boulton and Watt hatten sich als Späher im gesamten Empire bewährt. Mit ihrer Spannweite von 30 Fuß182 waren sie hervorragende Segler und konnten Stundenlang in der Thermik kreisen und ihre Beobachtungen mit einer Signallampe an die Flugbeobachter am Boden weitergeben. Das Fliegercorps des Air Service war ein eigenwilliger Haufen, ein exklusiver Verein, in den man sich nicht einkaufen konnte. Es gab zwar adelige Piloten, aber diesen wurde in dieser Truppe nicht das geringste geschenkt. Da oben ließ sich die Thermik nicht von einem Earl oder Duke beeindrucken, wenn man einen Fehler machte, landete man unsanft auf der Nase und hatte viel Glück, wenn man die Absturzstelle auf den eigenen Beinen verlassen konnte. Man lernte dort oben gleichermaßen Stolz und Demut, der endlose Blick gab ein ganz anderes Weltbild. Und daher ließen sich auch die Piloten des Air Service nicht von Sternen auf der Schulter oder Buchstaben vor dem Namen beeindrucken.

Captain Louis Spangard und First Lieutenant Lester Molby waren solche typischen Piloten. Klein und drahtig von Statur, denn die Kanzel eines Ornithopter war nicht eben geräumig, aber jeder mit einem Ego versehen, das durchaus für zwei Leute gereicht hätte. Spangard startete bereits den Heizkessel, während Molby noch einmal um die Maschine herum ging und mit der Hand jede der Federn entlangstrich.

„Alles in Ordnung“, meldete er dem Captain, während er in das offene Cockpit turnte und sich anschnallte.

„Hervorragend“, gab Spangard zurück und leitete die Vorspann-Sequenz der Beine ein. Der Rumpf senkte sich, die Flügel hoben sich weit, die Maschine wirkte, als erwache sie zu einem magischen Leben.

„Und – GO!“, rief Louis und löste den Startvorgang aus. Die hydraulischen Kolben warfen den künstlichen Vogel seinem Element entgegen, die Flügel begannen zu schlagen und trugen die beiden Männer höher und höher in das blaue Firmament.

Für die einhundert Meilen nach Mysore benötigte ein moderner Ornithopter keine zwei Stunden, trotzdem wurden die Flieger nur noch Zeugen, wie die Inder rings um die innere Festung ihre Verwundeten bargen.

„Hier ist es ja kräftig zur Sache gegangen“, stellte Louis Spangard fest. „Und scheinbar dauert die Belagerung an!“

„In der Tat“, bekräftigte Lester und strich sich über den Schnauzbart. Dann holte er ein Klemmbrett und einen Stift hervor und begann in der 1868 von James Hill kreierten Teeline-Kürzeln, der Standard-Kurzschrift der Armee, die vom Turm des Palastes geblinkte Botschaft mitzuschreiben.

Das Netz von britischen Telegraphenstationen war in Ägypten bislang kaum vorhanden, doch in Indien bereits hervorragend ausgebaut. Es dauerte daher nur noch wenige Sunden, bis auch der Generalgouverneur in Kalkutta über das Problem im Mysore Bescheid wusste. Die Nachricht erreichte Lord Charles Wording, 1st Duke of Bānglā183 eben in einer Besprechung mit seinem Stab, bei welcher es um eine andere Hiobsbotschaft ging.

„Meine Herren, jetzt gibt es in Mysore ebenfalls einen Aufstand. Da auf Befehl des Premierministers Sir Robert Gascoyne-Cecil die Ghurkas und Sepoys zum größten Teil in den Punjab an die Grenze zu Afghanistan verlegt wurden, fehlen uns hier die Truppen an allen Ecken und Enden. Noch nicht einmal die drei versprochenen Infanterieregimenter und das leichte Dragonerregiment sind eingetroffen. Unser Marine-Regiment aus Cannanore muss sich mit diesen Berg-Hehongdingsbums bei Rangoon herumschlagen, weil es an regulären Truppen fehlt und die Navy-Einheiten aus Chittagong ausgerechnet jetzt nachsehen müssen, ob in der Gegend von Germania Australia nicht doch noch ein Stück Land unbeansprucht ist. Unsere Boys aus Cannanore machen ihre Sache hervorragend, wenn man bedenkt, dass sie eher für schnelle Vorstöße als für eine Verteidigung einer Stadt ausgebildet sind, aber mir fehlen sie jetzt als Eingreiftruppe gegen die Aufrührer in Mysore. Nun, zumindest sind alle Briten und ihre Frauen in Sicherheit, mit Ausnahme eines Doktor Irving. Gregory Irving. Er war gerade Unterwegs zu seiner Ausgrabung. Die Muslims der Gegend behaupten, er würde dort mit seinen Ausgrabungen das Grab Isas – also Jesus – schänden! Verdammt, so ein Unfu… Ja, was ist denn!“ wandte er sich ungehalten an den Lieutenant, der in der Tür stand und zackig salutierte. Lord Charles mochte es überhaupt nicht, unterbrochen zu werden. Mit einer unwirschen Bewegung riss er die Depesche, welcher der Lieutenant ihm entgegen hielt, an sich und las es. Er erbleichte während des Lesens und sank auf seinen Stuhl.

„Gentlemen, jetzt ist die Kacke endgültig auf den Ventilator getroffen. Nicht nur in Mysore gibt es eine Rebellion, auch in Krishnagiri hat die Bevölkerung revoltiert, als der Henker einige verurteilte Verbrecher aufknüpfen sollte. Sepoy, die zuerst die Frau des Residenten bestohlen und auf der Flucht ihrem Sergeanten aufgelauert und ermordet hatten. Eine Racheaktion. Die Stadt ist in der Hand der Aufständischen, den Raja und den Resident hat man brutal abgeschlachtet, einzig in der Zitadelle halten sich noch ein paar Offiziere und loyale Sepoy. Etwa die Hälfte der britischen Frauen hat sich dorthin retten können, die andere Hälfte, unter ihnen die Gattin des Residenten befindet sich in der Hand der Aufständischen und dient als Geiseln. Major Wonder als ranghöchster Offizier fragt, was er tun soll!“

Lieutenant General Darby sprang auf. „Natürlich hat er mit allen Mitteln standzuhalten“, rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Da gibt es doch gar keine andere Möglichkeit!“

„Und soll der Major etwa zusehen, wie die Frauen in den Händen der Aufständischen vergewaltigt, gefoltert und getötet werden?“, fragte Brigadier Halberlight ebenso aufgebracht nach und sog kräftig an seiner Zigarre.

„Wenn nötig, ja“, bemerkte Brigadier Mountpain ruhig. „Selbst wenn er sich ergibt und alle Personen den Rebellen ausliefert, ändert das nichts an der Situation der bereits Gefangenen. Aber alle, die sich ergeben, teilen deren Schicksal!“

„Woher wollen Sie denn das wissen?“, fragte Halberlight lautstark, mit der Zigarre auf seinen Kameraden weisend.

„Weil wir ihnen eine solche Vorgangsweise gezeigt haben“, beschied Mountpain, immer noch eiskalt bleibend. „Und weil es im ersten Sepoyaufstand genau so war! Es wäre besser, der Major lässt alle Frauen erschießen, dann seine Soldaten und am Schluss jagt er sich selber eine Kugel in den Kopf. Das letztendliche Ergebnis bleibt das Gleiche, aber ohne die vorherige Folter.“

Halberlight hielt es nicht mehr auf seinem Platz. Der Mittfünfziger sprang auf und tigerte herum. „Es ist doch unmenschlich, wenn man zusehen muss, wie…“

„Nun, die Inder mussten auch zusehen, wie unsere Männer…“

„Das reicht, Mountpain!“, rief der Generalgouverneur den Brigadier schneidend zur Ordnung. „Wir wissen, dass Sie gefühlslos und kalt sind. Das macht Sie zu einem guten Offizier, aber…“ Charles Wording winkte beredt ab.

„Aber zu einer ungeliebten Stimme der Vernunft“, zuckte Mountpain mit den Schultern. „So bin ich nun einmal, Sir. Und Sie wissen auch, dass ich recht habe!“

„Zum Teufel noch eins, ja.“ Der Duke schlug mit der Hand auf den Tisch, dann wandte er sich wieder an den wartenden Lieutenant. „Geben Sie Major Wonder den Befehl zum Durchhalten um jeden Preis durch. Auch wenn er die Geiseln opfern muss. Verdammt, ich wollte, ich könnte ihm besseres übersenden!“

Major General Lee MacDonovan, ein wortkarger Schotte hatte einige Zahlen auf ein Blatt Papier geschrieben, jetzt hob er den Kopf. „Das können Sie vielleicht, Sir! Drahten Sie nach Singapur und Hongkong. Von Singapur nach Madras sind es etwa 1.600 Seemeilen, in drei, vier Tagen kann eine Einheit Marines dort an Land gehen, von dort geht es dann allerdings fünf Tage durch ganz böses Gelände. Nun, die fünf Tage gelten für eine Karawane, vielleicht schaffen es die Mk VIII/M und die Kavallerie mit ihrem Kettenantrieb ja schneller. Die Infanteristen – müssen dann eben nachkommen. Von Hongkong bis Cannanore braucht eine Flotte sieben Tage, und dann ist es nur noch eine Frage von einigen Stunden, dank der gut ausgebauten Straßen!“

„Dann lassen wir Singapur und Hongkong ohne Bedeckung?“, fragte der Generalgouverneur ohne große Begeisterung.

„Nun – die starken Schiffe können und müssen selbstverständlich vor Ort bleiben“, erklärte MacDonovan. „Die britische Enklave von Shanghai liegt am Jangtse und ist eigentlich nur von dort angreifbar, von Land müsste ein Angreifer erst durch die deutsche oder niederländische Enklave – und beide würden keine bewaffnete Macht auf ihrem Territorium dulden. Auf gar keinen Fall, auch wenn diese nur durchmarschieren wollten. Hongkong ist durch seine Insellage durch rein maritime Einheiten leicht vor Angriffen zu schützen. Wenn also die Navy vor Ort bleibt, sind unsere Besitzungen halbwegs sicher, und wir benötigen hier ohnehin nur die Marines.“

„Na schön. Lieutenant, Sie haben es gehört. Wonder soll durchhalten, Singapur soll Krishnagiri und Hongkong Mysore befreien. Und dann jagen sie einige Telegramme in den Punjab. Ich brauche hier in Indien wieder einige Regimenter!“

„Die würden jetzt vielleicht auch noch gegen uns sein, Sir“, war Mountpain ein. „Wir benötigen mehr Briten. Meinetwegen auch Kolonisten aus British-America oder British-Africa.“

„Das wäre in der Tat wünschenswert, Mountpain“, musste der Gouverneur zugeben. „Aber dann jammern die Lords im Oberhaus wieder über die Kosten.“

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Das erste China-Regiment des Royal Marine Corps, ‚The Shanghai Devils‘ unter Colonel Justin Bent war innerhalb von weniger als vier Stunden nach dem Eintreffen des Telegramms zum Ablegen bereit. Es machte sich bezahlt, dass das schwere Gerät stets auf den Truppentransportern gelagert wurde, wenn nicht gerade damit Übungen abgehalten wurden. Für die 16 Kompanien standen ebenso viele Truppentransporter zur Verfügung, die 64 Landungsboote begleiteten vorderhand noch unbeladen die Transporter. Sie waren nicht geeignet für einen Truppentransport über offene See, selbst die härtesten Soldaten wären in keinem brauchbaren Zustand vor Ort angekommen. Das Einschiffen ging zügig voran, die Transportschiffe der QUEEN ANNE Klasse lagen mit der Heckklappe zum Pier. Noch am Abend des Tages, an welchem die Revolte in Krishnagiri und Mysore stattgefunden hatte, fuhren die Schiffe von Singapur mit 21 Knoten184 nach Nordwesten durch die Straße von Malakka, um dort scharf nach Westen abzubiegen. Und wie von MacDonovan berechnet, benötigten sie etwas mehr als drei Tage bis Madras. Begleitet wurden sie von einer Kompanie der Roayl Artillery, 16 mobile Haubitzen mit dampfbetriebenen Kettentrucks des Typs Weasel als Zugmaschine und Mannschaftstransporter.

Die große Hafenstadt Madras war gleichzeitig die Hauptstadt eines der indischen Fürstentümer, und ihr Maharaja stand treu zu den Briten. Eine kurze Unruhe unter den Sepoys, als die Nachricht von der geplanten Hinrichtung und dem darauf folgenden Aufstand in Madras eintraf, war von den regierungstreuen Soldaten des Fürsten rasch niedergeschlagen worden. Das Ausschiffen der Entsatztruppen für Krishnagiri ging also rasch und ohne Probleme über die Bühne, die Landungsboote wurden dieses Mal nicht benötigt. Die 64 Mk VIII/M des gepanzerten Bataillons rasselten über die Landebrücken, die 165 Trikes der Kavallerie-Eskadron folgten auf dem Fuß. Es waren 2-Mann-Fahrzeuge, vorne saß der Fahrer vor den 71 Zoll185 durchmessenden Rädern, drei schräg montierte Panzerplatten, die ungefähr bis zu seiner Schulterhöhe reichten, schützten seinen Körper vor feindlichem Feuer. Hinter ihm, zwischen den Antriebsrädern, war der Sattel des MG-Schützen. Das Maxim Kaliber .50 x 4186 war mit dem Sattel des Schützen so montiert, dass es 360 Grad schwenkbar war und verfeuerte 90 Schuss mit beachtlicher Durchschlagskraft in der Minute. Theoretisch zumindest, üblicherweise feuerte der Schütze in kurzen Feuerstößen von etwa 4 Sekunden, das reichte oft schon aus. Die Infanteristen saßen in ihren Lizards, ungepanzerte Vollkettenfahrzeuge zum Transport einer halben Kompanie, und derzeit machte die Artillerie noch den Abschluss der Kolonne. Das würde sich ändern, sobald sie in Reichweite der Stadt Krishnagiri kamen.

Die taktisch günstige Lage der Stadt am Fuße eines Berges hatte die alte tamilische Festung bereits zwei Mal vor einer Eroberung gerettet, doch hatte dieses Mal die Artillerie der Entsatztruppen einen kleinen, aber ausschlaggebenden Reichweitenvorteil gegenüber den von den Briten bewusst in der Stärke begrenzten Geschützen Krishnagiris. Die Marines machten im wahrsten Sinne des Wortes Dampf und legten den Weg, für welchen die Karawanen fünf oder sechs Tage benötigten, in etwas mehr als vier zurück. Nur sieben Tage nach der Rebellion erreichte die Kolonne das Umland von Krishnagiri, eine von Hügeln umgebene Hochfläche, auf denen befestigte tamilische Forts standen. Natürlich mit Kanonen bewehrt, den alten, aber guten 4,5 Zoll187 Feldgeschützen von Vickers, mit einer Reichweite von etwa 1.300 Yard188 in ebenem Schuss. Die Kanonen der Mk VIII/M im Kaliber 3,5189 Zoll wiesen zwar eine ähnliche Reichweite auf, aber zum Leidwesen der Briten hatten höher auf einem Berg stationierte Kanonen immer einen Reichweitenvorteil gegenüber den im Tal stehenden. Außer im Tal stand eine 6 Zoll190 Haubitze von Armstrong & Sons. Im Winkelbereich von etwa 45 Grad schleuderte sie eine mit Sprengstoff gefüllte Granate 1.600 Yard191 weit und egalisierte so den Vorteil der höheren Lage.

First Lieutenant Stanley Halloran, der Kommandant des ersten Zuges der dritten Kompanie des Artilleriebataillons Singapore Bombardiers, sprang als erster aus der Zugmaschine.

„Absitzen!“, kommandierte er laut, dann studierte er kurz die Karte in seiner Hand.

„Dort drüben, Sir“, wies ihn Marine Sergeant Carl Green, der Bordschütze eines Trikes, auf einen bestimmten Punkt. „Alles ausgemessen.“

„Gut gemacht, Sarge!“, bedankte sich der Lieutenant, die Kavalleristen salutierten und fuhren davon.

„Geschützführer übernehmen, abprotzen“, befahl Halloran und schritt zur voraussichtlichen Stellung. Die schnelleren Kavalleristen hatten bereits Markierungen in den Waldboden gescharrt, und durch das Laubdach des Waldes erkannte er das ihm zugewiesene Ziel. Die Park țes Ațlars, die Burg des Adlers. Je sechs Artilleristen stellten die Bedienung für ein Geschütz, und jetzt rollten die 24 Männer ihre Kanonen im Mannschaftszug zu den Stellungen. Keine einfache Arbeit, auch wenn die Lafette über ein drittes Rad verfügte, welches dann in Feuerbereitschaft weggekurbelt wurde. Automatisch blickte Halloran auf seine genaue Taschenuhr. Er konnte mit der Leistung seiner Männer durchaus zufrieden sein, die Kanonen des ersten Zuges würden pünktlich stehen. Und sie standen. Pünktlich um vier Uhr Nachmittag begannen alle 16 Kanonen mit dem Beschuss der äußeren Forts. Pünktlich alle 30 Sekunden verließ eine Explosivgranate das Rohr eines Geschützes und traf nur Augenblicke später den Wall einer der drei Festungen. Während das Bombardement der Forts begonnen hatte, pirschten sich die Infanteristen Truppweise zu Fuß an den Bergkastellen vorbei und unterbanden jede Verbindung zwischen der Stadt und ihren Vorwerken.

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Das stete Donnern der schweren Haubitzen war auch in Krishnagiri noch deutlich zu vernehmen. Arim Khan, der Befehlshaber der aufständischen Truppen, sah mit auf dem Rücken verschränkten Armen nachdenklich aus einem Fenster des Palastes, in welchem vor dem Aufstand der Raja gelebt hatte.

„Zu früh“, seufzte er. „Ich möchte wissen, woher diese englischen Truppen so rasch gekommen sind.“

„Wir werden in der Nacht einen Ausfall wagen und wie die Tiger kämpfen“, ereiferte sich Shah Rahul, der sich nach der Rebellion an die politische Spitze der Stadt und des Fürstentums gedrängt hatte.

„Das werden wir“, bestätigte Arim ruhig. „Aber ich habe wenig Hoffnung. Wir haben zwei Regimenter Infanterie hier in der Stadt, dazu ein halbes aus Bangadore, das sich uns bereits angeschlossen hat. Ein weiteres wird vielleicht in drei Tagen bei uns eintreffen. Zu wenig, und zu spät.“

„Mehr als ein Regiment können die Briten doch auch nicht heran geschafft haben“, protestierte Rahul. „Das bedeutet, dass wir ihnen überlegen sind!“

„An Zahl, ja“, bemerkte Arim. „An Ausrüstung – nein. Wir haben nun einmal keine schweren Waffen außer den Kanonen auf den Wällen, die wir nicht einmal herunter bringen, um sie anderswo einzusetzen. Wir haben keine Trikes oder Quads mit MGs und schon gar keine Tanks. Wir werden untergehen, Rahul. Mutig kämpfend, aber untergehen. Es hätten sich unserer Revolution viel mehr mutige Kämpfer anschließen müssen, Kämpfer, die besser bewaffnet sind als mit Gewehren. Das haben sie aber nicht, oder sie werden es zu spät tun. Nämlich erst, wenn Krishnagiri gefallen ist. Nun ja, Karma!“

„Wir hätten die verdammten Engländerinnen neben ihren Männern erdrosseln und ihre Leichen den Briten in der Zitadelle vor die Nasen werfen sollen“, knirschte Rahul mit den Zähnen. „Zumindest diese Memsahib Cooper, die Frau des Residenten.“

„Das musst du schon allein tun“, beschied Arim und sah wieder aus dem Fenster. „Ich kämpfe nicht gegen Weiber!“

„Das ist kein Weib, das ist ein übler Pēy192“, spuckte der Shah aus. „Weißt du, dass man die Schmuckdose, für deren Diebstahl man unsere Brüder hängen wollte, bei ihren anderen Sachen gefunden hat?“

„Es wundert mich zumindest nicht sehr.“ Arim überlegte kurz. „Warum beschuldigte sie die fünf wohl?“

„Vielleicht wollte sie von ihnen – nun…“ Shah Rahul machte eine eindeutige, etwas obszöne Handbewegung. „Und die fünf wollten eben nicht!“

„Verletzte Eitelkeit als Auslöser für einige tausend Tote“, nickte der Khan. „Hpak Karmā!193“

„Hpak Karmā“, bestätigte Shah Rahul. „Sieh nur, mein Freund, die Sonne will sich zur Ruhe begeben. Ein letzter Kampf?“

„Ein letzter Kampf! Niemand soll sagen, wir waren feig!“

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Die britische Armee verkaufte ihre Offizierspatente an Leute mit Geld, ohne dass diese etwas dafür mehr leisten mussten, als ein dickes Bündel Geldscheine auf den Tisch zu legen. Damit konnte man immerhin bis zum Colonel aufsteigen. Besonders unter den adeligen Familien gab es viele, die sich bemüßigt fühlten, als Offiziere in der Armee zu dienen, oder besser gesagt, zu kommandieren. Allerdings wurden nur Infanterie- und Kavalleriepatente verkauft, sowohl das Ingenieur- und Pioniercorps als auch die Artillerie ernannten nur Männer zum Offizier, welche ihr Metier beherrschten. Die Navy, und mit ihnen das Marine-Corps hatten diese Gewohnheit der gekauften Offizierspatente bereits seit langer Zeit komplett aufgegeben, denn teure Schiffe vertraute man keinem Mann an, der sich nicht mit Navigation und dem Verhalten eines Schiffes bei Manövern auskannte. Wenn der Earl of Worlds Ass unbedingt Kapitän spielen wollte, dann sollte er sich selber ein Schiff bauen lassen und eine Mannschaft suchen, niemand hinderte ihn daran. Aber Teil der ruhmreichen Royal Navy war er deshalb noch lange nicht.

Der Kommandant der Streitkräfte der Shanghai Devils, Colonel Justin Richard Bent, stammte aus den Docks von London und hatte sich, ohne große Zukunftsperspektiven vor sich sehend, mit 17 Jahren freiwillig zu den Marines gemeldet. Seine Ausbildner erkannten sein Talent und legten ihm zuerst Unteroffizierskurse nahe, danach sogar eine Ausbildung zum Offizier. Mit 25 erhielt er sein Patent als Fähnrich, jetzt war er seit vier Jahren als Colonel in Shanghai. Und er war in diesem Jahre 59 Jahre alt geworden. Ein in seinem Metier alt gewordener, mit allen Wassern gewaschener Fuchs. Er hatte seinen Offizieren – und diese ihren Unteroffizieren – mit ziemlich nachdrücklichen Methoden immer wieder eingebläut: „Die Frage lautet nicht, ob Angreifer kommen, sie lautet nur wann sie angreifen werden! Und die Antwort lautet bei einem technisch oder zahlenmäßig unterlegenen Feind meistens in der Nacht! Und warum? Richtig, weil die schlechte Sicht einen Teil der Überlegenheit aufhebt. In der Nacht wird ein geschulter Mann mit einem Messer manchmal effektiver als ein Maschinengewehr, nämlich wenn ein Idiot am Gewehr ist. Haltet den Feind nicht für blöder als euch selber, niemals – denn er ist es meistens nicht. Wie lautet ergo die Conclusio? Lernt im Dunkel der Nacht mit den Ohren zu sehen und auch mit dem Messer umzugehen! Ihr habt verdammt gute Kommandodolche ausgefasst – nutzt sie gefälligst! Außer ihr legt Wert auf ein Massenbegräbnis!“ Und die Devils lernten. Der Colonel besorgte sogar Lehrer für die in Shanghai verbreitete chinesische Kampfkunst des Wing Chun, und die Shanghai Devils verdienten sich ihren Namen. Auf die harte Tour!

Es war also kein Wunder, dass die Devils bei Anbruch der Nacht nur noch wachsamer wurden. Sie rechneten mit einem Ausfall, sowohl der Besatzungen der Forts als auch aus der Stadt. Und das primäre Ziel würden dann ganz selbstverständlich die schweren sechszölligen Geschütze sein. Ohne diese könnte sich die Stadt noch lange halten, vielleicht lange genug, um als Fanal zu dienen und um auch anderen Städten den Mut zu geben, sich gegen die Vorherrschaft der Briten aufzulehnen. Beide Seiten wussten voneinander, dass die Lage bekannt war, die Strategie war klar. Blieb noch die Frage nach der Taktik – zuerst ein Geschütz mit geballter Macht angreifen oder die Trupps aufteilen, um alle gleichzeitig zu attackieren? Für Justin Bent machte es keinen großen Unterschied, wie sich sein Gegner entscheiden würde. Er musste seine Truppen teilen, denn selbst bei einem massierten Angriff konnte er unmöglich vorhersagen, welche Kanone die erste auf der Liste sein würde. Aber er konnte eines machen – knapp vor Sonnenuntergang stellten die gewaltigen Sechser ihr Feuer ein, und die Mannschaften kurbelten das dritte Rad wieder in Transportstellung. Mit gemeinsamer Anstrengung rollten sie die schweren Geschütze etwa 200 Meter zurück und legten in und um den verlassenen Feuerstellungen einige Sprengfallen aus. Einfache Wurfgranaten mit Schnüren als Auslöser, welche bei der Detonation eine starke Splitterwirkung entfalteten.

Ganz vorne in der Linie lag Private Robert Lee Prewitt und strengte seine Ohren an. Der Private war der unbesiegte Regimentsmeister des Wing Chun, und sein Meister hatte mit ihm den Kampf in vollkommener Dunkelheit geübt. Und der Schüler hatte den Meister überrascht. Nicht besiegt, aber Respekt abgenötigt. Das ‚Dà-bízi Yuán-yān194 hatte wirklich den Schritt zu einer kontemplativen Wahrnehmung jenseits seiner Augen geschafft und dem Alten über ganze drei Runden standgehalten. Für Prewitt hingegen war es schon immer völlig egal gewesen, welcher Sinn ihm sagte, dass sich eine Gefahr näherte. Jetzt zum Beispiel, etwas wehte heran, er sah es nicht, er hörte es nicht, er fühlte es. Etwas, Jemand, der es auf ihn abgesehen hatte. Er stieß den neben sich liegenden Private Sam Huntoon an, der kurz zurück stupste und das Signal dann weitergab. Alle schlossen die Augen, und Prewitt richtete, seiner Ahnung folgend, das Gewehr aus. Der Schuss bellte auf, und der Schrei eines Menschen hallte durch den Wald. Sergeant Salem Cuffey, der Troop-Commander hatte die Leuchtpistole bereits gehoben, eine leises Geräusch erklang und an einem Fallschirm sank eine brennende Magnesiumfackel, grelles weißes Licht verbreitend, langsam zu Boden und riss die sich anschleichenden Rebellen mitleidlos aus der sie verbergenden Dunkelheit. Die Marines eröffneten sofort das Feuer, doch auch die Sepoys waren nicht unbedarft. Nur Bruchteile von Sekunden nach dem Abfeuern der Gefechtsfeldbeleuchtung lagen sie ebenfalls am Boden und erwiderten das Feuer. Ehe die erste Fackel verlosch, wurde eine zweite abgefeuert, aus der Gegend, wo die Kanonen heute den Kampf eröffnet hatten, erklangen dumpfe Explosionen.

„Da hat’s ein paar erwischt“, bemerkte Private Vernon Lindsay Pickler erfreut zu seinem Nachbarn. Er wurde dabei ein wenig unachtsam, beim sprechen hob er den Kopf ein wenig zu weit. Die Kugel eines Sepoys setzte seinem Leben ein jähes Ende.

„Verdammter Mist“, fluchte dieser Nachbar, Private John ‚Schlächter‘ Brown, und schoss seinerseits auf das Mündungsfeuer. Mit geringem Erfolg, es erlosch nicht. Doch dann sah er deutlich jemand durch das Buschwerk laufen, und dieses Mal riss sein Schuss den Mann von den Beinen.

Langsam, aber sicher drängten die Marines die Sepoys wieder zurück zur Stadt. Es ging nicht ohne Verluste, doch die Maxim-Gewehre der Kavallerie, welche erkannte Stellungen der Aufständischen mit einem brutalen Kugelhagel überschütteten, gaben den Ausschlag. Es war, wie Arim Khan, der unter den Toten lag, am Abend gesagt hatte. Nicht die Menge blieb erfolgreich, sondern die überlegene Waffentechnik. Knapp vor den Stadttoren sammelte Shah Rahul noch einmal seine noch lebenden Krieger und führte sie zu einem letzten Sturmangriff. Die Revolte von Krishnagiri endete im Feuerhagel einiger Maxims, denn die Kavallerie auf ihren Trikes war den sich zurück ziehenden Tamilen gefolgt. Die Stadttore blieben geöffnet, und die Briten nahmen von der Stadt wieder Besitz.

Die Witwe des Residenten Sir William Cooper, Virgilia, war eine große, schlanke Frau. Vielleicht hätte man sie hübsch nennen können, wenn da nicht ihr stechender, eiskalter Blick und ein grausamer Zug um ihre Mundwinkel gewesen wäre. Kaum befreit, rauschte sie bereits in den Raum, den Colonel Bent zu seinem Bureau gemacht hatte, bis wieder eine reguläre Einheit mit einem neuen Residenten eintreffen würde.

„Sie müssen ein Exempel statuieren, Colonel Bent“, verlangte sie mit einer tiefen Zornfalte zwischen den Augenbrauen. „Sie sollten zumindest jeden Zehnten der Stadtbevölkerung hinrichten. Eigentlich hätten diese Affen ja alle den Tod durch den Strang verdient, wenn nicht mehr!“

„Dafür bin ich nicht zuständig, Ma’am“, lehnte Justin Bent ab. „Ich bin Soldat, kein Mörder!“

„Und diese Tiere davon kommen lassen?“, ereiferte sich Virgilia. „Das kann nicht sein. Sie vertreten doch im Moment das Gesetz hier! Also los, etwas anderes als Gewalt verstehen diese Tiere ja doch nicht!“

„Es wird eine gründliche Untersuchung geben, Ma’am, dessen bin ich mir sicher.“ Der Offizier bewahrte immer noch seine Ruhe. „Ich bin sicher, Sir Tony Fairchield wird genau das Ausmaß der Schuld der Bevölkerung bewerten und danach seine Urteile fällen!“

„Mit Offizieren sie Ihnen, Bent, wird das Empire fallen“, warf sie ihm mit spitzem Ton und in den Nacken geworfenen Ton vor. „Sie sind zu weich!“

„Meinen Sie, Ma’am?“ Justin Bent hob die Braue. „Mit Ungerechtigkeit und unnötiger brutaler Härte wird der Untergang nur beschleunigt. Es ist besser, wenn Menschen freiwillig Untertanen der Krone sind, weil Gerechtfertigt herrscht, als gezwungen, weil die Peitsche und der Galgen herrschen!“

„Dann sind sie kein wahrer Brite, junger Mann! Uns Engländern ist es von Gott gegeben, über alle anderen zu herrschen!“

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Afghanistan

Die Männer in den neuen staubgrauen Uniformen der russischen Afghanistanarmee bewegten sich in weit aufgefächerter Formation durch die Schlucht vorwärts. Leutnant Fedor Semjonowitsch Ragulin und sein Zug hatten an diesem Tag die Vorhut übertragen bekommen. Bisher hatten die Vorerkundung der Hexe Jasja Fedorowna und der Ballon alle Hinterhalte und Angriffe rechtzeitig aus der Luft entdeckt, aber der vom Muschik zum Offizier aufgestiegene Ragulin hatte keine Lust mehr, sein Leben darauf zu verwetten, dass das auch so blieb. Also hatte der Leutnant das befohlen, das man im Westen einen ‚gedeckten Vormarsch‘ nannte. Eine Hälfte des Zuges blieb in Deckung und behielt feuerbereit die Felswände im Auge, während ihre Kameraden vorrückten und dabei die nächste Deckung suchten. Zwar etwas langwieriger als ein normaler Marsch, aber dafür sicherer. Besonders die oberen Teile der Felswände wurden von den Soldaten genau beobachtet, denn in Afghanistan hatten die Muschik eines gelernt: der Tod kam zumeist von oben.

Aber eben nicht immer.

Nach den missglückten Angriffen von Khan Kadish, welcher einige Stämme zusammen gerufen hatte, war keine größere afghanische Schar mehr für eine groß angelegte Attacke verfügbar. Jamiel Khan hatte trotzdem beschlossen, sich mit einigen Getreuen dem grauen Heerwurm der Russen entgegen zu stellen, und den Vormarsch zumindest zu stören. Er und seine Männer waren mit den Geschichten von Vätern und Großvätern aufgewachsen, von im Gleichschritt marschierenden Ameisenarmeen in rot-grünen Uniformen mit steifen, genagelten Stiefeln, die man auf Kilometer hören konnte. Nun gut, die Farbe war dieses Mal anders, aber wirklich besser waren die russischen Soldaten sicher nicht geworden. Vor einer Biegung der Schlucht zügelte Jamiel sein Pony und schwang sich aus dem Sattel.

„Dort vorn sieht es doch gut aus“, wies er auf einen Felssturz, wo einige Brocken gute Deckung bieten mochten.

„Richtig“, stimmte Amal, sein Schwager, dem Khan zu. „Lassen wir die Pferde hier?“

„Natürlich. Bari, du bleibst hier und gibst auf die Pferde acht!“

„Aber Jamiel Khan, ich möchte doch auch …“, versuchte der junge Mann einen Widerspruch.

„Du hältst die Pferde bereit“, schnitt ihm Jamiel ärgerlich das Wort ab. „Nach dem ersten Feuerschlag werden wir ganz schnell verschwinden müssen! In der Masse sind auch Muschkoten gefährlich, und die Kosaken sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. Also, führe deine Befehle aus.“

Die Mujahedin nahmen ihre Gewehre, meistens Lee-Metford-Gewehre mit 8-Schuss-Magazinen, vereinzelt aber auch noch Martini-Henry-Gewehre mit dem speziellen Kippblockverschluss. Einschüssige Hinterlader mit großem Kaliber und hoher Reichweite. Rasch verteilten sich die Männer zwischen den Steinen, machten es sich halbwegs bequem und warteten. Sie würden die Vorhut der Armee schon rechtzeitig hören.

Der Unteroffizier Juri Iwanowitsch Projokow war noch jung, und er hatte den speziellen Lehrgang bei Leutnant Ragulin mit sehr gutem Erfolg absolviert. Zwei Mal hatte er es geschafft, den wöchentlichen Preis einzuheimsen und jeweils eine Stunde bei Irina Carlowa Moltikow verbringen zu dürfen. Es wurde ihm immer noch heiß, wenn er an ihre festen Brüste dachte, an ihren roten Mund und ihre endlos langen Beine. Jetzt allerdings dachte er nur daran, wie er am besten überleben konnte und schlich knapp an der Felswand der Schlucht vorwärts. Die Schnürschuhe der neuen Uniform hatten dicke, aber weiche Sohlen mit gutem Profil, mit welchen er sich beinahe lautlos vorwärts bewegen konnte. Ein Felsrutsch weiter vorne erregte seinen Verdacht, er hob seine rechte Hand mit gespreizten Fingern in Schulterhöhe und kauerte sich hin. Über den Lauf seines neuen Steyr-Mannlicher-Gewehrs betrachtete er den Geröllhaufen mit großen Felsen dazwischen ganz genau.

„Was gibt es?“ Leutnant Ragulin hatte sich, ebenfalls dicht an der Wand bleibend, bis zur derzeitigen Stellung Projokows vorgearbeitet.

„Dieser Geröllhaufen wäre der perfekte Platz für einen Hinterhalt, Herr Leutnant!“, meldete der Unteroffizier.

„Stimmt. Gut gemacht!“ Ragulin nahm sein Fernglas vor die Augen und stellte scharf. Dabei stieß sein Gewehr gegen einen Stein, das Geräusch von Metall auf Stein hallte durch die Schlucht.

Hinter seinem Felsen schreckte der Klang den jungen Afghanen Mehmed auf. Er sah hinter seiner Deckung hervor, dort drüben blinkte etwas im Sonnenlicht. Er riss sein Gewehr hoch und zog den Abzug durch. Die Pulverladung trieb das Projektil durch die Schlucht und ließ es knapp über Ragulins Kopf in die Felswand schlagen, der instinktiv den Kopf einzog. Der Schuss des Unteroffiziers Projokow saß etwas besser, er riss dem Mehmed das rechte Ohr weg und grub eine blutige Furche in seine Schläfe, der Mujahedin fühlte noch einen gewaltigen Schlag gegen die Schläfe, ehe es dunkel um ihn wurde. Jetzt hoben auch die anderen afghanischen Krieger ihre Gewehre, doch sie konnten keinen russischen Soldaten mehr sehen, sie alle hatten sich sofort eine Deckung gesucht, als der erste Schuss gefallen war. Und dann sahen sie wieder einen Russen, der aufsprang, drei Schritte lief und wieder in Deckung war, ehe sie reagieren konnten. Die Kugeln, welche sie abschossen, erreichten ihn nicht mehr, sondern jaulten als Querschläger davon. Im Gegenzug feuerten nun auch die russischen Soldaten auf die erkannten Stellungen der Afghanen und zwangen sie, die Köpfe wieder einzuziehen. Die Russen rückten nun zwar langsam, aber stetig von Deckung zu Deckung vor und beanspruchten die volle Aufmerksamkeit der Afghanen. Daher bemerkten sie nicht, dass weiter hinten in der Schlucht zwei Soldaten eine Schiene mit zwei Stützen aufstellten, eine nur 20 Zentimeter lange Rakete luden und diese abfeuerten. Im Steilfeuer reichte der Treibsatz nicht weit, und die erste Rakete schlug vor den Stellungen der Afghanen ein.

„Der erste Schuss zu kurz, der zweite zu weit, der dritte sitzt“, rezitierte Igor Alexandrowitsch Tretjakow ruhig die alte Artillerieregel und schob eine neue Rakete auf die Schiene, nachdem er den Abschusswinkel leicht verändert hatte. „Feuer!“ Einen glühenden Schweif hinter sich herziehend stieg die Rakete auf etwa 200 Meter und stürzte dann in einer parabelförmigen Bahn wieder zur Erde zurück. Sie explodierte inmitten der Deckungen der Muhadjedin und tötete zwei sofort, drei weitere wurden verwundet. Jamiel Khan rief zum Rückzug. Dieser Überfall war gründlich misslungen, es war sinnlos geworden, hier weiter zu kämpfen. Außerdem mussten seine Leute ihre Erfahrungen auch anderen Stämmen mitteilen. Als die Russen unter Leutnant Ragulin den Hinterhalt erreichten, waren die Afghanen auf ihren schnellen Pferden bereits Verschwunden.

„Na schön, Jungs, das habt ihr gar nicht schlecht gemacht“, lobte Ragulin. „Weiter jetzt, wieder abwechselnd!“

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Hong Kong

Nach dem Opiumkrieg gegen China, in welchem die Briten mit Waffengewalt ihr Recht durchsetzten, in China weiterhin Opium verkaufen und die Bevölkerung süchtig machen zu dürfen, kam im Vertrag von Nanking die Insel Hong Kong als Kronkolonie in britische Hände. Natürlich reichte Hongkong Island mit dem Victoria Harbour nicht lange aus. Bald breitete sich das Stadtgebiet auch auf der gesamten Kowloon-Halbinsel und einigen Dutzend kleinerer und größerer Inseln im Mündungsbereich des Flusses Shizi Yang aus. Das elitärste Gebiet blieben natürlich die Bezirke Central, Causeway Bay und Victoria Harbour auf der Insel Hongkong selbst, mit dem Gouverneurspalast, dem Gericht, der Verwaltung, dem Cricket-Feld und der Pferderennbahn am Fuß des 553 Meter hohen Victoria Peak. Nicht zu vergessen dem Marinehauptquartier Ostasien.

Kowloon auf der dem Eiland gegenüberliegenden Ufer sah aus wie eine moderne, ins gigantische verzerrte Speicherstadt von Hamburg oder Amsterdam. Es war, als hätten die Tai-Pans, die Handelsherren Hong Kongs, die Pläne jener Städte studiert und beschlossen, daraus den Hafen der Superlative zu erschaffen. Auf den künstlich verbreiterten, vertieften oder überhaupt künstlich angelegten, schnurgeraden Kanälen konnten zwei große Schiffe mit über 15.000 Bruttoregistertonnen ohne Probleme aneinander vorbeifahren, während ein drittes sicher vertäut am Kai lag. Hongkong war der Dreh- und Angelpunkt des Ostindienhandels geworden, welcher beinahe zum britischen Monopol geworden war. Auch wenn seit 1860 in Indien Tee angebaut und von dort allmählich signifikante Mengen den europäischen Markt erreichten, blieb China vor allem für die hochqualitativen Sorten Exportland Nummer eins. Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts war zwar Europa dank Johann Friedrich Böttger in der Lage, das ‚weiße Gold‘ selber herzustellen, aber das wirklich gute, zarte und edle Porzellan kam immer noch aus China. Ebenso Seide, deren Qualität jene der besten persischen und osmanischen Produkte noch immer bei weitem übertraf.

Die meisten Tai Pans hatten London bereits seit Jahren nicht mehr gesehen, einige von den jüngeren vielleicht niemals. Hier konnten die zwar reich gewordenen, aber noch immer nichtadeligen Briten leben wie zu Hause die Lords, die Chinesen hatten nicht zu sagen und mussten jedem Befehl eines Weißen gehorchen. Endlich einmal leben wie die Herren, da war es ihnen egal, was die wirklichen Adeligen drüben in Victoria über sie dachten. Sie leisteten sich eine Universität, die Charles Darwin University of Kowloon, und bezahlten gutes Geld und Sozialleistungen für gute Lehrer und Wissenschaftler, die den Ruf der Universität aufwerten sollten. Sie bauten zwei Rugby-Stadien und trainierten ebenso viele Mannschaften, siedelten einige Getreide- und Hopfenbauern im Hinterland an und brauten ihr eigenes Bier und versuchten, aus Reis eine Art Whisky herzustellen. Es war für alle Briten ‚Gods own Country‘ geworden.

„Ich bin nicht begeistert über diesen Antrag!“ Sir William Des Vœux, der Gouverneur von Hongkong, stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen am Fenster seines Bureaus und sah auf Victoria Harbour.

„Sir…“, begann der Kommandant der britischen ostasiatischen Streitkräfte, Mayor General Sir Digby Barker, doch der Gouverneur unterbrach ihn.

„Ich traue diesen verdammten Schlitzaugen nicht, General! Diese Tai Pans dort drüben haben sich Privatarmeen zugelegt, mit Uniform und allem! Haben ihnen sogar Gewehre in die Hand gegeben!“

„Ausgemusterte Baker Rifles, Sir“, warf Barker ein. „Vorderlader mit Steinschloss!“

„Von einer Muskete erschossen zu werden ist genauso tödlich wie mit einem modernen Lee-Repetiergewehr“, monierte Sir William.

„Ja, Sir“, nickte der Mayor General. „Eine verdammte Lederschlinge als Steinschleuder kann tödlich sein, und wir können trotzdem nicht alle Steine einsammeln.“

„Versuchen Sie etwa witzig zu sein?“ Des Vœux fuhr herum und blies seinen mächtigen, weißen Schnurrbart auf.

„Nein, Sir. Ich stelle nur eine Tatsache fest!“ Das Gesicht des Soldaten war steinern, sein Blick ging in weite Ferne.

„Na schön, General, ich vermute, sie halten mich jetzt für einen Feigling. Verdammt, vielleicht bin ich das auf Bezug auf Victoria Harbour ja sogar, denn das Empire ist auf diesen Hafen angewiesen. Also, ich möchte, dass die Patrouillen auf der Meerenge verdoppelt werden. Die Wachposten auf Hong Kong Island haben Urlaubsperre, die Polizisten ebenso. Die Polizisten sollen außerdem ihre Gewehre stets bereit halten, bis die Royal Marines zurück sind. Victoria Harbour muss unter allen Umständen gehalten werden!“

=○=

Westlich der Kowloon-Halbinsel lag die Insel Tsing Yi, was soviel wie ‚grüne (oder schwarze) Kleidung tragen‘ bedeutete. Und auch der Name eines grünen (oder schwarzen) Fisches war, den es angeblich in den Gewässern rund um Hong Kong früher häufig gegeben haben sollte. Die Briten nannten die Insel Cavaliers Island und bauten darauf die Kasernen und Hafenanlagen für die Royal Navy und die Royal Marines. Das war die Geburtsstunde der berüchtigten Hong Kong Cavaliers. Sie waren laut, auffällig und bekannt in allen Kneipen und Bordellen Kowloons. Ihr Musikzug spielte keine Märsche oder Walzer, sondern schrieb Musikstücke um, synkopierte die Rhythmen, legten noch einen Zahn zu und nannten das Ganze ‚HotRock‘. Überall zeigte das erste Infanteriebataillon des zweiten China-Regiment unter Major Abraham Gordon Fisk, wer in dieser Stadt wirklich die Hosen an hatte. Nämlich zuerst die Cavaliers und die anderen Marines, danach erst die Navy. Nicht erst einmal hatten einzelne Polizisten, ob einheimische oder europäische, ein Stoßgebet zu ihrem Schöpfer gesandt, wenn ein paar breitschultrige Gestalten in mitternachtsblauer Uniform mit roten Schulterklappen und goldenen Knöpfen hinter ihnen auftauchten, sie zur Seite schoben und ganz unbürokratisch einige Handlanger der Triaden aufmischten. Oder Mädchenhändler. Oder sonst irgend ein Gelichter. Denn im großen und ganzen waren die Cavaliers gesetzestreu, und ihre etwas ausufernden Partys verzieh man ihnen daher immer wieder gerne.

Eines Abends hatten 20 Transporter der QUEEN ANNE-Klasse am Kai der Insel angelegt, vom großen Hafen jenseits der Meerenge beobachteten zwei Männer, wie die MK VIII/M Selbstfahrlafetten an Bord rasselten.

„Jimmy, das sieht mir doch nach was ganz großem aus“, behauptete der größere der Beiden im breitestem Cockney mit bereits etwas schwerer Zunge.

„Yo, Rricharrd!“ Der Zungenschlag des zweiten Mannes war eine Mischung aus schottischem Englisch und Manx. „Nu sieh dir das mal an! Das sind ganz eindeutig die Cavaliers!“ Die Töne eines raschen, rhythmischen Musikstückes klangen über den Kanal, und man hörte die Männer auf ihren Lizards aus voller Kehle singen.

„Glory, glory Hallelujah – glory, glory Hallejujah

Glory, glory Hallelu-ujah – and the best are marching at first!“

„Eindeutig diese verdammten Höllenhunde von Calaviers – äh, Cavaliers“, bestätige Richard. „Irgendwo wird es da noch gehörig bumsen, glaub’s dem alten Dick! Die Jungs haben ihr blau-rot Party-Jäckchen abgelegt und sich ins Khaki-Zeug geworfen. Mann, Mann, Mann, ich will denen jetzt um nichts in der Welt im Wege stehen! Niemals nicht!“

„Yo, und sie haben nicht nur ihre Ari-Marks mit, die haben auch die Spitfire-Version mit den sechs .50er Maxims. Junge, Junge, da hat wohl jemand geglaubt, er kann das Empire verscheißern und kriegt jetzt selber den Arsch aufgerissen.“

„Tscha, Jimmy, und die Trikes erst – hey die gehen ja auch mit, zwei ganze Bataillone? Oder heißt das Kompanien? Hey, da bleibt ja nur noch eine Stammbesatzung im Fort!“

„Das kann ja witzig werden, wenn sich die Schlitzaugen dann einbilden, gerade jetzt Radau machen zu wollen. Wir sollten uns ein paar ordentliche Knüppel besorgen und dann wachsam bleiben. Ich will nicht mehr nach Liverpool zurück, wenn hier alles zusammen bricht und wir vertrieben werden!“

„Mal bloß nicht den Teufel an Wand, Jimmy. Ich will nicht mehr nach London! Dort wären wir doch ganz unten in der Nahrungskette, hier, mit dem ganzen modernen Kram haben wir’s viel leichter und verdienen besser. Zu Haus könnte ich meine Alte nicht so leicht durchfüttern, und meine Bälger würden nie nix lernen können. Haste Recht, Kumpel. Fix ein paar Spaken besorgt und den Kulis auf die Finger gekuckt!“

=○=

Die Truppentransporter der QUEEN ANNE-Klasse schafften bei gutem Wetter eine Reisegeschwindigkeit von 24 Knoten, also etwa 45 Stundenkilometern. Eine Rekordleistung, welche allerdings ausschließlich bei spiegelglatter See, welche aber nur sehr selten auftrat, und ohne Wind zu erreichen war. Realistisch musste man auf der Strecke Hongkong – Cannapore eher mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von etwa 21 Knoten oder 39 Stundenkilometern rechnen. Da die Entfernung etwa 6.600 Kilometer betrug, konnte man die Reisezeit mit 170 Stunden berechnen. Also etwa einer Woche.

„Nicht einmal lange genug, um sich so richtig die Seele aus dem Leib zu kotzen“, bemerkte Warrant Officer Class 1 Forbes U. Grant zu seinem Freund und Stellvertreter als Troop Leader Lance Corporal Ned Sherman, während die Schiffe mit voller Kraft durch die Straße von Malakka pflügten. „Dort drüben ist übrigens Sumatra. Dort sitzen die Nederland-Belgiër.“

„Kann uns egal sein.“ Ned spuckte über Bord. „Derzeit gibt es keinen Krieg zwischen uns.“

„Aber Piraten“, grinste Forbes grimmig. „Wenn man sich die Küste ansieht, bei der Menge an Inseln und der Beschaffenheit des Ufers, kann man verstehen, wenn die Holländer verzweifeln.“

„Wenn so’n Pirat 20 QUEEN ANNEs und ihren Begleitschutz angreifen will, dann ist er ein Selbstmörder“, urteilte der Lance Corporal ruhig. „Auch wenn wir nur ein paar leichte Zerstörer und Patrouillenboote mithaben.“

Zwischen zwei Inseln steuerte eine Dschunke mit Dampfantrieb hervor und nahm Kurs nach Südost.

„Ob das einer ist, der es sich anders überlegt hat?“, überlegte der Warrant Officer.

„Wenn, dann hat er richtig reagiert“, bemerkte Ned. „Wenn er umgedreht hätte, wäre es verdächtig gewesen. Aber ich denke, er ist ein einfacher einheimischer Frachter.“

„Warum?“

„Weil Piraten doch sicher einen Ausguck haben“, erklärte Ned. „Und der kann todsicher seinen Kumpels ein Zeichen geben, dass ein übermächtiger Feind im Anmarsch ist.“

„Stimmt. Aber einem kleineren Frachter hätte er vielleicht im Vorbeigehen die Ladung abgeknöpft.“

„Vielleicht“, stimmte Ned zu. „Aber das ist das Problem der Holländer. Unsere Handelsschiffe halten sich eher an malaysische Gewässer, in denen unsere Navy von Singapur aus für Recht und Ordnung sorgt.“

„Auch nur mit begrenztem Erfolg“, stellte Forbes richtig. „Die Bastarde wagen sich schon bis hinüber. Na ja, ich kann’s verstehen. Die Nederland-Belgiër sind als Kolonialherren ja schlimmer als sogar die Russen. Die nehmen ihren Kulis doch alles weg und foltern sie auch noch. Was man da aus dem Kongo hört – der helle Wahnsinn!“

„Schau einmal, ein Schnellboot der holländischen Küstenwache“, zeigte Ned Sherman seinem Freund bewundernd ein schnittiges, bewaffnetes Gefährt. „Eine Admiral Verhuell-Klasse. 57 Meter, das sind 187 Fuß lang, 9 Meter, also beinahe 30 Fuß breit, macht wie nichts ihre 45 Knoten. Eine 4 1/8 Zoll-Kanone. Was die halt eine zehn-fünfer nennen. 8 von den .30er-Maxims und einige Hale-Werfer. 4 Torpedorohre. Tolles Ding, auch wenn’s nicht uns gehört!“

„Du stehst irgendwie auf diese kleinen und bissigen Hummeln, oder?“

„Gefallen mir besser als diese lahmen Enten von Schlachtschiffen“, brummte Sherman. „Außer…“ Er flüsterte Forbes ins Ohr. „Die Flugkreuzer von den Kakaniern und Deutschen. Einmal da mitfliegen dürfen!“

„Melde Dich auf die VIRGIN QUEEN“, riet der Warrant Officer. „Die fliegt auch!“

„Hey, ich bin Marine, keine Teerjacke“, rempelte der Lance Corporal seinen Freund. „Aber träumen wird man doch noch dürfen!“

=○=

Britisch Indien

Der Sommerpalast Mysores in den Bergen des Fürstentums war im Vergleich zur großen Stadtresidenz bescheiden. Unzureichend, wie Rānī Dinesh befand. Ohne die Dienerquartiere, Nutzräume, Lager, Stallungen und ähnliches standen ihr nur an die 200 Räume zur Verfügung. Inakzeptabel, auch wenn die junge Frau die meisten Zimmer noch nie betreten hatte. Jene Räumlichkeiten, welche der Oberste der Rebellentruppe, Cornel Ram Kolmanarinda, bewohnte, gehörten allerdings nicht zu jenem Neuland, auch wenn sie in gebührendem Abstand zu ihren Privaträumen lagen. So verwunderte es Ram nicht unbedingt, als sie eines Abends zu ihm kam.

„Unser Agent in Cannanore hat berichtet, die Engländer erwarten starke Verstärkung. Mysore wird sich danach nicht lange halten, oder?“, fragte sie ihn. „Sei ehrlich, wir sind unter uns.“

„Nein! Unmöglich.“ Ram schüttelte den Kopf. „Die Hongkong Cavaliers allein wären schon gefährlich, aber es kommt das ganze zweite China-Regiment. Sie sind zu stark, und sie haben Luftunterstützung. Und wenn die Besatzung der inneren Burg im richtigen Moment einen Ausfall unternimmt – wir waren einfach zu langsam, Rānī!“

Dinesh goss sich eigenhändig ein Glas Wein ein und nippte daran. „Dann wird es wohl Zeit, sich vom muslimischen Teil unserer Untertanen zu trennen, ehe die englischen Marines Mysore erreichen.“

„Zur Zeit toben bereits Straßenkämpfe in der Stadt, Maharānī“, bestätigte der Cornel. „Die Briten werden ihre Stadt wieder zurück bekommen! Ohne Kämpfe.“

„Nun gut, dann ist das so. Schade nur, dass die Moslems mir Janani nicht aus dem Weg räumen konnten.“ Dinesh trank noch einen Schluck, dann reichte sie den Kelch Ram, der dankend ablehnte. „Aber man muss eben Geduld haben, Ram. Es wird sich eine andere Gelegenheit ergeben.“

„Aber ja, Rānī!“

Langsam öffnete Dinesh ihre Bluse und schlüpfte aus der Pluderhose. „Wenn alles geregelt ist, dann benötige ich jetzt ein wenig Trost, Ram. Umarme mich!“ Eng schmiegte sie sich an ihren obersten Offizier, fühlte seinen Lingam erwachen und befreite ihn. „Komm“, lockte sie ihn leise und drapierte sich auf seine Liegestatt. Als er ihr folgte, nahm sie ihn mit leisem Stöhnen in ihrer Yoni auf, litt es, dass er ihre Hände fest hielt. Manchmal war es auch ein gewisses Vergnügen für sie, einen Diener zu belohnen, auch wenn es bei Ram wohl das letzte Mal sein würde. Als ihr Stöhnen lauter wurde, übertönte es die beinahe lautlosen Schritte eines Thugees, der Ram routiniert seine Schlinge um den Hals schlang und zuzog. Die Hände des Rebellen flogen zum Hals, er wollte sich befreien, kämpfen, doch Dineshs Schenkel hielten ihn an der Hüfte weiter fest umklammert, sie ließ sich von seinen letzten Zuckungen noch zu ihrem Höhepunkt treiben.

„Lass die Leiche, einiges an Kleidung und seine Waffen verschwinden“, befahl sie dem Thug, während sie eines der Bäder aufsuchte. „Nichts davon darf je wieder gefunden werden.“ Kurz vor dem Verlassen den Raumes wandte sie sich noch einmal um und streifte die Leiche mit einem letzten Blick. „Es ist durchaus schade um dich, Ram, aber du wärst mit deinem Wissen eine ständige Bedrohung für mich gewesen.“ Dann schloss sie das Kapitel Ram unter einer ausgiebigen Dusche endgültig ab. Sie unterschätzte den britischen Residenten nicht, es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis Sir Tobias vor ihrer Tür stand, bis dahin mussten alle Spuren, welche vom Aufstand zu ihr führten, ausgelöscht sein.

=○=

Der Weg von der Hafenstadt Cannanore nach Mysore war nur kurz, und trotz aller gebotenen Vorsicht trafen die Cavaliers nur wenige Stunden nach der Landung in Sichtweite der Hauptstadt ein.

„Was zum Geier?“ Colonel Orry Hazard betrachtete die Stadt durch sein Fernglas. „Die Tore Mysores sind ja weit geöffnet und die Geschütze von den Anmarschwegen weg gedreht!“

„Das Air Service hat die letzten Tage Straßenkämpfe beobachtet, Sir!“ Auch Major Abraham Fisk, der das erste Infanteriebataillon der Cavaliers kommandierte, hielt ein Fernrohr vor sein Auge. „Ob es wohl ein Aufstand gegen die Aufständischen war?“

„In der Tat, so sieht es aus!“ Major Thomas Jackson Junior befehligte die Selbstfahrlafetten und hatte sich zu den anderen gesellt und klopfte mit dem Offiziersstöckchen rhythmisch gegen sein Bein. „Haben wohl Angst vor uns bekommen, die Burschen.“

Hinter den Offizieren rollte eines der zwei-Mann-Trikes aus. „Die Späher melden nichts verdächtiges, Sir“, meldete Major Larry Edwards.

„Außer, dass nichts verdächtiges zu sehen ist, oder?“ Fisk suchte weiterhin die sichtbaren Bereiche der Stadt ab. „Zuerst Revolte, sie belagern die Zitadelle und dann? Stille? Da ist was faul im Staate Dänemark, Gentlemen!“

„Wir sind in Mysore, nicht in Dänemark“, berichtigte Jackson, weiter auf seine Stiefel klopfend. „Ansonst pflichte ich Ihnen bei!“

„Wir müssen trotzdem in die Stadt, Thomas!“ Fisk nahm das Fernglas ab. „Verdammt, wenn jemand hört, die Cavaliers hätten gezögert, wäre unser Ruf für immer dahin!“

„Und abermals muss ich beipflichten, Abe“, nickte Thomas Jackson. „Sir, ich bitte um Erlaubnis, mit den 12 Spitfires vorzurücken.

„Genehmigt!“, bellte Colonel Hazard. „Sie werden meinen MK IX bis zur Zitadelle eskortieren. Hinter den Spits sollen die Artillerie-MK VIII und die Trikes die Hauptstraßen sichern. Die Infanterie sollen die Geschützstellungen besetzen. Gentlemen, geben Sie ihre Befehle, Aufbruch in fünf Minuten.

Der MK IX war ein umgebauter MK VIII/M, in dessen Turm starke Scheinwerfer statt der Kanone untergebracht waren. Diese dienten zur Informationsübermittlung auf ziemlich große Distanz und machten aus dem IXer ein recht gutes Kommandofahrzeug. Ebenso wie die VIIIer war er etwas über 13 Fuß, also 4 Meter breit. Damit passte er gerade so eben durch die Straße vom Tor zur Zitadelle, deren Tore sich jedoch erst öffneten, als sich der Colonel selbst zeigte.

„Colonel Orry Hazard, Royal Marine Corps, Sir!“ Der hochgewachsene Offizier mit dem buschigen Backenbart und dem dichten, unter der Marinekappe hervorquellenden Mähne salutierte schneidig.

„Danke für ihr Erscheinen, Colonel.“ Sir Tobias in seinem weißen Anzug und dem Panamahut war das Idealbild des britischen Gentleman, der durch nichts aus der Ruhe zu bringen war und noch im Angesicht des Galgens einen Artikel der Times kommentieren würde. „Ich denke, das war durchaus hilfreich!“ Er streckte Hazzard die rechte Hand entgegen, welche dieser ergriff und drückte.

„Ich denke auch, Sir Tobias. Es freut mich, ihnen behilflich gewesen sein zu können!“

„Nun, Colonel, der Anlass ruft nach einem Port. Möchten Sie mir dabei vielleicht Gesellschaft leisten?“

„Herzlich gerne, Sir Tobias!“

Die Wohnstatt des Residenten von Mysore lag selbstverständlich nicht im Palast der Mahārāni, denn das wäre nicht angemessen gewesen. Er residierte mit seiner Gattin in einem Haus im englischen Viertel, welches von englischen Ingenieuren und Fachhandwerkern verstärkt und in eine kleine Festung verwandelt worden war. Wenige Männer mit guten Gewehren konnten den klotzigen Bau gegen eine große Übermacht verteidigen, denn man konnte nur durch die Türen ins Freie. Die Fenster erinnerten eher an Schießscharten, und der Balkon war mit schweren Eisengittern gesichert. Dies war geschehen, ehe der Maharaja und der Resident Freundschaft schlossen. So eng, dass Radja Avan dem Resident das Leben seiner jungen Frau und seines damals ungeborenen Sohnes anvertraute. Nun begleitete der Offizier den Resident Tobias Grave zu diesem Haus, während sich Colonel Frank Berger und die Majore der Cavaliers um die Unterbringung der Marines kümmerten.

„Guten Tag, Sir!“ Der Butler des Residenten, ein Mon mit dem vielversprechenden Namen Khlang, der Starke, öffnete die Tür. Die Eltern hatten für ihr Kind scheinbar das falsche gewünscht, denn Khlang war zwar groß, aber schmächtig und klapperdürr. Dafür war er intelligent, geschickt und, was das wichtigste war, Sir Tobias Grave und seiner Familie treu ergeben. „Madam erwahrtet Euch im großen Salon, und sie hat einige Sandwiches und Petit Four in Auftrag gegeben. Bis Ihr mit Eurem Gast eingetroffen seid, wird alles bereits arrangiert sein, und der Tee in Kürze folgen. Port, Whisky und Brandy stehen jetzt schon bereit, und ich habe mir erlaubt, auch Zigarren bereit zu legen!“

„Danke, Khlang!“ Der Resident reichte seinem Butler den Hut, der sich an Colonel Hazard wandte. Der erinnerte sich an seine gute Erziehung und nahm schnell seine dunkelblaue Schirmmütze ab, welche er dem Diener reichte.

„Danke!“

„Sir!“ Khlang nahm militärische Haltung an, stampfte mit den Beinen und nickte ruckartig. „Willkommen in Graves Yard, Sir“, bellte er wie ein Bootsmann, ehe er sich mit den beiden Kopfbedeckungen entfernte, Orry Hazard blickte ihm verwundert nach.

„Khlang hat seine Eigenheiten, Colonel“, bemerkte Sir Tobias. „Aber er ist ein hervorragender und treuer Butler, Sie werden in ganz Indien keinen besseren finden! Aber bitte, kommen Sie weiter Colonel.“

„Er spricht besser Englisch als viele der Mischlinge, die bei uns in Hong Kong die englische Schule besucht haben“, staunte Orry. „Aber er ist kein Inder, oder?“

„Nein, wie alle meine Leute kommt er aus der Gegend von Moulmein in Birma“, erklärte Sir Tobias. „Auch meine Soldaten kommen von dort, mit den Sepoys haben wir in der Gegend unsere Probleme.“ Er öffnete die Tür zum Salon. „Meine Liebe, du siehst heute wieder hinreißend aus! Darf ich dir Colonel Orry Hazard vom Royal Marine Corps vorstellen? Colonel, meine Gattin, Lady Ava.“

„Aber gerne! Sie sind uns willkommen, Colonel.“ Ihre 45 Jahre sah man Lady Ava Grave nicht im geringsten an, die schlanke Frau hielt sich kerzengerade und reichte Hazard die Hand zum Kuss, der sich auch sofort darüber beugte.

„Die Freude ist auf meiner Seite, Colonel. Aber bitte, meine Herren, nehmen wir doch Platz. Erfrischungen werden sofort kommen.“

„Danke, Mylady!“ Orry Hazard nahm in einem der bequemen Salonsessel Platz und begann, über das Wetter zu plaudern.

„Keine Zurückhaltung, Colonel“, unterbrach Ava rasch. „Wir Frauen hier in Indien sind keine verwöhnten Zimmerpflanzen. Lassen Sie sich bitte von meinem Gemahl die Lage erklären, und ich denke, ich habe hier die Lösung dafür!“ Sie hob die Abschrift einer Drahtnachricht in die Höhe.

„So?“ Sir Tobias hob eine Augenbraue. „Wie…“

„Zuerst erkläre bitte dem Colonel die Lage, mein Schatz. Dann werde ich Dir die Depesche aus Hyderabad zur Kenntnis bringen.“

„Nun gut. Also Colonel…“ Mit schlichten Worten erzählte Sir Tobias dem Colonel die Geschichte von Avan, Janani, Tejas und Disneh. Dann hob Ava das Journal und las das Telegramm vor. Mit der Zeit überzog ein Lächeln das Gesicht von Sir Tobias, und Orry begann schallend zu lachen.

„Darf ich die Nachricht zu dieser Dinesh bringen?“

„Sobald wir über Kabel alles ausgehandelt haben, Colonel“, versprach Sir Tobias. „Es ist wirklich besser, wenn sie glaubt, dass ich eigentlich dagegen bin!“

=○=

Der ‚Tampāda gāliya Aramane‘, der ‚Palast der kühlen Winde‘ nahe dem Städtchen Shivanasramudra lag auf einer hohen Klippe zwischen zwei Armen des Flusses Kaveri. Seit mehr als hundert Jahren diente er den Maharadjas von Mysore als Sommerpalast, der Fluss tief unter dem Schloss kühlte die Räume der Bewohner auf erträgliche Temperaturen. In einem Land, in welchem die durchschnittliche Temperatur ein halbes Jahr deutlich über 35 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit bei über 85 Prozent lag, war das eine große Erleichterung. Im Vergleich zu manchem anderen Palast war dieses Bergschloss nicht übermäßig groß, doch im Inneren waren die 200 Wohnräume, Salone und Ballsäle, die drei Schwimmbäder und die fünf Innengärten waren mit exquisitem Luxus ausgestattet. Man sollte also annehmen, dass der Palast genug Platz und Luxus für eine einzelne Person bieten konnte. Die Tochter des ehemaligen Radjas von Mysore war anderer Meinung, sie wollte den Thron.

Der letzte Plan der Rājakumāri195 war gescheitert, die Briten hatten sich zu schnell in die Zitadelle zurück gezogen, und die Marines zur Unterstützung waren viel zu schnell gekommen. Nun, es würde andere Pläne geben, andere Revolten. Es gab keinerlei Spuren mehr, welche zu ihr führten, also sollte sie sich sicher fühlen. Aber jetzt war dieser Colonel der Marines statt des Residenten auf dem Weg zu ihr. Er kam zwar nur mit einer kleinen Eskorte, aber wie viele Marines wären schon nötig, um sie zu verhaften? Sie ließ ihn in einen Salon führen, dessen großer Balkon hoch über der Schleife eines der Flussarme lag, mit einem atemberaubenden Ausblick auf denselben. Dann zog sie rasch ein bauchfreies Oberteil aus dünner Seide und leichte, etwas durchscheinende Pluderhosen an, legte ihren Schmuck an und drapierte sich verführerisch auf den Kissen. So wartete sie auf den Besuch des britischen Offiziers, dessen Eintreffen ihr auch bald gemeldet wurde.

„Was verschafft mir denn die Ehre ihres Besuches, Colonel Hazard?“ Dinesh erhob sich langsam von ihrem Kissen und schritt dem Briten hüftschwingen entgegen.

„Mein Besuch ist ein für Euch hoffentlich erfreulicher, Mahjme. Der Rat in Trivandrum sucht für den neuen Maharadja von Travancore eine neue Ehefrau.“

„Ein britischer Colonel als Heiratsvermittler? Wie aufmerksam!“ Dinesh bat ihren Gast, Colonel Orry Hazard von den Hongkong Cavaliers, neben ihr Platz zu nehmen, und der Offizier nahm dankend an. „Warum kommt eigentlich Sir Tobias nicht, um mir diese Nachricht zu bringen?“

„Sir Tobias ist – etwas unpässlich. Er hat mich mit dieser Aufgabe betraut“, bemerkte Orry mit steinerner Mine. „Der Rat von Travancore hat Britannien um Unterstützung gebeten, und unsere Verbündeten sind uns wichtig. Scheinbar ist der Ruf Eurer Schönheit bis tief in den Süden der Fürstentümer Indiens gedrungen.„

„Oh. Das mit der Krankheit des Residenten tut mir aber leid. Ich wünsche ihm natürlich nur das Beste und hoffe, er ist bald wieder gesund! Aber es ist angenehm, einen stattlichen, schneidigen Offizier wie Euch kennenlernen zu dürfen.“

„Danke, Rājakumāri. Ich bin sicher, Sir Tobias erholt sich wieder!“

„Das freut mich sehr. Und nun, was geschah denn mit dem alten Maharaja von Travancore?“, fragte Dinesh neugierig.

„Der alte Herrscher fiel leider einem Jagdunfall zum Opfer, Mahjme“, bedauerte Colonel Hazard. „Ein großer Tiger, der – nein, diese Details gehören nicht in diese glückliche Stunde. Jedenfalls ist er auf Grund – bedauerlicher Umstände ohne Söhne gestorben, und nun muss eben sein Neffe die Regierung übernehmen. Und es ist jetzt selbstverständlich auch an der Zeit, ihn standesgemäß zu verheiraten.“

„Und gibt es auch ein Bild des neuen Raja?“

„Natürlich!“ Der Offizier nahm ein ganz modernes, mit Glas gerahmtes Foto in Farbe aus seiner Aktentasche und rechte es Dinesh. Es zeigte einen jungen, schlanken Mann von etwa 19, 20 Jahren, fürstlich gekleidet, eine Pfauenfeder auf dem Turban, der mit etwas leerem Blick in die Kamera blickte. Neben ihm stand ein stattlicher Mann mit leicht angegrautem Vollbart, welcher die Mitte der fünfziger bereits überschritten haben dürfte, auch er mit erlesensten Kleidern ausgestattet, er grinste den Betrachter des Bildes unternehmungslustig an. „Der ehemalige und der neue Maharaja von Travancore, Rājakumāri!“

Lange betrachtete Dinesh das Foto. Der junge Maharaja war geschätzt vier oder fünf Jahre jünger als sie, sonderlich klug sah er wirklich nicht aus. Es müsste leicht für eine Frau sein, dort die wahre Macht hinter dem Thron zu werden, sie hatte Männer doch schon immer um den kleinen Finger wickeln können. Und von dieser sicheren Basis aus könnte sie sich gut an Sir Tobias und Janani für den Tod ihres Bruders und viele andere Dinge rächen.

„Er ist richtig hübsch, Colonel. Ich denke, dass ich mich nicht abgeneigt zeigen könnte!“

„Dann werde ich diese Antwort nach Travancore drahten lassen, Rājakumāri. Ich bin mir sicher, Euer zukünftiger Gemahl wird dann für eine standesgemäße Reisemöglichkeit organisieren und Euch eine entsprechende Eskorte zur Verfügung stellen! Falls der Rat keine Einwände hat, aber warum sollte er eine Tochter aus der Familie des Maharajas von Mysore ausschlagen.“

„Tut das, Colonel. Ich bin jederzeit bereit, die Verlobung öffentlich zu verkünden!“

Hazard erhob und verneigte sich. „Dann werde ich alles in die Wege leiten und darf mich für heute verabschieden!“

Dinesh sah ihm noch lange nach. Eine politische Verbindung, welche für sie mit enormem Machtzuwachs verbunden war, das war gut. Und was den Erben für Travancore anging, so würde sie dem Knaben schon zeigen, wie er es anzustellen hatte, dass sie zu ihrem Vergnügen kam. Vielleicht war der Tod von Ram Kolmanarinda doch etwas voreilig gewesen? Sie zuckte mit den Schultern. Ach was, das Leben ging weiter.

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Juli 1889

Epilog

Afghanistan

Endlich hatte das erste Regiment der Armee des russischen Zaren unter Oberst Yosip Petrowitsch Černykowski das Darre as Chubi Aba erreicht. Die letzten Tage waren erstaunlich ruhig verlaufen, es hatte kaum mehr ernst zu nehmende Überfälle gegeben. Auch die überall verteilten Schützenstellungen hatten sich bewährt, und die Muschiks hatten von ihren Kameraden gelernt. Langsam, aber doch. Das erste Regiment war wahrscheinlich das kampfstärkste seit der großen Katharina.

„Da sind wir nun, Ilja Semjonowitsch“, bemerkte Oberst Černykowski zu seinem Vertreter. „Ich bin neugierig, wie es weiter gehen soll.“

„Ich denke, dass der Zar hier irgend etwas vermutet – und ich möchte wetten, es hat etwas mit einer der Höhle hier zu tun.“

„Wir werden es gleich wissen. Dort kommt der Großfürst persönlich.“ Yosip Petrowitsch hatte gute Augen, denn tatsächlich kletterte eben Maximilian Maximilianowitsch aus einer Zhaba und schritt mit langen Schritten auf die Offiziere zu.

„Ich gratuliere Ihnen und dem ganzen ersten Regiment, Yosip Petrowitsch. Sie haben das Tal mit minimalem Verlusten erreicht und den Weg hervorragend gesichert. Es ist nun wohl an der Zeit, den Brief des Zaren zu öffnen!“ Er holte das Schreiben aus der Tasche, erbrach das Siegel und erbleichte. „Das… Aber… Ich kann nicht glauben, was ich hier lese!“

„Herr?“ Maximilian sah auf.

„War schon jemand in dieser Höhle, aus welcher der Bach kommt?“

„Nein, Herr!“

„Dann bitte ich Sie, Yosip Petrowitsch und Sie, Ilja Semjonowitsch, mich zu begleiten. Allein!“

Drei Tage später stieg Jasja Fedorowna Lesaya, ein kleines Paket unter den Arm geklemmt, in ihre Hütte.

„Ich verspreche Dir, Maximilian Maximilianowitsch, dass ich das Päckchen Väterchen Zar persönlich aushändigen werde. Diskret!“

„Danke, Jasja Fedorowna.“ Maximilian Emanuel griff in seine Tasche und überreichte ihr noch einen Umschlag. „Und bitte, gib diesen Brief meiner Frau. Sag Mascha, ich liebe sie!“

„Das weiß sie doch, Maximilian Maximilianowitsch. Und den Brief bekommt sie ganz sicher.“ Lautlos schwang die Tür zu, die Hühnerbeine unter dem Häuschen streckten sich, und schon war die Hütte unterwegs nach Sankt Petersburg. Schneller als jedes Radfahrzeug. Als die Behausung der Zauberin um die Ecke verschwunden war, wandte sich der Großfürst an den Hetman der Kosaken.

„Einen Boten auf einem Trike nach Balch. Die Armee soll nachrücken. Alle irgendwie verfügbaren DLKW sind mit Proviant und Munition beladen mitzuführen. Die Besatzung von Shadyan soll sich um beide Garnisonen kümmern, aber Balch ist wichtiger. Abtreten!“

„Sofort, Durchlaucht!“

=○=

Es war eine klare Nacht, der noch beinahe volle Mond stand hoch am Himmel und beleuchtete die Schluchten Afghanistans. Karim Ayyid alias Captain Jack Mowtis vom britischen Scout Service und Khaled Pir, der jetzt mit seiner Tochter Rana und seiner Frau Malala in Ghasar wohnte, huschten durch die Wildnis. Sie wollten das Lager der Russen in Augenschein nehmen, um vielleicht doch einen Schwachpunkt zu finden, wo einige beherzte Männer Unruhe stiften und einige von den ungläubigen Russen im Sarg nach Hause schicken konnten. Zumindest war das die Absicht Khaleds, Captain Mowtis wollte die Information lieber nach Kabul bringen.

„Da vorne ist schon das Tal“, wisperte Khaled. „Gleich werden wir es sehen.“ Mowtis legte dem Afghanen die Hand auf die Schulter.

„Warte!“ Er witterte und lauschte, doch es war nichts auffälliges zu bemerken.

„Was ist?“, fragte Khaled. „Es ist alles ruhig!“

„Ja“, flüsterte Mowtis. „Zu ruhig! Kein Rauch, kein Geräusch, kein Lichtschein von unten. Normalerweise haben die Russen riesige Lagerfeuer und machen Krawall, aber hier? Ich merke nichts.“

„Allah! Du hast recht!“ Die beiden Späher verdoppelten ihre Vorsicht. Endlich hatten sie die Felskante erreicht und blickten nach unten.

„Was zum Teufel?“, entfuhr es Mowtis, der britische Scout traute seinen eigenen Augen nicht mehr. „Der Kessel scheint völlig leer zu sein!“

Khaled machte grinsend ein Zeichen zur Abwehr böser Geister. „Und die jungen Leute haben sich über das Tabu, sich hier in der Nacht aufzuhalten, nur gelacht. Nun ja, eine Nacht scheint nicht gefährlich zu sein, als ich mit… Jedenfalls scheint aber doch etwas zu geschehen, wenn man sich mehrere Nächte hier aufhält!“

„Ein Tabu?“ Mowtis nestelte sein Fernglas hervor.

„Aber ja“, bestätigte Khaled. „Es ist uralt, wir wissen nicht mehr, warum. Auf jeden Fall ist es eine Mutprobe, dort hin zu gehen, wenn die Sonne untergegangen ist. Oder der Vater eines Mädchens eigentlich gegen dich als Schwiegersohn ist und ihr ihn vor vollendete Tatsachen stellen wollt. Aber eigentlich – also, länger als bis knapp nach Mitternacht ist nie jemand geblieben!“

„Interessant“, murmelte der Brite. „Dann ziehen wir uns ein wenig zurück und gehen morgen nach Tagesanbruch hinunter.

Khaled scharrte mit dem Stiefel im Staub. „Bei allen Šaitāna. Wenn dort nicht einige tausend Konservendosen aufgeschichtet wären, könnte man die ganze russische Armee für Gespenster halten! Es gibt keine, aber gar keine Spuren!“

„Das stimmt, Khaled!“ Der Brite hatte sich hingekniet und seine Blicke ganz nahe am Boden parallel zu diesem im Kreis schweifen lassen. „Man sieht nicht einmal, dass die Spuren getilgt worden wären!“

„Wie soll das gehen, Karim?“, verzweifelte Khaled. „Hier waren 8 Divisionen Infanterie unterwegs! 400.000 Männer! Dazu die 800 Selbstfahrlaffetten, die alten, schweren Bronzekanonen, die Dragoner und Kosaken. Ich verstehe es nicht! Das will nicht in meinen Kopf!“

Auch Karim Ayyid war ratlos, doch sein Alter Ego überlegte rasend. Ein Gebläse? Theoretisch möglich, aber es müsste gigantisch gewesen sein.

„Lass uns doch einen Blick in diese Höhle werfen, aus welcher der Fluss kommt“, schlug der Brite vor. Doch auch in diesem Gang fand sich keine Spur, dass sich hier jemals Menschen aufgehalten hatten.

„Das war wohl der Teufel selber, der die Russen geholt hat“, freute sich Khaled.

„Es sieht beinahe so aus!“ Jack kratzte sich am Hinterkopf. „Etwas anderes kann ich mir auch nicht vorstellen. Leider reicht die Macht des Teufels aber nicht bis in dein Dorf. Von Balch bis hierher sind immer noch die besetzten Posten.“

„Dann ist es vielleicht nur ein Dämon, Freund Karim. Warten wir ab, wie lange sich die noch halten können!“

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Britisch Indien

Die Mon hatten die offizielle Dampfkalesche des Residenten mit glücksverheißenden Symbolen und Lotosblüten prächtig geschmückt, und Colonel Hazard hatte drei der Lizards mit Elephantendecken behängen lassen. Diese Kolonne war nun auf dem Weg nach Shivanasamudra, zum Tampāda gāliya Aramane der Mahjme Dinesh. Radja Kanji Ganeshnamurti und der Rat von Travancore hatten das Verlöbnis sofort offiziell bestätigt, und auch Dinesh hatte ihre Eheschließung bekannt gegeben. Die Zeremonie in Trivandrum war somit nur noch eine reine Formalität. Colonel Orry Hazard war mit den Hongkong Cavaliers noch in Mysore geblieben, um die ‚Aufräumarbeiten‘ zu unterstützen, der Rest des zweiten Chinaregiments war wieder unterwegs nach Hause. In langsamer Fahrt, denn auch Maschinen sollten nicht immer am Limit gefahren werden.

In ihrem goldbestickten roten Sari schritt Dinesh lächelnd die Treppe ihres Palastes hinab, wo die erste Kompanie der Cavaliers in ihren dunkelblauen Navy-Uniformen mit roten Schulterklappen und glänzenden Goldknöpfen angetreten waren. Vier Platoons, etwa 200 Männer standen sich in zwei Reihen zu je fünf Gliedern gegenüber und nahmen, als die Mahārāni am oberen Treppenabsatz erschien, stramm Haltung an. Am unteren Ende der Treppe erwartete Orry die Dame und verbeugte sich, nachdem er vor ihr salutiert hatte.

„Madame, ich bin geehrt, dass Ihr mich und meine Cavaliers als Ehrengeleit zu Eurem Ehemann akzeptiert habt!“

„Aber mein lieber Colonel!“ Die neue Mahārāni von Travancore faltete die Hände und verbeugte sich. „Welche andere Braut kann sich denn eines solch berühmten Geleits erfreuen? Ich freue mich, dass Sie bereit waren, mich zu begleiten.“

„Dann darf ich Euch und Eure Hofdamen zu Eurer Kalesche bringen, Mahjme?“, bot Orry Dinesh den Arm. „Euer Gepäck ist selbstverständlich bereits nach Cannanore unterwegs, ein schwerer Kreuzer, die HMS FLAMBOUROGH wird die Yacht der Rāni von Mysore eskortieren! Rāni Janani stellt Euch die SHIVANANDA zur Verfügung!“

„Sie kann es wohl nicht abwarten, mich los zu werden!“ Eine kurze Wolke flog über Dineshs Gesicht, dann strahlte sie Orry wieder an. „Nun ja, ich kann es ja irgendwie verstehen. Mir würde es an ihrer Stelle ähnlich ergehen. Und wie steht es mit ihnen, Colonel? Werde ich Ihnen fehlen?“

„Hoheit verzeihen, aber ja, die Treffen mit Hoheit werden mir durchaus fehlen. Bitte, Mahjme!“ Ein Lieutenant hatte die Tür der Kalesche geöffnet und riss nun die in einem weißen Zwirnhandschuh steckende rechte Hand ausgestreckt an die Mütze, Orry stützte die Rāni, als sie die erste der beiden Stufen zum Fahrgastraum der hochrädrigen Kutsche bestieg.

„Vielen Dank, Colonel.“ Dinesh raffte den Rock ihres Sari und machte es sich in Fahrtrichtung bequem. Zwei ihrer Hofdamen stiegen ebenfalls ein und nahmen ihr gegenüber Platz, dann schwang sich auch der Colonel der 2. Chinaregiments in den Wagen und nahm die Kappe ab.

„Mahjime erlauben?“

„Ich bin erfreut, Colonel“, lächelte Dinesh. „Ich hoffe doch sehr, dass Sie mir die Reise kurzweiliger gestalten können.“

„Soweit es in meiner Macht steht, Mahjime!“

„Da bin ich mir ganz sicher, Colonel“, lachte Dinesh. „Ganz sicher!“

Der Konvoi vermied die Hauptstadt Mysores in weitem Bogen und fuhr über Shivanasamudra, Manday, Krishnaranajagar und Virajpet nach Cannanore. Die Straßen der etwa 300 Kilometer waren nicht immer die besten, trotzdem kam die Kolonne nicht schlecht voran, die durchschnittliche Geschwindigkeit betrug immerhin etwa 40 Stundenkilometer, reine Fahrzeit gerechnet. Damit wäre der Weg innerhalb von siebeneinhalb Stunden zu bewältigen gewesen, aber niemand kann so lange durchhalten, ohne zwischendurch zumindest ein, zwei Mal seine Notdurft zu verrichten. Also waren von Beginn an Pausen vorgesehen, und die Nacht verbrachten Dinesh und ihr Gefolge in einem Hotel in Pandavapura, etwa 14 Kilometer nördlich von Mysore. Entlang dieses Weges säumten einige Bewohner des Fürstentums die Straße um der Rāni zuzujubeln. Auch in Pandavapura wurde Dinesh herzlich willkommen geheißen und bekam ein prächtiges Zimmer, die Angestellten des Hauses las ihr jeden Wunsch von den Augen ab.

„Das Volk mag mich, Colonel“, bemerkte sie Mahārāni lächelnd zu Orry. „Ob Janani das auch von sich behaupten kann?“

„Mahjime, dazu darf ich keine Meinung haben.“ Der Marine verbeugte sich knapp. „Soweit ich weiß, hatte Sir Tobias Eurem Bruder vorgeschlagen, keinen Einspruch gegen seine Thronbesteigung einzulegen, wenn er die schwangere Janani am Leben ließ. Er war auch bereit, die Witwe Eures Vaters aus dem Land zu bringen, bis Kalkutta. Euer Bruder wollte sie unbedingt tot sehen. Und er wollte gegen Britanniens Gesetz verstoßen und hat unsere Macht heraus gefordert.“

„Und unser Gesetz, Colonel Hazard?“ Das Lächeln Dineshs blieb unverändert, ihre Stimme klang aber etwas kälter. „Ist das gar nichts wert?“

„Nicht, wenn es um Mord geht!“ Orrys Gesicht blieb ausdruckslos. Dinesh holte tief Luft und setzte zu einer Entgegnung an, Orry hob abwehrend die Hand. „Nein, hier bin ich durchaus der Meinung meiner Regierung. Die Ermordung der Witwen ist ein barbarischer Akt. Dazu stehe ich, jede Frau hat das Recht auf ein neues Glück, auch wenn der Ehemann stirbt!“

„So wie meine Stiefmutter mit Sir Tobias?“ Dineshs Stimme bekam einen erotischen Unterton. „Wie zivilisiert! Wo bleibt denn da die Ehre?“

„Ich habe nichts von einem Verhältnis zwischen Janani und dem Resident bemerkt, Mahārāni“, beschied Orry mit steinernem Gesicht. „Und Ehre? Worin liegt die Ehre, ein junges Mädchen mit einem alten Mann zu verheirateten und nach wenigen Jahren zu ermorden? Denn ist doch höchst Wahrscheinlich, dass der alte Mann stirbt. Und falls die Frau vorher stirbt, folgt der Witwer seiner Frau auf den Scheiterhaufen? Das ist, verzeiht die direkten Worte eines Soldaten, ganz einfach Bullshit!“

„Davon verstehen Sie als Brite nichts, Colonel.“ Dinesh schüttelte den Kopf. „Es ist Tradition!“

„Würdet Ihr Eurem Mann auf den Scheiterhaufen folgen, Mahjime?“

„Wenn es der Göttin des Todes so gefällt, werde ich selbstverständlich dem Ruf der Ehre folgen, Colonel“, lächelte Dinesh den Colonel gewinnend an. „Oder würden die Briten es mir verbieten? In Trivandrum sitzt doch ein britischer Resident, oder?“

„Sir Hillary Arthur Convair, ja, er ist in Trivandrum“, nickte Orry Hazard. „Bisher hat er sich nicht sehr in die Belange des Fürstentums eingemischt. Zum einen hatte der ehemalige Radja gute Berater, welche selbstverständlich auch dem neuen zur Seite stehen. Sie haben seiner Majestät auch zu einer Hochzeit mit Euch geraten. Damit die Linie der Putraru Phadmanabas nicht ausstirbt und weiter über das Fürstentum regieren kann. Sie hoffen, das Ihr nicht nur schön und klug, sondern auch – verzeiht – fruchtbar seid.“

„Ich denke, dem Maharadja und mir wird es wohl gelingen, einige Erben hervor zu bringen.“

„Das denke ich auch, Mahjime“, verbeugte sich der Marine.

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Die schlanke Yacht SHIVANANDA war auf 90 Meter Länge und 10 Meter Breite der pure Luxus. Sie war wie eine Klipperbark mit vier Masten gebaut und zusätzlich mit einem Vaporidkessel ausgestattet. Mit knapp 12 Knoten196 lief das Schiff unter Segeln durch das arabische Meer nach Südosten, knapp hinter ihr der britische schwere Kreuzer FLAMBOUROGH der RYE-Klasse. Seine acht 7-zölligen197 und seine zweizöllige198 Rumpfpanzerung machten dieses Schiff nicht zum stärksten Schiff dieser Klasse, mit 193 Meter Länge war die RYE-Klasse im Vergleich zur HASTINGS-Klasse auch nicht sonderlich groß. Allerdings war auch auf dieser Fahrt keine Gefahr zu erwarten. Piraten wagten sich nur noch selten an die indische Küste, seit die leichten Kreuzer in unregelmäßigen Zeitabständen dort patrouillierten und rigoros jedes bewaffnete Schiff kontrollierten.

Captain Victor Cannings nahm sein Fernglas von den Augen und wies nach vorne. „Dort vorne ist Trivandrum, Colonel. Diese roten Dächer dort drüben gehören zum Kuthen Malika Palast. Wie alles hier vorwiegend aus Holz gebaut, aber die Dächer sind mit Ziegeln gedeckt.“

„Hübsch“, bemerkte Orry Hazard und betrachtete das sich bietende Bild. „Ich denke, man hat unsere Annäherung bemerkt, dort treffen schon reich geschmückte Elephanten im Hafen ein. Der Maharadja möchte wohl seine Frau nach Hause holen!“

„Zuerst eher in den Padmanabhaswamy-Tempel, Sir.“ Cannings wies etwas weiter nach links. „Das ist der große Vishnutempel, noch weit größer als der Palast! Der Maharaja soll nicht besser wohnen als Vishnu in seiner Gestalt als Padmanabha! Immerhin muss die Braut noch bemalt und gesegnet werden, dannach soll ihre Geschenke bewundern, dann kommt die Fahrt in den Palast!“

„Ach?“ Der Colonel nahm das zweite mehrstöckige, über das allgemeine Häusermeer ragende Gebäude in Augenschein. „Wird Rama Kiran I. auch im Tempel anwesend sein?“

„Das ist nicht vorgesehen, Sir. Üblicherweise trifft sich das Paar erst später, im Palast.“

„Sehr gut!“

„Sir?“

„Ach, nur so, Captain“, schmunzelte Hazard leise. „Es gibt hier auch eine moslemische Gemeinde?“

„Die wohnen üblicherweise etwas weiter im Norden, Colonel. Am Aakulam See. Das Gebäude am Berghang, das wie eine Moschee aussieht, ist eine Burg aus der Zeit der Mogulen! Das christliche Viertel liegt zwischen dem See und der Küste. Wenn Sie dort hinsehen, können Sie die beiden Türme der Kirche sehen.“

„Sehr schön. Dann wollen wir einmal anlegen!“

An Bord der SHIVANANDA blickte Dinesh ebenso gespannt auf das näher kommende Trivandrum.

„Sieh nur, Herrin, die Elephanten“, jubelte Dineshs junge DienerinCharu. „Der Maharaja hat wirklich schöne Tiere geschickt, um Euch abzuholen. Er ist ein großzügiger, reicher Mann. Zehn Tiere und eine große Kutsche! Rama Kiran wird sicher ein guter Ehemann!“

„Das hoffe ich“, lächelte Dinesh. „Auf jeden Fall ist er ein recht hübscher Knabe. Nun, er wird lernen!“ Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch. ‚Und er wird mir den Thron von Mysore beschaffen‘, fügte die Mahārāni im Gedanken hinzu.

Die Fahrt zum Tempel war ein freudiges Willkommen. Die Bevölkerung in traditioneller festlicher Bekleidung jubelte der neuen Mahārāni lautstark zu, als sie in einer offenen Karosse zum Tempel gebracht wurde. Dort wurde sie vom obersten Brahmanen willkommen geheißen, und sie verbeugte sich mit gefalteten Händen vor dem Abbild Vishnus. Danach wurde sie von Tempeldienerinnen ins Innere des großen Gebäudes gebracht, wo ein großes Becken mit angenehm temperiertem und mit Blütenessenzen aromatisiertem Wasser auf sie wartete. Dort halfen ihr die Frauen aus ihrem Sari, und Dinesh stieg über die gekachelte Treppe in das Bassin, wo sie ihre von der Reise müden Glieder im Wasser treibend entspannte. Danach kamen die Dienerinnen Vishnus wieder und wuschen ihr langes Haar und ihren Körper mit duftenden Essenzen, ehe sie mit dem Auftragen des Hennas begannen. In zierlichen, dünnen Linien wurde ihr ganzer Körper bis hin zu den Fingerspitzen bemalt, vor allem mit Lotosblüten und anderen Glück verheißenden Symbolen. Dabei wurden traditionsgemäß besonders ihre ohnehin großen Brüste, ihre schlanke Taille und ihre runden hinteren Bäckchen betont. Dabei wurde über alles Mögliche gescherzt und gelacht, und der Mahārāni die üblichen guten Ratschläge für den ersten Beischlaf mit dem Maharadja gegeben. Ratschläge, wie sie die adeligen Frauen schon seit hundert Jahren hörten.

Auch auf der Fahrt zum Palast wurde Dinesh lautstark bejubelt, und dann war der große Moment gekommen. Langsam stieg sie die Treppe zum Palast empor, oben trat ein Mann auf sie zu. Sie erkannte ihn nicht sogleich, doch dann durchfuhr es sie wie ein Blitzschlag.

„Ihr seid der Maharaja Rama Kiran?“

Der ältere Mann ergriff ihre Hände und geleitete sie weiter. „Seit mein Onkel diesen Jagdunfall hatte. Traurig, wenn man mit 18 Jahren schon sterben muss.“

„Oh. Ja, sehr schade!“

„Ich habe schon gehört, Ihr seid sehr traditionsbewusst, edle Dinesh. Das freut mich, das freut mein ganzes Volk, denn das sind wir hier im Süden auch. Es freut mich, dass wir Euch eine ganz traditionelle Lebensweise bieten können. Bisher haben wir die Briten immer noch ganz gut austricksen können. Sogar beim Sati!“

„Wirklich?“

„Aber ja!“ Rama Kiran legte seinen Arm um Dineshs Schulter und führte sie weiter in den Palast. „Es muss für Euch ja eine riesige Erleichterung sein, diesen seltsamen westlichen Sitten entkommen zu sein.“ Sie machten vor einem fülligen Mann mit stechenden Augen halt. „Dies, meine Gemahlin ist Yathavan Singh, mein oberster Ratsherr, und dahinter ist seine Gemahlin Benisha. Sie ist es, die sich im Falle um Euren Sohn kümmern wird, bis er den Thron besteigt!“ Die groß gewachsene, hagere Frau faltete die Hände und verbeugte sich. „Sie bringt Dich jetzt in Deine Gemächer und hilft Dir, Dich für den Besuch Deines Ehemannes, also für den meinen, vorzubereiten.“

Rama drängte Dinesh vorwärts, Benisha ergriff ihren Arm mit überraschend festem Griff und zog die junge Mahārāni mit sich.

Gemeinsam mit Yathavan sah Rama den beiden Frauen lächelnd nach. „Wie lange willst Du warten, Maharadja, bis Du …?“

„Bis ich sehe, dass sie ihren Dünkel verloren hat, alter Freund.“

„Und Du glaubst, dass Dir das gelingt?“

„Ich verlasse mich auf deine Gattin, Yathavan! Sie wird ihr schon die richtigen Geschichten erzählen!“

„Das wird sie, mein Fürst! Das wird sie.“

Hinter Denish und Benisha war die Tür ins Schloss gefallen, und die dürre Gattin des Beraters befreite die Mahārāni von ihrem schweren, goldenen Kopfschmuck.

„Ich hänge Euren Schmuck hier auf, Mahatvam199„, erklärte sie und drapierte das Geschmeide geschmackvoll auf einem hölzernen Kopf. „Ich bete zu Shiva, dass er Euch bald einen Sohn schenkt“, plauderte sie weiter. „Immerhin ist unser Herr schon 59! Das ist an sich ja noch kein Alter für einen Mann, da hat er schon noch ein paar fruchtbare Jahre vor sich. Ach, ist das ein hübsches Muster, das die Bramahnin auf Euren Nacken gemalt hat! Also diese Lotusblüte – wunderschön! Die müsst Ihr dem Herrn zeigen! Ich hoffe nur, unser Mahrājāv ist vorsichtiger als sein Onkel! Es war so schlimm, dass er so jung gestorben ist. Und gerade drei Monate vorher hat er geheiratet. Wir haben gehofft, dass seine junge Frau zum Mindesten so lange wartet, bis man sagen kann, ob sie schwanger ist und wenn ja, dass sie das Kind noch austrägt, aber nein! Nun ja, es war ihr Wunsch!“

„Sie hat …?“

„Sie war egoistisch“, bemerkte Benisha mit scharfer Stimme. „So viel Zeit hätte sie sich doch nehmen können, zum Wohl der Dynastie! Reden wir von etwas anderem! Ihr habt eine tolle Figur, Herrin. Unser Herr wird hocherfreut sein, er mag solche Formen. Ihr habt doch das Kamasutra gelesen, Herrin? Das neunte Kapitel des zweiten Buches hat es ihm besonders angetan, wenn man einigen der Dienerinnen glauben will!“

„Oh!“

„Oh ja! Aber Ihr dürft ihm das nicht zu lange gewähren, Mahatvam! Er soll ja bald einen Sohn zeugen!“

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Kabul

„Was soll das heißen, die Russische Armee ist verschwunden?“ Sir Henry Mortimer Durand schlug mit der geballten Faust auf den Konferenztisch. „Zehntausende Soldaten und Kanonen lösen sich doch nicht einfach in Luft auf! So etwas gibt es nur im Märchen!“

„Da muss ich dem Residenten zustimmen, Captain Mowtis.“ General Roberts, der Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Afghanistan und dem Punjab, kraulte seinen mächtigen, rotblonden Backenbart. „Bisher habe ich Sie nie für einen Mystiker oder einen Theosophen wie Miss Helena Petrovna Blavatsky gehalten!“

„Das bin ich auch nicht“, verteidigte sich Jack Mowtis. „Trotzdem können weder ich noch die Afghanen eine Spur von ihnen finden. Vielleicht, wenn wir ein Luftschiff hätten, aber – ich kann es nicht erklären!“

„Die Russkis hat sicher kein Teufel geholt“, bestand Sir Frederick Roberts auf seiner Meinung.

„Ich glaube auch nicht“, warf Colonel Eoghan O’Cinnéide von Irish Fusiliers ein. „Das ist sicher nur ein verdammter Trick! Sie haben sich zurück gezogen und versuchen es ganz woanders, während wir alle auf die Schlucht schauen!“

„Das hätte ich auch zuerst vermutet“, gab Jack zu. „Aber wo ist dann das ganze Gerät geblieben? Die Fahrzeuge? Glauben Sie mir, Colonel, die Strecke blieb von den Afghanen nicht ohne Beobachtung. Nur in das Tal selbst konnten sie nicht schauen!“

„Gibt es eine Grotte, eine Höhle, welche gigantisch genug für diese Armee wäre?“ Colonel Harry Bourgh von den Peschawar Lancers zeigte in einer hilflos wirkenden Geste beide Handflächen. „Ich weiß schon, so einen Monsterstollen hat man bisher noch nicht gefunden, sondern nur künstlich gegraben und mit Beton versiegelt. Aber das bedeutet ja doch nicht, dass es das nicht geben kann, oder?“ Die Stimme des Engländers wurde leiser und verklang schließlich.

„Glauben Sie mir, Sir, auch daran habe ich gedacht!“ Jacks Stimme hörte man die Verzweiflung und die Ratlosigkeit an. „Ich habe wie ein Besessener danach gesucht! Aber die einzige Öffnung, die ich in der Felswand finden konnte, war die Höhle, aus welcher der Bach aus dem Felsen kommt. Ein kleines Kämmerchen im Felsen, und dahinter ein schmaler Spalt. Vielleicht 40 Zoll hoch und 15 breit! Da kommt vielleicht ein schlankes Kind durch, aber kein erwachsener Mann. Und schon gar keine Fahrzeuge!“

„Nun gut, meine Herren!“ Sir Henry stemmte sich hoch und sah die Offiziere funkelnd an. „Mowtis, Sie reiten wieder zurück in dieses Tal und versuchen dort weiter, etwas heraus zu finden. Ich telegraphiere dem Prime Minister, und bis dieser einen Entschluss fasst und uns etwas anderes befiehlt, bleibt alles beim Alten. Außerdem fordere ich ein Luftschiff an, das die Berge abfliegen soll. Besonders diesen Fluss, den Draya-Band-Dingsbums. Außerdem möchte ich, dass ständig zwei Ornithopter in der Luft sind und die Umgebung von Kabul genauer im Auge behalten. Meine Herren, wir könnten hier noch ewig diskutieren, aber im Moment scheinen wir uns im Kreis zu drehen. Überschlafen wir die Situation einmal und reden wir morgen weiter. Ich danke Ihnen, auf Wiedersehen!“

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Punjab

Im Sommer wurde es selbst in Peschawar, der Hauptstadt des Punjab, manchmal ziemlich heiß, trotz der Lage am Rand des Hindukusch. So war es auch kein Wunder, dass die vornehmen Sikhs, die es sich leisten konnten, in den Bergen nördlich der Stadt ihre Sommerpaläste unterhielten. So zog auch jedes Jagr spätestens im April die Mahārāni Sudarā in den 35 Kilometer entfernten Sudara-Driśām-dā-Mahila. Ein Umstand, der Sir Simon, 6th Viscount of Brunell mit einem gewissen Neid erfüllte, denn er als Resident musste natürlich wie die Regierung des Punjab in der Hauptstadt verweilen. Die Rani selbst wollte von der Regierung ihrer Provinz nicht viel wissen und hatte ihren Wesir angewiesen, den Befehlen des englischen Statthalters zu gehorchen. Und weil sie das dem Vizekönig und Gouverneur von Britisch-Indien direkt mitgeteilt hatte, trug der Resident eben die Verantwortung für den Punjab. Und nun musste er eben im Sommer schwitzen, während Sudarā im kühlen Bergpalast eine angenehme Zeit hatte.

Sir Simon wischte sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von seinem Scheitel. Dieser war im Laufe der letzten Jahre bereits ziemlich breit geworden, das Haar begann erst auf Höhe der Augenbrauen, wenn man von vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig Härchen absah, welche sich auf seinem sonst kahlen Schädel ringelten. Den lockigen Backenbart trug er lang, er reichte beinahe bis an seine Brust, der Schnurrbart war hochgezwirbelt und das Kinn glatt rasiert. Seine Hand fuhr zum wiederholt Mal zum Kragen und schob sich unter die um den Hals gebundene Schleife, der Schweiß juckte in Verbindung mit dem gestärkten Stoff.

„Sir, ich versichere Euch, dass diesseits des Khyber-Passes alles ruhig ist und hier keinerlei Gefahr von den Einheimischen ausgeht. Es gibt zwar so etwas wie einen Premierminister und eine eingeborene Fürstin, aber die Regierung ist fest in britischer Hand. In meiner! Eure Gattin und Ihr selber seid hier absolut sicher, Euer Lordschaft! Ebenso sicher wie auf Euren Gütern in Old England!“

„Nun wohl!“ Lord Marlon Pinkerton, 28th Earl of Highforrest legte seine Fingerspitzen aneinander. „Lady Scarlett würde ungern auf ihren täglichen Ausritt verzichten, Sir Simon, ich selbst bin aber leider verhindert. Vielleicht hätten Sie einen verlässlichen Offizier, welcher sich um meine Gattin kümmern könnte?“

„Den habe ich tatsächlich, Mylord!“ Der Resident griff zur Sprechanlage und betätigte einen Hebel. „Lieutenant Westham, meine besten Grüße an Major Conrad, er möge sich so rasch wie nur möglich hier einfinden!“

„Sofort, Sir“, kam die Antwort aus dem Lautsprecher.

„Bei welcher Truppe ist denn der Mann, Resident?“, verlangte der Earl mit knappen Worten informiert zu werden.

„Major Charles Conrad, 14th Vicount of Dorham ist Kavallerieoffizier, Euer Lordschaft. Er ist ehrlich, treu, tapfer und clever.“

„Hm. Erfreulich! Wie alt?“

„Kein junger Spund mehr, der Major wurde vor kurzem 38 Jahre alt, Euer Lordschaft!“

„Das passt mir. Schicken sie mir den Mann doch in mein Haus.“

Lord Marlon Pinkerton sah genau so aus, wie man sich einen Abkömmling der Angelsachsen vorstellte. Groß gewachsen und schlank, sein rotblondes Haar trug er modisch kurz und straff nach hinten gekämmt, der Vollbart war, ebenso wie der Schnurrbart, kurz gestutzt. Die grauen Augen hatten den standesbewussten Blick eines Mannes, dessen Familie bereits 1485 von König Henry VII. Tudor nach dessen Sieg gegen Richard III Plantagenet in der Schlacht von Bosworth Fields die erbliche Herzogswürde erhalten hatte. Jetzt hatte es sich der Duke in den Kopf gesetzt, einmal Britisch-Indien zu bereisen und, wenn er schon hier war, auch noch Kabul zu besuchen. Das war ja schon fast dabei, die Umbenennung und endgültige Annexion war doch nur noch eine reine Formsache. Da traf es sich hervorragend, dass Sir Henry, der Resident in Kabul, ein Luftschiff und einige Ornithopter angefordert hatte. Bequemer und schneller als durch die Luft konnte man nicht reisen, auch wenn es ein militärisches Fahrzeug war.

Natürlich wohnte seine Lordschaft, der Duke of Highforrest, nicht in einem Hotel. Sein Agent hatte dafür gesorgt, dass er einen der im Sommer leer stehenden Paläste beziehen konnte, und Shree Balavaan Singh, einer der Adeligen des Punjab, wäre es selbstverständlich eine Ehre gewesen, Lord Marlon noch länger als bis zum Oktober in seinem Haus zu wissen. Der Shree hatte auch nicht alle seine dienstbaren Geister mit in seine Sommerresidenz genommen, sodass dem Lord und Lady Scarlett genügend Personal zur Verfügung stand. Jetzt eben kam die Lady in einem cremefarbenen Reitkleid und einem breitkrempigen Hut die Treppe herab in die Halle, wo Major Conrad bereits wartete. Die Lady war um einiges jünger als ihr Gatte und sich sowohl ihrer gehobenen Stellung als auch ihrer Schönheit durchaus bewusst. Gekonnt setzte sie beides immer wieder ein, um ihren Willen durchzusetzen.

„Sie sind also mein Beschützer“, fragte die Lady und benutzte dabei, wie alle englischen Frauen von guter Herkunft, die helle Kopfstimme.

„Major Conrad, zu Euren Diensten, Mylady“, salutierte der Viscount korrekt, ehe er sich über die Hand der Dame beugte.

„Nun, Major Conrad, ich hoffe, Sie sind mit einem Pferd gekommen? Ich möchte gerne nach Nordosten reiten. Zuerst ein Parforce-Ritt über die Ebene und dann ein wenig in die Schluchten. Gibt es dort auch hübsche Paläste?“

„Den größten und schönsten, Mylady. Den Sommerpalast der örtlichen Fürstin, der Rāni Sudarā!“

„Ist er zu besichtigen, Major?“ Die Lady ging voraus in den Pferdehof, wo ein schöner Rappe mit Damensattel auf sie wartete. „Ich muss jetzt auf einem Sattel reiten, der eigentlich der Frau von Sir Simon gehört. Können Sie sich das vorstellen? In ganz Peshāwar gibt es nur die Sättel der englischen Damen!“

„Wenn wir einen Boten auf einem Trike voraus senden, der die Rāni benachrichtigt, lässt es sich wahrscheinlich einrichten, dass Euer Ladyschaft der Rāni vorgestellt und zum Tee eingeladen werden.“

„Ich werde ihr …?“ Lady Scarlett verschlug es die Sprache. „Mein Mann ist ein Peer von England, ein Herzog, und …!“

„Der damalige Generalgouverneur und Vizekönig in Kalkutta, Sir Robert Bulwer-Lytton hat 1877 befohlen, die Radjas als Fürsten zu respektieren, Mylady“, erklärte Major Conrad. „Seine Exzellenz, Vizekönig George Robinson erneuerte diesen Befehl 1880, sein Nachfolger, Sir Frederick Hamilton-Temple-Blackwood bekräftigte 1884 die Order bei seinem Amtsantritt und festigte ganz dezidiert die Stellung von Mahārāni Sudara als Fürstin im Punjab. Sir Henry Petty-Fitzmaurice bestätigte die Anweisung voriges Jahr noch einmal, und auch er erwähnte Sudarā ganz explizit in seinem Schreiben. Daher ist die Mahārāni Sudarā für das Protokoll die Fürstin hier in dieser Provinz, und damit die ranghöchste Person, falls nicht ihre Majestät, die Königin zu Besuch käme.“

„Und – und hier machen alle vor dieser – dieser Slapper, dieser Hussy einen Kniefall?“, erregte sich Scarlett Pinkerton und erging sich dabei in nicht ganz ladyliken Ausdrücken.

„Wenn wir bei ihr eingeladen sind und sie besuchen, dann behandeln wir sie respektvoll, Mylady“, bestätigte Conrad. „Seht, Sudarā ist de jure Mahārāni, also Princess von Peshāwar. Allerdings ist sie mehr an Theater, Oper und Literatur interessiert als an der Politik. Deswegen tanzt auch ihr Premierminister nach unserer Pfeife. Sie erhält eine vergleichsweise lächerliche Apanage, ihre Diener und die Soldaten werden über das Büro des Residenten bezahlt, daher haben wir auch noch vollen Einblick in ihre Geschäfte. Damit ist der Resident de Facto der Herr im Lande. Aber Seine Exzellenz, der Vizekönig und Generalgouverneur wünscht ganz besonders hier an der afghanischen Grenze keine Probleme, also sollen wir dem jungen Mädchen gefälligst Honig ums Mäulchen streichen, damit sie still hält. Und wir sollen natürlich auch verhindern, dass sie einen Mann heiratet, der politische Ambitionen hat.“

„Also alles nur Theater?“

„Natürlich, Euer Ladyschaft. Eine Burleske, wenn Ihr so wollt! Unser Militär benötigt die Ebene von Peshāwar als Aufmarschgebiet zu unserer Verteidigung. Keine dreißig Kilometer westlich liegt der Khyber-Pass, dahinter beginnt schon Afghanistan. Auch wenn wir Dschalalabad gut befestigt haben, könnten die Afghanischen Mujaheddin trotzdem über den Pass in Britisch-Indien einfallen. Außerdem – ein Befehl des Vizekönigs ist für uns bindend!“

„Nun gut. Heda Boy, hilf mir beim Aufsteigen“, befahl Lady Scarlett einem einheimischen Diener. „Schickt den Boten los, Major, und folgt mir dann. Ich werde mich an diesem Spiel beteiligen und mich der Rāni vorstellen lassen!“

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Am nächsten Morgen ritten Lady Scarlett Pinkerton und Major Charles Conrad gut gelaunt durch die letzten Ausläufer des Hindukusch in das Tal von Peshāwar.

„Euer Ladyschaft hat hervorragendes schauspielerisches Talent bewiesen. Selbst ich hätte beinahe Euren Respekt geglaubt!“

„Machen Sie sich nicht lächerlich, Major“, schnaubte Lady Scarlett. „Aber es hat mich direkt amüsiert, dieses naive, braune Ding im glauben zu lassen, dass wir sie als uns Engländern gleichwertig betrachten könnten.“ Rāni Sudarā hatte die Lady und den Offizier nicht nur zum Tee, sondern auch zu einem köstlichen Abendessen und einer Nächtigung eingeladen. Die Lady hatte wie vereinbart die Burleske mitgespielt, hatte vor der Fürstin mit durchgedrücktem Kreuz geknickst und sich benommen, als wäre sie bei der Queen persönlich zu Besuch. Innerlich aber hatten die Briten gelacht, denn ein wenig Schmeichelei war ein wohlfeiler Preis für das strategisch wahrscheinlich wichtigste Gebiet von Britisch-Indien.

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„Mahjime?“ Oberst Chatar Jagjeet war auf den Balkon seiner Fürstin getreten, welche eben nachdenklich lächelnd den Hindukusch betrachtet hatte. Jetzt wandte sie sich dem wartenden Offizier ihrer Leibgarde zu.

„Sie sind weg, Oberst Jagjeet?“

„Das sind sie, Māhārani.“

„Wahrscheinlich schütten sie sich gerade aus vor Lachen, wie gut sie diese dumme, naive Farbige belogen haben!“ Immer noch lächelnd drehte sie sich wieder zum Berg um, stützte sich an der Brüstung ab. „Das Luftschiff CORMORANT und acht Ornithopter sind von hier nach Kabul verlegt worden, die TIT mit drei Ornithoptern nach Dschalalabad. Und doch – wir müssen noch warten! Es reicht nicht, die Briten einmal zu schlagen, wir müssen das eroberte Gebiet auch halten können.“

„Werden wir es erleben, Mahjime?“

„Wenn nicht wir, dann unsere Kinder, Oberst. Ich werde einen den Briten annehmbaren Ehemann brauchen, Chatar! Einen, den sie nicht fürchten!“

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Kalifornien

Nicht nur unter den Cheyenne war Bärenfrau eine wahre Riesin, mit sechs Fuß zehn Inch (~ 210 Zentimeter) war sie der größte Mensch in Eisenkralles Truppe. Sie war von wohlproportionierter Gestalt und hatte ein durchaus hübsch zu nennendes Gesicht, nur war eben alles an ihr groß. Auch ihr Appetit, den ein Mann allein noch nie zu stillen vermocht hatte, ihr war der Männerüberschuss in der Gruppe durchaus recht. Sie hatte schon jeden der Krieger mehrmals auf ihrem Fell willkommen geheißen, und sie sah nicht, was daran schlecht sein sollte. Immerhin kamen ja auch die Männer durchaus auf ihre Kosten, und bisher hatte sie noch keinen Mann dazu zwingen müssen. Ihre Rundungen waren bei aller Größe wohlgeformt und straff.

Jetzt robbte sie auf einen Felsvorsprung und betrachtete die mit einem Drahtzaun und einer Mauer umgebenden Mine.

„Dort ist der Lagerschuppen für das Dynamit, mit dem die Weißen ihr rotes Metall aus Mutter Erde holen.“ Loco Lobo wies Bärenfrau ein, die nickte bestätigend und inspizierte den hell erleuchteten Weg vom Tor in der Umfriedung bis zu dem Gebäude.

„Über die Felswand kann man nicht in das Lager kommen?“, fragte sie, und der Apache schüttelte den Kopf.

„Unmöglich“, erklärte er. „Hier unten ist die Wand zu glatt, und weiter oben nicht stabil genug. Ich habe drei Freunde verloren, die es versucht haben, und die waren gute Kletterer!“

„Ich verstehe.“ Bärenfrau beobachtete weiter. „Bleibt das Licht die ganze Nacht?“

„Nur bis Mitternacht“, teilte Lobo Loco seine Beobachtungen aus den letzten Monden mit der Cheyenne-Krigerin. Er und einige seiner Stammesgenossen hatten schon länger Überfälle geplant und durchgeführt, schon ehe die Cheyenne nach Nevada und Kalifornien gekommen waren. „In Stadt dauert es eine Stunde länger!“

„Dann warten wir eben. Wir wollen die Städter da drüben ja noch nicht unnötig aufscheuchen!“

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Coppertown lag in dieser Nacht wie immer im strahlenden Licht der elektrischen Lampen. In den letzten Tagen hatte man die Straßen an den Stadtgrenzen mit Mauern aus Holz verbarrikadiert und die Häuser am Stadtrand nach außen in Festungen verwandelt. Dazu hatte man noch einen Drahtzaun rund um Coppertown gezogen, was Eisenkralle ein zufriedenes Lächeln entlockte.

„Glauben die Weißen denn wirklich, sie könnten echte Krieger mit ein wenig Draht aufhalten?“, flüsterte er Wildes Pumaweibchen zu. „Ein Kind könnte das Hindernis überwinden!“

„Wir sollten trotzdem warten, bis sie das Licht abdrehen“, antwortete sie. „Wenn alles schläft …!“

„Natürlich“, stimmte er zu. „Warten wir.“

Sie beobachteten weiter die Stadt, und was sie sahen, war das ganz normale Treiben einer Stadt. Einige Männer gingen in den einen oder anderen Saloon, wohl um ein Bier oder einen Brandy zu trinken, andere saßen vor dem Café, rauchten und unterhielten sich. Alle hatten Revolver umgeschnallt, und einige Männer mit doppelläufigen Parker-Schrotgewehren, deren Läufe auf elf Zoll gekürzt waren, patrouillierten auf den Gehwegen. Ein Pritschenwagen mit zwei in Längsrichtung montierten Bänken wurde auf den Hauptplatz gefahren, und eine Dampfsirene heulte laut in der lauen Sommernacht. Etwa fünf Minuten später ertönte das Horn ein zweites Mal, und aus den billigeren Saloons strömten Minenarbeiter, um den Pritschenwagen zu entern. Ein Nachzügler streifte sich noch im Laufen die Hosenträger auf die Schultern und schloss seinen Hosenlatz, ehe er als letzter auf die Ladefläche stieg. Der Dampfwagen mit den gut gelaunten Männern setzte sich, als dieser Mann endlich auch saß, in Richtung der Mine mit den Wohnheimen der Bergmänner in Bewegung. Auf einem Balkon im zweiten Obergeschoss erschien jetzt eine Frau, welche nur mit knielangen Unterhosen und einem geschnürten Korsett bekleidet war. Sie rollte sich mit routinierten Bewegungen eine Zigarette und riss ein Schwefelholz an, um den Rauch tief und gierig zu inhalieren. Ihre stumpfen Augen sahen ins Leere, als sie eine Flasche mit Weinbrand entkorkte und gleich aus der Flasche einen großen Schluck nahm. Dann warf sie die Zigarette auf die Straße, strich das hennagefärbte rote Haar zurück und bastelte an einem halbwegs glaubwürdig wirkenden Lächeln. 11:30 Uhr, Schichtwechsel. Die Farmer waren schon lange weg, sie fuhren meistens um sechs Uhr nach Hause, die Bergleute waren gerade eben gefahren, jetzt kamen die Cowboys aus den Kneipen auf einen Sprung oder zwei in die billigen Bordelle. Also, es ging weiter, auf ins Erdgeschoss, in den Tanzsaal, wo die Jungs sicher schon warteten. Und sie waren wirklich schon nach dem zweiten Signalton des Pritschenwagens ins Freie geströmt, warteten, bis der Wagen losfuhr und strebten dann dem Copper Rose entgegen. Der Sheriff hatte ganz klare Anweisungen gegeben. Coppertown war wohlhabend und satt wegen der Mine, deren Gewinn von den Bergleuten erarbeitet wurde, also hatten die Bergleute am Abend halt Vorrang bei den Damen.

Knapp vor 1:00 Uhr Nachts wurde wieder ein Signalhorn ausgelöst. Langsam leerten sich die Straßen, einige Cowboys gingen zum Hotel, andere schwangen sich auf ihre Steam-Powder-Trikes oder Pferde und ritten die Straße hinunter und durch das Tor im Zaun, welches ein Posten beiseite rollte. Hinter dem Letzten schloss er das Tor wieder und versperrte es mit einer Kette, dann beeilte er sich, hinter die Mauer zu kommen. Mit einem letzten Signal eines Dampfhornes verlosch die Straßenbeleuchtung und Coppertown lag ruhig in der Dunkelheit.

Feuer in der Prairie wollte aufstehen und nach vorne gehen, doch Eisenkralle hielt ihn zurück.

„Warte noch“, befahl er.

Auch Wildes Pumaweibchen legte dem hünenhaften Krieger ihre Hand auf die Schulter. „Unsere besten Waffen sind Stille und Unsichtbarkeit“, erklärte sie. „Nur noch kurze Zeit.“

Endlich hielt auch Eisenkralle den richtigen Zeitpunkt für gekommen, Coppertown zu überfallen. Lautlos pirschten sich die Cheyenne näher, bis sie vor dem Zaun standen.

„Kinderleicht zu erklettern“, befand Eisenkralle und fasste in eine Masche. Ein stechender Schmerz durchfuhr seine Hand und lähmte seine Muskeln, während der Schmerz immer stärker wurde. Nur mit Mühe konnte er sich losreißen und sank zusammen. Währenddessen waren am Fuß der Mauer starke Scheinwerfer aufgeflammt, hinter dem Tor war kurze Zeit später ein dumpfer Knall zu hören. Sofort, als die Scheinwerfer angingen, wollten die Cheyenne wieder in der Dunkelheit verschwinden. Ein grelles Pfeifen folgte auf den Knall, ein Schrapnellgeschoss explodierte über dem Trupp und erfüllte die Luft mit glühend heißen kleinen Metallsplittern, welche Muskeln und Organe zerfetzten sowie Knochen zertrümmerten. Von der Mauer um die Stadt nahmen nun Gewehrschützen jede Bewegung unter Feuer, und aus dem Tor bewegte sich ein Steam-Wagon, dessen Führerstand und Ladefläche mit Bronzeplatten geschützt waren. Aus den Schießscharten dieses Fahrzeuges ragten Gewehrläufe, während vier auf dem Dach montierte Scheinwerfer die Umgebung des Wagens hell ausleuchteten. Auch aus dem Wagen wurden die überraschten Cheyenne unter Feuer genommen, ohne dass sie wirkungsvollen Widerstand leisten konnten. Dreißig Angreifer starben bei diesem Angriff, unter ihnen Eisenkralle, Scharfes Messer und Feuer in der Prairie. Wildes Pumaweibchen wurde zwar verwundet, konnte aber mit dem Krieger Bluttrinker und dem Apachen Hondo dem Tod im Feuerhagel entkommen.

Etwa eine Meile den Black Creek flussaufwärts machte sich Bärenfrau zum Kampf bereit. Als sie ihren Colt-Revolver aus dem Halfter nahm, den Lauf abknickte und die Ladung kontrollierte, wirkte die schwere Waffe im Kaliber .45 in ihren Händen wie eine von den kleinen Taschenpistolen.

„Also los, Schwestern und Brüder“, wandte sie sich an die anderen zehn aus ihrer Gruppe. „Holen wir uns das Dynamit! Hoka Hey!“ Sie wollte sich erheben, doch der neben ihr liegende Loco Lobo legte seine Hand auf ihre.

„Warte“, zischte er leise. „Seid einmal ganz ruhig!“ Er lauschte und spähte flussabwärts. „Da ist etwas schief gegangen“, erklärte er aufgeregt. „Hört doch, da wird bei der Stadt geschossen. Das war nicht geplant!“

„Und wenn schon.“ Scharfes Auge spähte zur Mine hinüber. „Dort drüben ist es doch noch ruhig!“

„Zu ruhig“, schnappte Loco Lobo, und Bärenfrau nickte.

„Ich verstehe. Eigentlich müssten sie auch in der Mine den Kampf hören und reagieren. Dass sie es nicht tun, ist verdächtig. Zurück, Freunde! Wir werden uns in ein Versteck zurück ziehen und einmal beraten!“

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Sankt Petersburg

Der Newsky Prospekt war die prächtigste Straße in der russischen Hauptstadt Sankt Petersburg. Sie verband die neben dem Winterpalast liegende Admiralität in ost-südöstlicher Richtung mit dem Alexander-Newski-Kloster und durchquerte dabei eine Halbinsel, welche von dem Fluss Newa gebildet wurde. An diesem Prachtboulevard lagen auch die Paläste der wichtigsten russischen Adelsfamilien wie etwa der Potjomkins und der Truchanows, die größten und schönsten in der Nähe des Zarenpalastes. Weiter im Osten lagen die Häuser des niederen Adels und jene der Industriellen und reichen Handelsherren. Auf diesem breiten, mit Bäumen bepflanzten Boulevard war die Welt freundlich, sauber und elektrisch erhellt, also völlig in Ordnung.

Nur wenige Meter entfernt, in den kleinen Gassen hinter den Palästen, begann auch in Sankt Petersburg die heile Welt zu bröckeln. Es gab zwar manchmal breitere Straßen, an denen sich halbwegs wohlhabende Handwerker und Krämer angesiedelt hatten, doch die meisten Petersburger lebten in dürftigen und ärmlichen Verhältnissen, meist von der Hand in den Mund. Ein Elektrizitätsnetz war zwar vorhanden, beleuchtete aber nur die Hauptstraßen. In den Nebengassen, wo die Armen wohnten, herrschte Schmutz und schlechte Luft vom Rauch tausender Holzherde und in den kalten Monaten selbst während des Tages trübes Zwielicht. Selbst auf den Straßen stank es noch nach Kohl und Rüben, die Hauptnahrungsquelle der Ärmsten, und es konnte geschehen, dass ein Toter tagelang in der Gosse liegen blieb, während die Passanten einfach über ihn hinweg stiegen. Es war beinahe alltäglich, und kaum jemand erregte sich darüber. Die Prospekts blieben selbstverständlich davon verschont, denn hier sah die Polizei darauf, dass niemand hier saß und vielleicht durch Bettelei die reichen Herrschaften belästigte. Außerdem holten die Polizisten regelmäßig einige Podenshchiki, wie in Russland die Tagelöhner genannt wurden, von der Straße und Richter verurteilten diese dann zur Zwangsarbeit. Zum Putzen der Prospekts für nur wenige Kopeken. Es war daher nicht weiter verwunderlich, dass Gaunereien, Diebstahl, Raub und Mord in Russland weit verbreitet war, ebenso Prostitution.

Alle Versuche des Zaren Wladimir III Alexandrowitsch, diese Zustände zu ändern, waren bisher gescheitert. Knapp hinter Moskau war sogar noch die Leibeigenschaft durchaus an der Tagesordnung, die Adeligen und Bojaren fanden immer wieder Wege, der Aufhebung aus dem Weg zu gehen. Weit weg von der Hauptstadt und dem Zaren beuteten die Grundbesitzer immer noch nach Lust und Laune ihre völlig eingeschüchterten und aller Rechte beraubten Pächter aus und vergewaltigten die Töchter und Frauen ihrer Kleinbauer, wann immer es ihnen in den Sinn kam, während die restliche Familie daneben stand und aus Angst vor der Knute keinen Muskel zu rühren wagte. Denn der Besitzer war auch Herr über Leben und Tod seines Eigentums, und er war meistens mit der Peitsche schnell zur Hand. Sollte ein solcher Missstand je einmal zur Anzeige gelangen, war es für die Herrschaften nicht schwer, ein ihnen genehmes Urteil zu kaufen, zumeist landete der Kläger selbst nach einigen Peitschenhieben am Galgen. Auch vom Zaren ausgesandte Revisoren änderten die Situation nicht, sie kamen entweder mit vollen Taschen oder gar nicht mehr zurück.

Die Lomonossow-Ulitsa war dem mittelständischen Bereich zuzuordnen. Hier wohnten und arbeiteten kleine Händler und Handwerker wie Tischler, Schuster oder Schneider. Es waren Familien, die es schafften, nicht nur im Winter in einer warmen Wohnung zu leben und sich täglich satt essen zu können, sondern auch mit Geduld und Sparsamkeit Kopeke auf Kopeke zu legen. Damit es den Söhnen besser gehen sollte, und man konnte sich hier den guten Wodka aus Getreide kaufen. In dieser Gegend ging man meistens zu Fuß, die Waren und Rohstoffe wurden nur ganz selten mit einem Dampfwagen befördert, ein- oder zweispännige Karren waren auf dieser Straße schon eher zu finden. Daher erregte das Erscheinen der dampfbetriebenen Kutsche durchaus ein gewisses Aufsehen, als sie durch die Lomonossow-Ulitsa rollte. Eine schlanke Frauenhand wurde sichtbar, welche die Vorhänge zu Seite schob, ein schmales, junges Gesicht wurde dahinter sichtbar, große Augen betrachteten die Gebäude der Straße. Endlich blieb das Fahrzeug vor der Nummer 78 stehen, die junge Frau öffnete eigenhändig den Schlag, stieg auf die Straße und ordnete ihre einfachen, aber aus gutem Stoff bestehenden Kleider. Dann sah sie sich einmal tief durchatmend um.

„Irina?“ Eine ältere Frau war aus dem Wodka-Lokal auf die Straße gekommen und musterte die jüngere ungläubig. „Du bist doch Irina Fedorowna, die Tochter vom Tischler Tokar, ein wenig die Straße hinauf?“

„Die bin ich wirklich, Galina Iwanowa“, nickte Irina. „Einen schönen Tag, Matushka.“

„Dir auch, Irina Fedorowna!“ Galina rang die Hände. „Hübsch bist du geworden, Mädchen. Wirklich sehr hübsch. Und eine Kutsche hast auch!“

„Das ist nicht meine Kutsche, Matushka“, lächelte Irina. „Es geht mir bei meiner Herrin zwar sehr gut, aber eine eigene Kutsche kann ich mir denn doch nicht leisten!“

„Und was machst du hier, Mädchen?“

„Du weißt doch, Matushka, dass auf der anderen Seite des Hauses, in der Drevesina-Ulitsa 85, eine Ausspeisung für die ganz Armen ist.“

„Oh ja!“ Galina bekreuzigte sich. „Die Ärmsten können sich doch noch nicht einmal ein kleines Gläschen Wodka aus Kartoffeln leisten, um sich ein wenig aufzuheitern!“

„Nun ja, Wodka gibt es bei uns auch keinen, aber einen Teller heiße, fette Suppe mit ein wenig Fleisch darin schon“, erklärte Irina. „Und ich soll hier mit diesen anderen dort die Küche übernehmen.“

Diese anderen waren drei andere Frauen, welche ebenfalls aus der Kutsche gestiegen waren. Sie alle waren noch jung, zwischen 25 und 30 Jahre alt, und recht hübsch. Was sie noch gemeinsam hatten, man aber jetzt nicht sehen konnte, war ihr Schicksal. Alle waren sie von ihrem früheren Dienstherren geschwängert und dann auf die Straße gesetzt worden. Überall auf der Welt ein häufiges Schicksal von gut aussehenden Mädchen, welche als Zofen, Zimmermädchen oder Küchenhilfen in den Palästen der Reichen arbeiten mussten. Hier in Sankt Petersburg hatte die österreichische Frau des jüngsten Bruders des Zaren, Elisabeth Anna, eine Einrichtung geschaffen, in welcher diese Mädchen ihre Kinder gebären und versorgen konnten. So lange, bis sie wieder arbeiten konnten, und dann versuchte die Gesellschaft der heiligen Margarethe von Antiocha einen guten Platz für ihre Schützlinge zu finden. Diese vier Mütter wohnten mit ihren Kindern noch im Heim, sollten aber tagsüber für eine der von der Schwester des Zaren, Marja Alexandrowna, unterhaltenen Armenküchen arbeiten. Sie waren darüber ganz und gar nicht unglücklich, denn hier wurden sie zumindest weder körperlich belästigt noch anderweitig gequält und wussten ihre Kinder im Heim in guter Obhut.

Marja Alexandrowna hatte sich bei der Einrichtung der Armenküche nicht der Illusion hingegeben, dass arm automatisch auch gut bedeutet. So war die einige Verbindung zwischen der Küche und dem Speisesaal ein Loch in einer Gitterwand, durch welches die Frauen die Teller reichten. Für Ruhe vor Ort sorgten einige stämmige Männer mit guten Eichenknüppel, welche auch verhinderten, dass die Starken sich vor die Schwachen drängten. Die Küche selbst war nur von der Hinterseite des Hauses zu betreten, und diese erreichte man nur durch den Hof des Hauses Lomonossow-Ulitsa 78.

„Also, auf geht’s, Mädels!“ Olga Jefimowa klatschte in ihre Hände, und Irina verabschiedete sich rasch von Galina.

„Ich muss arbeiten, Matushka. Vielleicht können wir später noch plaudern!“

„Geh nur, Mädchen“, nickte Galina. „Vielleicht habt ihr vier ja später Zeit, um auf ein Gläschen Wodka bei mir vorbei zu sehen!“

„Danke, Matushka! Bis später!“

=○=

Die nach den Heiligen Peter und Paul benannte Festung auf der Haseninsel war nicht nur ein Bollwerk, welches die Newa beherrschen sollte, sondern diente auch als Gefängnis für besondere Gefangene. Nämlich für politische. Der junge Mann mit dem beinahe mädchenhaft wirkenden Gesicht, welcher von zwei Posten durch die Gänge der Haftanstalt geführt wurde, machte allerdings keinen wirklich leidenden Eindruck. Natürlich trug er nur eine einfache, weiße Kossoworotka, eine schwarze Hose und einfache, derbe Schuhe, aber man hatte ihn weder geschlagen noch gar gefoltert, und auch die Verpflegung war nicht ganz schlecht gewesen. Vielleicht ein wenig eintönig, aber die Peter-und-Paul-Festung war nun einmal kein Luxushotel.

Nach vielen Sicherheitstüren erreichten die drei Männer den Bürotrakt, einer der Soldaten klopfte an der Tür des Kommandanten und öffnete nach einem barsch gebellten „Herein!“ die Tür.

„Gospodin General, der Gefangene Uljanow!“, meldete der Soldat, dabei stramm salutierend.

„Herein mit ihm“, rief der General laut, und der zweite Posten schubste den 23-Jährigen Studenten in das Büro. Der Kommandant erhob sich hinter seinem Schreibtisch und ging um Alexander Iljitsch herum. „So, das ist also der Herr Revolutionär, der alle Adeligen und Besitzenden umbringen möchte. So gefährlich sieht er aber gar nicht aus!“ Uljanow schwieg, und General Immeretinsky hob die Braue. „So schweigsam, junger Mann? Nach den Akten hier redest du doch sonst eine ganze Menge.“

„Hätte es einen Sinn, wenn ich spräche?“ fragte Alexander Iljitsch. „Das Urteil der Herrschenden über mich steht doch ohnehin schon fest! Ich bin ein Verbrecher, weil ich Gerechtigkeit und ein Ende der Armut für das Volk fordere!“

„Nein, Uljanow“, widersprach der General. „Sondern weil du es mit Gewalt erzwingen willst. Aber egal, dort ist ordentliche Kleidung, zieh dich um!“

„Soll ich vielleicht in einem neuen Kittel gehängt werden?“

„Vielleicht wirst du es dir noch wünschen. Du sollst heute eine Tasse Tee mit dem Zaren trinken. Dawai, dawai, Uljanow!“

„Ja, natürlich!“ Alexander Iljitschs Tonfall war ironisch, er schlüpfte aus dem Hemd und der Hose, er dachte, dass jetzt wohl der wirklich unangenehme und demütigende Teil seiner Haft käme. Einige seiner Mithäftlinge hatten angedeutet, dass der General – nun ja, etwas eigen war. Aber da half nichts, Augen zu und durch. Nur keine Angst und Schwäche zeigen.

„Hübsch gebaut, Uljanow.“ Der General hatte sich wieder hingesetzt. „Wirklich hübsch. Aber jetzt zieh dir das Zeug dort an. Der Zar wartet!“

Die neue Kossoworotka von Alexander Iljitsch war ebenfalls weiß, doch die Knopfleiste und der Kragen waren zumindest mit ein wenig Stickerei verziert, und er durfte einen Gürtel tragen. So adjustiert legte man ihm wieder Handschellen an und führte ihn über einen Hof zur Anlegestelle für Boote. Die Haseninsel war nicht mehr mittels Brücken mit einem der Ufer des Flusses Newa oder des Kronwerk-Kanals verbunden, seit die 1703 gebaute Johannisbrücke unter Nikolaus I. wieder abgebaut wurde, sodass Boote die einzige Möglichkeit waren, die Peter-und-Paul-Festung zu betreten oder zu verlassen. Nun ja, eine waghalsige Aktion mit einer Strickleiter und einem gut geführten Luftschiff wäre wohl zumindest nicht ganz unmöglich gewesen. Nur sehr unwahrscheinlich.

Durch das gut bewachte, neben der Naryschkin-Bastion gelegene Newa-Tor gingen der Revolutionär, seine auf vier Mann aufgestockte Bedeckung und General Alexander Konstantinowitsch Immeretinsky zum Bootsanleger. Ein Fährboot wartete bereits mit laufendem Motor, und Uljanow betrat das Fahrzeug sofort und ohne zu zögern. Nicht, dass ihm zaudern etwas genützt hätte, die Mossin-Gewehre der Wachen und die Bajonette sprachen eine nur allzu deutliche Sprache. Kaum waren die Männer an Bord, nahm das Schiffchen Fahrt auf und überquerte die Newa, um an einem Bootssteg an der Dvortsovaya Naberezhnaya, dem Palastdamm, in der Nähe des Winterpalastes wieder anzulegen. Dann wurde der Häftling zu einer unauffälligen Tür gebracht, wo General Immeretinsky in einem bestimmten Rhythmus auf einen Knopf drückte. Links und rechts neben der Tür öffneten sich kleine Luken, und Alexander Iljitsch sah, wie sich die Läufe zweier Maxim-Gewehre auf die Gruppe richteten. Was noch alles durch die Schießscharten auf sie zielte, konnte er nicht erkennen, aber er wusste, dass jetzt besser niemand einen Fehler machen sollte.

„Parol‘“, rief von drinnen eine befehlsgewohnte Stimme.

„Uljanow“, antwortete der General kurz.

„In Ordnung, Herr General!“ Dieses Mal klang die Stimme nicht mehr so kurz angebunden und höflicher. „Das Tor wird sofort für sie geöffnet!“ Dennoch dauerte es noch etwas, bis der Türflügel aufschwang. Die Mündungen der Maxims drohten immer noch, wenn jetzt jemand versuchen wollte, über die Straße zu stürmen, wäre er in einem Gewitter von heißem Blei gestorben. Während des Vorbeischreitens registrierte Alexander Iljitsch die immense Dicke der Panzertür und die Stärke der Riegel.

„Hier sitzen als Wachposten keine Parade-Soldaten“, erklärte Alexander Konstantinowitsch wie nebenbei. „Als Ehrengarde und auf dem Exerzierplatz sind sie unbrauchbar. Aber als dem Zaren absolut ergebene Soldaten, die ihn mit ihrem Leben beschützen würden, sind sie hervorragend. Dieser Hintereingang ist besser geschützt als die Pizda einer Jungfrau. Hier hinauf!“

Über eine einfache und schmucklos gestaltete Treppe gelangte die Gruppe schließlich in das zweite Obergeschoss und durchschritten wieder eine streng bewachte Tür.

„Ich nehme an, hier sind üblicherweise die dienstbaren Geister unterwegs“, vermutete Uljanow in bitterem Tonfall. „Ich meine jene Männer und Frauen, die unsichtbar die ganze Arbeit verrichten und alles sauber halten. Vielleicht sogar den haarigen Zhopa des Zaren!“

„Die Bediensteten des Hofes haben seit etwa fünf Jahren Lifte zur Verfügung“, korrigierte Immeretinsky. „Natürlich sollen einige Leute das Schloss sauber und in Ordnung halten, Speisen und Getränke servieren sowie sonstige Dienstleistungen erbringen, dafür werden sie schließlich ganz gut bezahlt. Sein Hinterteil hält Zar Wladimir III selbst sauber, dafür hat er für die kaiserlichen Bäder sogar extra ein Bidet installieren lassen. Zar Nikolaus I hat sich von den Mägden allerdings nicht nur seinen Zhopa sauber machen lassen. Das war ein wirklich unangenehmer Mann. Sein Mord an den Offizieren der Dekambristen ist unvergessen.“

„Das wagen Sie öffentlich zu sagen?“, wunderte sich Alexander Iljitsch.

„Warum denn nicht?“, fragte Alexander Konstantinowitsch zurück. „Selbst Väterchen Zar ist dieser Meinung. Aber das wirst du schon noch sehen. Wir sind da.“ Zwei Posten in den tannengrünen Uniformblusen mit weißen Aufschlägen zu roten Hosen des Sankt Petersburger Leibregiments standen stramm und öffneten dann die Tür.

Der Zar erwartete sie in der Bibliothek an einem Tisch, gekleidet in eine einfache, grüne Kossoworotka zu lockeren schwarzen Hosen, gemeinsam mit einer sehr großen, blonden Frau und einem Mann in der Uniform der Truchanow-Husaren.

„Euer Majestät, ich bringe Alexander Iljitsch Uljanow“, meldete General Immeretinsky in bestem Kasernenhofton.

„Sehr gut!“ Wladimir III erhob sich, um den Salut zu entgegnen, und gleichzeitig sprangen auch seine Gäste auf. „Lassen Sie doch dem Mann die Fesseln abnehmen, General, und dann möchten Ihre Soldaten draußen warten!“

„Wie Majestät wünschen!“ Alexander Konstantinowitsch winkte einem der Soldaten, der die Handschellen Uljanows aufschloss und dann mit seinen Kameraden den Raum verließ.

„Nehmen Sie Platz, General, und du, Alexander Iljitsch, setz dich bitte auch. Wir haben einiges zu besprechen.“

Uljanows Blick wanderte über die Anwesenden und blieb an Jasja Fedorowna ein wenig länger hängen, während er nachdenklich seine Handgelenke rieb.

„Ich werde meine Freunde nicht verraten, Wladimir Alexandrowitsch“, bekundete er. „Auch nicht, wenn Sie mir eine schöne Frau unter die Nase halten!“

„Zumindest erkennt er an, dass ich schön bin“, lachte Jasja auf.

„Alles andere wäre eine inakzeptable Verleugnung von Tatsachen, Jasja Fedorowna“, nickte ihr der Zar zu. „Aber wir sind nicht hier, um über Ihre unbestreitbaren Vorzüge zu sprechen, sondern über die Zukunft dieses jungen Mannes. Möchten Sie ein Glas Tee, Alexander Iljitsch? Dort steht der Samowar. Und dann erzählst Du mir einmal, warum D zur Gewalt aufrufst!“

Uljanow ging zum Samowar, ein schönes, aus Kupfer getriebenes Exemplar, goss Essenz aus dem kleinen Kännchen in sein Glas und füllte mit heißem Wasser auf, während seine Gedanken rasten.

„Vielleicht sollten wir noch sagen, dass wir einige Narodniki bereits kennen, Alexander Iljitsch“, bemerkte Oberst Truchanow. „Oder sollte ich besser sagen: Tovarisch Alexej Topor?“ Alexander Iljitsch Uljanow zuckte zusammen, als der Fürst seinen Untergrundnamen benützte. Er hatte zwar bereits damit gerechnet, wegen seiner Mitgliedschaft bei der als gewaltbereit bekannten Organisation verhaftet worden zu sein, deutlich genug waren seine Worte in den Kneipen und Versammlungen von Arbeitern und Taglöhnern in Sankt Petersburg ja auch gewesen. Trotzdem war es ein Schreck gewesen, als der Mann es jetzt wie beiläufig aussprach.

„Warum ich zur Gewalt aufrufe?“ Alexander Iljitsch nippte an seinem Tee, fügte noch etwas Wasser hinzu. „Weil Worte nichts genützt haben. Wie lange haben wir geredet und Eingaben geschrieben, und was hat sich verändert? Genau gar nichts! Einer von Hunderttausenden lebt in einem riesigen Palast in Saus und Braus auf Kosten von allen anderen, die im Elend dahin vegetieren. Er leistet nichts, er hatte nur das Glück gehabt, in die richtige Familie geboren zu werden. Er ist nicht bereit, jenen einen ordentlichen Lohn zu zahlen, die seinen Reichtum erwirtschaften, er beutet sie nur schamlos aus. Sie müssen für einen völlig unzureichenden Lohn für ihn arbeiten und häufen immer mehr Schulden auf, weil sie sonst verhungern. Der Adelige, der Industrielle, der Bojar vergeht sich ganz öffentlich an ihren Frauen und Töchtern, und die Richter sehen nicht nur weg, sondern beteiligen sich noch an dieser Ungeheuerlichkeit und halten nur die Hand auf. Ihr Vater, Wladimir Alexandrowitsch, hat unter seiner Regentschaft die Leibeigenschaft vielleicht auf dem Papier abgeschafft, aber dieses ‚Dekret zur Aufhebung der Leibeigenschaft‘ ist das Papier nicht Wert, auf dem seine Unterschrift steht. Das neue System unterscheidet sich doch in nichts vom alten, außer dass es anders genannt wird! Daher muss das ganze System gestürzt und durch ein ganz anderes ersetzt werden!“

„Nun gut, hier hat er ja nicht ganz Unrecht, Majestät“, warf Jasja Fedorowna Lesaya ein und betrachtete angelegentlich ihre Fingernägel. „Ich habe auch schon einmal einem von den jungen, adeligen Flegeln eine kleine Lektion erteilen müssen!“

„Hat deshalb der Graf Belayes eine künstliche Hand, Jasja Fedorowna?“, grinste Oberst Truchanow ein wenig hämisch.

„Er sagte, er wolle meinen heißen Arsch!“ Die Hexe zuckte süffisant lächelnd mit den Schultern. „Also habe ich ihm gegeben, was er wollte. Und er sollte eigentlich froh sein, dass ich gnädig war und er sich nur seine Hand verbrannt hat!“

„Das ist ja ganz amüsant, und das Schicksal des Graf Belayes wird wohl niemandem in diesem Raum schlaflose Nächte bereiten“, unterbrach der Zar das Gespräch. „Aber ich würde gerne zum Thema zurück kommen.“

„Aber das IST doch das Thema“, beharrte Alexej Topor. „Oder zumindest ein Teil davon. Es ist die Art, wie die Menschen mit Besitz in diesem Land denken. Sie sehen auch die für sie arbeitenden Personen als Besitz. Als biologische Maschine, weniger Wert als ein ‚edles‘ Pferd! Und der rechtlose unfreie Bauer oder der Arbeiter in den Manufakturen bekommt zu wenig zum leben und gerade genug, um nicht sofort zu sterben. Und ist dann der Mensch mit seiner Kraft am Ende, wird er weg geworfen, und ein neuer an das Förderband gestellt oder vor den Pflug gespannt. Ja, das habe ich zu Hause in der Nähe von Nischni Nowgorod selbst gesehen. Muschiki, vor einen Pflug gespannt, und der Bojar stand mit der Knute dabei. Und er setzte sie gnadenlos ein, ich glaube nicht, dass ein Mensch diese Tortur lange überleben kann. Ich rufe zur Gewalt auf, um die Gewalt gegen das Volk zu beenden! Um das Volk aus der Knechtschaft des Adels zu befreien! Die Menschen müssen alle gleich werden!“

„Bis zu einem gewissen Grad muss ich dir sogar Recht geben, Alexander Iljitsch.“ Wladimir III nickte, schlug die Beine übereinander und baute aus seinen Händen ein Dach. „Ich denke auch, dass dem Gesetz zur Auflösung der Leibeigenschaft mehr Geltung verschafft werden müsste. Und dass der arbeitende Mensch besser behandelt und entlohnt werden müsste!“

„Aber?“, hakte Uljanow nach. „Ich höre hier ein deutliches aber!“

„Aber das mit der Gleichheit lässt sich einfach nicht machen. Wir können jedes Jahr eine Revolution machen, es wird immer Unterschiede geben. Angefangen bei der Haarfarbe und dem Geschlecht. Es wird Frauen und Männer geben, große und kleine, dicke und dünne, starke und schwache, kluge und dumme Menschen. Und bei letzteren ist, fürchte ich, auch die beste Privatschule hinausgeworfenes Geld. Ich könnte mir als anzustrebendes Ideal vielleicht eine grundsätzliche Gleichwertigkeit der Menschen vorstellen, aber schon hier hapert es bei der Umsetzung!“

Alexander Iljitsch Uljanow überlegte. „Stimmt. Gleichwertigkeit ist der bessere Ausdruck. Aber warum soll das nicht erreicht werden?“

„Weil der Mensch ein Raubtier ist, Alexej Topor. Es werden sich immer skrupellose Elemente nach vorne drängeln. So sind die Menschen gestrickt.“ Der Zar erhob sich und bedeutete seinen Gästen, doch sitzen zu bleiben. Er ging zu einem hohen Fenster, welches einen freien Ausblick auf die Newa erlaubte, mit auf den Rücken verschränkten Händen beobachtete er ein Flussschiff auf dem Weg stromauf. „Welche Regierungsform hattet ihr denn im Sinn, Alexej? Anarchie?“

„Wir dachten an eine Demokratie. Die Macht geht vom Volk aus!“

„Natürlich.“ Wladimir III wandte sich wieder vom Fenster ab. „Und womit wollt ihr verhindern, dass die Besitzenden ihre Arbeiter wie bisher behandeln? Oder wollt ihr alle enteignen und selbst die Leitung der Manufakturen übernehmen. Und die Bauern in Genossenschaften treiben, ob sie wollen oder nicht? Quis custidiet ipsos custodes, Alexej? Wer bewacht die Wächter? Oder wollt ihr die Diktatur des bösen Zaren durch eine Diktatur von Narodny Tribuny ersetzen?“

„Wir dachten an Sovietniki!“

„Das beantwortet meine Frage nicht, Alexej.“ Wladimir Alexandrowitsch sah wieder aus dem Fenster. „Wollt ihr die gleiche Diktatur nur mit anderem Namen weiterführen? Soll auch der kleine Handwerker mit seinem Gesellen enteignet werden, damit beide in der volkseigenen Manufaktur arbeiten müssen? So etwas funktioniert nicht lange, Alexej. Es kann mit dem jetzigen Menschen nicht funktionieren. Die Umwälzung wäre zu groß.“

„Was ist denn so schlecht an der Maxime ‚Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen‘?“, fragte Uljanow.

„Nichts“, antwortete der Zar. „Es ist ein schöner Traum, aber derzeit noch ein unerfüllbarer. Der Mensch ist für diese Verantwortung noch nicht reif genug. Es würde sich nach der Revolution der Bodensatz der Gesellschaft nach oben drängen.“ Er hob abwehrend die Hand. „Und damit meine ich nicht jene Menschen, welche euer Idol Karl Marx das Proletariat nennt.

„Wer sollte das sein?“, fragte Uljanow wegwerfend. „Vielleicht ein Armenier aus Sanahin?“

„Oder ein Georgier aus Gori.“ Wladimir III ging zu einem kleinen Tischchen und entnahm einem Kästchen eine Zigarre. Während er sie zwischen den Fingern rollte, sprach er weiter. „Wie auch immer, Genosse Alexej Topor. Ich habe ein Problem. Die Reformen meines Vaters endeten alle in einem unrühmlichen Kompromiss, und wie wir beide wissen, wird selbst diese faule Einigung noch häufig ignoriert. Vor allem südlich und östlich von Moskau, also beinahe in ganz Russland. Trotzdem ging es einigen extrem konservativen Elementen schon zu weit. Der Sohn des Grafen von Goriachly hat sich unter dem Namen Nikita Kopye bei der Narodnaja Wolja eingeschlichen. Dann hat er die Studenten Nikolai Ryssakow und Ignati Grinewizki dazu gebracht, meinen Vater zu töten. Es war, wie ich zugeben muss, nicht sehr schwierig, die beiden zur Tat zu überreden. Diese Zelle hatte schon immer einen Hang zur terroristischen Gewalt, und der Graf gab ihnen eben ein Ziel.“ Tief durchatmend goss sich der Zar ein Glas Wodka ein, stürzte es hinunter und stellte die Flasche auf den Tisch. Truchanow erhob sich auf seinen Wink und brachte weitere vier Gläser, füllte alle fünf und schob sie den Anwesenden zu. „Ich weiß von der Verschwörung, Alexej, und ich kenne die meisten Beteiligten. Fürsten, Grafen, Industrielle und Bojaren. Nikita Kopye war ebenso ein Bauernopfer wie die beiden Studenten. Aber mir sind – oder besser waren die Hände gebunden. Kennen Sie Venla Rintakuvanen, Alexej?“

„Ihre Gattin, Wladimir Alexandrowitsch?“

„Eben jene!“ Endlich entzündete der Zar seine Zigarre. „Ich kann nicht sagen, dass ich sie heiß und innig liebe, aber ich respektiere sie, und sie mich. Wir haben doch vieles gemeinsam, zum Beispiel unseren Frauengeschmack, und sogar unsere Geliebte. Das wichtigste aber ist, ich bin für sie, ihr Leben und jenes unserer Kinder verantwortlich.“

„Das kann ich verstehen, Wladimir Alexandrowitsch.“

„Gut! Nun, unsere Jasja Fedorowna hier hat mir ein Geschenk von meinem Schwager aus Afghanistan überbracht.“ Der Zar legte seine Hand auf eine unauffällige Kugel aus grünem Stein, welche auf einem kleinen Holzring liegend den Tisch zierte. „Seither weiß ich genau, wem ich vertrauen kann, und nach dir wird niemand mehr den Winterpalast betreten können, der etwas gegen meine Familie oder mich im Schilde führt. Was mich wieder zu uns beiden führt, Alexander Iljitsch.“

„Ich werde die Diktatur stets bekämpfen“, beharrte Uljanow vehement. „Immer und ewig, solange noch Blut in meinen Adern fließt und Atem meine Lungen füllt!“

„Beides ließe sich durchaus ändern, Tovarisch Topor“, bemerkte Wladimir Alexandrowitsch trocken. „Wie ich hörte, sogar ohne dass du wirklich tot sein würdest. In der Karibik beherrscht man die eine Methode, und die andere – man muss dafür nicht unbedingt nach Transilvanien reisen!“

„Ich kenne eine dritte Methode, Wladimir Alexandrowitsch“, ließ sich Jasja Fedorowna vernehmen. „Aber das Opfer überlebt nur kurzfristig!“

„Zur Kenntnis genommen, Jasja Fedorowna“, nickte der Zar. „Aber ich wollte dir nicht drohen, Alexej. Du kannst den Winterpalast auf jeden Fall als freier Mann verlassen. Ich hoffe allerdings, dass du die Diktatur und Ungerechtigkeit in Zukunft in meinem Namen bekämpfen wirst. In den nächsten Tagen wird der kaiserliche Befehl zur Gründung eines Parlamentes ergehen. Ein erster Schritt, dem noch viele folgen sollen. Auch ein echtes Ende der Sklaverei unter anderem Namen. Ich weiß, dass du Verbindungen zu Wera Iwanowa Sassulitsch, Georgi Walentinowitsch Plechanow und Pjotr Lawrowitsch Lawrow unterhältst!“

„Das sind die gemäßigten Kräfte, Wladimir Alexandrowitsch“, fuhr Alexander Iljitsch auf. „Sie würden die Revolution gerne ohne Tote vollbringen. Gerade diese haben …“

„… einen gewissen Einfluss auf die Narodniki“, unterbrach der Zar. „Ich möchte, dass deine Organisation dafür sorgt, dass die Gesetze beachtet und ausgeführt werden, ohne Willkür und Ansehen der Person. Ich bin bereit, euch bei der Ausrüstung unter die Arme zu greifen. Beginnt mit euren Aktionen in und bei Moskau, meinen Segen habt ihr. Und Papiere obendrein. Ich möchte euch allerdings warnen. Die meisten Adeligen sind auch Offiziere und können auf eine kleine Armee zurück greifen. Wenn sie sich verbünden, auch auf eine große. Also, seid vorsichtig!“

„Ich habe noch nicht zugesagt“, zierte sich Alexander Iljitsch Uljanow ein wenig. „Aber angenommen, ich glaube Ihnen. Wie wollen Sie sich vor Attentätern und diesen Armeen schützen?

„Mit Magie, Alexej Topor“, versetzte der Zar. „Mit reiner Magie. Sobald du mich verlassen hast, werden alle Wachen überflüssig sein, denn jeder, der meiner Familie, mir oder meinen Angestellten schaden möchte, wird freiwillig einen großen Bogen um das Gebäude machen. In der Stadt werden die Soldaten nicht in der Lage sein, unschuldige Zivilisten zu töten und selbst Artilleristen werden sich weigern, auf Sankt Petersburg und die Petersburger zu feuern.“

„Das – das kann ich kaum glauben!“

„Glaube es lieber.“ In aller Ruhe nahm der Zar eine Armbrust aus einer Vitrine, spannte sie und legte einen Bolzen ein. „Mit dieser Armbrust ist noch mein Großvater auf die Jagd gegangen, aber Bolzen und Sehne sind neu. Hier.“ Er reichte Uljanow die Waffe, ging drei Schritte zurück und deutete auf seine Brust. „Schieß, Tovarisch Topor!“

„Aber das ist ja …“

„Drück ab!“

Uljanow trat der Schweiß auf die Stirn. Wie oft hatte er davon geträumt, den Zaren zu töten, selbst um den Preis seines Lebens. Und jetzt, jetzt hatte er Hemmungen. Jasja Fedorowna erhob sich, glitt näher und nahm die Armbrust aus seinen Händen.

„Wir haben nicht ewig Zeit“, bemerkte sie, hob die Waffe und löste aus. Der Bolzen raste von der Sehne und schoss auf die Brust des bewegungslos stehenden Zaren zu. Dicht vor seinem Herzen verging der Pfeil in einer hellen Leuchterscheinung. Die Hexe legte die Waffe wieder in ihre Halterung und kehrte in aller Ruhe zu ihrem Platz zurück.

„Wie du sehen kannst, Alexander Iljitsch Uljanow, ich bin gut geschützt.“ Wladimir III goss dem Revolutionär eigenhändig noch einen Vodka nach. „Auf die Magie!“, hob er sein eigenes.

„Auf die Magie, Majestät“, gab Uljanow Bescheid.

„Nanu?“, wunderte sich Wladimir III.

„Ihr könntet mit Eurer neuen Macht ganz leicht weiter absolutistisch regieren, wollt aber ein Parlament gründen. Und einiges andere mehr, das in diesem Gespräch vorgekommen ist. Ich will meinen Teil für eine bessere Zukunft beitragen!“

„Danke!“ Der Zar reichte Uljanow die Hand, welcher einschlug. Dann wandte er sich an General Immeretinsky. „Alexander Konstantinowitsch, bitte sorgen Sie dafür, dass Alexander Iljitsch aus dem Palast geleitet wird!“

„Gerne, Majestät!“ Der Kommandeur der Peter-und-Paul-Festung führte Uljanow zur Tür der Bibliothek. „Bitte, Alexander Iljitsch, diese Tür!“ Und an die wartenden Posten gewandt: „Bringt Gospodin Uljanow zum Haupttor und sorgt dafür, dass er unbehelligt den Palast verlassen kann!“

Kaum hatte sich die Tür hinter Alexander Iljitsch Uljanow geschlossen und sich der General wieder an seinen Platz begeben, öffnete der Zar einen Schrank. Darin stand ein etwa kindskopfgroßer Globus aus Bronze, in welchen die Konturen der Kontinente ebenso wie große Flüsse und Gebirge graviert waren.

„Also, Jasja Fedorowna, wo ist Maximilian Emanuel jetzt gerade?“ Der Zar beugte sich über den Globus und legte ihre Hand darauf. Durch blaue Linien verbundene grüne Flecken erschienen über der Oberfläche, und ein weißer Punkt pulsierte in der Mitte einer blauen Linie.

„Hier, Wladimir Alexandrowitsch!“

„Sehr gut! Unser Plan scheint also aufzugehen!“

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Irgendwo

Leichtes Glimmen durchdrang die absolute Dunkelheit und verstärkte sich rasch zu hellem Leuchten, welches von unzähligen milchig-weißen Platten von etwa einen halben Meter im Quadrat ausging. Diese Platten waren den Wänden und der Decke eines knapp über 50 Meter breiten und rund zwölf Meter hohen Stollens befestigt und beleuchteten diesen bereits taghell. In der Mitte des Ganges lag ein erhöhter Kanal mit sauberem Wasser, welches nicht schnell, aber merkbar floss, ein leichter Luftzug strich in die gleiche Richtung.

Ein seltsames Singen erfüllte, stetig lauter werdend, diesen Tunnel, dann kam ein DLKW mit dem Wappen Russlands an den Türen in Sicht, dem viele andere folgten, immer einer hinter dem anderen fahrend. Nach dem letzten verglomm das Licht wieder, und wieder blieb undurchdringliche Dunkelheit zurück, bis die Platten wieder aufleuchteten und einem endlos scheinenden Zug Soldaten in den grauen Uniformen der russischen Afghanistanarmee und ihren Kampffahrzeugen auf ihrem Vormarsch Licht spendeten.

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1 Katharina

2 Lomossonow

3 Russ. Hintern

4 Russ. Brüste

5 Russ. Schambereich

6 Russ. Penis

7 Russ. Dünne Latte

8 Russ. Hure

9 Russ. Schweig

10 Russ. Echter Mann

11 Russ. Kleiner, dummer Junge

12 Russ. Zum Teufel

13 Russ. du Narr.

14 Russ. Stute

15 Russ. Hengst

16 Russ. Herr im Himmel

17 Trad. Russ. Hemd mit seitwärts versetzter Knopfleiste

18 Russ. Kosakensiedlung

19 Punjabi Tapferen

20 Verdammt

21 Majestät

22 Russ. Herein.

23 Russ. Fähnrichsstellvertreter, höchster Unteroffizierrang

24 Russ. Postluftschiff

25 Russ. Bucht der Adler

26 Russ. Adlergletscher

27 Russ. Adlerfluss

28 Russ. Ankerplatz, Reede

29 Russ. Vulgär für Penis

30 Russ. Bei Gott

31 Russ. Fähnrichstellvertreter

32 Russ. Glückspilz

33 Russ. Depesche des Zaren

34 Russ Oberstleutnant

35 Russ. Guten Morgen

36 Russ. Guten Morgen, Herr Großgouverneur

37 Russ. Schneemobile

38 Russ. Dampfpanzer Typ

39 Yakutat Bay

40 Russisches Längenmaß, 1 Werst = 1,08 km

41 Vancouver Island

42 Russ. Ureinwohner

43 Russ. Dampfpulver

44 128,04 bis 138,71 km/h (1 Werst=1,067 km)

45 Oma Jaga, Hexe im russischen Märchen

46 Russisches Hemd mit seitwärts liegender Knopfleiste

47 Koseform von Ilja

48 Großmütterchen

49 Zauberin

50 Tal des guten Wassers

51 Pers. Hose, wörtlich Beinkleid

52 Pers. Bluse

53 Pers. Mantel

54 Pers. Mütze

55 Pers. Hemd

56 Pers. Weste

57 Pers. „Preis der Milch“, Geld, das vom Bräutigam dem Brautvater bezahlt wird.

58 Russ. Version von Schlagball bzw. Baseball

59 2,13 g

60 Afghan. Held

61 Unterste Kaste in Indien

62 Parias

63 Pers. Eintopf

64 Pers. Kruste aus Butterreis

65 Afghan. Grüner Tee mit Milch, Zucker und Kardamon

66 Pers. Eintopf mit Aubergine, Tomate und Bergamotte

67 Pers. Bauchbinde, Schärpe, Kummerbund

68 Orientalische Fladenbrote

69 Russ. Großmütterchen

70 Punjabi Der Palast der schönen Aussicht

71 10,16 x 45,8 mm

72 Engl. Vulgär für Prostituierte

73 Engl. Bengel

74 Punjabi Recke

75 Punjabi Vagina

76 Punjabi Penis

77 Punjabi Brüste

78 Punjabi Bluse

79 Punjabi großer Held

80 Punjabi Schwert

81 Punjabi Hauptmann

82 Punjabi Euroäer

83 Punjabi Oberst

84 Punjabi Major

85 ca. 100 cm

86 ca. 16 cm

87 ca. 150 cm

88 ca. 24 cm

89 ca. 200 cm

90 ca. 32 cm

91 Kalkutta

92 ca. 10 cm

93 ca. 5 cm

94 ca. 19 mm

95 ca. 76 mm

96 8,3 m

97 5 m

98 43 cm

99 6,4 m

100 2,43 m

101 ca. 3 Meter

102 Von kaiserlich und königlich, die Vereinten Donaumonarchien.

103 ca. 300 Meter

104 Hindi Diener der Kali

105 Hindi Palast der Geheimnisse

106 Hindi Volk der Geheimnisse

107 Hindi Wagen der Göttin

108 Hindi Die große Kali

109 Hindi Krieger der Göttin Kali

110 Eine Art Sarong

111 Engl. Indischer Lümmel

112 Major

113 Marathi ‚mein Herr und Gemahl‘

114 Marathi Fürstentum

115 ca 1,6 km

116 Dampfbetriebene mechanische Jagdsänfte

117 Arab. Dampfelefant

118 Swahili Mechanischer Elefant

119 Engl. Großartigen Dreck

120 1,5 m

121 76 cm

122 1,8 m

123 5,2 m

124 13,2 mm

125 Gujarati: Pyjamaähnliche Hose

126Gujarati: Hochgeschlossene Jacke mit Stehkragen

127 Gujarati: Turban

128 Gujarati: Schärpe

129 Gujarati: Dolch

130 Gujarati: Engländer

131 Gujarati: hinauf, hinauf

132 37° C

133 36,9 m

134 7,9 m

135 5 km

136 248 m

137 Marathi Feldwebel

138 32° Celsius

139 Marathi: Orden der Freiheit

140 Marathi: christlichen Briten

141 Ein mörderischer und räuberischer Orden, auch Schwindler und Betrüger. Organisiertes Verbrechen

142 Marathi: Tigerkralle

143 Marathi: Elefant

144 Marathi: Reißzahn

145 Marathi: Wolf

146 Marathi: Bär

147 Marathi Panter

148 Weiße, ursprünglich Portugiesen in Indien

149 Indische Witwenverbrennung

150 Marathi Hauptmann

151 Unteroffizier der Kavallerie Indiens, entsprechend einem Stabsfeldwebel

152 Marathi: Es ist beschlossen

153 Marathi: Anführer

154 Marathi: Rohrstock

155 Marathi vulgär für Gesäß

156 19,5 m

157 4,8 m

158 6 m

159 8.89 cm

160 11,6 m

161 8,9 cm

162 Blackfoot

163 Seattle

164 Winchester Bay

165 St. John, New Brunswick

166 121 m

167 Dakota Weißen

168 Arab. Englische Hund

169 Katherinchen

170 Altpers. Gefährten

171 Russ. Zu Befehl, Herr Oberst

172 Großherzog der Länder jenseits des Meeres

173 5-Centime-Münze

174 Frz.: na schön!

175 Etwa 1.930 km

176 Kalkutta

177 Kannada Feldwebel

178 Kannada Kaiserin

179 Kannada dreckige Sau

180 Kannada Oberst

181 Vierte und unterste Kaste der Hindu. Nur Parias (Dalits oder Hajrans genannt) stehen noch tiefer

182 9,14 m

183 Bengalen in der Landessprache

184 39 km/h

185 180 cm

186 12,7 x 101 mm

187 114 mm

188 1.200 m

189 89 mm

190 15 cm

191 1.460 m

192 Tamil Dämon.

193 Tamil Scheiß Karma

194 Chin. Großnäsiges Rundauge

195 Kannada Prinzessin

196 22,2 km/h

197 17,8 cm

198 5 cm

199 Majalam: Majestät