(OT: A Knife in the Fog)
Dryas-Verlag, Hamburg 2024
328 Seiten, TB
Übersetzt von Dorothee Schröder
ISBN 978-3-98672-072-8
Offiziell beginnt die Geschichte am 1. Januar 1924 mit der Ankunft eines Kartons aus Florenz im Haushalt von Sir Arthur Conan Doyle, einem zu diesem Zeitpunkt schon berühmten Schriftsteller. Die Ankunft des Kartons führt dann zu einer Zeitreise Doyles, der in der Ich-Person diesen Roman erzählt und dabei weit zurückgeht in eine dunkle Zeit seiner Biografie – in das Jahr 1888.
Allgemein herrscht Verwunderung, warum sich der Autor des legendären beratenden Detektivs Sherlock Holmes niemals um den Fall Jack the Ripper gekümmert hat, und Doyles Biografie gibt hier nur eine Lücke preis. In diese Lücke setzt Bradley Harper, ein seit 2012 pensionierter US-amerikanischer Armee-Pathologe, auf wirklich bemerkenswerte Weise den vorliegenden Roman. Er rekurriert darin vielfach auf reale Personen der Zeitgeschichte und ist doch für sich genommen in weiten Teilen ganz klar ein Werk der Fiktion. Es nimmt für sich in Anspruch, auf faszinierende Weise die Identität des monströsen Dirnenmörders Jack the Ripper zu enthüllen und auch die Frage zu klären, warum die Ripper-Morde im November 1888 so jäh aufhörten, wie sie begonnen hatten.
Im September 1888, so schreibt „Doyle“ retrospektiv und taucht damit für den Rest des Romans in die Vergangenheit ab, erhält der in Portsmouth praktizierende Arzt einen überraschenden Besuch aus London. Doyle, dessen Frau Louise gerade mit dem ersten Kind schwanger ist, hat eine Weile zuvor den ersten Sherlock Holmes-Roman „Eine Studie in Scharlachrot“ geschrieben, der allerdings nur mäßig erfolgreich war. Er arbeitet nach dieser kleinen Fingerübung, wie er es sieht, jedoch nun an seinen historischen Romanen, in denen er seine schriftstellerische Zukunft sieht. Sein Ausflug in die Kriminalistik soll mit diesem Holmes-Roman abgeschlossen sein.
Wir wissen, dass die Historie sich anders entwickelte.
Der Besucher aus London, fährt Doyle fort, ein pensionierter Sergeant namens Major Henry Chambers, überreicht einen Brief des Premierministers William Gladstone höchstpersönlich – und Doyle wird eine zeitlich begrenzte, bezahlte Beratertätigkeit in London in Aussicht gestellt. Neugierig geht Doyle auf diese Offerte ein und trifft in London in einem noblen Club einen Mann namens Wilkins, der sich ihm gegenüber als engen Vertrauten des Premierministers zu erkennen gibt.
Der Premier, erfährt Doyle, sei beunruhigt wegen mehrerer bestialischer Morde an Dirnen in Whitechapel, und er wolle nun, dass er, Doyle, mit seinem scharfsinnigen Verstand, die Metropolitan Police unter Inspector Abberline unterstützt, um den „Lederschürze“ genannten Mörder (nach einem Fundstück bei einer der Leichen) zu fangen.
Der Arzt ist nach längerem Zögern nur dazu bereit, wenn sein alter Mentor Professor Joseph Bell aus Edinburgh – nach dessen Vorbild und deduktiven Fähigkeiten er Sherlock Holmes bekanntlich ersonnen hat – sich an dieser Untersuchung beteiligt. Er kontaktiert ihn persönlich und rechnet mit dessen Ablehnung, da Bell viel zu tun hat und nicht zuletzt für die Gesundheit der Queen verantwortlich ist.
Zu seiner nicht geringen Verblüffung ist Bell dazu aber durchaus willens, und wenig später trifft er in London ein. Als dritte Person schließt sich ihnen dann noch eine junge Journalistin namens Margaret Harkness an, die im Whitechapel wohnt und die nicht nur schlagfertig und stolz ist, sondern auch die raffinierte Befähigung besitzt, sich flugs in den maskulinen „Sekretär“ Mr. Henry Pennyworth zu verwandeln.1 Auf diese Weise erkunden die drei „Musketiere“ die finstere Welt von Whitechapel und machen sich daran, der Polizei zu assistieren in dem Wunsch, den blutrünstigen Mörder zu entlarven und aus seinem Versteck zu treiben.
Keinem von ihnen ist allerdings klar, dass sie sich in einem mörderischen Spiel befinden, und dessen Spielleiter ist niemand Geringeres als ihr Jagdopfer – Jack the Ripper höchstpersönlich …!
Mir war schon von Anfang an klar, dass ich dieses Buch rezensieren würde. Um das zu begreifen, brauchte ich lediglich die ersten paar Seiten zu schmökern. Der Fall Jack the Ripper hat mich schon seit vielen Jahren bewegt, das gebe ich gern zu. Mir ist natürlich gleichzeitig bewusst, dass es eine endgültige Klarheit vermutlich nicht einmal dann geben wird, wenn alle Polizeiakten offen gelegt sind, die es möglicherweise noch geben könnte. Sowohl das – fiktive – „Tagebuch von Jack the Ripper“, das vor vielen Jahren bei Bastei veröffentlicht wurde2 noch Patricia Cornwells akribische Spurensuche, die sie zu der Vermutung brachte, der Maler Walter Sickert sei der Ripper gewesen3, können letztlich verlässliche Klarheit vermitteln.
Das hat damit zu tun, dass es einfach zu viele Variablen in der Geschichte gibt. Zu viele Verdächtige, über die man im Grunde genommen zu wenig weiß. Wenn man sich etwa den Fernsehzweiteiler „Jack the Ripper. Das Ungeheuer von London“ (1988) ansieht, in dem Michael Caine die Rolle von Inspector Abberline recht dramatisch spielt, wird deutlich, wie weit verzweigt die Faktenlage im Fall des Rippers ist. Dort wird etwa eine Beteiligung des britischen Königshauses suggeriert. Ein Schauspieler, der Dr. Jekyll und Mr. Hyde verkörpert, gerät unter Verdacht, mehrere Chirurgen und dergleichen … es gibt auch in jüngerer Zeit die Furcht einflößende fiktive Vision, dass der Ripper einfach London verlassen habe, um in den Vereinigten Staaten weiterzumorden.4 Letzte Gewissheiten kann nichts von alledem gesichert liefern.
Ich denke, das macht einen wesentlichen Reiz des vorliegenden Romans aus, neben der klaren Tatsache, dass ein ausgewiesener Mediziner sich die Fakten des Ripper-Falles gründlich vorgenommen hat und sich zugleich in die biografischen Details der drei zentralen Hauptpersonen vertieft hat, um sie glaubwürdig darzustellen. Zugleich erstellt Harper damit ein soziologisches Szenario des lebendigen viktorianischen England.
Das Elend des East End Londons wird hell beleuchtet, der trübsinnige Alltag der armen Bevölkerung, der latente Judenhass, die arrogante Rivalität zwischen den Polizeibehörden des Yard einerseits und der Metropolitan Police andererseits, die Grenzen weiblicher Einflussmöglichkeiten … zusammen mit der Innensicht von Doyle, der schön als Kind seiner Zeit gezeichnet wird und ernste Schwierigkeiten mit der temperamentvollen und aus ihren Rollengrenzen ausbrechenden Margaret Harkness hat, das macht den gut lesbaren Roman zu einem ausgesprochenen Lesevergnügen – sehen wir von den grauenhaften und im Wesentlichen durch die oben erwähnten Werke und Verfilmungen vertrauten Morden einmal ab.
Als Manko ist freilich anzumerken, dass dem Roman bedauerlicherweise jeder Hinweis auf den Originaltitel fehlt. Das ansonsten wirklich bemerkenswerte Buch erhält auf diese Weise eine unschöne, unnötige Schramme für Puristen. Doch wen das nicht bekümmert und gerne einmal den Erfinder des Sherlock Holmes glaubwürdig in einem mehr als plausibel dargestellten viktorianischen London bei der Ermittlungsarbeit im Fall Jack the Ripper verfolgen möchte, der ist hier wirklich sehr am Platze. Und was die Deduktionen angeht, die einen wesentlichen Teil des Reizes der Sherlock Holmes-Geschichten angeht, so verweise ich da auf Professor Joseph Bell … ihr werdet euer Vergnügen daran haben, vertraut mir.
Und ja, dies ist eine klare Leseempfehlung meinerseits!
© 2026 by Uwe Lammers
Braunschweig, den 8. September 2026
1 Auf charmante Weise erkennt man hierin Harpers Anspielung an Sherlock Holmes´ Verwandlungskünste, die in den Holmes-Geschichten später so wichtige Bedeutung erlangen. Überhaupt wimmelt das Buch von bisweilen fast koketten Anspielungen an den Kanon, was den Reiz der Lektüre weiter erhöht.
2 Vgl. Shirley Harrison: „Das Tagebuch von Jack the Ripper“, Bastei 13980 (1998).
3 Vgl. Patricia Cornwell: „Wer war Jack the Ripper?“, Hoffmann und Campe (2002).
4 Vgl. Clive Cussler & Justin Scott: „Die Rückkehr der Bestie“, Blanvalet (2019).