(OT: Tamastara, or The Indian Nights)
Bastei 13111, 1987, 288 Seiten, TB
Übersetzt von Dr. Elisabeth Sautter
ISBN 3-404-13111-8
Es ist lange her, dass ich etwas von Tanith Lee gelesen habe, und das hat seine Gründe. Sie ist – oder heute muss man leider sagen: war, weil sie nicht mehr unter uns weilt – eine Autorin, die bei guter Übersetzung durch einen beinahe lyrischen Schreibstil auffällt, voller geheimnisvoller Andeutungen, raffinierter Satzkonstruktionen und nicht so gefällig, dass man sie wie leichte Unterhaltung einfach so nebenbei weglesen könnte. Tanith Lee fordert stete, konzentrierte Aufmerksamkeit … und sie zahlt sich definitiv aus. Denn ihre Geschichten entwickeln einen betörenden Sog, der die Neugierde anstachelt und den Leser nicht vom Haken lässt, bis das Geheimnis sich aufgeklärt hat.
Wenn sie sich dann in die Denkwelt eines fremdartigen Legendenkontinuums begibt wie in diesem Fall, dann kommt zu der durch den Schreibstil vorhandenen Exotik noch die einer unbekannten oder weithin nur flüchtig vertrauten Mythologie hinzu. „Indische Nächte“ ist in meinen Augen eine Kurzgeschichtensammlung, die völlig zu Unrecht 30 Jahre lang ungelesen in meinen Bücherregalen stand und die nun endlich zu ihrem Recht kommt, von mir besprochen zu werden.
Wie der Titel schon aussagt, handelt es sich um einen Ausflug in die indische Mythologie, Geschichte, Gegenwart und Zukunft, und vertraut meinem Urteil – wiewohl in der allgemeinen Buchreihe erschienen, ist ihr Inhalt durch und durch phantastischer Natur. Sie ist in sieben „Nächte“ unterteilt, eine jede mit einer Geschichte ausgeschmückt und um ein von der Übersetzerin angefügtes sechsseitiges Glossar erweitert. Allein das deutet schon an, dass wir es hier mit einem Werk zu tun haben, das durchaus gewisse Ansprüche an die Leser stellt. Aber ich betone noch einmal: Das Abenteuer der Lektüre lohnt sich ausgesprochen.
In der „ersten Nacht“, der Geschichte „Die fremde Haut“ befinden wir uns im spätkolonialen Indien. Der herrische Chaver Finlay mit seiner Frau Evelyn und dem schwächlichen Sohn David kommt mit der schwülheißen und in seinen Augen primitiven Gesellschaft in Indien nicht zurecht. Als ein Bettelweib namens Asha bei ihnen auftaucht, beschließt er, ihr Obdach zu gewähren und stellt rasch fest, dass sie außerordentlich attraktiv ist, wodurch eine unterschwellige sexuelle Begierde entsteht. Er setzt sie als Lehrerin seines Sohnes ein, der den indischen Dialekt erlernen soll. Doch damit setzt er einen Prozess in Gang, dessen Resultat völlig unvorhersehbar ist …
In der „zweiten Nacht“ und der Geschichte „Flammentiger“ folgt der Protagonist dem Todesfall eines Jägers, der durch einen Tiger umgekommen ist. Aber die Art und Weise seines Todes war durchweg sonderbar, denn der Jäger ließ die Tür seines Bungalows offen, lud gewissermaßen das Raubtier ein, ihn in seinen eigenen Wänden zu zerfleischen. Und dann ist da dieses Gedicht …
Die „dritte Nacht“ gehört, wie der Titel schon sagt, dem „Mondzauber“. Der unglücklich verheiratete Vikram, ein eher wenig ansehnlicher Mann mit mäßigem Erfolg, hat sich lange nach einer bestimmten Frau gesehnt, kommt jedoch zu spät, um sie zu heiraten … stattdessen muss er die unattraktive Gita zur Frau nehmen, und beide, deren Innensicht man kennen lernt, sind mit der Situation nicht glücklich. Dann jedoch erfolgt auf der Heimreise dieses Zugunglück, und sie stranden hilflos im nächtlichen Wald. Und dann ist da das Mondlicht …
In der „vierten Nacht“ geht es um „Die Entscheidung“. Im Grunde genommen werden zwei, vielleicht sogar drei Geschichten darin abgehandelt. Einmal haben wir es mit Ramaji zu tun, einem jungen Mann von göttlicher Schönheit, der von allen in seinem Viertel geliebt, umhegt und umsorgt wird, der einfach nur sein und schön sein muss – was solange gut geht, bis er auf sonderbare Weise auf die Frau seiner Träume stößt, die ihm sogleich entgleitet wie ein Traum. Und dann entgleist auch sein Leben.
Auf der anderen Seite haben wir dann Sunita, eine attraktive junge Frau, Tänzerin und Kurtisane, die von einem schönen Mann träumt und ihn dank einer Hexe tatsächlich in einem Traum sieht, der sich mit dem von Ramaji sonderbar verschränkt … und dann doch wieder davon entfernt. Auch sie lebt ihr Leben … bis zu jenem Moment der Entscheidung, die den Leser überrascht …
Die „fünfte Nacht“ gilt den „Elfenbeinhändlern“ und ist fast bis ganz zum Schluss ein einziges Mysterium, das schier undurchdringlich ist. Kompliziert wird sie aus verschiedenen Gründen. Zum einen wird sie von hinten erzählt, vom Selbstmord eines begnadeten Literaten mit untadeligem Lebenswandel … der sich als Auftragsmord herausstellt, begangen von einem magischen Gestaltwandler, der den Mord aber nicht selbst beging. Dann folgen wir der Vorgeschichte und des Gestaltwandlers, Rakshas, durch labyrinthische, rätselhafte Verbindungen, bis schlussendlich klar wird, wo eigentlich der Zusammenhang zum Elfenbein ist – eine in jederlei Weise phantastische Erzählung, die auch noch von einem Erzähler offeriert wird, was die Komplexität der Story weiter erhöht. Eine herausfordernde Geschichte, die ich brillant nennen möchte.
In „Strahlender Stern“, der Geschichte der „sechsten Nacht“ befinden wir uns dann schon in der leuchtenden Zukunft Indiens, wo Wolkenkratzer Hunderte von Metern hoch in den Himmel wachsen und eine krasse Kluft zwischen Arm und Reich existiert. Die Fernsehkultur Bollywoods blüht, und die Taja ist das pulsierende Zentrum der Filmindustrie, in dem jeder Mann und jede heranwachsende Frau Karriere zu machen wünscht. Star für Millionen Menschen zu werden, das ist auch der Sehnsuchtstraum der Familie der jungen Indu. Und die größte Sehnsucht ist es, mit dem männlichen, von den Massen gottgleich verehrten Schauspieler Vashari, zusammenzutreffen.
Für die junge, strahlend schöne Indu wird dieser Traum Realität, und sie verliebt sich stürmisch in Vashari, der diese Liebe erwidert … aber der schöne Traum hat eine finstere Kehrseite, und sie hat abgrundtiefe Verzweiflung im Gefolge …
Der letzte Ausflug der „siebten Nacht“ führt in der Geschichte „Tamastara“ dann in eine ferne Zukunft Indiens. Längst sind die alten Tempel und Paläste am Ganges von der Natur zurückerobert, die Menschheit zu den Sternen aufgebrochen, und auf einer Orbitalstation wird Sabotage verübt. Der Attentäter Renard kann im letzten Moment auf die Erde entkommen und seine Gefährten zurücklassen. In den überwucherten Ruinen eines alten Tempels trifft er unerwartet auf eine Frau, die ihm verwirrend vertraut erscheint. Sie scheint ihn sehr gut zu kennen, aus welchem Grund auch immer. Doch dann treffen Renards Gefährten ein und beschließen, ihn wegen des Verrats zu töten – und ehe die Strafe vollstreckt werden kann, ereignet sich das Mysterium, das der ganzen Geschichte endlich den Sinn verleiht …
Wenn man die letzten Seiten dieses Buches schließt, ist es ein wenig, als schrecke man aus einem sonderbaren, aber durchaus schönen und tiefsinnigen Traum auf. Ein wenig stellte sich bei mir das Bedauern ein, dass das Lesevergnügen schon vorüber war, denn ein solches war es auf jeden Fall. Ich las diese Storysammlung gemächlich, wie es ihr gebührt, maximal eine Geschichte am Tag und verteilt über zwei Wochen … und ich denke, das war absolut angemessen. Man muss diese Geschichten auf sich wirken lassen – und was dabei unbedingt hilfreich ist, ist eine dualistische Weltsicht. Für die indische Kultur und Religiosität ist der feste Glaube an die Wiedergeburt ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis nicht nur ihres Wesens, sondern auch für das Durchdringen dieser Geschichten von Tanith Lee.
Der Reinkarnationsglaube ist das eine Schlüsselelement, das andere die wie selbstverständlich hingenommene Vorstellung der Existenz und Präsenz magischer Wesen und magischer Metamorphosen und Verwandlungen. Gestalten können sich umformen, Männer zu Frauen, Frauen zu Männern, Menschen zu Tieren, Tiere zu Göttern und andersherum … die Selbstverständlichkeit, mit der die Autorin mit diesen beeindruckenden Elementen spielt und sie zugleich mit tiefen spirituellen Weisheiten vermengt, führt natürlich dazu, dass dies kein Lesestoff ist, den man – ich erwähnte es eingangs – einfach so weglesen kann wie beispielsweise einen beliebigen Heftroman oder schlichte Unterhaltungsliteratur. Das Buch „Indische Nächte“ fordert Aufmerksamkeit, Neugierde und die Bereitschaft, sich auf eine durchweg fremdartige Sicht der Wirklichkeit einzulassen und sie als Normalität anzuerkennen. Wem das gelingt und wer das faszinierend findet, wird dieses Buch mit Gewinn lesen können.
Ich wünsche dem Buch definitiv neugierige Leser. Es verdient sie.
© 2026 by Uwe Lammers
Braunschweig, den 30. August 2026