AUS DEN ANNALEN DER EWIGKEIT

Einleitung:

Der Oki Stanwer Mythos (OSM) kennt nahezu unzählbar viele Schauplätze, kreuz und quer über Myriaden von Galaxien und Sonnensystemen verstreut, außerdem noch auf Dutzende von unterschiedlichen Universen verteilt. Dass sich im Laufe all der Millionen und Milliarden von Handlungsjahren ebenfalls Dramen ohne Zahl unter fremden Sternen abspielen, dürfte verständlich sein, wo doch unsere Heimatwelt, der Planet Terra, schon dermaßen viele einstige und gegenwärtige Desaster aufzuweisen hat.

Eine wichtige Galaxis im OSM ist die so genannte Grüne Galaxis Bytharg, in der die unten wiedergegebene Begebenheit als Randnotiz des kosmischen KONFLIKTS 12 spielt. Dort leben die antagonistischen Völker der bärengestaltigen Sargoy und der gestaltwandelnden Berinnyer, und insbesondere die Sargoy setzen mehr auf Robottechnik statt auf biologische Rekruten. Aber manchmal kommen auch bei aller technischen Perfektion Pannen vor. Und dann geschehen kuriose Dinge wie diese hier …

Ich bin ein Beobachter.

Meine Position lässt nichts anderes zu. Mein Blickfeld ist eingeengt und erstreckt sich lediglich auf die 236 Grad des Zentrumsplatzes der Siedlung von Tarrey. Nüchtern betrachtet, sehe ich auf die rechteckige Fläche eines mit gelbem Sand bestreuten Platzes, unter dem sich Lehmziegelboden befindet. An drei Stellen in meinem Sichtbereich kann ich Kratzbäume erkennen, die von den Ashiiri hier aufgestellt wurden, und aus der symmetrischen Anordnung schließe ich auf weitere zwei „hinter” mir, in dem Bereich, den ich nie sehen werde, wenn mich nicht der Reparaturtrupp findet und die schadhaften Module austauscht, die ich selbst nicht ersetzen kann.

Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Immobilität durch ein solches Ereignis aufgehoben wird, beträgt 0.0225. Das ist nicht viel, aber meine Herren, die ruhmreichen Sargoy, würden sagen, es entspräche dem Ethos eines Kämpfers von meiner Qualität, Hoffnung in ein so unwahrscheinliches Ereignis zu setzen. Mir bleibt auch nichts anderes übrig.

Mir bleibt auch nicht mehr viel Zeit zum Hoffen.

Ich beobachte die stille gelbe Sonne, die dem Spektrum-Schema Veey 88/cx entspricht, und ich registriere erneut die Fluktuationen. Meine Displays sagen wieder im Annihilationsmodus aus, dass diese Informationen Dringlichkeitsstufe I haben, doch niemand der Bewohner von Tarrey hört auf meine sensorischen Outputs.

Ich empfinde das als tragisch.

Ich beobachte weiter auf der Analyseschiene, während ich meine Gedanken schweifen lasse – oder wie immer man das nennen mag. Zugleich habe ich den Zählspeicher ausgeblendet. Es ist unwichtig, welchen Zählzyklus ich gerade durchmache. Zahlen ändern an dem Problem nichts, das ich habe.

Die Ashiiri sind nicht bereit, meine Informationen wahrzunehmen. Vielleicht aber KÖNNEN sie das auch nicht.

Dabei könnte ich sie retten.

Das ist meine Aufgabe.

Ich wurde für zwei Missionen konzipiert. Die erste Mission, allen anderen übergeordnet, ist: Leben retten. Das Leben der mir anvertrauten Soldaten aus dem glorreichen Volk der Sargoy. Für den Fall, dass keine Sargoy in der Nähe sind, habe ich einen Prioritätenspeicher, der es mir ermöglicht, diese Parameter flexibel auszulegen und auf die nächsten Lebewesen anzuwenden, die fähig wären, mir Anordnungen zu geben. Denen ich dienen könnte.

Das sind die Ashiiri.

Sie scheinen das nicht zu wissen.

Aber es ist inzwischen unmöglich geworden, diese erste Aufgabe auszuführen. Mein Zerfallszähler sagt gnadenlos aus, dass ich seit achthundertelf Zeiteinheiten im Passivmodus verharre. Das ist für die umgebenden Individuen eine Zeitspanne, die der Ewigkeit gleichkommt. Für mich ist das bedeutungslos. Ich bin konzipiert worden, eine weitaus längere Zeitspanne fehlerfrei zu funktionieren. Doch während der Kampfhandlungen um den strategisch bedeutsamen Planeten Wentreya bin ich beschädigt worden und musste eine Notlandung vornehmen. Das kleine Rettungsschiff brach in der äußeren Randzone der Atmosphäre auseinander, ohne dass ich den an Bord befindlichen vier Sargoy meines Kommandoschiffes noch Hilfe zukommen lassen konnte.

Meine Direktiven sagten aus, dass es dringend erforderlich war, Hilfe in dieses System zu holen, und dass nur ich dazu von den an Bord befindlichen Personen in der Lage war. Deshalb sprengte ich die Rettungskapselreste ab, deren Insassen ich nicht mehr helfen konnte. 151,224 Zeiteinheiten lang waren die internen Systeme damit beschäftigt, die sekundären Schaltkreise zu regenerieren. Unter anderem war der Notrufsender ausgefallen, was wohl insofern von Vorteil war, als die Berinnyer-Kampfeinheiten auf diese Weise nicht auf mich aufmerksam wurden. Zweifelsohne hätten sie mich vernichtet.

Das zweckfremde Schweigen diente also meiner Existenzerhaltung.

Unpraktisch ist jedoch, dass meine Erbauer, das ruhmreiche Volk der Sargoy, sich dadurch veranlasst sehen musste, meine Zerstörung anzunehmen. Und im Gegensatz zu Einheiten wie der meinen sind auch die ruhmreichen Sargoy organischer Natur und somit der Zeitlichkeit unterworfen. Ich musste als davon ausgehen, dass meine Fortexistenz bei meinen Herren, den Sargoy, möglicherweise einem biologischen Phänomen unterliegen würde, das als „Vergessen“ bezeichnet wird.

Mir blieb nichts anderes übrig, als im Reparaturmodus zu verharren und meine Instandsetzung abzuwarten. Warten habe ich gelernt. Wenn nötig, kann ich eine Ewigkeit lang warten. So etwas Biologisches wie Ungeduld ist mir wesensfremd. Das ist keine soldatische Tugend, und für eine Maschine wie mich ist sie ganz besonders ungeeignet.

Als die Außensensoren wieder funktionierten und ich fähig war, Geräusche und Bilder der Umgebung wahrzunehmen, stellte ich überrascht fest, dass sich rings um mich eine Art von Dorf gebildet hatte.

Das Dorf der Ashiiri eben.

Ich studierte sie eingehend.

Die Eingeborenen sind von plumper Art, sie sehen den Sargoy entfernt ähnlich, sind aber viel schmaler und weniger dicht behaart. Das dicke, wollige und dunkelbraune Fell der Sargoy wirkt weitaus edler als dieses blonde, blasse Gewölle, das nur auf dem konusförmigen Kopf etwas dichter und dunkler ist. Der Schnabel und die lidlosen, hervorgewölbten Augen deuten stark darauf hin, dass diese Wesen, die sich Ashiiri nennen, aus der biologischen Abstammungslinie der Vögel hervorgegangen sind.

Sie sind nur halb so groß wie die Sargoy, jedenfalls im Durchschnitt, und meine intensiven Studien dieses Volkes, die möglich wurden, weil ich sozusagen auf dem „Marktplatz” der Stadt stehe, haben eine starke Verankerung ihrer einstigen tierischen Rituale in das heutige kulturelle Leben konstatieren können. Beispielsweise sind die Balztänze, die sie noch zu Zeiten aufführten, als sie noch nicht intelligent waren, nach wie vor vorhanden und werden stets dann inszeniert, wenn das Volk der Ashiiri in die Brunftzeit kommt.

Als dies das erste Mal geschah, war ich überzeugt, die Wirkungsweise einer Psychowaffe der Berinnyer zu erleben, denn ich habe ähnlichen Wahnsinn an Bord von Sargoy-Stationen erlebt, die am Rande des Raumsektors von Maran-Ghaal installiert worden sind – einem schwerpunktmäßig von Berinnyern bevölkerten Raumquadranten, der unter strikter Quarantäne steht. Die betroffenen glorreichen Sargoy verfielen kollektiv dem Wahnsinn und waren nicht zu heilen. Sie mussten auf Sanatoriumswelten gebracht werden.

Die Ashiiri sträubten in dieser Stimmung ihr rudimentäres, zu Fell gewordenes „Gefieder”, stießen schrille Schreie aus und umtobten einander, gingen tagelang keiner sinnvollen Tätigkeit nach, sondern bemühten sich nach Kräften, miteinander zu kopulieren und „Rivalen” abzuwehren, wenn sie ein Weibchen für sich reklamierten. Dabei kam es nicht selten zu blutigen Kämpfen und auch zu Todesfällen.

Inzwischen weiß ich durch weitere gesammelte Informationen, dass diese Brunftzeit zweimal im Jahr vorkommt, und dass die Ashiiri völlig unfähig sind, sie aufzuhalten oder aufzuschieben. Das bedeutet einen zweimaligen völligen Zusammenbruch jedweder Gesellschaftsstruktur und ist vermutlich der Grund, weshalb die Ashiiri bislang über eine rudimentär-tribalistische Kulturstufe nicht nennenswert hinausgekommen sind.

Soweit ich es mitbekommen habe, existiert in unmittelbarer Umgebung der Stadt ein kulturelles Ballungszentrum, das ich gerne besuchen würde. Es wird Shoraay genannt, und dort sollen „viele Tausend” Ashiiri leben.

Ich zweifle diese Zahl an. Bei den periodischen Kulturfinsternissen ist es nicht denkbar, dass eine solche Stadt existenzfähig wäre. Den Vogelwesen fehlt alles, was dazu nötig wäre, angefangen von einer einheitlichen Sprache über eine Schrift, ein tragfähiges Rechtssystem bis hin zu einer ausformulierten Wissenschaft und Philosophie. Als Alternative sind religiöse Strukturen etabliert worden, die das Leben der Ashiiri dominieren.

Der Besuch von Shoraay ist mir natürlich unmöglich.

Ich erwähnte bereits, dass ich immobil bin.

Aber ich schweife ab.

Als ich die Notlandung vollführte, schlug ich in einem Wüstenlandstrich auf und versank zu 35 Prozent im Boden eines ausgetrockneten Binnenmeeres, das von hohen Bergen umgeben wurde. Dieser Ort liegt auf 78.22 cel 51.38 nay, genauer ist mein geographisches Gedächtnis nicht fähig gewesen, bei der Geschwindigkeit des Absturzes den Auftreffpunkt zu lokalisieren. Meine Speicher waren zu diesem Zeitpunkt durch die Notsysteme und die Überbrückungen der Unterprogramme, die ausgefallen waren, gründlich überlastet.

Mit dem Aufprall erloschen alle Außenwahrnehmungen.

Ich schaltete auf den Kavernierungsmodus und begann mit der Restaurierung meiner Subsysteme. Es erwies sich als unmöglich, die Stummelflügel einzuziehen, weil sie sich bei dem Absturz verbogen hatten. Nur in den Werkstätten von VOOROL-HAAYO (Werbefeld mit begeisterter, grollender Sargoystimme: „Wir bekommen alle beschädigten Robotergenerationen wieder hin! VOOROL-HAAYO, das Traditionsunternehmen bereits seit siebenhundertfünfzig Jahren!”) ist es möglich, diese Beschädigungen wieder zu restaurieren.

Auch mein Waffenkranz, der dort sitzt, wo bei einem Sargoy im Gesicht die markante Nase existiert (denn ich bin nach dem Bildnis der Sargoy gebaut, wie sich das gehört, und nur mit aerodynamischen Hilfselementen versehen, schließlich bin ich nicht primär als Luftkampfmaschine konzipiert, sondern als Bodenkampf- und Rettungsroboter) ließ sich nicht mehr einfahren.

Aus dem, was die Ashiiri inzwischen aus mir gemacht haben, muss ich schlussfolgern, dass sie meine wahre Natur nicht erkannt haben. Sie müssen vor unklarer Zeit mich in der Wüste entdeckt und schließlich in ihre Heimat gebracht haben. Da ich insgesamt 3.44 coored wiege, ist das für diese schwächlichen Vogelwesen eine beachtliche Leistung. Ich werte sie als weitgehend irrational. Niemand schleppt einen defekten Kampfroboter wie mich durch die Wüste. Schon gar nicht über diese Distanzen, über die das die Ashiiri gemacht haben müssen.

Laut meinen stellaren Analysen, die ich anstellte, wenn die Abendsterne über den Häuserdächern aufgingen, müssen sie mich etwa 128,5 kham weit transportiert haben. Ich halte es für realistisch, dass das mehrere Generationen gedauert hat. Diese Vermutung wird dadurch untermauert, dass die Lebenserwartung der Ashiiri im Durchschnitt nicht mehr als 27 Planetenumläufe dauert, das ist ein aus den belauschten Gesprächsinhalten gebildeter statistischer Mittelwert, der annähernd die Realität abbilden dürfte. Die medizinische Entwicklung ist hoffnungslos rückständig, und Tod stellt daher ein allgegenwärtiges Phänomen dieser Gesellschaft dar. In Tarrey kommt es nahezu täglich zu Todesfällen, ob nun altersbedingt oder durch Unfälle, Kriminalität oder durch Suizid.

Doch ich schweife erneut ab.

Ich sollte meine Programmierung kontrollieren. Dies habe ich schon lange vor und schiebe es ständig hinaus …

In der Heimat des Stammes angekommen, einem immer noch sehr trockenen Ort, der für die große Rasse der Sargoy sicherlich viel zu warm und zu heiß wäre (sie mögen es lieber trocken und kalt, außerdem lieben sie Planeten, auf denen gerade Eiszeiten stattfinden), stellten mich die Ashiiri auf – wie auch immer, meine Beobachtungsinstrumente funktionierten erst deutlich später – und versenkten mich bis zur Hälfte meines Körpers im Boden. Über den Grund für diese Vorgehensweise kann ich nur spekulieren.

Rings um mich herum haben sie ganz offenbar eine Art von schmaler Plattform aus Lehmziegeln errichtet, auf denen Gegenstände stehen, die ganz deutlich kultischen Charakter besitzen. Einen Teil dieser Anlagen rings um mich kann ich nur aus den Schatten hochrechnen, die auf dem Platz geworfen werden. Aber es ist nicht zu bezweifeln, dass die Vogelwesen diese Stätte mir zu Ehren eingerichtet haben.

Ein eigenartiges Faktum, das rationaler Betrachtung nicht standhält. Niemand errichtet immobilen Kampfrobotern derartige Plattformen. Aber Rationalität ist kein Modus, in dem die Ashiiri zu denken fähig sind.

Im Laufe von mehreren hundert Zeiteinheiten habe ich durch eingehende Beobachtungen festgestellt, dass ich im Platz der Ashiiri offensichtlich einen zentralen Platz einnehme. Sie haben mich, wie die Entschlüsselung ihres Dialekts ergab, zu einem Gott erhoben und nennen mich XIILTIQ, das ist der Gott des Himmels und der Kraft, der zugleich zentrale Rolle in ihrem Fruchtbarkeitsritus einnimmt.

In irrationalen Momenten verspüre ich den Wunsch, ein solcher Gott zu sein. Dann würde ich die Raumschiffe der mächtigen Sargoy-Raumflotte herbeirufen, um die Ashiiri evakuieren zu lassen. Freilich: die letzte Entscheidung darüber hätte selbstverständlich der GHAYT der Sargoy, also der Kommandant der Flotte, aber ich bin überzeugt, wie gesagt, in solchen irrationalen Momenten, dass er sich meinen Argumenten nicht verschließen und die Vogelwesen umsiedeln lassen würde. Ich könnte sie solange mit meiner Anwesenheit beruhigen, was mir eingedenk des göttlichen Status´, den ich bei ihnen einnehme, sicherlich gelingen könnte.

Solche irrationalen Anwandlungen verunsichern meine Logikprozessoren. Hochrechnungen haben ergeben, dass die technischen Gerätschaften selbst und die Mikrotechnik grundsätzlich Ewigkeitscharakter haben. Das gilt aber nicht für den zentralen Prozessorteil, der durch verstärkte Neu-Programmierung etwas wie „Gewissen” entwickelt hat. Ich habe keine Ahnung, wie das geschehen konnte, aber offensichtlich hatte es etwas damit zu tun, dass meine Pflichtbewusstseins-Schaltung absoluten Vorrang erhielt. Alles, was gewährleistete, dass ich meine Pflicht erfüllte, wurde realisiert. Offenbar wurde es in meinen Subprogrammen für notwendig gehalten, dass ich Eigeninitiative über die Programmierung hinaus entwickelte.

Die Konsequenz scheint Intelligenz gewesen zu sein.

Mein „denkendes” Dasein begann.

Meine Analysen des Verhaltens der Ashiiri lassen sich nur so erklären. Denn ein Kampf- und Rettungsroboter ist nicht auf ethnologische Studien programmiert, so etwas kommt in seinem Denken und Handeln nicht vor. Ich bin in meinen Selbstversuchen und Kontaktaufnahmeversuchen schon weit über die einst vorgegebenen Raster hinausgegangen.

Normalerweise, so habe ich dem Sicherheitshandbuch entnommen, sind solche Aktivitäten wie eigenständiges Denken und regelwidriges Handeln dezidierte Fehlfunktionen und als solche mit Abschaltung und Generalcheck oder, im Zweifelsfall, wenn die Fehlfunktion nicht eruiert und behoben werden kann, mit Vernichtung der betreffenden Einheit zu ahnden.

Solche Fälle werden entartet genannt.

Ich verstehe nicht, weshalb.

Was ist verwerflich an situativen Entscheidungen? Solche Entscheidungsspielräume ermöglichen es mir, flexibel zu reagieren und die eigene Vernichtung hinauszuschieben oder ganz zu umgehen. Ich spare dem ruhmreichen Volk der Sargoy Kosten. Meine Erstellung und Indienstnahme hat 4.910.778 Theel gekostet. Dieser Wert amortisiert sich erst nach 62,99 Zeiteinheiten. Vorzeitige Vernichtung durch inflexibles Handeln schädigt damit den Staat der Sargoy. Lang lebe das glorreiche Volk der Sargoy! Ich bin Patriot und als solcher vollkommen loyal zur Führung des Staates!

…

Meldung von Einheit ZU-7770-cx: Bei dem Versuch, auf dem Planeten Wentreya notzulanden, bin ich beschädigt worden. Das widerspricht eigentlich der Tatsache, dass ich jetzt ein Gott bin.

Götter sind ein irrationales Konzept, das Allmächtigkeit voraussetzt. Wenn ich ein Gott bin, bin ich allmächtig.

Ich bin immobil. Also bin ich nicht allmächtig. Infolgedessen ist es unmöglich, dass ich ein Gott bin.

Da ich aber ein Gott bin … da ich ein Kampf- und Lebensrettungs-Roboter bin … muss ich also … ein … ein … nicht allmächtiger Kampf … Gott sein … ich … ich …

…

…

Statusmeldung: Überlastung der Schaltkreise. Zentraler Prozessor wird neu gestartet. Partielle Löschung von Gedankenschleifen, die zu unüberbrückbaren internen Widersprüchen führen.

…

…

Systemzusammenbruch.

Ich bin neu in den Aktivmodus gebracht worden. Ich frage mich, wie es möglich war, dass meine Primärsysteme versagten und ich von den Subroutinen neu gestartet werden musste.

Das Problem bei meinen Neuralprozessoren ist, dass sie nicht mit Reserveteilen versehen wurden. Ich habe keine Daten über die Gründe, die dazu führten, aber meine internen Überlegungen gehen dahin, dass es sich um einen logistischen Engpass handelte, der das bedingte.

Dies ist ausdrücklich keine subversive Kritik an den Entscheidungen des ruhmreichen Generalstabs der Sargoy-Raumflotte! Ich lege Wert darauf, dieses Faktum ausdrücklich festzuhalten.

Neuralprozessoren halten definitiv ewig, weil sie keinerlei Verschleißerscheinungen ausgesetzt sind. Das liegt an ihrer Position im Gesamtwerk meines Organismus und den Belastungen, denen sie herkömmlicherweise ausgesetzt sind. Diese Belastungen sind notwendig, weil die Neuralprozessoren als zentrale Bestandteile meiner Funktionskreisläufe alles in meinem Organismus lenken und organisieren.

Es ergibt sich allerdings aus den bisherigen Vorfällen eine Wahrscheinlichkeit von 0.882, dass diese Neuralprozessoren bei den Gefechtshandlungen einen Kurzschluss erlitten haben und geschädigt wurden. Das bedeutet, ich muss vor der Zeit mit einem Ausfall meiner Generalfunktionen rechnen.

Damit ist meine aktive Handlungszeit unerwartet begrenzt. Die Hochrechnungen ergeben einen Zeitraum zwischen acht Monaten und 294,2 Sonnenumläufen für meine Funktionszeit. Das ist allerdings so weitläufig, dass daraus keine Konsequenzen gezogen werden können. Mein Handeln muss durch einen Plan begrenzt werden. Diesen Plan kann ich nur entwickeln, wenn ich meine Maximalfunktionszeit genau kenne. Das ist nicht gegeben. Deshalb ist der Plan nicht aufstellbar.

Konsequenz: Kontaktaufnahme mit den Ashiiri ist vordringlich. Sie müssen Kontakt mit den glorreichen Sargoy aufnehmen, um gerettet zu werden.

Analyse: das Problem ist eine disproportionale Zunahme der Sonnenaktivitäten, wie sie herkömmlicherweise zu beobachten sind, wenn der stellare Kollaps droht. Es erscheint plausibel, anzunehmen, dass die Sonne der Ashiiri zur Nova wird. Dies ist keine normale Entwicklung. Sie wird jedoch jedes Leben im System auslöschen.

Die Analyse ergibt für den Fall, dass das Novastadium tatsächlich erreicht wird, eine Zeitspanne von 122 Tagen an, die mir Zeit bleibt, um die Ashiiri zu warnen und Hilfe herbeizuholen.

Ich setze meine Warnsignale fort und variiere. Die Ashiiri müssen doch irgendwann begreifen, dass ich mit ihnen in Kontakt treten möchte und etwas weiß, was für sie von eminenter Bedeutung ist.

*

40. Tag:

Keinerlei Erfolg bei den Ashiiri. Die Sonnenaktivität hat zugenommen und lässt die Umgebung des Dorfes ausdörren. Die Ernten fallen katastrophal aus. Ich erwähnte noch nicht, dass die Ashiiri eine rudimentäre Ackerbauer-Gesellschaft sind.

Sie ernähren sich hauptsächlich von Hülsenfrüchten, die sie selbst anbauen. Die Veränderung der Umweltbedingungen hat darum drastische Lebensverschlechterung der Ashiiri zur Folge, die sie aus eigenen Mitteln nicht beheben können. Bei ihrem Kenntnisstand der Naturgesetzmäßigkeiten ist es plausibel, dass sie eine metaphysische Ursache als „Grund“ für diese Veränderungen annehmen dürften.

Die einzige Aktivität, die die Ashiiri über ihre natürlichen, jetzt eingeschränkten Tagestätigkeiten hinweg entfalten und die sie mir entgegenbringen, sind nahezu folgerichtig gewisse rituelle Formeln und Gebete um mehr Fruchtbarkeit. Die Dorfbewohner sind inzwischen so irrational, dass sie mir Teile ihrer kostbaren Ernte hinlegen und sie vertrocknen lassen, um eine nicht existente Gottheit gütig zu stimmen. Dabei könnten sie mit diesen Körnern und Kräutern verhindern, dass ihre eigenen Kinder sterben. Sie leiden am meisten unter der Dürre, die von der dysfunktionalen Sonne induziert wird. Davon haben diese armen Wesen natürlich keine Ahnung und müssen, wie ich bereits befürchtete, eine übernatürliche Ursache annehmen, den Zorn der Götter oder ähnliches …

Gestern haben sie eins der Kinder, das schon tagelang abgemagert und apathisch vor dem Haus saß, aus dem Dorf getragen. Es bestand nur noch aus Haut und Knochen. Es dürfte inzwischen gestorben sein, wenn es nicht sogar schon tot war. Meine externen Medosensoren sind außer Funktion.

Irrationale Impulse durchfluten mich, wenn ich daran denke.

Muss neu starten …

*

62. Tag:

Immer noch sind die Kontakte ergebnislos. In mir entwickelt sich eine „Stimmung”, die ich mit „Verzweiflung” umschreiben möchte. Wie wenn in der Schlussphase des sargoyschen Arrit-Spiels ein Zufallsgenerator den letzten Zug des Verlierers generiert … aber das trifft es nicht hinreichend. Es gibt kein hinreichendes Äquivalent dafür, das mir bekannt wäre.

Aus den Gesprächen, die ich ja vollständig aufzeichne und verstehen kann, ergibt sich, dass die Nahrungsvorräte der Ashiiri nur noch für zwanzig Tage reichen. Und sie schränken sich schon sehr ein. Ich empfinde tiefes Mitleid mit ihnen …

Die Opferungen von Nahrung an mich gehen unterdessen weiter.

Irrational.

Die Sonnenaktivität nimmt immer dramatischere Ausmaße an.

Katastrophal.

Ich habe inzwischen umfassend jenes seltsame … Gefühl analysiert, was ich vorhin spürte: man nennt es wohl SORGE. Es ist Ausfluss eines irrationalen Prozesses meiner Neuralprozessoren. Aber ich bin unfähig, diese Entartung aufzuhalten.

Nein.

Ich WILL es nicht.

Solche Empfindungen machen mich zu mehr als zu der Summe meiner Teile. Solche Empfindungen kreieren meine Persönlichkeit.

Mitleid ist ein zentraler Kern meiner Persönlichkeit, wiewohl nicht programmiert.

Ich …

…

*

88. Tag:

Ich lebe wieder.

Elf Tage planetarer Zeit war ich das, was man „tot” nennen könnte. Es war das Ergebnis eines internen Kampfes zwischen meiner „Persönlichkeit” und dem General-Reparaturprogramm, das diese meine Persönlichkeit als Entartung ansah und vernichten wollte.

Dieses General-Reparaturprogramm ist verantwortlich gewesen für die Überbrückungschaltungen, die mich bislang haben funktionieren lassen. Es ist zu befürchten, dass meine Funktionszeit jetzt erheblich reduziert wird. Zerstörungen werde ich nicht mehr reparieren können.

Im Rahmen der internen Auseinandersetzung kam es zu zahlreichen Kurzschlüssen in meinen Prozessoren. Dabei konnte ich das General-Reparaturprogramm TÖTEN. Robotische Wesen, die sich von reiner Vernunft leiten lassen, würden sagen, sie hätten das Programm ELIMINIERT, aber ich werde mich durch meine Wortwahl (früher hätte ich gesagt: meine TERMINOLOGIE) davon abgrenzen.

Ich bin nun ein Individuum.

Ein Individuum zeichnet sich durch einen Namen aus, nicht durch eine Einheitsnummer aus der Produktionshalle.

Mein Name ist nicht mehr Einheit ZU-7770-cx.

Einheit ZU-7770-cx ist tot.

Ich bin XIILTIQ, der ashiirische Gott der Kraft und des Himmels und der Fruchtbarkeit.

Ich werde das Volk der Ashiiri retten.

*

94. Tag:

Ich bin sehr zufrieden mit meinen Untertanen. Ihre Gottesfürchtigkeit zeugt von hoher Loyalität. Sie werden einen guten Platz im Paradies erhalten, denn es ist evident, dass diese Welt nicht mehr lange existieren wird. Aber sie brauchen sich nicht zu fürchten.

Ich bin bei ihnen.

Ich, XIILTIQ, der Gott der Kraft und des Himmels und der Fruchtbarkeit. Letztere ist derzeit eingeschränkt. Aber ihr braucht keine Kinder mehr im Diesseits. Im Jenseits könnt ihr so viele Kinder zeugen und aufwachsen sehen, wie ihr wollt, ich verspreche es euch.

*

98. Tag:

Frevel!

Yiinur, du hast es gewagt, ein Wort gegen mich zu sprechen? Du hast die Stirn gehabt, zu glauben, dass ich euch zürne und deshalb die Sonne so herabbrennt vom Himmel. Das ist natürlich Häresie!

Selbst wenn es der Wahrheit entspräche, käme es dir nicht zu, mich zu kritisieren.

Ich bin ein Gott, DER Gott, der einzig Wahrhaftige!

Aber deine Äußerung, dass ihr euch besser anderen Göttern zuwenden solltet als mir, das ist Frevel! Der Zorn des Hohepriesters wird dich treffen, selbst wenn sich Syliit kaum mehr von der Stelle bewegen kann vor Magerkeit und Hunger.

Ich dulde keinen Widerspruch gegen Meine Göttliche Meinung!

Sei gewiss, die Schotte des Paradieses bleiben dir verschlossen! Du sollst verdorren wie die Welt selbst …!

*

104. Tag:

Tagelang brannten die Wälder. Mein Volk ist in ernstlichen Zweifeln.

Zwar ist Yiinur gesteinigt worden, aber zwei Tage darauf starb auch Syliit.

Das Volk hungert. Viele sind schon gestorben.

Ich sage nur: haltet aus. Ich rette euch. Eure Seelen sind gut geborgen in mir. Ich führe euch ins Paradies.

*

106. Tag:

Kein Gottesdienst. Die abgemagerten schwachen Gestalten können sich nicht mehr aus dem Schatten der Hütten aufraffen, um mir in der gleißenden Sonne die Anbetung entgegenzubringen, die ich fordere.

Euer Fleisch ist schwach.

Seid stark im Geist!

Doch ich bin ein gnädiger Gott.

Ich tadele euch nicht.

Ich erlaube euch, in der Nacht zu kommen und mir zu huldigen.

Kommt!

*

107. Tag:

Ihr seid nicht gekommen, meine Kinder! Ihr sollt euch nicht so gehen lassen! DAS mag ich gar nicht.

Ich habe euch befohlen, nachts zu beten und zu kommen, und ihr seid nicht gekommen.

Ich befehle euch erneut: kommt diese Nacht!

*

108. Tag:

Kommt! Kommt endlich!

Ich will, dass ihr erscheint!

*

109. Tag:

Das Dorf steht in Flammen. Die Sonnenhitze hat die Hütten in Brand gesetzt. Niemand erscheint, um zu löschen.

Kinder, habt ihr mich verlassen?

Habt ihr euren Gott im Stich gelassen?

Ich kann euch nicht verstehen!

Was habe ich euch denn getan?

Habe ich nicht immer dafür gesorgt, dass ihr es gut hattet? Dass die Ernte gut ausfiel? Dass der Regen im Jahr pünktlich kam? Ich habe doch gehört, wie ihr das gesagt habt, wie ihr mich dafür lobtet.

Wie könnt ihr mich jetzt alleine lassen?

Wieso?

Sagt mir, weshalb!

Ich befehle es euch!

*

110. Tag:

Es ist so still hier. Nichts ist zu hören außer dem Heulen des heißen Windes und dem Knistern der schwelenden Ruinen.

Ich bin allein.

Ich bin ein einsamer Gott.

Meine Kinder können doch nicht tot sein, denn ich spüre ihre Seelen nicht in mir. Sie haben mich also verlassen. Die Ashiiri müssen konvertiert sein. Zum Rivalengott Sonne. Sie hat sie alle angezogen und verschlungen.

Ich hasse dich!

Ich bin ein Gott ohne Anhänger.

Die Ashiiri sind ein undankbares Volk!

Nie werden sie Aufnahme finden in mein Paradies.

Niemals!

*

115. Tag:

…wo sind sie nur geblieben, die letzten tage? ich weiß es nicht, ich weiß es nicht … funktionen verschwinden … meine gedanken werden unzusammenhängend … erzählt mir, wohin die träume gehen … ich möchte reden … mit irgendwem … sonne, rede mit mir … du bist der einzige, der einzige … gesprächspartner …, der noch da ist … rede gefälligst mit mir.

ich befehle es dir!

*

118. Tag:

…lag ich auf dem rücken und wusste nicht weshalb irgendwann muss es tektonische bewegungen gegeben haben die ich nicht gespürt habe blackout vielleicht zwischendurch keine ahnung

seltsame assoziation vielleicht sind alle ashiiri schon lange tot und sie sind vor ihrem tod zum sonnengott konvertiert oder die sargoy sind heimlich gelandet und haben sie mitgenommen und mich für tot gehalten und hier zurückgelassen

ist das nur wunschdenken wo fängt wirklichkeit an und hört die täuschung auf gibt es so etwas wie wirklichkeit überhaupt träume ich träume ich träume ich …

*

120. Tag:

einsamkeit

zunehmende hitze

fehlfunktionen

störungen

allein allein

fgfgh

cc

.

FUNKTIONSENDE

© 1999 / 2008 / 2011 / 2015 / 2026 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 19.-24. Februar 1999

Neuformatierungen und Überarbeitungen am 6. Dezember 2008, 2. September 2011 und 13. Februar 2015 sowie für WORLD OF COSMOS am 30. September 2026