7. Das Grafenschloß
Der Schnee tanzte in Wirbeln um sie herum. Durchs Fenster, aus einer warmen Stube heraus, hätte es bestimmt romantisch ausgesehen. Karina hatte ihren Mantel bis zum Hals geschlossen, Alexandra hatte sich in ihre Stola gewickelt. Flocken flogen ins Gesicht, schmolzen auf der Wange und tropften den Kragen hinunter. Krohnstieg zur Rede stellen hatten sie wollen. Jetzt konnten sie froh sein, wenn er sie empfing und ihnen einen Platz am geheizten Kamin anbot.
„Warum ist deine Welt eigentlich mit so vielen widrigen Umständen ausgestattet?“, wandte sich Karina an ihre neben ihr reitende Begleiterin. „Unsympathische Menschen und unsympathisches Wetter.“ Sie mußte die Stimme erheben, um sich gegen den Wind und durch die um Alexandras Ohren geschlungene Stola verständlich zu machen.
„Es ist nicht eigentlich meine Welt“, gab Alexandra zurück. „Ich bin nur – na ja, man könnte sagen: bestenfalls Mitgestalterin.“
„Was soll das heißen?“
„Diese Welten sind gewebt aus den Träumen aller Menschen. Und manche haben ziemlich miese Träume. Ich kann nichts dafür.“
„Und Krohnstieg träumt dann wohl davon, daß er ein Graf ist.“
Der Gang der Einhörner verlangsamte sich. Der Sturm erschöpfte auch sie, und der Schnee lag inzwischen so hoch auf dem Weg, daß sie nur noch mühsam ihre Hufe voransetzen konnten.
Nach einer Weile zeichnete sich linker Hand vage ein dunkler Umriß ab, der gegen den Himmel ragte. Alexandra wies in die Richtung. „Wenn wir Glück haben, ist das das gräfliche Schloß.“

Sie lenkten ihre Tiere dorthin und erreichten etwas später einen Burggraben. In der Mauer jenseits des Grabens gab es ein Tor mit einer Zugbrücke. Die Brücke war hochgezogen. „Schön“, meinte Karina sarkastisch. „Jetzt müßten wir wohl anklopfen. Mein Arm reicht nur leider nicht bis da drüben.“
„Meiner auch nicht. Aber gib mal deinen Schild.“ Alexandra ließ sich vom Rücken des Einhorns gleiten.
„Schild?“, wunderte sich Karina, nahm ihn aber vom Rücken und reichte ihn ihrer Begleiterin herunter. Während sie ebenfalls abstieg, leuchteten in der Dunkelheit ein paar Spuren auf, als ob Leuchtraketen ihre Bahn zogen. Inzwischen wunderte sie sich nicht mehr. Alexandra dachte eine Berechnung in die Luft, von der Karina aber zugeben mußte, daß sie sie nicht verstand.
„Ich habe mir das von Flughörnchen abgeguckt“, erklärte die Walküre, als benötige sie eine Entschuldigung. Sie legte Karinas Schild in den Schnee und griff den eigenen an der Kante. Dann nahm sie Schwung, drehte sich einmal um sich selbst und schleuderte das Blech wie ein Diskuswerfer in Richtung der Burgmauer. Es segelte über den Graben, verfehlte knapp die Zugbrücke und prallte gegen das Tor. Anschließend ergriff sie Karinas Schild und wiederholte die Übung.
Ein zweiter Schlag von Metall gegen Holz ertönte.
„Geklopft habe ich. Hoffen wir, daß es jemand gehört hat.“
Das Warten dauerte zermürbend lange. Dann erschien auf dem Wehrgang über dem Tor der Schein einer Fackel. Das Licht blendete, aber es gehörte zweifellos ein Wächter oder Diener dazu. „Wer da?“
„Zwei Reisende suchen Schutz vor der Nacht und dem Wetter“, rief Alexandra.
„Wartet!“
„Da wird uns momentan auch nichts anderes übrig bleiben“, erkannte Alexandra realistisch. „Vermutlich geht er jetzt zum Burgherrn, um ihm Bericht zu erstatten. Von dessen Gnade hängt es ab, ob man uns Einlaß gewährt.“ Nach längerer Pause fügte sie hinzu: „Sollte mir allerdings die Geduld reißen, dann rufe ich Jü und fliege mit ihm über die Mauer. So einen aufsehenerregenden Auftritt wollte ich im Interesse der Sache nur gern vermeiden. – Na also.“
Die letzten Worte bezogen sich darauf, daß sich drüben rumpelnd die Zugbrücke in Bewegung setzte und herabgelassen wurde.
*
Sie führten ihre Reittiere über die Brücke und sammelten im Vorbeigehen ihre Schilde wieder auf. Der sie empfing, trug eine Livree mit langem Rock, der von der Schulter bis zum Saum mit einer silbernen Borte dekoriert war. Er studierte die Besucherinnen im Licht der Fackel und schien weder angesichts der Bewaffnung irritiert noch angesichts der Fabeltiere, die sie begleiteten.
„Wen darf ich dem Herrn Grafen melden?“
Alexandra nickte ihrer Begleiterin aufmunternd zu, sie solle die Vorstellung übernehmen. Karina hatte es inzwischen gelernt. Die Hand auf die Brust legend, verneigte sie sich. „Das ist Lexa, ich heiße Karina. Wir wollten Herrn von Krohnstieg einen Besuch abstatten wegen – nun, wegen einiger Fragen.“
„Wir kommen leider spät, weil wir uns jenseits des Flusses mit einer Räuberbande herumärgern mußten, was uns etwas aufgehalten hat“, ergänzte Alexandra.
Er führte die beiden in eine Halle und zündete die Kerzen eines Leuchters an. „Wartet hier.“ Damit eilte er davon.
„Seine Lieblingsvokabel, offenbar“, grinste Alexandra. Karina fühlte sich nicht zum Grinsen. Die Konfrontation mit dem Betrüger stand nun unausweichlich bevor. Wie fing sie es an, und was würde er sagen? Oder würde er sie einfach hinauswerfen lassen? Immerhin war er hier unbestreitbar der Hausherr.
Der Schein des Leuchters hob nur Teile der Halle aus der Dunkelheit hervor. Gemälde, vielleicht von Ahnherren, hingen hoch an den holzgetäfelten Wänden, dazwischen Wappen oder Feldzeichen. Einzelheiten ließen sich bei der spärlichen Beleuchtung nicht ausmachen. An einer Wand, direkt ihnen gegenüber, war ein großer Kristallspiegel angebracht. Was sie sah, ließ Karina den Atem stocken, und sie starrte ihr Spiegelbild an.
Ihr wurde bewußt, daß sie, seit sie mit ihrer Schülerin in diese Welt vorgedrungen war, noch in keinen Spiegel gesehen hatte. Sie erkannte sich mit Mühe. Ihre Haare waren offen, ähnlich denen Alexandras. Sie wallten über ihre Schultern. Die Wangenknochen traten ebenmäßig und sehr ästhetisch aus ihrem schmalen Gesicht hervor, die Lippen wirkten voll und sanft. Ihre Gestalt hielt sich gerade und kein bißchen gebückt, und sie strahlte Selbstbewußtsein aus. Kurz, eine schöne Frau. So kannte sie sich nicht; sie wußte, daß sie sich normalerweise duckte, ein ständig schlechtes Gewissen mit sich herumtragend, sie könnte schon wieder etwas falsch gemacht haben. Das hatte mit der Zeit einen verbissenen Ausdruck in ihre Züge gezeichnet. Sie hatte sich im Laufe der Jahre an ihr Spiegelbild gewöhnt, um so mehr traf sie die Erkenntnis, daß dies alles jetzt fehlte.
„Bin ich das?“, fragte sie ungläubig.
„Das bist du, wie du sein könntest, wenn du es zuließest“, sagte Alexandra.
Sie hätte es ahnen müssen. Auch die Alexandra in dieser Welt sah anders aus als in der vermutlich realen. So wie sie aussehen könnte, wenn ihre Behinderung ihr nicht zur Last fallen und sie isolieren würde. Das kleine Mädchen, das von einem weisen Chinesen unterrichtet worden war, das noch Eltern gehabt hatte, hätte vielleicht so werden können.
„Der Herr Graf läßt bitten. Wenn die Damen mir folgen möchten?“
Der Bedienstete führte sie eine Treppe hoch, über eine Galerie, dann zu einer zweiflügeligen Tür. Er klopfte kurz, dann öffnete er den einen Flügel und trat einen Schritt weit hinein. „Die Damen Lexa und Karina.“
Einige Kerzen und ein flackerndes Kaminfeuer illuminierten einen Salon mit geschnitzten Möbeln und einer Bücherwand. Ein großer Globus stand an einem Fenster, das aber durch einen Vorhang verhängt war. Draußen war es dunkel, zu sehen wäre ohnehin nichts gewesen. Die Glasscheiben einiger Vitrinen spiegelten das Feuer. In einem Lehnstuhl am Kamin saß Krohnstieg, das heißt, jetzt erhob er sich und kam ihnen entgegen. Er betrachtete Karina. „Ich wußte doch, daß der Name mir etwas sagte. War Eure Sehnsucht nach mir so groß, daß Ihr die weite Reise auf Euch genommen habt?“
Diesmal traf es sie nicht ganz so überraschend mehr. Der Krohnstieg hier war nicht der Krohnstieg dort. Dieser hier war älter, sein Schnurrbart war weiß, an den Schläfen lichteten sich die Haare. Aber gerade das verlieh ihm etwas ungemein Reizvolles, er wirkte wie ein erfahrener Weltmann, der sich zur Ruhe gesetzt hatte. Oder eben wie ein Graf, der sein Vermögen ererbt und überhaupt nie gearbeitet hatte. Diesen Eindruck unterstrichen auch die schweren Ringe, die an beiden Händen funkelten.
„Es war meine Sehnsucht, mit Euch ins Reine zu kommen. Ihr habt mir übel mitgespielt“, erklärte Karina. Sie hätte eine schärfere Formulierung wählen wollen, aber die Attraktivität des Grafen lähmte ihren Kampfgeist.
„Habe ich das?“
„Oder wie würdet Ihr es nennen, abzureisen und meinen Schmuck zu stehlen?“
Krohnstieg stemmte entrüstet die Hände in die Seiten. „Niemals wollte ich Euren Schmuck stehlen!“
„Wollt Ihr es etwa leugnen?“
Seine Augen weiteten sich. „Aber da liegt ein schrecklicher Irrtum vor. Habe ich Euch in der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft irgendeinen Anlaß gegeben, mir zu mißtrauen?“
Das traf Karina überraschend. Der Graf wirkte tatsächlich, als sei er völlig unschuldig. Sie sah Alexandra an, aber die zuckte mit den Schultern. Zu dieser Wendung fiel ihr offenbar auch nichts mehr ein. Wie konnte man dem noch begegnen?
Krohnstieg mußte ihre Ratlosigkeit bemerkt haben. „Werte Komtesse Karina. Ehe wir hier womöglich Porzellan zerschlagen, sollten wir die Angelegenheit wirklich in Ruhe besprechen.“
„Ich bin keine Komtesse.“
„In meiner Wertschätzung verdient Ihr zumindest, es zu sein. Wenn nicht Prinzessin. Laßt uns diese unschöne Sache doch in Ruhe bereden, vielleicht bei einem Glas Wein.“ Karina holte Luft, doch er fuhr fort. „Und legt doch Eure Sachen ab. Das sieht wirklich ungemütlich aus, mit all diesem … Metall.“
„Das uns auf dem Weg hierher gleichwohl gute Dienste geleistet hat“, warf Alexandra ein.
„Nun. Ihr hattet also eine weite und demnach auch beschwerliche Reise, und es ist spät. Sicherlich werdet Ihr mein Angebot annehmen, hier zu übernachten. Ich lasse Euch zwei Kammern herrichten. Dann macht Ihr Euch etwas frisch und wir treffen uns im großen Salon zu einem Nachtmahl. Bei einem schönen Glas Wein werden wir sicherlich die Mißverständnisse ausräumen können. Ach ja, mir wurde berichtet, Ihr seid zu Pferde gekommen. Ich gebe natürlich auch Anweisung, Eure Tiere zu versorgen.“
Die lange, von Wohlwollen triefende Rede überforderte Karinas Widerstandskraft. Sie seufzte. „Dann werden wir Euer Angebot wohl annehmen müssen.“
„Na, seht Ihr.“ Krohnstieg läutete nach seinem Diener. Der konnte nicht weit gewesen sein, er erschien nach wenigen Sekunden. „Bereite zwei Gästezimmer für Fräulein Karina und Fräulein Lexa. Sag dem Stallmeister, er soll die Pferde versorgen und der Köchin, daß ich mit den Damen zu Abend speisen möchte.“
„Wir bringen die Tiere lieber selbst in den Stall. Sie gehorchen nicht jedem“, erklärte Alexandra.
„Sehr gut. Bis dahin sind auch Eure Zimmer fertig.“
*
Karina sah sich in dem ihr zugewiesenen Gästezimmer um. Neben einem Himmelbett mit hauchdünnem Vorhang gab es eine Kommode mit Waschschüssel und Wasserkrug, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, einen Schrank. An der Wand hing ein Landschaftsbild, das ihr irgendwie bekannt vorkam, vermutlich ein Tizian; im Studium hatte sie sich damit einmal befaßt, aber seitdem war ihr diesbezügliches Wissen irgendwie versickert, weil sie es in der Schule nicht benötigte. Das Fenster zeigte nur die geschlossenen Fensterläden.
Es klopfte. „Ich bin’s, Alexandra.“
„Komm rein.“
Alexandra hatte ihre Waffen abgelegt und trug eine Art Abendkleid. Karina fragte erstaunt nach, woher sie das habe. Das Mädchen wies auf den Schrank. „Es sollte mich wundern, wenn da nicht auch etwas geeignetes für dich wäre. Der Herr Graf hat für seine Gäste gesorgt, die ohne passende Garderobe angereist sind.“
„Aber darf ich mich derart von seiner Gunst abhängig machen?“

„Du sollst das Kleid ja nicht mitnehmen. Nun komm schon.“ Karina öffnete also den Schrank, und Alexandra half ihr mit der Unbefangenheit eines jungen Mädchens, das sich für seinen ersten Ball kleidete, beim Aussuchen. „Wie wäre es mit diesem?“ Weiter Rock, weiße Rüschen am Oberteil.
„In so einem haben wir meine Mutter beerdigt.“
„Hm. Oder das?“ Schwarz, lang, tailliert, mit Spitzeneinsatz.
„So habe ich mir immer die Hexe im Märchen vorgestellt.“
Alexandra kicherte. „Perfekt. Dann nimm es.“
Karina seufzte. Im Grunde war es unbedeutend, was sie anzog. Sie stimmte zu. Die Waffen legte sie aufs Bett, Mantel und Dienstkleid dazu. Dann schlüpfte sie in das schwarze Kleid. Der Spiegel über der Kommode war zu klein, um sich in ihm ganz zu sehen, aber Alexandra versicherte ihr, daß sie atemberaubend darin aussehe.
„Wird das unsere Verhandlung mit dem Herrn Grafen positiv oder negativ beeinflussen?“
„Geh davon aus, daß es ihm egal ist. Ihn interessiert nur Geld. Aber eines wird ihm sicherlich nicht egal sein. Nimm die Brosche und steck sie an dieses Kleid. Mal sehen, was er dazu sagt.“
Das Mädchen trat ans Fenster und öffnete einen Laden. Kühle Luft wehte herein. Der Blick fiel auf den schneebedeckten Hof, der tief unter ihnen lag; sie befanden sich im zweiten Stock.
Karina stellte sich neben sie und atmete tief ein. Dann schloß sie den Laden wieder, es wurde kalt. „Sag mal“, kam ihr plötzlich ein Gedanke, „wieso wundert sich eigentlich niemand darüber, daß wir mit Einhörnern unterwegs sind? Alle scheinen das hier völlig normal zu finden.“
„Da muß ich dir eine Illusion nehmen, glaube ich. Die wenigsten hier erkennen ein Einhorn, wenn sie es sehen. Wer nicht einmal im Traum an Einhörner glaubt, der sieht nur ein Pferd.“
„Aber der Schmied…“
„Ja, das war eine Ausnahme. Er und das kleine Mädchen Gundel, das wir am Wirtshaus trafen, waren die einzigen, die unsere Einhörner erkannt haben. Gundel hatte die Unschuld eines kleinen Kindes, und ein Schmied war schon immer einer, der mit allen Elementen im Bund steht. Das Eisen, das er schmiedet, kommt als Erz aus der Erde, mit dem Feuer bringt er es zum Glühen, mit der Luft facht er die Flammen an und mit Wasser schreckt er das Werkstück ab. Wer so mit den ewigen Gewalten vertraut ist, der erkennt auch ein Einhorn.“
Karina nickte. „Aber“, begann sie dann, „ich sehe die Einhörner doch auch. Und ich bin weder ein Kind noch mit den Elementen…“
„Doch“, widersprach Alexandra. „Im Grunde deines Herzens bist du wunderbarerweise immer noch ein Kind geblieben.“
„So gut kennst du mich, daß du das beurteilen kannst? Dann kennst du mich besser als ich mich selbst kenne.“
„Ich habe in dein Inneres gesehen, damals in der Bibliothek von Alexandria.“
„Stimmt es denn auch, daß du Gedanken lesen kannst? Oder war das nur ein Scherz?“
„Nun“, das Mädchen lächelte geheimnisvoll, „es hieße wohl, mich mit fremden Federn zu schmücken, wenn ich behauptete…“
Es klopfte. „Meine Damen…?“ Die Stimme des Dieners.
Karina öffnete. „Ja?“
„Wenn die Damen fertig sind – das Essen ist aufgetragen, und der Herr Graf erwartet Euch.“
Alexandra machte eine Geste der Zustimmung. „Dann sollten wir Seine gräfliche Hoheit nicht warten lassen.“
*
Im Salon war eine lange Tafel gedeckt; Porzellangeschirr mit Goldrand, Gläser aus funkelndem Kristall. Mehrere Leuchter erhellten den Tisch; es roch leicht nach Honig, zweifellos Bienenwachskerzen. Auf einer Anrichte standen eine Obstschale sowie mehrere zugedeckte Schüsseln. Es duftete verlockend und erinnerte Karina daran, daß sie außer mittags einer Suppe noch nichts gegessen hatte. Flüchtig streifte sie der Gedanke, daß er das alles von dem Geld finanzierte, das er von seinen Opfern ergaunert hatte. Aber die Pracht war so beeindruckend, daß sie diesen Gedanken nicht festhalten konnte. Außerdem knurrte ihr Magen.
Krohnstieg begrüßte sie mit einem Handkuß. „Ihr seht wirklich bezaubernd aus. Ihr habt einen guten Geschmack“, lobte er. „Wer ist eigentlich dieses entzückende Fräulein Lexa an Eurer Seite? Ihr seid ja vorhin dermaßen mit der Tür ins Haus gefallen, daß Ihr mir keine Gelegenheit gegeben habt, sie angemessen zu begrüßen.“
Komplimente helfen mir jetzt überhaupt nicht, dachte Karina, die sich eigentlich innerlich auf das Gespräch vorzubereiten versuchte.
„Das ist meine Freundin Lexa von … Dinas Brân.“ Sie sah Alexandra fragend an. „Richtig?“ Jene nickte. „Lexa kennt sich in diesem … hm … Landstrich besser aus und begleitet mich daher.“
„Meine Verehrung, Fräulein Lexa von Dinas Brân.“ Der Graf schien den Namen auf der Zunge zergehen zu lassen und bedachte sie ebenfalls mit einem Handkuß. Dann übernahm er es, jede von ihnen an den vorgesehenen Platz zu führen. Der Diener schenkte ihnen Rotwein ein. Ich sollte einen klaren Kopf behalten, dachte Karina und nahm sich vor, beim Trinken sehr zurückhaltend zu sein. Und was Alexandra betraf – durfte sie in ihrem Alter überhaupt schon Wein trinken? Aber was galt das in dieser Welt?
Krohnstieg hob sein Glas. „Es ist lange her, Fräulein Karina, daß wir miteinander angestoßen haben. Trinken wir auf unser unverhofftes Wiedersehen.“

„Und ein hoffentlich erfolgreiches Klarstellen meiner Fragen.“
„Schon zum Geschäftlichen? Trinken wir doch erst einmal.“
Vergiftet war der Wein wohl nicht, der Diener hatte ihnen allen aus der gleichen Flasche eingeschenkt. Sie tat ihm also Bescheid und nippte von dem Trank.
Nach dem zweiten Gang entschied Karina, daß sie nun nicht länger warten mochte. Die Karten mußten auf den Tisch, bevor Wein und Essen sie müde machten. Vor allem nach einem so ereignisreichen Tag. „Herr Graf, wenn Ihr gestattet, möchte ich nun auf den Grund meines Hierseins zu sprechen kommen.“
Er seufzte theatralisch. „Ach, die leidige Geschichte. Also, wie war das mit Eurem Schmuck?“
„Das wisst Ihr doch genau. Ich hatte ihn Euch anvertraut, um ihn zum Juwelier zu bringen, und Ihr habt Euch damit auf und davon gemacht.“
„Ihr tut mir bitter unrecht, Fräulein Karina. Ich habe die Sachen wie meinen Augapfel gehütet. Ihr solltet eigentlich alles zurück erhalten.“
„Nein. Einzig eine Perlenkette habe ich zurückbekommen. Alles andere hat Herr Stein nie gesehen, sagt er.“
„Das ist mir wirklich sehr peinlich.“ Er schüttelte den Kopf. „So war das nicht geplant.“
„Wollt Ihr damit sagen, daß der Juwelier den Schmuck unterschlagen hat?“
„Ich würde eine solche Behauptung natürlich niemals wagen. Ich verbürge mich dafür, daß ich mich um den Verbleib Eures Schmucks kümmere.“
Alexandra tippte unauffällig an die Stelle ihres Abendkleides, an der bei Karina die Brosche steckte. Richtig, die Brosche. „Herr Graf, wenn sich das so verhält, wie ist es dann zu erklären, daß ich auf dem Weg hierher jemanden traf, der erklärte, er habe diese Brosche von Euch bekommen?“
Das Gesicht Krohnstiegs erstarrte. Offenbar hatte er das Schmuckstück bislang nicht bemerkt oder nicht für voll genommen. „Laßt mich erklären…“, sagte er gedehnt und schien selbst nach einer Erklärung zu suchen.
„Da sind wir mal gespannt“, meinte Alexandra.
Wenn er sich nicht wirklich unschuldig fühlte, improvisierte er jedenfalls gut. „Ich bin wirklich untröstlich; ich fürchte, ich muß Euch da ein Geständnis machen. Ihr wißt, ich hatte mich ja mit Eurem Herrn Bruder recht gut angefreundet, und nachdem ich also nun die Sache mit dem Schmuck in die Hand genommen hatte, wollte er sich mir dankbar erweisen und schenkte mir für meine Mühe diese Brosche. Ich weiß, ich hätte eigentlich Euch um Erlaubnis fragen müssen, ob ich dieses Geschenk annehmen darf. Es war ja Euer Schmuck. Aber ich war ziemlich überrascht, und außerdem ja in Eile, da ich abreisen wollte. Was sollte ich also tun? Aber ich sehe ein, das war falsch. Euer Herr Bruder wußte den Wert der Sachen nicht richtig einzuschätzen, er sprach ja immer abfällig von Klunker. Ach, das ist mir so unangenehm. Ihr müßt mir vergeben. Aber – es hat ja nun auch einen positiven Aspekt. Auf diese Weise ist wenigstens dieses eine Schmuckstück wieder, wenn auch auf Umwegen, in Eure Hände gekommen.“
Karina spürte, wie sie unter dem Wortschwall förmlich zusammenbrach. Jetzt mußte auch noch Sebastian für eine Erklärung herhalten. Aber konnte sie seiner sicher sein? Er hatte ja wirklich stets abfällig über den Schmuck der Mutter gesprochen. Wäre es ihm zuzutrauen, so achtlos damit umzugehen? Und immerhin hatte er ihr bereits einmal die Wahrheit vorenthalten und war erst verspätet damit herausgekommen, daß er bei der Verhandlung im Juweliergeschäft gar nicht dabei gewesen war. Oder wäre es dem Juwelier zuzutrauen, daß er selbst den Schmuck für sich behalten hatte? Sie suchte hilflos Alexandras Blick.
Jene verzog den Mund und schüttelte leicht den Kopf. Sie glaubte Krohnstieg kein Wort. Ihr Schulterzucken besagte allerdings auch, daß ihr im Augenblick keine überzeugenden Argumente einfielen.
Der Graf fiel fast vor ihr auf die Knie. „Ihr nehmt doch meine Entschuldigung an, Fräulein Karina? Ich habe gedankenlos gehandelt.“
Sie seufzte. „Meine Bedenken sind nicht zerstreut, Herr Graf. Aber ich muß das jetzt wohl erst einmal so stehen lassen.“ Innerlich verfluchte sie sich für ihre Schwäche. Sie hätte ihm das Schwert an die Gurgel setzen und die Herausgabe der Wertsachen verlangen müssen. Aber den Punkt hatte sie verpaßt. Alexandra hatte sie gewarnt, Krohnstieg sei kein fairer Gegner im Kampf, sondern ein Meister der Gifttränke. Aber das Gift war nicht im Wein. Es war in seiner Rede. Und es wirkte offenbar.
Zweifellos bemerkte er, daß er ihr erfolgreich den Wind aus den Segeln genommen hatte; seine Züge hellten sich merklich auf. „Dann sollten wir jetzt das Dessert genießen, meint Ihr nicht?“ Er winkte dem Diener.
*
Karina erwachte am nächsten Morgen, als ihr ein Sonnenstrahl schmerzhaft in die Augen stach. Sie blinzelte. Das Licht fiel durch einen Spalt im Fensterladen und zersplitterte vielfach im feinen Stoff des Vorhangs am Himmelbett. Draußen mußte es heller Tag sein. Wo bin ich? Die Erinnerung kroch langsam in ihr Bewußtsein. Sie war mit Alexandra durch eine merkwürdige Welt zum Grafen von Krohnstieg gereist. Sie hatten mit ihm zu Abend gegessen. Und er hatte ihren Verdacht von sich gewiesen und eine dubiose Erklärung dagegengesetzt, die eigentlich gar nichts aussagte. Oder hatte sie das alles nur geträumt?
Sie erhob sich, schob den Vorhang beiseite und setzte sich auf die Kante ihres Bettes. Woher hatte sie das Nachtkleid? Ach ja, es hatte ebenfalls im Schrank gehangen, so wie gestern dieses Abendkleid. Sie schwankte, als sie sich erhob, und mußte sich am Bettpfosten halten. Eine Nadel bohrte in ihrem Kopf. Vorsichtig ging sie auf bloßen Füßen zum Fenster und öffnete den Laden. Gleißende Helligkeit empfing sie und sie mußte die Augen zukneifen. Der Schnee auf dem Hof leuchtete blendend weiß. Sie schirmte die Augen mit einer Hand ab und probierte es noch einmal. Der Hof war umgeben von Gebäudeteilen, Türmen und einer Mauer. Dort war das Tor mit der Zugbrücke. Kein Zweifel, dies war das Grafenschloß.
Himmel! schoß es ihr in den Kopf. Es ist früher Vormittag, und ich müßte im Unterricht sein! Doktor Hartriegel vermißt mich bereits, die Klasse ist ohne Lehrer. Großer Gott, mach, daß das nur ein Alptraum ist! Sie stolperte hinaus auf den Korridor, ungeachtet ihrer sehr leichten Bekleidung, und klopfte am Nebenzimmer. „Alexandra!“
„Ja…?“ Es klang etwas schlaftrunken. Alexandra hatte gestern bestimmt mehr als ein Glas Wein getrunken, aber sie hatte es nicht wirklich mitbekommen. Karina riß die Tür auf. Das Mädchen hatte sich im Bett aufgerichtet. „Was ist denn?“
„Alexandra! Ich muß in die Schule!“
„Wenn’s nur das ist.“ Mit einem erleichterten Seufzen ließ jene sich wieder in die Kissen zurücksinken. „Entspann dich, Karina. In dieser Welt läuft die Uhr anders als in der anderen.“
„Was heißt das?“
„Daß du noch unendlich viel Zeit hast.“
Karina setzte sich auf die Bettkante des Mädchens. „Und wie spät ist es wirklich? Ich meine: da?“
Alexandra winkte ab. „Ich habe keine Ahnung.“
„Aber … wie viele Stunden vergehen hier, wenn da eine vergeht?“
„Du bist und bleibst eine Mathematiklehrerin.“ Sie lächelte schwach. „Es gibt keinen festen Umrechnungsfaktor, falls du das meinst. Wieviel Stunden kannst du in einer Minute Traum erleben? Niemand weiß es. Aber du bist rechtzeitig zurück, vertrau mir.“
„Schön, wenn du es sagst. Was haben wir gestern eigentlich erreicht? Der Graf – ich meine Krohnstieg hat uns ja eine recht fragwürdige Geschichte erzählt. Aber was ist dran?“
„Wenn du mich fragst: nichts. Er lügt.“
„Aber es könnte auch stimmen. Der Juwelier könnte den Schmuck unterschlagen haben. Sebastian könnte ihm die Brosche gegeben haben. Ich kann ihm nichts beweisen. Nicht hier und mit meinen Mitteln.“
„Vielleicht doch. Du hast gestern abend nicht erwähnt, daß es noch mehr Frauen gibt, die von ihm um ihr Geld betrogen wurden. Vielleicht solltest du ihn danach einmal fragen.“
„Tatsächlich. Warum habe ich nur gestern nicht daran gedacht?“
„Weil er ein so eloquenter Schwätzer ist. An mir ist er gescheitert, als ich ihn in einen Disput über die Lehre des Konfuzius verwickelte.“ Ja, Karina kam es ganz verschwommen so vor, daß davon die Rede gewesen war. Nach dem Essen am Kamin, zu vorgerückter Stunde.
„Ich erinnere mich vage.“
„Ah. Daraufhin hat er sich dir zugewandt, ein paar grandiose Heldentaten aus seinem Leben erzählt und dich nebenbei abgefüllt. Du hast bestimmt fünf oder sechs Gläser Wein getrunken, während du an seinen Lippen hingst.“
Karina ließ den Kopf auf die Brust sinken. Das erklärte die Lichtempfindlichkeit und die Kopfschmerzen. Ein Glockenschlag erklang. Einmal. Zweimal. Dreimal … Sie zählte bis neun. Draußen im Gang schlug eine Standuhr die Zeit. Die hiesige natürlich.
„Neun Uhr“, stellte auch Alexandra fest. „Seine gräfliche Hochwohlgeborenheit haben gesagt, um halb zehn würde Er mit uns gern das Frühstück einnehmen.“
„Das Frühstück einnehmen“, wiederholte Karina, die Formulierung in sich nachklingen lassend. „Wie das klingt.“
„Seine Worte“, erklärte das Mädchen. „Also sollten wir uns Wasser ins Gesicht gießen und uns anziehen.“
„Ich werde das Wasser auch in mich hineingießen müssen. Ich habe einen wahnsinnigen Durst.“
„Willst du es hören? Das kommt vom Saufen!“
„Du hast mich aber auch nicht daran gehindert.“
„Hör mal, Karina. Dies hier ist dein Kampf. Ich versuche dir zwar eine gute Freundin zu sein und dich zu unterstützen, aber kämpfen mußt du ihn allein. Anders kannst du dich nicht weiterentwickeln. Und das willst du, hast du gesagt.“
„Aber wenn du meine Freundin bist, warum versuchst du mich zu belehren?“
„Eben deshalb. Einer muß es ja tun. Ich habe dich hierher gebracht, um dir Recht zu verschaffen gegen diesen Betrüger. Und du läßt dich von ihm wieder betören.“
Karina atmete tief durch und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. „Na schön. Hören wir uns also an, was er zu den anderen betrogenen Frauen zu sagen hat.“
„Sicherlich eine rührende Geschichte“, bemerkte das Mädchen trocken.
*
Zum Frühstück empfing sie Graf von Krohnstieg in sehr aufgeräumter Stimmung. „Ist es nicht ein wunderschöner Morgen? – Fräulein Lexa – Fräulein Karina!“ Jede bekam den obligatorischen Handkuß. „Nehmt doch Platz. Hattet Ihr eine angenehme Nacht?“
„Ich kann nicht klagen. Bis auf die Kopfschmerzen.“
„Oh, das tut mir aufrichtig leid. Aber der Türkentrank wird sie sicher vertreiben.“ Er wies auf die reichhaltig gedeckte Tafel. Das Brot war frisch gebacken, noch warm, und es duftete hinreißend. Es gab Butter und Honig und diversen Aufschnitt, dazu türkischen Kaffee.
„Wir haben uns dann ja gestern abend doch noch ganz gut verstanden“, bemerkte er nach der ersten Tasse. „Niemand begrüßt das mehr als ich. Es wäre ja auch ganz schrecklich gewesen, wenn wir in so einem furchtbaren Mißverständnis auseinandergegangen wären, nicht wahr, wertes Fräulein Karina?“
„Haben wir es denn ausgeräumt, das Mißverständnis?“
„Aber sicher. Ihr hattet gesagt, Ihr wolltet mit Eurem Herrn Bruder noch einmal ein ernstes Wort reden, weil er so eigenmächtig über Euren Besitz verfügt hat. Und Ihr wolltet mir Zeit geben, mich um den Verbleib des Rests zu kümmern.“
Das sollte sie gesagt haben? Unsicher blickte sie zu ihrer Begleiterin. Alexandra hatte gerade den Mund voll, deutete aber ein Nicken an. Ich muß sturzbetrunken gewesen sein, dachte sie.
Sie nickte und ärgerte sich, daß er das als Zustimmung verstehen würde. „Es bleibt da noch eine Frage, Herr Graf.“
„Wolltet Ihr mich nicht Ephraim nennen?“
Das hatte sie auch gesagt? Der Blick Alexandras fühlte sich an wie Jüs Feueratem, nur schärfer gebündelt. Schon gut, schon gut. „Vielleicht war das etwas voreilig. Es gibt Dinge, die sollte man am nächsten Morgen noch einmal überdenken.“
„Schade. Aber ich muß Eure Entscheidung natürlich akzeptieren. Was war das also für eine Frage?“
Karina betrachtete konzentriert die schwarze Flüssigkeit in ihrer Tasse und wagte nicht, ihn anzusehen. „Herr Graf, ich hörte davon, daß ein oder zwei Damen aus meiner Heimatstadt nicht gut auf Euch zu sprechen sind. Ihr sollt Euch Geld geliehen und nie zurückgegeben haben.“
Krohnstieg sprang auf. „Aber das stimmt nicht!“
„Ich gebe wieder, was ich hörte.“
„Ah, diese undankbaren Kreaturen! Was verstehen sie von Geschäften? Man muß langfristig planen. Ja, ich erinnere mich. Da war diese, diese Johanna, der Nachname tut ja nichts zur Sache. Sie bat mich, das Geld anzulegen. Das habe ich getan, bei Gott. Ich habe in Aktien investiert. Sie hätte sich nur gedulden müssen, dann hätte es ein Vielfaches abgeworfen. Und dann kommt sie und verlangt ihr Geld zurück. Ich bitte Euch, wie soll ich das machen, wenn ich es gerade in ein Geschäft gesteckt habe? Und dann fällt sie mir in den Rücken! Aber so etwas würdet Ihr niemals tun, nicht wahr, Fräulein Karina?“
Alexanda verdreht die Augen zum Himmel.
Karina hingegen fand die Erklärung plausibel. „Wenn ich Euch richtig verstehe, Herr Graf, steckt das Geld also immer noch in dem Geschäft, und Ihr könnt es jetzt nicht abziehen.“
„Genau so ist es.“
„Dann wird jene Dame also noch entschädigt werden können?“
„Aber gewiß. Ganz richtig. Ebenso, wie Ihr sicher Euren Schmuck zurück erhalten werdet. Wie Ihr mich doch versteht.“
„Es gab doch noch eine zweite Dame“, warf nun Alexandra ein. „Was also ist mit der? Auch eine Investition?“
Krohnstieg seufzte theatralisch. „Diese unschöne Geschichte möchte ich Euch wirklich ersparen.“
„Wenn Ihr unsere Zweifel ausräumen wollt, müßt Ihr damit schon herausrücken“, beharrte Alexandra.
„Es ist so schrecklich. Jenes Fräulein, fürchte ich, hatte sich Hoffnungen gemacht. Auf mich. Auf meinen Grafentitel. Sie wurde richtig aufdringlich. Ich mußte ihr einen Korb geben. Ich glaube, sie hat sich die Geschichte mit dem unterschlagenen Geld einfach nur aus Niedertracht ausgedacht. Ach, Fräulein Lexa, Ihr seid noch so jung; Ihr wißt nicht, zu welcher Bosheit enttäuschte Liebe fähig ist.“
Karina sah, wie Alexandra entgegen jeglicher Etikette einen Ellenbogen auf den Tisch stützte und die Stirn in der Hand barg. Vermutlich konnte sie es nicht mehr mit ansehen. Sie selbst aber wußte durchaus, wie sich enttäuschte Liebe anfühlen konnte. Hatte sie sich nicht Krohnstiegs Kopf auf einem silbernen Tablett gewünscht? Sie überlegte ernsthaft, ob auch diese Geschichte nicht vielleicht stimmen konnte.
„Nachdem nun keine Schatten mehr zwischen uns stehen“, resümierte der Graf, „wollt Ihr nicht noch bleiben? Wir hätten gewiß noch so viel zu erzählen.“
Ehe Karina etwas sagen konnte, ergriff Alexandra das Wort. „Unsere Zeit ist begrenzt. Wir haben zurück noch eine halbe Tagereise vor uns.“
„Dann könnt Ihr doch zumindest noch bis zum Mittag bleiben. Und seht nur das herrliche Wetter! Und diese traumhafte Schneelandschaft! Was haltet Ihr von einem kleinen Ausritt an diesem Vormittag?“
Karina hatte von Alexandra eigentlich vehementen Widerspruch erwartet, aber zu ihrem Erstaunen stimmte diese zu. „Das ist ein guter Vorschlag. Ein wenig kühle Luft wird uns guttun. Hier ist es doch recht … hitzig geworden.“
„Gut, dann kleidet Euch um und macht Eure Pferde bereit. Wir treffen uns im Hof.“
Auf der Treppe, auf dem Weg zu ihren Zimmern, sagte Alexandra leise: „Siehst du. Er sieht auch keine Einhörner. Bei einem, der nur das Geld im Kopf hat, wundert mich das nicht.“
„Wahrscheinlich tust du ihm unrecht. Er hat unsere Tiere ja gestern gar nicht gesehen.“
„Natürlich. Klar. Weißt du, daß du verprügelt gehörst?“ Karina erinnerte sich, daß Alexandra eigentlich ihre Schülerin war, der ein solcher Tonfall überhaupt nicht zustand. Aber nicht hier, in dieser Welt. Hier war Alexandra ihre Freundin. Und eine Freundin durfte so etwas wohl sagen. Wenngleich sie sich von ihr unverstanden fühlte.
Von dieser kleinen Differenz abgesehen, erschienen sie einmütig kurz darauf auf dem Hof, wo Krohnstieg bereits mit einem prächtigen Rappen auf sie wartete. Sie holten Taifun und Hurricane aus dem Stall und führten sie hinaus.
„Eure Pferde sind noch nicht gesattelt? Ich dachte…“ Insofern hatte Alexandra recht gehabt. Er sah wirklich nur Pferde.
Die Einhörner knieten sich nieder und ließen die Frauen aufsteigen. „Unsere Tiere und wir sind es gewohnt, ohne Sattel zu reiten“, erklärte Alexandra mit Stolz in der Stimme.
„Meine Anerkennung. Ihr müßt wahrhaftige Amazonen sein.“
Krohnstieg gab einem Bediensteten einen Wink, das Tor wurde geöffnet, die Zugbrücke heruntergelassen. „Wir sind zum Mittag zurück“, gab er bekannt. „Also auf.“
Sie setzten im Galopp über die Brücke, Krohnstieg wies in Richtung einer Mühle, die sich in der Ferne gegen den strahlend blauen Himmel abzeichnete. Dann stoben sie davon.

Karina blieb mit Hurricane an der Seite des Grafen, während Alexandra mit Taifun voraus preschte.
„Fräulein Lexa ist ein bemerkenswertes Mädchen“, stellte Krohnstieg fest.
„In der Tat.“ Besonders, wenn man die andere Alexandra, aus der anderen Welt, vor Augen hatte. „Aber sie stimmt wohl nicht immer mit mir überein.“
„Das habe ich schon gemerkt. Sie mißtraut mir immer noch.“
„Sicher hat sie ihre Gründe. Ihr habt sie wohl nicht überzeugen können.“
Die Gestalt Alexandras auf dem weißen Tier war schon sehr weit voraus, aber plötzlich fiel ihnen auf, daß sie sich nicht mehr zu bewegen schien. Wartete sie nun doch? Als sie näher kamen, erkannten sie, daß das Mädchen abgestiegen war und einen von Taifuns vorderen Hufen untersuchte.
„Was ist passiert?“
„Verstaucht, vielleicht. Wir waren wohl doch zu stürmisch, und unter dem Schnee haben wir irgendein Loch im Boden übersehen“, erklärte das Mädchen.
„Oh. Das ist ärgerlich. Was machen wir nun?“
„Reitet ohne mich weiter. Wir machen eine Pause, und nachher führe ich Taifun ganz langsam wieder zum Schloß. Ich fürchte, wir werden Eure Gastfreundschaft doch noch einen Tag länger in Anspruch nehmen müssen.“
„Das wäre mir nur recht, wenn nicht der Anlaß ein so unglücklicher wäre. Das täte mir wirklich leid, wenn Euer Pferd nun Schaden genommen hätte.“
„Das geht wieder weg. Es ist nur etwas Ruhe nötig“, wiegelte Alexandra ab.
„Sollten wir nicht lieber alle umkehren?“
„Nein, nicht unseretwegen. Wir kommen zurecht.“ Da war er wieder, dieser Feuerblick Alexandras. Aber diesmal sollte er wohl keine Ermahnung sein, sondern eher die dringende Bitte, nicht zu widersprechen. Schön, sie widersprach also nicht. Allmählich hatte sie aber das Gefühl, daß Alexandra ein eigenes Spiel trieb.
Der Graf trieb seinen Rappen an, und Karina folgte ihm mit Hurricane und war kurz darauf wieder mit ihm auf einer Höhe. „Ihr reitet wirklich gut, Fräulein Karina. Damit hatte ich bei einer Mathematiklehrerin gar nicht gerechnet.“
Was sollte sie jetzt antworten? Daß sie bis vor ein paar Wochen selbst noch nicht gewußt hatte, daß sie reiten konnte? „Ihr wißt ja, daß ich meine Jugend auf dem Land verbracht habe. Da ergab sich schon die eine oder andere Gelegenheit, es zu erlernen.“ Tatsache war, daß sie ohne den sanften Zauber ihres Einhorns, der sie geradezu auf Händen trug, vermutlich beim ersten Galopp von dessen Rücken gefallen wäre.
Sie erreichten die Mühle. Da kein Wind wehte, stand sie still, aber man hörte Arbeitsgeräusche von drinnen. „Ist es nicht merkwürdig?“, sagte der Graf. „Schon wieder eine Mühle. Sie scheinen für unsere Begegnungen eine besondere Rolle zu spielen.“
„Ihr denkt an unsere Wassermühle?“
„Natürlich. Welchen Schrecken ich ausgestanden habe, als Ihr da plötzlich naß und halb erstarrt hereingewankt kamt, nachdem Ihr in den Teich gefallen wart…“
„Das kann bei einer Windmühle zum Glück nicht passieren.“
Der Müller hatte wohl ihre Unterhaltung gehört oder das Schnauben des Rappen. Er erschien in der Tür, erkannte den Grafen und begrüßte ihn mit ausgesprochener Ehrerbietung. Jener erwiderte den Gruß jovial und begann den Zufall zu loben, der eine alte und geschätzte Bekannte bei ihm hatte einkehren lassen.
Karina begriff, daß damit sie gemeint war. Sie versuchte sich klarzumachen, was der Müller sah. Er sah die junge und attraktive Frau, die sie selbst gestern im Spiegel gesehen hatte. Ob er ein Einhorn sah, konnte sie nicht einschätzen. Von den vier Elementen verfügte ein Müller nur über eines. Auf jeden Fall konnte ihm leicht der Gedanke kommen, die sogenannte alte Bekannte sei eine Geliebte des Grafen. Die Vorstellung war ihr etwas unangenehm und enthielt zugleich den prickelnden Reiz einer Frivolität.
Nach einiger höflicher Konversation verabschiedete sich der Graf schließlich und schlug vor, den Rückweg anzutreten, wenn sie zum Mittagessen wieder im Schloß sein wollten. Karina stimmte zu.
Ungeachtet eventueller unter dem Schnee verborgener weiterer Löcher lieferten sie sich aus einer Laune heraus ein kleines Wettrennen. Hurricane gewann es um etliche Längen. Abgeschlagen aber lachend kam der Graf mit seinem Rappen ins Ziel. „Wirklich, Fräulein Karina, Ihr seid eine Frau nach meinem Geschmack. Warum nur mußte diese andere Schnepfe mir einen Antrag machen?“
„Es wäre Euch lieber, ich hätte es getan?“
„Das würde ich niemals wagen zu denken.“ Sie hatte es nur ziemlich deutlich herausgehört.
*
Nach dem gemeinsamen Mittagessen entschuldigte sich Alexandra, um gleich wieder in den Stall zu ihrem Tier zu gehen. „Ich mache ihm einen Umschlag mit essigsaurer Tonerde.“
„Aber das könnte doch der Stallmeister…“
„Hattet Ihr es schon vergessen? Taifun läßt nur mich an sich heran.“
„Ja, dann … Ich hoffe natürlich sehr, daß es hilft.“
Karina beurlaubte sich daraufhin ebenfalls aus der Gesellschaft des Grafen und folgte dem Mädchen in den Stall. „Ist es sehr schlimm?“
Alexandra, die sich neben Taifun hingekniet hatte, sah zu ihr auf. „Karina, ich möchte dich nicht anlügen.“
„Heißt das, es sieht sehr schlecht aus?“
„Es heißt, Taifun ist überhaupt nicht verletzt. Wir beide haben den Unfall nur simuliert.“
„Aber warum?“
„Ich konnte, während ihr bei der Mühle wart, ungestört ein wenig das Personal aushorchen.“
„Mit welcher Erkenntnis?“
„Widersprüchlich. Es gibt Anzeichen, daß einige seiner Behauptungen stimmen könnten. Andererseits weiht er sein Personal sicher nicht in alle seine dubiosen Geschäfte ein.“
„Also habe ich mich doch nicht in ihm getäuscht?“
„Vielleicht. Aber wir bleiben ja noch eine Nacht. Womöglich gelingt es mir, noch weitere Details zu entdecken. Ich bleibe dran, und wenn ich klar sehe, lasse ich es dich wissen.“
Karina nickte halbherzig.
„Wenn ich nur noch eine Bitte äußern dürfte: Halte bis dahin ein Minimum an Abstand zu dem hochwohlgeborenen Herrn Grafen. Schwebe nicht zu hoch, es könnte immer noch sein, daß du tief stürzt.“
„Das sagst du mir jetzt, nachdem er mir gerade vorhin so etwas wie einen Antrag gemacht hat.“
„Was hat er?“
„Vielleicht nicht direkt, eher verklausuliert. Man kann es aber in seine Worte hinein interpretieren.“
Alexandra sackte erkennbar in sich zusammen. „Sei so nett, und warte das Ergebnis meiner Recherchen ab, ja?“
„Versprochen. Außerdem habe nicht ich ihm einen Antrag gemacht.“
Verwirrt kehrte Karina in den Salon zurück und versicherte dem Grafen, daß sich Alexandra liebevoll um ihr Tier kümmere. Bei der nachfolgenden Konversation war sie etwas unkonzentriert, weil sie doch an die Worte ihrer … Freundin denken mußte. Und weil sie es durchaus bemerkenswert fand, wie innig die Beziehung zwischen Taifun und Alexandra sein mußte, wenn sie ihr Einhorn sogar hatte überzeugen können, eine Verletzung zu simulieren. Das wäre ihr bei Hurricane vermutlich nicht gelungen; die Kommunikation zwischen Alexandra und Taifun mußte noch eine völlig andere Dimension besitzen.
Zum Abendessen gesellte sich auch das Mädchen wieder zu ihnen. Der Umschlag, berichtete Alexandra, habe Wirkung gezeitigt, die Schwellung sei zurückgegangen. Anscheinend mit Erleichterung nahm Krohnstieg die Nachricht auf. „Ich wäre wirklich untröstlich, wenn durch meinen Vorschlag eines Ausritts Euer Pferd einen bleibenden Schaden davongetragen hätte.“ Entweder, er meinte das ernst, oder er schauspielerte perfekt, überlegte Karina eingedenk der Warnungen Alexandras.
Mit Hinweis auf die Kopfschmerzen, die ihr der Wein am Vorabend beschert habe, lehnte Karina es diesmal ab, mehr als ein Glas zu trinken. So bekam sie auch deutlich mit, wie Alexandra den Grafen wieder in ein philosophisches Thema verstricken konnte; sie blieb diesmal bei den abendländischen Philosophen, wohl um Krohnstieg nicht zu überfordern. „Ich habe gesehen, Herr Graf, daß in Eurer Bibliothek ein Exemplar von Schopenhauers ‚Die Welt als Wille und Vorstellung’ steht. Dürfte ich mir das wohl als Bettlektüre ausleihen?“
„Eine schwere Kost – zum besseren Einschlafen?“, scherzte Krohnstieg.
Alexandra lächelte unschuldig. „Zum Einschlafen würde ich eher einen Wein trinken. Also – darf ich?“
„Aber natürlich. Gern.“
Auf dem Weg in ihr Zimmer fragte Karina etwas später am Abend, was Alexandra denn so an Schopenhauer reize. Jene zeigte auf den Einband des mitgenommenen Buches. „Vor allem der Umstand, daß es zwei Bände gibt. Das hier ist nur der erste.“
Diese Antwort hatte Karina nun wirklich nicht erwartet. Das blieb alles sehr kryptisch.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen – Alexandra hatte Karina abermals versichern müssen, daß sie auf keinen Fall zu spät zu ihrem Unterricht kommen werde – stellte sich heraus, daß Taifun wieder vollständig hergestellt war. „Nun sollten wir aber wirklich aufbrechen. Wir können Eure Gastfreundschaft nicht länger strapazieren. Vielen Dank übrigens. Es war gewissermaßen sehr erhellend.“ Sie gab ihm den Schopenhauer zurück. Karina fiel auf, daß es jetzt der zweite Band war. Aber sie sagte nichts.
„Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, meine Damen. Zumal unsere Begegnung zunächst von dieser unseligen Geschichte überschattet war. Aber das ist doch jetzt vollständig ausgeräumt, nicht wahr?“
„Habt Ihr Gründe, anzunehmen, daß nicht?“, erkundigte sich Alexandra spitz.
Krohnstieg schüttelte den Kopf. „Ich sehe schon, Ihr seid immer noch im Zweifel.“
„Dubito, ergo sum.“
„Es hieß: Cogito, ergo sum, wertes Fräulein Lexa.“
„Tatsächlich. Wie dumm von mir.“
8. Das Geheimnis des Einhorns
Auf dem Weg zur Fähre erkundigte sich Karina, was es denn wohl mit der eigentümlichen Verwandlung von Band 1 in Band 2 auf sich habe.
„Das kann ich dir genau erklären: Als die Uhr in der Halle zwei geschlagen hatte, bin ich in die Bibliothek des Grafen zurückgekehrt, habe den ersten Band zurückgestellt und mir den zweiten genommen. Die Lektüre war einfach zu spannend.“
Karina blickte ihre Begleiterin sehr merkwürdig an. „Stell dir vor, das glaube ich dir nicht.“
„Nein. Es ist ja auch nicht wahr. Das heißt, es ist schon wahr, daß ich zu nächtlicher Stunde in der Bibliothek war und die Bücher getauscht habe. Aber nicht, weil es so spannend war.“
„Sondern?“
„Weil ich den Schreibsekretär Seiner Hoheit durchsucht habe. Wenn mich jemand dabei erwischt hätte, hätte ich ihm genau die Geschichte von der spannenden Lektüre präsentieren können.“
„Muß ich mich jetzt entrüsten?“
„Das liegt bei dir. Ich hoffte eigentlich, etwas anderes zu finden, aber immerhin weiß ich jetzt, wo er die Visitenkarten hat drucken lassen, mit denen er sich wahlweise als Ingenieur oder als Architekt in die Gunst seiner Opfer geschmeichelt hat.“
„Es ist doch wohl egal, woher er diese Karten…“
„Nicht ganz. Es gibt mir eine zeitliche und räumliche Orientierung, wo wir weitersuchen müssen.“
Karina lachte auf. „So etwas gibt es in dieser Welt?“
Auch dieser Tag zeigte sich klar und sonnig; der Ritt vom Schloß hinunter zum Fluß hätte, ohne diese verwirrenden Gedanken, ein romantischer Traum sein können. Oder, fiel Karina ein, eigentlich war es ja ein Traum. Aber die Realität dieses Traums setzte sich immer stärker durch und verdrängte allmählich die Existenzberechtigung jener anderen Welt, aus der sie eigentlich kam. Hatte Alexandra nicht einmal behauptet, diese Welt sei ihre eigentliche Realität? Es konnte einem schwindelig werden, je länger man darüber nachdachte. Also ließ sie es bleiben.
Sie klopften an der Hütte des Fährmanns und erbaten eine Überfahrt. Der Preis blieb der gleiche wie auf dem Hinweg. Auch diesmal ließ sich Alexandra mit Taifun zuerst übersetzen. Allerdings mit dem Gedanken an die Räuberbande, der sie Karina nicht noch einmal allein aussetzen wollte, falls es denn zu einer weiteren Begegnung kommen sollte. Es war später Vormittag, der Nachtzuschlag fiel diesmal weg.
„Meinst du, diese Bande um den Herrn Meidhan wird uns noch einmal auflauern?“, fragte Karina, der es bei dem Gedanken durchaus etwas mulmig wurde. „Eigentlich können sie ja gar nicht wissen, wann wir zurückkommen. Oder, ob überhaupt.“
„Sie könnten einen Vertrauten im Personal des Grafen haben, der uns heute früh vorausgeeilt ist und uns angekündigt hat. Schade, ich hätte den Fährmann fragen sollen, ob er heute vor uns schon jemanden übergesetzt hat. Aber daran habe ich nicht gedacht.“
„Aber vielleicht haben sie ihre Lektion ja nun gelernt und lassen uns in Ruhe.“
„Träum weiter, Karina.“ Witzig. Tat sie das nicht ohnehin schon?
Den Wald erreichten sie unbehelligt. Dann, dort wo der Schatten der hohen Tannen selbst um die Mittagsstunde ein schummeriges Halbdunkel schuf, erfolgte der Überfall, mit dem Alexandra offenbar mehr oder weniger gerechnet hatte.
Aus dem Gemisch aus Schnee und vertrockneten Nadeln, das den Boden bedeckte, erhob sich unmittelbar vor ihnen ein gespanntes Seil, das zumindest Alexandras Einhorn zu Fall gebracht hätte. Hätte, wenn nicht Alexandra so gedankenschnell reagiert und Taifun gestoppt hätte. Das Einhorn bäumte sich auf, schlug mit den Vorderhufen in die Luft und sprang dann zur Seite. Ob es Alexandra dabei abgeworfen hatte, oder ob sie abgesprungen war, konnte Karina nicht entscheiden; jedenfalls stand das Mädchen, jetzt wieder ganz Walküre, im nächsten Augenblick mit gezogenem Schwert und abwehrbereitem Schild auf den Füßen.
„Spring ab, schnell!“, rief sie Karina zu. Diese gehorchte, dann zog sie ebenfalls ihre Waffe. Hurricane flüchtete ins Unterholz.
„Sehr gut“, flüsterte Alexandra ihr zu. „Die Tiere sind aus dem Schußfeld.“
„Gute Reaktion“, lobte Meidhan, der jetzt mit zwei seiner Kumpanen aus der Deckung eines Holzstoßes hervortrat, ebenso wie die anderen einen gespannten Bogen in der Hand. „Aber es wird euch nichts nützen. Legt die Schwerter und Schilde auf den Boden und kommt langsam hierher.“
„Wo sind denn die anderen beiden aus eurem sauberen Quintett? Etwa doch in der Jauche ertrunken?“
„Mach dir mal um die keine Sorgen.“ Karina vermutete, warum sie fehlten. Auf dem Hinweg hatte Alexandra zwei der Bogen zerschlagen, und so schnell hatten sie keinen Ersatz beschaffen können. Also waren sie bei diesem Überfall nicht von Nutzen. Was nicht hieß, daß sie nicht doch noch irgendwo im Hinterhalt lagen. „Also los, Waffen weg!“
Alexandra fletschte die Zähne. „Und wenn nicht?“
„Dann ist das schlecht für euch. Veit, Rupert, Feuer!“
Zwei Schüsse krachten, unmittelbar hintereinander. Karina spürte einen Einschlag in ihrem Schild und erschrak. Irgendwie hatte sie mit Schußwaffen in dieser Welt nicht gerechnet. Aber sie war unverletzt geblieben. Dafür hagelte es jetzt Pfeile, die drei Männer hatten die Schrecksekunde der Frauen genutzt, um ihrerseits zu schießen. Daß Karina diesmal nicht getroffen wurde, verdankte sie Alexandra, die mit dem Schwert den Pfeil aus der Luft schlug, der ihr galt. Dafür wurde jene selbst getroffen und bekam einen Pfeil in die Schulter. Mit einem Schrei, der Schmerz oder Erschrecken oder beides ausdrückte, ließ sie das Schwert fallen und sackte in die Knie.
Karina erkannte, daß es jetzt an ihr lag, wie dies hier ausging. Jü hätte ihr noch beistehen können, aber den hatte sie seit vorgestern nicht mehr gesehen. Sie bekam den Kopf klar. Die Gewehrschützen mußten erst nachladen, die Bogenschützen waren für einige Sekunden ihre einzigen Gegner. Sie deckte ihren Körper mit dem Schild und stürmte los. Sie wußte jetzt, daß es ging, also konnte sie es auch. Sie fing zwei der nächsten Pfeile mit dem Schild und einen mit dem Schwert ab. Und jetzt gab es nur noch die Lösung, von der sie neulich selbst noch gesagt hatte, sie würde ihr nicht gefallen. Sie wirbelte ihr Schwert herum, zerschlug einen Bogen und trennte zwei Köpfe vom zugehörigen Rumpf. Dem dritten Räuber stieß sie die Klinge in die Brust.
Rechts auf dem Hügel!
Jemand hatte gerufen. Als sie dorthin sah, richtete sich gerade der Lauf eines Vorderladers auf sie.
Sieh nicht auf die Waffe, sieh auf den Mann! In seinen Augen siehst du die Kugel.
Wieder die unbekannte Stimme. Tatsächlich war es, als könne sie erkennen, wann er abdrücken würde. Sie riß das Schwert hoch, ehe sie den Knall hörte. Die Kugel prallte von der Klinge ab. Während sie den Hügel hinauf rannte, legte auch der zweite Schütze an. Sie warf sich hin, und der Schuß ging über sie hinweg. Jetzt waren die beiden Angreifer ihr ausgeliefert, zum erneuten Nachladen fehlte ihnen die Zeit.
Als sie vor ihnen stand, das Schwert zum Hieb erhoben, erkannte sie die Angst in ihren Augen. Sie ließ die Waffe sinken. Sie war nicht in der Lage zuzuschlagen. Was die Männer allerdings nicht rettete; plötzlich erschien ihr Einhorn hinter ihnen, keilte aus und zerschmetterte ihnen die Schädel mit den Hufen. Hurricane hatte sich wohl erinnert, wer vorgestern mit Knüppeln auf ihn eingedroschen hatte.

Tot, dachte Karina. Wir haben sie erschlagen, alle fünf. Sie stand für einen Augenblick erschüttert vor den Leichen. Konnte ihr Leben hiernach noch weitergehen wie bisher? Alexandra fiel ihr ein. Alexandra! Sie war verletzt! Und sie stand hier und philosophierte.
Sie wandte sich um, rannte den Hügel hinunter, im Laufen das Schwert wegsteckend. Alexandra lag am Boden, den Pfeil in der Schulter, blutend. Was tun? Wenn ich den Pfeil herausziehe, vergrößere ich die Wunde und sie verblutet. Einen Arzt? Aber wo gab es hier einen Arzt? Und war das Mädchen überhaupt transportfähig?
Die Stimme, die sie vorhin gehört hatte, war wieder da. Wir machen das hier anders, tritt zurück!
Es war eine silberhelle Stimme wie die eines kleinen Jungen. Sie sah sich um, aber da war niemand. Nur Taifun war wieder zurückgekommen. Das Einhorn beugte sich über das Mädchen und packte den Pfeil mit den Zähnen. Nein, wollte Karina schreien, du machst es doch nur noch schlimmer. Aber sie stand wie gelähmt. Hier passierte etwas, das über ihren Horizont ging. Taifun riß den Pfeil aus der Wunde, die sofort heftig zu bluten begann, und Karina spielte in Gedanken durch, was sie bei sich hatte, das man als Verband verwenden konnte.
Aber dann senkte das Tier den Kopf und berührte die Wunde ganz leicht mit dem Horn. Die Blutung hörte praktisch sofort auf. Karina beugte sich vor und glaubte nicht richtig zu sehen. Das Einhorn richtete sich auf und ging einen Schritt rückwärts.
Mit einem sanften Blick unter seinen langen Wimpern sah Taifun sie an. Sie ist außer Gefahr.
Ein Schauder streifte Karina. „Du?“, fragte sie ungläubig. „Du sprichst mit mir?“
Eigentlich solltest du es noch nicht erfahren. Aber jetzt ging es nicht anders.
„Können alle Einhörner sprechen?“
Natürlich, sagte eine zweite Stimme, die aber ähnlich hell klang. Hurricane stand neben ihr.
„Du auch? Himmel, darf ich dann überhaupt noch ‚Tier’ zu dir sagen?“
Hurricane schien zu lachen. Wir haben da keine Vorurteile. Solange ich Mensch zu dir sagen darf…
„Sagt mir, daß ich träume!“
Das wußtest du doch, daß du träumst. Taifun wieherte laut. Karina hatte das Gefühl, daß sie jetzt mit der Stirn gegen einen Baumstamm schlagen müßte oder wenigstens in einen Ast beißen.
Hilf ihr hoch, sie sitzt auf dem gefrorenen Boden.
Alexandra! Jetzt hätte sie vor lauter Verwirrung fast ihre verletzte Partnerin vergessen. Karina drehte sich zu ihr um. Jene hatte sich aufgesetzt und das Kleid ein Stück weit geöffnet. Der Stoff war rot von Blut, aber die Wunde darunter hatte sich geschlossen. Karina reichte ihr die Hand und half ihr auf die Beine.
Alexandra wankte unsicheren Schrittes zu ihrem Einhorn und umarmte dessen Hals mit dem rechten Arm. Den linken ließ sie hängen, vermutlich tat die Wunde noch weh, auch wenn sie nicht mehr blutete. „Danke.“ Sie wandte sich zu Karina und lächelte verlegen. „Jetzt weißt du es.“
„Ich bin fassungslos.“
„Ja. Ich hätte es dir gern schonender beigebracht. Aber nun ist es passiert. Hätte Taifun nichts gesagt, wärst du nicht mehr am Leben.“ Sie bückte sich nach ihrem Schwert und steckte es weg. „Hilfst du mir beim Aufsteigen? Ich kann den Arm schlecht bewegen.“
Taifun kniete sich hin, Alexandra kletterte auf den Rücken, wobei Karina sie stützte. Dann reichte sie ihr noch den Schild nach, den diese einhändig und etwas mühselig auf den Rücken schob. „Also laß uns sehen, daß wir das Wirtshaus zum Ochsen erreichen, ich brauche ein wenig Ruhe.“
Karina deutete zur Seite, wo die erschlagenen Räuber lagen. „Was machen wir mit denen? Müßten wir sie nicht begraben?“
„Es mag bitter klingen“, sagte Alexandra, „aber ich fühle mich nicht für diese Kerle verantwortlich. Sie hatten zwei Chancen. Und im Märchen ist der dritte Wunsch immer der letzte und will wohl überlegt sein.“
*
Auf dem Weg verfiel Karina in ein wildes Chaos von Gedanken. Einhörner konnten also sprechen. Sie mußten demnach viel intelligenter sein als zum Beispiel Pferde. Vielleicht sogar als Menschen? Das machte sie aus ihrer Sicht zu mindestens ebenbürtigen Partnern. Trotzdem hatte ein so hochstehendes Wesen eben die letzten zwei der Räuber getötet, während sie, Karina, Hemmungen gehabt hatte zuzuschlagen. Gab es eine Ethik für Einhörner? Mußte sie sie nun verurteilen? Und stand es ihr, die sie selbst eben drei Männer erschlagen hatte, überhaupt zu, über die Schuld eines Einhorns zu befinden? Es war alles so verwirrend.
Hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen, sagte die silberhelle Stimme, die zu Taifun gehörte. Was du da alles denkst, gilt in der Welt da drüben, aus der du kommst. Es gilt nicht in dieser. Abgesehen davon hatten die zwei, während sie noch vor deinem Schwert erschraken, in Gedanken bereits geplant, wie sie dir in den Rücken fallen könnten, sobald deine Aufmerksamkeit nachläßt. Und du bist nicht unverwundbar, wenn man von hinten auf dich schießt.
Stimmt, dachte Karina mit einem Anflug von Erleichterung. Ich träume. Da gelten nicht die normalen Regeln. Im nächsten Moment erschrak sie. Woher wußte Taifun, was sie gerade für Zweifel bewegten? Woher wußte er, was die Räuber gedacht hatten?
Weil Einhörner auch Gedanken lesen können. Aber du mußt nicht erschrecken. Ein reines Wesen wie du braucht sich seiner Gedanken nicht zu schämen. Du wirst sicher eine gute Einhornreiterin sein.
Der Begriff klang so bedeutungsvoll, als ob er mehr ausdrückte als den offensichtlichen Umstand, daß sie auf einem Einhorn ritt. „Was ist eine Einhornreiterin?“
Die Gilde der Einhornreiterinnen verhilft dem Guten zum Sieg und bekämpft das Böse.
Hurricanes Stimme. Karina seufzte. „Das gibt es nur im Märchen: die gute Fee und die böse Hexe. Ich habe gelernt, daß Gott jeden Menschen liebt, weil in jedem etwas Gutes steckt.“
Nicht der Mensch ist böse. Das Böse ist eine Macht, die ihm böse Dinge einflüstern will. Manche widerstehen, manche erliegen. Manche bereuen und kehren um.
„Eben darum steht es mir nicht zu, darüber zu urteilen. Ich kann nicht in einen Menschen blicken.“
Du nicht. Aber wir. Wir können Gedanken lesen und erkennen, ob das Gute in jemandem noch lebt und gerettet werden kann. Oder ob es schon gestorben ist.
Ich träume, dachte Karina. Ich träume. Ich träume. Ich träume. Es ist alles in Ordnung. Niemand wurde erschlagen. Kein Einhorn spricht mit mir oder liest meine Gedanken. Ich träume nur.
Na sicherlich träumst du. Aber du bist real hier und nicht nur ‚nur’. Ich für meinen Teil bin froh, daß ich mich endlich nicht mehr verstellen muß und mit meiner Reiterin sprechen darf. Anders würden wir nie richtige Partner.
*
Beim Wirtshaus zum Ochsen trafen sie wieder auf Gundel, die sofort die Einhörner begrüßte und verliebt ansah.
Wenn du ihr eine Freude machen willst, laß sie auf mir reiten, sagte Hurricane. Ich werde dir trotzdem treu bleiben. Er wieherte.
Karina beugte sich zu dem kleinen Mädchen. „Magst du einmal auf meinem Einhorn reiten?“
Natürlich mochte sie. Karina hob sie auf den Rücken des … Tieres.
Sie hielt sich an der Mähne fest. „Sag ihm, wohin du möchtest.“
Gundel beugte sich weit vor und flüsterte etwas in Hurricanes Ohr. Im nächsten Moment stoben beide davon. Daß das Kind herunterfiel, war vermutlich nicht zu befürchten; der Zauber des Einhorns würde es tragen.
Karina half Alexandra beim Absitzen und trug auch ihren Schild in die Wirtsstube. „Oh, die Damen Lexa und Karina. Seid mir willkommen. Ist wieder eine heiße Suppe genehm?“
„Nein, ein kalter Umschlag“, sagte Alexandra.
Jetzt erblickte der Wirt den Blutfleck in ihrem Kleid. „Um Himmels Willen, was ist Euch geschehen? Ihr seid verletzt.“
„Ihr seid ein scharfer Beobachter“, spottete Alexandra. „Aber es ist weniger schlimm als es aussieht. Wir hatten eine kleine Auseinandersetzung mit einer gewissen Räuberbande, die Ihr sicherlich auch kennt. Die Männer saßen da drüben am Tisch, als wir vorgestern hier einkehrten.“
„Das waren ehrenwerte Bauern!“
„Die mit Pfeilen und Gewehren auf Reisende schießen.“
„Entsetzlich! Na, jedenfalls seid Ihr ihnen entkommen.“
„So könnte man es formulieren. Was war mit dem kalten Umschlag?“
„Sofort, mein Fräulein, sofort.“
Kalt war bei den winterlichen Temperaturen nicht das Problem. Sie erhielt einen Kübel mit Wasser, auf dem noch Schnee schwamm, dazu einen Lappen, den sie tränken und auf die Wunde legen konnte. Karina überlegte, wie es wohl um die Keimfreiheit bei dieser Behandlungsmethode bestellt sei, kam aber zu der Erkenntnis, daß das vermutlich auch zu den Dingen gehörte, die in dieser Welt keine Rolle spielten.
Da Alexandra sich noch eine Weile ausruhen wollte, schloß sich eine Kanne Kräutertee an, der tatsächlich heiß serviert wurde. Schließlich ließen sie sich doch noch etwas zu Essen kommen. So verbrachten sie wohl zwei Stunden in der Gaststube. Irgendwann kam eine glückliche Gundel herein und bedankte sich für das Ausleihen des Einhorns. Wenigstens eine Welt, die noch in Ordnung war, dachte Karina und erkannte zugleich die Fragwürdigkeit der Aussage.
„Dann können wir ja jetzt aufbrechen“, stellte Alexandra fest. Sie ließ vorsichtig die linke Schulter kreisen. „Es wird besser.“
Karina verzichtete darauf, die Fähigkeiten von Einhörnern zu thematisieren. Es blieb ihr unheimlich, und sie wollte es lieber nicht vertiefen. Alexandra entlohnte den Wirt. Den Schild schulterte sie mit immer noch eckiger Bewegung, aber ohne Hilfe.
„Schaffen wir es noch vor Sonnenuntergang?“, erkundigte sich Karina mit Blick auf das schon tief stehende Tagesgestirn. „Wir haben ja doch einige Zeit verloren.“
„Wir müssen ja nicht wieder an der Sägemühle vorbei. Ich bringe dich am besten direkt nach Hause, dann ist es gar nicht mehr so weit.“ Nachdem sie bei der Frage nach der Umrechnung von Zeiten in dieser und jener Welt keine sehr präzise Auskunft erhalten hatte, stellte sie die Frage nach der Umrechnung von Entfernungen gar nicht erst.
Im letzten Abendrot ritten sie auf dem Hof des Hauses ein, in dem Karina wohnte. Den Weg dorthin hatte Karina nicht verstanden, aber das Haus stimmte. Sie ließ sich von Hurricane gleiten. „Wir sehen uns morgen in der Schule“, verabschiedete sich Alexandra, und ihrem Tonfall war nicht zu entnehmen, daß sie eben ein zweitägiges Abenteuer hinter sich gebracht hatten. Es klang eher, als seien sie nur von einem Schulausflug in den Zoo zurückgekehrt. „Soll ich die Waffen mitnehmen, oder behältst du sie bei dir?“
„Kannst du sie tragen? Dann nimm sie mit.“ Sie reichte ihr den Schild und den Waffengürtel mit dem Schwert. Das fehlte noch. Was würde Sebastian sagen, wenn sie jetzt mit dem ganzen Metall, wie der Graf es genannt hatte, das Haus betrat? Der Schild hatte übrigens ziemlich in der Mitte ein Loch, wie sie jetzt bemerkte. Dort war die Kugel durchgeschlagen, aber wohl abgelenkt worden. Sie schluckte mit einem Gefühl nachträglichen Schauderns.
Karina sah Alexandra nach, wie sie mit Taifun durch das Tor aus dem Hof ritt. Hurricane folgte ihr. Dann waren sie um die Ecke und verschwunden. Einem spontanen Gedanken folgend, faßte sie an ihr Kleid und stellte fest, daß dort am Kragen die Brosche steckte. Jetzt könntest du eigentlich aufwachen, dachte sie.
*
Sebastian war nicht in der Werkstatt. Sie ging eine Treppe hoch und sah ihn in seinem Kontor am Tisch sitzen, in eine Zeichnung vertieft. Der Abreißkalender über dem Tisch zeigte das Datum von vorgestern. Nein, er zeigte sicherlich das heutige Datum, nur Karina war zwei Tage weiter. Insofern hatte Alexandra recht behalten, was die Relativität der Zeit in dieser und jener Welt betraf.
„Kommst spät“, bemerkte Sebastian. „I hab scho gess’n.“
„Schon recht. Bin in der Schule eingeschlafen, die letzte Nacht war doch sehr kurz.“
„Eig’schlafn? Mittn im Unterricht?“
„Nein, mittags nach der letzten Stunde.“
„Ah, so.“
„Ich geh noch kurz an meinen Schreibtisch und leg mich dann hin. Gegessen hab ich schon.“
„Unt’rwegens?“
„Ja.“ Sie war dankbar, daß er nicht noch fragte, was das wieder gekostet habe. Sie konnte schlecht erzählen, Alexandra habe bezahlt.
Karina stieg die zweite Treppe hoch zu ihrer Wohnung. Sie hatte ihre Schultasche gar nicht dabei, fiel ihr auf. Die mußte noch in der Schule liegen; logisch. Wenn irgend etwas an alledem, das sie in den letzten zwei Tagen – nein, Stunden – erlebt hatte, logisch sein konnte. So nahm sie sich ein Schreibheft und skizzierte den Unterricht für – äh – morgen. Die Augenlider wurden ihr schwer.
Sie schreckte hoch, als Mutters Wanduhr neun schlug, und erkannte, daß sie noch an ihrem Schreibtisch saß. Offenbar war sie eingeschlafen. Sie erinnerte sich, geträumt zu haben. Sie hatte Krohnstieg getroffen, er hatte ihr seine Unschuld versichert. Sie hatte Räuber erschlagen. Und sie hatte von einem Schmied die Brosche zurückgekauft, die zu Mutters Schmuck gehörte. Welch ein verrückter Traum!
Jedenfalls gehörte sie jetzt ins Bett. Als sie das Kleid ausziehen wollte, hatte sie plötzlich etwas zwischen den Fingern, das am Kragen befestigt war. Die Brosche! Wieso war jetzt die Brosche hier? Das war doch verrückt! Man konnte doch aus einem Traum nichts in die Wirklichkeit mitnehmen!
Jetzt wollte sie es wissen. Hatte sie nicht Sebastian wegen dieser Sache zur Rede stellen wollen? Um neun schlief er noch nicht, am besten brachte sie es gleich hinter sich. Sie ging eine Etage tiefer und fand ihn mit der Tageszeitung am Tisch. „Schlafst no net? Wolltst di doch hilegn?“
„Sebastian, ich muß dich etwas fragen.“ Sie hielt ihm das Schmuckstück vor die Nase. „Stimmt es, daß du das hier an den Herrn Krohnstieg verschenkt hattest, für seine Bemühungen?“
„Wo hast des her?“
„Ich traf jemanden, bei dem Krohnstieg es in Zahlung gegeben hatte.“
Sebastian kratzte sich verlegen am Kopf. „Karina, weißt, i wußt ja no net, deß der Lump mit de ganzn Klunker übern Harz gehn würd. I dacht halt, für sei Müh un d‘ Beratung in der Mühl könnt i mi erkenntlich zeign.“
„Davon hast mir nichts erzählt.“
„Hett i scho no tan. Aba denn war des ganze Zeugs weg un wegn dera Stück wars a nimmer wichtig.“
„Du hättest mich fragen müssen, ob ich damit einverstanden bin.“
„Scho. Aba mir hen des Zeugs ja gmeinsam g’erbt, oda? S‘ ghert mia also a.“
Sie seufzte tief. Die himmelschreiende Naivität ihres Bruders nahm ihr den Wind aus den Segeln. Es war, wie es war, sie konnte ihn und die Tatsachen nicht ändern. Zumindest in diesem einen Punkt hatte der Krohnstieg aus ihrem Traum also nicht gelogen. Das erhöhte die Glaubwürdigkeit seiner anderen Behauptungen. Und sie hatte ihn angezeigt! Sie hätte das nicht tun dürfen. Wie brachte sie diesen neuen Aspekt nur Inspektor Ziegler bei?
*
„Fräulein Schuchert? Wollen Sie gar nicht nach Hause gehen?“ Verwirrt hob sie den Kopf. Sie benötigte eine ganze Weile, ehe sie das Gesicht einordnen konnte. Waltershof, der Schulhausmeister, stand vor ihr. „Habe ich Sie geweckt?“
Sie nickte. „Muß wohl eingeschlafen sein.“ Verzweifelt versuchte sie sich räumlich und zeitlich zu orientieren. Hatte sie nicht eben mit Sebastian gesprochen? Sie saß in ihrem Klassenraum. In der Schule. Draußen war es dunkel, der Hausmeister hatte das elektrische Licht eingeschaltet; es stach unangenehm in ihre Augen.
Waltershof lächelte. „Ist eben ein anstrengender Beruf. Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen müssen. Aber nun sollten Sie nach Hause gehen. Ich bin gerade auf meiner letzten Kontrollrunde und will jetzt alles zusperren.“
„Ja. Ich gehe schon. Ach, mein Mantel hängt noch im Lehrerzimmer.“
„Ich schließe Ihnen nochmal auf.“
Sie erhob sich unsicher. Fetzen eines wirren Traumes geisterten ihr durchs Gehirn. Alexandra? Krohnstieg? Sebastian? Und hatte sie nicht Mutters Brosche…? Sie faßte sich an den Kragen. Da war nichts. Natürlich nicht. Die Brosche war weg wie alles. Was hatte sie nur auf den Gedanken gebracht, sie müßte am Kleid stecken? Allerdings fiel ihr auf, daß sie am Ärmel einen Tintenfleck hatte. Wie war das denn passiert? Zum Glück hatte sie noch irgendwo ein Stück von dem Rüschenstoff, das ließ sich ausbessern.
Sie holte sich den Mantel; Waltershof wünschte ihr eine gute Nacht und schloß hinter ihr die Haupttür ab. Schneematsch lag auf der Straße. Die Tram hatte Verspätung; vielleicht wegen einer vereisten Weiche, das kam im Winter immer einmal vor. Und daheim wartete vermutlich Sebastian ungeduldig, daß sie endlich erschien und ihm das Abendessen bereitete. Sie war also am Pult eingeschlafen. Dann war sie daheim aufgewacht. Aber da war sie gar nicht aufgewacht. Sondern jetzt war sie in der Schule aufgewacht. Vom mathematischen Standpunkt aus gesehen war das völlig unakzeptabel. Ein Term mußte immer ebenso viele öffnende wie schließende Klammern enthalten. Müßte sie jetzt noch einmal einschlafen, um die Ordnung wieder herzustellen? Endlich kam die Tram. Nachdem Karina eingestiegen war und der Zug mit ihr durch die nächtlichen Straßen rumpelte, zählte sie noch immer Klammern.
*
„Wegen Turnen“, sagte Alexandra zu Beginn der Mathematikstunde am Folgetag, indem sie Karina einen Brief zuschob. Als Absender war Franziska Jarowicz angegeben, Alexandras große Schwester und Erziehungsberechtigte. Die Lehrerin öffnete das Kuvert und überflog den Inhalt.
Hoch geehrtes Fräulein Schuchert.
Ich bitte höflichst, meine Schwester Alexandra für die nächsten zwei Wochen vom Turnunterricht freizustellen, da sie sich bei einem Unfall eine Verletzung an der linken Schulter zugezogen hat. Ich hoffe auf ihr Verständnis, wenn ich kein ärztliches Attest vorlege, dieses würde mir zusätzliche Kosten verursachen. Wenn Sie aber eines benötigen, werde ich es selbstverständlich beibringen. Mit vorzüglicher Hochachtung:
Franziska Jarowicz.
Aus Alexandra herauszubekommen, um was für einen Unfall es sich gehandelt habe, wäre ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen gewesen. Außerdem, entschied Karina, ging es sie nichts an. „Ist in Ordnung.“ Sie schrieb einen Vermerk ins Klassenbuch und steckte den Brief ein. Daß die Schwestern Jarowicz sich den teuren Arztbesuch gern ersparen wollten, sah sie ein.
Nachdem die Wiederholungsarbeit noch einige Lücken offenbart hatte, mußte Karina die letzten Unterrichtsstunden vor dem Examen für eine Aufarbeitung des problematischen Stoffs nutzen.
„Mir scheint, die Gleichungssysteme sind bei euch noch ein Schwachpunkt, meine Damen“, begann sie. „Gehen wir also noch einmal die verschiedenen Lösungsverfahren durch. Wann benutzt man das Gleichsetzungsverfahren? Marieke?“
„Wenn beide Gleichungen schon nach dem einen Buchstaben aufgelöst sind.“
„Nach der einen Variablen, wolltest du sagen. Richtig. Das Einsetzungsverfahren? Julia?“
„Wenn wenigstens die eine Gleichung nach einer Variablen aufgelöst ist.“
„Aha. Und nach welcher Variablen?“
„Das ist egal.“
„Sehr schön. Hier habe ich ein paar Aufgaben zu diesen Fällen.“ Sie schrieb ihre vorbereiteten Übungsaufgaben an die Tafel. „Also bestimmt bitte die Lösungen. Wer die erste Aufgabe gelöst hat, möge sich melden.“
Die Mädchen schrieben die Aufgaben ab und begannen zu rechnen. Bis auf Alexandra, natürlich. Alexandra blickte in die Luft. Ihre Augen wanderten auf einem nur für sie sichtbaren Bild hin und her. Dann meldete sie sich. „Alexandra, warte bitte. Deine Mitschülerinnen rechnen noch.“
Schließlich gingen weitere Arme in die Höhe. „Maria?“
„x ist einundachtzig Vierzehntel und y ist minus fünf Siebentel.“
„Das ist leider falsch. Julia?“
„x ist einundachtzig Vierzehntel und y ist plus fünf Siebentel.“
„Das ist leider auch falsch. Alexandra, was hast du heraus?“
„Drei Halbe und Eins.“
„Wenn drei Halbe zu y und eins zu x gehört, ist es richtig.“
„Wie hast du das gemacht?“, fragte ihre Nachbarin Julia.
Alexandra zeigte auf ihre unsichtbare Rechnung. „Rüber, mal, minus, mal. Dann das durch das.“ Wobei ihre Finger kleine Kreuzchen in die Luft malten.
Julia, und nicht nur ihr, fiel der Unterkiefer herunter. Karina seufzte. Sie hatte, in der Interpretation von Alexandras Luftbildern geübt, erkannt, daß sie das Determinantenverfahren angewendet hatte. Nur hatte sie das in ihrer Klasse nie unterrichtet. Dann fiel ihr ein, daß Alexandra damals, als sie die Gleichungssysteme behandelt hatte, noch gar nicht in der Klasse gewesen war. Vielleicht hatte sie das bei den Klarissen so gelernt. Wahrscheinlicher war, daß das Mädchen es sich selbst erarbeitet hatte.
„Wie geht das?“, erkundigte sich Julia zaghaft.
„Das Verfahren habe ich euch nicht gezeigt. Es ist für diese Aufgabe eigentlich auch viel zu kompliziert.“
„Aber es scheint gut zu funktionieren“, meinte Julia.
„Aber nur, wenn man Lexa heißt“, bemerkte Maria etwas spöttisch.
Karina nickte. „Halten wir uns also an das, was ihr gelernt habt. Und du, Alexandra, darfst gern bei deinem Verfahren bleiben. Aber bitte, bitte, schreib in der Prüfungsarbeit statt ‚das’ und ‚das’ die Zahlen auf.“
Alexandras Gesicht zeigte den bekannten Anflug von Hilflosigkeit. Ich könnte noch einen Versuch machen, überlegte Karina. Wenn der Schulleiter sich an die Vorschriften gebunden fühlt und für das Mädchen keine Ausnahme zulassen will, könnte ich mich noch direkt ans Kultusministerium wenden. Von dort stammten ja die Vorschriften. Vielleicht hatte wenigstens dort jemand ein Einsehen.
In der großen Pause vor dem Zeichenunterricht setzte sie sich im Lehrerzimmer hin und formulierte ein Gesuch um Zulassung eines Nachteilsausgleichs für eine sprachbehinderte Schülerin. Da gab es nur ein klitzekleines Problem: Sie mußte den Dienstweg einhalten, wenn sie ans Ministerium schrieb. Und der führte über den Schreibtisch von Doktor Hartriegel. Sie gab ihr Schreiben dennoch im Sekretariat zur Weiterleitung ab. Sie wollte es wenigstens versucht haben.
In der Kunststunde in ihrer Klasse stand die Bildbeschreibung eines Werkes von Franz Marc auf dem Programm. ‚Drei Tiere’ hieß es, und es war für einige Schülerinnen etwas schwierig, in diesem expressionistischen Werk die drei Tiere überhaupt alle zu erkennen, geschweige denn die Bedeutung der Farbgebung zu erfassen. Alexandra, deren Zeichnungen selbst immer ein wenig expressionistisch waren, fand sie alle, allerdings brachte sie keine ausformulierte Bildbeschreibung zustande. Natürlich nicht, das war wieder ein sprachliches Problem. Karina tröstete sich damit, daß Kunst nicht prüfungsrelevant war.
Dann ging auch diese Stunde zuende. Wie fast schon üblich, dauerte das Einpacken bei Alexandra am längsten; alle waren bereits fort, und an der Tür wartete Julia auf ihre Freundin. Alexandra blickte ein wenig scheu um sich, dann zog sie etwas aus dem Chaos ihrer Schultasche. „Gestern verloren“, sagte sie und drückte Karina einen kleinen Gegenstand in die Hand. Es war eine Brosche.
Als Karina an diesem Tag auf dem Heimweg in der Tram saß, hatte sie Gelegenheit, ungestört und in aller Ruhe an ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln.
*
Zuhause angekommen, hatte sie ihr Problem nicht gelöst. Die Brosche war real vorhanden, man konnte sie sehen und anfassen. Einem wirren Traum zufolge, an den sie sich aber nicht mehr wirklich erinnerte, hatte sie dieses Schmuckstück schon einmal bei sich gehabt, sie hatte im Moment des Aufwachens verwirrt danach gesucht, wenngleich vergeblich.
Mit wem konnte sie darüber sprechen? Mit Sebastian sicherlich nicht. Irgendwie hatte ihr Bruder in dem Traum zwar auch eine Rolle gespielt, aber er war zu sehr Realist, als daß sie ihm mit Träumen kommen konnte. Doktor Welcker? Sie hatte großes Vertrauen zu ihm, aber er war praktischer Arzt; für Träume war er nicht zuständig. Er hätte sie vielleicht an den berühmten Doktor Freud in Wien verwiesen, und den konnte sie sich bestimmt nicht leisten. Außerdem konnte sie keinem davon eine real vorhandene Brosche als Traumvision plausibel machen.
Als Praktiker für ein gestohlenes und plötzlich wieder vorhandenes Schmuckstück kam ihr am ehesten Inspektor Ziegler in den Sinn. Auch der war bestimmt kein Träumer. Aber vielleicht fiel gerade ihm deshalb etwas realistisches ein. So verbarg sie die Brosche beim Heimkommen in der Tasche und sagte zu ihrem Bruder nur, sie werde am nächsten Tag nach der Schule noch zur Polizei gehen und sich nach dem Stand der Ermittlungen erkundigen. Das Essen bereite sie ihm vor, dann brauche er nicht auf sie zu warten. In seiner brummigen Art gab er ihr zu verstehen, daß er keine neuen Nachrichten bei der Polizei erwarte. „Des würd d‘ Inspekter di scho wissn lassn.“ Aber er stimmte ihrem Vorhaben zu.
Noch ehe sie allerdings am Folgetag ihr Vorhaben ausführen konnte, wurde sie vormittags erst einmal zum Schulleiter zitiert. Wie immer faßte er sich kurz. Nachdem sie weisungsgemäß bei ihm vorstellig geworden war, knallte er ihr ohne jegliche Einleitung oder gar Begrüßung einen Brief auf den Schreibtisch, den sie als ihre Eingabe an das Ministerium erkannte. „Erklärung?“, verlangte er.
„Herr Doktor Hartriegel, Sie hatten neulich einen Nachteilsausgleich für meine Schülerin Alexandra zurückgewiesen mit Hinweis auf die Prüfungsvorschriften. Ich dachte, da die Vorschriften ja aus dem Ministerium stammen, könnte man dort vielleicht auch über eine Ausnahme entscheiden.“
„Wollen meine Entscheidung kritisieren?“, erkundigte er sich barsch.
„Auf keinen Fall, Herr Doktor Hartriegel. Sie haben Ihre Entscheidung korrekt nach den Vorschriften getroffen. Ich dachte ja nur…“
Sie merkte, wie sie unter seinem gestrengen Blick zu schrumpfen begann. Hatte sie sich nicht genau das abgewöhnen wollen? „Ich suche nicht mehr Ihre Entscheidung, Herr Direktor, sondern die des Ministeriums. Daher möchte ich Sie bitten, meinen Brief weiterzuleiten, mehr erwarte ich nicht.“
Er kniff drohend die Augenbrauen zusammen. „Insubordination! Muß Vermerk in Personalakte machen!“
An dieser Stelle riß Karina der Faden. Innerlich fühlte sie sich an, als ob sie sich zum Kampf stellen mußte und ein Schwert zog. „Sie müssen nicht. Es ist Ihre persönliche Entscheidung, ob Sie mir meine Akte mit einer solchen ungerechtfertigten Eintragung beschmutzen oder nicht.“
Hartriegel schnappte nach Luft und zeigte auf die Tür. „Raus!“
Karina führte den Hieb. „Ich glaube, mit einer Beschwerde über meinen Schulleiter bin ich nicht an den Dienstweg gebunden. Richtig?“
Damit rannte sie hinaus. Die Tür zuzuschlagen, erschien ihr stillos, daher ließ sie sie einfach offen. Für den Fall, daß er ihr nachrufen würde, sie solle gefälligst die Tür schließen, lag ihr schon etwas sehr giftiges auf der Zunge. Es blieb ihr und ihrem Vorgesetzten aber erspart, da er nichts sagte. Klirrend fuhr die imaginäre Klinge wieder ins Futteral.
Sie brauchte den Weg von hier bis zu ihrem nächsten Klassenraum, um ihren Puls wieder zu beruhigen. Sie hatte sich mit ihrem Schulleiter angelegt. Was würde jetzt passieren? Andererseits war sie nicht mehr bereit, sich alles bieten zu lassen, nur weil ihre Beförderung davon abhing. Verdammt, dann würde sie eben den Dienst quittieren und in Zukunft fremde Wohnungen putzen wie Franziska Jarowicz.
Am Mittag fing Doktor Hartriegel sie im Lehrerzimmer ab, als sie gerade gehen wollte, und nahm sie beiseite. „Fräulein Schuchert. Wollte sagen, habe Brief weitergeleitet.“
Sie lächelte. „Vielen Dank. Ich habe auch noch keine Beschwerde geschrieben.“
Er sah nicht glücklich aus. Aber das war sein Problem.
*
Inspektor Ziegler war nicht in seiner Amtsstube im Präsidium. Hatte er schon wieder Frühschicht gehabt? Karina entbot höflich die Tageszeit, so daß der Beamte, der hier momentan die Stellung hielt, sie zumindest zur Kenntnis nehmen mußte.
„Sie wünschen?“
„Ich möchte Herrn Inspektor Ziegler sprechen. Hat er keinen Dienst?“
„Er ist in einer Besprechung. Worum handelt es sich?“
„Es geht um den Diebstahl, den ich neulich zur Anzeige gebracht habe. Es hat sich – hm – wieder ein neuer Aspekt ergeben.“
Es schloß sich die zu erwartende Diskussion an. Das könne sie auch ihm mitteilen, und er werde es weiterleiten. Ob er mit der Sachlage vertraut sei? Nein, aber das spiele ja keine Rolle. Dann müsse sie es dem Inspektor hinterher ohnehin noch einmal erklären, da könne sie ebensogut auf ihn warten. Das Gesicht des Mannes ähnelte dem des Schulleiters vorhin: er war nicht glücklich. „Jetzt machen Sie keinen Staatsakt daraus, junges Fräulein. Der Fall ist hier in guten Händen, wir haben ja eine Akte. Also, wollen Sie nun etwas zu Protokoll geben oder nicht?“
Karina erinnerte sich, daß er es auch gewesen war, den Ziegler mit der Auflösung des Buchstabenpuzzles betraut hatte. War er etwa deswegen nicht gut auf sie zu sprechen? Sie legte die Brosche auf den Tresen, der den Publikumsbereich von den Schreibtischen abtrennte. „Eines der gestohlenen Stücke ist wieder aufgetaucht.“
Das veranlaßte ihn zumindest aufzustehen. Er trat von seiner Seite her an den Tresen heran und beäugte das Schmuckstück. „Wie? Wo kommt das her?“
„Das ist eine komplizierte Geschichte. Deshalb möchte ich sie ja dem Herrn Inspektor selbst erzählen.“
Das Buchstabenrätsel hatte ihn wohl überzeugt, daß dieser Fall ein Fall der komplizierten Geschichten war. Er seufzte. „Wenn Sie darauf bestehen, dann warten Sie halt auf ihn.“
„Herzlichen Dank.“
Sie mußte keine zehn Minuten mehr warten, dann trat Ziegler ein. „War mir doch, als hätte ich Ihre Stimme gehört. Guten Tag, Fräulein Schuchert. Ich habe leider noch keine Neuigkeiten für Sie.“
„Aber ich für Sie.“
„Oh. Das ist interessant.“ Mit einem Blick scheuchte er seinen Kollegen zurück an dessen Schreibtisch.
„Ich wollte Sie aber nicht von Ihrer Besprechung abhalten.“
„Die habe ich für beendet erklärt. Also?“
Sie senkte die Stimme. „Kann ich allein mit Ihnen sprechen? Das ist sehr schwierig zu erklären.“
Er verwies sie auf einen den unbequemen Besucherstühle und quetschte seinen athletischen Körper auf den anderen. „Spengler, holen Sie mir doch aus dem Archiv bitte mal die Akte Holzmüller vom vorletzten Jahr.“
„Holzmüller?“, echote der junge Mann.
„Ja. Holzmüller“, insistierte Ziegler.
Der Kollege erhob sich wieder und verschwand durch die Tür nach hinten. Ziegler grinste. „Das wird dauern. Inzwischen erzählen Sie mir Ihre Geschichte.“
„Gut. Also, kurz und knapp: Diese Brosche meiner Mutter ist wieder aufgetaucht. Sie gehörte zu dem gestohlenen Schmuck.“
„Aufgetaucht? Beim Auskehren in einer Fußbodenritze gefunden?“
„Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ich weiß es nicht. Meine Schülerin, Sie wissen schon, die auch das Bild gezeichnet hat, drückte sie mir gestern in die Hand. Dazu gehört, daß ich einen merkwürdigen Traum hatte. In dem Traum hatte ich die Brosche. Nach dem Aufwachen war sie natürlich weg…“
„Das haben Traumbilder so an sich. Man müßte biblischer Prophet sein, um in solchen Visionen göttliche Fingerzeige zu sehen. Uns Normalsterblichen bleibt das verwehrt.“
„Ja. Aber dann kam das Mädchen am nächsten Tag mit genau dieser Brosche an. Ist das nicht merkwürdig?“
„Nach menschlichem Ermessen schon. Vielleicht doch ein Eingreifen höherer Mächte? Was sagt denn dieses Mädchen, wo es die Brosche her hat?“
„Sehen Sie, das ist ein Problem. Alexandra sagt überhaupt nicht viel, sie ist zwar hoch begabt, aber sprachbehindert. Ich habe daher nichts erfahren können.“
„Ja, es ist aber doch klar, daß diese Alexandra etwas weiß. Man müßte sie vernehmen.“
Genau das hatte Karina befürchtet. „Tun Sie ihr das bitte nicht an, sie hier aufs Polizeipräsidium zu schleppen. Ich glaube, das würde sie so unter Druck setzen, daß sie überhaupt kein Wort mehr herausbringt.“
„Hm. Das sehe ich natürlich ein. Und in einer etwas entspannteren Atmosphäre? Zum Beispiel drüben im Kaffeehaus, in dem Sie mich neulich aufgestöbert haben?“
„Ja, vielleicht. Ich werde es dem Mädchen vorschlagen, übermorgen nach der Schule herzukommen.“
„Meinetwegen auch gleich morgen.“
„Das geht nicht. Ich möchte erst die Erziehungsberechtigte um Erlaubnis bitten. Ach so – Sie haben ja diese Woche Spätschicht. Da können Sie doch nicht einfach ins Kaffeehaus gehen.“
Ziegler schüttelte amüsiert den Kopf. „Warum nicht? Im Rahmen einer polizeilichen Ermittlung kann ich überall hingehen. Zur Not ins Leichenschauhaus. Warum also nicht ins Kaffeehaus? Sagen wir drei Uhr nachmittags. Und Sie sollten die Brosche mitbringen, damit wir vor Augen haben, wovon die Rede ist.“
Der Kollege Spengler trat ein. „Ich habe die Akte Holzmüller nicht gefunden, Herr Inspektor.“
„Wo haben Sie denn gesucht?“
„Na, im vorletzten Jahrgang, wie Sie gesagt haben.“
Ziegler schlug sich theatralisch die Hand an die Stirn. „Nein! Wie dumm von mir! Das war ja vor drei Jahren!“ Seinem Feixen entnahm Karina, daß das Ganze offenbar von ihm inszeniert war, um ungestört mit ihr zu sprechen. Sie empfand große Dankbarkeit.
„Soll ich nochmal…?“
„Ach, lassen Sie’s, Spengler. Ich gehe nachher selbst ins Archiv.“
*
„Alexandra, ich war mit der Brosche bei der Polizei. Der Herr Inspektor wollte gern wissen, woher sie stammt. Das konnte ich ihm natürlich nicht sagen. Aber du weißt es. Würdest du…?“
Alexandra gab ihr Einverständnis ohne zu überlegen. „Helf dir“, nickte sie.
„Du mußt auch nicht aufs Polizeirevier gehen. Wir könnten uns mit dem Inspektor im Kaffeehaus treffen. Ich muß nur noch deine Schwester um Erlaubnis bitten, dich mir für morgen nachmittag auszuleihen. Ich gebe dir einen Brief mit, in Ordnung?“
Erneutes Kopfnicken. Karina fragte sich zwar immer noch, wie Alexandra auf die Fragen Zieglers sinnvoll antworten konnte, aber vielleicht würde es ihr ja gelingen, wie im Unterricht die Stenogramme des Mädchens zu interpretieren.
Karina formulierte einen Brief an Franziska, in dem sie darum bat, deren Schwester am nächsten Nachmittag zu einer Zeugenaussage zur Polizei mitnehmen zu dürfen. Sie versicherte ihr, daß die Sache nichts mit ihr oder Alexandra zu tun habe, sondern nur sie selbst betreffe, und sie könne natürlich ablehnen.
Franziska Jarowicz lehnte nicht ab, und so stiegen Karina und Alexandra am Nachmittag beim Polizeipräsidium aus der Tram. Der Schnee auf den Straßen hatte seinen jungfräulichen Charme verloren, er war zu schmutzigen Haufen zusammengekehrt und teilweise dahingeschmolzen. Auf den meisten Dächern war er schon völlig verschwunden. Tauwasser tropfte von Dachtraufen und bildete Eiszapfen. Karina blickte argwöhnisch nach oben, ob sie Gefahr liefen, von einem herunterfallenden Zapfen erschlagen zu werden, und betrat das Kaffeehaus dann doch recht zügig angesichts der da oben hängenden Gefahr.
Inspektor Ziegler wartete auf sie an seinem Stammplatz im hinteren Gastraum. Er erhob sich und begrüßte Alexandra und Karina mit korrekter Höflichkeit. „Nehmen Sie Platz.“
Karina bugsierte ihre Schülerin auf einen Stuhl gegenüber dem Inspektor und setzte sich selbst daneben. Die Bedienung erschien, um nach ihren Wünschen zu fragen. Ziegler blickte Karina an. „Kaffee Melange?“
„Gerne.“
„Und die junge Dame?“
Alexandra blickte scheu und schien sich nicht schlüssig, ob sie einen Wunsch äußern durfte.
„Vielleicht eine heiße Schokolade?“, schlug die Kellnerin vor.
Karina nickte aufmunternd, und Alexandra brachte ein zustimmendes „Hm“ zustande.
„Übrigens“, ergriff Karina noch einmal das Wort, „über Ihrem Eingang hängen Eiszapfen an der Dachtraufe. Ich glaube, es wäre eine gute Idee, sie entfernen zu lassen, ehe sie jemanden erschlagen.“
„Danke für den Hinweis. Ich werde es dem Hausmeister sagen.“
„Also“, begann der Inspektor. „Fräulein Schuchert hat dich mitgebracht, weil du etwas über diese gestohlene und dann wieder aufgetauchte Brosche zu wissen scheinst. Sie meint, du könntest uns weiterhelfen. Du mußt nichts sagen, wenn es dir unangenehm ist.“
Alexandra blickte hilflos drein, wie immer, wenn sie um Worte rang.
„Verstehst du mich?“, hakte Ziegler nach.
Alexandra nickte vorsichtig. „Sie sucht nach Worten“, erklärte Karina. „Geben Sie ihr Zeit.“
Inzwischen wurden die Getränke serviert. Da die Erwachsenen von ihren Tassen nippten, tat Alexandra es ihnen nach. „Wieland“, sagte sie dann.
Ziegler hob die Augenbrauen. „Wieland?“
Alexandra zeigte auf die Brosche, die Karina für heute weisungsgemäß ans Kleid gesteckt hatte.
„Du hast die Brosche von ihm?“
Kopfnicken.
„Und wer ist Wieland?“
„Schmied.“
Ziegler verzog ein wenig unglücklich das Gesicht und seufzte. „Das scheint mir jetzt eine Legende zu werden. Wieland der Schmied. Sohn des Riesen Wate, Vater von Wittig, dem Helden.“
„Woher kennen Sie die Sage von Wieland so genau?“, wunderte sich Karina.
„Persönliches Interesse, warum meine Eltern mich Wieland getauft haben“, lächelte Ziegler und wandte sich an Alexandra. „Meintest du den Wieland?“
Jene schüttelte den Kopf. „Der jüngere.“
„Von einem Wieland, dem Jüngeren, erzählt die Legende nichts.“
Alexandra schien wieder um Worte zu ringen. Schließlich zeichnete sie mit dem Finger ein großes Rechteck in die Luft. „Karte.“
Karina überlegte. „Meinst du eine Landkarte?“ Das Mädchen nickte heftig.
„Eine Landkarte?“ Der Inspektor hob einen Zeigefinger. „Das haben wir gleich. Spengler hat drüben noch immer die Karte liegen, in der er vergeblich nach diesem geheimnisvollen Ort gesucht hat. Ich hole sie.“ Damit war er auf und davon.
Karina blieb mit ihrer Schülerin zurück und trank langsam von ihrem Kaffee. „Wenn es sonst nichts bringt, weiß ich nun wenigstens den Vornamen des Inspektors“, stellte sie mit einer Art Galgenhumor fest.
Inspektor Ziegler erschien mit einer gefalteten Karte und breitete sie auf dem Tisch aus. „Hier ist die Karte. Kannst du damit etwas anfangen?“ An Karina gewandt fügte er leise hinzu: „Die Dinger da oben am Dach sehen wirklich gefährlich aus. Man müßte eigentlich den Gehsteig sperren.“
Alexandra stand auf, um das Blatt zu überblicken. Dann zeigte sie auf eine Stelle. „Wieland.“ Ihr Finger folgte einem Weg, der auf der Karte nur teilweise mit Landstraßen korrelierte, gelangte an einen Flußlauf und tippte dann auf eine ziemlich leer wirkende Gegend jenseits des Flusses. „Krohnstieg.“

Ziegler sprang auf. „Krohnstieg?“ Er beugte sich über die Karte und studierte die Ödnis, die in einigem Umkreis nur wenige kleine Siedlungen zeigte. Quer darüber stand allerdings, in weitläufig verteilten Lettern, die man nur mit Mühe als zusammengehörig zu erkennen vermochte, der Name der Landschaft. „Nessauer Heide“, murmelte er. „Moment mal!“ Er zog einen Bleistift aus der Hemdtasche und notierte auf der Serviette: ‚NESSAUER HEIDE’ und darunter ‚DREISEEHAUSEN’. Dann verband er gleiche Buchstaben paarweise. Es ging auf.
„Das konnten wir nicht finden! Es ist kein Ort! Es ist eine Landschaft.“ Er sah sie an. „Karina, wir haben dein Puzzle gelöst!“
Sie musterte ihn erschrocken. Seines spontanen Ausbruchs wegen, und weil er sie plötzlich mit ‚du’ angesprochen hatte. Ziegler bemerkte seinen Fauxpas und schlug sich die Hand vor den Mund. „Entschuldigung. Das traf mich jetzt überraschend.“
„Mich auch, Herr Inspektor.“ Ihr Blick fiel auf Alexandra, und sie hatte den Eindruck, daß deren Gesichtsausdruck diesmal gar nicht hilflos wirkte, sondern eher ein wenig belustigt.
Ziegler schüttelte den Kopf. „Es tut mir wirklich leid.“
Von draußen hörte man das Wiehern eines Pferdes. Karina warf einen Blick aus dem Fenster, doch es war keine Kutsche und kein Fuhrwerk zu sehen. Das mußte natürlich nichts heißen; von diesem Nebenraum aus blickten sie nicht auf die Hauptstraße, sondern auf eine Seitengasse. „Taifun“, sagte Alexandra. Als ob das alles erklärte, verließ sie wortlos den Tisch und ging nach draußen.
Der Inspektor legte den Kopf schräg. „Muß ich das jetzt verstehen?“
„Sie spricht manchmal mit einem Einhorn“, erklärte Karina. „Das heißt Taifun. Ihre Schwester erzählte mir, daß sie früher auch einen Drachen gehabt hat, der Jü hieß.“
„Ein glückliches Kind“, meinte Ziegler. „Sie lebt in einer Welt, die wir längst verlassen haben. Ich finde es nach wie vor merkwürdig.“
„Was?“
„Daß ausgerechnet sie diese Brosche aufgetrieben hat.“
Karina zuckte mit den Schultern. „Merkwürdig ist vor allem, daß ich sie mag.“
„Wen?“
„Alexandra. Sie ist meine Lieblingsschülerin – und die, die mir am meisten Sorgen bereitet. Komisch, nicht?“
*
Ziegler musterte die Karte. „Sie hat demnach die Brosche von einem Menschen namens Wieland, der hier wohnt, an einem Weg, der zur Nessauer Heide führt. Wo wiederum dieser Krohnstieg beheimatet sein könnte. Ob die beiden miteinander zu tun haben? Ein Dieb und sein Hehler vielleicht?“
Karina verspürte einen gewissen Widerstand gegen diesen Gedanken. Wieland ein Hehler? Der Gedanke erschien ihr an den Haaren herbeigezogen. Aber warum? Sie kannte diesen Wieland nicht. Mochte der Himmel wissen, wie Alexandra an ihn gekommen war. Und doch kam es ihr vor, als habe sie ihn schon gesehen. Sie blickte auf und sah Ziegler an. Oder brachte sie jetzt den Inspektor mit dem Unbekannten in Verbindung, nachdem sie wußte, daß er ebenfalls Wieland hieß?
Alexandra kam wortlos und fast gar nicht bemerkbar wieder herein, setzte sich an ihren Platz, hob mit verlegener Miene die Landkarte an, um ihre Tasse darunter hervorzuziehen, und trank ihren Kakao aus.
Ziegler tippte auf die Karte. „Hat dieser Wieland etwas mit Herrn Krohnstieg zu tun?“
Alexandra schüttelte den Kopf.
„Aber wie kommt er dann an die Brosche?“
Das Mädchen öffnete den Mund ein wenig, was wiederum ausgesprochen hilflos wirkte. „Bezahlt“, brachte sie schließlich heraus.
„Krohnstieg hat mit der Brosche bei Wieland etwas bezahlt“, versuchte Karina zu übersetzen. Alexandra nickte.
Ziegler atmete sichtbar auf. „Gut. Das ist also geklärt. Alexandra, du hast uns sehr geholfen.“ Er faltete die Karte zusammen. „Ich werde die dortige Gendarmerie verständigen. Wenn der Kerl da wirklich wohnt, werden wir ihn bald haben.“
„Und was passiert dann?“, erkundigte sich Karina.
„Na, dann kommt er vor Gericht, ist doch klar. Und Sie werden als Zeugin gegen ihn aussagen.“
Plötzlich kam es Karina vor, als ob das falsch wäre. „Ich weiß nicht.“
„Das ist nicht schlimm. Der Richter und die Anwälte werden Ihnen ein paar Fragen stellen, die Sie nach bestem Wissen beantworten. Das ist alles.“
„Aber wenn er nun unschuldig sein sollte?“
„Dann wird das Gericht das herausfinden. Aber das glauben Sie ja wohl nicht im Ernst.“
In der Tat sah Karina keinen nachvollziehbaren Grund für diese Anwandlung. „Natürlich nicht.“
„Fräulein Suhr, die Rechnung bitte“, rief Ziegler nach vorn.
Irgendwie lustig, dachte Karina. Ein Fräulein Suhr bediente im Kaffeehaus Bitter. Wenigstens der Hausmeister könnte ja Süß heißen. Der Hausmeister – sollte der nicht die Eiszapfen…? Bislang schien noch nichts dergleichen passiert zu sein.
Der Inspektor bezahlte und verabschiedete sich von Karina und deren Schülerin, wobei er sich nochmals für Alexandras Hilfe bei der Aufklärung des Falles bedankte. Vor Gericht aussagen müsse sie nicht, versicherte er ihr, wenn sie Krohnstieg erst einmal hätten, wäre es ja nicht mehr relevant, wie sie ihn gefunden hatten.
Karina blickte mißtrauisch nach oben, als sie aus der Tür des Kaffeehauses trat. Aber es ging dann alles viel schneller, als daß sie hätte reagieren können. Oben ragte ein Besenstiel aus einem Fenster, polternd löste sich einer der Eiszapfen und stürzte genau auf sie herunter.

Ihr Reflex, beiseite zu springen, wäre zu spät gekommen. Was anstatt dessen geschah, überforderte ihr Begriffsvermögen. Im Fallen löste sich das Eisgeschoß in Wassertropfen auf, die auf sie hernieder regneten. Dann stand sie in des Wortes eigenster Bedeutung wie ein begossener Pudel da. Und fiel in Ohnmacht.
Als sie zu sich kam, hing sie in einem der Sessel im vorderen Raum des Kaffeehauses wie ein nasser Sack, und die Kellnerin hielt ihr ein Fläschchen Eau de Cologne unter die Nase. „Geht’s wieder?“
Sie sah Fräulein Suhr verständnislos an. „Was ist passiert?“
„Sie sind umgefallen. Der Herr Inspektor hat Sie aufgefangen und hier hereingetragen.“
Draußen hörte sie in der Tat Zieglers Stimme, und zwar ziemlich lautstark und ungehalten. „Sie Narr! Wie können Sie da oben die Eiszapfen abschlagen, ohne vorher den Gehsteig zu sperren? Sie hätten beinahe ein Menschenleben auf dem Gewissen!“
Jetzt bemerkte sie, daß Alexandra neben ihr hockte und ihre Hand hielt. „Eiszapfen?“, fragte sie fassungslos.
Alexandra zeigte nach oben, zeichnete die Bahn eines fallenden Gegenstandes in die Luft und machte eine Geste, als ob sie ihn auf halbem Wege wegwischen wollte. „Fast“, erklärte sie.
Ziegler kam herein. „Dieser Vollidiot!“, fluchte er. „Fräulein Schuchert! Ist alles in Ordnung?“
„Scheint so. Was war eigentlich los?“
„Dieser Hornochse von Hausmeister hat mit einem Besenstiel die Eiszapfen abgeschlagen. Ohne darüber nachzudenken, daß vielleicht jemand unten aus der Tür kommen könnte. Ich könnte ihr erwürgen.“
Karina erinnerte sich merkwürdigerweise genau jetzt an eine Äußerung, die der Inspektor vor einiger Zeit zu ihr gesagt hatte. „Dann müßten Sie sich aber verhaften und ins Gefängnis stecken, Herr Inspektor. Jedenfalls haben Sie mir das angedroht, als ich nach Krohnstiegs Kopf verlangte.“
Er grinste. „Ihren Humor haben Sie jedenfalls wiedergefunden.“
„Hatte ich jemals welchen?“, wunderte sich Karina. Sie betastet ihren Mantel. „Wieso bin ich eigentlich naß?“
„Wenn es nicht so absurd wäre, würde ich sagen, der Eiszapfen, der es auf Sie abgesehen hatte, ist unterwegs geschmolzen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die jetzt als Splitter auf dem Gehsteig liegen.“
Karina fiel eine Situation ein, in der schon einmal das Eis geschmolzen war, das sie eigentlich hätte umbringen müssen: als sie in den Mühlenteich gefallen war. Dann kam ihr in den Sinn, wie Krohnstieg sich damals rührend um sie bemüht hatte. Und jetzt sollte er verhaftet werden. Das war alles höchst verwirrend. Und Alexandra blickte zu alledem wieder einmal drein, als könne sie nicht bis drei zählen. Dabei konnte sie eine Sinustabelle im Kopf berechnen. Verrückt, was einem so in den Sinn kam.
„Ich bringe Sie beide jetzt am besten nach Hause“, hörte sie Ziegler sagen.
„Aber Sie haben Dienst, Herr Inspektor“, widersprach sie halbherzig.
„Das ist Dienst“, erklärte der Polizist.
9. Im Peripatos
Die schriftlichen Prüfungsarbeiten waren auf die Woche nach Maria Lichtmeß angesetzt. Am Montag vorher nahm Alexandra wieder am Turnunterricht teil, ihre Unfallverletzung war demnach wohl auskuriert, was Karina mit einer gewissen Erleichterung erfüllte. Das Mädchen mußte sich während der Prüfungen also nicht auch noch damit herumplagen. Am Mittwoch vorher beorderte der Schulleiter die Lehrerin in sein Büro und legte ihr ein Schreiben des Kultusministeriums vor. „Bescheid zu Ihrem Antrag.“
Sie durfte es lesen und mußte die Kenntnisnahme auf einem gesonderten Formular quittieren:
…Es wird folgende Regelung festgesetzt: Der Schülerin Alexandra Jarowicz wird auf Ihren Antrag hin bei allen schriftlichen Prüfungen ein Nachteilsausgleich in Form einer einstündigen Zeitverlängerung zugestanden. Die Bearbeitungszeit für die Schülerin endet daher 60 Minuten nach dem regulären Ende der Klausur. Die Organisation der dadurch erforderlichen zusätzlichen Aufsicht ist durch die Schule zu regeln…
„Habe Gesuch befürwortet. Zufrieden?“
Karina atmete tief durch. Sie hatte inzwischen nicht mehr mit einem Bescheid gerechnet. Jetzt hatte sie einen. Arbeitszeitverlängerung. Weniger als Alexandra brauchte, aber mehr als sie zu hoffen gewagt hatte. Sie konnte sich schlecht auch noch darüber beklagen.
„Ich danke für Ihre Fürsprache beim Ministerium. Auch im Namen meiner Schülerin.“
„Schön.“
Doktor Hartriegel erhob sich, Karina, die wieder nur sehr provisorisch auf einer Stuhlkante Platz genommen hatte, mit ihm. Er öffnete ihr sogar die Tür.
„Hoffe, sie macht etwas daraus.“
„Das hoffe ich auch“, flüsterte Karina unhörbar. Würde eine Stunde für das Mädchen genügen, um die Worte zu finden, die ihm normalerweise fehlten? Und was war mit den mündlichen Prüfungen? Darüber hatte sich das Ministerium nicht geäußert.
Sie hatte Alexandra gar nicht erst erzählt, daß sie eine Eingabe gemacht hatte. Eine Ablehnung hätte, nach anfänglicher Hoffnung, sicherlich alles noch schlimmer gemacht. Aber am Folgetag nahm sie nach dem Unterricht Alexandra beiseite und erklärte ihr, was sie hatte erreichen können.
„Zu deinen Prüfungen nächste Woche: Das Ministerium hat dir eine Zeitverlängerung zugestanden. Du darfst eine Stunde länger schreiben als die anderen. Ich hoffe, es hilft dir.“
„Gefragt?“
„Ja.“
„Danke.“
Maria Lichtmeß fiel dieses Jahr auf einen Freitag, so daß die Klausuren am nächsten Montag begannen. Die Reihenfolge war auf Deutsch, Englisch und Mathematik festgelegt, jeweils mit einem Tag Pause dazwischen. Aus dem Aufsichtsplan konnte Karina entnehmen, daß sie in der Deutschklausur in der Parallelklasse für eine Stunde die Ablösung von Professor Gutzeit zu übernehmen hatte, weil in ihrer eigenen Klasse dafür Mathematik ausfiel. Für die Englischklausur war sie nicht eingeteilt, die Mathematikarbeit in ihrer eigenen Klasse hatte sie in voller Länge zu beaufsichtigen, bis auf eine Stunde, in der Fräulein Grünenthal sie ablösen würde. Am Schluß würde sie also auch noch eine Stunde lang nur Alexandra bewachen, oder wie auch immer man das nennen mochte.
Durch diese Regelung bekam Karina nicht mit, wie ihr Sorgenkind sich in der Deutschklausur schlug. Sie konnte sie auch nicht fragen, weil an den Tagen zwischen den Prüfungsarbeiten für die Kandidatinnen frei war. Von der Englischklausur würde sie wohl ebensowenig erfahren, oder erst, wenn die korrigierten Arbeiten im Lehrerzimmer zur Einsichtnahme durch die Klassenlehrer auslagen. Der Zeichenunterricht fiel wegen der Prüfung aus, und Karina stieg nach ihrem Schulschluß eine Stunde früher als gewohnt in die Tram.
*
Daß sie früher als sonst dran war, wurde ihr eigentlich erst bewußt, als die Bahn an St. Katharinen vorbeifuhr. Der Kirchturm hatte eine Uhr, und Karina wurde erst jetzt klar, daß sie offenbar jeden Tag im Vorbeifahren dorthin sah. Viertel eins erst? Ach ja, sie war ja früher gegangen.
Die Tram hielt. Burgweilerstraße. Noch fünf Stationen. Karina versank in Gedanken. Alexandra brütete jetzt also über ihrer Englischklausur. Nominell bis zwanzig über zwölf, und dann noch einmal 60 Minuten Verlängerung. Der Kollege Krüger, der sie in der Zeit zu beaufsichtigen hatte, hatte sich im Lehrerzimmer recht mißmutig und zersetzend dazu geäußert, und Karina hatte geflissentlich so getan, als habe sie das nicht gehört.
Als der Wagen wieder anfuhr, bemerkte sie aus dem Augenwinkel etwas auffallend weißes neben sich. Draußen. Sie hob den Kopf und blickte durch die Scheibe. Nein, dachte sie, das glaube ich jetzt nicht. Dort trabte ein Einhorn neben der Bahn her. Es wandte den Kopf und blickte ihr direkt in die Augen.
Hilf uns, Karina, wir brauchen dich.
Sie glaubte sich dunkel zu erinnern, daß jemand zu ihr gesagt hatte, Einhörner könnten sprechen. Dieses hier sprach. Irgendwie. Durch die Scheibe hindurch direkt in ihren Kopf. Gut, dachte Karina, ich bin verrückt, jetzt kommt es nicht mehr darauf an.
„Wie kann ich helfen?“ Sie flüsterte und hoffte, daß von den anderen Fahrgästen niemand etwas mitbekam.
Geh auf die Plattform und steig auf mich auf. Ich bringe dich hin.
Wie sie das machen sollte, ohne erstens Aufsehen zu erregen und zweitens nicht bei der akrobatischen Übung von der Plattform zu stürzen und sich alle Knochen zu brechen, blieb ihr unklar.
Hurricane, fiel ihr ein. Das Einhorn hieß Hurricane. Und jetzt sagte es: Keine Sorge, niemand sieht ein Einhorn. Wenn du Alexandra helfen willst, vertrau mir und komm.
Zwei Frauen mit Einkaufskörben unterhielten sich. Ein Mann mit Brille und hoher Stirn studierte eine Zeitung. Karina erhob sich vorsichtig und musterte die Mitreisenden, aber niemand nahm von ihr Notiz. Auf der einen Plattform stand der Schaffner. Also ging sie sicherheitshalber zur anderen, wobei sie dennoch damit rechnete, daß er im nächsten Moment so etwas wie ‚He, Sie, sind Sie verrückt geworden?’ brüllen würde. Und sie würde ihm vermutlich zustimmen müssen. Aber nichts dergleichen geschah. Hurricane hielt sich dicht neben der Plattform. Sie brauchte nur in seine Mähne zu fassen, ein Bein über seinen Rücken zu werfen und sich hinüberzuziehen. Einmal, vor langer Zeit, hatte sie so eine Nummer im Zirkus gesehen. Mit zwei Pferden, nicht mit einer Tram.
Und dann saß sie auf Hurricanes Rücken und wußte nicht mehr, wie sie dorthin gekommen war. Die Tram blieb zurück, das Tier schlug einen gestreckten Galopp an und hatte gefühlt innerhalb von einer Minute die vertraute Umgebung der Stadt verlassen. „Wohin geht es?“
Nach Süden. Nur noch einen Augenblick.
Es war wirklich nur ein Augenblick. Die Umgebung kam Karina vage bekannt vor. Eine Welt mit verzerrten Dimensionen, eine mediterrane Landschaft. Wir sind da, sagte Hurricane, du kannst absteigen.
Dann stand sie in einem Säulengang aus schlanken Pfeilern mit kelchartigem Kapitell; korinthischer Stil, soweit sie wußte. Die Gestalt, die ihr entgegenkam, erkannte sie sofort. Alexandra. Die andere Alexandra. Die schöne Alexandra. In weißem Kleid und mit Stola. „Danke, daß du kommen konntest.“
„Alexandra! Du müßtest jetzt in der Englischklausur sitzen!“
„Ich sitze in der Englischklausur. Deswegen brauche ich dich. Ich habe meine Arbeit fertig, aber ich muß sie aufschreiben. Ich muß diese ganze vieldimensionale Welt in einen eindimensionalen Tintenstrich pressen, verstehst du? Das kann ich nicht.“
„Aber was kann ich dabei tun?“
„Ich zeige dir meine Arbeit. Du mußt sie nur für mich in Buchstaben fassen. Denk sie einfach in die Luft, ich kann sie lesen.“
„Wäre das nicht Betrug?“
„War es Betrug, als der blinde Homer seine Werke einem Schreiber diktierte? Waren sie nicht trotzdem von ihm?“
Karina seufzte. „Also gut. Zeig mir deine Arbeit.“

„Die Aufgabe war, ein Gedicht nach Edward Fitzgerald zu interpretieren.“
„Ich kenne nicht einmal den Autor“, gestand Karina.
„Mußt du ja auch nicht. Es ist meine Klausur, nicht deine. Das Gedicht lautet:
The Moving Finger writes, and, having writ
Moves on: Nor all thy Piety nor Wit
Shall lure it back to cancel half a Line,
Nor all thy Tears wash out a Word of it.“
(frei übersetzt:
Die Hand der Zeit, sie schreibt und gleitet fort
Und keine List lockt sie, die flieht in Eile,
Zurück, zu löschen auch nur eine Zeile,
Und alle Tränen waschen aus kein Wort.)
„Und deine Interpretation?“
Karina war sich nicht sicher, ob Alexandra das, was nun kam, wirklich erzählte. Sie hätte nicht einmal sicher sagen können, ob es deutsch oder englisch war, was da über sie hereinbrach. Es fühlte sich an, als ob eine Wagenladung von Informationen direkt in ihren Kopf gegossen wurde. Karina taumelte und mußte sich auf eine Mauerkante setzen.
It was not mentioned in the task, but the poem was originally not written by Fitzgerald. He lived in the 19th century, and it has only been translated by him. The original is much older and is written in Farsi; it comes from the Persian astronomer and poet Omar Khayyam and is part of a poetry collection called ‚Rubáiyát’, which means quatrain. It probably goes back to the legend in the biblical book of Daniel, where in Belshazzar, the son of Nebuchadnezzar, desecrates the sacred vessels stolen from the temple in Jerusalem, by drinking from them with his guests. Then God’s finger writes words on the wall in the banquet hall that nobody can interpret. Daniel is called and declares that there is written ‚mene mene tekel u-parsin’, which means ‚counted, weighed and divided’. The following night, Belshazzar was assassinated, his empire disintegrated and was divided among the Medes and Persians. Since Omar Khayyam was a Persian, this legend was probably known to him, and he referred to it. Although it is unclear in detail what exactly he wanted to express with the poem. In any case, the writing finger is a symbol of something abstract, such as the passage of time, which cannot be turned back. Perhaps the inevitability of fate is meant that cannot be influenced. This fits in with the image of God who has judged Belshazzar, possibly without any other chance. The second book of Moses also speaks of God hardening the heart of Pharaoh, so that he did not release the Israelites from Egypt because God had decided to make an example of him. The Islamic image of the Kismet, the unalterable destiny assigned to a human being, is also included here; or the finality of one’s own actions, which cannot be revoked or erased by prayer and tears. To the culture of the Jews, which Daniel belonged to, would also fit the image of the angel, who stands next to a human being and writes down all his deeds in a book, on the basis of which the verdict on this person is spoken on the Last Day. None of it can be erased. A picture, which also occurs in Islam, however, Omar Khayyam was probably a parse, that means a follower of Zoroaster. As a scholar who lived around the year 1100, he may well have known both the Jewish and the Muslim tradition. The difference between the two possible interpretations, whether the writing finger prescribes the event fatefully or co-writes it in a documentary, remains unobservable to a human observer, since there is only one moment between the two points of view, which the finger leads or travels. For myself, I take the lesson from the poem of considering every action beforehand, if perhaps I could later repent; although, of course, there are always events that I cannot influence at will.*
(*Es wurde in der Aufgabe nicht erwähnt, aber das Gedicht stammte ursprünglich nicht von Fitzgerald. Er lebte im 19. Jahrhundert und hat es lediglich übersetzt. Das Original ist viel älter und auf Farsi verfaßt; es stammt vom persischen Astronomen und Dichter Omar Khayyam und ist Teil einer Gedichtsammlung namens ‚Rubáiyát’, was Vierzeiler bedeutet. Es geht vermutlich auf die Legende im biblischen Buch Daniel zurück, wo Belsazar, der Sohn Nebukadnezars, die aus dem Tempel in Jerusalem gestohlenen heiligen Gefäße entweiht, indem er mit seinen Gästen daraus trinkt. Dann schreibt Gottes Finger Worte an die Wand im Bankettsaal, die niemand deuten kann. Daniel wird gerufen und erklärt, daß dort geschrieben stehe ‚mene mene tekel u-parsin’, was ‚gezählt, gewogen und geteilt’ bedeutet. In der folgenden Nacht wurde Belsazar ermordet, sein Reich zerfiel und wurde unter den Medern und Persern aufgeteilt. Da Omar Chayyam ein Perser war, war ihm diese Legende vermutlich bekannt, und er bezog sich darauf. Allerdings ist unklar, was genau er mit dem Gedicht ausdrücken wollte. Der schreibende Finger ist jedenfalls ein Symbol für etwas Abstraktes, wie den Lauf der Zeit, der nicht zurückgedreht werden kann. Vielleicht ist die Unausweichlichkeit des Schicksals gemeint, die nicht beeinflusst werden kann. Dies paßt zum Bild Gottes, der Belsazar gerichtet hat, möglicherweise ohne jede andere Chance. Auch das zweite Buch Mose spricht davon, daß Gott das Herz des Pharaos verhärtete, sodaß er die Israeliten nicht aus Ägypten befreite, weil Gott beschlossen hatte, an ihm ein Exempel zu statuieren. Auch das islamische Bild des Kismet, des dem Menschen zugewiesenen unabänderlichen Schicksals, ist hier enthalten; oder die Endgültigkeit des eigenen Handelns, die weder durch Gebet noch durch Tränen widerrufen noch ausgelöscht werden kann. Zur Kultur der Juden, denen Daniel angehörte, paßte auch das Bild des Engels, der neben einem Menschen steht und all seine Taten in ein Buch schreibt, auf dessen Grundlage am Jüngsten Tag das Urteil über ihn gefällt wird. Nichts davon kann ausgelöscht werden. Ein Bild, das auch im Islam vorkommt; Omar Chayyam war jedoch vermutlich ein Parse, also ein Anhänger Zoroasters. Als Gelehrter, der um das Jahr 1100 lebte, dürfte er sowohl die jüdische als auch die muslimische Tradition gekannt haben. Der Unterschied zwischen den beiden möglichen Interpretationen, ob der schreibende Finger das Geschehen schicksalhaft vorschreibt oder dokumentarisch mitschreibt, bleibt einem menschlichen Beobachter verborgen, da zwischen den beiden Sichtweisen nur der Augenblick liegt, um den der Finger führt oder nachzeichnet. Ich persönlich lerne aus dem Gedicht, jede Handlung vorher zu bedenken, die ich später vielleicht bereuen könnte; obwohl es natürlich immer Ereignisse gibt, die ich nicht willentlich beeinflussen kann.)
Karina, erschlagen von diesem Schwall an Informationen, von denen sie, abgesehen vielleicht von der Belsazar-Legende, nie etwas gehört hatte, schluckte trocken. „Und das soll ich…?“
„Jetzt weißt du, was ich zu diesem Gedicht zu sagen habe. Mach mir einfach einen aufschreibbaren Text daraus, ja?“
„Das schaffe ich nie. Deine Arbeitszeit beträgt inzwischen weniger als eine Stunde.“
„Hast du vergessen, daß die Zeit hier anders abläuft als – da drüben? Wir haben alle Zeit der Welt. Du wirst nicht einmal deine Station verpassen, an der du aus der Tram steigen mußt.“
„Na gut. Ich habe zwar das Gefühl, daß ich die Prüfungsvorschriften damit irgendwie unterlaufe, aber ich mach’s.“
„Danke.“
*
Als Karina ausstieg, verfolgte sie das Gefühl, einen merkwürdigen Traum erlebt zu haben, in dem sie in einem Säulengang in einer sonnigen mediterranen Landschaft einem philosophischen Disput gelauscht hatte. Der trübe, nasse und kalte Nachmittag wollte absolut nicht dazu passen. Immer noch nachdenklich, betrat sie das Haus, wo sie allerdings sehr abrupt aus ihrer Stimmung gerissen wurde. „Karina, dr Briefbote het an Depeschn fer di abgliefert, i hab an Unterschrift leistn missn, total amtlich.“
„Dann red nicht herum, sondern gib her.“
Sie stellte ihre Tasche ab und riß das Kuvert auf. Vorladung von der Staatsanwaltschaft, las sie. Nach dem ersten Schrecken, der mit so einem Absender auch oder gerade bei einem unbescholtenen Menschen verbunden ist, begriff sie, daß sie für morgen zu einer Gegenüberstellung geladen war, um einen mutmaßlichen Straftäter zu identifizieren. Hieß das etwa, daß Krohnstieg verhaftet worden war? Es ging aus dem Schreiben nicht eindeutig hervor, aber ein anderer Grund fiel ihr nicht ein.
„Und?“, fragte Sebastian.
„Ich soll einen Täter identifizieren. Morgen nachmittag auf dem Polizeipräsidium.“
„Hams dera Lumpn endlich derwischt!“, triumphierte ihr Bruder.
„Ja, das vermute ich. Also werde ich zur Sicherheit gleich für zwei Tage Unterricht vorbereiten; wer weiß, ob ich morgen dazu komme. Ich werde von der Schule direkt dorthin fahren müssen.“
„Wegn meiner tritt em glei noch in’n Arsch, wanns’d em siechst.“
„Kannst ja mitkommen und das selbst erledigen. Aber ich glaube, Inspektor Ziegler wird das nicht zulassen.“
„Jaja, der Inspekter. Wanns’d mi fragst, der hat sich in di verguckt, so wi er di allweil mit seine Dackelaugen aschaut.“
„Unsinn.“
Sebastian hob abwehrend die Hände. „I sag ja nix, i meint man bloß.“
In der kommenden Nacht schlief Karina sehr unruhig, aber an einen konkreten Traum konnte sie sich am Morgen nicht erinnern. Ziegler und Krohnstieg schienen darin aber eine Rolle gespielt zu haben. Den Unterricht absolvierte sie routinemäßig, zumal ihre Zehnte ja wieder frei hatte, um Atem zu schöpfen für die Mathematikklausur am Freitag. Im Lehrerzimmer wurde sie vom Kollegen Krüger angesprochen, der am Vortag die letzte Aufsicht in der Englischklausur gehabt hatte.
„Ihre Alexandra Jarowicz ist ja ein merkwürdiger Fall. Sie saß vor einem leeren Blatt, als ich hereinkam. Ich dachte, jetzt hat sie vier Stunden das Papier angestarrt, warum muss ich ihr jetzt noch eine weitere Stunde dabei zusehen? Und dann begann sie plötzlich wie eine Besessene zu schreiben und füllte mehrere Seiten innerhalb einer halben Stunde. So etwas habe ich noch nicht erlebt.“
Karina mußte zugeben, daß sie so etwas auch noch nicht erlebt hatte. Aber so gesehen war die Zeitverlängerung, die das Ministerium ihr zugestanden hatte, wohl doch eine gute Idee gewesen, wenn sie in dieser Stunde das zu Papier hatte bringen können, mit dem sie die Stunden davor gerungen hatte. Hoffentlich klappte das in Mathematik noch einmal.
Die Elektrische brachte sie am frühen Nachmittag zum Präsidium. In der Wachstube legte sie ihre Vorladung vor. Inspektor Ziegler war nicht da, aber sein Kollege erklärte ihr, wo sie sich zu melden habe. So tief war sie bislang noch nie in das Gebäude vorgedrungen. Eine steinerne Treppe führte in den zweiten Stock, sie studierte die Zimmernummern und klopfte schließlich an Nummer 208. „Herein.“
Drinnen warteten ein Justizwachtmeister und Inspektor Ziegler.
„Fräulich Schuchert. Schön, daß sie kommen konnten.“
Sie wedelte mit ihrem amtlichen Schreiben. „Diese Einladung ließ mir wohl keine Wahl.“
Ziegler grinste. „Ja, manchmal machen wir es gern etwas förmlich. Das kommt beim Klientel besser an. Sie können es sich natürlich denken…?“
„Sie haben Krohnstieg verhaftet.“
„Zumindest den, den wir dafür halten. Der Hinweis auf die Nessauer Heide war dabei sehr hilfreich.“ Er senkte die Stimme, damit der Justizwachtmeister ihn nicht verstehen konnte. „Ich habe übrigens auch nach diesem Schmied forschen lassen“, flüsterte er, „aber das lief ins Leere. Wir haben uns bei den Leuten dort erkundigt, aber es gibt keine Schmiede. Es gibt nur ein verfallenes Gebäude, in dem einmal eine Schmiede gewesen sein soll.“
Karina nickte nachdenklich. „Haben Sie auch die beiden anderen Damen eingeladen?“
„Haben wir. Allerdings kam der eine Brief als unzustellbar zurück. Sie scheint mit unbekanntem Ziel verzogen zu sein.“ Karina kam der Gedanke, daß das mit der Enttäuschung, die jene Frau womöglich erlebt hatte, zusammenhängen konnte. Vielleicht wollte sie woanders neu beginnen.
„So, dann kommen Sie mal mit. Zur Vorgehensweise: Sie werden durch ein Fenster in einen Raum sehen, in dem wir den Verdächtigen und vier weitere Herren aufgestellt haben. Keine Sorge, die Männer können Sie nicht sehen. Sie sagen uns, ob einer davon Ihr falscher Ingenieur ist. Und wenn ja, welcher.“
„Es ist nicht mein falscher Ingenieur“, meinte sie betonen zu müssen. Sie fühlte sich sehr unwohl. The moving Finger writes … wo hatte sie das einmal gehört? Sie würde jetzt über das Schicksal eines Menschen bestimmen. Eines Menschen immerhin, der Mutters Schmuck gestohlen hatte. Hatte er wirklich? Aber das war Sache des Gerichtes, nicht die ihre. Außerdem war da ja noch das andere Fräulein, das auch durch das Fenster sehen würde. Sie trug die Verantwortung also nicht allein.
Ziegler und der andere Beamte verließen mit ihr das Amtszimmer, führten sie wieder einen langen Flur entlang, dann über eine weitere Treppe, diesmal knarrendes und nach Bohnerwachs duftendes Holz, wieder ins Erdgeschoß; offenbar am anderen Ende des Gebäudes. „Hier, bitte.“ Der Beamte öffnete die Tür zu einem abgedunkelten Raum. Er ließ sie und den Inspektor eintreten und ließ sie dann allein.
„Kommt das andere Fräulein auch?“
„Eine Stunde später. Wir vermeiden es gern, daß sich Zeugen begegnen. Wissen Sie, das ist wie im Wartezimmer eines Arztes. Wenn erst einmal alle Patienten ihre Symptome ausgetauscht haben, ist es hinterher sehr schwierig, sie wieder voneinander zu trennen“, lächelte Ziegler. Unwillkürlich mußte Karina kichern, aber dann wurde sie auch rasch wieder ernst.
Die Tür ging auf, der Beamte kam wieder herein. „Wir sind soweit.“ Damit trat er zu einem Vorhang und zog ihn beiseite. Dahinter befand sich das versprochene Fenster. Der Nebenraum war gut beleuchtet, sodaß die spiegelnde Scheibe wirklich einen Blick in diesen Raum verhindern würde. „Sehen Sie sich die Herren gut an. Ist Krohnstieg dabei?“
Ja, er war dabei. Er mußte wissen oder ahnen, daß jetzt von diesem Fenster aus ihr Blick auf ihn fiel. Was mochte er jetzt denken? Und was mochte er damals gedacht haben, als er mit Sebastian und dem Schmuck zum Juwelier Stein ging, Sebastian austrickste und sich auf und davon machte? Und noch früher, als er sie in der Tram angesprochen hatte? War das tatsächlich ein minutiös geplanter Betrug gewesen? Paßte das dazu, was sie in der Mühle erlebt hatte?
Der Vorhang wurde wieder verschlossen. „Nun?“
Sie nickte zögernd. „Der zweite von rechts.“
„Sind Sie sicher?“
„Wenn es nicht sein Zwillingsbruder ist, ist es Krohnstieg.“ Ihr kam in den Sinn, daß es – vom mathematischen wie vom psychologischen Denken her – recht wahrscheinlich war, daß ein Zeuge den Täter identifizierte, ohne ihn zu kennen. Man würde ihn, um ihn so zufällig wie möglich zu placieren, weder in die Mitte noch an den Rand stellen, denn das waren exponierte Positionen. Blieben nur die beiden links oder rechts der Mitte. Also fünfzig Prozent Chance für einen Zufallstreffer.
„Vielen Dank, Fräulein Schuchert. Sie haben uns sehr geholfen.“
„Habe ich das? Wenn nachher das andere Fräulein kommt, sollten Sie ihn an den Rand oder in die Mitte stellen. Das erhöht die Chance, daß sie ihn wirklich erkennt und nicht nur rät.“
„Haben Sie denn geraten?“, fragte Inspektor Ziegler im Hinausgehen.
„Mir ist, als hätte ich es tun sollen.“
„Haben Sie etwa Mitleid mit ihm?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist es das. Ich weiß nicht. Er war so ein liebenswürdiger Mensch.“
„Das war seine Masche.“
„Haben Sie meinen Schmuck bei ihm gefunden?“
„Leider nicht.“
„Sehen Sie. Jetzt mache ich ihn unglücklich, ohne daß ich davon glücklich werde.“
„Eine faszinierende Sichtweise.“ Ziegler musterte sie nachdenklich. „Ich glaube, Sie sind zu gut für diese Welt, Fräulein Schuchert.“
„Und das, nachdem ich ursprünglich seinen Kopf auf einem silbernen Tablett sehen wollte.“
„Es macht den Christen aus, daß er vergeben kann. Allerdings kann die Justiz nicht vergeben. Darf ich Sie noch hinaus begleiten?“
Sie nickte stumm. Als sie am Ausgang zur Verabschiedung stehen blieben, brachte Karina es über sich, die Frage zu stellen, die ihr auf dem Herzen lag. „Er ist jetzt in Untersuchungshaft, richtig?“
„Richtig.“
„Könnte ich ihn dort besuchen? Ich würde gern mit ihm sprechen. Ich würde gern seine Beweggründe erfahren.“
„Das geht natürlich nicht. Es wäre für den Verdächtigen eine Möglichkeit der Zeugenbeeinflussung, und die müssen wir ausschließen. Nur sein Anwalt darf zu ihm. Abgesehen davon, würde er Ihnen kaum die Wahrheit sagen, weil er genau weiß, daß die gegen ihn verwendet werden kann.“
„Ja, das hatte ich befürchtet.“
„Dennoch ehrt Sie das Anliegen.“ Er reichte ihr die Hand. „Wir sehen uns.“
*
Der Zweifel verfolgte Karina in den Abend und in die Nacht. Lehrte nicht das Gleichnis vom verlorenen Sohn, daß Vergebung Reue voraussetzte? Bereute Krohnstieg sein Tun? Und konnte sie das herausfinden? Konnte sie mit jemandem darüber sprechen? Sebastian würde verständnislos den Kopf schütteln. Vermutlich zu Recht. Inspektor Ziegler vielleicht. Aber auch nur in den ihm gesetzten Grenzen als Vertreter der Justiz. Und in all diese Zweifel mischte sich die Sorge um die Mathematikklausur am nächsten Morgen. Wie würde Alexandra damit zurechtkommen? Und würde sich das Wunder der Englischklausur wiederholen können?
Karina begrüßte ihre Schülerinnen. Doktor Hartriegel persönlich erschien mit dem versiegelten Umschlag des Ministeriums, öffnete ihn und ließ sich den hoheitlichen Akt per Unterschrift quittieren. Er wünschte der Klasse viel Erfolg, wobei sein Blick erkennbar lange auf Alexandra verharrte. Ob Herr Krüger ihm von seinem denkwürdigen Erlebnis in der Englischklausur berichtet hatte? Dann verabschiedete er sich und eilte mit dem zweiten Umschlag in die Parallelklasse.
„So, meine Damen. Ihr habt euer Schreibzeug bereit? Federhalter, Tinte, Bleistift, Lineal, Winkelmesser?“ Alexandra schüttete ihre Federmappe auf dem Tisch aus. Karina verzichtete auf den Hinweis, daß weder die Knöpfe noch die Haarnadeln für die Klausur hilfreich sein würden. Immerhin waren Schreibwerkzeuge vorhanden. Der Bleistift hätte es vertragen, angespitzt zu werden, aber ein Spitzer fehlte in dem Sammelsurium. Sei’s drum. Sie hatte Alexandra noch nie einen Stift anspitzen sehen. Weltliche Kleinigkeiten, weit entfernt vom Ideenhimmel Platons. Das Einhorn? Es war natürlich nicht zu sehen, aber Karina vermeinte, seine Präsenz zu spüren. Es stand zweifellos neben Alexandras Platz. Dann sind ja alle da, dachte Karina etwas sarkastisch. Sie verteilte die Aufgabenblätter und notierte an der Tafel den Abgabetermin. 12 Uhr 10. Für Alexandra: 13 Uhr 10. „Viel Erfolg!“
Da Karina nichts anderes zu tun hatte, als ihre Prüflinge zu beaufsichtigen und auf ihre Ablösung zu warten, verging die Zeit schleppend. Die Mädchen schrieben, skizzierten, zeichneten. Strichen durch. Ein Aufgabenblatt war für Karina übrig geblieben, sie betrachtete es eine Weile und befand, daß die meisten Aufgaben für ihre Mädels zu lösen sein müßten. Ziemlich geradeaus; Fallstricke hatten die Leute im Ministerium offenbar nicht eingebaut. Ein Gleichungssystem mit drei Unbekannten. Eine quadratische Funktion. Eine Dreiecksberechnung mit Sinus- und Kosinussatz. Nichts, was sie mit ihren Mädchen nicht gründlich geübt hatte. Als anspruchsvollste Aufgabe war der Arbelos des Archimedes ausgewählt worden, der war etwas trickreich zu lösen. Man mußte in geeigneter Weise Kreisberechnung, binomische Formel und Höhensatz kombinieren. Daran würden vermutlich einige scheitern.
Alexandra starrte in die Luft. Hoffentlich entwickelte sich dort, unsichtbar für alle anderen, eine geniale Konstruktion.
Nach zwei Stunden wurde Karina durch die Kollegin Grünenthal abgelöst. „Besondere Vorkommnisse?“, flüsterte diese, während sie ihre Tasche abstellte.
„Nichts. Neben Alexandra steht ein Einhorn. Bitte nicht dagegen laufen.“
Fräulein Grünenthal nickte verständnisvoll und lächelte. Fast alle Mädchen hatten ihren Glücksbringer dabei. Alexandra hatte den einzigen unsichtbaren, das hatte sich im Kollegium wohl inzwischen herumgesprochen.
Karina nickte ermutigend in die Runde. „Bis nachher, Mädels.“ Die meisten waren zu vertieft, um es überhaupt zu registrieren.
Kaum im Lehrerzimmer angekommen, nutzte Karina die Gelegenheit, die Toilette aufzusuchen. Dann setzte sie sich auf ihren Platz, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, das Kinn in die Hände, und sah aus dem Fenster. Ein Schneeschauer fiel und verwischte das Bild des Schulhofes zu verschwommenen Schemen. Hoffentlich hatte nachher die Tram nicht allzuviel Verspätung.
Ein Umriß schälte sich aus den wirbelnden Flocken und näherte sich dem Fenster. Wie kam es, daß sie es beinahe erwartete hatte? Das Einhorn blickte sie an.
Karina? Wir brauchen dich noch einmal.
„Ich hole meinen Mantel.“
Karina stand auf, ging zur Garderobe, ergriff ihren Mantel und verließ das Lehrerzimmer. Auf dem Schulhof wirkte der Neuschnee wie Puderzucker. Dort stand Hurricane. Das Tier schüttelte den Schnee aus seiner Felldecke und ließ Karina aufsteigen.
Danke, daß du gekommen bist.
„Hatte ich überhaupt eine Wahl?“
Du hast immer eine Wahl. Selbst wenn du am Abgrund stehst, kannst du springen oder umkehren.
„Wie kommt es, daß ich mich jedesmal fürs Springen entscheide?“
Hurricane blieb ihr die Antwort schuldig. Es waren nur wenige Minuten des Wegs, dann hatten sie den sonnendurchfluteten Säulengang erreicht. Die Landschaft lag in der heißen Mittagssonne, in den Fugen des Pflasters sproß grünes Gras. „Wo sind wir hier eigentlich?“
„In Athen. In der Wandelhalle der peripatetischen Schule des Aristoteles“, sagte Alexandra.
„Ein angemessener Ort“, gab Karina zu.
„Nicht wahr?“
„Und nun soll ich deine Mathematikaufgaben lösen?“
„Nicht lösen. Gelöst habe ich sie selbst. Du sollst mir nur helfen, sie aufzuschreiben.“
„Du verlangst eine Menge von mir. Mehr als vorgestern in deiner Englischarbeit. Diesmal bin ich diejenige, die das korrigieren muß, was du aufschreibst. Das bringt mich in einen Konflikt.“
„Wenn ich jetzt Fehler mache, brauchst du sie nicht zu korrigieren. Laß sie einfach stehen und streich sie nachher rot an. Ich möchte keine bevorzugte Behandlung.“
„Hättest du nicht jemand anderen ins Vertrauen ziehen können? Deine Freundin Julia zum Beispiel?“
„Denk logisch, Karina. Julia sitzt in der gleichen Klausur mit den gleichen Aufgaben. Sie würde dann meine Lösungen kennen. Wäre das nicht Betrug?“
Karina seufzte. „Vermutlich wäre es das. Jedenfalls etwas mehr als das, was wir beide hier machen. Also, zeig mir deine Lösungen.“
Alexandra dachte Aufgabe eins in die Luft. Karina erkannte etwas, das in Alexandras Welt wohl die Determinanten repräsentierte. Sie rechnete offenbar mit der Sarrus-Regel. „Schreib Dx und Dy und Dz davor.“
Alexandra ergänzte das Bild auf dem Blau des Himmels mit den Buchstaben. „Muß ich die ganze Rechnung auch hinschreiben? Das ist so irdisch. Das ödet mich so an. Ich rechne im Kopf.“
„Laß sie weg. Ich glaube dir, daß du es im Kopf kannst. Aber vor die Ergebnisse schreib wenigstens Dx/D und Dy/D und Dz/D.“ Alexandra rückte ihre Luftskizze zurecht und schob die Bezeichnungen zwischen die Zahlen.
„Also so?“
„Ja. Das kann man als Lösungsweg durchgehen lassen.“
„Gut. Dann jetzt den Arbelos. Wußtest du, daß das griechisch für Schustermesser ist?“
„Ja, ich glaube, ich habe es mal gehört.“
„Fein.“ Alexandras Konstruktion entwickelte sich rasend schnell, enthielt aber ihre üblichen chinesischen Schriftzeichen als Bezeichnungen.

„Können wir das da durch p und das da durch q ersetzen?“ Karina bemerkte überrascht, daß sie jetzt selbst von ‚das da’ und ‚das da’ sprach. Wer so in Bildern dachte, konnte vermutlich gar nicht anders.
„Wenn du willst.“ Die Halbkreise klappten um, ihre Durchmesser bildeten Seiten eines Rechtecks. Höhensatz, Flächenformel. Farbige Gebiete rutschten über den blauen Himmel, ordneten sich neu, ergaben Rechtecke und Quadrate, vereinigten sich zur binomischen Formel. „Dies subtrahieren, dann fällt das da weg. Das Höhenquadrat bleibt übrig.“ Die bezeichneten ‚dies’ und ‚das da’ schienen farbig aufzuleuchten. „Ein Viertel davon mal pi, fertig“, schloß Alexandra.
Karina bemühte sich, mit ihren Formelbuchstaben Schritt zu halten mit dieser atemberaubend schnellen Herleitung. „So kannst du es aufschreiben.“ Sie meinte, aus der Welt da drüben das Echo einer über das Papier kratzenden Feder zu vernehmen.
Es folgte die Dreiecksberechnung. Für Karina übersetzte Alexandra ihre unlesbaren Symbole wieder in Farben, aus denen Karina dann Buchstaben machte.
Bei der quadratischen Funktion lief es ebenso. Karina bemühte sich lediglich, die Lösungen nicht mitzurechnen, sondern nur zu protokollieren. The moving Finger writes. Diesmal war sie der Engel, der Buch führte, um in dem Bild des Gedichtes von neulich zu bleiben.
Ein Sklave, erkennbar an den geschorenen Haaren und dem kurzen Gewand, näherte sich der Wandelhalle und blieb abwartend stehen. „Was gibt es, Simmias?“, fragte Alexandra.
Jener verneigte sich. „Man schickt mich nach der Herrin, die bei Euch zu Gast ist. Sie wird in ihrer Schule benötigt.“
Karina begriff, daß sie gemeint war. „Ich hatte gehofft, wir hätten mehr Zeit.“
„Mehr brauchen wir nicht. Das wichtigste haben wir; was fehlt, das fehlt eben. Also geh nur. Und vielen Dank für deine Hilfe.“
Simmias war ganz augenscheinlich nicht erstaunt über das Einhorn, das jetzt plötzlich wieder da war. Hurricane ging unaufgefordert in die Knie; Karina schwang sich auf dessen Rücken, verließ mit ihm das sonnige Athen vor gut zweitausend Jahren und kehrte zurück in den Winter der Gegenwart.
Ich komme mir allmählich vor wie eine Mietdroschke, beschwerte sich das Einhorn. Wir sollten mal was spannenderes machen.
Karina hängte ihren Mantel in die Garderobe. Wozu hatte sie den eigentlich mitgenommen? Es war warm gewesen in dem Peripatos. Aber merkwürdigerweise hatte sie auch nicht geschwitzt. Sie betrat das Lehrerzimmer und blickte auf die Wanduhr. In fünf Minuten mußte sie Fräulein Grünenthal wieder ablösen. Habe ich tatsächlich so lange auf dem Klo gesessen? wunderte sie sich.
Als sie in ihre Klausuraufsicht zurückkehrte, hatte Alexandra tatsächlich angefangen, ihre Schreibbogen mit einer Rechnung zu füllen. Karina getraute sich nicht, näher heranzutreten, weil sie befürchtete, dabei den Zauber zu zerstören, der dafür sorgte, daß das Mädchen tatsächlich etwas aufschrieb. Außerdem stand da ja ein Einhorn davor. Von weitem sah es jedenfalls aus wie Determinanten. Sie gestattete sich ein vorsichtiges Aufatmen.
Von der ihr zugestandenen Zeitverlängerung benötigte Alexandra diesmal nur noch zwanzig Minuten, dann gab sie ihre Arbeit ab. „Danke“, sagte sie.
„Wofür?“
Das Mädchen winkte ab. „Ach, nichts.“ Sie klaubte ihre Schreibgeräte, die Knöpfe und die Haarnadeln zusammen und stopfte alles in die Federmappe.
„Nun, dann bis Montag.“ Tatsächlich war für die Zehnten am Samstag noch einmal unterrichtsfrei, damit sie sich von den Klausuren erholen konnten. Das kam nicht vom Ministerium, das hatte Doktor Hartriegel von sich aus angeordnet. Durfte er das überhaupt, bei all den Vorschriften, an denen er klebte? Aber das war seine Sache. Für Karina änderte es nichts bis auf eine einzige Freistunde.
Alexandra schüttelte den Kopf. „Heute. Abend.“
Karina sah ihr verwundert nach. Wieso heute abend?
*
Sebastian hatte einen ziemlich vorhersagbaren Tagesablauf. Nach dem Essen studierte er noch die Zeitung, dann legte er sich hin. Karina war, nachdem sie das Geschirr gespült hatte, nach oben gestiegen. Wenn sie die Schritte aus dem Geschoß darunter richtig gedeutet hatte, war ihr Bruder jetzt zu Bett gegangen.
Alexandras Worte ‚heute abend’ hafteten ihr noch im Gedächtnis. Jetzt war es heute abend, und sie ertappte sich mehrmals dabei, daß sie aus dem Fenster sah, ob womöglich das Mädchen … aber das war absurd. Der Hof war dunkel, es war ohnehin nichts zu erkennen. Die Uhr schlug halb zehn. Vermutlich schlief sie ebenfalls längst. Karina drehte das Gaslicht herunter und schickte sich an, gleichfalls ins Bett zu gehen. Unwillkürlich warf sie noch einen Blick nach draußen.
Aus dem verdunkelten Zimmer heraus konnte sie einen Lichtstreifen von einer entfernten Straßenlaterne auf den Hof fallen sehen. Der Lichtstreifen wurde kurz unterbrochen, dann war er wieder da. Hatte jemand den Hof betreten? Einbrecher? Das Haus lag jetzt unbeleuchtet da und mochte finsteren Gestalten als Einladung erscheinen. Aber was gab es hier schon zu holen? Sie waren all die Jahre von Einbrüchen verschont geblieben, selbst als noch Mutters Schmuck ein lohnendes Ziel geboten hätte, der jetzt, abgesehen von einer Perlenkette und einer Brosche…
Die Brosche brachte Karina wieder auf Alexandra. Wie sie dazu gekommen war, hatte sich nie wirklich herausfinden lassen. Selbst Inspektor Ziegler hatte nichts weiter herausbekommen, und er hatte es auf sich beruhen lassen, nachdem diese Sache ihn endlich auf eine heiße Spur zu Krohnstieg geführt hatte. Krohnstieg. Krohnstieg saß jetzt im Gefängnis. Und sie würde ihn wegen dieser üblen Geschichte gern zur Rede stellen. Ob er verurteilt wurde, war zweitrangig; aber menschlich wollte sie mit ihm ins Reine kommen.
Unten klopfte jemand an die Haustür. Sie zuckte zusammen, aber dann überlegte sie sich, daß Einbrecher nicht anklopften. Oder vielleicht doch? Um sicherzustellen, daß niemand da war oder alle schliefen? Jedenfalls war sie froh, daß sie sich noch nicht ausgezogen hatte; im Nachtgewand hätte sie sich um Größenordnungen hilfloser gefühlt.
Sie entzündete ein Licht und stieg die Treppe hinunter. Sebastian schlief tief und fest, sie hörte ihn schnarchen. Dann trat sie an die Tür heran. „Wer ist da?“
„Na, wer? Alexandra natürlich. Ich hatte dir doch gesagt, daß wir uns heute abend noch sehen. Schon vergessen?“
„Nein.“ Sie sperrte die Tür auf und öffnete sie. Draußen stand das Mädchen, hinter ihm zwei Einhörner. Sie seufzte. „Vermutlich haben wir eine Expedition vor, von der ich mal wieder nichts weiß.“
„Oh, du weißt sehr genau, wohin es geht. Wolltest du nicht Seine gräfliche Hoheit im Gefängnis aufsuchen?“
„Und das wäre jetzt?“
„Das wäre jetzt“, bestätigte Alexandra. Karina fiel auf, daß das Mädchen diesmal nicht sein weißes Kleid trug, mit dem es sonst in dieser Welt immer auftrat. Es war vielmehr ein nachtschwarzes Cape, das sie vorhin aus dem Fenster auf keinen Fall hatte erkennen können. Sie schien Karinas Gedanken zu erraten und zupfte an dem Stoff. „Wir haben keine Besuchserlaubnis. Wir werden also heimlich vorgehen müssen.“
„Na bravo.“
Alexandra grinste. „Tu nicht so überrascht. Das wußtest du. Du hast ja auch schon ein schwarzes Kleid an.“
„Wie du vielleicht weißt, trage ich das in der Schule immer.“
„Du hattest es aber schon in den Schrank gehängt.“
Tatsächlich. Um das Dienstkleid zu schonen, zog sie es daheim aus und eine Kittelschürze an. Daß sie jetzt das schwarze Kleid trug, konnte sie sich nicht erklären. Und daß Alexandra ihre Gewohnheiten so genau kannte, auch nicht.
Ich habe es ihr gesagt, mischte sich Hurricane ein. Entschuldigung.
„Und woher…?“ Ach so. Einhörner konnten ja Gedanken lesen.
Stimmt. He, ich mache das nicht etwa aus Neugierde.
„Inzwischen ist es mir egal“, erkannte Karina. „Also laß uns aufbrechen, in Gottes Namen.“ Und wieder stehe ich am Abgrund, und wieder entscheide ich mich fürs Springen, dachte sie sarkastisch. Hurricane wieherte. Es klang wie ein Lachen.
„Deine Waffen“, erinnerte Alexandra sie.
Waffen? Erst jetzt fiel ihr auf, daß das Mädchen den Waffengürtel mit dem Schwert trug. Hatte sie den vorhin auch schon gehabt? Vermutlich hatte das Cape ihn verdeckt. Neben der Haustür lag jedenfalls Karinas Ausrüstung. Sie legte sie an. „Heute gar keinen Schild?“, fiel ihr auf.
„Den brauchen wir nicht. Der wäre heute nur hinderlich.“
Alexandra stieg auf ihr Einhorn. Karina schwang sich auf Hurricane, ohne sich etwas dabei zu denken; in dieser Welt erschien es ihr wie selbstverständlich. Hintereinander ritten sie durch das Tor hinaus.